Kitabı oku: «Der Frauenkrieg»

Yazı tipi:

Der Frauenkrieg

Alexandre Dumas

Inhaltsverzeichnis

I. Band

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel Chantilly

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

II. Band

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechtes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Impressum

I. Band

Erstes Kapitel

In einiger Entfernung von Libourne, der heiteren Stadt Südfrankreichs an der Dordogne, lag einst ein hübsches Dorf mit weißen Mauern und roten Dächern, halb verborgen unter Linden und Buchen, das später im Bürgerkrieg vernichtet wurde. Damals aber, zur Zeit unserer Geschichte, das heißt im Monat Mai des Jahres 1650, stand dieses Dorf, das Matifou hieß, noch in voller Blüte, und die Straße von Libourne nach Saint-André ging mitten durch die symmetrisch aneinander gereihten Häuser. Hinter einer von diesen Häuserreihen, etwa hundert Schritte entfernt, schlängelte sich der Fluß, dessen Breite und Stärke hier schon die Nähe des Meeres zu verkündigen anfängt.

Fünfhundert Schritte von dem Dorfe lag ein einzelnes Gebäude, welches das Auge des müden und erfrischungsbedürftigen Reisenden in ganz besonderem Maße erquickt hätte. Denn das goldene Kalb, das, auf rotes Blech gemalt, an einer Eisenstange ächzte, lud zum Weilen ein, und Meister Biscarros sorgte dafür, daß niemand, der dieser Einladung folgte, enttäuscht wurde.

An einem schönen Abende des erwähnten Monats stand er auf der Schwelle des Hauses, weiß gekleidet nach dem Gebrauche der Opferpriester aller Zeiten und aller Länder, und rupfte mit seinen erhabenen Händen Feldhühner und Wachteln, die er so gut zuzubereiten verstand und darum auch in allen Einzelheiten selbst besorgte.

Als das letzte Tageslicht geschwunden war, ließ sich der erste Gesang der Nachtigall in einem nahen Gesträuch vernehmen und bei den ersten Noten, die der Kehle des gefiederten Musikers entstiegen, begann Meister Biscarros ebenfalls zu singen, ohne Zweifel, um die Nachtigall zu begleiten. Infolge dieser musikalischen Nebenbuhlerschaft und der Aufmerksamkeit, die der Wirt seiner Arbeit schenkte, bemerkte er eine Truppe von sechs Reitern nicht, die am Ende des Dorfes Matifou erschien und nach seinem Gasthause vorrückte.

Aber ein Ausruf, der aus einem Fenster des ersten Stockes kam, sowie die schnelle, geräuschvolle Bewegung, mit der dieses Fenster geschlossen wurde, bewirkte, daß der würdige Gastwirt seine Nase in die Höhe reckte. Er sah nun den Reiter, der an der Spitze seiner Truppen auf ihn zukam, dabei aber stets vorsichtig um sich spähte und die Hand nicht von der Muskete ließ.

»Das ist ein vornehmer Herr, der mein Haus sucht,« sagte Biscarros; »der würdige Edelmann scheint aber kurzsichtig zu sein. Mein goldenes Kalb ist doch frisch gemalt, und das Schild springt bedeutend vor. Wir wollen uns ein wenig ins Licht stellen.«

Er pflanzte sich also mitten auf der Straße auf, wo er fortfuhr, das Geflügel mit Gebärden voll Erhabenheit und Majestät zu rupfen.

Diese Bewegung brachte die vom Wirt erwartete Wirkung hervor. Kaum erblickte ihn der Reiter, als er gerade auf ihn zuritt und mit höflicher Begrüßung zu ihm sagte: »Um Vergebung, Meister Biscarros, habt Ihr nicht auf dieser Seite eine Truppe bewaffneter Leute gesehen?«

Biscarros fühlte sich im höchsten Grade geschmeichelt, als er seinen Namen nennen hörte, und grüßte ebenfalls aufs freundlichste. Es war ihm entgangen, daß der Fremde mit einem Blicke, den er auf sein Gasthaus warf, den Namen und die Eigenschaft auf dem Schilde gelesen hatte.

»Was bewaffnete Leute betrifft, mein Herr,« antwortete er nach kurzem Nachdenken, »so habe ich nur einen Edelmann und seinen Reitknecht gesehen. Sie kehrten vor ungefähr einer Stunde bei mir ein.«

»Ah, ah!« sagte der Fremde, das Kinn eines bartlosen und dennoch bereits männlichen Gesichtes streichelnd, »ah, ah! ein Edelmann und sein Reitknecht befinden sich in Eurem Wirtshause, und beide bewaffnet, behauptet Ihr?«

»Mein Gott, ja, mein Herr. Soll ich diesem Edelmann sagen lassen, daß Ihr ihn zu sprechen wünscht?«

»Nein,« versetzte der Fremde. »Einen Unbekannten zu stören, wäre unschicklich, besonders wenn dieser Unbekannte von Stande ist. Nein, nein, Meister Biscarros, habt nur die Güte, ihn mir zu schildern oder vielmehr zu zeigen, ohne daß er mich sieht.«

»Ihn zu zeigen ist schwierig, mein Herr, da er sich selbst zu verbergen scheint; denn er schloß sein Fenster in dem Augenblick, wo Ihr und Eure Gefährten auf der Straße sichtbar wurdet; ihn zu schildern ist viel leichter. Es ist ein kleiner, blonder, zarter junger Mensch, kaum sechzehn Jahre alt und scheint gerade die nötige Kraft zu haben, um den Hofdegen zu tragen, der an seinem Wehrgehänge befestigt ist.«

Die Stirn des Fremden faltete sich unter dem Schatten einer Erinnerung.

»Sehr gut,« sagte er, »ich weiß, was Ihr sagen wollt, ein junger Mensch, blond, von weiblichem Aussehen, auf einem Berber reitend und gefolgt von einem alten Reitknecht, der so steif ist, wie der Piquebube. Die suche ich nicht.«

»Nun, in Erwartung dessen, den der Herr sucht und der hier vorbeikommen muß, weil es nur eine Straße gibt, könnte der Herr bei mir eintreten und mit seinen Gefährten eine Erfrischung einnehmen.«

»Ich danke; ich kann nicht mehr als Euch danken und Euch bitten, mir zu sagen, wieviel Uhr es sein mag.«

»Es schlägt soeben sechs Uhr im Dorfe, mein Herr; hört Ihr den schweren Klang der Glocke?«

»Wohl. Nun noch einen letzten Dienst, Herr Biscarros.«

»Mit Vergnügen.«

»Sagt mir gefälligst, wie ich mir einen Nachen und einen Schiffer verschaffen könnte.«

»Um über den Fluß zu setzen?«

»Nein, um darauf spazieren zu fahren.«

»Nichts leichter. Der Fischer, der mir meine Fische liefert, hat jetzt sein Tagewerk vollbracht und sitzt ohne Zweifel beim Essen. Ihr könnt von hier aus seine Barke an den Weiden, ganz da unten neben der Ulme, angebunden sehen. Sein Haus ist hinter jenem Weidengebüsch verborgen. Ihr findet ihn sicher bei Tische.«

»Ich danke, Meister Biscarros, ich danke,« sagte der Fremde, gab seinen Gefährten ein Zeichen ihm zu folgen, ritt rasch nach den Bäumen zu und klopfte an die bezeichnete Hütte. Die Frau des Fischers öffnete. Der Fischer saß, wie Meister Biscarros gesagt hatte, bei Tische.

»Nimm deine Ruder,« sagte der Reiter, »und folge mir. Es ist ein Taler zu verdienen.«

Der Fischer stand hastig auf.

»Wollt Ihr zum Fort Vayres hinabfahren?« fragte er.

»Nein. Ihr sollt mich nur bis mitten in den Fluß führen und einige Minuten mit mir da bleiben.«

Der Fischer machte große Augen. Da aber ein Taler zu verdienen war und er zwanzig Schritte hinter dem Reiter, der geklopft hatte, die Gesichter seiner Gefährten erblickte, so machte er keine Schwierigkeiten. Er erwiderte also schleunig, er stehe mit seiner Barke und seinen Rudern zu Diensten.

Die kleine Truppe rückte nun zum Flusse vor, und während der Fremde bis an den Rand des Wassers ritt, hielt sie auf der Höhe der Böschung still und stellte sich, ohne Zweifel aus Furcht vor einem Überfall, so auf, daß sie nach allen Seiten sehen konnte.

Der Fremde, ein großer, blonder, bleicher, junger Mann, von gescheitem Gesicht, – wenn auch ein dunkler Kreis seine blauen Augen umgab und ein zynischer Ausdruck seine Lippen umschwebte, – untersuchte sorgfältig seine Pistolen, steckte seine Muskete in das Bandelier, ließ einen langem Raufdegen in der Scheide spielen und heftete seine Blicke aufmerksam auf das entgegengesetzte Ufer.

»Nun,« sagte er dann ungeduldig zu seinen als Wachen aufgestellten Gefährten, »kommt er? Seht Ihr ihn rechts oder links, hinten oder vorn erscheinen?«

»Ich glaube,« erwiderte einer der Männer, »ich sehe eine schwarze Gruppe auf dem Wege von Isou; aber ich bin meiner Sache noch nicht ganz gewiß, denn die Sonne blendet mich. Halt! ja, ja, so ist es. Einer, zwei, drei, vier, fünf Männer; ein goldbordierter Hut und ein blauer Mantel. Es ist der Bote, den wir erwarten; er hat zu größerer Sicherheit ein Geleit mitgenommen.«

»Er hat recht gehabt,« antwortete phlegmatisch der Fremde. »Nimm mein Pferd, Ferguzon.«

Der, an den dieser Befehl in einem halb freundschaftlichen, halb gebietenden Tone gerichtet war, beeilte sich zu gehorchen und stieg an der Böschung hinab. Mittlerweile sprang der Fremde vom Pferde, warf dem andern in dem Augenblick, wo er sich ihm näherte, den Zügel zu und schickte sich an, in den Nachen zu gehen.

»Höre,« sagte Ferguzon und legte ihm seine Hand auf den Arm, »keine unnütze Verwegenheit, Cauvignac; bemerkst du die geringste verdächtige Bewegung seinerseits, so jage ihm eine Kugel durch den Kopf. Du siehst, der listige Gevatter führt eine ganze Truppe mit sich.«

»Ja, sie ist aber weniger stark als die unsrige. Außer der Überlegenheit des Mutes haben wir noch die der Anzahl, und es ist somit nichts zu befürchten. Ah! man sieht bereits ihre Köpfe.«

»Wie werden sie es machen?« sagte Ferguzon, »sie können sich keinen Nachen verschaffen. Doch wohl, dort findet sich einer wie durch ein Zauberwerk.«»Er gehört meinem Vetter, dem Fährmanne von Isou, dem Dorfe dort drüben,« sagte der Fischer.

»Gut, der Blaumantel schifft sich ein,« sagte Ferguzon; »wahrhaftig allein, streng nach den Bedingungen des Vertrags.«

»Wir wollen ihn nicht warten lassen,« versetzte der Fremde, sprang ebenfalls in das Fahrzeug und machte dem Fischer ein Zeichen, sich an seinen Posten zu begeben.

»Wohl aufgepaßt, Roland!« rief Ferguzon, »der Fluß ist breit. Nähere dich nicht zu sehr dem entgegengesetzten Ufer, denn du könntest eine Ladung von ihren Musketen bekommen, die wir nicht zurückzugeben vermöchten. Halte dich möglichst weit diesseits.«

Der andere, den Ferguzon bald Roland, bald Cauvignac genannt hatte, machte ein Zeichen mit dem Kopf.

»Fürchte nichts,« sagte er. »Wird hier eine Unklugheit begangen, so geschieht es nicht von meiner Seite. Vorwärts!«

Der Fischer band sein Seil los, stieß seinen langen Bootshaken in die Erde, und die Barke fing an, sich vom Ufer zu entfernen; zu gleicher Zeit ging die Schaluppe des Fährmanns von Ison vom entgegengesetzten Ufer ab.

In der Mitte des Flusses war eine kleine Verpfählung, die sich drei Fuß über das Wasser erhob, und darüber wehte eine weiße Fahne, welche die langen Transportschiffe, die auf der Dordogne herankamen, vor einer gefährlichen Felsbank warnte.

Die Ruderer sagten sich, hier könne die Zusammenkunft der Parlamentäre stattfinden, und lenkten ihre Fahrzeuge deshalb in dieser Richtung. Der Fährmann von Ison kam zuerst an Ort und Stelle und band auf Befehl seines Passagiers sein Schiff an einen der Verpfählungsringe.

In diesem Augenblick wandte sich der andere Fischer seinem Reisenden zu, um dessen Befehle einzuholen; er war aber nicht wenig erstaunt, als er in seiner Barke einen verlarvten und in seinen Mantel eingewickelten Menschen fand.

Die Angst, die ihn nie verlassen hatte, verdoppelte sich jetzt und er fragte nur stammelnd die fremde Person um ihre Befehle.

»Binde deinen Kahn an dieses Holz,« sagte Cauvignac, die Hand nach einem der Pfähle ausstreckend, »so nahe als möglich dem Schiffe jenes Herrn.«

Der Ruderer gehorchte, und durch die Strömung Bord an Bord gelegt, erlaubten die Barken den zwei Bevollmächtigten, folgende Unterredung zu eröffnen.

Zweites Kapitel

»Wie? Ihr seid verlarvt, mein Herr?« fragte zugleich erstaunt und trotzig der mit dem Fährmann von Ison Angekommene, ein dicker Mann von ungefähr fünf- bis achtundfünfzig Jahren, mit finsterem, starrem Raubvogelauge und grauwerdendem Schnurr- und Kinnbart. Er hatte zwar keine Maske vorgenommen, aber wenigstens seine Haare und sein Gesicht so gut als möglich unter einem betreßten Hute und seine Kleider und seinen Körper unter einem langen blauen Mantel verborgen.

Die Person näher betrachtend, die ihn angeredet hatte, konnte sich Cauvignac nicht enthalten, sein Erstaunen durch eine unwillkürliche Bewegung zu verraten.

»Nun, mein Herr?« fragte der alte Edelmann, »was habt Ihr?«

»Nichts, mein Herr; ich hätte beinahe das Gleichgewicht verloren. Aber ich glaube, Ihr erwieset mir die Ehre, das Wort an mich zu richten; was sagtet Ihr?« – »Ich fragte, warum Ihr verlarvt seid?«

»Die Frage ist freimütig, und ich beantworte sie mit derselben Freimütigkeit: ich habe mich verlarvt, um mein Gesicht zu verbergen.«»Ich kenne es also?« – »Ich glaube nicht; aber hättet Ihr es einmal gesehen, so könntet Ihr es später wiedererkennen? was wenigstens meiner Meinung nach ganz unnütz ist.«

»Ihr seid offen.«

»Ja, wenn mir meine Offenheit keinen Schaden bringen kann.«

»Und diese Offenherzigkeit, geht so weit, daß Ihr die Geheimnisse anderer enthüllt?« – »Ja, wenn mir diese Enthüllung etwas einbringen kann.«

»Ihr treibt da ein sonderbares Geschäft.«

»Zum Teufel, man tut, was man kann. Ich bin nach und nach Advokat, Arzt, Soldat und Parteigänger gewesen. Ihr seht, daß es mir nicht an Gewerben fehlt.«

»Und was seid Ihr gegenwärtig?« – »Ich bin Euer Diener,« sagte der junge Mann und verbeugte sich mit geheuchelter Ehrfurcht.

»habt Ihr den fraglichen Brief?« – »Habt Ihr das verlangte Blankett?« – »Hier ist es.«

»Wollen wir austauschen?«

»Noch einen Augenblick; Eure Rede gefällt mir, und ich wünschte dieses Vergnügen nicht so bald zu verlieren.«

»Meine Rede gehört, wie ich selbst, ganz Euch; sprechen wir also, wenn es Euch angenehm ist.«

»Wollt Ihr, daß ich in Euern Nachen hinüberkomme, oder zieht Ihr es vor, in den meinigen zu steigen, damit wir in dem frei werdenden Schiff unsere Ruderer entfernt halten können?«

»Unnötig, mein Herr, Ihr sprecht ohne Zweifel eine fremde Sprache?« – »Ich spreche Spanisch.«

»Ich auch, unterhalten wir uns also in dieser Sprache, wenn es Euch beliebt.«

»Vortrefflich! Welcher Grund bewog Euch, dem Herzog von Epernon die Untreue der fraglichen Dame zu enthüllen?«»Ich wollte diesem würdigen Herrn einen Dienst leisten und mich bei ihm in Gunst setzen.«

»Ihr grollt also Fräulein von Lartigues?« – »Ich? ganz im Gegenteil, ich habe sogar, ich muß es gestehen, einige Verbindlichkeiten gegen sie, und es würde mir sehr leid tun, wenn ihr ein Unglück widerführe.«

»Der Baron von Canolles ist also Euer Feind?« – »Ich habe ihn nie gesehen, ich kenne ihn nur dem Rufe nach, und es ist nicht zu leugnen, er gilt allgemein für einen galanten Kavalier und tapferen Edelmann.«

»Es ist also kein Haß, der Euch zu Eurer Handlungsweise antreibt?« – »Pfui doch! wenn ich einen Haß gegen den Baron von Canolles hätte, so würde ich ihn auf einen Gang Pistolen oder Degen bitten, und er ist zu sehr ein Ehrenmann, um je eine Partie dieser Art auszuschlagen.«

»Ich muß mich also an das halten, was Ihr mir gesagt habt?« – »Das wird, glaube ich, das beste sein.«

»Wohl, Ihr habt also den Brief, der die Untreue des Fräuleins von Lartigues beweist?« – »Hier ist er! Es ist das zweitemal, daß ich ihn Euch zeige.«

Der alte Edelmann warf von fern einen traurigen Blick auf das feine Papier, durch das die Buchstaben schienen.

Der junge Mann entfaltete langsam den Brief.

»Ihr erkennt wohl die Handschrift, nicht wahr?« – »Ja.«

»Dann gebt mir das Blankett, und Ihr bekommt den Brief.«

»Sogleich! Erlaubt Ihr noch eine Frage?« – »Sprecht!« – »Wie habt Ihr Euch dieses Billett verschafft?« – »Das will ich Euch wohl sagen. Es ist Euch nicht unbekannt, daß dem Herzog von Epernon seine etwas verschwenderische Regierung in Guienne große Verlegenheiten zugezogen hat?« – »Weiter.«

»Es ist Euch nicht unbekannt, daß Herrn von Mazarin seine furchtbar geizige Regierung in der Hauptstadt große Verlegenheiten zugezogen hat?« – »Was haben Herr von Mazarin und Herr von Epernon bei dieser Sache zu tun?«

»Wartet: Herr von Mazarin führt in diesem Augenblick Krieg für die Königin. Außerdem führen aber noch acht andere Parteien für andere Interessen den Krieg. So kam mir der Gedanke, keine Partei zu wählen, sondern der zu folgen, zu der ich mich im Augenblick hingezogen fühle. Alles ist daher bei mir eine Sache des Augenblicks. Was sagt Ihr zu diesem Gedanken?« – »Er ist sehr geistreich.«

»Ich sammelte demzufolge eine Armee; Ihr seht sie am Ufer der Dordogne aufgestellt.«

»Fünf Mann, beim Teufel!«

»Es ist einer mehr, als Ihr selbst habt, es wäre also sehr unrecht von Euch, sie zu verachten.«

»Äußerst schlecht gekleidet,« fuhr der alte Edelmann fort, der sehr übler Laune und folglich zur Geringschätzung geneigt war. »Kommen wir aber auf Euch zurück,« murrte er, »ich habe nichts mit Euren Leuten zu tun.«

»Nun wohl, indes wir Krieg auf meine Rechnung führten, begegneten wir dem Einnehmer des Bezirkes, der, den Beutel Seiner Majestät füllend, von Dorf zu Dorf ging. Solange nur noch eine einzige Steuer einzuziehen übrig blieb, gaben wir ihm ein treues Geleite, und als ich seinen Sack so dick werden sah, hatte ich redlich gestanden große Lust, mich zur Partei des Königs zu schlagen. Aber die Ereignisse verwickeln sich teufelmäßig; eine Regung übler Laune gegen Herrn von Mazarin, die Klagen, die wir von allen Seiten gegen den Herzog von Epernon hörten, machten, daß wir in uns gingen. Wir dachten, es spreche viel, sehr viel für die Prinzen, und wahrhaftig, wir ergriffen ihre Partei mit allem Eifer. Der Einnehmer schloß seine Runde mit dem vereinzelten Häuschen, das Ihr da unten halb unter Pappeln und Adamsfeigenbäumen verborgen seht.«»Es ist Nanons!« murmelte der Edelmann, »ja, ich sehe es!«

»Wir lauerten auf ihn, als er herauskam, wir folgten ihm, wie wir es seit fünf Tagen taten, wir setzten etwas unterhalb Saint-Michel mit ihm über die Dordogne, und als wir mitten im Flusse waren, teilte ich ihm unsere politische Bekehrung mit und ersuchte ihn mit aller Höflichkeit, uns das Geld zuzustellen, das er bei sich hatte. Könnt Ihr wohl glauben, mein Herr, daß er sich weigerte? Meine Gefährten durchwühlten nun seine Taschen, und da er so schrie, daß ein Skandal daraus hätte entstehen können, so hielt ihn mein Leutnant, ein talentvoller Junge, einen Fuß unter dem Wasser, nicht weiter. Der Einnehmer schrie nicht mehr, oder besser gesagt, man hörte ihn wenigstens nicht mehr schreien. Wir konnten uns also im Namen des Prinzen alles Geldes bemächtigen, das er bei sich führte, und ebenso auch der Korrespondenz, die man ihm übergeben hatte. Ich gab das Geld meinen Soldaten, die, wie Ihr sehr richtig bemerktet, dessen bedurften, um sich neu zu equipieren, und behielt die Papiere, darunter auch dieses hier. Es scheint, der gute Einnehmer diente Fräulein von Lartigues als galanter Merkur.«

»In der Tat,« murmelte der alte Edelmann, »er war, wenn ich mich nicht täusche, eine Kreatur Nanons. Und was ist aus diesem Elenden geworden?«

»Ah, Ihr sollt sehen, ob wir wohlgetan haben, diesen Elenden, wie Ihr ihn nennt, in das Wasser zu tauchen; sonst hätte er sicherlich die ganze Erde in Aufruhr gebracht; denn denkt Euch, als wir ihn aus dem Flusse zogen, war er, obgleich er kaum eine Viertelstunde darin verweilt hatte, vor Wut gestorben.«

»Ja, aber dann ist ja Herr von Canolles nicht in Kenntnis gesetzt und wird daher nicht zu dem Stelldichein kommen?«

»Oh! nur Geduld, ich führe den Krieg gegen die Mächte und nicht gegen Privatleute. Herr von Canolles hat ein Duplikat von dem Briefe bekommen, der ihn einlud. Nur glaubte ich, die eigene Handschrift habe einigen Wert, und behielt sie.«

»Was wird er denken, wenn er die Handschrift nicht erkennt?«

»Die Person, die ihn zu sehen wünscht, habe sich aus größerer Vorsicht der Hilfe einer fremden Hand bedient.«

Der Fremde betrachtete Cauvignac mit einer gewissen Bewunderung, die er dieser mit Geistesgegenwart gepaarten Unverschämtheit zollte.

