Kitabı oku: «Das Elend der Medien»

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Alexis von Mirbach / Michael Meyen

Das Elend der Medien.

Schlechte Nachrichten für den Journalismus

Köln: Halem, 2021

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© 2021 by Herbert von Halem Verlag, Köln

ISBN (Print)978-3-86962-591-1

ISBN (PDF) 978-3-86962-587-4

ISBN (ePub) 978-3-86962-564-5

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SATZ: Herbert von Halem Verlag

LEKTORAT: Julian Pitten

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Alexis von Mirbach / Michael Meyen

Das Elend der Medien

Schlechte Nachrichten für den Journalismus



ALEXIS VON MIRBACH, Dr., geboren 1978 in München, studierte Regionalwissenschaft Lateinamerika an der Universität zu Köln sowie Kommunikationswissenschaft (Bachelor, Master) an der LMU München. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im bayerischen Forschungsverbund »Zukunft der Demokratie« und koordiniert dort das Projekt Media Future Lab. Seine Forschungsschwerpunkte sind Online-Journalismus, Öffentliche Meinung in Kuba und Medienpolitik.


MICHAEL MEYEN, Prof. Dr., Jahrgang 1967, studierte an der Sektion Journalistik und hat dann in Leipzig alle akademischen Stationen durchlaufen: Diplom (1992), Promotion (1995), Habilitation (2001). Parallel arbeitete er als Journalist (MDR info, Leipziger Volkszeitung, Freie Presse). Seit 2002 ist Meyen Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU München. Seine Forschungsschwerpunkte sind Medienrealitäten, Kommunikations- und Fachgeschichte sowie Journalismus.

INHALT

VOM ELEND DER DEMOKRATIE – AUCH IN DER WISSENSCHAFT. EIN VORWORT

Michael Meyen

1.JENSEITS VON GUT UND BÖSE. WARUM DAS ELEND DER MEDIEN VIELE GESICHTER HAT

Alexis Mirbach

2.DER HOFFNUNGSTRÄGER. WAS DER ÖFFENTLICH-RECHTLICHE RUNDFUNK BRAUCHT, UM SEINEN AUFTRAG ZU ERFÜLLEN

Michael Meyen

3.AM STERBEBETT. DIE REGIONALPRESSE, MIT DDR-ERFAHRUNG VON INNEN GESEHEN

Michael Meyen

4.DAS GELD, DAS LIEBE GELD. SIEBEN STIMMEN VOM RAND DES JOURNALISTISCHEN FELDES

Alexis Mirbach

5.DAS ›ANDERE‹ JOURNALISTISCHE FELD. VOM KAMPF UM DEFINITIONSMACHT

Michael Meyen

6.JOURNALISMUS ALS NEBENPRODUKT. LINKER AKTIVISMUS VON KREUZBERG BIS KURDISTAN

Michael Meyen

7.DIE MÜCKE IM SCHLAFZIMMER. MEDIENKRITIK VON UNTEN

Michael Meyen

8.WENN LINKS PLÖTZLICH RECHTS SEIN SOLL. CORONA-GESPRÄCHE IN MÜNCHEN UND OBERBAYERN

Alexis Mirbach

9.WIR SIND DAS VOLK. VIER STIMMEN AUS DEM OSTEN, 30 JAHRE DANACH

Alexis Mirbach

10.SÜDTHÜRINGER EXTREME. AM RANDE DER WAHRHEIT IN HILDBURGHAUSEN

Alexis Mirbach

11.VOM DESINFORMATIONS- ZUM DEMOKRATIE-FRAME. ANSTELLE EINER ZUSAMMENFASSUNG

Michael Meyen

VOM ELEND DER DEMOKRATIE – AUCH IN DER WISSENSCHAFT.
EIN VORWORT

Michael Meyen

Die Idee zu diesem Buch verdanken wir Jörn Hurtienne und dem bayerischen Forschungsverbund ›Zukunft der Demokratie‹. Hurtienne leitet dort das Projekt ›Digitale Partizipation in der Kommunalpolitik‹ und möchte genau das, was dieser Titel verspricht: die Technik nutzen, damit sich Bürgerschaft und Rathaus (wieder) näherkommen. Apps, natürlich, aber für einen Psychologen wie Hurtienne, Dr.-Ing. und Professor am ›Institut Mensch-Computer-Medien‹ in Würzburg, ist das schon deshalb nur ein Anfang, weil nicht alle von uns Smartphones mögen.

Anfang Oktober 2019 hat Jörn Hurtienne zu einem ›Wall Walk‹ in die Hubland-Bibliothek eingeladen, dorthin, wo das neue Würzburg wächst. Zugegeben: Der Begriff ›Wall Walk‹ hat bei mir zunächst falsche Assoziationen geweckt. Ich wusste, dass es um Demokratie gehen würde und dass Hurtienne in Prenzlau geboren ist. Vermutlich würden wir irgendwo draußen sein und vielleicht auch einen Link zur DDR haben. Zweimal daneben. Die ›Mauer‹ bestand aus Stellwänden mit vielen kleinen Zetteln, und der ›Spaziergang‹ war eher ein Lesen im Stehen. Hurtienne und seine Leute hatten alles aufgeschrieben, was ihnen Menschen erzählt haben, die entweder im Hubland wohnen oder in irgendeiner Funktion mitbestimmen, wie man dort lebt. Ein faszinierendes Panoptikum. Ich hatte das Gefühl, ganz nah dran zu sein an dem, was in einem wildfremden Stadtteil passiert. Parkprobleme, Spielplätze, Fördergelder, überhaupt: das Miteinander in der Anonymität.

In einer der Pausen stellte Jörn Hurtienne fest, dass ich seine Bourdieu-Begeisterung teile. Wir hatten schon in einem Forschungsverbund zum Thema Resilienz zusammengearbeitet und jetzt den Wunsch, die Kooperation zu vertiefen. Die Idee lag nahe: ein Buch mit dem Titel Das Elend der Demokratie, angelehnt an den Bestseller Das Elend der Welt.1 Auch über den Inhalt waren wir uns schnell einig: O-Töne wie beim ›Wall Walk‹, etwas länger sicherlich und so eingebettet, dass soziale Position und Habitus deutlich werden. Der Forschungsverbund ›Zukunft der Demokratie‹ schien dafür das ideale Umfeld zu sein. Die elf Projekte haben ihre Sensoren (fast) überall: beim Geld und am Arbeitsplatz, auf dem Land und in Osteuropa, bei den Geschlechtern, bei Menschen, die einen Teil ihrer Wurzeln in der Türkei haben, und bei denen, die noch nicht sehr lange in Deutschland sind. Das Elend der Demokratie könnte, so haben Jörn Hurtienne und ich das in Würzburg gesehen, wie einst Pierre Bourdieu eine Gesellschaftsdiagnose liefern und damit etwas einlösen, was unser Forschungsverbund beim Start im Sommer 2018 versprochen hatte.

In der Ausschreibung für den Verbund hatte ich ein paar Namen genannt (Trump, Orbán, Kaczyński, Erdoğan) und auf das hingewiesen, was 2017 diskutiert wurde. Populismus und die AfD, Wutbürger auf der Straße und in den sozialen Netzwerken, dazu »der Mitgliederschwund von Parteien, Gewerkschaften, Verbänden oder Kirchen – von Organisationen, die in der Vergangenheit Normen und Werte bereitgestellt oder diskutiert und so die öffentliche Meinungs- und Willensbildung genau wie das Handeln von Individuen, Gemeinschaften und Gesellschaften entscheidend beeinflusst haben.« In meinem Text wurde daraus eine düstere Prognose: »Die Demokratie und ihre Prinzipien wie die politische Gleichheit aller, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Minderheitenschutz und Partizipation scheinen ausgerechnet in einer Zeit an Strahlkraft zu verlieren, in der die Menschheit vor existentiellen Herausforderungen steht. Anders formuliert: Es steht das Vertrauen in die politische Weisheit der ›Vielen‹ auf dem Spiel.«2

Um diese Drohkulisse zu legitimieren und den potenziellen Geldgeber (das bayerische Wissenschaftsministerium) zu motivieren, habe ich einerseits all das zusammengetragen, was sich in der wissenschaftlichen Literatur an Skepsis finden ließ: »Postdemokratie«,3 »defekte Demokratie«,4 Fassadendemokratie,5 »simulative Demokratie«,6 »democratic rollback«,7 »Pathologie der Demokratie«.8 Andererseits sollten diese Krisen-Szenarien nur ein Ausgangspunkt sein, um danach fragen zu dürfen, »wie Partizipations- und Entscheidungsverfahren sowie möglicherweise auch die Vorstellung von Demokratie an sich so modifiziert werden können, dass sie in der Lage sind, angemessen auf die Probleme des 21. Jahrhunderts zu reagieren«.9

Heute weiß ich: Das war in jeder Hinsicht zu optimistisch gedacht. Auch und vielleicht sogar besonders in der Wissenschaft sind längst nicht alle darauf aus, ›die Vielen‹ da draußen tatsächlich mitreden und mitmachen zu lassen – auch dann nicht, wenn sie sich für einen Forschungsverbund bewerben, der ausdrücklich jede Verordnung »von oben« ablehnt und in der Ausschreibung betont, »dass die Bürgerinnen und Bürger an der ›Herstellung legitimer, gerechter, kreativer und dauerhafter Problemlösungen für ein nachhaltiges Leben‹ aktiv mitwirken müssen.«10 Ein Gemeinschaftsprojekt zum ›Elend der Demokratie‹ war selbst in einer solchen Konstellation nicht möglich. Allein schon der Titel. Unmöglich. Als ob die Demokratie am Ende wäre. Dagegen kam auch der Hinweis auf das Vorbild nicht an.11

Natürlich: Beim Cover sind immer Kompromisse möglich. Wir hätten das Buch auch einfach ›Verstehen der Demokratie‹ nennen können, Wissenschaftstradition und intellektuelles Erbe hin oder her. Damit allein wäre es aber nicht getan gewesen. Alexis Mirbach und ich sind im Frühsommer 2020 wegen eines Blogbeitrags in die Schlagzeilen geraten, in dem Ken Jebsen und sein Portal KenFM neutral-positiv behandelt wurden.12 Mir fällt kein besseres Adjektiv ein. Erwartet wurden offenbar Nicht-Beachtung oder Distanzierung. Dass das nicht geht, wenn man nach dem ›Elend der Medien‹ fragt und nach der Zukunft des Journalismus, wird hoffentlich in diesem Buch deutlich. Fortan hatten wir beide ein Kontaktschuld-Problem.13 Einige wollten ihren Namen nicht neben uns auf einem Buchdeckel sehen, und andere fürchteten, dass wir nicht in der Lage sein würden, »bestimmte Linien zu ziehen« (Zitat aus einer entsprechenden Mail). Im Klartext: Wir könnten Menschen sprechen lassen, die – ja, was eigentlich?

Eine Angst geht um in der Wissenschaft, die sich schwer greifen lässt und einen eigenen Forschungsverbund verdienen würde oder wenigstens ein eigenes Buch. Diese Angst beschneidet eigentlich alles (das Themenspektrum, die Fragen, die Antworten) und greift schon nach der jüngsten Forschergeneration. Ich könnte von einer Bachelorstudentin erzählen, die zögerte, sich mit einem politisch ›heiklen‹ Thema zu beschäftigen, um ihre Karriere nicht zu gefährden, oder von einer Aktivistin, die darum gebeten hat, längst gedruckte Zitate aus der Google-Vorschau zu entfernen, weil sie sich jetzt um ein Stipendium bewerben wollte. Bei den fraglichen Stellen sah nicht etwa diese Frau schlecht aus, sondern der Staat (weil man sie grundlos ein halbes Jahr heimlich überwacht hatte), aber genau das war offenbar das Problem. Aus der »Angst des Forschers vor dem Feld«14 (was passiert, wenn ich mich auf Menschen und ihre Wirklichkeit einlasse) ist eine Angst vor sozialer Ächtung geworden, die sehr viel mit dem ›Elend der Medien‹ zu tun hat. Deshalb bin ich Jörn Hurtienne genauso dankbar wie Herbert von Halem – dem einen für den Impuls, der zu diesem Buch geführt hat, und dem anderen für die Offenheit, diesen Titel trotz aller Bedenken, die jeder nach diesem Vorwort selbst ausformulieren kann, in sein Programm aufzunehmen. 40 Stimmen zum ›Elend der Medien‹ (genauso viele hat einst das Team um Bourdieu gesammelt) sind auch 40 Stimmen zum ›Elend der Demokratie‹.

1Pierre Bourdieu et al.: Das Elend der Welt. Studienausgabe. Konstanz: UVK 1997. – Vgl. hierzu auch die Einleitung von Alexis Mirbach in diesem Buch.

2Michael Meyen, Sabine Toussaint: ForDemo: Die Zukunft der Demokratie. Skizze für einen Bayerischen Forschungsverbund. München, 2. Januar 2017

3Vgl. Colin Crouch: Post-Democracy. Oxford: Polity 2004, Sheldon Wolin: Democracy Incorporated. Princeton: Princeton University Press 2008

4Vgl. Wolfgang Merkel, Hans-Jürgen Puhle; Aurel Croissant; Claudia Eicher; Peter Thiery: Defekte Demokratie. Band 1: Theorie. Opladen: Westdeutscher Verlag 2003

5Vgl. Wolfgang Streeck: Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2013

6Vgl. Ingolfur Blühdorn: Simulative Demokratie. Berlin: Suhrkamp 2013

7Vgl. Larry Diamond: The Democratic Rollback. The Resurgence of the Predatory State. In: Foreign Affairs 2/2008, S. 36-48

8Martin Sebaldt: Pathologie der Demokratie. Wiesbaden: Springer VS 2015

9Meyen, Toussaint: ForDemo

10Ebd. – Vgl. Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU): Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation. Berlin 2011, S. 55

11Vgl. zur Übersetzung von Bourdieus Titel die Einleitung von Alexis Mirbach in diesem Buch.

12Vgl. Michael Meyen: Kontroverse um »Medienrealität«. In: Medienrealität vom 2. Juni 2020

13Vgl. Michael Meyen: »Damit ist jedes Ihrer Argumente wertlos«. Interview zum Thema Kontaktschuld (Interviewer: Jakob Buhre). In: Planet Interview vom 14. Juli 2020

14Vgl. Rolf Lindner: Die Angst des Forschers vor dem Feld. Überlegungen zur teilnehmenden Beobachtung als Interaktionsprozess. In: Zeitschrift für Volkskunde 77. Jg. (1981), S. 51-66

1.JENSEITS VON GUT UND BÖSE.
WARUM DAS ELEND DER MEDIEN VIELE GESICHTER HAT

Alexis Mirbach

Dieses Buch könnte auch ›Die Leiden der Medien‹ heißen – wenn der Leitbegriff unseres Referenzwerks La misère du monde anders übersetzt worden wäre. Als Unbehagen. Als Not. Als Misere. Oder eben als Leid.1 La misère du monde ist ein soziologisch-literarischer Klassiker, der in Frankreich 1993 unter der Leitung von Pierre Bourdieu erschien und hierzulande 1997 als Das Elend der Welt. Deshalb der erste Teil unseres Buchtitels.

Ausgangspunkt für La misère du monde war die Anfrage eines Finanzinstituts an Bourdieu (damals Lehrstuhlinhaber am Collège de France und lange meistzitierter Sozialwissenschaftler der Welt), die »malaise social« zu erforschen. »Verbrechen« und »Krawalle« in den Pariser Vorstädten2 sowie teils spektakuläre Streikbewegungen waren damals zentraler Topos der französischen Debatte und beliebtes Medienthema.3 Bourdieu nahm die Aufgabe an, lehnte aber ab, die »soziale Malaise« mit konventionellen Fragebogentechniken anzugehen, und skizzierte stattdessen ein qualitatives Untersuchungsdesign, aus dem dann eine ebenso »einfühlsame« wie »skalpellscharfe« Sozioanalyse Frankreichs entstand – gestützt auf die Dokumentation von 40 Einzelschicksalen.4

Das Werk traf den Nerv der Zeit: Die 1.000 Seiten von La misère du monde verkauften sich allein in Frankreich im ersten Jahr über 100.000 Mal und lösten auch international eine Forschungsbewegung aus, die von unten auf die Welt blickt. Das Elend der Welt diente sogar als Vorlage für Theaterinszenierungen und schwappte auch über die deutsch-französische Grenze. Günter Grass, Daniela Dahn und Johano Strasser veröffentlichten 2002 »Zeugnisse alltäglichen Leidens an der Gesellschaft«5, und der Bourdieu-Vertraute Franz Schultheis gab 2005 mit Kristina Schulz eine deutsche Variante des ›Elends‹ heraus.6

Der ›Welt‹-Anspruch im Titel mag vermessen klingen, werden in La misère du monde doch nur Franzosen interviewt. Verwaltungsangestellte, Einwanderer, Polizisten, Familien in den Banlieus. Der Anspruch von Das Elend der Welt ist trotzdem global – weniger, weil ›monde‹ im Französischen auch einfach als ›Leute‹ verstanden werden kann,7 sondern weil das Buch vor dem Hintergrund weltweiter Deregulierungen der Finanzmärkte, tiefgreifender Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt sowie umfassender Veränderungen des gesellschaftlichen Lebens entstand.8 Bourdieu selbst hat von einer »kollektiven Konversion zur neoliberalen Sichtweise […] im Schulterschluss mit den sozialistischen Parteiführern« gesprochen,9 die in den 1990er-Jahren und 2000er-Jahren unter Bill Clinton, Tony Blair und Gerhard Schröder als Strategie »des dritten Weges« vorangetrieben wurde.10

Im Elend der Welt zeigt sich die »Abdankung des Staates«: beim Wohnungsbau, bei der Überführung öffentlicher Dienstleistungen in den Privatsektor oder bei der Transformation schulischer Einrichtungen. Das alltägliche Leid spielt sich bei Mietern von Sozialwohnungen ab, deren Siedlungen zu Ghettos gemacht wurden, bei Einwanderern, denen das ethnische Stigma auf unauflösliche Weise in Hautfarbe und Namen eingeschrieben ist,11 bei kleinen Beamten und Sozialarbeitern, die »die unerträglichsten Auswirkungen und Unzulänglichkeiten der Marktlogik kompensieren müssen«,12 im Abstieg und Niedergang der alten Arbeiter, in ihrem Hass auf die neuen Vorarbeiter13 oder bei Landwirten, denen die Frauen auf den Feldern fehlen, denen die Investitionen buchstäblich versickern und die (als das Mikrofon abgestellt ist) mit einem tiefen Seufzer ihre Sympathien für den Anführer der rechten Partei Front National gestehen.14 Durch die Analyse der individuellen Situation gelingt es dem Forscherteam um Bourdieu, Entwicklungen von gesamtgesellschaftlicher Tragweite (und die Zukunft) zu erfassen.

Was hat das mit den Medien zu tun?

Ob Folge der von Bourdieu angeklagten neoliberalen Politik unter sozialdemokratischer Absolution oder nicht: Knapp drei Jahrzehnte nach La misère du monde steckt die Demokratie westlich-liberaler Prägung in der Krise.15 Symptome sind nach herrschender Meinung das Erstarken autoritärer Regierungen in postsozialistischen Ländern, der Aufstieg der neuen Rechten, der Brexit oder Donald Trump. Nicht erst seit den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen ist die öffentliche Sorge um den Fortbestand der Demokratie auch in Deutschland zentraler Topos gesellschaftlicher Debatten. Der Soziologe Stephan Lessenich (um nur einen prominenten Sprecher zu zitieren) nennt als Indikatoren die »Eruptionen von Hass in sozialen Medien«, eine »sich leerlaufenden transmediale Aufregungsmaschine«, die »Unversöhnlichkeit des Umgangstons in der politischen Debatte« und eine bis ins Private vordringende »Dynamik des Kommunikationsabbruchs zwischen unvereinbar erscheinenden Meinungen.«16

Dass die Krise der Demokratie auch eine Krise des Journalismus ist, hat Colin Crouch in seinem Konzept der »postdemokratischen Gesellschaft«17 schon vor gut zwei Jahrzehnten herausgestellt. Während »Heerscharen von Wirtschaftslobbyisten« unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf den Hinterbühnen der Politik operieren würden, diene der »medienindustrielle Komplex« allein der Aufmerksamkeitsproduktion.18 Dass in einer multioptionalen Welt, die Orientierung erwartet, aber nur komplexe Wahrheiten bietet,19 die Krise als ›Normalzustand‹20 sehr viel mit Medien zu tun haben muss, zeigt allein die Inflation von Begriffen wie ›Fake News‹, ›Mainstream‹, ›Framing‹, ›Lügenpresse‹, ›Verschwörungstheorie‹ oder ›Desinformation‹. Deshalb der zweite Teil unseres Titels.

Unabhängig vom Titel gibt es in der Kommunikationswissenschaft mit der Media Malaise seit Ende der 1940er-Jahre die These, dass Medien die Ursache für negative Einstellungen gegenüber der Politik und demokratischen Prozessen sind: Paul Lazarsfeld und Robert Merton warnten vor einer »narkotisierenden Dysfunktion der Medien«,21 und Michael Robinson führte in den 1970er-Jahren den wachsenden Zynismus gegenüber der Politik auf die Präsentationsformen des Fernsehens zurück und prägte das Schlagwort Videomalaise.22 Video- und Media-Malaise-Forscher untersuchen seither, ob Skandalisierung, Negativismus, Konflikthaftigkeit oder Personalisierung für die steigende Politikverdrossenheit verantwortlich sind.23

Auf großes Interesse stießen die Erkenntnisse aber weder in der Öffentlichkeit noch in den Redaktionen oder in der Politik.24 Das dürfte auch an der Zielvariable Politikverdrossenheit gelegen haben. Lange hat man zwar das Sinken der Wahlbeteiligung vor laufenden Kameras mit Krokodilstränen beklagt, solche Symptome aber als Wohlstandsapathie ad acta gelegt, solange sich nicht abzeichnete, dass sich dahinter eine fundamentale Systemkritik verbergen könnte und möglicherweise eine Medienwirkung.25

Ganz anders heute. Die PEGIDA-Demonstranten haben ihre Systemkritik ab 2014 über den Begriff ›Lügenpresse‹ transportiert. Und der Brexit sowie die Wahl Trumps zeigten wenig später, dass sich liberaldemokratische Verhältnisse tatsächlich ändern können, womöglich herbeigeführt durch einen Strukturwandel der Öffentlichkeit, der eng mit digitalen Plattformen wie Facebook oder Twitter zusammenhängt. Veränderungen der öffentlichen Kommunikation sind seither Chefsache in Politik, Journalismus und Wissenschaft – und damit auch die Frage, wer oder was das Elend in den Medien ist.

