Kitabı oku: «Amerikanische Reise 1799-1804»
Über den Autor
Professor Dr. Hanno Beck, Professor für die Geschichte der Naturwissenschaften an der Universität Bonn und Leiter des Amtes für Forschung der Humboldt-Gesellschaft, gilt als bedeutendster Humboldt-Forscher der Gegenwart. Er hat sich durch zahlreiche Publikationen auf dem Gebiet der Geschichte der Geographie und der Reisen international einen Namen gemacht. Er ist Träger der Goldenen Humboldt Medaille.
Zum Buch
Der Begründer der neueren Humboldt-Forschung, Professor Hanno Beck, hat hier die gesamte amerikanische Forschungsreise Humboldts rekonstruiert. Dies ist umso bemerkenswerter, als Humboldt seine berühmte Reise nur zu einem Drittel selbst geschildert hat. Der Leser wird deshalb bei der Lektüre eine große Überraschung erleben, da er nun die maßgebende Forschungsreise der Neuzeit in einem Zug nachvollziehen kann. Er erlebt das Abenteuer der sechsjährigen Vorbereitung und der fünfjährigen Forschungsreise Humboldts auf den Kanarischen Inseln und im Gebiet der heutigen Staaten Venezuela, Kuba, Kolumbien, Ecuador, Peru, Ecuador (2. Aufenthalt) und der Vereinigten Staaten von Amerika. Ein faszinierendes Leseabenteuer.
Viele von Humboldts wissenschaftlichen Forschungsergebnissen haben Eingang in die moderne Geographie gefunden: so zum Beispiel seine Beschreibung der Vegetation des tropischen Südamerikas, der Schwarz- und Weißwasserflüsse, des Casiquiare, der natürlichen Verbindung zwischen Orinoko und Rio Negro, seine Profile und Pflanzengeographie. Humboldt war vielseitiger Geograph und Forschungsreisender. Auch den Menschen sah er immer als Teil seiner Physikalischen Geographie, und von seinem Reisewerk gingen geographische und politische Impulse aus. So brandmarkte er die Menschenschinderei in den Bergwerken und Manufakturen Mexikos, verteidigt die menschliche Würde der tropischen Indianer oder schildert das Leben der Gesellschaft und den Stand der Wissenschaften in den Hauptstädten Lateinamerikas. Es ist ein farbiger Bericht aus einem Guß entstanden, der dem Leser Vergnügen bereitet und ihn gleichzeitig mit dem neuesten Stand der Humboldtforschung vertraut macht.
ALTE ABENTEUERLICHE REISEBERICHTE

Alexander von Humboldt nach einem Porzellanrelief von Friedrich Christian Tieck
Alexander von Humboldt
AMERIKANISCHE REISE
Rekonstruiert und kommentiert
von
Hanno Beck
Mit 36 Illustrationen

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Der Text wurde behutsam aktualisiert und revidiert nach der Ausgabe Beck, Hanno: Alexander von Humboldts Amerikanische Reise/ aufgezeichnet von Hanno Beck – Lenningen: Edition Erdmann, 1999 (Alte, abenteuerliche Reiseberichte)
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INHALT
Inhalt
Alexander v. Humboldts amerikanische Forschungsreise 1799 bis 1804
Eine Einführung
Die fragmentarischen Ausgaben des unvollendeten Humboldtschen Reiseberichtes und die einzige vollständige deutsche Übersetzung
Kurzer Blick auf Humboldts Leben und das Werden seiner Leitwissenschaft
Kurze Hinweise zur Forschungsreise A. v. Humboldts
Alexander v. Humboldts Vorbereitung einer Forschungsreise in die Tropen Amerikas
1. Die Gestalt des Forschungsreisenden
Der Forschungsreisende: ein von der Vernunft legitimierter Abenteurer der Aufklärung
2. Humboldts Reiseziel »Westindien«: Die Tropen der Neuen Welt
Sechsjährige Vorbereitung
3. Spezielle und allgemeine Vorbereitung in Jena
Zur Übung wird die Höhe jedes Hügels gemessen
4. Begegnung mit Amalie v. Imhoff
»Schön, klug und talentvoll«
5. Reisevorbereitungen in Dresden
Wagen – Kinder – Gepäck
6. Aufenthalt in Wien 1797
Prof. Barth, »das genialischste Wesen in ganz Wien«
7. Schönbrunn und die österreichischen Forschungsreisenden
Österreich kommt um einen Bonpland
8. Wissenschaftliche Arbeiten in Salzburg
Humboldt wachsen tausend Hände
9. Die »Versuche über die gereizte Muskel- und Nervenfaser«
Gegen jede Tierquälerei
10. Die Abkehr von der »Lebenskraft«
Erfahrung, keine Spekulation
11. Pasigraphische Ideen und Schillers Kritik
Humboldts drittes Forschungsprogramm
12. Der innere Zweck der Wissenschaft
Rechtfertigung reiner Forschung
13. Anregungen für Forschungsreisen in den »Versuchen«
Umriss einer medizinischen Geographie
14. Der Plan der ägyptischen Reise
Der Sinn einer »Zwischenzeit« – »Die Ausrottung des Feudalsystems«
15. Humboldt in Paris
Die wissenschaftliche Hauptstadt der Welt
16. Aimé Bonpland. Reisepläne nach Nordafrika
Ein Mann mit einer zerbeulten Botanisiertrommel
17. Grundlegende geographische Forschungen auf der Reise nach Spanien
Humboldt profiliert erstmals ein europäisches Land
18. Die Verwirklichung der Forschungsreise in Madrid
Humboldt spricht spanisch und erreicht alles
19. Letzte Vorbereitungen in Madrid
Leistungen spanischer Forscher
20. Die letzten Tage in Europa. Ausblick
»Der Mensch muß das Große und Gute wollen!«
Alexander v. Humboldts Forschungsreise in den Tropen Amerikas
1. Geschichte und wissenschaftliche Erschließung Südamerikas im Überblick
Oft kompromisslose Schärfe der Urteile
DER ERSTE ABSCHNITT DER REISE
2. Die Kanarischen Inseln und die Überfahrt
Erstmals auf außereuropäischem Boden
3. Humboldts Ankunft in Südamerika: Cumaná
Erstes Erlebnis tropischen Landes: Tanz mit Negerinnen
4. Die Kapuziner-Missionen bei Cumaná
Bei christianisierten Indianern
5. Publizistische Wirksamkeit Humboldts in Reisebriefen
Publicity – Jägerlatein – Abenteuer
6. Caracas und die Täler von Aragua
Blick aus der Theaterloge in den Sternenhimmel
7. Fahrt zum Orinoco
Zitteraale sind »lebendige elektrische Batterien«
8. Auf dem Orinoco zur brasilianischen Grenze
Ernte von Schildkröteneiern – Die Leiden einer indianischen Mutter
9. Rückreise vom Casiquiare über Nueva Barcelona
Moskitoplage – Schwüle – Curare
10. »Skizze einer geologischen Schilderung des südlichen Amerika«
»Ein Riß vom Gezimmer der Erde«
11. Abreise von Cumaná
Französische Soldaten verbreiten revolutionären Geist
DER ZWEITE ABSCHNITT DER REISE
12. Der Aufenthalt in Kuba
Begegnung mit John Fraser und seinem Sohn
13. Cartagena. Humboldts Vermessungsmethode
»Barbarisches Schauspiel« in Cartagena
14. Auf dem Magdalenenstrom nach Bogotá
»Eine schreckliche Tragödie« – »Schneekoppe plus Brocken«
15. José Celestino Mutis. Die Lage der Wissenschaft in Bogotá
Der größte Gelehrte Südamerikas
16. Humboldts Forschertätigkeit in Bogotá
Geograph und Forschungsreisender
17. Überquerung der Anden von Popayán nach Quito
Ablehnung des Missbrauchs der Menschenwürde
18. Treffen mit Caldas und Aufenthalt in Quito
Der begabteste junge Naturforscher Südamerikas
19. Die Besteigung des Pichincha
»Stechender Geruch von schwefliger Säure«
20. Humboldts Verhältnis zu Caldas
Caldas will Humboldts Begleiter werden
21. Besteigung des Chimborazo
»Stille Größe und Hoheit« – der Naturcharakter tropischer Landschaft
22. Spuren der Inkas auf dem Weg nach Peru
Reste der Inkastraße – Durch Páramos
23. Humboldt in Lima. Thaddäus Haenke
»Weder prunkvolle Häuser, noch überaus luxuriös gekleidete Frauen«
24. Reise über Guayaquil nach Mexiko
Erster Entwurf des »Naturgemäldes der Tropenländer«
DER DRITTE ABSCHNITT DER REISE
25. Humboldts Aufenthalt in Mexiko-Stadt
Vorzügliche wissenschaftliche Einrichtungen – Unwissenheit ist keine Folge des Klimas
26. Reisen in das nördliche Mexiko
Querétaro – Guanajuato – Menschenschinderei in Manufakturen und Bergwerken
27. Das Colegio de Minería und der »Essay de Pasigraphie«
Profile: »Höhenkarten« und »Formationskarten«
28. Humboldts Abschied von Mexiko
Messung klassischer Vulkane – Nochmals auf Kuba
29. Humboldts Aufenthalt in den Vereinigten Staaten von Amerika. Heimkehr nach Europa
Dolley Madison: »All the ladies say they are in love with him«
30. Die Bedeutung der amerikanischen Forschungsreise und ihre Auswertung
Das größte private Reisewerk der Geschichte – Der erste selbständige große deutsche Forschungsreisende
Anmerkungen
Alexander v. Humboldts Vorbereitung einer Forschungsreise in die Tropen Amerikas
Alexander v. Humboldts Forschungsreise in den Tropen Amerikas
Literatur-Ergänzung
Bildnachweis

ALEXANDER V. HUMBOLDTS AMERIKANISCHE FORSCHUNGSREISE 1799 BIS 1804
EINE EINFÜHRUNG
Nur der Naturforscher ist verehrungswert, der uns das Fremdeste, Seltsamste mit seiner Lokalität, mit aller Nachbarschaft jedes Mal in dem eigensten Elemente zu schildern und darzustellen weiß. Wie gern möchte ich nur einmal Humboldten erzählen hören! Goethe: Die Wahlverwandtschaften (1809)
Nicht zufällig begründete die amerikanische Forschungsreise von 1799 bis 1804 den Weltruhm Alexander v. Humboldts, und der Leser wird nicht mit Unrecht annehmen, dass der größte Geograph der Neuzeit, der zugleich der maßgebende Forschungsreisende seiner Epoche war, diese Unternehmung selbst vollständig dargestellt habe. Dieser Irrtum wird durch die Humboldt-Ausgaben genährt, die dem Leser den oft sogar mehrfach fragmentarischen Charakter ihrer Darstellungen verschweigen wie einst die Phönizier ihrer Mitwelt die Entdeckung ferner Welten. Es wurden z. B. stets die beiden zugehörigen Atlanten unterschlagen.
Während seine »Reise durchs Baltikum, nach Rußland und Sibirien 1829« (Edition Erdmann, Stuttgart 1983, zweite verbesserte Auflage 1984) völlig rekonstruiert werden musste, lernt der Leser der Reihe »Alte abenteuerliche Reise- und Entdeckungsberichte« nun in kurzem zeitlichen Abstand mit diesem vorliegenden Werk einen durchaus ähnlichen Versuch kennen.
Tatsächlich hat Humboldt seine klassische amerikanische Forschungsreise nur zum kleineren Teil geschildert:
nämlich den Beginn in La Coruña, in Nordwest-Spanien, am 5. Juni 1799, die Atlantik-Fahrt über die Kanarischen Inseln bis zur Landung in Cumaná (an der Küste des heutigen Venezuelas), die Fahrt zum Orinoco und Casiquiare, die Überfahrt und den ersten Aufenthalt auf Kuba, die Seereise von dort zur Küste des heutigen Kolumbiens und den anfänglichen Aufenthalt in diesem Land bis Barrancas Nuevas am Río Magdalena.
Nicht geschildert hat Humboldt:
den Aufenthalt im Gebiet der heutigen Anden-Staaten Kolumbien, Ecuador, Peru, die Überfahrt von Callao (Peru) und den zweiten Aufenthalt in Ecuador, die Seereise von dort nach Mexiko, den Aufenthalt in diesem damals führenden Land Lateinamerikas, die Überfahrt von dort und den zweiten Aufenthalt auf Kuba, die Überfahrt nach den Vereinigten Staaten von Amerika, den Aufenthalt in diesem Land und die Rückfahrt über den Atlantik bis zur Landung in der Garonne bei Bordeaux am 3. August 1804.
Humboldts zum weitaus größten Teil unvollendeter Reisebericht stellte deshalb längst die lohnende Aufgabe einer erstmals reisegeschichtlich begründeten Rekonstruktion, die ich 1959 und 1961 in meiner zweibändigen Biographie ausgeführt habe (Hanno Beck: Alexander von Humboldt. Band I: Von der Bildungsreise zur Forschungsreise 1769–1804; Band II: Vom Reisewerk zum »Kosmos« 1805–1859, XVIII und 742 Seiten, 2555 Anmerkungen, Humboldt-Bibliographie, Personenregister, mit 28 Tafeln, 4 Abbildungen und 6 Karten, Franz Steiner, Wiesbaden 1959 und 1961). Diese erste zusammenhängende Darstellung habe ich 1971 für die spanische Übersetzung (Fondo de Cultura, México 1971) überarbeitet und bringe sie in dieser Ausgabe – praktisch in dritter Auflage – auf den neuesten Forschungsstand, um sie einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ich danke meinem Schüler Wolf-Dieter Grün für die Anregung zu diesem Unternehmen. Merkwürdigerweise hatte es bis 1959/61 einen solchen Rekonstruktionsversuch nicht gegeben.
DIE FRAGMENTARISCHEN AUSGABEN
DES UNVOLLENDETEN HUMBOLDTSCHEN
REISEBERICHTES UND DIE EINZIGE
VOLLSTÄNDIGE DEUTSCHE ÜBERSETZUNG
Einige wenige Kenner meinen, Humboldts »eigentlicher Reisebericht« fände sich in der Relation historique (3 Bde. Paris 1814–1817, 1819–1821 u. 1825–1831, Neudruck mit Einführung und Register von Hanno Beck, Stuttgart 1970), verbunden mit dem Atlas Pittoresque. Vues de Cordillères, et monumens des peuples de l’Amérique (Paris 1810–1813) sowie dem Atlas géographique et physique des régions équinoxiales du Nouveau Continent (Paris 1814–1838, zitiert nach dem von Hanno Beck herausgegebenen Neudruck: Amsterdam u. New York 1971–1973). In den genannten drei Bänden hat Humboldt seine Reise bis zur Landung und den ersten Aufenthalt im Gebiet des heutigen Kolumbiens geschildert. Noch in Amerika hatte er einen allgemeinen Reisebericht geplant, sich dann aber für die Form seiner Relation historique entschieden, in welcher der rote Faden meist regelrecht unter der physikalisch-geographischen Problemfülle verschwindet. Die Relation historique ist gewiss immer noch ein Reisebericht; dennoch hat sie dessen Form zu einem großartigen Vollzugsorgan physikalisch-geographischen Denkens ausgeweitet. Alles ist Bruchstück geblieben, wie wir schon erwähnt haben. Oft wird mit Humboldts Worten belegt, der »vierte Band« sei nicht erschienen. Diese gelegentliche Angabe entscheidet das Problem nicht, da die drei Bände der Relation historique nur ein gutes Drittel der gesamten Expedition enthalten; wenn Humboldt sein Werk in der Art der vorliegenden drei Bände vollendet hätte, wäre weit, weit mehr Raum nötig gewesen.
So ergeben sich immer neue Probleme, die nun endlich auch von einer größeren Zahl von Lesern gesehen werden sollten.
Dies alles hat noch zu Humboldts Lebzeiten den Verleger Cotta zum Handeln veranlasst. Er beauftragte Hermann Hauff (1800–1865), den Bruder des Dichters Wilhelm Hauff, mit einer deutschen »Bearbeitung«: Alexander von Humboldt’s Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff. Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers. Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache. 4 Bde. J. F. Cotta, Stuttgart 1859 u. 1860; später: 6 Bde. ebendort 1861–1862.
Wer wirklich einmal den französischen Originaltext mit der Hauffschen Bearbeitung verglichen hat, weiß, dass den sehr werbewirksamen Sprüchen des Titelblattes nicht zu trauen ist. Der Bibliothekar Hauff hat nur eine teilweise Übersetzung geliefert, ließ aber trotz der ausdrücklichen Vereinbarung mit Humboldt viel, oft einfach zu viel aus, während das Titelblatt sich schwer durchschauen ließ und dem Leser die Überzeugung aufdrängte, hier sei ein Problem mit Humboldts Einverständnis gelöst worden. Das war gewiss nicht der Fall. So brach Hauff die Schilderung der Reise einfach mit der Ankunft in Havanna auf Kuba am 19. Dezember 1800 ab, während Humboldt sie bis zum Beginn der Befahrung des Río Magdalena weiterführte. Schon vom Geist des Spezialistentums bestimmt, verstand Hauff die Reise von allen möglichen Einzelwissenschaften her und übersah Humboldts wegweisende Leitidee, ja er ließ die alles entscheidende Passage mit Humboldts „Einführung“ einfach fort und löschte sie damit im Gedächtnis der folgenden Zeit aus. Es sei hier auf ein Register seiner Untaten verzichtet, wissen wir doch ohnehin nicht, auf wen die schwersten Verstümmelungen zurückgehen: auf ihn oder seinen Verleger? Vieles mag an Hauff gelegen haben, während anderes und vielleicht sogar das meiste vom Verlag manipuliert wurde, so etwa der merkwürdige Satz am Schluss in der »Vorrede des Herausgebers«, Humboldt und er, Hauff, seien übereingekommen, »das Buch als literarisches Product möglichst unversehrt zu erhalten, nirgends auszugsweise zu verfahren, sondern im Ganzen überall dem Texte treu zu bleiben« und nur gar zu wissenschaftliche Betrachtungen »abzulösen«. So mag es vereinbart worden sein, allein der Verlag hat sich nicht daran gehalten. Humboldts Vorwort für die Ausgabe vom 26. März 1859 ist 42 Tage vor seinem Tod unterzeichnet worden, d. h. doch, dass Hauff und nicht zuletzt der Verlag »freie Hand« hatten.
Hauff setzte die einzige vollständige Übersetzung von Ferdinand Gottlieb Gmelin (Band 1) und vor allem von Paulus Usteri (Band 2 bis 6, Teil 1) sehr herab: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents in den Jahren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803 und 1804. J. G. Cotta, 6 Theile, Stuttgart u. Tübingen 1815–32). Sie ist nie sehr einflussreich gewesen und seither zu Unrecht vergessen worden, ein Vorgang, den Hauff leider sehr gefördert hat.
Von Hauff leiteten sich die meisten späteren Ausgaben ab, deren Verfassern offenbar nie bewusst war, dass ein französisches Original existierte. Erst die Darmstädter Ausgabe A. v. Humboldt Hanno Becks hat mit drei Bänden, 1306 Seiten und einem Kommentar von 119 Seiten das Problem für den Leser der Gegenwart gelöst. Insgesamt jedenfalls ein wahrhaft niederschmetterndes Ergebnis, und das 145 Jahre nach dem Tod Alexander v. Humboldts am 6. Mai 1859 in Berlin!
Um die hier vorliegende reisegeschichtliche Rekonstruktion verstehen zu können, werden die eben gewonnenen Einsichten nun zunächst mit Humboldts Leben verbunden.
