Kitabı oku: «Eine Kompanie Soldaten - In der Hölle von Verdun»

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Alfred Hein

Eine Kompanie Soldaten
In der Hölle von Verdun

Saga

Ebook-Kolophon

Alfred Hein: Eine Kompanie Soldaten. In der Hölle von Verdun. © 1929 Alfred Hein. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2015 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2015. All rights reserved.

ISBN: 9788711463703

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com - a part of Egmont, www.egmont.com.

Der Verlag hat erfolglos versucht, den Inhaber der Urheberrechte an dem Buch zu finden. Rechtsinhaber werden ausdrücklich dazu ermutigt, den Verlag zu kontaktieren.

Motto:

Die Haut ward hart wie Leder.

Verwachsen Helm und Haupt.

Liebe, die rote Feder,

hat Sturm des Kriegs geraubt.

Vorwort.

Dies Buch ist kein Roman, aber auch kein trockener Bericht von Kriegsabenteuern. Es ist auf Grund von persönlichen Erlebnissen mit allerdings bewusstem künstlerischen Willen gestaltet. Als Kompagnie-Meldeläufer machte ich im April und Mai 1916 die Verdun-Offensive bei den Höhen „Toter Mann“ und „Höhe 304“ mit, und in der Charakterisierung seiner entscheidenden Gestalten, im inneren Wesenskern der Ereignisse beruht das Buch auf Lebenswahrheit. Der Rhythmus jenes grossen Totentanzes mit seinen Sturmangriffen und Trommelfeuern ist mir für alle Zeit im Blut geblieben, ich habe versucht, ihn auf meine Dichtung zu übertragen. Natürlich konnte ich nicht Sekunde auf Sekunde der schwersten Todesnot mit minutiöser Darstellung reihen, wie es in der Schilderung des tagelangen Trommelfeuers eigentlich geschehen müsste, um einen entfernten Begriff von der trostlosen Preisgabe des Leibes und der Seele an die Tobsucht der Granaten zu geben.

Das Buch ist absichtlich nicht in der Ich-Form geschrieben. Aus drei Gründen. Erstens wollte ich mich zu dem „damaligen Kriegsfreiwilligen Alfred Hein“ distanzieren, um mich selbst in dem wüsten Getriebe besser zu erkennen; zweitens soll es keinen „Helden“ dieses Buches geben, der Held ist die ganze Kompagnie, eine von den vielen tausend Kompagnien, die vorn gestanden. Drittens: Nicht nur, was der meine Person vertretende Meldeläufer Lutz vom Kriege denkt und fühlt, soll als das „allein Wahre“ angesehen werden, Wynfrith, von Tislar, Hirschfeld, Agathe, sie alle haben ebenso recht.

Denn auch dieses Buch will vor allem von dem heiligen Geist der Kameradschaft künden, der während des Krieges vorn geboren wurde und der immer bereit war, über alles Ichsüchtige hinweg die Hand zu reichen, um gemeinsam die Todesnot zu ertragen, die dort vorn alle gleich anfiel.

Als ich vor zwei Jahren das Buch vorzubereiten und im vergangenen Jahre niederzuschreiben begann, gab es noch keine Hausse in Kriegsbüchern. Ich glaubte, ich würde mit ihm gegen den Strom der literarischen Mode schwimmen. Es ist über Nacht anders gekommen. Ich will diesem Modestrom dankbar sein, wenn er auch meinem Kriegsbuch zur weiten Verbreitung verhilft, obwohl Mode und Fronterlebnis verdammt schlecht in Einklang zu bringen sind. Entscheidend für die Veröffentlichung ist aber der Gedanke, den tieferen Sinn des Krieges als den, der aus dem ehrgeizigen Wunsch der verantwortlichen Machthaber aller Völker entspringen sollte, aufzuzeigen: die Meisterung der Geschicke durch diesen harten, klar sehenden und um jeden Preis nichts als die menschliche Wahrheit suchenden Kameradengeist der Front. So wenig ich für die Entfesselung des Krieges verantwortlich sein möchte, so sehr bin ich von Stolz erfüllt, in den Gräben vor Verdun meine Seele fürs Leben geklärt und gefestigt zu haben.

In der Ueberzeugung, dass dieser schöne und starke Frontgeist über den ganzen lärmenden Konjunkturbetrieb, der schon wieder trotz des Krieges die Welt beherrscht, in Deutschland in dem Augenblick Herr werden wird, in dem sich alle Frontkameraden abermals zur gemeinsamen Bekämpfung des Niedrigen und Unlauteren zusammenfinden werden, sei das Buch auch kommenden Geschlechtern ein Beispiel.

Königsberg i. Pr., Herbst 1929.

Alfred Hein.

1.

Vom Kanal bis zu den Vogesen, das war nicht die Erde mehr, die sie alle liebten und die sie alle irgendwo zärtlich Heimat nannten, das war ein herabgefallenes Riesenstück eines erlöschenden Sternes, der sich im letzten Aufruhr befand, dampfend an allen Enden Meteore sprühte, die den Tod brachten, und der, eine Wüste des Schreckens und der Pein, nicht mehr von dieser Welt sein konnte.

Verdun 1916. Explosion zweier aufeinandergehetzter Völker in zusammengebissenster Gewalt. Das Irrenhaus eines einander zerfleischenden Patriotismus war hier aufgetan. Deutsche? Franzosen? Tiere. Gehetzte Rehe, mutige Leoparden, geruhige Löwen, wilde Hyänen — Kriecher auf allen Vieren, und dennoch ein Menschenherz in der Brust, das wahnsinnig wurde, weil es zerbrochen war und trotzdem seltsam über der fernen, längst unwirklich gewordenen Heimat hing und schlug. Und dann und wann lächelte es in die Lippen empor.

Mit jedem Herzschlag fielen tausend Schüsse. Kanonen und Maschinengewehre. Mit jedem Herzschlag hörten immer wieder junge Herzen zu schlagen auf. Dahin. Auch du? Nun sei’s. Alles ist ...? Wir haben keine Gedanken mehr. Heimat .... Die Mutter ....? Immer war dieser Krieg. Sie wussten es nur nicht. Immer wird er sein. Mit ihm aber die Kameradschaft.

2.

Als der Namenaufruf begann, wusste jeder sofort, worum es ging. Die Stimme des Feldwebels zitterte. Das Schikanöse in seiner Haltung und in seinen Zügen war fort. Alle baten ihm in dieser Stunde ab, auf ihn geflucht und schlecht über ihn gesprochen zu haben. Er trug also nur in den gewöhnlichen Tagen des Kommisses das dazu passende disziplinstarre Gesicht. Für manchen von der Kompagnie brach sogar etwas wie Zärtlichkeit aus seiner Stimme hervor, wenn er den Namen rief.

Der alte Hauptmann aber, der daneben stand, Schulrat in Zivil, mit einem guten weinseligen Gesicht, das von einem wuseligstruppigen Bart umhangen war, Koesel hiess er — Klösel nannten sie ihn, weil er klein und rundlich war, ja, der alte Hauptmann liess zwei Tränen in seinen Schifferbart rollen und sah die Jungens, die er einexerziert für den grossen Marsch in den Tod, starr und fassungslos an. Zu Weihnachten sollten sie schon hinaus, damals hatte er sie aber alle doch noch auf Urlaub zu Muttern schicken können — er liess sich lieber einen Rüffel geben, warum die Ausbildung so langsam vorwärts ging, aber was kam es auf ihn alten Knaben viel an? Die Front wird nicht gleich einstürzen, wenn seine Jungens fehlten. Die Front — — das war, was nie einstürzte. Lieb Vaterland, magst ruhig sein.

Er hörte die Namen, seit sieben Monaten so vertraut: Meyer, das war kein xbeliebiger Meyer, das war sein stud. med. Meyer, blass und schmal, Liebetanz, das war der kleine kiewige Unteroffizier, Moerse, ein Schlächter, aber ein gutes Luder, bisschen doof, Kalinchen, der lange Kalinchen, nie wird er seinen unförmigen Zinken vergessen, der immer aus Reih und Glied hervorragte, als sollte man daran sein Portepée hängen, Lindolf mit den Kinderaugen, wer hätte den Jungen im Frieden zum Militär zugelassen, nun soll er in den Schlamassel da hinaus, Groeber I, hinter dessen breiter Brust haben drei Lindolfs Platz, Groeber II, die beiden Brüder, müssen sich für ihr Gardemass besondere Unterstände bauen, dass mir die beiden bloss die Köpfe einziehen können im Graben — Wittke, Riemer, Pogoslawski, Maruhn, Töz, Stegen, Hirschfeld, der kleine, ungeschickte Jude, richtig — fällt ihm wieder eine Patronentasche ab, da er aufgerufen wird — aber siehe, der Feldwebel brüllt heute nicht: „Hirschfeld, aus welcher Menagerie haben sie dich losgelassen?!“ Er knurrt nur: „Festschnallen, Hirschfeld!“ Und das ist wie eine Mahnung: Schnall auch dein Herz fest, Junge! Schultz, Schulze, Schütz, Schützel — die vier Es-Ce-Has in seiner Kompagnie — immer wird der Hauptmann wissen, dass er diese vier Namen in dieser Reihenfolge in seiner Kompagnie hatte — ach, nun bekam er wieder irgendein Landsturmbataillon, mürrische alte Knaben da irgendwo in einem Gefangenenlager oder in der russischen Etappe.

Name um Name fiel. Und wessen Name fiel, der löste sich aus dem gewohnten Glied, trat vor und ging in die Baracke, in der er feldgraue Sachen empfing. Nagelneu. Wie wenn man, ein Kind noch, Geburtstag hätte und einen neuen Anzug bekäme. Geburtstag — — des Todes — vielleicht — — —. Da war die Blechnummer. 394 567. 394 568. 394 569. 394 570. 394 571.

Von manchen bleibt nicht einmal diese Nummer übrig.

Mit den Sachen auf dem Arm trat jeder noch einmal an.

Der Hauptmann sagte, da die Kompagnie sich versammelt hatte, die Erkennungsmarken hingen jedem um den Hals: „Es ist so weit, Jungens. Macht’s gut. Vergesst euren alten Hauptmann nicht, der gern mitkäme, wenn er da draussen mit seinen Gichtknochen nicht im Wege wäre. Feldwebel, Urlaub bis zum Wecken!“ Dann drehte er sich um und verschwand, der alte gute Hauptmann, der bei jedem strammen Exerzierdienst sagte, ehe die Stunde um war: „Es ist genug. Draussen ist alles ganz anders. Jungens, Augen auf, an sich selber glauben, fest zufassen, wenn ihr in Druck seid — na, ihr versteht! Also los — Gewehre zusammensetzen! Fussball ’raus!“

Das war Klösel beim Exerzieren.

Und den mussten sie hier lassen?

„Stillgestanden!“ kommandierte der Feldwebel. Aber er schnauzte nicht die an, die die Füsse nur schlapp zusammenzogen, nicht so: Ruckzuck! und die Wendung! er kommandierte weiter, auch nur mit halblauter Stimme: „Wegtreten!“

Die Kompagnie drehte sich um sich selbst — und ging auseinander.

Koesel aber besoff sich, wie es ein guter Hauptmann tut, der an seiner Kompagnie hing. Und nach Verdun — seine Jungens.

3.

Die Oberleutnants Zecklien und Mucha sahen dem „Theater“ von fern zu.

„Dieser schlappe Betrieb bei Koesel. Ich habe ihn mal vierzehn Tage vertreten, den alten Herrn, ich sage Dir, hatten die Jungens ’nen Fussball mit zum Exerzieren. Wir sind doch keine Tommys,“ schnauzte Zecklien, ein hagerer, finsterer Oberlehrer, dem die Uniform so schlecht sass, wie er sich schneidig dünkte.

„Heda, Lindolf, Sie haben wohl das Grüssen verlernt! Woll’n wohl noch drei Tage in’n Kasten, ehe es rausgeht, was?“

Der kleine Lindolf war in Gedanken versunken an den Oberleutnants vorbeigegangen, er hatte sie wirklich nicht gesehen, nun stand er stramm, aber in sein gutes offenes Gesicht trat der ganze Hass gegen den Oberleutnant, der ihnen „die Hammelbeine geradezog“, als Klösel krank war.

„Sehen Sie mich nicht so unverschämt an, Sie Schlappsuse Sie! Weg! Marsch! Marsch! Los! Los! Laufen, laufen!!“ piepste Zecklien.

„Kanonenfutter,“ sagte Mucha. „Lass sie sein!“ Zecklien wollte schon wieder einen Trupp von Koesel - Leuten anpfeifen. „Lass sie sein, sie gehen bald alle!“

„Rübenschwein —“ knurrten die Muschkoten hinter Zecklien her. „Woll’n wir den Hund heut nacht verhau’n?“ — „Ach lass den Dreck — wir fahren noch einmal nach Berlin. Hier im Lager ist ja nichts los!“

Fast alle verliessen noch einmal das Döberitzer Lager. Die letzte Nacht, in Freiheit dressiert — Kinder, es war schon vier Uhr. Dies verfluchte Döberitz, da kann man für seinen Zaster jetzt noch eine Stunde nach Berlin gondeln. Aber die Nacht mussten sie sich um die Ohren schlagen. Nur nicht nachdenken.

Lutz Lindolf sann die ganze Fahrt lang nach Berlin: Jetzt, wo sie nach Hause gekommen ist, muss ich fort. Die Kameraden, die mit ihm im gleichen Abteil sassen, neckten ihn: „Lindolf, haste Angst?“ Lindolf sah sie an: „Vor der Front?“ Und er lächelte, — was ging ihn heute die Front an — die war weit — noch einen ganzen Tag, der Transport war erst für übermorgen angesetzt — ach, Adelheid — —

Wenn er die eine Nacht bei Adelheid verbringen dürfte! Mit seiner reinen feierlichen Jungenliebe. Sie anbetend. Wie gern stürbe er dann. Ja, diese Liebesnacht sollte ihn jäh in ihrer aufjubelnden Erfüllung zum Manne machen. Keiner dürfte die unermesslich grossen Gefühle, die mit jedem Schritt zu ihr wuchsen, belächeln. Er fasste in Gedanken zum Seitengewehr, wehe! einer sah in seiner Liebe zu Adelheid nicht die tiefste und schönste Liebe seit Anbeginn.

Jeder dritte Mensch, der ihm auf dem Weg zu Adelheid begegnete, trug Uniform. Dauernd musste er — Unteroffiziere, Offiziere schritten vorbei — die Hand an die Mütze werfen. Ein Mann in Zivil erregte Aufsehen, alle sahen ihm nach. Als wäre es ganz in der Ordnung, dass die Männer sich feldgrau kleideten zum Zeichen, dass sie alle nur noch das Handwerk des Todes kannten. Eine Frau mit zwei Kindern lief ihm nach, klopfte auf seine Schulter: „Adolf?“

Er wandte sich um.

„Entschuldigen Sie, ich dachte — Adolf wäre plötzlich zurück — Sie haben ganz die gleiche Figur —“

An einer Strassenecke war eine Feldküche vom Roten Kreuz aufgefahren und verteilte Suppenbrei an zerlumpte Kinder, abgehärmte Frauen und kopfwackelnde Greise.

Frauen steckten dort vor dem Fleischerladen erregt die Köpfe zusammen. „Die im Felde haben doch wenigstens zu fressen — schon wieder zehn Pfennig teurer — wenn das so weiter geht —“

Sie sahen Lutz feindselig an, als wäre er mitschuldig an der alltäglichen Not des ewigen Krieges.

Kinder kamen jetzt am Abend aus der Schule. Es gab zu wenig Lehrkräfte, da wurde morgens die eine, nachmittags die andere Klasse von den Lehrerinnen und den reklamierten Lehrern schlecht und recht unterrichtet.

„Voriges Jahr war noch oft siegfrei — dieses Jahr — —“

„Das letzte Mal: Verdun —“ sagte ein Junge. Werduun — sprach er den Schlachtennamen aus.

Da sollst du auch hin, nach Werduun — o Adelheid — —

Aus den Mietskasernen des Ostens holte sein zärtlicher Blick sich ihr Haus heraus — — jetzt sah er schon ihr Fenster — —

Krieg — Alltagsnot — die graue Strasse am Kottbuser Tor — alles überlichtete sich mit dem Schimmer seiner liebenden Seele —

Als er an ihrer Eltern Tür klingelte, da hatte er sich in den Traum so eingesponnen, dass er fest an seine Erfüllung glaubte. Für ihn war Berlin nicht die Stadt des letzten Bummels heute nacht, er liebte die lärmende Stadt, weil sie das Allerheiligste für ihn barg.

Adelheid sass am Klavier, als er ins Zimmer trat. Ihre Mutter rief: „Adelheid, der kleine Lindolf —“

Adelheid rasselte weiter ihren Schlager herunter, ohne sich umzudrehen. Der Junge will mir doch nicht den Abend verderben, dachte sie.

„Er ist in Feldgrau, Adelheid“, sagte die Mutter, aber Adelheid spielte weiter. Die Mutter lächelte ihn wie für die ungestüme Tochter um Verzeihung bittend an: „Schade, dass Sie nicht mehr nach Schlesien fahren können, Ihrer Mutter auf Wiedersehn zu sagen —“

Doch Lindolf starrte nur auf das Mädchen. Die trillerte und steppte ihren Cancan weiter. War das nun der Zauber dieser Abschiedsstunde —?

Endlich drehte sich Adelheid mit einem übermütigen Schubbs auf dem Drehsessel um, ein paar Mal rundherum, dass die Stirnlocken schütterten und ihre siebzehn Jahre aus den blitzenden braunen Augen in alle Zimmerecken wie hundert Falter verwirbelten:

„Aber, Lutzchen, deine Uniform ist doch viel zu gross! Du siehst gar nicht schick aus. Weisst du — kannst du dir nicht noch eine schneidige Extrauniform bauen lassen wie Dr. Matzka?“

„Adelheid, ich komme Abschied —“

„I was. Soviele Jungens gehen doch täglich raus. Weisst du, sentimental wollen wir nicht sein.“ Sie klingelte. „Ich lasse ’ne Flasche Sekt kommen, dann besaufen wir uns zu dritt.“

„Zu dritt?“

„Na, Dr. Matzka kommt heute abend.“

„Er kommt wohl öfters?“

„Ja, seit er Unterarzt ist, — siehste, Lutzchen, der versteht’s —“

„Ja, der versteht’s — und du verstehst ihn wohl auch besser als mich —?“

Adelheid ward die tragische Art des Jungen unbequem. Da lachte sie halt — sie wusste, dann ist er wie alle nicht mehr ganz sicher seiner selbst und nimmt den Abschied nicht so wichtig — der war ihr lästig in dieser Stunde, und heucheln konnte sie nicht!

„Wir wollen fidel sein wie als Kinder, Lutzchen! Ich geb dir gern einen Kuss —“ Sie drückte ihn in den Sessel und sprang auf seinen Schoss, legte die Arme um ihn und küsste ihn leichthin.

„Adelheid, nicht so —“

„Na, denn nicht —“ Mit kokett aufgesetzter beleidigter Miene (o wie ist alles aus billigen Romanen und Musikcafés angelernt und abgeguckt, dachte Lutz) sprang sie ans Klavier und spielte elegisch: Weh, dass wir scheiden müssen —

Das Mädchen fragte, was es sollte. „Sekt!!“ schrie Adelheid. „Sekt — der Lutz zieht hinaus in der scheenen, in der grauen, in der scheenen, in der neuen, in der scheenen, in der neuen grauen Felduniform —“ sang sie.

Das alte Mädchen, das den kleinen Lutz schon als Schuljungen kannte, als er in der stillen schlesischen Kleinstadt die kleine Adelheid anschwärmte, und manchen rosa und lila Brief ihm heimlich abnahm — Anna streichelte Lutz über den Aermel: „Wie ein richtiger Feldsoldat siehst aus, Lutz —“

„Na los — Sekt — wo ist der Sekt?“ schrie Adelheid. Und sie schlang ihre Arme um Lutzens Hals und tanzte mit ihm um den Tisch. „Und etwas zu essen, der Junge sieht ganz verhungert aus, klau eine Fleischkarte für Lutz, Anna!!“

„Adelheid, bist du gar nicht traurig —?

