Kitabı oku: «Annke – Kriegsgeschichte eines ostpreussischen Mädchens (1914-1918)», sayfa 2

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Die Patrouille

Der Leutnant kommandierte leise: „Kompanie halt! – Gewehr zusammensetzen! Freiwillige vor!“

Zwölf Mann meldeten sich. Sechs wählte der Leutnant und schritt vorsichtig auf das Dorf zu.

Als die sieben Deutschen, von keinem Baum oder Strauch geschützt, eine weite Wiese überschreiten mussten, befahl der Leutnant: „Kriechen!“ Und einer hinter dem andern wand sich nun, mit Gewehr und Tornister bepackt, durch den Schnee.

Der Leutnant stockte, richtete sich vorsichtig auf und hielt mit seinem Fernglas Umschau: kein Russe weit und breit.

Jetzt war die Patrouille, alle sieben schüttelten den Schnee von Brust und Knien, aus den Taschen und Schlitzen, am ersten Haus von Rosillen. Der Leutnant klopfte leise ans Fenster, die Frau Pfarrer öffnete.

Als sie die deutschen Uniformen und die anheimelnden, rotgefrorenen Gesichter sah, strahlte sie:

„Seit gestern sind die Russen fort! Jenseits der grossen Landstrasse nach Memel. Christian – mach dir ein anderes Konzept für deine Sonntagspredigt. Die Unseren sind wieder da!“

Die Frau Pfarrer eilte in die Küche und befahl den beiden Mädchen, von den Resten der Speisekammer, die die Russen noch übrig gelassen hatten, das Beste für die so frohe Kunde durch ihr blosses Dasein bringende Patrouille zu bereiten. „Ruft die Soldaten draussen alle herein!“

Als sie mit Speise und Trank in das Wohnzimmer zurückkehrte, sah sie, dass die beiden Gesichter des Leutnants und des Pfarrers ernst vor sich hin blickten.

„Du freust dich nicht, Christian?“

„Die Russen haben sich nur zurückgezogen, um einen Generalangriff auf der ganzen Linie vorzubereiten. Sie wollen die grosse Chaussee drüben und damit alle Zufahrtswege nach Memel in die Hand bekommen.“

„Ja – dann —“

„Du denkst, sofort fliehen? Das ist bei den weittragenden Geschützen heute ein schwieriges Unternehmen, meint der Leutnant. Wir kämen wahrscheinlich in die Schlacht mitten hinein. Trotzdem, Herr Leutnant, wollen wir es versuchen. Wir sind im wesentlichen nur noch die Familie des Hauptlehrers und wir hier im Dorf – vielleicht noch ein paar andere, die sich ängstlich versteckt halten – jedenfalls füttern der Hauptlehrer und ich dauernd das zurückgelassene Vieh – wer weiss, ob es Zweck hat?“

Der Leutnant sagte, man sollte doch mit der Flucht abwarten. Wenn heute abend oder morgen früh die Landstrasse in deutschen Händen ist, dann wäre die Flucht überflüssig, ist sie von russischen Truppen überflutet, so wären die Fliehenden schnell von der flinken Kavallerie erreicht – und was dann geschieht, hängt von der Gnade des Siegers ab, der nicht immer von Barmherzigkeit erfüllt ist. Doch, Herr Pfarrer, ich muss weiter vor – bis —“

„Bis Sie Feuer bekommen?“

Der Leutnant schwieg.

„Das ist ja furchtbar, dieser Auftrag,“ rief die Frau Pfarrer. Sie reichte dem jungen blonden Leutnant, der noch keine zwanzig Jahre zählte, ein Glas Wein und streichelte ihn.

Bernhard, Adolf und Herbert waren auf das Dach des Schulhauses geklettert, um das Vorgehen der Patrouille zu beobachten. Der Pfarrer eilte sofort nach deren Abmarsch ins Schulhaus hinüber, um sich mit dem Vater zu beraten.

