Kitabı oku: «Die Stimme des Ozeans – Unbewusstes sichtbar machen», sayfa 2
Egoismus
LIEBE DEINEN NÄCHSTEN WIE DICH SELBST.
(3. Buch Mose 19,18)
Wenn ich in meinen Seminaren über Egoismus spreche, dann habe ich festgestellt, dass mit Egoismus die meisten etwas Negatives verbinden: „Sei doch nicht so egoistisch“ oder „Immer denkst du nur an dich!“ Hast du das auch schon mal gesagt bekommen? Und seit Trump an der Macht war, höre ich immer und immer wieder den Claim: „Me first!“
Meine Tante meinte einmal zu mir: „Immer erst an die anderen denken, dann erst an dich selbst – alles andere gehört sich nicht!“ Selbst in der Bibel steht geschrieben: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Nur mit dem Unterschied, dass das aus meiner Sicht ganz falsch interpretiert wird. Ja, Nächstenliebe ist wichtig, das steht außer Frage, und ja, ich helfe gern dem anderen, wann immer ich kann. Doch selbst in der Flugkabine heißt es: Bitte zuerst sich selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen und dann den Kindern. Wenn ich nicht nach mir schaue, kann ich meines Erachtens gar nichts geben – was nutzt es dem Kind, wenn ich in Ohnmacht falle? Ich kann doch nur geben, was ich selbst habe. Damit meine ich nicht die materiellen Dinge, sondern Wissen, Erfahrungen und Talente. Das „Gebot“ müsste eigentlich heißen: Liebe dich, dann kannst du auch den anderen lieben oder Liebe geben. Was mir hier immer wieder auffällt: Das verstehen so viele nicht oder eben falsch. Sie erwarten sehr viel von anderen und geben erst, wenn sie auf dem „Bekommen-haben-Konto“ eine Gutschrift haben. Sprich: es ist wie früher im Kindergarten bei Geburtstagseinladungen: „Wenn du mich einlädst, dann lade ich dich zu meinem Geburtstag auch ein.“ Und genau das nenne ich egoistisch. Und das beginnt bereits im Kindergartenalter. Dürfen wir nicht bewusst uns erst mal selbst so annehmen, wie wir sind und uns lieben mit allem, was wir haben? Uns freuen, wenn wir etwas bekommen und einfach ein schlichtes „Danke“ sagen? Im Übrigen können wir dann auch viel mehr geben als umgekehrt. Weil wir es von Herzen tun und nicht aus Pflichtgefühl. Zusammengefasst gibt es streng genommen zwei Arten von Egoismus:
Den negativen, kranken Egoismus. „Egoismus“ wird meistens abwertend als Synonym für rücksichtsloses Verhalten verwendet und als unanständig beurteilt. Der Begriff beschreibt dann die Haltung, ausschließlich äußerliche persönliche Interessen zu verfolgen ohne Rücksichtnahme auf die Belange oder sogar zulasten anderer.1
Und den „gesunden“ Egoismus. Diesen hingegen beschreibe ich wie folgt: Liebe dich, dann kannst du auch den anderen lieben und Liebe geben. Du kümmerst dich erst mal um dich selbst, damit es DIR gut geht. Denn nur was du selbst hast, kannst du auch weitergeben.
Ich lade dich ein, folgende Fragen zu beantworten:
Was sind deine Bedürfnisse?
Sind diese erfüllt oder nicht?
Glaube mir, es lohnt sich, diese Fragen schriftlich zu dokumentieren. Mache auch hier alles sichtbar, indem du nicht nur darüber nachdenkst, sondern es auf ein Blatt Papier schreibst, denn dann kannst du konkretisieren, wie du sie befriedigt bekommst oder zumindest nach einer Lösung suchen. Bleibst du dagegen nur in Gedanken, wird der Effekt ein viel, viel kleinerer sein – vielleicht sogar gar keine Beachtung mehr bekommen, weil wir es verdrängt oder vergessen haben.
Gedanken kommen und ziehen vorüber – beobachte dich einfach selbst: Wie oft denkst du über etwas nach, und schon die kleinste Unterbrechung bewirkt, dass der Gedanke nicht zu Ende gedacht wird und sogar schlichtweg weg ist. Ich weiß ja nicht, wie es dir gerade damit geht, ich habe dieses Gedankenkarussell sehr, sehr oft.
Dazu ein kleiner Einschub zum Thema Bedürfnisse.