KURZER BLICK AUF HUMBOLDTS LEBEN UND DAS WERDEN SEINER LEITWISSENSCHAFT
Alexander v. Humboldt wurde am 14. September 1769 in Berlin geboren. Bis zum Alter von 30 Jahren kränkelte er nach eigenem Bekenntnis oft. Seine Eltern, der preußische Major Alexander Georg v. Humboldt und Marie Elisabeth, geb. Colomb, vertrauten seine Erziehung Hauslehrern an, die den für die frühe Kindheit recht erheblichen Altersunterschied zwischen den Brüdern Wilhelm (1767–1835) und Alexander (1769–1859) nicht ausglichen. Da der Unterricht philologisch-geisteswissenschaftlich bestimmt war, kam er der Begabung des älteren Bruders mehr entgegen, so dass auch deshalb der jüngere als der weniger begabte galt.
Beide Brüder begannen ihr Studium an der Universität Frankfurt a. d. Oder, mussten es jedoch nach kurzem Anlauf wieder abbrechen. Wilhelm durfte sein Studium sofort in Göttingen fortsetzen, während Alexander, der sich nicht bewährt zu haben schien, in Berlin von Hauslehrern weiterunterrichtet wurde.
Bis dahin waren die Brüder von Gottlob Johann Christian Kunth auf Wunsch der Mutter mehr als behütet worden, ähnlich wie der Emile in Jean Jacques Rousseaus beispielgebendem Roman.
In dieser Zeit nach der Heimkehr aus Frankfurt an der Oder im Jahr 1788, beriefen die Mutter und Kunth den in Berlin bestens bekannten Oberkonistorialrat Johann Friedrich Zöllner (1753-1804) als neuen Hauslehrer. Damals war Anton Friedrich Büsching als führender Geograph der Epoche der Spätaufklärung 1750 bis 1799 Kollege Zöllners. Dieser war allerdings der entschieden modernere geographische Denker: Mitglied der berühmten „Mittwochsgesellschaft“, offener Gegner des Wüllnerschen Religionsediktes und Besucher des Salons der Henriette Herz. Kunth und die Brüder Humboldt dürften Zöllner hier schon begegnet sein.
In ihm erlebte der jüngere Humboldt erstmals einen Hauslehrer anderer Art: Einen Lehrer, der ihn ernstnahm, ihn anerkannte und sein Freund wurde. Alexander lebte damals förmlich auf. Der neue Hauslehrer ging mit seinem Zögling z.B. in die Akademie der Künste, um dort ein bedeutsames Reliefmodell des Riesengebirges zu bewundern, das ein einfacher Schlesier geschaffen hatte, den der Lehrer bald persönlich kennenlernen sollte. Und als Zöllner sich auf eine gut geplante Reise nach Schlesien vorbereitete, notierte er sich Fragen, die der Schüler gern beantwortet sehen wollte. Während dieser Reise schrieb der Lehrer ausführliche Briefe an Humboldt und an seine Frau. Diese Briefe vereinigte er 1792 und 1793 in den beiden hochinteressanten Bänden seines Reisewerkes: Briefe über Schlesien, Krakau, Wieliczka und die Grafschaft Glatz auf einer Reise im Jahr 1791 (Berlin).
Er schrieb über die Eigenheiten des Riesengebirges unter Berücksichtigung des Geographischen Anordnungsschemas und aller Geofaktoren und über die Geomorphographie der Reliefmodelle. Er berichtete vom anbrechenden Fremdenverkehr in Badeorten, von ersten Umweltschäden, von Wasseranalysen und einer Tabelle mit Höhenmessungen. Er schilderte die Not der vom verantwortungslosen Adel unterdrückten Bauern und die Armut der Weber. Kein Wunder, dass Humboldt von diesem Mann schrieb, »er könnte der erste Naturforscher unter den Sterblichen werden«.
Mit der Entdeckung Zöllners ist mir wahrscheinlich der letzte große Fund im Rahmen meiner Humboldt-Forschung gelungen (siehe »H. Beck: Erkenntnissgewinne des jungen Alexander v. Humboldt« in: Abh. d. Humboldt-Gesellschaft, Band 16, Mannheim 200, Seite 13-44).
Kurze Zeit später, immer noch im Jahr 1788, erlaubte man dem 19-jährigen Alexander v. Humboldt den ersten freien Ausgang. Er begab sich, wohl mit Wissen Zöllners, sofort zu Karl Ludwig Willdenow, dem nur fünf Jahre älteren, talentiertesten Botaniker Berlins. Und wieder begegnete er einem Gelehrten, der ihn, wie Zöllner, schließlich als Freund betrachtete.
Aufflammende Freundschaft und Begabung rissen ihn erneut aus dem bisherigen Trott. Willdenow stieß ihm das Tor zur wissenschaftlichen Botanik auf, wies ihn auf Japan hin und ermöglichte ihm, gerade als niemand an ihn glaubte, die Formulierung eines ersten Forschungsprogramms: »Geschichte der Pflanzen«. In ihm sollten Ausbreitungsvorgänge von Pflanzen von einem Heimatgebiet aus über die Erde verfolgt werden. Humboldt hat in diesem Rahmen bald an das Substrat, den Boden und an Pflanzenfossilien gedacht, um der migrativen (auf Wanderungen bezogenen) Idee gerecht zu werden. Bald weitete sich das Programm zur Pflanzengeographie aus.
Erstmals lenkte Alexander sein Leben diplomatisch zu einem weiteren Ziel hin, als er die Mutter und Kunth für ein Bergbaustudium in Freiberg gewinnen konnte und damit endlich das ihm auferlegte Allerweltsstudium der Kameralistik (Volkswirtschaft) unterbrach, dem er andererseits doch sehr vieles verdankte.
Als »Bergmann« erlebte er eine stürmische Karriere und bald die Schöpfung eines zweiten Forschungsprogramms, das ein Strukturgesetz der Erde beweisen sollte.
Ein drittes Forschungsziel galt dem Entwurf geographischer und geologischer Profile; die Letzteren sollten mit Symbolen und Buchstaben pasigraphisch (im Sinne einer allgemein verständlichen Schrift-Zeichensprache) erläutert werden. Die bis dahin fast nur zweidimensionale Geographie und Kartographie gewann seit Humboldt mit nachhaltigem Erfolg die dritte Dimension der Höhe und ermöglichte auch kartographisch die Wiedergabe des Reliefs der Erdoberfläche.
Dies alles vertiefte Humboldt, als er 1793 in geistiger Auseinandersetzung mit Kants Physischer Geographie eine Methodologie schuf.
Es genügt hier der Hinweis auf seinen erstmaligen Versuch der Bezeichnung einer Leitwissenschaft. Er nannte sie 1793 merkwürdigerweise »geognosia«; das ist der ältere, zunächst noch beherrschende Begriff, den J. A. de Luc (1778) und H. B. de Saussure (1779), Humboldts wesentlichstes Vorbild in der Hochgebirgsforschung, schließlich mit dem Terminus Geologie ersetzen sollten. Das aber – in letzter Konsequenz Erdgeschichte – hatte Humboldt nicht gemeint. Was er wollte, ergibt sich erst, wenn wir sehen, dass er »geognosia« in Klammern mit drei gleichbedeutenden Begriffen erläuterte: »(Erdkunde, Theorie der Erde, physikalische Geographie)«. Damit wird klar, dass keinesfalls »geognosia« in der üblichen Bedeutung gemeint war, und man wird sich fragen müssen, warum der junge Humboldt überhaupt diesen doch bereits vergebenen Begriff beanspruchte. Wie Herder ersehnte Humboldt »eine philosophische Physische Geographie« (Herder), d. h. eine Geographie höherer Art. Deshalb wurde der Ausdruck Geographie, der zu erwarten war, regelrecht desavouiert, weil er ihn mit Recht an die damals zum Schlafmittel degenerierte Registratur der politischen Geographie erinnerte. In seinem begrifflichen Denken erwies sich Humboldt als überempfindlich; daher auch der Versuch, jeden Begriff seiner Methodologie mehrfach zu erläutern, ein Verfahren, das der Geographiegeschichte andererseits den Weg zur Lösung des Problems wies.
1796 ersetzte Humboldt dann den ohnehin bereits festliegenden und vergebenen Begriff »geognosia« durch »physique du monde«, einen Ausdruck, den er oft und ausnahmslos mit »Physik der Erde« übersetzt hat. Darunter verstand er jedoch keineswegs die frühe »Kosmos«-Idee, in der sich, wie in diesem späteren Werk selbst, »Himmel und Erde«, und zwar in dieser Reihenfolge, vereinigten.
Viele und auch ich selbst haben dennoch zunächst in »physique du monde« einen frühen Hinweis auf den »Kosmos« gesehen, obgleich dies nur teilweise zutrifft.
»Physique du monde« war zunächst nichts anderes als der neue Leitbegriff, der das eindeutig vergebene Leitwort »geognosia« ersetzte. Das zeigte sich klar, als Humboldt 1814 sein Ziel als »Physik der Erde, Theorie der Erde oder Physikalische Geographie« erläuterte, in einer Passage, die den Charakter seiner Forschungsreise offen klären sollte; eben diesen Text hat Hermann Hauff unverständlicherweise gelöscht; er steht in diesem Buch als Motto vor der Rekonstruktion von Humboldts Reise. Da »Physikalische Geographie« (eigentlich Naturgeographie) bereits im 18. Jahrhundert die wichtigste Wachstumsspitze der Geographie (Saussure, Kant, Herder, Johann Reinhold Forster, Saussure) bezeichnete, hatte der Begriff die größeren Aussichten, von Humboldt auf die Dauer benutzt zu werden. Dennoch hat er oft von »Physik der Erde« gesprochen; in all diesen Fällen können wir allerdings eindeutig und mühelos »Physik der Erde« durch den Terminus »Physikalische Geographie« ersetzen, und schließlich hat Humboldt selbst jeden Zweifel aufgehoben, weil er oft darauf hingewiesen hat, die eigentliche Sphäre seiner Kenntnis sei auf »Physikalische Geographie und Geognosie« beschränkt. Dazu hat er einen wesentlichen Teil der Geognosie zur Physikalischen Geographie gerechnet und keineswegs klare Grenzen gezogen.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Das dreistufige, im Sinne Kants raumwissenschaftliche, d. h. geographische Forschungsprogramm war der Nährboden einer im Sinne der Zeit »philosophischphysischen [oder physikalischen] Geographie« (Herder), die den Menschen einschloss.
Dreistufiges Programm als Nährboden, Methodologie von 1793 und sechsjährige Vorbereitung der amerikanischen Forschungsreise (seit 1793/94) offenbaren einen inneren Zusammenhang, der sich begrifflich bereits seit 1793 als Einheit verstand und 1796 nur neu, und zweifellos besser, bezeichnet wurde.
Dass Humboldt ein großer Geograph war, haben schließlich auch sämtliche bedeutenden Geographen, von Carl Ritter über Oskar Peschel, Ferdinand v. Richthofen, Friedrich Ratzel, Elisée Reclus, Paul Vidal de la Blache, Sir Halford Mackinder, Albrecht Penck, Alfred Hettner, Otto Schlüter bis zu Hermann Lautensach und Carl Troll, bestätigt. Seine vergleichbare Größe als Mediziner, Chemiker, Mathematiker und Astronom hat sich dagegen keineswegs erweisen lassen. Das muss endlich zu denken geben.
Der junge Humboldt hat vielfältig publiziert, doch beweisen seine zahlreichen gedruckten Beiträge bis 1799 seine Größe allein keineswegs. Gerade das nicht Publizierte, d. h. seine Forschungsprogramme, und das im Druck nur Angedeutete, in Briefen kurz Geschilderte, war das »Triebrad« (Goethe). Es trieb ihn förmlich aus Europa hinaus auf die Bahn des Forschungsreisenden. Es war allein schon deshalb im Vergleich zu allem bis dahin meist schnell Publizierten bedeutender, eben weil an seine Veröffentlichung überhaupt noch nicht gedacht werden konnte. Erst aus ihm und aus den mit ihm zusammenhängenden Denkbewegungen ergab sich, dass Humboldt schon im Augenblick seines Aufbruchs nach Amerika über die bedeutendste geographische Konzeption seiner Zeit verfügte. Nach der Reise wurde dann deutlich, worauf seine Klassizität beruhte:
Mehr als alle seine Vorgänger war er Geograph (und Kartograph) und Forschungsreisender. Er hatte damit ein Forschungsvorbild (Paradigma) geschaffen, dem keiner widersprochen hat, das aber nur wenige (Ferdinand v. Richthofen, Friedrich Ratzel, Carl Troll, Hermann Lautensach, Albert Kolb und Herbert Wilhelmy in Deutschland) erreicht haben.
KURZE HINWEISE ZUR FORSCHUNGSREISE
A. V. HUMBOLDTS
Das nach und nach zwischen 1788 und 1797 entfaltete dreistufige Forschungsprogramm und die mit ihm verbundenen Gedanken drängten Humboldt nach mehrfachem Reisen förmlich aus Mitteleuropa hinaus, wie schon gesagt wurde. Die amerikanische Reise war auch insofern ein notwendiges Forschungsinstrument, dessen Exaktheit Humboldt in sechsjähriger Vorbereitung geformt hatte. Ohne sie konnte sein physikalisch-geographisches Denken nicht fortschreiten. Dabei hatte er die schwingenden Schalen der Waage seines Lebens gleichmäßig gefüllt: die eine Schale mit den schwerwiegenden Resultaten seines physikalisch-geographischen Forschens, die andere mit dem menschenrechtlich-humanitären Gedankengut, wobei das eine ohne das andere nicht denkbar war. Wissenschaft war ihm stets auch ein Mittel zur Behauptung oder Durchsetzung der Menschlichkeit. Die hier vorgelegte Rekonstruktion beweist diese Verbindung immer wieder.
Beleuchten wir weitere Charakterzüge dieser Reise:
Alexander Solschenizyn hat auf die Erfahrung hingewiesen, die jeder, der einmal Gefangenschaft erlebte, leicht bestätigen kann: So gut wie nie seien in der Literatur die Gefäße der Notdurft erwähnt worden. So sei etwa der spätere Graf v. Monte Christo im Verlies des Château d’If eingekerkert worden, doch wir erführen nur, dass ihm Essen gebracht worden sei. Der zeitgenössische literarische Geschmack verbat sich eben »Peinliches«, das andererseits eine solche Kerkerhaft noch wahrer und deutlicher werden lassen musste. Ebenso hat die Reiseliteratur damals in ihren führenden Werken Entbehrungen, von geringen Ausnahmen und kurzen Einblicken abgesehen, nur angedeutet. Man transpirierte höchstens, man schwitzte kaum, und so könnte der Leser meinen, Humboldts Reise sei gefahrlos wie das Unternehmen eines heutigen Globetrotters oder Touristen verlaufen. Sehr oft werden nicht einmal die Überanstrengungen des hart arbeitenden Humboldt im Tropischen Regenwald deutlich. In seinem Tagebuch hat er die üblen Ausdünstungen unterdrückter Arbeiter in mexikanischen Manufakturen immerhin erwähnt, die beiden Gefährdungen seines Reisebegleiters Aimé Bonpland festgestellt, eigene Erschöpfung und Bedrohung aber nahezu übergangen.
Wir können heute (und längst) beweisen, dass Humboldt mehrfach in Lebensgefahr schwebte, ja, dass er selbst einmal einem Brief anvertraute, er glaube, Bonpland und er würden wahrscheinlich nicht als Lebende zurückkehren. Während der Alexander-v.-Humboldt-Gedächtnisexpedition im Jahre 1958 haben sich Volkmar Vareschi und Karl Mägdefrau oft über seine unwahrscheinliche Leistungsfähigkeit gewundert, die beim Vergleich mit den heutigen Bedingungen immer wieder deutlich wurde. Er kam gesund aus den Tropen zurück. Fast war es ein Wunder. Er hatte am Casiquiare die dichtesten Moskitoschwärme überlebt; Karl Mägdefrau stellte fest: »Der Mensch ist hier ununterbrochen, Tag und Nacht, den Angriffen der verschiedensten Stechmücken, Ameisen, Wespen usw. ausgesetzt. Humboldts Schilderungen entsprechen auch in diesem Punkte vollauf den Tatsachen. Einer der Expeditionsteilnehmer zählte einmal auf dem linken Handrücken 170, auf dem rechten 102 Moskitostiche!« Deshalb und infolge des Sogs der Hauptstadt Caracas sind diese Gegenden heute menschenleer (Caracas 1927: 127 000 Einwohner; 1958: 1 Million).
Überhaupt stellt sich nach solchen Hinweisen die Frage nach dem heutigen Zustand der von Humboldt bereisten Landschaften. Hierüber gibt das von Ortwin Fink und mir bearbeitete Buch Loren Alexander McIntyres (Hamburg 1982) Auskunft. Einige Einblendungen wird der Leser im Text und in den Anmerkungen finden.
In meinem reisegeschichtlichen Denken sind die Stufen der Vorbereitung, Ausführung und Auswertung notwendige Schritte, die aus Gründen der Klarheit der Darstellung und als sukzessive Erkenntnisstufen im rekonstruierenden Bericht getrennt werden sollten. Dem Erkenntnisgewinn des Lesers zuliebe musste in wenigen Fällen bewusst davon abgewichen werden: so z. B. als Humboldt das überraschende Urteil über die Schönheit der (subtropischen!) Landschaft Teneriffas natürlich nicht während seines dortigen Aufenthalts, sondern erst später aus dem Vergleich mit den Tropen gewinnen konnte (siehe Seite 120). Hier brächte die strikte Trennung der unmittelbar vor Ort erzielten Einsicht von dem erst in der Auswertung sichtbar werdenden Ergebnis dem Leser nichts ein, weil ihm nämlich ein wichtiges Bekenntnis Humboldts an der richtigen Stelle praktisch vorenthalten würde. Ähnlich zu bewerten sind einige Einschaltungen heutiger Ergebnisse auch in Anmerkungen: etwa Schilderungen des Verhaltens der Guácharo-Vögel, der erneute Nachweis einer von Humboldt entdeckten Wild-Tomate oder Bemerkungen zur Chimborazo-Besteigung.
Als früher Kenner der (für die Geschichte der Geographie wichtigen) Reisen, hatte Humboldt beobachtet, dass Expeditionen mit vielen Teilnehmern an Bord eines Schiffes oder als Unternehmungen auf dem Festland fast immer unter dem Streit der Teilnehmer zu leiden hatten. Er beschäftigte sich mit der außerordentlich schlecht organisierten Forschungsreise der Französischen Akademie 1735-1743 und mit der dänischen Expedition 1761-1767, die unter der völligen Unfähigkeit Ihre Leiters zu leiden hatte. Der schließlich einzig Überlebende, Carsten Niebuhr, hatte die Forschungsergebnisse der Expedition mit seinem Reisebericht gerettet.
Auch James Cook, der größte maritime Entdecker überhaupt, kam mit Gelehrten wie Sir Joseph Banks (und, auf seiner zweiten Weltumsegelung 1772-1775), nicht immer gut zurecht. Besonders schwierig war das Verhältnis zu Johann Reinhold Forster, dessen Sohn Georg sich aus diesem Streit diplomatisch heraushielt und Cook besonders achtete. Humboldt zog daraus verständliche Konsequenzen:
Er wollte die Reise selber gründlich und speziell vorbereiten und wollte seine Forschungsergebnisse mit anatomischen Beobachtungen und mit umfangreichen Ausführungen der Elektrophysiologie noch bereichern. Dass er als Aufklärer auch daran dachte, sich mit diesen Leistungen ein bleibendes Andenken zu schaffen, bezeugt allein schon die große geistige Anstrengung, die er nie scheute. Es ist besonders hervorzuheben, dass Ingo Schwarz und Klaus Wenig im Kommentar ihrer Ausgabe des Briefwechsels Humboldts mit Emil du Bois-Reymond (Berlin 1997) diese besondere Leistung wissenschaftsgeschichtlich nachgewiesen haben. Selbstverständlich haben diese Forschungen mit der Geographie nicht das Geringste zu tun. Sie müssen aber, zusammen mit den wichtigen, tief in die Analyse von Humboldts »Versuche über die gereizte Muskel und Nervenfaser« (2 Bde., Posen 1797) eindringenden Recherchen Brigitte Hoppes auch als Aufgaben der Vorbereitung der Forschungsreise Humboldts verstanden werden. Dies wird bis heute allerdings zu wenig zur Kenntnis genommen, obwohl er alle nötigen Utensilien zu den entsprechenden Versuchen vor Ort mitgenommen hatte. Alles hatte sich bereits angedeutet, als die beiden Brüder Keutsch von der damals noch dänischen Jungferninsel Sankt Thomas bereits als Mitarbeiter in das eben genannte zweibändige Werk hineinspielten als zwei Dänen aus Westindien.