„Lutz, lass das. Sei vergnügt. Sei ein Mann.“

„Kann ich gehen?“

„Warum?“

„Sei nicht böse. Ich mag Matzka nicht.“

„Eifersüchtig?“

„Ich liebe dich, ich dachte —“ doch er konnte seine Träume nicht erzählen. Vielleicht war er wirklich ein sentimentaler und verweichlichter Kerl. Stellte seine Liebe auf den Altar. Adelheid wollte aber mit ihm durch Berlin bei Nacht tanzen! Amüsieren, das war ihr drittes Wort. Auch jetzt im Kriege. Wir Jungens sind zu ernst und zu alt geworden für unsere Mädels ... Immer hatte seine Liebe von Träumen und Sehnsüchten gelebt. Das Dasein ihrer jungen gesunden Schönheit in seiner Nähe genügte ihm. Ein Händedruck ward zum tagelang erschütternden Ereignis. Unvergesslich die wenigen übermütigen und flüchtigen Küsse Adelheids bei kleinen Ausflügen und Festen im Frieden. Heute, ja, heut aber hatte er gehofft, dass ihre Liebe in ihrem Tändeln jäh vom Ernst der Stunde überwältigt sich mit ganzer Leidenschaft hervorbrechend hingeben werde — Sinfonien des Himmels umrauschten den Traumgedanken schon — ganz leise, Geliebte, sei die heilige Feier! — ach, nun wollte sie ihn gerade forsch und kühl und weltgewandt vor sich sehen. Er machte sich hart. Auch dies für sie. Sie sollte ihn in gutem Andenken behalten. „Du hast recht, Adelheid —“ Die Stimme zitterte doch voll enttäuschter Wehmut. „Krieg ist Krieg. Na, also, auf frohes Wiedersehn! Ich kam bloss auf einen Sprung. Wir haben eine Abschiedskneipe von der Kompagnie“, log er. „Auf Wiedersehn —“

„So wenig bin ich dir wert, dass du nicht die Abschiedskneipe schiessen lässt —?“ erprobte nun Adelheid an ihm ihre angelernten Koketterien.

„Uebermorgen gehts an die Front, Adelheid. Wenn ich dir noch etwas wert bin, dann komme morgen ins Lager. Mein letzter Tag. Ich darf nicht mehr weg. Aber komme allein.“

Adelheid sah plötzlich, wie ernst und wie tief Lutz sie liebte. Warum geht er fort, Gott, es ist so schrecklich unbequem, über diese Dinge nachzudenken.

„Auf Wiedersehn morgen, Adelheid. Jetzt muss ich gehen. Ich werde die ganze Nacht an dich denken und dich morgen den ganzen Tag erwarten. Komm, wenigstens eine Stunde — auf der grossen Lagerstrasse triffst du mich —“

„Nanu!“ schnarrte es draussen ganz offiziersmässig.

„Das ist Matzka!“ sagte Adelheid verwirrt. „Nun geh! Ich komme morgen, wenn’s irgend sich machen lässt.“

Dr. Matzka, der Unterarzt, erschien in seiner schneidigen Extrauniform, degenschleppend und sporenklirrend einherschreitend. Die Sporen machte er sich immer auf der Treppe erst an, denn es war für ihn im Offiziersstellvertreterrang verboten, Sporen zu tragen. Doch Adelheid fühlte nicht, wie lächerlich dieser Unterarzt zu Pferde war. Sie träumte sich nur an seine Seite als junge Frau Stabsarzt.

Lutz war verschwunden, ehe Matzka ihm gönnerhaft die Hand drücken konnte. Matzka küsste Adelheid, die er als seine heimliche Braut betrachtete. Adelheid gab den Kuss unbefangen zurück und lachte: „Heute warst du nicht der erste, der mich umarmt.“

„Der kleine Lutz — wie kindisch —“

„Er geht ins Feld, verehrtester Drückeberger —“

„Sei nicht frech. Zieh dich um. Wir wollen doch noch ins Kino —“

Lutz wusste: Sie kommt morgen nicht. Und er hoffte doch: Sie kommt. Den ganzen letzten Tag in der Garnison lief er die Lagerstrasse auf und ab, sah viele Bräute und viele Mütter und Schwestern kommen und die beglückten Kameraden am Arm nehmen.

Er war gestern abend nicht in Berlin geblieben, sondern ins öde Döberitzer Barackenlager zurückgefahren. Nur ein paar alte missmutige Landsturmleute und drei oder vier jüngere Kameraden, die sich bereits in der Kantine so vollgesoffen hatten, dass sie nicht mehr den Weg zum Bahnhof fanden, hockten in seiner Baracke, in der sonst um diese späte Stunde das befreite Lachen und Plaudern des nach ewigem Exerzieren und Putzen genahten Feierabends erklang.

Er holte Adelheids Bild hervor, das sie noch als Schulmädel, von ihm selbst geknipst, darstellte, und das Bild gab ihm auf all seine bangen und zärtlichen Fragen die erlösende Antwort.

Mit Lächeln, ein Kindheitsgebet seit langem wieder einmal auf den Lippen, war er eingeschlafen.

Nun schritt er seit morgens die kilometerlange Lagerstrasse auf und ab. Hatte sein Mittagessen nur fix heruntergeschlungen, um wieder hinaus zu eilen und sie zu erwarten. Vielleicht kommt sie wenigstens nachmittags — vielleicht noch schnell mit dem Abendzug — — —

Adelheid aber machte mit Dr. Matzka eine Ruderpartie. Und Lutz blieb allein. Alles war ihm gleichgültig.

Das war die grösste Grausamkeit, die in diesem Kriege begangen wurde, dachte Lindolf. Was können dagegen die Greuel draussen sein?

Und er schrieb ein Berschen in sein Notizbuch:

Auf der Trommel liegt mein Herz,

Tambour, schlag drauf.

Morgen geht es todeswärts,

Heute hört schon die Liebe auf.

Tambour, schlag drauf.

4.

In vier Tagen ist Ostern. Und Frühling wurde über Deutschland. Alles wollte so gerne leben. Doch selbst die Blumen am Waldrand standen im Schatten des Todes. Und das Jubilieren der Vögel klang ein wenig gezwungen wie das sich einen Augenblick nur betäubende Lachen der Menschen.

Soldaten fuhren an die Front. Mit gütiger Langsamkeit, aber unerbittlich vorwärts trottet der Zug durchs Gelände. Zum ersten Male kommt Lutz nach Westdeutschland, in wenigen Stunden wird er den Rhein sehen, der so oft seine Reisesehnsucht als Knabe gelockt hatte, dort fern in dem oberschlesischen Industriewinkel, wo er zu Hause war. Da lagen die bunten Städtchen Thüringens zu Füssen — alles aber, selbst die so treu geliebten Waldberge, die denen im schlesischen Land ganz ähnlich sahen, alles war gespensterhaft, und die Traurigkeit, die der Krieg über die Welt gebracht hatte, hing schwer an allen Zweigen, äugte müde aus den Fenstern — Deutschland war krank. Der Tod ging um.

Nichts regte sich in der Brust: O mein Vaterland! nichts von Verteidigungswillen, bloss ein wehmütiges Lächeln fiel aus dem Herzen: Wenn nur einmal noch im Frieden diese Landschaft mir vorüberglitte —

So fuhr Lindolf, der Feldgraue (welch tiefsinnig ödes, eintöniges Wort — —) durch Deutschland zur Front. Franken kam mit Marburg, der hangverwunschenen, hochgetürmten Stadt am stillen Fluss, und dann aus einem Wärterhaus winkte ein Mädchen, und er dachte an Adelheid, aber seltsam, er war nicht recht bei Sinnen, schien es, er dachte ganz gefühllos an sie. Vernebelte die Angst vor dem Tode alles? Er hatte nicht einmal Angst vor dem Tode. Er lebte wie eine Fliege an der Wand. So klebte er auf seinem Platz im Soldatenzug. Die drei anderen Kameraden im gleichen Abteil spielten Skat, ihn liess man träumen. Sie neckten ihn eine Weile, den Kleinen, das Muttersöhnchen — als er sie aber mit seinen grossen Augen tief ansah, schwiegen sie, und der rüde Pechtler, der zum vierten Male an die Front ging, schenkte ihm einen Apfel. „Nimm, du warst gestern ganz allein, von meiner Braut —“

Da nahm Lutz den Apfel und spürte, wie instinktiv zwischen ihnen jetzt das Echte und Einzigartige, das Fronterlebnis erwachte: die Kameradschaft.

Ja, aus Kameradschaft fuhr er an die Front. Warum sie den Heldentod auf dem Felde der Ehre sterben sollten, das wusste er nicht, patriotisch konnte man wohl zu Kaisers Geburtstag im Frieden sein. Aber je näher dem Schuss, umsomehr war nur die Tatsache, dass Menschen auf Menschen aus rätselhaften Ursachen, die die Vaterländer der Welt schufen, losgingen, das die Seele unbegreiflich Ergreifende.

„Will einer noch von euch siegreich Frankreich schlagen?“ fragte Lutz die Drei.

„Ich möchte nur eines“, sagte Pechtler wild, „die Hunde, die diesen Schlamassel angerührt haben, antreten lassen und in die Fresse hauen. Es will bloss keiner gewesen sein.“

„Nun sind wir drinne. Quatsch nicht so laut, es nützt ja doch nichts“, sagte Töz, der Dicke. „Wir fahren jetzt durch meine Heimat, aber ich seh nicht raus, weil ich dann doch vielleicht raus springe — los, spiel weiter —“

Wittke, der dritte Skatspieler, sah nur finster drein. Sein Bruder war in der vorigen Woche bei den 24ern vor Douaumont gefallen, berichtete ein Brief der Mutter. Er käme nach dem Osten, hatte er gestern, damit die Mutter nicht erneut erschrickt, nach Hause geschrieben, in die Etappe. Wittke spielte mit derbem Schlag seinen Trumpf aus. „Ist ja alles ganz egal!“

Lutz fühlte, wie er mit diesen fremden derben Gesellen zusammenwuchs und wie ihre rauhe Herzlichkeit ihn umfing. Diese seelische Tuchfühlung, die jetzt begann, sie schuf tief in ihm den Begriff: Volk. Einen namenlosen echten Klang, der mit goldenem Ring sie zusammenhielt, einem Ring, der in die trostlose Fahrt aus den Sternen fiel — — Wir Volk, fühlte Lindolf, wir verlassen uns nicht. Wir halten treu zusammen.

Das war die richtige Treue. Alle Dichter haben sie falsch besungen, was heisst hier: Mit Gott für König und Vaterland — das Volk marschiert, ihr Herren. Bereitet ihm den Weg zum wirklich grossen und reinen Sieg, zu einem andern Sieg als ihr denkt, sonst wird es über eure Marschallstäbe und Geldsäcke hinwegmarschieren.

Lutz fühlte, wie dieser Zug in die Zukunft fuhr. Nicht nur zur Front, auch hinan zu den Gestirnen.

Wenn Deutschland, die Nation, der Kaiser, die Regierung, der Generalstab — merkwürdig, wie hohl und fremd diese Begriffe klangen — wenn diese Kräfte alle wirklich der Freiheit des Volkes dienen wollen, dann wird trotz aller Uebermacht das Deutsche als das Reine und Selbstlose in der Welt siegen.

Wenn aber Deutschland, dieses amtliche und geldstolze Deutschland, anders will, dann wird das Volk zerbrechen an der Ziellosigkeit seines Kampfes.

Noch glaubte Lutz an die Uebermacht der guten Kräfte in der Führerschaft des Volkes, obwohl auch in seinem kleinen Lebenskreis als Feldgrauer ihm Ehrgeiz und Geldgier unter dem patriotischen Mäntelchen oft genug und immer öfter begegneten.

In Limburg an der Lahn gab es Mittagbrot. Graupen mit Rindfleisch, Schrapnällches, wie Szimkat, der Ostpreusse, sagte.

Da ragte auf sanftem Berg der stille Dom vor einsamer Waldeshöhe, und eine Stadt im Tal, schön wie Dehmels Gedicht:

Liegt eine Stadt im Tale,

Ein blasser Tag vergeht.

Es wird nicht lange dauern mehr,

Bis weder Mond noch Sterne,

Nur Nacht am Himmel steht.

Lutz schlich sich mit seinem Picknapf voll Graupen vom Bahngelände fort den Domberg hinauf. Eine Buche, die leise zu grünen begann, wartete auf ihn. Hier ist gut sein. Hier — immer — so — bleiben — — Wie Hiob am Wege — Spottet nur — Gott sendet den Frühling, der Sommer kommt — — nur hier bleiben dürfen — in Frieden — — —

Es wird nicht lange dauern mehr — — — nur Nacht am Himmel steht — — — begannen die Verse von neuem zu singen.

Wenn er jetzt landeinwärts ginge, bis etwas geschah, und statt morgen in der Hölle, vielleicht im Himmel sein, ein Mädchen treffen, das einen liebte und das einen verbarg — —

Doch da war die Kameradschaft, die Volkstreue, und heilig stand dies Gefühl in der Brust auf und liess ihn zurückgehen, sich einzureihen in das feldgraue Heer.

Langsam setzte er Schritt vor Schritt, den Domberg hinab. Die goldenen Kreuze der Türme funkelten in der Frühlingssonne. Noch sangen Lerchen. Noch glitt der Wind über die unverletzte Haut. Noch sahen die Augen vom Kampf unverwüstetes deutsches Land.

5.

Grau zog der Strom dahin. Ein müder Regen darüber. Kein Mensch winkte aus den Mietskasernen. Zuviele Züge fahren hier täglich vorbei. Mürbe und matte Menschen irgendwie geschäftig auf den Strassen. Man war am Rhein.

Lutz rief die Kameraden ans Fenster, er wollte begeistert sein: „Der Rhein!! Der Rhein!“ Sie erhoben sich halb widerwillig vom permanenten Skat, sahen missmutig hinaus: „Nu, wenn schon, lass doch den Kanal da unten plätschern —“ sagte Töz. „Luzie, stör uns nicht beim Skat“, drohte er gutmütig, Lutz den Spitznamen anhängend, der ihm nun für den Rest der Fahrt verblieb. „Koch Kaffee mit Rum, Lucie“, lachte Wittke drein.

Und unter diesem Disput war der Rhein, den sie nicht haben sollen, der schöne, deutsche, an dem man nur leben wollte, vorbei. Lass doch den Kanal — —

Kanäle — — — Floss das ganze Leben nicht grau in grau durch solche Kanäle? Und aus den Zeitungen fiel ihm das Schlagwort von dem Kanalsystem der Schützengräben ein.

So fuhr Lutz über den Rhein, den Strom der Sehnsucht. „Es ist ja alles ganz egal“, sagte eben wieder Töz.

„Du — ich hau ab, ehe die Schweinerei losgeht —“ sagte Pechtler und grinste mit seinem pickligen Bierkutschergesicht.

„Ja wie, oller Genosse —?“ fragte Wittke.

„Wir wollen den kleinen Jungen nicht schamrot machen —“ Pechtler flüsterte Wittke grinsend ins Ohr, wie er sich in dem ersten besten französischen Quartier eine gewisse ansteckende Krankheit holen wollte. „Ich sage dir, da gibt es extra Weiber dafür —“ prahlte er laut.

„Was für Dreck“, dachte Lutz. „Hast du Angst?“ fragte er Pechtler.

„Was heisst Angst, ich schlag dich tot, wenn du willst, ich hab keine Angst. Von wegen Angst. Aber zum vierten Male — nee — da gehste auch nicht mehr so mutwillig los — du hast ja keine Ahnung, wie’s da zugeht, my boy! Weisste, so ’ne richtige Sache mit Hand und Fuss: so Licht aus! Messer raus! Haut ihm! — ja — aber dies Gehocke im Trommelfeuer, triffts, triffts nicht — na — spiel’n wir weiter — hör nicht zu, keusche Lucie.“ Lutz wurde traurig. Da machte sich dieser starke gesunde Mensch krank, ekelhaft krank, um nicht mehr nach vorn zu müssen.

„Halt die Fresse, Lucie, über meinen Trick!“ sagte Pechtler.

„Ich bin dein Kamerad!“ beteuerte Lutz.

„Bravo, Lindolf, hier sauf eins mit mir, ich dachte, du bist auch so ein Schleimbeutel, der noch die Kugel, die er in’n Bauch kriegt, auskotzt und „Es lebe der Kaiser!“ dabei schreit, na prost —“

Alle vier fingen an, ihre Rumration zu trinken. Die Nacht nahte. Man wollte schlafen. Wittke aber, der sonst so Schweigsame, war besoffen und sang in einem fort: Ja in Morslede, ja in Morslede, ja in Morslede, schmeckt der Wein so süss — —

Er gröhlte und plärrte die monotone Melodie, dass der „schwarze Spiess“, Vizefeldwebel Meinard mit der Negerphysiognomie, aus dem Nebenabteil kam und schnauzte: „Ich verbitte mir das!“

Wittke sah ihn von unten an, ohne aufzustehen oder gar stramme Haltung einzunehmen.

Pechtler lachte: „Wir fahren gerade an Metz vorbei, lassen Sie ihn doch da ein halbes Jahr auf Festung karren, Vize!“

„Hoho, dann ist der Dreck inzwischen zu Ende, nee, nee, Wittke kommt mit!“

„Schwefelbande!!“ Nun musste der Vizefeldwebel mitlachen. Der Kasernenhofton zog nicht mehr. Er war unecht geworden.

„Wir haben hier nur Kaiserprimeln, so eine Zigarette möchte ich auch rauchen,“ deutete Pechtler frech auf die türkische Zigarette Meinards. Was der Hamburger Bierkutscher unter Kaiserprimeln verstand, war wirklich ein pestmässiges Kraut.

Der „schwarze Spiess“ holte sein Zigarettenkästchen heraus, Pechtler nahm acht Stück, für jeden im Abteil zwei, verteilte sie mit hochnäsiger Grazie und winkte dann Meinard, wie wenn er Kompagniechef wäre: Sie können gehen.

Alles lachte. Auch der Vizefeldwebel sagte lachend: „Verfluchter Hund, na warte draussen —“

„Als wie icke, und nochmal draussen? Da können Sie eher — (Pechtler machte eine Weddinggeste) — Herr Feldwebel!!“

„Halt die Schnauze!“ schrie der Spiess.

„Na, gehen wir für heute schlafen —“

„Die Grenze —!“ rief Lutz.

„Lucie kriegt wieder hysterische Anfälle,“ höhnte Töz.

„Lass den Jungen, er fährt in den Krieg,“ hänselte Wittke dazu.

„Schlafen!!“ schrie Pechtler so energisch, dass der schwarze Spiess auch entschwand.

Als Lutz aufwachte, hate er schon im Halbschlaf gefühlt, dass der Zug seit Stunden hielt. Die Furcht, am Ziele zu sein, zwang ihn unterbewusst, solange wie möglich diesen Schlaf auszudehnen, obwohl er alles andere denn bequem lag — als den Dünnsten und Jüngsten hatten ihn die drei alten robusten Knaben ins Gepäcknetz verfrachtet, während sie Bänke und Gang einnahmen.

Lutz spürte durch die krampfhaft noch zugehaltenen Augen, wie der Morgen dämmerte. Eine merkwürdige Totenstille lag über dem stehenden Transportzug. Nur Schnarchtöne schwangen durch die stickige Luft.

Aber schliesslich liessen sich die Augen nicht mehr zuzwingen. Es ist ja doch egal, mit diesem ollen ehrlichen Soldatengefühl zog Lutz den Vorhang ein wenig beiseite: Sedan!