Er wollte sehen, ob es kein Mittel gäbe, den Verwegenen einzuschüchtern.

»Aber die Regierung, aber die Nachforschungen,« sagte er, »denkt Ihr nicht zuweilen daran?«

»Die Nachforschungen?« versetzte der junge Mann lachend, »ah, ja wohl! Herr von Epernon hat ganz anderes zu tun, als Nachforschungen anzustellen; und dann habe ich Euch ja gesagt, daß das, was ich tat, geschehen sei, um mich bei ihm in Gunst zu setzen. Er wäre also sehr undankbar, wenn er mir diese nicht bewilligte.«

»Ich verstehe nicht ganz,« erwiderte der alte Edelmann ironisch. »Euch, der nach eigenem Geständnisse die Partei des Prinzen ergriffen hat, ist der seltsame Gedanke gekommen, Herrn von Epernon einen Dienst zu leisten?«

»Das ist die einfachste Sache von der Welt; die Einsicht der Papiere, die ich bei dem Einnehmer vorfand, hat mich von der Reinheit der Absichten des Königs oder vielmehr seines Ministers, Herrn von Mazarin, und seines Statthalters, des Herzogs von Epernon, überzeugt. Hier ist also die gute Sache, und deshalb habe ich für die gute Sache Partei ergriffen.«

»Das ist ein Räuber, den ich hängen lassen werde, wenn er je in meine Hände fällt,« brummte der alte Edelmann und zog dabei an den krausen Haaren seines Schnurrbarts. »Was werdet Ihr mit dem Blankett machen, das Ihr von mir fordert?« fuhr er laut fort.

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich einen Entschluß hierüber gefaßt habe. Ich forderte ein Blankett, weil es das Bequemste, das Tragbarste, das Elastischste von der Welt ist. Wahrscheinlich werde ich es für irgendeinen außerordentlichen Umstand aufbewahren; Möglicherweise verschleudere ich es auch in der nächsten besten Laune, die mir in den Kopf kommt; vielleicht lege ich es Euch schon vor Ende dieser Woche vor; vielleicht gelangt es auch erst in drei bis vier Monaten mit einem Dutzend von Indossenten wie ein umgehender Wechsel zu Euch. Aber seid unbesorgt, jedenfalls werde ich es nicht zu etwas mißbrauchen, worüber wir, Ihr und ich, zu erröten hätten, so etwas kann man als Edelmann nicht tun.«

»Ihr seid Edelmann?« – »Ja, mein Herr, und zwar einer von den besten.«

»Dann lasse ich ihn rädern,« murmelte der Unbekannte; »das soll ihm sein Blankett einbringen.«

»Seid Ihr entschlossen, mir das Blankett zu geben?« – »Ich muß wohl.«

»Ich nötige Euch nicht, wohlverstanden. Es ist ein Tausch, den ich Euch vorschlage. Behaltet Euer Papier, und ich behalte das meinige.«

»Den Brief!« – »Das Blankett!«

Und er streckte mit einer Hand den Brief aus, während er mit der andern eine Pistole spannte.

»Laßt Eure Pistole in Ruhe,« sagte der Fremde und öffnete seinen Mantel, »denn ich habe auch Pistolen, und zwar ebenfalls gespannte.«

»Hier ist Euer Brief.«

Der Austausch der Papiere wurde nun vorgenommen, und jede der beiden Parteien prüfte stillschweigend, mit Muße und Aufmerksamkeit, was man ihr zugestellt habe.

Da beide nach dem entgegengesetzten Ufer als das, von dem sie gekommen waren, zu gelangen wünschten, machte der Fremde dem Fährmann ein Zeichen, seine Barke loszubinden und ihn auf das andere Ufer in der Richtung eines Gebüsches zu führen, das sich bis an die Straße ausdehnte.

Der junge Mann erwartete vielleicht irgendeinen Verrat und erhob sich halb, um ihm mit den Augen zu folgen, die Hand stets an seine Pistole gelegt und bereit, bei der geringsten verdächtigen Bewegung Feuer auf den Fremden zu geben. Aber dieser ließ sich nicht einmal herbei, das Mißtrauen, dessen Gegenstand er war, zu bemerken, sondern kehrte dem jungen Manne den Rücken zu, begann den Brief zu lesen und war bald gänzlich in die Lektüre versunken.

»Erinnert Euch wohl des Augenblicks,« rief Cauvignac, »es ist heute abend um acht Uhr.«

Der Fremde antwortete nicht und schien nicht einmal gehört zu haben.

»Ah,« sagte Cauvignac leise und mit sich selbst sprechend, während er beständig den Kolben seiner Pistole streichelte, »bedenkt man, daß ich jetzt die Erbfolge des Gouverneurs von Guienne eröffnen und dem Bürgerkrieg Einhalt tun könnte! Aber ist der Herzog von Epernon tot, wozu soll mir dann sein Blankett nützen, und ist der Bürgerkrieg geendigt, wovon soll ich leben? In der Tat, es gibt Augenblicke, wo ich glaube, daß ich ein Narr werde! Es lebe der Herzog von Epernon! Es lebe der Bürgerkrieg! Vorwärts, Schiffer, an deine Ruder, wir wollen rasch nach dem rechten Ufer steuern und diesen würdigen Herrn nicht lange auf seine Eskorte warten lassen.«

Drittes Kapitel

Eine halbe Stunde nach der soeben von uns erzählten Szene öffnete sich dasselbe Fenster, das so rasch geschlossen worden war, vorsichtig wieder, und auf das Gesims dieses Fensters lehnte sich, nachdem er zuvor aufmerksam rechts und links geschaut hatte, mit dem Ellenbogen ein junger Mensch, von sechzehn bis achtzehn Jahren in schwarzer Kleidung und mit bauschigen Manschetten. Ein feines, gesticktes Batisthemd trat stolz aus seinem Leibrocke hervor und fiel wellenförmig auf seine mit Bändern überladenen Beinkleider. Seine kleine, zierliche, fleischige Hand zerknitterte ungeduldig damlederne, auf den Nähten gestickte Handschuhe. Ein perlgrauer Filzhut, der sich an seinem Ende unter der Krümmung einer herrlichen blauen Feder bog, beschattete seine langen goldschimmernden Haare, die ein ovales Gesicht mit weißer Hautfarbe, rosigen Lippen und schwarzen Brauen umgaben. Aber dieses anmutige Ganze, das aus dem jungen Manne einen der reizendsten Kavaliere machen mußte, war für den Augenblick durch einen Ausdruck übler Laune verdüstert, die ohne Zweifel von vergeblichem Warten herrührte, denn der junge Mann befragte mit seinen weit geöffneten Augen die in der Ferne bereits in den Abendnebel getauchte Landstraße.

In seiner Ungeduld schlug er seine linke Hand mit den Handschuhen. Bei dem Lärm schaute der Wirt, der seine Feldhühner vollends gerupft hatte, empor, nahm seine Mütze ab und fragte: »Um welche Stunde werdet Ihr zu Nacht speisen, gnädiger Herr? Man erwartet nur Eure Befehle, um aufzutragen.«

»Ihr wißt wohl, daß ich nicht allein zu Nacht speise und daß ich einen Gefährten erwarte,« versetzte der Gefragte. »Wenn Ihr ihn kommen seht, könnt Ihr Euer Mahl auftragen lassen.«

Mit diesen Worten zog sich der Jüngling in sein Zimmer zurück, ließ einen Augenblick seine Stiefel auf dem Boden klingen, ging aber bei dem entfernten Geräusche von Pferdetritten, das er gehört zu haben glaubte, abermals an das Fenster.

»Endlich,« rief er, »endlich ist er da, Gott sei gelobt!« Er sah wirklich jenseits des Gebüsches, wo die Nachtigall sang, den Kopf eines Reiters erscheinen. Zu seinem Erstaunen aber erwartete er vergebens, der Reiter würde dem Wege folgen. Der Ankömmling zog sich nach rechts, drang ins Gehölz, oder vielmehr sein Hut versank darin, ein sicherer Beweis, daß er abgestiegen war. Einen Augenblick nachher gewahrte der Beobachter durch die vorsichtig auf die Seite geschobenen Zweige eine graue Kasake und den Blitz eines der letzten Strahlen der untergehenden Sonne, der sich auf dem Lauf einer Muskete spiegelte.

Der junge Mann blieb in Gedanken versunken an seinem Fenster. Der in dem Gehölz verborgene Reiter war offenbar nicht der Gefährte, den er erwartete, und der Ausdruck von Ungeduld, der sein Gesicht zusammenzog, machte einem Ausdruck der Neugierde Platz.

Bald zeigte sich ein zweiter Hut an der Biegung der Straße; sofort zog sich der junge Mann so weit zurück, daß er nicht mehr gesehen werden konnte.

Dieselbe graue Kasake, dasselbe Manöver des Pferdes, dieselbe glänzende Muskete. Der zweite richtete an den, der zuerst gekommen war, einige Worte, die unser Beobachter der Entfernung wegen nicht hören konnte, und, zweifellos von seinem Gefährten unterrichtet, drang er in die mit dem Gehölz parallel liegende Baumgruppe, stieg ebenfalls vom Pferd, kauerte sich hinter einen Felsen und wartete.

Von seinem erhöhten Standpunkt aus sah der junge Mann den Hut über dem Felsen; neben dem Hut funkelte ein leuchtender Punkt, das Ende des Musketenlaufes.

»Oh, oh!« fragte sich der Beobachter, »ist es auf mich oder auf die tausend Louisdor, die ich bei mir trage, abgesehen? Aber nein, wenn Richon kommt und ich mich noch heute auf den Weg begebe, so gehe ich nach Libourne und nicht nach Saint-André. Folglich komme ich nicht an dem Orte vorüber, wo diese Burschen sich verborgen halten. Wenn nur mein alter Pompée da wäre, ich könnte ihn um Rat fragen. Aber wenn ich mich nicht täusche, ja, wahrhaftig, hier erscheinen noch zwei Männer, sie stoßen zu den andern. Ei, ei, das sieht ganz aus wie ein Hinterhalt.«

Der junge Mann trat einen Schritt zurück.

In diesem Augenblick erschienen wirklich zwei Menschen auf dem Wege. Aber diesmal hatte nur einer von ihnen die graue Kasake an. Der andere ritt einen mächtigen Rappen, war in einen großen Mantel gehüllt, trug einen verbrämten Filzhut mit weißer Feder, und man sah unter dem Mantel, den der Abendwind emporhob, eine reiche Stickerei glänzen, die sich über einen orangefarbenen Leibrock hinschlängelte.

Soeben verschwand die Sonne, und ihre letzten Strahlen ließen die Fensterscheiben eines hübschen Hauses erglänzen, das etwa hundert Schritte vom Flusse und zwischen den Zweigen einer dichten Baumgruppe verborgen, von dem jungen Menschen sonst nicht bemerkt worden wäre. So beobachtete er, daß die Blicke der Spione sich abwechselnd dem Eingange des Dorfes und dem kleinen Hause mit den funkelnden Fensterscheiben zuwandten. Weiter sah er, daß die grauen Kasaken die größte Achtung vor der weißen Feder zu haben schienen, mit der sie nur mit entblößtem Haupte sprachen, und endlich, daß eine Frau, als eines der erleuchteten Fenster sich öffnete, auf dem Balkon erschien, sich einen Augenblick vorbeugte, als ob sie ebenfalls jemand erwartete, und sich dann, ohne Zweifel aus Furcht, gesehen zu werden, wieder zurückzog.

Es war nicht schwer zu erkennen, daß die Bewaffneten das kleine Haus bewachten, und es war wahrscheinlich, daß sie und die Frau dieselbe Person, aber in ganz verschiedener Absicht, erwarteten.

In dem Augenblick, wo der junge Mann in seinem Innern diese Reihenfolge von Schlüssen vollendete, wurde die Tür seines Zimmers geöffnet, und Meister Biscarros trat ein.

»Mein lieber Wirt,« sagte der junge Mann, ohne dem Wirt Zeit zu lassen, das Wort zu ergreifen: »Wer bewohnt jenes kleine Haus dort?«

»Eine junge Dame, die sich für eine Witwe ausgibt und die der Schatten ihres ersten und vielleicht auch ihres zweiten Gatten von Zeit zu Zeit besucht. Nur ist zu bemerken, daß sich diese beiden Schatten ohne Zweifel verständigen, denn sie kommen nie zu gleicher Zeit.«

»Und seit wann,« fragte lächelnd der junge Mann, »bewohnt die schöne Witwe das vereinzelte, wie es scheint, so bequeme Haus?«

»Seit ungefähr zwei Monaten. Sie lebt jedoch sehr zurückgezogen, und ich glaube, es kann sich niemand rühmen, sie seit diesen zwei Monaten gesehen zu haben; denn sie geht äußerst selten aus, und wenn sie ausgeht, nur verschleiert. Ein reizendes Zöfchen kommt jeden Morgen zu mir und bestellt die Speisen für den Tag. Man bringt sie zu ihr, sie empfängt die Platten im Hausflur, bezahlt die Rechnung ohne zu knausern und schließt die Tür unmittelbar vor der Nase des Kellners. Diesen Abend zum Beispiel findet dort ein Mahl statt, und für sie bereitete ich die Wachteln und Feldhühner, die Ihr mich rupfen saht.«

»Und wen bewirtet sie?« – »Ohne Zweifel einen von den zwei Schatten, von denen ich vorhin sprach.«

»Habt Ihr diese Schatten gesehen?«

»Der eine ist der eines Mannes von sechzig bis fünfundsechzig Jahren, und dieser sieht mir aus, als wäre er der des ersten Gatten, denn er kommt wie einer, der des Vorzugs seiner Rechte sicher ist. Der andere ist der eines jungen Mannes, von sechs- bis achtundzwanzig Jahren. Dieser ist, muß ich gestehen, etwas schüchterner und hat ganz das Aussehen einer gefolterten Seele. Ich wollte auch wetten, es ist der des zweiten Gatten.«

»Um welche Zeit sollt Ihr dem Befehle gemäß das Abendessen heute liefern?« – »Um acht Uhr.«

»Es ist halb acht,« sagte der junge Mann, eine sehr schöne Uhr, die er bereits wiederholt befragt hatte, aus seiner Tasche ziehend. »Ihr habt also keine Zeit zu verlieren.«

Nachdem noch der Jüngling den Wirt wegen seiner eigenen Mahlzeit, die ihm wenig am herzen liege, beruhigt hatte, entfernte sich Biscarros.

»Ah, nun begreife ich alles,« sagte der junge Mann zu sich selbst und nahm neugierig wieder seinen Posten am Fenster ein. »Die junge Name erwartete irgend, einen, der von Libourne kommen muß, und die Männer im Gehölz wollen mit ihn anbinden, ehe er Zeit gehabt hat, an die Tür zu klopfen.«

In derselben Minute und wie um die Worte des scharfsichtigen Beobachters zu rechtfertigen, ließ sich der Tritt eines Pferdes auf der Linken vernehmen. Rasch wie der Blitz prüfte das Auge des jungen Mannes das Gehölz, und er glaubte trotz der Dunkelheit aus der heftigen Bewegung der Zweige die Aufregung der dort Harrenden zu erkennen und den harten Klang vom Spannen einer Muskete zu vernehmen. Da wandte er sich rasch nach der Seite von Libourne und sah einen jungen Menschen mit heiterer Siegermiene, den Arm in der Hüfte, herantraben, dessen kurzer, mit weißem Atlas gefütterter Mantel anmutig die rechte Schulter freiließ. Vorn erschien dieses Gesicht voll Eleganz, voll weicher Poesie und freudigen Stolzes; in der Nähe zeigte es seine Linien, einen belebten Teint, glühende. Augen, einen durch die Gewohnheit des Lächelns halb geöffneten Mund, einen zarten schwarzen Schnurrbart und kleine weiße Zähne. Ein triumphierendes Schwingen der Reitpeitsche, ein kurzes Pfeifen, wie es damals modern war, ließ in dem Ankömmling einen vollendeten Kavalier nach den am, französischen Hofe bestehenden Ritterschaftsgesetzen erkennen.

Fünfzig Schritte hinter ihm kam ein anmaßender und aufgeblasener Lakai, der einen nicht minder ausgezeichneten Rang unter den Bedienten, wie sein Herr unter den Edelleuten einzunehmen schien.

Der schöne Jüngling konnte sich beim Gedanken an die vorstehende Gewalttat eines Bebens nicht erwehren und rief, einer raschen Aufwallung nachgebend, dem schönen Reisenden zu: »Hollah! mein Herr, haltet an, bitte, denn ich habe Euch etwas Wichtiges mitzuteilen.«

Bei dieser Stimme und bei diesen Worten hob der Reiter den Kopf empor und hielt, als er den jungen Mann am Fenster sah, sein Pferd mit einer Handbewegung an, die dem besten Stallmeister Ehre gemacht hätte.

»Haltet Euer Pferd nicht an, mein Herr,« fuhr der junge Mann fort, »nähert Euch mir im Gegenteil, als ob es ohne besondere Absicht geschähe und wie wenn Ihr mich kenntet.«

Der Reisende zögerte einen Augenblick; als er aber an der Miene dessen, der zu ihm sprach, wahrnahm, daß er es mit einem jungen Edelmann von guter Haltung und schönem Antlitz zu tun hatte, nahm er den Hut in die Hand und ritt lächelnd vor.

»Hier bin ich zu Euern Diensten, mein Herr,« sagte er, »was steht zu Befehl?«

Mit wenigen Worten teilte der Jüngling dem Kavalier seine Mitteilungen mit, und dieser wußte auch sofort, wer der Anführer im Gehölz war, der mit seinen Stock- und Musketenträgern seiner harrte. Er forderte seinen jungen Warner auf, ihm mit dem Degen in der Hand, gegen seine Widersacher zu Hilfe zu kommen, und ließ sich, nachdem jener die Einladung fast mit Schrecken zurückgewiesen hatte, nur durch den Hinweis, daß es sich um die Ehre einer Frau handle, abhalten, allein den Strauß zu wagen.

»Ihr habt recht,« sagte hierauf der Reiter, »obgleich es sich bei diesem Verhältnis nicht gerade um die Ehre, sondern um das Glück handelt. Castorin, mein Freund,« fuhr er, sich an seinen Lakaien wendend, fort, »wir gehen für den Augenblick nicht weiter.«

»Wie!« rief Castorin, in seinen Hoffnungen ebensosehr getäuscht, wie sein Gebieter, »was sagte der gnädige Herr?«

»Ich sage, Mademoiselle Francinette wird diesen Abend des Glücks dich zu sehen beraubt sein, weil wir die Nacht im Gasthof zum Goldenen Kalb zubringen. Gehe also hinein, bestelle ein Abendessen und laß mir ein Bett bereiten.«

Sodann stieg der Reiter ab, warf seinem Lakaien die Zügel zu und war mit zwei Sprüngen vor dem Zimmer des jungen Edelmannes, der, als er plötzlich seine Tür aufgehen sah, sich einer Mischung von Verwunderung und Furcht nicht erwehren konnte, die jedoch der Ankömmling wegen der Dunkelheit nicht wahrnahm.

»Also,« sagte der Reisende, sich heiter dem jungen Manne nähernd und herzlich seine Hand schüttelnd, die man ihm möglichst schnell entzog, »also es ist abgemacht, ich verdanke Euch das Leben.«

»Ah, Herr, Ihr übertreibt den Dienst, den ich Euch geleistet habe,« entgegnete der Jüngling und machte einen Schritt rückwärts.

