Kitabı oku: «Vom Wienerwald zur Buckligen Welt»

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Vom Wienerwald zur Buckligen Welt
Wiener Becken &
Wiener Alpen erleben

Alexandra Gruber

Wolfgang Muhr


Inhalt

Schiene, Berg und Tal

Der ewige Wächter der Kalten Rinne

20-Schilling-Blick, Semmering, Ghega-Museum, Breitenstein

Weinseligkeit unter Schienen

Vinodukt, Payerbach

Beschleunigte Gipfelsiege

Schneebergbahn und Rax-Seilbahn, Rax-Schneeberg-Gebiet

Ein Kino, nah am Himmel

Hohe Wand

Poesie des Wassers

Myrafälle, Muggendorf

Rolltreppenfahren in der Klamm

Steinwandklamm, Furth an der Triesting

Blühende Einöde

DIE WÜSTE Mannersdorf, Kalkofen Baxa

Wiener Neustadt

Das urbane Herz des Industrieviertels

Wiener Neustadt

Offiziersschmiede und Kaisergrab

Theresianische Militärakademie, Wiener Neustadt

Verborgene Schätze vor den Vorhang

Stiftspfarre Neukloster, Wiener Neustadt

Als den Menschen Flügel wuchsen

Flugmuseum Aviaticum, Wiener Neustadt

Das Wohnzimmer am Hauptplatz

Café Bernhart, Wiener Neustadt

Arbeit, Industrie und altes Handwerk

Bäriges Vermächtnis

Auf den Spuren von Arthur Krupp, Berndorf

Als Habsburgs erste Schlote rauchten

Nadelburg, Lichtenwörth

Bestseller der Wissenschaft

Die Arbeitslosen von Marienthal, Gramatneusiedl

Das flüssige Gold des Waldes

Pecherei Rendl, Waidmannsfeld

Die Burgherrin und ihr Reich aus Glas

»Die Gläserne Burg«, Weigelsdorf

Mini-Momentaufnahmen in Vitrinen

Zinnfigurenwelt Katzelsdorf

Honigsüßes wie aus alten Zeiten

Lebzelterei Rachenzentner, Mödling

Eisige Verführung

Eis Greissler, Krumbach

Der Nachlass der Sommerfrischler

Wo der Kaiser Urlaub machte

Schlossgärtnerei Wartholz, Reichenau an der Rax

»Hier Amt, was beliebt?«

Historisches Postamt Küb, Payerbach

Schlafende Schönheit am Zauberberg

Südbahnhotel, Semmering

Patina in Gelb-Grün

Fischauer Thermalbad, Bad Fischau-Brunn

Wo der Kaiser Fährmann spielte

Schloss Laxenburg

Ritt auf der Wüste Gobi

Trabrennbahn Baden

Das Erbe der Vergangenheit

Feiern wie die alten Kelten

Keltisches Freilichtmuseum, Schwarzenbach

Tor ins Altertum

Römerstadt Carnuntum, Petronell-Carnuntum

Die Boygroup Gottes

Stift Heiligenkreuz

Zwei Tote und ein Mythos

Karmel Mayerling, Alland

Ein Staatsmann und zwei Republiken

Renner-Museum, Gloggnitz

Der Urahn der Grünen

Josef Schöffel, Mödling

Ein Genie auf Sommerfrische

Beethovenhaus Baden, Beethoven-Gedenkstätte, Mödling

Sentimentales Sammelsurium

Museum Traiskirchen

Kunterbuntes Gedächtnis einer Region

Triestingtaler Heimatmuseum, Weissenbach

Der Nachlass der Doktoren

Rollettmuseum Baden

Kulturgeschichte des Glücks

Puppen- und Spielzeugmuseum Baden

Unterirdische Welten

Rutschpartie durch die Finsternis

Hermannshöhle, Kirchberg am Wechsel

Wo einst die Musketiere kämpften

Seegrotte Hinterbrühl

Elfenreigen beim Frauenloch

Allander Tropfsteinhöhle

Fluchttunnel und Luftschutzraum

Kriegsstollen, Neunkirchen

Wasser, Wind und Holz

Der Kanal, den die Dampflok überrollte

Wiener Neustädter Kanal

Vom Weg des Wassers

Wasserleitungsmuseum Kaiserbrunn, Wiener Wasserleitungswanderweg

Der Holzknecht, der ein König wurde

Hubmer-Gedächtnisstätte Naßwald, Schwarzau im Gebirge

Windkraft auf Augenhöhe

Windkraftanlage Lichtenegg

Wundersames, Kurioses und Rekorde

Wundersames Weihnachtslicht

Wallfahrtskirche Hafnerberg, Altenmarkt an der Triesting

Wo der Amtsschimmel dreimal reitet

Tauchen am Wechsel

Der Weltrekord im Keller

Modellsammlung, Wiener Neudorf

Kolossales auf dem Kreuzberg

Speckbacher Hütte, Breitenstein

Kleine Welt mit Weltrekord

Modellpark »Erzherzog Johann«, Mönichkirchen

Anhang

Quellen- und Literaturhinweise

Danksagungen

Bildnachweis

Im Sinne der bestmöglichen Lesbarkeit schließt die Verwendung der männlichen Form stets auch Frauen mit ein.


Liebe Leserin, lieber Leser!

Eine vielfach noch gängige Bezeichnung für den Südosten Niederösterreichs lautet Industrieviertel. Dieser Name lässt im Kopf sofort Bilder von rauchenden Fabriksschloten, zubetonierten Landstrichen und Überstunden am Fließband entstehen. Kein Wunder, dass die Touristiker damit noch nie glücklich waren. Darum unterteilten findige Marketingstrategen das facettenreiche Viertel in kleinere Regionen, um sie gesondert unter klingenden Begriffen wie Wiener Alpen, Bucklige Welt, Wienerwald oder Thermenregion bewerben zu können.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist das »Viertel unter dem Wienerwald«, wie es ursprünglich bezeichnet wurde, verkehrstechnisch eng mit der Bundeshauptstadt verbunden. Ab diesem Zeitpunkt strömten die Sommerfrischler in das Rax-Schneeberg-Gebiet, auf den Semmering, in die Kurorte oder in den Wienerwald. Für sie wurden mondäne Villen und Hotels, Thermalbäder und später auch Seilbahnen gebaut. Im Industrieviertel schuf das technische Genie Carl Ritter von Ghega die erste Hochgebirgsbahn der Welt, erdachte Karl Renner seine Strategie zur Gründung der Zweiten Republik und holte sich Ludwig van Beethoven Inspirationen auf ausgedehnten Wanderungen. In seinem mittleren und nördlichen Teil liegt das Gebiet, das ihm seinen Namen gab. Die Industrialisierung zog hier früh ein und hinterließ selbstbewusste Orte und Städte, die ihre Geschichte und Geschichten heute stolz präsentieren.

Um seine Besonderheiten aufzuspüren, durchquerten wir monatelang das vielfältige Viertel. Wir streiften durch die weitläufigen, verlassenen Salons und Zimmerfluchten eines Fin-de-Siècle-Hotels, erforschten unterirdische Höhlen und Kriegsstollen, begaben uns auf die Spuren des Raxkönigs, staunten über ein wundersames Weihnachtslicht und eine makabre Schädelsammlung, schmunzelten über kuriose Begebenheiten in einem amtsschimmelgeplagten Dorf, besuchten ein 1.000 Meter hohes »Kino« und einen nachts künstlich beleuchteten Wasserfall, kamen auf Tuchfühlung mit Steinböcken, setzten auf einer Trabrennbahn aufs falsche Pferd, wandelten wie Riesen durch eine Miniaturwelt, entschleunigten in den Sehnsuchtsorten der Sommerfrischler, folgten dem Weg des Wassers und dem Ruf der Berge, lauschten der Boygroup Gottes, feierten wie Kelten und Römer und begegneten dem Wächter von Ghegas Erbe.

»Nomen est omen« trifft in diesem Fall wohl nicht zu. Oder denken Sie noch immer an rauchende Fabriksschlote?