Zug neben Zug stand auf den Geleisen. Jetzt setzte sich der eigene Zug langsam in Bewegung, fuhr zurück, fuhr wieder vorwärts, man wurde umrangiert. Richtig, hier bog ja die Strecke nach Verdun ab — gen Südosten. — —

Das also war Sedan. Ein Rangierbahnhof. Mit preussischem Betrieb.

Was hätte er als Junge darum gegeben, in Sedan gewesen zu sein. Wie oft hatte er am 2. September Hurra geschrien, Gedichte aufgesagt: Nun lasset die Glocken von Turm zu Turm durchs Land frohlocken im Jubelsturm — —

Heut? Ein Knotenpunkt für Truppentransporte. Nur etwas wie Nationalstolz überkam Lutz jetzt: Wir Sieger im fremden Land! Nein, es war alte Landsknechtsfreude — der Stolz, zu dem stärkeren Volk zu gehören — — er wusste, irgendwie war dieser Geist schlecht und brutal und gross und gut zugleich. Wenn man nur genau wüsste, ob man sich wirklich nur verteidigte, den Feind fernhielt vom eigenen Land — dann geschähe ihm ja recht. — Aber dies Letzte, dies Entscheidende, blieb ewig verworren.

Der Transportzug zog jetzt so vorsichtig dahin, dass man zu Fuss nebenher laufen konnte. An die Front. Flieger surrten schon in der Luft. Aber noch waren es nur deutsche, die von der Morgenbeobachtung zurückkehrten. Das Schlachtfeld von Sedan, der Ardennerwald lagen im Frieden. Plötzlich war alle Bedrücktheit fort. Lutz stand auf der Weltbühne. Er spielte den Kriegssoldaten zwischen Sedan und Verdun. Das grosse Geschehen holte auch von seiner Seele den heldischen Tribut.

In Mouzon gab es Kaffee. Er trank Schluck für Schluck mit Andacht. Er brach das Brot sinnbildhaft. Er hörte die Lerche. Blumen pflückte er und nannte sie „Kinder blutgetränkter Erde“. Noch war’s still ringsum. Und wie mild, wie gütig Frankreichs Frühling! Dort drüben bestellten Feldgraue den Acker. Sie sangen heimatliche Lieder. Sie waren Bauern wieder. Wo aber mochten die Menschen sein, die dieses Land Heimat nannten? Vertrieben oder tot? Auch wir vertrieben, auch wir vielleicht tot?

Immer wieder vertreiben sich die Menschen aus ihrem Paradies, aus der Heimat. Wir sassen zu lange zu Haus.

Lutz sah sein Gewehr an, das schon scharf geladen war. Der Mann hatte Sehnsucht nach der Waffe.

Wir Jäger des Lebens. Wir Abenteurer.

„Na, Lucie —?“ fragte Wittke. „Träumst von Backobst mit Klössen, oller Usinger —?“

Lutz schüttelte nur mit dem Kopf und gab dem Kameraden die Hand. Klössen — — Klösel — — alter Hauptmann — war das erst vorgestern, da du sagtest: „Macht’s gut!“

Ich will es gut machen.

Die Welt soll sich gut machen.

Was aber ist das Gute?

Das Wahre.

Ja, das Wahre — — o zärtlicher Himmel über mir, wo?

6.

Da lag, schön wie in einem Ritterspiel, die Bergfeste Dun an der Maas — hier assen sie zu Mittag. Aber als der Zug stillstand, ging ein Murmeln weiter, und es waren nicht mehr die Räder, die da leise und monoton murmelten, es kam von ferne her, und es sprach vom Tod.

Eine halbe Minute, und schweigend sahen sich alle an. Dann schwatzte man wieder. Und langsam ebbte auch das innere Zittern in den Stimmen ab, bis ein derber Witz explodierte und ein extra lautes Gelächter sich über das spukhafte Murmeln erhob.

Lutz träumte abseits vor sich hin, wie es seine Art war — Du schönes stolzes Frankreich! sann er in die heroische Maaslandschaft hinein. Und dann wanderten die Gedanken den Weg zur Stadt hinauf entlang und wieder hinab am Fluss dahin — ach, Adelheid, wenn du die wärest, die ich mir träume — du aber ahnst nicht, wie gross und schön und einsam-herrlich das Leben sein kann. —

Solch liebende Wanderung hier am sanften Strom, horch, Glocken fallen aus der Stadt, sie suchen Gott, für uns, für die Feinde — ich weiss es nicht, aber es ist schön, Tränen habe ich, siehst du, Adelheid, du aber trinkst Sekt mit deinem Unterarzt und ihr sagt vielleicht mitleidig: Der arme kleine Lindolf, wenn er fällt — ein braver Schiesssoldat in seiner Uniform. Sie war ihm viel zu gross, lacht Adelheid.

„Mal herhören!!“ sagte ein fremder Oberleutnant. „Ihr könnt jetzt in die Stadt gehen, bis fünf Uhr, dann fährt der Zug weiter.“

„Wohin?“ schrie einer.

Alles lachte die Antwort. Bis fünf — drei Stunden frei. „Viel boku! Bon fortzionös!“ schrie Töz. „Sind noch Weiber da?“ brüllte Pechtler dazwischen. Und dann zerstob alles in Trupps und Gruppen, die Maashöhe hinauf, wo die Stadt wartete, fast unversehrt, nur wenige Ruinen — doch von ferne murmelte es zu jedem Wort, zu jedem Schritt.

Die Estaminets waren von den sechshundert Soldaten des Transportzuges im Nu gefüllt.

Das Kauderwelschen begann.

„He, Madame, einen — (Nun kam die Schuapsgeste) zum bon choucher!“

„Oui, Oui!“

Die Kellnerin, dürr und ausgemergelt, wurde beim Bestellen und Servieren betastet, gezwickt und gedrückt, ein müdes Lächeln, das das Ekeln vor sich selbst und vor der Welt verlernt hat, war auf ihren Lippen erstarrt.

Einer gab ihr durch Gesten zu verstehn, dass sie verwelkt sei: Malheur! Malheur!

Alles lachte.

Sie aber wurde jetzt zornig und stiess mit letztem Feuer hervor: „C’est votre guerre!“

Dann trat sie zu Lindolf, der mit einem fremden Kameraden aus einer andern Ersatzkompagnie abseits von den Lärmenden sass, und sah ihn fragend an.

„Kaffee!“

Sie nickte lächelnd, eilte fort und brachte unter dem Schimpfen der lauten Bande Lutz und seinem Tischgenossen zuerst das Bestellte.

„Lucie macht Eroberungen!“ brüllte Wittke aus dem Haufen, der um den grössten Tisch in der Mitte sich lümmelte und räkelte.

Die Kellnerin sah die Johlenden giftig an. Sie schrie in ihrer Sprache: „Wenn alle so wären wie die beiden Knaben, gäbe es keinen Krieg, ihr Hunde!!“

Lindolf verstand ungefähr mit seinem Schulfranzösisch, was sie meinte, und sah sie zärtlich an.

Zwischen dem Tisch Lindolfs und dem grossen Tisch lagerte sich plötzlich etwas wie schlecht verhohlene Feindschaft. Das Weib machte parteiisch, weil es ganz den ureigenen Gefühlen folgend ungerecht Partei ergriff und Vorliebe zeigte.

Plötzlich aber wurde ans Fenster geklopft und mit einer schmutzigen Gebärde zeigte Pechtler, dass er etwas viel Feineres und Verlockenderes gefunden hätte.

Einer nach dem andern verschwand so schnell wie möglich, sein Glas hinunterkippend. Dann folgten sie Pechtler mit grossmächtigen Reden, die Begierde im Blick.

Sie vergassen noch einmal. Die gemeine Lust hielt ihre Sinne völlig befangen.

Lindolf und der fremde Kamerad und die welke Kellnerin sassen indes stumm zusammen. Die Minuten rannen. Und keiner wusste, warum sie unter solchen Rätseln und Qualen verrannen.

„Ick — nix mehr — schön!“ sagte wehmütig die Kellnerin.

„Oh — votre coeur est bon!“ sprach der fremde Kamerad.

Lutz streichelte die Kellnerin über die Wange. Er streichelte Frankreich. Und irgend etwas sprach ihn bei allem verstandesmässigen Widerlegen schuldig.

Er hatte mit dem Morden da vorn nichts zu tun.

Aber er konnte auch nicht feige sein.

„Komm, Kamerad. ’s ist Zeit! Adieu!“

„Adieu!“ Die Kellnerin wollte ihnen nachrufen: „Kämpfen Sie glücklich!“ aber das Gefühl: sie sind trotz allem Feinde, hiess sie schweigen. Dennoch war sie unzufrieden mit sich, dass sie schweigen musste. Was ging sie dieser fürchterliche Krieg an?

7.

Als die Sechshundert wieder antraten, die meisten fluchend und missmutig, nun langsam und sich ekelnd aus dem Alkohol- und Geschlechtsrausch erwachend, da fanden sie statt des Zuges Trümmer vor. Ja, jeder hatte dumpfe Knalle gehört — also Bomben haben die Franzmänner schon auf ihren Zug geschmissen.

Nun standen sie da — das Gepäck war futsch. Die Offiziere eilten mit blassen, aufgeregten Gesichtern hin und her. Der Transportführer, ein Hauptmann, der nur den Ersatz heranbringen wollte, ohne viel Feuer zu verspüren, — auch so bekam er das Eiserne Kreuz — telephonierte aufgeregt mit einem Brigade-Adjutanten. Nach einer Weile kam er aus dem lädierten Bahnhofsgebäude heraus:

„Wir müssen sofort nach Mouzon marschieren! 14 Kilometer! Dort werden wir neue Sachen empfangen. An die Gewehre!“ Die Gewehrpyramiden standen unversehrt jenseits des Bahnhofs. „Ohne Tritt marsch!“

„Ob Tote sind? Verwundete?“ Ein paar waren freiwillig zur Bewachung des Zuges zurückgeblieben.

Nein. Keiner tot, keiner verwundet. Sie hatten alle, einschliesslich der Bahnhofsbesatzung, beim Herannahen der Flieger in einem bombensicheren Unterstand Deckung genommen.

Alle atmeten auf, weil keiner tot war. Denn wenn erst der Tod in die Reihen sich einzufressen beginnt, heute den, morgen den — auch das wird kommen.

Sie sangen. Auch die bei der Dirne waren, sangen hell und froh. Der Fliegerangriff hatte sie wieder von dem Dreck, den sie in ihre Seele geschüttet, gereinigt. Sie taten die Schweinerei mit einer Handbewegung ab.

In Mouzon wurden sie mit neuen Tornistern, Spaten, Handgranaten und Mänteln versehen und dann noch in der Nacht erneut in Marsch gesetzt, weil es kein Quartier hier für sie gab. Nach Brieulles. Zwanzig Kilometer.

Fluchend und schwitzend kamen sie gegen Morgen dort an. Stumm. Lauter murrte die Front hier. Die Kirche, in der sie untergebracht wurden, hatte zersprungene Fensterscheiben und ein durchlöchertes Dach. Aber sie sahen nicht die Bombenlöcher ringsum, sie gingen hinein, warfen sich in irgendeinen Winkel.

Als Lutz schon im Halbschlaf war, erkannte er von ungefähr plötzlich, dass er unter dem Taufkessel lag. Richtig, er hatte ja in die Steinmulde da über ihm seine Siebensachen hineingeschmissen. Er sah zur Seite. Da schaute ihn Maria aus dem Altarbild an und zu ihren Füssen kniend, mit dem Helm auf dem Haupte, Jeanne d’ Arc.

Der Name der Nationalheldin stand auch auf dem unteren Rand des Taufkessels, und beim Schein seiner Taschenlampe entzifferte Lutz, dass die heilige Johanna hier getauft worden ist.

Leben, Leben, was führst du für seltsame Wege. Die Jungfrau von Orleans, diese Schillerfigur, dieses dichterische Phantasiewesen, das sie immer für Lutz bisher war, hier wurde sie ihm erst lebendig. Er dachte an die erste Aufführung der „Jungfrau von Orleans“ in seinem Leben, als Quartaner sah er sich sitzen in dem kleinen Theater — zu Hause — — ach, wie leicht, wie zauberleicht jene Zeiten — — nun schlief er unter dem Taufkessel der Jungfrau, und in dem heiligen Steinbecken, in dem die Jeaune d’ Arc eine Christin wurde, lag sein Tornister, lag sein Helm.

Neue Verwirrungen erfüllten Lutzens Seele. Er träumte, dass er die Johanna gefangen hatte und so lange misshandelte, bis sie aussah wie die Kellnerin von Dun.

Grosses Hallo! Befehle: „Sofort räumen die Kirche! Sachen nicht liegen lassen! Raus! Fliegerangriff!“

Schlaftrunken griff Lutz nach seinen Sachen, stolperte wie die andern sich puffend und drückend ins Freie.

Nur ein leises Surren war in der Luft zu hören. Plötzlich vier, fünf Knalle —

Alle warfen sich zu Boden.

Doch die Kirche stand. Irgendwo auf den Feldern qualmte es und glimmte.

Alles trottete wieder zurück.

„Das fängt ja gut an! Verfluchter Saustall hier!“

Kein Mensch empfand die Lästerung, die in diesen Worten lag, — gelegen hätte, wenn diese Kirche nicht völlig aussah und vor allem roch wie eine Kaserne.

Lindolf fand seinen Platz unter dem Taufkessel frei und schlief nun traumlos bis in den lichten Morgen hinein.

8.

Die sechshundert Mann Ersatz wurden aufgeteilt. Lindolf kam zur zwölften Kompagnie des Reserve-Infanterieregiments 313 und wurde mit dreissig andern Kameraden nach Dannevoux, wo die Kompagnie lag, in Marsch gesetzt. Unteroffizier Liebetanz führte sie.

Als sie marschierten, sagte einer: „Heute ist Ostersonnabend.“

Töz, der sich auch in der Gruppe befand, meinte ein wenig beschämt: „Kinder, da haben wir ja gestern am Karfreitag diese Schweinerei aufgeführt. Es ist wirklich allerhand, dass uns dafür die Bomben nicht den Bauch aufgerissen haben.“

„Was heisst hier Bauch aufreissen? Wer soll uns denn den Bauch aufreissen?“ ein anderer.

„Gott — das ist so ein Fabrikat der Reichen und der Herrschsüchtigen als Leuteschreck für uns.“

„Gott lässt sich missbrauchen, weil er im tiefsten Grunde nicht missbraucht werden kann. Aber er ist da. Nicht für uns, für unsern Eigennutz. Aber in uns,“ sagte Lindolf. Und er spürte, wie aus dem Lerchenjubel, den fröhlichen Wolken, dem blauen Himmel und dem jungen Grün auf den Hügeln und an den Bäumen diese Gedanken hingen, die er aussprach, seltsam reif und weise für ihn selbst. Wenn ich zurückkäme aus dem Mord, ich würde wahrscheinlich zehn Jahre klüger und älter sein, dachte er.

„Ach du — das ist ja Quatsch. War er vielleicht auch in mir, als ich gestern bei dem Weib in Dun war, he?“

„Er lässt sich nicht zuschütten. Er kann nicht ersticken. Das Tiefste in euch bleibt unberührt. Ihr habt bloss Angst, in die Tiefe zu dringen. Alles erledigt ihr an der Oberfläche eurer Seelen. Und die Völker sprechen miteinander die Oberflächensprache und schreien: Hurra! Gott schreit nie Hurra, er schweigt sich in Schönheit aus —“

„Na, schweig dich mal auch in Schönheit aus, Lucie! Nix für ungut. Das verstehen wir nicht. Das heisst — weisst du — es ist so unbequem, darüber nachzudenken. Lieber will ich ein dreckiger Hund als ein so komplizierter, vertiefter Idiot sein. Nix für ungut, Kamerad! Los, singen wir!“

Und sie sangen: In der Heimat, in der Heimat — — —

Dies Lied ist Gott. Wie sie alle einfältig und rein aussehen, wie sie Natur werden, Kinder Gottes, dachte Lindolf. Und er wurde glücklich und sang und marschierte in den Frühlingsmorgen, noch lebensfroh, in Reih und Glied mit dreissig Kameraden.

Der Fesselballon der Division, diese dicke gelbe Himmelswurst, stand in Dannevoux und war ihr Richtungspunkt. Näher und näher kam der Ballon, manchmal kreisten Flieger um ihn, dann flogen weisse Schrapnellbälle hinauf von den Fliegerabwehrgeschützen, das ganze sah aus der Ferne aus wie eine Volksbelustigung im Lunapark. Das Getacke der Maschinengewehre von den Flugzeugen, die den Ballon aus Wolkenhöhe zu treffen versuchten, klang schon dünn wie Gänsegeschnatter herüber.

Die Sinnfälligkeit des maschinenhaften kriegerischen Geschehens entkleidete es allem Heldischen. Ich schiesse, du schiesst, wir schiessen — die Front konjugierte ihr Pensum. Ja, so murmelnd hatte man seine Lektion aufgesagt, Tag für Tag, Jahr für Jahr.

In Dannevoux, die Erbswurst des Fesselballons hing nun über ihnen, wurden sie noch am gleichen Tag in die zusammenge schossene 12. Kompagnie eingereiht. Sie standen kaum fünf Minuten unter ihren neuen Kameraden, da wussten sie, dass am zweiten Feiertag nachmittags vier Uhr gestürmt werden sollte.

Nun war die Kompagnie angetreten. Der Feldwebel rief die Namen der Neuen auf, teilte sie den Gruppen oder Sonderfunktionen zu.

„Lindolf! Sie haben das Einjährige?“

„Jawohl!“

„Melder. He, Bernöckel, hier ist der zweite Melder. Wo ist der Leutnant? Nicht da? Sobald Sie den Leutnant sehen, melden Sie sich bei ihm als Gefechtsordonnanz.“

Töz sagte, als Lindolf an ihm vorbei sich wieder in die Reihe stellte, jetzt neben Bernöckel, dem anderen Melder: „Arme Lucie!“

Langsam dämmerte es Lindolf auch, dass er einen der gefährlichsten Posten bekommen hatte: Die andern standen, er lief durch den Dreck da vorn.

Bernöckel sagte gleich: „Na, da wollen wir heut abend Testament machen. Das hat man von seiner Intelligenz.“

„Wegtreten!“ kommandierte der Feldwebel. Und alles trieb auseinander. Wahllos in das Dorf, in die Gegend, in den Wald hinein. Das Gemurre der Front hörte keiner mehr.

Bschinng — — —

„Das war im Dorf“, sagte Bernöckel ruhig. „Schweres Geschütz.“

„Ob welche tot sind?“

„Lass doch. Nicht soviel fragen. Immer drücken. Ausser Schussweite. Seit Langemarck hab’ ich die Neese plein! Aber was ist zu machen?“

Bernöckel war Gefreiter. Im übrigen so etwas, was man einen schlappen Hund mit grosser Schnauze nennt. Berliner. Student im ersten Semester, als der Krieg ausbrach.

„Ist das eklig — Melder?“ fragte Lindolf.

„Bin es auch zum ersten Mal, früher oder später kriegt’s den Melder immer, überhaupt da vorn — Junge, Junge, die Blumentöpfe fliegen da in ganzen Plantagen —“

„Kann man sich gar nicht in acht nehmen? Hat sich gar kein Brauch herausgebildet — so hinlegen — hört man überhaupt die Granaten, die aus der Höhe kommen —?“

„Quatsch nicht heut schon von dem Dreck, Lindolf. Du wirst alles erleben. Nichts kann man machen. Man hält es aus. Der eine so, der andere so!“

„Ich habe noch keinen hier draussen kennen gelernt, der so der Typ des mutigen, braven, vaterlandsliebenden Feldsoldaten wäre, wie ihn die Heimat sieht.“

„So in der schönen, neuen, grauen Felduniform, wat?“ lachte Bernöckel. „Den gibt’s nicht. Selbst unter Offizieren und Unteroffizieren, die sich schustern wollen, stirbt diese Gattung aus, sobald das Kohlenkastenschmeissen da vorne beginnt.“

„Wenn jetzt das Regiment anträte und jeder seines Eides entbunden würde —“

„Kein Mensch hätte den Eid geschworen, wenn er ihn an der Front schwören müsste, wenn er wüsste, wie das aussieht, das Feld der Ehre — ja, Hunde, die was für sich selbst mit dem Tod erkaufen wollen — ganz ehrgeizige Hunde — solche gibt’s einige — aber sonst —“ schimpfte Bernöckel.