»Nein, keine Bescheidenheit, es ist, wie ich Euch sage. Ich kenne den Herzog von Epernon, er ist ein verdammt roher Geselle. Ihr aber seid ein Muster von Scharfsichtigkeit, ein Ausbund christlicher Menschenliebe. Doch sagt mir, da Ihr so liebenswürdig und so mitleidig seid, habt Ihr Eure Güte so weit getrieben, auch Kunde bis in das Haus gelangen zu lassen?«

»In welches Haus?« – »In das Haus, wohin ich mich begeben wollte, wo man mich erwartet.«

»Nein,« sagte der junge Mann, »ich gestehe, ich dachte nicht daran, und hätte ich auch daran gedacht, so hätten mir doch keine Mittel zu Gebot gestanden. Ich bin selbst erst seit zwei Stunden hier und kenne niemand in jenem Hause.«

»Ah, Teufel!« rief der Reisende mit einer Regung von Unruhe. »Arme Nanon, wenn ihr nur nichts geschieht!«

»Nanon! Nanon von Lartigues!« rief der junge Mann erstaunt.

»Ah! Wißt Ihr denn alles?« sagte der Reisende. »Sehet zu, daß Euch nicht das Parlament wegen Zauberei verbrennt.«

»Diesmal werdet, Ihr zugestehen,« versetzte der junge Mann, »daß nicht viel Witz dazu gehörte, um Euch auf die Fährte zu kommen. Sobald Ihr den Herzog von Epernon als Euren Nebenbuhler genannt hattet, war es offenbar, daß die Nanon, die Ihr nanntet, Nanon von Lartigues sein mußte, die Schöne, die Reiche, die durch ihren Geist Glänzende, die den Herzog behext hat und in seiner Statthalterschaft regiert, weshalb sie von der ganzen Guienne beinahe ebensosehr verflucht wird, wie er selbst. Und Ihr wart auf dem Wege zu dieser Frau?« fuhr der Jüngling im Tone des Vorwurfs fort.

»Wahrhaftig, ich gestehe es, und da ich sie einmal genannt habe, so verleugne ich sie nicht. Überdies wird Nanon verkannt und verleumdet. Sie ist eine reizende Person und ihren Versprechungen äußerst getreu, solange sie ein Vergnügen darin findet, sie zu halten, und dem, den sie liebt, treu ergeben, solange sie ihn liebt. Ich sollte diesen Abend mit ihr speisen, aber der Herzog hat den Fleischtopf umgeworfen. Wünscht Ihr, daß, ich Euch morgen bei Nanon vorstelle? Zum Teufel! der Herzog wird wohl früher oder später nach Agen zurückkehren müssen.«

»Ich danke,« erwiderte der junge Edelmann mit trockenem Tone, »Ich kenne Fräulein von Lartigues nur dem Namen nach und wünsche sie nicht anders kennen zu lernen.«

»Ihr habt bei Gott unrecht. Nanon ist in jeder Beziehung ein gutes Mädchen.«

Der junge Mann faltete die Stirn.

»Ah, um Vergebung,« versetzte der Reisende erstaunt, »aber ich glaubte, in Eurem Alter ...«

»Mein Alter ist allerdings das, in dem man dergleichen Vorschläge gewöhnlich annimmt,« versetzte der Jüngling, als er die üble Wirkung bemerkte, die sein strenges Wesen hervorbrachte, »und ich würde ihn ebenfalls gern annehmen, wäre ich nicht hier auf der Durchreise und genötigt, meinen Weg noch in dieser Nacht fortzusetzen.«

»Oh! bei Gott, Ihr werdet wenigstens nicht gehen, bevor ich weiß, wer der edle Ritter ist, der mir auf eine so zuvorkommende Weise das Leben gerettet hat.«

Der junge Mann schien zu zögern; dann, nach einem Augenblick, sagte er: »Ich bin der Vicomte von Cambes.«

»Ah, ah!« rief der andere, »ich hörte von einer reizenden Vicomtesse von Cambes sprechen, die eine bedeutende Anzahl von Gütern rings um Bordeaux besitzt und die Freundin der Frau Prinzessin ist.«

»Das ist meine Verwandte,« sagte der Jüngling lebhaft.

»Wahrhaftig, ich mache Euch mein Kompliment, Vicomte, denn man nennt sie unvergleichlich. Ich hoffe, wenn mich die Gelegenheit in dieser Hinsicht begünstigt, werdet Ihr mich bei ihr vorstellen. Ich bin der Baron von Canolles, Kapitän im Regiment Navailles, und benütze im Augenblick einen Urlaub, den mir der Herzog von Epernon auf Empfehlung des Fräulein von Lartigues bewilligt hat.«

»Der Baron von Canolles!« rief der Vicomte und schaute ihn mit der ganzen Neugierde an, die der in den galanten Abenteuern jener Zeit berühmte Name bei ihm erweckte.

»Ihr kennt mich?« – »Nur dem Rufe nach.«

»Dem schlimmen Rufe nach, nicht wahr? Was wollt Ihr? Jeder folgt seiner Natur, und ich, ich liebe das bewegte Leben.«

»Es steht Euch vollkommen frei, mein Herr, zu leben, wie es Euch zusagt. Erlaubt mir jedoch eine Bemerkung.« – »Welche?« – »Es wird hier eine Frau Euretwegen furchtbar gefährdet, und der Herzog wird sich dafür, daß er durch Euch hintergangen worden ist, rächen.«

Es bedurfte nur dieses einen Wortes, den Baron alle seine Geisteskräfte anspannen zu lassen, um seiner gefährdeten Geliebten Hilfe zu bringen, das heißt, sie zunächst von der Gefahr zu benachrichtigen. Schnell entwarf er den Plan, durch die Hintertür des Gasthofs sich zu entfernen und an die Hintertür von Nanons Hause zu pochen. Der besonnene Vicomte wies ihn aber auf das Bedenkliche und Gefährliche dieses Planes hin und schlug seinerseits vor, der Baron von Cambes solle einen Brief schreiben und diesen durch seinen Lakaien zu Nanons Hause tragen lassen.

»Ich will meinen Kopf verlieren,« rief der Baron erfreut, »wenn Castorin den Auftrag nicht vortrefflich vollzieht, um so mehr, als ich vermute, daß der Bursche ein Einverständnis im Hause hat.«

Unverzüglich ließ er sich Tinte, Feder und Papier geben und schrieb folgenden Brief an Nanon von Lartigues.

»Liebe Dame!

»Hundert Schritte von Eurer Tür könnt Ihr, wenn Euch die Natur die Fähigkeit verliehen hat, in der Nacht zu sehen, in einer Baumgruppe den Herzog von Epernon erblicken, der mich erwartet, um mich totschießen zu lassen und Euch hernach furchtbar zu kompromittieren. Aber ich wünsche ebensowenig das Leben zu verlieren, wie Euch Eure Ruhe verlieren zu lassen. Bleibt also unbesorgt, Ich meinerseits will ein wenig den Urlaub benützen, den Ihr mir neulich auswirktet, damit ich Euch besuchen könnte. Wohin ich gehe, weiß ich nicht, und ich weiß sogar nicht, ob ich überhaupt irgendwohin gehe. Wie dem sein mag, ruft Euren Flüchtling zurück, sobald der Sturm vorüber ist. Man wird Euch im Goldenen Kalbe sagen, welchen Weg ich eingeschlagen habe. Hoffentlich werdet Ihr mir für das Opfer Dank wissen, das ich mir auferlege. Eure Interessen sind mir teurer, als mein Vergnügen. Ich sage mein Vergnügen, denn es hätte mir Freude gemacht, Herrn von Epernon und seine Henkersknechte unter ihrer Verkleidung durchzuprügeln. Glaubt also, liebe Seele, daß ich Euer ergebener, und vor allem sehr treuer Diener bin.«

Canolles unterzeichnete, diese gascognische Prahlerei, deren Wirkung auf die Gascognerin Nanon er kannte, rief dann seinen Bedienten und beauftragte diesen, das Billett, ohne daß es sonst jemand bemerkte, durch die Hintertür seiner Francinette zu überreichen, damit diese es ihrer Herrin übergebe.

Castorin ging wie der Blitz. Aber unten an der Treppe blieb er stillstehen und steckte das Billett gegen alle Regel oben in seinen Stiefel; dann entfernte er sich durch die, Tür des Geflügelhofes, machte einen langen Umweg, klopfte an die geheime Tür auf die besondere zwischen ihm und Nanons Zofe verabredete Art, und dieses Klopfen war auch so wirksam, daß die Tür sich sogleich öffnete.

Zehn Minuten nachher kam Castorin, ohne daß ihm irgend etwas Mißliches begegnet war, zurück und meldete seinem Herrn, das Billett sei in die schönen Hände Fräulein Nanons übergeben worden.

Canolles hatte diese zehn Minuten benutzt, um seinen Mantelsack zu öffnen, seinen Schlafrock herauszunehmen und sich den Tisch decken zu lassen. Er hörte Castorins Bericht mit großer Befriedigung, machte einen Gang in die Küche, gab mit lauter Stimme seine Befehle und gähnte unmäßig, wie ein Mensch, der ungeduldig den Augenblick des Schlafengehens erwartet. Ließ der Herzog von Epernon ihn belauern, so sollte er auf den Glauben kommen, er, Canolles, habe nie die Absicht gehabt, weiter als bis zu dem Gasthause zu gehen. Dieser Plan hatte wirklich das von dem Baron gewünschte Resultat; ein Mensch, der einem Bauern glich und im dunkelsten Winkel der Wirtsstube ein Glas Wein trank, rief den Kellner, bezahlte seine Zeche, stand auf und entfernte sich, ein Lied trällernd. Canolles folgte ihm an die Tür und sah, wie er sich nach der Baumgruppe wandte. Zehn Minuten nachher hörte er den Tritt mehrerer Pferde; der Hinterhalt war aufgehoben.

Der Baron kehrte nun zurück, und da er um Nanon durchaus keine Sorgen mehr hatte, so dachte er nur daran, den Abend auf die vergnüglichste Weise zuzubringen. Er befahl demzufolge Castorin, Karten und Würfel bereit zu legen und, als hierfür gesorgt war, zu dem Vicomte von Cambes zu gehen und nachzufragen, ob er ihm wohl die Ehre erweisen würde, ihn zu empfangen.

Castorin gehorchte und fand auf der Schwelle des Zimmers einen alten Reitknecht mit weißen Haaren, der die Tür halb geöffnet hielt und auf sein Kompliment mit verdrießlicher Miene antwortete: »Unmöglich, der Herr Vicomte hat in diesem Augenblick Geschäfte.«

»Sehr gut,« sagte Canolles, »ich werde warten.«

Und als er von der Küche her ein gewaltiges Geräusch vernahm, begab er sich, um die Zeit zu vertreiben, dorthin, und sah nach, was sich in diesem wichtigen Teile des Hauses ereignete.

Es war der arme Küchenjunge, der mehr tot als lebendig zurückkehrte. An der Biegung des Weges war er von vier Männern angehalten worden, die ihn über den Zweck seines nächtlichen Spazierganges befragten und auf seine Erklärung, er habe der Dame des vereinzelten Hauses ein Nachtessen zu bringen, ihn seiner Mütze, seines weißen Wamses und seiner Schürze beraubten. Der Jüngste von den vier Männern zog sodann diese Standesabzeichen an, nahm den Korb auf seinen Kopf und setzte den Weg nach dem kleinen Hause fort. Zehn Minuten nachher kehrte er zurück und besprach sich ganz leise mit dem, welcher der Anführer der Truppe zu sein schien. Tann gab man dem Küchenjungen sein Wams, seine Mütze und seine Schürze zurück, setzte ihm seinen Korb wieder auf den Kopf und ließ ihn, der vor Schrecken halbtot war, laufen.

Dieses Abenteuer war für alle völlig unverständlich, außer für Canolles. Da dieser aber seinen Grund hatte, eine Erläuterung darüber zu geben, so ließ er Wirt, Kellner, Mägde und Küchenjungen sich in Vermutungen verlieren und ging zu dem Vicomte hinauf. Er öffnete in der Voraussetzung, daß die erste Anfrage ihn einer zweiten Einleitung entbinde, die Tür ohne weiteres und trat ein.

Eine beleuchtete und mit zwei Decken versehene Tafel stand mitten im Zimmer und erwartete, um vollständig zu sein, nur die Platten, mit denen sie geschmückt werden sollte.

Canolles bemerkte die beiden Gedecke und betrachtete sie als ein freudiges Vorzeichen.

Als ihn aber der Vicomte erblickte, stand er mit einer so ungestümen Bewegung auf, daß man leicht sehen konnte, der Besuch habe den jungen Mann überrascht und das zweite Gedeck sei nicht, wie er sich anfangs geschmeichelt hatte, für ihn bestimmt.

Dieser Zweifel wurde durch die ersten Worte bestätigt, die der Vicomte an ihn richtete.

»Darf ich wohl fragen, Herr Baron,« sagte er, stets zeremoniös gegen ihn vorschreitend, »welchem neuen Umstände ich die Ehre Eures Besuches zu verdanken habe?«

»Ei,« erwiderte Canolles, etwas verblüfft durch diesen sonderbaren Empfang, »einem ganz natürlichen Umstand. Ich bekam Hunger und dachte, Ihr müßtet ihn auch haben. Ihr seid allein, ich bin auch allein und wollte die Ehre haben, Euch den Vorschlag zu machen, mit mir zu Nacht zu speisen.«

Der Vicomte schaute Canolles mit sichtbarem Mißtrauen an und schien einigermaßen in Verlegenheit zu sein, wie er ihm antworten sollte.

»Bei meiner Ehre,« sagte Canolles lachend, »man sollte glauben, Ihr habt Angst vor mir. Seid Ihr Malteserritter? Bestimmt man Euch für die Kirche, oder hat Euch Eure Familie im Abscheu vor den Canolles aufgezogen?... Bei Gott, ich werde Euch nicht in einer einzigen Stunde, die wir miteinander bei Tische zubringen, zu Grunde richten!«

»Ich kann unmöglich zu Euch hinabkommen, Baron.«

»Gut, so kommt nicht herab, aber da ich zu Euch heraufgekommen bin...«

»Noch viel unmöglicher, mein Herr. Ich erwarte jemand.«

Diesmal wurde Canolles aus dem Sattel gehoben. »Ah! Ihr erwartet jemand?« sagte er.

»Ja.«

»Wahrhaftig,« sagte Canolles nach kurzem Stillschweigen, »es wäre mir lieber, Ihr hättet mich auf jede Gefahr hin meinen Weg fortsetzen lassen, statt durch den Widerwillen, den Ihr gegen mich an den Tag legt, den Dienst zu verderben, den Ihr mir leistetet, und für den ich Euch nicht genug gedankt zu haben scheine.«

Der Jüngling errötete, näherte sich Canolles und sagte mit zitternder Stimme: »Um Vergebung, mein Herr, ich begreife meine ganze Unhöflichkeit, und wenn es nicht wichtige Angelegenheiten, Familienangelegenheiten, wären, die ich mit der Person zu besprechen habe, die ich erwarte, so würde ich es mir zugleich zur Ehre und zum Vergnügen schätzen, Euch als Dritten zu empfangen.«

Ungeachtet dieser Worte und trotz des Entschlusses, sich nun zu entfernen, zog sich Canolles doch nicht zurück. Irgend etwas, worüber er sich keine Rechenschaft geben konnte, fesselte ihn an den Boden. Er fühlte sich unwiderstehlich zu dem Vicomte hingezogen; aber dieser nahm eine Kerze, näherte sich Canolles, reichte ihm die Hand und sagte mit anmutsvollem Lächeln: »Mein Herr, wie es auch sein mag, und so kurz unser Zusammentreffen auch gewesen ist, so glaubt mir doch, daß es mich entzückt, wenn ich Euch zu irgendetwas nützlich gewesen bin.«

Canolles sah nur das Kompliment; er nahm die Hand, die ihm der Vicomte darreichte und die, statt den männlichen, freundschaftlichen Dank zu erwidern, sich lau und zitternd zurückzog. Er begriff, daß der Abschied, den ihm der junge Mann gab, trotz seiner Höflichkeit nichtsdestoweniger als ein Abschied betrachtet werden mußte, und entfernte sich, gänzlich in seinen Hoffnungen getäuscht und sehr in Gedanken versunken.

An der Tür begegnete er dem zahnlosen Lächeln des alten Dieners, der die Kerze aus den Händen des Vicomte nahm, Canolles untertänig bis an sein Zimmer begleitete und dann sogleich wieder zu seinem Herrn hinaufstieg, der ihn oben an der Treppe erwartete.

»Was macht er?« fragte der Vicomte mit leiser Stimme.

»Ich glaube, er entschließt sich, allein zu Nacht zu speisen,« antwortete Pompée.

»Dann wird er nicht mehr heraufkommen.«

»Ich hoffe es wenigstens.«

»Bestelle die Pferde, Pompée, es ist immerhin gewonnene Zeit. Aber,« fügte der Vicomte horchend bei, »was für ein Lärm ist das?« – »Man sollte glauben, es wäre Herrn Richons Stimme.«

»Und die des Herrn von Canolles.«

»Sie zanken sich, wie es scheint.«

»Im Gegenteil, sie erkennen sich. Hört!«

»Wenn nur Richon nicht schwatzt!«

»Oh, es ist nichts zu fürchten, er ist ein umsichtiger Mann.«

»Still...«

Die Horcher schwiegen, und man vernahm Canolles' Stimme.

»Zwei Gedecke, Meister Biscarros!« rief der Baron, »zwei Gedecke! Herr Richon speist mit mir.«

»Nein, wenn es Euch gefällig ist,« antwortete Richon, »Unmöglich!«

»Ah! Ihr wollt also allein zu Nacht speisen, wie der junge Edelmann?« – »Welcher Edelmann?«

»Der da oben.«

»Wie heißt er?« – »Vicomte von Cambes.«

»Kennt Ihr den Vicomte?« – »Bei Gott! er hat mir das Leben gerettet.«

»Er?« – »Ja, er.«

»Wieso?« – »Speist mit mir zu Nacht, und ich erzähle Euch die Geschichte während des Mahles.«

»Ich kann nicht; ich speise mit ihm.«

»In der Tat, er erwartet jemand.«

»Das bin ich, und da ich bereits zu spät komme, so erlaubt Ihr mit, daß ich Euch verlasse, nicht wahr, Baron?«

»Nein, Donner und Teufel! ich erlaube es nicht!« rief Canolles. »Ich habe mir in den Kopf gesetzt, in Gesellschaft zu speisen, und Ihr eßt mit mir, oder ich esse mit Euch. Meister Biscarros, zwei Gedecke!«

Aber während Canolles sich umwandte, um zu sehen, ob dieser Befehl vollzogen werde, hatte Richon die Treppe erreicht und stieg rasch die Stufen hinauf. Als er auf die letzte Stufe gelangte, begegnete seine Hand einer kleinen Hand, die ihn in das Zimmer des Vicomte von Cambes zog, dessen Tür sich hinter ihm schloß und durch zwei Riegel gesichert wurde.

»In der Tat,« murmelte Canolles, während er vergeblich mit seinen Augen den verschwundenen Richon suchte und sich an seinen einsamen Tisch setzte, »in der Tat, ich weiß nicht, was man in dieser verfluchten Gegend gegen mich hat. Die einen laufen mir nach, um mich zu töten, die andern fliehen mich, als ob ich die Pest hätte. Beim Teufel, mein Appetit stirbt dahin. Ich fühle, daß ich traurig werde, und bin fähig, mich zu betrinken wie ein Landsknecht. Hollah, Castorin, hierher, damit ich dich durchprügle! Sie schließen sich da oben ein, als ob sie sich verschwören wollten! Ah, doppelter Ochs, der ich bin, in der Tat, sie konspirieren! Ja, damit erklärt sich alles. Nun denn, Castorin, laß auftragen und schenke mir ein; ich verzeihe dir.«

Während er sich darein ergibt, sein Mahl einsam zu verzehren, wollen wir sehen, was inzwischen bei Nanon von Lartigues vorging.

Nanon war, was ihre Feinde auch gesagt und geschrieben haben mögen, zu jener Zeit ein reizendes Geschöpf von fünf- bis sechsundzwanzig Jahren, klein von Wuchs, mit brauner Haut, aber mit geschmeidigem, anmutigem Wesen, mit lebhaften, frischen Farben, mit tiefschwarzen Augen, deren durchsichtige Hornhaut in allen Regenbogenfarben, in allen Lichtern und Funken spielte, wie die der Katzen. Heiteren Angesichts, scheinbar lachend, war Nanon doch weit entfernt, ihren Geist allen Launen, allen Nichtswürdigkeiten hinzugeben, die mit tollen Arabesken den seidenen und goldenen Einschlag sticken, aus dem gewöhnlich das Leben einer Petite-Maitresse sich zusammenwebt. Reiflich und lange in ihrem eigensinnigen Kopf abgewogen, nahmen im Gegenteil die ernsthaftesten Erörterungen ein im höchsten Grad verführerisches Äußere an, wenn sie sich durch ihre vibrierende Stimme mit dem stark gascognischen Akzent vernehmbar machten. Niemand hätte unter dieser rosigen Maske mit den seinen, lachenden Zügen, unter diesem glühenden Blicke voll wollüstiger Versprechungen die unermüdliche Beharrlichkeit, die unüberwindliche Standhaftigkeit und Tiefe des Staatsmannes erraten, und dennoch waren Nanons Eigenschaften oder Fehler, je nachdem man sie von der Vorderseite oder von der Rückseite der Medaille betrachten will, dennoch war dies der berechnende Geist, das ehrgeizige Gemüt, dem ein Körper voll Eleganz als Hülle diente.