Wie aus Elend Zukunft wird

Das Elend sei »vielgesichtig«, schreibt Bourdieu, »unformuliert« und »unformulierbar«. Manchmal drücke es sich mangels legitimer Mittel nur in Hass oder Wahn aus.26 Dieses Buch zeigt viele Gesichter des Elends der Medien. Wir sammeln schlechte Nachrichten für den Journalismus – gefunden bei Bürgern, Medienprofis am Rande des journalistischen Feldes und bei denen, die in der Nähe des Machtpols arbeiten und dennoch nicht nur Gutes zu sagen haben. Indem wir Medienkritik aus unterschiedlichen Feldpositionen in ihrer habituellen Verknüpfung darstellen, betreiben wir Ursachenforschung. Wo liegen die Wurzeln der Medien- und Demokratie-Malaise?

Für dieses Buch treiben uns ein Reformgedanke und der Glaube an den »transformativen Einfluss« von Wissen an. Mit Anthony Giddens gehen wir davon aus, dass Akteure (Medienmacher, Medienpolitiker, Mediennutzer) Strukturen (also Regeln für soziale Praktiken sowie Ressourcen) im Handeln nicht nur reproduzieren, sondern auch modifizieren können.27 In der Strukturationstheorie ist die Veränderung gewissermaßen eingebaut – im Unterschied zur herkömmlichen Mediensystemforschung, die Strukturen wie die Mediengesetzgebung, Aufsichtsbehörden, die journalistische Berufsideologie oder soziale Tabus eher als restriktiv konzeptualisiert.28 Bei Giddens schränkt Struktur Handeln nicht nur ein, sondern ermöglicht es auch (Dualität von Struktur). Außerdem (das ist für den Wunsch nach Reformen wichtig, der dieses Buch trägt) existiert Struktur nicht »unabhängig von dem Wissen, das die Akteure von ihrem Alltagshandeln haben«: »Handelnde wissen immer, was sie tun« – auch wenn dieses Wissen möglicherweise auf der Ebene des praktischen Bewusstseins bleibt, Grenzen hat (»uneingestandene Bedingungen und unbeabsichtigte Folgen des Handelns«) und auf der diskursiven Ebene keineswegs immer adäquate Entsprechungen findet.29 Bourdieu formuliert das so: »Was die Gesellschaft hervorgebracht hat, kann die Sozialwelt mit einem solchen Wissen gerüstet auch wieder abschaffen.«30 In Kurzform: Wir müssen ein Bewusstsein für Missstände schaffen, um das Negative im Sinne des Friedensforschers Robert C. Jungk31 sowie des US-Soziologen Erik Olin Wrights in »reale Utopien«32 zu verwandeln.

Warum es nötig ist, Kritik an Medien zu sammeln, aufzuschreiben und in den Diskurs zu tragen, zeigt der folgende Blick auf die Kommunikationswissenschaft und auf das dominante politische Narrativ. Die substantielle Kritik am Bestehenden ist leise – viel leiser jedenfalls als ein Deutungsmuster, indem allzu oft a priori programmiert ist, wer die Guten und wer die Bösen im »Medienkrieg«33 sind.34

Orthodoxer Desinformations-Frame: der Feind im Internet

Wie die Geschichte über das Elend der Medien gewöhnlich beginnt, lehrt exemplarisch eine Regierungserklärung von Angela Merkel vom 29. Oktober 2020: Öffentliche Kritik an den Corona-Maßnahmen sei unverzichtbar, so Merkel, »aber Lüge und Desinformation, Verschwörung und Hass beschädigen nicht nur die demokratische Debatte, sondern auch den Kampf gegen das Virus.« Die Bundeskanzlerin definiert damit das Problem im öffentlichen Kommunikationsraum – so, wie es unabhängig von Corona dem herrschenden Narrativ der vergangenen Jahre entspricht. »Wir müssen lernen, mit Fake News als Teil der hybriden Kriegsführung umzugehen«, sagte Merkel 2019 bei der Einweihung der BND-Zentrale in Berlin.35 Den »Kampf gegen Desinformation« führt Deutschland auf EU-Ebene gemeinsam mit Frankreich. Die Regierung von Emmanuel Macron, einst liberaler Wirtschaftsminister der sozialistischen Partei, warf Russland 2019 vor, durch Falschmeldungen über die sozialen Netzwerke die Proteste der Gelbwesten anzuheizen.36 »Putins Medien«, wie Macron Sputniknews und Russia Today nennt, hätten bereits 2017 im Präsidentschaftswahlkampf sein Privatleben thematisiert. Nach dem Wahlsieg Macrons folgte Frankreich dem deutschen Netzwerkdurchsetzungsgesetz und erließ ein ›Fake-News-Gesetz‹, das nach Einschätzung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung »nicht grundlos« als »Anschlag auf die Pressefreiheit« bezeichnet werden könne.37 Legitimiert wurde das mit einem guten Grund: mit Wladimir Putin und dem Elend der Medien.

Auch Frank-Walter Steinmeier sieht die Demokratie »unter Druck« (wegen alternativer Wahrheiten)38 und warnt vor einer »Zersetzung«. Allerdings gibt der Bundespräsident eine andere Handlungsempfehlung als Macron: Die Gesellschaft brauche seriöse Medien dringender denn je!39 »Die Demokratie ist angewiesen auf freie, unabhängige und wahrheitsgetreue Information«. Das digitale Umfeld sei nicht »freundlich«, weshalb sich der Qualitätsjournalismus noch auf unbestimmte Zeit gegen Verflachung, Verzerrung und Glaubwürdigkeitsverlust behaupten müsse.40

In dieser Erzählung von Merkel-Macron-Steinmeier steckt der hegemoniale Frame westlich-liberaler Gesellschaften über das Elend der Medien. Wenn man so will: die offizielle Version der Geschichte aus einer unendlichen Reihe von Deutungsmöglichkeiten. In einem Frame sind Facetten eines Ereignisses so verknüpft, dass sie beim Empfänger eine bestimmte Interpretation aktivieren. Eine Meta-Story, die sich in die Sequenzen Problem, Ursache, Handlungsempfehlung und moralische Bewertung unterteilen lässt.41 Was Entman »Frame« nennt, ist bei Bourdieu ein Standpunkt über die »legitime Sichtweise über die Dinge«. Anders als bei Entman schweben die Deutungsmuster hier nicht im »luftleeren Raum«42, sondern sind an Feldpositionen gebunden. Entman macht über die vier Frame-Sequenzen klar, wie eine »legitime Sichtweise« analysiert werden kann.

In der Soziologie von Pierre Bourdieu haben die Felder Politik, Wissenschaft und Journalismus eines gemeinsam: Alle drei Felder beanspruchen, über die legitime Sichtweise der Dinge zu verfügen. Mit ihren Konstruktionen der Wirklichkeit üben sie jeweils symbolische Macht aus. Die entsprechenden Kämpfe werden einerseits innerhalb der Felder ausgetragen und andererseits im sozialen Raum. Den Wettstreit um Deutungshoheit gewinnt, wer über das meiste ökonomische, kulturelle und soziale Kapital verfügt. Ein Standpunkt, der sich über die Feldgrenzen hinweg durchsetzt, gilt als orthodox. Es ist die Sichtweise der Wirklichkeit, die gesamtgesellschaftlich mindestens unbewusst als gesetzt gilt.43 Kurz: der orthodoxe Frame. Konkurrierende Sichtweisen in einer deliberativen Demokratie44 nennt Entman »counter frames«. Mit Bourdieu können die unterlegenen Standpunkte als heterodox oder als häretisch bezeichnet werden. Während es Vertretern von heterodoxen Sichtweisen darum geht, innerhalb einer bestehenden Ordnung mit ihrem Standpunkt eine höhere Position zu erlangen, wollen Häretiker die Kapitaldistribution insgesamt verändern.45

Ich nenne die Erzählung von Merkel-Macron-Steinmeier den orthodoxen Desinformations-Frame, weil sich diese Sichtweise über das Elend der Medien mit dem Mehrheits-Konsens in der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft deckt. Stephan Ruß-Mohl spricht zum Beispiel von der »Pest der Desinformation«. Die ›Feinde‹ der informierten Gesellschaft sind in seiner Lesart »Populisten und Propagandisten«, die die Digitalisierung nutzen, um mit Fake News, Konspirationstheorien, Halb- und Viertelwahrheiten zu punkten oder Verwirrung zu stiften«.46 Wolfgang Schweiger verbindet die Ursache Desinformation mit dem Aufstieg von digitalen Plattformen und nennt als Probleme den Bedeutungsverlust journalistischer Nachrichten, eine sinkende politische Informiertheit, die schwache Diskursfähigkeit der Bevölkerung sowie eine Polarisierung der Gesellschaft.47 Diana Rieger versucht nachzuweisen, dass Internet-Propaganda rechtsextreme Positionen stärkt,48 Nikolaus Jackob sieht das Internet mit aggressiven Kommentaren und Verschwörungstheorien geflutet,49 und Thorsten Quandt befürchtet wegen der »Missinformation« im Netz gar eine »Populismus-Pandemie«.50 Diese Beispiele vom Machtpol der Kommunikationswissenschaft dürften hinreichend sein, um zu zeigen, dass hier der Frame ›Desinformation‹ vorherrscht. Mit Entman gedacht ist dies die Meta-Story, die sich mit leichter Varianz auf die moralische Bewertung einzelner Akteure überträgt.51 In einem solchen Deutungsprozess wird immer mindestens implizit bestimmt, wer die Guten sind und wer die Bösen.

In dem von 36 Forschern und Praktikern erstellten Handbuch Fake News, Framing, Fact-Checking steht die Argumentationskette zur moralischen Beurteilung gleich im Vorwort: Weil »nichtjournalistische Kommunikatoren« im Internet zum Sender »nachrichtlicher Informationen« werden, steigt die Verbreitung von Verschwörungstheorien. Da sich Fake News erfolgreicher als seriöse Meldungen verbreiten, so heißt es im nächsten Kettenglied, führt das auch bei etablierten Medien zu einem Glaubwürdigkeitsverlust. Folge: »Lücken- und Lügenpresse-Vorwürfe« sowie pauschale Kritik an »Mainstream-Medien«, »Systempresse« oder »Staatsfunk«.52 Die Moral dieser Geschichte: Schuld sind ›nichtjournalistische Kommunikatoren‹. Böse. Gut sind dagegen traditionelle Medien.

Der Journalist und Soziologe Marcus Klöckner, den wir in diesem Buch ausführlich zu Wort kommen lassen, beobachtet im Feld des Journalismus einen tiefen Graben zwischen Vertretern großer Medien und ihren Kritikern auf den Plattformen des Gegendiskurses.53 In der orthodoxen Kommunikationswissenschaft wird diese Spaltung meist in den Gegensatz ›alternative‹ versus ›etablierte‹ Medien gegossen. ›Alternative Nachrichtenmedien‹ sind Thorsten Quandt zufolge Angebote, die sich als kritische Gegenstimme und Korrektiv zu journalistischen ›Mainstream-Medien‹ verstehen und vor allem online aktiv sind. In einem Aufsatz, der im April 2020 ohne Peer-Review veröffentlicht und von vielen Medien zitiert wurde, haben Quandt und sein Team Angeboten wie RT Deutsch, Sputnik, Compact oder den NachDenkSeiten vorgeworfen, in Sachen Corona Verschwörungstheorien zu verbreiten. Fazit: »Die Alternativmedien […] vermischen in ihren Veröffentlichungen das Leugnen des Klimawandels, die Flüchtlingskrise, Weltuntergangstheorien und das Coronavirus«.54 Diesen Befund kann jeder selbst prüfen und sich zum Beispiel die NachDenkSeiten ansehen. Man würde dann schnell sehen, dass es wenig Sinn macht, alle Alternativmedien und staatlich finanzierte Medien aus dem Ausland analytisch zu einer Kategorie zusammenzufassen.55 Der Frame allerdings ist in der Welt: gute Traditionsmedien, böse Alternative.

Glaubwürdigkeit als Kern-Merkmal journalistischer Qualität

Durch das orthodoxe Desinformations-Narrativ werden die Kriterien ›Vertrauen‹ und ›Glaubwürdigkeit‹ zum Goldstandard in der Beurteilung journalistischer Qualität. Die Glaubwürdigkeit des Journalismus sei »die Essenz unserer Demokratie«56 und Medienvertrauen eine »demokratische Notwendigkeit«,57 heißt es in der Kommunikationswissenschaft. Auch Bundespräsident Steinmeier machte Medienschaffenden bei einer Tagung zur politischen Streitkultur Mut (Zeitungen und öffentlicher Rundfunk würden in der Bevölkerung großes Vertrauen genießen, »bei gut 80 Prozent nach einer neuen Studie«)58 und weist damit den Weg, wie die Ergebnisse der entsprechenden Studien moralisch einzuordnen sind: Gut für die Demokratie sind hohe Werte.

Steinmeier kann sich auf einen Boom der quantitativer Glaubwürdigkeitsforschung stützen. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten führen regelmäßig Umfragen durch, und in der Kommunikationswissenschaft stehen das Reuters Institute der Universität Oxford sowie die ›Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen‹ an erster Stelle. Das Mainzer Institut für Publizistik hat Steinmeier im März 2018 sogar besucht, um über Medienvertrauen zu diskutieren. Sein Urteil: »Hier wurde gute Arbeit gemacht, die gebraucht wird in der Demokratie.«59 Ergebnisse der Welle von 2019: Gut 40 Prozent der Befragten vertrauen den Medien und rund 30 Prozent nicht. Dazu kommen knapp 30 Prozent Unentschiedene. Damit sind die Zahlen seit 2016 »recht stabil«, was in den Pressemitteilungen als positive Nachricht für die ›etablierten Medien‹ kommuniziert wird. »Das Vertrauen in öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Tageszeitungen ist weiterhin hoch, die Werte für das Internet sinken«. Und: Nur bei »einer Minderheit verfestigt sich das Misstrauen gegenüber Medien«.60

Ist damit wieder alles gut in Deutschland? Hat sich das Elend der Medien erledigt? Nicht ganz. Folgt man der Mainzer Langzeitstudie, dann hat sich der Anteil der Unentschiedenen seit 2008 von 63 Prozent auf 29 Prozent halbiert.61 Das heißt: Immer mehr Menschen haben zum Thema Medienvertrauen eine klare Meinung. Die Forschergruppe ruft deshalb das Zeitalter der Polarisierung aus.62 Ein Befund, der Sozialwissenschaftlern, Meinungsforschern, Journalisten und Politikern gut in die Argumentation gespaltene Gesellschaft passt.63

An dieser Stelle kann es weniger um die methodischen Unstimmigkeiten hinter solchen Befunden gehen und auch nicht um die These, dass Umfragen zum Medienvertrauen allenfalls die Zufriedenheit mit dem gesellschaftlichen System messen und ansonsten vor allem denen helfen, die sie bezahlen. Es soll lediglich erwähnt sein, dass der Fokus auf Glaubwürdigkeit andere Kriterien zur Beurteilung journalistischer Qualität wie Relevanz, Transparenz, Vielfalt oder die Diskussion um den Objektivitätsbegriff verdrängt.64 Und: Durch die Vielzahl an Befragungen kann sich der forschende Interpret mittlerweile selbst aussuchen, ob er steigendes,65 sinkendes66 oder stabiles67 Medienvertrauen in Deutschland erkennen mag.

Wichtiger ist an dieser Stelle, wie die Studien interpretiert werden. Punkt eins, das sei hier wiederholt: Hohe Glaubwürdigkeitswerte gelten als gut für die Demokratie. Punkt zwei: Eine Zunahme an Ja- oder Nein-Antworten (und nicht: »weiß nicht«) steht für eine Polarisierung der Gesellschaft. Und Punkt drei: Auch in der moralischen Bewertung ist man sich einig. Es gibt »gerechtfertigte« und »konspirative« Medienkritik.68 Gerechtfertigte Medienkritik äußern »Medienskeptiker« – Menschen, die sich »intellektuell zurückhaltend« und »rational begründet« äußern. Gute Bürger. Medienzyniker69 dagegen unterstellen Politikern niedere Motive und sprechen von »Lügenpresse«. Diese »verächtlichabwertende« und destruktive Haltung habe, so kann man das in einem der Texte aus Mainz lesen, keine rational-wissenschaftliche Basis. Das Forscherteam weiß auch, wo (sozial und politisch gesehen) solche Medienzyniker zu finden sind: »höhere Präferenz für die politischen Ränder AfD und Linke; niedriges politisches Interesse; hohe wirtschaftliche Zukunftsangst; häufige Nutzung alternativer Online-Nachrichtenseiten; häufiges Lesen von Nutzer-Kommentaren sowie niedrigere formale Bildung.«70 Der Frame: Formal gebildete Personen sind gut und Ungebildete böse.71

Der herrschende Desinformations-Frame lässt sich folglich so zusammenfassen: Böse sind das Internet, autoritäre Kräfte, nichtjournalistische Kommunikatoren, Alternativmedien und Medienzyniker. In anderen Worten: Schuld an der Krise der Demokratie sind Wutbürger, die Putins Medien glauben. Diesen Befund dürfte eigentlich auch der Bundespräsident nicht gutheißen. Als Außenminister sagte Steinmeier 2014 zur ›Glaubwürdigkeitskrise‹ der Medien:

»Die einfachste Erklärung wäre: Der Leser ist schuld, der ist halt dumm und frech. Der kapiert nicht, wie gut die Zeitungen sind. Aber mit dem Leser ist es wie mit dem Wähler. Man kann sich über ihn ärgern, aber man sollte ihn nicht ignorieren und am besten sehr ernst nehmen.«72

Wenn in der psychologisch-quantitativ orientierten Kommunikationswissenschaft73 nach den Ursachen der Medienkrise geforscht wird, geht es zum Beispiel um die Frage, ob Zukunftsangst stärker als die wirtschaftliche Lage bestimmt, wer Medienzyniker wird und wer ›Medienfan‹ (Antwort: nicht ganz klar), oder darum, wo Verschwörungstheoretiker Gleichgesinnte finden. Antwort: im Internet.74 Nur in einem Nebensatz heißt es bei den führenden Medienvertrauensforschern Deutschlands, die den Forschungsstand bestens im Blick haben: »Bisher ist vergleichsweise wenig untersucht worden, was Menschen konkret an Medien kritisieren.«75 Damit ist zur Relevanz dieses Buches alles gesagt.

Verstehen mit Bourdieu

Die Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen steht hier ›nur‹ pars pro toto für das, was Pierre Bourdieu an der Markt- und Meinungsforschung insgesamt kritisiert hat.76 Bourdieu hat eine Wissenschaft abgelehnt, die Menschen erst über sozial zugeschriebene Kompetenzen und statistische Wahrscheinlichkeiten definiert, anschließend den Tatbestand der ungleichen Verteilung feiert oder beklagt und schließlich die Merkmalsträger anklagend beschreibt. Eine solche Wissenschaft laufe Gefahr, zum blinden Instrument einer rationalisierten Form von Demagogie zu werden.77 Die ist beim Desinformations-Frame gegeben, weil dort die Gründe für die Medien- und Demokratiekrise nicht bei Politikern, Journalisten oder Kommunikationswissenschaftlern verortet werden, sondern bei autoritären Kräften im Internet und bei unwissenden Bürgern. Der Desinformations-Frame gleicht so dem, was der Politikwissenschaftler Philip Manow »Demokratiegefährdungsdiskurs« nennt – ein Diskurs, der »zuletzt so zugenommen« habe und die Demokratie selbst gefährde, weil er kaschiere, dass der Populismus nicht Ursache, sondern Folge der Krise der Demokratie ist.78

Dass Menschen, die nicht über das Machtmittel Bildung verfügen, weniger zufrieden mit den symbolischen Machtmitteln sind (zu denen die Massenmedien zählen), ist nicht nur das regelmäßig wiederkehrende Ergebnis der Meinungsforschung,79 sondern auch ein fast schon selbsterklärender Befund. Doch die Evidenz, »die in die Augen sprang«, war für Bourdieu nur der Ausgangspunkt. Eine Sozialwissenschaft, die unter die Oberfläche offenkundiger Tatbestände gehen wolle, müsse die primäre Wahrheit zertrümmern und an die »wirklichen Ursachen des Leidens« gelangen80 – an die sozialen und ökonomischen Bedingungen des Feldes und an die persönlichen Beschränkungen der Befragten. An ihre legitimen Ansprüche auf Glück, an die Zwänge des Arbeitsmarktes, an offene Sanktionen, schulische Verdikte oder Klassifikationen.