Wien, September 2019

Alexandra Gruber und Wolfgang Muhr

Schiene, Berg und Tal



1 20-Schilling-Blick, Semmering Ghega-Museum, Breitenstein
2 Vinodukt, Payerbach
3 Schneebergbahn und Rax-Seilbahn, Rax-Schneeberg-Gebiet
4 Hohe Wand
5 Myrafälle, Muggendorf
6 Steinwandklamm, Furth an der Triesting
7 DIE WÜSTE Mannersdorf, Kalkofen Baxa

Wussten Sie, dass …?

… die Semmeringbahn die erste Hochgebirgseisenbahn der Welt war?

… in der Steinwandklamm Regierungsmitglieder den fast zwanzigfachen Eintrittspreis eines Durchschnittsbürgers bezahlen müssen?

… der höchstgelegene Bahnhof Österreichs auf dem Schneeberg liegt?

… in Furth an der Triesting das größte Spiegelei der Welt gebraten wurde?

120-Schilling-Blick, Semmering Ghega-Museum, Breitenstein
Der ewige Wächter der Kalten Rinne

Vom Wolfsbergkogel aus hat man den fulminantesten Blick auf die erste Hochgebirgseisenbahn der Welt. Das Vermächtnis ihres Erbauers wird im Ghega-Museum wie ein Schatz gehütet.

Der Ausblick von der Besucherplattform am Wolfsbergkogel ist einfach umwerfend. Unsere Augen wandern immer wieder aufs Neue von links nach rechts über das Kalte-Rinne-Viadukt, die Polleroswand, das Krausel-Klause-Viadukt bis nach Breitenstein und wieder zurück. Sie folgen einem Bindeglied aus Stahl, dem Schienenstrang der Semmeringbahn. Dahinter erheben sich mächtig die Rax und der Schneeberg.

Dieses großartige Alpenpanorama wurde im letzten Jahrhundert mehrfach auf Briefmarken und Banknoten gedruckt. Am bekanntesten ist die Abbildung auf der Rückseite des vorletzten (1968–1989) 20-Schilling-Scheins. Auf der Vorderseite war der gebürtige Venezianer Carl Ritter von Ghega (1802–1860) verewigt, der Erbauer der Semmeringbahn. Mit der ersten Hochgebirgsbahn der Welt vollbrachte er eine technische Meisterleistung im frühen Industriezeitalter. Das Wunderwerk der Technik bildet eine perfekte Symbiose mit der umgebenden Natur und überwindet eine Höhendifferenz von 457 m. Auf 41 km Länge passiert die Bahn 15 Tunnel und überquert 16 Viadukte sowie 100 Brücken.

Als Wien und Triest Mitte des 19. Jahrhunderts mit einer Bahnlinie direkt verbunden werden sollten, gab es ein großes Hindernis: den Semmering. Die Experten waren sich uneins, wie diese Herausforderung zu meistern sei. Schließlich setzte sich Ghega mit seinen Plänen durch. Unter der Leitung des Ingenieurs wurde 1848 mit dem Bau der Strecke begonnen, rund 20.000 Arbeiter waren im Einsatz. Etwa 1.000 von ihnen starben während dieser Zeit, einige bei Unfällen, noch mehr durch Seuchen. Trotzdem, nach einer Bauzeit von lediglich sechs Jahren war der Abschnitt fertiggestellt. Die ideale Gebirgslokomotive wurde speziell für diese Trasse von Wilhelm Freiherr von Engerth (1814–1884) konstruiert. 1853 befuhr sie erstmals erfolgreich die gesamte Strecke, 1854 wurde die Semmeringbahn für die Allgemeinheit eröffnet.

Der Blick von Georg Zwickls Haus auf die Kalte Rinne.

Der berühmte 20-Schilling-Blick ist ein beliebtes Fotomotiv.

Die Bahn und ihre Umgebung wurden 1998 mit dem Prädikat UNESCO-Weltkulturerbe geadelt. Das wunderbare Panorama, das wir vom Wolfsbergkogel aus genießen, kennt man seit 1968 unter der Bezeichnung »20-Schilling-Blick«. Auf der Besucherplattform entdecken wir ein Schild mit dem Konterfei Ghegas und dem Hinweis: »Ca. eine Stunde zum Museum«. Unser Interesse ist geweckt.

Ghegas Vermächtnis

»Mit jedem Wort, das ich über Ghega gelesen habe, wuchs meine Begeisterung über diesen Mann«, sagt Georg Zwickl. »Er hat mit eisernem Willen und gegen viel Widerstand ein Gesamtkunstwerk geschaffen.« Der Museumsgründer und seine Lebensgefährtin Helene Srnec leben im Wächterhaus Nummer 167 direkt gegenüber der zerklüfteten Polleroswand und gleich neben dem mächtigsten und wohl auch bekanntesten Viadukt der Semmeringbahn, das über die Kalte Rinne führt. Gefühlt alle fünf Minuten taucht ein Zug aus dem Inneren des Berges auf und fährt in einem eleganten Bogen in wenigen Metern Entfernung an seinem Haus vorbei. 120 Züge täglich passieren diese Strecke, früher waren es 360. »Ich hör das gar nicht mehr«, sagt Zwickl gelassen und zieht an seinem Zigarillo. Die ungewöhnliche Lage in 845 Meter Höhe oberhalb der Kalten Rinne hat sich der ehemalige Busfahrer ganz bewusst als Wohnsitz ausgesucht. 2008 erwarb er das alte Bahnwärterhaus von den ÖBB. »Es war eine Ruine. Zehn Jahre stand es leer, beim Dach hat es reingeregnet.« Aufwendige Renovierungsarbeiten folgten. Der Pensionist schätzt, dass sein Heim um 1850 gebaut worden ist. »52 dieser Häuschen hat es entlang der Bergstrecke von Gloggnitz bis Mürzzuschlag gegeben. Die Bahnwärter mussten in Hör- oder Sichtweite zueinander wohnen, denn sie verständigten sich damals mit akustischen und später auch mit optischen Signalen.«

Zuvor lebte Zwickl viele Jahre in Baden, aber dieser Ort nahe der Kalten Rinne zog ihn schon immer magisch an. »Ich spürte jedes Mal, dass hier etwas Bedeutendes passiert ist, ich wusste aber nicht, was.« Bis eines Tages ein Einheimischer vorbeikam und ihm erzählte, dass Carl Ritter von Ghega sehr oft den Waldweg hinter dem Bahnwärterhäuschen hinaufgewandert sei. Von diesem Platz aus hatte der Ingenieur einen großarten Blick auf sein Viadukt. »Nach dem Gespräch rief ich alle möglichen Leute an und fragte, ob irgendwo ein Ghega-Museum existiere. Es gab keines, weder in Österreich noch in Italien. Also habe ich eines gegründet.«

Zwickls 120 m2 großes Haus ist zweigeteilt. Den ersten Stock bewohnt er gemeinsam mit seiner Partnerin, im Erdgeschoß befindet sich sein Museum. »Das Staatsarchiv hat mich während der Gründungsphase sehr unterstützt.« Während unseres Gesprächs wird er vom Läuten seines Handys unterbrochen. »Nein, ich sitze nicht faul auf der Terrasse, ich gebe ein Interview«, sagt Zwickl und lacht. Nachdem er aufgelegt hat, erklärt er: »Das war ein Freund, der gerade mit dem Zug vorbeigefahren ist.« Dass ihm ständig die Lokführer aus den Fahrerkabinen zuwinken, ist uns bereits aufgefallen. Den 68-jährigen und sein Ghega-Museum mit dem angeschlossenen kleinen Gastronomiebetrieb kennt man in der Umgebung. Die Einheimischen kommen gerne zur Kaffeejause vorbei. »Helenes Palatschinken sind ein Traum. Manche Leute besuchen uns nur deswegen.« Das Geheimnis sei der fluffige Teig, Genaueres will die Küchenchefin nicht verraten.

Die Wanderer hingegen werden von der herrlichen Aussicht angelockt, auf Wunsch führt sie Zwickl durch die Ausstellung. »Ich hatte schon Besucher aus Australien oder China hier«, erzählt er. Vor allem aus Deutschland kämen viele Ghega-Fans.