Nanon war von Agen. Der Herzog von Epernon, der Sohn des unzertrennlichen Freundes von Heinrich IV., hatte, zum Gouverneur der Guienne ernannt, wo sein hochmütiges Wesen, seine Anmaßungen und seine Erpressungen ihn allgemein verhaßt machten, dieses unbedeutende Bürgermädchen, die Tochter eines einfachen Advokaten, ausgezeichnet. Er machte, ihr den Hof und siegte mit großer Mühe und nach einer Verteidigung, die mit der Geschicklichkeit eines großen Taktikers ausgehalten wurde, der seinen Sieger den Preis des Sieges fühlen lassen will. Aber als Lösegeld für ihren nun verlorenen Ruf beraubte Nanon den Herzog seiner Macht und seiner Freiheit. Nach einer sechsmonatlichen Verbindung mit dem Gouverneur der Guienne regierte sie die schöne Provinz und gab allen, die sie einst verletzt oder gedemütigt hatten, die empfangenen Beleidigungen mit Wucher heim. Königin aus Zufall, wurde sie Tyrannin aus Berechnung. Bei ihrem feinen Geist hatte sie das Vorgefühl, daß man die wahrscheinliche Kürze der Herrschaft durch die gewissenloseste Ausnutzung ersetzen müsse.

Sie bemächtigte sich demzufolge alles dessen, was in ihren Bereich kam, riß Schätze, Einfluß, Ehrenstellen an sich, Sie wurde reich, sie vergab die Ämter und empfing die Besuche von Mazarin und den ersten Herren des Hofes. Sie besaß schließlich ein Vermögen von zwei Millionen.

Sie hatte wohl gefühlt, wie der Volkshaß flutähnlich stieg und mit seinen Wellen gegen die Machtstellung des Herrn von Epernon anprallte, der, an einem Tage des Zorns von Bordeaux vertrieben, Nanon mit sich zog, wie die Barke dem Schiffe folgt. Nanon beugte sich unter dem Sturme, bereit, sich wiederzuerheben, sobald der Sturm vorübergegangen wäre. Sie nahm Herrn von Mazarin zum Muster und trieb die Politik des gewandten, geschmeidigen Italieners. Der Kardinal bemerkte diese Frau, die durch dieselben Mittel, die ihn selbst zum ersten Minister und zum Besitzer von fünfzig Millionen gemacht haben, sich hob und bereicherte. Er bewunderte die kleine Gascognerin; er tat noch mehr, er ließ sie gewähren. Man wird vielleicht später erfahren, warum.

Die Bekanntschaft zwischen Nanon und Canolles hatte sich auf die natürlichste Weise gebildet. Canolles, Leutnant im Regiment Navailles, wollte Kapitän werden. Er mußte daher an Herrn von Epernon, den kommandierenden General, schreiben. Nanon las den Brief, sie antwortete wie gewöhnlich, im Glauben, sie behandle eine Geschäftssache, und bewilligte Canolles eine Zusammenkunft in diesem Sinne. Canolles wählte unter seinen Familienjuwelen einen prachtvollen Ring, der wenigstens fünfhundert Pistolen wert war – es war dies immer noch minder teuer, als sich eine Kompanie zu kaufen – und begab sich sodann zu der Zusammenkunft. Aber der Sieger Canolles, dem sein prunkhafter Ruf von Liebesglück voranging, machte diesmal die fiskalischen Berechnungen des Fräulein von Lartigues zu Schanden. Es war das erstemal, daß er Nanon sah, es war das erstemal, daß Nanon ihn sah. Sie waren beide jung, schön und geistreich. Die Zusammenkunft ging in gegenseitigen Artigkeiten hin, von dem Geschäfte war mit keiner Silbe die Rede, und dennoch wurde das Geschäft abgemacht. Am andern Morgen erhielt Canolles sein Kapitänspatent, und als der kostbare Ring von seinem Finger an Nanons überging, war es nicht mehr der Preis des befriedigten Ehrgeizes, sondern das Pfand glücklicher Liebe.

Als Nanon mit dem Herzog aus Bordeaux weichen mußte und der Pöbel sie in ihrem vergoldeten Wagen am liebsten zerrissen hätte, wählten sie das kleine Landhaus als Aufenthaltsort für Nanon, bis man ihr ein Haus in Libourne eingerichtet hätte. Canolles erhielt einen Urlaub, scheinbar, um einige Familienangelegenheiten in der Heimat abzumachen, in Wirklichkeit aber, um sein Regiment verlassen zu können, das nach Agen zurückgekehrt war, und um sich nicht zu weit von Matifou zu entfernen, wo seine beschützende Gegenwart notwendiger wurde, als je. Die Ereignisse wurden nämlich beunruhigend ernst. Die Gefangennahme der Prinzen von Condé, von Conti und Longueville bot den vier oder fünf Parteien, die damals Frankreich zerrissen, einen vortrefflichen Vorwand zum Bürgerkriege. Der Widerwille des Volkes gegen den Herzog von Epernon, von dem man wußte, daß er ganz und gar dem Hofe angehörte, wuchs immer mehr, obgleich man hätte meinen sollen, er könnte nicht mehr zunehmen. Eine von allen Parteien gewünschte Katastrophe stand nahe bevor. Nanon verschwand wie die Vögel, die den Sturm kommen sehen, vom Horizont und kehrte in ihr Blätternest zurück, um das Ereignis abzuwarten.

Sie gab sich für eine Witwe aus, welche die Einsamkeit sucht; als solche hatte sie auch, wie man sich erinnern wird, Meister Biscarros bezeichnet.

Herr von Epernon war also am Tage vorher zu der reizenden Einsiedlerin gekommen und hatte ihr angekündigt, er würde eine achttägige Rundreise antreten. Sobald er sich entfernt hatte, schickte Nanon durch den Einnehmer, ihren Günstling, ein Wort an Canolles, der sich während seines Urlaubs in der Gegend aufhielt. Nur verschwand dieses Wort im Original, wie wir erzählt haben, unter den Händen des Boten. Der sorglose Baron beeilte sich, der Einladungsabschrift Folge zu leisten, als ihn der Vicomte von Cambes vierhundert Schritte von seinem Ziele zurückhielt.

Das übrige ist bekannt.

Als Nanon, die Canolles wie eine liebende Frau, das heißt zehnmal in der Minute ans Fenster eilend, erwartete, Canolles' Billett erhielt, war sie wie vom Blitze getroffen.

Sie liebte Canolles sehr, aber bei ihr war der Ehrgeiz ein Gefühl, das der Liebe gleich kam, und wenn sie den Herzog verlor, verlor sie nicht nur ihr zukünftiges Glück, sondern vielleicht auch alles, was das frühere Glück ihr gebracht hatte. Doch sie war eine Frau von Kopf; sie löschte zuerst die Kerze, die ihren Schatten hätte zeigen können, und lief ans Fenster. Es war die höchste Zeit. Vier Männer näherten sich dem Hause, von dem sie nur noch etwa zwanzig Schritte entfernt waren. Der Mann mit dem Mantel ging voraus, und in ihm erkannte sie ganz genau den Herzog. In diesem Augenblick trat Francinette mit einem Licht in der Hand ein. Nanon warf einen Blick der Verzweiflung auf den Tisch, auf die zwei Gedecke, auf die zwei Fauteuils, auf die zwei gestickten Kopfkissen, die ihr freches Weiß auf dem karmoisinroten Grund der Damastvorhänge ausbreiteten, endlich auf das appetitliche Nachtnegligé, das mit allen diesen Vorbereitungen so gut im Einklang stand.

»Ich bin verloren,« dachte sie.

Aber beinahe in demselben Augenblick kam diesem feinen Geiste ein Gedanke, und ein Lächeln umschwebte ihre Lippen. Rasch wie der Blitz ergriff sie, das für Canolles bestimmte einfache Kristallglas und warf es, in den Garten, zog aus einem Etui den goldenen Becher mit dem Wappen des Herzogs, legte neben den Teller sein Gedeck von Vermeil, lief dann, zwar kalt vor Schrecken, aber mit einem in Eile gebildeten Lächeln, die Stufen hinab und erreichte die Tür in dem Augenblick, wo ein ernster, feierlicher Schlag daran ertönte.

Francinette wollte öffnen, aber Nanon ergriff sie beim Arme, stieß sie auf die Seite und sagte mit dem raschen Blicke, der bei ertappten Frauen den Gedanken so gut ersetzt:

Der Herzog ist es, den ich erwarte, und nicht Herr von Canolles.«

Dann zog sie selbst die Riegel zurück und warf sich dem Manne mit der Weißen Feder, der die wildeste Miene machte, die ihm zu Gebote stand, um den Hals.

»Ah!« rief Nanon, »mein Traum hat mich also nicht getäuscht. Kommt, mein lieber Herzog, Ihr sollt bedient werden, wir speisen sogleich zu Nacht.«

Epernon war ganz verblüfft; da jedoch die Liebkosungen einer hübschen Frau immer etwas Angenehmes haben, so ließ er sich küssen. Sogleich erinnerte er sich aber wieder, welche niederschmetternde Beweise er gegen sie besaß, und sagte: »Einen Augenblick, mein Fräulein, erklären wir uns gefälligst!«

Und er machte mit der Hand den Männern, die ihm folgten, ein Zeichen. Sie wichen ehrfurchtsvoll zurück, jedoch ohne sich gänzlich zu entfernen; er trat allein mit ernstem, abgemessenem Schritte in das Haus

»Was habt Ihr denn, mein lieber Herzogs« sagte Nanon mit einer so gut geheuchelten Heiterkeit, daß man sie hatte für natürlich halten sollen. »Habt Ihr vielleicht das letzte Mal, da Ihr hierher kamet, etwas vergessen, daß Ihr Euch so ängstlich nach allen Seiten umschaut?«

»Ja,« sagte der Herzog, »ich habe vergessen, Euch zu sagen, daß ich kein Dummkopf bin, und da ich vergessen habe, Euch das zu sagen, so komme ich in Person zurück, um es Euch zu beweisen.«»Ich begreife Euch nicht, Monseigneur,« erwiderte Nanon mit der ruhigsten, offensten Miene. »Ich bitte, erklärt Euch.«

Der Blick des Herzogs heftete sich auf die zwei Fauteuils, ging von diesen auf die Gedecke und dann auf die zwei Kopfkissen über. Auf diesen verharrten seine Augen länger, und die Röte des Zornes stieg ihm ins Gesicht.

Nanon hatte dies alles vorhergesehen und erwartete den Erfolg der Prüfung mit einem Lächeln, das ihre perlenweißen Zähne enthüllte. Nur glich dieses Lächeln einem Nervenzucken, und diese Zähne würden wohl geklappert haben, hätte nicht die Furcht sie aneinander geschlossen. Der Herzog wandte seinen zornigen Blick auf sie zurück.

»Ich warte immer noch auf Monseigneur,« sagte Nanon mit anmutiger Verbeugung.

»Monseigneurs Belieben,« antwortete er, »besteht darin, daß Ihr mir erklären sollt, was dieses Abendessen bedeuten soll.«

»Ich hatte, wie gesagt, einen Traum, der mir ankündigte, daß Ihr, obgleich Ihr mich gestern verlassen, doch heute zurückkommen würdet. Meine Träume täuschen mich nie. Ich ließ also ein Abendessen nach Eurem Geschmack bereiten.«

Der Herzog machte eine Grimasse, die ein ironisches Lächeln darstellen sollte.

»Und diese Kopfkissen?« sagte er.

»Sollte Monseigneur im Sinne haben, zum Nachtlager nach Libourne zurückzukehren? Dann hätte mein Traum gelogen, denn er kündigte mir an, Monseigneur würde bleiben.«

Der Herzog machte eine zweite Grimasse, die noch bezeichnender war, als die erste.

»Und dieses reizende Negligé Madame? Und diese ausgezeichneten Wohlgerüche?«

»Es ist eins von denen, die ich anzuziehen Pflege, wenn ich Monseigneur erwarte. Diese Wohlgerüche kommen von den Säckchen Peau d'Espagne, die ich meine Schränke lege, und die Monseigneur, wie er mir oft gesagt hat, allen andern Odeurs vorzieht, weil es auch der Lieblingsgeruch der Königin ist.«

»Ihr erwartetet mich also?« fuhr der Herzog mit ironischem Lachen fort.

»Ah, Monseigneur,« sagte Nanon, ebenfalls die Stirn faltend, »Gott vergebe mir! ich glaube, Ihr habt Lust in die Schränke zu schauen. Solltet Ihr etwa eifersüchtig sein?«

Der Herzog nahm eine majestätische Miene an.

»Eifersüchtig, ich? o nein! Gott sei Dank! ich habe diese Lächerlichkeit nicht an mir. Alt und reich, weiß ich natürlich wohl, daß ich getäuscht werden muß; aber denen, die mich täuschen, will ich wenigstens beweisen, daß ich mich nicht von ihnen hintergehen lasse.«

»Und wie werdet Ihr ihnen dies beweisen?« sagte Nanon. »Ich bin begierig, es zu erfahren,«

»Oh, das wird nicht schwierig sein; ich brauche ihnen nur dieses Papier zu zeigen.«

Der Herzog zog ein Billett aus seiner Tasche.

»Ich habe keine Träume mehr,« sagte er; »in meinem Alter träumt man nicht mehr, selbst im wachen Zustande, aber ich erhalte Briefe. Lest diesen, er ist interessant.«

Nanon nahm zitternd den Brief, den ihr der Herzog reichte, und bebte, als sie die Schrift sah; aber dieses Beben war unmerklich, und sie las: »Der Herr Herzog von Epernon wird benachrichtigt, daß diesen Abend ein Mann, der sich seit sechs Monaten eines vertraulichen Umgangs mit Fräulein Nanon von Lartigues erfreut, zu ihr kommen, bei ihr soupieren und die Nacht zubringen wird.

»Da man den Herrn Herzog von Epernon nicht in Ungewißheit lassen will, so setzt man ihn in Kenntnis, daß dieser glückliche Nebenbuhler sich Baron von Canolles nennt.«

Nanon erbleichte, der Streich traf mitten ins Herz, »Ah, Roland! Roland!« murmelte sie, »ich glaubte doch von dir befreit zu sein!«

»Bin ich unterrichtet?« sagte der Herzog triumphierend.

»Ziemlich schlecht,« antwortete Nanon, »und wenn Eure politische Polizei nicht besser ist, als Eure Liebespolizei, so beklage ich Euch.«

»Ihr beklagt mich?«

»Ja; denn dieser Herr von Canolles, dem Ihr die Ehre erweist, ihn für Euern Nebenbuhler zu halten, ist nicht hier; übrigens könnt Ihr ja warten, dann werdet Ihr sehen, ob er kommt.«

»Er ist gekommen!«

»Er!« rief Nanon, »das ist nicht wahr!«

Diesmal lag ein Ausdruck tiefer Wahrheit im Tone der Angeschuldigten.

»Ich will sagen, er ist bis auf vierhundert Schritte hierhergekommen und hat zu seinem Glücke in dem Gasthaus zum Goldenen Kalbe angehalten.«

Nanon begriff, daß der Herzog viel weniger wußte, als sie anfangs geglaubt hatte. Sie zuckte die Achseln, denn ein anderer Gedanke, den ihr ohne Zweifel der Brief eingegeben hatte, den sie in ihren Händen hin und her drehte, keimte in ihrem Innern.

»Ist es möglich,« sagte sie, »daß ein Mann von Geist, einer der gewandtesten Politiker des Königreichs, sich von anonymen Briefen fangen läßt?«

»Anonym meinetwegen, aber wie erklärt Ihr mir diesen Brief?«

»Oh! die Erklärung ist nicht schwierig, es ist eine Folge des schönen Benehmens unserer Feinde in Agen. Herr von Canolles bat Euch in Familienangelegenheiten um einen Urlaub, den Ihr ihm bewilligtet. Man wußte, daß er hier durchkam, und benutzte seine Reise zu dieser lächerlichen Anschuldigung.«

Nanon gewahrte, daß das Gesicht des Herzogs, statt sich zu entrunzeln, immer düsterer wurde. »Die Erklärung wäre gut,« sagte er, »wenn diesem Briefe, den Ihr Euren Feinden zuschreibt, nicht eine gewisse Nachschrift beigefügt wäre, die Ihr bei Eurer Unruhe zu lesen vergessen habt.«

Ein tödlicher Schauer durchlief den ganzen Körper der jungen Frau. Sie fühlte, daß sie den Kampf, wenn ihr der Zufall nicht zu Hilfe käme, nicht länger aushalten könnte.

»Eine Nachschrift?« wiederholte sie.

»Ja, lest,« sagte der Herzog.

Nanon versuchte zu lächeln, aber sie fühlte, daß ihre Züge sich nicht mehr zu diesem Anschein der Ruhe hergaben. Sie begnügte sich also, mit dem sichersten Tone, den sie anzunehmen vermochte, zu lesen: »Ich habe in meinen Händen den Brief des Fräulein von Lartigues an Herrn von Canolles, durch den die Zusammenkunft, die ich Euch melde, auf heute abend festgesetzt ist. Ich gebe diesen Brief für ein Blankett, das mir der Herr Herzog durch einen einzigen Menschen in einem Schiff auf der Dordogne vor dem Dorfe Saint-Michel um sechs Uhr abends einhändigen läßt.«

»Und Ihr hattet diese Unklugheit!«

»Eure Handschrift ist mir so kostbar, liebe Dame, daß ich dachte, ich könnte einen Brief von Euch – nicht zu teuer bezahlen.«

»Ein solches Geheimnis der Indiskretion eines Mitwissers aussetzen!, Ah, Herr Herzog!...«

»Dergleichen vertrauliche Mitteilungen, Madame, nimmt man in Person in Empfang, und so habe ich es auch mit dieser gemacht. Der Mann, der sich auf die Dordogne begab, war ich selbst.«

»Ihr habt also meinen Brief?« – »Hier ist er.«

Durch eine rasche Anstrengung des Gedächtnisses suchte Nanon sich zu erinnern, was der Brief enthielt, aber es war ihr unmöglich. Ihr Gehirn fing an sich zu verwirren.

Sie war also genötigt, ihren eigenen Brief wieder zu lesen. Er enthielt kaum drei Zeilen: Nanon erfaßte sie mit einem gierigen Blicke und erkannte zu ihrer unbeschreiblichen Freude, daß dieser Brief sie nicht vollständig kompromittierte.

»Lest laut,« sagte der Herzog, »ich bin wie Ihr, ich habe den Inhalt des Briefes vergessen.«

Nanon fand das Lächeln wieder, das sie einige Sekunden vorher vergeblich gesucht hatte, und las, der Aufforderung des Herzogs gehorchend: »Ich werde um acht Uhr zu Nacht speisen. Seid Ihr frei? Ich bin es. In diesem Falle seid pünktlich, mein lieber Canolles, und fürchtet nichts für unser Geheimnis.«

»Das ist klar, wie es mir scheint!« rief der Herzog bleich vor Wut.

»Das spricht mich frei,« dachte Nanon,

»Ah! ah!« fuhr der Herzog fort, »Ihr habt ein Geheimnis mit Herrn von Canolles?«

Nanon begriff, daß ein Zögern von einer Sekunde sie ins Verderben stürzen würde, überdies hatte sie alle Muße gehabt, den ihr von dem anonymen Brief eingegebenen Plan in ihrem Gehirn reifen zu lassen.

»Nun ja,« sagte sie, den Herzog fest anschauend, »der Herr und ich haben ein Geheimnis.«

»Ihr gesteht es zu?« – »Ich muß wohl da man Euch nichts verbergen kann.«

»Oh!« schrie der Herzog.

»Ja, ich erwartete Herrn von Canolles,« fuhr Nanon ruhig fort.

»Ihr erwartetet ihn?« – »Ja, ich erwartete ihn.«

»Ihr wagt es, dies zu gestehen?« – »Wißt Ihr denn aber auch, wer Herr von Canolles ist?« – »Ein Dummkopf, den ich für seine Unklugheit schwer bestrafen werde.«

»Er ist ein hochherziger und tapferer Edelmanns den Ihr auch fortan wohlwollend behandeln werdet.«

»Oh! ich schwöre bei Gott, daß dem nicht so sein »Keinen Schwur, Herr Herzog, wenigstens nicht, ehe ich gesprochen habe,« antwortete Nanon.

»Weil er,« fuhr sie, mit einer dramatischen Bewegung, den zitternden Herzog beim Arm ergreifend fort, »weil er mein Bruder ist.«

Der aufgehobene Arm des Herzogs fiel herab.

»Euer Bruder!« rief er.

Nanon machte ein Zeichen mit dem Kopfe, das ein triumphierendes Lächeln begleitete, und wußte den Herzog durch ein ebenso geschickt wie kühn gewobenes Lügennetz halb zu überzeugen. Sie deutete an, eine erste Liebe ihres Vaters zu Frau von Canolles, der Mutter ihres Bruders, sei nach seiner Verehelichung leidenschaftlich wieder aufgeflammt und habe zu ernsten Folgen geführt. Sie selbst habe von dem Verwandtschaftsverhältnis erst nach dem Tode ihres Vaters erfahren und dem um die Ehre seiner Mutter zart besorgten Herrn von Canolles schwören müssen, das Geheimnis streng zu wahren.

»Ja,« schloß sie pathetisch ihre Erzählung, »ich hatte ihm einen Eid geleistet, dieses Geheimnis niemals irgend jemand in der Welt zu enthüllen. Aber Euer Verdacht ließ den Becher überströmen. Wehe mir! ich habe meinen Eid vergessen; wehe mir! ich habe das Geheimnis meines Bruders verraten.«

Und Nanon zerfloß in Tränen.

Der Herzog, jetzt fast völlig getäuscht, fiel vor ihr auf die Knie und küßte ihre schönen Hände, die sie ganz niedergeschlagen hängen ließ, während ihre Augen, zum Himmel emporgerichtet, Gott um Vergebung wegen ihres Eidbruchs zu bitten schienen.