Die Patrouille schlich an der hohen Tannenhecke, die den Kirchhof einrahmte, vor, warf sich dann wieder in den Schnee und kroch, eine schwarzgraue Schlange, den Graben entlang.

„Jetzt sind sie nur noch fünfzig Schritt von der Landstrasse,“ flüsterte Bernhard erregt.

„Da – der Leutnant!“ rief Herbert.

„Er hält mit dem Fernglas Umschau.“

Tak – tak – tak – tak —

„Ein Maschinengewehr! Aus dem Tannenwäldchen jenseits der Landstrasse.“

Jetzt auch Gewehrgeknatter.

„Sie kriechen zurück – zwei bleiben liegen.“

Ein Sausen durch die Luft – ein Krach – eine Fontäne aus Eisensplittern und Erdstücken spritzt mitten in der weissen Wiese auf: Granate! Noch eine! Noch eine!

„Sie laufen zurück – da hinten aus dem Tannenwäldchen – Russen – so viele!“

Hinter der Tannenhecke halten ächzend drei von den sieben an, um sich zu verschaufen.

„Der Leutnant – Kopfschuss,“ sagte der eine und wischte sich mit der erfrorenen Hand den Schweiss von der Stirn.

„Das Wäldchen ist dick voll mit Russen, wir müssen es melden. Das wird schlimm.“

Am anderen Morgen, dem Märzsonntag, an dem der Frühling begann und sonst die jungen Mädchen an den eiszersprengenden Bach gingen und sich schön wuschen, da zogen in dicken schwarzen Kolonnen strassauf, strassab, zehntausende Russen, Infanterie, Artillerie und Reiterei.

Und nun erfüllte sich auch Annkes Schicksal.

Durch Nacht und Schnee ins Ungewisse

Die Schlacht war im Gange.

Rosillen wurde Quartierort der Russen. Schon am Sonnabend nachmittags waren alle zurückgebliebenen Bewohner auf die Strasse getrieben worden: „Marsch, nach Tilsit!“

Doch als der Zug der Flüchtlinge auf der Landstrasse sich mühsam hindurchwand, die Grossmutter kutschierte den Wagen, der alle Frauen trug, Mutter das kleine schreiende Brüderchen im Arm, das Annke, die neben ihr sass, tröstend streichelte, hiess es plötzlich: Halt!

Ein russischer Offizier ritt herzu und gab dem Pfarrer in gebrochenem Deutsch zu verstehen, dass zwei russische Divisionen im Anmarsch auf der Chaussee seien – ein Durchkommen der Flüchtlinge sei unmöglich.

Dann befahl er – Annke und die Mutter schrien auf, als sie sahen, was nun geschah – den Pfarrer, den Vater, einen achtzig Jahre alten Knecht und den fünfzehnjährigen Bernhard in Haft zu nehmen. Der Wagen mit den Frauen wurde von zwei Infanteristen auf den Weg ins Dorf zurückgeschoben, obwohl die Grossmutter kein Blatt vor den Mund nahm und über die „verdammte Schweinerei und Gemeinheit“ so schimpfte, dass einer der russischen Soldaten ihr das Bajonett vor die Brust hielt.

Annke schluchzte vor sich hin: Väterchen. Herbert und Adolf liefen wie zwei Hündchen neben dem Wagen her, der wieder ins Dorf einfuhr, während die vier gefangenen Männer im Gewühl der Soldaten verschwanden.

„Sie werden sie erschiessen,“ flüsterte Annke.

„Quatsch keinen Kohl! Die glauben doch auch an einen Gott – wir haben nichts getan,“ fuhr die Grossmutter drein.

Als die Frauen und Kinder alle im Schulhaus zusammensassen, ratlos, trostleer, ohne Hoffnung – und draussen dröhnten die Kanonen, erscholl das ewige Gekläffe der Gewehrschüsse, das Getacke der Maschinengewehre in die mit leisem Schnee so friedlich sich niedersenkende Märznacht, als selbst die Grossmutter den Kopf hängen liess und schwieg, da – sprang die Tür weit auf:

Bernhard – der Vater – der Pfarrer der Alte – alle waren wieder da!