Ich hatte schon 1959 darauf hingewiesen, dass große Expeditionen immer mehrere, thematisch oft weit voneinander getrennte Aufträge zu erfüllen hatten. Ganz in diesem Sinne suchte Humboldt lange nach einem geeigneten Mitarbeiter. Er dachte zunächst an Nicolaus Diederich Boethlingk, an die Brüder Keutsch oder an Joseph van der Schot. Seine Wahl fiel schließlich auf Aimé Bonpland. Er war Mediziner und stand vor einer wissenschaftlichen Karriere als Botaniker. Sie ergänzten sich hervorragend und blieben Freunde bis zuletzt.
Körperliches Training wie spätere Forschungsreisende (Fridtjof Nansen, Alfred Wegener, Heinrich Harrer) hat Humboldt nicht gekannt. Kam es darauf an, so holte er die notwendige Kraft ohne Weiteres aus sich heraus und wurde ähnlich wie später Sven Hedin mit allen Strapazen fertig; er hätte ebenso wie der große Schwede von sich sagen können, er habe sich nie überanstrengt. Noch 1829 ist dem 60-jährigen Humboldt in Russland und Sibirien körperliche Gewandtheit bescheinigt worden (siehe: Alexander von Humboldts Reise durchs Baltikum, nach Rußland und Sibirien 1829, 6. Aufl. 2009, S. 162). Seine erstaunliche Tropenfestigkeit erlaubte ihm volle Messprogramme, Pflanzenbestimmungen, Zeichnungen und Tagebucheintragungen in oft zeitlich dichter Folge. Andererseits bin ich mit vielen einig, dass er eine Glückshaut trug: Eine Chimborazo-Besteigung im Alltagsanzug mit Straßenstiefeln, ohne kundigen Führer und ohne jede Bergausrüstung ist nur einmal einem Humboldt gelungen, der, von einem kaum in Worte zu kleidenden geistigen Schwung beflügelt, nur wissenschaftliche Forschung im Sinne seines Leitmotivs betreiben wollte. Es ging ihm zunächst nur um Messungen in großer Höhe – und doch erlag auch er der »geheimen Ziehkraft« des 6310 m hohen Tropenbergs. Als der Nebel zerriss, erblickte er den Dom des Gipfels. Er sagte zwar nicht mit Johann Joachim Winckelmann »edle Einfalt und stille Größe«, sondern stellte in Übereinstimmung mit ihm fest: »Es war ein ernster und großartiger Anblick.« Und: »Am 25. Junius erschien uns in Riobamba Nuevo der Chimborazo in seiner ganzen Pracht, ich möchte sagen in der stillen Größe und Hoheit, die der Naturcharakter der tropischen Landschaft ist.«
Als erster Geograph hat Humboldt das Problem der Schwarz- und Weißwasserflüsse erkannt, wie wir noch im Text sehen werden. Der gebildete deutsche Facharzt und bekannte Sportler Dr. Max Stern wurde 1938 von Hitler zur Emigration gezwungen. Er hat von 1939 bis 1945 als Land- und Wanderarzt das Forschungsgebiet Humboldts in Venezuela intensiv bereist und ab 1942 27-mal den Casiquiare befahren. 1943 bis 1945 begleitete er die Ingenieur-Mission des Colonels der US-Armee, H. G. Gerdes, und konnte dabei weitere Einsichten gewinnen.
Vor den grundlegenden Beobachtungen internationaler Gelehrter (unter ihnen Harald Sioli) hat er bei der Lösung des Problems der Schwarz- und Weißwasserflüsse, der – wie er richtig meinte – mit Pflanzensaft eingetieften Felszeichnungen und der Casiquiare-Entstehung sehr Erhebliches geleistet. Dr. Stern hat mich vor seinem Tod um Wahrung seiner Interessen gebeten. Daher ist die erstmalige Publikation seiner vor Ort gezeichneten Landschaftsskizzen eine Verpflichtung, der sich Verlag und Autor nicht entziehen wollen. Gerade der skizzenartige Charakter dieser schwierig zu reproduzierenden Bilder gewährt einen wahren Einblick in tropische Landschaft.
Natürlich war Humboldt oft vom Kenntnisstand seiner Informanten abhängig. So hat er keine der Guano-Inseln betreten, die damals noch bis 50 m hoch von den Exkrementen der Vögel überzogen waren! Das anschaulichste ökologische Bilderbuch zur Lehre von »Zusammenhängen« konnte er nicht aufblättern. Er sah auch das Herzland der Inka-Kultur zwischen Cuzco und dem Titicacasee nicht, und der vorzügliche Landes- und Humboldt-Kenner Prof. Georg Petersen hatte wohl recht, als er mir gegenüber den mangelnden Informationswillen einheimischer Gelehrter der Humboldt-Zeit bedauerte. Andererseits konnte Humboldt kaum mehr bewältigen, als er tatsächlich erreichte. Er wusste von Cuzco und hat auch das Guano-Problem richtig gesehen.
Der Leser sollte sich darüber im Klaren sein, dass die gesamte Wiederholung der Humboldtschen Route in Amerika heute gar nicht mehr möglich ist. Einige Wegstrecken sind von Bergstürzen verschüttet worden. Prof. Georg Petersen hat für den Nachvollzug der Route allein in Peru viele Jahre benötigt, und doch waren die inneren Schwierigkeiten schließlich zu groß; es blieben Lücken. Loren Alexander McIntyre hat die Route vor wenigen Jahren weitgehend nachvollzogen; eine vollständige Abdeckung erschien ihm unmöglich.
Um den vollen reisegeschichtlichen Dreiklang abzurunden, wird am Schluss dieses Buches die Auswertung der Reise kurz umrissen.
Nun kann auch der Leser geistig die maßgebende Forschungsreise der Neuzeit antreten. Doch sei er herzlich eingeladen, sich zunächst mit Humboldt vorzubereiten. Er benötigt dazu nicht sechs Jahre, sondern nur einige Stunden der Lektüre. Mit Hilfe dieser besonderen und allgemeinen Präparation wird er die Reise viel besser verstehen. Deren Ausführung und Auswertung runden dann den harmonischen reisegeschichtlichen Dreiklang ab, dem in der Historie der Entdeckungs- und Forschungsreisen leider auch viele Missklänge und Unmenschlichkeiten vorangegangen und gefolgt sind. Die humanitäre Größe dieser Reise, die selbst Goethe verehrte und der alte Kant noch verfolgte, ließ manche späteren Gräuel umso schmerzlicher werden.
Diesem einführenden Text wurden Sätze aus Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften vorangestellt. Welcher Leser wäre nicht neugierig, jetzt den Zusammenhang des Textes zu kennen? Denn Zitate können verfälschen, und tatsächlich könnte hier ein solches Beispiel vorliegen, wenn man weiterliest:
»Ein Naturalienkabinett kann uns vorkommen wie eine ägyptische Grabstätte, wo die verschiedenen Tier- und Pflanzengötzen balsamiert umherstehen. Einer Priesterkaste geziemt es wohl, sich damit in geheimnisvollem Halbdunkel abzugeben; aber in den allgemeinen Unterricht sollte dergleichen nicht einfließen, um so weniger, als etwas Näheres und Würdigeres sich dadurch leicht verdrängt sieht.
Ein Lehrer, der das Gefühl an einer einzigen guten Tat, an einem einzigen guten Gedicht erwecken kann, leistet mehr als einer, der uns ganze Reihen untergeordneter Naturbildungen der Gestalt und dem Namen nach überliefert; denn das ganze Resultat davon ist, was wir ohnedies wissen können, dass das Menschengebild am vorzüglichsten und einzigsten das Gleichnis der Gottheit an sich trägt.
Dem Einzelnen bleibe die Freiheit, sich mit dem zu beschäftigen, was ihn anzieht, was ihm Freude macht, was ihm nützlich deucht; aber das eigentliche Studium der Menschheit ist der Mensch!«
Wir scheinen tatsächlich vor einer großen Schwierigkeit zu stehen. Galt die Physikalische Geographie, die »physique du monde«, als Leitwissenschaft Humboldts nicht allein der Natur?
Humboldt hat den Wert der Reiseliteratur wie wenige gekannt und z. B. immer wieder auf die bezaubernden Berichte seines »Lehrers und Freundes« Georg Forster hingewiesen. Waren diese Schilderungen noch Bücher über den Menschen, so zog Humboldt erstmals die Natur selbst breiter und zugleich wissenschaftlich begründet in die geographische Perspektive, ohne indessen den Menschen, seine Wirtschaft, seinen Wohlstand, seine Not, seine Sklaverei, seine Unterdrückung und seine Befreiung zu übersehen. Wenn Herder, Johann Reinhold Forster und Kant von »Physischer« oder »Physikalischer Geographie« sprachen, so fehlte in ihrer »Naturgeographie« (wörtliche Übersetzung von Physikalische Geographie) der Mensch ebenso wenig wie bei ihrem geistigen Schüler Alexander v. Humboldt. Das von Goethe zitierte Wort Alexander Popes findet sich auch beim älteren Forster und war allen hier Genannten wesentlich. Natur und Mensch waren damals noch nicht getrennt wie im Weltbild der meisten heute führenden jüngeren Geographen.
Bonn und Eschwege, im Dezember 2008 Prof. Dr. Hanno Beck

Anmerkung: Die historische Orthographie und Zahlenschreibweise der Humboldt-Zitate wurde bewusst so belassen, um den Charakter der Originaltexte nicht zu verändern. Eine Ausnahme bilden die Textstellen, die vom Autor aus dem Französischen übersetzt werden mussten.
Eine Tabelle der von A. v. Humboldt gebrauchten Maße findet sich auf S. 318, Anmerkung 28. – Hilfreich bei der Lektüre ist allgemein die »Karte der Jahreszeiten-Klimate der Erde« von Carl Troll und Karlheinz Paffen. In: Erdkunde (Bonn) 18. 1964, S. 5–28 (Erläuterungstext); die Karte findet sich auch im Atlas »Unsere Welt« (Velhagen & Klasing u. Hermann Schroedel), Berlin 1970, S. 128. – Im vorliegendem Werk werden die Zitate aus der überholten Übertragung Hermann Hauffs (siehe oben S.11) vergleichsweise mit denselben Passagen der Darmstädter Ausgabe (= DA) A. v. Humboldt zusammengestellt. So wird der Leser auf deren einzige vollständige deutsche Übersetzung des eigentlichen Reisetextes hingewiesen.
»Ich hatte mir bei der Reise, deren Beschreibung ich nun folgen lasse, ein doppeltes Ziel gesetzt. Ich wollte die besuchten Länder kennenlernen, und ich wollte Tatsachen zur Erweiterung einer Wissenschaft sammeln, die noch kaum skizziert ist und ziemlich unbestimmt Physik der Erde, Theorie der Erde oder Physische Geographie genannt wird. Von diesen Zwecken schien mir der zweite der wichtigste zu sein. Ich liebte die Botanik und einige Teile der Zoologie mit Leidenschaft. Ich durfte mir schmeicheln, daß unsere Forschungen die bereits beschriebenen Arten um einige neue vermehren würden. Da ich aber die Verbindung längst beobachteter [Tatsachen] der Kenntnis isolierter, wenn auch neuer Tatsachen von jeher vorgezogen hatte, schien mir die Entdeckung eines unbekannten Geschlechtes weit minder wichtig als eine Beobachtung über die geographischen Verhältnisse der Vegetabilien, über die Wanderungen der geselligen Pflanzen und über die Höhenlinien, zu der sich die verschiedenen Arten derselben gegen den Gipfel der Kordilleren erheben.«
Alexander v. Humboldt: Relation historique, I, 1814–1817
ALEXANDER V. HUMBOLDTS VORBEREITUNG EINER FORSCHUNGSREISE IN DIE TROPEN AMERIKAS
1. DIE GESTALT DES FORSCHUNGSREISENDEN
Der Forschungsreisende: ein von der Vernunft legitimierter Abenteurer der Aufklärung
Jede Entdeckungsreise bedeutete ein Abenteuer und musste dem Rationalismus der Aufklärung verdächtig erscheinen, denn der Ausgang einer derartigen Unternehmung blieb stets mehr dem Wagemut als der Vernunft überlassen. Daher genügte der vorwiegend auf Abenteuer bedachte Entdeckungsreisende dem 18. Jahrhundert nicht mehr, und die Aufklärung schuf im Forschungsreisenden den von der Vernunft legitimierten Abenteurer, der nicht einfach hinauszog, sondern aufgrund wissenschaftlicher Vorbereitung gründlichere geographische Arbeit leistete und gleichzeitig seine eigene Sicherheit erhöhte. Darin liegt die Bedeutung dieser Epoche für die Geschichte der Reisen, und Alexander v. Humboldt sollte bald all diese Tendenzen vorbildlich verkörpern.
Der Begriff des Forschungsreisenden wurde durch das Ziel konstituiert, das sich eine Persönlichkeit setzte, und durch die darauf eingestellte besondere Vorbereitung; sie wurde bald geradezu das Kennzeichen einer Forschungsreise. Carsten Niebuhr, James Bruce, Peter Simon Pallas, Louis Antoine de Bougainville, James Cook und Alessandro Malaspina wären ohne Vorbereitung nicht zu ihren großen Erfolgen gekommen. Wer Forschungsreisender sein wollte, musste bestimmte vorbereitende Aufgaben erfüllen, vor allem: ein Ziel haben, um seine Vorbereitungen darauf abzustellen.
Dieses Ziel war in jedem Fall schon literarisch behandelt worden. Brach also der Reisende nach einer terra incognita auf, etwa in die Sahara, so gab es auch darüber bereits eine ausgiebige theoretische Literatur.
Einen erheblichen Fortschritt bedeuteten gegenüber früheren Reisen auch die besseren Instrumente, mit denen man die räumliche und geistige, d. h. die geographische Erschließung eines unbekannten Landes sofort und viel gründlicher als die früheren Entdeckungsreisenden eröffnen konnte. Mehr und mehr kamen Forschungsreisende auch in Länder, die räumlich bereits entdeckt waren, geistig aber noch erschlossen werden mussten. Über russische, asiatische, südamerikanische und afrikanische Landschaften gab es um 1800 bereits eine erstaunlich umfangreiche Literatur. Indem der Forschungsreisende sie auswertete, ergänzte er die allgemeine Vorbereitung des Entdeckers um die spezielle Präparation, die auf einen bestimmten Ausschnitt der Erdoberfläche zielte. Dieser historisch verfolgbare Prozess bezeugt die Intensivierung der Forschung, die sich zunächst freilich auf die Literatur beschränkte und sich noch nicht auf die Instrumente erstrecken konnte. Übungen mit Beobachtungswerkzeugen gehörten damals ausschließlich in den Bereich der allgemeinen Vorbereitungen des Reisenden, erst die spätere wissenschaftliche Entwicklung hat das Instrumentarium verfeinert.
Überraschenderweise können wir bei der Erörterung der Reisevorbereitung wichtige Charakterzüge A. v. Humboldts erkennen: Geheimniskrämerei, wie sie vielen Gelehrten bis zum heutigen Tage eignet, und vor allem Bekenntnisse, meist aus späterer Zeit, die indessen so gut wie nicht gewürdigt, ja meist überhaupt noch nicht wahrgenommen worden sind. Tatsächlich bezeichnet das Jahr 1793 den wichtigsten Einschnitt in Humboldts Lebenslinie: Er trat seinen Dienst als Oberbergmeister in Franken an, eröffnete z. B. eine Freie Bergschule, wurde Mitglied der Leopoldina, der kaiserlichen Akademie der Naturforscher, steigerte sein geographisches Selbstbewusstsein in einer zukunftweisenden Methodologie, verfolgte bereits zwei Forschungsprogramme und begann die sechsjährige Vorbereitung seiner Forschungsreise, ein wahrhaft erstaunlicher Zusammenhang der Ereignisse.
Bereits zu Lebzeiten der Mutter hatte Humboldt geäußert, er werde 1797 eine größere Reise antreten. Anschließend an die Fahrten in Oberitalien und der Schweiz 1795 wollte er nach Schweden1, Griechenland2 oder Ungarn3 gehen. Er warb bereits um die Teilnahme seines Freiberger Freundes Johann Karl Freiesleben. Als ferneres Ziel schwebte ihm Sibirien, gewiss im Anschluss an die Forschungen der Gmeline und Pallas, vor.4 Da er seine Pläne verheimlichte, war zu erwarten, dass er sich nach dem Tode der Mutter klarer über sein Vorhaben aussprechen würde. Die genannten Ziele sollten ohnehin nur mit kleineren Unternehmungen erreicht werden, die vor allem botanischen Untersuchungen dienen sollten. Ein größeres Programm bedeutete Sibirien.
Aus all dem geht eines sehr deutlich hervor: Humboldt strebte nach eigenem Bekenntnis eine Landreise an. Deutschland war keine Seemacht. Auf einem Schiff unter fremder Flagge konnte er nur die Randerscheinung einer größeren Expedition abgeben. Oder gab es doch andere Möglichkeiten? Konnte er denn überhaupt daran denken, eine eigene Expedition zu verwirklichen? Alle bisherigen deutschen Forschungsreisenden waren von Geldgebern oder politischen Interessen ausländischer Mächte abhängig gewesen. In der Tat ging es den anderen Nationen, die Expeditionen aussandten, bei aller Pflege der Wissenschaft auch immer um die Erkundung wichtiger Gebiete, die besetzt oder dem Handel geöffnet werden sollten. Wenn Deutsche in fremdem Dienst reisten, ging es ihnen selbst ausschließlich um wissenschaftliche Aufgaben, weil sie keinen mächtigen eigenen Nationalstaat vertraten. So wird es verständlich, dass die englische African Association immer stärker deutsche Reisende unterstützte und die russischen Zaren sich über Größe und Wert ihres Riesenstaates von Deutschen aufklären ließen. Damit hatten die Deutschen – wie ihre Klassiker im Literarischen – aus der Not eine Tugend gemacht und im Forschungsreisenden, der nach wissenschaftlichen Zielen strebte, eine bis heute verpflichtende Gestalt geschaffen. Immerhin schloss diese Entwicklung einen großen Mangel ein. Obgleich die Deutschen aufgrund ihrer ausgebildeteren Geographie der Welt in Carsten Niebuhr den ersten Forschungsreisenden schenkten, gab es keinen einzigen großen selbständigen deutschen Reisenden, der lediglich eigenen Intentionen folgen und aus dem Vollen schöpfen konnte. Niebuhr musste dänische Wünsche beachten, was – gerade in diesem Fall – natürlich in keiner Weise das Mäzenatentum Friedrichs V. schmälerte. Johann Reinhold Forster durfte wohl an der zweiten Reise Cooks teilnehmen, aber nicht über sie berichten.5 Würde es bei Humboldt anders sein?
2. HUMBOLDTS REISEZIEL »WESTINDIEN«: DIE TROPEN DER NEUEN WELT
Sechsjährige Vorbereitung
Über seine Reisepläne und -ziele hat Humboldt nie den geringsten Zweifel gelassen: Tropensehnsucht kannte er seit frühester Jugend. Seit dem 18. Jahr, seit 1787, hatten seine Reisepläne eine bestimmte Richtung infolge des Einflusses des Pflanzensammelns, des Studiums der Geologie, der Reisen nach Holland, England, Frankreich und der Schweiz und nicht zuletzt Georg Forsters angenommen. Jetzt war es nicht mehr das Verlangen nach einem umherschweifenden Leben, sondern es ging um wissenschaftliche Arbeit in den Tropen. »Da meine persönliche Lage mir damals nicht erlaubte, die Pläne auszuführen, die meinen Geist so lebhaft beschäftigten, so hatte ich die Muße, mich während sechs Jahren zu den Beobachtungen vorzubereiten, die ich im Neuen Continent machen sollte« (Relation historique, I, S. 40 f. Hervorhebung von HANNO BECK).
