Kitabı oku: «ZWISCHEN ZWÖLF UND MITTERNACHT»

Yazı tipi:

Alfons Winkelmann

ZWISCHEN

ZWÖLF und

MITTERNACHT

Roman

Bärenklau Exklusiv

Impressum

Copyright © by Authors/Bärenklau Exklusiv

Cover: © by Steve Mayer mit Kerstin Peschel, 2022

Satz: Kapitel VOR DEM SPIEGEL und DER VERGITTERTE HIMMEL: Designstudio Conni Schmidt, Aachen

Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Das Buch

Zwischen Zwölf und Mitternacht

Kurze Vorbemerkung

Die Geschichte und ihre Personen

Erscheinen

Aufbruch

Unterwegs

Das blendende Licht

Begegnung

Die große Ewigkeit

Die Tote

Prater Stern

Das böse Auge

En Attendant

Interim

Die Hüter der Liebe

Verhör

Die Kaiserin von Österreich

Die wüste Stadt

Besuch

Die vergessene Filmrolle

Hobby-Leben

Nachtstück I

neuwiener zweitfrühling

Sonnenfinsternis

Das Puppenheim

Der Trip

Nachtstück II

Verfolgung

Vor dem Spiegel

Die Staubbücher

Brasilien hinter den Bergen

Der vergitterte Himmel

Zeugung

Das Buch


Willkommen im Labyrinth! Diese Geschichte, sie beginnt in Göttingen, spielt jedoch größtenteils in Wien im Jahr 1984. Sie ist nicht nur eine wundersame, sondern auch eine wilde. Sie ist eine Liebesgeschichte, ein Verwirrspiel, ein Rätsel. Peter Piechowiak und Christine Bellinger sind ein Liebespaar. Siegfried Börries, ihr Chef, ist offenbar hinter ihr her. Seine Frau Elène kommt anscheinend unter mysteriösen Umständen ums Leben und eine sexbesessene Baronesse namens Angélique von Lichtblau ist aus unerfindlichen (oder doch offensichtlichen) Gründen hinter Herrn Börries her. Hin und wieder taucht ein Mann auf, der sich ganz unauffällig und grau gibt und offenbar Elènes Tod untersucht, außerdem ein anderer Mann, von dem immer nur gesagt wird, er sei ein Glatzkopf mit Brille und würde Zigaretten rauchen…

Berichtet wird das Ganze von uns, einem Reporterteam, bestehend aus mir, dem namenlosen Erzähler, und meinem Kameramann Willi Be.

Durch die gesamte Geschichte hüpft und springt auch ein kleines Mädchen namens Anaëlle mit einem Stoffherzen unter dem Arm – Anaëlle der Schutzengel der Liebe.

***

Zwischen Zwölf und Mitternacht

Eine Reportage

Eine Reportage?

***

Lass mich niemals so ’n geistiger Vorfurzer wer’n.

(Peter Piechowiak)

Kurze Vorbemerkung

Wir haben es hier mit einem wunderlichen Ich-Erzähler zu tun. Nicht nur, dass er keinen Namen hat, sondern er spricht auch häufig etwas seltsam. Selbst ich, der Autor, habe eine Weile gebraucht, mich auf ihn einzuhören. Aber nachdem mir das gelungen ist, habe ich festgestellt, dass die Sprache des namenlosen Ich-Erzählers durchaus ihren eigenen Rhythmus hat, auf den man sich einschwingen muss. Dazu gehört unter anderem die nicht immer grammatikalisch korrekte Satzstellung (die er wohl einem anderen Autor abgeguckt hat, nämlich Peter Kurzeck), dazu gehören ebenso die wilden Assoziationen (die allerdings manchmal auch von seinem Kameramann Willi Be stammen können) und Anspielungen, auch auf andere Bücher. (Da muss man jedoch nicht alles verstehen.) Dazu gehören weiterhin die nicht immer korrekten Schreibweisen von Worten, mal zusammengezogen aus zwei anderen Worten, mal altertümelnd, mal völlig neu erfunden. Auf jeden Fall immer: eigenwillig.

Alfons Winkelmann

Die Geschichte und ihre Personen

Willkommen im Labyrinth! Diese Geschichte, sie beginnt in Göttingen, spielt jedoch größtenteils in Wien, und zwar im Jahr 1984, ist nicht nur eine wundersame, sondern auch eine wilde. Sie ist eine Liebesgeschichte, ein Verwirrspiel, ein Rätsel. Peter Piechowiak, 25, seines Zeichens arbeitslos, Ex-Student der Mathematik, der Germanistik und bis vor Kurzem Verkaufsfahrer, und Christine Bellinger, 22, Buchhändlerin, sind das Liebespaar. Siegfried Börries, Besitzer eines „Fast-Book-Shops“, wie er seinen kleinen Buchladen nennt, ist Christine Bellingers Chef – er spricht von ihr immer ganz altmodisch als „Fräulein Bellinger“ und ist offenbar hinter ihr her. Weiterhin eine Rolle spielen Elène, Herrn Börries’ Ehefrau, die aber anscheinend unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt oder gekommen ist, und eine sexbesessene Baronesse namens Angélique von Lichtblau, die aus unerfindlichen (oder doch offensichtlichen) Gründen hinter Herrn Börries her ist. Hin und wieder taucht ein gewisser Mann auf, Herr Brahms, keine Verwandtschaft, der sich ganz unauffällig und grau gibt und offenbar den Tod Elènes untersucht, außerdem ein anderer Mann, von dem immer nur gesagt wird, er sei ein Glatzkopf mit Brille und würde Zigaretten rauchen.

Berichtet wird das Ganze von uns, einem Reporterteam, bestehend aus mir, dem namenlosen Erzähler, und meinem Kameramann Willi Be (Sollen wir etwas verraten? Das ist eine Anspielung auf William Burroughs. Aber nicht weitersagen).

Ach ja, und nicht zu vergessen: Durch die gesamte Geschichte hüpft und springt ein kleines Mädchen mit einem Stoffherzen unter dem Arm – „Anaëlle“ (Weshalb gerade ein Stoffherz? Hat es etwas damit zu tun, dass Anaëlle der Schutzengel der Liebe ist?).

Erscheinen

Diese Geschichte, es ist eine wundersame, eine wilde Geschichte, das vor allem, lassen wir wie kaum eine vor ihr in Göttingen beginnen. In Göttingen, im südlichsten Zipfel Niedersachsens, den Touristen und Besuchern zufolge eine malerische Stadt mit vielen alten Häusern. Aufgemöbeltes Fachwerk allerorten – kriegsunversehrt, trotz und alledem leidend am Karies der Zeit, und die Füllungen alles andere als zufriedenstellend. Gelegen in einem weiten, offenen Tal, fließt die Leine hindurch, ein Fluss, oder vielmehr, ein Flüsschen, und einige Hänge der umliegenden Hügel sind gut mit Neubauten bewachsen.

Wir erreichen die Stadt von Norden über die Autobahn Hannover-Würzburg. Wir kommen mit einem Auto, denn wir wollen nicht so mir nichts, dir nichts in der Stadt auftauchen und eventuell die Bürger und -innen völlig verschrecken, indem wir einfach so auf der Straße, vielmehr, dem Bürgersteig, erscheinen. Das nicht in unserer Absicht. Obwohl wir es könnten. Sind wir doch völlig substanzlos, unwirklich. Habe zumindest ich nicht mal einen Namen – wozu auch! –, anders als mein Kameramann, der sich Willi Be nennt. Auf ihn, das weiß ich schon jetzt, werde ich im Weiteren gut achtgeben müssen. Ist schließlich er derjenige mit dem Hang zu den wilden Geschichten, zu den ganz wilden. Werden wir das noch erleben, da bin ich mir sehr sicher. Ich kann schließlich nicht vierundzwanzig Stunden am Tag auf ihn aufpassen. Zunächst jedoch fahren wir ganz normal wie die anderen und verlassen an der Ausfahrt Göttingen/Dransfeld die Autobahn. Ebenso gut hätten wir schon die Ausfahrt Göttingen-Nord nehmen können, haben diese jedoch verpasst. Vor uns liegen die grünen Hügel Groß Ellershausens, und fahren wir jetzt auf einer modisch-praktischen Vierspurstraße in die Stadt, sind uns, zunächst, unserer Umgebung nur halb bewusst. Das deren Fremdheit. Am Ortseingangsschild müssen wir uns in die Grüne Welle einschwimmen lassen und bewundern derweil das grellbunt gemusterte Schuh-Center: Begrüßung mit Stepp und Pop.

Jetzt und in die Grüne Welle eingetaucht, trauen wir den Vorampeln mit ihren Richtgeschwindigkeiten nicht so recht, stets den rechten Fuß in Bereitschaft, das Pedal zu wechseln. Der dicke Bus vor uns kurvt bemerkenswert geschmeidig in die Haltestellenbucht. Zuvor jedoch die Tankstelle: tankte unser Fahrzeug dort neues Leben. Und weiterfahren. Verbergen sich vor Willi Bes Kameraaugen die Neue-Heimat-Hochhäuser, von denen uns berichtet – Lebenspferche für diejenigen, denen Faustrecht noch immer als alleiniges Recht gilt, für Kinder, die sich in RamboZombiePorno besser auskennen als im Stundenbuch der Liebe. Aber was soll’s uns kümmern. Unser Ziel liegt woanders.

Und weiterfahren. Neben dem Stadtfriedhof – dort hat der allmächtige EAM-Block (Elektrizitäts-Aktiengesellschaft Mitteldeutschland, mit anderen Worten: Strom- und Energieversorger für die Stadt und den Landkreis. Aber das nutzt denen, die dort auf dem Friedhof liegen, auch nichts mehr.) von gegenüber seine Macht verloren, das Leben ausgeströmt – gebietet uns die Grüne Welle Einhalt: Gedenket der Toten und hupt nicht gar so ungeduldig! Spielt nicht gar so nervös mit dem Gaspedal, eure ärmeren Zu-Fuß-Mitmenschen werden’s euch danken. So gern liegt niemand nicht dort unter nasskaltem oder trockenheißem Rasen. Willi Be hat sich offenbar die städtische Dröhnung schon wieder eingeworfen; können wir endlich unserer Ungeduld freien Lauf lassen, rasen vorüber an der alten Gerichtslinde, deren Blätter unsere Abgase noch geduldig schlucken, am neuen Wohnblock, Posthof genannt, weiße Wände, rotbemalte Fensterlider. Stop dem Atomtod! hängt da ein Bettlaken aus einem Fenster gegenüber. Und weiterfahren, die Normaluhr zeigt elf. So langsam und merken wir nicht, dass unsere Autos selbst jetzt tödliche Geschosse.

Da, nun über den schmalen Fluss, die Leine, rächt sich für die Eindämmung mit alljährlichem Hochwasser, setzt Straßen und Fußballplatz unter schmutziges Nass. Was alles schon wieder vergessen?

Und weiterfahren. Die Straße noch immer vierspurig, hat das denn niemals ein End’. Unter unseren Achseln Stadtschweiß. Nun, da die Eisenbahn, über die Straße, der Tunnel darunter Schrecken vieler Frauen, Pinkelhöhle für Heimkehrer aus der kneipenbewehrten Stadt. Aber auch das soll uns nicht weiter kümmern. Überhaupt, dieses Göttingen ist ja bloß der Aufhänger für unsere Geschichte, und was wir hier darüber berichten, das haben wir uns vorher aus Reiseführern angelesen. Wer also mehr darüber erfahren möchte, soll selbst dort nachlesen.

Auch benötigen wir keinen Stadtplan und kein Hinweisschild, wissen wir so, dass wir uns auf die rechte Linksabbiegerspur einordnen müssen. Aus dem Wohnbunker rechter Hand glotzen uns schwarze Fenster entgegen. Sind das wohl moderne Spukhäuser, Spukpaläste mit Gängen, in denen sich tagtäglich die Bewohner verlaufen. (Das ist natürlich nicht die Wahrheit. Aber es könnte die Wahrheit sein.)

Ariadne so weit.

Stinken die Gänge nach Pisse? Putz bröckelt, High-Noon während des Tages und fürchten sie jähes Klingeln an der Wohnungstüre. Wollen alle so schnell wie möglich entrinnen, könnten sie auf dem Klingelbrett draußen vor der Tür Ziehharmonika spielen und brächten dennoch keine Melodie zustand’.

Und die Ampel zeigt grünes Licht, beinahe einen Radfahrer, einen Studenten wohl, angefahren. Droht er uns mit der Faust, schimpft, wer weiß, ob er des Nachts auch Licht am Rad gehabt hätte. Wissen wir doch, dass Studenten manchmal sehr rechthaberisch sind und behaupten, sogar des Nachts leuchtende Wissenschaftler zu sein. Vorüber am Bahnhof. Stehen wir schon wieder an einer Ampel, schleichen uns durch den Stau an die nächste Kreuzung heran. Hat’s einen kleinen Unfall gegeben, sind sie Gott sei Dank ja alle bestens versichert. Blaulicht rotiert auf dem Dach eines Polizeiwagens, wir werden noch zu spät kommen. Denken nur kurz darüber nach, wie wir uns zu gut ins Blech gewickelt, als dass wir uns im Notfall umarmen könnten. Immerzu Raubritter auf dem Weg zum täglichen Kleinkrieg.

Weiter geradeaus, biegen wir bald rechts ab, lassen die Universität links liegen. Schrauben uns in die Innenstadt. Suchen. Suchen eine ganz bestimmte Adresse. Ja, wir haben sie gefunden. Nur dass es hier keinen Parkplatz. Kurven wir weiter, in die Burgstraße, vorüber an einem Beerdigungsinstitut, an einem Kopierladen, gegenüber eine Galerie. Nennt sich Apex und ist doch bestimmt seit mindestens fünf Jahren out of time, wie alles hier in dieser Stadt. Finden wir endlich einen Parkplatz vor der Post. Parkscheibe in bester Ordnung.

So vieles versäumt unterwegs, was uns allerdings auch nicht interessierte. Nicht der Biologische Garten, nicht das Deutsche Theater, nicht die alte Laterne auf dem Theaterplatz. Nun Sommer: Der Boden rings umher bekleidet mit Blumen. Die Stadt brodelt von Menschen, hacken Tausende von Absätzen uns Löcher ins Trommelfell. Gehen wir hinüber zu einer Straße, die „Obere Karspüle“ heißt, vorüber an der Volkshochschule, und da treffen wir ihn, den wir unbedingt haben treffen wollen. Den wir uns für unsere Reportage ausgesucht haben. Von dem wir hoffen, dass er uns nicht im Stich lassen wird (Er wird uns nicht im Stich lassen. So viel sei schon jetzt verraten.).

Aufbruch

„Nachdem sie mich jetzt entlassen haben“, erzählt Peter Piechowiak, „besitze ich noch genau zweitausendfünfhundert Mark. Natürlich überlege ich mir, was ich tun kann. Der Gedanke, mich beim Arbeitsamt zu melden, behagt mir nicht.“

Ein Passant hat das Kamerafeld gekreuzt. Willi Be schreit uns ärgerlich zu, er müsse diese Einstellung noch einmal drehen.

„Nachdem sie mich jetzt entlassen haben“, erzählt Peter Piechowiak, „besitze ich noch genau zweitausendfünfhundert Mark. Natürlich überlege ich mir, was ich tun kann. Der Gedanke, mich beim Arbeitsamt zu melden, behagt mir nicht.“

„Gibt es denn in Göttingen nicht auch eine Arbeitslosenselbsthilfe?“

„Natürlich. Die Überlegung, es dort zu versuchen, ist gewiss nicht die schlechteste. Die meisten meiner Bekannten haben mir sogar dazu geraten. Aber es widerstrebt mir.“

„Können Sie das näher erläutern?“

Sitzen wir inzwischen im Cheltenham-Park (Cheltenham: Partnerstadt Göttingens in England). Hinter einem kleinen Häuschen liegt ein verträumter Teich neben dem Wall, unter vielen hohen Bäumen. Ein malerischer Anblick, könnte ich mir vorstellen.

Klappe: Peter Piechowiak die zweite.

„Ich habe sogar einmal die Telefonseelsorge angerufen. Die Frau am Apparat bemühte sich auf geradezu vorbildliche Weise, mich zu einer eigenen Entscheidung zu führen. Das lernen die nämlich da.“

„Aha. Und, hat sie?“

„Sie fragte mich: ‚Wollen Sie wirklich aufs Arbeitsamt und Arbeitslosengeld oder Arbeitslosenhilfe beantragen und warten, dass man etwas für Sie tut?‘“

„Eine Zwischenfrage, Herr Piechowiak. Was sind Sie von Beruf?“

„Von Beruf?“ Peter Piechowiak lächelt in Willi Bes Kamera. „Das ist ja das Elend. Was heißt, Elend! Das ist ja die Freiheit. Genau genommen habe ich keinen Beruf. Ich bin Student der Germanistik, der Chemie, der Mathematik, der Philosophie und was weiß ich nicht noch alles. Aber eben halt nix, das bürgerlich anerkannt wäre.“ Erneut lächelte Peter Piechowiak in Willi Bes Kamera. Haben sich eine Menge Göttinger und -innen um uns versammelt. Eine Kamera zieht die Welt an sich und ist die Welt in dieser Provinzstadt, die ihre Filmvergangenheit restlos und blind verspielt hat.