„Man hat uns bloss ausgehorcht!“ schrie Bernhard. „Wir haben aber nichts verraten!“

„Weil wir ja gar nichts wissen,“ sagte der Pfarrer.

„Doch wer weiss, was noch geschieht?“ seufzte Vater.

„Jau, jau – dänn man tau,“ nickte der alte Knecht vor sich hin.“

Alles lachte! —

Vierundzwanzig Stunden später, als der Geschützdonner immer näher kam und schon deutsche Granaten in das Dorf einschlugen, als die „russische Dampfwalze“ sich wieder rückwärts bewegen musste, und die gestern noch mit siegesgewissen Mienen vorwärts rasenden wilden Reiter heute mit bangen Gesichtern durchs Dorf zur Grenze galoppierten, da riss die Kriegswoge dies Häuflein im Grenzdorf mutig ausharrender Deutscher noch mit sich in den brandenden Strudel.

Plötzlich zerklirrte eine Fensterscheibe. Noch eine.

„Sie schiessen aus purem Übermut in unsere Fenster,“ sagte der Vater.

„Aus Wut, dass sie besiegt werden,“ Bernhard ballte die Fäuste.

„Alle in den Keller!“

Nun hockten die Gehetzten und Hungernden Stunde um Stunde, während zu ihren Häupten dauernd Marschtritte erschollen, dann und wann Schüsse krachten, in dem düsteren kalten Raum.

„Äpfel?“ schrie Adolf.

„Ach, das Schüttelobst,“ sagte der Vater. „Verteil mal – alles hat Hunger.“

„Wir essen Ihre schönen Äpfel, Herr Hennig, es ist aber alles andere als ein paradiesischer Zustand,“ lächelte der Pfarrer. „Wollen wir eine Zigarre rauchen?“

Die Herren zündeten sich die Zigarren an. Gespenstisch leuchteten die Gesichter der Zusammengedrängten auf.

„Jau, jau – dänn man tau,“ meldete sich der Alte.

„Ach so.“ Der Pfarrer reichte ihm auch eine Zigarre hinüber.

„Ich glaube, jetzt können wir wieder nach oben. Die Aasbande ist weg,“ sagte die Grossmutter.

Der Vater und der Pfarrer gingen voran. Sie traten ins Wohnzimmer. Welch Durcheinander! Der Spiegel zerschlagen, das Sofa mit einem Säbelhieb zerschnitten, Tisch, Stühle und Teppich beschmutzt.

Drei russische Unteroffiziere sassen in dem verwüsteten Zimmer herum. Einer zündete gerade die Lampe an. Sie riefen sich unverständliche Worte zu —

Wenige Minuten später hatten sie ihre Soldaten in den Keller heruntergeschickt, die mit Püffen und Kolbenstössen die Armen vor sich her trieben.

Ein russischer Offizier erschien – gab Befehle.

„In einer Viertelstunde – fort – da – mitgehen.“

Er wies auf einen Unteroffizier und vier Mann, die den Pfarrer, der auf den Offizier einreden wollte, mit harten Fäusten festhielten.

Der Offizier lächelte, zuckte die Achseln – eine Granate schlug in der Nähe ein – da eilte er hinaus.

Als die Jungens Grossmutters Wagen, den die Russen bei ihrer Flucht aus dem Dorf vor einigen Tagen stehen gelassen hatten, anspannten und die Grossmutter auf den Kutschbock kletterte, da schüttelten die Russen die Köpfe und zeigten grinsend auf ihre Füsse, ahmten ein kindisches Laufen nach – das hiess also: zu Fuss.

Durch Nacht und Schnee —

Da zogen sie hin.

Der Pfarrer, der Vater, die Grossmutter und der Alte voran.

Dann die Mutter mit dem Brüderchen, das sie, nur in ein Tuch gebunden, im Arm trug. Neben ihr Annke, Adolf und Herbert.