Sechs Jahre hat sich Humboldt auf seine Forschungsreise vorbereitet, und so finden wir denn auch in einem wichtigen Brief vom Juli 1793 einen eindeutigen Hinweis: »Ich bereite mich ohne Unterlaß auf ein großes Ziel vor« – es ist seine Reise in die Tropen der Neuen Welt. Wie bei seinen Forschungsprogrammen sprach er nicht mit jedem darüber. Bei aller Quecksilbrigkeit seines Wesens hat er seinen Mund oft nur zu gut halten können, wie jeder bemerken kann, der sich mit ihm beschäftigt. Zu Wladimir JureviĀ Sojmonov, seinem Freiberger Kommilitonen, sprach er nur deshalb darüber, weil er seine Einladung, schon jetzt nach Russland zu reisen, zunächst abschlagen musste, eben wegen seines »großen Zieles« (Jugendbriefe, S. 255).
Nach dem Tode seiner Mutter im November 1796 verfügte er über beträchtliche finanzielle Mittel. Damit eröffneten sich einem deutschen Privatmann für längst entwickelte Reisepläne vorher nie gekannte Möglichkeiten. Folgerichtig quittierte er bereits einen Monat später, im Dezember 1796, seinen Dienst, zumal ihn Staat und Bürokratie oft verletzt hatten. Er äußerte sich offen, er werde sich nunmehr »ernsthaft« auf eine Reise außerhalb Europas vorbereiten. Ein weiterer Anstoß kam hinzu:
Am 22. Oktober 1796 ließen sich zwei Brüder, Johan Matthias Friedrich und Johan Christian Keutsch, an der Universität Jena einschreiben.6 Sie kamen aus Bern, wo Humboldt sie vielleicht schon 1795 kennengelernt hatte, und studierten Medizin. Humboldt muss ihnen – von der ersten fraglichen Zusammenkunft in der Schweiz abgesehen – kurz nach ihrer Ankunft in Jena begegnet sein, vielleicht während der Hin- und Herreise nach Berlin beim Tode seiner Mutter oder bei einem gelegentlichen Besuch. Die Brüder Keutsch stammten aus St. Thomas, einer Insel der dänischen Jungferngruppe in Westindien.7 Humboldt verkehrte oft mit ihnen. Die Gedanken, die ihm während ihres häufigen Zusammenseins kamen, erfahren wir aus einem Brief, den er am 20. Dezember 1796 noch von Bayreuth an Willdenow richtete. Alexander erwähnte seine literarischen Pläne, auch sein selbstkonstruiertes »ganz unzerbrechliches Senkbarometer«, das er bereits im November 1796, vermutlich im Fichtelgebirge, überprüft hatte8, und schrieb dann: »Mache nur, daß das gute Pathchen schnell heranwachse9, damit ich es nach Indien mitnehmen kann. Meine Reise ist unerschütterlich gewiß. Ich präparire mich noch einige Jahre und sammle Instrumente, ein bis anderthalb Jahr bleibe ich in Italien, um mich mit Vulkanen genau bekannt zu machen, dann geht es über Paris nach England, wo ich leicht auch wieder ein Jahr bleiben könnte (denn ich eile schlechterdings nicht, um recht präparirt anzukommen), und dann mit englischem Schiffe nach Westindien. Erlebe ich das Ende dieser Pläne nicht, nun so habe ich wenigstens thätig begonnen und die Lage benutzt, in die mich glückliche Verhältnisse gesetzt haben …«
Westindien war das erklärte Reiseziel, dem seit 1793 seine Vorbereitungen gelten sollten. Wie ernst Alexander die vorbereitenden Aufgaben nahm, geht zudem aus seinen Zeilen eindeutig hervor. Man verstand damals unter Westindien nicht nur die Inselwelt des Karibischen Meeres, sondern die Tropen der Neuen Welt. Der Begriff Westindien hatte sogar einstmals die Gesamtheit Nord-, Mittel- und Südamerikas bezeichnet10, und zwar in dem Augenblick, als das wahre Indien in seiner räumlichen Lage hervortrat und als »Ostindien« abgegrenzt werden musste. Damit war der Irrtum des Kolumbus, der geglaubt hatte, Indien entdeckt zu haben, auch sprachlich korrigiert worden. Humboldt folgte dem alten und neuen Sprachgebrauch und entschied sich erst später für eine klare Trennung. Es gibt bei ihm Wendungen, die belegen, dass er Westindien mit Amerika gleichsetzte!11 Allgemein hat er unter Westindien aber wesentlich mehr Gebiete als wir Heutigen begriffen. Die genaue Untersuchung ergab, dass er seine Vorbereitungen vor allem auf das tropische Südamerika abstellte.12
Wenn es auch unbezweifelbar ist, dass sich das Reiseziel Westindien im persönlichen Umgang mit den Brüdern Keutsch verstärkte, so sind die Reisewünsche Humboldts doch schon längst, nämlich seit 1793, auf die Tropen der Neuen Welt gerichtet gewesen. Die großen Expeditionen von Bouguer und La Condamine (1735–1744) sowie von Solano und Iturriaga (ab 1750) lockten nach Südamerika. Herder hatte im großzügigen Entwurf seiner Ideen zur Geschichte der Menschheit auf die mächtigsten Gebirge der Erde hingewiesen13, durch die »unsre beiden Hemisphären ein Schauplatz der sonderbarsten Verschiedenheit und Abwechslung« werden.14 Die Kordilleren erschienen ihm wie seiner Zeit als die höchsten Gebirge der Welt. Er wies auf den Gegensatz von Amazonasbecken und Anden hin und meinte: »Es wäre schön, wenn wir eine Berg-Karte oder vielmehr einen Berg-Atlas hätten, auf dem diese Grundsäulen der Erde in den mancherlei Rücksichten aufgenommen und bemerkt wären, wie sie die Geschichte des Menschengeschlechts fordert.« Um eine »schöne und unterrichtende physische Geographie der Erde« zu erhalten, müsste die Höhe der Berge bestimmt, »die Beschaffenheit des Bodens auf seiner Oberfläche, der Fall der Ströme, die Richtungen der Winde, die Abweichungen der Magnetnadel, die Grade der Hitze und Wärme« erforscht und in die Karten eingetragen werden.15 Forscher wie Ferber, Pallas, Saussure, Giraud-Soulavie u. a. seien schon an der Arbeit und »sammeln in einzelnen Erdstrecken zu der reichen Ernte von Aufschlüssen, die wahrscheinlich einst die peruanischen Gebirge (vielleicht die interessantesten Gegenden der Welt für die größere Naturgeschichte) zur Einheit und Gewißheit bringen werden«.16
In seiner Jugend wurde Humboldt immer wieder auf Amerika hingewiesen. So hatte Campe ein Buch über die Entdeckung von Amerika verfasst (Hamburg 1781), und Ebeling hatte die Nordamerika-Darstellung in Büschings Neuer Erdbeschreibung vorbereitet, als Alexander bei ihm weilte. Zahlreiche Einflüsse trafen zusammen. Humboldts geographisches Wissen und sein Naturgefühl verbanden sich mit der ergebnisreichen Alpenforschung. Infolgedessen lockte ihn das Hochgebirgsrelief tropischer Länder ganz besonders. Die Sehnsucht des Europäers galt den Tropen, vor allem jenen Landschaften, in denen harmonisch-milde Naturverhältnisse glücklichen, friedlichen Menschen das Dasein erleichtern sollten. Das Verlangen nach einem Leben in der Einsamkeit war schon in Campes Robinson Crusoe, der auf einer Insel in der Orinocomündung lebte, zum Ausdruck gekommen. Das erwachende Naturgefühl der Aufklärung knüpfte an urtümliche Vorstellungen des Menschen an und ließ diese den Zeitgenossen in Werken Rousseaus, de Saint-Pierres, Hallers, MacPhersons und Goethes bewusst werden. Humboldt hatte den Werther schon früh gekannt, aber sein Naturgefühl wurde doch mehr von den Werken der französischen Schriftsteller beeinflusst, besonders von Bernardin de Saint-Pierres Paul et Virginie, einem Roman, der, wie die Südseeschilderungen Georg Forsters, in einer tropischen Landschaft, Isle de France17, spielte. Diesen Liebesroman las Humboldt wieder und wieder und führte ihn bei sich, so wie Napoleon den Werther mit nach Ägypten genommen hatte. Bei Humboldt vollzog sich der Übergang zu einer phantasiereicheren, lebendigeren Gefühlswelt z. B. im Freundschaftskult und – nicht zuletzt – in seinem Naturgefühl.
3. SPEZIELLE UND ALLGEMEINE VORBEREITUNG IN JENA
Zur Übung wird die Höhe jedes Hügels gemessen
Alexander v. Humboldt hatte sich nach dem Tod der Mutter nicht lange in Berlin aufgehalten, sondern war bald nach Bayreuth zurückgekehrt, um seine Amtsgeschäfte abzuschließen. Vom 1. März 1797 an war er nach einigen vorangehenden Besuchen dauernd in Jena, wo er nun enger als zuvor mit Goethe, Schiller, Loder, Batsch, Scheerer, Göttling18, den Brüdern Keutsch, Fischer und der Familie seines Bruders verkehrte. Wie Wilhelm dachte auch Alexander damals wegen seiner Reisepläne nur an einen vorübergehenden Aufenthalt in Jena. Aber Caroline v. Humboldt litt noch an den Folgen der Geburt ihres dritten Kindes im Januar 179719, und ihr Mann und zwei der Kleinen waren fieberkrank. Dennoch war ihre Reiselust ungetrübt. Schiller konnte dies Goethe am 14. April 1797 mitteilen.20
Alexander füllte die Zwangspause mit einer erstaunlichen Tätigkeit aus. Jeder Hügel wurde barometrisch vermessen und die Messtechnik verbessert. Zunächst hatte er hauptsächlich seine eigene Barometerkonstruktion anwenden wollen, dann aber gänzlich englischen, französischen und in Einzelfällen auch deutschen Instrumenten vertraut. Er war in Beobachtungswerkzeuge vernarrt und hatte z. B. aus Bayreuth einen »schönen Theodoliten mitgenommen« und dafür seinen »15zölligen schwerfälligen Sextanten von Wright« zurückgelassen, ein »Monstrum von einem Instrument«.21 Damit hatte er den Kammerassessor Prof. Dr. Julius Konrad Yelin in Ansbach so verärgert, dass dieser seine Verstimmung offen spüren ließ.
Im nahen Gotha hatte 1788 Herzog Ernst II. nach Plänen Franz v. Zachs auf der westlichen Kuppe des Kleinen Seebergs die modernste Sternwarte Deutschlands einrichten und mit vorzüglichen Instrumenten aus England ausrüsten lassen. Zach stand im Briefwechsel mit vielen Astronomen Europas und Amerikas. In seiner Monatlichen Correspondenz zur Beförderung der Erd- und Himmelskunde (ab 1798) sowie in seinen Allgemeinen Geographischen Ephemeriden (ab 1798) wurden fortan die Ergebnisse der Forschungsreisen kritisch bewertet. 1798 bereits fand der erste internationale Astronomenkongress auf dem Seeberg statt. Sekretär war Blumenbachs und Zachs Schüler, J. C. Horner, der später an der russischen Weltumsegelung (1803–1806) teilnahm. Daraus erhellt bereits die enge Verbindung zwischen Göttingen und Gotha22 sowie der Einfluss Franz v. Zachs auf die Forschungsreisenden der Zeit23. Zach arbeitete gern mit dem Spiegelsextanten, den er in Deutschland einführte und »durch dessen Verbreitung auf dem Kontinent unser großer vaterländischer Astronom die Länderkunde so bewunderungswürdig vervollkommnet hat«.24 Er hatte die Lücke, die der Tod Tobias Mayers gerissen hatte, geschlossen und die Forschungsreisenden unermüdlich auf den Wert praktischer astronomischer Kenntnisse verwiesen, da diese den Wert ihrer Beobachtungen erst verbürgen konnten.
In jenen Wochen hat Humboldt eng mit Zach zusammengearbeitet und sich auf dessen Wunsch mit dem Reflektionsinstrument beschäftigt, das er bald virtuos handhabte. Humboldt führte infolgedessen später nur dann, wenn der Tageshimmel bewölkt war, Sternbeobachtungen durch, oder wenn das Misstrauen einer fremden Bevölkerung ihn zwang, nachts zu arbeiten – sonst beobachtete er die Sonne, da diese sich im künstlichen Horizont des Spiegelsextanten viel schärfer als Sterne abbildete und der Limbus sich am Tage leichter als bei künstlichem Licht ablesen ließ.
Den meisten Jenaer Gelehrten war Humboldt bei früheren Besuchen bereits flüchtig begegnet. Nun erschloss sich ihm auch die Stadt mit ihrer Umwelt. Der Freundschaft des kunstsinnigen und anregenden Prof. Batsch verdankte er »einen vortreflichen Unterricht über den Körperbau der Schaalthiere«25, später auch die Bekanntschaft mit dem jungen Johann Wilhelm Ritter, »der sich unermüdlich mit galvanischen Experimenten beschäftigt und gründliche chemische Kenntnisse mit ächtem Beobachtungsgenie« verband.26 Batsch war ein vorzüglicher Zeichner und besaß in Chemie, Botanik und Mineralogie gute Kenntnisse. Auch Goethe rühmte seine »zarte Bestimmtheit und ruhigen Eifer« am Anfang seiner Morphologie, und viele – wahrscheinlich auch Humboldt – verdankten ihm die Einführung in die Landschaft Jenas. Die vielen Ausflüge und Untersuchungen führten Batsch später zu seinem Taschenbuch für topographische Excursionen in die umliegende Gegend von Jena (Jena 1800), einer »geognostisch-botanischen Specialgeographie«27, wie sie damals ihresgleichen suchte.
Humboldt verkehrte auch mit Angehörigen der von Linné »in den botanischen Adelsstand« erhobenen Bauernfamilie Dietrich in Ziegenhain28. Der Stammvater dieser »eigenartigen Familie« war Adam Dietrich29, der mit dem berühmten schwedischen Botaniker korrespondiert hatte. Die Dietrichs lieferten interessierten Professoren und Studenten Jenas Sammlungen der jeweils blühenden Pflanzen. Friedrich Gottlieb, der Enkel Adams, hatte Goethe in die Flora Jenas eingeführt. Der Dichter nahm ihn auf seine Badereisen nach Karlsbad mit und ließ sich dort Pflanzen von ihm wissenschaftlich erklären. Er ermöglichte ihm schließlich auch das Studium.30 Ebenso begegnete Humboldt dem Pfarrer Christian Ludwig Brehm, dem Vater Alfreds, des Verfassers des bekannten Tierleben31. Neben seinem Beruf als Seelsorger trieb er zoologische, vor allem vogelkundliche Studien und legte eine große Vogelsammlung an.32 Er war in Thüringen ebenso bekannt wie der Schuster und Vogelfänger Thiem in Waltershausen, den Alexander ebenfalls kennenlernte.33
Das Bewunderungswürdige an diesen Männern schien ihm ihr Bildungstrieb, der sich von keiner Not brechen ließ. War es nicht erstaunlich, dass Friedrich Gottlieb Dietrich die lateinischen Namen der Pflanzen genau kannte, Goethe und manchen Botaniker belehren konnte, ohne je studiert zu haben?
Der Balte Justus Christian Loder galt damals als einer der besten Anatomen. Humboldt hatte ihn bereits 1794 kennengelernt und kam ihm jetzt von allen Professoren am nächsten. Die Vollendung des Werks über die gereizte Muskel- und Nervenfaser setzte praktische anatomische Kenntnisse voraus. Manches hatte sich Alexander im Selbststudium angeeignet oder im Fränkischen befreundeten Ärzten abgesehen. Außerdem war Soemmerring auf diesem Gebiet sein Lehrer gewesen. Jetzt interessierte sich auch Goethe für Humboldts Fragestellungen, und beide besuchten einige Male gemeinsam Loders Kolleg.
Alexander nahm ein zwei Monate dauerndes Privatissimum und arbeitete in dieser Zeit täglich fünf bis sechs Stunden im anatomischen Theater, um sich auf seine »Westindische Reise« vorzubereiten.34 Er hielt nicht viel von Loder und meinte, er sei »sehr kopflos«, aber das »Mechanische« lerne man gut bei ihm.35 Loder war ein vorzüglicher Redner und als Organisator größer denn als Forscher. Seit 1794 waren seine »Anatomischen Tafeln« (1794–1803) mit deutschem und lateinischem Text erschienen. Sie hatten sehr zu seinem wissenschaftlichen Ansehen beigetragen, weil solche Hilfsmittel damals selten waren. Er hatte als frühreifes Talent bereits mit 19 Jahren Eulers Lettres à une Princesse d’Allemagne und ein Jahr später die Erzählung von den Reisen des hochbegabten Russen Stephan Petrowitsch Krascheninnikov in Kamtschatka übersetzt.36 Diese Gespräche mussten Alexander, der die russischen Reisen der beiden Gmelin und Pallas gut kannte, sehr beeindrucken. Und sein absprechendes Urteil mag nun in einem milderen Licht erscheinen; denn Alexander stellte in Jena »Geisteslähmung unter den Lehrern, aber Geistesthätigkeit unter den jungen Leuten« fest.37 Er lebte daher hauptsächlich mit diesen, d. h. mit dem jungen Johannes Fischer und den Brüdern Keutsch, die in zwei Jahren, also 1799, nach Westindien zurückkehren wollten. Vielleicht würde er mit ihnen reisen. »Auf jeden Fall ist mir diese Bekanntschaft sehr wichtig, so wie die Aussicht, daß ein sehr reicher junger Russe Böhtlingk aus Petersburg, ein Mensch, mit dem ich in Hamburg 1 Jahr lang auf einem Zimmer wohnte, wahrscheinlich mit mir geht, jener Expedition mehr Sicherheit giebt«, schrieb er im Mai 1797.38
Je länger Humboldt in Jena lebte, desto näher musste er den Brüdern Keutsch kommen. In seinen Versuchen über die gereizte Muskel- und Nervenfaser nannte er sie an mehreren Stellen. Die wichtigsten Passagen lauten: »Der merkwürdige Versuch, Contractionen zu erregen, ohne alle kettenförmige Verbindung der Excitatoren (Fig. 9) ist in den letzten Tagen des Merzes 1797 meinem Freunde, dem älteren Herrn Keutsch (aus St. Thomas in Westindien) geglückt. Dieser treffliche junge Mann, welcher die feinsten anatomischen und physiologischen Kenntnisse mit einander verbindet und dessen Beobachtungen ich in der Folge noch öfter anführen werde, hatte einen sehr lang präparirten Ichiadnerven mit Zink armirt.« Ebenso: »An einem großen Hunde, der erdrosselt wurde, stellte ich mit meinen Freunden Herrn Keutsch, Fischer aus Lenzburg und dem jüngeren [Elias] Siebold mehrere Versuche mit Alkalien, Opium und anderen Stoffen an.« Und: Ich »eilte … zu meinen Freunden, den Herren Keutsch, mit denen ich die wichtigsten Experimente gemeinschaftlich anzustellen pflegte«.39
Aus einem Schreiben, das Humboldt an Freiesleben richtete, tut sich wiederum kund, wie ernst er die vorbereitenden Arbeiten nahm: »Ich lebe nun schon seit dem 1. März in Jena ganz mit meinem Buche, chemischen Versuchen und Anatomie beschäftigt. Ich bin recht eigentlich in ein Studentenleben zurückgetreten, denn meine Sphäre ist eng und ganz auf mich selbst eingeschränkt … Da ich mich zu meiner westindischen Reise jetzt sehr ernsthaft vorbereite und mich dort vorzüglich mit den organischen Kräften abzugeben gedenke, so ist Anatomie jetzt mein Hauptstudium.«40 Der Umgang mit den Brüdern Keutsch und die Gespräche über deren westindische Inselheimat gehörten für Humboldt zur speziellen Präparation. Diese mündlichen Berichte wurden durch das Studium von Reisewerken ergänzt. So kannte Humboldt z. B. bis in die Einzelheiten hinein La Condamines und Bouguers Gradmessungsexpedition (1735–1745), die durch die Hilfe eines einheimischen Spaniers, Maldonados, in gewisser Weise gekrönt worden war. Er studierte Mark Catesbys Natural History of Carolina, Florida and the Bahama Islands41 und Joseph Gumillas Orinocowerk. Sehr gründlich beschäftigte er sich mit Solanos und Iturriagas spanischer Grenzexpedition (ab 1750), die mit modernen Instrumenten ausgerüstet war und zum oberen Orinoco geführt hatte. Besonders liebte er William Dampier, den er den feinsinnigsten Reisebeschreiber nannte, und die im Anhang seines Reisewerks mitgeteilten Schilderungen des Bukaniers Lionel Wafer, der die Landenge von Panama, Darien und westindische Inseln bereist hatte.42
Alexander war in diesen Monaten auf Lernen und auf die Ordnung des Gelernten konzentriert. »Ich muß gewaltig arbeiten, um mich so zu rüsten, als ich es vorhabe; daher wundern Sie sich nicht, mein Lieber, wenn Sie ewig von neuen Arbeiten hören. Freilich kann ich nicht existiren, ohne zu experimentiren, aber der eigentliche Zweck meines Treibens ist es jetzt nicht …«43 Seine Experimentierlust wurde von der gründlichen allgemeinen und speziellen Präparation gedämpft, aber nicht gebrochen und steckte selbst Goethe und Wilhelm v. Humboldt an, der oft gemeinsam mit dem jüngeren Bruder Tiere sezierte, um den Einfluss des Galvanismus in und auf ihrem Körper zu studieren.