„Wie kann ich das verstehen?“

„Tja, wie Sie das verstehen können – woher soll ich das wissen? Aber Sie dürfen mich, wie vereinbart, heute gern begleiten.“

Willi Be, jetzt sind wir dran. Jetzt müssen wir uns einen Tag ausdenken. Nehmen wir an, wir hätten Piechowiak an einem Dienstag um Viertel nach elf Uhr getroffen, dann wäre das erste Gespräch vermutlich gegen fünf vor halb zwölf schon wieder beendet.

Willi Bes Kamera verfolgt Peter Piechowiaks Turnschuh-Schritt, das graue, eckige Straßenpflaster, wechselt die Perspektive, fährt zu dessen Händen mit dem Dreckrand unter den Fingernägeln hoch, zu dessen grobgestrickten blauen Pullover – eigentlich viel zu warm für diesen Sommertag –, zu dessen Kinn, dessen Mund, dessen Nase, dessen Augen. Peter Piechowiak nicht im Geringsten irritiert. Um uns herum Stadtdröhnen: stinkende Busse, Schritte, Rufen, Lachen, Schreien, Fahrradklingeln. Music in front of some shops. Gäbe es keine Schaufenster, flögen uns allerorten Jeans und T-Shirts, Schaufensterpuppen, Ringe, Uhren, Fischbrötchen, Videorekorder, Apfelsinen, Bücher um die Ohren.

So eine Weile lang weiter, immer weiter, zehn Minuten, zwölf Minuten, eine Viertelstunde lang, eine weitere Viertelstunde. Und noch eine. Einmal die Weender Straße hinauf, einmal hinunter. Noch einmal hinauf, noch einmal hinunter. Immer wieder Blicke in Schaufenster, halb neugierig, halb interesselos. Hin und wieder lässt er sich auf eine Frage meinerseits ein.

„Fahrer“, sagt er irgendwann vor einem Schaufenster. „Sachen ausgeliefert. An Geschäfte. Auch an das hier.“ Eine Buchhandlung. „War manchmal anstrengend, wenn die Sachen schwer waren.“ Weitergehen. „Firma war wohl zu klein. Aufträge zurückgegangen. Haben mich nicht mehr gebraucht.“ Ganz sachlich, ohne Bitterkeit. „Und da stehe ich jetzt also mit zweitausendfünfhundert Mark. Aber das habe ich, glaube ich, bereits erwähnt.“

Kommen wir an einem Straßenmusikanten vorbei. Jemand, der schlecht Gitarre spielt und noch schlechter singt. Schlager. Grinst Peter Piechowiak und sagt, er könne das viel besser. Übt er fast täglich zu Hause. Alle möglichen Lieder, erzählt er. Vielleicht, so fügt er hinzu, könne er sich damit ja noch einen kleinen Nebenverdienst sichern. Aber nicht hier. Hier würde das nichts einbringen. Und so gehen wir weiter, und Willi Be lässt die Kamera laufen, ununterbrochen.

Zwölf Uhr dreißig. Peter Piechowiak betritt eine Fleischerei. Bestellt das angebotene Mittagessen: Rotkohl, Bratwurst, Püree. Mikrowellenheiß. Stellt er sich an einen schmalen kunststoffweißen Tisch und isst. Ruhig, ohne Hast, gemächlich, habe Zeit, viel Zeit. Hat uns die Verkäuferin extra freundlich angeschaut wegen der Kamera. Hat sie extra deutlich gesprochen: „Vorsicht, der Teller ist heiß.“ Sprang ein Junge hoch und winkte, jetzt fürs Leben geadelt. Wird seinen Enkeln noch erzählen, dass er im Fernsehen. Wir beide, Willi Be und ich, wir brauchen nichts zu uns zu nehmen, substanzlos, wie wir sind. Mag die Kamera auch noch so schwer sein, Willi Be macht es nichts aus. Er trägt sie, als würde sie schweben.

„Manchmal habe ich Lust, etwas völlig Verrücktes zu tun“, sagt Peter Piechowiak zwischen zwei Bissen. Hier wird Willi Be natürlich sofort hellhörig.

„Und was?“

„Das weiß ich doch jetzt noch nicht“, entgegnet er, kaut, schiebt etwas Rotkohl nach, kaut weiter.

„Machen Sie sich keine Sorgen, von was Sie demnächst leben sollen?“

Peter Piechowiak hält inne, jetzt offenbar irritiert, schüttelt den Kopf.

„Nein, merkwürdigerweise nicht. Ich mache mir keine Sorgen, vertraue meinem Glück, das mich bisher noch nie im Stich gelassen hat. Sehen Sie, bevor ich Auslieferungsfahrer wurde, war ich auch völlig abgebrannt. Zufällig hörte ich im Bus, mit dem ich zum Rathaus, zum Sozialamt, fahren wollte, jemanden erzählen, diese Firma, die jetzt mehr oder minder pleite ist, suche einen Fahrer. Bin ich also gleich hin und habe die Stelle bekommen. So einfach war das damals.“

Er wischt sich mit der Serviette den Mund. „Warum sollte das jetzt anders sein?“

Willi Be und ich hatten uns beim Herkommen darauf geeinigt, dass schönes Wetter sein soll. Daher hat es Peter Piechowiak auch nicht nötig, noch einmal in die Fleischerei zurückzugehen, um seinen Regenschirm zu holen, nachdem wir sie verlassen haben.

Die Jacobi-Kirchturmuhr schlägt die volle Stunde. Die akademische Buchhandlung nebenan zieht sich aus dem nach wie vor brodelnden Trubel vornehm akademisch zurück und schließt ihre Glastüre. Wahrscheinlich stehen die Studenten in der Mensa mittlerweile Schlange. (Aber auch das zu erzählen ist nicht unsere Aufgabe.) Wir heften uns weiterhin an Peter Piechowiaks abgelatschte Turnschuhfersen. Wenn Willi Be gehofft hat, dass er ein gewisses Interesse an den Pornos im Royal zeigen würde, so sieht er sich getäuscht. Er hätte Peter Piechowiak liebend gern dort beobachtet, wie er sich einen runterholt, während auf der Leinwand Bumsfrauen vor sich hin stöhnen, Muskelpakete hinter ihrem Arsch – alles natürlich nur zu Reportagezwecken.

Stattdessen: Stehenbleiben vor dem Schaufenster eines Reisebüros. Von einem Plakat strömt uns der Amazonas entgegen. Traumreise nach Brasilien. Dorthin fahren, so sagt Peter Piechowiak zu uns, vielleicht sogar dort leben, das könnte ein Traum sein. Vielleicht. Er habe sogar einmal angefangen, auf eine solche Zukunft zu sparen. Bevor er sich überlegt habe, dass das naturgemäß kompletter Blödsinn sein müsse. Denn Peter Piechowiak hat niemals Portugiesisch gelernt, erst recht kein brasilianisches.

Trotzdem: In den Ufersümpfen müsse noch ein Geheimnis stecken. Zwischen den mächtigen Urwaldstämmen, zwischen den buntschillernden Schmetterlingen, die nirgends so groß und bunt seien wie dort. O-Ton: „Brasilien steht, glaube ich manchmal, für meine Sehnsucht, einmal etwas völlig Verrücktes zu tun. Etwas Wahnsinniges. Halt etwas, von dem alle Menschen sagen: ‚Das ist doch Wahnsinn.‘ Genau dann wüsste ich, dass ich das Richtige täte. Andere investieren riesige Summe in Erste-Klasse-Intercity-Fahrten mit Essen im Speisewagen, inklusive überteuerter Rotweine. Darauf habe ich wirklich nie viel gegeben.“ Lacht leise. „Worin investiere ich? In Zukunft, trotz AIDS, Atombomben und …“

Allem, was sonst noch kommen wird.

Währenddessen weiterhin auf der Weender Straße. Der entkommt in Göttingen niemand. Willy Bes Kamera schleicht über die Gesichter etlicher Passanten. Frohe, gehetzte, traurige, glückliche, nichtssagende Gesichter sind es, die Willy Be da auffängt und verewigt. Können sie uns immer wieder ansehen.

„Ein Glück“, sagt jetzt Peter Piechowiak, „dass schönes Wetter ist. Wissen Sie, in meiner engen Bude hält mich nichts. Der Nachbar schlägt den ganzen Tag und die halbe Nacht lang Krach – Sie werden’s kaum glauben, aber selbst ich habe schon mal die Polizei gerufen –, und auf Dauer in irgendeinem Café oder einer Kneipe sitzen macht auch keinen Spaß. Ist zudem zu teuer. Meine noch vorhanden Bekannten sind alle bejobt, familiert, bekindert. Eigentlich bin ich niemand, der gern allein lebt, müssen Sie wissen. Vieles in mir liegt zu offen, schreit bei jeder Berührung von außen, müsste abgedeckt werden durch ein Gegenüber. Aber ich bin durchaus leidensfähig. Und lebensfähig. Und hoffnungsfähig.“

Was tut man, wenn man ziellos über oder durch Straßen treibt? Eben genau dies, nichts anderes.

„Was ich so denke? Merkwürdig – indem Sie mich das fragen, weiß ich’s nicht mehr. Wenn ich Ihnen jetzt etwas sage, dann deshalb, weil Sie mich gefragt haben. Zum Beispiel, dass mir die Sonne warm aufs Gesicht scheint oder dass manchmal Touristen da vorne vor dem alten Fachwerkhaus stehenbleiben, genau, das mit dem scheußlichen Laden unten drin, und dann erst fällt mir auf, dass das Haus ansonsten schön ist.“

Willy Be richtet seine Kamera auf dieses Haus.

„Das ist jedoch alles nur schöner Schein, denn genau wie die meisten der Touristen weiß auch ich nichts über dieses Haus. Ob es zum Beispiel nur noch Fassade ist. Wer darin wohnt. Ob überhaupt noch jemand darin wohnt. Ob da nicht nur noch Büros drin sind.“ Er geht weiter, und wir, wir folgen ihm. „Wahre Schönheit kommt von innen, nicht?“ Er bleibt stehen und dreht sich zu uns um. „Einen dümmeren Satz kenne ich nicht.“ Er geht weiter, und beim Gehen spricht er zu uns. „Ich träume manchmal von einem Mädchen, einer jungen Frau, die ich irgendwann irgendwo, nein, nicht hier in Göttingen, kennenlernen werde, mit der ich eine Tochter haben werde, obwohl ich mir im Augenblick kaum vorstellen kann, Vater zu sein. Ihre Zuschauer werden sich vermutlich wundern, dass ich nicht wesentlich mehr über meine momentane Lage nachdenke, nicht darüber nachdenke, wie ich sie wohl ändern könnte. Vermutlich erwarten Ihre Zuschauer sogar Patentrezepte. Oder wollen sich einfühlen, das heißt, sie wollen sich in mir entdecken. Ob das möglich sein kann? Hoffentlich haben Sie sich nicht das falsche Demonstrationsobjekt ausgesucht.“

Er lacht, und Willi Be fängt das Lachen auf. Darin ist er sehr gut.

Die Wissenschaft ist der größte Betrug am Menschen!, knallt uns ein Schild in die Augen, das ein Mann vor der akademischen Buchhandlung in die Höhe hält, inmitten einer Wolke aus Neugier, Spott, Interesse, Bewunderung, Gleichgültigkeit.

„Das könnte etwas für mich sein“, sagt Peter Piechowiak. Er stellt sich neben eine Edelpunkerin mit lila Haarsträhne über den wirren Augen, Haare bis weit über die Ohren abrasiert. An der Leine einen struppigen Hund, der dem Mann mit dem Schild beinahe ans Bein gepinkelt hätte.

Auch das hat Willi Be bereits im Kasten.

Die Edelpunkerin beäugt uns misstrauisch, zerrt ihren Hund beiseite und verschwindet in Richtung Rathaus und Gänseliesl, wo sie sich vermutlich mit ihresgleichen treffen wird. Schwarze, durchlöcherte Strumpfhose, schwarzer Pullover, unter dem die vorschriftsmäßig lange rosa Bluse hervorschaut. Die Einkaufstaschen der Hausfrauen sehen ihr empört nach. (Zumindest sieht das auf den Aufnahmen, die Willi Be von dieser Begebenheit gemacht hat, so aus.)

Als sich auch nach einer Weile nichts weiter tut, macht Peter Piechowiak sich wieder auf den unbestimmten Weg. Er kommt an einer Litfaßsäule vorüber, bleibt stehen, sieht sich die Plakate an, zeigt auf eines und sagt: „Sehen Sie, da gehe ich heute Abend hin.“ Es ist ein handgefertigtes Plakat, die Ankündigung einer Lesung. „21 Uhr, Galerie Apex“, steht da. „Walter Traunstein stellt vor. Heute: Leo Perutz.“

Schon hat Willi Be auch dieses Plakat im Kasten, und ich möchte natürlich wissen, weswegen Peter Piechowiak unbedingt dorthin will.

„Hat das etwas mit Ihrer Arbeitslosigkeit zu tun?“

Sieht er mich verständnislos an. „Sagen Sie, was ist Ihnen eigentlich wichtiger: Peter Piechowiak, der Arbeitslose, oder Peter Piechowiak, der Mensch? Mich auf die Arbeitslosigkeit zu verengen – das empfinde ich beinahe als Beleidigung.“

„Aber darum sollte es doch in diesem Bericht gehen.“

„Naundwennschon!“, faucht Peter Piechowiak.

„Was meinen Sie damit?“

„Was ich damit meine? Ich will nicht bemitleidet werden. Ich will nicht benutzt werden von Leuten, denen gar nichts Besseres geschehen kann, als dass es so viele Arbeitslose gibt. Ich will nicht betreut werden. Für mich, für mich allein weitergehen, wie ich es möchte, das ist für mich der Weg.“

Inzwischen sind wir zur Leine hinüber und gehen einen schmalen Weg entlang. Vor Willi Bes Kameraaugen biegt sich das Gebüsch nur unwillig beiseite.

„Aber selbst das dient ja wieder nur Ihrer Sucht zum Klassifizieren. Am Ende lasse ich mich auf nichts einengen, auf überhaupt nichts. Noch nicht einmal auf Peter Piechowiak!“

Oh, wie zornig er geworden ist! So zornig, dass er eine Handvoll Grashalme ausreißt und in die Luft wirbelt. Träge sinken sie auf das Objektiv der Kamera, und jetzt ist es Willi Be, der zornig wird.

„Ei, sag dem Armleuchter, er soll solche Späße gefälligst sein lassen.“

Noch ein wenig, und es wäre zu einer Schlägerei gekommen.

Gerade noch verhindert hat es ein kleines Mädchen mit einer Rüschenbluse, einem blau-weiß karierten Rock, das ein Stoffherz unterm Arm hält. Peter Piechowiak sieht dem Mädchen lange nach, genau wie wir, und Willi Bes Kamera, vom Grase befreit, hört erst auf zu surren, als das Mädchen schon längst hinter den Büschen verschwunden ist.

„Das war bestimmt Anaëlle.“

„Wie bitte?“

„Ach, nichts“, sagt Peter Piechowiak. Aber auch er sieht immer noch in die Richtung, in der das Mädchen verschwunden ist. „Sie hat mich nur an jemanden erinnert, die ich noch gar nicht kenne.“

„Wie bitte?“ „Du wiederholst dich“, sagt Willi Be so, dass Peter Piechowiak es nicht versteht.

Alles Weitere haben wir nicht mehr aufgenommen. Es war wirklich zu belanglos. Kaum mediengerecht. Für eine Reportage völlig unbrauchbar, oder, was meinst du, Willi Be? Worauf haben wir uns da eingelassen! Demnächst suchen wir uns bessere Kandidaten. Wenn es noch mal dazu kommt. Vorläufig jedoch sind wir an Peter Piechowiak gebunden, und wer weiß, was da alles noch kommen kann.

Willi Be schaltet seine Kamera erst am Abend wieder ein – inzwischen haben wir beide uns in die Unsichtbarkeit zurückgezogen, sind wieder aus der Welt getreten, haben aufgehört, in dieser Welt zu existieren. Wir sind, anders als beim ersten Mal, tatsächlich einfach so wieder in diese Welt hineingetreten, allerdings an einem Ort und an einer Stelle, wo uns niemand dabei beobachten konnte. Immer noch wollen wir niemanden erschrecken.

