Kitabı oku: «Du selber bist Musik»

Yazı tipi:

Alfred Hein
Du selber bist Musik

Roman

Saga

Hauptpersonen:

 Constanze Dornbühl, Musikstudenten

 Stefan Klodwig, Musikstudenten

 Charlo (Charlotte) Wildhofer, Musikstudenten

 Mirko Machaczek, Musikstudenten

 Wolfram Düwall, Flugzeugführer einer Nordpolexpedition

 Egbert Dornbühl, Theaterintendant a.D., Constanzes Vater

 Tasso Sempach, Dirigent

 Ilse Frühauf, Constanzes Freundin

 Egbert Dornbühl, Constanzes verschollener Bruder

Die Handlung spielt in Berlin, Würzburg, bei Meersburg am Bodensee, in der Schwäbischen Alb, auf einem Gut in Thüringen und in der Arktis.

Erster Teil

I

Endlich — nach titanenwildem Ringen mit den immer wieder niederziehenden Mächten der Finsternis erklommen die nichts mehr vom Alltag wissenden Töne jene firnreine Höhe, von der hernieder man nur noch jauchzen konnte —: da ließ auch Constanze, dem Taktstockwink des Dirigenten gehorchend, mit dem ganzen Chor das Lied an die Freude aus ihrer Kehle jubeln!

Nach dem unirdischen Adagio-Ausklang des dritten Satzes schrieen noch einmal grell die Trompeten auf. Die Kontrabässe tobten die leisen Sehnsuchtstimmen nieder. Das Adagio wurde immer wieder flügellahm im Sturm der düsteren Stimmen aus der Tiefe. Dann — mit einem Male — begannen nur erst die Geigen leise zu singen: Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium — —

Sooft Constanze die Neunte Sinfonie Beethovens früher schon gehört hatte, immer stieg ihr die alles überwältigende Rührung in den Hals hoch, immer kamen ihr dann die Tränen, wenn also die Geigen zu flüstern begannen. Bis dann endlich Chor und Orchester aufjubelten —!

Und diesmal sang sie es selbst, das mitreißende Lied an die Freude! Sie entwich auf den Klängen, von Geigen und Flöten getragen, in die wie eine Nordlichtglorie aufstrahlende Verklärung, zu der Beethoven sich selbst mit dieser Sinfonie empor trug. Constanze fühlte: höher konnte kein irdischer Geist entrücken, wie es hier geschah.

Sie spürte plötzlich den Blick des Dirigenten auf sich gerichtet. Er sah, daß sie weinte. Ja, die Tränen rannen ihr die Wangen herunter, während sie ihrem kleinen Sopran die immer mächtiger anschwellenden Jubeltöne entlockte. Tasso Sempach dirigierte. Die Berliner Hochschule für Musik hatte ihn, den weit Gerühmten, als Gast von Hamburg herübergeholt; mit der Neunten Sinfonie sollten die Hochschüler, die im Orchester und Chor mitwirkten, das neue Jahr unter seiner sicheren Stabführung begrüßen. Constanze fühlte die Weihe des Augenblicks mit ganzer Macht.

Seid umschlungen, Millionen,

diesen Kuß der ganzen Welt.

Brüder, überm Sternenzelt

muß ein guter Vater wohnen.

Tasso Sempach beschwichtigte die Bässe und lockte aus den Geigen die letzte Süße. Er pflückte von den singenden Mündern mit bebenden Händen die inbrünstigen Worte voll sieghaften Glaubens. Sein kühnes Profil mit der mächtigen Hakennase ragte aus dem hintüber gereckten Haupt mit dem glatt zurückgekämmten schwarz glänzenden Haar empor, als öffnete sich die Kuppel des Saales —: und alle Sterne tauten hernieder in die klare Winternacht.

Jetzt, da der Chor die Worte anstimmte „Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein, wer ein holdes Weib errungen, stimm in unsern Jubel ein —” da traf die singende Constanze, die nun keine Tränen mehr wegzuwischen brauchte, denn die zu tiefst überwältigende Rührung war verwunden — ein andrer Männerblick —: Brillengläser funkelten auf, hinter denen zwei dunkle große Augen von den Noten weg aus dem tiefer sitzenden Orchester zu ihr emporschauten. Ein kurzes Lächeln umzuckte den Mund des zu ihr aufblickenden Cellospielers. Es war Stefan Klodwig, ihr thüringischer Landsmann und ihr hilfsbereiter Freund, dem sie vor allem zu danken hatte, daß sie hier überhaupt mitsang. Stefan stand schon vor der Abschlußprüfung; als Schüler der Meisterklasse würde er sie natürlich glänzend bestehen. Seine Lehrer sagten ihm als Klavierspieler eine glänzende Zukunft voraus. Nebenher meisterte er noch das Cello und manches andere Instrument. Auch mit dem Taktstock wußte er umzugehen. Constanze dagegen —: nie hätte sie die Forderungen der Aufnahmeprüfung geschafft, hätte sie Stefan Klodwig nicht in seine Zucht genommen. Sie hatte vorher ein privates Konservatorium in Berlin besucht; dort lernte sie Stefan kennen, als er einen Lehrer vertrat. Sie gestand ihm ihren heimlichen Ehrgeiz, in die Klavierklasse der Hochschule für Musik aufgenommen zu werden.

„Nichts leichter als das!” hatte Stefan gelacht. Aber es wäre sehr schwer für Constanze gewesen, hätte sich der gute Stefan nicht ihrer angenommen trotz der Überlastung mit dem eigenen Lernen und Üben. Nun war sie sogar Schülerin bei dem unerbittlich strengen Professor Ignatz Dämpfinger. Und durfte im Hochschulchor singen:

Freude! Freude — —

Sie nickte Stefan nur für ihn bemerkbar zu. Und Stefan lächelte, während er unermüdlich weiter sein Cello streichelte.

O wie die Töne erlösten! So ins Erhabene entrückt, hatte Constanze noch nie ein neues Jahr begonnen. Der Himmel öffnete sich: mit seinem jauchzenden Licht alles andre in den Schatten zwingend, verbrauste — Tasso Sempachs hocherhobener Stab vibrierte, als wäre er mit elektrisierenden Kräften geladen — das über Zeit und Raum hinausstrebende Finale.

II

Immer wieder mußte Tasso Sempach sich verneigen. Der Beifall erfüllte brausend und prasselnd das silberweiß getünchte Gewölbe des großen Konzertsaales der Hochschule für Musik. Unentwegt klatschten an die hundert Ergriffene weiter, während die andern schon hinaus zu den Garderoben drängten. „Sempach! Bravo! Sempach! Sempach!” riefen sie. Und Sempach, der schon durch eine Seitentür entschlüpft war, mußte wieder hervorkommen. Er machte die allen Kapellmeistern brauchtumartig eigene Gebärde mit beiden Händen, die bedeutete: das Orchester möge sich erheben und den Beifall mit ihm teilen.

Die jungen Musiker erhoben sich. Mancher war so voll Eifer bei der Sache gewesen, daß er sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn wischte. Mirko Machaczek, der die erste Geige gespielt hatte, verneigte sich allerdings schon ganz mit Virtuosenallüren.

Als Sempach zum vielleicht zwölften Male hervorgeklatscht wurde, kam er durch die kleine Tür in den Saal zurück, die neben den das Podium krönenden riesigen silbernen Orgelpfeifen fast ganz verschwand. Vor der Orgel stand der Chor.

Sempach wollte auch den Chor ehren, impulsiv ergriff er die Hand eines Sängers und einer Sängerin. Als er sich, während der Beifall erneut lostobte, die Sängerin ansah, erkannte er, daß es zufällig jenes zauberhafte Mädchen war, dessen zu Tränen gerührte Ergriffenheit während des Freudengesanges ihn selbst gerührt hatte. Sie sah wie einer der ranken großäugigen Engel von Botticelli aus.

Constanze errötete bis in den schlanken Hals hinein. Schon wieder kamen ihr die Tränen.

Wie gut, daß gerade Stefan sie angrinste und pompöse Gesten machte —: o, welche Ehre, Constanze Dornbühl Hand in Hand mit Tasso Sempach, der Koryphäe! Da mußte auch sie lächeln, und die Rührung wich.

Sempach spürte aber doch, wie die schmale Hand in seiner Rechten bebte, während die Männerhand des Sängers seine Linke fest umschloß. Du gehst noch an der ganzen Musik kaputt, Mädel, dachte er, wenn du dich so besinnungslos ergreifen läßt.

Schließlich verebbte auch dieser Triumph. Sempach hatte Constanze noch besonders zugenickt, als er durch die Tür neben der Orgel verschwand. Nun sprang Stefan die Stufen des Podiums zu Constanze empor: „Du, Stanzerl,” sagte er, als ob er der junge Mozart wäre, und sah dabei Constanze so glückselig an wie dieser seine Constanze auf der Reise nach Prag, „Du, Stanzerl, nun wird gebummelt. Wir gehen in den Zigeunerkeller — das neue Jahr begießen und begrüßen.”

„Begrüßt hab ich es — eben. Ach, Stefan, war das schön! War — das — schön! Was der Sempach aus uns herausgeholt hat —”

„Nu ja, und nach der Arbeit das Vergnügen —” lachte Stefan Klodwig mit seinem großen, gutmütigen Mund.

„Arbeit? Vergnügen?” Constanze verstand nicht. Aber sie vergaß es immer wieder: Stefan, Charlo, Mirko — gerade die Meisterschüler wurden, obwohl sie so mitreißend spielten, innerlich schnell fertig mit ihrer Ergriffenheit. Es machte ihnen gar nichts aus, nach der Neunten Sinfonie in den Zigeunerkeller zu gehen und die leichten Weisen mitzusingen. Das war nun keineswegs Blasphemie; diese durch und durch mit großer Musik Erfüllten brauchten dann und wann das jäh Gegensätzliche, um sich selbst überhaupt ertragen zu können. Denn in ihrem Hirn wirbelte es vor lauter Üben und Studieren Tag und Nacht von klassischen Noten.

Constanze dagegen hatte sich während der Neunten Sinfonie ganz der großen Stimmung hingegeben; sie ließ sich von dieser Stimmung immer noch tragen. So schien es auch jetzt, als sie die Treppen des Podiums herniederschritt, als wenn sie wie auf Wolkenstufen schwebte. „Du bist ja noch ganz weg, Stanzerl,” sagte Stefan. Er schüttelte mit fast väterlicher Besorgtheit schmunzelnd den Kopf und rückte seine Brille zurecht.

„Ja, ich bin noch ganz weg, Stefan! Und darum grüß die andern — ich geh nach Haus!”

„Aber — aber — Constanze! Ich hab mich doch gerade auf dich so gefreut. Du kannst doch so lustig sein. Weißt du noch, wie wir das letzte Mal im Zigeunerkeller waren, wie du alle Nachbartische mit deinem Lachen anstecktest —”

„Damals haben wir aber nicht vorher die Neunte Sinfonie gesungen.”

„Ist doch Neujahr —” sagte Stefan etwas kleinlaut. „Spiel dich doch nicht auf. Dem Beethoven schadt’s nichts, wenn wir nach brav getaner Arbeit lustig sind. Ist doch Neujahr —”

Sie schritten schon hinter dem Podium den Korridor entlang zu den Künstlergarderoben.

„Da kommen sie endlich wie zwei Verschworene —” schallte es ihnen aus einem lustigen Schwarm entgegen. Das war Charlo Wildhofer, die so rief.

Doch zum Erstaunen aller gab Constanze Stefan jetzt die Hand: „Sei nicht böse, ich geh lieber heim!” Sie winkte den andern mit einem mühsam erborgten forschen Lächeln zu, flüsterte noch der völlig sprachlosen Charlo, mit der sie ihr möbliertes Zimmer teilte, beim Vorübergehen ins Ohr: „Komm nicht zu spät! Treib’s nicht zu toll —” dann riß sie Hut und Mantel vom Haken.

„Stanzi! Bist du verrückt?” schrie Charlo. Sie hatte endlich die Sprache wiedergefunden. „Stanzerl! Stanzerl! Bleib doch!” Das war Stefan. Und noch dann, als sie die Treppenstufen heruntereilte, die zu einem Nebenportal in die Fasanenstraße hinausführten, hörte sie die andern vom Ausgang nach der Hardenbergstraße her rufen:

„Constanze! Constanze!!”

Das war Mirko Machaczeks hart akzentuierte Stimme. Er schrie’s durch die hohle Hand in den Neujahrstrubel hinein, der rund um die Gedächtniskirche lärmte und kreischte.

Constanze war wie auf der Flucht. Sie schlug den entgegengesetzten Weg ein, der nach der Kurfürstenallee und weiter hinein in den tief verschneiten Tiergarten führte. Auch hier traf sie manchen ausgelassenen Trupp und manches lustige Pärchen, aber sie hörte die Witze nicht, die man ihr nachrief. Und als ein junger Dachs sich von seinen ausgelassenen Kameraden trennte, um ihr nachzulaufen, da blieb sie entschlossen stehen und maß ihn von oben bis unten mit einem solch kalten verächtlichen Blick, daß der Zudringliche sich buchstäblich schütteln mußte, als hätte er eine eisige Dusche empfangen.

Als sie dann den Landwehrkanal entlang schritt, wurde es immer stiller. Fernab rauschte der Neujahrstrubel nun so rhythmisch verwogend, daß man meinen konnte, es wäre Meeresrauschen. Wie von frischem Gold geprägt hingen Sterne und Mondsichel am Firmament. Das Mondlicht überhauchte den Schnee auf Wegen, Bäumen und Sträuchern mit bläulichem Leuchten.

Nein, es war kein Getue von ihr gewesen, als sie die andern allein in den Zigeunerkeller gehen ließ. Ihr war wirklich noch immer feierlich zumute. Und sie wurde sich jetzt klar: das bewirkte nicht nur der Nachhall der Neunten Sinfonie, sondern sie spürte dunkel, daß mit diesem Jahr auf solch feierliche Weise ein Schicksalsjahr begann. Sie fragte sich selbst, wie sie dazu käme, auf das unbeschriebene Kalenderblatt des 1. Januar das Wort „Schicksalsjahr” zu schreiben (sie schrieb’s jetzt wahrhaftig mit dem Absatz in den Schnee), aber sie ahnte: in dem kommenden Jahre wird mich irgendetwas von Grund auf verwandeln. Die Musik? Wird sie’s schaffen, eine wirkliche Künstlerin zu werden? So wie es Charlo war? Vielleicht. Mit Stefans Hilfe.

Der gute Stefan. Sie hat ihn heut gekränkt. Aber sie wußte, er verzieh ihr’s, wie er zu allem Ja und Amen sagte, schon wenn sie nur andeutungsweise den Wunsch aussprach.

Schicksalsjahr.

Sie hatte mit dem Absatz des linken Schuhs die Hieroglyphen in den Schnee gerade zu Ende gemalt, als eine gütige Männerstimme, denn es war für andere kaum leserlich, fragte: „Was soll das heißen?”

„Herr Professor Sempach—” schrak Constanze zusammen.

„Ach, sieh da, der Botticelli-Engel! Ich dachte, Sie feiern auch das neue Jahr im Zigeunerkeller mit. Aber was haben Sie da hingemalt?”

„Ooh, nichts!”

Sempach lächelte: „Merkwürdig, ein junges Mädchen malt einsam Rätselbuchstaben in den Schnee, während die andern dem neuen Jahr zuprosten.”

„Sie tun’s ja auch nicht.”

„Was?”