»Ihr sagt: Wehe mir!« rief der Herzog. »Sagt doch: Glück für alle! Die verlorene Zeit soll dem lieben Canolles wieder eingebracht werden. Ich kenne ihn nicht, aber ich will ihn kennen lernen. Ihr stellt mir Canolles vor, und ich werde ihn lieben wie einen Sohn. Doch da fällt mir ein, kommt denn der Junge nicht? Warum sollte ich warten, um ihn zu sehen? Ich werde ihn sogleich im Goldenen Kalbe holen lassen.«

»Ah! ja, damit er erfährt, daß ich nichts zu verbergen vermag und daß ich Euch gegen meinen Eid alles gesagt habe.«

»Ich werde diskret sein.«

»Ah! Herr Herzog, nun muß ich Euch den Krieg ankündigen,« versetzte Nanon mit jenem Lächeln, das die Teufel von den Engeln entlehnt haben.

»Und warum denn, meine teure Schöne?«

»Weil Ihr einst lüsterner nach einem Zusammensein unter vier Augen wart, als jetzt. Kommt, wir wollen zu Nacht speisen, und morgen früh ist es noch Zeit, Canolles holen zu lassen.« (Von jetzt bis morgen kann ich ihn benachrichtigen, dachte sie.)

»Es sei,« sagte der Herzog, »setzen wir uns zu Tische.«

Von einem Rest von Zweifeln gepeinigt, fügte er ganz leise hinzu: »Von jetzt bis morgen werde ich sie nicht verlassen, und wenn sie nicht eine Zauberin ist, wird sie kein Mittel finden, ihn zu unterrichten.«

Und sie setzten sich mit so lächelnden Gesichtern zu Tisch, daß selbst Francinette, so genau sie auch als vertraute Kammerfrau die Art und Weise des Herzogs und den Charakter ihrer Gebieterin kannte, glaubte, ihre Gebieterin sei vollkommen ruhig und der Herzog vollkommen beschwichtigt.

Viertes Kapitel

Der Reiter, den Canolles mit dem Namen Richon begrüßt hatte, war, wie erzählt, in den ersten Stock des Gasthofes zum Goldenen Kalb hinaufgestiegen und speiste in Gesellschaft des Vicomte zu Nacht.

Er war es, den der Vicomte ungeduldig erwartete, als ihn der Zufall zum Zeugen der Vorkehrungen des Herrn von Epernon machte und in den Stand setzte, dem Baron von Canolles einen Dienst zu leisten.

Herr Richon hatte Paris vor acht Tagen und Bordeaux an demselben Tage verlassen und brachte also die neuesten Nachrichten über die Wirren, die von Paris bis Bordeaux das Land erfüllten und ein immer beunruhigenderes Ansehen gewannen. Während er erzählte, betrachtete der junge Mann stillschweigend sein männliches, gebräuntes Antlitz, sein sicheres, durchdringendes Auge, seine weißen, scharfen, unter dem langen schwarzen Schnurrbart schimmernden Zähne und all die verschiedenen Kennzeichen, die Richon zum Musterbild eines wahren Glücksritters in gutem Sinne machten.

»Also,« sagte der Vicomte nach einem Augenblick, »also ist die Frau Prinzessin zu dieser Stunde in Chantilly?«

Bekanntlich bezeichnete man mit diesem Titel die beiden Herzoginnen von Condé, nur fügte man bei der Gemahlin des verstorbenen Herzogs das Wort Witwe hinzu.

»Ja,« antwortete Richon, »und sie erwartet Euch dort so bald als möglich.«

»Und in welcher Lage ist sie in Chantilly?«– »In einer wahren Verbannung; man bewacht sie wie ihre Schwiegermutter mit der größten Sorgfalt, denn man vermutet bei Hofe, daß sie nicht allein beim Parlamente Klage führen wolle, sondern etwas Wirksameres zugunsten der Prinzen plane. Leider fehlt es, wie immer, an Geld ... Aber da fällt mir ein, habt Ihr das, was man Euch schuldig war, eingezogen? Es ist dies eine Frage, die man mir ganz besonders ans Herz gelegt hat.«

»Mit großer Mühe,«, antwortete der Vicomte, »brachte ich zwanzigtausend Livres zusammen, die ich in Gold bei mir habe; das ist alles.«

»Das ist alles! Teufel, Vicomte, man sieht wohl, daß Ihr Millionär seid; so verächtlich von einer solchen Summe in einem solchen Augenblick sprechen! Zwanzigtausend Livres; wir sind minder reich als Herr von Mazarin, aber reicher als der König.«

»Ihr glaubt also, Richon, die Frau Prinzessin werde die bescheidene Gabe annehmen?« – »Mit Dank; Ihr bringt ihr genug, um ein Heer damit zu bezahlen.«

»Glaubt Ihr, daß wir dessen bedürfen werden?« – »Wessen? eines Heeres? Gewiß, und wir sind dabei, eines zu sammeln. Herr von Larochefoucault hat vierhundert Edelleute angeworben, unter dem Vorwande, sie dem Leichenbegängnisse seines Vaters beiwohnen zu lassen. Der Herzog von Bouillon geht mit derselben Anzahl, wenn nicht mit einer größeren, nach Guienne ab. Herr von Turenne verspricht einen Marsch gegen Paris zu machen, in der Absicht, Vincennes zu überfallen und die Prinzen durch einen Handstreich zu entführen; er wird dreißigtausend Mann, seine ganze Nordarmee, die er dem königlichen Dienste abspenstig macht, bei sich haben. Oh! seid unbesorgt, die Dinge sind in gutem Zuge,« fuhr Richon fort; »ich weiß nicht, ob wir große Geschäfte machen werden, sicher machen wir aber gewaltigen Lärm...«

»Seid Ihr dem Herzog von Epernon nicht begegnet?« unterbrach ihn der junge Mann, dessen Augen funkelten bei dieser Aufzählung von Kräften, die ihm den Triumph seiner Partei verhieß.

»Dem Herzog von Epernon?« fragte der Glücksritter ganz verwundert, »wo soll ich ihm denn begegnet sein? Ich komme nicht von Agen, sondern von Bordeaux.«

»Ihr könntet ihn einige Schritte von hier getroffen haben,« versetzte der Vicomte lächelnd.

»Ah! richtig, wohnt nicht die schöne Nanon von Lartigues in der Gegend?« – »Zwei Musketenschüsse von hier.«

»Das erklärt mir die Anwesenheit des Barons von Canolles im Gasthof zum Goldenen Kalb.«

»Kennt Ihr ihn?« – »Wen? den Baron? Ja. Ich könnte mich sogar seinen Freund nennen, wäre Herr von Canolles nicht von vortrefflichem Adel, während ich ein armer Bürgersmann bin.«

»Bürgersleute wie Ihr, Richon, sind so viel wie Prinzen, in der Lage, in der wir uns befinden. Wißt Ihr übrigens, daß ich Euren Freund, den Baron von Canolles, vor Prügeln oder vielleicht vor etwas noch Schlimmerem bewahrt habe?« – »Ja, er hat mir ein paar Worte davon gesagt, aber ich hörte ihn nicht sehr aufmerksam an, denn ich hatte Eile, zu Euch zu gelangen. Seid Ihr sicher, daß er Euch nicht erkannt hat?« – »Man erkennt die schlecht, die man nie gesehen hat.«

»Ich erriet auch nur, was ich ihm erwidern sollte.« »In der Tat,« sagte der Vicomte, »er schaute mich sehr aufmerksam an.«

Richon versetzte lächelnd: »Ich glaube es wohl, man trifft nicht jeden Tag Edelleute Eurer Art.«

»Er scheint mir ein lustiger Kavalier zu sein,« sagte der Vicomte nach kurzem Stillschweigen.

»Lustig und gut, ein allerliebster Geist und ein großes Herz. Der Gascogner ist, wie Ihr wißt, nie mittelmäßig, entweder ist er vortrefflich, oder er taugt nichts. Dieser ist von gutem Gehalt. In der Liebe wie im Kriege ist er gleich hervorragend, es tut mir leid, daß er gegen uns hält. Ihr hättet in der Tat, da der Zufall Euch in Verbindung mit ihm brachte, diesen Umstand benutzen sollen, um ihn für unsere Sache zu gewinnen.«

Eine flüchtige Röte zog wie ein Meteor übet die bleichen Wangen des Vicomte hin.

»Euer Freund kam mir unbedeutend vor,« sagte er.

»Wer ist in diesen unruhigen, wechselvollen Zeiten ein bedeutender Mann und wer unbedeutend? Wer heute eine Kompanie zusammenbringt, kann morgen schon ein wichtiger Parteiführer sein. Das ganze Land lodert empor; überall streifen kühne Glücksritter umher, und ein verwegener Handstreich jagt den andern.«

»In der Tat, Richon, Ihr macht mir bange,« sagte der Vicomte, »und wenn ich nicht wüßte, daß ich Euch zu meinem Schutz hätte, würde ich es nicht wagen, mich auf den Marsch zu begeben. Aber unter Eurem Geleite,« fügte der junge Mann, dem Parteigänger seine kleine Hand reichend, hinzu, »fürchte ich nichts«

»Unter meinem Geleite,« sagte Richon, »oh! Ihr erinnert mich daran. Ihr müßt meines Geleites entbehren, Herr Vicomte.«

»Sollt Ihr denn nicht mit mir nach Chantilly zurückkehren?«

»Das heißt, ich sollte zurückkehren, wenn ich hier nicht notwendig wäre. Aber man legte mir jetzt ohne mein Verdienst soviel Bedeutung bei, daß ich bestimmten Befehl von der Frau Prinzessin erhielt, die Gegend des Forts, auf das man eine bestimmte Absicht zu haben scheint, nicht zu verlassen.«

Der Vicomte stieß einen Ausruf des Schreckens aus.

»So reisen ohne Euch!« rief er, »mit dem würdigen Pompée, der noch tausendmal mehr Hasenfuß ist, als ich, die Hälfte von Frankreich allein oder so gut wie allein durchziehen! Oh! nein, ich reise nicht, das schwöre ich Euch, ich würde vor Angst sterben, ehe ich ankäme.«

»Oh, Herr Vicomte,« versetzte Richon, in ein schallendes Gelächter ausbrechend, »Ihr denkt also nicht mehr an den Degen, der an Eurer Seite hängt?« – »Lacht, soviel Ihr wollt, ich reise nicht. Die Frau Prinzessin hat mir versprochen, Ihr würdet mich geleiten, und nur unter dieser Bedingung machte ich mich anheischig.«

»Aber Vicomte, jedenfalls zählt man auf Euch in Chantilly, und nehmt Euch in acht, die Prinzen verlieren leicht die Geduld, besonders wenn sie Geld erwarten,«

»Und zu allem Unglück,« sagte der Vicomte, »soll ich noch in der Nacht abreisen. Noch mag es darum sein,« sagte der Jüngling, sich gewaltsam zusammenraffend, »Ihr habt recht, ich reise, Richon. Ich glaube, daß Ihre Hoheit nach dem, was Ihr sagt, des Geldes sehr bedarf.«»Ich sage Euch, Herr Vicomte, Ihr habt das Aussehen eines Helden. Auch gibt es überall Soldaten des Königs, und wir sind noch nicht im Kriege. Traut indessen nicht zuviel und befehlt Pompée, seine Pistolen zu laden.«

»Ihr sagt mir das, um mich zu beruhigen?« – »Allerdings, wer die Gefahr kennt, läßt sich nicht überraschen. Geht also, die Nacht ist schön, und Ihr könnt vor Tag in Monlieu sein.«

»Und Ihr habt keinen Auftrag an Ihre Hoheit?« –

»Ich glaube wohl, Ihr erinnert mich an den allerwichtigsten Auftrag.«

»Habt Ihr geschrieben?« – »Nein, es sind ihr nur zwei Worte zu überbringen.«

»Welche?« – »Bordeaux –ja!«

»Sie weiß, was dies bedeutet?« – »Vollkommen. Auf diese zwei Worte kann sie ganz sicher abreisen. Ich stehe für alles.«

»Vorwärts, Pompée,« sagte der Vicomte zu dem alten Diener, der in diesem Augenblick den Kopf durch die halb geöffnete Tür steckte, »vorwärts, mein Freund, wir müssen reisen.«

»Oh, oh! reisen!« rief Pompé, »das kann dem Herrn Vicomte nicht einfallen. Es kommt ein furchtbarer Sturm.« »Was, sagt Ihr da, Pompée?« versetzte Richon, »es ist keine Wolke am Himmel.«

»Aber in der Nacht können wir uns verirren.« »Das wäre schwierig; Ihr braucht nur der Landstraße zu folgen. Überdies ist prächtiger Mondschein.«

»Schnell, Pompée, packe diesen Sack voll Gold auf dein Pferd.«

»Sagt mir doch, Richon,« fuhr der Vicomte fort, jenen beim Arm in dem Augenblick zurückhaltend, wo er den Fuß auf die erste Stufe der Treppe setzte, »wenn dieser Canolles ein so tapferer Soldat und ein so guter Edelmann ist, wie Ihr sagt, warum macht Ihr nicht einen Versuch, ihn für unsere Partei zu gewinnen? Er könnte uns entweder in Chantilly oder schon auf der Reise einholen. Da ich ihn bereits ein wenig kenne, so würde ich ihn vorstellen.« Richon schaute den Vicomte mit einem so seltsamen Lächeln an, daß dieser, der ohne Zweifel an den Zügen des Parteigängers erkannte, was in seinem Geiste vorging, rasch hinzufügte: »Übrigens will ich nichts gesagt haben, macht was Ihr für gut haltet. Gott befohlen!«

Und er reichte ihm die Hand und kehrte rasch in sein Zimmer zurück, sei es aus Furcht, Richon könnte die plötzliche Röte sehen, die sein Gesicht bedeckte, sei es, daß ihm bange war, von Canolles gehört zu werden, dessen schallendes Gelächter bis in den ersten Stock drang.

Er ließ also den Parteigänger die Treppe hinabsteigen, gefolgt von Pompée, der das Felleisen scheinbar nachlässig trug, um nicht erraten zu lassen, was es enthielt. Nachdem einige Minuten vorübergegangen waren, betastete er sich, um zu sehen, ob er nichts vergessen habe, löschte seine Kerzen aus, stieg ebenfalls behutsam die Treppe hinab, wagte einen schüchternen Blick durch den erleuchteten Spalt einer Tür des Erdgeschosses, hüllte sich in einen Mantel, den ihm Pompée reichte, setzte seinen kleinen Fuß auf die Hand des Reitknechts, schwang sich leicht auf sein Pferd, brummte einen Augenblick über die Langsamkeit des alten Soldaten und verschwand im Schatten.

In der Sekunde, wo Richon in Canolles' Zimmer trat, den er unterhalten sollte, während der kleine Vicomte Anstalten zu seiner Abreise traf, erscholl ein Freudengeschrei aus dem Munde des halb auf seinem Stuhl zurückgelehnten Barons, was zum Beweise diente, daß dieser nicht grollte.

»Ah!« rief der Baron, »Ihr kommt zur rechten Zeit, mein lieber Richon; ich mußte irgend jemand finden, um Meister Biscarros' Lob zu singen, und war beinahe darauf angewiesen, ihn gegen diesen Schafskopf von Castorin zu rühmen, der nicht weiß, was trinken heißt, und den ich nie essen lehren konnte. Biscarros ist, bei Gott, ein großer Meister. Setzt Euch hierher, Richon, Ihr habt zu Nacht gespeist, ich habe auch gespeist; doch gleichviel, wir fangen wieder von vorn an.«

»Ich danke, Baron,« sagte Richon lachend, »ich habe keinen Hunger mehr.«

»Streng genommen, will ich das zugeben, man kann keinen Hunger mehr haben, aber man hat stets Durst. Kostet einmal diesen Collioure.«

Richon reichte ihm sein Glas.

»Ihr habt also,« fuhr Canolles fort, »mit Eurem kleinen einfältigen Vicomte zu Nacht gespeist? Ah, ich bitte um Vergebung, Richon. Nein, ich täusche mich, es ist im Gegenteil ein reizender Junge, dem ich das Vergnügen schulde, das Leben von seiner schönen Seite zu kosten, statt die Seele durch drei bis vier Löcher von mir zu geben, die der gute Herzog von Epernon meiner Haut beizubringen gedachte. Ich bin also diesem jungen Vicomte, diesem bezaubernden Ganymed zu Dank verpflichtet. Ah, Richon, Ihr seht ganz aus, als wärt Ihr, was man von Euch sagt, das heißt, der wahre Diener des Herrn von Condé.«

»Still, Baron!« rief Richon; »habt keine solche Gedanken, ich sterbe sonst vor Lachen.«

»Vor Lachen sterben! Geht doch, nein, mein Lieber. Ich habe übrigens nichts weniger als Abscheu vor Eurem kleinen Edelmanne, der sich so um den nächsten besten vorüberziehenden Kavalier kümmert.«

Und Canolles warf sich lachend in seinen Stuhl und entwickelte, während er seinen Schnurrbart kräuselte, eine solche Heiterkeit, daß Richon notwendig daran teilnehmen mußte.

»Also ernsthaft, mein lieber Richon,« sagte Canolles, »nicht wahr, Ihr konspiriert?«

In diesem Augenblick hörte man den Galopp zweier sich entfernender Pferde.

»Oho!« sagte Canolles horchend. »Was ist das, Richon, wißt Ihr es?« – »Ich glaube es zu vermuten.«-

»So sprecht.« »Der kleine Edelmann reist ab.«

»Ohne von mir Abschied zu nehmen?« rief Canolles, »Das ist offenbar ein armseliger Wicht.«

»Nein, mein lieber Baron, es ist ein Mensch, der Eile hat, und nichts anderes.«

Canolles faltete die Stirn und erwiderte: »Was für sonderbare Manieren! Wo ist dieser Junge erzogen worden? Richon, mein Freund, ich sage Euch, daß er unrecht tut. Unter Edelleuten benimmt man sich nicht so. Bei Gott, ich glaube, wenn ich ihn hier hätte, ich würde ihm die Ohren reiben. Der Teufel hole seinen guten Tropf von Vater, der ihm aus Knickerei ohne Zweifel keinen Lehrer gegeben hat.«

»Ärgert Euch nicht, Baron,« sagte Richon lachend, »der Vicomte ist nicht so schlecht erzogen, wie Ihr wohl glauben mögt; denn er hat mich bei seinem Abgang beauftragt, Euch sein Bedauern auszudrücken und Euch tausend schmeichelhafte Dinge zu sagen.«

»Gut, gut,« erwiderte Canolles, »Weihwasser von Hof, das aus einer großen Unverschämtheit eine kleine Unhöflichkeit macht, weitet nichts. Beim Henker, ich bin in einer sehr wilden Laune. Sucht Streit mit mir, Richon! Ihr wollt nicht? Wartet. Gottes Tod, Richon, ich finde Euch sehr häßlich.«

Richon fing an zu lachen und versetzte: »Mit dieser Laune, Baron, könntet Ihr, wenn wir spielten, mir heute abend hundert Pistolen abgewinnen. Das Spiel befördert, wie Ihr wißt, den Ärger.«

»Ah, bei Gott, das Spiel!« rief der Baron, »ja, das Spiel, Ihr habt recht! Mein Freund, das ist ein Wort, das mich mit Euch aussöhnt, Richon, ich finde Euch sehr angenehm. Ihr seid schön wie Adonis, und ich verzeihe Herrn von Cambes. Castorin, Karten!«

Castorin lief, von Biscarros begleitet, herbei. Beide richteten einen Tisch zu, und die zwei Gefährten fingen an zu spielen. In weniger als einer Stunde gewann Richon, trotz seiner Prophezeiung, seinem Gegner achtzig Pistolen ab. CanolIes, der kein Geld mehr bei sich hatte, befahl nun Castorin, aus seinem Mantelsacke zu holen.«

»Unnötig,« bemerkte Richon, dem dieser Befehl nicht entgangen war; »ich habe keine Zeit, Euch Revanche zu geben.«

»Wie, Ihr habt keine Zeit?« – »Nein, es ist elf Uhr, und um Mitternacht muß ich auf meinem Posten sein.

»Geht doch, Ihr scherzt wohl.«

»Mein Herr Baron,« erwiderte Richon mit ernstem Tone, »Ihr seid Militär und kennt folglich die Strenge des Dienstes.«

»Warum seid Ihr dann nicht abgegangen, ehe Ihr mir das Geld abgewonnen hattet?« sagte Canolles halb lachend, halb mürrisch.

»Macht Ihr es mir vielleicht zum Vorwurf, daß ich Euch einen Besuch abstattete?« – »Gott behüte! Ich habe nur nicht die geringste Lust zu schlafen und werde mich hier furchtbar langweilen.«

Hierauf füllte Canolles die Gläser, und Richon entfernte sich, nachdem er auf die Gesundheit des Barons getrunken hatte, ohne daß es diesem nur in den Kopf kam, erfahren zu wollen, auf welchem Wege er sich entfernte. Aber allein mitten unter halb abgebrannten Kerzen, leeren Flaschen und zerstreuten Karten fühlte sich der Baron in eine jener traurigen Stimmungen versetzt, die man nur versteht, wenn man sie selbst erlebt hat; denn seine ganze Heiterkeit hatte nur seinen ersten Verdruß betäuben sollen.

Er schleppte sich also nach seinem Schlafzimmer und warf durch die Scheiben des Ganges einen Blick voll Kummer und Zorn nach dem vereinzelten Hause, von dem ein Fenster von einem rötlichen Schimmer beleuchtet war, und das von Zeit zu Zeit von Schatten durchzogen wurde, woraus deutlich genug hervorging, daß Fräulein von Lartigues ihre Nacht weniger einsam zubrachte, als er.

Auf der ersten Stufe der Treppe stieß Canolles mit seinem Stiefel an etwas. Er bückte sich und hob einen der kleinen perlgrauen Handschuhe des Vicomte auf, den dieser bei seiner eiligen Entfernung aus dem Gasthause hatte fallen lassen.