Im kleinen und großen Kreis wurden die Untersuchungen besprochen, so auch einmal eines Abends bei Schiller, als Freiesleben dort weilte und zuhörte, wie sich die Brüder Humboldt und Goethe über ihre zoologischen Präparate unterhielten. Schiller nahm nach Freieslebens Zeugnis nicht an diesem Gespräch teil44, obgleich er als Mediziner der Naturforschung nicht fremd gegenüberstand. Er schätzte die moderne Art nicht, die Alexander vorbildlich vertrat, weil sie ihm zuviel zerstörte, den Glanz, den ein unscheinbares Phänomen ausstrahlte, zu übersehen schien. Er fürchtete, dass die Erkenntnis nur auf das wissenschaftlich Bestätigte, Erwiesene beschränkt werden könnte, und vermutete, dass Alexander dieser Gefahr nicht entginge. Wir brauchen aber nur auf Humboldts Werke und auf die Gesinnung, die sie hervorrief, zu verweisen oder den umfassenden Begriff der Physikalischen Geographie zu nennen, um diese Einschränkung zu bannen (vgl. auch unten S. 15 f.).
Wichtiger als die Experimente selbst war der Geist, der ihre Untersuchungsmethodik bestimmte. Die Darstellungsweise seiner späteren Werke, der Geist der Humanität, den sie ausstrahlten, sind im lebendigen Umgang mit Goethe, Schiller und Wilhelm v. Humboldt erneut empfangen worden, und nie entfernte sich Humboldt von der Auffassung der deutschen Klassik.
Goethe und Alexander v. Humboldt waren durch die Naturwissenschaften, Schiller und Wilhelm v. Humboldt durch die Philosophie verbunden. Trotz früher Beschäftigung mit Leibniz und Spinoza war Alexander nicht zu einer systematischen Übersicht gelangt. Jacobi hatte er mit Recht bald vergessen, und nur Kant hatte ihm mehr zu sagen.45 Seine philosophischen Einsichten wurzelten sehr stark in dem Bemühen, seiner Arbeit eine einwandfreie, von Verstand und Vernunft kontrollierte naturwissenschaftliche Grundlage zu verschaffen. Zwischen Naturwissenschaft und Naturphilosophie gab es damals keine klaren Grenzen. Indem Humboldt um eine wissenschaftlich stichhaltige Methode rang, strebte er mehr zur exakten Naturforschung als zur spekulativen Naturphilosophie und musste zwangsläufig zur Scheidung beider Disziplinen beitragen. Während Goethe von Ideen ausging, die Forderungen an den Stoff bedeuten konnten, verlangte Humboldt nichts vom Stoff, sondern mehr von der Methode, die dem Gegenstand entsprechen musste. Dabei erlangte Alexander durch sein verbindliches Wesen Goethes Wohlwollen, weil er es verstand, das Gemeinsame mehr als das Trennende zu betonen. Zu Fichte und Schelling, der erst seit 1798 in Jena wirkte, hatte er so wenige Beziehungen, dass dies fast einer Ablehnung gleichkam.
Auf dem Boden gegenseitiger Hochachtung konnte Alexander Goethe und den Herzog Karl August für ein Reisestipendium für Scheerer gewinnen. Der »arme Scheerer« war aufgrund seines Eintretens für ihn bereits Bergrat geworden. Karl August versprach, ihn in seinen Dienst zu nehmen und »auf technische Chemie« nach England zu senden.46 Ebenso arbeitete Alexander dem Herzog ein »Promemoria« an Graf Reden für Herders Sohn aus, das dessen Laufbahn günstig beeinflusst haben dürfte.47
4. BEGEGNUNG MIT AMALIE V. IMHOFF
»Schön, klug und talentvoll«
Ein Bild des deutschen Malers Daniel Caffe, das vermutlich in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts entstanden ist (vgl. BECK: A. v. Humboldt I, Titelbild) zeigt, wie sehr Alexander v. Humboldt trotz rastloser wissenschaftlicher Arbeit doch jene besondere Liebenswürdigkeit ausstrahlte, die er sich bis ins hohe Alter bewahren sollte.
Alexander wohnte in Jena bei Prof. Karl David Ilgen, dem späteren Direktor von Schulpforta. Dessen Frau Johanna behielt ihn in bleibender Erinnerung als »den Naturforscher, den Diplomaten, den witzigen, stets mit Elektrisirmaschinen und galvanischen Säulen« hantierenden Experimentator, »als einen hübschen Mann und unbezweifelt als den schönern der beiden Brüder«.48
In Jena vermutete man damals eine bevorstehende Bindung Alexanders an die schöne und kluge Amalie v. Imhoff49. Man vermutete viel und wusste wohl im Grunde – wie wir Heutigen – sehr wenig. Ihre Mutter, Luise geb. v. Schardt, war eine Schwester der Frau v. Stein und hatte den Freiherrn Karl v. Imhoff geheiratet, einen geschiedenen Mann, der eine wahrhaft abenteuerliche Lebensgeschichte erzählen konnte. Kurz nach dem Siebenjährigen Krieg hatte er Marianne Chapunet, die schöne Tochter eines Feldwebels, geheiratet und war mit ihr 1769, in Alexanders Geburtsjahr, nach Ostindien gefahren. Zufällig war auch Warren Hastings an Bord, verliebte sich auf den ersten Blick in Marianne und verstand es, den Ehemann finanziell abzufinden und zu beruhigen. Marianne und Imhoff warteten zwei Jahre in Madras und Kalkutta in der Nähe Hastings’ auf die Scheidungsurkunde aus Deutschland. Hastings zahlte eine beträchtliche Summe, und der Freiherr kehrte in seine Heimat zurück. Die Eltern der neuen Braut hatten Angst, ihre Tochter könnte unverehelicht bleiben, und stimmten einer Verbindung mit v. Imhoff zu, dem man nicht mit Unrecht nachsagte, er habe seine erste Frau verkauft.50
Amalie war 1776 geboren worden. In den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts wurde sie mit ihren beiden jüngeren Schwestern als »schön, klug und talentvoll« bezeichnet.51 Alexander soll ihr sehr nahegekommen sein. Er war »fast schon ihr erklärter Bräutigam« und begegnete ihr in der Wohnung Schillers und seines Bruders. Die drei Schwestern Imhoff »waren sich ihrer Vorzüge allzu sehr bewußt, eitel, preziös und oft genug auch herzlos; wie ihr Vater neigten sie zur Unzufriedenheit. Charlotte [v. Stein, ihre Tante,] sah häufig mit Grimm, daß diese Mädchen weder für ihre Mutter, noch Großmutter, weder für Onkel und Tante, noch auch für ihre Anbeter eine echte, tiefe, zu Dienst und Opfer bereite Liebe in sich trugen. Bei dem Wunderwesen Amalie zumal schienen die Gefühle aus der Phantasie statt aus dem Herzen zu kommen und ganz wieder von Werken der Imagination verzehrt zu werden. Trotzdem glaubten nicht wenige Männer in Amalie die vollkommenste ihres Geschlechts zu erblicken.«52 – »Frau v. Stein erklärte, ihr sei es lieb, den Alexander Humboldt zum Neveu zu haben …«, und selbst Caroline v. Humboldt »beschenkte bereits die künftige Schwägerin«.53 Caroline betrachtete damals Amalie nicht unkritisch. Am 5. April 1797 teilte sie ihrem Mann mit, »die Amalie ist gestern abend angekommen und gefällt Burgsdorff sehr, ob gerade genug zum Heiraten weiß ich noch nicht. Auf alle Fälle wird die Hochzeit noch nicht vorbei sein, wenn Du kommst«.54 Alexander war »wieder kränker«55, es hatte sich schon bald entschieden, dass Amalie ihn nicht fesseln konnte.56 Er wollte seine Reise ausführen, und diese Pläne nahmen all seine Gedanken in Anspruch. Einige Wochen später schrieb Caroline, Alexander scheine »in Weimar sehr fetiert worden zu sein«, er habe »sich über den Herzog, Goethe und alle Menschen, außer über die Amalie« mokiert57, die ihn umso mehr beeindrucken konnte, weil sich damals seine Beziehung zu Henriette Herz gelockert hatte.
5. REISEVORBEREITUNGEN IN DRESDEN
Wagen – Kinder – Gepäck
Am 18. April 1797 teilte A. v. Humboldt Freiesleben mit, er bereite sich auf seine »westindische Reise jetzt sehr ernsthaft« vor.58 Dieser Präparation sollte auch eine Fahrt nach Italien dienen, der sich der Bruder Wilhelm und Goethe anschließen wollten. Alexander plante vulkanologische Studien am Vesuv und allgemeine geographische Untersuchungen, alles im Hinblick auf seine spätere Forschungsreise. Seinen älteren Bruder und Goethe drängte es nach der Begegnung mit Schauplätzen und Kunstwerken der Antike. Reinhard v. Haeften war mit seiner Frau Christiane eingetroffen. Er hatte wie Alexander den Abschied genommen.59 Dem Dichter war die Reisegesellschaft zu zahlreich und quecksilbrig. Er wies auf Unruhen in Oberitalien hin und wollte schließlich für sich fahren.60 Am 17. April 1797 ging Wilhelm v. Humboldt nach Berlin, um Nachlassangelegenheiten seiner Mutter zu ordnen. Nebenher überwachte er beim Buchhändler Vieweg den Druck von Goethes Hermann und Dorothea. Er dachte damals an einen Verkauf Tegels, wurde aber von seiner Frau ermutigt, den Besitz zu halten.61 Er als Familienvater mit Kindern war an solchen Regelungen mehr interessiert als der ledige Bruder, der sich in dieser Beziehung etwas treiben ließ. Kunth hatte in Berlin zwar alles redlich, aber auch »mit einer großen Trägheit eingerichtet«. Er hielt Wilhelm auf, saß stundenlang bei ihm und schwatzte »von nichts«; von seiner Herrin sprach er »gar nicht mehr«. Alles war »begraben und vergessen«, so dass es Wilhelm »selbst oft dauert«.62 Er traf den Minister Graf v. Haugwitz an, der den Wunsch geäußert hatte, Tegel zu mieten, und ihm Empfehlungen »durch ganz Italien« anbot.63
Am 31. Mai 1797 folgte die Reisegesellschaft vor allem Alexanders Wünschen und brach zunächst nach Dresden auf. Damit nahm sie bereits zu Beginn der Italienreise einen erheblichen Umweg in Kauf. Doch war alles vorher abgesprochen worden; denn Alexander wollte beim Inspektor Köhler die Anwendung seines neuen 14-zölligen Hadleyschen Sextanten üben und nochmals mit Werner in Freiberg sprechen.64 Kunth und Wilhelm v. Humboldt sollten sich in Dresden mit der Reisegesellschaft treffen, um die Erbteilung endgültig zu regeln. Wilhelm war der Umweg recht wegen der Kunstschätze und der Anwesenheit Körners.
Die politischen Umstände waren der Reise ungünstig. Bonaparte war 1796 in Oberitalien vorgedrungen und hatte die Österreicher geschlagen; am 2. Februar 1797 hatte sich Mantua ergeben. Bonaparte drang über die Ostalpen nach Wien vor. Gleichzeitig marschierte die Rheinarmee unter Moreau wieder in Süddeutschland ein. Das schnelle Vorrücken veranlasste Kaiser Franz II., seine Völker zur Massenerhebung aufzurufen. Bonaparte schloss am 18. April den Vorfrieden zu Leoben. Er kehrte nach Oberitalien zurück, besetzte Venedig und errichtete in Genua am 6. Juni 1797 die Ligurische Republik. Die Friedensverhandlungen zögerten sich hinaus, weil die Österreicher den hohen Forderungen der Franzosen nicht zustimmen konnten.
Die Haeftens hatten ihre zwei Kinder mitgebracht und so viel Gepäck, dass Alexander nicht in ihrem Wagen mitfahren konnte. Die Reisegesellschaft war durch die fünf Kinder, die Frauen in ihrer modischen Tracht, das Dienstpersonal und durch »4 Kisten«65, die Alexanders Instrumente enthielten, recht unbeweglich. Man reiste in mehreren Wagen und kam Anfang Juni in Dresden an.
Nach acht Tagen kam auch Wilhelm von Humboldt. Er verkehrte mit Körner, dem Freund Schillers, mit dem Bibliothekar und Sprachforscher Adelung und dem preußischen Gesandten, dem Grafen von Kessler, und bewunderte die Kunstschätze. Alexander aber übte sich, wie er es beabsichtigt hatte66, unter Anleitung Johann Gottfried Köhlers in der Anwendung der Instrumente und nahm regelrechte astronomische, geodätische und hypsometrische Übungen vor. Köhler stammte aus der Umgebung Dresdens; er war einer der führenden Astronomen Deutschlands. 1776 war er zum Inspektor der Vereinigten Dresdner Sammlungen, der Kunstkammer und des Mathematischen Salons ernannt worden und musste in dieser Eigenschaft auch astronomische Arbeiten ausführen. Er hatte mehrere Apparate erfunden und arbeitete mit v. Zach zusammen. Auf dem internationalen Astronomenkongress 1798 auf dem Seeberg führte er seine verbesserte Pendeluhr vor.67 In und um Dresden, Pillnitz, Königstein, Teplitz und Prag hat Humboldt mit ihm oder allein astronomische Ortsbestimmungen und barometrische Messungen durchgeführt.68 Außerdem besuchte er die Mineraliensammlung des Freiherrn Joseph Friedrich v. Racknitz, die spanische und amerikanische Mineralien enthielt.69 Vielleicht hat er in diesem Umkreis auch den Baron v. Forell, den Bruder des sächsischen Gesandten in Madrid, kennengelernt, der ebenfalls eine vorzügliche Gesteinssammlung besaß. Jedenfalls gab es damals gute Verbindungen von Dresden nach Madrid. Sie sollten für ihn einmal sehr wichtig werden.
Zwischendurch reiste er von Dresden nach Freiberg – mit ängstlichen Gefühlen, da er befürchtete, in seinem Gedächtnis vielleicht ein zu schönes Phantasiebild der vergangenen Zeit bewahrt zu haben. Doch Freiberg, seine Landschaft und seine Gruben hatten sich nicht entzaubert, als er sie und seinen verehrten Lehrer Werner wiedersah, mit dem er nochmals persönlich über die Entstehung der Vulkane sprach. Der Vulkanismusstreit konnte durch Beobachtungen in anderen Ländern vielleicht entschieden werden, und es spricht für Humboldt, dass er seiner Reise möglichst viel zumutete und auch an die Lösung dieser Frage dachte, der er schon am Vesuv, am Stromboli und Ätna nachgehen wollte.70
Von Freiberg reiste Humboldt nach Marienberg weiter, um dort Freiesleben zu treffen. Er übergab ihm, der nun als Bergassessor Dienst tat, die Materialien seines späteren Werks Ueber die unterirdischen Gasarten … zur Bearbeitung71, da er selbst dazu zeitlich nicht in der Lage war. Er hatte nur den Plan des Ganzen bestimmen und die unterirdische Meteorologie selbst bearbeiten können.72 Darin zeigt sich sein Wille, jetzt vor allem an die westindische Reise zu denken und die literarischen Arbeiten möglichst abzuschließen. Darum ließ er auch einen Kasten mit Manuskripten als »Catalecta phytologica« und über »Physik der Welt« [= Erde] bei Körner zurück. Es waren Vorarbeiten zu seiner Geschichte der Pflanzen und die ersten Ausführungen seiner »idée d’une physique du monde«, erste Schritte auf dem Wege zur Physikalischen Geographie.73 So konnte er sich neben den Reisevorbereitungen vor allem auf den Abschluss der umfangreichen »Versuche über die gereizte Muskel- und Nervenfaser« konzentrieren. Humboldt war sehr tätig, ohne den geselligen Verkehr am Hof und bei Körner zu vernachlässigen. In Dresden wurde die Erbschaft von Kunth geteilt. Alexander erhielt etwa 90 000 Taler und war damit im heutigen Sinne Millionär.74
Da Caroline v. Humboldt wieder erkrankt war, verzögerte sich der Aufbruch. Alexander war ungeduldig geworden, die Italienfahrt sollte als Vorspiel einer großen Reise verwirklicht werden, aber er wusste noch nicht wann und wie. Die Napoleonischen Kriege ließen Schlimmes befürchten. So brach Alexander am 25. Juli 1797 von Dresden über Teplitz und Prag nach Wien auf und eilte der Familie seines Bruders voraus, mit Beobachtungen, in Prag auch mit Messungen beschäftigt.
6. AUFENTHALT IN WIEN 1797
Prof. Barth, »das genialischste Wesen in ganz Wien«
In Wien öffnete sich ihm schon zum zweiten Mal der städtische Mittelpunkt Deutschlands. Hier hatte eine Atmosphäre des Ausgleichs Gelehrte verschiedenster Nationalität vereinigt. Humboldt kannte ihre Werke und gewann jetzt ihre Freundschaft. Schon 1792 hatte er in Wien »weit mehr Gutmüthigkeit und ächte Humanität als in Berlin« gefunden und damit selbst die wahren Gründe bezeichnet75, die ihn die deutsche Weltstadt der Zeit verehren ließen.
Besuche bei Gelehrten, Experimente und schriftstellerische Arbeiten ließen Alexander kaum Zeit, sich den Haeftens zu widmen, die mit ihren beiden Kindern mehr für sich lebten. Haeften muss damals gefühlt haben, dass er dem Freund unter Umständen sogar lästig fallen konnte.76 Dieser verkehrte mit dem berühmten Mediziner und Naturwissenschaftler, dem »Malteser« Prof. Joseph Barth77, mit dem Arzt und Botaniker Nikolaus Thomas Host, mit dem Arzt und Chemiker Johann Baptist Andreas Ritter v. Scherer, dem Mediziner Johann Peter Frank, den beiden Jacquin, Franz Boos, dem jungen Josef van der Schot und vielen anderen.