Jetzt leuchtet uns die Galerie Apex undeutlich entgegen, erkennbar eigentlich nur an den vielen Fahrrädern, die davorstehen.

Wir betreten einen mager beleuchteten Korridor. Rechter Hand zunächst ein paar Briefkästen, dann eine Glastür, dann ein Bord, an dem etliche Plakate hängen, dann wiederum eine Tür, dahinter die Küche, die nächste Glastür, eine Stufe. Grüngealterte Klappstühle, weiße Kunststofftische rechts, Holztisch links, über uns grünendes Efeu, wie in meinem mittelmeerischen Dorf. Vor uns der Eingang, daneben eine Schiefertafel, auf der wir lesen können: „Walter Traunstein stellt vor: Leo Perutz.“ Daneben ein Fenster, durch das die Flaschen vor und hinter der Theke zu sehen sind. Die Kneipe jedoch interessiert uns nicht.

Wir donnern über eine Eisentreppe in einen Raum, an dessen weißgetünchten Wänden für kunstsachverständige Göttinger Bürger beeindruckende Gemälde hängen. Peter Piechowiak hingegen schaudert beim Anblick der wüsten Pinselstriche – wie mit einem Malerquast, den ein Lehrling – Willi Be: ein Azubi – am ersten Lehrtag in die Hand gedrückt bekommen hat, zusammen mit dem Auftrag, alle vorhandenen Farben gleichzeitig auszuprobieren. Er bevorzugt stille Heidelandschaften und Bilder von Mädchen mit langem blondem Haar. – Willi Be: David-Hamilton-Gedächtnis-Kitsch. Dass Peter Piechowiak ein solches Mädchen, springlebendig, einmal treffen würde, kann er gegenwärtig beim besten Willen noch nicht ahnen. Oder? –

Da sitzt an einem runden Tisch hinter der Glastür ein nicht weiter bemerkenswerter Mann. Lächelt Peter Piechowiak an. „Möchtest du auch zur Lesung?“ Der nickt. „Kostet zwei Mark Eintritt.“

Peter Piechowiak legt ein Zweimarkstück in die Pappschachtel neben ein paar anderen. Wir als Presseleute können kostenlos hinein. Obwohl wir ja gar keinen Bericht über diese Lesung verfassen werden. Aber das weiß der Mensch an der Kasse nicht. „Setzt euch irgendwo hin“, leutseligt der Mann.

Links in der Ecke, auf einem roten Klappstuhl, sitzt Walter Traunstein, umringt von ungefähr zehn anderen Leuten, die gerade laut lachen. Nur ein Wort ist bis zu Peter Piechowiak vorgedrungen: „Wien.“ Wien. Was weiß er von Wien? Stadt in Österreich, Hauptstadt. Wien. Die anderen lachen wieder, er lacht mit, unwissend, um was es gerade geht. Sieht sich neugierig um. Direkt neben ihm ein Mann mit einer Glatze und einer dunklen Brille mit runden Gläsern. Er trägt einen altmodischen Anzug mit weißem Hemd und Krawatte, und Peter Piechowiak fragt sich schon, weshalb dieser Herr hier ist, der so gar nicht zu den anderen Zuhörern passen will. Er ist übrigens auch der Einzige, der nicht mitlacht, sondern sich offenbar sehr genau umschaut, die anderen Leute, sogar Walter Traunstein, mustert, als ob er sie bis in deren tiefstes Inneres erkennen wollte. Als sein Blick an Peter Piechowiak hängenbleibt, stutzt er, und dann spielt ihm tatsächlich so etwas wie ein Lächeln um die Lippen, und er nickt ihm sogar zu. Aufmunternd.

Der Blick und das Lächeln irritieren Peter Piechowiak so sehr, dass er wegsieht, zu einer Frau hinüber, deren Alter er nicht einschätzen kann. Ist sie Anfang zwanzig oder doch schon Anfang dreißig? Oder sogar noch älter? Nein, das kann nicht sein. Auf jeden Fall sieht sie besser aus als die wild hingepinselte Frau hinter ihr auf dem Bild an der Wand. Peter Piechowiak wird das Gefühl nicht los, sie schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Sie hat kurzes, dunkles Haar, und ihre dunkelblauen Augen ruhen scheinbar traurig auf Peter Piechowiaks Gesicht. Seine Gedanken werden jedoch von einer Bemerkung des Vortragenden abgelenkt.

„Ich glaube, ich fange jetzt an“, sagt Walter Traunstein und schiebt einige Zettel zusammen – nervös?

„Ach, was“, sagt der Mann am Eingang. „Wir haben doch erst kurz nach neun. Warten wir noch ein paar Minuten.“

„Na gut.“ Wenig überzeugt.

Peter Piechowiak mustert ihn halblaut. Er mag keine Leute mit Bart, erst recht keine mit Vollbart. Unwillkürlich streicht er sich über die eigenen stoppeligen Wangen. Auch mal wieder fällig … Er muss herausfinden, wie alt die Frau ihm gegenüber ist. Bei der schäbigen Beleuchtung jedoch ein Ding der Unmöglichkeit. So schäbig ist die Beleuchtung, dass die Frau sogar irgendwie verschwommen wirkt, wie hinter einer Glasscheibe oder unter Wasser.

„Wien“, hallt es erneut in seinen Ohrmuscheln. Und irgendetwas in der Weise, wie es klingt, deutet darauf hin, dass es sich dabei um etwas ganz Besonderes handeln muss. Die Lesung beginnt. Sie ist erstaunlich lang, Willi Be gähnt bereits seit einer Viertelstunde, aber im Anschluss erkennen wir Peter Piechowiak nicht mehr wieder. Wie verzaubert von den Geschichten, die da vorgelesen wurden, erscheint er. Trancegehen, wir müssen ihn gelegentlich davor bewahren, von einem Auto angefahren zu werden. Er duldet es, dass wir in seine enge Wohnung mitkommen. Von oben dröhnen die neuesten Disco-Songs und lassen Herz und Lungen und Magen vibrieren. Jetzt greift er zum Telefon, wählt und sagt: „Hallo? Hier Peter. Ich habe mich entschieden. Du kannst die Wohnung haben.“ … „Was soll das heißen: Weißt du, wie spät es ist? Bist du nicht froh?“ … „Was ich mache? Erst mal ’ne ganz große Reise.“ … „Kann ich genau sagen: nach Wien.“ … „So? Das ist doch Wahnsinn? Fahre ich, oder fährst du?“ … „Nein, ich bin’s leid, ganz einfach leid, mich irgendwo, irgendwie für umsonst zu engagieren. Und dieses Arbeitslosenselbsthilfezentrum kann mir den Buckel runterrutschen.“ … „Jetzt sei doch nicht gleich beleidigt … ach, ihr … ihr selbstlos Engagierten! Lebt doch gut von denen, die ihr betreut … ja, ja, ihr wollt nur alles Gute, und davon lebt ihr gut.“ … „Verdammt, willst du nun die Wohnung oder ja? Kannst mit den Sachen machen, was du willst. Wirf sie auf den Sperrmüll oder behalte sie.“ … „Ja, ich weiß, dass das Regal auseinanderfällt. Ist mir doch egal. Ich fahre morgen los. Gute Nacht!“

Er knallt den Hörer auf die Gabel, packt ein paar Sachen zusammen, so viel, wie halt in einen Rucksack hineinpassen. Dann geht er, schließt die Wohnungstür hinter sich ab und wirft den Schlüssel in seinen Briefkasten. „Die hat meinen Briefkastenschlüssel“, erklärt er uns, bevor er hinaus auf die Straßen geht. Noch mitten in der Nacht ist es, und auf dem Weg zum Bahnhof begegnet uns so gut wie kein Mensch. Willi Be wieder hellwach und ganz in seinem Element. Die Kamera fährt die Straße hinauf, hinab, an den Hausfassaden entlang, so schnell, dass sie völlig verschwommen werden in dem Schein der Laternen. Dann wippt das Kopfsteinpflaster unter uns, Peter Piechowiaks Beine steigen auf, fallen herab. An einer Straßenecke, da haben wir das Gefühl, als ob uns jemand beobachten würde. Willi Be richtet die Kamera dorthin, aber zu dunkel ist es, als dass wir etwas erkennen könnten.

Berührt Peter Piechowiak die ganze Nacht über alle Stätten, die ihm hier jemals etwas bedeutet haben. Das und die Nacht scheinen nur so lang zu sein, so endlos. Streift er alles, alles mit einem entschlossenen Ruck seines Kopfes beiseite, wie das halblange blonde Haare fliegt dabei!, wird alles ohne Bedauern hier zurücklassen.

Am Bahnhof, ja, die Schalter öffnen gerade. Göttingens Bahnhof rumort. Ach, und die Uhr springt so langsam von einer Minute zur nächsten. Der Intercity Prinz Eugen erwartet. Oder die Kaiserin von Österreich? (Dabei gibt es gar keinen IC mit diesem Namen.) Pizzageruch weht uns um die Nasen. Die Fahrt nach Wien gar nicht so billig. Prinz Eugen hat schon jetzt Verspätung. Lieber den Vorzug eines Vorzugs benutzen. Zumindest bis Passau schläft’s sich dann leichter. Und anschließend? Die E-Lok sieht nicht so aus, als ob sie wüsste, was „Anhalten“ bedeutet. Zwölf Uhr. Pfiff.

Zwölf Minuten aus vierundzwanzig Stunden. Willi Be filmt, bis der Vorzug entschwunden ist.

Unterwegs

(Da wir substanzlos sind, haben wir den Vorzug natürlich sofort eingeholt.)

Dauert die Bahnfahrt mehr als acht Stunden, und Peter Piechowiak ganz in sich selbst versunken. Hat er seine Heimat schon vergessen – war Göttingen je seine Heimat? Dabei fuhr er so gerne mit dem großen Transporter über Göttingens Straßen. – Was für eine Übersicht! Vorüber, vorüber. Zu schnell auf den Bürgersteig der Tatsachen zurückgeholt, sitzt er bis Passau allein im Abteil. Öffnet er an jedem Haltebahnhof das Fenster, lässt Lautsprecherdurchsagen zu sich ins Abteil quellen.

Das gleichmäßige Rattern entleert seinen Kopf von jedem Gedanken. Er nimmt Landschaft wahr, nicht auf, koppelt sie nicht mit Worten, hält sie nicht fest. Drängt sich am späten Nachmittag die Sonne ins Abteil, er zieht die Vorhänge vor. Die Hitze weicht nicht.

„Was erwarten Sie in Wien, Herr Piechowiak?“

Der Zug lässt sich kurz auf ein Wettrennen mit einem Auto auf der Bundesstraße ein – oder umgekehrt. Nach der nächsten Biegung gibt’s weder Sieger noch Besiegten.

„Denken Sie zum Beispiel noch an Martina, Tina, wie Sie sie nannten, der Sie Ihre Wohnung überlassen haben?“

„Ach, Tina und Klaus und Reinhard und Günther, mit „th“, darauf legt er größten Wert, trotz aller Alternativität, der mit seinem AZE, dem alternativen Kulturzentrum, wer sind denn die! Trafen uns von Zeit zu Zeit, mehr aus Gewohnheit denn aus Freundschaft. Nach zwei Wochen bin ich vergessen. Manchmal wird vielleicht einer in einer Gesprächspause daran denken, dass jemand – jemand – wie hieß er doch gleich? Ja, Peter Piechowiak mit am Tisch gesessen hat. Meist ziemlich müde, die Arbeit schlauchte doch sehr. Aber nicht das war’s, was mich von den Übrigen trennte.“

„Können Sie das näher erläutern?“

„Ja, ich kann. Das waren alles Langweiler. Vernarrt in ihre Pipi-Probleme, anödend bis zum Geht-Nicht-Mehr. Soziokultur zwischen systematisierter Innovations-Akzeleration und qualitativer Interpretations-Problematik. Meinen Sie, so etwas hätte mich interessiert?“

„Sind Sie jetzt nicht ungerecht?“

„Natürlich bin ich ungerecht. Oder kennen Sie jemanden, der gerecht wäre? Trotz allem habe ich sie ja irgendwie gemocht. War eine Abwechslung zur Ödnis, die meine Arbeit so mit sich brachte.“

„Wer oder was war denn nun öde?“

„Wie? Ach, alles. Nehmen Sie Tina, zum Beispiel. Unheimlich lieb und nett, wahnsinnig engagiert, setzte sich ein, wie es nur eben ging. Verbrachte halbe Nächte damit, diese alternative Kneipe, in der sie da arbeitete, in Schwung zu halten. Haben die sie dennoch von gleich auf jetzt an die Luft gesetzt, als es ernst wurde. Als die Studenten mit einem Male nicht mehr so viel Geld fürs abendliche Bier ausgeben konnten. Arbeitete sich daraufhin in diesem Arbeitslosenselbsthilfezentrum halb zu Tode, für nix und wieder nix. Ob ihr jemals aufgefallen ist, dass es bei jeder unangenehmen Sache hieß: ‚Das wird die Tina schon schmeißen?‘ Ja, es stimmt, dass ich sie sehr gern hatte, vielleicht sogar ein bisschen in sie verliebt war. Kann sein, dass ich nur wegen ihr freitags zum Stammtisch gegangen bin.“

„Und das können Sie so einfach alles zurücklassen?“

„Ja, das kann ich. Sonst säße ich nicht hier im Zug, hätte nicht den Vorzug eines Vorzugs ergriffen.“ Lacht kurz auf. „Gestern Abend habe ich den Vollmond über der hohen Fichte hinter meiner Wohnung gesehen.“

„Und?“

„Nichts und. Vielleicht ist dem Vollmond der merkwürdige Traum zu verdanken, den ich heute Nacht geträumt habe.“ Schließt die Augen, erinnert sich.

„Als ich heute früh erwachte, kam es mir so vor, als hätte ich im Traum eine Geschichte geschrieben – auf eine solche Idee bin ich zuvor noch nie verfallen. Genau kann ich mich an sie auch nicht mehr erinnern. Sehen Sie das kleine Mädchen dort drüben am Bahnsteig? Das mit dem Stoffherzen unter dem Arm? Merkwürdige Dinge kamen in diesem Traum vor: Ein Teich, auf dessen Oberfläche die Fichten schwere Mondschatten warfen. Ich selbst saß im Schilf und hatte Angst vor dem Wasser. Sie wissen, diese ungetrübte Angst, die man nur im Albtraum empfinden kann. Vor etwas in dem schwarzen Wasser fürchtete ich mich. Kurz zuvor war etwas ins schwarze Wasser geglitten, die Fische glotzten mich an, ruhig, bewegten sich nicht. Dann hatte sich der Vollmond durch die Zweige gedrängt und sah mich voll Spott an. Das war ein Mond, auf dem keine Astronautenspuren den Sand entehrt hatten – genauso dachte ich das im Traum. Und von Zeit zu Zeit immer wieder dieses Plätschern. Da durfte etwas nicht wiederkehren. Das Schilf schnitt mir in die Hände, ich fühlte das Blut tropfen und musste doch entlangstreifen. Denn das Blut überdeckte etwas. Nur was es war, das wusste ich nicht. Und der Mond lachte bloß dazu. Ein bisschen blöde sah er ja schon aus, wie er so im schwarzen Himmel hing. Ich wollte aufstehen und fortgehen, aber Sie wissen selbst, dass man im Traum häufig nicht fortgehen kann. Also musste ich im Schilf hocken bleiben, spürte dabei unter mir ein Rollen und Hämmern wie jetzt hier im Zug. Immer wieder der Gedanke, das ist eine Geschichte, die du aufschreiben musst. Ich war zugleich Protagonist und Beobachter. Fragen Sie nicht, wie das sein konnte. Und endlich gelang es mir, aufzustehen und fortzugehen. Das waren die schweren Bewegungen eines Traums. Einmal stürzte etwas durch die Zweige: ein Messingkronleuchter. Als ich das begriffen hatte, musste ich nicht etwa lachen – wie absurd war das schließlich – im Gegenteil: Die Angst umklammerte meinen Magen desto fester. Der Rückweg – ich wusste, es war ein Rückweg – war schwer, doch völlig lautlos. Der Boden war weich, die Zweige wichen von selbst zurück, der Mondschein drängte nahezu unverschämt zu Boden. Eine Last war mir von den Schultern genommen worden. Welche? Ein Transporter, wie ich ihn in Göttingen gefahren hatte, stand auf einem Feldweg. Keine Möglichkeit zu wenden. Dank der beiden Außenspiegel gelang es mir jedoch gut, rückwärts zur Straße zu fahren. Erst dort fiel mir auf, dass ich das Licht nicht eingeschaltet hatte. Das Mondlicht glänzte auf der nassen Fahrbahn. Hinter der Baumgruppe drüben hätte ich niemals einen Teich vermutet. Die Angst umklammerte meinen Magen nicht mehr ganz so fest. Im Wagen roch es nach Blut. Das Lenkrad fühlte sich glitschig an. Dennoch fuhr ich, so rasch es nur gehen wollte, wiederum völlig lautlos. Nur dieses Rumpeln und Hämmern wie in einem Zug.“ – Gute Aufnahmen, Willi Be. Danke!