Wir haben alle Bedürfnisse: nach Hunger, Durst, Liebe, Anerkennung, Wertschätzung, Sicherheit, Abenteuer, … Erfüllte Bedürfnisse machen zufrieden und lassen mich in meine ganze Kraft kommen. Erst jetzt, wenn es mir gut geht, kann ich auch gut für andere sorgen – dann kann ich geben. Das ist meine eigene Definition von Egoismus, und ich lebe, seit ich das erkannt habe, sehr gut damit.
Sehr deutlich wurde mir dieser Unterschied, als ich mich selbständig gemacht habe und die Ausbildung zum Coach absolvierte. Meine damaligen, vermeintlichen Freunde meinten nach einiger Zeit: „Du hast dich total verändert!“, „Früher warst du ganz anders!“, „Seit dieser Ausbildung lebst du in einer anderen Welt“.
Doch sie haben es nicht nur gesagt – die meisten haben es mich deutlich spüren lassen. Sie beobachteten mich aus der Ferne und ignorierten mich sogar teilweise – wie ich es empfand – bewusst. Sie kamen mit meiner veränderten Einstellung nicht mehr zurecht. Ich war in ihren Augen nicht mehr Mainstream, will heißen, ich passte nicht mehr in ihre Welt. Ja, genau, ich habe mich verändert.
In Egoismus steckt auch das Wort „Ego“ – lat.: ich. Ja, ich-bezogen wurde ich, das stimmt schon, doch ich war nicht abwertend oder egoistisch im negativen Sinne, ich war nur nicht mehr so leicht fremd zu steuern. Das war aus meiner Sicht der größte Unterschied. In ihren Augen wirkte ich jedoch egoistisch und nur noch auf mich konzentriert. Als ich dann noch meinen Mann verlassen hatte und die Kinder bei ihm zurückließ, war ich bei denen völlig unten durch. Viele Freundschaften waren regelrecht aufgekündigt.
Heute stelle ich mir die Frage: Waren das überhaupt „richtige“ Freundschaften? Auf jeden Fall zeigte sich danach, wer meine wahren Freunde waren. Komisch war nur, dass die, die übrig blieben, mich nicht als egoistisch bezeichneten.
1 Quelle: Wikipedia
Intuition
„Ihre Zeit ist begrenzt, also verschwenden Sie sie nicht damit, das Leben eines anderen zu leben. Lassen Sie sich nicht von Dogmen in die Falle locken. Lassen Sie nicht zu, dass die Meinungen anderer Ihre innere Stimme ersticken. Am wichtigsten ist es, dass Sie den Mut haben, Ihrem Herzen und Ihrer Intuition zu folgen. Alles andere ist nebensächlich.“
(Steve Jobs)
Sucht man im Internet nach dem Begriff Intuition, zeigen sich viele Begrifflichkeiten: Bauchgefühl, Hochgeschwindigkeitsnetz des Gehirns, Eingebung, Frühwarnsystem, unbewusste Entscheidungsfunktion.
Ich möchte an dieser Stelle gar nicht diskutieren, ob es eine Intuition gibt, was sie ist und wie sie sich begründet. Dafür gibt es zahlreiche Literatur – und wer mag, kann sich darin gern austoben. Mein Anliegen ist es, in diesem Buch die Intuition bezogen auf das Unbewusste zu betrachten.
Fakt ist, sie kommt vor dem Gedanken, den wir denken. Noch bevor unsere Ratio etwas denkt, haben wir ein Gefühl, ein inneres Navigationssystem, das uns warnt oder uns zum Handeln anregt. Das zeigt sich nicht in Worten, sondern in Reaktionen, die wir manchmal selbst nicht immer sehen.
Ein kleines Beispiel, das ich in einem Vortrag von Dr. Maja Storch gesehen habe: Sie zeigt ein Bild, auf dem eine Gurke von Hand gerädelt wird. Es ist nur die Gurke, die Hand, das Messer und das Brett zu sehen. Nun liegt der Daumen aber unter dem Messer, das gerade ansetzt, die Gurke zu schneiden. In dem Moment, als dieses Bild auf der Leinwand erscheint, geht ein aufschreckendes Raunen durch den Raum. Doch keiner sagte zuerst: „Achtung, du schneidest dir gleich in den Finger.“ Die Erstreaktion waren nicht Worte, sondern ein Raunen, das über das Gefühl gesteuert wurde. Ein Gefühl, das uns warnt – in diesem Fall zumindest.
