Kitabı oku: «Sklavin und Königin»

Band 5
Sklavin und
Königin
von Alexander Röder, Karl-Ulrich Burgdorf, Friedhelm Schneidewind und Jacqueline Montemurri
mit einem Prolog von Thomas Le Blanc und einem Epilog von Tanja Kinkel
KARL-MAY-VERLAG
BAMBERG • RADEBEUL
Herausgegeben von
Thomas Le Blanc und Bernhard Schmid
In der Reihe „Karl Mays Magischer Orient“ sind bisher erschienen:
Band 1 – Alexander Röder Im Banne des Mächtigen
Band 2 – Alexander Röder Der Fluch des Skipetaren
Band 3 – Alexander Röder Der Sturz des Verschwörers
Band 4 – Alexander Röder Die Berge der Rache
Band 5 – Alexander Röder u. a. Sklavin und Königin
Thomas Le Blanc (Hrsg.) Auf phantastischen Pfaden Eine Anthologie mit den Figuren Karl Mays
Weitere Informationen zur Reihe „Karl Mays Magischer Orient“
finden Sie im Internet auf www.magischer-orient.karl-may.de
© 2018 Karl-May-Verlag, Bamberg
Alle Urheber- und Verlagsrechte vorbehalten
Illustration: Elif Siebenpfeiffer
Umschlaggestaltung: Petry & Schwamb, Freiburg
eISBN 978-3-7802-1405-8
www.karl-may.de
Inhalt
Prolog Eine Befreiung
Episode 1 An der Piratenküste
Erstes Kapitel Von Kairo in die Wüste
Zweites Kapitel Ahlan sadiki, Halef!
Drittes Kapitel Schurken und Schmuck
Viertes Kapitel Eine Karawane
Fünftes Kapitel In Dauha
Sechstes Kapitel Der Kapitän
Siebtes Kapitel Perlenhändler
Achtes Kapitel Ein Sklavenmarkt
Neuntes Kapitel Schwert und Peitsche
Zehntes Kapitel Freiheit oder Tod
Episode 2 Die Wüste des Todes
Elftes Kapitel Ali
Zwölftes Kapitel Der Stab der Macht
Dreizehntes Kapitel Nacht über der Wüste
Vierzehntes Kapitel Die Geisterkarawane
Fünfzehntes Kapitel Ein Hinterhalt
Sechzehntes Kapitel Ein Wiedersehen mit einem alten Feind
Siebzehntes Kapitel Der Stich des Skorpions
Achzehntes Kapitel Bitteres Wasser
Neunzehntes Kapitel Fieberträume
Zwanzigstes Kapitel Der Kuss der Schlange
Einundzwanzigstes Kapitel Die sieben Skelette
Zweiundzwanzigstes Kapitel Die Fahrt auf dem Totenschiff
Episode 3 Die Gelehrten von Hadramaut
Dreiundzwanzigstes Kapitel Ein wundersamer Empfang
Vierundzwanzigstes Kapitel Die Halle der Weisheit
Fünfundzwanzigstes Kapitel Bücher, Rollen, Pergamente
Sechsundzwanzigstes Kapitel Feuer und Schwert
Siebenundzwanzigstes Kapitel Tod und Wahnsinn
Achtundzwanzigstes Kapitel Ein magischer Zweikampf
Neunundzwanzigstes Kapitel Marijkes Musik
Dreißigstes Kapitel Eine mysteriöse Einladung
Einunddreißigstes Kapitel Durch Sand und Wüste
Episode 4 Die Königin von Saba
Zweiunddreißigstes Kapitel Das geheimnisvolle Tal
Dreiunddreißigstes Kapitel Die Königin von Saba
Vierunddreißigstes Kapitel Fremde Mauern
Fünfunddreißigstes Kapitel Abendrot über Saba
Sechsunddreißigstes Kapitel Verlockung
Siebenunddreißigstes Kapitel Offenbarung
Achtunddreißigstes Kapitel Im Sog der Königin
Neununddreißigstes Kapitel Entscheidung
Vierzigstes Kapitel Flucht
Einundvierzigstes Kapitel Nach Norden
Epilog Ein gesiegelter Brief
Über die Autoren
Thomas Le Blanc
Prolog
Ich war erschöpft wie schon lange nicht mehr. Ich spürte, dass ich zur Bewahrung meiner inneren Kraft dringend eine längere Ruhepause benötigte, in der ich nicht ständig auf mögliche neue Gefahren zu achten hatte oder gegen böse Menschen ankämpfen musste. Mein Kopf fühlte sich leer an, meine Gedanken schweiften ständig ab, und ich tat mich schwer, mich zu konzentrieren. Meine Glieder waren schwer wie Blei, ich hing mehr auf meinem Pferd, als dass ich aufrecht saß, und ich spürte, dass ich beim Reiten einzunicken drohte. Glücklicherweise war Rih ein derart kluges Tier, dass er selber seinen Weg fand, indem er einfach Halef und dessen Pferd folgte und mich sicher durch die Berge Adschariens trug.
Hinter mir lag ein monatelanges Abenteuer, das auf dem Basar in Basra begonnen und uns in die Al-Badiya-Wüste geführt hatte, in die Dschesireh zu den Haddedihn, dann nach Istanbul, einmal quer durch den südlichen Balkan von Ost nach West bis ins österreichische Dalmatien und dann wieder von West nach Ost übers Schwarze Meer ins wilde Kurdistan und schließlich in den noch wilderen Kaukasus. Zwei schier übermächtige Bösewichter mussten besiegt werden, Al-Kadir und der Schut, und quasi nebenher zahlreichen ihrer Vasallen, Unterhäuptlinge und falschen Bewunderer das unsaubere Handwerk gelegt werden.
Und ich hatte bei diesen Abenteuern einige sonderbare Erscheinungen kennengelernt, die manche Menschen um mich herum als Magie bezeichneten, die mir aber zutiefst fremd geblieben waren, nicht in mein wohlgeordnetes Weltbild gepasst, ja, mich gelegentlich regelrecht verstört hatten. Vieles ließ sich als Aberglaube deuten, als Täuschung aufdecken, mit modernem wissenschaftlichen Denken erklären – doch blieb auch vieles für mich wie aus einer fremden Welt stammend, regelwidrig und nicht in die gewohnten Sinnzusammenhänge zwischen Natur und menschlicher Beherrschung passend. Auch waren mir einige Wesen begegnet, die aus einer anderen Schöpfung stammten, sowie Menschen, die allein dem Bösen huldigten, dem Chaos Vorschub leisteten und der Versuchung nachgaben; und nicht gegen all diese Mächte halfen meine Fäuste und meine Feuerwaffen – aber zuletzt doch mein Glaube an das Gute im Menschen.
In all diesen Monaten war mein treuer und tapferer Gefährte Halef mir stets zur Seite gewesen, und den größten Teil des Weges hatte mich mein ebenso treues Pferd Rih getragen. Mit dem aus königlichem Haus stammenden Scheik Haschim gewann ich in dieser Zeit einen neuen und engen Freund, dem ich mittlerweile auch mein Leben anvertrauen würde. Welchen Platz allerdings die Hexe Qendressa in meinem Leben eingenommen hatte, wusste ich nach all ihren mehr als widersprüchlichen Aktionen nicht zu sagen. Und zum Schluss hatte sogar die allgütige Marah Durimeh geholfen, dass die unvermeidlichen Überbleibsel des Bösen sich doch noch in etwas Nützliches verwandelten. Stets auf Ausgleich und auf Frieden bedacht, hatte sie mit ihrem mächtigen Wort Streitende versöhnt und vor allem Qendressa ihres Fluchs enthoben, sodass diese nun erstmalig die Chance bekam, sich für ein neues selbstbestimmtes Leben zu entscheiden – wobei wir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht wussten, ob sie sich der weißen Seite ihrer Hexenexistenz zuwenden konnte oder ob Marah Durimeh ihr all ihre Zauberkräfte genommen hatte.
Ich war jetzt all dieser Begegnungen und Erfahrungen müde und nahm mir ganz egoistisch das Recht, nur noch nach Hause zu wollen. Mein Leben sollte wohl ein einziges Abenteuer sein, erlebt auf allen Kontinenten und gefordert durch vielfältige Gefahren, aber niemand konnte ständig unter Hochspannung leben, und auch mein Lebensmotor benötigte Ruhepausen, wenn er sich nicht verkanten oder heißlaufen wollte.
Außer Halef begleitete mich noch David Lindsays wagemutige Nichte Ann aus dem Kaukasus heraus nach Batumi, einer alten Stadt mit Tiefwasserhafen in der Südostecke des Schwarzen Meers, die zwar noch zum Osmanischen Reich gehört, nach der das zaristische Russland aber längst seine machtvolle Hand ausgestreckt hat. Dort sollte Lindsays privater Dampfer warten, mit dem ich hoffte, zur gegenüberliegenden Meeresküste, nämlich zum Mündungsdelta der Donau, zu gelangen, um dann ein Linienschiff zu besteigen, das mich flussaufwärts bis nach Preßburg oder Wien befördern sollte. Den restlichen Weg nach Radebeul würde ich mich der immer besser vernetzten Eisenbahn anvertrauen.
In dieser beschaulichen sächsischen Kleinstadt, in der ich nicht mit dem Revolver unter dem Kopfkissen und dem Bowiemesser griffbereit neben dem Bett schlafen musste, gedachte ich zunächst eine ganze Woche lang Schlaf nachzuholen, außerdem wieder einmal deutsche Küche zu genießen – und dann all die spannenden Abenteuer noch einmal im Geiste nachzuerleben, während ich sie für meine Leser niederschrieb.
Wir waren am frühen Abend noch in dem Küstengebirge, das Batumi umschließt, da gelangten wir in ein zwar kleines, jedoch recht ansehnliches Dorf, an dessen Eingang uns ein pfiffiger Junge abfing und uns und unseren Pferden den Han seiner Familie zur Übernachtung anpries. Er gestaltete seine Werbung so eloquent, dass selbst der wortgewandte Halef schmunzeln musste. Da ich keine Sehnsucht nach der lauten und geschäftigen Hafenstadt verspürte, beschlossen Halef und ich, hier im Dorf zu nächtigen. Ann Lindsay mokierte sich ein wenig über meine Müdigkeit; sie war so munter, dass sie allein weiterreiten wollte, um den Hafen nach dem Schiff ihres Onkels abzusuchen und ihn auf unser Kommen am Folgetag vorzubereiten. Um beweglicher zu sein, ließ sie das Packpferd, auf dem sich auch ein Teil ihrer Ausrüstung befand, in unserer Obhut.
Der Junge schilderte die Ställe und das Essen in den rosigsten Farben; die Zimmer sollten nach seinen Worten sogar mit richtigen Betten ausgestattet sein. Der Han stellte sich uns tatsächlich als ein recht großes Anwesen vor, mit einem zweistöckigen Haupthaus, zwei Anbauten, mehreren Ställen, die einen Hof umschlossen, sowie weiterem umzäunten Gelände drumherum, das zur Aufnahme von Pferden, Zugochsen, Kamelen und sogar Ziegen Platz bot. Doch als wir die Zimmer besichtigten, erwiesen sich die von dem Jungen als Betten bezeichneten Schlafstätten als auf dem Holzfußboden liegende Tierbälger, die mit altem Stroh gefüllt waren, das an einigen Stellen längst herausbrach, und die darauf liegenden Wolldecken waren von Schmutz durchzogen und zerschlissen. Außerdem musste man nicht zweimal hinschauen, um zu erkennen, dass diese sogenannten Betten bereits bewohnt waren: von einem munteren Völkchen blutsaugender böcekler, wie der Türke sie nennt: Insekten, Kerfen aller Art, vornehmlich zur den Menschen und seinen Lebenssaft liebenden Gattung der Bett- oder Hauswanzen gehörig. Solche aktiven Bettgenossen wollten wir allerdings meiden.
Da war es im für die Pferde vorgesehenen Stall um vieles sauberer und angenehmer; deshalb wählten wir ihn für unser Nachtlager. Statt altem Stroh gab es hier frisches Heu, und auf Rihs kräftigen Flanken zu liegen war dermaßen bequem und beruhigend, dass ich – obwohl es erst früher Abend war – binnen weniger Augenblicke eingeschlafen war, während Halef noch vor sich hin plapperte und sich ärgerte, den Lockrufen des Jungen am Dorfeingang gefolgt zu sein:
„Sihdi, meinst du nicht, ich sollte diesem Halbwüchsigen, dessen Großmaul dem weit offenen Rachen eines kaukasischen Bären gleich ist, die heilsamen Segnungen meiner freundlichen Kurbatsch zuteil werden lassen, um ihn auf den Allah wohlgefälligen Pfad der Wahrhaftigkeit …“
Weiteres hörte ich nicht mehr, da der antike Gott Morpheus mich bereits in seine sanften Arme genommen hatte.
Doch wenn ich auch rasch eingeschlafen war, so bedeutete das nicht, dass mein Gefahreninstinkt ausgeschaltet war. Mitten in der Nacht wachte ich von einem Geräusch auf, das ich zunächst nicht identifizieren konnte, und spürte auch eine leichte Unruhe bei Rih, dem ich sogleich mit einem sanften Streicheln zeigte, dass ich aufmerksam geworden war, woraufhin er sich sofort wieder entspannte.
Am Eingang des Stalls, nur halb beleuchtet von einer Öllampe, die an einem Wandhaken hing, stand eine kleine Gruppe von Personen, die sich in unterdrückter Lautstärke stritten. Neben einem hochgewachsenen Mann, der in einen teuren Reisemantel gekleidet war und sichtlich nicht zu den Armen dieser Welt gehörte, standen drei von Kopf bis Fuß verhüllte Personen, in denen ich aufgrund der Art ihrer Kleidung und der devoten Haltung dem Mann gegenüber seinen Harem vermutete. Soweit ich das im Halbdunkel erkennen konnte, trugen sie alle einen Tschador, den traditionellen dunklen Umhang, der ihren gesamten Körper verbarg, und auch von ihren Gesichtern konnte ich aufgrund eines Tuchs nur einen Augenschlitz erkennen. Der Mann mochte ein Kaufmann sein, der mit seinen Frauen reiste und in diesem Han noch zu sehr später Stunde eine Unterkunft suchte.
Ich lag im Dunkeln und halb im Heu, sodass ich vom Eingang her kaum ausgemacht werden konnte; aufgrund meines niedrigen Blickwinkels hatte ich aber auch keine optimale Sicht auf das Geschehen. Dennoch nahm ich wahr, dass, während zwei der Frauen mit gesenktem Kopf und weitgehend unbeweglich neben ihrem Herrn standen, die dritte offensichtlich wegen irgendeiner Sache heftige Widerworte gab und sich in keiner Weise unterwürfig oder demütig zeigte, wie das sonst Frauen im Orient taten. Der Mann ließ sich aber nur einmal einen Widerspruch auf seine Vorhaltung gefallen, beim zweiten Mal fuhr er die Frau so deutlich an, dass sie sofort sichtlich zusammenzuckte und verstummte. Ich konnte zwar kein Wort der Auseinandersetzung verstehen, erkannte jedoch mit wachsender Anspannung, wie der Mann derart in Rage geriet, dass die zwei anderen Frauen sich leise zur Seite schoben und dabei versuchten, sich kleinzumachen, um den zu erwartenden Auswüchsen seiner Wut zu entgehen. Er griff nun die dritte Frau körperlich an, packte sie grob mit beiden Händen, drehte sie herum, beugte sie nach vorne, sodass ihr Oberkörper fast in die Waagrechte kam, schob ihre dunkle Bekleidung an den Hüften etwas hoch und klappte das gesamte mehrlagige Unterteil ihres Habits dann über ihren Rücken, sodass unvermittelt ihr nacktes Gesäß zu sehen war. Dann holte er aus und begann sie mit der flachen Hand auf ihr Hinterteil zu schlagen.
Nun verhält es sich leider so, dass Frauen, die schon in den europäischen Ländern nicht alle Rechte von Männern besitzen, im Orient sogar vollkommen rechtlos sind, als Eigentum ihres Ehemannes angesehen werden, dem sie in allen Dingen gehorchen müssen und der auch über ein jederzeitiges und nahezu unumschränktes Züchtigungsrecht verfügt. Für einen Fremden ist hierbei eine Einmischung eine unmögliche Angelegenheit, dennoch konnte und wollte ich nicht zulassen, dass diese Frau – gleich ob sie tatsächlich irgendeine Schuld auf sich geladen hatte oder nicht – derart gedemütigt und verletzt wurde.
Ich wählte eine anonyme, aber dennoch wirksame Einmischung. Ich stupste Rih ein wenig an, sodass er geräuschvoll schnaubte, sich regte und aufstand, zeigte mich aber weiterhin nicht, um das Delikate der Situation nicht herauszufordern.
Der Mann reagierte unmittelbar. Er erkannte die Silhouette eines sich bewegenden Pferdes und konnte sich nicht länger sicher sein, allein zu sein. Blitzschnell warf er die Bekleidung der Frau wieder herunter und richtete ihren Körper gerade auf, denn natürlich durfte kein Fremder einen Körperteil seiner Frau sehen und schon gar nicht einen solch intimen. Dann schob er seine Frauen zusammen, rief verärgert nach seinen Dienern und verschwand aus meiner Sicht.
Jetzt erst erhob ich mich, schlich mich zum Stalleingang und lugte vorsichtig hinaus. Ich sah ihn, wie er sich nun Richtung Haupthaus des Hans bewegte. Dort standen seine Reit- und Packpferde, die seine Diener nicht in den Stall, in dem ich mich befand, sondern in einen eigens abgesteckten Corral neben dem Haus trieben. Zwei Diener verblieben dort zur Bewachung; der Mann, seine drei Frauen und ein weiterer Mann begaben sich ins Haus.
Ich verfügte mich nun wieder in den hinteren Teil des Stalls und versuchte, für den Rest der Nacht neuen Schlaf zu finden – was mir aufgrund der miterlebten entwürdigenden Szene erst nach einer Weile gelang. Halef hörte ich schnarchen; er hatte von all dem nichts mitbekommen.
Am nächsten Morgen wurde ich schon früh wach. Da ich in der Nacht bei Rih eine ihn schmerzende Stelle gespürt hatte, führte ich ihn sogleich hinaus, um mir die mögliche Verletzung bei Tageslicht genauer anzuschauen. Sie erwies sich als ein nicht unerheblicher Hautriss an der Bauchunterseite, vermutlich beim Durchreiten eines Gebüschs durch besonders harte Dornen verursacht. Es war eine an sich harmlose Verletzung, die aber dann gefährlich werden konnte, wenn sie sich entzündete. Da der Riss jedoch recht lang war, musste er außerdem Schmerzen verursachen, und die wollte ich Rih wenn möglich ersparen. Ein Brei aus keimtötenden Kräutern, der zudem das Eindringen von Schmutz verhinderte, sollte ihm Linderung und Heilung bringen.
Ich redete beruhigend auf ihn ein, da meine Untersuchung wohl auch nicht ganz schmerzlos gewesen war, und erklärte ihm, dass ich mich um die Wunde kümmern wollte. Dabei formulierte ich meine beruhigenden Worte, ohne mir zunächst dessen bewusst zu sein, in Deutsch. Offenbar war ich doch noch nicht ganz wach. Rih mochte sich vielleicht wundern, nicht die gewohnten arabischen Laute zu hören, da es aber in unserer Kommunikation ohnehin auf den Tonfall und nicht auf die Wortinhalte ankam, zeigte er mir, dass er meine Zuneigung und mein Verständnis für seine Schmerzen verstand.
Gerade in dem Augenblick, da ich mit Rih sprach, gingen die drei verhüllten Frauen, begleitet von einem Diener, an mir vorbei und strebten offenbar auf die hinter dem Stall befindliche Latrine zu. Hier hatte der Hanci, der Besitzer des gastlichen Anwesens, statt einen Latrinengraben auszuheben, einfach an die Rückseite des Stalls drei Holzkisten stellen lassen, neben die Pfähle in die Erde gerammt waren, um sich daran festhalten zu können. Man hockte sich für seine Notdurft einfach über diese Holzkisten, und mit dem Wasser aus einem daneben stehenden Eimer konnte man sich anschließend reinigen. Die tragbaren Kisten ließen allerdings vermuten, dass die Einrichtung nicht allein der Bequemlichkeit diente. Die menschlichen Fäkalien fanden offenbar ebenso wie der tierische Dung aus dem Stall Verwendung als Dünger auf den Feldern.
Eine der drei Frauen zuckte, während sie an uns vorbeiging, kurz zusammen und wendete ihren Kopf ein wenig in meine Richtung, ging aber ebenfalls weiter. Hatte sie etwa auf meine deutschen Worte reagiert? Ich blickte den Frauen zunächst hinterher, bis sie hinter dem Stall verschwunden waren.
Ich war allerdings neugierig geworden, was meine kleine Beobachtung bedeutete – und ob sie überhaupt etwas bedeutete. Deshalb tat ich so, als untersuchte ich Rih noch immer, und sprach auch weiter auf ihn ein. Er hatte gegen diese bleibende Zuwendung natürlich nichts einzuwenden, und da Halef noch den Schlaf des Gerechten schlief, hatte ich auch alle Zeit der Welt für mein Abwarten.
Und tatsächlich geschah etwas.
Die drei Frauen und ihr männlicher Begleiter kamen nach einer Weile denselben Weg wieder zurück. Eine der Frauen begann plötzlich ihre Schritte etwas kürzer anzulegen, sodass sie, genau als die Gruppe mich passierte, ein wenig hinter den anderen zurückblieb. Sie schob sich außerdem etwas näher an mich heran, und während sie an mir vorbeiging, hörte ich sie in deutscher Sprache flüstern: „Rettet mich, Effendi! Ich wurde als Sklavin verkauft …“ Dann war sie vorbei.
Hier am Rande des Kaukasus deutsche Worte, fern von Deutschland, am östlichen Ende des Osmanischen Reichs, ausgesprochen von einer vollverschleierten Frau, die zum Harem eines türkischen Herrn gehörte! Ich war zutiefst erschrocken darüber, dass ich hier in meiner Muttersprache um Hilfe gebeten wurde. Doch mehr noch als die unerwartete deutsche Sprache hatte mich das Wort „Sklavin“ in Aufregung versetzt, und es stand für mich sofort außer Frage, dass ich helfen, dass ich die Frau retten musste, selbst wenn ich mich dabei in Gefahr begab! Ich sah es als meine Pflicht an, alles Menschenmögliche zu tun, um einen anderen Menschen, der in akuter Not war, daraus zu befreien – nur wer nicht wegsieht, wird der Verantwortung, die jeder für seinen Umkreis hat, auch gerecht. Eine solche Aufgabe spornte außerdem sofort meinen Tatendrang an!
Bei den wenigen Worten meinte ich, eine dialektale Färbung herausgehört zu haben, die ich aber noch nicht zuordnen konnte. Deshalb konnte ich auch nicht sagen, ob die Frau tatsächlich eine Deutsche war oder vielleicht eine Europäerin, die aus einem Nachbarland stammte und Deutsch zu sprechen gelernt hatte.
Jetzt ging es darum, möglichst rasch einen brauchbaren Plan zu entwickeln, wie dieser Frau zu helfen – ja, wie sie zu befreien war! Dazu benötigte ich Halef, dazu benötigte ich mehr Informationen über ihren Herrn und was er heute vorhatte, und dazu musste ich außerdem irgendeinen Trick ersinnen, wie ich die Frau über meine Vorgehensweise in Kenntnis setzen konnte, ohne dass gleichzeitig jemand anderer meiner Absichten gewahr wurde.
Wie aufs Stichwort sah ich Halef jetzt aus dem Stall kommen, sich noch ein wenig verschlafen reckend, aber bereits voll mit seinem fröhlichen Tatendurst und seinem alltäglichen Optimismus. Ich winkte ihn zu mir her, führte Rih aus dem Hof des Hans heraus auf eine freie Wiese, wo ich ihn grasen ließ, und berichtete dort Halef in aller Kürze, aber doch vollständig, was ich heute Nacht gesehen und heute Morgen gehört hatte.
Ich hatte recht daran getan, dass wir uns etwas vom Han entfernt hatten, denn Halef machte seinem Zorn sofort mittels einer Schimpftirade Luft. Seine Ehrerbietung für seine geliebte Ehefrau Hanneh übertrug er gerne auch auf andere Ehefrauen: Kein Ehemann durfte seine Angetraute schlecht behandeln!
Impulsiv, wie er nun mal war, wollte er außerdem sofort lospreschen: „Wir stürmen ins Haus, lassen den prügelnden Herrn meine Kurbatsch spüren und nehmen ihm seine Frau einfach weg. Er hat ja immer noch zwei. Außerdem“ – und hier dachte er nur logisch – „ist der Agha doch viel besser dran, wenn er sich mit einem solch widerspenstigen Wesen nicht länger herumärgern muss. Wir befreien ihn sogar von einer Last.“
„Lieber Halef“, bremste ich ihn, „man kann einem Mann seine Frau nicht so einfach wegnehmen, selbst wenn er sie schlecht behandelt. Wir setzen uns damit ins Unrecht.“
„Aber, Sihdi, er schlägt sie! Und auch noch auf den nackten …! Ich kann das Wort gar nicht aussprechen. Und sie sagt, dass sie seine Sklavin ist.“
„Ja, deshalb will ich ihr ja auch helfen. Aber nicht so, dass wir anschließend verfolgt werden und sie somit Gefahr läuft, wieder zu ihrem Ehemann zurückgebracht zu werden. Das würde ihr Los nur noch schlimmer machen. Wir müssen ihre Befreiung auf eine Weise arrangieren, dass kein Verdacht auf uns fällt und sie außerdem so verschwindet, dass man sie nicht mehr auffinden kann. List geht immer vor Gewalt.“
Jetzt lächelte er verschmitzt. „Du willst mit mir einen Plan schmieden.“ Dann setzte er sich auf die Wiese. „Also lass uns schmieden!“
Ich schmunzelte und folgte seinem spontanen Platznehmen. So saßen wir uns mit untergeschlagenen Beinen gegenüber. Rih blickte einen Moment verwundert zu uns hinunter, dann aber erlosch sein Interesse wieder und er kümmerte sich mehr um die vereinzelten süßen Kleepflanzen, die sich zwischen dem härteren Gras herauszupfen ließen und eine herrliche Frühstücksbeilage abgaben.
In wenigen Worten erörterten wir die Möglichkeiten, die sich uns boten – in Art und Zeitpunkt allerdings davon abhingen, wie lange der Mann mit seinen Frauen noch bleiben wollte. Halef, der ja selten um ein Wort verlegen ist, brachte deshalb zunächst durch einen kleinen Plausch und ein etwas größeres Bakschisch beim Hanci in Erfahrung, dass der Agha ein vermögender anatolischer Kaufmann war, der mit seinem Harem, zwei Dienern und einem Eunuchen reiste und irgendwelche Waren zu verkaufen hatte – der Gastwirt wusste allerdings nicht welche, und wollte es wohl auch nicht wissen. Im Laufe des Tages erwartete dieser Agha noch einige geschäftliche Gesprächspartner, die mögliche Käufer seiner unbekannten Waren sein mochten. Deshalb wollte er auch noch mindestens eine Nacht im Han bleiben. Wir hatten also Glück.
Im Augenblick saß der Agha bei einem opulenten Frühstück im großen Gastraum des Hans und ließ sich vom Wirt bedienen. Sein vom Eunuchen bewachter dreiköpfiger Harem war auch dabei, saß jedoch etwas abwartend abseits und bekam seine Speisen erst nach dem Agha serviert.
Ich ging nun gemeinsam mit Halef ebenfalls in den Gastraum hinein und inszenierte dort ein mit ihm abgestimmtes Gespräch, das dazu gedacht war, wichtige Informationen an unterschiedliche Personen zu übermitteln.
Ich sprach zunächst den Hanci an, aber so, dass alle anderen anwesenden Personen das Gespräch mitbekamen: „Mein teures Pferd hat sich eine kleine Verletzung zugezogen. Könnt Ihr uns eine Kräuterfrau oder einen Apotheker hier im Ort nennen?“ Gleichzeitig winkte ich Halef heran, der ein paar Münzen in seiner Hand spielen ließ.
Der Wirt, von einem offenbar weitgereisten Effendi so höflich angesprochen, beeilte sich natürlich, behilflich zu sein, beschrieb den kurzen Weg zu einer Kräuterfrau im Dorf und nahm dafür dankend das bescheidene Bakschisch entgegen.