Aus dieser Forderung leitet Bourdieu die verstehende Methode ab, an der sich auch dieses Buch orientiert. Schritt eins: die Perspektive des Akteurs einnehmen. Schritt zwei: seine Position einnehmen. Damit ein Wissenschaftler die Perspektive eines Akteurs einnehmen kann, muss er manchmal »den Schirm von nicht selten absurden, ja oft widerwärtigen Projektionen durchbrechen«.81 Das methodische Werkzeug heißt in der Formulierung von Spinoza: »Nicht bemitleiden, nicht auslachen, nicht verabscheuen, sondern verstehen.«82

Mit der Position des Akteurs ist das positionsbedingte Leid gemeint, das sich aus seiner Stellung im sozialen Raum ergibt. Dabei geht es um das absolute Gewicht seines ökonomischen, kulturellen oder sozialen Kapitals sowie um die Beziehungen zu anderen Akteuren. Mit der verstehenden Methode ist die Hoffnung verbunden, eindimensionale Bilder durch eine komplexe, mehrdimensionale Vorstellung zu ersetzen – zugunsten einer Pluralität der Perspektiven, direkt konkurrierender und auch widersprüchlicher Standpunkte, die in der Gesamtschau eine große Not ergeben.83 Es geht in diesem Buch also nicht darum, das spezifische Elend der Medien zu untersuchen (etwa: sind die Medien glaubwürdig oder wer wird Medienzyniker), sondern um die vielen kleinen Nöte mit den Medien, die mit einer bestimmten Position im sozialen Raum einhergehen: als Ostdeutscher in einer westdeutschen Redaktion, als bayrischer Liedermacher im öffentlichen Kreuzfeuer, als Afrodeutsche ohne Chance, je die Tagessschau zu sprechen, als Mensch, den manche als Wutbürger bezeichnen würden, oder als westdeutscher Großbürger, der jede illusio in Sachen Medien verloren hat.

Um diese Menschen im sozialen Raum verorten zu können, sollen zunächst die ökonomischen und sozialen Bedingungen des journalistischen Feldes in Deutschland skizziert werden. Dazu nutze ich zwei weitere Frames, mit denen die Kommunikationswissenschaft das »Elend der Medien« erklärt, sowie Bourdieus Blick auf diesen Gegenstand (vgl. Tab. 1) – »counter frames« oder heterodoxe und häretische Sichtweisen.

Orthodoxe, Heterodoxe und Häretiker in der Kommunikationswissenschaft

Dass ein orthodoxer Frame nicht zwingend ›richtig‹ sein muss, zeigt ein Blick auf den ›Ur-Frame‹ der Kommunikationswissenschaft, der mehr als nur Parallelen zum heutigen Desinformations-Frame aufweist: Wenn in einem Feld oder einer Gesellschaft Überzeugungen und Meinungen als selbstverständlich und offensichtlich gelten, spricht Bourdieu von einer Doxa84 – von einem nicht weiter hinterfragten Glauben, der sich auch unbewusst in Grundannahmen ausdrückt. Dem Desinformations-Frame liegen die westlichen Deutungs- und Wahrnehmungsmuster des Kalten Krieges zugrunde. Man muss dazu nur Robert Entmans Buch Projections of Power lesen. Die Ikone der Framingforschung beschrieb 2004 vor dem Hintergrund der Anti-Terror-Maßnahmen nach dem 11. September 2001, wie US-amerikanische Medien und Eliten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf die Welt blickten:85 kommunistische Aggression mit der Intention, die Welt zu erobern (Problem), eine Ideologie, in der Atheismus mit einer totalitären Diktatur verschmilzt (Ursache), Wachsamkeit (Handlungsempfehlung) sowie die moralische Verurteilung der kommunistischen Seite, verbunden mit einer Idealisierung der Verbündeten in der ›freien Welt‹ (Bewertung).

TABELLE 1

Eine Doxa und vier Frames in der Kommunikationswissenschaft


Vgl. Pierre Bourdieu: Gegenfeuer. Konstanz: UVK 2004; Robert M. Entman: Projections of Power. Framing News, Public Opinion, an U.S. Foreign Policy. Chigago/London: The University of Chicago Press 2004; Nikolaus Jackob, Tanjev Schultz, Ilka Jakobs, Marc Ziegele, Oliver Quiring und Christian Schemer: Medienvertrauen im Zeitalter der Polarisierung. In: Media Perspektiven (5) 2019; Uwe Krüger: Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen. München: C.H. Beck 2016; Siegfried Weischenberg: Medienkrise und Medienkrieg. Wiesbaden: Springer 2018

Faktisch war dieser Frame falsch. Der britische Historiker Eric Hobsbawm schreibt: Die Idee einer »gottlosen kommunistischen Weltverschwörung« halte keiner rationalen Analyse stand.86 Die öffentliche Hysterie um eine mögliche kommunistische Aggression half US-Präsidenten, die wiedergewählt werden wollten, und den militärisch-industriellen Komplexen auf beiden Seiten (Kollektiven von Menschen, die von der Vorbereitung eines Krieges lebten). Im »ideologischen Tennismatch« des kalten Krieges, so Hobsbawm, sei der apokalyptische Ton aus Washington gekommen.87 Wie zur empirischen Bestätigung im Detail zeigt Robert Entman für die 1980er Jahre eine »ziemlich hohe« Korrelation zwischen den Berichten der Washington Post über eine sowjetische Gefahr und der öffentlichen Unterstützung für höhere Militärausgaben.88

Erstaunlich ist: Das Framing-Konzept ist heute populärer denn je und hat im Fake-News-Zeitalter auch den Sprung aus der Kommunikationswissenschaft in die Öffentlichkeit geschafft. Aber nur in der Theorie. Die inhaltliche Medienkritik Entmans (große US-Medien framen weltpolitische Ereignisse konsequent west-seitig und erzeugen im Verbund mit der Meinungsforschung »öffentliche Stimmung«) diffundiert seltener mit. Wie es einem Journalisten geht, der nach medienkritischer Literatur sucht, beschreibt David Goeßmann89 in einem unserer Interviews so: »Es gibt hier und da mal eine Studie, dass es in der Berichterstattung über den Afghanistankrieg oder die Ukraine eine Schlagseite gibt. Aber das ist viel zu wenig Futter, um in der Öffentlichkeit klar zu zeigen, wo es falsch gelaufen ist.«

Dass die deutsche und die US-Kommunikationswissenschaft Herrschaft kaum infrage stellen, erklärt sich auch mit ihrer historischen Entstehung. In den USA war das Fach nach dem zweiten Weltkrieg von Subventionen der Regierung abhängig90 und führt bis heute ein Außenseiter-Dasein abseits der Ivy-League-Universitäten. Im Kampf um Anerkennung macht die Disziplin das, was in einem Feld Erfolg verspricht, das von den ›harten‹ Naturwissenschaften dominiert wird: zählen, messen, rechnen.91 In der Denktradition der Kommunikationswissenschaft geht es darum, Medien als Werkzeuge zu optimieren und nicht als Herrschaftsmittel zu hinterfragen. In Deutschland hat die Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann das US-Paradigma an die Universitäten gebracht und politisch besetzt. Die Anhänger ihrer Mainzer Schule hatten mit der »empirisch-sozialwissenschaftlichen Wende«92 deutlich bessere Berufungschancen als Vertreter der Frankfurter Schule – obwohl es bei Adorno, Horkheimer und Co. ausdrücklich um die ›Kulturindustrie‹ und damit auch um Medien geht.93

Jenseits der Historie gibt es weitere Gründe, warum die deutsche Kommunikationswissenschaft in der öffentlichen Debatte »merkwürdig still« ist: Die Forscher neigen dazu, die gesellschaftlichen Effekte von Medien kleinzureden, scheuen eindeutige Aussagen, weil ihre Analysen auf Komplexität angelegt sind, und halten sich auch deshalb lieber heraus, um ihre Kontakte mit Medienmachern und Öffentlichkeitsarbeitern nicht zu gefährden.94 Wenn man so will, ist dieser modus operandi die praktische Anwendung oder Umkehrung der in Mainz publizierten Theorie der Schweigespirale:95 Erst die öffentliche Meinung erforschen und sich dann nach der Mehrheit richten, um Ausgrenzung zu vermeiden. Dabei hatte Noelle-Neumann bereits 1973 in ihrem Aufsatz Kumulation, Konsonanz und Öffentlichkeit96 an die eigene Zunft appelliert: Sie könne nicht glauben, dass Medien keine Wirkung haben sollen oder nur so schwache, wie sie die Forschung bisher nachgewiesen hat. Starrt nicht nur auf die Empfänger der Botschaft, sagt die Gründermutter der Disziplin hier, sondern schaut euch auch die Kommunikatoren an – weil diese eine soziale Kontrolle erzeugen, die jeder spürt, der von dem abweicht, was die anderen für die Meinung der Mehrheit halten müssen.

Es gibt Medienkritik in der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft. Punktuell etwa beim ersten Corona-Lockdown im April 2020. So lautstark, dass Werner d’Inka, von 2005 bis Ende März 2020 FAZ-Herausgeber, die Medienforscher Ottfried Jarren, Klaus Meier, Claus Eurich, Stephan Ruß-Mohl und Vinzenz Wyss der Lächerlichkeit preisgab. Zitat: Ihre Rügen »spotten jeder Beschreibung«.97 Auch unabhängig vom Thema Corona finden sich Forscher, die den Glaubwürdigkeitsverlust der Medien nicht mit Wladimir Putin oder ungebildeten Bürgern erklären, sondern es für »nachvollziehbar« halten, »warum sich der Unmut des Publikums über die Massenmedien allmählich aufgebaut hat«: Siegfried Weischenberg zum Beispiel, Vertreter einer systemtheoretisch geprägten Journalismusforschung,98 oder Uwe Krüger,99 einer der Köpfe des Netzwerks Kritische Kommunikationswissenschaft.100 Als hätten sie Bourdieu im Ohr, gehen Weischenberg und Krüger ausführlich auf ökonomische und soziale Bedingungen des Journalismus ein. Weischenberg, von 1999 bis 2001 Vorsitzender des Deutschen Journalistenverbandes, ordne ich dem Kommerzialisierungs-Frame zu, und Krügers Deutung nenne ich Mainstream-Frame. Beide dienen als Protagonisten, um heterodoxe und häretische Deutungen über das Elend der Medien zu skizzieren. Abschließend folgt die Deutung von Bourdieu.

Der Kommerzialisierungs-Frame

Bei Weischenberg »leiden« die Medien an der »amerikanischen Krankheit«.101 Damit ist die Kommerzialisierung des Mediensystems gemeint, die seit Einführung des Privatrundfunks in den 1980er Jahren in der politischen Kommunikationsforschung bis zum Aufkommen des Desinformations-Frames das dominierende Thema war.102 Als Folgen der ›Amerikanisierung‹ gelten Phänomene wie ›Horse-Race‹-Journalismus, Boulevardisierung, Sachthemenverlust, Personalisierung von Wahlkämpfen, die Demontage der Politik103 oder Politainment.104 Zu den Problemen, die mit der Kommerzialisierung des Mediensystems verknüpft werden, zählen auch die »langfristige Machtverschiebung zwischen Journalismus und Public Relations«,105 »stetig wachsende Lobby-Einflüsse«, »verstärkte staatliche Einflussnahme«, die »Verknappung des journalistischen Personals« und generell »schlechtere Arbeitsbedingungen« in den Redaktionen.106

Das ist das Thema von Siegfried Weischenberg, der ja einst eine Gewerkschaft leitete: Wie wirken sich die »entfesselten Medienmärkte« auf die Arbeit von Journalisten aus? Weischenberg beobachtet zum Beispiel »sinkendende Wahrhaftigkeitsansprüche« einer Journalisten-Generation, die »schnell was raushauen will.« Die Folgen: »fehlende Transparenz«, »inkompetente Berichterstattung«, »fehlendende Selbstreflexion«, »keine kritische Distanz zur Politik« sowie eine »Tendenz zur Pädagogisierung«. Statt das Verhältnis zu den Lesern zu überdenken, werde in den »Newsrooms« nur das aufgesaugt, was das Publikum auf digitalen Plattformen und den Forumsseiten der Medien »absondert«. Das Wenigste davon sei Journalismus – bei Weischenberg verstanden als »Kommunikation, die informiert und orientiert in unübersichtlichen Zeiten.«107

Dass Kommerzialisierung ein weltweites Medienphänomen ist, haben Daniel Hallin und Paolo Mancini 2004 in ihrem Buch Comparing Media Systems gezeigt.108 Und dass die Digitalisierung diesen Trend noch einmal verstärkt hat, habe ich selbst untersucht – in meiner Dissertation über Online-Journalisten in Argentinien, China, Deutschland und die USA. Selbst im Kommunismus made in Peking gehen Journalisten im Netz auf Jagd nach Klicks.109 Florian Rötzer, den wir für dieses Buch interviewt haben, hat Online-Journalisten schon kurz vor meiner Veröffentlichung als »epidemische Verstärker kollektiver Trends« beschrieben und befürchtet, dass die Vielfalt freien Marktes durch eine neue Form der sozialistischen Planwirtschaft ersetzt wird. Unsere Aufmerksamkeit, so Rötzer, werde in der schönen neuen Onlinewelt nur auf das gelenkt, was bereits Aufmerksamkeit gefunden hat«.110 Michael Meyen denkt dieses Phänomen noch einen Schritt weiter und sagt, dass die (kommerzielle) Medienlogik nicht nur Nachrichteninhalte verändert, sondern sich auch in unsere Lebensstile einschreibt. In seiner Lesart folgen wir auch in Kneipe, Religion, Museum, Universität, Militär, Familie oder beim Fußball dem Imperativ der Aufmerksamkeit.111

Bei Ruß-Mohl wird aus der Aufmerksamkeitsökonomie112 eine »Desinformationsökonomie«, angetrieben von der »pubertären Hybris weltumspannender Internet-Konzerne«.113 Auch Bundespräsident Steinmeier hat 2020 die »Logik der Plattformökonomie« verurteilt: Ihr treibendes Element seien die »größtmögliche Erregung« und der »größtmögliche Lärm«. Wenn es in der öffentlichen Kommunikation nur noch um Klicks, Likes und Shares gehe, so Steinmeier, dann sei eine Grundvoraussetzung der Demokratie bedroht.114 Weischenberg, Ruß-Mohl und Steinmeier, so lässt sich das zusammenfassen, werben für die traditionellen journalistischen Normen. Relevanz, Ausgewogenheit, Neutralität – am besten umsetzbar in einem starken öffentlichrechtlichen Rundfunk.115 Das ist die Handlungsempfehlung im Kommerzialisierungs-Frame. Und die Moral der Geschichte lautet: Böse ist die Quote, gut sind die Ideale des Journalismus. Mit ihrer Kritik an den ökonomischen Bedingungen des Journalismus befinden sich Medienforscher wie Weischenberg oder Ruß-Mohl im legitimen öffentlichen Bereich. Sonst hätte der Bundespräsident diesen Frame nicht benutzt. Uwe Krüger dagegen kommt der Rolle des Bösewichts, des Häretikers, der an Machtverhältnissen rüttelt, schon näher.

Soziale Bedingungen: Mainstream-Frame

Krügers Dissertation Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten wurde 2014 in der ZDF-Sendung Die Anstalt vor einem Millionenpublikum diskutiert. Durch eine Netzwerkanalyse zeigt Krüger, dass die Verbindungen zwischen leitenden Redakteuren der Leitmedien (SZ, FAZ, Zeit, Welt) und einem US- und Nato-affinen Elitenmilieu Effekte auf die außenpolitische Berichterstattung haben.116 Josef Joffe, Herausgeber der Zeit, verklagte das ZDF auf Unterlassung. Christoph Neuberger, einer der führenden Medienforscher, warf der Studie »mangelnde Wissenschaftlichkeit« vor.117 Das ZDF gewann allerdings den Prozess gegen Joffe vor dem Bundesgerichtshof und Krüger auch dadurch an Renommee.118

Uwe Krüger interessiert sich für die sozialen Bedingungen des Journalismus. Er zeigt zum Beispiel anhand der Ukraine-Krise von 2014, dass der deutsche »Meinungsmainstream« eine »Reihe an Falschinformationen« und »Schwarz-Weiß-Bilder« lieferte, »Putin-Versteher« als Verschwörungstheoretiker diffamierte, einen »frappierenden Gleichklang« bei bestimmten Themen aufwies und überhaupt nur ein »sehr enges Meinungsspektrum« spiegelte. Dabei kann er sich ebenfalls auf Frank-Walter Steinmeier berufen,119 der 2014 (noch als Außenminister) feststellte:

»Wenn ich morgens manchmal durch den Pressespiegel meines Hauses blättere, habe ich das Gefühl: Der Meinungskorridor war schon mal breiter. Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen. Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch.«120

Das führt direkt zum Indexing – zu einer Hypothese des US-Politologen Lance Bennett, auf die sich Krüger stützt. Bennett beobachtete in den 1980er Jahren, dass die großen Medien in der Regel nur das abbilden, was gewissermaßen offiziell im politisch-parlamentarischen Raum diskutiert wird. Das heißt: Wenn die Opposition zu einem Thema oder einer Position schweigt, kommt keine Kritik in die Medien. Kein Bericht, kein Kommentar. Obwohl Journalisten ›frei‹ sind, binden sie sich nach Bennett an den Diskurs in Parlament und Regierung, da sie auf diese Weise Ärger vermeiden und ihre Berichterstattung legitimieren können – sowie Ressourcen sparen.121

Uwe Krüger hat mehrere Themen genannt, bei denen sich die großen Medien seit den 2000er-Jahren an die Deutungsmuster der politischen Eliten klammern und nur Details kritisieren: die EU-Osterweiterung, die Einführung von Hartz IV oder die Finanzmarkt-Deregulierung. Der Journalismus falle folglich »als Frühwarnsystem für Fehlentwicklungen regelmäßig aus – und nach dem bösen Erwachen gibt es dann stets ein bisschen Selbstkritik in Branchenmagazinen und auf Medientagen.« In Krügers Ursachenzuschreibung sieht die massenmediale Wahrheitsproduktion so aus: Themen-Agenda und Meinungsspektrum geben die Eliten über informelle Absprachen auf einer politisch-medialen Hinterbühnen vor – für das »Gros der Berichterstatter« eine Art »Magnet«, an dem sie sich »wie Eisenspäne« ausrichten.122

Der Mainstream-Frame kennt eine zweite Ursache – ausformuliert von Noam Chomsky, der 1988 mit Edward Herman einen Meilenstein der akademischen Medienkritik veröffentlichte: das Buch Manufacturing Consent.123 Während die Indexing-Hypothese den Journalisten unterstellt, unbewusst oder freiwillig einer Art Daumenregel zu folgen, schaut Chomsky auf die Tiefenstrukturen des Journalismus.124 In seinem Propaganda-Modell kontrollieren die großen Medien keineswegs die Eliten, wie es auf einem »freien Marktplatz der Ideen«125 oder in der deliberativen Demokratie der Fall sein sollte, sondern organisieren Zustimmung. Bei Herman und Chomsky durchläuft jede Nachricht fünf »Filter«. Neben den Interessen von Medieneigentümern und Werbekunden, die antikapitalistische oder systemkritische Aussagen verhindern, ist hier vor allem auf die Macht der Quellen hinzuweisen (vor allem: Behörden und staatlich finanzierte Experten) sowie auf das Gegenfeuer, das sofort einsetzt, wenn doch einmal etwas durchrutschen sollte (»Flak«). Der Entstehungszeit (1980er-Jahre) geschuldet ist die Benennung des fünften Filters (»Antikommunismus«).126

In der Kommunikationswissenschaft nimmt Siegfried Weischenberg einige Elemente dieses Modells auf, wenn er »kungelnde Elite-Journalisten« und »Alpha-Tiere in der Medienwelt« beobachtet127, die auch mit Hilfe der PR-Branche eine »Medienrealität« kreieren, die sich immer öfter an »Pseudo-Ereignissen« und nicht an Wahrhaftigkeit orientiert. »Hier geht es um Macht und Einfluss, um Images und professionelle Tricks.« Trotzdem distanziert sich Weischenberg ausdrücklich von Chomsky. Von einer »gezielten Manipulation« könne keine Rede sein, weil die Menschen noch immer selbst entscheiden könnten, was sie glauben. Dass die großen Medien nicht die Ansichten der Mehrheit repräsentierten und deswegen die Empörung in der Bevölkerung wächst, erklärt er mit der »Selbstreferenz des Journalismus«: Die Medienmacher würden sich stärker an der Arbeit ihrer Kollegen orientieren als am »wahren Leben« der »normalen Bevölkerung«.128

Bei Uwe Krüger ist das homogene Milieu der Journalisten die dritte Ursache für das »Mainstreaming«. Marcus Klöckner hat ein sozial ziemlich homogenes Feld beschrieben, das vom »Habitus der Mittelschicht« dominiert wird und »auf Anpassung« sowie auf »Akzeptanz der Herrschaftsverhältnisse« programmiert sei. Bei Klöckner wird daraus eine »sozialstrukturell ausgeformte Zensur«.129 Zumindest seine Angaben zur Sozialstruktur lassen sich mit Daten belegen. 2005 (bei der letzten großen Repräsentativbefragung) stammten zwei Drittel aller Journalisten aus gut abgesicherten Angestellten- oder Beamtenhaushalten. Damals hatten rund 70 Prozent einen Hochschulabschluss (Bevölkerungsschnitt: 14 Prozent). Mehr als ein Drittel stand den Grünen nahe. Zum Vergleich: 2005 kam diese Partei bei den Bundestagswahlen auf fünf Prozent.130 Das homogene Milieu spiegelt sich in den Wohnorten: Viele Journalisten leben in bürgerlichen Vierteln wie Berlin-Prenzlauer Berg, Hamburg-Eppendorf oder München-Glockenbach. In der Medienrealität wird daraus ein rot-grüner oder »grüner Mainstream« mit den Leitlinien Multikulturalität, Vielfalt, Weltoffenheit, Toleranz, Gleichstellung und Gender-Mainstreaming. Zum »pluralistischen Relativismus« gehört, dass gleichzeitig alles abgelehnt oder sogar bekämpft wird, »was in diesem Sinne nicht ›politisch korrekt‹ ist.«131

Kurioserweise ist der Mainstream-Frame auf den ersten Blick gar nicht so weit weg von der Medienkritik aus der Mainzer Schule. Elisabeth Noelle-Neumann und Hans-Mathias Kepplinger zeigten bereits Mitte der 1970er-Jahre, wie sich die »Homogenität des Weltbildes der Journalisten« auf ihre Berichterstattung auswirkt.132 In dem Sammelband Angepasste Außenseiter sagt Kepplinger 1979, dass keine andere Berufsgruppe in politischen Fragen derart übereinstimme wie Journalisten. Selbst bei den Eliten im kleinen Mainz sei das Meinungsspektrum deutlich breiter. Als Ursachen für den »eng begrenzten Gruppenstandpunkt« nannte Kepplinger damals die Nachwuchsrekrutierung (Selbstselektion und »Kooptation«) sowie »komplexe Anapassungsmechanismen«. Journalisten seien links, weil sie sich (oft als Studienabbrecher und Langschläfer) gegen eine Karriere in Staat und Wirtschaft entschieden haben und somit »zweckrationale Entscheidungen« ablehnen.133 Noelle-Neumann-Schülerin Renate Köcher sprach wenig später von »Missionaren«.134

Diese Gemeinsamkeiten sind erstens deshalb kurios, weil sich Weltbild und Handlungsempfehlung unterscheiden. Wo Krüger Netzwerke sieht (Lobbyisten und Transatlantiker), beobachtet Nolle-Neumann 1978 auf einem Sommerfest eine »dunkle Gruppe, wie zusammengeballt« – der Journalismus als »geschlossene Gesellschaft«.135 Und wo Krüger Transparenz und Offenheit vorschlägt, um das Meinungsspektrum zu erweitern, setzt Noelle-Neumann auf kommerziellen Rundfunk.136 Das führt direkt zu zweitens. Uwe Krüger kommt von links und Elisabeth Noelle-Neumann von rechts. Während der eine die Nato- und US-Nähe der Journalisten thematisiert, arbeiten die anderen ihre »Russen«- und Kommunisten-Nähe heraus.137 Während Kepplinger kritisiert, dass sich Journalisten ihrer Verantwortung nicht bewusst sind sowie Wirtschaft und Staat ablehnen,138 spricht Krüger von einer »Verantwortungsverschwörung«139 der polit-medialen Eliten pro Staat und Wirtschaft. Weischenberg stellt in seinem Überblick zum Forschungsstand fest, dass viele Muster der Medienkritik regelmäßig wiederkehren: »Neu ist aber das Ausmaß der Wut vieler Menschen auf Journalisten des ›linksliberalen Mainstreams‹.«140 Was ist passiert?