Haben wir zum Beispiel ein schlechtes Gefühl bei etwas und finden keine schlüssige Erklärung dafür, dann können wir es auch meist nicht auf einen Sachverhalt zurückführen. Dann handeln wir sozusagen aus dem Bauch heraus, weil es sich nicht stimmig anfühlt. Erklären können wir es jedoch meist nicht. Wenn ich meine Klienten manchmal danach frage, dann kommen schon Antworten wie: „Ich spür da nichts“ – das kann schon sein, denn der eine hat dieses Gefühl, und der andere spürt es nicht und kann es vielleicht sogar nicht wahrnehmen oder spürt es nicht so deutlich, denn man hat ja gelernt: Gefühle darf man nicht zulassen.
Streng genommen ist die Intuition nichts, was wir wie ein Organ in uns finden könnten. Es ist tief im Innern unseres Gehirns abgelegt, und der eine hat guten Zugang dazu und der andere eben weniger gut. Und nicht immer leitet uns unsere Intuition richtig. Wenn wir zum Beispiel eine Erfahrung abgespeichert haben, die wir vielleicht schon vor vielen Jahren gemacht haben, dann kann es sein, dass wir es gar nicht darauf zurückführen können. Lediglich eine Situation im Hier und Jetzt ist dieser sehr ähnlich, und unser Gehirn signalisiert: „Kenn ich schon – war gut“ oder „Kenn ich schon – war nicht gut“. Und wenn wir keine Möglichkeiten finden, um es abzugleichen oder zu hinterfragen, dann haben wir vielleicht ein sogenanntes komisches Gefühl und können uns nicht so leicht entscheiden. Nutzen wir es aber als einen Indikator, der wie eine Art Frühwarnsystem funktioniert, dann kann es uns helfen, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen, da wir die Entscheidung aus unserem Selbst heraus gefällt haben.
Innere Stimme
Da wo guter Rat teuer, du grad lost und gebeutelt bist, war da nicht immer diese Stimme, die dir hilft, und zwar immer? Hör auf die Stimme, hör, was sie sagt, sie war immer da, komm, hör auf ihren Rat, hör auf die Stimme, sie macht dich stark, sie will, dass du’s schaffst! Also hör, was sie dir sagt!
(Mark Forster Songtext: „Hör auf die Stimme“)
Es war wieder soweit, ich fuhr nach Bad Laasphe zu meinem ersten richtigen Termin mit Anne Seidlitz, meinem Coach, bei der ich mein erstes Persönlichkeits-Entwicklungs-Gespräch hatte. Nachdem wir uns herzlich begrüßt hatten, starteten wir mit dem zuletzt behandelten Thema. Sie fragte mich, wie es mir in der Zwischenzeit ergangen wäre. Mir war es noch nicht so ganz wohl bei der Sache, und so unterhielten wir uns zuerst ganz allgemein. Aber irgendwie hatte ich noch keinen „Plan“. Anne scheinbar sehr wohl. Sie führte das Gespräch, stellte mir viele gute Fragen und gab mir die nötigen Hilfestellungen, um mir selbst zu helfen. Dabei ergab es sich, dass ich in mir eine kleine Stimme hörte und ich ihr davon erzählte. Nachdem ich ausgeredet hatte, fragte sie mich: „Kannst du mir diese Stimme genauer beschreiben?“ „Hm. Schwierig. Ich weiß nicht, wie ich es in Worte fassen soll.“ „Versuche es“, meinte sie nur ermutigend. Also gut, ich gab mir einen Ruck. „Die Stimme kommt von innen. Sie flößt mir ein schlechtes Gewissen ein. Oder wenn es mir sehr gut geht, dann meldet sie sich und holt mich von der Euphorie wieder runter. Ich mag diese Stimme nicht. Sie ist mir suspekt, und ich fürchte mich sogar manchmal davor.“ Anne hörte mir gebannt zu. Dann sagte sie: „Wie würdest du die Stimme beschreiben? Hat sie einen Namen?“ „Einen Namen? Nein. Sie ist einfach da“, sagte ich. „Wann ist sie da?“, fragte Anne dann. „Sehr oft“, erwiderte ich. Anne fragte weiter: „Kannst du mir ein Beispiel nennen?“ „Ein Beispiel?“, sagte ich. „Ich weiß nicht, was willst du denn hören?“ Daraufhin sagte Anne: „Es geht nicht darum, was ich hören will, sondern darum, was du empfindest.“ Stille machte sich im Raum breit. So kamen wir nicht weiter. Ich war irgendwie „leer“.