In Barth verehrte Humboldt »das genialischste Wesen in ganz Wien«.78 Sein Erfindungsreichtum, seine kauzige Art, seine Opferwilligkeit, sein Kunstverstand, seine anatomischen Kenntnisse hatten eine schwer zu beschreibende Harmonie erreicht und bestimmten den Charakter seiner Genialität. Barth war in Malta geboren worden, begann dort auch seine anatomischen Studien, die er später in Rom fortsetzte. Mit dem Kommandeur des Malteserordens kam er nach Wien, wurde dort einer der berühmtesten Augenärzte seiner Zeit und behandelte auch Kaiser Joseph II. erfolgreich. Den Bau des ersten anatomischen Theaters in Wien unterstützte er durch das Opfer seiner Bibliothek. Arme behandelte er kostenlos. In seiner Wohnung befanden sich kostbare antike Kunstschätze, Götterbilder, auch der berühmte Torso Ilioneus, den er dereinst in Prag, wo er auf einer Kegelbahn zum Schutz des Kegeljungen diente, für eine geringe Summe erwarb und dann 1815 für 6 000 Dukaten an den Kronprinzen Ludwig von Bayern verkaufte. Kein Wunder, dass Alexander sich oft mit ihm besprach und seine erstaunliche Kollektion von Zeichnungen der mikroskopischen Angiologie, »welche alles übertreffen, was ich je in diesem Fache gesehen«79, bewunderte oder seine hervorragende Sammlung mikroskopischer Präparate, von denen er nicht eins herausgab. Das alles hatte Barth, genial und lässig, in einem Raum untergebracht, aber doch so, wie auch Alexander zugeben musste, dass nichts verderben konnte. Sein Reichtum gestattete ihm, seine Schätze zu hüten und zu mehren, ohne dass er an ihre Verwertung zu denken brauchte. Alexander hätte gern die Veröffentlichung der vielen Zeichnungen gesehen, es war vergeblich. Barth war berühmt und bedurfte weiteren Ruhmes nicht. Er lief meist halbnackt herum und konstruierte gerade einen Hut, der sich durch das Ziehen einer Schnur in einen Regenschirm von drei Fuß Durchmesser verwandeln sollte. »Alles, was an ihm und um ihn ist, hat das sonderbare Gepräge seiner Empfindsamkeit. So trägt er eine Weste mit Aermeln, die sich in Beinkleider und Strümpfe verlängert. Er steckt darin wie in einem Futteral. Er ißt nur einmal des Tages und zwar nachts um 10 Uhr, um sich nicht (wie er sagt) mit dem Essen im Leibe herumzutragen, was sehr ermüdend und lästig sei.« Die neue antiphlogistische Chemie und die letzten Fortschritte der Physiologie kannte in Wien niemand so wie Barth, der damals meist mit Humboldts engem Freund, dem Universitätsgärtner Josef van der Schot, verkehrte.
Johann Peter Frank, einer der bekanntesten Mediziner seiner Zeit, behandelte auch Caroline v. Humboldt während ihres Aufenthaltes in Wien, und Alexander bekannte, dass er dessen »Klinikum mehrere Wochen lang besucht, bloß um den alten Frank näher kennen zu lernen.«80 Er gestand, selten habe ein Mann solchen Eindruck auf ihn gemacht. »Welche Klarheit der Ideen, Besonnenheit und Gründlichkeit bei dem sichtbarsten Aufblitzen des Genies!« Frank war 1784 Baldingers Nachfolger in Göttingen geworden, und wenn es ihm damals möglich gewesen wäre, die Klinik nach seinem Wunsche einzurichten, hätte Alexander ihn wahrscheinlich schon an der Georgia Augusta kennengelernt. So war er auf Drängen Voltas und Scarpas von Kaunitz nach Pavia berufen worden, zehn Jahre später, 1795, war er erst nach Wien gekommen. Humboldt konnte ihn immer nur kurz sehen oder sprechen, da er nach einem genauen Zeitplan lebte.
7. SCHÖNBRUNN UND DIE ÖSTERREICHISCHEN
FORSCHUNGSREISENDEN
Österreich kommt um einen Bonpland
Alexander beschäftigte sich indessen mit seinem Manuskript über die gereizte Muskel- und Nervenfaser und bereitete sich weiter auf die Reise nach Westindien vor. Mehrere Tatsachen wirkten zusammen, um ihn in diesem Reiseziel zu bestärken:
Böhtlingk, der Freund aus Hamburg, sei nach Wien gekommen, schrieb er Freiesleben, und sei noch fest gesonnen, mit ihm »nach Westindien« zu gehen. »Wir denken, über Spanien und Teneriffa die Reise anzutreten. Er hat 40 000 Rubel Einkünfte.«81 Sodann konnten der ältere Jacquin und Franz Boos Humboldt nun persönlich von Westindien erzählen. In den gepflegten und modern angelegten Gewächshäusern Schönbrunns sah Alexander eine ungeahnt große Zahl westindischer Pflanzen82, die seine Phantasie wieder in die schon längst gewählte Richtung lenkten. Die Verdienste der österreichischen Forscher ließen sich jetzt an der Quelle feststellen und vermittelten Humboldt das Verständnis für eine der größten Unternehmungen der Geschichte der Reisen.83
Der Garten von Schönbrunn war 1753 auf Anregung Gerhard van Swietens, des wissenschaftlich sehr einflussreichen Leibarztes der Kaiserin Maria-Theresia, von dem holländischen Hortologen Adrian van Stekhoven eingerichtet worden.84 Die Regenten bekundeten stets Interesse und Opferwillen, wenn es um den Ausbau Schönbrunns ging. Die Vervollständigung des Gartens war daher zwischen 1756 und 1822 Anlass zu neun österreichischen Expeditionen85, die Pflanzen sammelten und andere wissenschaftliche Aufgaben durchführten.
Westindien, die Inselwelt der Großen und Kleinen Antillen sowie die an das Karibische Meer grenzenden Länder waren nach den Fahrten des Kolumbus bald die bekanntesten Landschaften der Neuen Welt geworden. Bukanier und Flibustier hatten das karibische Areal besonders gut kennengelernt und in Schilderungen dargestellt. Die Spanier hatten ihre Besitzungen zum ersten großen Gebiet der kolonialen Plantagenwirtschaft auf der Grundlage der Sklavenarbeit entwickelt, und spanische und englische Reisende hatten die Erforschung eingeleitet. Nikolaus Joseph Jacquin hatte die großen Reisen Österreichs eröffnet und z. B. auch den Plan einer österreichischen Koloniengründung durch ein Programm unterstützt.86 Ihm war es zu verdanken, dass der Blick auch in Zukunft nach Westindien gerichtet blieb. Humboldt kannte die österreichischen Expeditionen und berief sich noch später auf einige von ihnen.87 Er besprach sich oft mit den beiden Jacquin und arbeitete mit Franz Boos, der von 1783–1827 den Schönbrunner Garten leitete, zusammen.88
Den jungen Josef van der Schot, der den Universitätsgarten am Rennweg von 1794–1802 beaufsichtigte, zählte er zu seinen intimsten Freunden überhaupt. Durch den Briefwechsel mit ihm wissen wir, dass er Franz Boos sehr verehrte. Van der Schot aber war der Sohn des gleichnamigen Reisebegleiters des älteren Jacquin.89 Während Humboldt sich in Wien aufhielt, beauftragte ihn der Kaiser mit einer Reise nach Brasilien.90 Alexander schrieb darüber an Freiesleben: »Ich habe (ein Geheimniß) hier die Hoffnung, fast Zusicherung, einen herrlichen Reisegefährten zu erhalten, den jungen van der Schot, einen herrlichen jungen Mann von großer botanischer Gelehrsamkeit und edlem Charakter. Er ist botanischer Gärtner hier, der Kaiser wird ihn reisen lassen, und ich schließe mich an diese Expedition an. Preise mich deshalb glücklich … Das Rindvieh [hiesiger Mineralogen] habe ich wenig gesehen, da ich meist in Schönbrunn und mit van der Schot lebte, um mich auf meine Reise zu präpariren.«91 Als sich dieser Plan infolge der Napoleonischen Kriege zerschlug, wollte sich van der Schot seinerseits der Reise Humboldts anschließen. Insofern hat KRONFELD recht, dass Österreich um einen Bonpland gekommen ist.92
Die spezielle botanische und länderkundliche Vorbereitung Alexanders in Richtung auf Westindien wurde in Wien vollendet.93 Jacquin hatte als hervorragender Beobachter nicht etwa nur botanisch-systematisch gearbeitet, sondern wertvolle Erkenntnisse z. B. über die Mangrovenvegetation mit zurückgebracht. Dazu war er ein geschulter Zeichner; denn er gehörte zu den Schülern der k. k. Zeichenakademie in Wien. Die Wiener Gelehrten hatten mit als erste überhaupt die Frage der Pflanzenerhaltung auf Expeditionen durchdacht. Verluste ließen sich aber nicht gänzlich vermeiden. Man musste Zeichner sein. So sind die Illustrationen der großen Prachtwerke Jacquins entstanden, und Hunderte von Zeichnungen94, die Humboldt noch vorgelegen haben.
Hier öffnet sich auch der Blick für die wichtige Frage nach den Beziehungen Humboldts zu Thaddäus Haenke (vgl. unten S. 258 ff.). Nikolaus Jacquin war neben Ignaz v. Born der wichtigste Lehrer von Thaddäus Haenke, d. h. eines der bedeutendsten Reisenden auf der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert.95 Humboldt kannte Malaspinas Expedition und erhielt nun wichtige Mitteilungen über Haenkes Teilnahme und Ergebnisse, die er später noch ergänzen konnte. Jedenfalls wusste Humboldt vor Antritt seiner Reise sehr viel von Haenke, vor allem auch, dass er noch in Südamerika weilte.96 J. H. Zöllner hatte erstmals auf ihn hingewiesen.
Wenn Alexander später von Josef van der Schot sprach, hob er gern seine enge Freundschaft zu ihm hervor und nannte ihn den »jungen brasilianischen Reisenden«.97 Aus seinen Mitteilungen soll sich nach der Übersetzung Hauffs ergeben, Baudin habe seinen »Freund, den jungen Botaniker van der Schot, nach Brasilien gebracht …«98 In Wirklichkeit hat Humboldt in seiner Relation historique geschrieben: »Ich hatte wenig Zutrauen zu dem persönlichen Charakter des Kapitäns Baudin, der dem Wiener Hof Ursache zur Unzufriedenheit gegeben hatte, als er beauftragt war, einen meiner Freunde, den jungen Botaniker van der Schot, nach Brasilien zu führen«99 – mehr lässt sich darüber nicht in Erfahrung bringen. Aus dieser Formulierung lässt sich ein Brasilien-Aufenthalt des Wiener Botanikers nicht ohne Weiteres ableiten.100 Van der Schots Berichte über Baudin waren gewiss eindeutig, und Franz Boos’ Erzählungen dürften dieses recht eigenartige Charakterbild noch abgerundet haben: 1785–1788 hatten Boos und Scholl im Auftrag des Kaisers mit großem Erfolg im südlichen Afrika, auf Inseln der Maskarenengruppe und auf Madagaskar gearbeitet. Boos hatte 1788 heimkehren können. Scholl hatte zurückbleiben müssen, da sich nicht alle Schätze auf Baudins Schiff unterbringen ließen, das sie in Triest entladen sollte.101 Am 28. Juni 1794 hatte Scholl das falsche Spiel Baudins enthüllt, der anstatt »Curiosités naturelles vor seine kayserliche Majestät in Indien« zu sammeln, Sklavenfracht an Bord genommen hatte. Er ließ sogar seine Fregatte auf Sand laufen, um seine »Ware« schneller absetzen zu können. Baudin betrog damit den Kaiser um eine beträchtliche Summe Geldes und Scholl um die Hoffnung baldiger Heimkehr.102 Erst 1799 konnte dieser auf einem englischen Schiff zurückfahren und sich in Wien melden, nachdem man ihm vorher noch in London einen Teil seiner Schätze widerrechtlich abgenommen hatte.103 Einen ebenso bedenklichen Streich leistete sich Baudin 1796, als er aus Westindien zurückkam und die Sammlungen, die rechtmäßig Österreich gehörten, dem französischen Direktorium anbot, das ihn dafür zum Kapitän ernannte und schließlich mit einer großen Expedition betraute, die auch für Humboldt wichtig werden sollte.104
8. WISSENSCHAFTLICHE ARBEITEN IN SALZBURG
Humboldt wachsen tausend Hände
Humboldt hatte während seines dreimonatigen Aufenthalts in Wien sehr oft allein in seinem Zimmer gearbeitet und sich deshalb einsam gefühlt. Der zweite Band seines Werks über die gereizte Muskel- und Nervenfaser sollte endlich abgeschlossen werden. Sämtliche Experimente, die sein Tagebuch, eine Art Beobachtungsjournal, aufführte, ließen sich in ihrer Überfülle nicht verwerten. Er musste auswählen. Gespräche und Besuche in Wien halfen ihm dabei. So hat er z. B. mit dem älteren Jacquin und dem Metallurgen v. Tiharsky aufschlussreiche eudiometrische Versuche angestellt. Zudem war der jüngere Jacquin hochverdient um die Einführung der antiphlogistischen Chemie in Wien und hatte in Humboldt einen Partner gefunden, der ähnliche wissenschaftliche Methoden vertrat.

Alexander v. Humboldt zur Zeit seiner sechsjährigen Reisevorbereitungen auf die Tropen in der Neuen Welt (Federzeichnung von Friederike Beck)
Die literarischen Arbeiten vermehrten sich noch, als Freiesleben das Manuskript des Werks Ueber die unterirdischen Gasarten … nach Wien sandte. Er hatte aus dem »Paquet einzelner Zettel und Notizen … ein Gerüst zusammengestellt« und den Stoff so fleißig bearbeitet105, dass Alexander sein Werk »kaum darin wiedererkennen« konnte. »Du hast Dir mehr, mehr Mühe damit gegeben, als die Sache verdient, nicht bloß Materialien geordnet, sondern viele neue dazugeschafft … Es wird mir nun ein Leichtes sein, ein Buch daraus zu machen …« konnte er Freiesleben mitteilen.106 Er selbst hat das Manuskript dann noch durchgefeilt, die Herausgabe aber musste er seinem Bruder Wilhelm überlassen.
Die Reisepläne forderten Humboldts ganze Kraft. Im Augenblick sah es allerdings aus, als sollten sie sich nie erfüllen. Die Familie des Bruders und Haeftens sorgten sich, ob man mit den Kindern bei den unsicheren Zuständen nach Ober- und Mittelitalien gehen könne. So reiste der ältere Humboldt mit seiner Familie, mit Wilhelm v. Burgsdorff und dem Bildhauer Friedrich Tieck am 11. Oktober 1797 von Wien ab und fuhr über München, Schaffhausen, Zürich und Basel nach Paris.107 Alexander hielt dagegen noch an seiner Italienreise fest und wollte zunächst mit den Haeftens in der Schweiz die Beruhigung der politischen Lage abwarten. Er dachte, dort seine Vorbereitungen weiter zu betreiben, und liebäugelte vor allem mit einem erneuten Besuch Genfs.
Die Ankunft Leopold v. Buchs in Wien wies einen anderen Weg. Dieser hatte bereits geschrieben, er wolle sich in Italien »häuten und … in Äther kleiden«. »Ich habe mich herzlich über ihn gefreut«, meinte Alexander. »Es ist ein trefflicher, genievoller Mensch, der viel und richtig beobachtet – aber das ganze Wesen – wie aus dem Monde. Mich deucht, das Alleinsein auf der Reise hat ihm schon wieder geschadet. Ich habe ihn zu einigen Menschen herumgeführt, aber meist ist es unglücklich abgelaufen. Gewöhnlich setzt er gleich nach dem ersten Besuch die Brille auf und untersucht im äußersten Stubenwinkel die Sprünge in dem glasierten Ofen, auf die er ganz erpicht ist, oder er schleicht wie ein Igel an den Wänden umher und betrachtet die Simse. Er versichert mich selbst dabei, daß er im Alleinsein oft ¼ St[unde] lang fast alle Besinnung verliere. Übrigens ist er unendlich interessant und liebenswürdig – ein Schatz von Kenntnissen, mit denen er mir sehr nützlich wird. Er bleibt 14 Tage hier, geht dann über Ischl und Gmunden nach Salzburg, bleibt einige Wochen bei mir und will im Winter durch Tirol nach Italien. Sein Gemütszustand ist gewiß bedenklich und, ich glaube, meist physischen Ursachen, angestrengtem Denken und Mangel an Nahrung zuzuschreiben. Ich bin in ihn gedrungen, mehr zu essen und einmal einige Monate recht sinnlich zu leben.«108
Beide kamen überein, im Winter in Salzburg meteorologische, eudiometrische, astronomische und barometrische Messungen durchzuführen. Alexander verabschiedete sich im Oktober in Wien. Er verließ die österreichische Hauptstadt »recht ungern«109, das Ende dieser »köstlichen Zeit« bedrückte ihn110. Wien hatte ihm derart viele Anregungen geschenkt, dass er dankbar sein musste. Doch die Unruhe der Weltstadt störte ihn auf die Dauer, er verlangte nach einem ruhigeren Ort, der indes in Grenznähe liegen sollte, um bei einer günstigen Wendung sofort nach Italien reisen zu können.111 Der ältere Bruder hatte ohnehin nach Italien und Frankreich gehen wollen. Ihm bedeutete die Änderung der zeitlichen Folge nicht viel. Bei Alexander war es anders. Er durfte keine Zeit vergeuden. In Linz sprach er mehrere Gelehrte und besuchte von dort aus Gmunden, den Traunfall und den Traunsee; er reiste »der schönen Gegend wegen« sehr langsam und meinte: »Ich gestehe, daß ich in der Schweiz kaum solche große Naturszenen kenne, als diese Oberösterreichischen.«112
So kam Humboldt erst am 26. Oktober 1797 in Salzburg an. Leopold v. Buch folgte ihm später nach. Hier begann erneut die intensive Übung im Gebrauch von Spiegelsextant, Barometer und Eudiometer u. a. sowie eine nochmalige Lektüre vieler Reisewerke. Er schrieb am 31.12. 1797 von Salzburg an Josef van der Schot: »Ich erfülle meine Zwecke treulich, die ich mir vorgesetzt, aber da diese Zwecke keine anderen als die des Lernens, Studirens, Einübens mit meinen physikalischen und astronomischen Instrumenten, Präparirens zur westindischen Reise sind, so läßt sich selbst dem Freunde wenig davon erzählen … Ich lese und schreibe ununterbrochen fort, laufe in Sturm und Regen mit dem Electrometer in Luftschichten [?] umher und durchblättere alle Reisebeschreibungen, die ich schon sonst gelesen und von denen die Bibliothek des hiesigen Botanikers Baron Moll (der aber selbst keine Pflanze kennt) leider! eine Menge enthält … Mein Plan ist noch immer, Mitte Februar nach Italien aufzubrechen und Sommer 1799 in Deutschland zu sein, wo Sie mich haben wollen.«113 Er hoffte immer noch, van der Schot als Reisegefährten gewinnen zu können. Mit Grüßen bedachte er vor allem Joseph Barth, die beiden Jacquin, Nikolaus Thomas Host – und nicht zuletzt Franz Boos: »Wenn ich von Dankbarkeit rede, so habe ich aber besonders unseres Freundes Boos114 zu gedenken. Sagen Sie diesem, wie innigst ich ihn liebe und hochschätze.«115
Humboldt hatte nur zwei Monate in Salzburg bleiben wollen, es wurde ein halbes Jahr daraus, und er schrieb innerlich verzweifelt an Joseph Franz Jacquin: »Könnte ich doch nur nach Westindien – aber wenn man sechs Wochen zur See ist, bringt einen ein Kaper dahin zurück, wo man ausläuft. Ich denke, das alles in Paris deutlicher zu sehen.«116
Von seinem Lehrer Zach angespornt, bestimmte er die Polhöhe Salzburgs, führte eine große Zahl von Höhenmessungen zwischen dieser Stadt und Aussee aus und analysierte den Sauerstoffgehalt der Luft, die zu gleicher Zeit in verschiedener Höhe in Flaschen gefüllt wurde. Am 19. Dezember 1797 bestimmte Buch mit Alexanders neuem Senkbarometer den Gaisberg, gegenüber von Humboldts Wohnung. 453 Toisen über dem Spiegel der Salzach füllte Buch eine Flasche mit Luft, ohne sie mit Wasser zu sperren und zu dichten, um die »Azotirung«, die Anreicherung mit Stickstoff, zu vermindern. »Der eingeriebene Stöpsel war so luftdicht, daß das Wasser, als sich die Flasche unter seiner Oberfläche öffnete, mit Gewalt in die Höhe stieg. Ich untersuchte diese Gebirgsluft und eine andere, die ich in demselben Momente im Thale gesammelt hatte.« Die höhere Luft war sauerstoffärmer, und so galt Voltas am Legnone gewonnene Erkenntnis auch für Berge, die diese zweimal an Höhe übertreffen.117 Lust am Experimentieren, überlegte Versuchsanordnung und Wiederholungen waren stets für Humboldts Vorgehen bezeichnend, und so wurde die gleiche Messung nochmals durchgeführt. Buch kletterte trotz Schnee und Eis wieder auf den Gaisberg. Die gleichzeitigen Thermometerbeobachtungen ergaben dabei eine Temperaturumkehr, d. h. die kältere Luft lag wie eingeschnürt im Tal. Während Buch auf dem Gaisberg + 8½ °R maß, stellte Alexander im Tal nur + ¾ °R fest! Die Sauerstoffabnahme mit der Höhe bestätigte sich erneut.118
In dieser Zeit benutzte Humboldt häufig die Bibliothek des Freiherrn Karl Ehrenbert v. Moll119, eines fähigen und weithin bekannten Naturforschers, in dessen »Jahrbüchern der Berg- und Hüttenkunde« von nun an auch Aufsätze von ihm erschienen. Moll hatte bereits 1785 mit seinem Freund Franz de Paula Schrank in zwei Bänden Naturhistorische Briefe über Österreich, Salzburg, Passau und Berchtesgaden herausgegeben. Darin waren u. a. Beobachtungen über Härte und Temperatur des Gletschereises, Statistiken und anthropogeographische Tatsachen mitgeteilt worden. Sie lernten auch die Patres Dominikus Beck, von dessen meteorologischen Messungen und Höhenbestimmungen Humboldt allerdings nicht viel hielt, und Prof. Ulrich Schiegg kennen.