Was übrigens auch Canolles in einem Augenblicke der Menschenfeindlichkeit, der einem getäuschten Liebhaber wohl zu verzeihen war, denken mochte, es herrschte in dem kleinen einsamen Hause keine größere Freude, als im Gasthause zum Goldenen Kalb.

Unruhig wälzte Nanon die ganze Nacht hindurch tausend Pläne in ihrem Gehirn umher, um Canolles in Kenntnis zu setzen; sie suchte alles, was in dem Kopfe einer klugen Frau an Geist und List enthalten ist, zusammen, um sich der mißlichen Lage zu entziehen, in der sie sich befand. Es handelte sich nur darum, dem Herzog eine Minute zu stehlen, um mit Francinette zu sprechen, oder zwei Minuten, um eine Zeile an Canolles auf ein Stück Papier zu schreiben.

Aber es war, als vermutete der Herzog alles, was in ihr vorging, als läse er die Unruhe ihres Geistes durch die heitere Maske, mit der sie ihr Gesicht bedeckt hatte, und als hätte er sich selbst geschworen, ihr nicht einen Augenblick Freiheit zu lassen.

Nanon hatte Migräne, Herr von Epernon wollte ihr nicht erlauben aufzustehen, um ihr Riechfläschchen zu holen, sondern holte es selbst.

Nanon stach sich mit einer Nadel, wodurch plötzlich ein Rubin an der Spitze ihres zarten Fingers erschien; sie wollte in ihrem Necessaire ein Stückchen Rosataffet holen. Unermüdlich in seiner Zuvorkommenheit stand Herr von Epernon auf, schnitt das Stückchen Rosataffet mit verzweiflungserregender Geschicklichkeit ab und verschloß das Necessaire wieder.

Nanon stellte sich, als wäre sie in tiefen Schlaf versunken; sogleich fing der Herzog auch an zu schnarchen; da öffnete Nanon ihre Augen wieder und versuchte es, im Schein der Nachtlampe, aus dem in der Nähe ihres Bettes und im Bereich ihrer Hand liegenden Leibrock des Herzogs dessen Schreibtafel zu ziehen; aber in dem Augenblick, wo sie bereits den Bleistift in ihren Fingern hielt und ein Blatt ausgerissen hatte, öffnete der Herzog ein Auge und sagte: »Was macht Ihr, mein Herzchen?« – »Ich suchte, ob kein Kalender in Eurer Schreibtafel wäre.«

»Wozu?« – »Um zu sehen, auf welchen Tag Euer Namensfest fällt.«

»Ich heiße Louis, und mein Namenstag fällt auf den 24. August, wie Ihr wißt; Ihr habt also gehörig Zeit, Euch darauf vorzubereiten.«

Und er nahm ihr die Schreibtafel aus der Hand und steckte sie in seinen Rock.

Verzweiflungsvoll drehte sich Nanon der Wand zu und erwartete den Tag mit begreiflicher Bangigkeit.

Sobald dieser Tag am Gipfel der Pappelbäume zu erscheinen begann, erhob sich der soldatisch gewöhnte Herzog sofort, kleidete sich selbst an, um seine kleine Nanon nicht einen Augenblick zu verlassen, hüllte sich in einen Schlafrock und läutete, um zu erfahren, ob nichts Neues vorgefallen sei.

Francinette übergab auf diese Frage ein Päckchen mit Depeschen, die in der Nacht ein Kurier gebracht hatte.

Der Herzog fing an, sie zu entsiegeln, und las mit einem Auge; das andere Auge, dem der Herzog den verliebtesten Ausdruck zu geben suchte, verließ Nanon nicht.

Nanon hätte den Herzog in Stücke zerrissen, wenn sie imstande gewesen wäre.

»Wißt Ihr,« sagte der Herzog, nachdem er einen Teil der Depeschen gelesen hatte, »wißt Ihr, was Ihr tun solltet, liebe Freundin?« – »Nein, Monseigneur, aber wenn Ihr Befehle geben wolltet, so würde man sich danach richten.«

»Ihr solltet Euren Bruder holen lassen. Ich erhalte soeben von Bordeaux einen Brief, der die von mir gewünschte Auskunft enthält; er könnte sogleich abreisen, und bei seiner Rückkehr hätte ich einen Vorwand, ihm das Kommando zu übergeben, um das Ihr mich für ihn gebeten habt.«

Das Antlitz des Herzogs drückte das unzweideutigste Wohlwollen aus.

»Auf,« sagte Nanon zu sich selbst, »Mut gefaßt! Ich darf hoffen, daß Canolles in meinen Augen lesen oder ein halbes Wort verstehen wird.«

Dann antwortete sie laut: »Schickt selbst, mein lieber Herzog!« denn sie vermutete, der Herzog würde sie nicht gewähren lassen, wenn sie die Sache besorgen wollte.

Der Herzog von Epernon rief Francinette und beauftragte sie, sich nach dem Gasthause zum Goldenen Kalbe zu begeben, ohne eine andere Instruktion, als die Worte: »Sagt dem Herrn Baron von Canolles, Fräulein von Lartigues erwarte ihn beim Frühstück.«

Mit klopfendem Herzen erwartete Nanon die Rückkehr ihrer Zofe und das Eintreffen ihres Geliebten: Krampfhaft suchte sie nach Begrüßungsworten, die für den Herzog unverfänglich klängen und den Baron sofort über die Situation aufklären könnten, als Francinette allein mit der Nachricht wiederkam, der Baron von Canolles sei nicht mehr im Goldenen Kalb.«

Der Herzog machte große Augen und wurde düster. Nanon warf den Kopf zurück und atmete auf.

»Wie,« sagte der Herzog, »der Baron von Canolles ist nicht mehr im Gasthause zum Goldenen Kalb?« – »Du täuschest dich sicher, Francinette,« fügte Nanon hinzu.

»Madame,« erwiderte Francinette, »ich wiederhole, was mir Herr Biscarros selbst gesagt hat.«

»Er wird alles erraten haben, dieser liebe Canolles,« murmelte Nanon ganz leise. »Ebenso gescheit, ebenso gewandt, wie mutig und schön.«

»Holt mir sogleich den Meister Biscarros,« sagte der Herzog mit der Miene seiner schlimmen Stunden; und »in jedem Betrug zuvorzukommen, sandte er lieber statt der Zofe seinen Kurier, indem er sagte: »Gehe zum Wirt zum Goldenen Kalb, sage ihm, er solle hierherkommen und den Küchenzettel zu einem Frühstück mitbringen. Gib ihm diese zehn Louisdor, damit er ein gutes Mahl bereitet. Vorwärts.«

Courtauvaux, der Kurier, empfing das Gold und entfernte sich, um den Befehl seines Gebieters zu vollziehen.

Er war ein Diener von gutem Hause, der sein Handwerk, wohl verstand. Er suchte Biscarros auf und sagte zu ihm: »Ich habe den gnädigen Herrn überredet, ein feines Frühstück bei Euch zu bestellen; er hat mir acht Louisdor gegeben, zwei behalte ich natürlich für die Kommission; hier sind sechs für Euch, kommt geschwind.«

Zitternd vor Freude band Viscarros eine weiße Schürze um seine Hüften, steckte die sechs Louisdor ein, drückte Courtauvaux die Hand und eilte dem Kurier nach, der ihn im schnellsten Laufe nach dem kleinen Hause führte.

Seine Schürze artig in den Gürtel zurückgeschlagen und die Mütze in der Hand, trat er ein.

»Ihr habt gestern einen jungen Edelmann bei Euch, gehabt,« sagte Nanon, »den Herrn Baron von Canolles, nicht wahr?«

»Was ist aus ihm geworden?« fragte der Herzog.

Sehr in Unruhe, denn der Kurier und die sechs Louisdor ließen ihn ahnen, daß eine große Person unter dem Schlafrock verborgen war, antwortete Biscarros anfangs ausweichend: »Gnädiger Herr, er ist abgereist.«

»Abgereist,« sagte der Herzog, »wirklich abgereist?« – »Wirklich abgereist.«

»Wohin ist er gegangen?« – »Das kann ich nicht sagen, denn in Wahrheit, ich weiß es nicht, Madame.«

»Ihr wißt wenigstens, welchen Weg er eingeschlagen hat?« – »Den Weg nach Paris.«

»Um wieviel Uhr hat er diesen Weg eingeschlagen?« – »Gegen Mitternacht.«

»Und ohne etwas zu sagen?« – »Ohne etwas zu sagen; er hat nur einen Brief zurückgelassen, mit dem Befehl, ihn an Fräulein Francinette zu übergeben.«

»Und warum habt Ihr den Brief nicht abgegeben, Schuft?« sagte der Herzog. »Ist das Eure Achtung vor dem Befehle eines Edelmannes?« – »Ich habe ihn übergeben, gnädiger Herr.«

»Francinette!« rief der Herzog.

Francinette, die horchte, machte nur einen Sprung aus dem Vorzimmer ins Schlafzimmer.

»Warum hast du den Brief deiner Gebieterin nicht übergeben, den Herr von Canolles für sie zurückließ?«

Ein doppelter Blitz schoß aus Nanons Augen auf den Wirt und erdolchte ihn gleichsam in seiner Ecke.

Der Unglückliche schwitzte große Tropfen und hätte gern die Louisdor gegeben, die er in seiner Tasche hatte, hätte er dafür mit dem Stiel einer Kasserolle in der Hand vor seinem Herde gestanden.

Während dieser Zeit nahm der Herzog den Brief, öffnete ihn und las. Solange er las, stand Nanon kälter und bleicher als eine Bildsäule da und fühlte kein Leben mehr in ihrem Herzen.

»Was bedeutet dieses verwirrte Geschreibsel?« sagte der Herzog.

Nanon begriff nach diesen paar Worten, daß der Brief sie nicht gefährdete, und erwiderte: »Lest laut, ich kann es Euch vielleicht erklären.«

»Teure Nanon,« las der Herzog.

Und nach diesen Worten wandte er sich nach der jungen Frau um, die sich immer mehr beruhigte und seinen Blick mit bewunderungswürdiger Keckheit aushielt.

»Teure Nanon,« fuhr der Herzog fort, »ich benutze den Urlaub, den ich Euch zu verdanken habe, und mache zu meiner Zerstreuung einen kleinen Galopp auf der Straße nach Paris. Auf Wiedersehen; ich empfehle Euch mein Glück.«

»Oh! er ist ein Narr, dieser Canolles!«»Ein Narr! warum?« fragte Nanon.

»Reist man so ohne allen Grund um Mitternacht ab?«

»In der Tat,« sagte Nanon mit sich selbst sprechend.

»Sprecht, erklärt mir diese Abreise!«

»Ei, mein Gott! Monseigneur,« erwiderte Nanon mit einem reizenden Lächeln, »nichts ist leichter.«

»Sie nennt ihn auch Monseigneur!« murmelte Biscarros. »Offenbar ein Prinz.«

»Sprecht, sprecht!«

»Wie, Ihr könnt es Euch nicht denken?«

»Wohl, Canolles ist siebenundzwanzig Jahre alt; er ist jung, schön, leichtsinnig. Welcher Torheit glaubt Ihr, daß er den Vorzug gönnt? Der Liebe. Er hat wohl an dem Gasthause des Biscarros eine hübsche Reisende vorüberkommen gesehen, und ist ihr dann wahrscheinlich gefolgt.«

Diese Vermutung Nanons wurde vom Wirt bestätigt, der redselig von einem in seinem Gasthause eingekehrten kleinen Kavalier erzählte, der so fein und zierlich gewesen sei und abends Furcht gehabt habe, so daß er sich bald gedacht habe, der Kavalier sei eine Dame.

»Fahrt fort,« sagte Nanon mit gezwungener Miene, »das ist reizend. Ohne Zweifel erwartete der junge Edelmann Herrn von Canolles?«

»Nein, nein, er erwartete zum Abendessen einen großen Herrn mit einem Schnurrbart und schien sogar nicht gut auf Herrn von Canolles zu sprechen, als er mit ihm zu Nacht speisen wollte; aber der wackere Edelmann ließ sich durch eine solche Kleinigkeit nicht aus der Fassung bringen. Das ist ein unternehmender Kamerad, wie es scheint, und nach der Abreise des Großen, der rechts abgegangen war, eilte er dem Kleinen nach, der sich nach links gewendet hatte.«

»Aber woher wißt Ihr denn so sicher,« sagte Nanon, von Eifersucht gefoltert, »daß dieser kleine Edelmann eine Frau war, daß Herr von Canolles in sie verliebt ist, und nicht vielmehr aus Langweile und Laune auf der Landstraße umherzieht?«»Nun,« sagte Biscarros, »ich begegnete auf der Treppe Herrn von Canolles; in der linken Hand hielt er seine Kerze, in der rechten einen kleinen Handschuh, den er leidenschaftlich betrachtete und beroch.«

»Oh! oh! oh! rief der Herzog, der bei den Worten des Wirtes um so heiterer wurde, je mehr er für sich zu fürchten aufhörte.

»Einen Handschuh!« wiederholte Nanon, indem sie sich zu erinnern suchte, ob sie nicht ein solches Pfand im Besitze ihres Ritters gelassen hätte, »einen Handschuh von dieser Art?«

Und sie zeigte dem Wirt einen von ihren Handschuhen.

»Nein,« sagte Biscairos, »einen Männerhandschuh.«

»Einen Männerhandschuh! Herr von Canolles betrachtete und beroch einen Männerhandschuh! Ihr seid ein Narr!«

»Nein, denn es war ein Handschuh von dem kleinen Edelmann, von dem hübschen, blonden Kavalier, der nicht aß, nicht trank und bei Nacht Furcht hatte; ein ganz kleiner Handschuh, in den Madames Hand kaum hineingekommen wäre, obgleich Madame gewiß eine sehr schöne Hand hat'«

Nanon stieß einen halblauten dumpfen Schrei aus, als wäre sie von einem unsichtbaren Pfeile getroffen worden.

»Ich hoffe,« sagte sie mit einer heftigen Anstrengung, »Ihr seid nun hinreichend unterrichtet, Monseigneur, und wißt alles, was Ihr zu wissen wünscht.«

Während aber der Herzog noch ein paar Worte mit Meister Biscarros wechselte und ihm zum Lohn für seine ihn so befriedigende Erzählung noch sechs Louisdor gab, hatte Nanon Zeit, alles zu überdenken.

Bei ihrer großen Liebe zu Herrn von Canolles fühlte sie sich bald geneigt, ihn vor ihren eigenen Augen zu rechtfertigen. Sie dachte daran, wie enttäuschend für ihn die Lage im Goldenen Kalb gelesen sein müsse. Sie war so verliebt, daß sie das Benehmen des Barons einem Anfalle von Eifersucht zuschrieb und sich beinahe Glück wünschte, so sehr von ihm geliebt zu werden, daß sie dadurch eine kleine Rache von seiner Seite hervorgerufen habe. Aber vor allem mußte das Übel an der Wurzel abgeschnitten werden; sie mußte den Fortschritt dieser kaum entstehenden Liebe hemmen.

Sich mit ihrer ganzen Energie bewaffnend, wandte sie sich an den Herzog und sagte: »Welch ein Unglück, Monseigneur, daß die Unbesonnenheit des närrischen Canolles ihn einer Ehre beraubt, wie Ihr sie ihm angedeihen lassen wolltet! Wenn er erschien, so war seine Zukunft gesichert; durch seine Abwesenheit verliert er sie vielleicht ganz und gar.«

»Was ist zu tun, mein Herzchen?« erwiderte Herr von Epernon. »Die Jugend ist das Alter des Vergnügens; er ist jung und belustigt sich.«

»Aber ich,« versetzte Nanon, »ich, die vernünftiger ist als er, wäre der Meinung, man sollte diese unzeitige Freude ein wenig stören.«

»Ah, die zänkische Schwester!« rief der Herzog.

»Er wird mir vielleicht im Augenblick grollen,« fuhr Nanon fort, »aber sicherlich später Dank wissen.«

»Nun, laßt hören, habt Ihr einen Plan? Mir ist es ganz lieb: Wenn Ihr einen habt, so nehme ich ihn an.«

»Wie wäre es, wenn Ihr ihn zur Königin schickt, um eine dringende Nachricht zu überbringen?«

»Wenn er aber noch nicht zurückgekommen ist?« – »Laßt ihm nachsetzen, und da er sich auf der Straße nach Paris befindet, so hat er ja schon ein Stück des Weges zurückgelegt.«

»Ihr habt bei Gott recht.«

»Beauftragt mich hiermit, und Canolles hat den Befehl schon an diesem Abend oder spätestens morgen, dafür stehe ich Euch.«

»Aber wen werdet Ihr schicken?« – »Braucht Ihr Courtauvaux?« – »Ich? Nein.«

»Gebt ihn mir, und ich schicke ihn mit meinen Instruktionen ab. Wir wollen aber keine Zeit verlieren. Schreibt Euren Befehl, Herzog, und stellt Courtauvaux zu meiner Verfügung.«

Der Herzog nahm eine Feder und schrieb auf ein Stück Papier nur die zwei Worte: »Bordeaux – nein!« und unterzeichnete.

Nanon aber schrieb vor den Augen des Herzogs dazu: »Mein lieber Baron, beifolgende Depesche ist, wie Ihr seht, für Ihre Majestät die Königin bestimmt. Bei Eurem Leben überbringt sie auf der Stelle. Es handelt sich um das Wohl des Königreiches.

Eure gute Schwester Nanon.«

Nanon hatte kaum dieses Billett vollendet, als man das Geräusch eiliger Schritte unten an der Treppe vernahm, und Courtauvaux öffnete, rasch heraufsteigend, die Tür mit dem freudigen Gesichte eines Menschen, der eine Nachricht bringt, von der er weiß, daß sie ungeduldig erwartet wird.

»Hier ist Herr von Canolles, den ich nur hundert Schritte von diesem Hause getroffen habe,« sagte er.

Der Herzog stieß einen Ausruf wohlgefälligen Erstaunens aus. Nanon erbleichte, murmelte: »Es steht also geschrieben, daß ich ihm nicht ausweichen kann,« und lief nach der Tür.

In diesem Augenblick erschien auf der Schwelle eine neue Person, gekleidet in ein prachtvolles Gewand, ihren Hut in der Hand haltend und auf das anmutigste lächelnd.

Fünftes Kapitel

Hätte der Blitz zu Nanons Füßen eingeschlagen, so hätte sie nicht verblüffter sein können, als über diese unerwartete Erscheinung, und es hätte ihr keinen schmerzlicheren Ausruf entrissen, als der war, der unwillkürlich ihrem Munde entfuhr. »Er!« rief sie.

»Allerdings, mein gutes Schwesterchen,« antwortete eine freundliche Stimme. »Doch um Vergebung,« fuhr der Eigentümer dieser Stimme fort, als er den Herzog von Epernon erblickte, »um Vergebung, ich belästige Euch vielleicht?«

Und er verbeugte sich bis auf den Boden vor dem Gouverneur von Guienne, der ihn mit einer wohlwollenden Gebärde empfing.

»Cauvignac,« murmelte Nanon, aber so leise, daß dieser Name eher mit dem Herzen, als mit den Lippen ausgesprochen wurde.

»Seid willkommen, Herr von Canolles,« sagte der Herzog mit der freundlichsten Miene. »Eure Schwester und ich haben seit gestern abend nur von Euch gesprochen, und seit gestern abend verlangen wir nach Euch.«

»Ah, Ihr verlangt nach mir, in der Tat?« sagte Cauvignac und warf auf Nanon einen Blick, in dem ein unbeschreiblicher Ausdruck von Ironie und Zweifel lag.

»Ja,« sagte Nanon, »der Herr Herzog hat die Güte gehabt, zu wünschen, daß Ihr ihm vorgestellt würdet.«

»Nur die Furcht zudringlich zu erscheinen,« versetzte Cauvignac, abermals sich verbeugend, »hat mich abgehalten, früher um diese Ehre zu bitten.«

»In der Tat, Baron,« erwiderte der Herzog, »ich habe Euer Zartgefühl bewundert, muß Euch aber einen Vorwurf darüber machen.«

»Mir, Monseigneur, einen Vorwurf über mein Zartgefühl? Ah! ah!«

»Ja, und wenn Eure gute Schwester nicht für Eure Angelegenheiten gesorgt hätte...«

»Ah!« sagte Cauvignac, einen Blick beredten Vorwurfes auf Nanon werfend; »ah, meine gute Schwester hat für die Angelegenheiten...«

»Ihres Bruders gesorgt,« versetzte Nanon lebhaft. »Was ist natürlicher?«

»Und heute noch, wem verdanke ich das Vergnügen, Euch zu sehen?«

»Ja,« sagte Cauvignac, »wem verdankt Ihr das Vergnügen, mich zu sehen, Monseigneur?« – »Wohl dem Zufall, einzig und allein dem Zufall, der Eure Rückkehr bewirkte.«

»Ah!« sagte Cauvignac zu sich selbst, »es scheint, ich war abgereist.«

»Ja, Ihr wart abgereist, schlechter Bruder, und zwar, ohne mich durch mehr als zwei Worte, die meine Unruhe noch verdoppelten, davon in Kenntnis zu setzen.«

»Was wollt Ihr, liebe Nanon? Man muß den Verliebten wohl etwas hingehen lassen,« erwiderte der Herzog lächelnd.

»Oh! oh! die Sache wird verwickelt,« sagte Cauvignac zu sich selbst. »Ich bin verliebt, wie es scheint.«

»Gesteht, daß Ihr es seid,« sagte Kanon.