Bernhard mürrisch und wütend hinterdrein.

Dann die Frau Pfarrer mit der Frau Domscheit und der Frau Blieskat, die auch nicht mehr in ihr Heimatdorf zurück durften, ein jeder trug ein Bündel mit eiligst zusammengerafften Sachen, zum Schluss am ärgsten bepackt die Mägde.

Annke Hennig trug auch einen Rucksack voll in der Hast wahllos zusammengesuchter Dinge. Wichtiges war vergessen, Unwichtiges in der Aufregung mitgenommen. Als sie das Brot aus der Speisekammer holen wollte, war es von den Russen schon gestohlen. Milch für das Kleine …?

Auf der Landstrasse währte der Weg zur Grenze in friedlichen Tagen eine Stunde. Doch die Russen schüttelten die Köpfe, als der Vater ihnen den geraden Weg nach Garsden, der russischen Grenzstation, wies. Statt nach Osten, führten die Soldaten sie kreuz und quer über verschneite Felder und Sturzäcker, über Gräben und Hügel gen Norden. Denn immer näher kam das deutsche Gewehrfeuer, in wenigen Stunden mussten die braven Landstürmer von Tilsit her wieder in Rosillen sein.

Mächtige Feuerscheine brennender Scheunen und Gehöfte erfüllten die schwarze Nacht. Der Schnee glitzerte golden darin. „Vielleicht steht auch unser Schulhaus schon in Flammen,“ sagte der Vater. Dann wandte er sich abermals an den Unteroffizier und wies nach Osten. Doch die Russen liefen weiter mit ihnen querfeldein. Das Brüderchen schrie, die Mutter stöhnte unter seiner Last, und die Grossmutter fluchte auf die Soldaten, was das Zeug hielt.

Als ihr einer mit dem Säbel drohte, da sagte sie zum Vater: „Hau ihm eins in die freche Schnauze!“

Plötzlich ein rasendes Pferdegetrappel. Russische Kavallerie im Galopp zurück – schon vorbei!

Versprengte Trupps Infanterie tauchten da und dort auf. Riefen den Begleitsoldaten der Verschleppten ängstlich etwas zu. Darauf trieben sie die müde und erfroren Dahinwankenden zur Eile an.

Immer weiter dahin – dorthin. „Ach Gott,“ sagte der Pfarrer, „hier ist ja erst Grambowischken, wir sind im Kreise herumgelaufen.“

Zum Schluss sprach keiner mehr ein Wort.

Annke rieb die Hände. Sie waren ohne Gefühl. Ihre Füsse stapften seltsam hohl und wie Fremdkörper an ihr hängend dahin. Der Rucksack drückte nicht mehr. Die Tränen, die Worte, alle menschlichen Regungen waren versiegt. Nur das Herz klopfte wild und hart gegen die kleine Brust.

Endlich matt erleuchtete Hütten – das da drüben war Garsden – und hier die Ruinen, durch die die hoffnungslose Schar jetzt schritt, war Laugallen, der deutsche Grenzort.

Lieb Heimatland ade – — —

Aber noch immer hofften die Männer, dass irgendwo plötzlich deutsche Reiter auftauchen und sie in die Heimat zurückführen werden.

Der Schnee sank in dicken Flocken. Eisiger Nordwind. Kein Stern am Himmel. Kanonengedröhne. Gewehrgeknatter. Und als wäre die Erde am Tage des jüngsten Gerichtes aufgebrochen, flackerten die Feuerscheine. Ganze Dörfer brannten.