Seit Hacquets Eingreifen bemühte man sich auch in Österreich, auf dem von Scheuchzer und Saussure eingeschlagenen Wege voranzukommen. Dabei war eine erhebliche geographische Arbeit geleistet worden, deren Reflex Humboldt zugutegekommen ist. Im südlichen Bayern war damals kein einziger Ort astronomisch bestimmt gewesen. Auf den Karten unterliefen Abweichungen von 5–6’ »nach allen Weltgegenden«.120 Humboldt versuchte, wirkliche Festpunkte für die Kartographie zu schaffen, wenn auch nicht an vielen Orten, dazu reichte die Zeit nicht. »Nein, ich suche wenige Punkte zu bestimmen, diese aber mit aller Genauigkeit, deren ich und mein schwerer 12zölliger Sextant fähig sind.« So konnte er denn die Polhöhe für Salzburg, Berchtesgaden und Reichenhall ermitteln.
Der Aufenthalt in Salzburg erwies sich insgesamt als wichtige Station auf dem Weg nach den südamerikanischen Tropen. Dazu zählen selbstverständlich auch sämtliche Exkursionen, die er von hier aus unternahm:
Am 26. Oktober 1797 war Humboldt in Salzburg eingetroffen. Bereits am 7. November reiste er über Fuschl am See und St. Gilgen am Abersee nach Ischl an der Traun, wo er den originellen Leopold v. Buch traf, der ihn von nun an begleitete. Gemeinsam reisten sie zum Ischler Salzberg, nach Hallstatt zum gleichbenannten Berg, nach Aussee und Altaussee, zum Bergwerk am Sandling und über Aussee und Grisern zurück nach St. Gilgen und waren am 13. November 1797 wieder in Salzburg.
Am 28. November 1797 besuchten beide die Eiskapelle am Fuß des Watzmanns. Am 3. Dezember weilte Alexander in Berchtesgaden. Den Gaisberg bestieg er am 4. März 1798, wie wir gesehen haben. Vom 7. bis zum 17. April 1798 blieb er in Berchtesgaden; sechs Tage davon weilte er auf Schloss Adelsheim beim Administrator des Hauptsalzamtes Joseph v. Utzschneider.
Er glaubte, in Salzburg »ein wahres Klosterleben geführt« zu haben, »aber … ein sehr arbeitsames«. Er vollendete Manuskripte, redigierte, korrigierte, experimentierte intensiv wie nie zuvor, korrespondierte, observierte und charmierte in Wort und Tat. Es war, als wüchsen ihm tausend Hände.
An keinem Ort hat er während seiner sechsjährigen Vorbereitung mehr gearbeitet als hier. In Versuchen und Messungen schuf er sich planmäßig eine Vergleichsgrundlage für die Tropen.
Im Winter 1797/98 hatte er das gesamte Werk H. B. de Saussures erneut gelesen, »Wort für Wort«. Er schrieb später aus Paris: »J’aime à marcher sur les traces d’un grand homme.« [»Ich liebe es, den Spuren eines großen Mannes zu folgen.«] Das instrumentenreiche Genf erschien ihm wie »le foyer du génie«, wie »der Mittelpunkt des Geistes«, wie er am 22. Juni 1798 im gleichen Brief mitteilte.
Kein Wunder, dass er nach den Erfolgen in Salzburg das deutsche Genf erkennt, eine Stadt »nicht minder von der Natur bestimmt …, einst unter begünstigenden politischen Verhältnissen die Schule deutscher Physiker (Naturforscher) zu werden«.121
9. DIE »VERSUCHE ÜBER DIE GEREIZTE
MUSKEL- UND NERVENFASER«
Gegen jede Tierquälerei
In Salzburg hat Alexander den zweiten Band seines Werkes Versuche über die gereizte Muskel- und Nervenfaser abgeschlossen. Es ist ein Buch, das in überzeugender Fülle Versuchsanordnungen und Experimente beschreibt. Auffallend sind die klare Form der Darbietung und die Methode, die ausdrücklich formuliert und betont wird. Auch muss Humboldts humanes Vorgehen beachtet werden. Bei seinen zahlreichen Tierversuchen hatte er jede Tierquälerei vermieden. Vivisektion lehnte er ab. »Alle Tiere, mit denen ich je experimentirt, habe ich durch Abschneiden des Kopfes und Durchbohren des Rückenmarks zu tödten gesucht. Ich füge diese Anmerkung einmal für immer bei, um den unangenehmen Eindruck zu mildern, den eine Sammlung zootomischer Versuche bei einer gewissen Klasse reizbarer Leser erregen muß. Nach meiner eigenen Art zu empfinden, würde ich ohne diese Vorsicht, die Thiere vorher zu tödten, auch nicht einen einzigen galvanischen Versuch je haben anstellen können.«122
Seit 1792 hatte er galvanische und anatomische Experimente miteinander verknüpft und zunächst einfach die Wirkung des elektrischen Stromes bei steter Änderung der Versuchsanordnung auf das anatomische Präparat erforschen wollen. Die notwendigen Instrumente, einen galvanischen Apparat, ein paar Metallstäbe, Pinzetten, Glastafeln und anatomische Messer hatte er selbst zu Pferde mit sich geführt. Seine jetzigen Versuche betrachtete er als eine Fortsetzung seiner Beobachtungen über die Reizempfänglichkeit der Pflanzen. Von daher erschien ihm das Studium des tierischen Körpers unerlässlich. Er betrachtete die Pflanzen nicht als Tiere wie etwa Baptista Porta, sondern »als Object einer allgemeinen vergleichenden Physiologie und Anatomie«. Er wollte sich nicht zu »falschen Analogien« versteigen, sondern den »thierischen Stoff« genauestens kennenlernen. Diese Studien hatten ihn Bescheidenheit gelehrt. Je tiefer er in die anatomischen Geheimnisse eindrang, desto mehr lockte ihn »der wundersame Bau der menschlichen Organisation an«.123 Hier hatte die Wissenschaft am stärksten vorgearbeitet, und keine andere »thierische Faser« hatte er so leicht erregbar wie die des menschlichen Körpers, den er als Teil des Naturreichs verstand, gefunden. »Wer sich daher irgend einem Theile der Naturbeschreibung ernsthaft widmet, sollte jenes Studium nicht vernachlässigen, wäre es auch nur, um einzusehen, welche unabsehbare Fülle von Kräften in ein Aggregat irdischer Stoffe zusammengedrängt sein kann. Ich habe mich bemüht, bei meinen Versuchen über den Galvanismus von aller Theorie zu abstrahiren, oder vielmehr, ich habe diese Versuche so abgeändert, als wenn gerade das Gegentheil der bisher aufgestellten Gesetze des Metallreizes erwiesen werden müsse. Diese Methode schien mir, so lange ich experimentirte, die fruchtbarste zum Erfinden zu seyn … Freilich ist es dem menschlichen Geiste unmöglich, sich während des Experimentirens aller theoretischen Vermuthungen zu enthalten; freilich ist, wie Darwin sagt, das Denken selbst ein Theoretisiren. Man reiht das Halbgesehene immer an analoge Erscheinungen an und glaubt oft, Gründe in unwesentlichen Nebendingen zu finden. Wohl dem Experimentator aber, den abgeänderte Versuche von einer Theorie zu anderen hinführen, dessen Vermuthungen nicht früh eine Gewißheit erlangen, die von der ferneren Beobachtung zurückscheucht!«124
Es ging Humboldt um Tatsachen und deren scharfe Trennung von der Deutung. Als solche galten ihm nur die Ergebnisse der Experimente. Er war als Empiriker stets darauf bedacht, sie nicht mit ihrer Interpretation zu verquicken oder sie vorgefassten Theorien zu opfern. Scharlatanerie von der Art Mesmers lehnte er ab, unterstrich aber gleichzeitig, dass keineswegs jedes »Manipuliren physisch unwirksam sey«. So verdienten z. B. Johann Nathanel Petzolds Dresdner Versuche größte Aufmerksamkeit bei Naturforschern, »die nicht gewohnt sind facta von sich zu stoßen, um Hypothesen aufzunehmen … Der Naturphilosoph muß alle Erscheinungen in Verbindung setzen; durch diese Verbindung allein schon tritt er den Ursachen näher«125 (Hervorhebung durch HANNO BECK).
Dies alles macht das Buch noch heute lesbar. Es enthält außerdem mehr, als sein Titel verrät. Es muss besonders beachtet werden, weil es das umfangreichste Werk ist, das Humboldt vor seiner großen Reise veröffentlicht hat. Die Versuche selbst stellte er zunächst nur zu seiner eigenen Unterrichtung an. Erst als bedeutende Physiologen ihre Publikation wünschten, arbeitete er systematischer. Wegen seiner Tätigkeit als Bergmann und wegen der häufigen Unterbrechungen seiner Arbeit konnte er die einschlägigen Forschungen anderer nicht verfolgen, so dass er manches Experiment durchführte, das anderen schon vor ihm gelungen war. Die galvanischen Versuche selbst hielt er für einfach. Die Schwierigkeiten entstanden erst durch die Einführung erregender und leitender Substanzen in die Versuchsanordnung. Trotzdem schien es ihm notwendig, die Literatur streng zu überprüfen, um nur diejenigen Untersuchungen in sein Werk aufzunehmen, die über ältere hinausführten und der Erweiterung der Physiologie dienen konnten.
Im Frühjahr 1795 schien sich das Ende seiner Bemühungen abzuzeichnen. Humboldt hatte bereits Teile seines Manuskripts an Soemmerring und Blumenbach geschickt, als ihn Pfaffs Schrift Über thierische Elektricität und Reizbarkeit auf eine angenehme und unangenehme Art überrascht hatte.126 Diese Arbeit fand er ausgezeichnet, sah aber zugleich, dass Pfaff auf anderen Wegen die gleichen Resultate wie er selbst erreicht hatte, und musste sich zu einer »gänzlichen Umschmelzung« seines Buches entschließen. Die Hälfte der Versuche wurde gestrichen. Sein Aufenthalt in der Schweiz und in Italien hinderte die Verwirklichung seines Planes, förderte ihn aber gleichzeitig, weil er nun Jurine, Pictet, Scarpa, Tralles und Volta persönlich kennenlernte und seine Gedanken korrigieren konnte. Er dankte diesen Persönlichkeiten öffentlich, denn ihr Rat befähigte ihn zu neuen Schritten oder veranlasste ihn zu einer streng überwachten Wiederholung älterer Experimente, z. B. auch der Überprüfung der Versuche auf seinem Rücken.
Die hier mitgeteilten Stellen verraten eine auffällige sprachliche Prägnanz. Humboldt pflegte sich sogar zu entschuldigen, wenn er von der Regel abwich, um in der Darstellung schneller zum Ziele zu kommen, und stellte stets fest, wo er sich unsicher fühlte. Reizvoll ist, dass die Sichtweise des Landreisenden häufig erkennbar wurde. So wies er auf eine Unart vieler Reisender seiner Zeit hin, die nur das untersuchten, »was sie mit nach Hause tragen können, weil viele nur an ihrem Schreibtisch mit äußerer Bequemlichkeit arbeiten«, statt die Objekte an Ort und Stelle zu erforschen.127
Die Versuche selbst wurden nicht chronologisch, sondern sinngemäß aneinandergereiht. Der erste Band beschreibt den Einfluss des Galvanismus auf sezierte tierische Körper, der zweite betrachtet dann den Einfluss »chemischer Stoffe auf die erregbare Faser«.128 Mit diesem folgerichtigen Aufbau hoffte er, einer Verallgemeinerung seiner Ergebnisse dienen zu können. Der erste Band bildete eine Vorstufe der Elektrophysiologie, der zweite begründete die »vitale Chemie«. Diese bezeichnete Humboldt selbst auch als eine »Experimental-Physiologie«; sie wurde später von seinem Freund Emil Du Bois-Reymond ehrlich anerkannt und vervollkommnet. Seit Galvani 1791 seine epochemachenden Entdeckungen bekannt gegeben hatte und der Galvanismus in Deutschland spielerisch in Gesellschaftszirkeln und ernsthaft in Kreisen der Wissenschaft diskutiert wurde, bemühte man sich auch, die biologischen Hauptfragen der Zeit – Reizproblem, Erregungstheorie und Vitalismus – wissenschaftlich mit ihm zu verknüpfen. Humboldts eigene Bemühungen gingen weit über den bloßen Galvanismus hinaus. »Er untersuchte systematisch zuerst die Bedingungen, unter denen der galvanische Reiz entsteht, dann die Wirkungen desselben auf Nerv und Muskel. Ebenso ging er dem Einfluss der Wärme, Licht, Wasser, Luft, verschiedenen Gasen und chemischen Substanzen nach, indem er die Reizwirkungen derselben am Nerv-Muskel-Präparat feststellte und besonders die Veränderungen der Reizempfänglichkeit beachtete.«129
Humboldt wies erstmals auf die großen Verschiedenheiten in der Erregbarkeit reizbarer Teile hin und lenkte den Blick auf die Einflüsse, von denen sie abhängen. Sein Buch ist eine Übersicht der Reizerscheinungen in der belebten Natur. Bei den Amphibien untersuchte er beispielsweise die Abhängigkeit der Erregbarkeit von der Jahreszeit. Während des Winterschlafs fand er die Reizempfänglichkeit am größten.130 Die zum Teil schmerzhaften Versuche auf seinem Rücken zeigten wahrscheinlich erstmals in der Geschichte des physiologischen Galvanismus dessen Einfluss auf Blutgefäße und deren Absonderungen.131 Besonders bezeichnend sind die Versuche des zweiten Bandes, die der »Stimmung der Erregbarkeit« gewidmet sind, d. h. der Untersuchung ihrer Änderung unter dem Einfluss physikalischer und chemischer Stoffe. In verschiedenen Experimenten untersuchte er vor allem die Zu- und Abnahme der Herztätigkeit. Er bemerkte wie Fontana, dass schwache elektrische Schläge die Herztätigkeit erhöhten, starke sie verminderten, beobachtete die anregende Wirkung erhöhter Temperatur und den wiederbelebenden Einfluss des Blutes und richtete hauptsächlich seine Aufmerksamkeit auf die »Stimmung der Erregbarkeit« durch Gase.