„Zuprosten —”

„Nein. Mir war nicht danach zumute. Und wie ich sehe, Ihnen auch nicht. Darf ich Sie ein Stück begleiten. Wohin gehen Sie?”

„Ach, nur so —”

„Schön. Dann gehen wir nur so.”

Eine Weile schwiegen sie. Constanze vor Verlegenheit und Stolz. Sempach vor Wohlgefallen.

„Ach, wenn die Musik nicht wäre —” seufzte Sempach, das Schweigen brechend.

„Das sagen Sie, Herr Professor?”

„Ja. Ich. Dann wüßte ich, was ich jetzt täte —”

„Darf ich fragen?”

„Ja, Sie dürfen, Botticelli-Engel! Ich ginge dann mit Ihnen in ein kleines Weinlokal. Es heißt „Alte Liebe”, mit einem Auto wären wir schnell dort —”

„Aber wir gehen nicht dorthin?”

„Nein. Erstens: weil ich nicht will. Zweitens: weil Sie nicht können. Ich will nicht, weil ich einsam und kalt bleiben muß, um — na ja, um meine künstlerischen Ehrgeize zu befriedigen. Und zu einem flirthaften Spiel ist mir der Botticelli-Engel zu schade. Und Sie — Sie können nicht, weil Sie mit Beethovens Neunter in den siebenten Himmel entrückt sind.”

„Können Sie Gedanken lesen?”

„Nein. Aber in Ihrem Gesicht. Warum haben Sie geweint?”

„Ich — geweint —?”

„Ja, während des Hymnus an die Freude. Als es begann: „Freude, schöner Götterfunken —”

Sie schritten über die Löwenbrücke auf die Siegessäule zu. Manchmal fiel mit sanftem Gleiten ein zu schwer gewordener Schneeklumpen von einem niederhängenden Zweig. Siebenfarbig umrandete Wolken zogen am Mond vorbei. Die lärmende Stadt versank immer ferner.

„Ach so,” Constanze lächelte Sempach an. Ihre großen Augen glänzten. „Ich heul immer an der Stelle. Ob ich’s nun hör oder mitsinge —”

„So, so.”

„Sie sagen das bedenklich wie ein Arzt.”

„Ganz recht, Botticelli-Engel!”

„Warum nennen Sie mich Botticelli-Engel? Ich heiße Constanze Dornbühl.”

„O wie nett.”

„Was ist da nett?”

„Na — Constanze — so wie Mozarts capriciöse Frau —”

„Ich bin, glaub ich, nicht capriciös.”

„Na?”

„Nein, wirklich —”

Sie mußten beide lachen. Ein Eichhörnchen schreckte aus dem Schlaf und sprang Otto dem Faulen, denn sie schritten schon durch die Siegesallee, auf den Helm.

„Also Constanze —” sagte Sempach. Und nach einer nachdenklichen Pause: „Hören Sie, Constanze, was soll aus Ihnen werden?”

„So Gott will, eine Könnerin auf dem Klavier.”

„Also Klaviervirtuosin? Hm.”

„Sie glauben es nicht?”

„Doch, doch —”

Constanze blieb stehen und sah dem Professor fest in die Augen. Wer weiß, woher sie den Mut dazu nahm. „Herr Professor, Sie haben mich noch nie spielen hören und sind schon ungläubig — Warum?”

„Weil Sie’s zu sehr ergreift. Und —” Sempachs Habichtgesicht lächelte gütig, „weil Sie zu schade sind, an der Kunst kaputt zu gehen. Sie sind zu Schönerem geboren!”

„Gibt es etwas Schöneres als die Kunst?”

„Manchmal für manche — ja.”

„Da kommt der 3er! Mein Autobus! Ich möchte nach Haus!”

„Ich komme mit.”

Sie sprangen auf den schon losfahrenden Autobus.

„Ja, Herr Professor?” fragte Constanze. Sie verstand nicht, daß Sempach solches Interesse an ihr nahm.

„Ich wohne immer, wenn ich in Berlin bin, in einem Pensionat am Bayerischen Platz,” erklärte er, den Anlaß ihrer Verwunderung erratend.

„Ich wohne auch dort! In der Salzburgerstraße —” sagte Constanze. Und als sie die Fahrkarten gelöst hatten, fuhr sie fort: „Das Jahr beginnt schön für mich.”

„Für mich auch, Fräulein Constanze. Entschuldigen Sie, Ihren Familiennamen habe ich vergessen.”

Constanze, mit einem Arm am Haltestrang hängend — sie standen im vollbesetzten Wagen einander gegenüber — lächelte.

Als sie am Wartburgplatz ausstiegen und Sempach Constanze heimbegleitete, fragte sie: „Was meinten Sie vorhin im Tiergarten mit Ihrer Antwort: „Manchmal für manche ja?”

Sempach antwortete nicht sofort. Dann sah er sie mit einem kalten harten Blick an: „Wer für die Liebe geboren ist, ist für die Kunst verloren. Und wer für die Kunst geboren ist, ist für die Liebe verloren. Sie aber sind so sicher für die Liebe geboren wie ich für die Kunst. Leider — für die Kunst, sage ich, wenn ich Sie anschaue in Ihrer beseligenden Anmut —”

„Herr Professor!” wehrte Constanze ab. „Ich will aber eine Künstlerin werden und pfeif auf die Liebe!”

„Wie alt sind Sie?”

„Einundzwanzig.”

„Ein — und — zwan — zig —” Sempach kostete die Zahl wie einen feurigen Wein.

Constanze blieb stehen. Sie waren vor ihrem Haus angelangt. Salzburgerstraße 10.

„Es wird Ihnen nichts nützen.”

„Ich werd Ihnen schreiben, wennn ich’s schaffe —”

„Gut! Schreiben Sie! Aber wundern Sie sich nicht, wenn ich erst nach Wochen und Monaten antworte. Ich habe selten solche Stunden frei wie diese.”

Constanze wußte nichts darauf zu sagen. Sie ergriff nur Sempachs Hand.

„Nun möchte ich doch Ihren Familiennamen wissen.”

„Constanze Dornbühl. Weshalb?”

„Bei wem lernen Sie?”

„Bei Professor Dämpfinger.”

„Oha — bei Ignatz! Großartig. Er ist mein Freund. Ich werd ihn bitten, sich Ihrer besonders anzunehmen.”

„Herr Professor —!” jubelte Constanze auf. Am liebsten wäre sie ihm um den Hals gefallen. Sie schüttelte ihm wenigstens kräftig die Hand zum Dank.

„Nun gehen Sie schlafen. Schlafen Sie gut ins neue Jahr hinein.”

„Danke, Herr Professor. Ich weiß, es wird mir Glück bringen. Auch Ihnen soll es Glück bringen — Gute Nacht!”

„Gute Nacht, Constanze Dornbühl!”

Als Sempach allein zum Bayrischen Platz weiterschritt, hielt er sinnend den Blick am Boden. „Vielleicht wirst du Glück haben, süßer Botticelli-Engel. Vielleicht —” dachte er. „Aber anders als du meinst. In der Liebe. Vielleicht. In der Kunst —?”

III

Constanze erwachte am Neujahrsmorgen mit einem großen Glücksgefühl. Zuerst war ihr, als hätte sie nur einen glücklichen Traum gehabt, von dem sie im Aufwachen — seine Bilder vergessend — nur noch den Duft in sich spürte, aber dann wurde ihr klar: das Glück blühte aus wirklichem Erleben. Das Gespräch mit Tasso Sempach im Tiergarten und hier vor dem Haus klang so beglückend in ihr nach.

Sie knipste den kleinen Rundfunkapparat an, den sie auf dem Nachttisch stehen hatte; ja, sie war zu guter Stunde aufgewacht, obwohl die kleine Pendeluhr im Zimmer nebenan 2 Uhr schlug, als sie sich ins Bett legte und sofort einschlief, selig wie als Kind. Aus dem Radio schallten ihr die frischen Kommandos des Gymnastiklehrers entgegen. Sie sprang aus dem Bett, öffnete das Fenster, das nur einen Spalt offen hatte, ganz weit und zog den Tüllvorhang vor, warf den Pyjama ab und machte brav die befohlenen Kniebeugen, Armschwingungen und Körperdrehungen. Sie hüpfte kunstgerecht zwischen den Möbeln hin und her. Plötzlich blieb sie erstarrt vor Charlos Bett stehen, das hinter einer spanischen Wand ganz im Winkel des Zimmers stand, während Constanze in der Nähe des Fensters schlief. Sie brauchte die frische Luft; Charlo dagegen fror leicht und hatte sich daher in ihre „Kabüse”, wie sie ihren Bettwinkel nannte, zurückgezogen.

Doch Charlo war in der Kabüse nicht zu finden. Constanze knipste den Rundfunk aus, warf einen leichten hellblauen Seidenmantel über, und öffnete die Tür nach nebenan, wo die „unheilige Cäcilie” auf einer Couch schlief. Die unheilige Cäcilie erhielt von Stefan Klodwig diesen Spitznamen, weil sie im Gegensatz zu Constanze und Charlo, die diese möblierte Wohnung sich gemietet hatten und darin nun (endlich ohne Wirtin!) selber wirtschafteten, gänzlich unmusikalisch war. Dennoch war das Zimmer, in dem Cäcilie schlief, voller musikalischer Dinge: das Klavier stand hier und Charlos Saxophon, Notenpulte, Notenständer und in zwei Regalen eine kleine musikwissenschaftliche Bibliothek. Dazu ein Rundfunkapparat. Und zu alledem: Schnurri, der fröhlichste aller Kanarienvögel.

Von all diesen Dingen hatten eigentlich nur die Couch, auf der Cäcilie Stumpf schlief, und dieser lustige Schnurri, der ihr persönliches Eigentum war, etwas mit ihr zu tun. Ansonsten war Cäcilie völlig unmusikalisch, konnte mühsam „Fuchs, du hast die Gans gestohlen” richtig singen (allenfalls im Chor traf sie den rechten Ton) — gerade deshalb war sie die herrlichste Wohngenossin für die andern beiden. Oft, wenn Constanze und Charlo den ganzen Nachmittag abwechselnd geübt hatten, schmiß die temperamentvolle Charlo dann abends die Tür zu: „Ich kann den ganzen Schmeißdreck nicht mehr sehen!” (Charlo war nicht sehr wählerisch in ihren Ausdrücken.)

Dann lachte Cäcilies rundes frisches Bubengesicht so hell auf, daß ihre lustigen Augen, deren Iris immer in einem unbestimmbaren Grüngraublau schillerten, ganz klein wurden: „Mich stört der Kram nicht. Gegen den Maschinenlärm in unsrer Fabrik ist das, was ihr beiden Lämmerchen vollführt, ein lustiges Gequieke!”

Constanze fuhr dann mit gemachter Empörung auf: „Unerhört! Wenn Charlo Wildhofer — „die” Wildhofer, wie es schon in der Hochschule höchst prominent heißt — eine Beethovensonate spielt, daß man ganz elektrisiert ist, das nennt die unheilige Cäcilie „lustiges Gequieke”. Wie kam denn deine Mutter darauf, dich nach der Schutzpatronin der Musik Cäcilie zu taufen?”

„Sie hatte gerade einen Roman gelesen, in dem die Heldin Cäcilie hieß —”

„Ein neuer Beweis für die Verwerflichkeit aller Romanlektüre —” schrie Charlo dann; sie lag schon im Bett, knabberte Kekse und las einen so recht spannenden und blutrünstigen Kriminalroman.

Cäcilie aber gab es Charlo zurück, indem sie ein Lied anstimmte, das sie einmal hatte Constanze singen hören und das ihr sehr gefiel, weil es nach ihrer Meinung so schön traurig klang: „Die Sonne scheint nicht mehr” von Brahms.

Sie sang es so falsch, daß Charlo meinte, die Mitbewohner dieses ehrenwerten Gartenhauses, allwie man in Berlin die Hinterhäuser dezent bezeichnet, würden glauben, die „drei Cikaden” (so bezeichnete sie sich, Constanze und Cäcilie, weil aller dreier Namen mit „C” anfing) hätten sich einen kleinen Hund angeschafft, der besonders schön zu jaulen wüßte.

Cäcilie Stumpf hatte die Neujahrsnacht verschlafen. Sie war Laborantin in einer chemischen Fabrik und hatte die letzten Wochen mit Überstunden arg an ihre Arbeit herangehen müssen. So war ihr die Silvesternacht eine willkommene Ruhenacht gewesen.

„Ein gutes neues Jahr, Cillychen!” Constanze setzte sich mit diesen Worten behutsam auf die Couch und streichelte Cäcilie eine herabgefallene blonde Strähne aus der Stirn.

Cilly gähnte, dehnte ihre robusten Rekordschwimmerin-Arme und sagte schlaftrunken: „Prost Neujahr, Stanzi!”

„Wo mag Charlo stecken?” fragte gerade Constanze, da erhob sich auf der Treppe des Gartenhauses ein ziemlich toller Lärm. Bald darauf klirrten Schlüssel im Schloß und, von Stefan mit Vorsicht aufrecht gehalten, erschien Charlo auf der Szene, einen Luftballon am Hut und um den Bauch eine Girlande von bunten Papierschlangen gewunden.

„Da bist du ja endlich, Stanzi,” sprach Charlo etwas stockend und mühsam und sah ihr mit starr aufgerissenen Augen ins Gesicht. „Pupille!” schrie sie. „Pupille!”

„Aber Charlo —” versuchte Constanze zu lächeln. An sich tat ihr Charlo leid.

„Sie wollte nicht aufhören! Immer noch ein Glas Sekt —”

„Immer noch! Jawoll! Immer noch mal rum, du Kleine — Constanze, hör mal zu! Kennst du den? Hat Stefan erzählt. Dein kreuzbraver Stefan.”

Stefan winkte beschwichtigend ab: „Sie weiß ja kaum, was sie redet. Übermüdet.” Aber er war rot geworden, als Charlo zu Constanze mit eigentümlicher Betonung „Dein kreuzbraver Stefan” sagte.

„Stanzi, kennst du den? Hat Stefan erzählt,” begann Charlo von neuem; sie hatte sich in den großen Lehnsessel an der Balkontür geworfen. Draußen ging die Sonne auf. Der Schnee funkelte rot auf den Dächern. Also hör zu: Eine Grräfin, eine feine Grräfin fragte Max Reger bei einem Konzert, ob die Fagottbläser diese dunklen bizarren Tonfiguren — diese dunklen bizarren Tonfiguren, sagte sie — oho! — mit dem Mund vorbrächten. Worauf Max Reger verlautbaren läßt: „Das will ich stark hoffen.”

Charlo schlug eine riesige Lache an. Als sie von neuem „Stanzi, kennst du den?” immer schlaftrunkener lallte, packten Constanze und Cilly sie kurzerhand, transportierten sie ins Schlafzimmer, zogen sie aus und legten sie ins Bett.

Charlo schlief sogleich ein. Ohne ein Wort.

Als die beiden andern wieder ins Balkonzimmer zurückkamen, war Stefan fortgegangen.

„Der hatte auch ein schlechtes Gewissen,” sagte Cäcilie.

Constanze aber ging in die kleine Küche und bereitete das Frühstück. In dieser Woche hatte sie Küchendienst.