„Hör zu,“ sagte Lindolf und sah Bernöckel in die merkwürdig trüben Augen und auf die welke Haut, (der Mann ist ja vollkommen mit den Nerven herunter, dachte er) „hör zu, wenn jeder seines Eides entbunden, gefragt würde: Willst du weiter schiessen? Soll weiter geschossen werden? Hier und drüben? Es gäbe doch nur eine Antwort. Nein!“

„Natürlich!“ sagte Bernöckel. „Aber nun ist es losgegangen. Wer soll zuerst aufhören. Wir?“

„Nein.“

„Die andern, in deren Land wir sitzen?“

„Sie kämpfen bis zum Aeussersten.“

„Also?“

„Der Krieg nimmt nie ein Ende.“

„Nie — ich glaube es auch fast —“

„Also warten wir ab, was nun kommt. Für uns.“

„Warten wir ab.“

„Wir wollen Kameraden sein“, sagte nach einer Weile Schweigen Lindolf. „Echte Kameraden.“

„Man kann hier nicht unecht sein. Das ist vielleicht das Grosse. Deswegen hat der sinnlos begonnene Krieg einen Sinn — verstehst du? Das Echte, das Grosse, das, was gestern noch keinen Namen hatte, so stark an Gefühlen uns Ueberwältigende — die Reinigung von Hirn und Herzen hat begonnen — an der Front wachen alle auf. Alle. Das Volk wacht auf, die Völker. Sie werden wissend. Keiner wird sich mehr belügen lassen.“

„Wenn es so ist, dann will auch ich nach vorn,“ sprach Lindolf und sann und sann — — —

9.

Die 12. Kompagnie des Reserve-Infanterie-Regiments 313 wurde mit dem III. Bataillon dieses Regiments westlich der Maas bei der Höhe Toter Mann in Richtung auf das Fort Marre, zusammen mit andern Bataillonen anderer Regimenter, im ganzen etwa anderthalb Brigaden, am zweiten Osterfeiertag nachmittags zum Sturm angesetzt.

Leutnant Wynfrith, der Führer der 12. Kompagnie, meldete sich beim Major Graf Böchlarn zum Empfang der letzten Instruktionen. „Sie sind die dritte Welle. Angriffszeit 4,13 nachmittags.“

„Wenn noch solch Schlamm ist wie beim letzten Mal, werden wir schwer vorwärts kommen. Wir finden auch keine Gräben vor, wenn wir nicht bis in die Sperrfortkette dringen.“

„Ich hoffe, dass das Bataillon so weit kommt —“

„Das wären zwei Kilometer vorwärts. Wir haben schon um 60 Meter mit hohen Verlusten gekämpft. Ausserdem bekommen wir beim Vorwärtsdringen die Höhe 304 in die Flanke.“

„Divisionsbefehl: nachzudrücken. Sie wissen, auf dem östlichen Ufer sind Douaumont und Vaux schon vor Monaten gefallen.“

„Heute würden sie auch nicht mehr fallen. Forts können nur überrumpelt werden. Die Franzosen erwarten uns.“

„Wir müssen es versuchen, Wynfrith.“

„Jawohl, Herr Graf!“

„’s ist gut. Lassen Sie antreten.“

Leutnant Wynfrith stand tiefernst, aber gelassen mit klarem offenen Blick vor seiner aufgefüllten Kompagnie.

„Seid ihr in Ordnung einigermassen? Der Herr Major will euch sehen — he, Martens, sehen Sie doch die Kerle nach.“

Wynfrith sah gelangweilt der kommissigen Untersuchung zu.

„Alles in Ordnung,“ meldete Vizefeldwebel Martens.

Da kam der Major. Mit seinem knickebeinigen Kavallerieschritt in seiner Ulanenuniform, die Mütze schief über den Ohren — der Herr Graf.

„Stillgestanden. Augen rechts —“ kommandierte Wynfrith ein wenig lässig. Was soll dieser Betrieb?

Dann meldete er. Der Graf nahm die Meldung mit der eingefleischten schneidigen Grussgebärde entgegen. Jetzt schnarrte er: „Rührt Euch!“ und schritt von Mann zu Mann.

„Die neuen vortreten!“

Unteroffizier Liebetanz, Gefreiter Krauss, Lindolf, Töz, Hirschfeld, Pechtler, und alle die dreissig, die gestern so fröhlich hermarschiert waren, traten mit ernsten Gesichtern vor.

„Ihr wisst, dass hier grosse Kämpfe im Gange sind. Vielleicht die Entscheidungsschlacht. Ich hoffe, ihr werdet meinem Bataillon wie alle andern hier Ehre machen. Es ist für uns alle eine Auszeichnung, unter den Augen des Kaisersohnes als Oberbefehlshaber zu kämpfen — in Tod und Sieg. Ein Zurück gibt’s nicht. Die Festung muss fallen. Nun — nun —“ er wurde unsicher, er sah verständnislose disziplin-unbewegte Gesichter vor sich, keine Begeisterung — „nun, ich weiss — die Stunde ist ernst — mit Gott für König und Vaterland.“

Die Kompagnie glotzte unbeweglich geradeaus. „Quatsch nich. Krause,“ flüsterte einer.

Lutz dachte: Das war arg verfehlt. Das waren falsche Töne. Es geht ja um viel mehr als um König und Vaterland. Es geht um den Sieg über uns selbst. Um die Freiheit schlechthin. Dieser Krieg ist ein Fieber. Wir müssen durch alle Krisen. Alle Völker. Nachher werden wir, die es überstehen, um so fester und lebenssicherer sein.

„Stillgestanden! Die Augen links!“ kommandierte müde Wynfrith. Graf Böchlarn verabschiedete sich. „Mein Stabsunterstand der gleiche wie in den letzten vier Wochen.“

Wynfrith grüsste stumm. Der Major ging. Dann wandte sich Wynfrith zu seinen Leuten:

„Rührt euch. Wir marschieren heut abends 7½ Uhr ab. Feldwebel! Gutes Essen! Für die Neuen: Der Marsch in den Graben dauert 4—5 Stunden. Sturmgepäck. Alles Ueberflüssige hier lassen. Ich hoffe, dass wir alle — möglichst alle — in vier Tagen wieder hier stehen. Die Melder —!“

Lindolf und Bernöckel sprangen vor.

„Heisst?“

„Lindolf, Herr Leutnant.“

„Bleiben immer an meiner Seite. Keine Angst, Junge. Es ist halb so schlimm, wie es vorher aussieht.“

„Ich habe keine —“ wollte Lindolf abwehren. Aber er fühlte selbst, wie unecht das klang.

„Ich weiss, ich weiss. Du willst keine haben. Aber bange zu Mute ist uns allen. Immer wieder. Na —“ Er streckte ihm die Hand hin. „Und Bernöckel, alter Knabe? Noch immer kein Heimatschuss?“

„Nein, Herr Leutnant.“

„Wie lange?“

„Seit Langemarck ununterbrochen draussen — 17 Monate.“

„Ich auch — von der Marneschlacht bis heute — und man lebt — — —“

Lindolf wollte seinen Leutnant umarmen.

„Fresst euch satt, Jungens. Vorn gibt’s vielleicht nichts — Auf Wiedersehn.“

„Auf Wiedersehn —“

„Mit dem Leutnant haben wir Schwein, was?“ sagte Lindolf.

„Ja, er ist besser als mancher andre. Darum pfeifen die Kugeln nicht weniger in seiner Kompagnie,“ sagte gähnend Bernöckel.

Plötzlich ein Schuss in einem der Quartiere — —

Alles lief zusammen. Da trug man einen kräftigen rothaarigen Mecklenburger hinaus — beim Gewehrreinigen war dem ungeschickten Hirschfeld ein Schuss losgegangen, er hatte vor der Reinigung zu entladen vergessen —

„So stirbt man auf dem Felde der Ehre,“ sagte ein Gefreiter in lehmgrauer Uniform, also einer von den Alten der Kompagnie. „Vorn kommt man durch, daun knallt einem solch ein Dussel die Bohne in den Rücken.“

Hirschfeld stand zitternd mit halb irrem Blick im Winkel. Schon in der Garnison hatte der kleine Jude dauernd Pech. Alle, vom Kompagniechef bis zum kleinsten Flügelmann, sahen ihn schon in Döberitz als minderwertig an. Nur zu Lindolf hatte er Zutrauen.

Lindolf fragte aber jetzt auch böse: „Warum hast du das getan?“

„Es ging los —“

Da sah ihn dieses grossnasige, glotzäugige Gesicht über der ewig verrutschten Halsbinde schräg von unten an: Verlass du mich nicht auch noch —

Bernöckel schrie: „Verdammter Judenbengel! Das hätte mir passieren sollen — ich hätte dir eine gelangt —“

Da fing alles zu lachen an über die Unmöglichkeit, sich mit der todbringenden Gewehrkugel im Leib zu rächen.

Lindolf sagte zu den andern: „Dem wird immer die Kugel an unrechter Stelle losgehen. Es gibt solche Menschen. Er trägt ja selbst am schwersten daran. Er hat eine gute Seele. Es gibt nur nichts Ungeschickteres auf der Welt.“

Jetzt kam der Feldwebel. Auch der pfiff Hirschfeld an, sprach was von Meldung und Arrest. Und von allen jämmerlich verachtet sass Hirschfeld an einem Pfeiler und weinte bitterlich.

So war dieser letzte ruhige Nachmittag verstört durch Tod und Begräbnis.

Doch so gegen fünf Uhr begann man zu saufen und eine sich immer höher steigernde nervöse Heiterkeit in Gang zu bringen.

Dazu ass man ohne Unterlass. Hastig. Soviel wie möglich. Brot, Zwieback, Fleisch, Nudeln, Schokolade.

Lindolf hielt sich abseits. Er hockte am Waldrand und sah die Sonne sinken. Er liebte die Birken, die vor ihm in erstem Frühlingsgrün sich im Winde wiegten. Er sah über die Dächer des Soldatendorfes hin, wo nicht ein Zivilist mehr wohnte — Frontland — — —

Und doch stille Wolken darüber. Und ein Vogellied.

Er begann zu schreiben: an die Mutter, beruhigend, zuversichtlich, es ist alles halb so schlimm, und an Adelheid: — — Ich weiss, dass du nicht verstehst, worum es hier geht. Nicht um Epauletten und Eiserne Kreuze, es geht um den Aufruhr der Seele. Die Welt fiebert. Wir sind die Bazillenheere, die den Fieberkampf auslösen. Gift und Gegengift, auf dass alle gesunden. Grüss mir Berlin. Ist es noch da? War ich vor einer Woche noch in Deiner Nähe? Ich küsse Dich, heut’ abend geht es nach vorn. Dein Lutz.

10.

In lockerer Marschordnung, zu zweien und dreien, zog die 12. Kompagnie R.J.R. 313 gemächlich an die Front. Das Gewehr trug jeder, wie er wollte, die Schritte gingen durcheinander — es war wirklich die berüchtigte Hammelherde des Kasernenfeldwebels, die jetzt auf den Feind losgelassen wurde. Wie lächerlich wäre es aber auch gewesen, mit Gewehr über in Gruppen rechts schwenkt marsch zu marschieren — Lindolf dachte an seinen Hauptmann Koesel, der dem Exerzieren immer vorzeitig ein Ende machte in der richtigen Erkenntnis, es hat ja alles vorne keinen Sinn. Wozu bloss dieser Schliff? Wieviel harte Herzen hat er geschaffen? Rebellen gegen die Exerzierknute. Statt die Seelen vorzubereiten, in Freiheit mutig, für den grossen Kampf. Nun mussten sich die Seelen trotz des widerlichen Kasernenballasts mit all seinen verdriesslichen Schikanen in wenigen Stunden freimachen für den grossen Gang in den Tod. Als dumme Jungens wurden sie in den Garnisonen behandelt, nun verlangte man, dass sie Männer seien.

Ja, hier schritten Männer. Auch die fast Knaben waren, schritten weise und gelassen. Aber dies geschah trotz des Garnisonexerzierens.

Leutnant Wynfrith sann vor sich hin. Bernöckel rauchte nervös eine Zigarette nach der andern. Er sah käsebleich aus und hatte sicher Fieber. Zu Hause wäre er im Bett geblieben, so schlecht fühlte er sich, abgekämpft. Doch solange man nicht wirklich umsank, sah alles wie Feigheit aus.

Sie verliessen das Dorf, die Strasse neigte sich, gerade holte man den Fesselballon ein. — „Na, ihr Etappenschweine, ihr macht Feierabend —“ rief man aus der Kompagnie den Luftschiffern zu, die sich wortlos diese Gemeinheit einsteckten. Was sollten sie viel sagen? Sie wussten, mit ihrem Ballondienst war das da vorn schwer zu vergleichen.

Nun breitete sich eine ziemlich weite Ebene mit mehreren Anmarschstrassen aus, bis die Höhen „Toter Mann“ und „304“ zu ragen begannen. Die Front murmelte bald nicht mehr, sie tobte laut. Und man hörte schon vereinzelte Einschläge, die näher kamen, heraus.

Doch Lindolf dachte: Vorläufig ein Abendspaziergang. Da ist der Friedhof — hier ein Soldatengrab — da eine zerschossene Mühle — dort ein anderes Dorf — letzter Abendsonnenschein — der Mond —

„Wann kommen wir ins Feuer? In wieviel Stunden?“ fragte Lindolf den Leutnant.

„In zwei so richtig, in einer kann es schon vereinzelten Zunder geben.“

Da trank Lutz noch einmal das Leben, das in allen Adern und Nerven so lebensstark wie nie gefühlte Leben in vollen Zügen. Alles erwachte aus der Vergangenheit: Kindheit, Studienzeit, Weihnacht, erste Liebe, Berlin, die Fahrt durch Deutschland, die letzten Tage, und Adelheid. Aber er zürnte ihr nicht. Die Stunde war gross, und eine tiefbeseelte Adelheid erschien ihm gütig in dieser Stunde, wie sie nicht lebte, aber wie er sie träumte, wie er sie brauchte in seiner grossen Not zwischen Leben und Tod. Das verklärte Finale aus der Egmont-Ouvertüre umkreiste ihn — der Schritt der Kameraden um ihn, vorwärts, vorwärts —! Wohin? In die grausigste, die Seele hochtreibendste Mannestat — er blieb stehen und liess seine Kameraden vorbeimarschieren. Er wollte ihre lebendigen Gesichter sehen. Er verbarg diese seelische Wunde mit der Frage nach nichtigen Dingen. Er, der Schweigsame, wurde gesprächig. Er horchte auf seine Stimme und liebte sie, dass sie noch so jung und schön klang in all dem Graus. Und alle waren weich im Herzen und antworteten gern.

Dann lief er wieder zur Spitze der Kompagnie an des Leutnants Seite. Gerade kam ihnen eine in Ruhestellung ziehende Kompagnie entgegen. Der Leutnant fragte den ersten Vorbeikommenden, es waren 127er — —: „Euer Leutnant?“

„Hops gegangen. Hier der Vize führt.“

„Guten Abend,“ grüsste Wynfrith. Der Feldwebel nickte.

„Wie sieht’s aus, noch immer so lehmig, dass man bis in die Knie stecken bleibt?“

Der Feldwebel nickte. Die Stimme schien ihm vor Entsetzen zugefroren.

„Starke Verluste?“

Der Feldwebel liess wegwerfend die Hand zur Seite fallen. Dann zog er ohne Gruss weiter.

„Die haben die Nase voll!“ sagte Wynfrith.

Keiner der 127er antwortete auf die Zurufe aus der zur Front rückenden Kompagnie. Sie dösten geistesabwesend vor sich hin: Ruhe, nur Ruhe!

Bschirr — ing — —

Lindolf warf sich hin. Alle Neuen hatten sich, wie sie es auf dem Exerzierplatz gelernt, hingeworfen. Wynfrith sah lächelnd auf den am Boden klebenden Lindolf.

„Die ist bloss aus Versehen hierher geraten — im übrigen, entweder aufrecht gehen oder gebückt, oder kriechen — aber dies Hinschmeissen nach dem Knall, ist ja Quatsch — hättest ja den Dreck längst weg, Junge —“

Nun waren aber die Nerven der Kompagnie aufgerührt. Wie spähendes Wild näherten sie sich der Hügelkette, hinter der es schon ganz tüchtig rumorte.

Das Gelände stieg an.

„Marschordnung lockern! Aber nicht abreissen! Bernöckel, gehen Sie am Ende mit Unteroffizier Glaser! Nicht abreissen!“

Die Zwischenräume zwischen den einzelnen Leuten wurden langsam verdreifacht. Die kleine Kompagnie zog eine Riesenschlange durch das nächtige Land.

Nun gab es keine ebene Strasse mehr. Rings in den Februarkämpfen zertrichterte Wiesen und Aecker. Drahtverhau lag herum. Jetzt sprang Mann für Mann über die alten Gräben, aus denen die Offensive im Februar hervorgebrochen war, und die heute friedlich dalagen, wie es schien, schon mit Moos sich bedeckten —

Jetzt — auf der Hügelkette — — zwanzig bis dreissig Leuchtkugeln in der Luft, die goldgelben der Franzosen, die weissen der Deutschen, aufblitzende Krater, zum ersten Mal deutlich zu hörendes Maschinengewehrgetacke und Gewehrgeknatter — die Front. Da, wo das grosse Feuerwerk tobte, das war die Höhe 304.

Wynfrith sagte: „Hier bin ich im März selbst vorgegangen mit meiner zwölften. Was, Striese, — du warst ja noch dabei?“

„Ja, Herr Leutnant. Und morgen wieder?“

„Ja, morgen wieder.“

„Wann wird der Dreck ein Ende haben?“

„Striese, was nutzt das Maulen.“

„Herr Leutnant, geben Sie mir eine Zigarette.“

„Hier, Alter.“

Der Tote Mann, über den die Kompagnie jetzt marschierte, hatte Granatennarben um Narben und war ein einziges Massengrab.

Wumm — ging plötzlich mit Höllenkrach und wildem, blendendem Blitz vor Lutzens Augen ein Kanonenschuss los.

„Uns’re Artillerie —“ erklärte Wynfrith, „die über unsere Köpfe hinweg die Franzosen auf 304 beschiesst. Die Front biegt hier rechtwinklig um. Diesen rechten Winkel sollen wir morgen ausplätten mit unserm Angriff.“

Ausplätten — schön gesagt — dachte Lindolf. Die Batterie machte einen Höllenlärm, die Granaten pfiffen hörbar über die Köpfe der Kompagnie weg — — bsching — tüüü — bsching —

Wynfrith duckte sich. Alles folgte seinem Beispiel. „Nicht abreissen!!“ Der Leutnant wusste, die ersten Schüsse dehnten die Kompagnie ins Endlose — „Lindolf, zurücklaufen und zählen, gleich wieder herkommen.“

Lindolf lief die geduckten, zögernd schreitenden Gestalten entlang. Alles war verstummt. Nun kam ihm seine verträumte Musterung der Gesichter vorhin — ist es erst eine Stunde her? — zugute. Er sah — ja das war Bernöckels blasses Gesicht — alle waren noch zusammen.

„Sag dem Leutnant, Gefreiter Kirsten ist verwundet. Ist bereits abgehauen. Schulterschuss.“

So, so, dachte Lindolf, einer verwundet.

Bsching — bsching — in dichter Aufeinanderfolge, wahllos hie und da, ferner und näher, sausten die Granaten in die zerspritzende Erde.