Gekommen, um für immer zu bleiben

»So haben sie zur Jahrhundertwende Gleise verlegt«, erklärt Zwickl. Er führt uns durch sein Museum und zeigt auf ein Schwarz-Weiß-Foto, während er weiter ausführt. »Heute schaffen drei Mann mit Hilfe der Technik einen Meter Gleis pro Minute. Damals dauerte es wesentlich länger.« Manche Ideen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts erscheinen heute abwegig. So wurde etwa eine Zahnradbahn über den Semmering angedacht, andere wollten die Waggons von Arbeitern nach oben ziehen lassen. »Damals hat niemand geglaubt, dass eine Eisenbahn aus eigener Kraft über einen Berg fahren kann.«

Die Sammlung rund um Ghega und den Bau der Semmeringbahn ist Zwickls kostbarster Schatz, den er mit viel Liebe hegt und pflegt. Sie umfasst Originalstücke aus dem Baubüro und der Baustelle, Dokumente und Fotos. Unter anderem ist auch ein Modell der Kalten Rinne ausgestellt, auf dem auch Zwickls Bahnwärter-Häuschen verewigt ist. Besonders stolz ist er auf den originalen Zeichentisch aus Ghegas Baubüro, daneben hat er einen Schreibtisch aus jener Zeit mit passenden Utensilien aufgestellt. »Ich habe ein Büro für den Herrn Ingenieur eingerichtet, weil ich hoffe, dass er wieder mal vorbeischaut.« Er spüre noch immer die Anwesenheit des Genies und halte sein Vermächtnis in Ehren. Ghegas Geburtstag wird jedes Jahr am 10. Jänner im Museum gefeiert. »2018 haben wir ihm diese Biedermeier-Uhr geschenkt, die hier an der Wand hängt«, sagt Zwickl. Dieses Fest sei immer ein besonderer Spaß. »Helene bäckt eine Geburtstagstorte, wir laden ein paar Freunde ein, und dann rufen wir laut: ›Lang lebe Ghega!‹«

Nicht nur der Techniker, auch der Mensch Ghega imponiert dem Museumsdirektor. »Die Sicherheit der Arbeiter war ihm sehr wichtig, zum Beispiel hat er den Beruf des Schulungsbeamten eingeführt. Mit seinesgleichen, den hohen Herren, zerstritt er sich hingegen oft.«

Noch eine Schlüsselfigur aus den Anfängen der Semmeringbahn wird in der Ausstellung gewürdigt. Der heute fast vergessene Wilhelm Freiherr von Engerth konstruierte die erste praxistaugliche Gebirgslokomotive, erst durch seine Leistung wurde die Fahrt über den Semmering möglich. »An den Techniker Engerth erinnert genau nichts«, ärgert sich Zwickl. »Selbst sein Grab in Baden wollte man schleifen. Das konnte ich verhindern. Nun pflege ich das halt auch noch.«

Ob ihm die selbstauferlegte Verantwortung nicht doch manchmal über den Kopf wachse? »Wenn ich etwas bereue, dann nur, dass ich nicht schon vor 30 Jahren hierhergezogen bin.« Er sei gekommen um zu bleiben, und zwar für immer. »Ich habe bereits veranlasst, dass meine Urne an diesem Ort versenkt wird«, erzählt Zwickl. »Ich bin der ewige Wächter der Kalten Rinne.«

Info
Ghega-Museum

Kalte-Rinne-Straße 45, 2673 Breitenstein

An den Wochenenden und an Feiertagen geöffnet, an Wochentagen wird um telefonische Voranmeldung gebeten.

•www.ghega-museum.at


Tipp
Bahnfahren für Romantiker

Der Gumpoldskirchner Tunnel auf der Südbahnstrecke zwischen Gumpoldskirchen und Pfaffstätten wurde 1841 fertiggestellt und ist der älteste Bahntunnel Österreichs. Bekannt ist er unter dem Namen »Busserltunnel«, weil die Durchfahrt durch den Katzenbühel früher so lang wie ein kurzer Kuss gedauert haben soll. Bei einer Geschwindigkeit von 60 km/h und eine Länge von 165 m war es etwa für 10 Sekunden dunkel. Der Name »Busserltunnel« tauchte bereits 1857 in einem Reiseführer auf.

2Vinodukt, Payerbach
Weinseligkeit unter Schienen

Zum 150-jährigen Jubiläum der Semmeringbahn eröffneten die Payerbacher eine Weinstube in einer ungewöhnlichen Location.

Lokomotiven fahren die Decke entlang, Schienen tauchen auf den zwölf Meter hohen Wänden auf und verschwinden wieder, Landschaftsaufnahmen vom Semmering wandern im Raum umher. Passend dazu hören wir alle paar Minuten einen Zug über unseren Köpfen rattern. Dieses Geräusch ist allerdings kein Teil der Multimediashow, sondern ganz real. Treffend werben die Payerbacher mit dem Slogan »Da fährt der Zug drüber« für ihr Vinodukt.

»In nur einem halben Jahr haben wir das Projekt auf die Beine gestellt«, erzählt Peter Pasa. Er ist der Altbürgermeister der Gemeinde Payerbach, in der die Strecke hinauf zum Semmeringpass ihren steilen Anfang nimmt. Die Vinodukt-Betreiber schenken ausschließlich Wein aus den Anbauregionen entlang der Südbahn zwischen Wien und Triest aus. Im Rahmen der Verkostung läuft im ersten der beiden mit Bahn-Devotionalien dekorierten Räume ein Film über die Geschichte der Semmeringbahn. Das Ungewöhnlichste an dem kleinen Heurigen ist jedoch die Adresse, ist er doch in einem zwölf Meter hohen Gewölbe direkt in einem Viadukt untergebracht. Daher auch der Name »Vinodukt«, eine Kombination aus »Vinothek« und »Viadukt«. Mit seinen 13 Bögen ist das Schwarza-Viadukt das längste der Semmeringbahn und vermutlich weltweit das einzige, das eine Weinstube beherbergt.

Zum 150-jährigen Jubiläum der Semmeringbahn 2004 wollte sich die Gemeinde etwas Besonderes einfallen lassen. Lediglich ein halbes Jahr blieb Zeit, um eine Geburtstagsüberraschung für das Weltkulturerbe umzusetzen. Es war sozusagen höchste Eisenbahn, doch man stellte die richtigen Weichen, denn der Bürgermeister hatte eine Idee. »Wir wussten, dass es im Viadukt zwei leerstehende Räume gab, die die ÖBB nicht nutzten«, erzählt er. Carl Ritter von Ghega hatte sie einst in das Schwarza-Viadukt einarbeiten lassen. Vermutlich sollten sie im Falle eines Krieges zur Verteidigung als Sprengkammern dienen. Die Bundesbahnen überließen der Gemeinde die historischen Räumlichkeiten, die wiederum engagierte einen Architekten und einen Videokünstler für die Umsetzung des Projekts.


Multimediashow im Vinodukt.

Das Jubiläum ist schon lange vorbei, das Vinodukt ist in der Zwischenzeit ein lieb gewordener Treffpunkt für Einheimische und auch ein Ausflugsziel für Besucher geworden. Jeden Freitag ab 18.30 Uhr wird die Bahnschranke vor dem Eingang des Vinodukts hinaufgekurbelt, um zu signalisieren: »Ausg’schenkt wird!«. »Auf Anfrage öffnen wir auch jederzeit für Gruppen«, betont Pasa. In diesem Fall wird zum gewünschten Termin eine Verkostung arrangiert. Meist werden drei verschiedene Weine gereicht, dazu gibt es Nussbrot. Das ganze Jahr über hat es in dem Gewölbe rund 15 Grad, ein idealer Ort für eine gemütliche Wanderpause an Hundstagen.

Info
Vinodukt Payerbach

im Schwarzaviadukt, 2650 Payerbach

Peter Pasa: 0660-2516160

•www.tourismus-payerbach.at

Tipp
Regionales Bier vom Feinsten

Auch Biertrinker werden in Payerbach fündig. Im Raxbräu beim Schwarzatal-Viadukt werden naturbelassene Helle und Dunkle gebraut, die weder filtriert noch pasteurisiert sind. Zwischenzeitlich überrascht Braumeister Franz Gerhofer immer wieder mit köstlichem Saisonbier. Der Gerstensaft wird in der eigenen Brauerei zu bestimmten Öffnungszeiten verkauft und ist so begehrt, dass eine telefonische Vorbestellung anzuraten ist.