»Ich werde es nicht leugnen,« versetzte Cauvignac mit einem siegreichen Lächeln und suchte aus allen Augen irgend einen kleinen Brocken Wahrheit herauszufischen, mit dessen Hilfe er eine gute, große Lüge zusammensetzen könnte.

»Ja, ja,« sagte der Herzog, »aber wir wollen frühstücken, wenn es Euch gefällig ist. Ihr erzählt uns Eure Liebschaft beim Frühstück. Francinette, ein Gedeck für Herrn von Canolles. Ihr habt hoffentlich noch nicht gefrühstückt, Kapitän?«

»Nein, Monseigneur, und ich gestehe sogar, daß die frische Morgenluft meinen Appetit wunderbar geschärft hat.«

»Sagt die Nachtluft, schlimmer Mann,« versetzte der Herzog; »denn seit gestern lauft Ihr auf der Landstraße umher.«

»Wahrhaftig,« sagte Cauvignac ganz leise, »der Schwager hat es richtig erraten. Nun, es sei, ich gestehe, die Nachtluft.«

»Was macht Ihr Gutes, Canolles?« sagte der Herzog vertraulich zu Cauvignac, als sich alle drei zu Tische gesetzt hatten. Wohl verstanden, ich spreche nicht von der Liebe.«

»Sprecht im Gegenteil davon, Monseigneur, tut Euch keinen Zwang an,« sagte der junge Mann, dem der Medoc und der Burgunder zusammen die Zunge zu lösen anfingen.

»Oh! Monseigneur, er versteht sehr gut einen Spaß,« bemerkte Nanon.

»Wir können ihn also auf das Kapitel von dem kleinen Edelmann, bringen?« fragte der Herzog,

»Ja,« sagte Nanon, »von dem kleinen Edelmann, den Ihr gestern abend getroffen habt.«

»Ah! ja, auf meinem Wege.«

»Und dann im Gasthause von Meister Biscarros,« fügte der Herzog hinzu.

»Und dann in dem Gasthause von Meister Biscarros,« versetzte Cauvignac. »Das ist allerdings wahr!«

»Ihr seid ihm also wirklich begegnet?« fragte Nanon.

»Diesem kleinen Edelmann? Ja.«

»Wie sah er aus? Laßt hören, sagt es mir offenherzig.«

»Wahrhaftig,« versetzte Cauvignac, »es war ein reizendes Männchen, blond, schlank, zierlich.«

»So ist es,« sagte Nanon, sich in die Lippen beißend.

»Und Ihr seid verliebt in ihn?« – »In wen?« – »In den blonden, kleinen, schlanken, zierlichen Edelmann.«

»Oho! Monseigneur! Was wollt Ihr damit sagen?« rief Cauvignac, der nahe daran war aufzufahren.

»Tragt Ihr immer noch den kleinen perlgrauen Handschuh an Eurem Herzen?« fuhr der Herzog mit tückischem Lachen fort.

»Den kleinen perlgrauen Handschuh?« – »Ja, den Handschuh, den Ihr gestern abend so leidenschaftlich berocht und küßtet.«

Cauvignac verstand nichts von alledem.

»Den Handschuh, der Euch den Betrug, die Me-ta-mor-pho-se erraten ließ.« Cauvignac begriff aus diesem einzigen Worte alles.

»Ah!« rief er, der Edelmann war also eine Frau? Bei meinem Ehrenwort! Ich vermutete es.« »Es unterliegt keinem Zweifel mehr,« murmelte Nanon.

»Gebt mir doch zu trinken, Schwester,« sagte Cauvignac. »Ich weiß nicht, wer die Flasche geleert hat, die vor mir steht, aber es ist nichts mehr darin.«

»Nun, nun,« rief der Herzog, »da gibt es Mittel; denn seine Liebe hindert ihn nicht, zu essen und zu trinken, und die Angelegenheiten des Königs werden nicht darunter leiden.«

»Die Angelegenheiten des Königs darunter leiden? Nie! Die Angelegenheiten des Königs vor allen Dingen. Die Angelegenheiten des Königs, das ist heilig! Auf die Gesundheit Seiner Majestät, Monseigneur!«

»Man kann also auf Eure Ergebenheit zählen, Baron?« – »Auf meine Ergebenheit gegen den König? Ich glaube wohl, daß man darauf zählen kann. Ich würde mich für ihn in Stücke hauen lassen.«

»Diese Wärme gefällt mir,« sagte der Herzog. »Wendet Euch künftig stets an mich, wenn Ihr irgend welcher Hilfe bedürft. Fürs erste bleibt aber hier, während ich einen gewissen Burschen vornehmen will. Aber vielleicht, Baron, könnt Ihr mir Auskunft über diesen Banditen geben?«

»Gern,« antwortete Cauvignac, »nur muß ich wissen, von welchem Banditen Monseigneur spricht; es gibt zur Zeit viele und von jeder Art.«

»Ihr habt recht; aber dieser ist einer von den Unverschämtesten, die mir je vorgekommen sind.«

»Wirklich!« rief Cauvignac.

Der Herzog erzählte nun dem innerlich lachenden Cauvignac, wie er, von Eifersucht getrieben, sich habe ein Blankett ablisten lassen.

»Aber,« fügte der Herzog hinzu, »ich werde schon eines Tages erfahren, wer dieser Strauchdieb gewesen ist. Ich habe zu diesem Zweck meine Maßregeln getroffen. Doch es wäre mir lieber, ich wüßte es sogleich.«

»Ah!« versetzte Cauvignac, die Ohren spitzend, »ah, Ihr habt zu diesem Zweck Eure Maßregeln getroffen?« – »Ja, ja, und der Bursche müßte viel Glück haben, wenn ihn sein Blankett nicht an den Galgen brächte.«

»Und wie wollt Ihr dieses Blankett von den andern unterscheiden, Monseigneur?« – »Ich habe ein Zeichen daran gemacht.«

»Ein Zeichen?« – »Ja, unsichtbar für jeden, aber ich werde es mit Hilfe eines chemischen Verfahrens erkennen.«

»Halt, halt, halt!« sagte Cauvignac; »das ist sehr geistreich, Monseigneur. Aber man muß auf der Hut sein, daß er die Falle nicht vermutet.«

»Oh, es ist keine Gefahr. Wer soll es ihm sagen?« – »Ja, das ist wahr,« versetzte Cauvignac, »weder Nanon, noch ich ...«

»Ich auch nicht,« sagte der Herzog.

»Ihr auch nicht! Ihr habt also recht, Monseigneur, Ihr müßt unfehlbar eines Tages erfahren, wer dieser Mensch ist, und dann ...«

»Und dann, da ich meines Wortes quitt gegen ihn bin, denn man wird ihm für das Blankett das Gewünschte gegeben haben, lasse ich ihn hängen.«

»Amen!« sagte Cauvignac.

»Und nun,« fuhr der Herzog fort, »da Ihr mir keine Auskunft über diesen Burschen geben könnt ...«

»Nein, in der Tat, Monseigneur, ich kann es nicht.«

»Wohl, ich lasse Euch, wie ich vorhin sagte, mit Eurer Schwester. Nanon,« fuhr der Herzog fort, »gebt diesem jungen Manne genaue Instruktionen, und er soll besonders keine Zeit verlieren.«

»Seid ruhig, Monseigneur.«

»Also Gott befohlen!«

Der Herzog grüßte Nanon anmutig mit der Hand, machte eine freundschaftliche Gebärde gegen Cauvignac und stieg mit dem Versprechen, wahrscheinlich noch an demselben Tage zurückzukehren, die Treppe hinab.

Nanon begleitete den Herzog auf den Vorplatz.

»Pest!« sagte Cauvignac, »der würdige Herr hat wohl daran getan, mich in Kenntnis zu setzen. Er ist nicht so dumm, als er aussieht! Aber was soll ich mit dem Blankett machen? Verdammt! was man mit einem Wechsel macht; ich werde es diskontieren.«

»Nun, mein Herr,« sagte Nanon zurückkehrend und die Türe schließend, »jetzt haben wir beide miteinander zu tun.«

Nanon erfuhr nun durch Fragen von ihrem Bruder, daß dieser aus dem Karmeliterkloster entwichen war, wohin er sich gemäß seinem Versprechen begeben hatte, um in den geistlichen Stand zu treten, und wohin ihm die Schwester jährlich hundert Pistolen schickte.

Sie erfuhr weiter, daß ihr Bruder sodann als wahl- und skrupelloser Parteigänger auf jede Weise durch Verrat oder Gewalt, bald diesem, bald jenem Mächtigen dienend, sich durchgeschlagen habe.

»Welch ein Gewebe von Abscheulichkeiten!« rief sie aus, als er zu Ende war.

»Nein, meine liebe Schwester, das sind die Notwendigkeiten des Bürgerkrieges.«

»Ich begreife jetzt, wie ein Mensch, der zu solchen Dingen fähig ist, wagen konnte, was Ihr gestern gewagt habt.«

»Was habe ich denn getan?« fragte Cauvignac mit der unschuldigsten Miene der Welt, »was habe ich gewagt?« – »Ihr habt es gewagt, eine so angesehene Person wie Herrn von Epernon ins Gesicht zu betrügen. Aber das habe ich, ich gestehe es, nie gedacht, daß ein Bruder, den ich mit Wohltaten überhäuft, kaltblütig den Plan entwerfen könnte, seine Schwester zugrunde zu richten!« – »Ich? Meine Schwester zugrunde richten!« – »Ja Ihr! Ich brauchte nicht Eure Erzählung abzuwarten, die mir beweist, daß Ihr zu allem fähig seid, um die Handschrift des Billetts zu erkennen. Seht! wollt Ihr leugnen, daß dieser anonyme Brief von Eurer Hand ist?«

Entrüstet legte Nanon den verräterischen Brief, den ihr der Herzog am Abend vorher zugestellt hatte, ihrem Bruder vor die Augen.

Cauvignac las ihn, ohne aus der Fassung kommen.

»Nun,« sagte er, »was habt Ihr gegen diesen Brief? Findet Ihr ihn etwa schlecht abgefaßt?«

»Es handelt sich nicht um die Abfassung, sondern um die Sache selbst. Seid Ihr es oder seid Ihr es nicht, der diesen Brief geschrieben hat?«

»Ich bin es allerdings. Hätte ich leugnen wollen, so würde ich meine Handschrift verstellt haben; aber das war unnötig. Es war nie meine Absicht, mich vor Euren Augen zu verbergen. Ich wünschte sogar, daß Ihr erkennen solltet, daß der Brief von mir kam.«

»Ihr gesteht es!« rief Nanon mit einer Gebärde des Abscheus.

»Das ist ein Rest von Demut, liebe Schwester. Ja, ich muß Euch sagen, ich wurde durch eine Art von Rache angetrieben.«

»Von Rache?« – »Ja, von einer sehr natürlichen.«

»Rache gegen mich, Unglücklicher! Bedenkt Ihr auch, was Ihr sagt? Was habe ich Euch Böses zugefügt, daß Euch der Gedanke kommt, Rache an mir zu nehmen?«

»Was Ihr mir getan habt? Ah! Nanon, versetzt Euch an meine Stelle. Ich verlasse Paris, weil ich dort zu viel Feinde hatte; das ist das Unglück aller Politiker. Ich wende mich an Euch, ich flehe Eure Hilfe an. Erinnert Ihr Euch? Ihr habt drei Briefe erhalten. Ihr werdet wohl nicht sagen, Ihr habt meine Handschrift nicht erkannt. Es war ganz die des anonymen Billetts, und überdies hatte ich die Briefe unterzeichnet. Ich schrieb drei Briefe an Euch und bat um hundert armselige Pistolen. Hundert Pistolen von Euch, die Millionen besitzt! Nun wohl, meine Schwester stößt mich zurück. Ich zeige mich bei meiner Schwester, meine Schwester läßt mich abweisen. Ich erfahre, meine Schwester sei frei, glücklich, reich, sehr reich, und ein Fremder, ein Baron von Canolles, maße sich meine Rechte an und lasse sich von ihr an meiner Stelle protegieren. Nun verdrehte mir die Eifersucht den Kopf.«

»Sagt die Habgier. Ich frage Euch, was ging es Euch an, daß ich mit Herrn von Canolles in Verbindung stand?«

»Mich? nichts, und ich hätte nicht daran gedacht, mich darüber zu beunruhigen, wenn Ihr Eure Verbindung mit mir fortgesetzt hättet.«

»Wißt Ihr wohl, daß Ihr, wenn ich ein einziges Wort zu dem Herrn Herzog von Epernon sagte, wenn ich ihm ein unumwundenes Geständnis machte, verloren wärt? Ihr habt selbst soeben und aus seinem eigenen Munde gehört, was für ein Schicksal er dem bestimmt, der ihm sein Blankett gestohlen hat.«

»Sprecht nicht mehr davon; ich schauerte bis ins Mark meiner Knochen, und ich bedurfte meiner ganzen Selbstbeherrschung, um mich nicht zu verraten.«

»Vor allem hört nun zweierlei,« sagte Nanon mit kurzem Tone.

»Was, liebe Schwester? Sprecht, ich bitte Euch.«

»Erstens werdet Ihr dem Herzog das Blankett zurückgeben, sonst hängt man Euch. Ihr habt den Spruch aus seinem eigenen Munde gehört. Sodann entfernt Ihr Euch sogleich von hier, oder ich bin verloren, was Euch zwar an sich nichts ausmacht, aber Ihr stürzt Euch mit mir ins Verderben, ein Grund, der Euch vielleicht bewegen wird, auch mich zu schonen.«

»Zwei Antworten, liebe Dame: Dieses Blankett ist mein Eigentum, und Ihr könnt mich nicht abhalten, mich hängen zu lassen, wenn es mir gefällt.«

»Meinetwegen!«

»Ich danke! Aber seid unbesorgt, es wird dem nicht so sein. Ich habe Euch soeben meinen Widerwillen gegen diese Todesart ausgedrückt. Ich behalte also das Blankett, wenn Ihr nicht etwa Lust habt, es mir abzukaufen, in welchem Fall wir miteinander handeln können.«

»Ich brauche es nicht, ich erteile selbst Blankette.«

»Glückliche Nanon!«

»Ihr behaltet es also?« – »Ja.«

»Auf die Gefahr, was auch daraus entstehen mag?« – »Seid unbesorgt, ich weiß, wo ich es anbringe. In Eurem Verlangen, Euch meiner zu entledigen, vergeßt Ihr eines.«

»Was?« – »Den wichtigen Auftrag, von dem der Herzog gesprochen hat und der mein Glück machen soll.«

Nanon erbleichte.

»Aber, Unglücklicher,« sagte sie, »Ihr wißt wohl, daß dieser Auftrag nicht für Euch bestimmt ist. Ihr wißt wohl, daß ein solcher Mißbrauch mit der Lage der Dinge ein Verbrechen wäre, das früher oder später seine Strafe nach sich ziehen müßte.«

»Ich will auch keinen Mißbrauch, sondern einen Gebrauch davon machen.«

»Überdies ist Herr von Canolles in dem Auftrag genannt.«

»Heiße ich nicht Baron von Canolles?« – »Ja, aber man kennt dort nicht bloß seinen Namen, sondern auch sein Äußeres. Herr von Canolles ist wiederholt bei Hofe gewesen.«

»Das lasse ich mir gefallen, das ist ein guter Grund, und zwar der erste, den Ihr mir angebt; Ihr seht auch, ich füge mich darein.«

»Überdies würdet Ihr dort Eure politischen Feinde finden, und Euer Gesicht ist vielleicht, obgleich Ihr unter einer andern Gestalt erscheint, nicht minder bekannt, als das des Herrn von Canolles.«

»Oh! das würde nichts zu der Sache tun, wenn es, wie der Herzog gesagt hat, Zweck der Sendung ist, Frankreich einen großen Dienst zu leisten. Die Botschaft wird dem Boten durchhelfen. Ein Dienst von dieser Wichtigkeit schließt Begnadigung in sich, und die Amnestie für das Vergangene ist stets die erste Bedingung politischer Bekehrungen. Glaubt mir also, liebe Schwester, es ist nicht an Euch, mir Bedingungen zu machen, sondern an mir, Euch die meinigen vorzuschlagen.«

»Laßt hören, worin bestehen sie?« – »Vor allem, wie ich Euch soeben sagte, die erste Bedingung jedes Vertrages, das heißt allgemeine Amnestie.«

»Ist das alles?« – »Dann die Bezahlung unserer Rechnungen.«

»Ich bin Euch etwas schuldig, wie es mir scheint?« – »Ihr seid mir die hundert Pistolen schuldig, um die ich Euch bat, und die Ihr mir verweigertet.«

»Hier sind zweihundert.«

»Gut, daran erkenne ich Euch, Nanon.«

»Aber unter einer Bedingung.«

»Unter welcher?« – »Daß Ihr das Schlimme, was Ihr angerichtet, wieder gut macht.«

»Das ist nur zu billig. Was soll ich zu diesem Zwecke tun?« – »Ihr steigt zu Pferde und jagt auf der Straße von Paris fort, bis Ihr Herrn von Canolles gefunden habt.«

»Dann verliere ich seinen Namen?« – »Ihr gebt ihn ihm zurück.«

»Und was soll ich ihm sagen?« – »Ihr stellt ihm diesen Befehl zu und versichert Euch, daß er auf der Stelle zu dessen Vollstreckung abreist.«

»Ist das alles?« – »Ja.«

»Ist es notwendig, daß er erfährt, wer ich bin?« – »Im Gegenteil, es ist von größter Wichtigkeit, daß er es nicht weiß.«

»Ah, Nanon, solltet Ihr Euch Eures Bruders schämen?«

»Aber, wie bin ich sicher,« sagte sie nach einem Augenblick, »daß Ihr meinen Auftrag getreulich erfüllen werdet? Wenn es etwas Heiliges für Euch gäbe, würde ich einen Eid von Euch verlangen.«

»Tut etwas Besseres.«

»Was?« – »Versprecht mir hundert weitere Pistolen, wenn ich Euren Auftrag vollzogen habe.«^

Nanon zuckte die Achseln und erwiderte: »Es ist abgemacht.«

»Nun, seht, ich fordere keinen Eid von Euch, und Euer Wort genügt mir. Wir sagen also hundert Pistolen für die Person, die Euch in meinem Namen den Empfangschein von Herrn von Canolles zustellt.«

»Ja; aber Ihr sprecht von einem Dritten; gedenkt Ihr nicht selbst zurückzukommen?« – »Wer weiß? ein Geschäft ruft mich selbst in die Gegend von Paris.«

Nanon entschlüpfte unwillkürlich eine Bewegung der Freude.

»Oh! das ist nicht freundlich,« sagte Cauvignac lachend. »Doch gleichviel, liebe Schwester, ohne Groll.«

»Ohne Groll; aber zu Pferde.«

»Sogleich zu Pferde, laßt mir nur Zeit zum Steigbügeltrunke.«

Cauvignac goß in sein Glas den Rest der Flasche Burgunder, begrüßte seine Schwester mit einer achtungsvollen Gebärde, sprang zu Pferde und verschwand im Nu in einer Staubwolke.

Sechstes Kapitel

Der Mond begann sich zu erheben, als der Vicomte, gefolgt von dem treuen Pompée, das Gasthaus des Meisters Biscarros verließ und auf der Straße nach Paris forteilte.

Nach ungefähr einer Viertelstunde, während deren sich der Vicomte ganz seinen Gedanken überließ und etwa anderthalb Meilen zurücklegte, wandte er sich nach seinem Reitknecht um, der ernst drei Schritte hinter seinem Herrn einherkam.

»Pompée,« fragte der junge Mann, »hast du vielleicht meinen rechten Handschuh?« – »Nicht, daß ich wüßte, gnädiger Herr.«

»Was machst du denn an deinem Felleisen?« – »Ich sehe, ob es gut angebunden ist, und ziehe die Riemen fester, damit es nicht klingt. Der Klang des Goldes bringt Unglück, gnädiger Herr, und veranlaßt besonders bei Nacht schlimme Zusammentreffen.«

»Das ist wohlgetan, Pompée,« versetzte der Vicomte, »und ich sehe es gern, daß du so sorgfältig und klug bist.«

»Das sind ganz natürliche Eigenschaften bei einem Soldaten, Herr Vicomte, Eigenschaften, die sich vortrefflich mit dem Mut vereinigen lassen. Da der Mut jedoch nicht Verwegenheit ist, so bedauere ich, offenherzig gestanden, daß Herr Richon uns nicht begleiten konnte; denn zwanzigtausend Livres sind, besonders in so stürmischen Zeiten wie die gegenwärtigen, schwer zu bewachen.«

»Was du da sagst, ist sehr gescheit, Pompée,« antwortete der Vicomte, »und ich bin in jeder Beziehung deiner Meinung.«

»Ich wage sogar zu behaupten,« fuhr Pompée, trotz aller Furcht durch die Billigung des Vicomte kühn gemacht, fort, »daß es unklug ist, sich so preiszugeben, wie wir es tun. Reiten wir also nebeneinander, wenn es Euch gefällig ist, damit ich meine Muskete untersuchen kann.«

»Nun, Pompée?« – »Das Feuerrad ist in gutem Zustand, und wer uns anhalten wollte, könnte eine schlimme Viertelstunde durchzumachen haben. Oh! oh! was seh' ich dort?«

Pompée wies entsetzt auf etwas Weißschimmerndes in der Ferne, das sich, sobald der Mond hinter den Wolken hervorkam, als ein paar Hemden erwies, die mit ausgespannten Ärmeln hinter einer Hecke zum Trocknen hingehängt waren.

Nachdem sich die beiden Helden von diesem unnützen Schrecken erholt hatten, überlegten sie sich, daß es für sie besser sei, sich im Schatten und nicht im Mondschein zu halten.