Die Antwort steckt im Beginn dieser Einleitung: Die »Links«-Parteien in Frankreich (Sozialisten), Deutschland (SPD-Grüne), Großbritannien (Labour) und den USA (Demokraten) haben ab den 1990er-Jahren in Regierungsverantwortung die neoliberale, »rechte« Wirtschaftspolitik entscheidend vorantrieben. Blickt man in Deutschland auf die Nähe der Journalisten zur SPD in den 1970er-Jahren141 und den Grünen in den 2000er-Jahren142, dann lässt sich sagen: Sie haben nicht nur den Kurswechsel mitgemacht, sondern auch den gleichen gesellschaftlichen Aufstieg erlebt: vom Schmuddelkind der westdeutschen Nation zur Zeitgeist-Domina. Bourdieu spricht von einer Homologie der Lebenslagen, wenn Menschen mit ähnlichem Kapital ganz unabhängig von ihren Berufen die gleiche gesellschaftliche Position innehaben. Aus seinen Studien weiß man, wie eine vormals häretische Avantgarde nach ihrem Sieg im Kampf um Anerkennung die Herrschaftsmittel selbstgewordener Orthodoxie nutzt.143 Ein Beispiel: Gabor Steingart saß als Student Ende der 1980er-Jahre für die Grünen in der Marburger Stadtversammlung und trieb als Leiter der Spiegel-Wirtschaftsredaktion die Agenda 2010 voran. Die »Reform« lobpreist er später als Herausgeber des Handelsblatts und jetzt als Gründer der Plattform ThePioneer. Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel, um ein zweites Beispiel zu nennen, wurde 1999 (mit Anfang 30) erst eine der jüngsten Professorinnen Deutschlands (in Münster) und dann 2001 Sprecherin von NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD). Den wirtschaftsliberalen Kurs von damals verteidigt sie heute als Herausgeberin der Wirtschaftswoche.

Der Frame des Dritten Weges

Die theoretischen Gedanken Bourdieus kann für das journalistische Feld in Deutschland niemand besser mit Leben füllen als Albrecht Müller, früher unter anderem Wahlkampf-Manager für Willy Brandt und Gründer der NachDenkSeiten. Müller hat erlebt, wie vor der Bundestagswahl 1972 »anonyme Kreise« um die CDU eine massive Kampagne gegen die Ostpolitik Brands führten.144 Damals habe ihm Spiegel-Chefredakteur Günter Gaus in einem Hintergrundgespräch die Idee für eine Gegenkampagne geliefert, die sich um den Begriff des ›großen Geldes‹ drehte. Wie das ›große Geld‹ heute den Journalismus nach allen Regeln der Kunst regiert, zeigt Müller an zahlreichen Beispielen, etwa beim »Nato-Angriffskrieg« in Jugoslawien oder bei der Vorbereitung der Agenda 2010 unter Federführung des Nachrichtenmagazins Der Spiegel.

Für Albrecht Müller und Bourdieu wurzelt das Elend der Medien im Neoliberalismus und in der Umkehrung des sozialdemokratischen Milieus. Ich nenne das Narrativ der beiden den ›Frame des Dritten Weges‹. Der Begriff geht auf Anthony Giddens zurück, der in den 1990er-Jahren eine Alternative zu Sozialismus und Kapitalismus ausarbeitete145 und in der Soziologie gemeinsam mit Ulrich Beck der neoliberalen Ideologie »das Wort redet«, indem sie Risikogesellschaft, Globalisierung und Individualisierung »feiern«.146

Die »wissenschaftlich vorhersehbaren Folgen der von neoliberalen Philosophien beseelten Politik« sagt Bourdieu 1999 auf eine Weise voraus, als wäre Donald Trump bereits Präsident der USA: Sehnsucht nach dem Nationalstaat, Ausländerfeindlichkeit und ganze Heerscharen von Menschen, die sich dem »erstbesten Demagogen« hingeben. Dazu zynische »Kitschfiguren« mit dem Anschein politischer Machtfülle, die aber nur mediale Mechanismen bedienen und die Entpolitisierung enttäuschter Menschen verkörpern.147 Bei der Problemdefinition ähnelt der Dritte-Weg-Frame dem Desinformations-Frame: Entpolitisierung sowie mehr rechte Akteure und mehr Populisten in einem öffentlich verrückten Raum.

Doch die Wähler von rechten Demagogen sind bei Bourdieu nur ein Symptom vielfältigen gesellschaftlichen Leids – und das Produkt einer symbolischen Revolution.

Bourdieu spricht von einer konservativen Revolution, da der Neoliberalismus mit dem Schein des Revolutionären antritt – als ein »Programm der planmäßigen Zerstörung der Kollektive«, um der »Utopie des reinen und vollkommenen Marktes den Weg zu bereiten.«148 So wie im Deutschland der 1930er-Jahre die Rückkehr zu Blut und Boden gefeiert wurde, glorifiziert der Neoliberalismus den Darwinismus: eine Rückkehr zum Raubtierkapitalismus. Bourdieu spricht von einer symbolischen Revolution, weil sich das Modell nicht nur durch die ökonomischen Pressionen von Banken, Weltwährungsfonds oder internationalen Unternehmen ausbreitet, sondern auch über Thinktanks, Experten und vor allem Journalisten, die damit symbolische Gewalt ausüben.149

Die Macht der Medien ist bei Bourdieu einerseits groß und andererseits klein. Klein ist sie aufgrund der Heteronomie des journalistischen Feldes. Die Abhängigkeit von externen Zwängen sei groß (insbesondere von Ökonomie und Politik). Trotz bester persönlicher Absichten werden Journalisten so zu »Marionetten eines Zwangszusammenhangs« – zu einer dominierten Gruppe, die über ein »seltenes Machtpotential« verfügt: Zugang zur Öffentlichkeit. Groß ist die Macht der Medien, da sie symbolische Herrschaft versprechen und durch »Intrusionseffekte« in die anderen Felder »hineinstrahlen«. Da die Logik des journalistischen Feldes ökonomischen Zwängen folgt, stellt Bourdieu sich die Medien wie ein trojanisches Pferd vor, das seine Bewertungsinstanzen in andere Felder einschleust.150

Im Kampf gegen den Wohlfahrtsstaat ist bei Bourdieu der Begriff (frame) Globalisierung »die entscheidende Waffe« – ein Mythos oder eine »Ideenmacht«, die etwa den gesellschaftlichen Glauben erzeugen kann, Arbeitnehmerrechte müssten zwangsläufig abgebaut werden, um gegen die Konkurrenz aus Bangladesch zu bestehen.151 Wie Medien-Figuren die neuen Denkkategorien »unablässig einhämmern« und die »Denk- und Wahrnehmungsstrukturen« so lange verschieben, bis die ökonomischen Vulgata als alternativlose Glaubenssätze und gemeinsamer Erwartungshorizont erscheinen, zeigt Bourdieu eindrücklich am Beispiel eines Interviews mit Hans Tietmeyer in der Zeitung Le Monde aus dem Jahr 1996. Der damalige Präsident der Bundesbank wird in der Zeitung als »Hohepriester der D-Mark« vorgestellt und damit in den Status eines »Meisterdenkers« erhoben. Tietmeyers eigentlich fatalistische Botschaft ›Sozialabbau‹ verwandelt sich durch lexikalische Spielereien und Euphemismen in eine ›Befreiungsbotschaft‹: »Reform«, »Flexibilität«, »Wettbewerbsfähigkeit«, »Steuersenkung«, »dauerhaftes Wachstum« und (das ist Tietmeyers Schlüsselwort) »Vertrauen der Märkte«. Auf diese Weise werde suggeriert, dass Politiker keine Wahl haben und harte Beschlüsse treffen müssen. »Das Volk« ist im neoliberalen Denken der Gegensatz zum Markt und wird mit »Faulheit« und »Trägheit des Geistes« assoziiert. Wer wirtschaftlich scheitert, ist selbst verantwortlich.152

Heute verbreitet der Begriff ›Globalisierung‹ zwar kaum noch Schrecken, als Drohgebärde aber kann er ersetzt werden – zum Beispiel durch ›Digitalisierung‹, ›Handelskrieg‹ oder ›Desinformation‹. An Aktualität eingebüßt haben Bourdieus Lösungsvorschläge nichts: In seinen Streitschriften fordert er Gewerkschaften auf, sich international zu solidarisieren. Und von Intellektuellen verlangt er, den herrschenden Diskurs mit allen Mitteln zu kritisieren und eine symbolische Konterrevolution zu starten. Wir sollen die Ökonomie des Neoliberalismus durch eine Ökonomie des Glücks ersetzen.153

Auch für Journalisten hat Bourdieu einen Vorschlag. Sie sollen sich der ökonomischen und politischen Zwänge bewusst werden.154 Er hat zum Beispiel beschrieben, wie sich die Medien unbewusst in den Dienst von Demagogen stellen: Erst bauschen die Journalisten eine Meldung auf und gießen Öl ins Feuer, um sich anschließend »als schöne humanistische Seelen noch einen Tugendpreis dafür zu sichern«, wenn »sie lauthals moralisierend die rassistische Intervention einer Partei verurteilen, die sie überhaupt erst zu dem gemacht haben, was sie ist.«155 Bei der Trump-Wahl 2016 hat sich Geschichte wiederholt. Die Berichterstattung über den Kandidaten entsprach schon im März einem Werbewert von drei Milliarden US-Dollar.156 Dieser Befund hielt kein großes Medium davon ab, über jeden Tweet und jeden Skandal zu berichten und Trump dabei in der Regel zu verdammen.

Wie sich Bourdieu und sein Schüler Patrick Champagne den idealen Journalismus vorstellen, kann man schon im Buch Das Elend der Welt lesen. In Kurzform: weg von Konflikten, flüchtigen Berichten und Dramen, hin zum Alltag.157 Dazu gehöre auch, die Auffassung von ›Politik‹ zu überdenken und das Private einzubeziehen. Für die Journalisten heißt das, schreibt Bourdieu 1992, sich nicht nur für ökologische, antirassistische oder feministische Orientierungen zu öffnen, sondern auch für die diffusen Erwartungen und Hoffnungen der Bürger.158

Zugleich hat Bourdieu einen Mechanismus benannt, der die öffentliche Kritik am Neoliberalismus erschwert. Ihm, dem Franzosen, ist »Anti-Amerikanismus« vorgeworfen worden – in Deutschland, das weiß er, ein »Verdammungsurteil«.159 Bourdieu ist 2002 gestorben. Würde er heute twittern, könnte man sich an einem Shitstorm beteiligen und ihm vielleicht strukturellen Antisemitismus unterstellen. Als »öffentlicher Intellektueller« und Mitgründer von Attac sprach er von der »unsichtbaren Hand der Mächtigen«, der »Hochfinanz« sowie »grenzüberschreitenden Kräften des Finanzkapitals« und hat einen Gegensatz gesehen zwischen den herrschenden, kosmopolitischen Intelligenz-Eliten, die in der Berichterstattung »ganz polyglott« und »multikulturell« daherkommen, sowie dem wachsenden Prekariat, der Arbeiterschaft, den »nationalen« und »provinziellen« Ortsansässigen. Bourdieu stellte den US-Dollar als internationale Reservewährung in Frage. Er beschrieb, wie Weltbank, IWF oder WHO unter Berufung auf die Wissenschaft helfen, Finanzinteressen global durchzusetzen, und wie die Philanthropen Bill Gates und George Soros unter dem Schein der Wohltätigkeit die »immaterielle Ökonomie« und »fleischgewordene Höllenmaschine« des Silicon Valley wie beseelt vorantreiben. Bourdieu relativierte den Nationalsozialismus durch einen Vergleich mit dem Neoliberalismus, erkannte in der Macht der Finanzwelt Züge der »Kolonisation«, sah die europäische Kultur in Gefahr (Kulturpessimist!) und fühlte sich durch die Globalisierung »gezwungen, Dinge zu verteidigen, die man nicht verteidigen möchte: den Nationalstaat.«160

Dass der Gegendiskurs zum Neoliberalismus seinerzeit mit Anti-Amerikanismus gleichgesetzt wurde, erklärte Bourdieu schlicht damit, dass die internationale Finanzökonomie dem US-Modell folgt und damit in ein bestimmtes System von Werten und Überzeugungen sowie einer moralischen Weltsicht eingebettet sei. Somit werde die Kritik am Neoliberalismus automatisch mit den sozialen und kognitiven Strukturen der US-Ordnung verbunden. Um es klar zu sagen: Bourdieus Gegendiskurs richtete sich gegen die neoliberale Politik – und sonst nichts.161 Wie die völkische Gesinnung unter den Intellektuellen im Deutschland der (Vor-)Nazi-Zeit entstand, als »konservative Revolutionäre« mit einer Strategie des Drittens Weges das Gegensatzpaar von Kapitalismus und Sozialismus überwinden wollten, arbeitete er 1975 mit einem Blick auf die politische Ontologie Martin Heideggers heraus.162

Wie dieses Buch entstanden ist

Die Auswahl unserer Interviewpartner soll – und kann – nicht im Ansatz den Anschein von Repräsentativität erwecken. In einer qualitativen Studie geht es um die inhaltliche Repräsentation eines Forschungsproblems (Was ist das ›Elend der Medien‹?). Dafür ist es nötig, möglichst die gesamte Bandbreite sozialstruktureller Einflüsse und anderer theoretisch relevant erscheinender Merkmale zu erfassen.163 Höchstes Gut ist hier intersubjektive Nachvollziehbarkeit.164 Damit ist nicht nur gemeint, dass wir unser methodisches Vorgehen begründen und offenlegen. Sondern mit der verstehenden Methode soll insbesondere der Weg nachgezeichnet werden, auf dem der jeweilige Interviewpartner zu seinem Standpunkt gekommen ist. Das gelingt durch die Kontextualisierung von Positionen. Alle Einzelinterviews sind so geführt worden, dass die habituellen Bedingungen des Wissens als opus operatum und als modus operandi genauso zum Vorschein kommen wie ihre Verortung im sozialen Raum.165 Jedes Gespräch ist für sich konzipiert worden und kann folglich auch einzeln gelesen werden. Zugleich haben wir die Interviews so geordnet, dass sie ›miteinander sprechen‹ – teils als Ergänzung, teils in Konfrontation.166

Der Startschuss für dieses Buch fiel in einer Vorlesungsreihe an der LMU München im Sommer 2019, in der es um die ›Zukunft der Medien‹ ging. Michael Meyen und Sevda Arslan haben dort 19 Medienmacher und Experten eingeladen und gebeten, vor den Studierenden über den Journalismus sprechen – über Kritikpunkte, über Utopien, über Lösungen. Die Auftritte wurden mit einer Kamera aufgezeichnet, transkribiert und im Sinne einer »öffentlichen Wissenschaft«167 auf dem Blog Media Future Lab in Text und Bild publiziert. Mit diesem Material haben wir Problemfelder identifiziert168 und einen Quotenplan für die weitere Auswahl abgeleitet.

Folgt man Bourdieu, dann können bei einer Feldanalyse alle Menschen befragt werden, »die sich für die Einsätze interessieren, um die dort jeweils gespielt wird«.169 Beim Thema Medien wäre das praktisch jeder.170 Um eine »angemessene Repräsentation« zu erreichen, empfiehlt es sich normalerweise, zunächst den Kern eines Feldes besonders gut abzubilden und dann auch abweichende Vertreter aufzunehmen.171 In diesem Buch halten wir es umgekehrt: Uns geht es auch darum, den Kern des journalistischen Feldes zu beschreiben. Vor allem aber wollen wir ›die anderen‹ besonders gut abzubilden. Bourdieu vergleicht Felder mit Magneten. Je stärker sich jemand vom Machtpol angezogen fühlt, desto mehr gehört er dazu. Nach dieser Vorstellung haben wir das Material geordnet: Wir gehen vom Kern des Medienfeldes an die Ränder. Konkret: vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk über die Tagespresse und Alternativmedien hin zu organisierter Medienkritik aus der Zivilgesellschaft und schließlich zu den Frauen und Männern ›von nebenan‹. Wer die Protokolle liest, sieht schnell, an welchen Kriterien wir uns bei der Auswahl orientiert haben: Lebensphase und Geschlecht, Ost und West, Städte und Dörfer, Bildung und Medienaffinität.

Weder für die Auswahl der Befragten noch für die Erhebungssituation möchten wir eine »Illusion der Neutralität« vermitteln. Jenseits des Machtpols haben wir Menschen gesucht, die mit dem Status Quo unzufrieden sind – und diese Kritik wollen wir verstehen. Wir haben mit den Befragten folglich nicht Pro und Contra diskutiert, sondern sie wohlwollend unterstützt. »Anteilnahme«, meint Bourdieu, ist das, was Interviewte dazu bewegt, sich in das Gespräch einzubringen. Die realen Ursachen der Unzufriedenheit kommen erst ans Tageslicht, wenn gemeinsam daran gearbeitet wird.172 Damit ein offenes Gespräch entsteht, benötigt es Vertrauen. Bourdieu und sein Team haben deshalb für Das Elend der Welt viele unterschiedliche Interviewer eingesetzt, die den Interviewten meist direkt oder über ein, zwei Ecken bekannt waren. Wir haben in diesem Buch unterschiedliche Wege der Rekrutierung gewählt (zwischen Distanz und Nähe) und diese jeweils im Vorspann der Kapitel dokumentiert. Die Reflektion unserer Erfahrungen folgt im Fazit.

Blickt man auf die Frames zum Elend der Medien und die Sicht unserer Befragten, kann ein Ergebnis vorweggenommen werden: Der orthodoxe Desinformations-Frame kommt unten nicht an. Das heißt: Dieser Frame spielt in den Interviews kaum eine Rolle. Im Vordergrund steht die Kritik an den Leitmedien. Aber: Ist hier wirklich alles so schlecht? Ist es nicht zynisch, vom ›Elend der Medien‹ zu sprechen, wenn in anderen Ländern Journalisten der Kopf abgeschlagen wird?

Wenn hier von Elend gesprochen wird, ist damit nicht das große situationsbedingte Leid gemeint (»Es gibt schlimmeres, weißt du«), sondern das positionsbedingte, das sich aus der Stellung des Individuums im sozialen Raum ergibt. Man kann sich das positionsbedingte Leid am Beispiel eines Kontrabassisten vorstellen. Sein Orchester zählt vielleicht zu den prestigeträchtigsten des Universums, er selbst jedoch hat eine niedere, unbedeutende Stellung. Je höher das Orchester im Ansehen steigt, desto größer kann der Schmerz sein. Wer die große Not zum Maßstab macht, meint Bourdieu, versagt sich nicht nur, das kleine Leiden wahrzunehmen, sondern versteht auch nicht die soziale Ordnung, »die zwar einiges der großen Not zurückgedrängt hat, aber die Entwicklung aller Formen der kleinen Nöte auch begünstigt.«173

Bei drei der vier hier vorgestellten Frames zum ›Elend der Medien‹ geht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seinen Reden mit. Desinformation: Steinmeier warnt vor der Zersetzung der Demokratie durch autoritäre Kräfte im Netz und plädiert für Qualitätsjournalismus. Kommerzialisierung: Er problematisiert die Logik der Plattformökonomie und ermahnt Journalisten, sich an Relevanz zu orientieren und nicht an Klicks. Mainstream: Er beobachtet den Konformitätsdruck unter Journalisten sowie ein enges Meinungsspektrum und wünscht sich deshalb mehr Vielfalt in der Berichterstattung.