•alt.tourismus-payerbach.at/attraktionen/das-raxbrau

3Schneebergbahn und Rax-Seilbahn, Rax-Schneeberg-Gebiet
Beschleunigte Gipfelsiege

Der höchstgelegene heimische Bahnhof liegt am höchsten Berg Niederösterreichs. Seit 1926 bringt die erste Seilschwebebahn Österreichs Passagiere auf die Rax.

»Wie heißt denn der Berg da vorne, der mit dem Schnee?«

»Schneeberg.« »Alles klar. Blöde Frage, blöde Antwort.«

Als sich dieser Dialog bei einem Rundflug zwischen einem Piloten und einem deutschen Touristen ereignete, flogen sie gerade über die imposante Alpenlandschaft. Obwohl Sommer, leuchteten auf dem massiven Zweitausender noch die Schneefelder. Mit 2.076 m ist der Schneeberg der höchste Gipfel Niederösterreichs, bereits seit 1897 muss man ihn nicht mehr komplett zu Fuß erklimmen. Seit mittlerweile über 120 Jahren bringt die Zahnradbahn Passagiere vom Bahnhof Puchberg am Schneeberg bis auf eine Höhe von 1.800 m. Ab 1999 sind neben den Dampflokomotiven auch die markanten Salamander-Züge im Einsatz. Seit der Eröffnung des Bergbahnhofs Hochschneeberg 2009 befindet sich hier zugleich der höchstgelegene Bahnhof Österreichs. Die Schneebergbahn fährt mehrmals täglich in der Saison die 9,8 km lange Strecke.

Bei unserer Fahrt ist der Salamander bis auf den letzten Platz besetzt. Langsam schiebt sich der auffällig grün-gelbe Zug hinauf, flankiert von dichten Nadelwäldern auf der einen und Felswänden auf der anderen Seite. Etwa 40 Minuten dauert die Fahrt mit der längsten Zahnradbahn Österreichs. Bei der vorletzten Haltestelle, der Station Baumgartner, wird eine 5-minütige Pause eingelegt. Grund sind die empfehlenswerten flaumigen Buchteln mit Powidl- oder Marillenfüllung, mit denen sich hier viele Fahrgäste (auch wir) versorgen.

Auf dem Hochplateau beim Historischen Berghaus Hochschneeberg genießen wir die herrliche Aussicht sowie die kulinarischen Spezialitäten des Hotels. Vor allem der überdimensionale Original-Schneeberg-Krapfen mit Schlag und Vanillesauce erfreut sich großer Beliebtheit. Das Berghaus wurde von Wiener Ringstraßenarchitekten erbaut und 1898 eröffnet. An vergangene Sommerfrische-Tage erinnert eine Ausstellung in den Gasträumen, bei der Exponate aus der Zeit rund um 1900 präsentiert werden. Von der Gaststätte aus kann man den Gipfel des Berges, das Klosterwappen, in etwa eineinhalb Stunden erwandern.

Das Elisabethkirchlein auf dem Schneeberg wurde im Andenken an Sisi von Kaiser Franz Joseph I. in Auftrag gegeben.


Höllentalaussicht mit herrlichem Blick auf den benachbarten Schneeberg.

In unmittelbarer Nähe zum Bahnhof thront das Elisabethkirchlein in exponierter Lage. Das kleine Jugendstil-Gotteshaus wurde 1901 im Andenken an Sisi von Kaiser Franz Joseph I. in Auftrag gegeben. 1902 beehrte er mit seinem hohen Besuch die Bahn, den Berg, das Berghaus und natürlich die Kaiserin-Elisabeth-Gedächtniskirche. In Erinnerung daran schnauft noch heute an den Sonn- und Feiertagen im Juli und August eine historische Dampflok hinauf. Vis-à-vis der Elisabethkirche befinden sich eine Galerie und ein begehbares rostfarbenes Kaleidoskop, das multimediale Einblicke in Geschichte und Geologie des Schneebergs offeriert. Der beschilderte Rundweg »Paradies der Blicke« nimmt ebenfalls am Bahnhof seinen Ausgang.

Wir wandern Richtung Gipfel und passieren nach etwa 20 Minuten die Schutzhütte Damböckhaus. Trotz der Terrasse mit dem fast schon kitschig-schönen Panoramablick und der herrlich duftenden Hausmannskost spazieren wir weiter, eine Pause muss erst noch verdient werden. Wir erreichen eine Abzweigung, bei der es links Richtung Klosterwappen geht, rechts zur Fischerhütte. Wir wählen den linken Weg und steigen entlang von Markierungen hinauf bis zum Gipfelkreuz, wo wir die famose Fernsicht auf uns wirken lassen. Anschließend spazieren wir zur Fischerhütte, der höchstgelegenen Schutzhütte Niederösterreichs. Hier machen wir Rast, bevor wir den Rückweg zum Berghaus antreten.

Wo Sigmund Freud Stammgast war

»Die Welt wird doch mit jedem Tage schöner und freier und das Wiener Dasein immer erträglicher. Schon deshalb, weil man jetzt in zehn Minuten auf 1.000 Meter Höhe auf diese große, enge Welt hinunterblicken kann«, schwärmte der Journalist und Autor Ludwig Hirschfeld am 10. Juni 1926 in der Neuen Freien Presse.

Seit 1926 bringt die älteste österreichische Personen-Seilschwebebahn Touristen auf die Rax (2.007 m). Schon im ersten Betriebsjahr transportierte sie von der Talstation im Sommerfrische-Paradies Reichenau an der Rax 180.000 Passagiere auf eine Seehöhe von 1.545 m, und sie fährt noch immer. Täglich, ganzjährig und schnell, eine Fahrt dauert heute lediglich acht Minuten.

Die Seilbahnbergstation befindet sich im Raxalm Berggasthof, der zugleich ein Hotel ist und auf seiner Terrasse einen grandiosen Panoramablick bietet. In etwa einer halben Stunde erreichen Spaziergänger von hier aus das Ottohaus. Sigmund Freud, Ende des 19. Jahrhunderts Stammgast in Reichenau an der Rax, behandelte hier im Sommer 1893 die Wirtstochter Aurelia Kronich. Er veröffentlichte ihren aufsehenerregenden Fall zwei Jahre später in den Studien über die Hysterie.

Unterhalb der Schutzhütte wird im 4.000 m2 großen »Alpengarten Rax« die Vielfalt der Bergwelt-Flora gezeigt, etwa 200 Pflanzenarten, darunter auch Raritäten wie Edelweiß und Enzian. Ebenfalls vom Ottohaus mit einer kurzen Wanderung erreichbar ist die höllisch gute Höllentalaussicht mit herrlichem Blick ins Tal.

Info
Schneebergbahn

Bahnhof Puchberg, Bahnhofplatz 1, 2734 Puchberg am Schneeberg

•www.schneebergbahn.at

Rax-Seilbahn

Dr.-Ewald-Bing-Straße 3, 2651 Reichenau an der Rax

•www.raxalpe.com

Tipp
Kurpark Puchberg am Schneeberg

Gegenüber vom Bahnhof Puchberg liegt der rund ein Hektar große und zauberhaft idyllische Kurpark. Der darin künstlich angelegte Teich (mit Bootsverleih) wird von einem moosbewachsenen Springbrunnen und einem kleinen Pavillon geziert. Nach der Bergwanderung lässt sich im Parkcafé Langegger herrlich abhängen und das Elisabethkirchlein nun gemütlich von unten betrachten.

4Hohe Wand
Ein Kino, nah am Himmel

Der Naturpark überrascht mit einer unglaublichen Vielfalt und bietet sowohl adrenalinhaltiges als auch kontemplatives Programm.

Über der Sonnenuhrwand ragt die Aussichtsterrasse Skywalk über dem Abgrund acht Meter aus einem Felsen. Der Wind pfeift uns auf dem 18 Tonnen schweren Stahlgerüst um die Ohren, Paragleiter und Drachenflieger schweben vorbei, die Fernsicht ist fulminant. Durch die Eisengitter unter unseren Füßen sehen wir, wie tief es nach unten geht. Die adrenalinfördernde Plattform hat der Naturpark Hohe Wand 2002 zur Freude der Besucher errichtet.