„Oh —“ stöhnte einer neben Lindolf nieder. Es war also in der Nähe eingeschlagen. Lutz lief zum Leutnant. Da starb einer — er aber meldete ganz ruhig: „Kompagnie ist vollzählig. Gefreiter Kirsten verwundet. Eben einer gefallen neben mir ...“

„Ja, gut“, sagte Wynfrith. Nichts von Feuertaufe, Heldentod. Wie lächerlich solche Ausdrücke — — —

Die Kompagnie ging Schrit für Schritt vor. Das war ein Heldengang ohne Beispiel aus der Geschichte. Seit Jahr und Tag traten jede Nacht ohne Pathos und Trara Kompagnien um Kompagnien bei Freund und Feind diesen Gang durch Eisen und Tod an. Stählerne Männer. Aber nicht solche, wie sie bei Sedanfeiern gepriesen werden. Ernste Soldaten. Sehr ernste. Das war kein frischer fröhlicher Krieg. Das Morden tobte. Dennoch hielten die Herzen stand. Bis in den Tod.

Wofür? Das fragte keiner mehr. Man dachte nur: Gut, dass diese Verwüstung der Landschaft in Feindesland geschah. O ferne Heimat, lebst du noch —? Ihr wisst ja nicht. Kein Heldenlied, kein Armeebericht, keine Auszeichnung kann deutlich machen, was hier geschieht.

Unter den vorsichtigen langsamen Schritten der geduckt Vorwärtsdringenden knirschte zermürbtes Gestein.

„Wir sind gleich im Laufgraben, dies hier ist Béthincourt — gewesen,“ sagte der Leutnant.

Und nun sprang jeder in den Graben hinein. Ganz nahe Maschinengewehrgetacke. Die Kugeln pfiffen irgendwo hier vorbei. Granateneinschläge waren ringsum und schon weit hinten im durchmarschierten Gelände.

Mitten drin.

„Lindolf — zählen — dann nachkommen — oben laufen — im Graben kommen Sie nicht durch —“

Und Lindolf zählte zum zweiten Male die Kompagnie. 51, 52, 53 — abgerissen. Wo ist der nächste?

Er schrie in den Höllenlärm: „Hallo! Bernöckel!“ Da tauchte aus dem Boden ein Schipper auf und holte mit dem Spaten aus: „Wirst du die Fresse halten. Hundert Meter weiter sind die französischen Horchposten. Such doch, dummer Hund —“

Richtig setzte ein Maschinengewehr ein: Tak, tak, tak — ganz in der Nähe — doch Lindolf dachte nicht an Schüsse, er suchte nur den Kompagnierest — da — da endlich, sie hockten — ein Unteroffizier sagte: „Wir wussten nicht, wo weiter!!“

Lutz nickte: kommt nach. Und er brachte sie an den Laufgraben. Doch das von ihm vorhin geweckte Maschinengewehrfeuer traf zwei, die er kannte, darunter einen von den neuen dreissig. Ich meinte es doch gut, o Gott! schlug sein Gewissen. Aber das Toben der tausend Schüsse ringsum im engsten Kreis nahm alles logische Denken sofort weg, nur traumhafte, hellsichtige Bilder traten vor die Augen — er sollte ja oben entlang laufen, durch die Maschinengewehrgarben also — ach was — raus — er lief auf der Brustwehr, umheult und umpfiffen und umkracht — da hockte der Leutnant mit der Kompagnie — und vor ihm spritzte der Erdboden —

Lindolf nickte: Ja, Kompagnie ist zusammen.

Der Leutnant winkte ihn neben sich.

„Man weiss, dass wir kommen. Ich will aber warten. Wenn wir durch das Maschinengewehrfeuer laufen, das hier in den aufgeschossenen Gräben prasselt, kommen wir ein Drittel nur nach vorn.“

Sie warteten eine Stunde. Leuchtkugeln schwebten über ihnen. Dann und wann schlug eine Granate in der Nähe ein. Manchmal wurde durchgesagt im Flüsterton, ganz geschäftsmässig: Der verwundet, jener tot.

Endlich hörte die Schiesserei auf. „Jetzt so schnell wie möglich durch. Laufschritt — durchsagen — Lindolf — oben laufen —“

Und wieder huschte Lindolf die Kompagnie entlang: Laufschritt, Laufschritt, Laufschritt —

Sie kamen durch, fast die ganze Kompagnie. Nur den Schwanz, die Letzten, fasste das Maschinengewehrfeuer, eine Leuchtkugel hatte den Anmarsch zum Schluss verraten.

Unteroffizier Glaser, der mit Bernöckel den Schluss bildete, fiel. Drei Mann verwundet.

So langte die 12. Kompagnie, die 4. Kompagnie des I. Bataillons ablösend, schnaufend und ohne jeden greifbaren Gedanken todmüde nachts um zwei in der vordersten Stellung an.

Und morgen Sturm.

11.

Pechtler, der rüde Geselle, der schon mit einer gewissen Krankheit abhauen wollte, war vorn einer der Tapfersten. Nun wie er drin war in dem ganzen Dreck, wie er sich ausdrückte, er hatte manchmal noch ein saftigeres Wort dafür, da wollte er zeigen, dass er keineswegs Angst hatte. Er war wirklich der Einzige vielleicht, dem Angst ohne Heuchelei oder Selbstüberwindung etwas Fremdes war. Er duckte sich nicht, wenn die Blumentöpfe oder die Maikäfer, wie er die Flintenkugeln nannte, flogen; er ging drauflos, wie man es ihm befahl, und stand grinsend still, wenn das Ganze Halt kommandiert wurde.

Zu seiner Seite stets Töz und Wittke. Kaum waren sie vorn angelangt, hatten sie sich eins der grössten Erdlöcher ausgesucht, in dem sie zu dritt sitzen konnten, und spielten nach dem ersten Ausschnarchen ihren Skat, während die Granaten die Front auf und ab tasteten.

„Langsam bekommen die Stinktiere“ — so nannte Pechtler die Sanitäter — „zu tun. Na, Junge, Heimatschuss?“ fragte er einen Verwundeten aus einer fremden Kompagnie, die weiter vorn an der besonders gefährlichen Sappe lag, und der vorbeihumpelte. Der lächelte: Hoffentlich trifft mich keine zweite, ehe ich aus dem Graben hinaus bin —

Die Granaten auf und ab machten einen solchen Lärm, dass Pechtler ruhig brüllen konnte:

Ja, in Morslede, ja in Morslede, ja in Morslede

schmeckt der Wein so süss.

Nachmittags vor dem Sturm munterte Pechtler alle auf mit derben Widmungen, die er den trommelnden Granaten nachschickte, die die Franzosen zermürben sollten, mit Gelächter über die paar Nasenpopel, die von drüben geflogen kamen, er verband Leichtverwundete mit seinem Verbandstoff, und auf die Frage, was er für sich „eventuell“, ja, so sprach man von Tod und Wunden: eventuell — —, verbrauchen wolle, sagte er: „Mein Hemde ist sowieso verdreckt ....“

Leutnant Wynfrith sagte plötzlich: „Nun halt die Klappe, in drei Minuten müssen wir raus. Lindolf, durchsagen! In drei Minuten —“

Es regnete. Alle waren lehmbeklebt. Wenn man versuchte, hochzukommen, glitschte man an der Grabenwand ab.

Doch kein Gegenbefehl kam. Der Leutnant hatte noch einmal telefoniert und auf den Schlamm zwischen den Gräben hingewiesen. Er war vom Major angepfiffen worden, was denn das heissen sollte. Befehl sei Befehl.

Durch diesen Anschnauzer fühlte aber Wynfrith sein Gewissen rein. Er hatte wieder einmal versucht, seine Leute bis zum äussersten zu schonen — dass sie heute in dem Dreck die Höhe 304 hinan kamen, war ausgeschlossen — aber, na ja, — von Zeit zu Zeit musste gestürmt werden — —

4 Uhr. Man stieg aus den Gräben. Der Regen nebelte die grauen schleichenden und kriechenden Gestalten ein. Mit Ellenbogen und Knien blieb man im Lehm stecken, mühsam kroch die ausgeschwärmte Kompagnie Meter für Meter vor. Drahtverhaue — — — nur dort eine schmale Gasse. Nun sammeln und durchlaufen. „Lindolf, Bernöckel — die Flügel hier herandrängen!“

Doch ehe die Kompagnie immer zu drei und vier Mann durch die enge Gasse zwischen den Drahtverhauen durchzuflitzen beginnen konnte, fing der Franzose von der Höhe 304 herab zu tacken an. Ein, zwei, drei Maschinengewehre. Das langsame Tack-tack der Franzosen .... Die deutschen Geschütze hatten aufgehört zu schiessen. Sturmstille.

„Zurück!“ schrie Wynfrith. „Hinlegen! Abwarten!“

Er hätte sich auch heute leicht das E. K. I. holen können. Als erster durchlaufen: Mir nach! Er wäre noch vor dem Einsetzen des Feuers durchgekommen. Und dreissig Mann von seinen zweihundert wären wohl übrig geblieben, mit denen er sich hätte halten können. Er wusste, dass mancher Führer es so machte.

Aber er sah sich seine Jungens an.

Nun setzte auch Geschützfeuer ein. Nur die lieblichen kleinen Dingerchen der Feldgeschütze, wie Pechtler sagte, die man dort auf der Höhe losfunken sah.

Wo ist Pechtler mit einem Mal? Wo sind die Skatbrüder?

Bernöckel totenblass und müde den Kopf hängen lassend sagte: „Getürmt!“

Doch Lindolf wusste seit gestern es besser und er verteidigte: „Pechtler türmt nicht!“

Da — horch — „Herr Leitn’nt! Herr Leitn’nt!“

Das war Pechtler. Mitten im Drahtverhau, den er mit blutiggerissenen Händen auseinanderbog. „Hier durch! Der Skatklub hat die Chose aufgeknipst! Los! Das gibt einen Grand mit Vieren!“

Noch immer lag das Maschinengewehrfeuer auf der alten Drahtverhaugasse.

Doch durch die neue Gasse konnte dreiviertel der Kompagnie tapsen mit ihren Lehmklumpenschritten, ehe das Feuer einsetzte.

Dann lag die Garbe der Maschinengewehre allerdings auf dem Durchlauf.

„Lindolf, zurückkriechen! Der Rest soll zurückbleiben bis abends! Sie bleiben auch da!“

Neben dem Maschinengewehrfeuer begannen jetzt auch Gewehrschüsse zu pfeifen.

Lindolf kroch durch den klebrigen Lehm. Und noch immer rann der Regen. Zweiter Osterfeiertag. Vor einem Jahr hatte er einen Waldspaziergang mit Adelheid gemacht — — — Penk! Das war ein Schuss ganz in der Nähe. „Lass ihm!“ wie Pechtler sagt.

Jetzt war er herangekrochen an die Drahtverhauöffnung. Zwei Tote. Kopfschüsse. Winder, Matusezyk, zwei Neue. Doch er musste durch. Sonst fielen noch mehr — umsonst.

Er lief. Aufrecht. Er kam durch.

Da war Unteroffizier Liedetanz mit noch etwa vierzig Mann. Irgendwo in einem Erdloch stöhnte es: „Krauss verwundet — Beinschuss! Sanitäter nicht da.“ — „Was gibt’s?“ fragte der Unteroffizier. „Jeder, der hier durch will, bleibt liegen.“

„Ihr sollt euch hier eingraben und liegen bleiben,“ meldete Lindolf.

„Na ja — das ist eine Antwort“, meinte Liebetanz. „Das andere wäre ja Selbstmord.“

Pechtler, Töz und Wittke nahmen ein paar Eierhandgranaten und liefen an den feindlichen Graben heran durch das Gewehrfeuer und das Maschinengewehrgetacke.

Fünf Schritt vor dem Graben schmissen sie ihre Handgranaten, dann tasteten sie mit dem Bajonett sich vor.

„Tak — tak — tak —“ ganz dicht von der Seite.

Wittke fiel.

Pechtler und Töz liefen zurück. Sie hatten hineingesehen. Der Graben war voll besetzt trotz des Trommelfeuers. Die anderen Kompagnien müssen noch weiter zurückliegen. Nichts von Nahkampf auf der ganzen Linie.

„Eingraben“, befahl der Leutnant.

Da war man nun vielleicht vierzig Meter vorgekommen. Wer weiss, wie lange die Ausbuchtung zu halten war.

„Wer steckt in der Sappe?“ fragte er plötzlich. Die Sappe war von den Franzosen hart umkämpft. Für Stunden oft waren die Deutschen, dann wieder die Franzosen darin. Sie bildete einen Quergraben zwischen den beiden Fronten.

„Bernöckel, Sie müssen feststellen, ob die Sappe von uns besetzt ist, sonst sind wir durch den Vorstoss abgeriegelt.“

Bernöckel lief. Er taumelte mehr. Er entledigte sich mechanisch des Auftrags.

„Wir sind drin!“ kam er nach einer Weile angetorkelt.

Das Gewehrfeuer der Franzosen war verstummt. Sie warteten mit den Bajonetten auf die Deutschen. Nur die französische Artillerie wurde nervös und funkte ziemlich wahllos in die Gegend, vor allem auf die hinteren Stellungen, um ein Nachdrücken von Reserven zu vereiteln.

„Ran mit den Spaten. Bis Mitternacht müssen wir hier unsere Bleibe haben“, sagte Leutnant Wynfrith. „Der Regen wird ja auch mal aufhören.“

Und sie buddelten und buddelten.

Gegen neun Uhr abends kamen Lindolf und Liebetanz mit den letzten vierzig an.

„Los, buddeln!“ wurden sie empfangen.

Der Regen rann.

Die Spaten quietschten.

Immer tiefer sank die Kompagnie in die Erde ein.

Sowie drüben eine Leuchtkugel hochging, klebte alles an der Brustwehr. Pechtler und Töz lagen auf Horchposten und fluchten dem Hund, der ihren Skatbruder Wittke abgeknallt hatte.

„Wenn ich das Schwein treffe,“ sagte Pechtler, „ich beiss ihm kreuzweise die Gurgel durch. Ins Gesicht sch ..... müsste man so einem Schwein. Unser Alois, unser gutes, versoffenes Aas, der Alois. Nun liegt er da. Hat er überhaupt eine Mutter?“

„Weess icke,“ knurrte Töz. „Wer wird nu unser dritter?“

12.

Am andern Morgen wurde Lindolf nach rechts, Bernöckel nach links ausgeschickt, Fühlung zu suchen mit den Nachbarkompagnien 10 und 11. Dann hatte Lindolf den Auftrag, die Chiffre-Meldung: „Neuer Anzug, Bauchweite 30, 40, 30 cm“ zum Bataillonsstab zu bringen. Das hiess: die Kompagnie lag in einem Bogen 30—40 und 30 Meter vor der alten Stellung. Mündlich sollte er die Verluste mitteilen: 5 Tote, 18 Verwundete.

Nur wenige Schüsse hingen in der Luft. Meist schwere Dinger, die wie Rollwagen durch die Wolken fuhren und weit im Hinterlande mit dumpfem Knall bei irgendeiner unserer Batterien landeten.

Manchmal ein einsamer Gewehrschuss. Es kroch sich ganz friedlich. Streckenweise, wenn die neu aufgeworfene Brustwehr hoch genug war, konnte Lindolf auch aufrecht gehen. Manchmal pfiff ein kleines Geschoss eines Geschützes über die Grabenöffnung und spritzte Sand in den Graben. Die Splitter zischten, und mit dunklem Ton summte der schwere kupferne Zünder durch die Luft.

Aber jetzt wurde die Chose ungemütlicher — Sappennähe. Das Aufklatschen und Krachen von Handgranaten — Vorsicht! Volle Deckung!

Die Sappe verteidigte Leutnant Meerfeld mit der M.-G.-Kompagnie.

„Na — was gibt’s?“ fragte er aus seinem Erdloch.

„Anschluss suchen!“

„Grüss den lieben Wynfrith und sag ihm: alles in Ordnung! Seit wann bist du denn bei uns?“

Peng — Bsching — Gewehrschuss. Granate.

„Kommen Sie rein!“ Der Leutnant wurde höflich in der Nähe des Todes. Mit eleganter Handbewegung holte er Lindolf in sein Erdloch.

„Seit gestern bin ich vorn,“ antwortete Lindolf. Und sann: Seit gestern — oder seit Jahren — — — Was alles hatten sie schon erlebt.

„Ihr seid gestern am weitesten vorgekommen, die links von der Sappe, die 11. Kompagnie, hat sich in ihren alten Graben zurückgezogen. Aber Beekmann wird das E. K. I. kriegen, er will, d. h. dreissig seiner Leute, von denen noch zehn leben, wollen mit Handgranaten den Graben drüben eingeebnet haben. Ich krieg zwar nach wie vor dasselbe Feuer von da — aber Beekmann hat demnächst Urlaub — heilen wir seine Kreuzschmerzen —“

„Ich muss zum Bataillon.“

„I was. Der Alte kann warten“, sagte Meerfeld. Ein Unteroffizier stürzte heran, schmiss sich vors Erdloch des Leutnants —: „Angriff. Die Franzosen stehen auf der Sandsack-Barrikade. Schmeissen Handgranaten.“

„Verluste?“ fragte der Leutnant.

„Müller verwundet!!“

„Ich komme. Verdufte, mein Junge. Komm bald wieder, wenn es stiller ist. Wenn du kräftiger wärst, würde ich dich für meine M.-G.-Kompagnie schnappen. Du gefällst mir.“

Dann kroch Meerfeld hinaus, sprang auf, lief um die Grabenbiegung in die Sappe hinein —

Lindolf aber kroch zurück. Angst packte ihn. Wenn jetzt die Franzosen durchbrachen — er hatte nichts mitgenommen an Waffen. Was sollte er Knirps auch viel anfangen mit einem Schiessprügel? Er bekam ja doch im Nahkampf gleich eins in die Fresse.

Um die Sappe begann ein wütendes Getöse. — Handgranatenkampf. Maschinengewehr-Hexensabbath.

Aber nach zehn Minuten still.

Der Angriff war abgeschlagen. Der deutsche Horchposten lag wieder auf den Sandsäcken, die die Querverbindung abriegelten. Leutnant Meerfeld kroch in sein Erdloch zurück und notierte mit dem Feldwebel die Verluste.

Plötzlich wurde Lindolf frech. Durch die Gräben kriechen bis zum Bataillon? Das dauerte Stunden. Er sprang aus dem Graben. Lief querfeldein. Da lag die alte Stellung, aus der sie gestern hervorgekommen waren. Nach 2 Minuten schon erreicht, gestern Stunden — — — Weiter zurück. Hier, diese guten Stellungen der jahrelang gehaltenen Front, aus denen die Offensive vorsprang.

Dort — in der Luft — was prasselt da runter? Schrapnells — — — Peng — peng — Gewehrschüsse.

Schwupp — er war wieder im Graben. Nur nicht zu hitzig! Aber er freute sich, mutig gewesen zu sein. Ein braver kecker Feldsoldat.

Und mit Stolz in der Brust betrat er den Bataillonsunterstand, der eine richtige Tür hatte, vor der ein Posten sass und eine Zigarre rauchte.

„Viel Zunder vorn?“ fragte der Posten.

„Na, was sonst,“ antwortete Lindolf fast verächtlich. Diese Kerls beim Bataillonsstab hier, die bei jeder verirrten Granate volle Deckung nahmen, kamen ihm wie Etappenschweine vor.

Es ging zwanzig Stufen hinunter, dann kam ein Vorraum, da sassen die Bataillonsmelder und Burschen bei Schinkenbrot und Rumkaffee.

„Ein Neuer — he? Sag mal guten Tag!!“

Feindselig schritt Lindolf an ihnen vorüber.

Mehrere Offiziere gingen vorbei. Sie wollten gegrüsst sein, so sahen sie ihn an. Lutz hob lässig die Hand an den Helm.