In den Gefängnissen von Schaulen und Wilna

Die Verschleppten hatten die russische Grenzstation kaum erreicht, als sie, soeben in einem verlassenen, halb zerschossenen Bauernhaus untergebracht, weiter mussten. Mehrere Trupps von Leidensgefährten aus anderen Dörfern der Memeler Niederung waren ihnen zugesellt worden. Einer erzählte: „Die Deutschen wollen bei Laugallen heute nacht die Russen umfassen. Morgen sind wir frei.“

Heftiges Gewehrfeuer erfüllte die Nacht. Aufgeregte Kommandos erklangen. Vielleicht vergass man die Verschleppten über Wichtigerem: der Rettung des nackten Lebens durch die Flucht. Doch das Gewehrfeuer näherte sich nicht. Und nach kaum zwei Stunden – es war halb eins, Kinder und Frauen lagerten auf dem kalten Fussboden – da weckten Fusstritte die Schlummernden.

Annke erkannte wieder die ganze hoffnungsleere Not und weltverlorene Verlassenheit ihrer Lage, – der Vater hob sie auf, nahm der stumm Tränen weinenden Mutter das Baby ab und – die auf fast hundert Menschen angewachsene Schar wankte weiter. Nach Russland hinein.

Alle Viertelstunden rasten die Strasse mit wildem Getöse ratternde Munitionskolonnen entlang— immer zurück – jetzt auch die Geschützbatterien – Kosaken!

Die Verschleppten hofften jedesmal, wenn sie in den Strassengraben zur Seite springen mussten: der nächste Trupp sind die kecken badischen Dragoner!

Doch immer Russen. Russen. Fliehende. Fluchende. Aber noch nicht Geschlagene.

Halt!

Ein neues Dorf. Wieder keine Rast.

Aber schwarze, grobgezimmerte Schlitten mit drei wild in die Zügel beissenden Kosakenpferden davor warteten auf die Gefangenen und trugen sie davon.

„Nun ist es aus,“ sagte der Pfarrer. „Gott schütze uns.“ Seine Frau lag schlafend oder ohnmächtig, wer wusste das, in seinem Arm.

Annke konnte nicht schlafen —

Russland – ihr kindliches Interesse war erwacht. O wenn das doch eine friedliche, freie Fahrt wäre! Es hatte zu schneien aufgehört, der Mond erschien gross und weithin leuchtend am Himmel. Die Feuerscheine der Front verblassten. Tiefe Stille erfüllte die weite, weisse Ebene.

Als kein Schuss mehr auch nur ganz dünn die Nachteinsamkeit zerriss, als russische Soldaten schon wieder in geordnetem Schritt und Tritt vorwärts auf die Grenze zu an ihnen vorbeimarschierten, da hielten die Schlitten in einem grossen Dorfe, und in zwei Stuben eines Bauernhauses wurden die Verschleppten hineingestopft.

Von den beschneiten Schuhen wurde der Fussboden sofort völlig nass. Die Kinder fielen um vor Müdigkeit. Die Mütter und Frauen lehnten an der Wand. Als der Vater die Nässe sah, in die sich seine Kleinen gebettet, da hob er die Fensterläden aus und legte sie auf den Fussboden – die Kinder darauf.

Annke streichelte ihn – doch da sanken schon ihre Lider.

Eines Abends – Annke wusste nicht mehr, wie lange dieser Weg durch endlosen Schnee und endlose Qual währte, – kamen sie in Schaulen an. Den ganzen Tag hatten sie wieder nichts zu essen bekommen. Früh morgens wurde für alle ein Eimer kaltes Wasser zum Waschen und Trinken hineingestellt. Keiner wusch sich. Alle tranken gierig. Die Kinder tauchten unterwegs die Finger in den Schnee, wenn sie auf den niedrigen Schlitten einen Hang entlang fuhren – die Sonne leuchtete aus blauem Himmel über die Schneeweite dahin, aber keine Freude wollte aufkommen – irgendwo lud man die armselige Schar dann wieder in Viehwagen und, als die Nacht herabsank, kamen sie auf dem Bahnhof in Schaulen an.

Hier wurden sie von Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett in Empfang genommen, unter den Blicken der hier einquartierten Soldaten und der scheu und freudlos dreinschauenden litauischen, vielfach jüdischen Bevölkerung ging es die fahl erleuchteten, schmutzigen Strassen des nur aus Mietskasernen und armseligen Hütten zusammengewürfelten, nicht Stadt noch Dorf zu nennenden Ortes zum – Gefängnis.