»Wir wollten ein authentisches Höhenerlebnis für alle möglich machen«, sagt Naturparkmitarbeiterin Selma Karnitsch und nimmt auf einer der verzinkten Bänke Platz, die hinter dem Skywalk auf noch festem Grund errichtet wurden. Die Knie der nicht ganz Schwindelfreien werden beim »himmlischen Spaziergang« butterweich, für sie ist dieser Platz als Alternative gedacht. Die Assoziation mit einem Lichtspieltheater ist beabsichtigt. »Unsere 40 Sitzgelegenheiten wurden wie Kinosessel gruppiert, das Panorama ist die Leinwand«, erklärt sie.

Der Naturpark wird jeder Altersgruppe und jedem Fitnessgrad gerecht, das Ausflugsziel Hohe Wand besticht durch seine Vielfalt. Das eigentliche Highlight, das sei trotzdem der Berg, sagt Selma. Die steilen Felsabbrüche haben ihm seinen Namen gegeben, der Naturpark wurde 1969 gegründet und umfasst 2.000 Hektar. Erreichbar ist das Plateau über Klettersteige und seit 1932 über eine Panoramastraße, die direkt zum Naturparkzentrum führt und auf der an den Wochenenden und Feiertagen vom Land Niederösterreich von den Autofahrern ein kleiner Obolus eingehoben wird.

Viele kombinierbare (Rund)-Wanderwege führen durch die postkartentaugliche Landschaft. Entlang des etwa 2,5 km langen Kindererlebnisweges wurden spezielle Attraktionen für die Kleinen errichtet, sie können etwa das »Geheimnis vom Hexenwald« erkunden oder sich auf die Suche nach einem Naturschatz machen. Außerdem führt er an einem Spielplatz, einem Streichelzoo mit rund 100 Tieren (Ziegen, Schafe, Kaninchen, Esel, Ponys, Mufflons …) und einem Murmeltiergehege vorbei. Als Draufgabe können kleine und »große« Kinder in einen begehbaren Murmeltierbau krabbeln, um die Lebenswelt der Tiere nachzuempfinden.

Fulminanter Fernblick: Die Aussichtsplattform Skywalk ragt hoch über dem Abgrund acht Meter aus einem Felsen.

Vom Naturparkstüberl aus ist ein 18 m hoher Aussichtsturm in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar. Während man beim östlich gelegenen Skywalk den Sonnenaufgang erleben kann, ist der Turm während der Abenddämmerung der beste Platz. Nach rund 100 Stufen wird man mit einem herrlichen Blick auf Schneeberg, Ötscher und dem Hochplateau der Hohen Wand entschädigt. Der Schneeberg sendet sein frisches Lüfterl, vor dem heimelige Strandkörbe! auf der Aussichtsplattform schützen.

Kraxler haben die Qual der Wahl zwischen verschiedenen Schwierigkeitsgraden bei den Klettersteigen, Freunde von altem Handwerk kommen bei speziellen Vorführungen auf ihre Kosten. Um die jahrhundertealte Tradition des Kalkbrennens Besuchern näherzubringen, wird in regelmäßigen Abständen der Kalkofen mit Kalkstein aus dem Naturpark in Betrieb genommen. »Man hat hier lange Zeit Kalk gebrannt, es war eine wichtige Einnahmequelle der Bewohner, darum gibt es noch Überbleibsel von Öfen«, erklärt unsere Naturvermittlerin. Auch ein Kohlmeiler wird vom Naturpark-Team periodisch in Betrieb genommen. Früher gab es in diesem Gebiet Wanderköhler, die Holzkohle erzeugten. Auch dieses alte Gewerbe soll nicht in Vergessenheit geraten.

Der Felsenpfad, der bei der Gastwirtschaft Kohlröserlhaus seinen Anfang nimmt, ist nicht so bekannt wie sein prominenter Bruder, der Skywalk, aber mindestens genauso spektakulär. Rund 200 Stahlstufen schmiegen sich eng an die steile Felswand und führen an der kleinen Czerny-Höhle, auch Kohlröserlhöhle genannt, vorbei. »Wenn man viel Glück hat, kann man hier Steinböcken ganz nahekommen«, erzählt Selma. Geschätzt 40 bis 70 dieser alpinen Tiere leben hier in freier Wildbahn. Sie sind die Nachkommen von drei Alpensteinböcken, die 2003 aus einem privaten Gehege ausgebrochen sind und sich rasant vermehrten.

An diesem Tag haben wir sogar sehr viel Glück. Zwei Steinböcke verbringen ihre Siesta direkt auf dem Steg und haben nicht die geringste Lust, uns passieren zu lassen. Einer der Vierbeiner hüpft leichtfüßig auf die steile Wand, doch als wir uns nähern, versperrt er uns Eindringlingen erneut den Weg. Nach einer knappen Viertelstunde auf Tuchfühlung mit den Königen der Alpen haben wir verstanden und kehren um. Dieses Teilstück des Stegs ist hier und heute nicht unser Revier.

Hirsch trifft Lama

»Gemma Lamas streicheln!«, sagt Selma und marschiert Richtung Gehege. Insgesamt drei Lamas und drei Alpakas, allesamt Männchen, gehen regelmäßig mit Besuchern spazieren. Ja, genau so und nicht umgekehrt. Der Zweibeiner hält zwar pseudomäßig eine Leine in der Hand, aber die Kamele geben das Tempo vor. Wenn sie fressen möchten, fressen sie. Wenn sie austreten müssen, kann das dauern. Wenn sie einfach stehen und schauen wollen, tun sie das ebenso.

»Ich sag immer, das ist die beliebteste Männer-WG Österreichs.« Selma lacht. Kein Wunder, die Tiere sind von sanftem Gemüt, haben ein kuscheliges, weiches Fell und, man kann es nicht anders sagen, ein herziges Gschau. Während sich die Lamas widerspruchslos am Hals streicheln lassen, interessieren sich die Alpakas hauptsächlich für die Pflanzen am Wegesrand. Sie sind kleiner und zierlicher als Lamas und ihre Gesichter sehen aus, als ob sie aus dem Walt-Disney-Universum stammen würden. Alpakas werden in ihrer Heimat Südamerika hauptsächlich als Wolllieferanten gezüchtet, Lamas kann man auch als Lastentiere verwenden, zum Reiten eignen sich beide Rassen nicht. Einmal im Jahr werden die Tiere geschoren, die Wolle wird zweimal pro Saison in Filz- und Spinnworkshops mit Kindern verarbeitet.

In Begleitung der Kamele schlendern wir Richtung Rotwildgehege, dem Ziel der gemächlichen Wanderung. Dort kann man an Futterautomaten Getreidekörner für die Rehe und Hirsche, zum Teil herrliche Vierzehnender, kaufen und auf die Futterkrippe streuen. Hinter dem Zaun frisst das Wild, davor tun sich die Lamas und Alpakas gütlich, alle gemeinsam aus dem gleichen Trog. Ein seltener und friedvoller Anblick.

Info
Naturpark Hohe Wand

Kleine Kanzelstraße 241, 2724 Hohe Wand-Maiersdorf

•www.naturpark-hohewand.at

Tandemflüge

•www.fly-hohewand.at


Tipp
Tierisches Nikolo-Event auf der Hohen Wand

Beim und im Köhlerhaus veranstaltet das Naturpark-Team jedes Jahr am 8. Dezember einen »tierisch guten« Kinderadvent. Im Streichelzoo warten die Tiere, um von den kleinen Gästen verwöhnt zu werden. Eine Lamawanderung zum Hirschgehege mitsamt Fütterung und eine Fahrt mit der Pferdekutsche stehen dabei ebenso auf dem Programm wie Basteln, Singen und eine Stärkung am Lagerfeuer. Bei Einbruch der Dunkelheit schaut dann endlich der Nikolo vorbei.

5Myrafälle, Muggendorf
Poesie des Wassers

Täglich stürzen fünf Millionen Liter Wasser über die Kaskaden der Myrafälle in die Tiefe. Das Naturdenkmal erstrahlt an den Wochenenden nach Einbruch der Dunkelheit in einer mystisch anmutenden Festbeleuchtung.