Daraufhin sprach ich zu Halef: „Geh und hole zum Einreiben etwas Beinwell, aber möglichst keine Tinktur, sondern als Salbe. Und übermittle der Kräuterfrau noch die lateinischen Angaben zur Zubereitung: ‚Schützt Bauchschmerzen vor und geht mehrfach zur Latrine, wir holen Euch hier heraus.‘ Sie weiß dann Bescheid, wie sie die Salbe anrühren soll.“
Ich hatte zwar zu Halef gesprochen, aber in türkischer Sprache und so laut, dass alle anderen es mitbekommen mussten. Eine Salbe aus aufgekochten und mit Bienenwachs versetzten Beinwellwurzeln war bei Verletzungen von Mensch und Tier ein gebräuchliches Mittel, das auch jeder besseren Kräuterfrau vertraut sein musste. Insoweit handelten wir vollkommen unauffällig. Der eingeschobene, angeblich lateinische Satz wurde von mir aber in deutscher Sprache ausgesprochen. Die versklavte Ehefrau würde ihn sicher verstehen, da sie mich ja auf Deutsch angesprochen hatte. Da alle anderen Anwesenden aber mit hoher Wahrscheinlichkeit weder Deutsch noch Latein sprachen, würde der Sinn der Worte von sonst niemandem aufgenommen werden.
Halef nickte, sprach ein eifriges „Ich eile, Sihdi!“, und war schon zur Tür hinaus.
Es dauerte keine halbe Stunde, bis er wieder zurückkam. Nun inszenierten wir mitten im Hof des Hans eine langwierige Einreibeprozedur mit zwischenzeitlichen leichten Bewegungsübungen mit Rih. Die Frau hatte uns offenbar verstanden, denn kaum waren wir eine Weile zugange, verließ sie schon das Haus, begleitet vom Eunuchen, und ging hastig hinter den Stall. Wir schauten uns unauffällig um, doch leider waren noch zu viele Personen in der Nähe, sodass wir diesmal nicht eingreifen konnten und die Frau nach dem Besuch der Latrine wieder unbehelligt ins Haus zurückgehen lassen mussten. Dabei bemühten wir uns, es so aussehen zu lassen, als ob wir uns weiterhin um Rih kümmerten.
Ihren Mann sahen wir nun das Haus verlassen und allein ins Dorf gehen. Da er uns keines Blickes würdigte, schien er sich auch nicht dafür zu interessieren, was wir machten. Möglicherweise waren seine Geschäfte etwas halbseiden, und er wollte nicht dadurch Aufmerksamkeit auf sich lenken, indem er uns ansprach. Wir hofften natürlich, dass die Frau seine Abwesenheit jetzt ausnutzte, und tatsächlich mussten wir nicht lange warten, da kam sie erneut heraus, während der sie begleitende Eunuch jetzt einen sichtlich verärgerten Eindruck machte.
Diesmal waren wir allein auf dem Hof.
Wir folgten zur Latrine, und als sich beide Personen hinter dem Stall befanden und somit vom Haupthaus aus nicht mehr sichtbar waren, wollte ich den Eunuchen mit meinem Jagdhieb auf seine Schläfe ausschalten. Darin war ich besonders geübt, und deshalb hatte man mir im Wilden Westen den Kriegsnamen Old Shatterhand gegeben: die Schmetterhand. Doch Halef kam mir zuvor. Mit einem Grinsen im Gesicht warf er über den Mann eine Handvoll von einem magischen Pulver. Und tatsächlich bewegte der Eunuch sich plötzlich nicht mehr, schaute mit leeren Augen in die Luft – und bekam erkennbar nicht mehr mit, was um ihn herum geschah. Halef hatte offenbar irgendwo einen Verwirrungszauber erstanden, den er jetzt einsetzte. Gewitzt, wie er war, fand er auf unseren Reisen immer wieder einen Händler, der ihm Utensilien für praktische Alltagsmagie besorgte.
Jetzt musste alles sehr rasch geschehen! Ich spürte fast, wie unser Blut etwas schneller in unseren Adern kreiste und wie mich die Aufregung belebte. Eine Haremsentführung war schon eine heikle Angelegenheit, die – wenn sie denn herauskam – böse ins Auge gehen konnte.
Mit einem leisen und knappen „Komm!“ zogen wir die Frau einen schmalen Seitendurchgang entlang in den hinteren Bereich des Stalls hinein, wo Halef bereits aus dem Gepäck von Ann Lindsay eine Hose und ein Paar Schuhe, von mir ein Hemd und eine Jacke und von sich selbst ein Turbantuch bereitgelegt hatte. Die Frau nahm zunächst ihr um den Kopf gebundenes schwarzes Tuch ab und öffnete ihren Tschador, und uns bot sich nun ein weiblicher Kopf mit heller Gesichtsfarbe und harten, leidenden und tiefeingeschnittenen Zügen, meerblauen Augen und kurzgehaltenem blonden Haar. Die Frau war keine 30 Jahre alt.
„Mein Name ist Marijke van Beverningh, ich stamme aus Utrecht. Ich wurde vor drei Jahren entführt und auf einem arabischen Sklavenmarkt verkauft“, sagte sie nur. Eine Niederländerin also, deshalb der Akzent.
Ich stellte mich mit meinem deutschen Namen vor und ergänzte dann: „Hier im Orient nennt man mich jedoch Kara Ben Nemsi. Ich bin auf der Heimreise nach Deutschland und kann Ihnen eine Passage auf einem britischen Dampfer anbieten, der in Batumi im Hafen wartet.“
Sie nickte knapp, dann schlüpfte sie bereits aus ihrem Habit. Beim nun erforderlichen Umkleiden ging es um ihr Leben, da war Scham fehl am Platz, und so vermochten Halef und ich uns lediglich aus Höflichkeit ein wenig zur Seite zu drehen. Während ich mit einem scharfen Pfiff Rih herbeirief, begann Halef schon die Lasten des Packpferds neu zu verteilen, damit es nun auch eine Reiterin tragen konnte. Wir bekamen aus den Augenwinkeln mit, wie die Niederländerin in Windeseile die Kleidung wechselte, und für einen Augenblick – bevor sie das bereitgelegte Hemd überzog – erblickte ich auf ihrem nackten Rücken eine ganze Landschaft mit halbverheilten Narben als auch frischen und offenen Striemen, die von beständigen Züchtigungen ihres Mannes zeugten. Halef hatte ihr bei der Kräuterfrau außerdem noch einen Tiegel mit irgendeiner Paste besorgt, die sie nun auf Gesicht und Hände auftrug, um eine dunkle Hautfarbe vorzutäuschen. Währenddessen trat Halef wieder zu ihr und wickelte ihr einen Turban um den Kopf, unter dem das blonde Haar verschwand. Binnen weniger Augenblicke hatte sie eine vollständige Verwandlung ihrer äußeren Erscheinung vorgenommen: Mit Jacke, Hose und Turban mochte sie, wenn man sie nicht allzu genau betrachtete, nun als Mann durchgehen. Und nach meinem bisherigen Eindruck schien sie auch die Nerven dazu zu besitzen, das mit ihrer Körperhaltung vorzutäuschen.
Wir führten unsere Pferde aus dem Stall, und während die Niederländerin und ich auf dem Hof unsere Pferde bestiegen und den Han bereits zügig verließen, ging Halef noch einmal ins Haupthaus zum Hanci, um unser Nachtlager plus einige verzehrte Lebensmittel zu bezahlen – und tat das, ohne wie sonst noch einmal um den Preis zu feilschen. Dann folgte er uns. Es begann ein angespannter Ritt.
Das Risiko, dass es möglicherweise jemandem auffiel, dass jetzt wieder eine dritte Person bei uns war, nachdem Ann Lindsay uns doch gestern verlassen hatte, erschien mir nicht allzu groß. Wir konnten einen heimischen Führer gedungen haben, oder unsere Begleitung war gerade wieder zurückgekehrt, um uns abzuholen, oder jemand, der dasselbe Ziel hatte, mochte sich uns angeschlossen haben – harmlose Erklärungen gab es durchaus, außerdem würde kaum jemand alle Reisegruppen durchzählen oder sich überhaupt für sie interessieren. Noch konnte das Verschwinden der dritten Haremsfrau nicht ruchbar geworden sein.
Der Eunuch würde sich, sobald er aus seiner Erstarrung erwachte und entdeckte, dass die Frau, auf die er zu achten hatte, auf dem gesamten Gelände des Hans nicht mehr auffindbar war, vermutlich ohne Lärm und unverzüglich in die Berge schlagen. Denn er musste sicher sein, dass der Zorn seines Herrn sich zunächst auf ihn richten würde und ihn vielleicht sogar das Leben kosten konnte. Wenn wir Glück hatten, verdächtigte der Agha vielleicht sogar den Eunuchen, seiner Frau zur Flucht verholfen zu haben, und verfolgte ihn. Dennoch konnten wir nicht wissen, ob wir nicht doch von irgendjemandem beobachtet worden waren, den wir nur nicht bemerkt hatten. Wir hatten lediglich einen Vorsprung, den wir klug nutzen mussten.
Nicht hastig, aber doch mit raschem Trab durchritten wir nun das Dorf, ohne dort dem Agha zu begegnen, und machten uns auf den direkten Weg nach Batumi. Außer Sichtweite des Dorfs hätten wir gerne unsere Pferde zu einer schnelleren Gangart angetrieben, doch das war auf dem mittlerweile stark bergabwärts gerichteten Weg zur Hafenstadt leider nicht möglich. Die Berge engten Batumi sehr ein, sodass alle Wege von der Topografie her steil angelegt waren. Es ging jetzt also langsamer voran, als uns lieb war, doch natürlich wollte sich niemand den Hals brechen. Außerdem begann es diesig zu werden, was die Sicht beeinträchtigte. Der Wind, der beständig vom Schwarzen Meer her wehte, brachte viel Feuchtigkeit mit, die an den Berghängen wieder kondensierte.
Wie ich es bei meinen Abenteuern nicht selten erlebt habe, erfuhr jedoch unsere Befreiungsaktion nun eine Belohnung durch eine himmlische Hand, und es bewahrheitete sich das Sprichwort, dass das Glück stets dem Tüchtigen zuteil wird. Denn kaum waren vor uns die Umrisse von Batumi schemenhaft hinter der feuchten Luft zu erkennen, kam uns auch schon Ann Lindsay entgegengeritten. Sie hatte das Schiff ihres Onkels entdeckt, hatte auch mit ihm gesprochen und wollte uns nun den Weg zum Liegeplatz des Dampfers weisen.
Wir hielten für einen Augenblick an und setzten sie mit wenigen Worten von unserem Abenteuer in Kenntnis. Daraufhin stimmte sie mit uns überein, dass wir nicht nur rasch, sondern vor allem gründlich verschwinden mussten, und zwar bevor wir in Verdacht gerieten. Sie führte uns mitten durch die ausgedehnten Teeplantagen, die Batumi an den Berghängen säumen und unsere Nasen mit einem herrlichen Aroma umfingen. Nachdem wir die ersten Häuser der Stadt passiert hatten, gelangten wir dann ohne größere Umwege durch die verwinkelten Straßen und Gassen in den ausgedehnten Hafen und dort zur Mole, an der der Dampfer festgemacht hatte. Von der architektonischen Schönheit der Stadt, die in der Antike das Tor zum sagenhaften goldreichen Land Kolchis gewesen sein soll, bekam ich deswegen nichts mit.
Am Anlegeplatz angekommen, gab Ann dem Kapitän sofort die Order, den Kessel zu befeuern, und als der Lord entspannt und in frischgebügeltem Karo vom Sonnendeck herunterkam, um uns zu begrüßen, waren wir schon abgestiegen, hatten die Pferde um das Gepäck erleichtert und führten sie vorsichtig über die Planken auf das Vorderdeck.
Lindsay breitete die Arme weit aus, um mich zu begrüßen, und achtete dabei weder auf Halef noch auf unsere unbekannte Begleitung. „Master Kara, welch eine Freude, Euch zu sehen!“
Ich unterbrach ihn: „Verzeiht meine Unhöflichkeit, die Begrüßung können wir gleich nachholen. Wir haben eine Begleiterin aus dem Königreich der Niederlande, die wir ihrem Mann entführt haben und die sofort außer Landes muss.“ Ich deutete auf die verkleidete Frau van Beverningh. „Könnt Ihr Befehl zum sofortigen Auslaufen geben? Wir erklären Euch anschließend alles.“
Da Lord Lindsay es gewohnt war, in meiner Gegenwart die spannendsten Abenteuer zu erleben, reagierte er blitzschnell und befahl den Kapitän zu sich. Die gesamte Mannschaft war bis auf zwei Matrosen an Bord, und da die beiden sich glücklicherweise in Schiffsnähe am Kai aufhielten, konnten sie mit ein paar kurzen Pfiffen herbeigerufen werden. Unser restliches Gepäck sowie noch an Land befindlicher Schiffsproviant wurden binnen Minuten verladen, dann wurde die Planke eingezogen, die Taue wurden gelöst, und da das Schiff im Hafen keinen Anker gesetzt hatte, sondern nur vertäut gewesen war, konnte es sofort langsame Fahrt aufnehmen. Mit Abmeldungen bei der Hafenmeisterei nahm es ein Kapitän sowieso nicht so genau, und da die Liegegebühr für eine Woche im Voraus entrichtet war und die Zollbeamten noch ihre ausgedehnte Mittagspause hielten, kümmerte sich auch keine Behörde um den plötzlich davonreisenden englischen Dampfer.
Noch stand der Kessel nur unter mäßigem Dampf, sodass auch die Fahrtgeschwindigkeit noch zu wünschen übrig ließ. Aber der Kapitän beorderte zwei zusätzliche Matrosen in den Kesselraum, um ordentlich zu befeuern, sodass das Schiff dann doch an Fahrt nach Westen aufs offene Meer hinaus aufnahm.
Als alle Aufregung sich ein wenig gelegt hatte und die Häuser der Stadt immer kleiner wurden, lud Lindsay uns auf das Oberdeck ein, um erstmal gemeinsam Tee zu trinken, Tee aus Britisch Indien, und ließ auch ein paar Sandwiches dazu reichen: natürlich aus Rücksicht auf Halef ohne Schinken, stattdessen mit hellem Putenfleisch, Ei und Salatblättern, wahlweise mit oder ohne georgischen Ziegenkäse, sowie natürlich das unvermeidliche Teesandwich mit Gurke und Ei. Für das Toastbrot hatte Lindsay übrigens eigens einen britischen Bäcker statt eines Kochs an Bord genommen, wie er verriet, denn er hatte das orientalische Fladenbrot für eine Zeitlang über.
Ich stellte nun Marijke van Beverningh vor, die sich bereits die dunkle Paste etwas aus dem Gesicht gewaschen hatte und jetzt ohne Turban zwischen uns saß, und bat sie, ausführlich zu berichten, was ihr widerfahren war. Denn auch ich kannte ja nur den allerletzten Teil ihrer Geschichte.
„Mein Mann stammte aus einer Familie von Kunstschreinern und führte in Utrecht eine Möbelmanufaktur in vierter Generation“, begann sie in fließendem Englisch, das ich für Halef leise ins Arabische übersetzte. „Er stellte hochwertiges Privatmobiliar her, war auch spezialisiert auf Restaurierungen von Möbeln und führte deshalb ein großes Lager mit den verschiedensten, auch exotischen Holzarten, das ständig aufgefüllt werden musste. Vor etwa drei Jahren hatte ich meinen Mann auf einer Einkaufsreise in den Orient begleitet, außerdem war sein jüngerer Bruder bei uns. In Larnaka auf Zypern charterte er ein Schiff komplett mit Mannschaft, mit dem wir nach dem libanesischen Tarabulus übersetzen wollten, um dort vor allem Zedernholz und Zypresse einzukaufen und das dann auf dem Seeweg zurück in die Niederlande zu bringen.“
Sie machte eine Pause, dann fuhr sie mit belegter Stimme fort:
„Etwa auf halber Strecke, mitten auf dem Meer, enttarnte sich der Schiffskapitän als Pirat. Er nahm meinem Mann all sein Geld ab, das er für den Holzeinkauf bei sich führte, tötete ihn und seinen Bruder, indem er beiden mit einem Säbel den Kopf abschlug, warf die Leichen über Bord und nahm mich gefangen. Statt nach Tarabulus, das zur osmanischen Provinz eines christlichen Mutasarrif gehörte und wo ich vielleicht noch Hilfe bekommen hätte, wurde ich zum weiter nördlich liegenden Hafen von Tartus gebracht, das eine jahrhundertelange Seeräubertradition besitzt, und dort an einen Araber verkauft – ja, ich habe gesehen, wie der Kapitän Geld für mich bekam. Dieser Araber, dessen Namen ich nie erfahren habe, verschleppte mich bis nach Abu Dhabi, wo ich zusammen mit vielen anderen geraubten europäischen Frauen auf einem öffentlichen Sklavenmarkt angeboten wurde.“
Ich hörte Halef leise grummeln und fluchen, während der Lord erregt aufstand und seinem Zorn laut Luft machte: „Ich werde dem Vertreter der britischen Admiralität in Istanbul Meldung machen. Zypern gehört zwar noch nicht uns, aber wir verhandeln mit der Hohen Pforte und haben auch bereits Flottenteile in Larnaka stationiert. Madam, wenn Ihr mir angeben könnt, wie das Schiff hieß, das Euer ermordeter Gatte gechartert hatte, dann könnten wir da vielleicht ansetzen.“
Natürlich war sie an einer Auffindung und Bestrafung des Piratenkapitäns interessiert – doch sie wollte mehr, viel mehr. Die drei Jahre hatten ihren Mut und ihre Willenskraft keineswegs gebrochen. Sie schien mir eine unbeugsame Frau zu sein, denn sie brannte förmlich darauf, etwas gegen diesen Handel mit Europäerinnen zu unternehmen. Wenn man ihrem Bericht folgte, gab es regelrechte geheime Sklavenkarawanen, mit denen von der Mittelmeerküste bis zu den Emiraten an der Piratenküste des arabisch-persischen Golfs gefangene europäische Frauen transportiert und dort an reiche Araber verkauft wurden. Das schien ein einträglicher Wirtschaftszweig geworden zu sein, offenbar noch lukrativer als der einstige Handel mit männlichen Arbeitssklaven aus Schwarzafrika, und dieses verabscheuungswürdige Geschäft wurde auch von den Emiren der Trucial States, der mit dem britischen Empire vertraglich verbundenen Fürstentümer am Golf, mehr oder weniger offen geduldet.
Sie war zunächst von einem arabischen Scheik ersteigert worden, aber – wie sie es trocken ausdrückte: „Er hatte wohl keine rechte Freude an mir.“ Sie hatte sich keinen Augenblick lang unterwürfig gezeigt, hatte sich gegen all seine Begehren heftigst gewehrt und war von ihm nicht zu bändigen gewesen. Da sie körperlich recht stämmig gebaut war und ihn um Kopfeslänge überragte, hatte er sich auch nicht getraut, sie zu schlagen. Sie hatte ihm wohl schließlich Angst gemacht, was er sich natürlich nicht eingestehen konnte. Deshalb hatte er sie bereits nach wenigen Wochen dem türkischen Agha zum Geschenk gemacht, der sie dann gegen ihren Willen nach islamischem Ritus heiratete und als dritte Ehefrau legal seinem Harem einverleibte.
Was folgte, war ein einziges Martyrium. Er nahm sie mit ins nördliche Anatolien, in einen kleinen Ort an der Schwarzmeerküste, wo er wohnte und ein einträgliches Handelsgeschäft mit Waren aller Art führte. Sie wurde Tag für Tag gedemütigt, geschlagen, eingesperrt. Ihre Aufsässigkeit spornte ihn nur zu noch mehr Grausamkeiten an. Doch sie hatte nicht fliehen können – wie und wohin auch, denn nach osmanischem Familienrecht war sie seine rechtmäßige Ehefrau, und als Frau besaß sie sowieso keine Rechte.
Zur Art ihrer Folter und zum Ausmaß ihren Demütigungen äußerte sie sich nicht, an dieser Stelle verstummte sie und ihr Gesicht versteinerte. Sie war zwar erkennbar eine starke Frau, aber es überforderte sie dennoch, darüber zu reden – wofür wir natürlich Verständnis hatten. So war sie während der weiteren Fahrt sehr einsilbig und verschlossen. Sie zeigte Kälte und Härte nach außen und ließ weder Gefühle heraus, noch Mitleid an sich heran.
Nach zwei Tagen steuerte der Dampfer wieder die Küste an, wo wir Halef und Rih sowie die weiteren Pferde in Iyidere nahe Rize absetzten. Von dort aus wollte er quer durch Anatolien nach Hause zu den Haddedihn in der Dschesireh reiten. Der Abschied fiel mir nicht leicht – aber ich wusste, wir würden uns beim nächsten Abenteuer im Orient wiedersehen.
Eine gute Woche später kam wenige Meilen vor der europäischen Küste die weißleuchtende Schlangeninsel, die Insula Serpilor, in Sicht, jener unrühmliche Ort, wo sich gerade einmal zwanzig Jahre zuvor die Flotten der westeuropäischen Großmächte gesammelt hatten, um an der Seite des Osmanischen Reichs gegen das zaristische Russland in den Krimkrieg zu ziehen – in einen Krieg, bei dem doppelt so viele Opfer an Krankheiten und Seuchen starben wie durch die eigentlichen Kriegshandlungen. Auch ich hatte den romanhaft ausgeschmückten Bericht meines Berliner Kollegen Hermann Goedsche gelesen, der unter dem Pseudonym Sir John Retcliffe und mit dem Titel „Sebastopol“ als vierbändiger Romanzyklus erschienen war. Er hatte damals den Krimkrieg als Journalist vor Ort erlebt. Ich nahm mir vor, meinen Verleger auf ihn aufmerksam zu machen.
Dann gelangten wir am Donaudelta in den Hafen von Sulina, wo ich erfuhr, dass ich bereits zwei Tage später ab Tulcea eine Passage auf einem Dampfer bekommen konnte, der mich donauaufwärts brachte.
Lindsay versprach mir, Marijke van Beverningh zur Königlich-Niederländischen Botschaft in Istanbul zu bringen und ihr in der Stadt auch einen fürsorglichen Arzt zu suchen – und zu bezahlen. Sie umarmte mich spontan zum Abschied und dankte mir noch einmal für ihre Befreiung. Diesmal sah ich einige wenige Tränen in ihren Augen.
Ob sie für ihre Peiniger nun Rache oder Bestrafung wollte, das wusste ich da noch nicht. Aber ich hatte in mir das sichere Gefühl, dass sich unsere Wege wieder kreuzen würden.
Etwa fünf Monate später bekam ich von ihr einen Brief, den sie nach Radebeul gesandt hatte. Sie hatte tatsächlich eine Spur der Sklavenhändler gefunden und konnte genau angeben, wann eine weitere Sklavenkarawane mit europäischen Frauen in der Nähe von Katar eintreffen würde. Und sie bat mich um Hilfe, weil sie nicht wusste, wem sie in den Emiraten trauen konnte. Marijke van Beverningh wartete in Kairo im britischen Konsulat auf mich.
Ich fühlte natürlich sofort wieder das Brennen nach Abenteuer in mir. Also schickte ich einen Brief an Halef und einen an Scheik Haschim voraus. Dann vertraute ich mich der Eisenbahn an, um nach Triest zu gelangen.
Alexander Röder
Episode 1
Erstes Kapitel
Von Kairo in die Wüste
Ich stand an der Reling des französischen Dampfers Hirondelle, der mich über das Mittelländische Meer geflogen hatte. Vor mir sah ich: Ägypten!
Doch ich kam nicht als Forscher in dieses Land, wollte nicht den Spuren von Richard Lepsius folgen, des aus Naumburg gebürtigen Begründers der deutschen Ägyptologie. Auch kam ich nicht als Tourist, mit dem Reiseführer von Baedeker in der Tasche. Gewiss kam ich auch nicht als Eroberer wie Napoleon. – Ich kam als Befreier. Dies mag groß und mächtig klingen, und tatsächlich verspürte ich auch ein erhebendes Gefühl, dass ich nicht allein als Abenteurer hierherkam, doch gab es da auch einen Fakt, der mich wiederum ernüchterte. Jene, die es zu befreien galt, waren mir gänzlich unbekannt. Ich wusste nicht, wo sie sich befanden, und auch nicht, wer sie gefangen und versklavt hatte. Was mein Wissen betraf, so herrschte in mir also die sprichwörtliche ägyptische Finsternis, doch war es mir wie stets gegeben, die Dunkelheit zu erleuchten, mit der Fackel der Rechtschaffenheit und der Flamme des Tatendrangs. Meine Leser mögen mir verzeihen, dass ich so sehr die Tugenden beschwöre und mich dem Pathos hingebe. Sie müssen aber eines verstehen, selbst wenn ich es ihnen kaum erklären muss. Ich war nun nach langer Zeit in der Heimat wieder in der Fremde, oder vielmehr: in der Ferne, denn der Orient ist mir keineswegs fremd.
Doch schwindet die Vertrautheit mit der Ferne, und jene knappe Hälfte eines Jahres, die ich jüngst in Deutschland, in Sachsen, im Meißner Land, in Radebeul verbracht hatte, war doch recht zehrend gewesen. Denn ich hatte lange Stunden, bei Tag und in der Nacht, in meiner Schreibstube gesessen und meine jüngsten Erlebnisse zu Papier gebracht; am Ende würden diese vier nicht wenig umfangreiche Romane füllen. Ich hatte während dieser Niederschrift noch einmal alles erlebt, was sich in der Wüste jenseits von Basra, in den Schluchten und Wäldern des Balkan und den Bergen Kurdistans und des Kaukasus zugetragen hatte: die Kämpfe gegen den Schut, gegen Al-Kadir und die Hexe Qendressa, die ich mit meinen Gefährten Halef, Haschim und Sir David gemeinsam gefochten hatte. Und die vielen Begebenheiten mit erstaunlichen Menschen und an seltsamen Orten.
Doch ein Stuhl am Schreibpult ist kein Sattel, und eine Schreibfeder ist kein Säbel. Die Feder mag auf ihre Art eine mächtige Waffe sein, doch spuckt sie nur Tinte und kein Blei wie Henrystutzen oder Bärentöter. Und die Stube, das Haus, die Straße, die Stadt sind beschauliche Orte im Vergleich zu den Höhlen und Burgen und Türmen, in denen allerlei Schurken hausten oder Hinterhalte legten. Die behagliche Wärme von Kamin und Herd ist kein vorsichtig geschürtes Lagerfeuer, ein Federbett ist keine Satteldecke. Und die karge Kost des Reisenden und Abenteuers schwindet vor der Fülle der sächsischen Speisen.
Es mag nun niemand glauben, ich hätte angesetzt und wäre faul gewesen. Aber nein! Wiegebraten und Wickelklöße, saure Fleck und Spinat mit Sardellen, Stockfisch mit Erbsen, Bratwurst mit Äpfeln, aber auch die bescheidenen Kartoffeln mit Quark und Leinöl waren mir köstliche Gerichte, mit denen ich mich für die geistige Arbeit stärkte. Aber so wie der Kopf viel Nahrung benötigt, braucht der Leib seine Betätigung. Und so wanderte ich zum Ausgleich durch die Sandsteinhöhen des Erzgebirges und den dunklen Tann und dachte mir beim Atmen der kühlen Luft so manches Mal: Dort, der Fels – gemahnt er nicht an die Karstgebirge im Land der Skipetaren? Der alte Turm, erinnert er mich nicht an den Karaul des Schut? Das verwitterte Forsthaus, scheint es nicht wie die Berghütte, in welcher ich die Hexe traf? Überall fühlte ich mich an meine Abenteuer erinnert und eilte sogleich wieder an den Tisch, um mit Wort und Schrift alles festzuhalten. Und wenn der Schweiß ebenso geflossen war wie die Tinte aufs Papier, belohnte ich mich hernach mit Kaffee und auch mit Kuchen.
Doch nun hatte ich die heimeligen Blümchentassen und schweren Hefegebäcke hinter mir gelassen. Es riefen Kahwe und Baklawa! Doch deren Süße würde ich mir erst verdienen müssen.
Die Seeluft hatte mich belebt und allen Schreibstubenstaub und Bücherseitendunst hinfortgeblasen. Ich hatte daheim alles aus mir herausgeschrieben, nun fühlte ich mich frisch und neu wie ein Bogen Papier, der jüngst aus der Bütte geschöpft worden war. Ich hatte zuhause kaum bemerkt, wie das Fernweh sich gemehrt hatte: Jetzt packte es mich mit Macht.
Und neu und ungewohnt war auch, wie bereits erwähnt, dass mich nun nicht die reine Abenteuerlust antrieb. Ich war nicht in meiner Profession als Reiseschriftsteller hier, sondern nahte als Helfer heran. Und dies auf den Ruf jener Frau hin, die ein schweres Schicksal erlitten hatte, welches sie mit meiner Hilfe jedoch glücklich hatte überwinden können, und die nun danach trachtete, auch anderen bedauernswerten entführten und versklavten Frauen zur deren Freiheit zu verhelfen: die tapfere und kluge holländische Dame Marijke van Beverningh.
Deshalb ihr brieflicher Ruf nach mir und deshalb meine Reise nach Kairo.