Nicht thematisiert hat Steinmeier den Frame des Dritten Wegs. Als Bourdieu sich 1999 mit Günter Grass über Das Elend der Welt unterhielt,174 wurde Steinmeier gerade Chef des Bundeskanzleramtes unter Gerhard Schröder. Grass erkannte damals ein Problem für die europäische Aufklärung, wenn Vernunft auf das »rein technisch Machbare« reduziert wird. Bourdieu sah den Prozess der Aufklärung in diesem Gespräch durch die politischen Kräfte des Neoliberalismus bedroht. Steinmeier wurde dann ›Architekt‹ der deutschen Reformen und betrieb damit in Bourdieus Worten einen »Machtmissbrauch im Namen der Vernunft«. Das homologe grün-rote journalistische Milieu vollzog die neoliberale Wende mit und beklagt heute das postfaktische Zeitalter. Blickt man auf Bourdieus Konzeption des Sozialraums, dann lässt sich theoretisch sagen: Unsere Demokratie ist nicht von ›rechts-unten‹, sondern von ›links-oben‹ gefährdet. Und was sagt die Empirie?

1Vgl. Franz Schultheis: Editorische Vorbemerkung zur Erstausgabe. In: Pierre Bourdieu et al.: Das Elend der Welt. Studienausgabe. Konstanz: UVK 1997, S.12f, hier 12

2Vgl. Patrick Champagne: Die Sicht der Medien. Ebd., S. 60-68

3Vgl. Franz Schultheis: Deutsche Zustände im Spiegel französischer Verhältnisse. Ebd., S. 430-439, hier 437

4Vgl. Franz Schultheis: Vorwort zur Studienausgabe. Ebd., S. 9-11, hier 9

5Vgl. Günther Grass, Daniela Dahn, Johano Strasser: In einem reichen Land. Zeugnisse alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Göttingen: Steidl 2002

6Vgl. Franz Schultheis, Kristina Schulz (Hrsg.): Gesellschaft mit begrenzter Haftung. Zumutungen und Leiden im deutschen Alltag. Konstanz: UVK 2005 (seit 2017: Köln: Herbert von Halem)

7Vgl. Shirin Sojitrawall: »Was uns wütend macht«. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12. Februar 1998

8Vgl. Schultheis, Schulz: Gesellschaft mit beschränkter Haftung, S. 10

9Pierre Bourdieu: Die Abdankung des Staates. In: Das Elend der Welt, S. 117-134, hier 128

10Vgl. Pierre Bourdieu: Gegenfeuer. Konstanz: UVK 2004, S. 55. – Siehe auch: Anthony Giddens: Der dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1999

11Vgl. Pierre Bourdieu: Der Lauf der Dinge. In: Das Elend der Welt, S. 69-86

12Pierre Bourdieu: Die Abdankung des Staates. Ebd., S. 129

13Vgl. Michel Pialoux: Der alte Arbeiter und die neue Fabrik. Ebd., S. 302-310

14Vgl. Pierre Bourdieu: Ein verlorenes Leben. Ebd., S. 258-268

15Vgl. Wolfgang Streeck: Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2013. – Siehe auch: Wolfgang Merkel (Hrsg.): Demokratie und Krise. Zum schwierigen Verhältnis von Theorie und Empirie. Wiesbaden: Springer VS 2015

16Stephan Lessenich: Grenzen der Demokratie. Teilhabe als Verteilungsproblem. Ditzingen: Reclam 2019, S. 10

17Vgl. Colin Crouch: Postdemokratie. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2004

18Lessenich: Grenzen der Demokratie, S. 11

19Vgl. Armin Nassehi: Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss. Hamburg: Murmann 2015

20Vgl. Armin Nassehi, Peter Felixberger (Hrsg.): Kursbuch 170 – Krisen lieben. Hamburg: Murmann 2012

21Zitiert nach: Jens Wolling: Zur Logik der Mediamalaise-Forschung. In: Werner Wirth, Andreas Fahr, Edmund Lauf (Hrsg.): Forschungslogik und -design in der Kommunikationswissenschaft. Band 2: Anwendungsfelder in der Kommunikationswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2006, S. 243-263, hier 249

22Vgl. Michael J. Robinson: Public Affairs Television and the Growth of Political Malaise. In: American Political Science Review 70. Jg. (1976), S. 409-432

23Wolling: Zur Logik der Mediamalaise-Forschung, S. 249

24Vgl. Siegfried Weischenberg: Medienkrise und Medienkrieg. Wiesbaden: Springer 2018

25Vgl. Lessenich: Grenzen der Demokratie, S. 10-12

26Vgl. Pierre Bourdieu: Post-Scriptum. In: Das Elend der Welt, S. 427-429, hier 427

27Vgl. Anthony Giddens: Die Konstitution der Gesellschaft. Frankfurt/M.: Campus 1995

28Vgl. exemplarisch die Beiträge in Daniel Hallin, Paolo Mancini (Hrsg.): Comparing Media Systems beyond the Western World. New York: Cambridge University Press 2012

29Vgl. Giddens: Konstitution der Gesellschaft, S. 77-79, 336

30Vgl. Bourdieu: Post-Scriptum, S. 427

31Vgl. Robert Jungk, Norbert R. Müllert: Zukunftswerkstätten. Mit Phantasie gegen Routine und Resignation. München 1989

32Vgl. Erik Olin Wright: Reale Utopien. Wege aus dem Kapitalismus. Berlin: Suhrkamp 2017

33Vgl. Weischenberg: Medienkrise

34Vgl. Mathias Bröckers, Paul Schreyer: Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren. Frankfurt/M.: Westend 2018

35Vgl. Merkel – Kampf gegen Desinformation entscheidend für Zusammenhalt. Reuters vom 8. Februar 2019

36Vgl. Ebd.

37Jürg Altwegg: Siehe da, Frankreich reglementiert das Netz. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12. Juli 2019

38Vgl. Frank-Walter Steinmeier: Demokratie unter Druck – Für eine neue politische Streitkultur. Rede am 17. Oktober 2019

39Vgl. Steinmeier befürchtet »Zersetzung der Demokratie« durch Fake News. In: Kirche + Leben vom 27. Mai 2017

40Frank-Walter Steinmeier: Eröffnung des Axel-Springer-Neubaus. Rede am 6. Oktober 2020

41Vgl. Robert M. Entman: Framing: Toward clarification of a fractured paradigm. In: Journal of Communication 43. Jg. (1993), S. 51-58 sowie Robert M. Entman: Projections of Power. Framing News, Public Opinion, an U.S. Foreign Policy. Chigago: The University of Chicago Press 2004, S. 5

42Vgl. Entman: Projections of Power, S. 12

43Vgl. Pierre Bourdieu: The political field the social science field, and the journalistic. In: Rodney Benson (Hrsg.): Bourdieu and the journalistic field. Cambridge: Polity Press 2005, S. 29-47

44Vgl. Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1962

45Vgl. Pierre Bourdieu: Die Regeln der Kunst. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1992, S. 365-371. – Siehe auch: Pierre Bourdieu: Entwurf einer Theorie der Praxis. Auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1976, S. 325

46Vgl. Stephan Ruß-Mohl: Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde: Warum die Digitalisierung unsere Demokratie gefährdet. Köln: Herbert von Halem 2017, S. 12

47Vgl. Wolfgang Schweiger: Der (des)informierte Bürger im Netz. Wie soziale Medien die Meinungsbildung verändern. Wiesbaden: Springer VS 2017, S. VII-IX

48Vgl. Diana Rieger, Lena Frischlich, Gary Bente: Propaganda in an insecure, unstructured world: How psychological uncertainty and authoritarian attitudes shape the evaluation of right-wing extremist internet propaganda. In: Journal for Deradicalization 10. Jg. (2017), S. 203-229

49Vgl. medienvertrauen.uni-mainz.de

50Vgl. Thorsten Quandt, Svenja Boberg, Tim Schatto-Eckrodt, Lena Frischlich: Pandemic News: Facebook Pages of Mainstream News Media and the Coronavirus Crisis. A Computational Content Analysis. Muenster Online Research (MOR) Working Paper 1/2020

51Vgl. Entman: Projections of Power, S. 25

52Vgl. Tanja Köhler (Hrsg.): Fake News, Framing, Fact-Checking. Nachrichten im digitalen Zeitalter. Bielefeld: transcript 2020, S. 14

53Vgl. Marcus B. Klöckner: Sabotierte Wirklichkeit. Oder: Wenn Journalismus zur Glaubenslehre wird. Frankfurt/M.: Westend 2019

54Vgl. Quandt et al.: Pandemic News

55Vgl. Michael Meyen: Die Leitmedien als Problem. Warum der Gegendiskurs dem Journalismus helfen könnte. In: Journalistik 3. Jg. (2020), Nr. 3, S. 262-273, hier 266f.

56Vgl. Ruß-Mohl: Die informierte Gesellschaft, S. 13

57Vgl. Renate Fischer, Otfried Jarren: Medienvertrauen als demokratische Notwendigkeit. In: Forum Wohnen und Stadtentwicklung 2019, Heft 6, S. 317-320

58Steinmeier: Demokratie unter Druck

59Das Zitat zum Medienvertrauen bezieht sich auf die Überschrift des Tagungsberichts auf der Seite des Mainzer Instituts für Publizistik. Steinmeiers Besuch galt dem Forschungsschwerpunkt »Medienkonvergenz«.

60Vgl. Nikolaus Jackob, Tanjev Schultz, Ilka Jakobs, Marc Ziegele, Oliver Quiring, Christian Schemer: Medienvertrauen im Zeitalter der Polarisierung. In: Media Perspektiven 2019, S. 210-220

61Vgl. Nikolaus Jackob, Ilka Jakobs, Oliver Quiring, Christian Schemer, Tanjev Schultz, Marc Ziegel: Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen. Erste Analysen aus der Welle 2019. Stand 25.2.2020. medienvertrauen.uni-mainz.de

62Vgl. Jackob et al.: Medienvertrauen im Zeitalter der Polarisierung

63Die steigende Zahl der Antworten kann auch bedeuten, dass den Befragten eine Problematik aufgedrängt wird, die eigentlich nicht die ihre ist – was sie aber mit wachsender Berichterstattung nicht daran hindert, aus Unterwürfigkeit, Gleichgültigkeit oder Angeberei zu antworten. Durch von Wissenschaftlern, Journalisten oder Meinungsforschern »in den Mund« gelegte Meinungen kann deren gesellschaftliche Existenz erst geschaffen werden. Vgl. Bourdieu: Rede und Antwort, S. 208-211

64Die Vermessung der Glaubwürdigkeit von Medien ist ein Kunstprodukt, das nach 1945 von den US-Amerikanern nach Deutschland gebracht wurde, um die neue Ordnung zu legitimieren. Vgl. Michael Meyen: Die Erfindung der Glaubwürdigkeit. Umfragen zur Medienbewertung in Deutschland seit 1945. In: Astrid Blome, Tobias Eberwein, Stefanie Averbeck-Lietz (Hrsg.): Medienvertrauen. Historische und aktuelle Perspektiven. Berlin: Walter de Gruyter 2020, S. 59-75

65Vgl. WDR: Glaubwürdigkeit deutscher Medien deutlich gestiegen. 1. März 2018. Die Ergebnis-Tendenz »steigendes« Medienvertrauen bestätigt sich in der Umfrage des WDR für 2019.

66Vgl. Sascha Höllig; Uwe Hasebrink: Reuters Institute Digital News Report 2018. Ergebnisse für Deutschland, S. 23-25. Die Ergebnis-Tendenz »sinkendes« Medienvertrauen bestätigt sich in den Berichten des Reuters Institut für die Jahre 2019, 2020

67Vgl. Jackob et al: Mainzer Langzeitstudie, Welle 2018. Die Ergebnis-Tendenz »recht stabiles« Medienvertrauen bestätigt sich in der Erhebungswelle 2019.

68Vgl. Nikolaus Jackob, Tanjev Schultz, Marc Ziegel, Christian Schemer, Oliver Quiring: Medienzyniker und Medienfans. Merkmale eines gespaltenen Publikums. In: Michael Haller (Hrsg.): Öffentliches Vertrauen in der Mediengesellschaft. Köln: Herbert von Halem 2017, S. 118-138, hier 120

69»Medienzyniker« stimmen diesen beiden Aussagen zu: »Die Medien und die Politik arbeiten zusammen, um die Bevölkerung zu manipulieren« und »Die Bevölkerung wird von den Medien systematisch belogen«. vgl. ebd.

70Vgl. Jackob et al: Mainzer Langzeitstudie, Welle 2019

71Auch in der oben genannten WDR-Studie ist das Bildungsgefälle die zentrale Determinante: »Personen mit formal hoher Bildung vertrauen den öffentlich-rechtlichen Medien häufiger als Bürger mit formal niedrigen Bildungsabschlüssen«.

72Frank-Walter Steinmeier: Verleihung der LEAD-Awards. Rede vom 14. November 2020

73Vgl. Maria Löblich: Die empirisch-sozialwissenschaftliche Wende in der Publizistik- und Zeitungswissenschaft. Köln: Herbert von Halem 2010.

74Vgl. Jackob et al: Medienzyniker und Medienfans

75Ebd., S. 131

76Vgl. Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1984, S. 620-632

77Vgl. Bourdieu: Rede und Antwort, S. 208-215

78Philip Manow: (Ent-)Demokratisierung der Demokratie. Berlin: Suhrkamp 2020, S. 124

79Vgl. Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 620-632

80Bourdieu: Post-Scriptum, S. 427

81Ebd.

82Pierre Bourdieu: An den Leser. In: Das Elend der Welt, S. 13-16, hier 13

83Vgl. Pierre Bourdieu: Position und Perspektive. In: Das Elend der Welt, S. 17-19, hier 17

84Vgl. Bourdieu: Entwurf einer Theorie der Praxis, S. 325

85Vgl. Entman: Projections of Power, S. 95

86Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München: dtv 1995, S. 292

87Vgl. Ebd., S. 290-299

88Vgl. Entman: Projections of Power, S. 135

89David Goeßmann: Die Erfindung der bedrohten Republik. Wie Flüchtlinge und Demokratie entsorgt werden. Berlin: Das Neue Berlin 2019

90Vgl. David W. Park: Pierre Bourdieu und die Geschichte des kommunikationswissenschaftlichen Feldes. Auf dem Weg zu einem reflexiven und konfliktorientierten Verständnis der Fachentwicklung. In: Thomas Wiedemann, Michael Meyen (Hrsg.): Pierre Bourdieu und die Kommunikationswissenschaft. Internationale Perspektiven. Köln: Herbert von Halem 2013, S. 123-146

91Vgl. Michael Meyen: Das Erbe sind wir. Warum die DDR-Journalistik zu früh begraben wurde. Meine Geschichte. Köln: Herbert von Halem 2020, S. 206

92Vgl. Löblich: Wende

93Vgl. Andreas M. Scheu: Adornos Erben in der Kommunikationswissenschaft. Eine Verdrängungsgeschichte? Köln: Halem 2012

94Vgl. Schweiger: Bürger, S. X

95Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann: Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung – unsere soziale Haut. München: Piper 1980

96Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann: Kumulation, Konsonanz und Öffentlichkeitseffekt. Ein neuer Ansatz zur Analyse der Wirkung der Massenmedien. In: Publizistik 18. Jg. (1973), S. 26-55

97Werner D’Inka: Corona und Medien – Sind alle Journalisten Versager? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. April 2020

98Weischenberg: Medienkrise und Medienkrieg, S. 5

99Vgl. Krüger: Mainstream

100Vgl. Uwe Krüger, Sebastian Sevignani (Hrsg.): Ideologie, Kritik, Öffentlichkeit. Verhandlungen des Netzwerks Kritische Kommunikationswissenschaft. Frankfurt/M.: Westend 2020

101Vgl. Weischenberg: Medienkrise und Medienkrieg

102Vgl. exemplarisch Wolfgang Donsbach, Olaf Jandura: Chancen und Gefahren der Mediendemokratie. Konstanz: UVK 2003. – Siehe auch: Klaus Kamps (Hrsg.): Trans-Atlantik – Transportabel? Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2000

103Vgl. Hans Mathias Kepplinger: Demontage der Politik in der Informationsgesellschaft. Freiburg: Karl Alber 1998

104Vgl. Andreas Dörner: Politainment: Politik in der medialen Erlebnisgesellschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2001

105Vgl. Ruß-Mohl: Die informierte Gesellschaft, S. 13

106Vgl. Michael Meyen, Claudia Riesmeyer: Diktatur des Publikums. Journalisten in Deutschland. Konstanz: UVK 2009

107Vgl. Weischenberg: Medienkrise und Medienkrieg, S. 3-5, 12-13, 16

108Vgl. Hallin, Mancini: Comparing media systems

109Vgl. Alexis von Mirbach: Digitale Illusio. Online-Journalisten in Argentinien, China, Deutschland und den USA. Berlin: Lit 2014

110Florian Rötzer: Medien in der Krise. In: Kursbuch Nr. 170 – Krisen lieben, S. 137-151, hier 142

111Vgl. Michael Meyen: Breaking News. Die Welt im Ausnahmezustand. Wie uns die Medien regieren. Frankfurt/M.: Westend 2018

112Vgl. Georg Franck: Ökonomie der Aufmerksamkeit. München: Hanser 1998

113Ruß-Mohl: Die informierte Gesellschaft, S. 13-17

114Frank-Walter Steinmeier: Eröffnung des Axel-Springer-Neubaus. Rede am 6. Oktober 2020

115Vgl. Rodney Benson, Daniel C. Hallin: How States, Markets and Globalization Shape the News: The French and U.S. National Press, 1965-1997. In: European Journal of Communication 22. Jg. (2007), S. 27-48.

116Vgl. Uwe Krüger: Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse. 2. Auflage. Köln: Herbert von Halem 2019

117Vgl. Christoph Neuberger: Meinungsmache statt Macht. In: Medium Magazin Nr. 11/2014, S. 24f.

118Vgl. Uwe Krüger: Die Anstalt sticht ins Wespennest: Journalisten und ihre transatlantischen Netzwerke. In: Dietrich Krauß (Hrsg.): Die Rache des Mainstreams an sich selbst. 5 Jahre Die Anstalt. Frankfurt/M.: Westend 2019, S. 112-120; Uwe Krüger: Im Kampf um die »Meinungsmacht« – Vorwort zur 2. Auflage. In: Krüger: Meinungsmacht, S. I-XIV

119Vgl. Krüger: Mainstream, S. 10-15, 17

120Frank-Walter Steinmeier: Verleihung der LEAD-Awards. Rede vom 14. November 2020

121Vgl. Krüger: Mainstream, S. 59-60

122Ebd., S. 64-65, 67

123Vgl. Edward S. Herman, Noam Chomsky: Manufacturing consent: the political economy of the mass media. New York: Pantheon Books 1988

124Vgl. Krüger: Meinungsmacht, S. 55-60

125Vgl. Fred S. Siebert, Theodor Peterson, Wilbur Schramm: Four theories of the press: The authoritarian, libertarian, social responsibility, and Soviet communist concepts of what the press should be and do. Urbana-Champaign: University of Illinois Press 1956

126Vgl. Noam Chomsky: Media Control: Wie uns die Medien manipulieren. Frankfurt/M.: Nomen 2018. – Für eine Kritik des Propaganda-Modells siehe Pamela J. Shoemaker, Timothy Vos: Gatekeeping Theory. Florence: Routledge 2009

127Vgl. Weischenberg: Medienkrise und Medienkrieg, S. 153, 160. – Siehe auch Stefan Weichert, Christian Zabel (Hrsg.): Die Alpha-Journalisten: Deutschlands Wortführer im Porträt. Köln: Herbert von Halem 2007

128Vgl. Weischenberg: Medienkrise und Medienkrieg, S. 18, 39-42, 160

129Vgl. Klöckner: Sabotierte Wirklichkeit, S. 13, 33

130Vgl. Siegfried Weischenberg, Maja Malik, Armin Scholl: Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland. Konstanz: UVK 2006

131Krüger: Mainstream, S. 73

132Vgl. Hans-Mathias Kepplinger: Angepasste Außenseiter. Was Journalisten denken und wie sie arbeiten. Freiburg: Karl Alber 1979, S. 13

133Ebd., S. 8, 9-12

134Renate Köcher: Spürhund und Missionar. Eine vergleichende Untersuchung über Berufsethik und Aufgabenverständnis britischer und deutscher Journalisten. Diss. München 1985

135Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann: Die Entfremdung. Brief an die Zeitschrift »Journalist«: In: Hans-Mathias Kepplinger: Angepasste Außenseiter, S. 261-280

136Vgl. Meyen, Riesmeyer: Diktatur des Publikums, S. 14f.

137Die Mainzer Studien zeigen, dass die politischen Einstellungen der Journalisten teils deutlich von der Bevölkerungsmehrheit abweichen. So war 1976 bei den Westdeutschen die Furcht vor dem Kommunismus und den »Russen« doppelt so hoch wie bei den Journalisten. Vgl. Noelle-Neumann: Die Entfremdung

138Vgl. Kepplinger: Angepasste Außenseiter, S. 17

139Vgl. Krüger: Mainstream, S. 105f.