„Welche Kompagnie?“ fragte ein Leutnant.

„Zwölfte.“

„Ah — Wynfriths Lebensversicherungsgarde.“

„Wir sind am weitesten vorwärts gekommen gestern,“ zischte Lindolf dem Leutnant zu, der selbstgefällig seine gebügelte Uniform und sein E. K. I. trug.

„So?“

Doch da kam schon der Major.

Stumm reichte Lindolf die Meldung. „5 Tote, 18 Verwundete.“

„Wynfrith hat sich wieder gut gehalten“, feixte ein Oberleutnant den Major an.

„Er hat’s gut gemacht,“ knurrte der Graf.

Der Oberleutnant zog betroffen los. Er ging in einen Nebenraum des weitläufigen, festgearbeiteten Unterstandes und sagte zu den andern Offizieren und Unteroffizieren: „Die Welt geht unter. Wynfrith kriegt eine Nummer beim Alten.“

„Hunger?“ fragte der Major.

„Jawohl, Herr Major.“

„Lassen Sie sich zu essen geben — hier trinken Sie.“

Er schenkte ihm ein Glas Rotwein ein.

Lindolf trank.

„War’s schlimm?“ fragte der Kommandeur.

„Sicher noch schlimmer an der Sappe. Eben als ich bei Leutnant Meerfeld von der M. G. K. war, wurde die Sappe angegriffen.“

„Abgeschlagen?“

„Ich glaube ja.“

„Grüssen Sie Leutnant Wynfrith. Er soll mir die E. K.-Vorschläge bald schicken.“

Richtig — es gab ja Eiserne Kreuze für solche Sachen wie gestern, dachte Lindolf.

„Uebermorgen Ablösung durch das I. Bataillon. Hier die Chiffre-Meldung. Los. Aber erst essen.“

Lindolf bekam bei den Burschen und Meldern im Vorraum ein schönes Offiziersessen auf weissem Teller. Französisches Weissbrot dazu. Und nochmals guten Wein.

„Das schmeckt?“ griente einer der Burschen. „Armer Hund du — ganz mit Dreck bekrustet ist der Kerl.“

Die andern lachten.

„Möchtest gern tauschen mit uns, was?“

„Nee,“ sagte Lindolf, „ich bleibe bei meiner anständigen Kompagnie.“

„Ah — Kreuzschmerzen —“

Lindolf lachte nur verächtlich, sprang auf, liess das Essen stehen und lief zu seinen Lieben zurück.

13.

Als der zweite Abend sank, kroch Lindolf, der als Melder vom Schippen befreit war — die Kameraden mussten die Stellung ausbauen — zur M.G.-Kompagnie. Es war ziemlich still an der Front. Die Artillerie befunkte sich gegenseitig, und es kam natürlich vor, dass man von mancher Granate bei der 12. Kompagnie kaum wusste, ob sie eine deutsche oder französische war, da an manchen Stellen die feindlichen Gräben kaum 15 Meter auseinanderlagen.

„Ah — kleiner Freund — schön, dass Sie kommen —“ lächelte Leutnant Meerfeld Lutz an.

„Ich soll von Wynfrith grüssen,“ sagte Lindolf.

„Hast den besten Kompagnieführer im Regiment erwischt, Junge.“

„Weiss ich.“

Und sie begannen von Wynfrith zu schwärmen wie zwei Freundinnen über den Verlobten der einen.

„Was ist Wynfrith in Zivil?“

„Direktor in einer Anilinfabrik.“

„Und Sie?“

„Ich? Gar nichts. Ein Luftikus.“

„Na, na —“

„Mein Vater hat viel Geld. Ich studierte so pro forma Jura.“

Lindolf sah auf Meerfelds Brust. Da hing ein silbernes Kreuzchen aus der Uniform.

Meerfeld folgte dem Blick, wurde rot: „Oh — von meiner Mutter —“ Er barg das Kreuz unter der Uniform.

„Glauben Sie an Gott?“

„Ich bin katholisch.“

„Ja — aber — lebt Gott —?“

„Ich bete zu ihm, weil das fröhlich und gut macht,“ sagte Meerfeld.

„Ich kann nicht beten.“

„Du — Junge? Du betest ja immerfort mit deinen Kinderaugen. Du bist noch nicht schlecht genug, um beten zu müssen. Ich Bummler und Lumpenhund —“

„Aber, Herr Leutnant —“

„Wir waren Schweine, Kanaillen im Frieden. Hochnäsig. Gemein.“

„Sie?“

„Ja. Auch ich. Die Sappe macht mich gut. Jede Granate ist wie das heilige Sakrament für mich.“

„Sie sind ein Held.“

„Quatsch.“

Ein Unteroffizier kroch herzu.

„Na, Tulbe? Das ist Wynfriths kleiner Melder. Und das ist der dicke Tulbe, der immer auf die Sandsäcke steigt und Granaten schmeisst, wenn es am schlimmsten wird.“

Sie drückten sich die Hand.

„Wat los?“ fragte Meerfeld in der Sprache seiner Leute.

„Nee.“

„Zigarre?“ Tulbe nahm, Lindolf lehnte ab.

Plötzlich begann Meerfeld zu singen:

„Winterstürme wichen dem Wonnemond —“

Laut und stolz wie ein Opernsänger. (Er wollte es werden, aber der Vater Kommerzienrat im rheinischen Industriegebiet hatte es verboten.)

Bsching —

„Fresse halten!“ schrie einer hinein.

Meerfeld brach ab. „Er hat recht — hat wer was abgekriegt?“

„Halt die Schnauze!“ kam es von neuem zurück.

„Na, dann ist alles in Ordnung,“ lachte der Leutnant.

Und nun sassen sie stumm und tranken Kaffee mit Rum und knabberten Zwieback aus einem Leinenbeutel.

Kameraden — — —

Dann und wann ein Wort.

Dann und wann ein Schuss in der Nähe.

Plötzlich aber —

Getöse!

Lindolf sprang mit dem Ruf: „Dicke Luft, ich gehe!“ heraus, lief fort.

Meerfeld und Tulbe blieben sitzen. Tulbe schrie nur: „Das sind ja deutsche Granaten! Lehwald soll die Leuchtpistole abschiessen: Grün! Artillerie schiesst zu kurz!“

Lehwald schoss die grüne Kugel in die Luft.

Bsching — bsching — wieder in die Sappennähe.

„Verfluchte Hunde! Pennen wieder —“

— — — — Orkan — — — —

Aber schon schliefen sie, ehe sie’s hörten. Als zehn Minuten später Leutnant Wynfrith, auf den Höllenlärm zu Hilfe eilend, mit zwanzig Mann, darunter Lindolf und Bernöckel, Pechtler und Töz, die Sappe besetzte, da fanden sie dreissig Leichen, zerfetzt, noch blutend, mancher noch zuckend — — und auch der lustige Leutnant Meerfeld.

Hier lägst auch du — — sann Lindolf. Leutnant Meerfeld hatte nur eine kleine Wunde an der Schläfe.

Die deutschen Granaten waren in das Handgranatenlager der M.G.-Kompagnie eingeschlagen. Auf der Sandsackbarrikade tobte es, Franzosen und Deutsche, Auge um Auge.

Die Deutschen blieben oben.

Aber der tapfere fröhliche Führer war tot.

Und Lindolf erhielt die Leuchtpistole aus der Hand des toten Lehwald.

Er schoss eine grüne Rakete nach der andern in die Höhe. Endlich liess die deutsche Artillerie davon ab, ins eigene Lager zu schiessen.

„Irrsinn — Irrsinn“ flüsterte Wynfrith und deckte seinen Mantel über den völlig verstümmelten dicken Tulbe. Und streichelte Meerfeld, den Freund.

Lindolf legte sich in einen Granatentrichter: Nun war er in der Sappe. Ganz vorn. Der Feind auf Rufweite. Tote ringsum. Lieber Leutnant Meerfeld — — aber da schlief er ein. Und die Granaten wanderten über ihn.

14.

Lutz wachte so richtig erst auf, als sie in Stenay, ihrem neuen Ruhequartier, einmarschierten und es plötzlich flüsternd hiess: Da ist er!

„Achtung!!“ erschollen die Kommandos. Mechanisch begann jeder, auf den Kasernenhofton noch genügend eingefuchst, die Beine zu schmeissen: „Augen rechts!“

Der Major Graf Böchlarn ritt auf ihn zu, meldete —

„In Gruppen rechts schwenkt — marsch!“

„Das Gewähre — ab!“

Der Kronprinz ritt die Front entlang. Er sah jedem ins Gesicht. Blieb da und dort stehen und fragte nach dem Namen, und wie lange draussen. Er sah keineswegs so bösartig aus wie sein Name, den er für die Kämpfe vor Verdun und seine Totenkopfhusarenmütze, schief übers linke Ohr, bekam: General Massengrab. Er sah sogar recht gutmütig und harmlos aus. Wie ein etwas verwegener englischer Kapitän, nur Sportsmann in Zivil, sonst nichts. Fridericus-Physiognomie? Ja. Aber als wenn der grosse Friedrich statt Voltaire den Sportteil der B. Z. am Mittag am liebsten läse.

Der Leutnant Beekmann von der 11. Kompagnie hatte seinen ganz grossen Tag, wie er erhoffte. Seine Kompagnie bestand nur noch aus 45 Mann und 3 Unteroffizieren.

Statt zu fragen: Und Sie leben noch? stieg der Kronprinz vom Pferde und richtete die Frage an den stramm zusammenruckenden Leutnant Beekmann: „Arge Verluste gehabt? Wie kam das?“

„Wir haben in meinem Abschnitt den Graben leer gemacht, Kaiserliche Hoheit.“

Der Kronprinz winkte seinem Adjutanten, nahm ihm das Eiserne Kreuz I. Klasse ab und hängte es dem Leutnant Beekmann an die Seite. Er drückte ihm die Hand. „Die Unteroffiziere und Mannschaften, die sich besonders auszeichneten, erhalten das Eiserne Kreuz zweiter —“ rief er dem Grafen Böchlarn zu.

Da kam ein Auto herangefahren, ein Generalstabsoffizier sprang heraus und meldete etwas mit wichtig flüsternder Stimme.

Der Kronprinz übergab dem nächsten Offizier sein Pferd, zeigte noch einmal allen sein wirklich nettes, liebenswürdiges Gesicht und entschwand im Staub der Landstrasse.

An Wynfriths Kompagnie, die noch gut zweihundert Mann stark dastand, war er achtlos vorübergegangen.

Abends in den Quartieren war von Beekmanns Auszeichnung die Rede.

„Bloss weil das Schwein diesen blödsinnigen, die Kompagnie einfach aufreibenden Angriff befahl, kriegt er jetzt die Blechmarke an den Bauch.“

„Der Beekmann, wisst ihr, wo er bei dem Angriff gesteckt hat?“

„Nee.“

„Keiner weiss das.“

„Erst wie der Salat fertig war — und der Feldwebel Naumann auf seinen Befehl mit der halben Kompagnie im Nahkampf hops gegangen war, da kam er nach. Ein Hund, der aus Angst nicht aus dem Graben herausgeht, um seinen Dreck abzuladen, sondern sich in sein Erdloch von seinem Burschen eine Konservenbüchse halten lässt — — nu hat er’s!!“

„Lass ihm die Rosette!“ sagte Pechtler, der tapfere, gute gemeine Kerl, der bei der 11. zu Gast war. Er suchte nämlich noch immer einen Skatbruder für den toten Wittke. Das erste, was er in Stenay tat, war Spielkarten kaufen. Die hatte Wittke nämlich in der Tasche behalten. Sie waren deswegen, Töz und er, sogar aus dem Graben gekrochen, durch die feindlichen Horchposten durch bis an den Franzosengraben heran, aber nur noch — ein einziger Schlammassel von Draht, Granatsplittern, Lehm und vielleicht Fleisch fand sich jetzt da, wo Wittke gefallen war.

„Lass ihm die Rosette!“ brüllten alle.

„Wenn man so Kaiserliche Hoheit sieht, da hat man doch so — na, wie soll ich sagen, das tiefe patriotische Gefühl, so — die Garde — so — die für ihren Kaiser stirbt und sich nicht ergibt — quasi —“ sagte der Offizierstellvertreter Luchs — zwei Schmisse zierten sein Mopsgesicht. Neidisch sah er Beekmann auf das kronprinzlicherseits angehängte E. K. I. Man feierte auf Beekmanns Bude die Auszeichnung.

Wynfrith sass dabei und der Leutnant van Heusen, Hofschauspieler am Dresdener Theater.

Van Heusen lächelte sein feines Lächeln: „Das ist wie beim Theater. Man spielt zehnmal den Egmont ohne Auszeichnung, dann betreten Königliche Hoheit das Theater, sind leutselig, und da kriegt man für den Striese im „Raub der Sabinerinnen“ den königlichen Hausorden — so zum Halse heraus.“

Beekmann wollte aufbegehren.

Wynfrith drückte ihn, ein Lächeln aber doch nicht ganz hindernd auf seinen Platz: „Er meint Sie ja nicht.“

„Das hoffe ich auch,“ erhob sich die unangenehme schneidige Stimme des Offizierstellvertreters Luchs.

Wynfrith sagte: „Es ist ja so, dass wir alle unsere Auszeichnungen für die tragen, die vorn liegen blieben.“

Beekmann dachte jetzt an seine Toten. Seine Toten — — sie hingen plötzlich schwer an dem Kreuz, das er trug.

Alle schwiegen.

Beekmann dachte: Verfluchter Ehrgeiz — dann aber: schön ist es doch! Wenn ich erst Urlaub hätte! Zu Hause verwischt sich alles. In Evelynes Armen — —

Van Heusen, der Hofschauspieler, erhob nach einer Weise seine immer, noch im leisesten Flüsterton melodiös tönende Stimme: „Wie kommen wir überhaupt in diesem Krieg zu all dem da: Ehre — Schuld — Heldentum — — Wer täte es freiwillig?“

„Ich — selbstverständlich. — Und mit mir jeder preussische Offizier,“ schnarrte Luchs.

„Sie sind’s ja noch gar nicht,“ lachte Wynfrith.

„Lieber Luchs,“ sagte van Heusen ruhig, „Sie mögen glauben, Sie tun es freiwillig — fürs Vaterland und so. Im Grunde wollen wir uns nur nicht schämen. Unsere Väter kämpften fürs Vaterland und starben und bluteten. Also wollen wir nicht feiger und schwächer sein. Obgleich wir da vorn doch ziemlich hilflos in der Schiesserei dastehen. Ob man draufgeht oder sich einrollt in sein Erdloch, immer will man das Ungeheuerliche — überwinden. Ja, aber nicht im Feind, sondern in sich selbst: Die Furcht, nicht zu bestehen. So sind wir wahrscheinlich die grössten Helden, die je gelebt haben. Denn noch nie war solche Hölle aufgetan in früheren Kriegen wie in diesem, und niemals in diesem Kriege so doll wie vor Verdun.“

„Ich fühle nichts Heldenhaftes,“ sagte Wynfrith, „da vorn. Wie ans Kreuz geschlagen ist man und will helfen — — das ist wohl alles.“

„Das ist viel.“

Van Heusen und Wynfrith stiessen an.

Beekmann und Luchs sprachen von ihren Bravourstücken an der Front miteinander. „Selbstverständlich ist der Offizier immer der Letztverantwortliche und Entscheidende — Sie können ganz beruhig das E. K. I. tragen, — im übrigen, mein lieber Beekmann, was Kaiserliche Hoheit tut — dieses blitzende Auge — als wäre der Alte Fritz auferstanden — meine Herren — ich schlage vor, wir erheben unser Glas auf das Wohl unsers hochverehrten Kaiserlichen Armeekommandeurs.“ Luchs stand auf, das Glas hob er mit Korpsstudentenpose empor.

Beekmann sprang begeistert hoch, die andern beiden — na ja, warum nicht auch dieses? C’est la guerre.

15.

Lutz und Hirschfeld hatten sich zusammengefunden. Der kleine Jude war noch immer trostlos über seinen losgegangenen Schuss beim Gewehrreinigen in der Kirche von Brieulles.

In der Kirche von Brieulles — — — wie lange ist das her — erst eine Woche?

O, eine Woche der Ewigkeiten.

„Aber, Hirschfeld, lass doch das Kopfhängen sein.“

„Ich dachte nicht, dass ich noch einmal zurückkomme.“

„Du wolltest —?“

„Ich hab’ den Kopf herausgehalten — es schoss vorbei. Ich bin durch das Maschinengewehrfeuer gelaufen in der Drahtverhauöffnung beim Sturm, ich kam durch.“

„Das Schicksal spricht dich frei, Hirschfeld. Der, den du aus Versehen trafst, könnte doch jetzt vorn liegen.“

„Und doch bin ich ihm dankbar, dass er die Schuld auf mich lud: ich hatte solche Angst, ein schlechter Schützengrabensoldat wäre ich gewesen, — na, du weisst ja, Lutz —“

Lindolf legte die Hand auf seine Schulter. „Na also!“

„Nix — na also — — nein, nein, das verstehst du nicht. Wir Juden haben ein ganz eigenes Gefühl von Schuld und Sühne. Wir können nicht büssen und bereuen und alles ist gut. Wir haben den alten Gott: Auge um Auge — — Schuld und Sühne. Ich muss sühnen. Meine Mutter würde sofort fühlen, ich habe ein schlechtes Gewissen.“

„Durch diese Selbstquälerei hast du ja schon gesühnt.“

„Nein, Lutz. Anders geht es nicht. Das ist ein reelles Geschäft mit unserm Gott. Ob aus Versehen oder nicht — dann war ich eben verflucht, den Kameraden zu erschlagen. Der Fluch muss von mir genommen werden. Ich muss sühnen.“

Unteroffizier Liebetanz trat in das Quartier. Alle andern aus Liebetanzens Gruppe sassen in den Estaminets.

„Nun — Hirschfeld?“ Liebetanz sprach fast zärtlich zu dem kleinen Juden, der in seiner nun noch verdreckten Uniform und mit seinem bösen zarten Gewissen gänzlich wie ein Häufchen Unglück dasass.

„Er fühlt sich noch immer als Mörder,“ sagte Lindolf.

„Aber Kleiner — das ist doch vergessen — du hast dich doch tapfer gehalten da vorn — ich sag dir, Lindolf, mein Bester in der Gruppe — unter die Essenholer ist er gegangen, auf Nachtpatrouille, auf Horchposten —“

„Ihm ist nicht zu helfen. Er will fallen.“

„Ich gebe schon acht. Kommt, Kinder, wir gehen eins trinken. Kommt, ihr Knaben, nun habt ihr ja euren Zunder weg und seid Männer.“

Ein Tag schon vorbei, sann Lutz auf seinem Strohlager, das er mit dreissig Kameraden in einem alten Speicher teilte. Noch drei Tage, am dritten abends gehts wieder Schritt für Schritt zur Hölle.

Die Stille liess ihn nicht schlafen. Vorn war er plötzlich hingefallen und trotz alles Tobens weg. Das Ohr suchte Granaten auf Wanderschaft und das Maikäfersurren der Gewehrschüsse. Es war wirklich schon wie in der Hölle. Keiner glaubte mehr daran, dass er den Graben lebend verliess. Und die Tage währten wie Ewigkeiten. Nur in den Nächten — da kroch man sogar aus dem Graben heraus und verlief sich die verspakten Beine. Bis eine Leuchtkugel hochging und der Zunder wieder in die Gegend flog.

Lutz fühlte, wie er den Rhythmus der Schüsse in den wirbelnden Adern trug. Vorn übertönte das Getöse die Unruhe der Nerven. Nun war der eigene Körper das Schlachtfeld.

So ging über irrenden, haltlosen Gedanken, Träumen in unruhigem Halbschlaf die erste Nacht im Ruhequartier dahin, eine der kostbaren drei Nächte.