Drang und Not hatten aus den Zeilen gesprochen, und so eilte ich zu Beistand und Hilfe. Man mag mir nachsehen, dass ich daher nicht in schwelgende Beschreibungen verfalle, wie es dem Reiseerzähler gemeinhin geziemt. Doch wer kann Land und Leute, Sitten und Gebräuche, Bauten und Natur mit schönen Worten malen, wenn die harsche Ungerechtigkeit das Leben Unschuldiger bedroht?
Darum sei mein Weg nur knapp beschrieben: Ich ging von Bord, nutzte Bahn und Wagen – und stand dann vor der Botschaft der Briten in Kairo, zwischen den Zähnen eine Stange Bamberger Süßholz, denn wenn ich unterwegs bin, rauche ich nur in Gesellschaft.
Ich war vom Staub der Reise bedeckt, hatte eine kleine Tasche mit dem Nötigsten an der Hand und einen Seesack über der Schulter, aus dem zwei lederumhüllte Stangen ragten. So konnte es dem Unwissenden erscheinen. Mancher Brite, der mich sah, mochte an seinen nationalen Schlagballsport denken; wer mich kannte, wusste jedoch, dass es nur mein Henrystutzen und der Bärentöter sein konnten. Auf vielerlei mag ich auf Reisen und Abenteuern verzichten können, doch nicht auf diese treuen Gewehre.
Dass ich nun recht schwer, wenngleich nicht offen bewaffnet in eine Botschaft spazieren durfte, war allein der Tatsache zu verdanken, dass ich einen reichen und angesehenen Fürsprecher hatte und erwartet wurde.
Eilig führte mich eine Ordonnanz in einen kleinen Raum, der britisch und schlicht-orientalisch zugleich wirkte. Ich hatte keinen Blick für die Details, aus eingangs geschilderten Gründen, aber in diesem Augenblick des Eintretens konnte ich auch kaum einen Blick ringsum werfen, denn das Zimmer wurde von einer ganz bestimmten Person dominiert.
Sir David Lindsay kam mir entgegen, groß, dünn und in graukariertes Tuch gekleidet wie stets. Er begrüßte mich freundlich, auch erleichtert, aber ein wenig fahrig, sodass sich eine kurze Szene der Unbeholfenheit ergab:
Ich hatte im ersten Moment ja keine Hand zum Schütteln frei und musste doch das Gepäck ablegen, als ein Griffwechsel nicht taugte.
„Well“, begann Sir David eifrig, „Ihr seid da, glücklich und letztendlich. Die Fahrt war gut, ja? Aber was rede ich, Ihr seid ein erfahrener Reisender, so wie ich – warum mit small talk aufhalten, indeed!“
Er schritt zu einem kleinen Tisch und griff zu den Gläsern und Flaschen. Ich lehnte den Whisky ab, selbst wenn die Tageszeit angemessen war, und beschied mich mit Sodawasser. Sir David jedoch sah sich genötigt, seine Nerven zu stärken. Er schaute auf die kleine Uhr auf dem Schreibtisch.
„Es ist nicht mehr viel Zeit. Gleich kommt Mrs. van Beverningh …“
Der Lord schaute für meine Begriffe nicht wie jemand, der seine Sekretärin erwartet, sondern …
Ich muss an diesem Punkt wohl einiges erläutern: Sir David hatte mir vor einem halben Jahr einen Brief gesandt, in dem er mich über all das informiert hatte, was seit unserem Abschied geschehen war. Er hatte Marijke van Beverningh wie versprochen nach Istanbul begleitet und sich auch dort ihrer angenommen, was er in onkelhafter Anteilnahme schilderte: Zunächst hatte er einige Ärzte, sowohl örtliche hekims als auch ausländische doctors geprüft, um die Dame mit deren Hilfe von ihren Strapazen und Wunden genesen zu lassen. Dann hatte er sie zur Königlich-Niederländischen Botschaft begleitet, damit sie neue Papiere erhielt und von dort aus ein Lebenszeichen in die Heimat senden konnte – und auch die betrübliche Kunde übermitteln musste, dass der Ehemann und dessen Bruder zu Tode gekommen waren.
Während der Wartezeit und der Heilung zeigte Sir David sich großzügig und selbstlos wie gewohnt, sorgte für Kleidung, Nahrung, Logis. Doch die Dame war trotz ihres Schicksals ungebrochen und stolz. Sie nahm die milden Gaben nur an, weil sie diese sogleich umwidmete und gewissermaßen auf ein moralisches Soll-Konto übertrug, nein, um genau zu sein, führte sie sogar tatsächlich Buch und notierte alles, forderte Quittungen und Belege – um alles später zu begleichen. Dies rührte wohl von ihrer Ehe mit dem holländischen Geschäftsmann her, vielmehr kam es aber aus ihrem eigenem Wesen, das durch die schrecklichen Erlebnisse noch verstärkt worden war. Sie hatte in der Sklaverei kein Mitleid erfahren und wollte es nun auch nicht erhalten, lehnte die Gaben und Zuwendungen zwar vernünftigerweise nicht ab, führte aber strenge Rechnung.
„Aber wie“, klagte mir Sir David, „sollte ich ihr denn Rechnungen und Quittungen vorlegen, wo ich mich doch um dergleichen nie kümmern muss? Ich bin reich – ich setze nicht auf Skonto bei Barzahlung oder spiele mit Fristen. Ich habe kaum je Rechnungen in der Hand gehalten, und wenn, dann habe ich sie doch nicht gesammelt und abgelegt, sondern beglichen, und dann waren sie mir aus Augen und Sinn.“ Er seufzte. „Das hat Mrs. van B. mir ausgetrieben …“
Endlich war dann Nachricht aus der holländischen Heimat gekommen – man war erfreut über das Lebenszeichen, betrübt über den Tod der Männer. Drei Jahre hatte man Schlimmes geahnt, doch die Geschäfte hatten weitergehen müssen, und so hatte ein Onkel die Firma übernommen.
„Dies nahm sie ungerührt hin“, bemerkte Sir David, „zumal die Firma unter der neuen Leitung florierte. Sie urteilte daraufhin, dass sie in Utrecht wohl nicht gebraucht würde, wenn dort alles zum Besten bestellt sei. Dafür könne sie dann Rache nehmen.“ Sir David leerte sein Glas und schluckte hart. „Kara Ben Nemsi, wir haben ja selbst gegen viele Schurken gekämpft und waren oft genug von Rache getrieben …“
Ich schaute ihn mahnend an.
„Nun“, korrigierte er, „das ist mir manchmal unterlaufen, wenn ich mein Englischsein vergessen habe. Das bringt orientalischer Umgang so mit sich …“
„Wenn man die Anlagen dazu hat, Sir David. Ihr wisst, dass es mir anders ergeht.“
„Ja, Ihr seid manchmal mehr Brite als ich, obgleich Ihr Deutscher seid. – Wie haltet Ihr es eigentlich mit den Rechnungen und Belegen?“ Er winkte ab. „Well, Mrs. van B. hatte von da an zwei Ziele: ihre Rache an den Sklavenhändlern – und es mir heimzuzahlen.“ Er schenkte sich Whisky nach. „Natürlich nur auf die Gelder bezogen, die ich für sie ausgelegt hatte. Nein – ich habe gern bezahlt. Sie selbst meinte, ich habe es nur ausgelegt und sie wolle dies abarbeiten. Deswegen drängte sie mich dazu, sie als Dolmetscherin einzustellen.“
„Eine treffliche Idee“, sagte ich, und als der Lord empört schaute, fügte ich an: „Weil sie doch eine in vielen Sprachen bewanderte Dame ist. Wenn ich mich recht erinnere, waren das neben Holländisch und Deutsch eben Englisch und auch Französisch, dazu Türkisch und Arabisch.“
„Ihr sprecht noch mehr Sprachen. Wozu brauche ich dann eine Dolmetscherin?“
„Ich bin aber nicht immer bei Euch, Sir David.“
„Das ist wahr. Und deshalb habe ich zugesagt. Zu einem sehr hohen Gehalt.“
„Doch nicht, damit die Schuld rasch abgeglichen ist?“
„Nein, weil sie auch gleichzeitig als Sekretärin und Gesellschafterin arbeitet. Sie hat eine hervorragende Handschrift, da brauche ich mich nicht mit meinem Reiseschreibpult abplagen.“
„Aber warum Gesellschafterin? Sie schien mir nicht sehr gesprächig, was angesichts ihres Schicksals verständlich ist. Und seit wann benötigt Ihr selbst zerstreuende Unterhaltung?“
„Nun, es ist wahr. Sie redet nicht viel. Aber liest umso mehr.“
„Ihr wollt jetzt nicht auf meine eigenen Bücher anspielen, Lord!“
„Keineswegs. Es geht ihr um Akten und Briefe und allerlei mehr. Das klingt aber offizieller, als es ist. Wir waren nicht in Archiven und Kontoren – oder eben doch. Sie hat die Geschäftsbeziehungen ihres seligen Gemahls genutzt, um hier und da anderen Geschäften nachzuspüren als dem Handel mit edlen Hölzern.“
„Sklaven.“
„Gewiss. Wir waren auf Zypern und im Libanon, zuvor eben in Istanbul und nun Kairo.“
„Mir scheint, Ihr seid vielmehr der Reisebegleiter und Gesellschafter der Dame als umgekehrt.“
„Nun, der Geldgeber mag ich sein. Die Informationen zu erlangen, kostete nicht nur Zeit, sondern auch Bakschisch. Der kam aber nicht auf das Konto der Dame. Davon konnte ich sie überzeugen. Ebenso, dass ich ihr ohne Entgelt das Schießen beigebracht habe. Sie wollte unbedingt mit Gewehr und Revolver umgehen können.“
„Das kann man ihr nicht nachtragen, nach all dem, was sie erlebt hat“, meinte ich. „Und da sie weiterhin in diesem Erdteil verblieben ist, in dem sich ihre Peiniger herumtreiben. Ich hoffe aber, dass sie gewissenhaft …“
„Aber sicher doch“, unterbrach mich Sir David – obgleich er mich völlig missverstanden hatte: „Ich habe Mrs. van B. im Zielen und Schießen und der Waffenpflege unterrichtet und sie mit einem schönen Taschenrevolver von Webley & Son of Birmingham bedacht.“ Er musterte mich und senkte die Stimme. „Keine Waffe für Männer, wie wir es sind. Aber eine Dame kann wohl kaum einen großen Armeerevolver mit sich herumtragen.“ Sir David nickte nachdrücklich. „Dennoch ist Mrs. van B. gut gerüstet. Der Webley hat zwar nur fünf Schuss in der Trommel, aber nun, jene, die auf ihn schwören, nennen ihn British Bulldog, und das sagt so einiges – und macht mich nachgerade stolz.“
„Euer Stolz hat nicht leiden müssen? Wollte Mevrouw van Beverningh das Geschenk nicht partout bezahlen?“
„No, no. Ich konnte sie an ihrem Namenstag damit überraschen. Und sie weiß wohl, dass wir Briten heikel sind, wenn es um Jagdutensilien geht.“
„Aber Ihr habt doch gemeinhin nach Altertümern gejagt?“
„Meine neue Beute sind Piraten und slave-traders. Ich sehe dies sehr persönlich. Das Empire hat sich mit den anderen Europäern dafür eingesetzt, dass der Handel mit Sklaven im Reich der Osmanen verboten wurde. Doch leider ist das Geschäft zu lockend, da es viel Geld einbringt. Also wird das Verbot schändlich ignoriert. Es hilft wohl nur, die Bestien zu jagen, welche den hilflosen Frauen nachstellen. Und der beste Jagdgefährte dafür werdet Ihr sein, Kara Ben Nemsi.“
Da öffnete sich die Tür. Sir David zuckte zusammen und warf einen Blick auf die Uhr.
In den Raum trat Marijke van Beverningh.
Ihr Blick war so meerblau wie je und von gleicher Härte, wenngleich ihre leidgeprägten Züge durch die vergangenen Monate der Freiheit sich etwas gemildert hatten. Energisch und entschlossen waren ihr Kinn und die spitze Nase noch immer. Ihr blondes Haar war in den vergangenen Monaten wohl gewachsen, doch sie trug es streng aufgesteckt. Streng war auch ihre Kleidung, es war das, was man einen hunting-dress nannte, ein britisches Jagdkostüm mit eng taillierter Jacke, deren lange Knopfleiste wie aus Gewehrkugeln gebildet wirkte, und einem langen Rock, unter dem jedoch keine damenhaften Schnürstiefelchen hervorlugten, sondern eben robuste Reitstiefel. Die Farbe von Stoff und Leder war ein dunkles Khaki, über dem das helle Gesicht, das helle Haar leuchteten, die Augen aber waren nur hell von Farbe, nicht vom Blick, mit dem ich gemustert wurde.
„Sie sind da, Mijnheer Kara. Seien Sie bedankt“, sagte Marijke van Beverningh. Sie war groß, und wenn ich auch bei unserem ersten Treffen bemerkt hatte, wie stämmig ihr Körperbau auch nach den Jahren des Leidens war, so schien sie nun mir selbst an Muskeln kaum nachzustehen. Ihr harter Händedruck bestätigte mir dies, als wir uns begrüßten. Diese Frau konnte Sir David wohl nicht nur als Sekretärin dienen, sondern auch als Leibwächterin. Jetzt fiel ihr Blick auf den Seesack.
„Eure Waffen. Sehr gut.“
Ich nickte. „Gewiss sind es keine Golfschläger. Wenngleich ich bemerkenswert finde, dass das Wort golf dem holländischen kolv ähnelt, welches …“
„Ich würde die Sklavenhändler auch mit Keulen schlagen, Mijnheer Kara. Aber eine Kugel ist rascher. Warum sich mühen und die Hände beschmutzen?“
„Gewiss …“
„Und wir sollten keine Zeit und keinen Atem mit dem verschwenden, was die Briten als small talk bezeichnen. Und zudem die Botschaft verlassen. Wir brechen auf. Wir haben eine weite Reise vor uns.“
„Ich habe bereits eine hinter mich gebracht. Sie riefen mich und ich eilte.“
Sie musterte mich. „Noch einmal, seien Sie bedankt. Aber Sie können verschnaufen, wenn wir am Golf von Persien angekommen sind. An der Piratenküste.“
Zweites Kapitel
Ahlan sadiki, Halef!
Ich glaubte nun nicht, dass uns Zeit zum Verschnaufen bliebe, wenn wir erst den Landstrich erreicht hätten, an dem die Sklavenhändler ihr Unwesen trieben – ja noch weniger, wenn wir ihnen auf die Spur gekommen wären. Aber ich erkannte in den Worten der Holländerin den drängenden Wunsch, endlich Kairo zu verlassen. Wir würden uns also nach Katar begeben, zum Emirat auf jener Landzunge, die in den Golf von Persien ragt. Gewiss begann die sogenannte Piratenküste erst viel weiter östlich, in Abu Dhabi. Aber im übertragenen Sinne sind auch Sklavenhändler auf Kamelen nichts anderes als Seeräuber, die mit ihren Wüstenschiffen die Sandmeere unsicher machen.
Wir traten unsere Reise zu Pferd an. Die Dame vervollständigte ihre Jagdkleidung mit einem Hut, der ihr Gesicht beschattete, zudem trug sie ein Schleiernetz vor dem Gesicht. Sir David hatte mir enthüllt, dass sich die Holländerin in der Öffentlichkeit stets auf diese Art verhüllte. Ich vermutete, dass sie sich in den Jahren ihres Sklaventums so sehr an einen Schleier gewöhnt hatte, dass sie dergleichen weiterhin freiwillig trug. Vielleicht lag ich mit meiner Interpretation auch falsch. Schließlich ist ein dünner Schleier in Europa durchaus ein modisches Beiwerk der Damen, nicht nur bei Bräuten oder Witwen. Eine Witwe war die Holländerin nun bedauernswerterweise, doch war ihr Schleier nicht schwarz und das Trauerjahr vorüber. Ich will nicht weiter über die Hintergründe spekulieren, denn es passte zum Wesen der Dame, die sich verschlossen und unnahbar zeigte, was mir nichts weniger als verständlich war. Bemerkenswert fand ich aber, dass Mrs. van B. – wie Sir David sie ja mit gewissem Respekt nannte, welcher an Ehrfurcht zu grenzen schien – im Damensattel ritt. Ich hatte dergleichen lange nicht gesehen, im Orient ohnehin nicht, doch auch in Europa ritten Damen gemeinhin auf „deutsche Art“, wie man eigenartigerweise die männliche Art zu reiten in Frankreich, Spanien und anderswo bezeichnet. Auf den Britischen Inseln hingegen hält man an der weiblichen Art des Pferdereitens für das weibliche Geschlecht fest, und so hatte Sir David nur allzu gern dem Wunsch entsprochen, einen Damensattel verfertigen zu lassen. Die Anekdote über den erstaunten arabischen Sattler erzählt der Lord bei Gelegenheit noch immer gern, ich aber will hier niemanden ob seiner Unwissenheit der Lächerlichkeit preisgeben. Ich hingegen war erstaunt, dass Sir David eine Art Leibwache mit sich führte, bestehend aus zwei schottischen Sergeanten, McIlroy und McMurray mit Namen. Diese ähnelten einander, waren wohl auch seit Langem miteinander vertraut und kleideten sich, nein, nicht im Kilt, im Schottenrock, sondern angemessen in Uniform für die Tropen, jedoch ohne ihre Herkunft zu verleugnen, denn ein jeder hatte eine Schärpe in seinen Klansfarben um den Leib gewunden. Ich wollte nun nicht scherzen, dass Sir David niemanden neben sich duldete, der gänzlich kariert gemustert einherging. Beide Schotten waren angemessen bewaffnet, mit Revolvern und Karabinern, und sie trugen sogar Klingen an der Seite, schottische Schwerter mit Korbgriff, die mich sehr an die Rapiere der Pappenheimer erinnerten, an jene Reitertruppe der Kaiserlichen im Dreißigjährigen Krieg. Nun, so hatte ich also einen gemeinsamen Namen für die beiden, auch wenn ich sie noch nicht persönlich kannte: Lindsays Pappenheimer.
Sir David hatte mich darauf hingewiesen, dass diese echten Schotten auch je einen Dolch trugen, einen highlander’s dirk, der ihnen jedoch nicht im Strumpf steckte, da sie diesen mangels Kilt nicht so rasch würden ergreifen können, sondern eben im Stiefelschaft. Und flüsternd fügte der Lord hinzu, dass Mevrouw van Beverningh sich von den Schotten im Messerkampf hatte unterweisen lassen und nun ihrerseits einen Dolch im Stiefel trug. Wo sie aber den Bulldogrevolver verbarg, wussten wir beide nicht, und dezent wie wir waren, fragten wir auch nicht nach. Eine Handtasche trug die praktische Dame nämlich nicht, dafür aber einen Sonnenschirm, der mit khakifarbenem Stoff bespannt war. Allerdings muss ich bemerken, dass ich nie sah, wie Mevrouw van Beverningh den Schirm als einen solchen nutzte. Sie trug ihn wohl eher bei sich, um ihn bei Gelegenheit wie besagte niederländische kolv, eben als Keule verwenden zu können. Dass dies ein Beweis für die Streitbarkeit der Dame war, liegt somit auf, ja sogar in der Hand.
Wir hatten die Packpferde beladen lassen und ritten aus Kairo hinaus. Ich würde also die Hügelkette des Mokattam, von welcher man die Stadt so gut bestaunen konnte, später einmal besuchen müssen, ebenso die dortige Gjuschi-Moschee. Und auch all die anderen Ansichten Kairos würden auf mich warten müssen, gerade wie die Wunder der Pyramiden, die weit den Nil hinunter bei Gizeh lagen.
Wir wandten uns nach Osten und passierten Ismailia, Port Said und as-Suways, das der Welt besser bekannt ist als Suez und dessen Ruhm weniger in der Stadt selbst begründet ist als durch den gleichnamigen Kanal, der das Mittelländische Meer mit dem Roten Meer verbindet, seit wenigen Jahren erst, und der kein geringeres Wunder ist als die Pyramiden, beides Monumente menschlicher Taten. Doch wir Reisenden konnten diesem kein Staunen und keine Aufmerksamkeit schenken, denn wir waren ausgezogen, um menschliche Untaten zu vereiteln.
Marijke van Beverningh hatte in ihren mühsamen Nachforschungen, die scheußliche Erinnerungen geweckt hatten, nicht nur den Ort ermittelt, an dem die Sklavenhändler sich regelmäßig einfanden, um die von ihnen entführten Bedauernswerten an widerliche Sklavenhalter zu verkaufen, nein, sie hatte noch mehr erfahren, was uns helfen mochte: die Namen der schlimmsten Schurken. Es war mit diesen nun wie mit vielen Verbrechern – sie trugen farbige und furchteinflößende Namen, von denen man nicht mehr zu sagen vermochte, ob sie sie sich selbst gegeben hatten, um Schrecken zu erzeugen, oder ob sie ihnen von anderen verliehen wurden, aus Furcht und Ehrfurcht gleichermaßen.
Der mächtigste unter den Sklavenhändlern und der skrupelloseste und erfolgreichste zugleich – zwei Dinge, die oft zusammen einhergehen, wenn nicht gar einander bedingen – war, so raunte und munkelte es, ein Mann mit Namen Youssef al-Fuladhy. Und dies bedeutete wohl nicht, dass er aus einem Ort namens Fulad stammte, von welchen es in Persien etliche gibt, sondern dass er sich für einen Mann aus Eisen hielt, oder gar aus Stahl, denn dies bedeutet das arabische Wort. Es mochte aber auch anklingen, dass er einen eisernen Willen, eisernes Verhandlungsgeschick besaß oder dass er seine Schulden nicht mit Gold und Silber beglich, sondern mit der stählernen Klinge. Ich wusste nun aus meiner Erfahrung mit Schurken und Verbrechern, dass die Furchtsamen viel reden, selbst wenn sie das Glück besessen haben, von einer tatsächlichen Begegnung mit den Unmenschen verschont geblieben zu sein. Doch diese meine Erfahrung sagte mir auch, dass dieser Gegner ein gefährlicher sein würde. Denn wer mit Menschen handelte, war selbst der übelste aller Menschen. Und dieser hatte als Kumpan einen nicht minder schlimmen Kerl an seiner Seite, der den Menschen wohl nicht allein als Ware sah, sondern geradezu als Vieh, und seine Opfer mit Brutalität behandelte, indem er oft die Schlagriemen schwang, weswegen er Abu Kurbatsch, Vater der Peitsche, hieß oder eben genannt wurde. Ein gewissenloser Menschenhändler einerseits und ein Sadist und Sklaventreiber andererseits waren also unsere Gegner.
Ich wollte nichts Schlechtes über Sir David und seine schottischen Pappenheimer sagen, den einen kannte ich lange Zeit, die anderen nur eine kurze Weile. Sir David war recht geschickt mit der Jagdbüchse, die anderen beiden wohl wegen ihrer Kämpferqualitäten ausgewählt. Doch war ich froh zu wissen, dass wir bald meinen alten Gefährten und Mitstreiter Halef in unserer Gruppe würden begrüßen können, denn er ist, obgleich klein und keck, ein furchtloser und erprobter Abenteurer und führt das Gewehr und den Yatagan mit gleichem Geschick. Ihm hatte ich noch vor meiner Abreise nach Kairo eine Depesche gesandt und wusste, dass sie ihn erreichen würde, denn ich habe meine Wege zur Übermittlung von Nachrichten, die bislang nie fehlgegangen sind. Und dies, zusammen mit gewissenhafter Planung und dem Überdenken von Reisewegen und Zeiträumen, hat noch stets dazu geführt, dass ich und die Meinen pünktlich zusammentrafen. Manche nennen es Schickung, ich nenne es Geschick. Dies traf auch nun wieder zu.
Wir hatten von Kairo aus den schnellsten Weg zum nördlichen Ausläufer des Golfs von Persien, dem Schatt al-Arab, eingeschlagen, dorthin, wo der Zusammenfluss der mesopotamischen Ströme Euphrat und Tigris sich ins Meer ergießt. Dies hatte uns über den Sinai und durch das Land des Jordan geführt. Gewiss war die Reise voller Strapazen, heiß und sandig. Doch uns trieb der Ruf nach Gerechtigkeit an – zumindest mich. Denn Marijke van Beverningh wollte Rache. Warum, mag mancher fragen, war ich sogleich bereit, diese vom Schicksal geschlagene Frau, die sich doch nie ihrem Los ergeben hatte, zu begleiten? Wer jetzt die Antwort nicht kennt, der kennt mich nicht. Denn ein jeder weiß, dass ich stets den Schwachen helfe, den Starken in Zeiten der Schwäche jedoch gleichviel. Nicht anders als Halef. Und den trafen wir nun. Er hatte sich von den Gründen der Haddedihn, jenem Stamm der Beduinen, dem er durch Freundschaft und schließlich auch Heirat verbunden war und welcher in der Dschesireh, im nördlichen Mesopotamien, seine Heimat hatte, schlicht nach Süden gewandt und war geritten, bis sich unsere Wege trafen.
Ahlan sadiki – hallo, mein Freund!
Wir begrüßten uns herzlich nach den Monaten der Trennung. Sir David und Halef tauschten Ehrbezeugungen aus, wie immer etwas linkisch, aber nicht weniger freundlich. Marijke van Beverningh gegenüber zeigte Halef die Würde, die ein stolzer Beduine mit Familie und Stammesamt einer Dame entgegenbringt, noch mehr, wenn er um deren Schicksal wusste und selbst an deren Befreiung beteiligt gewesen war. Er bot sich als Kämpfer und Beschützer an, und ich empfand bei seinen Worten Rührung und Verbundenheit, wenngleich auch einen seltsamen Schmerz, denn er nannte die Holländerin Sayida, also Herrin, wo doch bislang nur ich stets sein Sihdi gewesen bin, zumindest in Worten.
Den Schotten begegnete Halef von Kämpfer zu Kämpfer, mit Respekt, wenngleich Reserviertheit. Sie mögen sich ohnehin im Wesen gleichen, die Schotten bei den Briten und die Beduinen bei den Arabern. Wenngleich Halef nun ein Sohn des Maghreb, des Nordens Afrikas ist. Aber diese Ungenauigkeit sei mir in meinem Befund erlaubt.
Bei unserer Rast konnte ich Halef über unsere Gegner aufklären, gewissermaßen Kriegsrat halten. Er empörte sich über die Unmenschen, und wie es so die Art meines kleinen Gefährten ist, erregte er sich besonders über ein Detail, und dies gewiss, weil es ihn selbst betraf:
„Abu Kurbatsch?“, knurrte er und legte die Hand, wie oft, wenn er zürnte, auf den Knauf seiner eigenen Nilpferdpeitsche, die in seiner Schärpe steckte. „Wie kann man sich so nennen?“
„Aus dem gleichen Grund, wie sich der Schurke Abu Seif nach seinem Säbel benannte, den er so meisterlich beherrschte.“
Dies war ein heikler oder vielmehr tragischer Punkt in unser beider Abenteurerleben, denn Abu Seif war der Mann gewesen, der Amscha, die Mutter von Halefs späterer Ehefrau Hanneh, entführt hatte – und er war auch der Vater von Hanneh, ebenso von Djamila, von der wir erst vor einem guten Jahr erfahren hatten, als wir sie zufällig bei einem Abenteuer trafen. Nein, gewissermaßen war sie sogar der Ausgang dieses Abenteuers gewesen. Die drei Frauen lebten nun wohlbehalten bei den Haddedihn. Abu Seif hatte bereits vor Jahren seine gerechte Strafe erhalten.
„Aber, Sihdi“, meinte Halef, „man beherrscht doch die Kurbatsch nicht meisterlich, sie ist ein scheußliches Instrument, das selbst der roheste Geselle führen kann.“
Ich schaute Halef zweifelnd an. Aber er selbst hatte doch früher dann und wann …
„Ich sehe deine Gedanken, Sihdi“, sagte Halef. „Doch erinnere dich: Ich habe immer nur mit der Kurbatsch gedroht, sie aber nie benutzt.“
Nun, das war ein wenig untertrieben. Aber ich wollte Halef nicht belehren. Er hatte sich über die Jahre sehr gebessert, was dies anbetraf. Und mit seinem nächsten Satz sprach er die reine Wahrheit:
„Ich war also nie wie dieser Peitschenmann, der den Riemen auf die Rücken der Sklavinnen schlägt. So ein Widerling! Und dumm dazu.“
„Brutale Männer sind meistens dumm, Halef.“
„Kluge Männer geben sich keine dummen Namen mit Waffen! Oder nennst du dich Herr Stutzen nach deinem Gewehr von jenem Schmied al-Eneri?“
Ich lachte leise. „Nein, Halef, das wäre mir nie eingefallen.“
„Na siehst du. Eher könntest du dich Herr des Windes nennen, weil du so gut reiten kannst. Ich möchte dir also schöne Grüße ausrichten, von Rih!“ Er zwinkerte.