140Weischenberg: Medienkrise und Medienkrieg, S. 19

141Während 1976 die Hälfte der Westdeutschen Helmut Kohl für einen guten Politiker hielt, waren dies bei den Journalisten nur 17 Prozent. Bei der (positiven) Bewertung von Helmut Schmidt stimmten Bevölkerung und Journalisten allerdings überein. Vgl. Noelle-Neumann: Die Entfremdung

142Vgl. Weischenberg, Malik, Scholl: Die Souffleure der Mediengesellschaft

143Vgl. Bourdieu: Die Regeln der Kunst, S. 255

144Vgl. Albrecht Müller: Glaube wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst. Wie man Manipulationen durchschaut. Frankfurt/M.: Westend 2019 S. 85-88

145Vgl. Anthony Giddens: Der dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1999. – Giddens sah die sozialistische Utopie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als überholt an und warb vor dem Hintergrund der voranschreitenden Globalisierung für eine ›Erneuerung‹ der Sozialdemokratie, die seiner Meinung die Überlegenheit des Kapitalismus in Wirtschaftsfragen akzeptieren sollte.

146Bei Ulrich Beck bezieht sich Bourdieu auch auf den 1995 erschienenen Bildband Eigenes Leben, der als Gegenstück zu Das Elend der Welt gelesen werden kann. Vgl. Pierre Bourdieu: Gegenfeuer, S. 169 und Ulrich Beck, Wilhelm Vossenkuhl, Ulf Erdman Ziegler: Eigenes Leben: Ausflüge in die unbekannte Gesellschaft, in der wir leben. München: Beck 1995

147Vgl. Bourdieu: Gegenfeuer, S. 159

148Vgl. Ebd. S. 121. – »Epizentrum« des Neoliberalismus ist nach Bourdieu seit den 1960er- und 1970er-Jahren die Ökonomie der Chicagoer Schule. Die Wirtschaftswissenschaft an der Universität Chicago steht für die neoklassische Preistheorie, freie Märkte und den Rückzug des Staates. Die Chicago School brachte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zahlreiche Nobelpreiseträger hervor. Ihre bekanntesten Vertreter sind Friedrich von Hayek, Milton Friedman und Gary Becker.

149Vgl. Bourdieu: Gegenfeuer, S. 152

150Vgl. Pierre Bourdieu: Über das Fernsehen. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1996, S. 65, 85, 112f. – Der Intrusionseffekt gleicht dem Konzept der Medialisierung. Vgl. Michael Meyen: Medialisierung. In: Medien & Kommunikationswissenschaft 57. Jg. (2009), S. 23-38

151Vgl. Bourdieu: Gegenfeuer, S. 55

152Vgl. Ebd., S. 66, 71, 149-152

153Vgl. Ebd., S. 87, 155

154Vgl. Bourdieu: Post-Scriptum, S. 427

155Bourdieu: Über das Fernsehen, S. 92

156Vgl. Karen Yourish: $2 Billion Worth of Free Media for Donald Trump. In: New York Times vom 15. März 2016

157Vgl. Patrick Champagne: Die Sicht der Medien. In: Das Elend der Welt, S. 60-68

158Vgl. Bourdieu: Post-Scriptum, S. 427

159Vgl. Bourdieu: Gegenfeuer, S. 148

160Vgl. Ebd., S. 58, 125, 147, 153, 157, 166, 172

161Vgl. Ebd., S. 147f.

162Vgl. Pierre Bourdieu: Die politische Ontologie Martin Heideggers. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1988, S. 41-43

163Vgl. Siegfried Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Weinheim: Beltz 2005, S. 192; Uwe Flick: Qualitative Sozialforschung. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 2007, S. 167

164Vgl. Michael Meyen, Maria Löblich, Senta Pfaff-Rüdiger, Claudia Riesmeyer: Qualitative Forschung in der Kommunikationswissenschaft. Eine praxisorientierte Einführung. Wiesbaden: Springer VS 2019, S. 6

165Vgl. Nathalie Huber: Kommunikationswissenschaft als Beruf. Zum Selbstverständnis von Professoren des Faches im deutschsprachigen Raum. Köln: Herbert von Halem 2010

166Vgl. Bourdieu: Position und Perspektive, S. 17

167Vgl. Michael Burawoy: For Public Sociology. 2004 Presidential Address. In: American Sociological Review 70. Jg. (2005), S. 4-28

168Vgl. Michael Meyen: (Erste) Thesen zur Medienzukunft. In: Media Future Lab 2019

169Vgl. Meyen, Riesmeyer: Diktatur des Publikums, S. 52. – Siehe auch Bourdieu, Wacquant: Reflexive Anthropologie, S. 131

170Vgl. Klaus Beck, Till Büser, Christiane Schubert: Medialer Habitus, mediales Kapital, mediales Feld – oder: vom Nutzen Bourdieus für die Mediennutzungsforschung. In: Wiedemann, Meyen: Pierre Bourdieu und die Kommunikationswissenschaft, S. 234-262

171Vgl. Lamnek: Qualitative Sozialforschung, S. 193

172Vgl. Pierre Bourdieu: Verstehen. In: Das Elend der Welt, S. 403-406

173Bourdieu: Position und Perspektive, S. 18

174Vgl. Pierre Bourdieu im Gespräch mit Günter Grass. Arte-Sendung von 1999

2.DER HOFFNUNGSTRÄGER.
WAS DER ÖFFENTLICH-RECHTLICHE RUNDFUNK BRAUCHT, UM SEINEN AUFTRAG ZU ERFÜLLEN

Michael Meyen

Acht Milliarden Euro im Jahr:1 Dank der Rundfunkbeiträge stehen ARD und ZDF ganz weit oben in der Liste der größten Medienunternehmen auf der Welt.2 Folgt man dem Jahresbericht, den der ›Beitragsservice‹ (ein schönes Wort für Geldeintreiber) 2019 vorgelegt hat, dann waren etwas mehr als drei Millionen Menschen entweder von der Zahlung befreit oder hatten eine Ermäßigung. Dazu kamen gut dreieinhalb Millionen »Beitragskonten in einer Mahnstufe oder in Vollstreckung«. Auch wenn man mit Blick auf diese Zahlen ahnt, warum der ›Beitragsservice‹ fast eintausend »Mitarbeiterkapazitäten« braucht (noch so ein feines Wort),3 heißt das auch: Fast 40 Millionen »Beitragskonten« (meist sicher: Haushalte) laufen ganz regulär. Die allermeisten Deutschen zahlen ihren Rundfunkbeitrag.

Das erklärt, warum Medienkritik in erster Linie auf den öffentlichrechtlichen Rundfunk zielt. Wo sonst sollen wir Ansprüche anmelden, wenn nicht da, wo wir ohnehin bezahlen müssen, ob wir wollen oder nicht? 2018 wollte ich in einer Art Selbstversuch wissen, was Menschen umtreibt, die öffentlich Medien kritisieren (auf digitalen Plattformen wie Facebook oder in den Kommentarspalten von Portalen wie Telepolis). Ich habe damals mehrere Interviews zu meinem Buch Breaking News gegeben4 und dann die entsprechenden Statements ausgewertet.5

Erkenntnis Nummer eins, bestätigt durch vieles, was wir in diesem Buch dokumentieren: Medienkritik zielt auf das große Ganze. Auf das ›System‹. Es geht um »Meinungs- und Deutungshoheit« und »uniformierte Berichterstattung« (Leserbrief aus der Nähe von Stuttgart an mich), um Macht und Beeinflussung (über Werbung, über Thinktanks, über Propaganda6), um den »Zensor namens Markt«, um politische und ökonomische Interessen und damit (immer wieder) um die Besitzverhältnisse – um die Familien Mohn und Springer, um Burda, Funke und Holtzbrinck, um die »wenigen sehr reichen Familien« und ihre »politische Agenda«, um die »Herrschaft der wenigen (1500 Milliardäre) über die vielen« und natürlich auch um Paul Sethe und das Zitat von 1965 (Pressefreiheit als die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten7). Kritik am Journalismus macht aus dieser Perspektive genauso wenig Sinn wie jeder konkrete Verbesserungsvorschlag, der nicht die Systemfrage stellt. Journalisten sind da im besten Fall Angestellte, die halt tun müssen, was ihr Arbeitgeber von ihnen verlangt (»beiße nicht die Hand, die dich füttert«, »schon mal den Wisch gesehen, den Springer-Journalisten unterschreiben müssen«?8), oder Nutznießer – als »Regierungsdarsteller«, »ideologisch verblendet« und mit der »Volkserziehung« beauftragt.

Erkenntnis Nummer zwei: Alle Hoffnungen ruhen auf dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das ist, zugegeben, eine positive Wendung der Generalabrechnung, die ich in den Kommentaren gefunden habe. Ein paar Kostproben: »Staatsfunk«, »Märchenschau«, »Verkündermedien der Regierungsmeinung«, »metastasenartig von Parteien, Freundeskreisen und sonstigem Sympathisantensumpf durchsetzt«. Trotzdem. Auch trotz aller Kritik an »zwangsweise abgepressten Gebühren«. Gerade diese Form der Finanzierung wird als Argument genutzt, um ARD und Co. von den ›Konzernmedien‹ abzugrenzen und hier andere Erwartungen zu hegen. Motto: Eigentlich könnten diese Angebote eine öffentliche Aufgabe erfüllen, weil sie »durch alle Bürger finanziert werden« und folglich keinen Gewinn machen müssen. »Sie tun es aber nicht. Und das regt mich so maßlos auf«. Nutzer ›be8tung‹ war gleich für eine Neugründung:

»Grundauftrag ist hier nicht die Bespaßung, sondern der kritische Blick auf die Politik. Demokratisch organisiert und kontrolliert. Gremien werden durch Vertreter des Volkes bestimmt (am besten durch ein Losverfahren, um die Politiklobby draußen zu lassen). Das Ganze mit einem monatlichen Beitrag von 2,50 Euro«.9

Was von außen ganz einfach aussieht, ist innen so komplex, dass die vier Menschen, die in diesem Kapitel sprechen, unmöglich für den gesamten öffentlich-rechtlichen Kosmos stehen können. Das wäre selbst dann nicht möglich gewesen, wenn wir diesem Thema das ganze Buch gewidmet hätten. Es kann an dieser Stelle auch nicht darum gehen, die Literatur im Detail zu diskutieren. Egal ob Finanzierung, Qualität, Aufsicht oder Politiknähe: Die entsprechenden Bücher und Artikel füllen jeweils Regale. Die vier Stimmen, die gleich folgen, sollen diesem Papierberg Leben einhauchen und sowohl für das öffentlich-rechtliche Prinzip werben als auch Stellschrauben für Reformen freilegen.

Dabei wird schnell klar: Mit 2,50 Euro werden wir nicht sehr weit kommen. Es geht um Geld, natürlich, bei Heiko Hilker, einem der profiliertesten Rundfunkpolitiker Deutschlands, genauso wie bei TV-Reporter Thomas Datt oder bei David Goeßmann, der beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht ganz glücklich war und deshalb mit Kontext TV einen eigenen Kanal gegründet hat. Bei allen drei Männern geht es aber auch um Autonomie und damit um das, was die Kritik im Netz offenkundig am meisten umtreibt. Wie kann es gelingen, das journalistische Feld aus dem Klammergriff der Politik zu befreien? »Schutzmauern«, sagt David Goeßmann. Thomas Datt, der beim MDR erlebt hat, wie eine Nachrichtenredaktion outgesourct wurde, wünscht sich mutige Chefs und Neugier oder wenigstens Toleranz im Berufsstand. »Wir müssen mit allen reden«. Und Heiko Hilker wäre kein Politiker, wenn er nicht in das oberste Regal greifen würde. Ein neues duales System. Auf der einen Seite mit Daten zahlen und auf der anderen mit Geld, um unsere Daten zu schützen. Nach mehr als zwei Jahrzehnten im Rundfunkrat scheint Hilker jedenfalls nicht mehr auf eine Reform zu hoffen.

Alexis Mirbach steuert zu diesem Kapitel ein Gespräch mit Carmen Thomas bei. Carmen Thomas ist nicht nur die erste Frau, die im deutschen Fernsehen eine Sport-Sendung moderierte (Das Aktuelle Sportstudio im ZDF), sondern auch Pionierin des ›Mitmach-Journalismus‹10 – eine Form des Umgangs mit dem Publikum, die für den Fall wie gemacht zu sein scheint, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht ein Medienkonzern wie jeder andere sein will. Ihre Sendung Hallo Ü-Wagen wurde vor einem Vierteljahrhundert abgeschafft, weil sie, so sagt es Carmen Thomas, »zu mächtig« geworden war. Man kann das auch anders ausdrücken: Hier wurde live über Themen und Perspektiven gesprochen, die nicht die vielen Filter in Politik und Journalismus durchlaufen hatten. Carmen Thomas sagt: So etwas brauchen wir wieder.

Medienpolitik: Mühen in der Ebene.
Oder: Ohne Druck von außen geht es nicht

Heiko Hilker, geboren 1966 in Eberswalde. Nach dem Abitur Abschluss als Elektromonteur. 1986 bis 1991 Studium der Informations- und Messtechnik an der TU Dresden. 1991 bis 1993 Koordinator der DT64-Freundeskreise.11 1994 bis 2009 Abgeordneter im sächsischen Landtag, dort medien- und technologiepolitischer Sprecher seiner Fraktion (PDS/Die Linke). Seit 1997 MDR-Rundfunkrat. 2009 Gründung des Dresdner Instituts für Medien, Bildung und Beratung (DIMBB). Herausgeber eines medienpolitischen Newsletters, der sowohl in die Redaktionen geht als auch in die Politik, in Aufsichtsgremien und zu Interessenverbänden. An diesem Newsletter arbeitet er im Moment jeden Tag zwei bis vier Stunden. Ziel: Niemand soll hinterher sagen können, er habe das nicht gewusst. Außerdem, sagt Hilker, bleibe er so auch selbst auf dem Laufenden. Die Politik vergleicht er mit einem Schachspiel. Ein paar Züge vorausdenken. Sich nicht nur zu dem äußern, was einen gerade umtreibt, sondern nach Verbündeten Ausschau halten. Im Rundfunkrat hat er es so geschafft, Mitglieder auf seine Seite zu ziehen, die normalerweise nicht mit einem Linken stimmen. Elf bis 15 Leute, sagt er, könne er mit einem durchdachten Vorschlag gewinnen. Das reicht oft, obwohl der Rat 43 Mitglieder hat. Vollzählig ist man selten. Und: Die meisten interessieren sich nur für die Berichterstattung über die Organisation, die sie in den Rat geschickt hat. Der Sport frage nach dem Sport und die AfD nach der Berichterstattung über die AfD bzw. über deren Themen. Der Blick für die »Allgemeinheit« gehe so verloren.12

Wie ich in die Medienpolitik gekommen bin? Die wenigsten Ostdeutschen haben nach 1989 einfach weitergemacht. 1991 war ich an der TU Dresden Assistent in der Informationstechnik. Damals entstand die Bewegung um DT64. Im Einigungsvertrag stand: Zum 31. Dezember 1991 ist der Rundfunk der DDR abzuschalten oder in andere Strukturen zu überführen. Der Berliner Rundfunk ist privatisiert worden. Teile von Stimme der DDR sind im Deutschlandradio aufgegangen. DT64 sollte faktisch abgeschaltet werden. In der DDR hatte das Programm gar keine so hohe Reichweite, aber ab Oktober, November 1989 stieg die Zuhörerschaft massiv. DT64 entwickelte sich für viele Jugendliche zu einem täglichen Begleiter, fast wie ein Sozialarbeiter. Wie funktioniert die Bundesrepublik? Was macht man, wenn man arbeitslos ist? Das Programm setzte sich auch dafür ein, dass Jugend- und Kultureinrichtungen erhalten bleiben. Mitte 1991 sagten deshalb viele Menschen: Wir wollen dieses Radio erhalten.

In Dresden und Chemnitz hat sich dafür ein Verein gegründet. Wir haben innerhalb kürzester Zeit über 100.000 Stimmen gegen die Abschaltung gesammelt und ortansässigen Politikern ausgehändigt. Diese Politiker fühlten sich aber nicht zuständig und verwiesen uns an die Landesmedienanstalten. Dort hieß es: Geht doch mal zum MDR. Intendant Udo Reiter meinte: Nein, da kann ich nichts tun. Geht zur Politik, die ist schuld. Als wir diesen Kreislauf einmal durchhatten, haben wir anders angesetzt. Mit Demonstrationen, mit Mahnwachen. Wir haben Kreuzungen besetzt. Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf hat irgendwann gesagt: Wir werden für dieses Problem eine Lösung finden. Der MDR hat das Programm unter dem Namen Sputnik faktisch weitergeführt. Ich sage faktisch, weil es nicht das gleiche ist wie DT64. Aber die Zeiten sind auch andere.

Die Freundeskreise von DT64 waren mein erster Kontakt mit der Politik. Es gab über 50 Freundeskreise. Ich war dort für die Politiker zuständig und las mich in die Verfassungsurteile zum Rundfunk ein. Ich habe gelernt, wie man juristisch und politisch argumentiert und wie man mit Journalisten arbeitet. Auch damals hieß es schon, die Jugend sei politikverdrossen. Wir haben gesagt: Nein, die Jugend ist politikerverdrossen, weil die sehr oft etwas versprechen, was sie nicht umsetzen. Wir haben dann beschlossen, uns bei allen Parteien um ein Mandat zu bewerben. Geantwortet haben nur die PDS und die Grünen. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn die CDU zugesagt hätte, aber letztlich wollte uns nur die spätere Linkspartei wirklich haben. Dort bin ich 1994 auf Listenplatz zwölf gelandet und in den sächsischen Landtag eingezogen.

Die Medienpolitik hat in keiner Partei einen hohen Stellenwert. Die Linke kommt in die Öffentlichkeit, wenn sie über Sozialpolitik spricht, über Arbeitsrecht, über den Strukturwandel.

Medienpolitik war schon immer ein schwieriges Geschäft. Die Parteien verteilen Ressourcen und Mitarbeiter nach Schwerpunkten. Es gibt nirgendwo einen Mitarbeiter, der nur Medienpolitik macht. Mindestens die Kultur kommt noch dazu. Ich habe versucht, die Medienpolitik innerhalb der Partei zu stärken. Experten einladen, auf Parteitagen Anträge stellen. Im Alltagsgeschäft fällt das immer wieder herunter. Viele Politikerinnen und Politiker verstehen gar nicht, wie Medien funktionieren. Sie sehen das als eine Institution und wahren Distanz. Unter welchen Bedingungen journalistische Inhalte entstehen, ist dann egal. Viele können die Medien deshalb auch nicht für ihre Themen nutzen.

Politik ist für mich Beruf und Berufung. Beruf heißt: Man braucht bestimmte Voraussetzungen. Man kann nicht sagen: Ich sitze hier im Parlament und mache alles, was von mir verlangt wird. Man muss verstehen, wie Landtag und Ausschüsse funktionieren. Meine Berufung heißt: Ich will die Gesellschaft verändern. Mein Standbein sind die Vereine und Initiativen, die ich mitgegründet oder bei der Gründung unterstützt habe. Zum Beispiel die freien Radios, die kaum finanzielle Ressourcen bekommen, dafür aber bei jeder Kleinigkeit eine Kritik oder Strafe. Solche Vereine gibt es in Dresden, Leipzig und Chemnitz. Für diese Vereine sitze ich im Moment auch im Rundfunkrat. Unser Ziel war immer, die Programme dauerhaft zu finanzieren. Von der Sächsischen Landesmedienanstalt gibt es im Moment 106.000 Euro im Jahr. Davon gehen 76.000 in Übertragung und Lizenzen. GEMA und GVL.13 Der Rest ist Technikförderung, man kann also kein Personal fördern. Die lokalen kommerziellen Fernsehsender bekommen über zwei Millionen Euro. Geld wäre also da. Die Verteilung ist eine Frage der Prioritäten. Eigentlich wäre die stärkere Förderung der lokalen Radios eine Aufgabe für die Medienpolitik. Die ist CDU-dominiert. Seit 1990 führt die CDU die Landesregierung. Die wollen, dass die Bürgermeister und Landräte im Fernsehen sind. Dafür brauchen sie lokale Sender.

Der Rundfunkrat besteht aus mehreren Gremien. Nehmen wir den Programmausschuss Fernsehen, bei dem die Beschwerden an den Intendanten auflaufen. Was die Wenigsten wissen: Wenn man eine Kritik an den MDR schickt, muss man der Antwort widersprechen. Erst dann erreicht man den Rundfunkrat. Wir beobachten das Programm zwar auch selbst, aber ich habe manchmal das Gefühl, dass ich da einer von ganz wenigen bin. Ich habe mittlerweile ein Netzwerk aus Freiwilligen, die mir Hinweise schicken. Einmal im Monat vielleicht. Im Ausschuss setze ich das dann auf die Tagesordnung. Die Effekte sind aber relativ gering. Ich habe zum Beispiel mehrmals moniert, dass jede Bertelsmann-Bildungsstudie in den Nachrichten erwähnt wird. Wer sich mit dem Thema beschäftigt, der weiß, dass Bertelsmann ein Drittel seines Umsatzes auf dem Bildungsmarkt erlöst und deshalb versucht, auf diesem Gebiet die Definitionsmacht zu gewinnen. Ganz unabhängig von der Qualität der Studien: Darauf müsste hingewiesen werden. Ohne den Kontext kann man das nicht einordnen.

Wie das in den Redaktionen nach so einer Kritik oder Beschwerde läuft, weiß ich nicht genau. Der entsprechende Leiter kommt zur Sitzung in den Programmausschuss. Ich will nicht bei jeder Kritik das große Rad drehen. Wenn das über die Intendantin läuft, fällt viel Papierkram für alle Beteiligten an und der Sender schwächt die Antworten politisch ab. Ich bin inzwischen so lange dabei, dass ich bei einigen Redakteuren anrufen, nachfragen und so die Gründe für die Berichterstattung besser einordnen kann.