»Die Myrafälle sind höher als die Niagarafälle, aber Letztere stürzen ungebremst hinunter, bei uns gibt es hingegen viele kleine Stufen«, sagt Alfred Pottenstein. Der rüstige Pensionist läuft flott über die Brücken und Stege nach oben, oft macht er das mehrmals am Tag. Als Vereinsvorstand der Touristenklub Sektion Pernitz kümmert er sich um die Verwaltung der Muggendorfer Fremdenverkehrsattraktion. Um seinen reizvollen Arbeitsplatz könnte man ihn beneiden. »Es ist um einige Grad kühler als in Wien, manche Städter kommen im Hochsommer abends hierher, um sich abzukühlen«, schreit er, um das tosende Wasser zu übertönen. Erstaunlich, wie beruhigend und harmonisch Lärm sein kann, fast ein bisschen poetisch.

26 Brücken und sieben Stiegen führen auf dem gut ausgebauten Wanderweg durch das Naturdenkmal hinauf bis zum Stauweiher. Neben uns stürzt klares Gebirgswasser in die Tiefe, jeden Tag etwa fünf Millionen Liter. Durch den kräftigen Dauerregen der letzten Wochen und die noch andauernde Schneeschmelze donnert es derzeit besonders laut über die Kaskaden. Der namensgebende Myrabach entspringt am Fuße des Unterberges aus der Myralucke und wird von einem unterirdischen See gespeist. Rund 500 Jahre nutzte man die Myrafälle für Wassermühlen und Sägewerke. Reste einer Sägemühle sind noch erhalten, die Schleif- und Bremspuren der mit Holz beladenen Pferdefuhrwerke sind nach wie vor in den Felsen sichtbar.1912 wurde ein Speicherkraftwerk gebaut, das sechs Jahrzehnte lang in Betrieb war.

Am Stauweiher angekommen, wählen wir den linken Weg auf den Hausstein (664 m). Wir durchqueren Wälder, spazieren über eine idyllische Bergwiese und legen beim Gipfelkreuz mit Blick über den Wiener Alpenbogen eine Pause ein. Danach wandern wir weiter zum oberen Stausee und wieder zurück zu unserem Ausgangspunkt beim Myrateich.

An den Wochenenden erstrahlen die Wasserfälle nach Einbruch der Dunkelheit in einer beeindruckenden Festbeleuchtung.

Blick auf den Eingangsbereich und das Gasthaus Myra-Stubn.

Inspiration für ein Zauberspiel

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts tauchten die Myrafälle in den ersten Reiseberichten auf, Kaiser Franz II. und seine Gemahlin Maria-Theresa Karolina statteten ihnen daraufhin 1801 einen Besuch ab. Die Ehefrau von Franz II. wird häufig mit der bedeutenden Monarchin verwechselt, jene Maria Theresia starb allerdings bereits 1780. Wie immer folgten der Adel, wohlhabende Bürger und Künstler den ausgetretenen Pfaden der Kaiserfamilie. Auch Ferdinand Raimund soll durch die Magie der Landschaft zu seinem romantischen Zauberspiel Der Alpenkönig und der Menschenfeind inspiriert worden sein.

Im Zuge des Baus der Eisenbahnlinie Leobersdorf–Gutenstein im Jahr 1878 ließ der Österreichische Touristenklub Wege markieren und Brücken sowie Stege bauen, um dadurch die Myrafälle für Wanderer leicht begehbar zu machen. Bis heute betreut er das Naturdenkmal, inzwischen wurden auch Parkplätze und moderne Sanitäranlagen errichtet, Besucher haben die Wahl zwischen vier Gastronomiebetrieben.

Von Mai bis Oktober erstrahlen die Wasserfälle an den Wochenenden (Freitag, Samstag, Sonntag) und an Feiertagen nach Einbruch der Dunkelheit bis 23 Uhr in einer beeindruckenden Festbeleuchtung. Dann ist es auf den Brücken und Stegen meist sehr einsam, angesichts der tosenden Wasserfälle aber nie still.

Info
Österreichischer Touristenklub

Sektion Pernitz, Myrafälle 1, 2763 Muggendorf

•www.myrafaelle.at

Tipp
Ferdinand Raimund in Gutenstein

Der österreichische Dramatiker (1790–1836) liegt auf dem Bergfriedhof seiner Wahlheimat Gutenstein im Piestingtal, auch bekannt als Biedermeiertal, begraben. Er kam tragisch zu Tode. Als er von einem Hund gebissen wurde, nahm er fälschlicherweise an, das Tier wäre tollwütig und versuchte sich zu erschießen. Ein paar Tage später verstarb der Künstler an der Schussverletzung. Ihm zu Ehren finden seit mehr als einem Vierteljahrhundert in Schloss Gutenstein jeden Sommer die Raimundspiele statt. Dem Dramatiker und Schauspieler wurde auch eine Gedenkstätte mit Museum in dem Haus gewidmet, das er bei seinen Besuchen in Gutenstein bewohnte. In vier Räumen werden eine Vielzahl von Exponaten mit mehr oder weniger Bezug zu ihm präsentiert, unter anderem eine Haarlocke Raimunds.

•www.raimundspiele.at

•www.gutenstein.at/sehenswertes/museen/

6Steinwandklamm, Furth an der Triesting
Rolltreppenfahren in der Klamm

Der Betreiber des Triestingtaler Naturjuwels führt alle Jahre wieder Reporter und Wanderer hinters Licht.

Seit 2012 ereignet sich in Furth an der Triesting jedes Jahr zu Saisonbeginn Erstaunliches. Einmal wird direkt in der Klamm eine Rolltreppe eingebaut, ein anderes Mal der erste sensorgesteuerte Selfie-Elevator Europas, der folgendermaßen funktioniert: Der Sensor begleitet in einer Selfie-Halterung die Kletterer auf einer 15 m langen Leiter nach oben, damit sie sich selbst mit ihrem Handy filmen können. 2019 wurde ein 983 m langer Verbindungsstollen zwischen den Myrafällen (siehe Kapitel 5) und der Steinwandklamm gefunden, der mit Hilfe eines Investors rasch wieder begehbar gemacht werden konnte.

Eines dieser ungewöhnlichen Ereignisse lockte am 1. April 2016 einen Lokalreporter nach Furth, um über eine neue Pumpstation in der Steinwandklamm zu berichten. Die hochmoderne Anlage der Vorarlberger Firma Pumpi sollte laut Klamm-Betreiber Franz Singer in der Lage sein, bis zu zwei Millionen Sekundenliter Wasser in ein Sammelbecken zu pumpen. Diese Innovation würde selbst an den wochenlangen Hundstagen im Hochsommer für einen tosenden Wasserfall sorgen!

Der Redakteur hat die Einladung zur Einweihung der Pumpstation wohl nur flüchtig überflogen und das Datum ignoriert. Als ihm klar wurde, dass er das Opfer eines Aprilscherzes geworden war, nahm er es mit Humor. Die Geschichte erschien genauso in der Zeitung, wie sie sich zugetragen hatte.

»Seit 2012 lasse ich mir jedes Jahr etwas Kurioses einfallen, das ich am 1. April auf die Webseite stelle. Immer wieder fallen Leute auf meine Fake-News herein, der eine möchte den Selfie-Elevator nutzen, ein anderer mit der Rolltreppe fahren oder den Tunnel durchqueren«, erzählt Singer mit einem breiten Grinsen. Für 2020 habe er auch schon eine Idee. Der 79-jährige Klamm-Betreiber hat sich bei manchen den Ruf eines Querulanten erarbeitet, wir erleben ihn als bodenständig, witzig und freundlich. Er äußert lediglich seinen Unmut energisch, wenn ihm etwas auf die Nerven geht – so ärgern ihn jene Wanderer, die sich heimlich beim Drehkreuz vorbei in die Klamm schleichen, weil sie zu geizig sind, um die paar Euro Erhaltungsbeitrag zu bezahlen. Obendrein stört ihn die überbordende EU-Bürokratie. Vor allem letztere Aversion wird den Besuchern nicht lange vorenthalten. Im Eingangsbereich steht eine Tafel mit der Aufschrift: »EU-freie Zone. Hier gilt der gesunde Hausverstand! Vergessen Sie den Regulierungswahn der EU-Bürokraten!« »Manchmal verziehen Leute das Gesicht, wenn sie die Hinweistafel lesen. Aber die meisten schmunzeln«, erzählt er. Mit Politikern im Allgemeinen hat der Klamm-Betreiber auch nicht viel Freude. »Regierungsmitglieder zahlen bei uns € 98,– Eintritt.« Natürlich sei in den letzten Jahren noch kein bekannter Parlamentarier vorbeigekommen, aber falls einer auftauchen sollte, würde er zur Kasse gebeten …

Beschauliche Wanderung entlang des Wasserfalls.