Kennst du das, eine Leere zu haben und doch eine innere Spannung? Unsicherheit und Unwohlsein breitete sich aus. Ich habe einen Mund, doch aus dem kommt einfach nichts raus. Zumindest nichts, was ich mich trauen würde zu sagen. Und da war sie wieder, die Stimme: „Sag es nicht, ich warne dich!“, redete sie mir ein. Tränen flossen mir über die Wangen. Anne meinte nur: „Lass es einfach fließen und spreche es aus, das ist schon in Ordnung, diese Tränen sind heilende Tränen – die sind sehr wichtig!“ Dann war eine kleine Pause. Ich schnäuzte mir die Nase, doch das Wasser floss nur so aus mir heraus. Aber warum? Was war der Grund? Ich glaube, den kannte ich selbst nicht. In dem folgenden intensiven Gespräch stellte mir Anne weitere sehr gute Fragen, um mir Denkanstöße zu geben. Ich suchte nach dem Grund – den ich bis dahin selbst nicht kannte oder der sich nicht zeigte.
Nach einiger Zeit meinte sie nur: „ich möchte gerne etwas mit dir ausprobieren. Wärst du damit einverstanden?“ Ich wusste zwar nicht, was nun kommen würde, doch ich lies mich darauf ein und nickte nur. Sie ging zu Ihrem Schrank in der Ecke und holte drei Kissen heraus. Jedes Kissen stand für jemanden oder etwas. Das erste Kissen war ich, das zweite war meine innere Stimme und das dritte der Grund für meine Ängste. Ich sollte die Kissen im Raum verteilen und dabei auf meine Gefühle achten: Was empfand ich dabei? Danach meinte sie dann: „Und nun, höre auf deine innere Stimme. Was sagt sie? Wer sagt es?“ Ich schluchzte wieder und neue Tränen kamen. „Ich weiß es nicht“, brachte ich gerade noch so heraus. „Versuche, es in Worte zu fassen“, ermutigte sie mich. „Es – es ist ein kleiner Mann, so wie ein Wächter vor einem Tor.“ Und ich meinte weiter: „Er steht vor mir.“ Anne meinte daraufhin: „Beschreibe mir den kleinen Mann.“ „Er hat kein Gesicht. Er ist einfach nur da“, sagte ich schließlich. „Und wer spricht?“, ergänzte sie. „Ist er es, der spricht?“ „Nein, gerade nicht.“ „Aber er spricht ab und an?“, fragte sie weiter. „Ja – aber da ist noch jemand.“ „Wer?“, wollte Anne wissen. „Die kleine Sandra“, meinte ich nur, und wieder brachte ich kaum ein Wort heraus, weil ich in einem regelrechten Heulkrampf war. Tröstend sagte Anne: „Gut, diese Tränen sind wichtig, lass sie fließen“, meinte sie nur wieder sehr einfühlsam. Beinahe hätte sie mitgeweint. Sie litt richtig mit mir. Als ich mich beruhigt hatte, beendeten wir diese „Mini-Aufstellung“. Erleichterung kam in mir hoch. Ich habe über meine Gefühle, mein tiefstes Inneres gesprochen – und es tat sehr gut. Anne schien sehr zufrieden und sagte: „Wir sind schon ein gutes Stück vorangekommen“, und sie ergänzte: „Wir haben die Stimme identifiziert und dein Kind-ich – die kleine Sandra. Du hast mir ja bereits in Limburg von ihr erzählt, und nun ist sie ganz nah bei dir“, und weiter meinte sie: „Ich möchte dir an dieser Stelle gerne eine kleine Aufgabe mitgeben. Wenn du nun gleich in dein Hotelzimmer zurückkehrst und vielleicht an einem schönen Ort etwas gegessen hast, dann nimm dir ein leeres Blatt Papier und Stifte – gerne auch in verschiedenen Farben, und dann zeichne ein Bild, male alles, was dir in den Sinn kommt oder schreibe es auf, ganz egal, was es ist, nur: tu es.“ Sie stand auf und nahm mich in den Arm und gab mir einfach nur ein sicheres, geborgenes Gefühl. So, als ob sie zu mir sagen wollte: „Ich bin für dich da. Ich nehme dich ernst. Wir schaffen das.“ Das war so enorm tröstend. Und ich war von tiefer Dankbarkeit erfüllt. Jemand hat mir einen Engel geschickt. Dieser hat blonde Locken und steht vor mir. Anne.
Dieses Bild entstand danach:

Alexandra Stierle
Was es alles mit dem Inhalt des Bildes auf sich hatte, wird in einem anderen Kapitel noch vertieft, versprochen!
Mutprobe
I believe I can fly
I believe I can touch the sky
I think about it every night and day
Spread my wings and fly away
(Songtext R. Kelly)
Ein weiterer Meilenstein in meinem Leben war ein Punkt auf meiner Was-ich-noch-im-Leben-alles-erleben-möchte-Liste. Ein Tandemsprung aus einem Flugzeug aus 4000 m Höhe.