Am andern Tag mussten sie ihre Sachen vom Dreck reinigen, das Gewehr putzen, die Stiefel und Koppel wichsen — die 12. Kompagnie war zur Ehrenkompagnie bestimmt. Die Frau Kronprinzessin besuchte Seine Kaiserliche Hoheit an der Front.

Pechtler und Töz fluchten. Da wurde aus dem Dauerskat wieder nichts, Pogoslawski, der Kaczmarek der Kompagnie, der auch mit Lutz herausgekommen war, ist nun ihr Dritter im Bunde geworden.

Wynfrith bekam vom Hauptquartier eine nagelneue Uniform geliefert. Luchs beneidete ihn um den Ehrenauftrag. Wynfrith zuckte die Achseln. „Ich wollt’ mich endlich ausschlafen.“

Als die Kompagnie auf dem Bahnhof angetreten war — mittags 1 Uhr — da erhob sich plötzlich in der Luft ein wildes Surren — und ganz schwarz zog es vom Süden her.

Sechsunddreissig französische Flieger.

Deutsche Flugzeuge stiegen auf, wagten sich aber als vereinzelte Täubchen an das Geschwader nicht heran.

Autos kamen herangeflitzt, erregte Generalstabsoffiziere liefen herum — das kronprinzliche Auto — der Kronprinz sprang aus dem Wagen: „Wird der Zug aufgehalten?“

„Jawohl — Kaiserliche Hoheit — in Montmédy — — —“

Er raste an seinen stramm stehenden Frontsoldaten vorbei, dankte nur kurz dem salutierenden Wynfrith.

Wynfrith — die Flieger hingen über dem Bahnhof immer dichter kreisend — befahl, ohne Weisung abzuwarten: „Auseinander! In die Unterstände! Marsch! Marsch!“

Die Bomben fielen auf den leergefegten Bahnhof. Ein Waggon mit Weinflaschen wurde zertrümmert, die Gleise zerspellt hie und da, an einer Ecke das Dach des Bahnhofsgebäudes beschädigt. —

Indes hatten Pechtler, Töz und Pogoslawski ihren Dauerskat im Unterstand kurzerhand begonnen.

Wynfrith sass mit Lindolf und Bernöckel, der nur noch vor sich hin stierte, in einer Ecke.

„Das nennt sich nun Ruhe,“ sagte der Leutnant.

„Was wollen Sie? Die Franzmänner wollten doch der ollen Cäcilie nur ein paar Brustbonbons schenken.“

„Halt die Schnauze,“ knurrte der Leutnant.

Am Eingang des Unterstandes schrie es: „Achtung!“

Major Graf Böchlarn: „Herr Leutnant Wynfrith?! Ich suche Sie. Die Flieger sind längst fort. Und die Kronprinzessin mit Kaiserlicher Hoheit im Auto eingetroffen. Sehr peinlich, lieber Wynfrith. Hätte für Sie sicher Vorteil gehabt. Beförderung oder Orden — — Was machen Sie denn hier?“

„Ich fühle mich immer in erster Linie für meine Kompagnie verantwortlich, Herr Graf.“

„Schweigen Sie —.“ Wütend ging der Major hinaus.

Wynfrith lachte: „Kommt, Kinder, wir gehen nach Hause.“

Der Major aber war wieder gänzlich gegen Wynfrith eingenommen. Die Herren verbummeln an der Front, dachte er. Das geht denn doch nicht!

Die Kompagnie zog aber die Strasse an der kronprinzlichen Villa vorbei und sang:

„Unser Leutnant, der soll leben—“

16.

Wieder vorn. Im alten Erdloch. Lutz fand sein liegengelassenes Taschenmesser sogar noch wieder mit einem Zettel daran: „Ich hätte es dir gern geklaut, aber hier macht man sowas nicht.“

In die Sappenstellung war die aufgefüllte M.G.-Kompagnie eingerückt. Ihr neuer Führer Hjalmar van Heusen, der Hofschauspieler.

Wynfrith lag mit seinen Leuten an der alten Stelle. Nur wenige Erdlöcher blieben frei, die das letzte Mal noch von der Kompagnie besetzt werden konnten ....

So ging es eigentlich diesmal ganz friedlich zu, und bis zum dritten Tage, da das Trommelfeuer begann, nahm alles seinen fast geschäftsmässigen Gang mit ein bis zwei Verwundeten täglich. Das brachte der Betrieb hier nun mal mit sich, wie Töz sagte.

Bis dann am dritten Tage vormittags 11 Uhr das Trommelfeuer begann — Sturmvorbereitung der Franzosen. Sie wollten von der Höhe 304 herab ins Tal.

Verkrochen, ein jeder in seinem Erdloch, die ganze Kompagnie. Der ganze Bataillonsabschnitt. Die kleinen Geschosse der Feldartillerie beachtete man kaum, weil sie gewöhnlich an der Brust- oder Rückenwehr zerplatzten und ein bisschen Erde in den Graben schmissen; nur der durch die Luft dem Krach langsam nachsummende Zünder war gefährlich, wenn er traf. Und wenn ein verirrter Splitter wirklich ritzte, — so gab es eine leichte Verwundung; „es lohnt sich gar nicht, damit abzuhauen,“ meinte Pechtler, der bei Beginn des Trommelfeuers sein Erdloch nur etwas tiefer ausschippte, um da mit Töz und dem poltrigen Pogoslawski den Dauerskat fortzusetzen.

Aber wenn die „schweren Kisten verladen wurden“, das ging, schlug solch Ding in die Nähe, schon heiss bis ans Herz und die Angst sass dann fest im Magen.

Die in die Grabenwände gehöhlten Unterschlupfe krachten oft mit ihrem Oberteil über den sich in das Erdloch Hineinkrümmenden zusammen. „Der hat ganze Arbeit gemacht,“ sagte dann Töz, und die Drei stockten eine Weile im Kartenspiel, ob jemand in der Nähe schrie. „Na, vielleicht widder daneben — pieronie,“ sagte Pogoslawski jedesmal — „hirr — Karobube — wer kann? Wer hat? Pieronie!“

Eine Stunde, zwei Stunden — — es wird Nachmittag — es wird Abend — — Lutz hatte sich kaum in seinem Erdloch gerührt. Er kroch in die Erde wie in den Mutterschoss zurück. Hilflos. Angstgejagt von den Granaten, die den Graben auf- und abtasteten. Alle vier bis fünf Minuten bestrich die feindliche Artillerie in diesem Auf und Ab die Gräben am Fusse der Höhe 304 entlang die unmittelbare Umgebung von Lindolfs Erdloch. Dann krachte es nicht nur dumpf, sondern hell metallen in der Nähe, und ein Geprassel von Erdklumpen und Splittern hagelte nieder. Wenn Lutz in den Laufgraben hinaussah, kaum den Kopf wendend, die vor das Erdloch gehängte Zeltbahn nur wenig wegschiebend — dann lagen in der Erde verstreut die rissigen Splitter der amerikanischen Granaten ganz dicht neben ihm.

Auf und ab, auf und ab, immer die Gräben entlang, alle vier bis fünf Minuten ganz schwer und krachend in der Nähe, kaum zehn Meter im Umkreis entfernt einschlagend, dann wieder weiter rollend, gewaltig donnernd, aber das Ohr war geübt — — die galten andern. Wer lebte noch? Keiner wusste es vom nächsten. Der Leutnant, der schräg gegenüber mit seinem Burschen seine kleine Höhle hatte, rührte sich ebensowenig wie alle andern. Manchmal schleppte sich einer vorbei, meist von der Maschinengewehrkompagnie aus der Sappe — hier ging es am heissesten zu. Auf einen Abschnitt von kaum 30 Metern schossen 6 Geschütze ununterbrochen. Die Sappe hatte van Heusen längst räumen lassen, die aus 300 Sandsäcken aufgebaute Barrikade, die die Stellungen abriegelte, war längst eingeebnet, verschwunden, ein einziger Schurrmurr von Stein und Stahl und Erde, kein Graben mehr, die Wände eingeebnet, nur riesige Trichter — — und überall Tote darin oder noch zuckende Schwerverwundete.

An der Grabenecke zur Sappe, wo die Schiesserei „nur“ so heftig war, wie in der Gegend der 12. Kompagnie, stand lauernd ein Maschinengewehr, van Heusen, einen Unteroffizier und zwei Gefreite neben sich. Sie warteten, dass aus irgendeiner Ecke ein Franzosentrupp auftauchte mit Flammenwerfern oder Handgranaten. Aber sie kamen immer noch nicht.

„Wenn sie wenigstens endlich kämen,“ sagte einer der Gefreiten. „Das hält ja kein Schw — —,“ da lag er. Getroffen.

Auf und ab, auf und ab, immer die Gräben entlang, alle vier bis fünf Minuten ganz schwer und krachend in der Nähe, kaum zehn Meter im Umkreis entfernt einschlagend, dann wieder weiter rollend, gewaltig donnernd noch, aber genügend fern, um die Gedanken wieder zu finden — eine Stunde, zwei, drei — sieben Stunden. In die Erde platt gedrückte Angst, wanzenhaft, nur die Erschütterung der Schüsse im Bewusstsein — Sekunde um Sekunde — Stunde um Stunde — das war alles, was vom stolzen Menschen-Ich übrig blieb. Erinnerungsfetzen des früheren Lebens durchschossen phantasiehaft das Hirn. Kein Durst. Kein Hunger. Die Glieder erstarrten, unbeweglich ins Erdloch eingepresst. Ja, ja — noch da — Getöse ganz nah — schon wieder — schreit wer? — Blut? Bloss Schweiss ... Mutter, wozu kam ich auf die Welt? Um bis in dieses wahnsinige Wüten der Geschütze zu gelangen? Das Herz hämmert. Manchmal noch lauter als die Einschläge der Granaten. Wandern auf und ab, noch immer. Zum tausendsten Male: auf und ab. Zermalmen und pflügen. Schleudern eiserne Nägel und Dolche, durchbrechen Menschen und Erde.

Hirschfeld wartete: Heut naht die Sühne. Er sass im Laufgang ausserhalb des Erdlochs, ass seine eiserne Ration auf, schrieb an seine Mutter — und wartete.

6 Uhr. Die Sonne sah schräg und rot in die zerschossenen Gräben der 313er. Aber sie hörten nicht auf. Die ganze Höhe 304 spie Feuer, das auf die Gräben niederging, als gälte es, Sodom zu strafen. Lutz hatte gehofft, dass das Trommelfeuer bis dahin stoppen würde. Es war die Stunde der Abendmeldung. Bisher konnte er noch jeden Abend pünktlich loslaufen, zusammen mit Bernöckel, der aber, ohne dass es der Leutnant wusste, nach zweihundert Metern bei irgendeinem Kameraden liegen blieb: „Lauf allein. Es wird dir nichts passieren,“ und stumpf seine Zigarette anzündete und den Rauch vor sich hinblies.

„Zum Leutnant — he, Lindolf — he, Bernöckel!!“ brüllte der Bursche, den Kopf etwas aus dem Unterschlupf steckend, in das Getöse hinein.

Lutz kroch heraus — stumpf wie ein Tier. Draussen gingen gerade die schweren Brocken in seiner Nähe herunter, allerhand Zeug flog ihm ins Gesicht und an den Leib, aber er spürte keine Verwundung.

„Die Meldung —“ sagte der Leutnant. „Wo ist Bernöckel?“

Der Bursche brüllte nochmals: „Bernöckel!“ Lindolf ging an sein Erdloch heran, aufrecht — es war ja ganz egal in dem Todesregen, lässig — schicksalsergeben. Die Angst war fort.

Das Erdloch Bernöckels leer! Er war halb wahnsinnig übergelaufen.

„Holen Sie Feldwebel Röhn,“ sagte Wynfrith. „Oder lassen Sie ihn sitzen — er soll Ihnen einen neuen Melder geben.“ Lindolf kroch nun doch wieder — vorhin waren so zwei lange Splitter, wie Brieföffner so gross, dicht neben ihm hingesaust — Vorsicht! Wynfrith hatte ihn auch angepfiffen: „Lassen Sie diese Bravourstücke — ein vorsichtiger Lebendiger ist in der Kompagnie immer mehr wert als ein waghalsiger Toter. Mut da, wo er am Platze ist. Hier —!“

Der Feldwebel knurrte: „Was gibts denn?“

Lutz überbrachte den Befehl. „Nehmen Sie sich den Rinkel. Gruppe Weiss.“

Wieder weiter — — bsching — bschirring — uiu — Einschlag und Zünderflug, Einschlag und Zünderflug da und dort, und es regnete Schutt, zeitweise Lutz in eine Erdwolke wie in einen Bienenschwarm hüllend.

„Unteroffizier Weiss?“

„Sollen Rinkel als Melder abgeben. Bernöckel ist vermisst.“

„Meinetwegen, wenn er noch lebt.“

Rinkel lebte noch. Er hatte den Rosenkranz um seine Hände geschlungen und betete zur Mutter Gottes. Ein rheinischer pausbäckiger kräftiger Bauernjunge. Aber die Angst weitete seine Augen, und er zitterte, als er Lindolfs Begehren hörte.

„Ich kann nicht —“

„Du Bulle, Mensch — —“ sagte der kleine Lutz ärgerlich. „Wer dran ist, ist dran. Hier vorn gibts kein: Ich kann nicht.“ Dann fuhr er, beschämt über seine Heftigkeit, mit gütiger Stimme fort: „Ich lebe ja auch noch immer. Komm mit, Rinkel. Hier kann es dich doch ebenso treffen.“

Den Rosenkranz um die Hand gewickelt, kam Rinkel hervor und die Beiden krochen nun zum Leutnant zurück. Wenn die Granaten in der Nähe krachten, betete Franz Rinkel laut und blieb benommen liegen, bis ihn Lindolf, der vorankroch, mit dem Absatz an den Helm stiess.

„Der Rinkel, den mir Weiss gab, ist ein ziemliches Armloch, Herr Leutnant.“

Wynfrith sagte: „Wir können uns hier nicht viel darum kümmern, ob einer ein Armloch ist oder nicht. Sei du keins, Lutz.“

Lindolf freute sich jedesmal, wenn Wynfrith zu ihm Du sagte; denn dieses Du kam ganz aus einer kameradschaftlichen Seele, ohne Herablassung des Vorgesetzten.

„Da ist er.“

„Herr Leutnant — ich fühle mich so schwach — kann nicht ein andrer —?“

„Rinkel! Sie sind Melder!“ schrie Wynfrith. „Es ist doch lächerlich, der Tod wartet an jeder Ecke. Ist denn Sterben so schlimm in diesem Radau?“

„Jawohl — jawohl —“ sprach wimmernd der dicke, grosse, rotbäckige Bauer. Wie ein blasses Heimchen sass Lutz neben ihm vor dem Leutnant. Es war inzwischen sieben Uhr geworden. Die Dämmerung sank. Und die Schüsse begannen schon abzuirren.

Der Meldelauf, selbst durch den vordersten Graben, war erträglich. Rinkel freilich stöhnte, wollte nicht vorwärts, wenn auf einer aufgeschossenen Grabenwand Maschinengewehrfeuer lag, und er flüchtete dann immer ins Gebet, das ihn schliesslich gottergeben vorwärts trug.

Dann und wann fragte Lutz einen in der Kompagnie: „Ist jemand verschütt gegangen?“

„Ja, der alte Striese,“ sagte einmal der. „Ja, der kleine Meyer II“, hiess es hier. „Den Lewinski haben sie weggetragen, das Bein hing nur noch an einer Sehne.“

Aber der Skatklub lebte. Pechtler rief: „Na, Lutz“ — nein, er sagte nicht mehr Lucie, der Kleine hatte es in sich! — „kriechst du wieder auf dem Bauche und frisst Staub? Wen hast du denn da?“

„Den Rinkel. Bernöckel ist vermisst.“

„Sicher abgehauen — siegreich woll’n wir Frankreich schlagen — der schippt schon auf der Festungsstrasse drüben —“

„Pfui, Pechtler.“

„Na, wo soll er sein? War sein Erdloch zermanscht?“

„Nein.“

„Siehste.“

„Lass ihm die Rosette,“ kaczmarekte Pogoslawski in seiner harten Aussprache. Das war geflügeltes Wort geworden in der Kompagnie.

„Und das ist dein neuer Kompagnon —? Mensch, sieh nicht so verdammelt aus, wir tun dir nichts,“ lachte Pechtler. „Gib gut auf ihn acht, Lutz. Auf Wiedersehn!“

„Auf Wiedersehn!“

„Grand mit Vieren!“ hörte Lindolf noch. Dann krochen sie weiter. In den Reservegräben sagte Lutz: „Hier kannst du aufrecht gehen.“ Aber Rinkel kroch weiter hinter ihm her.

An der Tür des Bataillonsunterstandes stiess Lindolf auf Offizierstellvertreter Luchs. Lindolf sah ihn ein wenig verwundert an. Was wollte der hier, statt bei seinem Zug in der Beekmann-Kompagnie zu sein?

Luchs war, sobald das Feuer begann, nach hinten gelaufen, er möchte dem Kommandeur selber melden — —. Da Beekmann in Urlaub war, hatte er keinen über sich. Die elfte Kompagnie befehligte vorn augenblicklich ein Vizefeldwebel.

„So, so — von der Zwölften kommen Sie —“ sagte Luchs. „Toll heute, was?“

„Jawohl, Herr Feldwebel.“

„Ja. Meine Melder sind unsichere Kerls. Bin selber gegangen.“

Lindolf sah ihn wütend an. Er war oft den Meldern der elften Kompagnie begegnet.

„Wenn Geyer und Marsan noch leben, Herr Feldwebel, werden sie auch weiter das ihrige tun. Die von der zwölften sind nicht besser —“

Luchs schnarrte: „Unterlassen Sie dämliche Bemerkungen. Jetzt schickt die 12. ihre Meldung. Jetzt! Ich habe dem Kommandeur bereits heute morgen berichtet. Wynfrith hat immer Zeit.“

„Aber er bleibt bei uns.“ Lindolf lief weg, Rinkel hinter sich nachziehend.

Luchs steckte zwei Finger zwischen den Kragen und ruckste unwillig seinen dicken Kopf. „Unverschämtheit, na wart’, Junge — — —wenn wir hinten sind — —“

17.

In der Nacht war das Feuer verstummt. Vielleicht sollte ein Nachtangriff kommen. Das ganze Bataillon lag in erhöhter Alarmbereitschaft. Hirschfeld mit Unteroffizier Liebetanz, der befördert werden wollte, und zwei andere auf vorgeschobenstem Horchposten.

Van Heusen schickte in die zerschossene Sappenstellung drei Maschinengewehre vor, die dann und wann zu tacken begannen, wenn es im feindlichen Graben sich regte. Drei französische Ueberläufer hatte van Heusen mit seinen Meldern nach hinten geschickt, von ihnen erfuhr man, dass der Angriff auf die Sappenstellung morgen nachmittags 6 Uhr geplant sei. Wenn es wahr ist, was sie sagen — —

Rinkel bezog Bernöckels Erdloch. Er sann vor sich hin, immer das gleiche: Auch das noch, auch das noch. O mein Gott, warum hast du mich verlassen? Vater unser, der du bist im Himmel ... Gegrüsst seist du Maria ... bitt für uns arme Sünder, jetzt und in der Stunde des Todes. Amen. Auch das noch, auch das noch. O mein Gott, warum hast du mich verlassen ... Vater unser ... Die Angst war in dem kräftigen Burschen zur Manie geworden. Als Franz Rinkel vom Acker geholt wurde, Soldat zu werden, erschrak er schon vor dem Lärm der grossen Städte, durch die er fuhr, um in die Garnison zu gelangen. In der Stille der Felder war er aufgewachsen, an den Ufern des Niederrheins, fast an der holländischen Grenze. Wochenlang sprach er mit Eltern und Geschwistern zu Hause keine zehn Worte. Das Ticken der alten Standuhr in der Diele des Bauernhauses war das Lauteste dort, und sein Ohr wurde von Lerche und Nachtigall und Amsel umsungen, jahraus, jahrein. Und dann verliebte er sich still und einfach in Johanna, die Nachbarstochter. Sie redeten nicht viel, und die Eltern redeten auch nicht viel, es hiess: Nun gut, ihr seid verlobt. Ihr wisst, was sich für ehrsame Bauernkinder schickt. Johanna hatte ihm den Rosenkranz mitgegeben, den er nun immer um seine Faust gewunden hielt. Aber diese Faust, die Pflug und Dreschflegel kräftig zu regieren verstand, zitterte. Und der grosse Friede in der Brust, den die einsame niederrheinische Ebene dahineinversenkt Jahr um Jahr, ohne schwere Erschütterung der Folge der Tage und Wochen, war geflohen. Ein Herz, das wie ein irrer Vogel im brennenden Käfig herumsprang, schlug nun in dem kräftigen Körper.