Nach dem Morgenkaffee lief Constanze allein durch den Schöneberger Park. So sehr sie sich auch über Charlos Schwips wunderte, wußte sie zu genau, daß Charlo in ihrem kleinen Finger mehr musikalisches Talent besaß als sie selbst in beiden Händen. Constanze mußte sich alles mühselig erringen. Gewiß, auch Charlo übte fleißig — doch sie konnte alles bald, was sie können sollte, und es waren sehr schwierige Musikstücke. Constanze konnte dagegen kaum das, was sie können mußte. Nun war ihr Probesemester um. Wird Professor Dämpfinger sagen: Sie dürfen bleiben? Oder wird sie bei Semesteranfang ein höfliches Schreiben des Hochschuldirektors vom Sekretär in Empfang nehmen müssen. „Da ihr Können den Anforderungen der Staatlichen Akademischen Hochschule für Musik nicht genügt, bitten wir Sie, Ihr Studium an der Hochschule aufzugeben.” Constanze scheuchte die bangen Gedanken fort. Ist ja Unsinn! Dann hätte Dämpfinger es ihr längst angedeutet, daß sie wieder lieber ins Privatkonservatorium gehen solle. Doch — mit Stefans Hilfe — hatte sie die aufgegebenen Sonaten und Etüden so gut geübt, daß sie sogar diese und jene ohne Noten vorspielen konnte. Und Dämpfinger hatte sie ja auch schon für das Schülerkonzert Mitte Januar üben lassen.

Nein, die Befürchtung war sinnlos. Und nun wollte noch Sempach, der Berühmte, Fürsprache bei Dämpfinger einlegen.

Constanze lächelte. Dieses Lächeln verklärte das in seinen Linien noch ganz weiche Oval ihres kindseligen Gesichtes so, daß ein alter Herr kopfschüttelnd auf dem Parkweg, der nach der Kaiserallee führte, stehen blieb und: „So viel entzückende Jugend! So undenkbar viel Jugend!” murmelte. Er sah ihr nach. Constanze merkte es gar nicht.

Hoch und hell stand die Sonne schon am Himmel, als sie die Kaiserallee überschritt und weiter in den Hindenburgpark hineinwanderte.

Die Hindenburgbüste, die dort stand, erinnerte sie an Dämpfinger, der auch einen solchen Schnurrbart trug wie der alte Feldmarschall.

Rein und weiß erstrahlte der Großstadtpark im Sonnenschneeglanz. Es schillerte rundum, als hätte es Perlmuttermuscheln geschneit. Im Winde sang’s wie Harfenklang.

Constanze grüßte einsamselig beglückt den ersten Tag eines Jahres, von dem sie mit Hoffen und Bangen Ungewöhnliches erwartete, sie wußte selbst nicht warum.

IV

Doch die ersten Tage des Jahres brachten nichts überwältigend Besonderes. Wie auf eine stillschweigende Vereinbarung hin kamen weder Constanze noch Charlo auf ihre so grundverschiedenen Erlebnisse der Neujahrsnacht zu sprechen. Sonst erzählte Constanze der ein Jahr älteren Mitschülerin, die aber einen für ihre Jahre noch viel reiferen Eindruck machte, gern von allem Seltenen, das sie erlebt hatte und das in ihr nachklang.

Charlo schwieg vielleicht nur, weil sie eine Art moralischen Kater hatte, den sie aber bald „spielend” überwand: sie übte wie eine Besessene. Immer wieder Fingerübungen. Immer wieder die gleichen drei Passagen.

Das Telefon schrillte fast jeden Tag ein paar Mal. Gewöhnlich klingelte zuerst der pensionierte Major, der unter ihnen wohnte, bei den „Cikaden” an, um sich mit seiner rabenkrächzigen Stimme unter vielem Geräusper, Gehuste und Gepuste über dieses zum Wahnsinnigwerden eintönige Geklimper zu beschweren. „Werden Sie doch wahnsinnig, wenn’s Ihnen Spaß macht!” murmelte Charlo seelenruhig in den Apparat und hängte ab.

Constanze war auf einem ihrer einsamen Parkspaziergänge; Cäcilie noch in ihrem Laboratorium. So fingerübte Charlo unverdrossen weiter. Jetzt klopfte es von oben gegen die Decke. Frau Stuhlreittner! Charlo ließ sich nicht stören. Frau Stuhlreittner ließ ihren Sechs-Röhren-Empfänger mit höchster Lautstärke Blechmusik dagegen blasen — und da Charlo mit Vehemenz weiter übte, gab das einen chaotischen Höllenlärm, der gewöhnlich erst ein Ende nahm, wenn Herr Konditoreibesitzer Senkbley drohte, die Polizei herbeizuholen, da dieser ruhestörende Lärm bis in die Räume seiner Konditorei hineinschallte, die sich im Erdgeschoß des Hauses Salzburgerstraße 10 befand.

Da hörte Charlo endlich auf. Sie nannte solch fingerübendes Toben „Rache am Schicksal nehmen”. Und sie nahm diese Rache, wenn sie mit ihrem Schicksal unzufrieden war.

Charlo liebte Stefan. Doch die Neujahrsnacht hatte ihr nicht Stefans Liebe offenbart, obwohl sie die Offenbarung aus ihm herauslocken wollte. Sie wußte eines seitdem ganz genau —: Stefan liebt Constanze. Deswegen hatte sie sich ganz bewußt den Schwips angetrunken. Um Dinge sagen zu dürfen, die sie im nüchternen Zustand nicht über die Lippen gebracht hätte.

Charlo war ein auffallend hübsches Geschöpf. Von eleganter Figur: schlank und mit lieblichen Rundungen; ihr etwas zu großer Mund wäre auch ohne Benutzung des Lippenstiftes verlockend genug gewesen; die in dünner Linie hochgezogenen Brauen überwölbten zwei dunkle Augen, deren schwarze Iris sich nur um eine lichtere Nuance von der dunklen Pupille abhob. Die langen Wimpern waren nach oben gebogen. In genialer Wildheit umwuschelte das zigeunerschwarze Haar die klare kluge Stirn. Die Läppchen der wohlgeformten Ohren waren mit zwei roten Korallen durchgeknöpft. Dazu zwei Hände, die mit ihren rosenrot polierten Fingernägeln eine Zauberwelt in Tönen entfesseln konnten. Wenn sie im Saal der Hochschule ein Konzert gab, dann hieß es in allen Klavierklassen und auch bei denen, die andere Instrumente erlernten: „Die Wildhofer spielt. Das ist zwanzig Pfennig wert.” Der Saal war immer überfüllt, wenn sie — gewöhnlich zusammen mit dem noch vollendeter spielenden Mirko Machaczek — ein Schülerkonzert gab. Bald würde sie ihr erstes öffentliches Konzert geben; Dämpfinger sagte kürzlich: „Wozu brauchen Sie noch die Abschlußprüfung zu machen, Wildhofer? Sie und der Mirko sind fertig.”

Ja — sie und der Mirko waren auch miteinander fertig. Charlo ließ die manikürten Hände in den Schoß sinken und kreiselte einmal auf dem Klavierstuhl rundherum. Sie schaute verbissen sinnend in den engen Hof hinaus, gegen die Fensterfronten der Vorderhäuser, die hier in einem Karree zusammenstießen. Kahl wie der alte Kastanienbaum, der aus der Hofmitte bis zum vierten Stock emporwuchs (die „Cicaden” wohnten im dritten), und ebenso von Winterstürmen gezaust sah ihre Seele aus. Mirko, ja, der hätte sie gern für immer an sich gerissen und nicht mehr losgelassen so wie in dem kleinen Tanzlokal, das sie zum Schluß am Neujahrsmorgen aufsuchten — in der „Lagune”, einer Künstlerschänke geradeüber vom Schöneberger Rathaus.

Die Ohrfeige aber, die Mirko von ihr erhielt, hatte gesessen. In der Minute war Charlo noch einmal ganz nüchtern gewesen. Am liebsten hätte sie ja Stefan auch eine Watschen verabreicht, weil er über das freche Zudringlichwerden Mirkos laut lachte, anstatt — eifersüchtig herbeizuspringen und an ihrer Stelle die Exekution vorzunehmen.

Mirko hatte daraufhin Hut und Mantel vom Garderobenständer gerissen und war mit unheildrohender Miene grußlos davongestürzt. „Der gibt’s dir zurück, Charlo,” hatte Sabine Wendt, die kleine Cellistin, ihr zugeflüstert. Aber Charlo hatte nur die Achseln gezuckt: Was ging sie Mirko an? — Stefan!

„Stefan —” flüsterte Charlo in die Abenddämmerung. So zärtlich, wie es ihr keiner zugetraut hätte.

Große Flocken kamen vom Himmel und überschütteten auch den Hinterhaushof, in den Charlo sinnend hinausschaute, mit einem besänftigenden Silberglanz.

„Constanze weiß ja gar nicht, was Liebe ist —” flüsterte Charlo vor sich hin. „Vielleicht aber lieben das gerade solche Männer wie Stefan.”

In diesem Augenblick rief Stefan Klodwig an: „Wo ist Constanze?” Natürlich — die erste Frage: wo ist Constanze?

„Stanzi geht spazieren im Park. Sicher hängt sie einer stillen Liebe nach.”

„Charlo, sei doch nicht gehässig. Habt ihr euch gezankt?” fragte Stefan besorgt. Natürlich war er nur um Constanze besorgt.

Charlo lachte. Ihr Lachen hatte viel Musik in sich wie alles an ihr Musik war: der Schritt, die Gesten, die Sprache. Ihre dunkle Stimme flog Stefan wie ein seltsamer Nachtfalter durchs Telefon an: „Aber keine Spur, lieber Stefan! Stanzi und ich zanken? Kommt gar nicht in Frage!”

„Also, Kinder, hört,” ließ sich der angehende Musikdozent von drüben vernehmen, Charlo sah ordentlich, wie er bei diesen Worten die Brille zurechtrückte und mit einer gewissen verlegenen Gebärde über seinen schon etwas sich lichtenden Scheitel fuhr, „wißt ihr, was passiert ist?”

„Nun, lieber Stefan —?”

„Die Spanier sind aus meinem Haus ausgezogen.”

„Die Spanier? Hurrah für dich, Stefan! Da brauchst du dir endlich nicht mehr alltäglich zur Nachmittagsschlummerstunde das disharmonische Harmonikagedudel anzuhören, das der Sprößling dieser ehrenwerten Torerofamilie vollführte. — Der Vater war kein Torero? Ganz gewöhnlicher Geschäftsreisender? Na, aber mit seinem Musterkoffer schritt er die Treppe immer hinab wie ein Torero in die Arena. Also — die sind fort. Ich gratuliere.”

„Und das muß gefeiert werden. Ich lade euch demzufolge huldvollst zu einer Tasse Kaffee ein. Kuchen bringt bitte von euerm Senkbley mit. Constanze hat ja da bei dem Bäckergesellen einen Stein im Brett. Der sucht ihr dann die schönsten Stücke aus. Ich bezahl ihn natürlich —”

„Den Bäckergesellen?”

„Den Kuchen!”

„Ach ich dachte den Bäckergesellen, damit er weiter der süßen Constanze Äugelchen macht.” Charlo biß sich auf die Lippen. Das hätte sie nicht sagen sollen. Es kam gereizter heraus als beabsichtigt. Bums — Stefan hat es auch richtig gemerkt:

„Du bist ungerecht gegen Constanze. Im übrigen —: Constanze ist nicht nur das zuckersüße Puttchen, als das du sie hinzustellen beliebst.”

„Woher die Wissenschaft?”

„Ich weiß es. Auch — ohne — Wissenschaft. Aber nun verdirb mir nicht die Freude, Charlo. Du kommst?”

„Natürlich, lieber Stefan.”

„Und sagst es Constanze?”

„Mit feierlichster Musikbegleitung. Was soll ich dazu spielen, wenn ich’s ihr verkünde: „Ich trage meine Minne voll Wonne stumm.... Oder: Ach, ihres Auges Zauberblick —”

„Das wirst du nicht tun, Charlo. Versprich mir’s!” Stefan wurde sehr ernst.

„Huch, wie offiziell! Gern, lieber Stefan. Ich gehorche dir immer aufs Wort. Das weißt du. Adjüs!”

„Auf Wiedersehen!”

V

Schließe mir die Augen beide

mit den lieben Händen zu!

Geht doch alles, was ich leide,

unter deiner Hand zur Ruh.

Und wie leise sich der Schmerz

Well’ um Welle schlafen leget,

wie der letzte Schlag sich reget,

füllest du mein ganzes Herz.

Stefan hatte die beiden Stormschen Liebesstrophen vertont. Es war sein erster Versuch einer Liedkomposition. Aber es war ihm schon meisterlich gelungen. Bisher hatte er solche „Spielereien” streng von sich abgewehrt, wenn die Versuchung ihn ankam, auch einmal dies oder jenes freischaffend zu probieren. Nur was in die Methodik seines Lernens paßte, übte er mit Eifer und Sorgfalt aus. Er galt als der begabteste Musiktheoretiker von allen Hochschülern, die augenblicklich die Hochschule für Musikerziehung besuchten. Denn dort hatte er auch bereits mehrere Semester belegt, um noch vor Ostern das staatliche Musikerzieherexamen zu machen. Dazu — welch Klavierspieler! Wie liebkoste er sein Cello! Wie feinfühlig dirigierte er schon den Hochschulchor! Gewiß — Charlo spielte entflammter, besessener, genialer —! Stefan aber diente mit mustergültiger Hingabe den Werken der Großen.

Weil er sich der erdrückenden Übermacht dieser klassischen Werke bewußt war, hatte er bisher nichts selbst zu komponieren versucht außer solchen Stücken, die für die Tonsatzlehre unerläßlich und von den Lehrern vorgeschrieben waren.

Nun hatte er’s gewagt!

In seinem schlichten möblierten Zimmer, das Beethovens Totenmaske an der Wand zierte, sonst kahl wie eine Mönchzelle neben dem Klavier nur Bett, Schrank, Tisch und ein paar Stühle enthielt, hatte er’s ihnen, Charlo und Constanze, vorgespielt. Kaffee und Kuchen zur Feier des „Auszugs der Spanier mit ihrem harmonikadudelnden Sprößling” waren verzehrt.

Mit leiser Stimme hatte er’s gesungen. Sein sich zärtlich einschmeichelnder Bariton zitterte vor innerer Erregung. Charlo merkte es. Constanze, der das Lied galt, hörte es kaum. Jedenfalls machte sie sich nicht die Gedanken, die sich Charlo sofort machte.

Stefan hatte beiden den Rücken gekehrt, als er am Klavier sein Liebeslied sang und sich selbst begleitete. Aber Charlo spürte deutlich, wie alle unsichtbaren Wellen seiner sehnenden Seele zu Constanze hinströmten. An ihr vorbei. Das tat weh.

Als Stefan sich jetzt langsam umwendete und die Gesichter der beiden Mädchen prüfte, wie das Lied auf sie gewirkt hätte, da lächelte Charlo und kam Constanzen mit ein paar fein und klug gewählten Lobesworten zuvor. Verglich das Lied mit Pfitznerschen und Richard Straußischen Vertonungen und pries seinen ureigenen Rhythmus.

„Constanze, und was sagst du?”

„Ich hab zugehört,” sprach Constanze stockend und leise. „Und ich glaube dir auch in der Musik jedes Wort. So wie du’s sagst, so ist es.”

Stefan lachte sie glücklich an. Charlos Stirn zeigte eine kleine Unmutfalte, als jetzt Stefan Constanzes Hand ergriff und so seltsam erregt sagte: „Ich danke dir, liebe Stanzi, für dieses Wort!”

Zum ersten Mal sagte er „liebe Stanzi” zu ihr. Verstand sie denn noch immer nicht?

Denn Constanze seufzte nur: „Das aber, was du kannst, werd’ ich nie können.”