Mich befiel neben der Freude auch ein wenig Trauer. Meine Leser werden sich schon gefragt haben, warum Halef nicht meinen prächtigen schwarzen Hengst Rih mit sich führte, der bei ihm gewissermaßen Kost und Logis genießt, wenn ich nicht im Orient bin. Aber ich hatte in meinem Brief an Halef gebeten, er möge Rih in den Gründen der Haddedihn belassen. Da wir Schurken an der Piratenküste oder eben an den Gestaden des Golfs von Persien jagen würden – wer wusste, ob wir nicht selbst ein Schiff oder auch nur ein kleines Boot nutzen müssten. Und meinen Rih am Ufer zurückzulassen, hätte ich nicht verantworten können. So nahm ich also mit einem anderen Ross vorlieb, einem guten Tier, das Sir David mit seinem Kennerblick für mich ausgewählt hatte.
Doch eines musste ich meinen Freund noch fragen: Wie es denn der Schwester seiner Ehefrau, also seiner jungen Schwägerin Djamila, ergangen sei und wie diese nun bei den Haddedihn lebte, im Kreise ihrer Familie, welche sie glücklich wiedergefunden hatte, wobei sie aber auch hatte erfahren müssen, dass Halef einst ihren Vater Abu Seif getötet hatte.
Halef presste die Lippen aufeinander und zuckte mit den Schultern. „Ach, Sihdi, ich glaube ein wenig Groll gegen mich ist noch in ihrem Herzen. Sie hat Abu Seif ja eben nicht wie wir allein als Schurken erlebt, sondern als Vater. Selbst wenn er ein Pirat war, hat er sie doch aufgezogen und so manches gelehrt, was ihr nützlich war, als sie in den Gassen Basras allein auf sich gestellt war.“
Ich nickte. Wer waren wir, dass wir ergründen konnten, was Djamila innerlich umtrieb.
„Aber, Sihdi“, sagte Halef mit leiser Stimme, „die Frauen helfen ihr sehr. Es ist wohl gut, dass ich so oft auf Reisen mit dir bin und nur dann und wann bei den Haddedihn. Die Zeit wird es richten.“ Dann reckte er sich ein wenig. „Ich glaube aber, dass Djamila bald eine tapfere Beduinenkriegerin sein wird, die ihrer Mutter Amscha und ihrer Schwester Hanneh in nichts nachsteht. Und ein wenig habe da auch ich geholfen – schließlich wäre die freche Kleine nie nach Haus gekommen, wenn ich sie nicht verfolgt hätte, nachdem sie uns in Basra bestohlen hatte.“
Ach, mein Halef! Aber wie Recht er doch hatte. Ich hoffte, dass ich die junge Kriegerin bald wiedersehen würde. Und ich ahnte, dass dies zu einem Abenteuer führen mochte.
Wir brachen auf. Sayida Marijke drängte dazu. Sie sprach kaum mit uns, hing ihren Gedanken nach und gönnte sich nur das Nötigste an Schlaf, Wasser und Speise. Ich konnte nur hoffen, dass dies nicht an ihr zehren würde, rein körperlich, wo ich doch wusste, dass ihr Geist und ihre Seele schon von den schrecklichen Erinnerungen verzehrt wurden und von ihrem brennenden Hass nicht minder. Vielleicht würde ich einmal ein Wort mit ihr wechseln müssen und ihr raten, dass kühle Entschlossenheit ein besserer Begleiter auf einer Schurkenjagd war. Doch so höflich und dankbar sie zu uns allen war, so mochte sie doch auf keiner Rast an Gesprächen teilhaben – wie hätte ich mir da erlauben können, sie zu belehren. So war meine nächste Hoffnung also, dass wir so rasch als möglich einen Erfolg in unserem Kampf gegen die Sklavenhändler erreichten, selbst nur einen kleinen, um das zerstörerische Lodern der Rachegöttin zu besänftigen. Ich selbst sah zunächst dem Zusammentreffen mit unserem letzten Mitstreiter entgegen: Scheik Haschim.
Drittes Kapitel
Schurken und Schmuck
Wir hatten bereits die Küste des Golfs von Persien erreicht, jenes Binnenmeers, das manche auch als Grünes Meer bezeichnen möchten, um dem Roten Meer einen Begriff entgegenzustellen. Doch dies wird sich wohl kaum durchsetzen, da es doch nur ein Kopfgespinst von Kartografen ist, die ihre Werke recht farbig gestalten wollen. Man mag nun sagen, dass das Rote Meer ohnehin nicht rot ist – außer bei Sonnenuntergang –, und da Grün die Farbe des Islam ist, man das Wasser zwischen der Arabischen Halbinsel und eben Persien doch ohne Weiteres so bezeichnen könne … aber nein, dies ist doch allzu bunt.
Das Meer war blau und sein Anblick nach Sand, Felsen und den gelegentlichen Oasen sehr willkommen und erheiternd. Selbst Mevrouw Marijke konnte ihre holländische Herkunft und die somit gegebene Verbundenheit mit der See nicht verleugnen und legte eine milde Miene auf, wenngleich sich ihre allgemeine Härte und Unnahbarkeit nur wenig änderten. Es mochte auch sein, dass sie bei den schimmernden Gewässern und den hellen Segeln darauf eben nicht an ehrbare Kauffahrer dachte, sondern nur an Sklavenhändler und Piraten.
Auch ich empfand die Reise an den Gestaden hinab nach Süden nicht als fröhliche Partie. Doch sind Rachedurst und Wuthunger nur schlechte Begleiter, denn sie lassen sich nicht stillen so wie die Bedürfnisse des Leibes. Rasche Reise und künftiger Kampf verlangen Kraft und Ausdauer, und dazu sind ausreichende Mahlzeiten nötig, die mit Freude eingenommen werden sollten, denn dann mag der Körper sie gut verarbeiten.
Es war nun so, dass wir Männer den vom Meer bereiteten Gastmählern tüchtig zusprachen. Frischer Seefisch ist etwas, dem man kaum widerstehen kann, wenn man dergleichen sonst nur geräuchert oder gepökelt auf Tisch und Teller sieht. Dem Briten ist der Hering aus dem Rauch, der kipper, eine ebenso geläufige Frühstückskost, wie es ihm die Sardine im Öl zur Teestunde ist. Ich selbst schätze den Salzhering in allerlei Bereitungen, allen voran das sächsische Häckerle, wenngleich ich wohl weiß, dass dieses aus Schlesien herstammt. Doch nur der frische Fang des Tages enthält all die kräftigen Säfte, die so wohlschmeckend sind und daran gemahnen, dass wir alle einst dem Meer entstiegen sind. Dies mag manchen ein fremder Gedanke sein, doch ich empfehle hierzu die Lektüre gewisser naturwissenschaftlicher Schriften, die sensationell anmuten, doch im Grunde nur wenig der althergebrachten Meinung entgegensprechen: Denn Gott der Herr schuf zuerst das Getier der Gewässer – warum also sollte es dem Menschen als Krone der Schöpfung nicht eine gute Speise sein?
Dies also waren unsere Tischgespräche, mit denen ich unter anderem Halef den Fisch an sich schmackhaft machen wollte, denn dieser Sohn der Wüste fremdelt mit dergleichen allzugern, trotz unserer langen Bekanntschaft und meines steten Strebens, ihm die Leckerheiten des Lebens nahezubringen.
„Nein, Sihdi“, beharrte Halef, „seit ich die Geschichte von Junus kenne, jenem guten Mann, den ihr Ungläubigen Jona nennt und der von einem Fisch verschluckt wurde, mag ich schon gar nichts mehr aus dem Meer essen. Wer weiß, was die Fische alles gefressen haben. Ziegen und Hammel begnügen sich mit Strauch und Kraut, das ist mir sicherer.“
Gut denn. Der eine, Halef, mochte keinen Fisch, die andere, Mevrouw Marijke, begnügte sich mit kärglichem Imbiss, den sie abseits von uns zu sich nahm, den Tisch statt voller Teller und Becher mit Papieren übersät, auf denen sie wieder und wieder die Orte und Namen las, die sie gleichsam führten und verfolgten. Ich konnte der Holländerin nicht näherkommen. Stets suchte ich das Gespräch, um ihr Beistand zu leisten und Hoffnung zu machen, doch sie nahm nur immer knapp die Fakten zur Kenntnis und bedankte sich mit hohler Stimme und leerem Blick. Selbst Sir David bemerkte, dass seine Mrs. van B. sich mit dem Herannahen unseres Reisezielpunkts immer weiter verschloss und oft die Fäuste ballte, die Lippen presste und die Augen kniff, zumindest wenn sie glaubte, wir sähen es nicht.
„Sie scheint mir immer mehr wie eine Auster, so hermetisch gibt sie sich“, sagte Sir David. „Doch in ihr wächst keine schimmernde Perle, sondern eine lodernde Kohle. Und ich fürchte, dass bald die Schale oder eben die Kesselwand gesprengt wird, wenn nicht … beg your pardon, das ist ein unfeiner Vergleich. Doch Ihr wisst, was ich meine.“
Ja, das wusste ich. Und ich hoffte auf eine eigentümlich hilflose Weise, dass Scheik Haschim mit seiner Güte und Weisheit vielleicht etwas dazu beitragen konnte, diese arme, geschundene weibliche Seele, die innerlich so zürnte, etwas zu besänftigen. Ich fürchtete in der Tat die Stunde, an der wir auf die Sklavenhändler treffen würden. Ich wusste ja, dass Frau Marijke ihre Waffen trug, und wann und wo auch immer der Konflikt ausgetragen würde, es würde furchtbar sein. Ich hatte versucht, ihr klarzumachen, was stets meine Ansicht ist, nämlich, dass die Verbrecher nicht zu töten seien, sondern ihrer gerechten Strafe zugeführt werden müssten. Schließlich war der Sklavenhandel im Reich der Osmanen seit zwei Jahrzehnten verboten, und auch wenn Istanbul und die Hohe Pforte fern waren, so trug ich doch meinen Ferman bei mir, meinen Ermächtigungsbrief, durch den ich gegenüber den örtlichen Richtern und Bütteln und Offizieren mit einigem Nachdruck auftreten konnte. Selbst wenn wir die Verbrecher bis nach London treiben müssten, in ihrer höchsteigenen Sklavenkarawane, so würden wir ihnen ein Lebensende bescheren, das nicht aus dem raschen Tod bestand, sondern aus Jahrzehnten im Kerker.
Mancher könnte nun vielleicht fragen, wie dies denn angehen sollte, wo doch die Briten Verträge mit den Emiraten entlang der Golfküste geschlossen hatten, damit deren Piraten nicht mehr den Seeweg nach Indien, der Perle des Empire, unsicher machten? Was ja bedeutete, dass Britannien nur die Wellen des Persischen Meers beherrschte, sich aber an Land nicht in Angelegenheiten einzumischen hatte – wie könnte also England da helfen? Nun, nicht England, aber ein Engländer! Ich hatte den Plan, die gefangenen Verbrecher schlicht auf ein Schiff zu verladen, gechartert durch Barmittel aus der unergründlich tiefen und reich gefüllten Börse Sir David Lindsays, und mit diesem – dann sozusagen britischen – Schiff weiterzufahren. Vielleicht ließ sich auch ein wirklich britisches Schiff finden und als Transporter nutzen. Ich vertraute auf den Einfluss des Lords, ob nun aus Geld- oder Adelsgründen.
Wie ich also über die Schurken und das Meer nachdachte, kam mir ein Gedanke, den wohl Halef angestoßen hatte, mit seiner Erwähnung des Jona oder Junus. Ich wusste nun, dass von einem sehr alten Friedhof im persischen Isfahan die Legende geht, auf ihm sei Josua, der Sohn des Nun begraben. Der eine oder andere bibelfeste Zeitgenosse mag sich nun empören, wie ich denn hier vom einen zum anderen käme, denn Junus und Josua Ben Nun seien wohl allesamt in der Schrift erwähnt, hätten doch aber gar nichts miteinander zu schaffen und seien zudem durch Jahrhunderte getrennt. Ich würde entgegnen, dass ich beileibe nicht fahrlässig mit heiligen Schriften oder deren Personal umginge, seien es Bibel, Koran oder Torah. Aber da ich nun ein literarischer und auch musikalischer Mensch bin, seien mir auch rein lautliche Assoziationen erlaubt, zumal ich ja im biblischen Namensbereich bleibe. Ich hätte auch noch eine klangliche Volte zu Noah schlagen können, der im arabischen Nu heißt – aber nun, ich will die Anklänge und Gleichlaute nicht überstrapazieren. Doch jene Eingebung mag als Beleg dienen, dass Namen doch mehr sind als Schall und Rauch, wenngleich Schall und Rauch offensichtlich Zutaten eines Abenteuers sind. Also: Was nutzte mir mein klanglicher Gedankenweg zum Friedhof von Isfahan? Dieser Friedhof hieß aus mir unbekannten Gründen Tacht-e-Fulad, was „Thron aus Eisen“ bedeutet. Ich fragte mich, ob jener oberste Sklavenhändler und Verbrecher, Youssef al-Fuladhy, sich vielleicht auf dergleichen bezog und möglicherweise Perser wäre. Dies weckte schlimme Erinnerungen, denn die beiden Feinde, die ich jüngst besiegt hatte, Ahmar Al-Kadir und sein Bruder Kara Nirwan, genannt der Schut, waren ebenfalls Perser gewesen.
Ich will nun nicht alles Böse in Persien verorten; nichts läge mir ferner, als diese große alte Kulturnation und ihre Menschen derart zu schmähen. Der große Kant aus Königsberg hatte ja einst vermerkt, dass die Araber die Spanier des Orients seien, die Perser jedoch die Franzosen Asiens. Wenn ich als Deutscher also, trotz aller historischen und jüngsten Probleme, nichts gegen Franzosen habe, wieso dann gegen Perser?
Aber ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier und jetzt vielleicht aller schlechten Dinge drei sein mochten …
Als wir am Golf von Bahrain entlangritten, die namensgebende Insel vor der Küste im Blick, kamen vom Landesinnern drei Reiter heran. Sir David und die Schotten waren alarmiert, doch ich erkannte, nein, ich spürte, dass hier keine Gefahr nahte, sondern der langersehnte Freund.
Scheik Haschim zügelte sein Ross und grüßte.
„Salaam, Kara Ben Nemsi.“
„Salaam, Haschim.“
Wir musterten einander. Haschim zeigte das milde und weise Lächeln, das ich vermisst hatte, ohne dass es mir bewusst gewesen war.
„Ihr seid ohne Rih“, bemerkte Haschim.
„Und Ihr ohne Risha“, gab ich zurück.
„Wohl aus den gleichen Gründen“, nickte Haschim, und er hatte Recht. So wie ich meinen schwarzen Hengst, hatte er seine weiße Stute in guter Obhut belassen, wenngleich ich nicht wusste, wo dies sein mochte. Denn Haschim war als Reisender noch unsteter, als ich es war. Ich kehrte ja, wie jüngst, regelmäßig in meine Heimat und meine Schreibstube zurück. Von Haschim wusste ich jedoch nicht, ob er überhaupt noch ein Domizil in seiner Heimat besaß. Er entstammte dem Königsgeschlecht der Haschemiten, welche über den Hedschas herrschen, wie der westliche Teil der Arabischen Halbinsel genannt wird, und somit über die heiligen Stätten von Mekka und Medina. Haschim nun, obgleich Prinz, hatte seinen Thronanspruch zugunsten seines jüngeren Bruders abgegeben, um sich dem Studium der Wissenschaften und allerlei anderer Künste zu verschreiben und zum Erlangen von Kenntnis und Erfahrung nun durch den Orient zu reisen, wo ich ihm im vergangenen Jahr begegnet war. Es war nun an jenen anderen Künsten, die Haschim erlernt hatte und noch immer erlernte, etwas Besonderes. Sie mochten von abergläubischen Menschen auch die okkulten oder arkanen genannt werden, doch ich für meinen Teil glaubte daran nicht. In meiner jüngsten Zeit im Abendland hatte ich ein wenig darüber nachgedacht und war zur Ansicht gelangt, dass alles, was ich bislang in diesen Belangen erlebt hatte, wohl doch auf den Einfluss des Morgenlands zurückzuführen war, das die Sinne, wenn nicht betäubt, so doch empfänglich und schwärmerisch macht – so wie wir alle es aus den Märchen, ja, Märchen, aus Tausendundeiner Nacht kennen. Und von jenem Traum umfangen gebiert der Geist der Vernunft die Geister der Phantasie, die manchen gar zu weit von der Wahrheit forttragen.
Aber genug der Träumereien – ein klar denkender Mensch fragt nun, wie ich denn Haschim einen Brief hatte zukommen lassen können, wo er doch scheinbar rast- und wohnsitzlos durch den Orient reiste und heute hier, morgen dort zugegen war. Nun, Haschim hatte aufgrund seiner Herkunft die nötigen Mittel und auch seine Vertrauten, und so hatte ich von ihm bei unserem Abschied im vergangenen Jahr eine Adresse erhalten, die eines Mannes in Medina, der stets über den Aufenthalt Haschims unterrichtet war. Dieser Mann, Abu Ben Agar, vormalig aus Aleppo stammend, hatte seine Wege, wiederum Haschim an allen Orten des Orients rasch zu erreichen. Ich vermutete durch Brieftauben oder dergleichen, denn Haschims edler weißer Falke Manakir hatte mir zwar auch dann und wann eine Botschaft überbracht, als wir auf dem Balkan und in Kurdistan Abenteuer erlebten, aber Manakir befand sich stets bei Haschim und eben nicht in Medina.
Haschim war nun – wie er beiläufig erzählte – von Riad hergekommen, welches im Naschd liegt und somit unter Herrschaft des Hauses Saud. Dort hatte er in den Ruinen der alten Stadt Hadschar al-Yamama und auch in Al-Chardsch nach Dingen gesucht, die Musailima Ibn Habib betrafen, den sogenannten falschen Propheten, der vor zwölfeinhalb Jahrhunderten lebte und wirkte, in jener Zeit, als noch nicht alle Araber Muslime waren.
Ich fragte nicht weiter, was Haschim dort zu finden gehofft hatte. Mir war nicht nach Mystischem.
„Tragt Ihr noch den Musaddas?“, fragte Haschim.
„Ach, den Sechseckring?“, gab ich zurück. Das war jener Goldreif aus dem Besitz Al-Kadirs, den ich während unseres ersten gemeinsamen Abenteuers und dem Kampf gegen Al-Kadir und den Schut mit mir geführt hatte. Im Kampf gegen den Schut war das hübsche Ding ein wenig verbogen worden, doch Schimin, der Schmied hatte es wieder in seine eigentümliche Form gebracht. Und ja, ich trug ihn bei mir, an meiner Uhrenkette, als kleines Schmuckstück, wenngleich ich nicht eitel bin. Es mag etwas Nostalgie dabei sein. Dass ich die Uhr überhaupt trug, gegen meine Gewohnheit, wenn ich im Orient weile, hatte mit der jüngsten Passage per Schiff zu tun. Im Morgenland mag die Zeit wenig gelten, im Abendland umso mehr. Ich klopfte auf meine Westentasche und bejahte Haschims Frage.
„Dann mag es gut sein“, sagte er geheimnisvoll und lächelte. Damit wandte er sich den anderen zu und begrüßte sie. Halef und Sir David kannte er gut, und so erbot er der fremden Dame besondere Höflichkeit.
„Salaam, Sayadina Maryam. Kara Ben Nemsi schrieb mir von Euch, als er mich rief. Ihr erlaubt, dass ich Euch in Ehrerbietung diesen Namen gebe, um nicht den Euren zu unschönen Lauten aus meinem Munde werden zu lassen, denn meiner arabischen Zunge fällt es schwer, den Wohllaut des Holländischen gerecht nachzuahmen.“
„Danke, Scheik“, sagte Marijke van Beverningh. „Ich nehme die Ehre an, denn alle diese Namen rühren ja von Maria her, der Mutter Gottes.“ Sie schaute streng, als erwarte sie eine Reaktion des Scheiks.
Doch Haschim verneigte sich. „So steht es geschrieben und so sei es“, sprach er.
„Gut denn, reiten wir weiter“, befahl Frau Marijke. „Dank Euch, Scheik, dass Ihr weitere Krieger mitgebracht habt.“
Die beiden erwähnten Reiter waren Beduinen, zwischen deren Turban und Gesichtstuch nur die harten Augen hervorschauten. Sie waren schwer bewaffnet, mit Gewehren, Pistolen, Dolch und Säbel, und wirkten in ihrer Haltung tatsächlich wie die Leibgarde eines Prinzen, jedoch ohne allen Prunk. Ich sah, wie sich die Blicke kreuzten, zwischen ihnen selbst und den Schotten Sir Davids. Doch es lag keine Rivalität darin, sondern ein Erkennen von Männern gleicher Seele, selbst wenn sie von Blut und Herkunft tausend Meilen getrennt waren.
Ich glaubte, dass wir mit diesen vier Kämpfern gut gewappnet waren, wenn wir auf die Sklavenhändler trafen. Womit ich aber meinen alten Gefährten Halef und Sir David nichts absprechen wollte. Ebensowenig Haschim. Und noch weniger mir selbst.
Viertes Kapitel
Eine Karawane
Wir ritten also weiter, nach Süden, zur Halbinsel von Katar.
Ich fragte mich nun, warum die Nachforschungen Marijke van Beverninghs ausgerechnet einen Hinweis auf Katar ergeben hatten. Ich selbst wusste, wie die schreckliche Maschinerie des Sklavenhandels rund um Arabien ihre Räder und Achsen gesetzt hatte. Im Osten des mittelländischen Meeres, der levantinischen Küste, kreuzten die Piratenschiffe, um dort, wie es der Holländerin widerfahren war, europäische Frauen mit weißer Haut zu entführen. Gewiss war dies eine heikle Jagd für die Verbrecher, denn wo europäische Frauen waren, waren auch europäische Männer und auch Soldaten der Kriegsmarine, vorrangig der britischen, welche die Handelswege schützten. Doch wenn erst die bedauernswerten Opfer gefangen waren, hatten die Sklavenhändler leichtes Spiel: Die Frauen wurden wie Ware auf Karawanen verteilt, welche sich dann auf geheimen Routen zwischen den Meeresküsten bewegten und dabei das nördliche Arabien durchmaßen. Wir hatten den gleichen Weg genommen, waren aber niemandem begegnet – welch ungerechtes Glück für die Menschenschinder. Aber sie konnten sich leider auf solches verlassen. Denn gemeinhin begegneten sie auf ihren Wegen ohnehin nur Türken oder Arabern, die, ich muss es leider erwähnen, dem Sklavenhandel gleichgültig gegenüberstanden, sei es aus jahrhundertelanger Gewohnheit oder weil es ihnen nun von den europäischen Mächten verboten war. Und warum sollten sie auch fremde Frauen befreien? Es mochte auch eine Rache dafür sein, dass sich die Abendländer als Herren der orientalischen Lande aufspielten.
Am wahrscheinlichsten aber herrschten nur schlichter Geschäftssinn und Gier nach Gold. Dies wird nun befördert, wenn man keine Strafe befürchtet. Und derart sicher fühlten sich die Scheiks und Emire, welche vom Sklavenhandel profitierten. Der Westen und das Innere Arabiens gehörten zum Osmanischen Reich, die Emire der Ostküste waren frei von Istanbul und der Hohen Pforte, und London und das Empire ließen sie gewähren. Das Nichteingreifen in innere Angelegenheiten ist ein hohes Gut und jeder großen Macht gegenüber Schwächeren angeraten – doch wenn es um Verbrechen und Versklavung geht, sollte Menschenrecht herrschen, welches über dem Willen von kleinen Fürsten und Königen zu stehen hat.
Jene Emire regierten also am südwestlichen Rand des Golfs von Persien. Warum reisten wir dann nicht nach Oman, nach Dubai? Aber nun, was wusste ich schon von den Handelsgepflogenheiten der Verbrecher? Vielleicht stammten die Sklavinnen, die nun verkauft werden sollten, aus einem Beutezug nahe Persien oder gar Indien. Auch dort mochten sich die begehrten weißen Frauen finden lassen, und einem arabischen Herrn würden Europäerinnen und Inderinnen gleichermaßen exotisch und begehrenswert sein, nicht weniger als Frauen aus Afrika. Mir waren die Unterschiede ein Gleiches, so wie das Unrecht stets gleich schwer wog. Ich wollte ein jedes vereiteln oder rächen, so es mir denn gegeben war.
Kurz vor Sonnenaufgang sahen wir vor uns eine Karawane, die von Osten herkam, während wir aus Westen ritten. Wir hatten wie zuvor nur eine kurze Nachtruhe eingelegt und waren zeitig wieder aufgebrochen. Als die Linie der Kamele zu erkennen war, verspürte ich leise Enttäuschung. Es wäre mir lieber gewesen, wenn wir die Karawane entdeckt hätten, als sie noch im Nachtlager gerastet hatte. Dann hätte ich mich heranschleichen und spähen und vor allem lauschen können, um zu erfahren, um wen es sich handelte. Nun blieb nur der Blick aus der sicheren Ferne mit dem Teleskop. Ich zog also mein Fernrohr aus und schaute hindurch. Haschim war neben mir und tat es mir gleich.
Ich erkannte zunächst die schwere Bewachung. Große Männer mit schwarzen Gesichtern und langen Säbeln schritten neben Dromedaren einher, die schlank und kräftig waren, gezüchtet zum schnellen und ausdauernden Laufen, mit leichten Sätteln. Als ich mich fragte, warum diese afrikanischen Hünen zur Reiterei eingeteilt waren, wo sie doch mit ihrem Gewicht jenen Vorteil der Renndromedare zunichte machen würden, erkannte ich kleinere, arabische Männer, über deren Schultern Gewehre ragten. Ob sie nicht im Sattel saßen, um die Kamele frisch zu halten, oder sich nur die Beine vertreten wollten, vermochte ich nur zu ahnen. Ich sah auch einige Pferde von nicht übler Zucht, und auf ihnen ritten wohl die Führer der Karawane und die Händler. Ich will nun nicht urteilen, dass diese Männer nicht wie Sklavenhändler ausschauten – der Anschein trügt oft, wie ein jeder weiß, zumal sich Verbrecher nur allzu gern als ehrliche Geschäftsleute ausgeben. Und Äußerlichkeiten täuschen ebenso: Wer glaubt, dass alle Schurken hässlich und narbenbedeckt wären, wie in schundhaften Sensationsromanen geschildert, der kennt die Wirklichkeit nicht, wie ich sie kenne. Und auch ein anständiger Kaufmann mag Blessuren tragen und von schlechten Geschäften gebeutelt sein und dementsprechend finster dreinblicken.
Deutlicher aber als die Menschen zeugten wohl die Waren davon, um welche Art Karawane es sich hier handelte. Etliche Lastkamele, schwer beladen mit Ballen und Kisten, schritten schwankend einher, und es war keine weibliche Fracht zu sehen, die doch in Sätteln oder Sänften hätte sitzen müssen. Die Güter dieser Karawane waren wertvoll, wovon die Wachen zeugten, doch waren es wohl Tuche, Spezereien oder sonstiges, aber keine Menschen. Ich erinnerte mich an die Perlenschätze des persischen Golfs und an die mutigen Männer, die in den flachen Gewässern vor den Küsten Omans und Abu Dhabis nach Austern tauchten, um mit jenen die im Innern verborgenen kleinen Perlmuttgebilde emporzuholen. Es mochten sich also auch Beutel mit schimmerndem Inhalt an den Gürteln der Kaufleute befinden, welcher allein die abschreckende Bewachung rechtfertigte. Ob diese allerdings nicht erst die Räuber anzog, war etwas, das nicht ich zu bewerten hatte, sondern die Händler. Ich wusste nur, dass dies nicht die Männer waren, die wir suchten, nein, jagten. Vielleicht würden wir jenen noch auf dem Weg nach Dauha begegnen, der Hauptstadt Katars an der Ostküste der Halbinsel, jene Stadt, die manche modern auch Doha nennen. Die Chance, sie in der Wüste zu stellen, wäre mir recht lieb gewesen, denn erst einmal in der Stadt angelangt, am Ort des Sklavenhandels, hätten wir nicht allein die Schurken gegen uns, sondern gewiss auch die örtlichen Büttel und Soldaten. Wir waren Fremde, gar Europäer. Wir durften auf keine Hilfe hoffen, zumal wir ja auch die Erlöse gewisser Profiteure schmälern würden.
Doch der Weg nach Dauha war noch lang, vielleicht war uns das Schicksal gnädig, oder mehr noch: den gefangenen Frauen. Den Schurken weniger.
Ich ließ das Fernrohr sinken. Haschim spähte noch immer.
„Nun“, sagte ich, „wir werden weiter reisen und suchen müssen. Es wäre auch zu trefflich gewesen, bei unserer ersten Begegnung die Gesuchten zu finden.“
„Das Schicksal ist stets gnädig, Kara Ben Nemsi. Die Frage ist, für wen.“
Ich nickte, dem konnte ich zustimmen, in aller Allgemeinheit.