„Haben Sie für Ihren Traum eine Erklärung?“

„Heiße ich Freud? Aber die Geschichte ist ja noch längst nicht zu Ende. Diese Nacht war eine Nacht der Albträume. Wäre ich abergläubisch: keine gute Voraussetzung, alle Brücken hinter sich abzubrechen und fortzugehen.“

„Sie sind nicht abergläubisch?“

Er lacht laut. „Was denken Sie! Natürlich. Da schossen mondweiße Wolken über den Himmel, jetzt in einer Stadt. Eine große Stadt, trotzdem waren die Straßen leer. Glänzendes Kopfsteinpflaster. Neonlampen schwankten trunken von einer Seite zur anderen. Es musste gerade geregnet haben, meine Brille…“ (Peter Piechowiak trägt gar keine Brille) „… war tropfenvoll. Trotzdem sah ich so gut wie nie zuvor. Ich sah einen jungen Mann in einem Hauseingang stehen, neben sich einen schwarzen Gitarrenkasten.“

„So einen wie Ihrer hier?“

Er lacht erneut. „Ja, genau so einen. Unsere Blicke trafen sich, der junge Mann öffnete den Mund und begann, mit unsicherer Stimme eine Ballade zu singen. Irgendwie ging es darin um einen Mann, der schwere Schuld auf sich geladen hatte, aber den genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr. Dann geschah etwas anderes, überaus Merkwürdiges: Ein kleines Mädchen in weißer Rüschenbluse und kariertem Röckchen, ein Stoffherz, aus dem es rot tropfte, unter dem Arm, rannte an uns beiden vorüber. Ich erinnere mich, gedacht zu haben: Wie seltsam, dass um diese späte Uhrzeit ein so kleines Mädchen noch allein über die Straßen läuft. Irgendwie spürte ich jedoch eine Verbundenheit zu dem Mädchen, auch, als es schon längst nicht mehr zu sehen war. Alles war so rasch gegangen, dass ich mich fragte, ob ich es wirklich gesehen hatte. Und als ich zum Hauseingang hinüberschaute, war der junge Mann mit der Gitarre nicht mehr zu sehen. Allerdings war das Gefühl zurückgeblieben, dass etwas geschehen würde, was mich, Peter Piechowiak, betraf. Und zwar etwas ganz, ganz furchtbar – Schönes. Seltsame Verbindung, nicht? Furchtbar Schönes. Vor dem Schönen fürchten wir uns.“

„Wir? Wir fürchten uns nicht vor dem Schönen.“

Er lacht jetzt laut. „Gut, Sie fürchten sich vielleicht nicht davor. Sie sind schließlich substanzlos. Aber wir Menschen, wir mit Substanz, wir fürchten uns. ‚Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang.’ Kennen Sie den Satz? Allerdings …“ Zögert jetzt. „Ob das wirklich stimmt? Im Traum hatte ich trotz allem ein ganz anderes Gefühl. Dass das Schöne nämlich zugleich Freiheit und lebenslanges Gefängnis verheißt.“

Er sieht eine Weile lang zum Fenster hinaus, sagt dann: „Was ich in Wien erwarte? Vielleicht, diese Freiheit und Schönheit zu finden.“

Dann wirft er das Haar zurück und wendet sich wieder Willi Bes Kamera zu. „Vielleicht hätte ich doch nach Brasilien fahren sollen. An den Amazonas. Wenn das Geld dazu gereicht hätte. Aber wer weiß, vielleicht komme ich trotzdem eines Tages dorthin. Vielleicht nicht alleine. Komische Ideen kommen einem in so einem Zug, finden Sie nicht auch?“

Ein Wägelchen klingelt draußen durch die Gänge. „Kaffee?“ Ja doch. Zwar viel zu teuer. Aber tut gut.

„Wenn ich jetzt beginnen sollte, irgendetwas zu resümieren, müssten wir viel weiter als bis Wien fahren. Oder stimmt das etwa auch nicht? Da gab’s vor meiner Abreise noch ganz andere, völlig verschwommene Träume. Es sieht beinahe so aus, als würde in Wien tatsächlich etwas Wundersames geschehen.“

Peter Piechowiak kneift die Augen zusammen, als dächte er über etwas nach.

„Irgendwann“, so erzählt er, „irrte ich über die Straßen der Stadt – kann nicht sagen, welche Stadt. War mir nur gewiss, dass ich etwas ganz Bestimmtes suchte. Da waren Feigenbäume, die sich weit über die Gasse bogen. Und die Feigen schmeckten süßer als Honig. Aß sie nicht allein, gab sie weiter – an wen? Ich weiß es nicht. Wenn ich es nur wüsste!“

Er springt auf, denn die Bremsen kreischen, der Zug wird langsamer. Er schnappt sich seinen Rucksack und seinen schwarzen Gitarrenkasten und bereitet sich aufs Aussteigen vor.

Auf dem Bahnhof in Passau stehen so viele Reisende in Erwartung des nächsten Zuges. Jetzt wirklich der Prinz Eugen nach Wien. Peter Piechowiak mustert die Umstehenden, insbesondere eine blonde Frau im schwarzen, ärmellosen Kleid – kein Trauerkleid! –, die offensichtlich auf jemanden wartet, der im nun einfahrenden Eurocity sitzt. Peter Piechowiak spürt die Glätte ihrer ausrasierten Achselhöhlen unter seinen Fingern. Ein bisschen fühlt er sich an Tina erinnert, obwohl Tina in ihrer chaotischen Alternativität – Alternaivität, denkt er und lächelt – so etwas wie einen Lady-Shaver niemals an sich herangelassen hätte. Wieso ihm nun gerade diese Unbedeutsamkeit ein- und aufgefallen ist, kann Peter Piechowiak nicht sagen. – Wir haben ihn allerdings auch nicht danach gefragt.

Auch der Prinz Eugen gibt sich den Anschein, als könne er nicht anhalten. Auf jeden Fall verbreiten die Frau und der Mann, der ihr in die Arme fällt, so etwas wie eine sanfte Zärtlichkeit. Peter Piechowiak bedauert, sie verlassen zu müssen. Er bemerkt zu spät, dass er sich vor einem zwitschernden Walkman niedergelassen hat, ein Zwitschern, das erst der Lärm des fahrenden Zugs erstickt. Willy Bes Kamera gleitet über ermüdete Gesichter. Erschöpft von dem schier endlosen Landschaftsfilm vor dem Fenster. Obwohl gerade jetzt der schönste Abschnitt der Fahrt. Vielleicht jedoch nicht nach sechs Stunden. So handlungsarm dürfte allenfalls eine Spätvorstellung sein. Aber selbst die ist nach zwei, zweieinhalb Stunden vorüber. Nur noch wenige Bahnhöfe, auf denen die Filmrolle gewechselt wird, der Inhalt ansonsten derselbe bleibt. Peter Piechowiak zieht ein Buch – mit blauem Umschlag, den Titel können wir nicht erkennen – aus einer Seitentasche seines Rucksacks und beginnt zu lesen. Willi Be filmt ihn, wie er sich eine Haarsträhne hinters Ohr streicht.

Wir fragen ihn weiter nach seinen Albträumen.

„Sie können mich auch nicht für fünf Minuten in Ruhe lassen, oder?“ Er legt das Buch beiseite. „Zwölf Sonnen sah ich am Himmel stehen. Wahrscheinlicher jedoch waren es zwölf Monde, denn es war ziemlich kühl. Ein Himmel mit zwölf Sonnen oder Monden? Jetzt fällt es mir wieder ein: Ich wusste genau, dass es zwölf Monde waren. Und mittendrin ein Mond blutig-rot wie eine klaffende Wunde im Himmel. Und aus dieser Wunde tropfte der Tod. Das dachte ich, haargenau. Solche Träume vergisst man nicht. Der erste Mond beinahe so gleißend wie eine Sonne. Die Erde ein fahles Blau. Eine ungeheure Weite. Was mich die meinen Magen umklammernde Hand wegdrücken ließ, war die Gewissheit, dass nicht ich dort stand. Sehen Sie – sehen Sie! Ein Himmel genau wie jetzt dort draußen.“

„Wo?“

„Für einen Augenblick sah ich die zwölf Monde wieder am Himmel stehen. Entschuldigen Sie bitte, die Erinnerungen können manchmal so stark sein. Nur Bruchteile von Sekunden dauern vermutlich solche Albträume. Dehne ich sie jetzt ins Weite. Schließlich gebar der Himmel tatsächlich den Tod. Die Monde erloschen im nämlichen Augenblick. Dafür brannte weit hinter diesen Himmeln ein neues Licht. Merken Sie eigentlich, was man erzählt, wenn man Albträume erzählt?“

„Fahren Sie ruhig fort, das können wir ja gegebenenfalls schneiden.“

„Verdammt, gerade das sollen Sie nicht schneiden!“ Voller Empörung. Dann fährt er fort: „Irgendetwas war dann da mit Osten. Im Osten erhob sich nämlich jetzt der neue Tag. Eigentlich bedauerlich, dass die Sonne im Westen untergeht, nicht? So etwas denke ich nachträglich meinen Albträumen hinzu. So auch, dass einer der mittleren Monde gelegentlich verschwommen hinter einer Wolke hervorblinzelte. Beunruhigend auch die klangleere Luft – dieses ungenügende Erklären! Dafür umfloss mich – mich – jetzt etwas Weiches mit einem Duft nach Kastanie. Kann der da hinter mir nicht mal seinen Walkman abstellen? Und etwas raste kometengleich auf mich zu. Das war das Todesblau. Der Komet brannte blau. Zugleich damit, kurz, leicht säuerlicher Schweiß. Gar nicht unangenehm, im Gegenteil. Wie langsam sich die Träume ins Gedächtnis zurückschieben!“

„Sie sagten doch vorhin, so etwas vergäße man nicht?“

„Zwischen Nicht-Vergessen und Erinnern besteht ein gewaltiger Unterschied. Übrigens nett von Ihnen, dass Sie mir zumindest zuhören. Darüber sich bei unserem Freitag-Stammtisch zu unterhalten, wäre schlichtweg nicht möglich gewesen.“

„Und Tina?“

Peter Piechowiak errötet. Hat er Tina also doch geliebt?

„Sie war mir – trotz allem – zu fern. Nein, darüber habe ich – gelegentlich – mit Karina gesprochen.“

„Wer war Karina?“

Erneutes Erröten.

„Das werde ich Ihnen nur dann sagen, wenn Sie’s schneiden.“

„Einverstanden.“

„Eine mögliche Antwort darauf fand ich übrigens einmal während meines Germanistik-Studiums.“

„Sie haben Germanistik studiert?“

„Nur zwei Semester. Ich fand’s ansonsten zum Kotzen. Verleidete mir jeden Spaß am Lesen. Brauchen Sie nicht zu schneiden. Der dritte der Monde war übrigens unser hauseigener blöder Mond. Ist Ihnen niemals aufgefallen, wie dämlich der grinst? Liegt wohl daran, dass er dann voll ist. Das Ungenügen der Ratio gleich der Sprache. Vielleicht auch ein Grund, weshalb ich auch mal Mathematik studiert habe. Zwei Semester. Bin dann über den Hilbert-Raum gestolpert, und die Prüfer waren der Auffassung, dass ich zwar sehr gut reden könne, ansonsten jedoch keine Ahnung habe. Konnte tagelang vor der Abbildung eines Möbius-Bandes sitzen und keinen klaren Gedanken mehr fassen. Damals sagte Karina übrigens zum ersten Mal, ich möge mir nun endlich einfallen lassen, was ich denn wirklich wolle. Das war der Anfang vom Ende. Den vierten Mond zerschnippelten ein paar andere Wolken. Dieser Mond sah aus wie ein eingedrücktes Ei – das Ei des Kolumbus. Denn der fünfte hatte einen Gebirgszug, der wie die Vereinigten Staaten von Amerika aussah – wo Kolumbus ja bekanntlich niemals gelandet ist.“

Draußen das hell angestrahlte Schloss, ein ungesundes – ungesundes? – Orange, das die Stadt etliche Kilowattstunden kostet. Besoffen von der eigenen Energie.

„In der Germanistik-Bibliothek standen etliche Bücher, die so verstaubt waren, dass man einen Hustenanfall bekam, wenn man sie aus dem Regal nahm. Die Staubbücher, gewissermaßen. Ich glaube, diese Bibliothek war das größte Antiquariat vor Ort.“

„Keine weiteren Albträume?“

„Alles, was ich Ihnen jetzt schildere, sind Albträume. Das war Linz? Wenn Sie’s sagen, wird’s wohl stimmen. Dann sprach ich im Traum Französisch – la lune, elle est heureuse. Dabei spreche ich überhaupt kein Französisch.“ Auch Peter Piechowiak ist bereits müde, so müde von einer langen Bahnfahrt, ebenso wie wir. Sieben Stunden bis jetzt. Frankreich. Karina wollte immer einmal mit ihm nach Paris fahren, erzählt er so nebenbei. Ist aber nie etwas draus geworden. „Spüren Sie diesen plötzlichen Sog? Der Zug fährt auf einmal viel schneller. Zumindest erscheint es so. Dort wird etwas geschehen, dessen bin ich mir nun auf einmal sicher.“

„Dort?“

„In Wien, Sie Dämlack.“ Dieses Wort ist Öl für Willi Bes Kamera. „Weiß gar nicht genau, wo ich da eintreffe. Muss mir also eine Taxe nehmen.“ Wir haben noch über eine Stunde bis Wien. „Da ist eine urtümliche Erregung in mir, die ich absolut nicht begreifen kann, die dadurch nur umso angenehmer ist. Da ist etwas, was mich lockt, was mich zieht, viel stärker beunruhigt, aber nicht ängstigt, wie die zwölf Monde über der fahlblauen Erde. Oder der todesblaue Komet. Ich habe das Gefühl, als begänne ich jetzt zu leben – zu leben! Mann, verstehen Sie das? Und wissen Sie, ich freue mich darauf, im Stephansdom ein vernünftiges Orgelkonzert zu hören, oder weiß Gott wo immer. Und auch nicht allein. Auf einmal bin ich mir sicher, dass ich solche Konzerte niemals alleine besuchen werde.“

„Weshalb?“

„Weshalb? Wenn ich das sagen könnte. Der letzte Albtraum war nämlich keiner mehr. Sie erinnern sich, der Kastanienduft unter dem sechsten Mond. Da war ich nämlich auf einmal frei. Völlig frei. Losgelöst von allem.“ Der Zug hämmert über die ersten Weichen von Wiens Westbahnhof. Jetzt schon? So viel haben wir geschnitten, Willi Be? „Da war ich nämlich endgültig verrückt. Verrückt vor – ja, vor was? Ich wusste es damals nicht. Ich weiß es heute noch nicht. Der See ist nicht für mich, den Traum hake ich als Traum endgültig ab. Die zwölf Monde, sie wandelten sich, ja, ich sah sie – wie langsam kriechen die Erinnerungen – sich wandeln, sich wandeln in … – Auch das kann ich nicht sagen. In Feigen. Ja, vielleicht in Feigen, obwohl ich Feigen – außer in getrocknetem Zustand – noch nie zuvor gegessen habe. Das alles ist jetzt so, weil ich lebe! Lebe!“

Peter Piechowiak schwingt sich wortlos seinen Rucksack auf den Rücken, sein Buch hat er, kurz bevor der Zug hielt, wieder in einer der Seitentaschen verstaut.

Er schreitet in die große Halle hinab, wirkt einen Moment, als sei er irritiert, sucht, sucht einen Stadtplan, findet keinen, weiß, er muss bald in der Pension sein. Wo ist die Pension, wo ist er überhaupt hier?

Draußen vor dem Bahnhofsgebäude springt, trotz der späten Abendstunde, ein kleines Mädchen mit einem Stoffherzen unterm Arm umher. Peter Piechowiak ruft: „Anaëlle!“

Da hält das kleine Mädchen kurz inne, als hätte es etwas gehört, und springt dann munter weiter und verschwindet irgendwo in den Straßen.

Das blendende Licht

An diesem Abend, ausgerechnet an diesem Abend, verspürt er ein solch großes Verlangen nach ihr. Er hätte nicht sagen können, warum gerade an diesem Abend, an diesem Abend. Wie Elène so dasteht, wie sie dasteht in der Türe, ihr Büstenhalter zeichnet sich ganz deutlich unter ihrer dünnen weißen Bluse ab. Herr Börries sieht sie an, er sieht sie immer wieder an. Er sagt: „Gut siehst du aus!“ Und sie lacht und streicht sich eine Strähne ihres kurzen dunklen Haares aus dem Gesicht. Sie blinzelt, weil das Licht sie blendet, er hat einfach das Licht einschalten müssen, weil sie so dasteht.