Stefan: „Aber das brauchst du ja auch nicht. Dazu bin ja ich da. Mir genügte es, wenn meine zukünftige Frau soviel von Musik verstünde wie du, Stanzi —”

„Hollalah!!” Der Ausruf flog melodisch aus Charlos Mund.

„Wie ich?” lächelte Constanze Stefan ungläubig an und ihr sanftes Gesicht bekam einen kindlich hilflosen Ausdruck. Nur in den großen Augen leuchteten unerschlossene Tiefen eine Sekunde lang auf — „Was willst du mit einer solch unbegabten Frau? Du mußt eine wie Charlo haben —”

„Na, nun, Kinder, hört mal auf,” fuhr Charlo dazwischen. Es sollte scherzhaft klingen. Klang aber nicht ganz so.

„Ist ja alles Theorie — —” wich jetzt Stefan vor Constanzes an seinem Herzen vorbeiredenden Worten zurück.

„Du wolltest uns noch die Sonate für die Prüfungsarbeit vorspielen —” sagte Constanze. Sie hatte gewiß auch Stefans heimliche Werbung herausgehört, aber sie war wirklich von ihrer Ungeeignetheit, einmal Stefans Frau zu sein, so überzeugt, daß sie das Ganze nicht für ernst nahm.

Stefan spielte die Sonate. Sie war streng nach der klassischen Regel aufgebaut: Nach einem antreibend bewegten ersten Satz folgte ein getragenes Andante, diesem ein Scherzo und darauf ein immer wieder sich emporringendes Finale.

Ja, Stefan war ein Musikant von Gottes Gnaden! Constanze kam sich ganz klein vor. Noch kleiner aber wurde sie, als Charlo Stefan vom Klaviersessel wegschob, sich selbst ans Instrument setzte und die Sonate vom Blatt mit einer erschütternden Kraft und temperamentvollen Vehemenz spielte, daß Stefan Tränen in die Augen bekam, als er hörte, wie Charlos geübte und beseelte Finger sein kleines Werk in triumphale Klänge verwandelten.

VI

Constanze ging allein nach Haus. Charlo war noch zu ihrer Schneiderin heraufgesprungen, um das Kleid, das sie zum nächsten Schülerkonzert anziehen wollte, anzuprobieren. Als sie an der Konditorei Senkbley vorbei ins Haus hineingehen wollte, stierte sie durch die Spiegelscheibe Mirko Machaczeks feistes Gesicht an. Im nächsten Augenblick war er draußen und redete erregt auf sie ein: Ob sie wisse, daß Stefan etwas mit Charlo hätte? Etwas ganz Dolles! In der Neujahrsnacht! So unglaublich es klänge, sie solle es nur glauben. Es sei richtig skandalös gewesen. In der Alten Fischerhütte am Schlachtensee sei’s geschehen —

„In der Alten Fischerhütte? Dort wart ihr auch?”

„Ja, bevor wir hier zurück nach Schöneberg in die Lagune fuhren. Rolf Görtz war mit, der reiche Knabe, mit seiner großen Limousine. Darein verfrachtete er uns alle, als wir vom Zigeunerkeller aufbrachen, und hinaus gings in der Nacht zum Schlachtensee —”

Constanze sah Mirko mit einem Gefühlsgemisch von Mitleid und gutmütigem Spott an: immer mußte sie ihn mit dem Max in Wilhelm Buschs „Max und Moritz” vergleichen, wenn sie sein käserundes Gesicht vor Augen hatte. Die schwarzen Haare saßen perückenhaft darüber und standen von Stirn und Nacken ab wie ein kupierter Pferdeschwanz. „Ich weiß, daß es unter euch sehr ausgelassen zuging, aber was wäre weiter dabei?”

O sehr viel wäre dabei, fuhr Mirko erregt fort — sie standen im Hausflur, denn draußen hatte es halb zu regnen und halb zu schneien begonnen — sehr viel wäre dabei! Ob sie billigen könne, daß Charlo plötzlich Stefan Klodwig um den Hals fiel? Ja, ein Sektglas hielt sie in der Rechten und mit der Linken umarmte sie Stefan, der gerade mit Issy Grenthen getanzt hatte. Und dann hätte Charlo Stefan geküßt. Und geschrieen — ganz laut ins Lokal geschrieen, daß alle im Tanz stockten und die an den andern Tischen hinüberblickten: „Junge! Stefan! Wenn du wüßtest, wie lieb ich dich hab! Zum Auffressen lieb ich dich hab! Warum küßt du mich nicht? Küsse mich!”

Constanze lachte: „Charlo war eben ein wenig beschwipst. Ihr Temperament ging durch!”

„Sie lachen?” Mirko blickte Constanze Dornbühl fassungslos an. „Mir ist nicht zum Lachen, wenn Charlo einen andern — — Sie aber lachen, wenn Ihr Stefan von einer andern geküßt wird?”

„Mein Stefan?” fragte Constanze verwundert. „Weil wir Landsleute sind — mein Stefan?”

„Also nicht. Schade. Ich dachte. Mirko knickte ganz in sich zusammen. „Um so schlimmer für mich. Ich dachte, Sie würden der Charlo vor Eifersucht die Augen auskratzen. Aber Sie haben wohl Fischblut. Sie wissen gar nicht, was Liebe ist.” Er keuchte. „Daß man daran sterben kann.” Sein feistes Gesicht glänzte schwitzig. „Aber eines müssen Sie wissen, wenn Sie noch nicht wissen sollten, was alle Welt weiß: Stefan liebt Sie!”

Constanze wurde verwirrt. „Warum sagen Sie mir das? Was quälen Sie mich mit Ihren Worten?”

„Offengestanden —: aus Eigennutz. Aus Liebeshunger. Ich liebe Charlo. Und sie soll mich lieben, nicht Stefan!”

„Kann man Liebe diktieren?” fragte Constanze.

„Sie haben’s gut. Sie hat’s noch nicht gepackt,” stöhnte Mirko, drückte den Hut in die Stirn, steckte das breite Kinn in seinen hochgeschlagenen Mantelkragen und verschwand.

Constanze erzählte Charlo von der häßlichen Szene mit Mirko Machaczek nichts. Was hätte sie ihr sagen sollen? Vor allem wußte sie nicht, wie sie es sagen sollte. Alles hätte falsch geklungen. Gewiß — sie hatte erst heute nachmittag gespürt, als Stefan sein Lied „Schließe mir die Augen beide” sang, daß er es ihr zusang. Aber war das mehr als eine kleine Anschwärmerei? Liebe — — nein —: Liebe müßte anders sein. Nicht nur so: Ich liebe dich. Kuß. Werde mein. Kuß. Heirate mich. Schluß. Liebe —!

Ob Charlo Stefan wirklich liebte? Auf ihre Art — gewiß. Aber Stefan mochte vielleicht diese Art nicht. Obwohl — wie gut würden die Beiden zusammenpassen. Das spürte Constanze besonders dann, wenn sie zu dritt beisammen waren und das Gespräch sich mit schwierigen musikalischen Problemen zu beschäftigen begann. Dinge, die Constanze ebensowenig je begreifen würde wie die höhere Mathematik. Was sie davon in der Hochschule für die Theoriestunde erlernen mußte, paukte sie sich mühsam ein. Meist mit Stefans Hilfe. Charlo brauchte dafür Stefans Hilfe nie. Im Gegenteil: „Ich lerne noch von dir, Charlo,” sagte er einmal nach einem langen Gespräch über atonale Musik. Charlo war ihm ebenbürtig, Constanze blieb seine Schülerin. Und wenn Stefan mit ihr von Musik redete, sprach er auch so wie zu einer Schülerin. Meist aber redete er mit ihr nicht von der Musik....

Muß das gleich Liebe sein, wenn er manchmal nette Worte zu ihr sagt, der gute Stefan?

VII

Wunibald Venus schnaubte vor Wut. Seit er Inspektor in der Hochschule für Musik war — und das sind nun bald an die zwanzig Jahr — schnaubte er so an jedem Tag in seinen Walroßbart hinein. Zwei Zentner wog er, aber er war nicht groß. So wirkte er fast breiter als hoch in seiner rundlichen Fülle.

Herr Venus — dieser dicke Mann, den Schönheit wahrlich nicht plagte, hieß wirklich so — sorgte für die Ordnung in dem musizierendsten Hause Berlins. Und das will was heißen bei 600 zivilen Studenten und 400 Militärmusikern! Sowohl für Chor- und Orchesterproben hatte er täglich die Räume zu besorgen wie für die einzelnen Übungen und Studierenden.

Wie sollte man das ohne Hexerei fertig kriegen, wenn allein 120 Lehrer unterrichteten und nur 80 Übungszimmer da sind? Muß es da nicht täglich Karambolagen geben?

Natürlich gab es täglich Karambolagen. Dr. Sievenkamp, der bekannte Musiktheoretiker, irrte vor seiner Tür umher, weil alle Theoriezimmer augenblicklich besetzt waren. Wen sollte er nun hinausschmeißen? Er kann doch nicht den Herrn Direktor —? Nein, dem Herrn Direktor kann er nicht sagen: Eure Uhr ist abgelaufen, eigentlich ist schon Dr. Sievenkamp an der Reihe.

Und so hatte man immerfort mit der Zimmerverteilung seinen Ärger. Da kam Issy Grenthen angefegt. Die kleine rotblonde Hexe hat ihm gerade noch gefehlt. Ehe Issy überhaupt nach bescheidenstem Anklopfen richtig in das Bürozimmer des Herrn Wunibald Venus eingetreten war und die Bitte um Zuweisung eines Übungszimmers aussprach, brüllte Herr Venus in das durcheinander blasende, klavierende, flötende und geigende Getöse, das in die Korridore trotz der dämpfenden Korkwände hineinklang: „Raus!!”

Nichts als „Raus!” brüllte Herr Venus und kehrte der aber keineswegs erschrockenen Issy den Rücken zu. Herr Venus sah zum Fenster hinaus und paffte seine Zigarre kaputt. Ärgerlich warf er den zerlutschten Stummel in den Aschbecher, der auf dem Fensterbrett stand. Weitere drei Aschbecher zierten den Schreibtisch, den Waschbehälter und das andere Fensterbrett. Denn Herr Venus rauchte ununterbrochen. Es dampfte bei ihm immer wie im Venusberg zur Walpurgisnacht.

Plötzlich ein Schluchzen. Issy weinte. Krokodilstränen. Aber sie purzelten wirklich über die Wangen. Sie konnte auf Kommando weinen.

„Wat’n los?” drehte sich Herr Venus um. Er hatte nämlich im tiefsten Grunde seiner mächtigen Brust ein goldenes Fettherz hängen. „Wat’n los, Fräulein?”

„Wenn ich beim Konzert mich verplempere, sind Sie schuld, lieber Herr Venus!”

„Achtundvierzig!!” brüllte Venus mit grimmigstem Gesicht. Sonst nichts.

Issy lachte, sprang auf und hinaus — nach Zimmer 48.

Auch Constanze wollte fürs Konzert üben. Auch sie klopfte bescheiden bei Herrn Venus an und erwartete die übliche Schimpfkanonade.

Aber Herr Venus schrie ihr nur entgegen: „Nicht heulen! Siebenundsechzig!”

Und Constanze ging nach Übungszimmer 67.

Darin stand nichts weiter als zwei akkurat nebeneinander gerückte Flügel und ein Notenschrank. Sie übte den Walzer in Cis moll von Chopin. Sie sollte ihn im Konzert auswendig spielen, das Mitte Januar in der Hochschule stattfand.

Professor Dämpfinger trat, während sie einen Triller immer wieder probierte, leise ein. „Gut so. Weiter —” flüsterte er.

Constanze spielte weiter. O, es ging wider Erwarten besser als sie dachte. Da Dämpfinger weder knurrte noch murrte, mußte auch ihm ihr Spiel zusagen.

Als sie geendet hatte, sagte Ignatz Dämpfinger nichts, Dämpfinger, von dem Charlo behauptete, er hätte Hände und Finger wie Wachs, aber mit Stahleinlage, so weich und doch klar sei sein Anschlag. Das war ein gutes Zeichen, daß der Professor nichts sagte. Sondern nur so wie jetzt mit dem Mittelfinger der rechten Hand über seinen Hindenburg-Schnurrbart strich.

„Herr Professor?”

„Also Sie bleiben, Dornbühl. Ich habe Hoffnungen mit Ihnen. Ihr Probesemester ist beendet.”

„Danke, Herr Professor. Und beim Konzert?”

„Spielen Sie ruhig diesen Walzer vor. Außerdem mit Issy Grenthen die Petite Suite von Debussy. Vom Blatt, aber sauber! Und — ja, noch etwas! Im Schubertschen Forellenquintett den Klavierpart. Auch vom Blatt!”

„Herr Professor —” Constanze wußte vor Verblüffung nichts weiter zu sagen. Offensichtlich wollte Dämpfinger sie herausstellen. Da fiel ihr ein: Tasso Sempach hatte ihm sicher geschrieben. Also — Protektion — — — Sie wurde wieder kleinmütig. „Werde ich das alles können? Wenn ich etwas umschmeiße?”

„Sie werden’s können. Wir haben noch zehn Tage Zeit zum Üben. Und da wird geübt, Dornbühl, verstanden? Sie kennen doch Stefan Klodwig gut?”

„Ja, gewiß, aber —”

„Na, der hilft Ihnen doch gern, Dornbühl! Weiß ich doch!” Jetzt lächelte Dämpfinger sogar. Und Dämpfinger lächelte selten.

Ja — Tasso Sempach hatte seinem einstigen Studiengefährten am Münchener Staatskonservatorium noch am Neujahrstag vor seiner Abreise aus Berlin geschrieben: Lieber Freund! Ich hätte dich gern selbst aufgesucht, aber am 3. Januar dirigiere ich in Amsterdam die Ouverture 1812 und die Symphonie (Pathétique) von Tschaikowsky. Du wirst sagen: Du hast’s geschafft. Aber glaube mir, ich beneide dich, wenn ich an dein gegen meine Dirigentenreisen geruhsames Schulgewerbe denke. Das soll nicht prahlerisch klingen. Es ist wirklich so. Ich bin müde der Triumphe und tauschte gern mit dir. Zumal du das Glück hast, einen holden Botticelli-Engel zu unterrichten. Jetzt grienst du: ganz der alte Sempach, der aus seinem schon verrückten Taufnamen Tassilo einen noch verrückteren Künstlernamen Tasso gemacht hat und noch auf seine alten Tage hinter den kleinen Mädchen her ist. Stimmt nicht ganz, mein Freund. Ich lebe wie ein Mönch. Kannst es glauben. Aus der Traum! D.h. träumen tu ich noch manchmal. So auch von deinem holden Botticelli-Engel alias Constanze Dornbühl. Sang im Chor mit, als ich die „Neunte” in eurer Hochschule dirigierte. Du Faultier warst natürlich in die Ferien gereist. Zum hundertsten Male nach deinem geliebten Holzknechtdorf im Oberbayrischen! Knaster paffen und mit deinen Landsleuten klug schnacken! Ja, diese Constanze traf ich dann ganz zufällig auf dem Heimweg im Tiergarten. Wirklich: zufällig. Denk dir, das Mädel hatte Tränen, als sie das Lied an die Freude sang. Muß ein gefühlstiefes Herz besitzen. Für die Liebe: herrlich, für die Kunst: gefährlich. Verdirbt den klaren harten Aufbau des inneren Werdeganges. Aber etwas wird sie schon können. Das Mädchen hat mich gerührt. Ich kann’s nicht anders ausdrücken. In seiner so von allem Dreck der Welt noch fernen Reinheit. Dieser süße Anhauch von Jugend in dem weichen Gesicht. Ich nannte sie Botticelli-Engel, weil sie mich an einen Engelskopf erinnerte, den ich in irgendeinem Museum einmal gesehen habe. Vor allem die Augen, diese großen, ganz, ganz blauen Augen, deren Tiefen noch unangetastet schlummern. Und der Mund, der in seiner etwas traurigen Linie so rührend wirkt. Wenn er lächelt, wirkt er ganz kindlich. Aber manchmal, wenn das Mädchen vor sich hin sinnt, da ist soviel — wie soll ich sagen? — soviel zukünftige Traurigkeit schon um diesen Mund versammelt. Ich fürchte, sie wird auch einmal Schmerz zu überwinden haben. Denn jetzt ist ihr Leben wohl im Grunde noch sorglos und kindlich froh gestimmt.