Zu meinem 43. Geburtstag bekam ich diesen dann schließlich von meinem damaligen Mann und meinen Kindern geschenkt. 4000 m und die Aufzeichnung mit einer Kamera – für die ewige Erinnerung. Oh, yes! Ich konnte es kaum erwarten. Wir buchten auf einem urigen Bauernhof ein Familienzimmer und planten ein Wochenende im Allgäu. Zugegeben, so ganz wohl war mir dann vor Ort nicht mehr. Das Wetter war nicht optimal, und so fuhren wir zu den Sky-Dive-Nuggets, und ich erkundigte mich, ob der Termin auch noch einmal ggf. verschoben werden konnte. „Klar“, meinte die nette Dame an der Kasse. Irgendwie hatte ich kein gutes Gefühl und fand, dass der Tag heute nicht der richtige für diesen Sprung sei. Wir schauten stattdessen den Mutigen bei einem Radler und einer Bratwurst zu, und ich stellte mir vor, wie es wohl sein wird – morgen. Meine Jungs meinten nur: „Mama, du bist aber mutig, wenn du das machst.“ Ja, das dachte ich mir auch. Die Wolken zogen immer mehr den Himmel zu, und so fuhren wir in unser Quartier. Morgen wird hoffentlich ein besserer Tag für den Sprung.
Am nächsten Morgen hatten wir blauen Himmel und ich fühlte mich gut. Heute sollte sich zeigen, ob ich den Mumm für den Sprung hatte, und wir fuhren wieder auf den Flugplatz. Die Wolken zogen ein wenig wieder rein, doch es sah nach einer stabilen Wetterlage aus. Ich war bereit und meldete mich an. Es war eine Flughalle, in der alles ganz locker zuging. Die einen sortierten gerade wieder ihre Fallschirme, die anderen wurden eingekleidet und wieder andere eingewiesen. Dann war ich dran. Zunächst brauchte ich eine Ausrüstung: Ein Helm – wobei das nur eine Lederkappe war und in Rosa! Ein Anzug in blau-gelben Farben, eine Brille und ein Gurt um die Hüfte. Irgendwie sah ich schon lustig aus. Dann kam mein Tandempartner auf mich zu, ein junger attraktiver Mann mit Schweizer Akzent und gefühlt nur so groß wie ich und mindestens 10 Kilo leichter. Okay, dachte ich, er wird schon wissen, ob das mit mir möglich ist. Ich fragte ihn, wie viele Stunden er schon hatte, und er meinte: „Über 1000, sonst dürfte ich dich gar nicht mitnehmen.“ Na, das war ja beruhigend. Die Maschine stand zum Einsteigen bereit, und wir liefen über das Flugfeld. Es war eine ganz kleine Propeller-Maschine mit einem Teppich auf dem Boden und keinen Sitzen. Wir saßen wie im Kindergarten, wenn wir Zug gespielt haben, aneinandergereiht. Meine Laune war richtig gut, und komischer- weise hatte ich überhaupt keine Angst, ganz im Gegenteil – ich war so unter Adrenalin, dass ich ein Dauergrinsen im Gesicht hatte. Dann meinte der Pilot: „2.500 m – noch 5 Minuten. Klar zum Absprung.“ Wow, jetzt kribbelte es doch ganz ordentlich, und wir beobachteten, wie sich alle noch die letzten Kommandos gaben und diese durchspielten. Wir auch. Es gab klare Anweisungen, und dann sprangen auch schon die Ersten aus der seitlichen Luke, die nur mit einer Art Rolltor gesichert war. Wir saßen beide mit den Beinen baumelnd am Ausgang, und er zählte noch bis drei, und flupp, waren wir draußen. Was für ein Mega-Gefühl, 60 Sekunden freier Fall, einfach unbeschreiblich, das kann ich nun gar nicht in Worte fassen. Schade nur, dass wir durch eine Wolke flogen und ich eigentlich weder etwas sehen noch richtig atmen konnte, denn die Luft war eisig kalt und ich schnappte ununterbrochen nach Luft. Dann das Kommando, und zack schossen wir in die entgegengesetzte Richtung. Es zog uns wieder gen Himmel. Dann wurde es ganz, ganz still, wieder ein unfassbares Gefühl war das, dennoch kam der Boden relativ schnell näher, und es sah alles aus wie Spielzeug. Fakt war: Ich erkannte keinen Landeplatz. Egal, ich genoss dieses gigantische Freiheitsgefühl und diese unendliche Weite. Jetzt wusste ich, was es heißt, in die Metaperspektive zu gehen. Der Blick hat sich komplett verändert: Ich bin raus aus dieser Welt und kann mir alles von oben betrachten. Der eigentliche Flug ging nur noch max. 10 Minuten, dann setzen wir schon zur Landung an. Beine nach vorne gestreckt im 90-Grad-Winkel, das war ganz wichtig! Wenige Sekunden später: sicher gelandet. Ein Erlebnis, das ich nie mehr vergessen werde!