Sie sagt: „Mach das Licht aus, es blendet.“

Er sagt: „Nein.“ Sie dreht sich um, und er sagt: „Bleib stehen, bitte, bleib stehen.“

Sie sagt: „Ich bin doch keine Stripperin, die sich im Scheinwerferlicht vor dir auszieht.“

„Doch, bitte, tu’s für mich.“

„Nein, nicht jetzt, ich hab’ heute keine Lust.“

Unten auf der Straße quietschen Bremsen. Herr Börries hört ein Splittern. Elène hört es gleichfalls, sie dreht sich wieder herum. Sie läuft so rasch an ihm vorüber, dass er sie nicht festhalten kann. Sie stellt sich ans Fenster und sieht hinunter. „Da ist jemand gegen die Laterne unten gefahren“, sagt sie mit ganz monotoner Stimme. „Er steigt jetzt aus und besieht den Schaden. Komisch, auf dem Beifahrersitz, das ist doch verboten, sitzt ein kleines Mädchen mit Rüschenbluse und blauem Rock. Es hält etwas Merkwürdiges im Arm. Ein Stoffherz. Die Laterne ist etwas umgeknickt, das Auto vorn verbeult. Er beugt sich über den Kotflügel.“

„Warum erzählst du mir das alles?“, fragt Herr Börries und überlegt, dass dort unten vermutlich kein kleines Mädchen sitzt. Wahrscheinlich will sie ihm nur zu verstehen geben, dass sie ihn durchschaut hat, und sie will ihn quälen – sich selbst nicht? Quält sie sich selbst mit ihrer Erzählung nicht?

„Warum erzählst du mir das alles?“, fragt Herr Börries jetzt erneut. „Es interessiert mich nicht, selbst, wenn’s stimmt.“

„Dich interessiert nie etwas, was ich sage. Du glaubst auch nie etwas von dem, was ich sage. Alles, was dich interessiert, alles, woran du glaubst, ist Ficken.“

Das stimmt nicht, denkt Herr Börries.

„Doch, das stimmt. Meinst du etwa, ich würde dich nicht kennen? Wir leben schließlich lange genug miteinander.“

„Genug, komm her“, sagt Herr Börries.

„Nein“, sagt sie. „Er begeht Unfallflucht, er steigt wieder in den Wagen, hat sich vorher misstrauisch umgesehen, ob ihn auch niemand beobachtet hat. Wenn er wüsste, dass ich ihn beobachtet habe, würde er jetzt nicht einfach zurücksetzen und losfahren, als wäre nichts geschehen. Das mit dem kleinen Mädchen kommt mir irgendwie komisch vor.“ Mit ganz monotoner Stimme.

„Du langweilst mich.“

„Müssen wir uns heute Abend schon wieder streiten?“

„Wieso?“, fragt Herr Börries. „Ich streite mich nicht, ich habe überhaupt keine Lust, mich zu streiten, mit dir sowieso schon nicht.“

Sie streicht sich über die dunklen Haare.

Sie will mich herausfordern, denkt Herr Börries.

„Ich hab’s gewusst, du bist verödet“, sagt sie. „Schon lange taugst du nichts mehr, schon lange frage ich mich, weshalb wir beide eigentlich noch zusammenleben.“

„Jetzt fängst du schon wieder damit an. Warum siehst du mich nicht an, wenn du mit mir sprichst?“

„Du ödest mich an. Wenn ich dich ansehen muss, bekomme ich vor lauter Öde kein Wort mehr heraus. Ich hätte mir die Autonummer merken sollen.“

„Wozu?“

„Na, das ist doch klar! Was meinst du, wenn jeder einfach davonfahren würde, nachdem er eine Straßenlaterne beschädigt hat. Und außerdem, die Sache mit dem kleinen Mädchen. Das kommt mir nicht geheuer vor.“

„Jetzt lass das kleine Mädchen aus dem Spiel und lenk nicht immer ab!“

Herr Börries nimmt die Zigarettenschachtel – verdammt, schon wieder! Warum lässt er sie immerzu einfach so in der Wohnung liegen? – Er zerknüllt sie und will sie in den Papierkorb werfen, trifft jedoch daneben. Die zerknüllte Zigarettenschachtel fällt auf den Teppich. Er ärgert sich darüber, bringt es jedoch nicht fertig, aufzustehen und sie aufzuheben. Die Zigarettenschachtel liegt genau unter der Lampe, die sie erst vor ein paar Tagen gekauft haben. Ein schwerer Messingleuchter, den er mit viel Mühe in die Decke gedübelt hat.

„Weißt du“, sagt Elène auf einmal, „wir sollten uns trennen. Wir haben uns nichts mehr zu sagen, was wir uns nicht schon hunderte von Malen gesagt hätten. Ich bin’s leid, immer dasselbe zu sagen.“

Herr Börries ist weniger erschrocken, als er vielleicht hätte sein müssen, denn sie hat nur ausgesprochen, was er selbst schon oft genug gedacht hat. Außerdem muss er bei ihren Worten an die Baronesse Angélique von Lichtblau denken. Aber er schiebt ihr Bild für den Augenblick beiseite. Oft genug, so überlegt er, hat er schon im Bett neben Elène gelegen und gedacht, dass es wohl besser wäre, sie würden sich trennen. Doch dann überkommt ihn erneut dieses Verlangen nach ihr. Nein, sie hätte es nicht gerade in dem Augenblick sagen dürfen, in dem er ein solches Verlangen nach ihr hat.

„Komm her“, sagt er, „bitte!“ Und er versucht, seinen Ärger über ihre Worte nicht in seiner Stimme mitschwingen zu lassen.

„Was faselst du da?“, fragt Elène. „Du bist doch ein Heuchler!“

Immer nennt sie ihn einen Heuchler, wenn er versucht, einen Streit dadurch beizulegen, dass sie miteinander ins Bett gehen.

„Nein“, sagt sie, „heute Abend bleibt dein Schwanz in der Unterhose, nein, heute Abend nicht. Ich bin es leid.“

„Du hast einen anderen“, sagt er, und wieder denkt er an die Baronesse. Sie beginnt zu lachen, lauthals zu lachen, so laut, wie er es von ihr schon lange nicht mehr gehört hatte. So laut und zynisch.

„Etwas anderes fällt dir dazu nicht ein“, sagt sie, immer noch lauthals lachend. „Das ist mal wieder typisch. Nein, du Heuchler, ich … und was wäre, wenn ich einen hätte? Was wäre, wenn?“ Sie hält kurz inne. „Und was ist denn mit dir?“

Er erschrickt. Weiß sie etwa von der Baronesse?

„Jetzt erschrickst du – oder spielst du nur den Erschreckten? Bestimmt spielst du nur den Erschreckten. Du kannst nichts anderes als spielen, das weiß ich doch genau.“

„Komm“, sagt er, „ich habe es nicht so gemeint.“

„Doch!“ Sie sieht ihm – jetzt auf einmal doch – direkt in die Augen. „Du hast es genauso gemeint, wie du’s jetzt gesagt hast, du kannst deine Liebe spielen, denn du weißt gar nicht, was das ist. Lieben. Du bist nur dann ehrlich, wenn du deinen Hass oder deine Gleichgültigkeit zeigen kannst. Du widerst mich an!“

„Aber du heuchelst deinen Hass“, sagt er.

Da spuckt sie ihm ins Gesicht.

„Pass auf, das Regal“, entfährt es ihm, denn sie lehnt sich dagegen, und es beginnt zu schwanken, so stark, dass ein paar Bücher herausfallen. Sie bückt sich und sammelt sie ein, behält sie aber in der Hand, anstatt sie ins Regal zurückzustellen. Herr Börries denkt schon, sie wollte ihm die Bücher an den Kopf werfen und dazu schreien: „Du und deine Scheiß-Bücher“, wie sie es häufig tut. Die Spucke rinnt ihm an der Wange herab, er zieht ein Taschentuch aus der Hosentasche und wischt sich das Gesicht ab. Dann sieht er sie an, weil sie erneut laut lacht.

„Wie dumm du jetzt aussiehst. Das hättest du nicht erwartet, stimmt’s?“ Er sagt nichts.

Da fällt ihr Blick auf die zerknüllte Zigarettenschachtel. Sie bückt sich wiederum. Im gleichen Moment knirscht etwas, und dann fällt der schwere Messingleuchter herab, ihr genau auf den Hinterkopf.

Er hat sie nicht umbringen wollen, ganz gewiss nicht, ganz gewiss hat er sie nicht umbringen wollen, besonders nicht an diesem Abend, an dem er doch ein viel zu starkes Verlangen nach ihr hatte. Ihre Augen werden ganz starr, er kann es sehen, ihre grünen Augen. Blut rinnt auf den Teppich, und der Gedanke fährt Herrn Börries durch den Kopf, ganz unwillkürlich: „Wie werde ich ihn bloß sauber bekommen?“

Weiß er doch genau, wie sehr Elène es hasste, wenn der Teppich verunreinigt war, sei es mit Straßenschmutz, sei es mit Rotwein oder Zigarettenasche. „Immer diese Rotweinflecken“, schrie sie stets, „die kriegt man doch nicht wieder richtig raus! Und diese Zigarettenasche!“ Dann hielt sie immer inne, sah ihn misstrauisch an. „Du rauchst doch wieder heimlich.“ Vergebens, dass er ihr versicherte, nicht er sei es, der die Wohnung mit Zigarettenasche verschmutzte. Natürlich glaubte sie ihm kein Wort.

Jetzt aber denkt er: Ich habe sie doch gar nicht umgebracht. Ich habe sie wirklich nicht umbringen wollen. Nicht in Wirklichkeit. Manchmal schon, wenn er abends im Bett neben ihr gelegen hat, hat er gedacht: Ich bringe sie um, dann bin ich sie ein für alle Mal los. Und wieder fährt ihm unwillkürlich der Gedanke an die Baronesse Angélique von Lichtblau durch den Kopf. So ganz deutlich kann er sie nicht erkennen, lediglich ihre kurzen, weißblond gefärbten Haare, den ausrasierten Nacken. Wie sehr gefällt es ihr, wenn er mit dem Finger darüberfährt. Doch dann sieht er wieder Eléne vor sich, unten auf dem Teppich, so starr. Ich habe sie in Wirklichkeit nicht umbringen wollen, denkt er. Nicht am heutigen Abend, selbst nach diesem Streit, der am Ende doch wieder im Bett geendet hätte. Das hätte gar nicht anders sein können. Dann wären sie wilder denn je, das war immer so. Endeten ihre Auseinandersetzungen im Bett, dann waren sie wilder denn je. Sie liebten sich bis zur totalen Erschöpfung, sie konnten gar nicht genug voneinander bekommen. Immer wieder, immer bis zur totalen Erschöpfung liebten sie sich. Aber jetzt liegt sie da ganz tot, ganz starr, sogar aus dem Mund fließt Blut. Der Dübel hat nicht gehalten, denkt Herr Börries, ich hatte den Dübel nicht fest genug in die Decke eingegipst. Sie hat gleich gesagt, der Dübel sitzt locker, aber ich habe ihr nicht glauben wollen, und da hat sie recht gehabt, denkt er, aber das ist jetzt auch gleichgültig. Und er überlegt, was er tun soll. Den Notarzt rufen? Der kann allerdings nicht mehr helfen. Die Polizei? Die Kommissare würden ihm nicht glauben, die würden glauben, dass er sie umbringen wollte, dass er sie erschlagen hat, vor allem, wenn ihnen die Nachbarn erzählen, dass sie sich an diesem Abend wieder gestritten haben. Das müssen die Nachbarn deutlich gehört haben, überlegt Herr Börries, dass wir uns heute Abend wieder gestritten haben. Sie ihrerseits hören ja auch, wenn die da nebenan sich laut unterhalten. Wie häufig hat Elène ihn unterbrochen, wenn er etwas sagte, wenn er sie ins Bett holen wollte, und gesagt, sie wolle hören, was die Nachbarn zu sagen hätten.

Ihn wundert es, dass noch niemand bei ihnen geklingelt hat. Es musste doch überall zu hören gewesen sein. Es hat doch, überlegt Herr Börries, einen Höllenlärm verursacht, als der Leuchter herabgefallen ist. Mein Gott, sie ist tot! Sie bewegt sich nicht mehr. Sie ist tot. Er hat es nicht gewollt, nein, niemals hat er das gewollt. Er denkt, er hätte den Messingleuchter besser eingipsen sollen, und er denkt: Was mache ich jetzt bloß, was mache ich jetzt bloß! Ihre Bluse ist ihr aus dem Rock gerutscht, das nimmt er zur Kenntnis, das bemerkt er, das registriert er, und er überlegt nicht, ob es angemessen ist, dass er in diesem Moment so etwas registriert. Er kann nicht die Polizei oder den Notarzt rufen. Wer würde ihm glauben, wer würde ihm glauben, hat er doch gestern noch zu seinem Kumpel Bernhard gesagt, dass er seine Frau manchmal am liebsten umbringen würde. Gestern, vorn an der Theke im Café Die Kaiserin von Österreich. Sie hatten zu viel getrunken, aber Bernhard erinnert sich bestimmt noch daran, und er würde es der Polizei sagen. Was soll Herr Börries jetzt also tun? Was kann er tun? Das Foto da drüben hängt schon wieder schief. Ist das nicht gleichgültig? Das Foto vom Teich. Vom Teich, vom stillen Teich, auf dessen glattem Wasser sich der volle Mond spiegelt (Welcher der Monde war das wohl?). Unser Teich, Elène, unser Teich. Du hast ihn immer so gern gemocht, so gern hast du dort gesessen, wenn es eine klare Nacht war und der Mond so auf das stille Wasser geschienen hat. Aber natürlich …

Ist die Filmrolle hier schon zu Ende, Willi Be? Schlecht. Genau in diesem Augenblick, wo’s offenbar interessant geworden ist. Ansonsten waren die Aufnahmen allerdings gut, ich glaube, die können wir verwerten.

Begegnung

Diese ziellosen ersten vier Tage in der Stadt. Peter Piechowiak muss sich nicht auf einen neuen Rhythmus einstellen, sondern auf viele, allzu viele – viele, allzu viele Touristen, die ihre Heimat mit in die Kärntnerstraße tragen. Aus den Gepäckräumen der Busse strömt München, Split, Ulm, Kopenhagen. Die Kameras klicken auf Englisch, Französisch, Japanisch. Tokio kommt draußen in Schwechat am Flughafen an und quillt dann in die Stadt. Eine einzije jroße Weltfamilje. (Ist das ein Zitat, Willi Be?) Immer wieder vergebliche Versuche, sich via Dirndl und Kniebundhose zum Einheimischen hochzuadeln.

„Sache ma, wo is denn hier dat Hofbräuhaus?“

„Määnsch, Willi, dat is doch in Münschen.“

Da war auch Peter Piechowiak einmal zu Hause, obgleich er weiß, dass er da niemals mehr akzeptiert werden würde. Sind die dumpfen Kindheitserinnerungen an eine muffige Stadt. Aber die fliegen zu rasch übers buntgemusterte Dach des Stephansdoms davon. Vom Stephansdom ist er übrigens maßlos enttäuscht. Nichts mit vernünftigem Orgelkonzert. Er denkt: Fehlt bloß noch ein Getränkeautomat vorm Hochaltar. Geht er zur Untergrundbahn, findet dort eine alte, uralte Kirche mit einem verschwommenen Gesicht an einer der Wände. „Keiner weiß net, wer dös sein sollt.“

Träumt er in der folgenden Nacht, das Gesicht stiege zu ihm herab, legte sich neben ihn. Trat direkt aus der Wand. Hat er am Morgen kaum noch eine Erinnerung daran, wie es ausgesehen. Zum Gott sei Dank, die Tage schönwettrig. Er denkt an jedem Abend, entweder im Pensionszimmer, in der Pizzeria im Erdgeschoss oder im Café um die Ecke, er müsse nun seine Eindrücke des Tages notieren. Ein Tagebuch schreiben. Er schreibt nicht gern.