Du, Ignatz, kümmere dich bissel um den Botticelli-Engel! Aber kümmere dich, auch wenn sie nicht allzuviel fertig kriegt, was ich fast befürchte. Denn soviel hab ich gemerkt, daß das Mädel noch nicht das Letzte um die Musik und ihre vampyrhafte Gewalt weiß, die sie über jene besitzt, die von ihr besessen sind. Möge sie auch nie zu den Besessenen gehören. Aber — mach eine gute Schülerin aus ihr. Die sich nicht blamiert! Versprich mir das, Ignatz! Und nun: ein gutes Neues Jahr auch dir, alter Igel! Immer Dein Tasso.

Ignatz Dämpfinger hatte auf einer Postkarte geantwortet: Die Dornbühl ist so, wie Du sie siehst. Will mein Möglichstes versuchen, alter Don Juan Du! Sympathisches Wesen. Bemüht sich auch ehrlich. Im übrigen keineswegs unbegabt. Möge Dir Dein Ehrgeiz weiter gut bekommen. Meiner liegt in der untersten Schublade meines Schreibtisches begraben. Für immer. Seit ich vor Jahren mit meiner Sinfonietta durchfiel. Immer Dein Ignatz.

Tasso Sempach erreichte Dämpfingers Karte in Mailand, wo er in der Skala als Gast die „Tosca” dirigierte. In der Pause las er sie. Und lächelte so beglückt, daß die gerade am Dirigentenzimmer vorüberschreitende Darstellerin der „Tosca” — die Tür stand offen! — ihn ganz verblüfft ansah.

„Wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre —” flüsterte Sempach. „Nun ist’s vorbei. Für immer vorbei.” Aber er freute sich doch, in Ignatz Dämpfinger einen guten Schutzpatron für Constanze gefunden zu haben.

VIII

Der große silberweiße Saal der Hochschule für Musik konnte nicht allen Zuhörern, die zu dem öffentlichen Schülerkonzert herbeieilten, einen Platz bieten. Viele mußten stehen; Nachzügler mußten umkehren. In der vordersten Reihe sah man diesen und jenen dem Publikum aus den Berliner Konzertsälen schon wohlbekannten Künstlerkopf: Klaviervirtuosen, Komponisten, Geiger von Rang und Ruf. Dazwischen die Schar der lauschenden Schüler und Verwandte, Bekannte der Mitwirkenden.

Die Magneten des Konzerts hießen Charlo Wildhofer, Mirko Machaczek, Stefan Klodwig.

Mirkos Cremoneser Geige triumphierte diesmal über Charlos Klavier und Stefans Cello. Er spielte hinreißend, dieser dreiundzwanzigjährige Prager, dem die Musik im Blut lag. Schon bei der Beethovenschen Violinsonate wollte der Beifall kein Ende nehmen; noch niemals aber war in der Hochschule so unaufhörlich in die Hände geklatscht worden, wie nach der rasenden Tarantella eines modernen Komponisten, deren schwierige Tonfolgen Mirko Machaczek mühelos meisterte.

Der Haß gegen die hoffnungslos geliebte Charlo ließ ihn in diesem musikalischen Wettbewerb über sich hinauswachsen. Als er die Tarantella spielte, bekam sein Gesicht etwas Satanisches. Die um seine Leidenschaft für die Wildhofer wußten, merkten es alle: er spielt dieses Stück nur für Charlo — oder vielmehr gegen Charlo. Er wollte sie niederzwingen. Wenigstens im Konzertsaal als Sieger über das Mädchen triumphieren, deren Herz er gern ebenso besiegt hätte.

Charlo wurde trotzdem ebenfalls sehr gefeiert. Sie hatte ein festliches Kleid an von braunem Seidensamt mit einem bestickten weißen Chiffoneinsatz, aus dem sich ihr brünettes Gesicht sehr apart und wirkungsvoll heraushob. Die hochgestellte Lockenfrisur zeigte ihre kluge runde Stirn. Aus ihren Augen sprühte Hingerissenheit und gänzliches Vergehen in dem Meisterwerk, als sie Beethovens Waldstein-Sonate in ihrer ganzen zu den Sternen greifenden Kühnheit zu erfassen versuchte. Charlo durfte den Sonderbeifall Ferdinand Dumonds einernten, des berühmten Beethovenspielers. Dumond sagte zu dem Direktor der Hochschule: „Ich hätte es kaum besser gemacht.”

Auch Stefan hatte, wenn zwar einen im Beifall sanfteren, so doch voll anerkannten Erfolg mit dem sauberen und klaren Cello-Solo-Vortrag der zauberselig schwermütigen Rokokovariationen von Tschaikowsky. Immer sang und jubelte und klagte sein Cello dominierend über dem begleitenden kleinen Orchester. Ja, das Cello Stefans sang, jubelte und klagte voller Inbrunst — aus tiefster Seele; denn er spielte für Constanze, die im darauffolgenden fröhlichen Forellenquintett von Schubert als Spielerin des Klavierparts sich an seine Seite gesellte.

Constanze, in Stefan Klodwigs Nähe sehr ruhig und mutig, heimste hier einen kleinen Sondererfolg ein. Als sie sich am Schluß des Quintetts auch erhob, um für den Beifall zu danken, da wurde das Händeklatschen da und dort etwas stärker. Ignatz Dämpfinger aber strich sich mit dem Mittelfinger der Rechten den Hindenburgschnurrbart und nickte ihr wohlwollend zu. Constanze lächelte Stefan beglückt an und Stefan lächelte noch viel beglückter zurück, als sich jetzt alle fünf Spieler noch einmal verneigen mußten. „Die beiden kommen doch noch zusammen. Wetten, daß —” sagte Hermann Pieskow, das größte Munkelmaul der Hochschule, zu seinem Nachbarn, dem neunzehnjährigen Christoph Sanden, einem blondhaarigen frischen Jungen, der schüchtern und heimlich von fern Constanze Dornbühl anschwärmte. „Wetten, daß —” schlug Christoph in die hingehaltene Hand Hermann Pieskows ein. „Ich glaub es nicht. Sie liebt ihn nicht. Er sie — ja. Aber sie ihn — nein.”

Christoph Sandens Blicke hingen mit einer keuschen Verehrung an Constanzes lieblicher Gestalt. Wie schön sah sie in ihrem schlichten cremefarbigen Waschkleidchen mit der schottengemusterten Schärpe aus. Charlo, Issy und die meisten anderen Schülerinnen traten schon ganz als große Damen auf in „grande toilette”. Constanze wäre sich „so zurechtgemacht” komisch vorgekommen. Sie kritisierte keineswegs Charlos Diva-Gebaren deshalb; zu Charlo gehörte das, ihr lag es nicht.

Aber nicht nur unter den Mitschülern, auch von den Gästen richtete manch Männerblick sich mit verstohlenem Wohlgefallen immer wieder auf das so sanft und noch ganz jungmädchenhaft kühl wie eine Seerose sich in seinen schönen Linien entfaltende Antlitz, den noch etwas kindertrotzig sich wölbenden Mund, die großen tiefblauen Augen, das einen so friedvollen Glanz ausströmende Haar, das von der leuchtendbraunen Farbe junger frischer Kastanienfrüchte war. Der große Dumond flüsterte dem Direktor zu: „Wenn die Kleine so schön spielen könnte wie sie zum Anschauen ist, würde sie noch die temperamentvolle Wildhofer übertreffen. Aber Gott sei Dank, daß sie’s nicht so sehr gut kann. Ihre Schönheit würde bald darunter leiden.”

Der Direktor rief Dämpfinger heran: „Sie haben Fräulein Dornbühl den Walzer von Chopin allein vorspielen lassen. Etwas verfrüht. Fräulein Dornbühls Spiel verschwamm ein bißchen unsicher an drei, vier Stellen.”

„Na, eine Blamage war’s ja nicht. Die meisten haben’s nicht gemerkt,” wollte Dämpfinger beschwichtigen. Und auch Dumond setzte sich für Constanzes Spiel ein, sie hätte doch alles in allem ihre Sache ganz gut gemacht. Und es hätten wirklich die meisten nichts gemerkt.

„Aber ich hab’s gemerkt,” sagte der Direktor entschieden. „Also in Zukunft, lieber Dämpfinger, stellen Sie Fräulein Dornbühl in deren eigenem Interesse etwas vorsichtiger heraus!”

Constanze wußte es selbst zu gut, daß Dämpfinger ihr mit dem Auswendigspiel des Walzers in Cis-moll von Chopin zu viel zugebilligt hatte. Ja, allein im Übungszimmer hatte sie es geschafft; aber beim öffentlichen Auftreten zeigte es sich dann doch, daß sie jene unbekümmerte Souveränität, mit der eine Charlo das schwierigste Klavierstück beherrscht, nicht besaß und, wie sie, selbstkritisch genug, befürchtete, nie besitzen wird.

Als Dämpfinger ihr die kleinen Entgleisungen nach dem Konzert mit wohlwollendem Tadel anmerkte, nickte sie nur: „Ich weiß, Herr Professor. Ich will weiter studieren, damit’s besser wird — das nächste Mal! Aber sonst —”

„Im Forellenquintett und beim Vierhändigspiel der Suite von Debussy mit Issy Grenthen zusammen war nichts zu tadeln.”

Constanze lächelte: „Ich bin schon zufrieden, daß wenigstens das beides gelang. Allein — ich komme mir dann so hilflos vor — allein auf dem Podium — die vielen Menschen —”

„Sie dürfen keine Angst haben, Dornbühl,” sagte Dämpfinger gütig.

„Aber wenn sie kommt —? Ich bin eben keine Wildhofer,” seufzte sie. Dies klang so drollig, daß selbst Dämpfinger laut dröhnend lachen mußte.

Und Constanze stimmte hell in das Lachen ein. Sie wußte, trotz der kleinen Patzer im Chopin-Walzer behielt sie weiter bei Dämpfinger einen Stein im Brett.

Für Charlo dagegen endete das Konzert mit einem Mißklang. Als sie, von Dumond begleitet, die Hochschule verließ und Dumond ihr gerade ein paar sehr lobende Worte über ihr Spiel sagte (Dumond war sehr sparsam mit diesem Lob), da trat ihnen in der stillen Kurfürstenallee, die zum Bahnhof Zoo führt, Mirko Machaczek in den Weg.

„Hast du gemerkt, wie Stefan nur Augen für Constanze hat?” schrie er sie wutschnaubend an. Sein käserundes Gesicht verzerrte sich wieder so teuflisch wie während des Spiels der Tarantella. Charlo erschrak. Sie war keines Wortes mächtig. Ehe Dumond ihn zur Rede stellen konnte, war Mirko Machaczek zur Seite gesprungen und hatte den Weg wieder freigegeben.

Er verschwand wie eine Spukgestalt zwischen den müden Laternen, indem er sich buchstäblich seitab in die Büsche schlug.

Charlo bekam daheim einen Weinkrampf. Cäcilie mußte sie trösten. Sie legte Charlo fürsorglich ins Bett und kochte Kamillentee. Das entkrampft. „Ihr seid alle überreizt mit Eurer ewigen Musiziererei. Ruh dich aus, Charlo, und laß Mirko Mirko sein und Stefan Stefan.”

„Sag Constanze nichts; sie muß auch bald heimkommen, natürlich ist sie noch mit Stefan irgendwo unterwegs —” Und Charlo schluchzte von neuem auf.

Wer die heut nachmittag so Gefeierte jetzt gesehen hätte, wäre kaum dem Neid verfallen.

„Schlafe, Charlo, schlafe —” streichelte Cäcilie mit ihren guten Patschhändschen Charlos tränennasses Gesicht.

Und da schlief Charlo endlich ein, um wenigstens im Schlummer ihre Qual zu vergessen. Die Qual mit Mirko. Und die Qual mit Stefan.

IX

Der D-Zug flog in die verschneite Hang- und Hügelwelt der thüringischen Saalelandschaft hinein. Da waren schon Saaleck und Rudelsburg, mit Schneepelzen wunderlich vermummt! Die Dornburger Schlösser träumten noch verschlafener, als sie es im Sommer gewohnt sind.

Jena. Hier verließen Constanze, Charlo und Stefan den D-Zug, um mit einer gemächlicher dahinfahrenden Gebirgseisenbahn Wasungen zu erreichen. Das war Constanzes Zuhaus.

Als sie, mit ihren Skiern bewaffnet, in dem geräumigen 3. Klasse-Abteil für Reisende mit Traglasten unter kiepenbepackten Marktfrauen und knasterrauchenden Spielzeugmachern in den immer märchenhafter verschneiten Thüringer Wald hineinfuhren, legte Charlo den Arm um Constanzes Schulter und sah sie dankbar an: „Nochmals — Stanzi, herzinnigen Dank, daß du mich mitnahmst. Ich habe diese Erholung arg nötig — und hier, weiß ich, werd ich mich erholen —”

Stefan nickte mit seinem gutmütigsten Grienen Constanze schweigend zu; das sollte heißen, ich schließe mich dieser Dankkundgebung begeistert an. Stefan stand rechts, Charlo links von Constanze, alle drei in ihre dicken Wintermäntel verpackt; Charlo mit ihrem kurzen Nerzpelz erregte unter den Marktfrauen staunende Blicke und bewundernde Flüsterworte. Constanzes Mantel mit einem Biberkrägelchen war sportmäßig geschnitten und betonte das noch immer fast kindlich Wirkende ihrer Figur.

Nach einer Weile, als der Zug von einer Kleinbahnstation zur andern sich wieder einmal in Bewegung setzte und in einer schon hochwandigen Waldschlucht fauchend und prustend emporkeuchte, fragte Charlo: „Hast du auch deine Eltern gefragt, ob wir willkommen sind — Stefan und ich?”

„Ich hab euch angemeldet. Und wen ich anmelde, für den hält mein Vater die Gastzimmer von Wasungen offen.”

„Aber deine Mutter?” forschte Charlo weiter, während sie sich ein Cuckloch in die Eisblumenfenster des Kleinbahnwagens hauchte, „Erzähltest du nicht früher, daß sie eigentlich dagegen war?”

„Wogegen?”

„Gegen dein ganzes Musikstudium. Daß sie gemeint hätte, dies wäre nicht die für dich gegebene gesellschaftliche Atmosphäre. Ich glaube, so drückte sie sich nach deinen Worten aus —”

„Wie kann jemand die Musik eine gesellschaftliche Atmosphäre nennen?” warf Stefan ein.