Im Rundfunkrat reicht die Zeit bei weitem nicht, um den MDR zu kontrollieren. Die Sitzungen bestehen im Wesentlichen aus Berichten. Der Vorsitzende, die Intendantin, der Verwaltungsrat, die Ausschüsse. Dafür geht die meiste Zeit drauf. Wir können kaum eigene Themen setzen. Beim MDR sind das 43 Mitglieder. Die meisten sind berufstätig und sehen auch gar nicht die Notwendigkeit, den Sender kontinuierlich zu kontrollieren oder grundsätzliche Impulse zu geben. Ich selbst versuche, andere Räte anzusprechen und sachorientiert heranzugehen. Wenn ich beispielsweise mehr Geld für Jugendprogramme möchte, suche ich mir entsprechende Bündnispartner.

Wenn ich zurückblicke, dann war ich im Rundfunkrat eher eine Art Abwehrkämpfer. Aus dem MDR-Gebiet ziehen immer mehr Menschen weg. Der Sender bekommt dadurch weniger Geld und muss am Programm sparen. Heute gibt es für unsere Arbeit aber mehr Öffentlichkeit als in den 1990ern. Wir diskutieren mehr über Qualität. Außerdem bringen sich mehr Mitglieder ein. Vielleicht hat das auch mit dem Zeitgeist zu tun. Es sind jüngere, kritischere Leute dazugekommen, die bereit sind, diesen gesellschaftlichen Auftrag anzunehmen.

Generell gibt es im Rundfunkrat zu wenig Expertise. Auch bei mir. Ich kann journalistische Arbeit nur schwer einschätzen. Ich weiß zwar, wie ein Beitrag aufgebaut sein sollte, habe aber nicht Journalismus studiert und kann auch keine quantitativen Analysen zur Qualität machen. Ich kann mir nur Analysen ansehen und vergleichen. Ich sehe zum Beispiel, dass das Wetter früher als Bericht eingeordnet wurde und heute als Reportage. Das zeigt, wie sich Dokumentarisches in ›Scripted Reality‹ verwandelt. Darüber spreche ich mit Redakteuren. Oder ich sehe mir Finanzrelationen an und frage, ob man über 200 Millionen Euro für Fußballrechte ausgeben muss.

Für die Gremienmitglieder ist es nicht leicht, sich sachkundig zu machen. Es gibt keinen Beratungsapparat. Das Gremienbüro hat zwei Mitarbeiter. Die haben schon viel mit der Organisation der Sitzungen zu tun. Der MDR hat eine Geschäftsführung und acht Direktoren, die jeweils über Referenten verfügen. Für ehrenamtliche Gremienmitglieder ist es da kaum möglich, eine Gegenmacht aufzubauen. Wir bekommen zwar eine Entschädigung, die gar nicht so klein ist. Leben könnte man davon aber nicht.14

Im Alltag ist der Parteieneinfluss gering. Bei gewöhnlichen Sitzungen ist es sogar oft schwierig, auf eine Zwei-Drittel-Anwesenheit zu kommen. Das brauchen wir, um beschlussfähig zu sein.15 So gut wie vollzählig sind wir nur, wenn es um die großen Fragen geht. Intendantenwahl, Etat, Personal. Dann wird auch die parteipolitische Ausrichtung deutlich. Hier würde ich zuallererst ansetzen. Vertreter der Regierung haben in einem Rundfunkrat nichts verloren. Wir bräuchten außerdem wesentlich weniger Parteienvertreter. Beim MDR sind das derzeit 13 von 43. Dazu kommen sieben Leute von Arbeitgeberverbänden und fünf von den Kirchen, aber nur drei von Gewerkschaften und einer für die Jugend.

Dann benötigt der Rundfunkrat unbedingt mehr Ressourcen. Die beiden Mitarbeiter, die sich um den Rundfunkrat kümmern, sind mit organisatorischen Dingen ausgelastet. Nötig wäre auch inhaltliche Unterstützung. Ich kann nicht verstehen, wenn gefordert wird, ausgerechnet die Ausgaben für Rundfunkräte zu senken. Für was sollen Rundfunkbeiträge denn sonst ausgegeben werden? Für noch mehr Sendungen wie Brisant? Um es mal in Relation zu setzen: Der MDR verfügt über ein Beitragsvolumen von 700 Millionen Euro. Wenn wir für die Qualitätskontrolle ein Prozent ausgeben würden, wären wir bei sieben Millionen. Derzeit stehen wir bei knapp 600.000 Euro. Das ist weniger als ein Promille des Gesamtetats, um das gesamte Programm zu kontrollieren. Wer so viel Geld bekommt wie die Rundfunkanstalten, braucht eine qualifizierte Qualitätskontrolle. Und die ist ohne Geld und Personal nicht zu leisten.

Ohne Druck von außen wird nichts passieren. Wir benötigen Publikumsräte. Menschen, die sich das Programm professionell angucken. So wie es eine Kommission gibt, die die Finanzen evaluiert, bräuchte es auch eine Kommission, die Qualität evaluiert, eine Art Public-Value-Test. Jeder Sender müsste alle drei bis fünf Jahre evaluiert werden und anschließend begründen, warum er etwas so oder so macht. Den Public-Value-Test würde ich gerne für das gesamte öffentliche-rechtliche System einführen. Diese inhaltliche Rückkopplung ist ganz wichtig. Es macht einen großen Unterschied, ob sich in den Rundfunkratssitzungen nur die Intendantin und die Gremienmitglieder gegenübersitzen oder ob noch eine dritte Person dabei ist, die in der Öffentlichkeit für Qualitätskontrolle steht. Dann läuft die Auseinandersetzung ganz anders ab. Es ist einfach, Kritik abzuwatschen oder kleinzuhalten. Das passiert schon durch die langen Berichte. Man kennt das aus anderen Bereichen: Wenn eine Veranstaltung schon drei Stunden dauert und einer stellt noch die dritte Nachfrage, dann geht das Gestöhne los. Dann dreht sich die Stimmung gegen den Fragesteller.

Von einer Medienaufsicht nach US-Vorbild bin ich nicht überzeugt. Die Federal Communications Commission ist ein Expertengremium. Ich habe nichts gegen Experten, aber auch die sind verortet. Bei der FCC entscheidet die Politik, wer als Experte gilt. Wo ist da die Gesellschaft? Für mich ist es ganz wichtig, dass die Gesellschaft sowohl innerhalb des Senders abgebildet wird als auch bei der Kontrolle von außen. In der Schweiz gibt es das Ombuds-Prinzip. Das ist ein gutes Modell. Von einem reinen Expertengremium halte ich gar nichts.

Eine Transformation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hin zu seinem ursprünglichen Auftrag kann ich mir kaum vorstellen. Als ich 1997 in den Rundfunkrat kam, dachte ich: Eigentlich müsste man das schöpferisch zerstören, frei nach Schumpeter. Also vollkommen neu aufsetzen. Das geht nicht. Wir könnten trotzdem etwas tun. Wir könnten wie in Brechts Radiotheorie die Empfänger stärker zum Sender machen. Das Publikum mehr in das Programm einbeziehen. Ich meine nicht die Kommentarspalten. Sichtweisen, Probleme, gesellschaftliche Vorstellungen. Das kommt in den Redaktionen kaum an. Aus meiner Sicht muss man den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ganz neu denken. Die Grundfrage lautet: Welche Aufgaben haben Medien in dieser Gesellschaft?

Für die Demokratie ist die Darstellung der verschiedenen Positionen essentiell. Das Spiegel-Urteil von 1966 ist da für mich immer noch wegweisend. Sinngemäß: Journalismus soll die Interessen und Meinungen aus der Bevölkerung an die Regierenden herantragen und deren Stellungnahmen wiederum der Gesellschaft spiegeln. Das ist für mich der klassische journalistische Auftrag. Aber der wird immer weniger erfüllt. Man kann die Probleme an der Vielfaltsdebatte festmachen. Es heißt ja immer: Wir müssen die Vielfalt erhalten. Ich frage dann: Gibt es überhaupt Vielfalt? Gehen Sie mal in die Landkreise und sehen sich dort das Medienangebot an. Unter Vielfalt verstehe ich nicht, dass es 300 Tageszeitungen im ganzen Land gibt oder 200 private Fernsehkanäle. Mir geht es um die Kommunikationsräume. Wo sind denn die Leute? Wo findet Politik statt, wo versuchen Menschen, gemeinsam etwas zu verändern? Vor Ort, in der Gemeinde. Mediale Vielfalt gibt es höchstens auf Bundesebene, und auch das nur ansatzweise.

Wir sehen, dass der Markt das nicht schafft, zumindest nicht auf Landes- oder Lokalebene. Wir brauchen deshalb öffentlich-rechtliche Medien auf jeder Ebene: Presse, Radio, Fernsehen, Blogs, soziale Netzwerke. Als Nutzer der sozialen Medien muss ich die Wahl haben zwischen privaten Angeboten, die meine Daten nutzen, und öffentlichrechtlichen, die meine Daten wieder löschen. Wir sprechen von einem dualen Mediensystem. Auf der einen Seite Medien mit Werbung und auf der anderen Rundfunkbeiträge. Dabei ist die Datenfrage mittlerweile mindestens genauso wichtig wie die Finanzierung. Mir schwebt deshalb ein ganz anderes duales System vor. Angebote, die von meinen Daten leben, und Angebote, die genau das nicht tun und deshalb von mir einen Beitrag bekommen.

David Goeßmann: Die Journalisten müssen die Mächtigen kontrollieren und nicht umgekehrt

David Goeßmann, Jahrgang 1969. Germanistik- und Philosophie-Studium in Berlin. 1998 Einstieg beim Deutschlandfunk, später Hauptstadtkorrespondent der DFA (Deutsche Fernsehnachrichten Agentur). 2005 bis 2007 freier Journalist in den USA, unter anderem für den ARD-Hörfunk, Spiegel Online und Die Welt. 2009 Mit-Gründer von Kontext TV. Weiterhin freier Fernsehjournalist und Buchautor.16

Ich habe ihn über das Buch Lügen die Medien? von Jens Wernicke kennengelernt, eine Interviewsammlung, die alles vereint, was in Sachen Medienkritik Rang und Namen hat.17 David Goeßmann beruft sich dort auf einen Helden des Berufsstands: auf I.F. Stone und sein »ehernes Prinzip: Reporter sollten mit der Voraussetzung an ihre Arbeit gehen, dass mächtige Institutionen lügen, und nicht damit, dass sie die Wahrheit sagen«. Man dürfe das Ideal einer freien Presse nicht mit der Wirklichkeit verwechseln, sagt Goeßmann im Gespräch mit Jens Wernicke. Wer die Medien besitzt, wer sie managt, wer den Nachrichtenstrom am Laufen hält und im Zweifel auch Menschen bezahlen kann, die kritische Journalisten beeinflussen und disziplinieren, der werde dafür sorgen, dass dort nichts Lästiges erscheint, zumal die wichtigsten Zielgruppen ja die sind, die ohnehin das Sagen haben oder das meiste Geld. »Wer die Massenmedien so einrichtet, wie sie es sind, hat kaum Interesse an Machtkontrolle und Demokratie. Die eigentliche Funktion besteht vielmehr darin, die Bürger an den Kurs der Eliten anzubinden, Vertrauen in die Mächtigen und ihre guten Absichten zu schaffen, Unangenehmes aus dem Weg zu räumen«.18 Ich habe dieses Interview zur Pflichtlektüre in einem Seminar über die NSU-Berichterstattung gemacht und David Goeßmann dann in den Hörsaal nach München eingeladen.19

Ich komme aus einem 300-Seelendorf in Westfalen. Sehr katholisch. Mein Elternhaus war religiös-liberal. Meine Mutter ist aus dem Arbeitermilieu in den Wirtschaftswunderjahren zur Grundschullehrerin aufgestiegen. Mein Vater war ursprünglich Bauer, hat sich dann aber autodidaktisch zum Bildhauer und Künstler weitergebildet. Er war gegen Kapitalismus und Wachstum. Heute würde man ihn der Degrowth-Bewegung zuordnen. Für mich ist er ein Anarchist, der sich durch das bäuerliche Umfeld seine Unabhängigkeit bewahren konnte.

Dass ich Literaturwissenschaft und Philosophie in Berlin studiert habe, hängt mit einem Freund zusammen. Als Dorfjunge hätte ich mich alleine nicht in die große Stadt getraut. Berlin war die härteste Stadt und die FU eine Massenuniversität. Ich habe mehrere Jahre gebraucht, um mit dem anonymen Leben klarzukommen. Aber mich hat das auch gereizt. Im Dorf wird alles sozial kontrolliert. In der Großstadt gibt es einen enormen Freiheitsraum.

An der Universität war der Philosoph Michael Theunissen ein Mentor. Mich faszinierte, wie er philosophische Texte las. Er hat jeden Philosophen in seiner Argumentation zunächst stark gemacht. Bis ins Extrem positiv. Erst dann sollte die Kritik einsetzen. Sie sollte den Kern treffen. Diese Denkmethode hat mich fasziniert. Auch bei Nietzsche hat mich eher seine Methode geprägt. Alles hinterfragen. Später kam Walter Benjamin und dann Noam Chomsky. Auch bei ihm muss man alles bis ins Extrem hinterfragen. Nichts darf unbesehen übernommen werden.

Wissenschaft ist für mich eigentlich das Feld mit den höchsten Freiheitsgraden für kritisches Denken. Ich hatte auch ein Promotionsangebot, habe aber gesehen, wie man sich auch an der Universität anpassen muss. Ich wollte außerdem in die Öffentlichkeit. So bin ich nach dem Uni-Radio und einer Hospitanz beim Deutschlandfunk in den Journalismus geschlittert. Ich dachte, beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk kann man vernünftigen Journalismus betreiben. Ich habe Features und Hintergrundberichte für den Deutschlandfunk gemacht und für den SWR. Das war für mich die Krönung. Ich war dann auch für vier Jahre bei einer Fernsehnachrichtenagentur, als Hauptstadtkorrespondent und als CvD in Düsseldorf. Das hat Spaß gemacht, weil ich Minister interviewen konnte – auch Merkel oder Merz. Man ist dort, wo der politische Puls schlägt. Aber glücklich war ich damit nicht.

Richtig gepackt hat es mich erst in den USA. Dort habe ich einen anderen Journalismus entdeckt. Einen inspirierenden Journalismus, der mit der gleichen Energie an ein Thema herangeht wie ein Wissenschaftler an sein Untersuchungsobjekt. Am stärksten hat mich Democracy Now! von Amy Goodman beeindruckt. Ende der 1990er war das ein Zusammenschluss von kleinen, lokalen Radiostationen. Mittlerweile hat sich das zu einer gemeinnützigen Fernsehstation mit über 2000 Abnehmern entwickelt. Das Konzept ist ganz einfach: Wir schauen uns an, was in der Gesellschaft passiert, bieten eine große Bandbreite an Stimmen und kontrollieren die Mächtigen. Das machen wir auch bei Kontext TV. Wir blicken auf Bürger und ihre Initiativen und zeigen, warum sie Widerstand leisten.

Als ich aus den USA wiederkam, traf ich Fabian Scheidler, damals ›Campaigner‹ von Attac. Er hatte gerade Die Zeit plagiiert. Ein Titelblatt, das aussah wie Die Zeit, aber mit komplett anderen Inhalten und Überschriften. Eine andere Welt ist möglich. Banken verstaatlicht: Eine neue Ära beginnt. Wir brauchen einen anderen Rundfunk. Das war ein enormer Erfolg. Ich habe im Deutschlandfunk berichtet. Scheidler sagte mir, dass er schon immer eine Videoplattform gründen wollte. Daraus wurde dann Kontext TV. Unsere Grundidee war so ähnlich wie bei Democracy Now! Die sozialen Bewegungen in den Vordergrund stellen, mehr Machtkontrolle ausüben und unterbelichtete Themen auf die Agenda setzen. Klimaschutz, globaler Süden, Gerechtigkeit.

Der Gründermut kommt sicher von meinem Vater, der nie an Geld gedacht hat. Für ihn existierte Geld gar nicht. Bauern haben immer etwas zu essen. Selbst im Krieg. Er hatte das Glück, dass meine Mutter als Grundschullehrerin verdient hat. Dieses Glück habe ich auch. Ich werde querfinanziert. Meine Frau ist Verwaltungsleiterin. Ohne diesen Hintergrund hätte ich besonders in der Anfangsphase von Kontext TV vieles nicht machen können. 2011, im ersten Jahr, kam überhaupt kein Geld rein, weil wir noch keine Spender hatten.

Im Grunde sind wir noch immer ein überwiegend ehrenamtlicher Zwei-Mann-Betrieb. Fabian und ich. Dazu gibt es viele Leute im Hintergrund. Meine Frau als Buchhalterin, viele Übersetzer, ein Systemadministrator, Praktikanten. Ursprünglich wollten wir eine gemischte, große Redaktion aufbauen. Aber eine Redaktion kostet viel Geld und wir wollten nie zwanghaft wachsen. Wachstum braucht Zeit und gelingt nur, wenn sich das Medium trägt. Dafür muss man als Website in die Lesezeichen der Leute, was nur geht, wenn man jeden Tag Content liefert. Content wiederum kostet Geld, das wir nicht haben – und da sind wir in einem Kreis.

Der Großteil der Spenden stammt aus sozialen Bewegungen, aber wir haben auch Bundestagsabgeordnete oder sogar ein paar Promis wie Axel Prahl haben mal gespendet. Natürlich würde ich mir mehr Resonanz wünschen. Mit manchen Inhalten erreichen wir 50.000 Menschen. Bei anderen sind es nur 1000. Wenn wir prominente Kritiker wie Noam Chomsky in der Sendung haben, ist die Reichweite gut. Aber wenn wir Themen wie den Klimawandel angehen, dann sind die Zugriffe eher niedrig, obwohl wir viel investieren. 2015 waren wir bei der Klimakonferenz in Paris und haben eine enorme Bandbreite an Stimmen eingefangen. Trotzdem. Wir sind nicht Rezo.

Kontext TV will mit offenen Kanälen zusammenarbeiten. Die meisten offenen Kanäle sind vollkommen unterfinanziert und in der Qualität oft verheerend. Selbstdarstellungs-TV. Das ändert sich gerade. TIDE.tv in Hamburg oder ALEX Berlin. Dazu Wien, Salzburg, Magdeburg, Gera. Viele offene Kanäle und freie Radios übernehmen mittlerweile unsere Beiträge. Aber bei der Zusammenarbeit gibt es bürokratische Hürden: Wenn wir aus Berlin für einen lokalen Sender einen Beitrag produzieren, muss man Anträge stellen. Auch das kostet Ressourcen.

Jede Gesellschaft hat ein Machtsystem. In Deutschland haben die großen Konzerne enorm viel Macht akkumuliert. Wenn man diesen Unternehmen die Medien in die Hand gibt, dann vertreten die ihre Interessen. Diese Interessen spiegeln aber nicht die Vielfalt der 80 Millionen Menschen in unserem Land. Die Idee des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks ist genau richtig. Die Frequenzen gehören uns, sie sind ein öffentliches Gut. Man hat dieses öffentliche Gut aber neutralisiert, indem man die Kontrollorgane politisiert und verstaatlicht hat. Die Folge: Die Politik kontrolliert den Journalismus. Das ist perfide. Es sollte genau umgekehrt sein.

Nach diesem Geburtsfehler gab es viele weitere Fehler. Erst das ZDF als eine Art konservativer Staatsfunk ohne Bürgerbeteiligung, dann der duale Rundfunk mit den Privaten. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die neoliberale Politik enorm auf die Berichterstattung ausgewirkt. Agenda 2010, die Angriffskriege, die Flüchtlingspolitik, die Ukraine-Krise. Egal ob Süddeutsche, Spiegel oder ARD: Die Berichte hatten immer eine Schlagseite. Ideologische Vorannahmen, Filterung der Inhalte, doppelte moralische Standards. Man kann das Thema für Thema durchgehen. Diese Machtkonzentration können wir als Journalisten nicht überwinden. Wir sind aber nicht den mächtigen Institutionen verpflichtet, sondern den Bürgern. Wir bräuchten eine Berichterstattung, die Ideologien und einseitige Rahmungen überwindet. Das geht nur mit unabhängig konstruierten Medien.

Wenn ich meine Kollegen kritisiere, erlebe ich verschiedene Reaktionen: Als ich aufgedeckt habe, wie private und öffentlich-rechtliche Sender Fremd- und PR-Material undeklariert übernehmen, hatte das eine Wirkung.20 Das gibt es heute so nicht mehr. Man sieht immer die Einblendung: Mit Fremdmaterial. Für mich war das ein Erfolg. Zumindest ein minimaler. Wenn ich die Kollegen allerdings mit Herman und Chomsky kritisiere und ihnen vorhalte, dass die institutionellstrukturelle Aufgabe moderner Medien darin besteht, den Konsens der Eliten unter das Volk zu bringen und für Zustimmung zu sorgen, dann werde ich mit meinen Recherchen und Büchern nicht mehr besprochen. Dann bewege ich mich außerhalb des Diskursrahmens, selbst wenn ich den Befund gut belege.

Man kann darüber streiten, ob es geschickt ist, als Medienkritiker Begriffe wie ›Lügen‹ oder ›Manipulation‹ zu nutzen. Das gießt Wasser auf die Mühlen der Rechten. Was die modernen Medien machen, ist mehr ein Verschweigen, ein Auslassen. Das kann man ganz gut durch Input-Output-Analysen nachweisen.21 Die selektive Nutzung von Informationen kommt auch bei alternativen Medien vor. Das sehe ich sogar an meiner Person: Die NachDenkSeiten klammern mich aus, wenn ich bei der Flüchtlingspolitik etwas sage, was nicht in ihren Rahmen passt.