Manchmal streift er durch eine Buchhandlung oder ein Antiquariat, sucht müßig herum, denkt ab und zu an Perutz, findet jedoch nur selten ein Buch von ihm. Alles hält ihn in den ersten vier Tagen nahe der Kärtnerstraße, im 1. Bezirk. Als ob anderwärts etwas drohte. Häufig jedoch landet er bei Maria am Gestade, blickt hinunter auf die Straße, die zur Börse führt. (Börsegasse)

Er nimmt sich jedes Mal vor, diese Straße demnächst weiterzugehen. Schließlich wäre das der direkte Weg zu seiner Pension. Stattdessen immer zurück in die Innenstadt, die U-Bahn genommen, am Donaukanal ausgestiegen, sich durch ein paar Gassen geschlängelt. Kein Vertrauen zur Welt? Vielleicht, weil U-Bahnen vertrauter? Dabei in Göttingen keine U-Bahn. Wie einen Vulkan, den er erwartet und von dem er nicht weiß, ob er ihn gnädiglich aufzunehmen oder zu verbrennen gedenkt. Ein ungeheurer Himmel, an dem der halbe Mond (der zweite schon?) aufgehängt ward. Das an einem der vier Abende, an dem er zurück in die Pension ging.

Dort ein Zimmer: viel schmaler als hoch. Kein Telegramm von Tina oder … von wem sonst? Endgültiges Abbrechen von Brücken? Stattdessen die müde Nachttischlampe und kein Frühling.

Schließlich heiße Julinacht.

Das nicht die wesentlichen Geschehnisse, was, Willi Be?

Das stimmt. Welches jedoch könnten die wesentlichen Geschehnisse sein?

Dann packt Peter Piechowiak in der Kärtnerstraße doch seine Gitarre aus dem schwarzen Gitarrenkasten. Gesellt sich zu den Übrigen und singt. Die Tage zu strecken. Vielleicht fünfundzwanzig statt vierundzwanzig. Sieht er viele Menschen vorüberziehen.

Sieht er eine junge Frau mit langem blondem Zopf vorüberziehen, in Begleitung eines Mannes, der schon ein gutes Stück älter als sie ist. Der Mann trägt einen Anzug, ein weißes Hemd, Krawatte, die junge Frau ein weites buntes Sommerkleid. Sie wären ihm vielleicht gar nicht weiter aufgefallen, wenn nicht der Mann so abrupt stehengeblieben wäre und Peter Piechowiak so grimmig, grimmig, ja!, angesehen hätte, dass er aufmerksam werden musste. Die junge Frau lässt den Blick aus braunen Augen zwischen ihrem Begleiter und Peter Piechowiak hin- und hergehen. Sieht er sie erst jetzt richtig an.

Das sind die Augenblicke, denkt er, da einem niemals das eine, das entscheidende Wort einfällt. Solange die beiden vor ihm stehen, vermag er nicht weiterzusingen. Er tut so, als müsse er die Gitarre nachstimmen. Ein Schatten tritt vor ihn auf den Boden. Der Schatten hebt die Hand und lässt eine Münze in den Gitarrenkasten fallen. „Danke“, haucht Peter Piechowiak schattengleich. Der Schatten wirf den langen Zopf auf den Rücken, bevor er verschwindet. Finger zittern, als sie die Saiten niederdrücken.

Nun denn, ist die Stimme zittriger denn je, sind die Finger schweißfeuchter denn je, vergisst er öfter denn je den Text. Der Tag verdorben fürs Singen. Die Kärtnerstraße wie nicht vorhanden. Was ist das unter ihm? Straßenpflaster? Er bleibt stehen, bückt sich, betastet die Steine: heißes Straßenpflaster. Manche der Passanten schütteln den Kopf, die meisten nehmen ihn nicht wahr, nicht in ihr Gedächtnis auf – Kieselstein im Fluss.

„Suchen S’ was?“

„Ja, einen Schatten … nein, nichts, danke.“

Das jähe Schaudern in der Hitze.

Ist doch gar nichts gewesen, gar nichts weiter. Und noch lange nicht das Tagessoll erfüllt. Ein Schatten, mehr nicht. Stehenbleiben von Gedanken. Wie bewusstlos werden bei vollem Bewusstsein. Er weicht denen aus, die ihm entgegenkommen, er sieht nach links, bevor er die Einbahnstraße beim Stephansdom überschreitet, er registriert die Würstl-Bude weiter unten auf der Straße, er spürt seinen Hunger, er weiß, dass er ihn mit einem Hot-Dog oder ein Paar Frankfurtern annähernd, provisorisch, stillen könnte.

Maria am Gestade. Vor sich die Börsegasse, die er bisher noch nie betreten hat. Breite Stufen hinab zur Straße. Wien-Teenies, die sich ihre Disco via Walkman in den Schädel hämmern. Hast du diesen Gedanken aufgenommen, Willi Be? Klar, wird sich in der Szene gut machen.

Die Sonne brüllt gnadenlos aufs Pflaster, ein Gewitter scheint möglich – zunehmende Schwüle am Nachmittag. Zum Glück schirmen die Bäume die unmittelbare Glut ab. Vorüber am Rotbacksteinbau der Börse. Schottenring. Parkspur. Trambahnschienen. Straße. Trambahnschienen. Parkspur. Der Fußgängerüberweg direkt auf eine Buchhandlung: Buchhandlung Börries, von der anderen Straßenseite gerade noch lesbar. Eingeklemmt zwischen einem Modelleisenbahn-Geschäft und einem Münzgeschäft. Tabak gibt’s in der Trafik – Was interessiert Peter Piechowiak Tabak? –, Pelze in der Kürschnerei. Die Altkatholiken im dritten Stockwerk überspringt er gleichgültig. Nur die Buchhandlung. Kannst du dir denken, Willi Be, weshalb ihn gerade die Buchhandlung interessiert? Kann ich nicht, aber wir werden’s ja bald merken.

Das Schicksal ein gütiges. Aber wer spricht denn hier von Schicksal? Wer glaubt denn noch daran? Das ist alles der purste Zufall.

Dass Peter Piechowiak seinen Schatten in der Buchhandlung Börries wiederfindet – ausgerechnet hier.

„Sie wünschen?“

Von nun an gibt’s kein Zurück mehr. Einmal diese braunen Augen, einmal dieses bezaubernde Lächeln gesehen, auch wenn's lediglich geschäftsmäßig gemeint ist,– dort draußen vor der Tür liegt Wien, und hier drinnen die Ewigkeit.

Dreh die Blende gut zu, Willi Be, so viel Pathos führt leicht zu Überbelichtungen!

„Haben Sie Bücher … Bücher …“

„Natürlich haben wir Bücher.“

Diese urherzliche Ironie, dieser labende Spott.

Peter Piechowiak bringt es fertig zu lachen.

„Das weiß ich, dass Sie Bücher haben.“

Die junge Verkäuferin lacht mit.

„Sie meinen natürlich ganz bestimmte.“ (Oh Herrlichkeit der Trivialität!)

„Ja, nämlich von einem gewissen Perutz, wie die Filmmarke.“

Willi Be grunzt. Von der hält er überhaupt nichts.

Die junge Verkäuferin geht an den Regalen entlang – Alphabetismus. Rasch bei „P“ angekommen. Bückt sie sich, zieht zwei Bücher heraus. „Ja, hier, sehen Sie? Das ist aber leider auch alles, was wir momentan vorrätig haben. Wenn Sie einen bestimmten Titel wünschen, können wir ihn natürlich bestellen. Morgen ist er da.“

Sie reicht ihm die beiden Taschenbücher. „Zwischen neun und neun“, „Nachts unter der Steinernen Brücke“. Peter Piechowiak hätte die Bücher gekauft, selbst wenn er sie schon neun Mal besessen hätte. Er besitzt sie jedoch nicht.

„Kennen Sie die Bücher?“

„Nur das eine, das von der Steinernen Brücke. Rose und Rosmarin, eine wunderschöne Geschichte.“

Willi Be, Kamera drauf: In ihren Augen glitzert’s verdächtig. Romantik, vor allem romantische Mädchen machen sich in einer Reportage immer gut.

„Ich nehme die beiden Bücher.“

„Kommen Sie bitte mit.“

Er geht hinter ihr, riecht den leisen Schweißgeruch. Und erst jetzt fällt ihm auf, dass da neben der Kassa ein Mann steht, in einem Anzug, und dass dieser Mann ihn offensichtlich missvergnügt ansieht. Er versteht das Missvergnügen nicht, hat er doch gerade zwei Bücher gekauft.

Die Finger der jungen Verkäuferin gleiten geschickt über die Tasten der Kassa.

„Macht hundertzehn Schillinge.“

Peter Piechowiak kramt in den Taschen seiner Jeans, zieht ein paar zerknüllte Papiertaschentücher ans Licht, einen Radiergummi, ein Plektron und endlich, endlich, einige Scheine. Der Mann im Anzug, wahrscheinlich Herr Börries, denkt Peter Piechowiak, rümpft die Nase, und Peter Piechowiak stopft hastig die zerknüllten Papiertaschentücher zurück in die Hosentaschen.

„Das ist aber nicht genug.“

„Wie bitte?“

Die junge Verkäuferin hat die Scheine glattgestrichen.

„Das sind erst neunzig Schillinge.“

„Entschuldigen Sie. Ich bin noch nicht sehr lange in Wien und komme mit den Schillingen immer noch nicht so ganz klar.“

Er kramt weiter, stößt auf Münzen, sammelt sie in die hohle Hand, zählt nach, wobei er ab und zu eine Münze genau betrachtet. „Ich glaube, jetzt reicht’s.“

Die junge Verkäuferin zählt nach.

„Ja, stimmt. Und jetzt müssen wir uns eine Weile auch nicht mehr ums Kleingeld sorgen.“

Peter Piechowiak errötet. Sie bemerkt’s, ja, sie bemerkt’s. Wenn man noch mehr könnte als erröten, jetzt geschähe es Peter Piechowiak. Aber sie lächelt wieder ihr bezauberndes Lächeln (tatsächlich rein geschäftsmäßig?), und er erträgt’s.

Als Peter Piechowiak das Geschäft verlässt, nur einen Gedanken: Wie würde das werden? Das Funkgerät mit größter Kraft senden lassen, und drüben kein Empfang, weil sie ihrerseits woandershin mit voller Kraft sendet? Und empfängt? (welcher Doppelsinn!) Oder überhaupt nicht sendet? Oder gar nicht senden will? Jähe Trauer. Er hat er vergessen, einen Stamm zu gründen. Rechtzeitig. Seine Tage sind doch schon längst vorüber. Was jetzt noch kommen kann, ist lediglich kindischer Nachschlag: Sie wollen in den Gesellschaftswagen der wahren Lebenden einsteigen? Wie langsam, denken Sie, fahren wir? Nur wer seine Knochen beisammen hat oder eine Frau oder ein kleines Kind auf dem Arm trägt, schleppt, hat eine Chance. Was denken Sie!

Woher diese jähe Niedergeschlagenheit? Das Pflaster federt nicht mehr unter den Turnschuhen, die Hauswände zerkratzen erbarmungslos die Haut, wenn er daran entlangstreift. Das Restaurant Almhütte, wo er hat essen wollen, natürlich geschlossen. Wien fällt über ihm zusammen. Was zu erwarten? Wie viel Tage bleiben zum Überleben? Eine Zeit lang könnte er die Banken noch mit ungedeckten Euroschecks täuschen. Wie schnell die Welt zusammenschnurren kann! Drei, vier Nächte, und das Essen aufs Frühstück zurückstutzen. Fünf Nächte bei gutem Verdienst in der Kärtnerstraße.

Lacht er laut auf. Hat er sich bei seiner Kopfrechnung geirrt. Mark statt Schillinge gerechnet. Dennoch – mehr als fünfundzwanzig weitere Tage stehen ihm nicht mehr zur Verfügung. Fünfundzwanzig weitere Tage – die halbe Ewigkeit. Und die ganze – wo zu finden?

Im Hotel wirft er sich aufs frisch gemachte Bett. Welch ein Tag! Oh, ist das eine Liebe, so tief aus dem Bauch heraus – sie geht wirklich durch den Magen.

Er könnte heulen vor Glück und Elend. Und draußen vor der Tür wartet der Ernst, genannt das Leben. „Ich glaube“, sagt er vor sich hin, und er weiß es gar nicht, dass er es laut sagt, „wir können hinausgehen und uns ihm stellen, liebe junge Verkäuferin – vertrauen wir einander.“ (Wie absurd - kennen sie sich doch gar nicht.)

Und weiter: „Versichern wir uns hier einmal nicht gegen Blitz und Hagelschlag. Versichern wir uns nicht. Seien wir unvorsichtig, gehen wir ohne Macheten in den brasilianischen Dschungel. Vielleicht küsst uns die schwarze Witwe ja nicht. Der Herr Kaiser – „Hallo, Herr Kaiser!“ – soll uns gestohlen bleiben. Gönnen wir uns die Verantwortung, uns! Sind wir denn dazu da, mühelos durchs Leben zu gleiten?“

Und vom Hals der Rotweinflasche tropft der Wein wie Blut. Die Tür zum Hotelzimmer presst sich so bescheiden in die Ecke. Fürchtet sie sich vor den hohen Wänden und der Schmalheit? Vor dem alten, zerbrochenen Kronleuchter? Der fällt schon nicht herab. Etwa vor der Bibel? Sprich zur Weisheit: Du bist meine Schwester, und nenne die Klugheit deine Freundin, dass sie dich behüte vor der Frau des andern, vor der Fremden, die glatte Worte gibt.

Wie kann so etwas zur Weltreligion werden? (Nach einer Literflasche Rotwein ist alles möglich.) Lass mich niemals so ’n geistiger Vorfurzer wer’n.

Schrank verdoppelt, Kronleuchter verdoppelt, Tür verdoppelt, alles verdoppelt. Ich verdoppelt. Nur Liebe einzig.

Dem Schaukeln nach zu urteilen befindet sich Peter Piechowiak auf dem Teppich des Abdullah im Prater. Warten auf den Überschlag. Zu viel Flüssigkeit im Bauch.

Am Morgen kriecht ein dicker schwarzer Kater über die Bettdecke. Peter Piechowiak öffnet das Fenster, aber so schnell lässt sich das Vieh nicht vertreiben. Sein Kopf behäbig auf den Kissen.

Nun gilt’s, täglich den Weg zu Maria am Gestade zu suchen. Und zwischendurch Buchhandlung Börries. Heute die junge Verkäuferin nicht da. Herr Börries weidet sich offensichtlich an Peter Piechowiaks Verlegenheit. Hat er doch kein Geld mehr für Bücher. Hat er eigentlich auch nie gehabt.

„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“

Natürlich sucht er etwas Bestimmtes. Aber das Bestimmte ist nicht da, und Herr Börries weiß es, natürlich. Oh, dieses falsche, falsche Lächeln.

„Nein, danke, ich wollte mich nur ein wenig umsehen.“

Wie ein geprügelter Dieb verlässt er das Geschäft. Gewitterdampf auf den Straßen. Das würde keiner der guten Tage werden. Geht Peter Piechowiak nicht in die Innenstadt, kehrt lieber in die Pension zurück – da putzen sie gerade die Zimmer. Wohin jetzt? Die Treppe wieder hinabgehen, sich den Kopf stoßen (zum wie vielten Mal?): Wohin sich wenden in dieser schweren Zeit? Vielleicht hinüber zur Strudlhofstiege? Setzt er sich in den Liechtensteinpark auf eine Bank und kann mit den Skulpturen vor sich auf dem Rasen nichts anfangen. Bleiben sie noch nicht einmal schemenhaft im Gedächtnis. Ob er nicht doch lieber nach Göttingen? Dort hätte er zur Not immer gewusst – jetzt hier. Und hier will er sein. Dösen. Während das Gemurmel der Stadt sich durchs Tor auch in seine Ohren drängt. Oder doch über die Porzellangasse treiben? Über den Broadway von Wien, wie lächerlich! Viel zu kurz zum Sammeln der Gedanken. Treiben wie das schmutzige Wasser des Donaukanals.

Im Anfang schuf Peter Piechowiak Himmel und Seele. Und die Seele war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe, und der Geist Peter Piechowiaks schwebte über dem Wasser des Donaukanals. Und Peter Piechowiak sprach: Es werde Licht.

Und es ward Licht?

Und Peter Piechowiak sah, dass das Licht gut war. Da schied Peter Piechowiak Göttingen von Wien und nannte Wien Tag und Göttingen Nacht. Da ward aus Abend und Morgen die Liebe.

Jeder hat nur eine Liebe, auch wenn er oftmals liebt.

Niemals hat er seine Stümpfe kauterisieren lassen, wie so viele seiner fortschrittlichen Freunde und Freundinnen. Ein Fossil, ein Relikt, eine Unmöglichkeit in den elysischen Gefilden unserer schönen neuen Welt. Gut genug für den Zoo.