„Dann lassen wir diese Karawane ziehen“, meinte ich. „Sie mag hilfreich sein, denn die Sklavenhändler werden sie wohl meiden, nicht aus Gefahr der Entdeckung, sondern aus Gründen der Rivalität.“
Haschim wandte den Kopf und blickte mich an. „Ihr habt nicht verstanden, Kara Ben Nemsi. Schaut noch einmal. Und nutzt den Musaddas!“
Haschims Forderung verwunderte mich, und mehr noch der etwas ungehaltene Klang seiner Stimme. Ich war ein wenig verstimmt, wollte aber glauben, es läge daran, dass wir eben zwei Männer mit starkem Willen und Eigensinn waren, und nun einige Monate getrennt gewesen, sodass sich eine gewisse Fremdheit ausgebildet hatte. Zudem waren wir ja auch noch nicht allzu lange Zeit Gefährten gewesen, da konnte so etwas schon geschehen, anders als zwischen mir und Halef oder Sir David, wenngleich Letzterer ja ohnehin seine charakterlichen Besonderheiten hatte, die manch anderer seltsam, zumindest aber überspannt nennen mochte – oder eben: britisch.
Dass Haschim aber zum zweiten Mal den Sechseckring ansprach, war mir nachgerade unangenehm. Als würde er diesen und mich als eine Einheit ansehen oder mich nur als vollständig begreifen, wenn ich den güldenen Tand nutzte. Ich spürte einen Druck im Magen, den ich nicht als Zorn begreifen wollte, eher als ein Unwohlsein aus Enttäuschung heraus. Aber diese Gefühle kannte ich allzu gut, und um sie handelte es sich nicht. Es war auch kein Hunger oder dergleichen, dennoch kam mir dieses Brennen auf ungute Weise vertraut vor. Ich hatte es damals oft verspürt, bei unseren gemeinsamen Abenteuern, immer wenn es hieß, dass jemand – Magie wirkte. Oder ein Zauber herrschte. All dies, was ich in den arbeitsamen, aber auch ruhigen Stunden in der Heimat abgetan, bezweifelt, fast verdrängt hatte und was mir nur auf den beschriebenen Seiten wahrhaftig vorkam, jedoch nicht mehr gegenwärtig war. Ich hatte Traum und Wirklichkeit geschieden – oder zumindest geglaubt, dies zu tun oder zu vermögen.
Kaum aber, dass ich wieder im Orient war, an der Seite Haschims, begann ich erneut diese seltsame Macht zu fühlen, die ich zum ersten Mal verspürt hatte, als wir Al-Kadir begegnet waren und ich ihn in einem Duell besiegt hatte. In einem Duell mit einem magischen Schachspiel. Denn Al-Kadir war ein Zauberer gewesen. Und auch Haschim war nicht nur ein Prinz und ein Gelehrter, auch er sollte ein Magier sein.
Ich lachte leise in mich hinein. Ich wurde wohl wunderlich, in meinen durchaus noch jungen Jahren. Aber noch seltsamer: Ich schien mich vom wahrhaftigen Reiseschriftsteller, der nur wiedergibt, was er erlebt hat, zum wahnhaften Märchenerzähler zu wandeln.
Nun, gegen Vermutungen gibt es ein probates Mittel: den Versuch. Um sich und andere zu überzeugen. Also griff ich in meine Westentasche und holte den Musaddas hervor, den ich aus einer Laune heraus bereits vor einiger Zeit von der Uhrkette gelöst hatte. Als hätte ich dergleichen geahnt … Nein, es hatte andere Gründe gehabt, doch sie waren mir entfallen.
Ich wollte den Musaddas nicht wie ein Monokel vor die Augenhöhle klemmen und dann durch das Perspektiv spähen, und so schob ich den Ring flugs über das Okular des Fernrohrs, wohin er erstaunlicherweise gut passte, und schaute durch dieses jetzt so golden bewehrte Teleskop.
Unfassbar, was ich nun sah!
Die schwarzen Wachen und die kleinen Reiter waren unverändert, ebenso die Männer auf den Pferden, doch auf den Lastkamelen zeigte sich – die wahre Natur der Fracht! Ich sah dort keine Kisten und Ballen mehr, keine Säcke und Bündel. Stattdessen schwankten auf den Höckern der Dromedare zierlich gezimmerte Plattformen mit erhöhten Rändern, voller Kissen und mit aufragenden Stangen daran, die Baldachine zum Sonnenschutz trugen, von denen auch zur Seite gebundene schleierdünne Vorhänge hinabhingen. Und sanft auf diesen bequemen Lagern ruhend, sah ich – Frauen! Sie schliefen wohl. Die Gesichter waren verhüllt, doch erkannte ich hier eine Hand, einen Arm eine Schulter, und deren Haut war hell und weiß.
Doch waren diese Frauen die Opfer von Sklavenfängern oder der Harem eines reichen Mannes? Ich will damit nicht aussagen, dass eine Frau im Besitz eines Haremshalters nun keine Sklavin war. Es galt hier nicht, moralisch zu denken, sondern rein faktisch über das, was ich sah. Würde eine Sklavenkarawane ihre menschliche Fracht so gänzlich frei mit sich führen? Ich sah keine Fesseln oder gar Ketten, selbst wenn es nur die feinsten gewesen wären. Und solcherlei Sicherheitsmaßnahmen müsste es doch geben, auch bei all der Bewachung. Denn wenn eine Sklavenkarawane überfallen würde, etwa von rechtschaffenen Menschen, und die Sklavinnen wollten fliehen – würden die Bewacher diese wohl erschießen? Dann – man verzeihe meine Worte, ich versetze mich nur in die Gedanken von Schurken – wären ihre Waren doch dahin, noch bevor sie die Angreifer vielleicht besiegt hätten.
Ich wollte nun keine allzu einfache Rechnung aufmachen, nach der es ohne Ketten keine Sklavinnen gäbe. Aber ich wollte auch keine Männer angreifen, die so lebten, wie es ihre Tradition vorschrieb, nur weil die meine eine andere war.
„Ich sehe Euch grübeln“, flüsterte Haschim. „Aber ich ahne, dass Ihr über das nachdenkt, was Ihr nun seht, und nicht, warum Ihr es zuvor nicht gesehen habt!“
Nun ja, ich hatte die Sänften für Frachtballen gehalten, was ein unverzeihlicher Fehler war, aber vielleicht erklärbar mit …
„Magie, Kara Ben Nemsi“, sagte Haschim. „Die Sklavenkarawane führt nicht nur Bewaffnete, sondern auch einen Zauberer zum Schutz mit sich. Er hat den Anblick der Fracht für das Auge der Uneingeweihten verwandelt. Ihr aber seht das wahre Wesen der Dinge durch den Musaddas. Und weil Euch eine weitere Gabe zuteil wurde, könnt Ihr auch anderes schauen. Blickt noch einmal hindurch und öffnet Euren Geist.“
Ich wunderte mich, dass ich Haschims Wunsch folgte – doch nicht, weil ich diesem entsprechen und Haschim zu Gefallen sein wollte, sondern weil ich selbst etwas verspürte, eine Ahnung, die ich früher als Zeichen von Gefahr begriffen hatte, etwa wenn Feinde nahten. Nun war dies etwas anders … aber einerlei. Ich schaute durch das Teleskop mit dem Musaddas erneut auf die schlafenden Frauen und sah nun tatsächlich das, was mir zuvor verborgen war: Um Hälse und Handgelenke, auch um die Fußknöchel der weiblichen Wesen sah ich dünne, schimmernde Linien gewunden wie schwach leuchtende Schnüre. Und all diese führten von ihnen fort, von den Dromedaren, nein, durch die Dromedare nach vorn, wo die Führer der Karawane auf ihren Pferden ritten, bis hin zu einem dünnen Mann im Sattel mit glattem Gesicht und kralligen Händen, in deren Fingern er die Enden jener Fesselleinen hielt. Dies sollte also der Zauberer sein, und er hielt mit magischen Banden die Frauen – und diese waren somit Gefangene, Sklavinnen, und die Karawane eine von Sklavenhändlern!
Ich blickte Haschim entsetzt an. Magie! Und ich konnte sie kaum leugnen, denn was ich da sah, war keine Fata Morgana oder Sinnestäuschung meinerseits, die ich irgendwie hätte erklären können. Meine Nüchternheit, die ich mir in den Monaten am heimatlichen Schreibtisch erarbeitet hatte, war mit einem Schlag von mir gewichen. So war es also, im magischen Orient. Kaum war ich wieder zugegen, irrlichterte der Zauber um mich her. Aber ich wollte mich nicht allzu weit auf diesen fremden Pfad begeben, sei es gedanklich oder tatsächlich. Mochten die Männer der Karawane sich eben übernatürlicher Werkzeuge bedienen! Ob die Ketten nun aus Magie oder aus Eisen bestanden – man würde sie zerbrechen können! Und die Sklavenhändler mochten einen Zauberer unter sich haben – sie selbst waren dies wohl kaum und noch weniger Dschinne oder Dämonen, sondern schlichte Menschen!
Ich spähte erneut durch das Fernrohr und nahm die beiden Anführer ins Visier, deren Gesichter ich jedoch nicht ausmachen konnte. Der eine trug Turban und Gesichtstuch, er war groß und beleibt, doch muskulös. An seiner Seite erkannte ich einen großen Säbel, dessen Scheide und Griff golden glänzten und von denen grün blitzende Reflexe ausgingen. Ich nahm das Auge vom Okular – dies war kein Zauberwerk, sondern es waren Edelsteine, Smaragde wohl, in denen sich das Licht der Morgensonne brach. Vielleicht war es aber auch nur buntes Glas.
Der zweite Mann, klein und drahtig, wie mir aus seiner Haltung vermittelt wurde, da er in eine dunkle Dschellaba mit Kapuze gehüllt war, trug an der Seite eine Peitsche, neben der die Nilpferdgerte meines Halef wie ein Spielzeug wirkte. Mit einer solchen Kurbatsch würde sich wohl ein Mann schmücken, der sich selbst Abu Kurbatsch nannte.
Wieder schaute ich zu Haschim. Er nickte. Dies waren die Gesuchten!
Wir tauschten Blicke aus, denn die Namen konnten wir nicht laut ausrufen, weil unsere Gefährten in unserem Rücken sie hätten hören können. Und wenn sie erführen, dass Abu Kurbatsch und wohl auch Youssef al-Fuladhy sich direkt vor uns befanden – was würde wohl geschehen? Ich fürchtete, dass Marijke van Beverningh in ihrem Schmerz und ihrer Wut etwas Unbedachtes tun könnte. Ich hoffte, sie würde nicht töricht und lebensmüde handeln – aber konnte ich mir sicher sein? Eine gequälte Seele und brennender Zorn mochten eine Reaktion ergeben wie Karbid, das man mit Wasser versetzt: Wehe dem, der in der Nähe des verschlossenen Gefäßes weilte!
Aber was war mit uns selbst? Sollten wir angreifen? Rasch und ungeplant, nur weil sich die Gelegenheit ergab? Ich war stets darauf bedacht, mit Besonnenheit und Planung solcherlei Dinge anzugehen, wusste aber wohl, dass auch das Unvermittelte zum Erfolg führen konnte, wenn es Erfahrung und Instinkt gab, auf die man bauen konnte.
Haschim erkannte meine Gedanken – nein, gewiss las er sie nicht, denn ihm waren Einfühlungsvermögen und Auffassungsgabe geschenkt.
„Nein“, flüsterte er. „Wir könnten sie überwältigen, gewiss. Doch nur, wenn es Sklavenhändler wären, wie es sie gemeinhin gibt.“
Mir fuhr es brennend durch den Leib – waren die Männer doch …?
Haschim deutete auf den dünnen Mann bei den Anführern.
„Er hält, wie man so sagt, die Fäden in der Hand. Doch kann man sie ihm nicht entreißen. Dieser Mann der Schwarzen Künste ist mit den Seelenfasern der Sklavinnen verbunden. Ein Ruck, ein Gedanke, und die armen Geschöpfe …“
„… sterben?“
„Nein, ihre Seelen würden ihnen entrissen und sie selbst lebten weiter, willenlos und verdammt.“
„Das mag manchen Sklavenhalter nicht stören. Aber wir können sie nicht dieser Gefahr aussetzen. Was nützte ihnen ein freies Leben, wenn sie ihrer Seele bar wären.“
„Und ich vermag diesen Zauber nicht zu bannen. Der Nigromant hat seine eigene Seele verflochten – ja, Kara Ben Nemsi, er besitzt noch eine solche. Aber er ist selbst ein Sklave und muss stets neue Frauen in die leuchtenden Bande schlagen, denn er zehrt auch ein wenig von deren Kraft. Das ist sein Lohn und sein Leben. Würden wir ihn töten oder bedrohen …“
„Ich habe verstanden. Wir können erst eingreifen, wenn er die Fesseln selbst gelöst hat. Am Zielort der Karawane.“
„In Dauha. Auf dem Sklavenmarkt.“
„Und dieser wird nicht unter freiem Himmel stattfinden, sondern heimlich, in einer Behausung …“
„Ich sehe, es schmerzt Euch. Und Sayida Maryam wird es noch tiefer schmerzen. Wir müssen den Männern still folgen.“
Ich nickte und schob das Teleskop ineinander. Wir würden den anderen die Lage erläutern und uns den Notwendigkeiten beugen. Ich sah bereits unseren Vorteil – in der Stadt würden wir eine größere Chance haben, rasch mit den Befreiten zu fliehen. Und dies auch – jene, die mich kennen, verwundert es nicht –, ohne die Schurken zu überfallen oder töten zu müssen. Ich hatte ja andere Pläne mit ihnen.
Fünftes Kapitel
In Dauha
Es behagte mir nicht, Marijke van Beverningh eröffnen zu müssen, dass wir eine Sklavenkarawane ausgemacht hatten, diese aber nicht angreifen konnten, sondern ihr in weitem Abstand bis nach Dauha folgen mussten. Als Grund gab ich vor, dass die Verbrecher gut bewaffnet waren – was eigentlich kein Hindernis sein sollte, denn das waren wir auch, noch dazu gute Kämpfer. Ich mahnte aber vor der Gefahr eines Angriffs, da dann die Sklavinnen verletzt werden könnten. Und zwar nicht durch fehlgehende Schüsse, sondern weil die Sklavenhändler wohl skrupellos genug wären, die Frauen zu töten, bevor sie in die Hände anderer gerieten, seien es Konkurrenten oder Befreier. Ich verschwieg die magische Natur der Fesseln, wies aber darauf hin, dass wir vielleicht Schwierigkeiten haben könnten, diese hier vor Ort zu lösen, und selbst dies mit Gefahren für die Sklavinnen verbunden sei. Ich sagte vage etwas von Gift, und Haschim bestätigte mich. Die anderen glaubten uns: So etwas trauten sie den Schurken zu. Halef aber hatte mir sehr wohl angesehen, dass es sich um etwas anderes handelte – denn er kannte seinen Sihdi gut. Und die Magie des Orients.
Sir David stimmte mir aus anderen Gründen zu.
„In der Tat halte ich es für geschickter“, verkündete er, „erst in Dauha zuzuschlagen, denn dort können wir nicht nur diese slave-traders zur Strecke bringen, sondern auch die Hintermänner und Hehler und was sonst noch an Gelichter dort sein Unwesen treibt. Wir warten also ab und greifen nicht an. Das ist strategisch und taktisch klug.“
Der Lord fühlte sich gewissermaßen als militärischer Berater unserer Strafexpedition, da er ja zwei Soldaten mit Unteroffiziersrang befehligte. Obgleich ich mich darüber wunderte, dass Sir David nicht seinen üblichen Anspruch der Unbesiegbarkeit oder zumindest Übermächtigkeit propagierte, so war ich froh, dass er die aktuelle Gefahr für die gefangenen Frauen bedachte – welche auch immer diese sein mochte.
Marijke van Beverningh überlegte kaum und stimmte zu, wenngleich ich sah, wie sie innerlich schwankte und es sie schmerzte, ihrer Rache noch nicht nachgehen zu können. Dennoch entschied sie sich richtig. Ich bewunderte ihre strikte Konzentration, denn ich selbst bin, wenngleich ebenfalls zielstrebig und hartnäckig, doch stets auf vielerlei bedacht und aufmerksam. Denn ich gebe ja nicht nur auf meine Umwelt in all ihren Facetten Acht, um mich und die Meinen zu schützen, sondern weil ich eben auch allem meine komplette Sinneshingabe erteilen muss, um später genau darüber berichten zu können. Doch die Holländerin schien mir allzu sehr auf ihr eines Ziel ausgerichtet. Sie hinterfragte also meine Aussagen und Einschätzungen nicht. Dies mochte daran liegen, dass sie mir vollends vertraute. Aber jenes völlige Fehlen von Neugierde oder Interesse verwunderte mich doch. Man verstehe mich nicht falsch: Ich meine damit nicht, dass ich davon ausging, eine Frau müsse allein ihres Geschlechts wegen stets alles ganz genau wissen wollen. Ich fürchtete hingegen, dass solcherart Scheuklappen einem jeden den Überblick nehmen und ihn auch Gefahren übersehen lassen. Gleichzeitig blickt man starr nach vorn – und sieht vielleicht Feinde, wo keine sind, weil man partout welche erkennen und unschädlich machen will. Deshalb fürchtete ich eine etwaige unbedachte Handlung jener so tapferen, aber vielleicht auch unberechenbaren Frau. Ich gebe zu: Marijke van Beverningh war mir ein verschlossenes Buch. Wer wusste, was geschah, wenn es geöffnet wurde …
Entlang der östlichen Küste von Katar ritten wir auf Dauha zu. Hier gab es im Landesinnern Salzwüsten und am Meer weite Mangrovensümpfe. Der beste Hafen von Katar lag in der Bucht von Dauha, der nächste vergleichbare in dieser Gegend erst wieder jenseits des von Inseln durchsetzten arabischen Golfs, an der Küste von Abu Dhabi bis zu Musandam.
Dauha nun war eine Stadt oder vielmehr Siedlung von kurzer, aber bewegter Geschichte. Sie wurde erst vor einem halben Jahrhundert gegründet, war jedoch danach stets örtlich und schicksalhaft mit dem nahen und kaum eineinhalb Jahrhunderte älteren Al-Bidda verbunden – insofern, dass europäische Chronisten beide verwechselten und gleichsetzten, von den unterschiedlichsten Schreibweisen von Engländern und Deutschen ganz abgesehen. Dies sind jedoch lässliche Dinge, bedenkt man die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Stämmen und Nationen, die hier tobten. Zweimal wurde die Doppelsiedlung zerstört, im Krieg zwischen Bahrain und Katar, durch Kanonaden von See aus durch die Briten, und auch die verschiedenen Beduinenstämme mit ihren wechselnden Loyalitäten zu den größeren Mächten schonten Bauten und Menschen nicht. Nun lagen Dauha und Al-Bidda unter Kontrolle der Osmanen, die ihre Truppen in die Festungsbauten gesandt hatten.
Es war die Stadt – ich will sie weiterhin Dauha nennen, denn unter diesem Namen steigt sie an Bedeutung – eine Ansammlung von tausend Häusern und vier- bis fünfmal so vielen Menschen. Sie lag am Scheitelpunkt einer schön gerundeten Bucht voller Korallenbänke, das Land ringsum sehr flach und sandig, sodass man die Siedlung von Land kommend auf zehn Meilen kaum auszumachen vermochte.
Als wir näherkamen, erkannten wir die genauere Gestalt der Stadt: Zum Zentrum hin erhob sich von den flachen Außenbereichen sachte ein Felsgrat, eine halbe Meile vom Ufer entfernt. Von diesem Grat reckten sich zwei niedere Hügel, die ein schmales Tal flankierten. Diese Hügel wiederum liefen in Sandbänke aus, mit natürlichen Kanälen flachen Wassers. Die Hügel trugen niedrige, aber trutzige Festungen, in der üblichen Bauweise des Landes errichtet aus Korallenfels und Kalkstein, der dunkel sandfarben ist und somit die runden Türme und Mauern mit der Wüste verschwimmen lässt, schaut man von See darauf. Doch derart geschützt ist der Hafen sicher, der das Ziel der Kauffahrer in ihren kleinen Dhaus mit den trapezförmigen Segeln ist und auch jenes der Kaufleute, die es in größeren Schiffen wagen, das Korallenmeer zu queren, welches voller Fährnisse ist. Doch die weiten Handelsrouten locken und all die Waren aus Mesopotamien und Persien und Indien und den reichen Ländern jenseits des Subkontinents.
So sahen wir also viele geblähte Segel in Weiß und Rot und anderen Farben, und im Hafen war das Wasser voll von Schiffen und das Land voller Menschen.
Hier würden wir gewiss Hilfe und einen Unterschlupf mit Kiel und Masten finden, wenn wir erst die Sklavinnen befreit hatten. Doch zunächst mussten wir uns ein Quartier suchen. Und den Ort des Sklavenhandels finden.
Ich kannte niemanden in Dauha, und auch Haschim hatte sich noch nie an diesen Teil der arabischen Halbinsel begeben, selbst wenn er sagte, man erzählte sich heimlich von einem Ort in den Salzmarschen zwischen Katar und Abu Dhabi, an dem seltsame Dinge vorgingen, denen er recht gern nachgegangen wäre. Doch dies musste warten.
Aus der Ferne konnten wir beobachten, welchen Weg die Sklavenkarawane einschlug, nachdem sie die Grenze zur Stadt passiert hatte. Es war uns gelungen, beim Herannahen an Dauha allmählich und unauffällig unseren Abstand zu verringern, und auch in den Straßen und Gassen vermochten wir trotz des Wimmelns und Wirkens all der Bewohner, Gäste, Händler, die einhergingen und sich umtrieben, dennoch auszumachen, zu welcher Karawanserei mit Lagerhaus sich die vermeintliche ehrbare Warenkarawane begab. Hier hatten wir also unseren ersten Anhaltspunkt.
Wir würden wechselnde Wachen aufstellen und die Örtlichkeit beobachten, um so in Erfahrung zu bringen, wann man die Sklavinnen dorthin bringen wollte, wo der Sklavenmarkt stattfand. Dass dies nicht an jenem nüchternen Ort geschehen konnte, lag auf der Hand: Zwischen Kisten und Säcken und Bündeln, mit Staub und Spinnweben, Sand und Stroh, würde kein reicher Mann seinen Goldbeutel erleichtern. Die Geschäfte mussten in einer angemessenen Lokalität stattfinden. Nicht unter freiem Himmel. Denn es mochten Briten auftauchen, um ihre Auflagen durchzusetzen, oder die Osmanen auf die Idee kommen, eben doch die Auflagen der Briten zu erfüllen, um ihrerseits die katarische Halbinsel ihrem Reich einzuverleiben.
Der Sklavenmarkt würde also verborgen stattfinden, in einem respektablen Haus, selbst wenn dies nur für das Äußere und die Einrichtung gelten mochte. Es war uns aber nicht angeraten, den schurkischen Händlern und ihrer erbarmungswürdigen Ware zu folgen, wenn denn die Stunde des Verkaufs nahte – dann wäre es zu spät. Wir mussten schon vorher wissen, an welchem Ort der Handel stattfand, um die Befreiung planen zu können.
Wir beschlossen, uns aufzuteilen. So konnten wir in drei Schichten wachen und weiterhin dreifach forschen, und dies zudem ohne das Aufsehen, welches wir als derart bunte Gruppe in gemeinsamem Logis erregt hätten. Haschim bot mit seinen Beduinen in Dauha ohnehin einen üblichen Anblick; auch Sir David und die Schotten waren als Briten nicht ungewöhnlich, zumal man Marijke van Beverningh leicht für die Gemahlin des Lords halten konnte. Dass die Dame alle nötigen Gespräche auf Arabisch führte und Sir David wohl besser schwieg, würde ihn kaum kümmern, diese Aufteilung kannte er seit einem Dreivierteljahr, und dankbar war er wohl auch. Halef und ich wollten uns zunächst im Hafen umschauen. Ich hatte so eine Ahnung, dass sich dies lohnen mochte – und dieses Gefühl stammte nun beileibe nicht von Goldringen oder überirdischen Gaben. Es war jenes, das mich auf all meinen bisherigen Reisen nie getrogen hatte: das Glück des Abenteurers oder eben die Fügung des Schicksals. Wir drängten uns durch das Gewimmel, nachdem wir eine billige, aber vertrauenswürdige Unterkunft in der Nähe besorgt hatten, wo wir die Pferde und das weniger wertvolle Gepäck unterstellen konnten.
Es war erstaunlich, unter all den Rufen auf Arabisch und Türkisch – respektive der unterschiedlichen Dialekte dieser beiden Sprachen – auch die Zungen Indiens zu vernehmen, wenngleich ich im Vorübergehen nur Hindi, Urdu und Tamil ausmachte. Was verwundert es also, dass ich aufhorchte, als ich wiederum Englisch mit irischem Akzent vernahm. Ich wandte mich hoffnungsvoll um, vielleicht war hier ein möglicher Vertrauter gefunden – doch der kleine, untersetzte Mann mit seinem runden, etwas traurigen Gesicht war kein Kapitän und auch kein Schiffseigner. Stattdessen war er mit einem langen Schlaks von Burschen dabei, allerlei Gepäck zu ordnen, aus dem vor allem Teleskope ragten. Ich vernahm, dass sie wohl nach Ar Ru’ays reisen wollten, einem Ort am nördlichsten Punkt der katarischen Halbinsel, welche von dem kleinen Inselchen Ras Rakan gekrönt wird, was „Kopf des Ritters“ bedeutet. Und die beiden Briten wollten, soweit ich dies beim Vorübergehen richtig verstand, sich dort oben tatsächlich als Vogelkundler betätigen und „Spezies sammeln“. Nun, vielleicht waren sie auf den Spuren des Naturforschers Darwin unterwegs und wollten Finken fangen, wenngleich nicht auf dem südamerikanischen Archipel der Galapagos, sondern eben auf dem Kopf des Ritters. So hat eben jeder sein Pläsier, vor allem der Brite.
Als ich gegenüber Halef einen diesbezüglichen Scherz machen wollte, wurde ich unterbrochen, denn jemand hatte mich meinerseits entdeckt und rief mich an. Auf Deutsch!
Ich wandte mich um und sah – ich glaubte es kaum – den Kapitän Frick Turnerstick!
Sechstes Kapitel
Der Kapitän
Dies kam nun wahrlich als Überraschung! Turnerstick war ein Mann, den ich schon lange Zeit kannte und dem ich an vielen Enden der Welt begegnet war – wie sollte es auch anders sein, ich als Reiseschriftsteller und er als Handelskapitän! Uns verbanden Abenteuer in der Südsee und in Südamerika, in China und auf Inseln des Westpazifik. Wir hatten auch auf den sozusagen heimatnahen Gewässern des mittelländischen Meeres gekreuzt und vor der französischen Küste die Kerkerinsel If besucht, welche Berühmtheit erlangt hat durch den Roman aus der Feder des fruchtbaren Erzählers Dumas des Älteren über den dort Gefangenen Edmond Dantès, welcher glücklich flieht und unter anderem Namen zu Wohlstand kommt und dessen Schicksal mich immer seltsam berührt hat.
Frick Turnerstick war nun nicht, wie man vermuten mochte, ein Amerikaner oder Angelsachse, sondern ein nördlicher Landsmann von mir, ein gebürtiger Friese, der seinen Namen verenglischt hatte, um gewissermaßen international wirken zu können. Meine Leser mögen sich erinnern, dass meine eigenen amerikanischen oder arabischen Namen mir allerdings stets von anderen verliehen wurden und ich sie nicht selbst wählte.
Jetzt stand ich also erneut diesem originellen Seebären gegenüber – wenngleich er dem unwissenden flüchtigen Blick alles andere als originell erschien, gekleidet wie er war. Er trug einen langen dunklen Gehrock, durchgehend geknöpft wie einen Mantel. Die Knöpfe jedoch bargen schon ein erstes Geheimnis. Während jeder andere sie für übliche runde Knöpfe mit maritimem Ankersymbol ansehen musste, so wusste ich doch, dass sich unter dem schwarzen Lack pures Gold befand: gewissermaßen die eiserne Barreserve des Kapitäns, der sich somit als äußerst kluger Kauffahrer zeigte. Unter dem Kragen des Mantels sah man einen schlichten, weißen, nicht allzu hohen Kragen, den man gemeinhin Vatermörder nennt, obgleich diese schreckliche Bezeichnung auf einer Missdeutung des französischen Originalausdrucks beruht, welcher allerdings nicht weniger unappetitlich ist. Doch diese Gedanken verflogen, kaum dass man sah, was sonst noch am Hals Turnersticks zu entdecken war, nämlich ein adrettes schwarzes Halstuch, zu einer akkuraten Schleife gebunden. So streng und nüchtern seine Kleidung war – so heiter und flatterhaft war der Mann selbst: Er zuckte und zögerte kurz, dann packte er mich mit seinen beiden riesigen Händen und drückte mich an seine Hünenbrust.