„Es ist so,” nickte Constanze, einen Augenblick lang mit einer Unmutfalte in der Stirn versinnend, Charlo und Stefan zu. „Aber was tut’s? Mama wird nicht mehr umlernen. Und ich weiß, was ich will. Im übrigen braucht ihr Mama keineswegs zu fürchten. Sie ist so sehr Dame, — zu sehr für meine Wildfanggefühle, die mich in Wasungen immer besonders toll überkommen — ja, sie ist so sehr Dame, daß sie euch mit der vornehmen Freundlichkeit, die ihr eingeboren ist, empfangen wird. Natürlich müßt ihr auch —”

Stefan fiel ihr lachend ins Wort: „Nein, wir werden sie mit Schneebällen beschmeißen und schreien: Na, alte Dame, auch noch rüstig auf den Beinen?”

Charlo lachte: „Ich wußte gar nicht, Stefan, daß du so witzig sein kannst —”

„Ich auch nicht,” lächelte Constanze, „er kriegt jetzt schon rote Backen! Und wir haben vier Tage vor uns. Ja, wenn ich Hubert Feinboese nicht im Tiergarten getroffen hätte —”

„Was hat unsere Fahrt mit diesem feinbösen Knaben zu tun? Wer ist das überhaupt?”

„Hubert stammt aus dem Dorf Wasungen. Aus einer sehr kinderreichen Holzfällerfamilie. Er ist der Älteste von neun Geschwistern und lernt in Berlin das Schriftsetzen in einer kleinen Druckerei am Monbijouplatz. Und neulich trafen wir uns, als ich von der Hochschule her zum Potsdamer Platz durch den Tiergarten lief. Ich stand schon ein wenig von Heimweh geplagt am Neuen See, wo die Entchen herumschwammen — es war Mitte Februar, als die frühlingswarmen Tage waren — ja, und wenn ich Entchen seh, dann muß ich an meine Wasunger Entchen und Hühnerchen denken, und als mich in diesem Augenblick im heimatlichen Tonfall eine Stimme ansprach: ‚Grüß Gott, Fräulein Dornbühl!‘ da schrie ich: ‚Wahrhaftig — der Hubert!‘ und da war’s wieder mal aus —”

„Warum war’s aus?” fragte Stefan erstaunt.

„Ja, es war wieder mal aus mit der Freude an Berlin, an der Musik, an unserer Cikadenbude in der Salzburgerstraße. Nix wie heim! dachte ich und konnte den Gedanken nicht abwehren. Hubert Feinboese begleitete mich bis zum Potsdamer Platz. Wir sprachen den ganzen Weg von zu Haus. Und all dies hier entstand vor mir so verlockend, daß ich es als eine Fügung des Himmels ansah, als der Direktor tags darauf verkündete, er müßte uns allen fünf Tage Zwangsferien zudiktieren, weil dringende Reparaturarbeiten in mehreren Sälen und Übungszimmern ein Musizieren wegen des notwendigen Maurerlärms unmöglich machten. Da stand’s für mich doppelt fest; Nix wie heim. Und euch nehm ich mit.”

Im letzten Dämmer ächzte die Bimmelbahn durch ein Felsental. Die hohen Felsen nahmen mit ihren weißen Schneekappen wunderliche Gestalten an. Der Tannen Tanz am vorüberfahrenden Zug vorbei war ein gespenstischer Reigen in Schwarz-Weiß. Stefan öffnete das Fenster und atmete befreit. Der Wind orgelte durch die Millionen Wipfel der Tannenmeere, die hier sich wogend ansammeln — bergan, bergab. Stille Wolken umwandelten den Mond.

„Aber jetzt packt eure Siebensachen,” schlug Constanze Alarm, „Wasungen naht — da ist der kleine Bahnhof. Ihr werdet ihn in der Winterabenddämmerung kaum noch erkennen. Es fängt auch wieder an zu schneien. Aber ich seh ihn. Und da steht auch unser Schlitten. Wenn ich nicht irre, sitzt Alfons Feinboese auf dem Kutschbock, ein Bruder Huberts —”

Ja, es war Alfons, der siebzehnjährige Bruder Huberts, der aushilfsweise Kutscherdienste in Wasungen leistete, ein ebenso knallrotwangiger, untersetzter Bursch wie es Hubert war. Er wippte mit der Peitsche und legte die Hand an die Mütze.

„Sei mir gegrüßt, Don Alfonso —” winkte Constanze ihm mit der freien Linken. In der Rechten trug sie ihren Handkoffer. „Hol unsre Skier und den großen Koffer von Fräulein Wildhofer — ja, ja, das ist hier die Dame, von deren großartigem Klavierspiel ich dir einmal erzählte. Du brennst darauf, ihr etwas auf deiner Harmonika vorzuspielen, ich weiß — hier, Herr Stefan Klodwig, versteht auch viel von Musik — die beiden Künstler werden dein Spiel gern begutachten, wenn du ihnen ihr Gepäck schnell heranholst —” Alfons flitzte lachend davon.

„Du strotzt ja vor Übermut,” sagte Charlo. „Preist mich hier aus, daß die Leute neugierig stehenbleiben.”

„Ist das ein Wunder in Thüringen? Wo fast jeder sich für einen Musikanten hält und es meist auch ist?”

Das Gepäck war auf den Schlitten verstaut. Charlo und Stefan hatten sich in Decken vermummt und auf Constanzes Anweisung allein in den Schlitten gesetzt. Alfons Feinboese wollte Peitsche und Zügel ergreifen, da sprang Constanze auf den Kutschbock. „Ich fahre die Fuhre durch diese winterliche Mondnacht — Heihoo!”

Und schon klingelte der Schlitten die Bergwaldstraße ins Tal hinab. Vorbei ging es an einem spiegelglatt zugefrorenen Teich, hinein in eine von kirchturmhohen Tannen begleitete Schlucht. Dann öffnete sich jäh das Tal: fernab flimmerten golden die Lichter einer kleinen Stadt. Ihre alten Türme hoben sich als scharfe Silhouette vom Himmelsrand ab, den der letzte Schein erhellte. Der Mond schuf eine Erlkönigstimmung: er wanderte über schwarz aus dem Schnee ragende Weiden dahin, die mit ihren struppigen Köpfen in einen Bach hineinschauten, der jetzt in der weiten Schneefläche spurlos verschwunden zu sein schien.

Ein zweiter Schlitten läutete den durch die Wintereinsamkeit auf Kufen Gleitenden entgegen. „Ich kenne die Glöckchen! Das ist Dorothee vom Saalwiesenhof!” lachte Constanze. „Heihoo!!” schrie sie dem andern Schlitten entgegen.

Und „Heihoo!” kam’s zurück.

Beide Schlitten hielten in der nächsten Sekunde mit einem Ruck, daß sich die Pferde aufbäumten, und die Jugendfreundinnen lagen sich in den Armen.

„Was macht der Gustl Droop?” fragte Constanze.

„Ach der —” lachte Dorothee aus ihrer Pelzkappe heraus, deren Klappen sie über die Ohren gezogen hatte. Sie trug einen blauen Skianzug. „Auf Brautschau geht der Gustl.”

„So, so. Da fehlt also eine neue Saalwiesenbäuerin! Und ich dachte immer, du —”

„Gewiß fehlt eine —!” lachte Dorothee wieder ihr helles Lachen. Aber abwarten! Und wenn’s so weit ist, handeln. Wen bringst du denn mit? Gäste? Aus Berlin?”

„Meine Studienfreunde. Charlo Wildhofer, Stefan Klodwig —” stellte Constanze vor. „Und das ist meine Jugendfreundin Dorothee, die genau solche Schwarzkirschenaugen hat wie du, Charlo —”

„Na, na —” wehrte Dorothee ab. „Das läßt sich wohl nicht vergleichen.”

Charlo lachte: „Da haben Sie recht. Ihre Augen sind gewiß nicht so verschlafen wie meine. Aber das soll keine Mahnung sein, Constanze —”

„Trotzdem. Auch ich will nach Haus. Also — Dorothee: Kuß, Schluß.” Sie küßten sich leicht, wie sie’s als Kinder beim Abschied gewohnt waren. „Ich komme dich besuchen!”

„Tu das! Herrlich!” lachte Dorothee. „Seppl wird sich freuen!”

„Wer ist denn Seppl?” fragte Stefan, als die Pferde eine steile Anhöhe im Schritt gingen.

„Aha — eifersüchtig —” neckte Charlo.

„Ja, wer ist Seppl? Das ist eine lange Geschichte. Seppl heißt mein Vater bei uns Kindern und bei Dorothee.”

„Dein Vater heißt doch, denke ich —” wollte Charlo fragen.

„Gewiß, er trägt den schönen Namen Egbert. Aber mit dem zweiten Vornamen heißt er Josef. Und dann heißt er, wenn er Romane schreibt: Sepp Dorn.”

„Sepp Dorn? Du, den ich immer so gern lese, wenn ich abgekämpft bin? Das ist dein Vater? Und du kleines Biest hast’s nie verraten, sondern mich immer schwärmen lassen von ihm. Sieh doch an, das hätt’ ich gar nicht gedacht, daß du Geheimnisse so gut für dich behalten kannst —”

„Das war doch gerade schön,” lachte Constanze in die heimatselige Winternacht.

Der Schlitten flog an der „Liebesbank” vorbei und eine sanfte Anhöhe hinan.

Da leuchtete mit allen Fenstern golden das Vaterhaus in die verschneite Bergnacht.

X

In der Halle des Gutshauses erwarteten Constanzes Eltern die Ankommenden; Constanze warf den beschneiten Mantel beiseite und flog ihrem Vater, einem mittelgroßen Herrn mit den großen gütigen Augen und dem gelassen lächelnden Mund jener, die das Leben vor der Zeit weise gemacht hat, um den Hals. „Hoijotoh, Seppl,” schrie sie immer wieder, „Hoijotoh!” Dieser Walkürenruf war das alte Kampf- und Siegessignal zwischen Vater und Tochter noch von jenen Zeiten her, da Egbert Dornbühl Intendant des Altenburger Theaters gewesen war. Ursprünglich ist Dornbühl aktiver Offizier gewesen. Kavallerist. Bei den Merseburger Husaren. Dort hatte er auch seine Frau kennengelernt, die eine geborene von Eggeshaußen war, Tochter des ehemaligen Merseburger Regierungspräsidenten. Sie hatte viele Bewerber, doch sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, dem Oberleutnant Egbert Dornbühl ihr Herz zu schenken, obwohl sie und die Ihren eigentlich viel auf „Familie” gaben und an sich lieber einen adligen Namen mit dem Clothildes, so hieß Frau Dornbühl mit Vornamen, verknüpft gesehen hätten. Aber Egbert hatte es ihr nun einmal angetan; im übrigen stammte er aus einer Altenburger Hofbeamtenfamilie, die auch ihre Vorfahren bis ins Mittelalter hinein mit patrizierhaftem Stolz nachwies. Egbert Dornbühl allerdings gab darauf wenig. Er lebte damals das Leben unbekümmert, angriffsfroh, liebeüberströmend — eben wie ein verwegener Husar. Er wurde später noch Rittmeister und Major. Und dann, als es in der militärischen Karriere nicht weiter gehen wollte, auf Betreiben der Eggehaußenschen Verwandtschaft Hoftheaterintendant in Altenburg. Er fügte sich auch darein und machte die Sache besser als mancher erwartete; denn in ihm steckte ein gefälliges musikalisches Talent und ein natürliches Gefühl für alles Künstlerische und Schöne.

Im Weltkrieg wurde er wieder Offizier; zeichnete sich in der Flandernschlacht so aus, daß er Oberstleutnant wurde und ein Regiment bekam. Aber in diesem Krieg fielen seine beiden ältesten Söhne. Ein dritter Sohn war in Amerika verschollen. Ihm blieb nur Eufemia, die damals vierzehnjährige Tochter. Es war sehr einsam in Wasungen, als Egbert Dornbühl aus dem Krieg heimkehrte. Da gebar ihm seine Frau noch einmal ein Kind. Und dieses Kind war Constanze, die ihm jetzt mit wilder kindlicher Ausgelassenheit am Hals hing und immerzu: „Hoijotoh, Seppl!” schrie, bis Frau Clothilde ein leises „Wir sind nicht allein, Constanze” flüsterte, das gütig lächelnd geäußert war und doch scharf mahnend klang.

Von Constanzes Gesicht wich jäh die kindliche Seligkeit: „Entschuldige, Mama! Guten Abend, Mama! Verzeih, ich war so froh. Hier das sind also meine Studienfreunde: hier die berühmte Charlo Wildhofer —”

Charlo gab Constanze einen abwehrenden Puff; dann aber wurde sie ganz Dame und nahm mit einer leichten Verneigung Frau Clothildes entgegengereichte Hand. Auch Stefan Klodwig wurde von Frau Clothilde bei der Vorstellung mit liebenswürdigem Lächeln begrüßt.

Als alle zu Bett gegangen waren — die Herangereisten hatten nur noch einen Imbiß im kleinen Speisesaal eingenommen und waren dann todmüde in die Federn gesunken — gab es freilich noch eine leicht erregte Debatte zwischen Herrn und Frau Dornbühl über die etwas „unpassenden” Freundschaften Constanzes. Ihre Jüngste hätte so gar nicht die „selbstverständliche” Hinneigung zu den „standesbewußten” Kreisen, zu denen Constanze nun einmal gehörte. Es wäre doch unmöglich, wenn sie diesen sicher sehr braven, aber in gewisser Weise doch unmöglichen Stefan Klobig —

„Klodwig, Clothilde!” fiel ihr Egbert ins Wort und sah bekümmert zum Sternenhimmel hinauf, während er noch seine Gutenachtzigarette zum offenen Fenster hinaus rauchte. „Klodwig — —! Aber was soll das? Ich bin froh, daß mein Kind sich seine kindliche Unbefangenheit dem Leben und —” er betonte es ein wenig spöttisch, „— der Gesellschaft gegenüber bewahrt hat. Im übrigen kannst du ganz beruhigt sein: Constanze ist nicht verliebt.”

„Weißt du das so genau?”

„Ich kenne doch meine Constanze.”

„Schön, dann übernimm du die Verantwortung für deine Constanze. Ich reise morgen zu Euchen nach Leipzig. Ich will mit dem ganzen Arrangement hier nichts zu tun haben.”

„Du reist zu Euchen?” fragte Egbert scheinbar erstaunt und innerlich froh. „Wenn du meinst —” fügte er gedehnt hinzu, um seine Freude nicht zu verraten. Nun würde kein Mißklang die frohen Tage stören, die ihm die Jugend ins Haus brachte.

Am andern Morgen reiste Frau Dornbühl tatsächlich zu ihrer Tochter Eufemia, die sie zärtlich Euchen nannte, von Wasungen ab. Constanze übernahm es ohne Arg und wirklich gern, die Mutter im Schlitten zur Bahn zu fahren. Herr Dornbühl schärfte vor der Abfahrt seiner Frau noch ein: „Nichts zum Kind reden, was es befangen und stutzig macht. Vor allem nichts von Heiratsplänen. Ich bitte dich!” Clothilde war gut gelaunt und gewährte gnädig die Bitte. Sie war immer selig, wenn sie für ein paar Tage Wasungen mit seiner „Kuhdungatmosphäre” verlassen konnte und in einem „stillen vornehmen Stadthaushalt” das Leben leben durfte, das ihr als „höherer Beamtentochter” nun einmal zusagte.

Constanze plauderte während der Schlittenfahrt mit ihrer Mutter über die Nachbarn. Obwohl es sie gar nicht interessierte, fragte sie die Mutter nach dieser und jener vornehmen Familie, weil sie wußte, Mama sprach gern davon. Etwas Schalkheit lag freilich auch in der Absicht Constanzes; Mama war dann von ihren eigenen Worten so gefesselt, daß sie keine unangenehmen Fragen stellte.