Klamm-Betreiber Franz Singer ist naturverbunden und mag keine Bürokratie.

Türkenloch und das größte Spiegelei der Welt

Gemeinsam spazieren wir entlang eines Baches und überqueren im Wald eine Brücke, bis wir die Steinwandklamm erreichen. Von dort wandern wir in der Schlucht über Stege, Treppen und flache Wege kontinuierlich entlang des Wasserfalls. Singer hat die Klamm von seinem Vater geerbt, der das 35 Hektar große Grundstück in den 1930er Jahren erworben hat. Bis 2010 war sie an den Österreichischen Touristenklub (ÖTK) verpachtet, seither kümmert er sich selbst darum. »Ich bin hier aufgewachsen und kenne jeden Stein«, sagt Singer. Zwei- bis dreimal pro Woche gehe er in die Klamm, um die Steiganlagen zu kontrollieren. Die Wanderwege sind seit 1884 ausgebaut, Kaiser Franz Joseph I. war einer der ersten, der hier durchgegangen ist.

Nach rund zwanzig Minuten erreichen wir eine Abzweigung, rechts ist der Weg blau markiert, links führt eine rote Markierung zum Rudolf-Decker-Steig, wo mehrere Höhlen durchkrochen und fast senkrechte Leitern überwunden werden müssen. Die längste ist 15 m, kann aber auch auf einer sechs Meter hohen Leiter umgangen werden. Oben kommen wir bei den Wildschützhöhlen an. Von diesem Punkt aus erreichen wir rasch das Türkenloch, wo der Weg wieder mit dem blau markierten Pfad zusammentrifft.

Beide Routen, sowohl die über den Rudolf-Decker-Steig als auch die blau markierte einfachere Variante führen zu besagtem Türkenloch. In dieser finsteren Höhle sollen sich die Einheimischen im Jahr 1683 vor den Osmanen versteckt haben. Doch sie verrieten sich mit dem Rauch eines Feuers und wurden verschleppt oder getötet. Ob es sich dabei lediglich um eine Sage handelt, ist ungewiss, 1981 fanden Archäologen in der Höhle Münzen, Tonscherben und Knochen. Nach dem Verlassen des Türkenlochs folgen wir einem Waldweg und kehren eine Viertelstunde später beim Wirtshaus Jagasitz ein.

Bei Eiskaffee und Panoramablick erzählt Singer, dass ihm 1988–1990 auch ein Eintrag ins Buch der Rekorde gelungen sei. »Damals haben wir das größte Spiegelei der Welt mit 2.500 Eiern und einer Größe von 8 m2 gebraten.« Singer sagt, er habe noch viel vor und plane, mindestens 150 Jahre alt zu werden. Der Spruch auf seiner Kappe verrät sein Motto: »Legenden sterben nicht im Bett.«

Info
Steinwandklamm

Steinwandgraben 8, 2564 Furth

•www.steinwandklamm.at

Tipp
Singers Schmankerl

Singers selbstgemachter Eierlikör soll der beste weit und breit sein. Er ist ebenso käuflich zu erwerben wie seine kaltgeräucherten Lachsforellen aus eigener Zucht.

Jährlich am ersten sonnigen Sonntag nach Ostern veranstaltet er ein Bärlauchfest, bei dem zur Gratisverkostung der Riesenbärlaucheierspeise aus seiner Rekordpfanne geladen wird.

7DIE WÜSTE Mannersdorf, Kalkofen Baxa
Blühende Einöde

Im jüngsten Naturpark Österreichs lebten einst Mönche, die der Nachwelt ein Kloster, eine lange Steinmauer und einen Ort der Kontemplation hinterließen.

An den ersten warmen Tagen des Jahres wächst das Frühlingskraut Bärlauch massenhaft auf den feuchten Lichtungen, während die Schneeglöckchen schon wieder ihre Köpfchen hängen lassen. Zwischen schattigen Waldbäumen blitzen violett-blaue Blümchen hervor, Duft von Harz liegt in der Luft. In Mannersdorf, am Westhang des Leithagebirges, erstreckt sich die üppige Vegetation des Naturparks DIE WÜSTE auf einer Fläche von 106 Hektar. Die lateinische Redensart nomen est omen könnte nicht weniger zutreffend sein, denn unter einer »Wüste« stellt man sich etwas gänzlich anderes vor. Doch das Rätsel, wie der Naturpark zu seinem Namen kam, ist rasch gelöst. Die Bezeichnung ist lediglich einer unpräzisen Übersetzung zu verdanken und leitet sich vom griechischen Wort eremos ab, das »Einöde«, »Einsiedelei«, »Wüste« oder »einsam« bedeutet. »Wüste« setzte sich schließlich umgangssprachlich durch. Eine weitere Besonderheit des Naturparks ist die 4,5 km lange steinerne Mauer, die ihn umschließt.

Zentrum des heutigen Erholungsgebietes ist das ehemalige Karmeliterkloster St. Anna, das 1644 gegründet wurde. Mehr als hundert Jahre lang lebten und beteten hier »Unbeschuhte Karmeliten«, ihre Ruhe wurde jedoch zwischenzeitlich durch den Türkeneinfall von 1683 unterbrochen. Die Osmanen brannten das Kloster nieder, die Mönche mussten fliehen. Später wurde es wieder aufgebaut und erlebte unter der streng katholischen Maria Theresia seine Blütezeit. Die fromme Monarchin beehrte die Einsiedelei mehrmals mit ihrem Besuch, ihr Sohn Joseph II. hatte hingegen wenig für die kontemplative Gemeinschaft übrig und löste das Kloster 1783 auf. Danach verfiel das Gebäude im Laufe von 200 Jahren, bis man Teile davon in den 1980er Jahren sanierte. 1986 wurde schließlich der Naturpark eröffnet und ist damit der jüngste in Österreich.

Die Burgruine Scharfeneck war einst eine wehrhafte Festung, in die sich die Einheimischen flüchteten.

Zentrum des Naturparks ist das ehemalige Karmeliterkloster St. Anna.

Vom Parkplatz aus gelangen Besucher nach einem kurzen Spaziergang zum historischen Gotteshaus, das heute als Veranstaltungsort dient. Teiche, Obstwiesen und eine Lindenallee säumen den Weg. Erwachsene finden hier Ruhe und Natur, Kinder können sich austoben. Nahe den Klostermauern befinden sich ein Spielplatz und ein Heckenlabyrinth aus Kirschlorbeer, das die Kleinen zum Fangen und Verstecken spielen nutzen können. Rund um die Anlage grasen Pferde, Hochlandrinder und Ziegen, Blickfang ist eine riesige, angeblich 400 Jahre alte, weiße Platane. Im hinteren Trakt des Gebäudes befindet sich ein kleiner Naturkostladen, in dem an Wochenenden und Feiertagen Getränke und Selbstgemachtes wie Marmeladen, Liköre und hauseigener Speck vom Mangalitzaschwein verkauft werden.

Ebenfalls sehenswert ist die Burgruine Scharfeneck, die sich auf dem 347 m hohen Schlossberg inmitten des Naturparks erhebt. Ein Wanderweg führt direkt vom Kloster zu den Resten der einst wehrhaften Festung, die den Einheimischen 1683 Zuflucht vor den Türken bot. Die wuchtigen Außenmauern der vermutlich um das Jahr 1000 erbauten Burg ragen zum Teil noch bis zu zehn Meter in die Höhe, auch Reste von Türmen, Räumen und Kasematten sind noch erhalten. Das Betreten des Burghofes ist laut einem Hinweisschild wegen Einsturzgefahr verboten. Doch durch das nicht mehr vorhandene Tor und Maueröffnungen kann man einen Blick in das von der Vegetation überwucherte Innere werfen.