„Liewer Charley“, tönte er in seinem unnachahmlichen Akzent, den ich von nun an besser nicht akkurat wiedergebe. Frick Turnerstick ist ein gewaltiger Radebrecher und Sprachvermischer, und dass er glaubt, eine jegliche Sprache der Welt sei dadurch beherrschbar, indem man ein paar vermeintlich typische Lautanhängsel der eigenen Mutterzunge hinzufügt … nun, ich will mich in diesen Belangen nicht auslassen. Turnerstick ist ein kauziger, aber vortrefflicher Mensch: Es sei ihm verziehen.
Er trat in seinen riesigen geteerten Wasserstiefeln einen Schritt zurück und musterte mich mit seinem einen Auge, denn das andere hat er einst im Kampf gegen malaiische Piraten verloren und durch ein künstliches ersetzt. Er schniefte mit seiner kurzen Stülpnase, die ihm ein Faustschlag in der Jugend geschenkt hat, sodass seine Kneiferbrille verrutschte und sein ausladender Schnurrbart wackelte. Dann salutierte er mit der Hand am Schirm seiner schwarzen Lotsenmütze, die man nicht mit einer schlichten Schiffer- oder Seemannsmütze verwechseln sollte, denn sie hat einen breiten Steg, der ebenso wie der Schirm mit Eichenlaubstickerei verziert ist und zudem eine gedrehte Zierkordel besitzt. Diese Kopfbedeckung stand Turnerstick wesentlich besser als der monströse Sombrero, den er in Südamerika getragen hatte. Im gleichen Moment trat von hinten ein riesenhafter Friese heran, in welchem ich Hans Larsen erkannte. Ich nickte ihm freundlich zu.
„Ja, der blanke Hans ist noch immer mein Steuermann“, sagte Turnerstick und lachte, während der so doppelsinnig Bezeichnete ein wenig seufzte. Larsen hatte mittlerweile kein einziges Blondhaar mehr auf dem Scheitel, doch wie die sturmgezauste Nordsee sah sein Kopf nun wirklich nicht aus. Humor ist eben Geschmackssache. Dass Larsen aber eine gestrickte Mütze trug, sodass man seinen glänzenden Schädel gemeinhin gar nicht sehen konnte, und ihm wegen seines semmelgelben Bartes der Name „blonder Hans“ eigentlich besser und zudem noch wortwörtlich zu Gesicht gestanden hätte … nun, wer war ich, anderen Leuten Spitznamen zu verleihen!
Jetzt bemerkte Turnerstick auch Halef und schaute zu ihm hinunter. „Und das ist wohl Euer eigener Steuermann, Charley? Kein Friese, wie ich sehe, aber er muss sicher auch keine großen Steuerräder wuchten, sondern eher Kamelzügel halten. Aber so ein Wüstenschiff braucht gleichwohl seinen Mann, und da reicht auch ein kleiner.“
Turnerstick überlegte kurz, und ich sah es ihm an der Stülpnase an, dass er sich eine deutsche Begrüßung mit vermeintlich arabischen Endungen zurechtlegte. Bevor er aber „Gottallah zum Grussalem“ oder dergleichen von sich geben konnte, sagte Halef seinerseits: „Guten Tag, Herr Kapitän“ – und ich erkannte den vertrauten sächsischen Akzent des Lehrers Lohse, der auf meine Empfehlung bei den Haddedihn seinen Dienst tat.
Da staunte Turnerstick nicht schlecht, Hans Larsen nicht minder, und dann schallte ein zweifaches friesisches Lachen über die Korallenbucht von Dauha, das machtvoll genug war, eine Hallig zu versenken, und hier die Wellen bis zum Liegeplatz von Turnersticks Bark „The Courser“ schwappen ließ.
Wir begaben uns in eine Hafenschänke und nahmen einen Trunk. Jeder bekam eine Schale mit Qahwa helw, den man auch katarischen Kaffee nennt und der, wie vieles in der Küche Katars, von der vergleichsweisen Nähe Indiens zeugt. Der Araber versetzt seinen Kaffee ja gern mit allerlei Gewürz, wobei Kardamom das gebräuchlichste ist. Bei diesem lokalen Mixtum nun kommen noch Nelken und Rosenwasser hinzu, vor allem aber Safran, was dem Kaffee eine gelbe Farbnote verleiht, welche noch strahlender wird, wenn man Milch hinzugibt. Wobei man dann nur den Kaffee durch Tee ersetzen müsste, um sich beim Trank nicht wie ein arabischer Derwisch, sondern wie ein indischer Yogi zu fühlen.
Belebend ist dieser wie immer stets süße Kaffee also nicht allein wegen des innewohnenden Koffeins, sondern auch durch die Gewürzhaftigkeit, welche jeden, der wie Turnerstick aus dem friesisch-holländischen Küchenkulturkreis entstammt, stets milde stimmt. Ich gab diese Trunkrunde aus, denn ich hatte eine Bitte an Turnerstick. Zunächst aber plauderte ich und fragte, was ihn denn in den Golf von Persien geweht hatte.
„Perlen“, sagte Turnerstick knapp. „Drüben in Abu Dhabi sind sie schon teuer, weil der Handel zu blühen beginnt. Hier gibt es sie noch wohlfeiler, sodass ich Profit machen kann.“
„Dann bin ich aber froh“, gab ich zurück, „dass Ihr Euch nicht auf ein kleineres Schiff verlegt habt, denn …“
„Aber nicht doch! Ich bin mit reicher Fracht aus China und Indien gekommen: Seide, Lackarbeiten, Silberschmuck und Schnitzereien. Auch Kleidung und Stiefel von dort, die hier ja exotisch wirken und dort zudem so überaus günstig gefertigt werden. Alles also, was die Herren Scheiks und Beduinen begehren, abgesehen von fremden Frauen …“ Er verzog das Gesicht, leerte seine Schale und stellte sie hart auf die rohe Tischplatte. Dann forderte er eine neue und der Kaffeeschenk kam eilig heran.
„Genau das ist mein Anliegen“, sagte ich. „Ich will einem gewissen Sklavenhändler das abjagen, was dieser despektierlich Ware nennt, obwohl es versklavte Unschuldige sind. Aber es ist nicht angeraten …“
„… die dann wieder freien Frauen mit Kamelen aus der Stadt zu bringen. Oder mit Pferden. Da müssten es schon Seepferde sein.“ Turnerstick lachte.
Larsen wechselte einen Blick mit Halef und winkte ab. Halef lächelte in sich hinein.
Turnerstick lehnte sich zurück. „Ihr braucht meine ‚Courser‘ …“ Jetzt kam sein Qahwa, und als der Schenk sich abgewandt hatte, zog Turnerstick eine flache Metallflasche aus der Rocktasche und goss einen Schluck Genever in die Schale. Ich konnte den Wacholder riechen, der sich kühl und nordisch mit den heißen Gewürzen des Südostens maß.
„Wir verstehen uns“, nickte ich und meinte damit das Schiff, nicht den Schnaps. „Ich hoffe, Ihr sagt zu. Schließlich haben wir schon einmal Menschen aus Unglück befreit. Ihr erinnert Euch an Potomba und Pareyma in Papeete.“
Halef grunzte amüsiert, als er diese Namen hörte. Sie schienen ihm verständlicherweise fremd und seltsam.
Turnerstick hingegen schüttelte den Kopf. „Das ist nicht vergleichbar. Aber es braucht auch keine Vergleiche, uns zu überzeugen, Euch zu helfen. Schließlich habt Ihr wiederum uns selbst befreit, als wir in Uruguay von dem Schurken Carderas gefangen waren. Ach, da hatte ich auch noch mein schönes erstes Schiff, die ‚Wind‘ …“
„Was ist mit ihr geschehen?“
„Ach, fragt nicht, fragt nicht“, murmelte Turnerstick und tupfte sich mit einem Ende seiner schwarzen Halsschleife eine Träne vom gesunden Auge fort. Larsen schaute betreten. Dann aber fing sich Turnerstick wieder.
„Also denn, mein Liewer! Wann kann die Fracht verladen … ach, Schande, was sag ich! Wann kommen die Passagiere an Bord?“
„Ich weiß noch nicht.“
„Einerlei, wir liegen noch zwei Tage hier. Wie viele werden es sein?“
„Ich weiß noch nicht.“
Turnerstick musterte mich mit seinem Auge und zwirbelte den Schnurrbart. „Aber Ihr wisst schon, wo Ihr die Sklavinnen befreien werdet?“
„Wir forschen noch.“
Turnerstick schaute sich in der Schenke um. „Nun, hier forscht es sich recht schlecht, wenn mir diese Meinung erlaubt ist.“
„Wir haben Gefährten, die sich in der Stadt umhören und umschauen.“
„Na, dann ist ja gut. Ich bin leider zum ersten Mal hier in Dauha und wüsste nicht, wo Sklavinnen gehandelt werden. Ich bin ja in Perlen unterwegs. Aber ich kann gerne Nachricht geben, wenn ich etwas mitbekomme. Sagt mir doch, wo ich Euer Quartier finde.“
Dies tat ich und dann verabschiedeten wir uns bis auf Weiteres.
„Ein seltsamer Mensch“, befand Halef, als wir vom Hafen fortgingen. „Sind alle Seeleute so, wenn sie nicht nur ein oder zwei Meere bereist haben, sondern all die anderen auch?“
„Das mag sein, Halef, aber ich kenne ja nicht allzu viele. Ich denke aber, dass Kapitän Turnerstick ein ganz besonderer Seemann ist.“
„Mir scheint immer mehr, Sihdi“, meine Halef, „dass du nur sehr wenige nicht-besondere Menschen kennst …“
„Zählst du dich dazu, mein lieber Halef?“
„Na, aber sicher, Sihdi! Und deshalb möchte ich auch zu gerne diesem Abu Kurbatsch die Peitsche entreißen, damit ich allein der Mann mit dem Nilpferdziemer bleibe!“
Wir trafen uns mit unseren Gefährten – und der Gefährtin. Für Außenstehende mochte es wie die Konjunktion von üblichen Reisenden oder Geschäftsleuten wirken: ein britisches Paar, ein arabischer Scheik und – nun, auch mich mochte man für einen Orientalen mit seinem Begleiter halten. Die Schotten und die Beduinen waren zur Wache und für Informationsdienste eingeteilt. Wobei das eigentliche Übermitteln von Nachrichten mit ein wenig Bakschisch von örtlichen Straßenburschen übernommen wurde. Denn abgesehen davon, dass die stolzen Krieger der so unterschiedlichen Stämme es unter ihrer Würde erachteten, durch die Gassen zu hasten, so wäre es doch vielleicht allzu aufmerksamkeitserregend gewesen. Wir wollten jedoch alles vermeiden, was uns verraten konnte – denn wir hatten ja nun keinen wirklichen Geschäften nachzugehen, und Touristen waren wir noch weniger. Marijke van Beverningh war ungehalten. Es brauchte lange, eindringliche und geduldige Erklärungen von Haschim und mir, dass es unmöglich sei, ihrem Wunsch, ja ihrem Drang zu entsprechen, das Lagerhaus, in dem die Sklavinnen gefangen gehalten wurden, sogleich zu stürmen und die Frauen zu befreien.
„Mevrouw Marijke“, sagte ich geduldig. „Wir sind, was die Wächter der Sklavenhändler betrifft, nicht sehr in der Unterzahl, was wir zudem durch unsere Kampfeskraft wettmachen können. Aber ein Angriff verbietet sich, wegen zu großer Gefahr für die Frauen. Und zu vielem Aufsehen durch den Lärm, wenn es zu einem Schussgefecht käme. Wir müssen vor allem auf Heimlichkeit und List setzen, denn wir sind auf uns allein gestellt!“
„Mijnheer Kara“, sagte die Holländerin etwas weniger geduldig, „ich weiß sehr wohl, dass wir nicht auf die örtlichen Behörden und Büttel zählen können. Und leider, nach dem, was wir erfahren haben, ist es uns auch nicht gegeben, ein britisches Schiff vom Golf in den Hafen zu rufen.“ Sie warf einen strengen Blick zu Sir David, der wie gescholten dastand.
„Da habe ich gute Kunde“, sagte ich besänftigend. „Ich hatte ein glückhaftes Zusammentreffen mit einem befreundeten friesischen Kapitän. Wir können sein Schiff nutzen.“
„Dann handeln wir sogleich!“, rief die Holländerin energisch.
„Ich muss darauf hinweisen, dass auch mein Freund Turnerstick seine geplanten Geschäfte zu erledigen hat. Und seine Hilfe ist auch an die üblichen Bedingungen der Seefahrt geknüpft, wie Windrichtung und Wassertiefe, die Gezeiten also, und Papiere und Erlaubnisse …“
„Das lasse ich nicht gelten!“, blaffte sie mit blau flammendem Blick. „Der friesische Pfeffersack soll nicht auf seinen Profit bedacht sein, sondern seiner Menschlichkeit nachkommen!“
Ich musste etwas streng antworten, obgleich ich sicher war, dass Turnerstick diesen despektierlichen Ausdruck, der aber gleichsam nur den wohlhabenden, also erfolgreichen Kaufmann bezeichnete, gar nicht als verletzend empfunden hätte. Nun, vielleicht ein wenig, weil man gemeinhin die Hamburger Hanseaten so bezeichnete, Turnerstick aber eben Friese war.
„Mevrouw! Ich darf daran erinnern, dass wir auf die Gefälligkeit Turnersticks angewiesen sind. Alles Geld des Lords mag uns wohl ein Schiff und eine Mannschaft kaufen können, doch ob wir damit auch Vertrauen erwerben, ist zu bezweifeln.“
Es schmerzte mich, die Holländerin so auf ihr eigenes Schicksal hinweisen zu müssen, auf den betrügerischen Kapitän, der sich als Pirat entpuppt hatte. Allzuleicht mochte ein rasch mit Barmitteln überzeugter Schiffsführer sich angesichts der Sklavinnen versucht fühlen, diese selbst zu noch mehr Geld zu machen. Denn eines war sicher: Es wäre uns allen – der Holländerin, den Briten und Schotten, Scheiks und Beduinen, auch Halef und mir – nicht gegeben, die befreiten Frauen auf ihrer Flucht übers Meer zu begleiten. Deshalb war ein vertrauenswürdiger, ja befreundeter Kapitän die beste, die einzige Lösung.
Die Holländerin verschränkte die Arme, atmete tief. Ihre Augen schimmerten, doch sie wandte den Blick nicht ab, sondern nickte knapp. „Gut denn. Dann der Friese. Wann immer er bereit ist. Wir aber planen jetzt die Befreiung. Und setzen den Plan in die Tat um.“
Dies war also geklärt, doch es gab ja noch ein anderes Problem. Haschim und ich konnten Marijke van Beverningh kaum enthüllen, dass wir die Sklavinnen gar nicht befreien konnten, solange diese in jene magischen Bande geschlagen blieben, sondern damit warten mussten, bis sie verkauft waren und der Zauberer der Sklavenhändler den Bann aufgehoben hatte, um die Frauen ihren neuen Besitzern zu übergeben. Und wenn wir es dennoch wagten, dieses Mysterium zu beschreiben – würde man uns glauben?
Ja, doch: Man würde uns glauben! Halef nahm sowieso alles Übernatürliche als gottgegeben an und Sir David hatte so seine Erfahrungen gemacht. Aber Marijke van Beverningh hielte es wohl nicht nur für Aberglauben, so wie ich noch vor Jahresfrist alles Magische bezweifelt hatte, nein, sie sähe es sicher als Ausrede an, als Zeichen von Abneigung und Widerwillen, als Zeugnis dafür, dass wir uns nicht mit ganzem Herzen der guten Sache hingeben wollten. Dies hätte ich persönlich als ungerecht empfunden, aber schlimmer noch, es hätte den Zusammenhalt unserer Gruppe gefährdet.
Niemand werfe mir vor, ich würde nun die Dame jener Sache zeihen, die gewisse Männer – welche der Franzose chauvinist nennt und der Spanier macho – rasch und gern ins Felde führen, wenn sie die Seelenlage, Gefühlswelt und Entscheidungskraft der Frauen despektierlich aburteilen wollen, namentlich die Hysterie.
Ich fürchtete nicht, dass Marijke van Beverningh hysterisch würde und Unbedachtes spräche oder gar täte. Nein, hier ging es allein um Schmerz und Weltsicht, beides mächtige Einflüsse auf einen jeden Menschen. Und es war nicht die Zeit und nicht der Ort, um die Holländerin mit der Tatsache von Magie und Zauberei vertraut zu machen. Es war wohl auch nicht nötig. Wir würden die Sklavinnen dann befreien, wenn sie nur noch von irdischen Ketten gebunden waren.
Das wäre also der Zeitpunkt. So blieb allein der Ort, der fraglich war.
Wir konnten nun kaum in Dauha herumfragen, wo denn demnächst Sklavinnen feilgeboten würden. Noch dazu hätten wir uns auf widerwärtige Weise nach ungläubigem weißen Fleisch erkundigen müssen, wenn wir uns nicht hätten verdächtig machen wollen. Dies widerstrebte mir. Und zudem war der Sklavenhandel der Reichen wohl ein sehr diskretes und verborgenes Geschäft. Da konnte kaum irgendjemand mitbieten, der nicht geladen war und somit ohnehin von geheimen Orten und Zeiten, ja gewiss auch geheimen Zeichen wusste.
Haschim nahm mich beiseite.
„Ich habe in den Gassen nach gewissen Zeichen und Markierungen Ausschau gehalten, aber nichts dergleichen entdecken können.“
„Magische Symbole?“
„Keine Symbole, die magisch sind. Sie sind offen sichtbar, doch nur für Menschen mit Kenntnis bedeutsam.“
„Gewissermaßen Zauberzinken“, sagte ich unbedacht und entschuldigte mich mit einer Erklärung, dass ich Gauner und Zauberer nicht in einen Hut werfen wollte.
Haschim lächelte. „Zauberer tragen doch keine Hüte, Kara Ben Nemsi. Nur auf den Bühnen Europas und Amerikas.“
„Und diese Zauberer sind gar keine, das weiß ich wohl.“
Wieder ernst wandte ich mich an die Runde.
„Es gibt anscheinend keine Anzeichen, keine Geheimzeichen, durch die Youssef al-Fuladhy mit Gleichgesinnten zu kommunizieren vermag.“
Marijke van Beverningh schüttelte verächtlich den Kopf. „So einfach ist es wohl kaum. Sklavenhändler plakatieren nicht. Hierzulande tut das niemand. Alle rufen laut und preisen ihre Waren an. Doch die Sklavenhändler flüstern nicht einmal.“
Ich stimmte selbstverständlich zu, in diesem Sinne hatte die Dame sehr Recht. Für alle anderen Geschäfte wurde allüberall und auf alle Arten geworben, nur eben für die offiziell verbotene Sache nicht. Wer einmal auf einem orientalischen Basar zu Gast war, weiß, dass das Anpreisen noch lauter und eindringlicher vonstatten geht als auf dem Markt einer deutschen Stadt, wo der eine oder andere Händler mit kräftiger Stimme seine Würste oder Fische bewirbt und dem Passanten manchmal gar aufdringlich aufschwatzt, oft mit anzüglicher Anrede. Da ist der Orientale doch höflicher und geschäftstüchtiger, denn statt derber Worte wählt er die Schmeichelei.
Sir David nickte. „Allerdings! Mir oder vielmehr der vermeintlichen Mrs. Lindsay …“ – er wagte es nicht, die Holländerin mit einem ironischen Seitenblick zu bedenken – „… sind die Stoffe und Schals und anderen schönen Dinge so blumig anempfohlen worden, dass ich beinahe nicht hätte widerstehen können, obgleich mir doch der Sinn noch immer eher nach Altertümern aus Stein und Metall steht. Wie auch immer, diese Händler verstehen ihr Werbehandwerk.“
Da ich zuvor erwähnt hatte, dass auch Kapitän Turnerstick mit allerlei Waren handelte, sich aber vor Ort besonders für Perlen aus dem persischen Golf interessierte, ergänzte Haschim kurz, dass ihm ebenfalls solche angeboten worden waren. Da Perlen natürlich nicht auf offenen Marktständen gehandelt wurden und es verständlicherweise keine Auslagen der wertvollen Schätze gab, hatte man ihn im Gewühl diskret angesprochen: Ein hoher Herr mit zwei Leibwächtern suche doch sicher etwas Exquisites. Solcherlei könne er bei Interesse erwerben, es gäbe Perlen in vorzüglicher Qualität, schöner Form und in den Tönungen weiß und schwarz und rosenfarben. Haschim hatte jedoch höflich abgelehnt, worauf der respektabel aussehende Mann mit verständnisvoller Geste verschwunden war.
Sir David hob die Brauen. „Wer hätte gedacht, dass ein Händler oder Mittelsmann so dezent reagiert, wenn man kein Interesse zeigt. Das muss wohl an der Ware liegen: Edles Gut bedingt edle Manieren.“
Halef hingegen meinte: „Sihdi, das wäre wohl etwas für den Kapitän!“
Ich aber wechselte einen Blick mit Haschim, und in diesem Moment begriffen wir beide: Die Perlen, die dieser Mann angeboten hatte, waren keineswegs den Muschelschalen entstiegen wie die schaumgeborene Venus. Sie kamen wohl auch vom Meer her, aber nur, weil man sie jenseits dessen gefangen hatte. Diese Perlen waren Menschen, genauer: die gesuchten Sklavinnen!
Siebtes Kapitel
Perlenhändler
„Wo habt Ihr diesen Perlenkoberer getroffen?“, schnaubte Sir David, der in seiner Empörung einen erstaunlichen Londoner Unterweltsbegriff benutzte, den ich hoffe, hier einigermaßen treffend wiederzugeben. Trotz seiner derben Wortwahl hatte der Lord Recht: Wenn wir wüssten, wo dieser in Chiffren sprechende Schurke sich herumtrieb, um kenntnisreiche Kunden zu haschen, hätten wir eine gute Chance, den Ort des Sklavenhandels zu erfahren.
Haschim beschrieb den Ort, der auf dem Stadtplan Dauhas inmitten eines Dreiecks zwischen der Karawanserei, dem Markt und Haschims Quartier als Eckpunkten gelegen hätte. Dies mochte den Bereich einschränken, den wir nun abzusuchen hatten, vielleicht mussten wir auch auf Glück vertrauen. Es blieb auf jeden Fall keine Zeit zu verlieren. Ich vermutete, dass der Sklavenmarkt in einem Privathaus abgehalten würde, wohl verbunden mit einer abendlichen Zusammenkunft. Die Sonne sank, wir hatten nicht mehr viel Zeit, da wir noch einige Vorbereitungen zu treffen hatten.
Wir teilten uns auf. Sir David und Mevrouw Marijke würden zum Hafen gehen und Kapitän Turnerstick aufsuchen. Entgegen meiner vorigen Einschätzung schien es mir nun doch geraten, dass mit Hilfe der Börse des Lords und der Überzeugungskraft der Holländerin dem Kauffahrer eine frühere Abfahrt schmackhaft gemacht wurde – für alle Fälle. Notfalls müsste Sir David eben für entschädigenden Ausgleich möglicher entgangener Geschäfte sorgen.
Der weitere Plan war klar: Haschim und ich würden uns als reiche Männer ausgeben, die weiße Sklavinnen kaufen wollten. Spielten wir Rolle und Interesse gut, würden wir wohl eine Einladung erhalten.
Zunächst also stolzierte ich durch den Basar, Halef mit Dienergebaren hinterdrein, und begutachtete die teuersten Waren mit einer Arroganz und Hochnäsigkeit, die mir völlig fremd ist; doch da ich schon früher so manchen eigentümlichen Charakter vorgegaukelt hatte, gelang mir dies nicht allzu schwer. Vielleicht sogar allzu leicht und zudem erfolgreich, da ich Halef dann und wann still ermahnen musste, eine ernste Miene zu bewahren. Dass wir nun nicht edel gekleidet waren, sondern Reisekleidung trugen, die nur einigermaßen vom Staub befreit worden war, trug gerade zu unserer Scharade bei. Denn der wahrlich kluge reiche Mann geht nicht in Seide einher und trägt offenen Schmuck. Beides lockt Diebe an und führt zu überteuerten Preisen. Es gilt gewissermaßen die Umkehrung jenes „Kleider machen Leute“, welches der Schweizer Erzähler Gottfried Keller vergangenes Jahr in seiner ebenso titulierten Novelle dargelegt hat. Gewiss spielen auch die Leute eine Rolle, unter die man sich mit seinen Kleidern begibt. Würde ich mich als Offizier ausgeben, in schmucker Uniform und träte im militärgläubigen Preußen auf, vielleicht in einem Randbezirk Berlins, dann könnte ich sicher einige schlichte Soldaten von der Straße weg rekrutieren, um …
„Ja, Sihdi“, flüsterte Halef, dem ich diese meine Gedanken mitgeteilt hatte, als wir zum Zwecke weiterer Tarnung einen Imbiss aus Brot und Bohnenbrei mit Sesampaste zu uns nahmen und dem Verkäufer mit pikierter Miene kundtaten, wir hätten schon Besseres verzehrt. Dies tat mir aufrichtig leid, denn die Speise war sehr schmackhaft, doch ich musste in meiner Rolle bleiben. Ich würde mein Benehmen mit heimlicher Zusatzmünze vergelten.
„Ja, Sihdi“, meinte Halef also, „wie wäre es dann, du nähmest jetzt eine türkische Uniform und würdest ein paar Soldaten zu unserer Verstärkung holen? Oder zur Ablenkung? Sie wären vielleicht nützlich, wenn wir das Haus der Sklavenhändler gefunden haben.“
„Nein, Halef, das geht nicht. Woher sollte die Uniform stammen – einerseits. Und andererseits sehe ich eine solche razzia als niederträchtig an.“
„Sihdi, ich bin enttäuscht: Du hast in deiner Heimat wohl zuviel Deutsch und zu wenig Arabisch gesprochen, und deshalb ist deine Aussprache dahin. Das Wort heißt gazia, und ich habe gar keinen Feldzug vorgeschlagen, sondern nur eine kleine Sache mit …“
„Ja, Halef, du hast Recht, zumindest zur Hälfte. Ich habe den Begriff im Lexikon gelesen, und er ist keine deutsche, sondern eine französische Verballhornung von gazia. Damit haben die Franzosen bei der Eroberung Algeriens militärische Aktionen gegen Seeräuber und Widerständler bezeichnet – aber wie auch immer: Wir verlassen uns besser auf uns selbst und verzichten auf die zweifelhafte Hilfe Dritter. Zumal ich glaube, dass auch der schlichteste Soldat stutzig würde, wenn ich ihm als Offizier befähle, gegen einen reichen Sklavenhändler zu handeln.“
„Da, Sihdi“, flüsterte Halef und deutete unauffällig zur Seite. „Ist das nicht der Mann, den Haschim uns beschrieben hat?“
Tatsächlich schlich ein verschlagen ausschauender Kerl durch die Menge der Passanten und musterte aufmerksam die Kunden der Stände, lauschte auch und war als Basarbesucher zweifellos nicht auf Waren, sondern auf Käufer aus. Ich wusste nun nicht, ob er uns schon zuvor beobachtet hatte, aber jetzt galt es, unser Schmierenschauspiel vom schnöselhaften reichen Mann besonders bravourös zu gestalten.
Ich rüffelte also noch einmal den Speisestandbesitzer und wandte mich brüsk zum Gehen. Unauffällig ließ ich eine verborgene Münze zurück. Ich hoffte, der Mann würde diese nicht für von mir verloren erachten und sie mir ehrlich hinterhertragen, sondern sie als angemessene Entschädigung sehen. Obgleich er sicher schon schlimmeres Benehmen erlebt hatte, wenn auch unbezahlt.
Dann setzten Halef und ich unseren Feldzug der vorgeblichen Arroganz und hochnäsigen Vornehmheit fort. An einem Stand für Taschen und Beutel ließ ich Halef den Spaß, in der vorjährigen Vergangenheit zu schwelgen und sein damaliges Verkaufsgespräch in Basra erneut aufzuführen, als er jenes geheimnisvolle Zauberzelt erwarb, welches sich unter Perlenstickerei verborgen hatte. Damals waren dies Glasperlen gewesen, und auch an diesem Stand gab es solche. Halef und ich ließen laut die Worte Perlen und Frauen, zumindest Ehe- und Nebenfrauen erklingen, um es dem herannahenden Werber des Sklavenhändlers nur recht einfach zu machen, das Gespräch mit uns zu suchen.
Und tatsächlich:
„Ihr sucht Perlen, Herr?“, raunte der Verschlagene und kniff die Augen zusammen.