Bei den Rundfunkanstalten muss zuerst die Besetzung der Räte verändert werden. Dass dort Politiker, Vertreter von Staatskanzleien und Regierungen sitzen, ist ein Witz. Die sollen wir doch kontrollieren. Dass dort dann auch noch Vertreter von Wirtschaftslobbys und Verbänden sitzen, ist lachhaft. Die müssen alle raus. Aber mit dieser Forderung finden Sie auf der politischen Ebene keine Unterstützung. Es bräuchte Bürger- oder Publikumsräte. Es müsste Wahlen für die Räte geben. Und wir brauchen zivilen Ungehorsam. Flashmobs, die vor die Sender ziehen und sagen: Wir wollen eine andere Berichterstattung. ARD, ZDF und die Rundfunkfrequenzen gehören uns. Das muss in das Bewusstsein hinein. Sonst ändert sich nichts.

Journalismus muss unabhängig sein. Unternehmens- und Staatssektor werden aber immer versuchen, alles zu unterbinden, was ihren Interessen zuwiderläuft. Das heißt: Wir müssen Schutzmauern aufbauen. Das könnten Modelle mit mehr Publikumsbeteiligung sein oder mehr Schutz durch Selbstverwaltung. Außerdem muss die Werbung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk beendet werden. Und: Alle kommerziellen Tätigkeiten abschaffen. Dazu zählt auch die Auslagerung von TV-Produktionen an private Firmen. Wir sollten auch die Lizenzierung von privaten Sendern neu überdenken, ähnlich wie bei der FCC in den USA. Gerade auf regionaler Ebene müssten sich die Sender vor den Bürgern rechtfertigen. Auch bei den Zeitungen könnte man ein Lizenzsystem einführen. Man könnte Druck und Vertrieb öffentlich finanzieren und auf dieser Basis lizenzieren.

Medienübergreifend braucht es Schutzmaßnahmen, wenn es irgendwelche Einflussversuche von außen gibt. Als Journalisten müssen wir die Möglichkeit und die Pflicht haben, alles transparent zu machen. Anrufe von Politikern zum Beispiel. Es braucht eine Webseite, auf der das dokumentiert wird. Das Problem der Einflussnahme würde so ganz schnell verschwinden. Ziel muss immer sein, dass die Journalisten die Mächtigen kontrollieren. Und nicht, dass die Mächtigen uns kontrollieren.

In der Wissenschaft fehlt es an Medienkritik. Es gibt hier und da mal eine Studie. Afghanistan, die Ukraine. Das ist viel zu wenig Futter, um in der Öffentlichkeit zu zeigen, wo es falsch gelaufen ist. Für einen Medienkritiker wie mich wäre es wichtig, auf Studien zurückgreifen zu können, die methodisch sauber sind. Ich versuche die Empirie in meinem Buch22 und in meinen Blogbeiträgen zu liefern, aber das ist alleine kaum zu bewältigen. Kommunikationswissenschaftler sollten sich viel stärker um die Fehler in der Berichterstattung kümmern. Aufdecken, den Zustand beschreiben, Aufmerksamkeit erzeugen.

Vor einiger Zeit war ich für einen Vortrag in Augsburg. Hinterher meinten einige Studierende: Aber es stimmt doch, was in der Tagesschau gesagt wird. Das ist doch objektiv, seriös und neutral. Das zeigt: Das Problembewusstsein ist gar nicht da. Die Menschen müssen erst einmal sehen, was da falsch läuft. Dass in der Ukraine-Berichterstattung eben nicht alle Stimmen abgebildet wurden. Oder, dass über ein Schiffsunglück mit Flüchtlingen im Frühjahr 2015 anders berichtet wurde als bei einem vergleichbaren Fall im Frühjahr 2016, weil nebenbei der EU-Türkei-Deal ausgehandelt wurde. Wissenschaft könnte außerdem sagen, wie man institutionelle Barrieren abbaut und wie die Berichterstattung unabhängiger und kritischer werden kann. Ich glaube nicht, dass es zu viel Medienkritik geben kann. Demokratie bedeutet Reibung.

Der subtile Druck in Richtung Konformität

Thomas Datt, geboren 1967 in Berlin. 1989 Studium an der Sektion Journalistik in Leipzig. Dort eine der wichtigsten studentischen Stimmen im Prozess des Umbruchs.23 Sehr viel später standen Datt und sein Kollege Arndt Ginzel für ihre Recherchen zum ›Sachsensumpf‹ (ein kriminelles Netzwerk mit den Knoten Justiz, Immobilien und Rotlicht) jahrelang vor Gericht. Ich habe ihn am 16. Januar 2020 in Leipzig besucht, wo das Journalistenbüro GKD in Wurfnähe zum MDR ein Büro hat.

Ich bin im Prenzlauer Berg aufgewachsen. Meine Mutter war Lehrerin, und mein Vater hat bei einer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft gearbeitet. Er war in der SED, hatte aber zeitweise Probleme. Er war etwas anarchisch und konnte sich schlecht unterordnen. Letztlich war er ein Idealist. Als Krenz übernommen hat, ist er zu den Demos gegen die neue Spitze gegangen und kam immer total glücklich zurück.

Dass ich Journalist werden will, wusste ich schon als Kind. Im Kulturpark konnte man Aufsager machen, wie beim Radio. Das hat mich fasziniert. Schreibmaschine und Steno habe ich an der Volkshochschule gelernt. Das war damals Voraussetzung für den Beruf. Zum Volontariat war ich bei der BZ am Abend, allerdings nur drei Monate, weil ich dann zum Wehrdienst einberufen wurde. Die BZ am Abend war in der DDR die einzige Zeitung, die auf der Straße verkauft wurde und an den S-Bahnhöfen. Ich glaube: ab 14 Uhr. Die Technik war beeindruckend. Die Vorlage ging per Rohrpost in die Druckerei am Ostbahnhof. Wenn man im Flur stand, konnte man das hören. In so einer Straßenverkaufszeitung hat man wenig Platz. Das Wichtige in aller Kürze. Letztlich war das gut. Eine gute Lehre. Länger schreiben kann man immer.

Bevor das Studium losging, waren wir alle in der Tabakernte. Zwei Wochen in der Nähe von Döbeln. Das war super. Wir haben uns dadurch wirklich kennengelernt. Die Arbeiter waren cool. Ein Brigadier und ein Haufen Frauen. Alle sehr praktisch. Es gab dort auch Kubaner, die sich etwas dazuverdient haben. Die hatten immer Spaß. Die Brigade hat sich gefreut, dass die Studenten ordentlich arbeiten müssen. Es gab da keinerlei Friktionen. Was im Rückblick interessant ist: Wir haben dort auch über Probleme geredet, aber niemand schien zu spüren, dass sich alles dramatisch ändern wird.

Meine erste prägende Erinnerung an das Studium ist ein Auftritt von Heinz Adameck. Der Fernsehchef. Er war rhetorisch geschickt, aber ein Hardcore-Hardliner. Ich war begeistert, wie viel Widerspruch er geerntet hat. Das kannte ich von der Armee nicht. Ich dachte: Cool, dass es so etwas gibt. Ein Uni-Mitarbeiter ist rausgerannt mit den Worten: Das höre ich mir nicht länger an. Das Studium wurde dann erst einmal ausgesetzt, ursprünglich sogar bis März 1990. Ich bin in der Zeit noch einmal zur BZ am Abend gegangen. An der Uni gab es schnell eine Grundspannung. Auf der einen Seite die Mitarbeiter und Professoren und auf der anderen die Studenten. Wir dachten, dass alles anders werden muss. Wir waren auch opportunistisch, was ich damals nicht zugegeben hätte. Wir wollten uns an die neuen Verhältnisse anpassen und waren erstmal kritisch, ohne die Personen überhaupt zu kennen. Die Abwicklung der Sektion Journalistik war dann für mich trotzdem ein kolonialer Akt. Ich war der Meinung, dass man sich das nicht gefallen lassen darf, und gehörte zu denen, die auch kämpfen wollten. Den Hungerstreik fand ich trotzdem falsch.24 Unverhältnismäßig. Es ging um einen Studiengang. Wir haben die Leute unterstützt, die das gemacht haben, und es war sehr effektvoll. Trotzdem fanden das längst nicht alle von denen gut, die damals aktiv waren.

Ich habe auch gegen den Nationalismus protestiert, der ja bei den Montagsdemos schnell die Oberhand gewann. Ich erinnere mich an die große Kohl-Demo im März 1990. Dort war es ziemlich knapp. Wir hatten DDR-Fahnen dabei. Wir wollten die DDR erhalten, selbstverwaltet. Unser Fehler war, dass wir den Rückzug nicht organisiert hatten. Nach der Demo haben uns hunderte alte Männer umringt. Fast wie heute bei PEGIDA-Veranstaltungen. Die wollten uns hauen. Mich hat eine holländische Journalistin rausgezogen. Ich habe damals viel Zeit für Agitation und Propaganda verwendet. Im Nachhinein ist mir das fast peinlich. Wobei: Eigentlich ist es nicht peinlich. Es war aufregend, und wir waren aufgeregt.

Irgendwann fing es auch mit den Nazis an. Mein Opa war im KZ. Der Stiefvater meiner Mutter. Er hat nicht viel erzählt, aber ich ging immer davon aus, dass niemand Nazis gut finden könne. Nach der Maueröffnung habe ich am Schwanenteich in Leipzig gesehen, wie die Republikaner Werbung gemacht haben. Was verblüffend war: Die Leute haben denen nicht nur die Zettel aus der Hand gerissen, sondern sich auch mit ihnen unterhalten. Sie wirkten so, als ob das schon immer ihr Thema war. Das war für mich der größte Schock in der ganzen Wendezeit. Man kann nicht davon ausgehen, dass alle gegen Nazis sind.

An der Uni haben wir das Idealbild des Journalismus diskutiert. Dienst an der Öffentlichkeit. Heute wünsche ich mir manchmal gerade bei jüngeren Kollegen mehr Zurückhaltung, auch in den sozialen Medien. Mehr Filterung. Mir ist das oft zu viel Selbstdarstellung. Zu viel Meinung, zu wenig untersetzt. Auf Twitter wird das oft sehr persönlich. Ein Lagerdenken, das bis in die Berichterstattung hinüberschwappt, zum Beispiel jetzt nach Silvester zu Connewitz.25 Das geht sachlicher und ohne extremes Framing, das nur bestimmte Erwartungen bedient. Natürlich gibt es keine objektive Berichterstattung. Mein Job ist aber, mir erst einmal anzuschauen, was passiert sein könnte. Mich annähern mit den Sachen, die ich bekomme. Und dann versuche ich das darzustellen, ohne den Eindruck zu vermitteln, dass ich alles ganz sicher weiß. Vor allem verbinde ich das nicht mit meiner eigenen politischen Meinung. Journalisten waren schon immer speziell, auch vor den sozialen Medien. Das Zitier- und Schulterklopfkartell ist faszinierend. Ich denke mir immer: Geht’s noch? Muss das sein? Da bewegt man sich schon in Blasen. Gerade Twitter. Da darf man sich nicht einreden, dass das die Gesellschaft abbildet.

Was ich noch gar nicht gesagt habe: Ich bin auch an die Humboldt-Uni und habe dort Politikwissenschaft studiert. Dort waren Michael Brie und Dieter Klein. Berater der Reform-SED und für DDR-Wissenschaftler sehr progressiv. Sie galten als innovativ. Ideen für einen dritten Weg. Ich habe das aber nur als Nebenfach genommen, weil ich sehr früh nebenbei gearbeitet habe. Erst beim Sachsenradio und dann bei MDR info. Nachrichten. Dann auch Videotext. Dort kam der Chef aus dem Westen und saß mit uns im Büro. Er war sehr nett. Wenn man ihn angesprochen hat, gab es auch mehr Geld. Von der Sache hatte er keine Ahnung. Als jemand ausfiel und er selbst Text machen musste, blieben die Seiten einfach leer.

Als Online dazukam, wurde die Redaktion outgesourct. Das gehörte plötzlich zur DREFA und wurde zur Hälfte von Michael Kölmel übernommen. Wahrscheinlich waren wir ARD-weit die einzige Nachrichtenredaktion, die jemals outgesourct wurde. Der Geschäftsführer hat versucht, die Honorare zu kürzen. Es gab einen emotionalen Aufstand, vor allem von Redakteurinnen. Dann wurde das sofort wieder zurückgenommen. Kölmel war einmal da. Sonst hat er sich nicht dafür interessiert. Wir konnten relativ unbeobachtet schalten und walten. Es gab zwar Vertreter vom MDR, aber das war sehr unterschiedlich. Einer war auf dem Absprung nach Prag und ein anderer über das Parteibuch da. Der hat nur Zeitung gelesen.

Ich bin Freiberufler. Existenzmäßig war das nie ein Problem. Ich hatte immer genug. Was man nicht vergessen darf: Online hatte ich auch die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren. Datenbanken, Wahlprojekte. Das hat einfach Spaß gemacht. Geld hat man verdient. Damals hatte ich keine Familie. Quasi war das wie ein fester Job. Als die Abteilung wieder eingegliedert wurde, war ich sogar mehrere Jahre fest angestellt beim MDR. 2000 bis 2005, quasi als Leiter der Nachrichtenredaktion. Da waren viele Freie. Das war die Zeit, als um die Onlineaktivitäten der Öffentlich-Rechtlichen gestritten wurde. Udo Reiter war sehr vorsichtig, um die sächsische CDU nicht zu verärgern. Irgendwann konnten wir gar nichts mehr machen, und ich dachte: Warum soll ich dann noch hier sitzen und nur mein Geld abholen? Ich habe da sehr gut verdient. Zu Hause gab das ein bisschen Ärger.

Was mich heute antreibt, denen wehzutun, die Macht haben? Ich glaube nicht, dass Menschen per se gut oder schlecht sind. Macht verführt dazu, sie auszunutzen, wenn das nicht kontrolliert wird. Eine Facette dabei sind die Medien. Ich würde nie behaupten, dass Medien das alleine oder hauptsächlich leisten können. Sie sind aber ein Teil davon. Sonst werden manche Sachen nie aufgedeckt oder aufgearbeitet.

Beim Sachsensumpf ist vieles unter den Tisch gefallen, was an Korruption und Machtmissbrauch passiert ist. Gerade in Leipzig sind ja innerhalb kürzester Zeit Milliardenwerte übertragen worden. Immobilien. Bei so viel Geld gibt es auch Verbrechen. Wenn davon in den 1990ern etwas hochkam, wurde das politisch klein gehalten oder niedergeschlagen. Auch später hat man sich darüber ausgeschwiegen. Bis heute. Da wird viel Kitsch verbreitet. Natürlich haben Kohls Sonderabschreibungen dafür gesorgt, dass viele Häuser gerettet wurden. Dabei haben sich aber auch viele auf unredliche Weise bereichert. Darüber muss man als Journalist berichten.

Als das Gerichtsverfahren losging, haben wir das nicht wirklich ernst genommen. Okay: Wir haben ein paar Tage überlegt. Haben wir irgendetwas falsch gemacht? So vorsichtig hatten wir aber selten gearbeitet. Das war ja eine freie Recherche. Wir hatten nicht viel Geld, haben von unseren Frauen gelebt und unseren Interviewpartnern die Zigaretten weggeraucht. Wir sind durch die ganze Republik gefahren und hatten viele Zeugen. Nur die wenigsten wollten an die Öffentlichkeit oder gar zur Staatsanwaltschaft. Die Frauen, die Justizbeamte erkannt hatten, waren sehr glaubwürdig. Als das Verfahren begann, haben wir das alles nochmal geprüft. Ich war auch ein bisschen arrogant und dachte, dass das Verfahren für uns gar nicht schiefgehen kann. Das war ein Fehler. Man muss sich offensiv verteidigen. Das ist dann durch die Journalistenverbände passiert, die gesehen haben, dass es gefährlich für die Öffentlichkeit ist, wenn Journalisten strafrechtlich verfolgt werden. Um Presserecht ging es ja gar nicht. Die Texte stehen weiter unverändert online. Die wollten uns da einfach hinhängen. Ich war dann auch stur. Wenn wir in letzter Instanz zu einer Geldstrafe verurteilt worden wären, hätte ich das nicht bezahlt. Ich wäre ins Gefängnis gegangen.

Das Verfahren hat fünf Jahre gedauert. Was dazu gehört: Der Spiegel hat das auch nicht ernst genommen. Sachsen war für die Dunkeldeutschland, und wir waren Freie. Die Zeit hat sich später sehr gekümmert und auch die Anwälte bezahlt. Denen ist das aber auch erst im Laufe des Verfahrens klar geworden. Der MDR hat am stärksten zu uns gehalten. Wir waren damals schon Autoren, für Exakt. Wir konnten da weiterarbeiten und wurden unterstützt. Dadurch konnten wir das durchstehen. Heute bin ich nicht mehr sicher, ob es diesen Aufwand wert war. Man gewöhnt sich irgendwann daran, Angeklagter zu sein, aber es hat auch etwas beschädigt, gerade was das Familienleben angeht. Das hinterlässt schon Wirkung. Als der Prozess 2010 so intensiv war, war ich auch dann nicht anwesend, wenn ich zu Hause war.

Wie man die Medien organisieren muss, damit investigativer Journalismus möglich wird? Man braucht Leute in Leitungspositionen, die wissen, dass solche Recherchen lange dauern und auch schief gehen können. Es gibt nicht viele, die das einpreisen. Vieles ist zu sehr auf schnellen Output getrimmt und auf Effekte. Mir ist schleierhaft, wie das außerhalb des Fernsehens geht. Alles andere wird so schlecht bezahlt, dass man das nur aus Idealismus machen kann. Ich verdiene mein Geld mit Fernsehen und finanziere so Sachen, die mir wichtig sind. Im Dezember war ich zum Beispiel auf Malta, wegen der Regierungskrise. Wir hatten ja vorher schon über die Lifeline berichtet, über den Prozess gegen den Verein. Wir kennen da inzwischen Leute. Es ist unglaublich, wie korrupt dieses Land ist. Die Journalisten gehören entweder zu einer der beiden Parteien oder sie sind Aktivisten.

Das ist letztlich auch eine Art Aktivismus. Wenn ich mich Themen widme, die ich für wichtig halte. Das mache ich auch dann, wenn nur die Unkosten reinkommen. Die Bosnien-Geschichte zum Beispiel. Ein Kollege und ich sind mit linken Europa-Abgeordneten mitgefahren, die dort Camps besichtigen wollten. Wir sind eine Woche länger geblieben. Es ist auch nicht nur Idealismus. Manchmal ist es für mich einfach auch wichtig, rauszukommen aus den deutschen Diskursen. Der Wahlkampf in Sachsen zum Beispiel. Völlig überzogen auf allen Seiten. Die einen wollten, dass die AfD endlich Ordnung schafft, und die anderen dachten, dass alles untergeht, wenn die AfD stärkste Kraft wird. Es gab eigentlich gar keine Diskussion. Nochmal zum Idealismus: Ich bin da vorsichtig. So groß ist das bei mir nicht. Ich kann meine Wohnung bezahlen und bin nicht am Verhungern. Fernsehen wird ordentlich bezahlt.

Über die AfD habe ich einige Sachen gemacht, auch als Tino Chrupalla 2017 in der Oberlausitz das Bundestagsmandat gegen Michael Kretschmer gewonnen hat. Wir waren die einzigen Journalisten dort. Ich hatte mir gedacht: Der holt das bestimmt. Ich hatte ihn auf einem Parteitag beobachtet, und der Wahlkampf war sehr clever. In dieser Partei gibt es enttäuschte CDU-Leute, durchgeknallte Impfgegner, Antisemiten und Unternehmer. Das ist ein breites Spektrum. Ein Teil hat sich zwar radikalisiert, aber ob das eine faschistische Partei wird, ist noch längst nicht entschieden. Ich kenne dort Leute, die konservativ sind, aber keine Nazis.

Klar gibt es Journalisten, die ich gut finde. Kisch. Ich weiß natürlich, dass er ein Geschichtenerzähler war. Aber die Art, Sachen zu vermitteln, finde ich großartig. Gut finde ich Robert Fisk. Er hat Bücher geschrieben über den Nahen Osten, über den Libanon, und hat auch bin Laden getroffen. Er äußert sich kritisch über die Politik Israels und hat eine eigene Sicht. Er ist kein Hordenmensch. Das finde ich beeindruckend. Manchmal scheint mir, dass der Druck auf Journalisten heute höher ist, sich konform zu verhalten. Das passiert auf sehr subtile Weise. Ich hoffe, dass das nur eine kurze Phase ist.

Dass man so wenig Meinungsspektrum aushalten kann, ist eine globale Welle. Wir haben das mit unserem Chemnitz-Film gemerkt.26 Ich habe dort einen Pro-Chemnitz-Ordner begleitet. Der MDR hat sich dann überlegt, eine Podiumsdiskussion mit den Protagonisten zu machen, mitten im Wahlkampf, was vielleicht nicht besonders clever war. Das ging bis hin zu der Frage, warum der überhaupt gezeigt wurde. Ich dachte: Wie kann das sein? Das ist doch unser Job als Journalist. Das ist doch das Schönste an diesem Beruf. Wir haben das Glück und das Privileg, in alle Bereiche hineinzukommen, wenn wir das nur wollen. Ich finde faszinierend, sich diese unterschiedlichen Welten anzugucken. Rechte und Nazis gehören dazu. Man kann ja sagen, dass man nicht mit solchen Leuten reden will, aber wir als Journalisten können das nicht. Wir müssen mit allen reden.

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