Annke wies Bernhard auf die Drahtscheren, die den russischen Soldaten am Koppel neben dem Seitengewehr hingen. Sie hatte keine Ahnung, dass man in diesem Kriege sich mit Drahtverhauen verschanzte und die Scheren brauchte, um beim Angriff Breschen zu schlagen. Der Soldat, der neben den Kindern schritt, sah ihre Blicke:

„Damit – alle Germanski – Männer – Kopf – abschneiden,“ sagte er mit bissigem Lächeln.

„Wie ein Wolf,“ flüsterte Herbert.

Annke lief zum Vater und nahm seine Hand. Sie durften ihn nicht töten!

Als sie im Gefängnis eingeliefert waren, gab es auf Bitten um warmes Essen, – o wenigstens etwas heissen Tee! – nur ein Kopfschütteln.

„Schon zu – Kuche!“ sagte einer der Soldaten. „Nitschewo —“

Das Brüderchen schrie wie wild. Die Mutter weinte.

Da nahm es eine junge Frau von den in Garsden Hinzugekommenen an ihre Brust und gab ihm zu trinken. Sie hatte selbst ein kleines strammes Bübchen – „doch es reicht auch für zwei!“ lächelte sie.

Annke konnte nicht schlafen. Jeden Augenblick fürchtete sie, dass die Soldaten mit den Drahtscheren den Raum betreten würden —sie sah das Haupt des Vaters blutüberströmt – da schrie sie auf – der Vater eilte herzu!

„Was hast du denn?“

Annke erzählte von den grausigen Worten des Soldaten.

„Aber glaub doch so etwas nicht!“

Sieben Tage blieben sie im Gefängnis zu Schaulen. Einer verlief wie der andere. Und schon fanden sich die meisten mit dieser Lage ab. Es gab nun auch zu essen, warm und sogar reichlich. Jeder bekam täglich ein Pfund Schwarzbrot, dazu warmes Wasser. Tee?

„Tschai? Nitschewo – kaufen selber!“

Aber nach zwei Tagen schlich sich ein kleiner buckliger Jude in den Raum. Er wechselte den Männern das letzte deutsche Geld und brachte ihnen ein grosses Päckchen Tee. Für die Kinder hatte er auch mit einigen Tüten Bonbon sich vorgesorgt, die er ebenfalls verkaufte. Später brachte er noch der Mutter einen alten Rock, aus dem sie für das kleine Brüderchen ein wärmeres Gewand als es Windeln, Hemdchen und Tücher waren, nähte. Doch Brüderchen gedieh prächtig in aller Not, seit die junge Frau – aus Nimmersatt war sie, der nördlichsten Stadt Preussens – ihm immer mit zu trinken gab.

Jede Familie hatte schon ein Eckchen in dem grossen Gefängniskeller, und wenn die Sonne durch die Gitter hineinlachte, da stahl sich auch wieder ein Lächeln auf die Lippen der Verschleppten.

Mittags erhielten sie eine fleischlose ewigsaure Suppe mit Rüben. Annke brachte keinen Bissen herunter und ass mit Bonbons belegtes Brot, eine Erfindung der Hennigkinder.

Jeder zweite Tag war besonders festlich – da wurde nämlich geheizt, und Annke durfte ohne Mantel und Tuch dasitzen, brauchte nicht Dauerlauf zu machen oder die Hände in den Taschen zu vergraben, sondern konnte „Andersens Märchen“ aus dem Rucksack holen – natürlich waren gleich alle Kinder um sie herum – „Annke, lies vor! Von der Hirtin und dem Schornsteinfeger.“

Und Annke las die zierlichen zarten Nippesgeschichten des grossen dänischen Märchenträumers. Solch kindselige Dinge hatten diese Gefängniswände vor und nachher sicher nie gehört.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen —

Ein Offizier!