„Deshalb bin ich hier“, gab ich knapp zurück und bedachte den Buckelnden mit einem herablassenden Blick. „Aber für manche Frauen sind als Geschenk nur Glasperlen geeignet.“
„Nur wahre Perlen sind wahrer Perlen wert“, nickte der Verschlagene eifrig.
„Bist du Philosoph oder Verkäufer?“, fragte ich barsch. „Was willst du – oder was hast du im Angebot?“ Ich deutete auf seinen schlaffen Geldbeutel. „Abgesehen davon, dass du wohl keine Perlen bei dir trägst, kaufe ich derlei auch kaum auf der Straße!“
Die dürren Hände vollführten widerliche Gesten, als striche er durch Seidenschals – oder langes Frauenhaar. „Schöne Ware braucht schöne Gemächer. Mein Herr hat solches wie solches.“
Ich hob die Brauen, als würde ich seine Rätselworte langsam begreifen.
„Das Angebot ist gering, aber vielfältig? Und dennoch neu? Keine Perlen, die schon … getragen wurden?“
Der Verschlagene lächelte. „Soeben eingetroffen. Verschiedenste Ware aus verschiedensten Meeren.“
„Wann kann ich sie sehen? Um mich zu entscheiden, wie ich sie fassen lassen könnte. In Gold oder Silber. Und ob ich nur Perlen für einen Ring, zwei Ohrgehänge oder eine ganze Kette kaufe.“
Die wässrigen Augen des Mannes glänzten. „Heute, am späten Abend. Bei Lampenschein schimmert die Ware wundervoll.“
„Nun“, sagte ich und gab mich endgültig als Kenner und erfahrenen Sklavenkäufer aus, „ich hoffe, dass die schwache Beleuchtung keine Makel verbergen soll. Früher wurde unter freiem Himmel gehandelt, da brachte das Licht der Sonne alles hervor.“
„Keine Makel!“, versicherte der Mann. „Beste Ware, in weiß und schwarz und rosenfarben …“
„Dann sag mir den Ort!“
„Seid am Abend vor dem Brunnen bei der Moschee. Wir bieten unseren Kunden eine Sänfte, damit sie nicht selbst zu gehen oder reiten brauchen.“
„Gut denn. Ich will mir ohnehin keine Wege und Orte merken müssen. Ich bin Lebemann und kein Kartenmaler!“
Ich wandte meine Aufmerksamkeit schon dem nächsten Stand zu, an dem ein Schreiber und Zeichner seine Künste feilbot. Zugleich winkte ich dem Verschlagenen, dass er gehen könne. Bevor er in der Menge verschwand, rief ich ihm hinterher und warf ihm hochnäsig und nebensächlich eine Münze zu, ohne auf seine Reaktion zu warten. Das war mein letzter Akt, bevor der Vorhang fiel. Ich meinte, dass mir die Vorstellung glaubhaft gelungen sein mochte.
„O Sihdi“, sagte Halef, als der Verschlagene verschwunden war. „Manchmal machst du mir Angst, und ich bin froh, dass du nicht wirklich so bist, wie du vorgeben kannst zu sein.“
„Es war mir keine Freude, Halef, es ist nur Mittel zum Zweck. Und ich fürchte, heute Abend wird es eine Wiederaufführung geben, bei der ich noch mehr leisten muss.“
Doch für diesen Auftritt benötigten Halef und ich noch die passenden Kostüme. Auf dem Basar konnten wir in Reisekleidung einherschreiten, bei jenem abendlichen Treffen in dem geheimen Haus jedoch würden wir angemessener gewandet sein müssen. Ich fragte mich nun, woher wir derlei bekämen: Kaftane mit Stickereien, Gürteltücher und Kefije aus guten Stoffen und prächtig gefärbt oder zumindest rein und weiß und neu. Im Basar hatte ich keine Läden gesehen, die überzeugende Qualität angeboten hätten. Tuchhändler gab es, doch wäre es kaum möglich gewesen, eine angemessene Garderobe anfertigen zu lassen in solch kurzer Zeit. In den großen amerikanischen Städten gab es chinesische Schnellschneider, hier herrschte orientalische Gemächlichkeit. Schade auch, dass sich hier noch nicht die europäische Gepflogenheit der tragfertig geschneiderten Kleidung nach den sogenannten Konfektionsgrößen durchgesetzt hatte, auf deren Vertrieb sich zwei findige holländische Brüder – übrigens deutscher Abkunft – vor gut dreißig Jahren verlegt hatten. Ich wollte nun keinen Stoßseufzer von mir geben, warum nur Marijke van Beverningh aus einer Möbeldynastie stammte und nicht aus dem Textilmodengewerbe. Aber gut, selbst dann hätte ich ja kaum von ihr verlangen können, rasch die Nadel und den Faden zu schwingen …
Und dann dachte ich: Wozu nach Holland streben, wenn ein Friese so nah ist? Hatte Frick Turnerstick nicht von seiner reichen Fracht von Stoffen – und Kleidung gesprochen? Da würden wir uns doch wohl bedienen können! Träten wir mit ungewöhnlicher, weil fremdländischer, aber dennoch prächtiger Kleidung auf, würden wir noch unverdächtiger erscheinen, denn Reichtum blendet den Armen ebenso wie den Gierigen.
Auf dem Weg zurück zum Hafen begegneten wir Haschim. Er lächelte, jedoch ungewohnt grimmig.
„Ich kenne den Ort. Nach Sonnenuntergang werden die Sklavinnen verkauft.“
Halef schaute zu Haschims Beduinen. Zurzeit hielten wohl die Schotten an der Karawanserei Wache.
„Habt Ihr den Sklavenhändler verfolgt?“, fragte ich. Zweifellos hatte al-Fuladhy seine Ware an den Handelsort verbracht, und das früher, als ich vermutet hatte.
„Nein, ich habe nochmals den Mann getroffen, der mir neulich vermeintliche Perlen verkaufen wollte und den ich da leider missverstand.“ Haschim blickte finster, lächelte dann aber erneut.
„Den trafen wir ebenfalls“, sagte ich. „Wir wurden eingeladen. Aber der Ort blieb noch geheim.“
„Ich besitze Wege, einen Mann zum Sprechen zu bringen!“
„Aber Haschim“, rief Halef, „das klingt ja schrecklich! Habt Ihr etwa …?“
„Nicht doch, guter Halef“, gab Haschim zurück. „Woran auch immer Ihr denkt, so war es nicht.“
„Ihr habt in seinem Kopf gelesen!“, hauchte Halef.
„Nein, er hat es mir selbst gesagt, auch wenn er sich nicht mehr daran erinnert. Ebenso wie er sich nicht daran erinnert, dass ich zunächst ablehnte und er mich ein zweites Mal traf.“
Ich schaute Haschim ernst an. „Dies ist eine mächtige Gabe, die Ihr da angewendet habt.“
„Seid unbesorgt, Kara Ben Nemsi. Diese Macht über den Geist habe ich nur bei schlechten Menschen. Und ich wende sie nur äußerst selten an. Wenn die Zeit drängt.“
„Ihr seht aber, dass Halef und ich Ähnliches erfahren haben … nun, noch nicht alles. Ein wenig Zeit bräuchte es noch. Aber wie gut, dass Ihr den Ort kennt. So müssen uns die anderen heute Abend nicht ins Unbekannte folgen und Gefahr laufen, entdeckt zu werden.“
„Um nicht entdeckt zu werden oder vielmehr nicht entlarvt zu werden, brauchen wir als Gäste wohl …“
„… Larven, Masken“, nickte ich. „Ich denke, wir können Kapitän Turnersticks Fracht als Kostümverleih nutzen.“
„Ihr seht unsere Mission doch nicht als Auftritt auf einem Maskenball!“ Haschim hob eine Augenbraue, die sich derart skeptisch wölbte, dass ich erstaunt war.
„Aber nein, Haschim. Ihr dürft mich nicht des Unernstes verdächtigen. Doch müssen wir überzeugend sein. Davon hängt der Erfolg ab. Wir können bei dieser Befreiung nicht auf Kampf und Feuerkraft setzen, sondern nur auf List und Täuschung.“
„Gewiss. Dazu ist wohl das nötig, was man im Deutschen Spielfreude nennt.“
Ich war von Haschims Kenntnis nicht sonderlich überrascht, angenehm war es dennoch.
Dann aber sprach Halef: „Und wenn wir die Schurken übertölpelt haben, kommt hernach die Schadenfreude.“
Ach. Wieder schüttelte ich innerlich den Kopf über den Lehrer Lohse. Dennoch mochte ich Halef gern zustimmen. Wenngleich ich hoffte, den Sklavenhändlern nicht nur ihre jetzigen Gefangenen abzujagen, sondern ihnen endgültig das schändliche Handwerk zu legen.
Der Wirt des Quartiers, in dem Halef und ich logierten, war nicht allzu verwundert, als ein paar kräftige friesische Matrosen einige Kisten und Ballen heranschafften, noch weniger, als diesen auch ein Kapitän im dunklen Gehrock folgte. In der Hafenstadt Dauha kannte man Teerjacken und Seebären und wie Meerfahrer noch genannt wurden und schaute kaum zweimal hin. Auch nicht, als ein prächtig gekleideter Scheik mit zwei stattlichen Beduinen mich besuchte. Der Wirt ließ gelassen Kaffee brauen und Kanafeh, Katayef und Baklawa vom Zuckerbäcker heranschaffen als Zubiss zum schwarzen Trunk. Ich muss nun nicht die Teige und Füllungen beschreiben, die Nüsse und Mandeln und Pistazien, denn so reichhaltig all dies war und Zunge und Gaumen beschäftigte, so waren Augen und Finger in der kurzen Zeit bis Sonnenuntergang doch wesentlich geforderter. Ich kam mir vor wie eine reiche Pariser Dame, die all die Einkäufe aus den Boutiquen und Galanteriewaren in ihr Heim zugestellt bekommen hatte und nun die Schachteln und Kistchen öffnete und den exquisiten Inhalt hierhin legte, dorthin legte und auch endlich anprobierte.
Allerdings waren es orientalische Herrenkleider, die Halef und ich versuchten, und der Begriff des Orients war nun so weit gefasst, wie ihn sich ein Europäer nur denken mag. Aus China und Indien stammten sie, und damit erlaube ich mir eine gewisse Laxheit und fasse diese weiten Kulturräume ganz schlicht zusammen – denn es war keine Zeit für wissenschaftlich korrekte Ethnografien jeglicher Art.
Halef und ich schlüpften also in Gewänder und Schuhe, bis wir etwas Passendes und Angemessenes gefunden hatten. Halef wählte seine Kleider recht bunt und eher fernöstlich, während ich mich schlichterer, indischer Schnitte und Stoffe bediente. Wir erschienen aber nun nicht wie dem Reich der Mitte oder dem Subkontinent entsprungen, sondern noch immer als respektable und gar nicht verkleidet wirkende Herren Arabiens, die sich nur ein wenig Extravaganz erlaubten. Dass dies sich auch auf blitzende Ringe und Ketten ausdehnte, war zwangsläufig. Haschim wies mich darauf hin, den Musaddas nicht zu vergessen.
Ach und Haschim! Ich wusste nicht, woher er die veritablen Prinzenkleider hatte, die er am königlichen Leib trug. Ich bezweifelte, dass er sie winzig klein gefaltet in seinem Gepäck getragen hatte, seit er den väterlichen Palast verlassen hatte … aber was wusste ich schon? Außer, dass wir jetzt, ja, gerüstet waren, um die Sklavenhändler heimzusuchen.
Unser Plan war nun, dass Sir David und seine Schotten in der Nähe des Handelsorts, welcher ein wenig auffälliges Haus am Stadtrand war, sich ebenso unauffällig aufhalten sollten, mit einem oder zwei Wagen, um die befreiten Sklavinnen zu transportieren. Marijke van Beverningh würde ebenso anwesend sein, um die dann wohl glücklichen, aber sicher verschreckten Frauen zu beruhigen. Dann würden wir sie zunächst in eine Unterkunft am Hafen bringen, wo sie bis zum Auslaufen von Turnersticks Schiff verborgen ausharren sollten – bewacht von uns, falls wir verfolgt würden und Vergeltung befürchten müssten.
Dies waren Unwägbarkeiten, die mich sehr beschäftigten. Ich hatte nun schon oft Gefangene befreit, ob aus den Fängen von Schurken in den Weiten Amerikas oder Kerkern in den Bergen und Wüsten des Orients. Doch dort war ich stets freier im Handeln gewesen und hatte, nebst weniger Gefährten, auch die Möglichkeit gehabt, robustere Methoden anzuwenden. Es verbot sich aber alles Stürmen der unbekannten Örtlichkeit, und …
In diesen Augenblick stürmte Sir David in den Raum. Er war aller britischen Gelassenheit ledig und schnaufte und keuchte und seine Augen flackerten unstet, als er rief:
„Mrs. van B. ist verschwunden!“
Achtes Kapitel
Ein Sklavenmarkt
Ich sprang auf.
„Wie ist das geschehen?“
Der Lord schluckte.
„Wir waren am Hafen, und ich sprach ein wenig mit Skipper Turnerstick, technical talk and such, auf welcher Werft er seine ‚Courser‘ hat bauen lassen, denn ich trage mich ja mit dem Gedanken, eine neue Yacht in Auftrag zu geben, vielleicht etwas weniger luxuriös, dafür modern und robust, und …“
„Sir David, Mylord, pray tell – kommt zur Sache!“, rief ich.
Halef stieß einen entsetzten Laut aus. „Hat man Sayida Maryam entführt?“ Er schaute bestürzt zu Haschim, als wolle er damit ausdrücken, dass Mevrouw van Beverningh wohl nicht abhanden gekommen wäre, wenn Haschim und seine Beduinen dabei gewesen wären.
„Yes, yes“, haspelte der Lord. „Wir hatten gerade Wachwechsel gehabt, und McIlroy and McMurray hatten Posten von den Herren Bedouin übernommen …“
„Aber seitdem sind doch zwei Stunden vergangen!“ Ich spürte heiße Enttäuschung und Sorge – wie hatte das geschehen können?
Der Lord schluckte hart. „Ich war im Bootsgespräch vertieft, und die Scotsmen hatten von ein wenig Trubel an der Karawanserei berichtet …“
„Weshalb wissen wir davon nichts?“ Ich schaute verzweifelt in die Runde der besorgten Gesichter. Halef tippte fahrig auf dem Griff seiner Kurbatsch herum, die er in seiner chinesischen Drachenmusterschärpe trug.
„Es kamen dort nur ein paar Kisten an, keine Sklavinnen!“, erklärte der Lord.
Ich schalt mich selbst – ich hätte deutlicher auf die tückische Tarnung der Sklavenhändler hinweisen sollen. „Und Mevrouw van Beverningh?“
„Die wollte im Hafen herumschauen. Sie mochte nicht mit Skipper Turnerstick plaudern.“
Ob dies nun an einer Abneigung zwischen Holländern und Friesen gelegen hatte, an den Männergesprächen oder den Männern an sich, vermochte ich nicht zu sagen. Ich hoffte nur, Mevrouw Marijke hatte nichts Unbedachtes getan – oder eher noch: nichts allzu Bedachtes und Geplantes.
„Wo sind die Schottenmänner?“, fragte Halef. Da hatte er Recht, und ich schaute Sir David etwas ungehalten an.
„Ja, wo sind Eure Pappenheimer?“
Sir David wirkte verwirrt, auch weil er sich sehr grämte, sagte aber dann mit gerümpfter Nase: „Die suchen die Mrs. …“
Es knarzte auf der Schwelle und herein trat die Besagte!
Marijke van Beverningh hob ihren dünnen Gesichtsschleier und steckte ihn an der Hutkrempe auf. Ihren zusammengefalteten Sonnenschirm hatte sie wie einen Gehstock über den Unterarm gehängt. Sie blickte streng über uns entgeistert dreinschauende Herren und musterte knapp die neuen Kleider von Halef und meiner selbst.
„Warum die Aufregung, meine Herren?“, fragte sie und zog die Handschuhe aus, um sie in den Gürtel zu schieben. „Während Lord und Kapitän über Schiffchen redeten, habe ich stattdessen weitere Wagen besorgt, um die zweifellos gewachsene Zahl der Sklavinnen nach der Befreiung zum Hafen zu bringen.“
„Aber wie …?“, entfuhr es Sir David. Ich wusste, er sagte dies nicht, weil er an Mevrouw van Beverningh zweifelte, sondern weil sie eine Frau war – eine Frau in jenem Teil des Morgenlands, das von strengen Gläubigen beherrscht wurde und in dem eine Frau keine Rechte besaß, geschweige denn Geschäfte tätigen durfte.
„Ich war selbstverständlich nicht bei dem Fuhrmann von zuvor“, erklärte sie mit strenger Miene. „Ich habe von einem Landsmann von Ihnen erfahren, Lord, der hier ein Unternehmen für Spedition eröffnet hat, für Kaufleute aus dem Okzident. Aus gewissen naheliegenden und auch anderen Gründen.“ Sie wies mit einer beidhändigen Geste an ihrem Leib entlang. „Der Gentleman hat mir sogar Rabatt gegeben.“
Die Kaufmannswitwe besaß zweifellos Verhandlungsgeschick.
„Ein sehr netter Mensch“, befand sie. „Fredrick Fettes mit Namen. Ein Schotte aus Aberdeenshire.“
„Aber Sie hätten mir doch sagen müssen, dass Sie …!“, rief Sir David.
„Ich bin Ihre Sekretärin und Gesellschafterin“, gab die Dame scharf zurück. „Auch Ihr dolmetsch, ihr terdschüman, wenngleich ich eine terdschü-woman bin. Aber Sie sind nicht meine nanny, Mylord!“
„Und – und – Sie nicht die meine!“, schnappte der Lord. „Mich hier vor allen zurechtzuweisen! Und Ihr Ton dazu! Sie klingen, beg pardon, wie ein chimney-sweep, ein Schornsteinfeger!“
„Die bringen bekanntlich Glück“, meinte Mrs. van B. schulterzuckend und stützte sich auf ihren Schirm. „Leider nicht den Frauen, denn es sind ja weitere hierher verschleppt worden.“ Sie schaute schmaläugig auf mich und Haschim. Ob sie mehr wusste oder ahnte, als sie sagen wollte? Nun, sie beherrschte wohl schlicht das kaufmännische Einmaleins und konnte so zwei und zwei zusammenzählen, auch ohne Ahnung von magischen Dingen zu haben.
„Die Herren dürfen nicht glauben, dass Sklavenhändler ihre Ware offen transportieren. Sie wissen sie zu verbergen – nicht vor den Behörden, sondern vor der Konkurrenz.“
Haschim musterte Mevrouw Marijke ebenso wie ich.
„Schauen Sie nicht so! Glauben Sie, die Sklavinnen werden auf Kissen gebettet? In Kisten werden sie gesteckt! Betäubt! Zumindest jene, die nicht als besonders gelten und somit nur als … Zuverdienst verkauft werden!“ Sie stach mit der Spitze des Schirms auf den Boden. Wir alle zuckten zusammen ob des scharfen Lauts – nein, eher weil Marijke van Beverningh nicht mehr kühl war, sondern wütend.
„Also!“, forderte sie. „Wann schlagen wir zu?“
In diesem Augenblick polterten die beiden Schotten in den Raum. Sie nahmen Haltung an, als sie Sir Davids mürrischen Blick sahen, aber der winkte nur ab.
Mrs. van B. sagte etwas auf Gälisch. Die Schotten waren so überrascht, dass sie knapp lachten, aber dann rasch wieder ernst wurden. Die anderen schauten verwirrt, doch amüsiert. Mir war es recht: Es ist immer gut, einen Kampf mit heiterem Geist zu beginnen, denn der Ernst kommt von selbst.
Bevor wir aufbrachen, ließ es sich die gestrenge Dame nicht nehmen, mir und Halef die Krägen zu richten. Dies war nun keine Gouvernantengeste, sondern damit zu vergleichen, als Damen des Mittelalters den Rittern vor dem Turnier oder der Schlacht ihre Gunst schenkten. Wir erhielten nun keine Seidentücher, sondern zumindest ich eine geflüsterte Botschaft, die mir Ansporn und Mahnung zugleich war und wohl auch genau so beabsichtigt:
„Sie enttäuschen mich doch nicht, Kara Ben Nemsi? Befreien Sie die Frauen, strafen Sie die Schurken!“
Mevrouw Marijke trat einen Schritt zurück und senkte den Blick. Dann wandte sie sich um und an Sir David.
„Fahren wir, Mylord!“, sagte sie und verließ den Raum.
Sir David schaute mich an. Er zog einen Zettel aus der Innentasche seiner Jacke. „Das ist die Rechnung für die Wagen.“ Ich erkannte die Handschrift der Holländerin. Der Lord seufzte und folgte der Dame. Draußen hörte ich ihn einigermaßen streng mit den Schotten reden. Schließlich versprach Sir David seinen Pappenheimern, dass sie bald Gelegenheit bekämen, die Schwerter zu nutzen. Ich hoffte, dass dies nur Worte des Ansporns waren, um die Aussicht auf die kommende Wache und Eskorte erträglich zu machen. Bemerkenswert fand ich aber, wer in diesen Augenblicken wem die mutmachenden Sätze vergönnte. Nun, wer wäre ich, wenn ich eine Dame enttäuschen wollte, zumal in solch edler Absicht.
Zuvor mussten Halef und ich aber die edlen Männer spielen, welche unedle Wünsche hegten, namentlich sich Sklavinnen zu erwerben. Wir fanden uns also zu besagter Zeit an besagtem Ort ein. Es war dunkel geworden, nur wenige Lichter brannten in den Fenstern, selbst die Moschee war kaum beleuchtet. Am Brunnen wartete schon die Sänfte – wir hatten uns bewusst mit unserem Auftauchen Zeit gelassen, denn Herren mögen gegenüber Gleichen pünktlich sein, Händler jeder Art wurden mit dieser Ehre nicht bedacht, sie würden ja mit Geld entschädigt.
Ich begrüßte den Sänftenführer sogleich mit dem Vorwurf, dass wir nicht an unserer Wohnstatt abgeholt worden waren, wenngleich ich genau wusste, dass dies aus zweifachen Gründen der Diskretion nicht möglich war. Der Mann nahm es hin, er hatte dies wohl allzu oft vernommen. Stattdessen musterte er uns unauffällig, aber genau und verglich unsere Erscheinung mit der Beschreibung, die er von dem Verschlagenen erhalten hatte.
Dann öffnete man uns die Vorhänge der Sänfte, wir ließen uns auf die Polster fallen, und schon ruckte unser Transport nach oben und voran, von den vier muskulösen Trägern bewegt.
Ich wusste, Haschim würde zur gleichen Zeit von einem anderen Platz fortgetragen zu dem Ort, den wir bereits kannten. Und zu welchem auch Sir David und Mevrouw Marijke unterwegs waren.
Halef und ich schaukelten in der Sänfte dahin. Die Vorhänge waren schwer und dicht, wenngleich man draußen ohnehin kaum etwas hätte erkennen können, da die Beleuchtung wegen der schwindenden Lichter in Häusern und an Straßenecken immer dürftiger wurde. Ich glaubte aber, dass die übertriebene Geheimhaltung zum Geschäft gehörte. Die reichen Kunden sollten den Kitzel des Heiklen und Verbotenen spüren, obgleich der formell untersagte Sklavenhandel ja nicht wirklich geahndet wurde.
Da saßen Halef und ich nun: in fremden Kleidern und ohne die vertrauten Waffen. Denn diese mitzunehmen war uns freundlich untersagt worden. Klingen und Gewehre, auch Revolver wurden im Haus nicht geduldet, um den Wettstreit der Bieter auf Worte zu beschränken, sodass nicht der bessere Kämpfer oder Schütze den Preis erringen sollte, sondern nur jener mit der reicher gefüllten Börse und dem höheren Zahlungswillen. Auf meinen Einwand, dass ich und gewiss auch die anderen Kunden bei den mitgeführten Summen doch auf Sicherheit bedacht sein mussten, entgegnete man, es sei alles aufs Beste bestellt: Niemand würde es wagen, das Haus der Auktion zu überfallen, auch nicht die Gäste auf dem Weg dorthin. Die konkurrierenden Händler ebenso wie niedrigste Taschendiebe und Räuber wagten dies nicht, wenngleich aus anderen Gründen: der Sorge um das eigene Geschäft sowie der Furcht vor strenger Strafe – nicht vonseiten der Behörden, sondern von innerhalb jener geheimen oder eben doch nicht so geheimen Handelsorganisation.
Was mich und Halef in unserer Rolle als Sklavenkäufer beruhigen sollte, beunruhigte uns als jene, die wir wirklich waren.
Gewiss vermisste ich den Henrystutzen und den Revolver, weil ich doch zu Kampf und Befreiung auszog, oder eben: getragen wurde. So musste ich mich eben auf meine Fäuste verlassen und nicht auf Kugeln. Immerhin war Halef die Kurbatsch gestattet worden, wohl weil man dachte, dass diese hilfreich sei, wenn man die neu erworbenen Sklavinnen mit sich fortführte. Vielleicht wurde aber auch ein Transport gestellt, fiel mir nun ein. Ob am gleichen Abend oder am nächsten Tag? Wir hatten auch die Möglichkeit erwogen, mit Sir Davids Barmitteln einfach alle Sklavinnen käuflich zu erwerben – und die Rettung ganz ohne Aufregung vonstatten gehen zu lassen. Aber Mevrouw Marijke verwahrte sich dagegen. Die Sklavenhändler sollten nicht bezahlt werden – sondern zahlen!
Wir kamen zum Halt und wurden aus der Sänfte komplimentiert. Ich blickte mich unauffällig um, denn ein Sklavenkäufer kümmerte sich nicht um den Ort des Handels und ein hochnäsiger Reicher noch viel weniger, zumindest nicht darum, in welcher Richtung der Hafen lag, was man an der Lage der beiden Hügel mit den Festungen leicht ausmachen konnte, die sich gegen den Sternenhimmel abhoben und zudem durch die Wachlichter zu erkennen waren. Lichter und Lampen gab es auch an diesem Ort reichlich, und die schlichte Fassade des Hauses war, wenn nicht prächtig, doch einladend illuminiert. Es war ein gänzlich normales Gebäude für diese Gegend, wenngleich breit und langgestreckt: zweistöckig aus Ziegeln und Kalkputz, an der Front ein Bogengang, darüber der weite Balkon mit seinen gemauerten Geländerpfosten und den hölzernen Querstangen dazwischen. Aus der Wand des Vorbaus wie auch des zweiten Stocks ragten die Enden der danchal, jener dünnen, mit Erdpech bestrichenen Balken, welche, mit Bambusstreifen und Mangrovenwurzeln verwoben, die Decken und Böden trugen und für die Bauten dieser Gegend typisch waren. Auch sah ich die marazim, hölzerne Halbröhren, die das Wasser der raren, aber dann heftigen Regenfälle ableiten sollten.
Ich betrachtete dies aber nicht aus Interesse an der Baukunde, sondern allein, weil ich mir auch Gedanken darüber machte, wie ich an diesem Ort einer möglichen Verschärfung der Situation begegnen konnte. Ich prüfte also kurz die Fluchtwege und die Art des Gebäudes selbst, es mochte von Nutzen sein.
Zwei Diener traten aus dem Eingang unter den Bögen hervor, und zwischen ihnen schritt ein beleibter Mann in wohl teurer, aber nicht protziger Kleidung, mit langem Bart, der zweifellos gefärbt war, so schwarz und glänzend wie er war. Der Feiste hob die kurzen Finger, die mit allzu vielen Ringen besteckt waren, und streckte uns begrüßend die Hände entgegen.
„Willkommen in meinem Haus! Freunde der Luluad und Dschumana! Ihr werdet hier ein prächtiges Angebot finden – wenngleich nicht zu wohlfeilem Preis.“
Er fletschte anzüglich die Zähne, und zwar dreimal: bei den beiden Worten für „Perle“ und bei dem Wort „Preis“.
„Wahre Pracht ist ihren Preis wert“, gab ich zurück. „Mag sich hier beides treffen – zu unser beider Vorteil.“ Dabei berührte ich wie zufällig die beiden wohlgefüllten Münzbeutel, die ich links und rechts am Gürtel trug wie ein gunslinger des Wilden Westens seine Revolver. Mir war es angemessen erschienen, diese Prahlerei einmal nachzuahmen.
Wenn sich nun jemand fragt, warum wir nicht höflich unsere Namen ausgetauscht hatten – darauf wurde verzichtet. Man wollte diskret sein.