Am Rand werden noch viele andere Experimente erwähnt, etwa die vergeblichen Bemühungen »durch Einsenken von Thermometern in die geöffneten Brusthöhlen frisch-getödteter Thiere den Unterschied der Temperatur von Frosch-, Kröten-, Fisch- und Eidexen-Blut zu finden«.132
10. DIE ABKEHR VON DER »LEBENSKRAFT«
Erfahrung, keine Spekulation
Bei allen Experimenten erhob sich die grundsätzliche Frage: Was ist das Leben? War eine selbständige Lebenskraft erwiesen? Er hatte an sie geglaubt. Seine Definition war in Lehrbücher übernommen worden, er selbst aber betrachtete sie nun als von Reil, Veit, Ackermann und Röschlaub gründlich widerlegt. Er gab dies offen zu und trennte sich damit von der Vorstellung der Lebenskraft, da er ihr Dasein nicht erweisen konnte. Das Leben betrachtete er als Gleichgewichtszustand und führte drei Ursachen an, die diesen erhalten könnten. Seine Feststellungen gipfelten in der methodischen Forderung, »physische Erscheinungen nicht nur physisch, sondern auch ohne Zuflucht zu einer unbekannten Materie zu erklären«.133 Von Lebenskraft zu sprechen, wagte er nicht mehr, »da sie sich vielleicht bloß durch das Zusammenwirken der im Einzelnen längst bekannten materiellen Kräfte erklärt«, glaubte aber umso sicherer, eine Definition belebter und unbelebter Stoffe ableiten zu können134: »Belebt nenne ich denjenigen Stoff«, schrieb er, »dessen willkührlich getrennte Theile, nach der Trennung, unter den vorigen äußeren Verhältnissen ihren Mischungszustand ändern. Das Gleichgewicht der Elemente in der belebten Materie erhält sich nur so lange und dadurch, daß dieselbe Theil eines Ganzen ist.«135 Humboldts Schlussfolgerungen bezeugen eine materialistische Tendenz, ohne materialistisch zu sein. Er hoffte, durch diese »Versuche« »die Masse unserer empirischen Erkenntnisse vermehrt zu haben«, obgleich er mit ehrlicher Bescheidenheit das große unbekannte Feld überschaute, das die Forschung noch erschließen musste. Aber: »Große und glänzende Entdeckungen können dem menschlichen Geiste nicht entgehen, wenn er kühn auf dem Wege des Experiments und der Beobachtung fortschreitet und unablässig sucht den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht.«136
Die Versuche über die gereizte Muskel- und Nervenfaser waren bereits von einer Methode geprägt, die Humboldt nun nicht mehr preisgab: Er verband die rationalistische Empirie mit der vor allem von Kant137 herrührenden Überzeugung vom Naturganzen und der vom Geist der aufblühenden deutschen Klassik kommenden Idee der Harmonie eben dieses Ganzen zum kritischen Realismus seiner Naturforschung.138 Dabei bezeichnete die Ablehnung des Begriffs einer selbständigen Lebenskraft eine sehr wichtige Entwicklungsstufe. Der Rhodische Genius 1795 überstieg die Welt der Erfahrung und wurde daher in die Form einer Dichtung eingekleidet. »Die Lebenskraft wird als uralte, ehrwürdige Idee aufgefaßt – aber im Sinne eines Als-Ob. Während die Lebenskraft von vielen als eine fundamentale Neuerung, als Erkenntnisfortschritt gewertet wurde, bedeutete der ›Rhodische Genius‹ für Humboldt den Abschluss einer individuellen Geistesepoche. Die dichterische Fassung eines wissenschaftlichen Problems ist für die Wahrheitsliebe des Forschers die Krise. Es ist der Wendepunkt in Humboldts Leben …«139
All dies drückt sich vor allem in diesen Versuchen … aus, in der Sicherheit der gefällten Entscheidung zwischen Spekulation und Realismus. Humboldt stritt schon jetzt einer Naturphilosophie keine Verdienste ab, aber er selbst wollte sie nicht pflegen und in seiner Forschung auch keine spekulativen Elemente dulden. Er hatte damit eine Entscheidung getroffen, die der Lösung seines Lehrers und Freundes Georg Forster von der Rosenkreuzerei entsprach. Als er später auf die Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts zurückblickte, hat er »das Bestreben, die Erscheinung der körperlichen Dinge in ihrem allgemeinen Zusammenhange, die Natur als ein durch innere Kräfte bewegtes Ganzes aufzufassen«, als »Hauptantrieb« bezeichnet.140 »Das Naturganze war für die Forschung Humboldts regulatives Prinzip und Grenzbegriff, in welchem sich die erfahrbare Wirklichkeit und die sie begründende Wahrheit überschneiden und durchkreuzen.«141
Infolge seiner Experimente musste Humboldt auch Stellung beziehen in dem Streit um das Wesen des Galvanismus, der ähnliches Aufsehen erregte wie der Vulkanismusstreit. Galvani meinte, die Elektrizität sei den Muskeln und Nerven eigen, während sein Gegner Volta die gleiche Erscheinung dem Kontakt ungleichartiger Metalle zuschrieb, auf die der Froschschenkel als Elektroskop reagiere. Humboldt wandte sich gegen die Kritik Voltas an den neuen Experimenten Galvanis, dem es gelang, mit einem einzigen an einen Nerv und einen Muskel angelegten Metallbogen Zuckungen zu erregen; das gleiche war ihm sogar ohne Metall bei bloßer Berührung von Nerven und Muskeln geglückt. Er erkannte aber bald, dass die Zuckungen beim Kontakt ungleichartiger Metalle wesentlich stärker waren als in den von Galvani zuletzt angegebenen Fällen. So stand er – ähnlich wie beim Vulkanismusstreit – zwischen den diskutierenden Parteien und war nach Wilhelm Wundts Zeugnis »der richtigen Lösung des Streits vielleicht näher als irgendeiner der Zeitgenossen«.142 »Während Volta das Hauptgewicht auf die physikalische Erklärung des Metall-Reizes legte, war Humboldts Augenmerk hauptsächlich auf die Reizempfänglichkeit des Organismus gerichtet. Der Galvanismus galt ihm in erster Linie als das hervorragende Mittel, die Erregbarkeit zu prüfen. Humboldt unterschied konsequent die Vorgänge, die der tierischen Elektrizität zugehören, von den galvanischen Reizerscheinungen.«143 Er stand zwar schließlich im Lager der Galvanisten, aber nicht als Eiferer, der aus Prinzip nur einen Weg ging, sondern von eigenen Experimenten überzeugt, die er nicht anders deuten konnte. Die galvanische Erscheinung leitete er von einem in den Tieren anwesenden Fluidum ab, das er nicht mit der Elektrizität zu identifizieren wagte. Die Metalle verursachen nicht den Reiz, sondern sie verstärken ihn nur. Vom damaligen Standpunkt aus war seine Theorie nicht unberechtigt, und er verkündete sie auch nicht mit Anspruch auf allgemeine Gültigkeit, sondern nur als Deutung, die den augenblicklichen Stand der Forschung bezeichnen konnte.
Drei Jahre später brachte die Entdeckung der Voltaischen Säule das Ende der Theorien über den physiologischen Ursprung galvanischer Erscheinungen. Damit war, um mit Du Bois-Reymond zu reden144, erst die Gleichung mit zwei Unbekannten aufgelöst: Der physikalische Galvanismus und die wirkliche Elektrizität der tierischen Teile waren bisher vermengt worden. Dessen ungeachtet enthielt Humboldts Werk wichtige Vorstufen für die Erforschung der Elektrophysiologie, die nun stark vernachlässigt wurde und 50 Jahre später, oft ohne Kenntnis vergangener Leistungen, wieder aufgenommen werden musste. Hin und wieder hatte er selbst bereits Voltaische Säulen konstruiert.
11. PASIGRAPHISCHE IDEEN UND SCHILLERS KRITIK
Humboldts drittes Forschungsprogramm
Während der Arbeit an seiner bisher umfangreichsten Veröffentlichung hatte Humboldt bald das Gefühl gehabt, dass die Sprache allein die Fülle seiner Versuche nicht genau beschreiben könne oder zu einer sinnverwirrenden pedantischen Ausführlichkeit führen müsse.145 So entwickelte er Buchstabenformeln, auf die er größten Wert legte. Er schrieb: »Weder das aufmerksamste Lesen meiner Arbeit, noch die Betrachtungen der Figuren machen es möglich, jene Fülle von Thatsachen mit einem Blicke zu umfassen. Es schien mir daher wichtig, eine Methode zu erfinden, welche diesem Mangel abhülfe. Die Bequemlichkeit, welche die Mathematik darbietet, durch analytische Zeichen viele Sätze in wenigen Zeilen darzustellen, reizte mich zu dem Versuche, die Abänderungen des galvanischen Apparats, bei dem fast alles auf der kettenförmigen Aneinanderreihung der Stoffe beruht, durch eine ähnliche Zeichensprache auszudrücken.«146 Von diesen Gedanken ausgehend, entwickelte er die Idee einer »Pasigraphie« (= allgemein verständliche Schriftzeichensprache) und verstand bald darunter die exakte, übersichtliche und leicht verständliche Darstellung geognostischer und geographischer Erscheinungen durch Buchstaben, Richtungspfeile, Symbole und abgekürzte Bezeichnungen für Formationen und Gesteine. Damit hatte sich auch die raumwissenschaftliche Tendenz, die den Kern seiner Forschung bezeichnete, wieder durchgesetzt. Die Pasigraphie schien zunächst ein reines Darstellungsproblem zu bedeuten. Aber sehr bald sollte sich unter dieser Bezeichnung ein wesentliches und tiefes Programm entfalten, eine ausgesprochene Lieblingsidee Humboldts. Er muss solche Gedanken nach den ersten Andeutungen sehr bald auf Geognosie und Geographie angewandt haben, und zwar so intensiv, dass er später improvisiert und aus dem Gedächtnis heraus darlegen konnte, wie er sich die Anwendung einer solchen Pasigraphie dachte.147 Sie bedeutete in Wahrheit die dritte Stufe eines umfassenden raumwissenschaftlichen Forschungsprogramms, das erst in der Zukunft in die Tat umgesetzt werden sollte. Nach dem Plan einer »Geschichte der Pflanzen« und eines Werks über die Konstruktion des Erdballs dachte Humboldt nun auch an eine »Pasigraphie«.
Als der erste Band von Humboldts Versuchen … (1797) vorlag, stieß sich Schiller an den vermittelnden Formeln und steigerte sich in einen ehrlichen Ärger hinein, der leicht gelindert worden wäre, wenn er eine Diskussion mit Humboldt gesucht hätte. Dabei wäre zutage getreten, dass diese pasigraphischen Darstellungsversuche durchaus den Zusammenhang des lebendigen Organismus nicht verstümmelten, sondern nur Vorläufer größerer Ideen waren. Goethe und Körner verstanden Humboldt besser, Schiller aber wandte sich energisch gegen die Buchstabenformeln. Sein Verhältnis zu Humboldt erschien schon nach der Publikation des Rhodischen Genius abgekühlt. Jetzt griff er Alexander scharf an. Als sich die Humboldts gerade in Dresden aufhielten, schrieb Körner an Schiller: »Alexander von Humboldt ist mir ehrwürdig durch den Eifer, mit dem er sein Fach betreibt. Für den Umgang ist mir Wilhelm genießbarer, weil er mehr Ruhe und Gutmüthigkeit hat. Alexander hat etwas Hastiges und Bitteres, das man bei Männern von großer Thätigkeit häufig findet. Wilhelm ist mir sehr lieb geworden, und ich habe mit ihm viele Berührungspunkte.«148 Schiller antwortete am 6. August 1797 und begrüßte, dass sich Körner so gut mit Wilhelm verstände, dem er gewiss mehr zu danken hätte als seinem jüngeren Bruder: »Ueber Alexander habe ich kein rechtes Urtheil; ich fürchte aber, trotz aller seiner Talente und seiner rastlosen Thätigkeit wird er in seiner Wissenschaft nie etwas Großes leisten. Eine zu kleine, unruhige Eitelkeit beseelt noch sein ganzes Wirken. Ich kann ihm keinen Funken eines reinen, objectiven Interesses abmerken – und wie sonderbar es auch klingen mag, so finde ich in ihm, bei allem ungeheuern Reichthum des Stoffes, eine Dürftigkeit des Sinnes, die bei dem Gegenstande, den er behandelt, das schlimmste Uebel ist. Es ist der nackte, schneidende Verstand, der die Natur, die immer unfaßlich und in allen ihren Punkten ehrwürdig und unergründlich ist, schamlos ausgemessen haben will und mit einer Frechheit, die ich nicht begreife, seine Formeln, die oft nur leere Worte und immer nur enge Begriffe sind, zu ihrem Maßstabe macht. Kurz, mir scheint er für seinen Gegenstand ein viel zu grobes Organ und dabei ein viel zu beschränkter Verstandesmensch zu sein. Er hatte keine Einbildungskraft, und so fehlt ihm nach meinem Urtheil das nothwendigste Vermögen zu seiner Wissenschaft, denn die Natur muß angeschaut und empfunden werden in ihren einzelnsten Erscheinungen wie in ihren höchsten Gesetzen. Alexander imponirt sehr vielen und gewinnt im Vergleich mit seinem Bruder meistens, weil er ein Maul hat und sich geltend machen kann. Aber ich kann sie dem absoluten Werthe nach gar nicht miteinander vergleichen, so viel achtungswürdiger ist mir Wilhelm.«149 Körner hielt nicht mit seinem gerecht abwägenden Urteil zurück und vertrat in auffälliger Weise Alexanders Standpunkt, als er am 25. August 1797 antwortete: »Dein Urtheil über Alexander von Humboldt scheint mir doch fast zu streng. Sein Buch über die Nerven habe ich zwar nicht gelesen, und kenne ihn nur aus dem Gespräch. Aber gesetzt, daß es ihm auch an Einbildungskraft fehlt, um die Natur zu empfinden, so kann er doch, däucht mich, für die Wissenschaft vieles leisten. Sein Bestreben, alles zu messen und zu anatomiren, gehört zur scharfen Beobachtung, und ohne diese gibt es keine brauchbaren Materialien für den Naturforscher. Als Mathematiker ist es ihm auch nicht zu verdenken, daß er Maaß und Zahl auf alles anwendet, was in seinem Wirkungskreise liegt. Indessen sucht er doch die zerstreuten Materialien zu einem Ganzen zu ordnen, achtet die Hypothesen, die seinen Blick erweitern, und wird dadurch zu neuen Fragen an die Natur veranlaßt. Daß die Empfänglichkeit seiner Thätigkeit nicht das Gleichgewicht hält, will ich wol glauben. Menschen dieser Art sind immer in ihrem Wirkungskreise zu beschäftigt, als daß sie von dem, was außerhalb vorgeht, große Notiz nehmen sollten. Dies gibt ihnen den Anschein von Härte und Herzlosigkeit.«150
Merkwürdigerweise hat man den Ursprung dieser Schillerschen Kritik bald ganz übersehen und sein geharnischtes Schreiben zusammenhanglos zitiert. Sein Ärger entzündete sich ausschließlich an Humboldts ersten pasigraphischen Versuchen, wie schon Palleske und Löwenberg erkannten.151 Eine Feindschaft hat der in dieser Beziehung empfindliche Schiller nie gegen Humboldt gehegt. Beide hatten medizinische Studien getrieben und oft über die Experimente zu den Versuchen … gesprochen.152 Insofern bedeutete Schillers Kritik keine Trennung, sondern nur ein Abrücken von Humboldt, der übrigens diese Ablehnung getrost hinnahm.
12. DER INNERE ZWECK DER WISSENSCHAFT
Rechtfertigung reiner Forschung
Schon nach dem Erscheinen des ersten Bandes war verschiedentlich Kritik laut geworden. Anderen wollten Versuche, die Humboldt beschrieben hatte, nicht gelingen. Damit waren diese natürlich nicht widerlegt, und offenbar erschienen Alexander selbst andere Einwände viel wichtiger. So hatte man auch nach dem praktischen Nutzen dieser Experimente gefragt. Worin sollte er denn liegen, was für einen Zweck hatte dieser Aufwand? Humboldt erteilte eine zugleich als Zeitkritik bedeutsame Antwort. Er glaubte, »in einem Zeitalter, wo man Früchte oft vor der Blüthe erwartet und vieles darum zu verachten scheint, weil es nicht unmittelbar Wunden heilt, den Acker düngt oder Mühlräder treibt«, dieser Frage nicht ausweichen zu können. Man nennt, sagte er, »die Cetomologie und die Conchiologie ein ergötzendes Spielwerk, weil beide Wissenschaften keinen unmittelbaren Bezug auf technische Gewerbe haben. Man hält den philosophischen Forschungsgeist zurück, die Bahn zu verfolgen, auf der er sich den innern Zusammenhang seiner Erkenntnis aufzufassen schmeichelt, und setzt ihm ein bestimmtes äußeres Ziel, nach dem er mittelbar hinarbeiten soll.«153 Humboldt gab eindeutig eine Antwort, die für seine wissenschaftliche Gesinnung richtungweisend bleiben sollte: »Man vergißt, daß Wissenschaften einen inneren Zweck haben, und verliert das eigentlich litterarische Interesse, das Streben nach Erkenntniß als Erkenntniß, aus dem Auge.« Denn: »Alles ist wichtig, was die Gränzen unseres Wissens erweitert und dem Geist neue Gegenstände der Wahrnehmung oder neue Verhältnisse zwischen dem Wahrgenommenen darbietet.«154 Damit wies er der zweckfreien Forschung, dem reinen Erkenntnisstreben, den Weg, ohne sich von der Aufklärung zu trennen, die eben viele Möglichkeiten der Stellungnahme kannte.
Das Urteil über Humboldts Werk war sehr stark durch die im ersten Band mitgeteilten galvanischen Versuche bestimmt, hauptsächlich wegen des modischen zeitgenössischen Interesses.155 Darauf deutet auch die Tatsache hin, dass der französische Übersetzer, der Arzt Jadelot, sich 1799 nur des ersten Bandes annahm, weil man auch in Frankreich »offenbar weit mehr am Galvanismus als an einer Erschließung der reizphysiologischen Forschungsprobleme interessiert« war.156
13. ANREGUNGEN FÜR FORSCHUNGSREISEN
IN DEN »VERSUCHEN«
Umriss einer medizinischen Geographie
In den Versuchen … kündigte sich auch die große Reise, die Humboldt nach den Tropen plante, an. Die Brüder Keutsch, vor allem der ältere dieses Geschwisterpaares, gehörten zu den meistgenannten Personen. Wir erfahren auch von dem wichtigen Buch über das Fallen und Streichen im mittleren Europa, von der weitgehenden Übereinstimmung im Fallen der Urgebirgsschichten, das gar nicht von der Gestalt der Berge abhänge, sondern von unbekannten Attraktionskräften im Innern des Erdkörpers hervorgerufen werde.157 Dazu wurde das Programm einer »medicinischen Geographie« entwickelt und dieser Begriff geprägt.158 Humboldt verstand darunter anthropogeographisch den Einfluss der Natur auf die Gesundheit des Menschen. Er forderte in dieser Hinsicht auch wissenschaftlich begründete Untersuchungen des offensichtlichen Unterschieds von Berg- und Talbewohnern (Beck, Bd. I, S. 23 f. m. Anm. 110). Hin und wieder folgte er allerdings stärker den herrschenden Ansichten. Er sprach von seinem Plan, »eudiometrische Stationen in verschiedenen Klimaten und Erdhöhen anzulegen, in denen man mit gleichen Instrumenten zu gleichen Zeiten (also nach wahrer Zeit) den Luftkreis zerlegte«, und sah es gern, dass der gutmütige Pater Murith, den er in dem Hospiz auf dem St. Bernhard kennenlernte, »mit einem guten Fontanaschen Eudiometer versehen seyn« wollte. »Wo ist ein Punkt in Europa, der ein wichtigeres physikalisches und meteorologisches Observatorium seyn könnte als dieses Kloster, welches 1063 Toisen über der Meeresfläche erhoben ist, auf der Scheidewand zwischen der nord- und südeuropäischen Luftregion liegt und von mehreren wohlwollenden Menschen bewohnt ist!«159 Er sprach vom »Palmenklima« und erläuterte seine Vorstellungen von der Luftzusammensetzung in den Tropen, deren Beständigkeit wahrscheinlich der Grund sei, dass in dieser Zone soviel Krankheiten wüteten.160 Woher kam das dauerhaftere Wohlbefinden der Küstenbewohner Perus und Chiles, der Hirtenvölker auf hohen Gebirgen? Kam es daher, dass sie weniger Schwankungen des Luftdruckes ausgesetzt sind »als die cultivirten Mittelregionen der gemäßigten Zone«?161 Woher kam die schädliche Wirkung gewisser Sumpfwässer und des Regens in den Tropen? Er begnügte sich »für jetzt diese Ideen unentwickelt hinzuwerfen«. Auf seiner großen Reise hoffte er, dies alles ergründen zu können. Obgleich die Geographen seiner Zeit einfach die Prägung des Menschen durch die Natur voraussetzten, legte er sich keineswegs fest, sondern deutete nur Einzelnes als möglich an (vgl. s.o.). Er folgte z. B. Georg Forster, wenn er sagte, Fischnahrung erwecke den frühen Geschlechtstrieb. Völker, die nur von Fisch oder Fleisch lebten, seien zügellos und muskelstark; die Inder, die bloß Kräuter äßen, seien von milderer Gemütsart.162 Doch wissenschaftlich begründet fand er das alles nicht. »Möge es der Nachwelt glücken, diesen geahnten Zusammenhang zwischen der materiellen und moralischen Welt in ein helleres Licht zu setzen!«163 So steckten in diesem Buch deutlich ausgesprochene geographische Anregungen für künftige Forschungen und der Umriss einer medizinischen Geographie. Die Auswahl der Literatur deutete oft auf Westindien hin.
In den Versuchen über die chemische Zerlegung des Luftkreises und über einige andere Gegenstände der Naturlehre (Braunschweig 1799) fasste Humboldt eine Reihe bereits veröffentlichter Aufsätze zusammen, um ihnen mehr Dauer zu verleihen. Er berichtete über seine chemischen Versuche, beschrieb ein Taschen- oder Senkbarometer sowie ein Absorptionsgefäß, das besonders als Kohlensäuremesser gebraucht werden konnte, behandelte die Kohlensäure, welche im »Luftkreis« verbreitet ist, und teilte Experimente über die Beschaffenheit der Atmosphäre in der gemäßigten Zone mit – z. B. an 164 Tagen angestellte Wetterbeobachtungen in Salzburg, wobei Eudiometer, Hygrometer, Thermometer, Barometer und Elektrometer abgelesen wurden. Bei aller Vorsicht, die er geognostischen Theorien gegenüber stets bewahrte, meinte er, die gesamte Erde sei einst mit Flüssigkeit bedeckt gewesen, aus der sich das feste Land abgesetzt habe. Dabei sei Wasserstoff nach physikalischen Gesetzen frei geworden. Die Fossilien der Flözgebirge unterschieden sich von denen der ursprünglichen Gebirge und deuteten auf ein vormals wärmeres Klima des nördlichen Landes hin.
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