Industriedenkmal mit kreativem Veranstaltungsprogramm

Nur wenige Autominuten vom Naturpark entfernt liegt der Kalkofen Baxa, ein historisch einzigartiger Kalkschachtofen, der 1893 errichtet wurde. Der dazugehörige Steinbruch ist noch immer in Betrieb, während der Ofen 1972 stillgelegt wurde. In den Jahren 1996 bis 1998 wurde das Bauwerk generalsaniert und im Obergeschoß ein Kalkofen- und Steinabbaumuseum eingerichtet. Besonders beliebt sind die abwechslungsreichen Veranstaltungen, die in und rund um das Industriedenkmal stattfinden, etwa Ausstellungen, Kreativkurse, ein temporäres Café und ein Adventmarkt. Das innovative Programm wurde 2019 mit einer Auszeichnung in der Kategorie »außergewöhnliche Zusatzangebote« beim Museumsfrühling Niederösterreich belohnt.

Info
Naturpark DIE WÜSTE

Mannersdorf, 2452 Mannersdorf am Leithagebirge

•www.diewuestemannersdorf.at

Kalkofen Baxa

Am Goldberg 1, 2452 Mannersdorf am Leithagebirge

•www.kalkofenbaxa.at

Tipp
Stadtmuseum Mannersdorf

Die Geschichte des Klosters St. Anna in der Wüste, des Naturparks und der Ruine Scharfeneck ist im Stadtmuseum Mannersdorf aufgearbeitet, auch ein Modell der ehemaligen Burg Scharfeneck ist ausgestellt. Das Museum zählt zu den größten der Südostregion Niederösterreichs und besteht aus vier Abteilungen: Archäologie, Mineralien und Fossilien rund um das Leithagebirge, Volkskunde, Stadtgeschichte und Steinmetztechnik. Letztere ist übrigens die größte Sammlung dieser Art in Europa.

•www.stadtmuseummannersdorf.at

Wiener Neustadt



8 Wiener Neustadt
9 Theresianische Militärakademie, Wiener Neustadt
10 Stiftspfarre Neukloster, Wiener Neustadt
11 Flugmuseum Aviaticum, Wiener Neustadt
12 Café Bernhart, Wiener Neustadt

Wussten Sie, dass …?

… der Bau Wiener Neustadts mit Lösegeld bezahlt wurde?

… auf dem berühmtesten Foto der Nachkriegsgeschichte »V-J Day in Times Square« eine gebürtige Wiener Neustädterin abgebildet ist?

… sich in der Burg zu Wiener Neustadt die älteste noch bestehende Militärakademie der Welt befindet?

… in Wiener Neustadt im 18. Jahrhundert die erste Frau weltweit zum Offizier ausgebildet wurde?

… in Wiener Neustadt vor dem I. Weltkrieg zahlreiche Flugrekorde aufgestellt wurden?

8Wiener Neustadt
Das urbane Herz des Industrieviertels

Die zweitgrößte Stadt Niederösterreichs, einst wehrhafte Festung und Kaiserresidenz, präsentiert ihre facettenreiche Geschichte kurzweilig und zeitgemäß.

Nach der Freilassung des englischen Königs Richard Löwenherz im Jahr 1194 konnte sich der Babenbergerherzog Leopold V. über Silbermünzen in beträchtlicher Anzahl erfreuen. Er investierte seinen Anteil am Lösegeld in den Bau einer Stadt. In der steinigen und sumpfigen Einöde des Steinfelds ließ der Herzog eine befestigte Anlage mit der Grundrissform eines Rechtecks hochziehen und nannte sie etwas nüchtern »Neue Stadt« (Nova Civitas). Fertig. Sein Enkel, Friedrich II., genannt der Streitbare, ließ dann die »Babenbergerburg« errichten.

Eine Blütezeit als Kaiserresidenz erlebte sie im 15. Jahrhundert unter Kaiser Friedrich III. (1415–1493) und seinem Sohn Maximilian I. (siehe Kapitel 9). In den darauffolgenden Jahrhunderten wurde die Stadt am Steinfeld ordentlich malträtiert, doch sie überdauerte Feuersbrünste und Erdbeben, die Eroberung durch den ungarischen König Matthias Corvinus nach langer Belagerung und Angriffe der Osmanen.

Nach dem »Anschluss« 1938 wurde Wiener Neustadt zu einem Zentrum der deutschen Rüstungsindustrie und damit zu einem bevorzugten Ziel alliierter Luftangriffe. Rund 50.000 Fliegerbomben fielen während des Zweiten Weltkriegs auf die Stadt. 1945 war sie fast völlig zerstört, von 4.000 Gebäuden waren lediglich 18! unversehrt geblieben. Der Wiederaufbau dauerte mehr als ein Jahrzehnt, aber er gelang. Heute gilt Wiener Neustadt mit seinen rund 45.000 Einwohnern als urbanes Herz des südöstlichen Niederösterreichs und wichtige Industriestadt. Mittlerweile etablierte sie sich auch als beliebtes Ausflugsziel und lockt immer mehr Besucher an.

Der Wiener Neustädter Dom ist ein markantes Wahrzeichen der Stadt.

Die Kasematten wurden für die Landesausstellung 2019 aufwendig renoviert.

Sieben Wunder

Mit dem Begriff »Die sieben Wunder von Wiener Neustadt« wird bereits seit den 1920er Jahren auf spielerische Art und Weise auf (ehemalige) Besonderheiten der nach St. Pölten zweitgrößten Stadt Niederösterreichs aufmerksam gemacht. Da der Nordturm des Doms keine Treppe hatte, waren die beiden Türme der Kirche einst mit einer Brücke verbunden. Sie wurde jedoch 1834 bei einem Großbrand zerstört, wieder aufgebaut und 50 Jahre später bei der notwendigen Erneuerung der beiden Türme nicht wieder errichtet (Kirche unter der Brücke).

Mit dem Wunder »schwankender Boden« wird darauf hingewiesen, dass die Gründung der Siedlung auf sumpfigem und morastigem Boden erfolgte. Auch soll es in Wiener Neustadt bis ins 19. Jahrhundert ein Haus gegeben haben, das ohne einen einzigen Nagel errichtet worden war. Zudem wird von Salat, der auf Bäumen wächst, und zwei Bächen, die sich kreuzen und quer übereinander fließen (siehe Kapitel 42), berichtet. Mit der Kirche, unter der ein Heuwagen durchfahren kann, ist die St. Georgs-Kathedrale gemeint, ebenso befindet sich in diesem Gotteshaus das Grab zwischen Himmel und Erde, in dem Kaiser Maximilian I. (siehe Kapitel 9) ruht.

»Kuriositäten und Besonderheiten mit historischem Hintergrund«, nennt auf Nachfrage eine Mitarbeiterin des Stadtarchivs diese Geschichten, »mit dem Zweck, neugierig zu machen und vor allem bei Kindern Interesse zu wecken«.

Die Stadt und die Landesausstellung

Als Zentrum der Niederösterreichischen Landesausstellung 2019 hat sich Wiener Neustadt ordentlich herausgeputzt, Ausstellungsorte wie das Museum St. Peter an der Sperr und die Kasematten wurden saniert und adaptiert.

Im Museum, einem ehemaligen DominikanerInnenkloster aus dem 13. Jahrhundert, ist nach dem Ende der Landesausstellung wieder die Sammlung rund um die Stadtgeschichte eingezogen, die hier in modernerer Form präsentiert wird. In den Kasematten, Teilen einer mittelalterlichen Befestigungs- und Wehranlage, war für den Ausstellungszeitraum eine »Bibliothek« mit überdimensional großen Büchern eingerichtet worden. Die Schaustücke erzählten von der Mobilität zwischen den Regionen und der Historie des Umlands. In den unterirdischen Räumlichkeiten wurden Erweiterungen vorgenommen, so hat man etwa eine neue Bastei eingebaut, die nach der Landesausstellung für diverse Veranstaltungen wie Theateraufführungen oder Konferenzen genutzt wird.

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22 aralık 2023
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9783990405369
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