Man bat uns dennoch unter großen Gesten hinein, in den majilis, den Gastraum, der sehr ausgedehnt und prächtig geschmückt war. Mir war diese Haremsatmosphäre unangenehm, und so ließ ich mich nicht beeindrucken von den grellfarbigen Tüchern, welche zwar einzelne Bereiche abtrennten, jedoch nicht verhüllten, dass sich dort Diwane und Sitzkissenberge befanden, gewissermaßen in Separees. Auch blendeten mich nicht die durchbrochenen Lampen aus Metall, welche irrlichternde Reflexe über das glänzende Gold und die schimmernden Steine sandten. Ich musste nichts berühren oder näher beäugen, um zu wissen, dass es nur Messing und Glas war, täuschender Tand. Dies war also kaum das private Heim des reichen Händlers, sondern nur ein Bühnenbild für das schändliche Schauspiel des Sklavenverkaufs. Allerdings sah ich auch ein paar Vogelkäfige mit prächtigen Exoten, und diese paradiesischen Tiere waren wohl eine Leihgabe aus dem Haushalt des Gastgebers.
„Ara, Kakadu, Tukan …“, murmelte Halef, während uns ein Diener zu unseren Plätzen geleitete. Der Lehrer Lohse hatte jüngst wohl den Brehm mit unseren gefiederten Freunden durchgenommen.
Ich begutachtete das Angebot der Erfrischungen auf den kleinen Tischen und Taburetts. Das Konfekt auf den Tellern und Schalen war mannigfaltig, und die Früchte waren frisch.
„Sichelschwanz, Fadenhopf, Wimpelträger …“
Der Tabak für die Tschibuks roch äußerst gut, und die Weine würden zweifellos auch edel sein. Neben den Gläsern und Pokalen sah ich tatsächlich Flaschen mit französischen Etiketten. Ich ging davon aus, dass die Kosten auf die Sklavenpreise aufgeschlagen würden.
„Paradieselstern …“
Paradiesel … Waren all diese Vögel wirklich in den Käfigen? Oder konnte Halef nicht den Schnabel halten, im Gegensatz zu den Tieren? Ich blickte auf und erkannte – die Wesen in den Käfigen waren nur ausgestopfte Bälge. Sie waren reine Dekoration, störten somit nicht durch Singen und Krächzen oder gar Reden die kommenden Attraktionen.
„Leopardelpanther!“
Ich wollte Halef bitten, die Scherze zu unterlassen, als ich schon das Fauchen vernahm. Eine gefleckte Großkatze fletschte die Zähne, blieb aber auf ihren Platz gekauert. Die goldene Kette um ihren Hals hätte sie kaum zurückgehalten. Das Tier gehorchte wohl nur dem Willen seiner Herrin, die auf einem Diwan lag, schwarz verhüllt bis auf die Augen, die mich greller anblitzten als die falschen Schmucksteine. Eine schlanke Hand fuhr dem Leoparden über den Kopf. Ich sah Muster aus Hennafarbe auf den Fingern, die mir gänzlich untraditionell erschienen, sondern vielmehr …
„Da drüben ist Haschim“, flüsterte Halef, und ich sah unseren Freund mit seinen Beduinen in den majilis treten. So würde er wohl einen Thronsaal beschreiten, wenn er die Königswürde nicht abgelehnt hätte.
Dann wurden wir von dem Diener auf unsere Kissen komplimentiert. Andere Gäste, Kunden, Käufer hatten es sich bereits bequem und gemütlich gemacht und sprachen den angebotenen Wohltaten zu. Im Hintergrund, verborgen hinter den Schleiern, die sich vor Wänden und Türöffnungen befanden, sah ich etliche Männer, kräftig und bewaffnet. Dies war also die Bewachung, welche für die Sicherheit der Kunden und ihrer Börsen sorgen sollte. Ich glaubte, einige der großen Afrikaner aus der Karawane al-Fuladhys zu erkennen.
Haschim saß uns schräg gegenüber, denn all die abgeteilten Bereiche öffneten sich auf die Mitte des Raums hin. Dorthin trat nun der beleibte Mann mit den Ringen.
Die Auktion der Sklavinnen begann.
Neuntes Kapitel
Schwert und Peitsche
„Willkommen, Freunde der Perlen!“, tönte der Beleibte und klimperte mit seinen beringten Fingern durch die Luft. Er drehte sich um sich selbst, um seine Worte in alle Richtungen der Anwesenden zu wenden.
„Ihr edlen und wohlhabenden Käufer werdet am heutigen Abend vieles in makelloser Gestalt erblicken und mit euren geübten Augen viele Beispiele der Lieblichkeit schauen, welche seltene Zierden eines jeden Hauses sein werden!“
Ich konnte nur einen Teil der anderen Gäste erkennen: Es waren vor allem Männer in gesetztem Alter und mit untersetzten Körpern, mit gierigem Blick und gierigem Gaumen, denn sie sprachen den gereichten Köstlichkeiten reichlich zu. Aber auch einige hagere, finster dreinschauende Asketen waren darunter, die das Konfekt verschmähten und nur am Weinpokal nippten, wohl um nüchtern die Preise zu kalkulieren. Es stand ihnen gewiss auch der Sinn nach anderen Verlustigungen. Ob es die waren, die der Gastgeber nun ankündigte, konnte ich kaum wissen. Anderes befürchtete ich.
„Aber zuvor ein wenig Unterhaltung, um neben dem Leiblichen auch das Auge zu erfreuen oder sogar noch dessen Blick zu schärfen.“
Auf einen Wink erklang Musik – wenngleich man niemanden sah, der dort aufspielte. Ich lauschte und schaute dann auf einen Punkt über dem Scheitel des Beleibten. Und tatsächlich sah ich, dass die Decke des Raumes ein zweifach mannsgroßes Loch, nein, eine Aussparung besaß, deren Ränder von Tüchern und Ketten behangen und so kaschiert waren. Das Innere des Kreises lag im Halbdunkel, doch von dort floss die Musik herab. Im oberen Geschoss musste sich ein Ensemble von Spielern befinden, welche die traditionellen Instrumente Dauhas nutzten: al daf, eine Art Tamburin, al tabl, die langgestreckte Trommel, sowie tasat, die wie Schellen oder Zimbeln benutzt wurden und doch nur Schalen aus Zinn waren. Auch erkannte ich den hohlen Klang des galah, eines großen Tonkrugs. Der Krug und die Schalen wurden gemeinhin von Perlenfischern benutzt, um von ihren Taten zu singen oder sich während der Arbeit über Wasser zu unterhalten. Dass dieserlei Musik nun bei der Auktion von Sklavinnen erklang, die verhüllend oder eben ganz enthüllend als Perlen bezeichnet wurden, schien mir empörend und despektierlich.
Nun kamen Frauen in dünnen Schleiern heran, die in der raschen Bewegung wehten und flogen, in vielerlei Farben und in mannigfacher Zahl. Es begann also ein Schautanz, der dem orientalischen Mann und dem europäischen Orientalisten ein prickelndes Gefühl vermitteln mochte, ich wandte mich jedoch uninteressiert ab und musterte die Gäste, die Kunden, vor allem aber das, man mochte sagen: Schallloch in der Zimmerdecke.
Meine planenden Gedanken wurden unterbrochen, als ich von der Seite angesprochen wurde. Ich schaute nach der Stimme und sah vor meinen Augen einen gewaltigen Säbel – mit Smaragden daran. Die Klinge steckte jedoch in der goldverzierten Scheide, ich wurde nicht vom blanken Metall bedroht. Stattdessen ragte ein Mann neben mir auf, den ich aufgrund des Säbels sogleich erkannte, obgleich ich nun zum ersten Mal sein Gesicht sah. Es war Youssef al-Fuladhy. Er war in schlichte Gewänder gekleidet, sein Smaragdsäbel war Prunk genug. Gleichzeitig zeichnete dieser ihn aus, als den einzigen offen Bewaffneten im Raum.
Er schaute mich von oben herab an, und so stand ich auf, um ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen. Neben mir erhob sich auch Halef. Al-Fuladhy würdigte ihn keines Blickes.
„Es scheint mir“, begann der Sklavenhändler, „dass Euch die Darbietungen nicht recht zusagen.“ Er wies auf die tanzenden Frauen mit den schwebenden Schleiern.
„Nicht mein Geschmack“, gab ich zurück.
Ich musterte mit arrogantem Blick das Gesicht vor mir. Es war hart und kräftig, mit kleinen schwarzen Augen und einem großen schwarzen Schnurrbart. Er schien mir tatsächlich kein Araber zu sein, sondern doch Perser oder von nördlich des Kaukasus herstammend. Einen Akzent erkannte ich jedoch nicht.
„Dann könnte ich Euch etwas bieten. Loransa al-Beri hat mir von Euch berichtet …“
„Wer soll das sein?“
„Mein Zuträger. Ihr habt Ihn auf dem Basar kennengelernt.“
Der Verschlagene!
„Ich habe keinen Tee mit ihm genommen. Kennenlernen ist zuviel gesagt.“
„Nun, dann hat er Euch jedoch erkannt. Als einen Mann mit gewissen Vorlieben.“
Youssef al-Fuladhy musterte nun doch Halef, jedoch weniger sein Gesicht als seine Kurbatsch. Halef erkannte so wie ich den Zusammenhang, und wir wechselten einen Blick. Al-Fuladhy missverstand diesen – zu unserem Vorteil.
„Darf ich Euch bitten, mir zu folgen?“, lud er uns ein und wies in Richtung des hinteren Hauses.
„Interessanter als dies kann es nur sein“, gab ich gelangweilt zurück. Halef rückte seine Kurbatsch zurecht. Al-Fuladhy lächelte und ging voran.
Wir folgten einem Weg durch die abteilenden Tücher und Troddeln, ohne dass wir die anderen Gäste störten. Die Musik wurde leiser, als wir den Raum verließen, in einem schmalen Gang das Haus durchmaßen und zu einem Innenhof gelangten, der von Fackeln erleuchtet war. Ihr Schein ließ die Bogengänge ringsum in tiefe Schatten fallen, und die danchal, welche aus den Wänden über den Bögen ragten, wirkten wie schwarze Finger, die sich im flackernden Licht zu bewegen schienen.
An der gegenüberliegenden Seite des Hofs sah ich ein Tor, dessen Flügel standen offen, und ich konnte schwach weitere Gebäude erkennen, wohl Stallungen und Lagergebäude. Zu beiden Seiten des Tors sah ich zwei der schwarzen Wachen al-Fuladhys mit ihren riesigen Säbeln. Der Innenhof besaß einen großen Brunnen, dessen gekachelte Umrandung schimmerte, jedoch war der artesische Springquell versiegt, das Beckenrund trocken. In dem gemauerten Kreis drängten sich furchtsam zwei Dutzend Frauen, spärlich bekleidet, aber frisiert und geschminkt – die Sklavinnen! Die meisten besaßen helle Haut, helles Haar, doch auch einige Afrikanerinnen und Inderinnen waren darunter, und eine noch immer stolz dreinblickende Frau mit Zügen, die ich nicht genau im Orient verorten konnte. Ihr Blick traf sich mit meinem, und ich war erstaunt, dass es schien, als erkenne sie mich. Es mochte aber nicht meine Person sein, die jene Regung bei der Frau auslöste. Sie erkannte vielleicht mein Schauspiel und dass ich nicht der Grausame war, als der ich mich gab. Doch wenn es ihr gelang, mich zu durchschauen, dann musste ich auf der Hut sein!
Neben dem Brunnen lauerte der ausgezehrte Zauberer mit seiner straff über die Gesichtsknochen gezogenen Haut. Sein kahler Schädel schimmerte im Flammenlicht. Ich war versucht, den Musaddas hervorzuziehen, um zu prüfen, ob die magischen Fesseln der Frauen bereits gelöst waren, doch ich konnte es nicht wagen.
Auf der anderen Seite des Brunnens stand der Mann in der dunklen Dschellaba, deren Kapuze noch immer den Kopf bedeckte und ihn wie einen mittelalterlichen Henkersknecht erscheinen ließ. Zu seinen Füßen kauerte eine Sklavin mit dunkel schimmernder Haut – und ich erkannte mit Entsetzen, dass die Farbe ihres Körpers nicht allein von ihrer Herkunft herrührte und der Glanz nicht vom Schweiß der Angst, sondern von Blut, das aus Striemen und Schnitten ihres Leibes rann. Von Abu Kurbatschs Hand ringelte sich der Natternleib der langen Peitsche.
Youssef al-Fuladhy wandte sich an mich und Halef gleichermaßen. „Ihr könnt Euch vor dem Kauf in Stimmung bringen. Doch wenn Ihr die Ware beschädigt, müsst Ihr sie auch kaufen.“ Er zeigte auf Abu Kurbatsch und dessen erbarmungswürdiges Opfer. „Oder Ihr bringt zu einem Ende, was begonnen wurde. Das ist kostenfrei …“
„Sehr entgegenkommend“, befand ich mit innerer Abscheu. „Das wird meinen Gefährten freuen.“ Ich bedeutete Halef die Erlaubnis, zu Abu Kurbatsch zu gehen, wandte mich aber al-Fuladhy zu. „Ich lege selbst keine Hand an. Der Ehrenmann beschmutzt sich nicht die Hände, sondern nutzt Auge und Ohr.“
Halef schlenderte hinüber, während er auf den Griff seiner Kurbatsch trommelte. „Das nennt Ihr eine Peitsche?“, fragte er Abu Kurbatsch. „Sie mag zwar lang sein, aber der Kenner bevorzugt eine solche wie die meine. Damit ist man näher am Geschehen.“ Nur ich vernahm den Unterton, der erkennen ließ, wie sehr Halef die Worte verabscheute. Sie verfehlten jedoch ihre Wirkung nicht. Abu Kurbatsch sah auf, und ich glaubte, seinen brennenden Blick im Dunkel der Kapuze zu spüren. Doch er wusste, dass er diese Beleidigung Halefs ertragen musste, denn dieser war in seinem Verständnis ein zahlungskräftiger Kunde wie auch ich.
Da sich Halef Zeit ließ und die Kurbatsch im Gürtel behielt, sprach ich zu al-Fuladhy. „Da wir von Waffen sprechen – einen prächtigen Säbel habt Ihr da. Ist er persisch?“
Al-Fuladhy zwirbelte ein Ende seines Schnauzbarts. „Gewiss. Ihr seid ein Mann der Genüsse – vielleicht auch der sanfteren? Der Dichtkunst und Poesie, der Erzählungen, welche nach langen Mühen auch den härtesten Mann entspannen mögen … Kennt Ihr die Legende von Arsalan?“
„Ein erbauliches Geschichtlein über geflohene Prinzessinnen, ägyptische Kaufleute und einen Thronerben, der am Ende obsiegt.“ Ich verzog das Gesicht. „Etwas süßlich.“
„Nun, das Interessante daran ist wohl der Gegenspieler, der ganz nach dem Geschmack von Männern wie uns ist: Fulad-Zereh!“
„Der gehörnte Dämon, welcher Malek Khazen, dem Feenkönig über das Land Zahrgiha, als General diente?“
„Ihr kennt die Geschichte! Ja, Fulad-Zereh diente als General, doch er fand dann seine Berufung darin, schöne Frauen zu entführen und …“
„… zu verkaufen?“
„Nun, er verschleppte sie in seinen Bau. Aber sogar ein Dämon, vielmehr noch ein Mann, kann doch nur für eine gewisse Anzahl selbst Verwendung finden …“
Ich schaute wieder auf den Säbel. „Dann ist dies also …“
Al-Fuladhy packte den Smaragdgriff und zog den Säbel, ließ die Klinge im Licht blitzen. „Shamshir-e Zomorrodnegar! Das Schwert des Dämons, welches einst König Suleiman gehörte und seinen Träger vor aller Magie schützt!“
„Und die einzige Waffe war, die Fulad-Zereh töten konnte – was Arsalan auch gelang.“
„Nun, Dämonen sind überheblich und nicht so klug wie Menschen. Ich achte sehr auf meine Klinge.“
„Ihr wollt mir tatsächlich weismachen, dies sei Suleimans und des Dämons Klinge?“ Ich gab mich nicht allzu höhnisch – und hob dann sogleich die Hand, bevor al-Fuladhy antworten konnte. „Nein, nicht mich wollt Ihr täuschen. Aber all die anderen! Um Furcht zu schüren! Und deshalb seid Ihr wohl der Beste Eurer Profession.“
„Wohl erkannt, mein Herr!“, raunte al-Fuladhy und zwinkerte. „Gewiss ist dies nur ein recht guter Säbel. Die Smaragde sind nur Glas. Aber…“ – Er deutete auf dem Griff herum. – „… nach und nach ersetze ich sie durch echte. Dieser und dieser und diese dort. Und wenn ich einen wahren Smaragdsäbel besitze, setze ich mich zur Ruhe.“
„Ein erfolgreicher Mann und ein kluger dazu“, lobte ich. „Darf ich Eure prächtige Waffe und gleichermaßen Juwelenschatulle einmal führen?“ Ich wies zu Halef, der seine Kurbatsch bereitgemacht hatte. „Ich habe gern etwas in der Hand, wenn das Schauspiel beginnt. Aber aus verständlichen Gründen bin ich an diesem Ort meiner Waffen ledig.“
„Aber gewiss!“, tönte al-Fuladhy, blickte kurz auf meine beiden Goldbeutel und reichte mir den Säbel. Er lag gut in der Hand. Und dies war das einzige Gefühl, dass sich mir mitteilte, trotz meiner jüngsten Empfindlichkeit für magische Dinge. In mir regte sich nichts. Was daran liegen mochte, dass die Waffe eben allzu irdisch und nicht magisch war. Oder daran, dass Haschim nicht in der Nähe war, der mich stets der Magie näherbrachte. Aber über solche Hintergründe durfte ich jetzt nicht nachsinnen. Stattdessen musste ich handeln – vorgeblich und tatsächlich. Ich schwang den Säbel ein wenig und blickte über den Innenhof, in die Dunkelheit hinter dem geöffneten Tor. Die Wachen blickten in die Finsternis und wussten nicht, dass sie ihrerseits beobachtet wurden.
„Ist es nicht etwas heikel, dass das Tor offensteht?“, fragte ich und ließ ein wenig Besorgnis in meine Stimme fließen.
„Aber Ihr dürft doch nicht besorgt sein! Hier gibt es keine Probleme mit Behörden wie andernorts. Und die lachhafte Konkurrenz wagt nichts – auch wegen dem, was Ihr in Händen haltet.“ Er zeigte zurück zum Haus. „Heute wird der Verkauf gut sein! Und mein Profit reichlich – neue Smaragde für Shamshir!“
„Nein. Für al-Fuladhy.“
„Für Fulad-Zereh!“, lachte der Sklavenhändler und stutzte dann. „Ich habe Euch meinen Namen nicht …“
Ich schwang den Säbel und legte die Klinge an seinen Hals. „Dennoch weiß ich, wer Ihr seid. Und wer ich bin? Ich bin Euer Arsalan!“
Al-Fuladhy wollte einen zornigen Befehl an seine Wache ausstoßen, doch es war schon zu spät. Halef stieß den Griff seiner Peitsche in die Kapuze Abu Kurbatschs. Dieser war so überrascht, dass er seinen Nilpferdziemer fallen ließ, und mit dem zweiten Stoß hatte Halef ihn auch schon betäubt, sodass er in seiner Dschellaba zu einem unordentlichen Haufen zusammensackte.
Der hagere Zauberer sprang in einem Satz zu seinem Herrn al-Fuladhy, hob die Krallenhände in einer magischen Geste gegen mich – und stutzte!
Ich lachte. „Shamshir schützt vor allem Zauber!“, rief ich höhnisch, und schon hatte Halef dem Magier seinen Kurbatschgriff über den blanken Scheitel gezogen. Auch dieser fiel besinnungslos zu Boden.
Am Tor gab es Tumult! Ein Fuhrwerk kam rasselnd zum Halt, dann prallten klirrend Klingen gegeneinander! Ich sah, wie sich die schwarzen Wächter des Sklavenhändlers im Kampf mit Lindsays schottischer Garde maßen, die ihre Pappenheimer schwangen, nein, es waren natürlich ihre schottischen Schwerter, und sie nutzen sie meisterhaft, denn die Wächter schlugen mit ihren schweren Riesenklingen fehl, während die Schotten flink auswichen und Hieb auf Hieb setzten. Ich erkannte, dass die Wächter der Karawane wohl doch nur zur Abschreckung gedient hatten und keine geschickten Klingenkämpfer waren. Was Wunder! Ihre gewaltigen Säbel mochten beeindruckend und prächtig sein, aber sie waren doch eher Henkerswerkzeuge als Kriegerwaffen! Die Schotten führten einen wahren Schwerttanz auf, wenngleich ich wohl weiß, dass es in den Highlands viel mehr Tradition ist, das auf dem Boden liegende Schwert zu umtanzen. Ich meine selbstverständlich, dass die beiden Macs – man verzeihe, ich konnte sie hier nicht unterscheiden – sich tänzergleich und elegant bewegten und ihre Breitschwerter mit dem Korbgriff nicht minder. Und schließlich hatten ihre Klingen genug Blut gezogen, dass die schwarzen Säbelriesen ihre Waffen klirrend fallen lassen mussten und gegen die Torflügel sanken.
Youssef al-Fuladhy hatte die Darbietung wütend, aber regungslos betrachtet – sie war keinesfalls nach seinem Geschmack gewesen, was nicht allein an der eigenen Klinge an seinem Hals lag. Und Halef hatte den Mann, der sich Abu Kurbatsch nannte, mit dessen eigener Nilpferdpeitsche gefesselt. Der Schinder lag noch immer bäuchlings auf dem Boden, sein Kopf von der Kapuze verhüllt. Der Peitschenriemen war lang genug, um ihm Handgelenke und Fußgelenke so zu verbinden, dass er sich nicht rühren konnte.
„Ein feiner Zeitvertreib, Sihdi!“, rief Halef halblaut und steckte den Dolch des Mannes in seinen Gürtel.
Mittlerweile war Sir David durch das Tor geschritten, hatte seine Schotten beglückwünscht und sie mir entgegengesandt, während er selbst auf die verschreckten Sklavinnen im Brunnen zuging und in unelegantem Arabisch verkündete, dass die Rettung nahe sei. Dann wiederholte er das ganze auf Englisch. Was er hernach in versuchtem Französisch von sich gab, verstand selbst ich nicht. Sein Tonfall und seine Gesten mochten aber beruhigend genug sein, dass die europäischen Sklavinnen zweifellos begriffen, was gerade geschah.
McIlroy und McMurray traten zu mir – aus der Nähe ließen sie sich leicht unterscheiden – und richteten ihre Schwerter auf Youssef al-Fuladhy, damit ich den Säbel sinken lassen konnte. Ich nahm die Goldscheide und schob den Säbel hinein.
„Ich könnte die Smaragde herausbrechen, die du mir gezeigt hast. Als Entschädigung für die Frauen“, sagte ich. „Aber das ist nicht annähernd genug.“
Ich wandte mich an die Schotten. „Fesselt den Mann. Please, me lads!“
Die beiden hoben die Brauen und feixten. Der Akzent schien mir gelungen zu sein.
Während al-Fuladhys Hände in seine Gürtelschärpe geknotet wurden, ging ich zu dem reglosen Kahlkopf hin, den ich mit meiner Finte verwirrt hatte. Auch ihn fesselte ich mit dem langen Tuchstreifen, der ihm um den dürren Leib gewunden war. Dann folgte ich einer Eingebung und verband ihm die Augen mit seinem Halstuch. Ich durchsuchte ihn nur knapp nach Messer oder Dolch, mit dem er sich hätte befreien können, fand aber nur Dinge, von denen eher Haschim wusste, wozu sie dienten. Mir schienen sie nur sonderbar, da nicht alltäglich: ein paar Münzen von fremder Form, ein Bündel kurzer rechteckiger Stäbe, ein Rollsiegel und dergleichen. Ich stopfte sie in den seltsamen leeren Beutel aus Flechtwerk, der in den Gewandfalten verborgen war.
Ich hatte bereits gehört, dass eine Stimme wechselnd in sanftem Arabisch, auch Englisch und Französisch den Sklavinnen Mut und Hoffnung zusprach. Marijke van Beverningh hatte den Hof betreten. Ich blickte auf und sah, wie sie sachte, aber zur Eile drängend, die Frauen aus dem Brunnen und zum Tor geleitete, wo die Wagen standen; Sir David assistierte ihr etwas ungelenk.
Ich blickte zurück zum Hintereingang des Hauses. Noch immer vernahm ich die leise Musik, dennoch konnte jederzeit der Gastgeber zur Auktion rufen und würde dann erwarten, dass al-Fuladhy und Abu Kurbatsch die Sklavinnen hereinbrachten. Oder er sandte nach ihnen. Bis dahin sollten wir verschwunden sein.
„Sihdi!“, rief Halef – zu laut!
Ich wandte mich um und sah Halef entsetzt auf den gefesselten Kahlkopf zeigen, der sich am Boden wand und kehlige Laute von sich gab, wobei er den Hals reckte, um die Stirn gen Himmel zu richten. Unter der Augenbinde rannen zwei Fäden Flüssigkeit heraus, die weder Tränen noch Blut waren. Ich roch plötzlich Rauch, und es schien mir, als würden die Enden der danchal, die ringsum aus den Wänden ragten, zu glühen beginnen. Dann aber stieß der Mann einen erneuten Schmerzenslaut aus. Ich wollte hinzulaufen, um wie auch immer zu helfen – da spürte ich etwas und schaute zurück. Haschim kam mit seinen beiden Beduinen aus dem Haus, noch immer klang die Musik. Haschim hatte die Hand erhoben und den Mund geöffnet, es sah aus, als habe er mir eine Warnung zurufen wollen.
Als sich unsere Blicke trafen, schaute er ein wenig erstaunt, lief dann aber an mir vorüber, wobei er mich wie flüchtig an der Schulter berührte. Ich begriff aber, dass er – etwas prüfen wollte. Dann beugte er sich rasch zu dem – nein, nicht zu dem Kahlköpfigen hinab, sondern zu der Tasche aus Flechtwerk, öffnete sie behutsam und kehrte sie rasch um. Die Münzen, die Stäbe, das Rollsiegel fielen zu Boden. Sie knisterten und – stießen einander ab, wie Magnetsteine. Der Kahlköpfige verstummte und lag still. Haschim blickte auf und deutete mahnend mit dem Finger auf mich.
„Dies dürft Ihr niemals wieder tun, Kara Ben Nemsi. Wenn Ihr wisst, dass jemand ein solcher ist, meidet seine Besitztümer. Rührt sie nicht an.“
„Aber ich habe nichts gespürt …“, begann ich.
Haschim lächelte milde. „Ihr dürft Euch nicht allzusehr auf das verlassen, an was Ihr nicht wirklich glaubt.“ Dann zeigte er auf den Smaragdsäbel. „Der falsche Shamshir hingegen … Aber das wisst Ihr ja selbst.“
Ich wog die Klinge in der Hand. Selbst in der Scheide spürte man, dass es ein guter Säbel war. Dann zeigte ich auf al-Fuladhy und Abu Kurbatsch.
„Was geschieht mit ihnen?“
„Wir nehmen sie mit“, sagte die Holländerin kalt. Das Fackellicht funkelte in ihren Augen. Sogleich schien mir der Vorschlag der Frau nicht gut – wer wusste, was sie …
Haschim hatte aus dem Hauseingang eine Öllampe geholt, zog den brennenden Docht heraus und goss das Öl in einem verschlungenen Muster auf die Gegenstände am Boden. Dann ließ er den Docht fallen. Schwache Flammen liefen über die vom Öl gezeichneten Linien und ein stechender Geruch stieg auf.
„Wir nehmen die Männer mit“, befand Haschim. „Hier werden sie zu rasch befreit. Und wir haben ausreichend Wachen.“
Ich nickte notgedrungen. Die Beduinen zerrten Abu Kurbatsch auf die Füße, nachdem Halef den Peitschenriemen mit dem Dolch des Mannes durchtrennt hatte, sodass dieser noch immer an Händen und Füßen gebunden war.
„Das war die Kurbatsch“, feixte er und wandte sich an die Beduinen. „Nehmt Abu Mehlsack und tragt ihn fort!“ Die Beduinen musterten Halef reglos. Haschim lachte leise und gab ihnen einen Wink, dann schleiften sie ihn zum Tor hinaus. Die Schotten eskortierten Youssef al-Fuladhy, indem sie ihm ihre beiden Schwerter an den Hals hielten.
Haschim nahm den reglosen Kahlkopf auf die Arme, dessen Körper dünn und leicht wie der eines Kindes schien. Ich blickte erstaunt. Haschim schaute ernst zurück. „Er wäre beinahe gestorben“, flüsterte er. „Selbst einer des Linken Pfads hat dies nicht verdient.“
Ich fühlte Schauder und Scham zugleich.
Haschim schüttelte den Kopf.
„Es ist gut. Wenn er erwacht, wird er leben, wenngleich nicht wie zuvor. Er wird nie wieder Sklavenketten führen. So ist es am Ende gleich.“
Dann trug Haschim den Zauberer zum Tor. Halef und ich blieben zurück, schauten einen Augenblick über den leeren Hof. Die Musik verstummte. Dann gingen auch wir.
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