Jedoch bewahrte auch diese Vorsicht nicht vor einem neuen Abenteuer, da sie bald einen Schatten vor sich gehen sahen, der anscheinend eine Muskete trug. Nach längerem Bangen und Hangen ermannte sich Pompée so weit, daß er rief: »Holla! Freund, wer seid Ihr?«

Der Schatten hielt mit einer Bewegung sichtbaren Schreckens an, und es stellte sich heraus, daß es ein armer Handelsmann war, der nicht weniger Angst vor den Reitern gehabt hatte, als diese vor ihm. Der mitleidige Vicomte reichte dem Zitternden, selbst noch zitternd, mit seiner kleinen, weißen Hand eine halbe Pistole, worauf sich der arme Teufel, dem Himmel für dieses glückliche Zusammentreffen dankend, entfernte.

»Ihr habt unrecht gehabt, Herr Vicomte, Ihr habt sehr unrecht gehabt,« sagte Pompée nach zwanzig Schritten.

»Unrecht! worin?« – »Darin, daß Ihr diesem Menschen eine halbe Pistole gabt. Bei Nacht muß man nie zugestehen, daß man Geld hat. War nicht der erste Ruf dieses Hasenfußes, er habe keinen Pfennig bei sich?«

»Das ist richtig,« erwiderte der Vicomte lächelnd, »aber es war ein Hasenfuß, wie Ihr sagt, während wir, wie Ihr ebenfalls sagt, Kriegsleute sind, die nichts fürchten.«

»Zwischen Fürchten und Mißtrauen, Herr Vicomte, ist ein ebenso großer Unterschied, wie zwischen Bangigkeit und Klugheit. Ich wiederhole aber, es ist nicht klug, einem Unbekannten, den man auf der Landstraße trifft, zu zeigen, daß man Geld besitzt.«

»Wenn dieser Unbekannte aber allein und ohne Waffen ist?« – »Er kann einer bewaffneten Bande angehören; er kann ein Spion sein, den man vorgeschoben hat, um das Terrain zu rekognoszieren; er kann mit Massen zurückkommen, und was sollen zwei Menschen allein, so tapfer sie auch sein mögen, gegen Massen tun?«

Dieser Weisheit hatte der Vicomte nichts entgegenzusetzen und schwieg. Da es in einer Stunde Tag sein sollte, fing er auch wirklich an, sich zu beruhigen. Da hielten plötzlich beide Reiter, die inzwischen in den Wald bei dem Ort Marsas herum gelangt waren, an; sie hatten ganz deutlich hinter sich den Galopp mehrerer Pferde gehört.

Zu gleicher Zeit hoben ihre eigenen Pferde die Köpfe in die Höhe, und eines von ihnen wieherte.

»Diesmal,« sagte Pompée mit erstickter Stimme, »Herr Vicomte, werdet Ihr hoffentlich ein wenig Gelehrigkeit zeigen und die Sache der Erfahrung eines alten Soldaten überlassen. Ich höre eine Truppe berittener Leute; man verfolgt uns. Ah! es ist die Bande Eures falschen Handelsmanns. Ich sagte es Euch wohl. Keinen falschen Mut, retten wir unser Leben und unser Geld; die Flucht ist zuweilen ein Mittel zum Siege ...«

»Wohl, fliehen wir, Pompée,« erwiderte der Vicomte zitternd.

Pompée gab beide Sporen; sein Pferd, ein vortrefflicher Rotschimmel, sprang unter dem Stachel mit einem Eifer, der das Berberroß des Vicomte entflammte, und beide jagten wie der Blitz auf dem Pflaster fort, aus dem die Funken sprangen.

Dieses Rennen dauerte ungefähr eine halbe Stunde; aber statt Boden zu gewinnen, kam es den zwei Flüchtlingen vor, als näherten sich ihre Feinde.

Plötzlich erhob sich mitten aus der Finsternis eine den Fliehenden gräßlich klingende Stimme, die Pompées graue Haare sich sträuben ließ.

»Sie rufen: ›Halt‹!« murmelte er, »sie rufen: ›Halt!‹«

»Nun, sollen wir anhalten?« fragte der Vicomte.

»Im Gegenteil, verdoppeln wir womöglich unsere Geschwindigkeit! Vorwärts! vorwärts!«

»Ja, ja, vorwärts! vorwärts!« rief der Vicomte, diesmal ebenso erschrocken wie sein Verteidiger.

»Sie kommen näher! hört Ihr sie?« sagte Pompée.

»Ach, ja.«

»Es sind ihrer mehr als dreißig. Hört Ihr? Sie rufen abermals. Wir sind verloren!«

»Reiten wir die Pferde tot!« sagte der Vicomte, am ganzen Leibe zitternd.

»Vicomte! Vicomte!« rief die Stimme. »Halt, halt, halt! alter Schuft!«

»Das ist einer, der uns kennt. Das ist einer, der weiß, daß wir der Frau Prinzessin Geld bringen. Das ist einer, der weiß, daß wir konspirieren. Wir werden lebendig gerädert!«

»Halt! halt!« fuhr die Stimme fort.

»Sie schreien, man solle uns aufhalten,« sagte Pompée, »sie haben Leute voraus; wir sind abgeschnitten!«

»Wenn wir uns auf die Seite, in dieses Feld hier werfen und unsere Verfolger vorüberziehen lassen?«

»Das ist ein Gedanke,« sagte Pompée, »vorwärts!«

Sie ließen ihre Tiere zugleich Zügel und Knie fühlen und wandten sich links. Das Pferd des Vicomte sprang, geschickt gehoben, über den Graben; aber das plumpere Pompées nahm zu wenig Rand; die Erde sank unter seinen Füßen, und es stürzte mit seinem Herrn nieder. Der arme Reitknecht stieß einen Schrei der Verzweiflung aus.

Der Vicomte, der bereits fünfzig Schritte auf dem Felde gemacht hatte, hörte diesen Unglücksruf, wandte, obgleich selbst voll Schrecken, sein Pferd um und kehrte zu seinem Gefährten zurück.

»Gnade!« rief Pompée. »Lösegeld! ich ergebe mich! Ich gehöre zu dem Hause Cambes.«

Ein ungeheures Gelächter antwortete auf dieses klägliche Geschrei, und der Vicomte, der in diesem Augenblick anlangte, sah Pompée den Steigbügel des Siegers umfassen, der ihn mit einer vor Lachen sich schüttelnden Stimme zu beruhigen suchte.

»Der Herr Baron von Canolles!« rief der Vicomte.

»Ja, bei Gott! Aber, Vicomte, es ist nicht schön, daß Ihr die Leute, die Euch suchen, so rennen läßt.«

»Der Herr Baron von Canolles!« wiederholte Pompée, immer noch an seinem Glücke zweifelnd. »Der Herr Baron von Canolles und Herr Castorin?«

»Ja, Herr Pompée,« sagte Castorin, sich auf den Steigbügeln erhebend, um über die Schultern seines Herrn zu sehen, der lachend sich auf den Sattelknopf beugte. »Was macht Ihr denn da in dem Graben?«

»Ihr seht es,« erwiderte Pompée; »mein Pferd stürzte in dem Augenblick, wo ich mich, da ich Euch für Feinde hielt, zum Zweck einer kräftigen Verteidigung verschanzen wollte. Herr Vicomte,« fuhr Pompée, aufstehend und sich schüttelnd, fort, »es ist Herr von Canolles.«

»Wie, mein Herr, Ihr hier?« murmelte der Vicomte mit einer Art von Freude, die unwillkürlich in seinem Tone durchdrang.

»Wahrhaftig, ja, ich selbst,« antwortete Canolles und schaute den Vicomte mit einer Festigkeit an, die sich durch das Auffinden des Handschuhes erklärte. »Ich langweilte mich zum Sterben in dem Gasthause. Richon verließ mich, nachdem er mir mein Geld abgenommen hatte. Ich erfuhr, Ihr wärt auf der Straße nach Paris abgereist. Glücklicherweise hatte ich in derselben Richtung ein Geschäft und begab mich auf den Marsch, um Euch einzuholen. Ich vermutete nicht, daß ich zu diesem Zwecke mit Sturmeseile jagen mußte. Teufel, mein Herr, was für ein Reiter Ihr seid!«

Der Vicomte lächelte und stammelte einige Worte.

»Castorin,« fuhr Canolles fort, »hilf doch Herrn Pompée auf den Sattel; du siehst, daß es ihm trotz seiner Geschicklichkeit nicht gelingen will.«

Castorin stieg ab und unterstützte Pompée, der nach und nach wieder seinen Sattel erreichte.

»Nun laßt uns weiter reiten, wenn es Euch gefällig ist,« sagte der Vicomte.

»Ja,« erwiderte Canolles, »aber ich will Euch nun, um Euch vor Ähnlichem zu bewahren, als Geleite dienen. Eine Verstärkung von zwei Mann wird für Euch nicht überflüssig sein.«

»Nein, gewiß nicht,« rief Pompée, »die Anzahl bildet die Sicherheit.«

»Und Ihr, Vicomte, was denkt Ihr von meinem Anerbieten?« fragte Canolles, als er sah, daß der Vicomte seinen höflichen Vorschlag mit weniger Begeisterung aufnahm, als sein Reitknecht.

»Ich, mein Herr,« versetzte der Vicomte, »ich erkenne darin Eure gewöhnliche Artigkeit und danke Euch aufrichtig dafür. Aber wir verfolgen nicht denselben Weg, und ich müßte fürchten, Euch lästig zu werden.«

»Wie,« sagte Canolles ärgerlich, da er merkte, daß der Vicomte sein Verhalten vom Gasthaus fortsetzen wollte, »wir verfolgen nicht denselben Weg? Geht Ihr nicht nach ...«

»Nach Chantilly,« rief eilig Pompée, der bei dem Gedanken zitterte, seine Reise ohne einen andern Gefährten als den Vicomte fortsetzen zu müssen.

Dieser machte eine sehr bezeichnende Gebärde der Ungeduld, und wenn es Tag gewesen wäre, hätte man sehen können, wie ihm die Röte des Zorns in die Wangen stieg.

»Vortrefflich!« rief Canolles, ohne daß er den wütenden Blick zu bemerken schien, mit dem der Vicomte den alten Pompée niederschmetterte. »Chantilly ist gerade mein Weg. Ich gehe nach Paris, oder vielmehr,« fügte er lachend hinzu, »seht, Vicomte, ich habe nichts zu tun und weiß nicht, wohin ich gehe. Geht Ihr nach Paris, so gehe ich nach Paris; geht Ihr nach Lyon, so gehe ich nach Lyon; geht Ihr nach Marseille, ich habe längst eine Leidenschaft, die Provence zu sehen, und gehe nach Marseille.«

»Mein Herr,« versetzte der Vicomte mit einer gewissen Festigkeit, die er ohne Zweifel dem von Pompée angeregten Zorn zu danken hatte, »muß ich es Euch sagen? Ich reise ohne Gesellschaft, wegen persönlicher Angelegenheiten vom höchsten Belang, aus sehr ernsten Gründen, und wenn Ihr auf Eurer Absicht besteht, so nötigt Ihr mich zu meinem großen Bedauern, Euch zu bemerken, daß Ihr mich in meinen Schritten belästigt.«

Nur die Erinnerung an den kleinen Handschuh, den Canolles auf seiner Brust zwischen Rock und Hemd verborgen hielt, hielt den lebhaften und aufbrausenden Gascogner ab, loszubrechen.

»Mein Herr,« versetzte er mit ernstem Tone, »ich habe nie sagen hören, die Landstraßen gehören der einen Person mehr, als der andern. Man nennt sie sogar den Weg des Königs, auf den alle das gleiche Recht haben. Auch habe ich nicht die Absicht, Euch zu belästigen. Ich bin sogar hier, um Euch Dienste zu leisten, denn Ihr seid jung, schwach und ohne große Verteidigungsmittel. Ich glaube nicht auszusehen wie ein Mensch, der die Reisenden ausplündert, unterwerfe mich aber Eurem Spruch und kann nur mein Euch widerwärtiges Aussehen verwünschen. Vergebt mir, daß ich Euch lästig war. Ich habe die Ehre, Euch mein Kompliment zu machen. Glückliche Reise!«

Und Canolles ließ sein Pferd eine leichte Wendung machen und ritt, nachdem er den Vicomte gegrüßt hatte, auf die andere Seite der Straße, wohin ihm Castorin in der Tat und Pompée in der Absicht folgte.

Canolles spielte diese Szene mit so anmutiger Höflichkeit, mit so verführerischer Gebärde, indem er mit seinem breiten Hut seine reine, von schwarzen, seidenen Haaren beschattete Stirn wieder bedeckte, daß der Vicomte mehr von seiner vornehmen Miene, als von seinem Verfahren gerührt wurde. Der junge Mann beschleunigte hierauf den Gang seines Pferdes, holte Canolles ein, der sich stellte, als sähe und hörte er ihn nicht, und flüsterte ihm mit kaum verständlicher Stimme zu: »Herr von Canolles!«

Canolles bebte und wandte sich um; ein Schauer der Lust durchlief seine Adern, und es kam ihm vor, als ob sich alle Musik der himmlischen Sphären vereinigte, um ihm ein göttliches Konzert zu geben.

»Vicomte!« entgegnete er.

»Hört, mein Herr,« antwortete dieser mit einer weichen, samtartigen Stimme, »ich fürchte in der Tat, unhöflich gegen einen Mann von Eurem Verdienste zu sein. Vergebt mir meine Schüchternheit. Ich wurde von Eltern erzogen, die sich aus Liebe zu mir fortwährend ängsteten; ich wiederhole, vergebt mir, ich habe nie die Absicht gehabt, Euch zu beleidigen, und zum Beweis unserer aufrichtigen Aussöhnung erlaubt mir, an Eurer Seite zu reiten.«

»Wie?« rief Canolles, »hundertmal, tausendmal! Ich hege keinen Groll, und zum Beweis ...«

Und er reichte ihm eine Hand, in die ein zartes, leichtes, flüchtiges Händchen fiel oder vielmehr schlüpfte.

Der Rest der Nacht verging unter tollem Geplauder des Barons; der Vicomte hörte beständig zu und lachte zuweilen.

»Doch sagt,« unterbrach der Vicomte den Redefluß des Gascogners, als der erste Morgenschimmer anbrach, »wie habt Ihr Eure Angelegenheiten mit dem Herzog von Epernon abgemacht?«

»Die Sache war nicht schwierig,« erwiderte Canolles. »Nach dem, was Ihr mir mitteiltet, hatte er mit mir zu tun, nicht ich mit ihm. Entweder ist er müde geworden, mich zu erwarten, und hat sich zurückgezogen, oder er ist halsstarrig gewesen und wartet noch.«

»Aber Fräulein von Lartigues?« fügte der Vicomte mit leichtem Zögern hinzu.

»Fräulein von Lartigues, Vicomte, kann nicht zugleich zu Hause bei Herrn von Epernon und im Goldenen Kalbe bei mir sein. Man muß von den Frauen nicht zu viel verlangen.«

»Das ist keine Antwort, Baron; ich frage Euch, wie Ihr Euch, bei Eurer Liebe zu Fräulein von Lartigues, von ihr trennen konntet?«

Canolles hätte gern dem Vicomte, den er jetzt im Tageslicht klar sehen konnte, seiner Herzensneigung nach geantwortet, aber da er trotz des kleinen Handschuhes und der kleinen Hand seiner Sache doch nicht völlig sicher war, so zügelte er sich noch und erwiderte die Frage des Vicomte mit jenem Lächeln, womit man alles beantwortet.

Man hielt in Barbezieux an, um zu frühstücken und die Pferde ausschnaufen zu lassen. Canolles frühstückte diesmal mit dem Vicomte, und bei dem Frühstück bewunderte er diese Hand, deren nach Bisam duftende Hülle eine so große Aufregung in ihm hervorgebracht hatte. In dem Augenblick, wo man sich zu Tische setzte, war der Vicomte überdies genötigt, seinen Hut abzunehmen und seine glatten, schönen, einer so zarten Haut entsprießenden Haare zu entblößen, und jeder andere, wie ein verliebter und darum blinder Mensch, wäre von seiner Ungewißheit befreit gewesen. Aber Canolles fürchtete das Erwachen zu sehr, um nicht die Dauer seines Traumes auszudehnen. Auch fand er etwas Reizendes in diesem Inkognito des Vicomte, das ihm eine Menge kleiner Vertraulichkeiten gestattete, die ein gänzliches Erkennen oder ein volles Geständnis ihm untersagt hätte. Er sprach also kein Wort, das den Vicomte auf den Verdacht bringen konnte, sein Inkognito sei verraten.

Nach dem Frühstück begab man sich wieder auf den Weg und ritt dann bis zum Mittagessen. Von Zeit zu Zeit brachte eine Müdigkeit, die er nicht verbergen konnte, auf das Gesicht des Vicomte eine bleichere Farbe oder in seinen Körper ein leichtes Beben, nach dessen Ursache ihn Canolles freundschaftlich fragte. Herr von Cambes lächelte dann und schien nicht mehr zu leiden. Er schlug sogar vor, noch stärker zu reiten, was aber Canolles mit der Bemerkung zurückwies, man habe einen weiten Weg zu machen, und es sei folglich wesentlich, die Pferde zu schonen.

Nach dem Mittagessen fiel es dem Vicomte etwas schwer, aufzustehen. Canolles erhob sich und unterstützte ihn.

»Ihr bedürft der Ruhe, mein junger Freund,« sagte er zu ihm; »eine derartige Reise würde Euch auf der dritten Etappe töten. Wir reiten in dieser Nacht nicht, sondern schlafen im Gegenteil. Ihr sollt Euch eines guten Schlummers erfreuen, und das beste Zimmer des Gasthofs soll das Eurige sein, oder ich will sterben.«

Der Vicomte schaute Pompée mit so verblüffter Miene an, daß Canolles seine Lachlust nicht unterdrücken konnte.

»Wenn man eine große Reise unternimmt, wie wir,« sagte Pompée, »so müßte jeder sein Zelt haben.«

»Oder ein Zelt für zwei,« versetzte Canolles mit der natürlichsten Miene der Welt »das würde genügen.«

Ein Schauer durchlief sichtlich den Körper des Vicomte.

Der Schlag war getan, und seine Wirkung entging Canolles nicht; aus einem Augenwinkel sah er, daß der Vicomte dem Alten ein Zeichen machte, Pompée näherte sich seinem Herrn, dieser sagte ihm leise einige Worte, und bald ritt Pompée unter irgend einem Vorwande voraus und verschwand.

Anderthalb Stunden nach diesem Vorfall, über den Canolles nicht einmal eine Erklärung forderte, erblickten die Reisenden, als sie in einen großen Flecken einritten, den Reitknecht auf der Schwelle eines Gasthauses von ziemlich gutem Aussehen.

»Ah, ah!« sagte Canolles, »es scheint, wir werden die Nacht hier zubringen, Vicomte?« – »Ja, wenn Ihr wollt, Baron.«

»Ich will alles, was Ihr wollt, denn, wie gesagt, ich reise für mein Vergnügen, während Ihr Eurer Äußerung nach in Geschäften reist. Nur befürchte ich, es wird Euch in diesem Neste an Bequemlichkeit fehlen.«

»Oh!« erwiderte der Vicomte, »eine Nacht ist bald vorüber.«

»Rasch mein Zimmer,« fuhr er, zu Pompée fort, der ihm den Steigbügel hielt. »In der Tat, Ihr habt recht, Herr von Canolles,« fügte er, sich nach seinem Gefährten umwendend, hinzu, »ich bin wirklich sehr müde.«

»Hier, gnädiger Herr,« sagte die Wirtin und deutete auf ein ziemlich großes Zimmer; es ging nach dem Hofe, seine Fenster waren vergittert und darüber lagen die Speicher des Hauses.

»Wo ist mein Zimmer?« rief Canolles.

Und er warf seine Augen lüstern auf eine Tür, die an die des Vicomte stieß und deren schwache Wand einen sehr gebrechlichen Wall gegen eine so geschärfte Neugierde, wie die seinige, bildete.

»Das Eurige?« sagte die Wirtin, »folgt mir, gnädiger Herr, ich werde Euch führen, worauf sie ihn an das Ende eines ganz mit Türen besetzten und vom Zimmer des Vicomte durch die volle Breite des Hofes getrennten Hausflurs führte.

»Nun bin ich meiner Sache gewiß,« sagte sich Canolles; »aber ich habe wie ein Dummkopf gehandelt; wollte ich jedoch böse Miene machen, so würde ich mein Spiel unwiederbringlich verlieren; nehmen wir also unser freundlichstes Gesicht an.«

Er kehrte also zurück und rief seinem Reisegefährten zu: »Gute Nacht, lieber Vicomte, Ihr bedürft in der Tat der Ruhe; soll ich Euch morgen wecken? Nein. Nun, so werdet Ihr mich vielleicht wecken, wenn Ihr aufgestanden seid. Gute Nacht!«

»Gute Nacht, Baron,« erwiderte der Vicomte.

»Gut, gut, Vicomte,« murmelte Canolles, »morgen ist die Reihe an mir, die Wohnungen zu bestellen, und ich werde mich zu entschädigen wissen. Schön, er schließt alles bis auf die doppelten Vorhänge; er breitet ein Tuch davor aus, damit sogar sein Schatten unsichtbar wird. Beim Teufel, es ist ein sehr schamhafter Junge, dieser kleine Edelmann, aber gleichviel. Morgen!«

Und Canolles ging brummend in sein Zimmer zurück, kleidete sich in sehr übler Laune aus, legte sich verdrießlich nieder und träumte, Nanon finde in seiner Tasche den perlgrauen Handschuh des Vicomte.

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