So verabschiedeten sich Mutter und Tochter zwar in einer, wie zwischen ihnen üblich, angedeuteten und etwas frostigen Zärtlichkeit, aber doch ohne Mißstimmung. Als die Mutter schon in ihrem Abteil II.Klasse zum Fenster hinaussah und noch ein paar Haushaltsaufträge für die Mädchen Constanze mitgab, da betrachtete die Tochter die Mutter. Mama war alt geworden. Ganz weiß schon ihr Haar. Um den schmal zusammengebissenen Mund zwei scharfe Falten. Die Nase ragte knochenhart aus dem verfallenen Gesicht. Sie weiß nicht, was Lebensfreude ist, dachte Constanze, sie hat es nie gewußt, sie kannte nur immer ihre Standespflichten. Sie gehörte zu jenen Frauen, die immer mit der wie zur Abwehr hocherhobenen Rechten durch das Leben schritten: Bitte, nur keine falschen Anbiederungen! Und um Himmelswillen: nur keinen Skandal —!

Constanze sah, daß der Mann mit der roten Mütze die Scheibe hob. „Grüße Eucben,” rief Constanze der Mutter noch zu, lief ein Stück mit dem Zug, ihr noch einmal die Hand reichend.

Frau Dornbühl erwiderte das Lächeln Constanzes. Denn sie freute sich an dem „wirklich vornehmen” Aussehen Constanzes, die sich allerdings, als der Zug außer Sichtweite war, alles andere als vornehm benahm. Vor lauter Übermut und Freiheitsdrang raste sie mit ihrem Schlitten, aufrecht darin stehend, im Galopp davon, daß Gustl Droop, der Saalwiesenbauer, der gerade wieder auf Brautschau fuhr und mit dem Schlitten fast mit Constanzes Schlitten zusammengetroßen wäre, kopfschüttelnd ihr nachschaute:

„Ist in Constanze der Teufel gefahren oder ist das Mädel verliebt? Aber in wen?” Vielleicht wußte es Dorothee. Er wollte sie fragen, wenn er heimkam. Heute wollte er sich die Else vom Oberweißbachhof ansehen. Und das, was sie „eventuell” mitbekommt.

XI

Bei blitzender Mittagsonne im Bergwaldwinter — da wird die Lebensfreude übermächtig. Aus Myriaden Schneekristallen blinkt regenbogenfarben das in blendenden Strömen herabflutende Licht. Sonne — Schnee — Tannengrün und Himmelblau, dieser Vierklang der Natur durchdrang die Seele! Ach, wohin der Blick sich wendete: empor — hinab — seitwärts und rundum, rings weitete sich ein einziges Meer der Glückvergessenheit.

Das war ein Tag für eine Schneeballschlacht! Constanze schlug sie beim Mittagessen vor und befahl Dr. Katull, die ganze Jugend von Gut Wasungen und vom Saalwiesenhof zu alarmieren. Natürlich müßten auch die Großen mit. „Auch du, lieber Seppl!”

„Klar wie Kloßbrühe —” verfiel Seppl in seinen alten Husarenjargon und da wußte Constanze, die Schlacht hatte ihren Feldherrn.

Dr. Katull — ja, was tat ein Doktor auf dem kleinen Gut? Schwerlich brauchte Herr Dornbühl für die hundertfünfzig Morgen, die das Restgütchen eines ehemaligen Dominiums noch umfaßte, einen Verwalter. Nun, Dr. Katull war so etwas wie ein verkrachtes Genie. Er war Dramaturg am Altenburger Theater gewesen; als Dornbühl verabschiedet wurde, ging er auch. Er sagte: „Herr Intendant, ich bin im Leben schwerlich zu etwas Rechtem zu brauchen! Aber wenn Sie mich brauchen können, hoffe ich nicht unangenehm aufzufallen.” Und Dornbühl sagte einfach: „Kommen Sie nach Wasungen mit. Sie können alles das erledigen, wozu ich keine Lust habe. Arbeitsteilung auf Gegenseitigkeit. Im übrigen haben Sie die Pflicht, mich geistig im Kontakt mit der Welt draußen zu halten; also sorgen Sie stets für Lektüre, Sie wissen ja, was ich liebe, für gelegentliche Reisen, die nach Ihrer Meinung notwendig sind. Außerdem können Sie dem Sepp Dorn bei seinen Romanen helfen.”

Das ungefähr waren und blieben die Funktionen Dr. Katulls, seit er in Wasungen — es sind jetzt schon viele Jahre — wirkte. Constanze kannte ihn von frühesten Kindertagen; er hatte sie damals immer huckepack reiten lassen.

Wenn dies nun nicht mehr möglich war, so tat er dennoch gern etwas Constanzen zuliebe. Sein Gesicht war von einer merkwürdigen Eckigkeit. Selbst die Brauen über den zwinkrigen Augen von unbestimmbarer Farbe waren eckig. Und seine Nase saß in haarscharfer Linie auf der Wangenbasis seines kantigen Gesichtes, meinte einmal Constanzes Vater, wie im Pythagoreischen Lehrsatz ein rechtwinkliges Dreieck auf der Hypothenuse. Und tatsächlich war die Mathematik Dr. Katulls einzige Leidenschaft: wäre er im Grunde nicht so bequem gewesen, hätte er es in der nur aus Liebhaberei betriebenen Wissenschaft leicht zum Professor gebracht. Aber in Katull blieb zeitlebens etwas Lausbubenhaftes, obwohl er nun bald vierzig Jahre zählte.

Das wurde eine Schneeballschlacht! Die Saalwiesen bei Wasungen waren um eine Sage reicher. Von dieser Schneeballerei werden die Jungen und Mädels noch nach Jahren erzählen.

Wißt ihr noch, wie Fräulein Constanze plötzlich „Seppl, hierher!” rief und ihr Vater herbeieilte und beide zusammen dem etwas unbeholfenen Herrn aus der Stadt befahlen: „Brille abnehmen!” und ihn dann nach Strich und Faden einseiften, bis er keine Luft bekam?

Und das Gleiche tat der „Doktor”, der Kandideldull”, wie ihn die Gutskinder frech riefen, mit dem so furchtbar feinen Fräulein aus der Stadt! Constanze hatte Charlo noch zuguterletzt gewarnt, als diese schon den Lippenstift in die Hand nahm: „Schmink dich nicht, heute werden dir natürliche Farben eingerieben.”

Stefan ließ sich die Einreibung gern gefallen. Constanzes Hände, wenn sie noch so derb und kalt zufaßten, spürte er immer wie ein Streicheln.

Als ihn dann Constanze voller Übermut zur Zielscheibe erkor, hielt er willig sein kurzsichtig blinzelndes Gesicht hin und ließ darin unter drolligen Grimassen die Schneebälle zersprühen —: wenn es dir nur Spaß macht, Stanzerl! dachte er beglückt.

Im Gutshaus wieder heimgekehrt — o wie mundete heute so ganz anders das Abendbrot als in den möblierten Großstadtzimmern. Seppl hatte die „Klause” geöffnet, sein Romanschreibezimmer, dessen Wände voller seltsamer Bilder und Reiseandenken hingen, und darin den Tisch decken lassen. Ein dicker roter Teppich verschluckte jeden Schritt.

Kerzen in kunstgeschmiedeten gußeisernen Leuchtern gaben dem Raum das warme Licht. Auf der Tafel prangten die Labsale des Thüringer Landes: fettriefende Bratwürste, auf dem Rost gebraten, schneeballrunde Klöße und dampfender Rotkohl fürs erste! Dazu Jenaer Bier.

„Setzt Euch, Kinder!” sagte Seppl gemütlich. Und als er dann die Tafelrunde nach „wohlbekommener Atzung”, wie er sich ausdrückte, aufhob, da saß man hinterher noch lange gemütlich im Jagdzimmer mit den vielen Hirsch- und Rehgeweihen an den Wänden um den großen runden Rauchtisch, in den zwölf Aschenbecher eingeschnitzt waren, und Dr. Katull mußte, von Charlo als „Laternenträgerin” wichtig begleitet (der Doktor hatte sie darum gebeten), den alten feurigen Burgunder heraufholen, „damit die Herzen umso empfangsbereiter schlagen, wenn das Konzert begänne”, meinte Herr Egbert. Denn mit Musik müsse dieser Abend gekrönt werden.

Es kam der Wein. Dr. Katull goß ihn mit der schneidigen Feierlichkeit eines „bemoosten Hauptes” ein. Und mit dem Wein begann die Musik alle Herzen in eine selige Entrückung hinüberzuwiegen.

„Spielt Schubert, Kinder,” hatte Egbert Dornbühl gebeten und sein weises Lächeln gelächelt, in dem so viel Verzicht verborgen war, „spielt Schubert erst und dann zum Schluß Mozart. Beethoven — nein, nicht heute. Das war einmal für mich. Vorbei.”

Stefan spielte den Moment musical in F-moll. Egbert Dornbühl nickte ein paar Mal wohlgefällig, als ihn die leichtbeschwingten Rhythmen anwehten.

Dann Charlo. Sie gab mit vollen Händen. Und diese Hände zersprengten die Wände und öffneten den Himmel. Sie entlockte dem gewiß herrlich klingenden Bechsteinflügel, der mitten im rundgebauten Musikzimmer wie in einem blauen Tempel stand, den ersten Satz der „Unvollendeten” mit wahrhafter Meisterschaft; man glaubte aus dem spröden Instrument, das solch Klavier im Grunde ist, Geigen und Flöten herauszuhören.

Egbert Dornbühl erhob sich und ging Charlo entgegen, als sie geendet hatte. „Sie haben diesem Raum heute eine Weihe gegeben,” flüsterte er bewegt, „ich danke Ihnen,” und drückte fest ihre vom Spiel noch leicht bebende Hand.

Wie sollte Constanze nach solcher Bravourleistung bestehen?

Aber sie bestand. Denn sie spielte Vaters Lieblingsstück, das Rondo in D-dur von Mozart. „Das geht mir immer wie Sekt ins alte Blut!” sagte er leise zu Charlo, die nun an seiner Seite saß. Und nach einer Weile, als das Rondo immer seliger zu tanzen und zu tirilieren begann, sagte er mit Andacht: „Mozart — wo gibt es in der Welt so viel Heiterkeit wie in seiner Musik?”

Constanze endete mit sicher und fest gegriffenen Akkorden. „Bravo, Mädel!” sagte der Vater. Stefan klatschte Beifall. Und alle stimmten ein.

Ja, das wäre wieder einmal gut gegangen, dachte Constanze. Aber sie blieb selbstkritisch genug, um bei sich den Unterschied festzustellen zwischen dem meisterlichen Spiel Charlos, dem vortrefflichen Stefans und ihrem „gerade so ganz gut gekonnten”.

Dennoch verdroß sie diese insgeheime Feststellung keineswegs. Der Abend wurde immer gemütlicher. Charlo wurde neugierig und wollte Einblick in Sepp Dorns Romanwerkstatt haben. Sie gingen in die Klause zurück. Charlo schwärmte von den Romanen, die Egbert Dornbühl unter dem Pseudonym Sepp Dorn in seinen Mußestunden schrieb. Herr Dornbühl wehrte ab: „Was soll ich sonst tun? Man spürt ein wenig noch dem Leben nach, ehe es vorbei ist —”

XII

Und dann kam plötzlich die Rede auf den „Todesreiter”. Heute, als man mit den Schlitten von der Schneeballschlacht heimfuhr und die Dämmerung schon sank, hatten zwei Kinder, die neben Charlo saßen, vom Todesreiter getuschelt, der hier in der Saalwiesengegend als Gespenst umliefe.

Constanze lachte: „Haben sie dir’n Schrecken eingejagt?”

„Es klang gruselig!”

„Gab’s denn so einen Todesreiter?” fragte Stefan.

„Ja, die Geschichte hat etwas Wahres an sich. Das mit dem Gespenst ist natürlich Quatsch!” sagte Dr. Katull zu Charlo. „Aber Genaues weiß ich darüber nicht. Herr Dornbühl dagegen, der kennt sie. Er hat bei unserem alten Dorfküster Aufzeichnungen gefunden.”

„Würden Sie uns von diesem gespenstischen Todesreiter erzählen?” fragte Stefan Herrn Egbert. Sie saßen nun alle vor dem Kamin, in dem die brennenden Holzscheite knisterten. Draußen heulte der Nachtsturm um die Mauern.

„Es schlägt gerade Mitternacht,” sagte Constanze, „lieber Seppl, bitte ja — grusel’ uns ein!”

„Schön. Ich will euch schon eingruseln.” Und Egbert Dornbühl wußte aus dem Stegreif sehr lebendig und erregend vom Todesreiter dieses zu berichten: „Auf dem Schloß Groß-Brantin, das etwa eine Meile von hier fort liegt, an der Straße nach Saalfeld, fiel in einer Septembernacht des Jahres 1839 kurz nach ein Uhr ein rätselhafter Schuß, der in dieser Affäre, von der ich euch erzählen will, eine entscheidende Rolle spielt. Der Schuß schreckte alle Bewohner des Schlosses auf. Der Justizamtmann Erhard Lentz, der seit einem Jahr als Gutsrichter auf dem riesigen Rittergut eingesetzt war, hatte noch in seinen Akten gearbeitet, als der Schuß die nächtliche Stille für einen Augenblick zerstörte. Lentz lief ans Fenster, stieß es auf, hörte das Hufgetrappel eines davongaloppierenden Pferdes zum westlichen Gartentor hinaus, das nur Eingeweihten bekannt war. In diesem Augenblick wurde die Tür seiner Studierstube aufgerissen, Marie von Brantin, die Tochter des Hauses, rief ihn tränenüberströmt an: „Mein Vater liegt im Sterben. Getroffen. Blutüberströmt.” Die Beiden hatten endlich die Einwilligung des Herrn von Brantin zu ihrer Verlobung erhalten; gern gab der adlige Herr seine Tochter dem bürgerlichen Juristen nicht. Warum er sich doch noch überwand und in die Verlobung einwilligte, das gestand der von dem rätselhaften Schuß Getroffene auf dem Sterbebette.

Erhard Lentz, der Justizamtmann, war von Rechts wegen Erbe der Herrschaft Groß-Brantin. Ein väterliches Testament aus dem Jahre 1813 hatte Maries Vater enterbt, weil diesen auf schimpfliche Weise in der Schlacht an der Katzbach die Franzosen gefangen genommen hätten.”

„Deswegen braucht doch ein Vater seinen Sohn nicht zu enterben,” warf Stefan dazwischen.

„Ja, hier war es aber so,” fuhr Egbert Dornbühl fort, „der damalige Herr von Brantin war so erbost gewesen, daß er den Sohn enterbte und das Rittergut dem Vater Erhard Lentzens, seinem Freunde, zusprach, der auf einem kleinen Hof in der Nachbarschaft wirtschaftete. Erhards Vater war schon tot, also war der Justizamtmann selbst nun der Erbe. Aber —: auf dem Sterbebette beschwor der „unrechtmäßige” Herr auf Brantin, Maries Vater, feierlich den Justizamtmann, daß das väterliche Testament ihm unrecht tat. Er habe sich damals tapfer vor dem Feind geschlagen; erst von zehnfacher Übermacht bedrängt, geriet er mit den wenigen Überlebenden seiner Ulanenschwadron in Gefangenschaft. Aber was gälte jetzt überhaupt noch der Streit um das Testament? Da Lentz seine Tochter Marie heiratete, würde er ja schon auf diese Weise Herr von Brantin; denn Kasimir, sein Sohn, habe doch vor Jahren flüchten müssen — wegen einer Duellgeschichte — und würde wohl flüchtig bleiben. Bei diesen letzten Worten sah der Sterbende bedeutungsvoll auf die schwarze Binde, die das linke blinde Auge des Justizamtmanns verbarg. Die Blindheit rührte von einer Mensur her. Der Amtmann tröstete den immer kürzer Atmenden (der Schuß hatte die Lunge durchbohrt) und sagte, sobald er das zweifellos ungerechte Testament, das merkwürdigerweise im Schloßarchiv nicht zu finden war, aufstöbere, würde er es vernichten.”