Mein Fazit aus dieser Erfahrung: Es gibt nichts mehr für mich, dass ich nicht könnte, denn aus diesem kleinen Flugzeug zu springen war die größte Überwindung, die ich je bewältigt hatte in meinem Leben.
(Hier findest du das Video zum Fallschirmsprung: https://www.alexandra-stierle.de/ueber-mich)
Begegnungen
Es sind die Begegnungen mit Menschen,
die das Leben lebenswert machen.
Gutes Tun – ohne Erwartungen
Mainz, April 2009: Ich bin zu einem Seminar nach Mainz gefahren, zum Thema: Projektmanagement für Auszubildende. Mein damaliger Arbeitgeber gab mir die Gelegenheit, das Seminar zu buchen und zu besuchen. Dabei wäre ich, ausnahmsweise, viel lieber zu Hause geblieben und hätte meine Schwester auf die Beerdigung ihres Lebensgefährten begleiten wollen.
Das Seminar verlief ohne Besonderheiten bis auf die Heimreise: Da erlebte ich schon etwas Einmaliges. Ich stand am Bahnhof auf dem Bahnsteig – es war nass-kalt – und wartete auf meinen Zug nach Stuttgart. Eine junge Frau sprach mich an und bettelte: „Bitte, können Sie mir eine Fahrkarte nach Stuttgart bezahlen?“ Ich traute meinen Ohren nicht. Ich dachte: „Ja, habe ich denn einen Geldautomaten in der Tasche? Und wie bekomme ich mein Geld wieder? Soll ich etwa einfach so 49 Euro bezahlen?“ Diese und die folgenden Gedanken schossen mir kreuz und quer durch den Kopf. Irgendwie glaubte ich nicht, dass sie mir etwas vorspielt. Andererseits dachte ich: „Was, wenn das eine Trickbetrügerin ist und sie mir, wenn ich den Fahrschein rauslasse, den Geldbeutel wegschnappen wird? Oder möchte sie nur meine Kennzahl von der EC-Karte? Ich weiß auch nicht, vielleicht sollte sie jemanden anderen fragen.“ Schließlich schaute sie mich wieder an und meinte: „Sie können mir auch Handschellen an das Handgelenk machen, ich weiche Ihnen nicht von der Seite, bis wir in Stuttgart sind, versprochen! Und in Stuttgart bekommen Sie das Geld von meinem Vater wieder – versprochen!“ Ich musste innerlich grinsen. Nun, Handschellen habe ich keine, dachte ich – und das ist auch nicht meine Art. Ich schaute sie prüfend an und meinte nur: „Na gut, ich glaube Ihnen, dann lassen Sie mich eine Fahrkarte besorgen.“ Ich glaube, am liebsten hätte sie mich umarmt, so sehr strahlte ihr Gesicht. Sie sagte nur: „Vielen, vielen Dank“, und ein dicker Brocken fiel von ihrem Herzen – den hörte sogar ich. Aber irgendwie blieb doch noch ein sehr mulmiges Gefühl bei mir. Dabei dachte ich an mich: „Wäre ich nicht auch froh gewesen, wenn sich jemand bereit erklären würde, mir eine Fahrkarte zu zahlen, ohne dass ich eine EC-Karte oder Bares gehabt hätte? Ich konnte sie ja nicht so stehen lassen. Aber warum hat sie nicht jemand anderen gefragt, es stehen so viele hier auf dem Bahnsteig, die so ausschauen, als hätten sie Geld.“ Egal, sie war mir sehr sympathisch, und ich kaufte ihr schließlich die Fahrkarte. Danach musste sie mir aber ihre Adresse geben, damit ich wenigstens wusste, wo ich mein Geld einzutreiben hätte. Im Zug saß sie neben mir und erzählte mir von ihrem Aufenthalt in Irland und dass ihr Freund dort leben würde und sie internationales Management studiert, sie aber keinen Cent mehr hätte und nun somit auch kein Geld mehr für eine Fahrkarte. Sie wollte nur einfach nach Hause. Nach einiger Zeit löste sich das Rätsel mit den Handschellen: Sie erzählte mir, ihr Vater wäre Polizist. Na, nun wurde mir so manches klar. Daher auch die Handschellen – witzig. Wir saßen die ganze Fahrt im Zug nebeneinander, und wir unterhielten uns sehr nett. Die Kleine war richtig gut. Ich bewunderte ihre Offenheit und den Mut, sich einfach so auf den Bahnstieg zu stellen und fremde Leute um eine Fahrkarte anzubetteln. Hut ab! Ich hätte mich so etwas in dem Alter nicht getraut.