Annke liess das Buch fallen, zwei Soldaten, die hinter dem Offizier an der Tür Posten fassten, winkten: Aufstehen.

Der Offizier zählte:

Ras, dwa, trie, sterie, schess, szim, woszim – Er notierte die Zahl und ging wieder. Kaum war er hinaus, drückte sich der alte Jude herein.

„Mojen – nu wie geiht? Scheene Löffelchens, Töpfchens – oih – oih —!

Die Jungens liefen hinter ihm her und machten ihn nach. Alles wurde er los! Klagte über das wenige Geld, das man ihm gab, aber er nahm’s und lächelte immer: Auf Wiedersehen!

Doch als er eines Morgens wieder mit Teepäckchen, Fitzelbändchen, Taschentüchern und allerlei Gerät erschien – da war der Raum leer.

Die Verschleppten befanden sich auf dem Weg nach Wilna, wo sie abermals im Gefängnis an eine giftig dreinschauende Wärterin gerieten, die einen tiefen Hass auf alles Deutsche in sich trug, die Kinder puffte, die Mütter von den Vätern trennte, in verschiedenen Räumen unterbrachte und sie auch nicht auf dem Korridor zusammenkommen liess.

Nur vor der Grossmutter hatte sie Respekt. Als diese krank wurde, sie hatte sich etwas erkältet, und ihr befahl, ihren Sohn, Herrn Hennig, zu rufen, da holte die scheele Alte den Vater tatsächlich heran. Drei Tage hatte ihn die Familie nicht gesehen, und in Annkes angstvollem Hirn tauchte wieder die blutige Drahtschere auf —

Das waren drei furchtbare Tage. In dem Gefängnis herrschte unter allen Aufsehern ein höhnischer grausamer Geist. Das Essen wurde in einer grossen runden Wanne in die Mitte des Kerkers gestellt – zwei mit Ketten gefesselte Sträflinge trugen sie herein. Als einer einmal der Mutter, die das Brüderchen im Arm hielt, zulächelte, bekam er einen jähen Schlag mit einer in den Händen des Aufsehers gezückten Knute. Endlich hiess es auch hier hinaus und weiter —

Die vieltürmige Stadt, „das goldene Wilna“, mit dem stolzen Schlossberg wurde den leer und zerbrochen Dahinschreitenden nicht bewusst. Nach einer Stunde Marsch – halt auf dem Bahnhofsplatz.

Gefangene deutsche Soldaten standen hier. Als sie nur leise winkten, wurden sie von den russischen Wachtsoldaten beschimpft. Der Ton der Russen war gehässiger geworden; denn sie wurden abermals aus Ostpreussen hinausgetrieben.

Vier Stunden standen die Gefangenen im Regen. Wilnaer Bürger gingen ihre Reihen neugierig entlang.

Ein grosser stattlicher Herr im Pelz blieb vor der Mutter stehen, wies auf das Brüderchen und rief einen Offizier. Offensichtlich fragte er, was das Kind getan habe.

Der Vater erriet den Sinn der Worte und wies auf die Grossmutter.

Der Offizier zuckte die Achseln, knurrte etwas mürrisch vor sich hin und entfernte sich.

Der Herr mit dem Pelz fragte den Vater in deutscher Sprache: „Sie haben auf unsere Soldaten geschossen?“

„Wir? Bei Gott, das ist nicht wahr —

Der alte Herr schüttelte den Kopf, streichelte die Mutter und ging sinnend fort.

Voll Traurigkeit begann einer in dem Häuflein zu singen:

„Nach der Heimat möcht ich wieder —

nach – — —“

Eine Gruppe Kavalleristen löste sich aus der aufmarschierten russischen Schwadron und verwies ihn zur Ruhe.

Still, still – wir sind in ihrer Gewalt —

O Menschen, Menschen!

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Litres'teki yayın tarihi:
03 ocak 2026
Hacim:
140 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711463727
Yayıncı:
Telif hakkı:
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