„Ja, und dann? Wer war der Mörder?” fragte Charlo, die solch wilde Geschichten über alles liebte. Egbert Dornbühl betrachtete die leicht glimmende Aschenblume seiner Zigarre und fuhr fort:

„Das Kriminalgericht in Leipzig untersuchte monatelang den rätselhaften Fall. Schon glaubte man eine wichtige Spur entdeckt zu haben, als man ein erschossenes Pferd in der Elster zwischen Corbetha und Dürrenberg fand, dessen vom Schuß klaffender Stirn man ein Geschoß von gleicher Art entnahm wie jenes, das den alten Herrn von Brantin getötet hatte. Man stellte auch noch fest, daß dies Pferd einen Tag, bevor der Mord geschah, in Jena bei einem Pferdehändler namens Martin gekauft worden war. Doch wie es manchmal ein unglückseliger Zufall tatsächlich will, war dieser Pferdehändler kurz darauf an einer lange schon ihn quälenden Krankheit gestorben. Er konnte über den mysteriösen Todesreiter, wie der Mörder im Volksmund hieß, nicht mehr befragt werden. Die Untersuchung verlief im Sande. Nur soviel war klar: ein Raubmörder stürmt nicht zu Pferde im Galopp sein Opfer an. Den rätselhaften Reiter, der den Tod nach Groß-Brantin brachte, beseelte wahrscheinlich eines: Rache.”

Alle lauschten atemlos. Die Uhr schlug eins. Constanze winkte fast unmerklich dem Vater mit den Augenlidern. Er verstand. „Entschuldigt, ich kam so ins Erzählen —” sagte er.

„Ja, und die Geschichte ist noch lang nicht zu Ende. Ich denke, wir gehen für heut schlafen und morgen erzählt Seppl weiter!” schlug Constanze vor. „Fein kann er erzählen, was —?”

Alle lobten Egbert Dornbühl, der fast verlegen wurde. Nur Charlo, die vorhin so begeistert dabei war, sah plötzlich etwas verstört drein.

„Was hast du, Charlo?” Ein besorgter Blick Constanzes traf die Freundin.

„Angst!!”

„Vor dem Todesreiter?”

„Nein,” flüsterte Charlo. „Ich seh bei dieser gruseligen Geschichte immer den Machaczek.”

„Beruhige dich. Der kommt nicht hierher!” lachte Constanze.

„Du, schlafen wir heut zusammen?”

„Ja. In meinem Zimmer ist noch ein zweites Bett. Ich laß es für dich richten.”

„Was habt ihr denn?” fragte der Vater Constanze. „Seid ihr wirklich eingegruselt? Ihr wolltet es ja.”

Charlo lachte: „Es ist schon vorbei.”

Ein letztes frohes Gläserklingen beendete diesen langen, langen, glückseligen Wintertag auf Wasungen.

XIII

Mit diesem Trippel- und Gackermotiv, das er immer von neuem wiederholte und auf drolligste Weise variierte, weckte Stefan am andern Morgen Constanze, die über dem blauen Musikzimmer schlief und auch sofort deutlich die Töne hörte. Sie lachte hell auf, sodaß Charlo erwachte, die wegen des Todesreiter-Gruselns tatsächlich für diese Nacht aus ihrem schön ausgestatteten Fremdenzimmer in Constanzes schlichtes Mädchenstübchen geflüchtet war und hier lieber in einem eisernen Feldbett schlief als drüben jenseits des Korridors im geräumigen Matratzenbett des Fremdenzimmers.

„Ja, was soll denn das Gegacker? Das klingt, als wäre eine Horde Hühner losgelassen? Was fällt denn dem Stefan ein?” brauste Charlo auf.

„Mir zu Ehren, Charlo.”

„Dir zu Ehren? Schönes Ständchen.”

„Ist es auch. Ich hab nämlich dem Stefan gestern vorgeschwärmt, wie schön es in Wasungen erst während des Sommers sei! Und dabei sagte ich: mir fehle jetzt besonders das allmorgendliche Gegacker im verschneiten Hühnerhof. Das ist der Ersatz —”

„Ihr seid zwei drollige Krucken!” knurrte Charlo und drehte sich noch einmal auf die andre Seite.

Die gelben Vorhänge leuchteten: also schien draußen die Sonne. Constanze riß die Fenster auf: Ja, hellster Sonenschein — doch Tauwetter. Schade. Nun blieben die Skier in der Ecke stehen, wenn das Wetter nicht abermals umschlug.

Nach dem bei fröhlicher Unterhaltung gemeinsam genommenen Frühstück, bei dem Stefan von allen als Hühnerfarmzauberer gutmütig veräppelt wurde, fuhren Charlo und Constanze mit dem kleinen Zweisitzer zum Saalwiesenhof, um Dorothee zu besuchen.

„Vielleicht ladet ihr Dorothee und Gustl Droop auch zum Skifahren ein,” sagte der Vater mit spitzbübischem Gesicht zu Constanze.

„Aber Seppl — mach keine schlechten Witze —”

„Das ist kein schlechter Witz! Doch dein ehrenwerter Vater, der hat Witz.”

„Nun sag schon —” wurde Constanze neugierig und ungeduldig.

„Ich habe beim Schmückewirt angerufen,” Egbert Dornbühl nahm mit genüßlicher Miene seine Morgenzigarette aus der Messingkassette, Stefan reichte ihm das Streichholz, „und wie ich’s mir dachte: hier taut’s zwar, droben auf der Schmücke aber liegt noch fester Schnee. Wir nehmen die große Limousine und sausen solange durch den Dreck in die Höhe, bis wir Schneeketten anmachen müssen.”

„Hoijotoh!” schrieen da Constanze und Charlo begeistert. Dann fuhren sie in der kleinen genügsamen Karre los — zum Saalwiesenhof.

Auf dem Saalwiesenhof war seit Constanzes Fortgang nach Berlin auch eine seltsame, allerdings nicht gruselige Testamentsgeschichte geschehen. Als vor einem Jahr die alte Bäuerin vom Saalwiesenhof starb, hinterließ sie nämlich ein etwas wunderliches Testament. Dieses Testament bestätigte den letzten Wunsch, den sie ihrem zweiten Mann auf dem Sterbebette zugeflüstert hatte. „Du sollst bald wieder heiraten, Gustl,” hatte sie gesagt, „und diesmal eine jüngere als ich bin. Paßt besser zu dir!” Der Bauer hatte unwillig etwas dawidergemurmelt; aber die Bäuerin lächelte: „Laß gut sein! Ich weiß, was ich sag!” Und dann verschied sie bald.

Gustl Droop, der Saalwiesenbauer, war etliche Jahre jünger als seine verstorbene Frau. Anfang Vierzig erst, an Kraft und Lebenslust nahm er es noch immer mit den Jüngsten und Straffsten auf — ein blonder vierschrötiger Kerl mit blanken Augen. Er war ursprünglich Hofmann auf dem Bauerngut gewesen; als der erste Mann der Saalwiesenhoferin früh ins Gras biß, da gab ihm die Witwe bald zu verstehen, daß sie ihn trotz des Altersunterschiedes lieber als jeden andern zum Manne gehabt hätte. So kam es halt, daß Gustl der Saalwiesenbauer wurde.

Es war keine himmelhochjauchzende, aber eine harmonisch-friedliche Ehe gewesen. Die Verstorbene war klug genug, den Gustl nicht nur als Frau an sich zu fesseln, sondern auch wie eine Mutter gütig zu lenken und ihm den Weg durchs Leben zu ebnen. Dieser mütterliche Sinn sprach deutlich aus ihrem Testament, in dem sie ihren geliebten Gustl zum Universalerben einsetzte und ihm das baldige Wiederverheiraten empfahl. Aber —: eine Bedingung für die Braut gab es da im Testament zu lesen. „Obzwar mehr als zehn Jahre jünger, ist mir der Gustl allzeit ein treuer Ehemann gewesen. Die schönsten Mannesjahre hat er mir geopfert,” hieß es darin. „Auf den Hof gehört eine Bäuerin; der Gustl soll bald wieder freien. Möge er die Rechte wählen! Ich habe nichts gegen eine neue Bäuerin auf dem Saalwiesenhof; aber sie muß eine Bedingung erfüllen, wenn Gustl und die Neue den Hof behalten wollen: sie soll in meinem altmodischen Hochzeitskleid zur Trauung gehen. Das Kleid hat einen geflickten Riß vorneweg; ich blieb, als ich mit Gustl aus der Kirche kam, an einem Dornbusch hängen. Hat mir Glück gebracht. Soll euch auch Glück bringen. Das gebe Gott!”

Die Kunde von dem seltsamen Testament machte in halb Thüringen die Runde; sogar Hubert Feinboese sprach noch kürzlich davon, als er Constanze im Berliner Tiergarten traf. Alles fragte sich: Wer wird die Auserkorene sein? Und welche wird bereit sein, das geflickte Hochzeitskleid zu tragen.

Ja — und was wird mit Dorothee?

Eine Zeitlang galt Dorothee mit ihren nußbraunen Zöpfen und den Schwarzkirschenaugen für das schönste Mädel „die Saale entlang”, doch nun nannte sie sich selbst schon eine „alte Jungfer”, denn sie war im vorigen Herbst dreißig Jahre alt geworden. Obschon acht Jahre älter als Constanze, war Dorothee für Constanze eine anfangs sie bemutternde, später sie mit ihrem musikalischen Talent rückhaltlos bewundernde Freundin geworden.

Gewiß hätte nun Dorothee längst den oder jenen Burschen als Mann haben können, doch „den oder jenen” wollte sie nicht; sie sehnte sich insgeheim nach einem einzigen, aber das wußte niemand, am allerwenigsten dieser einzige selbst. Nur Constanze wußte es: sie liebte den Gustl Droop.

Als das Trauerjahr des Witwers zur Neige ging, hielt er Umschau unter den Mädchen sieben Meilen rundum im schönen Saaletal zwischen Dornburg und Kahla. Wenn der Bauer im schmucken schwarzen Sonntagsrock mit seinem schönsten Kutschwagen, die zwei Apfelschimmel davor, loskutschierte, da wußte das Gesinde, der Droop-Gustl fährt auf Brautschau.

„Mach’s gut!” rief Dorothee fröhlich und sah der entschwindenden Kutsche versonnen nach: wird der Gustl diesmal die Braut heimbringen?

Dorothee Pantel hieß sie und war ein angenommenes Kind der verstorbenen Bäuerin; ihre rechten Eltern starben beide an einer Epidemie, als sie noch nicht ein Jahr alt war. Das Gute, das all die Jahre des Heranwachsens die Bäuerin für Dorothee getan, vergalt die gänzlich mittellos Verwaiste dadurch, daß sie wie eine Magd mitschaffte, ohne freilich wie eine Magd gehalten zu sein.

So lagen die Dinge auf dem Saalwiesenhof. Als Constanze und Charlo mit lustigem Gehupe Einlaß in den Bauernhof begehrten, winkten ihnen mit Hallo beide: Dorothee und Gustl. Dorothee war beim Säen von Schwarzwurzeln, Zwiebeln und Petersilie auf Beeten, die später ein Glasdach zum Schutz erhielten; Gustl stand an seinen Bienenstöcken und horchte die Bienen ab.

„Ich sah Sie gestern im Auto vom Bahnhof zurückjagen, als wäre der Teufel in Sie gefahren, Constanze — oder die Liebe?” sagte der Bauer schmunzelnd.

„Quatsch nicht kariert!” fuhr ihm Dorothee übern Mund. „Komm, Constanze, jetzt halten wir ein Plauderstündchen — Fräulein Wildhofer kann indessen dem Gustl den Kopf verdrehen, er hat so was gerne!”

Gustl nahm eine an der Hühnerstallwand lehnende Mistforke und ging auf Dorothee wütend los, daß Charlo ihm erschreckt in den Arm fiel. Sofort wurde er galant, tippte an seine Mütze und sagte: „Kommen Sie, gnädiges Fräulein! Ich zeige Ihnen meine beiden Rappen —”

„Gustl!” schrie Constanze schon aus dem Haus, „eh ich’s vergesse — wir skiern morgen auf der Schmücke! In unserm Wagen ist auch Platz für euch zwei, für Dorothee und für Sie! Kommt ihr mit?”

„Na nich!” grinste Gustl. Aber der Schwerenöter machte dabei verliebte Augen zu Charlo.

„Er ist ein Filou!” begann Dorothee drinnen im Stübchen das Gespräch. Sie saßen in der Ecke am grünen Kachelofen auf dem alten schwarzen Ledersofa mit den weißen Punktknöpfen und schälten sich jede einen der prächtigen Winteräpfel, die rotbackig in irdener Schale auf dem runden Tisch standen, der mit einer altmodischen Spitzendecke geziert war. Eine alte Bauernuhr schlug ihr besänftigendes Tick-tack. Sonnenstäubchen spielten in dem traulichen Raum.

„Es wird bald Frühling —” lächelte Dorothee.

„Und der Gustl?” fragte Constanze.

„Ach der — karriolt in ganz Thüringen herum, sich eine Braut zu suchen. Jung muß sie sein — höchstens neunzehn! Du lachst — aber das sind seine eigenen Worte — und reich natürlich — so reich, daß er die Hände in den Schoß legen kann, der Faulpelz —”

Währenddessen hatten in Wasungen Egbert Dornbühl und Stefan Klodwig ein Gespräch, das sich mit Constanzes musikalischer Begabung beschäftigte. Sie saßen in der „Bibliothek”, einem hohen lichten Raum, in dem nur weiche Lehnsessel standen, ein Stehpult und sonst rundum Regale. Ein einziges großes Fenster ließ die Berglandschaft draußen wie ein Gemälde im weiten Rahmen erscheinen. Man sah von hier bis zur hohen Schmücke hinüber.

„Ich glaube kaum, daß Constanze erreicht, was sie in der Musik erreichen möchte,” sagte Herr Dornbühl und sah Stefan mit aufrichtigem Wohlwollen an. Sie saßen sich in zwei Sesseln gegenüber. Stefans Blick glitt zum Kamin und fiel auf eine holzgeschnitzte Madonna, die das Kind wiegte.

Stefan wollte Constanze übern grünen Klee loben, aber Dornbühl winkte ab. „Das will ich nicht von Ihnen hören! Ich möchte Sie nur um eines bitten: Erhalten Sie ihr die Illusion, daß sie etwas Großes erreichen kann, solange es geht. Denn ich fürchte, sie zerbricht, wenn sie zu früh merkt, daß es — alles in allem — mit ihrem Talent nicht allzu weit her ist —”

Wieder warf Stefan ein Aber und ein Vielleicht ein. Doch im Grunde mußte er Constanzes Vater recht geben. Wie freundlich der alte Herr zu ihm war! Ja, er wollte alles tun, um Constanzens Weg zur wahren Musik zu ebnen. Er versprach es fast feierlich.

Egbert lächelte: „Ich danke Ihnen. Constanze, sehen Sie —” er wurde fast verlegen wie bei einer Liebeserklärung, „ist noch das einzige Glück, für das ich lebe.”

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