Tina: „Ja, ich liebe dich, aber das will weiter nur so viel bedeuten, dass ich genauso gut mit Reinhard eine Nacht oder einen Tag im Bett verbringen kann. Garantieren kann und will ich dir nichts. Ich spüre so viel Liebe in mir, dass sie für mehr als einen allein ausreicht.“

Karina: „Ich möchte mich mal wieder so richtig verlieben. Dass mir die Tränen kommen, von mir aus, dass ich mich unglücklich fühle, aber ich will wieder lieben, Peter. So, wie’s bei uns zu Beginn war.“

Günther: „Diese bürgerliche Einehe war doch sowieso sofort zum Scheitern verurteilt.“

Peter Piechowiak hört nicht mehr weiter hin. Ist ganz unbewusst in die Kärtnerstraße zurück. Den geöffneten Gitarrenkasten umlagern einige frühzwanziger Alternativ-Tripler. Peter Piechowiak singt forsche Freiheitslieder, die tief betroffen machen – und alles nickt Beifall. Nur Knete gibt’s keine.

Bald entlädt sich – endlich – das Gewitter. Peter Piechowiak flüchtet nicht wie die Übrigen, sondern rafft erst mal die paar Schillinge zusammen, verstaut seine Gitarre, die darf nicht nass werden.

Maria am Gestade, Börsegasse. Die Haare klatschnass im Nacken, Hemd und Hose völlig durch. Der Guss schon wieder vorbei. Auf dem Schottenring glitzert die Stadt. Buchhandlung Börries. Herr Börries noch immer allein im Geschäft.

Willi Be: Der Typ langweilt mich allmählich.

Ich: Halt den Mund, Willi Be, da geschieht noch was, ich hab’s im Urin.

Willi Be: Ferkel.

Ich: Siehst du?

Peter Piechowiak will gerade wieder gehen, da kommt die junge Verkäuferin auf ihn zu. Sie will an ihm vorübergehen, stutzt, und dann lächelt sie. Sie kann bezaubernd lächeln.

„Ach, Sie.“

Wieder nicht das rechte Wort finden, welch ein Tölpel er manches Mal ist.

„Wollen Sie zu uns?“

„Ja, nein, nicht direkt …“

„Ich habe im Augenblick keine Zeit“, sagt sie, „wenn Sie so gegen ein Viertel sieben kommen wollen?“

Verschwindet sie im Geschäft. Peter Piechowiak wie betäubt von ihren Worten. Sie fand die rechten. Geht er langsam um die Ecke, wird er dort beinahe von der Automeute an der Kreuzung überfahren. Das Pensionszimmer wieder frei.

Drei Stunden müssen die Uhrzeiger nun abfahren. Am Tisch sitzen, die Uhr vor sich, beobachten, wie lange hält er das aus? Kein Gedanke. Das Schlagen der Gardine hinter ihm. Die Luft merklich frischer nach dem Guss. Das Knarren von Schritten draußen im Flur. Gelächter, Worte in einer Sprache, die er nicht versteht. Und die Zeiger kommen nicht voran. Ja, die Zeit, die trägt zweierlei Schuh', in dem einen hinkt sie, in dem anderen springt sie. Rollt offenbar eine Tram über die Porzellangasse. Fahren, denkt Peter Piechowiak, fahren. Vielleicht geht’s dann besser. Bleibt sitzen. In einem Irrgarten auf der Stelle treten.

Alle alten Ängste holen ihn ein (Hat er sie nicht in Göttingen zurücklassen wollen?): Das alte, älteste Spiel der Welt, wie oft schon trotz aller scheinbaren Gewinne verloren, immer wieder verloren. Kann man das überhaupt je gewinnen – kann man das alte, älteste Spiel der Welt jemals gewinnen? Und heute? Was besagt eine hingeworfene Bemerkung? Und wieder sackt ihm der Fußboden unterm Stuhl weg, wie damals, bei dem kurzen Erdbeben. Sieht er die Sterne vor sich und stürzt, stürzt, stürzt zugleich nicht. Im Weltraum kann niemand stürzen.

Peter Piechowiak fährt sich über die stoppeligen Wangen, springt auf. Wieder etwas, die hinkende Zeit zu überlisten. Der Rasierapparat summt, kratzt die Stoppeln beiseite, kratzt ein paar Minuten beiseite. Die Wangen glatt, rasch noch einen Pickel auf der Nase ausdrücken. Ja, natürlich, die Uhrzeiger ein bisschen weitergekrochen. Sich doch noch einmal der Bibel widmen? Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh. Wie dies sich zu vermehren trachtet, so will auch er sich vermehren. Nun, damit kommt Peter Piechowiak nicht aus. Wirft er sich aufs Bett. Schließt er die Augen und nickt tatsächlich ein. Knallt das Fenster zu und ist plötzlich Sturm und Regen. Darf er seinen Schirm nicht vergessen, nachher. Steht er auf, mittlerweile vier Uhr. Läuft er vom Fenster – der Regen sprüht ins Zimmer wie Rausch – zur Türe, daneben das Waschbecken. Hat er vorhin vergessen, das Waschbecken zu säubern, jetzt nachgeholt.

Willi Be schläft hinter seiner Kamera ein, es gibt einfach nichts Neues aufzunehmen. Unangenehm, aber nicht zu ändern – tut das einzig Richtige: lässt den Kopf auf die Brust fallen und schnarcht.

Ich: He, Willi Be, aufwachen, es ist Zeit.

Willi Be: Hä? Was ist denn?

Ich: Zeit, zu gehen.

Was in den vergangenen eindreiviertel Stunden geschehen ist, entzieht sich dank Willi Bes Schlaf leider unserer Kenntnis. Das sind halt die Kompromisse, die man bei einer Reportage immer eingehen muss.

Sechs Uhr. So eilig hat’s Peter Piechowiak bislang in Wien noch niemals gehabt. Endlich ein Ziel. Und dann ein solches Ziel!

Er begegnet der jungen Verkäuferin, wie sie gerade das Geschäft verlassen will.

Plato erzählt vom frühesten Menschen, einem Vierfüßler mit zwei Geschlechtern. In einer entsetzlichen Nacht, in einem von Kräften des Bösen erzeugten Sturm, wurden alle Menschen entzweigerissen, und seither sucht jeder seine andere Hälfte. Jeweils zwei verschiedenen Geschlechts können versuchen, sich zu ergänzen, aber gewöhnlich ist das auf irgendeine Weise unvollkommen. Wenn jedoch ein Teil seine wahre andere Hälfte findet, kann keine Macht der Erde sie voneinander fernhalten oder wieder trennen, sobald sie sich vereinigt haben.

Wer redet hier von Macht? Der Gewittersturm ist doch wirklich harmlos! Aber wir reden von Wahrheit, von der einen und einzigen Wahrheit.

Die ersten vier ziellosen Tage in Wien vorüber. Die nächsten Tage werden folgen, gewiss, gewiss. Jedoch nicht mehr ziellos.

Noch so viel gibt’s zu erzählen, auch angesichts der möglichen Weltkatastrophe.

Doch was die Liebe einmal zusammengefügt hat, das wird auch die böseste Macht nicht mehr trennen.

Gönnen wir uns, Willi Be, einmal den Rausch des absoluten Glücks? Bevor wir uns im weiteren Verlauf auch wieder etwas völlig anderem zuwenden, nämlich dem absoluten Unglück?

Die große Ewigkeit

Grenzenlose Freiheit in diesem Juli in Wien. Zwei Jeans und drei T-Shirts reichen allemal aus, über die Runden zu kommen. Vor dem Stephansdom steht Peter Piechowiak und singt zur Gitarre. Er nickt dem bebrillten Japaner zu, der ihn erst begeistert fotografiert und ihm anschließend einen Schein in den geöffneten Gitarrenkasten wirft. Ob er enttäuscht wäre, wüsste er, dass Peter Piechowiak gar kein Wiener ist? Peter Piechowiak lächelt und singt weiter. Zum Glück hört ihm niemand wirklich zu, denn er singt die Ballade von dem Mann, der ein kleines Mädchen ermorden wollte. Jene schauerliche Ballade, die gerade in allen Fast-Book-Shops in Wien an hervorragender Stelle zum Verkauf, meist neben der Kassa, ausliegt.

Gegen zwölf Uhr packt er zusammen. Schlendert vorüber am Dom, zwängt sich durch die engen Gassen und läuft schließlich den Schottenring hinab. Schon bald steht er vor der Buchhandlung Börries – natürlich nicht wegen der Fast-Books, die es da zu kaufen gibt. Die interessieren ihn schon längst nicht mehr. Die haben ihn im Grunde auch nie interessiert. Den schwarzen Gitarrenkasten in der linken Hand, geht er vor dem Geschäft auf und ab, wirft hie und da einen Blick in das Modelleisenbahn-Geschäft nebenan, auf seine Armbanduhr, billiges Modell. Christine Bellinger müsste jeden Augenblick aus der Buchhandlung treten.

An den kulturellen Denkmälern der Stadt hat er schon längst jegliches Interesse verloren. Wichtig allein bleibt bloß noch Christine Bellinger. Wann endlich spricht ihr Chef die erlösenden Worte, lässt sie ziehen? Es sieht heute wieder so aus, als hielte er sie absichtlich länger zurück.

Endlich, endlich öffnete sich die Tür, sie tritt heraus, sie fallen sich in die Arme – wie lästig so ein Gitarrenkasten sein kann. Der Chef steht an der Kassa, er sieht ihnen nach, wie sie den Schottenring Richtung Votivkirche hinaufgehen. Was sie sich alles zu erzählen haben, überlegt Herr Börries. Selbstverständlich spielt der dumme Chef eine große Rolle. Dann küssen sie sich erneut, sehen sich in die Augen und küssen sich wieder. Zwei verliebte Kinder. Einen warmen Sommer lang und vermutlich noch viel länger. Und Herr Börries bemerkt gerade, dass er den Bestseller nicht mehr vorrätig hält, den vom Mann, der das kleine Mädchen ermorden wollte. Ein unverzeihlicher Fehler, der ihn vermutlich einen Kunden gekostet hat. Schließlich hat er dem Mann, der das Geschäft gerade verlässt, seinen Ärger deutlich angemerkt. Derlei Fehler sind ihm früher niemals unterlaufen, überlegt er. Früher.

Peter Piechowiak und Christine Bellinger sitzen auf einer Bank im kleinen Park vor der Votivkirche, inmitten des Verkehrslärms. Das Bimmeln der Tram, bevor sie im Untergrund verschwindet. Sie lassen sich von der Sonne bescheinen. Sie streicheln sich Wange, Haar, fahren sich mit dem Finger über die Lippen und sagen: „Du“, mehr nicht (Da hat sich niemals nicht etwas geändert!). Fühlen sie sich immer noch hilflos ausgeliefert sich selbst, könnten immer noch weinen vor Glück. Vielleicht beutelt ein warmer Wind das leichte Sommerkleid Christine Bellingers, sie wird vergebens versuchen, es festzuhalten. Irgendwann sagt sie:

„Du, jetzt habe ich aber doch Hunger.“ Sie gehen durch die Unterführung, Hand in Hand, wie sonst?, bleiben kurz vor der Fernseh-Reklame stehen (so viele Monitore!), geben einem Sandler ein 10-Schilling-Stück (was kostet’s sie!). Gehen sie hinüber zur Würstlbude, lassen sich ein Hot-Dog geben, mit süßem Senf, bitte, dazu eine Cola, und sie essen und trinken und sehen sich immer wieder und immer wieder neu an.

Sind sie Verliebte, die träumen, sie seien verliebt, oder sind sie Träumer, die verliebt sind in einen Traum von der Liebe?

Im letzten Moment fällt Christine Bellinger ein, dass Herr Börries sie gebeten hat, ihm ein Würstl mitzubringen. Sie sagt: „Tschau, du, bis nachher. Ich muss wieder los.“ Sie küssten sich, sie riechen ihren Senf-Atem, gehen Arm in Arm bis zur Ecke. Winken sich zu.

Peter Piechowiak verschwindet rasch in der Unterführung. Christine Bellinger summt vor sich hin und lässt sich ins Geschäft treiben.

„Danke“, sagt Herr Börries, als sie ihm das Würstl auf den Kassatisch legt. Er fragt sie nicht, wo sie gewesen. Er sagt ihr, dass ihm der Bestseller ausgegangen sei, sie verschwindet im Büro und gibt die Bestellung an den Grossisten durch – so einfach ist das.

Peter Piechowiak geht am Dom vorüber und stellt sich wieder in die Kärtnerstraße. Wimmelwusel, als er die Gitarre aus dem Kasten holt, den geöffneten Kasten vor sich stellt und die Gitarre stimmt. Noch bevor er sein Lied singen kann, fallen die ersten Münzen in den Kasten, Peter Piechowiak singt nicht besonders gut heute, hat Mühe, den Ton zu halten. Die falschen Klänge ersticken jedoch rasch in den Parfümwolken, die um die feinen Damen der Welt wabern. Schräg gegenüber steht der Einarmige im gestreiften Hemd und Melone auf dem Kopf. Er kurbelt vergebens an seinem Leierkasten. Ein paar unartikulierte Geräusche kann er ihm entlocken, das ist alles. Aber der Kalabreser macht den feinen Mann, und darum gibt’s auch für den Einarmigen etwas vom großen Weltkuchen.

Der Schwarze mit Schlapphut, Trompete in der Hand, schlappt an Peter Piechowiak vorüber und stellt sich einige Meter weiter in Pose. Er gröhlt die „Wonderful world“ inbrünstig aus sich heraus, bevor er zu tanzen beginnt. Sein Schlapphut eignet sich nicht besonders als Dämpfer für seine golden blitzende Trompete. Das stört jedoch keinen derer, die ihn umringen. Peter Piechowiak singt unbeirrt weiter. Faxen für d’ Leut’.

Der Weltkuchen Marke Sacher groß genug auch für den zahnlosen Greis im schlotternden grauen Anzug am Ende der Kärtnerstraße, nahe am Opernhaus. Ziehharmonika, Andeutung von Musik. O sole mio im Diskant. Ein Wunder, dass der Greis das schwere Instrument überhaupt schleppen kann. Zittern über die Tasten und Knöpfe seine Finger. In der Tasche rote Rüben – für die Stimme. Wild beknipst.

Ist das wirklich Freiheit? Zumindest ist es die Freiheit von der wohlbehüteten Tretmühle eines Fast-Book-Shops. Sicheres Brot, sicher. Nicht.

„Fräulein Bellinger, können Sie sich vorstellen, Tag um Tag auf der Kärtnerstraße zu stehen und um ein Stückchen vom Weltkuchen zu betteln?“

Sie lacht, ja, sie lacht. Ihr langer Zopf hängt ihr weit über die Brüste, sie wirft ihn auf den Rücken, bevor sie antwortet: „Warum fragen Sie? Geht das Geschäft so schlecht, dass ich mich auf eine Kündigung einrichten muss?“ Keck ist sie, frech, immerhin ist Herr Börries ihr Chef. (Und die Wahrheit ahnt sie ja noch gar nicht, kann sie gar nicht ahnen.)

„Nein, natürlich nicht. Außerdem würden Sie ja rasch wieder etwas Neues finden.“ Erst jetzt beantwortet sie seine Frage.

„Nein, ich könnte es mir nicht vorstellen. Davor hätte ich Angst. Gewiss, jetzt im Sommer mit all den vielen Touristen und der Sonne mag’s ja angehen, aber was dann?“ Sie wird nachdenklich. „Ja, was dann?“ Denkt sie an ihren Geliebten? An Peter Piechowiak?

Die entstandene Stille scheint Herrn Börries peinlich zu sein, seine Hände befingern die Krawatte. Fräulein Bellinger kaut an ihrem Zopf. Sie muss Peter Piechowiak wirklich sehr gern haben, wenn sie sich so viel Sorgen um ihn macht, denkt Herr Börries. Er wundert sich, dass ihr, obwohl sie so blond ist, das weiße Sommerkleid so gut steht. Vielleicht liegt’s an ihrer gebräunten Haut. Erneut wirft sie ihren Zopf auf den Rücken. „Ich glaube, ich sehe mal nach, was wir sonst noch nachbestellen müssen“, sagt sie, bevor sie im Büro verschwindet. Der Laden scheint kälter geworden zu sein.

Unterdessen hat Peter Piechowiak keine Lust mehr zu singen. Er packt seine Gitarre in den schwarzen Kasten, nachdem er zuvor das gesammelte Geld in seinen Hosentaschen verstaut hat. Wozu nachzählen!