In Stuttgart angekommen, wartete auch schon ihr Vater auf dem Bahnsteig. Sie konnte ihm wohl noch mit den letzten Cents auf dem Handy mitteilen, dass sie jemanden gefunden hatte, die ihr die Fahrkarte bezahlte und wann sie schließlich in Stuttgart ankommen würde. Der Vater sah nett und zugleich streng aus. Und da ich ja wusste, was er von Beruf ist, hatte ich sogar richtig Respekt. Er zückte sofort den Geldbeutel und meinte nur: „Was bin ich Ihnen schuldig?“ Er gab mir 50 Euro, und sie strahlte mich nochmals kurz an. Dann gingen sie. Wow, was für ein Erlebnis. Für mich war da mal wieder Gott im Spiel. Er schickte sie zu mir, weil er wusste, dass ich ihr helfen würde. Ganz ehrlich – ich brauchte aber auch sein Vertrauen, damit ich den Mut fand, ihr zu helfen. Und im Nachhinein denke ich sogar: „Was wären die 50 Euro schon gewesen?“ Auch wenn ich sie nicht mehr bekommen hätte – das gute Gefühl, das ich dann dabei hatte und insbesondere, als wir in Stuttgart ankamen, war faszinierend und neu und für sie bestimmt unbezahlbar!
Früher wäre ich eine Person auf dem Bahnsteig gewesen, die weggeschaut hätte. Ich kann gar nicht sagen, was mich dazu bewegt hat, ihr dieses Ticket zu kaufen. Irgendeine innere Stimme war da wieder in diesem Moment, die mir ein Signal gab: „Das Mädchen ist ehrlich. Es sieht vertrauenswürdig aus. Was kann schon passieren?“ Genau: Schlimmstenfalls wäre ich um 50 Euro ärmer gewesen, dafür um eine Erfahrung reicher.
Eine weitere Begegnung wenige Jahre später veränderte mein Leben nachhaltig.
Blind Date im Tal der sieben Mühlen
Ich biege auf den Parkplatz unter der Brücke ein und sehe einen großen schlanken Mann mir entgegenlaufen. „Das muss er sein“, denke ich und bin total aufgeregt. Ich suche mir einen Parkplatz, und bis ich das Auto abstelle, steht er, Jörg, auch schon neben mir – ich spüre, wie ich immer nervöser werde. „Nur nichts anmerken lassen“, sagt meine innere Stimme zu mir. Ich steige aus und stehe einem fast zwei Köpfe größeren, gut aussehenden Mann gegenüber. Er trägt ein weißes Hemd mit dunkelblauem, besetztem Kragen und Manschetten, eine ganz normale Durchschnitts-Jeans, das Hemd leger über dem Hosenbund, sowie weiß-grau-blaue Turnschuhe. Er hat einen pfiffigen Kurzhaarschnitt und ist sehr gut gebräunt im Gesicht mit zwei ganz unterschiedlichen Ohren, die zugegeben etwas abstehen – aber gerade das macht ihn sehr interessant! Er ist jetzt schon anders als andere. Er sieht aus, als käme er frisch aus dem Urlaub. Seine Sommersprossen zieren sein freundliches Gesicht, und um die Augen hat er ganz viele kleine Lachfältchen. Er strahlt mich an und umarmt mich, als würden wir uns schon ewig kennen. Dann drückt er mir einen Begrüßungskuss auf den Mund. „Oha, das geht aber schnell“, denke ich mir, doch ich wehre mich auch nicht, sondern erwidere diese offene und herzliche Art. Wir laufen in Richtung Mühle und Café, welches nicht wirklich weit entfernt ist. Dort angekommen, beschließen wir, noch nicht gleich einen Kaffee zu trinken, sondern diesen herrlichen Spätsommertag zu genießen und den Weg weiterzulaufen – es ist ein so herrlicher Nachmittag und die Sonne hat immer noch viel Kraft.