Er schlendert Richtung Opernhaus. Kauft sich erneut ein Hot-Dog, mit süßem Senf, bitte. Lehnt sich an die Würstlbude, kaut, betrachtet die eilenden Leute, betütet und unbetütet. Sommereleganz. Fühlt sich sicher genug, müßig zu beobachten. Ist warm genug zum Wohlfühlen. Denkt häufig an Christine. Christine Bellinger Engel. Lacht. Sieht ihn der leichte Sommeranzug mit dem Paar Frankfurtern ein bisschen verwundert an. Hat der Sommeranzug ganz bestimmt ganz andere Sorgen. Sonst viele Sommerurlauber. Ist Peter Piechowiak auch ganz einer der Sommerurlauber, trotz seiner Gitarre. So durch Wien zieh’n. In Buch-Antiquariaten stöbern, Perutz suchen, nur ein bisschen was finden. Durch eine Toreinfahrt zum Karl-Lueger-Platz kommen, dort das Café Die Kaiserin von Österreich. Da Platz nehmen und träumen, einen Einspänner trinken. Nebenan spielen s’ Tarock. Peter Piechowiak kauert sich tiefer ins ausgelatschte Sofa. Kippt sich keine Zeitungsmeldungen ins Gehirn. Denkt vielmehr über sich nach, über Göttingen, von wo aus er vor noch gar nicht so langer Zeit aufgebrochen ist. Vor noch gar nicht so langer Zeit? Ihm kommt’s vor wie vor einer großen Ewigkeit. Heute wieder ganz gut eingenommen. Wäre in Göttingen nie gelungen. Davon eine Weile ganz gut leben. Und dann? Und dann … die Tage werden selbst hier in Wien kürzer. Aber die Liebestage länger. Peter Piechowiak hat Vertrauen, wichtig in diesem Leben! Muss keinen Einspänner nachbestellen.

Zwei Schatten über dem Tisch. Das sind wir, Willi Be und ich. Hier konnten wir uns einfach so materialisieren, haben ansonsten niemanden erschreckt. Ist sowieso die Frage, ob uns die anderen Gäste überhaupt sehen.

„Herr Piechowiak?“

Fährt hoch. Beruhigt sich rasch.

„Ach, Sie schon wieder.“

Drückt sich zurück in die Sofaecke. Willi Bes Kamera surrt leise.

„Immer noch nicht genug von mir?“

„Was fühlen Sie jetzt?“

„Freiheit. Grenzenlose Freiheit. Auf der Kärtnerstraße, wenn ich meine Lieder singe. Am Schottenring, wenn ich auf Christine warte. Sind Sie schon jemals so richtig verliebt gewesen?“

„Sie wissen doch, wie unstofflich wir sind. Das kennen wir also nur vom Hörensagen. Dennoch – dieses Gefühl wird aber nicht für immer anhalten, oder?“

„Na, und wenn schon. In mir, in meiner Erinnerung, bleibt’s für immer.“ Und gleich darauf: „Überhaupt, wer sagt Ihnen denn, dass das Gefühl nicht doch für immer bleibt? Liebe bis über den Tod hinaus. Meinen Sie etwa, das hat es noch nie gegeben?“

Unser Gespräch stockt. Was sollten wir, gerade wir, schon darauf antworten? Willi Be hat die Kamera bereits abgestellt, sie surrt nicht mehr, obwohl gerade im Moment ein großer Rauchring vom Nachbartisch zum Kronleuchter hinaufschwimmt. Peter Piechowiak schlürft den Rest seines Einspänners. Daraufhin vertieft er sich wieder in seine Gedanken, gerade, als seien wir nicht vorhanden. Weiß nicht, dass Willi Be seine Gedanken dennoch aufnimmt.

Erschrickt er manchmal, wenn er an Christine Bellinger denkt. Haben sie das Bett bereits miteinander geteilt. Hätte er nie geglaubt, dass das so bald.

*

Hätten sie es sich niemals träumen lassen, dass es ausgerechnet in ihrer Mittagspause geschehen könnte. Kein Tag, im Grunde, zum Lieben. Grau-dusseliges Mieswetter. Zu wenig für einen Regenschirm, zu viel für die nackte Gesichtshaus. Zu schnell umgeschlagen.

„Ich glaube, mein Kleid ist völlig durch“, sagt Christine Bellinger und betrachtet sich kritisch vor dem großen Schlafzimmerspiegel. Peter Piechowiak tritt an sie heran und fühlt mit der Hand über ihre Schultern, über ihren Rücken, über ihren Po. Christine Bellinger sieht ihn im Spiegel an, Peter Piechowiak sieht sie im Spiegel an und beginnt, leise zu zittern, ebenso wie sie.

„Ist dir genauso kalt wie mir?“, fragt Christine Bellinger. Peter Piechowiaks Finger gleiten über ihre Wirbelsäule, glatter Strich, nur kurz durch den BH unterbrochen. Sie wissen nicht genau, was nun zu tun ist. Der Wecker tickt Behaglichkeit ins Schlafzimmer. Sie frieren wegen ihrer Wärme. Von unten ertönen Flötenklänge. Vielleicht, vielleicht zögern sie deshalb noch. Christine Bellinger löst ihren Zopf, und ihr nasses Haar umfließt sie. „Ich glaube, ich muss mich erst mal abtrocknen, Peter.“ Sein Name nun der ihre. „Ja, sicher, Christine.“ Ihr Name nun der seine.

Hinter ihnen das Bett, schmal, nicht schmal genug für sie beide. Es würde sich nicht wehren.

Stille Erregung.

„Ziehst du mir bitte den Reißverschluss auf?“

Sanfter Mut. Peter Piechowiak schiebt vorsichtig das lange nasse Haar beiseite.

„Du musst schon oben festhalten.“

Sie lachen sich im Spiegel an. Das Kleid zerteilt sich, rutscht von den Schultern, fällt zu Boden. An der Wand neben dem weißen Schrank hängt ein Poster, weißes Pferd im vollen Galopp, Kopf gesenkt, Mähne flattert. Und vor sich Christine-Braune-Augen. „Trocknest du mich ab?“

Peter Piechowiak hält ein Handtuch zwischen den Händen, als wäre es aus ihnen hervorgewachsen. Zwischen die nassen Haarsträhnen flechten sich Töne (Wenn Welt kristallisiert!). Auf dem Fensterbrett steht eine Glasvase, darin eine rote Rose und ein Rosmarin.

„Aber du musst doch auch ganz nass sein.“

Ja, der Stoff der Hose ist feucht, klitsche-klatsche feucht. Genau wie das Hemd. Peter Piechowiak lässt es sich geduldig aufknöpfen. Löst selbst den Gürtel der Hose, da kennt er sich einfach besser aus.

„Du hast ja ganz kalte Füße.“

Das Bett ächzt etwas. Für zwei ist’s wirklich nicht gedacht. Nein, sie dürfen sich nicht zu hoch aufrichten, wenn sie sich nicht den Kopf stoßen wollen. So warm ist ihr Mund, und so kalt sind noch immer ihre Leiber. Die Daunendecke und die Musik von unten sind die staunenden Gäste ihres Einsseins. Wie ist das nur gekommen?

Peter Piechowiak hat geglaubt, den leichten Schweißduft ihrer Achselhöhlen bereits zu kennen, aber es ist doch alles ganz anders. Er taucht seine Nase in das dicke Haarbüschel. „Lass das, das kitzelt!“ Sie lecken sich das Salz vom Körper, sie hungern nach dem Duft aus tausend Poren. Sie dürsten nach dem Klang ihres Atems, während von unten zum dritten Mal die Fis-Dur-Tonleiter erklingt. Ihnen gilt es, über Straßen zu steigen und den Autos die Blechnasen zu zerbeulen. Sie sind das Königspaar der Stadt! Im Rausch hätten sie nicht trunkener sein können. Sie fliegen mit Kometen um die Wette, Christine, Peter – nein, der blaue Komet ist nicht darunter, der hält sich noch versteckt. Sie zerzausen dem lieben Gott den langen weißen Bart, und sie lassen den drögen Alten auf seinem Gold-Doublé-Thron vor sich hinmümmeln. Der göttliche Speichel kommt aus ihrem Mund, ihre Herzen bleiben rein, ihr Gewissen gibt ihnen, nachsichtig lächelnd, das Einverständnis. Tobende Kinder. Deine Schenkel, Christine, sind überraschend kräftig, und dass du, Peter, bereits einen leichten Bauch hast, war nicht unbedingt zu erwarten. So vieles bleibt ungewortet. Die Fis-Dur-Tonleiter von unten zerschellt an einem nackten Baldachin.

Drängender Mut.

„Ich möchte ein Kind, Peter, so gern möcht ich ein Kind.“

Sie sind die Gläubiger der Weltschuld, und sie erbarmen sich nicht. Das weiße Pferd mit der fliegenden Mähne hätte sich gleich aufbäumen können. In braunen Augen glitzert Peter. Wie hatten sie ohne sich leben können?

Er spielt mit ihrem langen blonden Haar. Sie können sich nicht sattsehen aneinander (Dieses Kapitel ist damit noch nicht zu Ende, nein, es beginnt ja gerade erst.). Währenddessen der Regen am Fenster knispelt.

Sie hockt vor ihm, das Haar zerzaust, der Kamm würde Mühe haben hindurchzukommen.

„Du bist wunderschön, Christine.“

„Du auch, Peter.“

Und dann? Weinen, lachen, kreischen, albern, innehalten?

Georg Philipp Telemann streift durchs Schlafzimmer. Wie jetzt Herrn Börries begreiflich machen, dass Christine Bellinger gerade an diesem Nachmittag nicht mehr ins Geschäft kommt?

„Ich glaube nicht, dass Herr Börries dafür Verständnis hätte. Und ich glaube auch nicht, dass ich sehr überzeugend lügen könnte. Ich will es auch gar nicht, Peter.“

„Dann werde ich hier auf dich warten.“

„Ja, tu das.“

„Das wird ein sehr langer Nachmittag werden, Christine.“

Christine Bellinger steht vor dem großen Spiegel und müht sich mit ihren Haaren.

„Kannst du mir bitte helfen?“

„Aber nur auf deine Verantwortung. Ich hab’ so was noch nie gemacht.“ Blonde Haarsträhnen fassen, vergebliche Anläufe, einen Zopf zu flechten.

„Willst du sie nicht einfach offenlassen?“

Christine Bellinger lacht und nickt.

„Mach’s gut, mein Lieber.“

„Du auch.“

Inzwischen ist’s Johann Sebastian Bach, der durchs Zimmer geistert. Und Peter Piechowiak steht am Fenster, streichelt Rose und Rosmarin, sieht hinunter auf die Straße, ja, dort unten geht sie.

Er wirft sich aufs Bett und tastet nach ihrem Duft, das Laken noch immer ein wenig feucht.

*

„Daran also, Herr Piechowiak, denken Sie? Und das ist Ihnen wichtiger als die Gerechtigkeit?“

„Was erzählen Sie da für einen Quatsch?“

Er ist hartnäckig. Willi Be (danke übrigens, das waren ausgezeichnete Aufnahmen) hat die Kamera erst gar nicht in Schwung gesetzt, er wusste, was bei der Fragerei herauskommen würde. Würde.

„Haben Sie denn überhaupt keine Moral?“

„Wissen Sie was? Sagen Sie Ihrem Kameramann da, er soll das Ding in Gang setzen, und dann sage ich ganz laut und deutlich: Lecken Sie mich im Arsche. Korrekte Wiedergabe.“

*

Und am Abend knispelt der Regen noch immer an der Scheibe. Ihre Leiber so warm, und das Bett so eng.

„Sei mir nicht bös, aber ich hab’ drüben im Schrank noch eine Luftmatratze.“

„Wie könnte ich dir böse sein. Nein, aufpusten kann ich sie auch selbst. Ärgert mich eigentlich nur, dass ich auch für heute Nacht das Zimmer bezahlen muss.“

„Das schenke ich dir.“

„Du bist bekloppt.“

Christine Bellinger lacht schallend auf.

„Verteilst du immer solche Komplimente?“

Nun muss auch Peter Piechowiak lachen.

„Viel lieber würde ich sagen: Du bist die intelligenteste, schönste, liebste Frau, die ich je in meinem Leben getroffen habe.“

„Ja, aber auch die intelligenteste, schönste, liebste Frau, die du je in deinem Leben getroffen hast, muss morgen früh wieder aufstehen und zur Arbeit gehen. Also puste schön, bitte.“

Nun in der Dunkelheit: „Also, weißt du, Christine, dieses Gefangensein bei dir ist die größte Freiheit, die ich mir denken kann.“

„Mm.“

„Das hätte ich niemals erwartet, als ich damals aus Göttingen abfuhr. Man liest ja öfters, dass die Liebe wie ein Blitz einschlagen würde. Darüber habe ich immer gelacht. Und jetzt …“

„Mm.“

Muss er noch einmal aufstehen, aufs Klo gehen. Sieht er im Neonlicht draußen, wie der Regen ganz schräg auf die Straße fällt. Vom Wind gepeitscht. Hört er Christines gleichmäßige Atemzüge, sieht, sie schläft schon. Mund leicht geöffnet. Hände locker neben ihrem Haar, das auf dem Kissen verteilt. Setzt er sich ganz vorsichtig, nackt, auf die Bettkante, sieht Christine an. Weiß er noch so wenig über sie, und zugleich so viel. Zweiundzwanzig Jahre alt, drei Jahre jünger als er selbst. Hätten sie schon immer zusammengelebt.

Hört er von irgendwoher eine Glocke die elfte Stunde schlagen. Rauschen die Autos unten vorüber, als könnten sie nie und nimmermehr anhalten. Dabei ist die nächste Ampel nicht weit entfernt Und der Regen, der Regen flieht vor dem Sturm, wirft sich blindlings vor die Fensterscheibe. Und die Straßenlampen taumeln trunken, und Christine seufzt leise im Traum. Dreht sie sich auf die Seite, rutscht ihr der Träger ihres Nachthemds über die Schulter. Peter Piechowiak schiebt ihn vorsichtig zurück.

*

Alles das also im Café Die Kaiserin von Österreich. Ein neuer Rauchkringel.

Nun Peter Piechowiak geht, stellt der Herr Ober die Frage: „Sie wollen schon gehen?“ Hat er sich mehr als zwei Stunden hier aufgehalten, hätte noch etwas bestellen sollen?

Ist die Kärntnerstraße belebter als am Vormittag, das Wetter wieder sonnig und warm. Peter Piechowiak mag das alte Lied nicht mehr singen, nicht mehr die schauerliche Ballade. Er packt seinen Vorrat an Liebesliedern heraus und verdient sich damit einen neuen Tag. Reißt ihm zwischendurch eine Gitarrensaite, keine Bange, der Kollege zwanzig Meter weiter hilft ihm aus.

„Habe immer Ersatzsaiten dabei, nein, lass, kannst mir ja auch mal aushelfen, wenn ich nix dabei habe.“

Der Greis mit der Fistelstimme setzt sich, holt die Stimmband-Karotten hervor, bietet Peter Piechowiak eine an. Peter Piechowiak nickt, klappt seinen Gitarrenkasten zu und setzt sich für einige Minuten neben den Alten. Der hat die Kaiserin (welche Kaiserin?) noch persönlich gekannt. Das alles viel schönere Zeiten.

Steht der Greis wieder auf und singt: „O sole mio“. Hände zittern über Tasten und Knöpfe. Peter Piechowiak kauft sich im Café ein viel zu teures Bier. Noch ist nicht Zeit. Waluliso geht vorüber, der Mann des Wassers, der Luft, des Lichts und der Sonne, gehüllt in sein weißes Laken und unter seinem Lorbeerkranz heraus, einen Krummstab in der Hand, segnet er die Menschheit. Und besonders Peter Piechowiak, als ob er etwas von ihm wüsste, was dieser noch nicht weiß. Und Peter Piechowiak lächelt. Das Leben in Wien kann schon sehr komisch sein.

Ist Christine damals – damals! Erst zwei Tage her! – aus dem Badezimmer morgens zurückgekommen und hat sie geflucht: „Mist, mir sind die Tampons ausgegangen.“ Als er sie verständnislos angesehen hat (Männer haben keine Ahnung!), hat sie gesagt: „Zwei Tage zu früh.“ Ist er dann in die Drogerie um die Ecke geflitzt und hat welche für sie besorgt. Ist sie ins Bad zurück, hat er sie duschen gehört. Vielleicht ganz recht, sie macht kein großes Getue um den vergangenen Tag, umarmt sie ihn dennoch ganz heftig und sagt: „Ich liebe dich so so so.“

Sie ist verändert, stellt Herr Börries fest. Ernsthafter, zugleich viel zerstreuter. Ein Viertel sieben sieht sie zur Ladentür hinaus, ja, er sitzt schon drüben, auf der Bank sitzt er, den schwarzen Gitarrenkasten neben sich.

Und an der Würstlbude vor der Votivkirche wartet noch immer ein Hot-Dog mit süßem Senf auf sie. Und daraufhin Christine Bellingers Wohnung hoch oben unterm Dach. „Die war eigentlich nie für zwei gedacht.“

Grenzenlose Freiheit in diesem Juli in Wien. Eine der beiden Jeans liegt auf dem Sessel neben Christines Bett. Immer noch ist das Bett zu eng für zwei, wenn sie sich nicht gerade lieben. Ja, er hat das Pensionszimmer verlassen. Schläft jetzt auf einer Luftmatratze neben ihrem Bett.

Das alles, und die Zeit wieder eingeholt.

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