Wir unterhalten uns sehr angeregt über seinen Beruf, seine Arbeit und die Menschen, mit denen er zu tun hat und über die Studenten und eine Personalreferentin in der Firma, in der er arbeitet. Die erste Gemeinsamkeit stellte sich heraus: Auch ich hatte in meinem letzten Job mit Studenten zu tun und war Personalreferentin. Ich erzähle ihm von meinen Erfahrungen als Referentin und was ich jetzt beruflich gerade mache und erlebe. Es ist schon erschreckend, wie wir auf einer Wellenlänge sind. Wir kommen an der letzten Bank am Weg an und setzen uns in die Sonne. Es ist sehr warm, und mir ist heiß, die schwarze Kleidung fördert das Ganze noch, und die offenen Haare lassen mich im Gesicht schwitzen. Ich halte das nicht sehr lange aus und schlage vor, wieder zurück zur Mühle zu laufen und dort etwas zu trinken.
Wir kommen an dem Café an, und ich gehe die Treppen vor ihm hinauf in den Gastraum. Es ist drinnen alles belegt, und wir wollten sowieso eher draußen sitzen, also suchen wir uns einen schattigen Platz auf der Terrasse. Jörg sitzt mir gegenüber und schaut mich mit strahlenden Augen an, aber er hat auch gleichzeitig einen sehr prüfenden Blick, der auch etwas Kühles ausstrahlt. Ich bin mir noch nicht sicher, ob es nur eine Fassade ist oder ob hinter diesem Gesicht nicht doch ein ganz weicher Kern steckt. Aber ganz egal, was ich denke, es ist ein magischer Moment – für mich zumindest. Nun sitze ich hier mit diesem Mann, den ich gerade mal vor sieben Tagen im Internet kennengelernt habe und trinke mit ihm etwas. Verrückt!
Es brennt mir auf der Zunge, und ich muss diese Frage nun an ihn stellen: „Und wie ist dein erster Eindruck von mir?“ Dabei schauen wir uns ganz tief in die Augen. Jörg antwortet ganz kurz mit einem süffisanten Lächeln im Gesicht: „Sehr gut“ – und dann bin ich erst mal sprachlos. Doch die Stille hält nicht lange an, und Jörg erzählt mir seine Geschichte, warum er so ist, wie er ist, dabei erinnerte ich mich noch gut an seine Worte im Chat: „Wenn du meine Geschichte kennst, wirst du verstehen, warum ich vielleicht anders bin.“ Was heißt „anders sein“? Die Spannung ist nicht mehr auszuhalten, und endlich erzählt er mir seine Geschichte.
Ich höre ihm gespannt zu und bin schockiert und fasziniert zugleich. Welch eine Lebensfreude strahlt er doch aus – trotz seines Erlebnisses, das er hatte und mit dem er nun lebt. Während er diese Geschichte in klaren Worten und kurzen Sätzen schildert, bekomme ich eine heftige Gänsehaut, und es schaudert mir am ganzen Körper – ich kann diese Geschichte gar nicht glauben. Und hätte er das nicht erzählt, so würde ich es nicht merken, dass er das alles hinter sich gelassen hat. Unglaublich, was dieser Mann alles mitgemacht hat. Dabei ist er doch noch so jung – und um ein Haar wäre er heute nicht mehr da. Es würde der Welt ein lebensfroher Mensch fehlen. Ich weiß gar nicht, wie ich reagieren soll und höre ihm einfach nur zu. Unglaublich alles.
Meine „Gebrechen“ kommen mir danach wie Peanuts vor.
Doch noch eine weitere Frage beschäftigt mich, und ich stelle sie ihm ganz direkt: „Bist du verheiratet?“ Seine Antwort ist kurz und prägnant: „Ja, bin ich.“ Es kommt aus tiefster Entschlossenheit – als wolle er mir sagen: Daran werde ich auch nichts ändern. Aber warum war er dann auf der Suche nach einer Frau? Auch diese Frage stellte ich ihm. Nun meinte er: „Es ist eine Beziehung, die jedem seine Freiheiten lässt, und wir haben festgestellt, dass es den idealen Partner sowieso nicht gibt, und dann können wir auch auf dieser Basis eine Beziehung bzw. Ehe führen. Denn man soll niemals nie sagen. Und wer weiß, vielleicht treffe ich doch noch DIE Partnerin fürs Leben, und dann ist das eben so, das kann man nie wissen. Auch eine Ehe ist kein Versprechen für die Ewigkeit. Es kann jederzeit und überall passieren, dass man einen neuen Menschen kennenlernt, der der ist, mit dem man in 20 Jahren auf einer Bank sitzen wird und sagen kann: Schön, dass wir uns gefunden haben – ich möchte dich nicht mehr missen.“
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