„War’s so schlimm, Rinkel?“ kroch Lindolf an das Loch des Bauern heran und blieb im Laufgang vor ihm hocken.

„Ja. Bitte doch deinen Leutnant — er soll einen andern nehmen.“

„Aber — schau doch, ich halte es aus — ich — drei von meiner Sorte kann man aus dir machen —“

„Ich weiss nicht,“ sagte Franz traurig, „ich werde verrückt in diesem Lärm. Ich bin das nicht gewohnt.“ Und er begann von seinem früheren Leben zu erzählen — — „Mai ist jetzt bald, da wächst schon das Getreide. Der Vater sitzt mit der Mutter vor der Tür. Und Johanna ist dabei.“ Er zog ein Bild hervor: „Das ist Johanna. Sie wird sterben, wenn ich sterbe.“

„Rinkel, nicht so schwarz sehen. Gar nichts denken.“ Lutz dachte nicht mehr an Adelheid. Manchmal an die Mutter. Aber auch so: bald bin ich vergessen. Alles wird überwunden.

„Waren hier auch einmal Wälder?“ fragte Franz.

„Ja. Sicher.“

„Und Felder?“

„Ja.“

„Mit wachsendem Brot?“

„Ja.“

„Mit Blumen?“

„Ja.“

„Mit Nachtigallen vielleicht, mit Amseln?“

„Ja.“

„Und Lerchen?“

„Ja. Hast du gestern früh die Lerche nicht noch über uns gehört? Sie sang, bis dies blödsinnige Geschiesse heute begann.“

„Eine Lerche ist hier über uns?“

„Ja, Franz.“

„Dann will ich leben, bis ich sie noch einmal höre.“

Lutz lächelte. Und er streichelte die dicke Faust des nach Gomorrha verschlagenen Bauernjungen.

„Herr, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun, sie zerstören die Aecker, sie zerfleischen die Erde —“

„— und die Menschen —“

„Sie tragen die Hölle in die Stille der Felder —“

„— und in unsere Seelen —“

„Wer macht das, Lindolf? Wer ist der Mörder?“ schrie Franz.

„Wer? Wir alle.“

„Ich habe mit dem Kriege nichts zu tun. Ich wusste kaum, dass es Franzosen gab, und dass sie uns berauben wollten.“

„Das wussten wir alle — kaum. Es hiess so. Wie von uns drüben dasselbe heisst. Jeder einzelne, befragt, sagt: Ich wusste es nicht, ich habe nichts gegen euch. Aber es lag in der Luft.“

„In meiner Heimat lag nur Friede in der Luft und der Duft der Felder.“

„In meiner Heimat war immer Krieg. Um die Bergwerke und Hütten lag fast die gleiche Kampflust wie hier. Nur unsichtbar. Aus den Hochöfen kroch der Krieg,“ sagte Lutz. Erst in dieser Stunde wurde ihm das offenbar.

„Dann wollen wir gegen die Hochöfen marschieren“, sagte Rinkel.

„Vielleicht — geschieht das — am Ende — —“

Eine fremde Offiziersstimme: „Leutnant Wynfrith. Wo ist die 12. Kompagnie, Leutnant Wynfrith?“

Lindolf sprang auf. Ein Oberleutnant von der Artillerie. Wynfrith stand auch schon neben ihm.

„Ich möchte mir hier einen Beobachtungsstand bauen. Geben Sie mir drei Leute.“

Neben Lindolfs Erdloch erstand der Ausguck des Artillerieoffiziers in dieser Nacht. Mit Misstrauen sah Lutz zu. „Schüttet aber alte Erde über die weissen Bretter.“ Der Artillerieoffizier hatte sich zum Versteifen der Ausguck-Wände schöne gehobelte Bretter mitgebracht. „Was quatschen Sie dazwischen?“ pfiff ihn der an.

Lutz ging zu Wynfrith: „Wir kriegen Zunder hierher, wenn die Franzosen die Veränderung an der Grabenecke merken.“

Wynfrith schwieg. „Wo Bernöckel stecken mag?“ sagte er nach einer Weile. „Pechtler sagt: drüben.“

„Hm — er war der letzte in unserer Kompagnie, der den Kriegsfreiwilligensturm bei Langemarck mitgemacht hat.“

„Das war noch was — Bewegung — vorwärts —?“

„Zu schnell vorwärts, zu siegesgewiss.“

„Aber schön. Deutschland, Deutschland über alles, sangen sie noch —“

„Weil sie ahnungslos waren. Nun wissen wir, wie es ist. Wem bliebe das Lied hier nicht in der Kehle stecken?“

„Striese ist tot, Herr Leutnant.“

„So, der Alte? Hat sechs Kinder. Ich hab nur zwei —“

„Es wird für sie doch gesorgt werden.“

„Meinen Kindern würde ich fehlen wie das tägliche Brot.“

„Sie sind doch jetzt auch lange fort, Herr Leutnant.“

„Aber ich lebe. Ich bin da. Sie beten für mich. Und hoffen.“

„Sie sind sehr glücklich zu Hause?“

Wynfrith schwieg.

„Nicht?“

„Gehen wir schlafen. Hier sind hundert Mark, nehmen Sie sie morgen zum Bataillonsstab mit, Lindolf. Man soll sie an Strieses Witwe schicken.“

„Sie sind ein guter Mensch.“

„Ich? Nur einer, der selbst hilflos ist, und daher andern hilft, vielleicht, weil er sich selbst so wenig helfen kann.“

„Herr Leutnant —“

„Geh schlafen, Junge.“

„Ja. Gute Nacht.“

Mit Sonnenaufgang setzte ein Geprassel und Getöse in dem Grabenwinkel ein, wo der Artillerieausguck aufgebaut war, und als Lutz aufwachte und aufsprang, war nichts mehr zu sehen, die beiden Telefonisten der Artillerie lagen, mit grässlich aufgerissener Brust der eine, mit abgesägter Schädelplatte der andere, Lutz zu Füssen. Bsching — das ging ganz nahe nieder!

„Herr Leutnant — wir müssen raus —“

Wynfrith war schon fort. Er lagerte mit Rinkel, seinem Burschen und drei andern, die noch in der Nähe des Ausgucks lagen, im Laufgang in der Nähe des Skatklubs.

„Ach — er lebt — — er lebt —!“ schrie einer, als Lindolf angekrochen kam.

„Verfluchte Schweinerei! Wo ist denn dieser Oberleutnant?“ schimpfte Lutz.

„Der ging, wie es hell wurde. Aber seine beiden —“

Wynfrith drückte Lutz die Hand. „So was passiert alle Tage — lasst das Schimpfen —“

„Sind von uns welche auch getroffen?“

„Ja. Zwei. Schwer verwundet. Wiebe und Markwardt bringen sie nach hinten.“

Und der vierte Tag begann, und wieder ging es auf und ab, auf und ab, immer die Gräben entlang, alle vier bis fünf Minuten ganz schwer und krachend in der Nähe, kaum 10 Meter im Umkreis entfernt einschlagend — — —

Lindolf, Rinkel und der Bursche buddelten rechts und links vom Skatklub neue Löcher. Nach einer halben Stunde — jedesmal, wenn die Schüsse vorüberkamen, rief Rinkel nur noch „Jesus! Maria!“ — beten konnte er nicht mehr — dann klebte sich jeder in sein neues Erdloch hinein — wie Bienen in die Waben.

Indessen wurden ihre alten Unterschlupfe zerprasselt. Als Lutz zu van Heusen kroch, festzustellen, ob die M.G.-Kompagnie überhaupt noch da war, — wusste er nicht mehr in dem immer noch wüst aufspritzenden Schutt, von metallischen Einschlägen umsprengt, wo sein Erdloch gewesen war.

18.

Van Heusen wartete mit seinen M.G.-Schützen noch immer am Grabeneingang. Die Maschinengewehre, die er bei Anbruch der Dunkelheit in die zusammengeschossene Sappe geschickt hatte, waren wieder zurückgezogen.

„Womit habt ihr denn die drüben geärgert?“

„Einer von der Artillerie baute sich mit weissem Holz einen Ausguck.“

Van Heusen fragte nur, eine abfällige Aeusserung unterdrückend: „Was gibt’s?“

„Ich wollte bloss sehen, ob Sie noch da sind, Herr Leutnant.“

„Wir sind noch da. Auf Wiedersehn!“

Lutz kroch zurück. Die M.G.-Schützen sassen da vorn herum wie auf den Trümmern Babylons.

Aber sie weinten nicht. Sie klebten an der Erde neben den Maschinengewehren, den Blick auf den Feind.

Nachmittags begann die deutsche Artillerie zu schiessen. Sie schoss gut. Wenn auch die beiden Artilleristen gefallen waren, sie haben im ersten Dämmergrauen zusammen mit dem Oberleutnant die Entfernungen festgestellt. Bis sie schwiegen und ihre Telefonstrippe zerriss. Aber nun schoss es vom Toten Mann hinüber nach 304 ebenso wild und sicher wie von Höhe 304 zum Toten Mann.

„Heute wirst du die Lerche nicht hören, Rinkel,“ flüsterte Lutz. Sie lagen zusammen in ihrem neuen provisorischen Unterschlupf.

Rinkel war ein wenig gefasster, man gewöhnt sich an alles, er lächelte: „Heute nacht — Ablösung — da hinten gibt’s noch Grün.“

„Heut nacht — — da hinten — —“ sprach Lutz vor sich hinsinnend. Wie weit — wie lange — — —

Alle paar Minuten kam wieder eins der dicken Dinger an der Skatklubecke des Grabens vorüber. Wenn man die Skatbrüder ihre Trümpfe ausrufen und mit der im Graben aufgesammelten Löhnung klimpern hörte, wusste man: jetzt gehen die ewig die Luft durchpfeilenden Geschosse woanders hin. Wenn aber beim Kartendreschen statt der Faustaufschläge auf Pogoslawskis Tornister ein wildes Getöse zu hören war und ein Geprassel von Schutt und verirrten Splittern, die noch heiss sich anfühlten, wenn man sie aufhob, daniederging, und nach einer recht bangen Minute, in der vier bis sechs solcher Dinger in einer saftigen Salve ganz nah herniedersausten, schaute sich ein jeder nach dem andern um: Ist nichts passiert? Und dann gab’s wieder fünf Minuten Atempause, während der das Feuer weiterwanderte.

„Amerikaner —“ Wynfriths Bursche hob einen langen Granatsplitter auf, der ganz gezackt während der Explosion aufgeschmolzen war. „So’n Ding in die Leber, wat?“

Und der lange Kerl, Franz Krause mit Namen, aus Berlin-Pankow, ass seine Marmeladenstulle weiter. Wenn er mit der Marmeladenstulle fertig war, machte er irgendeine eiserne Portionsbüchse, die er herrenlos im Graben fand oder gegen Zigarren eingetauscht hatte, auf, und schmierte sich den Gulasch aufs Brot oder zündete auf seinem Kocher den Hartspiritus an und briet sich die Chose.

Es gab, wenn die Essenholer täglich richtig zurückkamen, für jeden Tag ein ganzes Kommissbrot hier vorn, ein Viertelliter Rum, 3 Zigarren oder 10 Zigaretten, einen Beutel Zwieback und eine halbe Fleischbüchse. Lutz ass aber kaum mehr als zwei bis drei Marmeladenstullen und dann und wann ein Häppchen Fleisch. Gewöhnlich nahm er seine Mahlzeit beim stiller gelegenen Bataillonsstab ein, im vordersten Graben steckte er nur so beiläufig ein paar Zwiebacks in den Mund.

Aber Krause konnte essen. Fressen. Den ganzen Tag. Und nachts, wenn ihn eine scharfe Sache in der Nähe weckte, war sein erster Griff nach Kommissbrot, Marmeladenbüchse und Messer.

Auch jetzt hatte er seine Granatsplitterbetrachtung mit kauendem Munde ausgesprochen, wie Wynfrith ihn überhaupt nur bissenrunterschluckend kannte, so oft er ihn rief und ihm eine Anweisung gab.

Lutz sagte: „Die Amerikaner leben in Frieden mit uns, heisst es. Aber vielleicht verlängern sie den Krieg am meisten, wenn sie den Franzmännern und Tommys die Zuckerhüte liefern.“

Rinkel betete: „Herr, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun — Jessus — Maria —“ Und wieder schlug es dicht über den Köpfen ein, mit riesigem Plumps fiel ein Stück Brustwehr ein, so dass Lutz von seinem Erdloch durch den Spalt das Niemandsland sehen konnte.

„Beim wievielten Skat seid ihr denn schon heute?“

„Komm mitspielen, Lutz.“

„Welche Ehre, Pechtler, ihr wollt mit Lucie Skat spielen?“

„Du hast einen richtigen Schiffervollbart, Lutz, man kann dich jetzt schlecht Lucie nennen.“

Pogoslawski fragte: „Wann soll denn die Schweinerei heute abend losgehn, pierona?“

„Ich denke, so gegen sechse, Herr Leutnant, wie?“

Wynfrith hob die Zeltbahn vor seinem Loch, guckte heraus: „Was quatscht ihr da?“

„Wann die Franzosen erwartet werden?“

„Um sechs. Seid ihr noch alle da?“

„Als wie icke — Herr Leutnant,“ lachte Töz. „Lass sie man heut abend die Nase rinstecken. Die Schweine sollen schon gekitzelt werden dafür, dass sie uns im Skat stören.“

„Der Skat ist ihre ganze Vaterlandsliebe,“ sagte Lutz zum Leutnant. „So hat jeder fast einen anderen Grund, vorn zu bleiben und dreinzuschlagen. Aber alle bleiben und alle schlagen drein, hüben und drüben.“

„Ja, und zu Hause denken sie, wir singen dazu in einem fort: Deutschland, Deutschland, über alles — selbst noch auf der Latrine —“

„Kinder, geht nicht auf die Latrine mehr. Seit heute schiessen sie hin. Wie ich heut drauf sass —“

„Wie oft sitzt du Fresssack denn am Tage drauf?“ fragte Pechtler und schrie gleichzeitig: „Ramsch!“

„Dreimal geht er abladen —“

Bsching — „Jessus — Maria —“ schrie Rinkel.

„Da hat so ein Mistbock von drüben wieder abgeladen — Kinder, wir können nicht weiter spielen — verfluchte Bande,“ wütete Pechtler, „unser Karo-Bube hat ein Loch gebrannt gekriegt — da, hier ist der Splitter —“

„Und mir haben sie das Brot mit Granatsplittern belegt —“ schrie Krause. „Seht ihr, das habt ihr davon, wenn ihr einen hellen Balina veräppelt —“

Einer kam herangekrochen, Ekel im Gesicht.

„In der Latrine —“

„Siehste —“ sagte Krause. „Wer?“

„Der Gefreite Gutt und der Unteroffizier Maurer.“

„Tot?“ fragte Wynfrith.

„Volltreffer.“

„Kinder,“ schrie Töz, „das ist nun auf dem Felde der Ehre.“

„Die Sanitäter weigern sich, sie rauszuholen.“

Wynfrith: „Sie müssen. Lindolf, sag’s ihnen!“

Lindolf kroch zu den Sanitätern, zu zwei dreissig- bis vierzigjährigen, immer missvergnügten Herren. Verschiedene in der Kompagnie, darunter auch Lutz, Pechtler, Hirschfeld, hatten unter sich abgemacht, sich lieber gegenseitig zu helfen, als sich den beiden ziemlich bequemen Herren anzuvertrauen, die offensichtlich aus Mangel an Mut zu den Sanitätern gegangen waren, in der Hoffnung, im Feldlazarett zu bleiben. Nun mussten sie doch für ein paar Wochen Grabendienst machen.

„Ihr sollt Gutt und Maurer nach hinten bringen.“

„Das kann keiner von uns verlangen.“

„Vielleicht leben sie noch.“

„Die Köpfe stecken doch ganz drin. Wir haben schon vieles gesehen, so was —“

„Leutnant Wynfrith gibt den dienstlichen Befehl: sofort!“

Da erhoben sie sich aus ihrem Erdloch, krochen Lindolf nach, bogen dann rechts ab, wo die Latrine lag, während Lutz zur Skatecke zurücklief, fast aufrecht — obwohl die Schüsse auf ihn zuwanderten.

Die Sanitäter riefen ihm nach: „Komm doch mit helfen, Grossfresse!“

19.

Sechs Uhr abends. Und heute ist der erste Mai. Als die Geschütze nur noch vereinzelt hie und da ihre Schüsse verschickten, klärte sich die Luft und alle sahen, als sie zur Abwehr antraten, durch ihre Schiessscharte, über dem aufsteigenden Hang der Höhe 304, von der hinab die drüben kommen wollten, den Abendstern.

Rinkel betete ein Ave Maria zu dem friedlichen Stern und war ganz ruhig.

Pechtler und Töz sahen ihn verwundert an.

Hirschfeld grüsste ihn mit geheimnisvollem Lächeln: der letzte Blick der Mutter, heute abend würde er sühnen ...

Lutz sagte: Adelheid. Aber es war nicht so sehr die wirkliche Adelheid, sondern ein verträumt - braunäugiges zartes Mädchen mit schwarzen Flechten, das war sein Ideal, das er in dieser Stunde liebte, und von dem die wirkliche Adelheid vielleicht äusserlich ein Abglanz war.

Wynfrith liess zwei Frauen grüssen durch den Stern. Und seine Kinder. Und auch in dieser Stunde fand er keine Lösung für seine Gefühle. Der einen gehörte sein Werk, die andere war die Mutter seiner Kinder. Er liebte keine Kompromisse vor sich selbst. Und so sah er den Stern seltsam irre und müde an, streichelte in Gedanken die Kinder, das Haar seiner Frau und flüsterte zum Schluss doch ganz leis: Agathe — —

Pogoslawski dachte: Wann werde ich wieder in die Grube einfahren und das Bergglöcklein klingt und durch den Dunst der Schlote schaut verloren dieser alte, gute Stern?

Krause sah den Abendstern bewusst zum ersten Mal. In Berlin gab es sowas nicht. Er erinnerte sich, ihn flüchtig auf einer Kahnpartie in Tegel mit der kleinen Rosalie im Arm bemerkt zu haben.

Da stand nun mit gelassener Schicksalsergebenheit die zwölfte Kompagnie und neben ihr die neunte, die zehnte und die elfte rund um die Höhe 304 in den ersten Gräben. Sie erwarteten — den Feind.

Mein Gott — den Feind — dachte Lutz. Arme Muschkoten sind es wie wir. Aufeinandergehetzt. Um ihr Leben bangend. Nach Hause verlangend. Und nur, weil es irgendwie unmännlich wäre, diesem Verlangen zu folgen, und weil Entehrung und auch der Tod auf Fahnenflucht stand, darum blieben sie vorn. Wenn die Kompagnien, die jetzt in wenigen Minuten hüben und drüben sich zerfleischen werden, miteinander sprächen, statt stumm aufeinander zu schlagen, wäre die Heimat noch bedroht?

„Lässt du mir meine Heimat?“

„Ja, sie ist schön.“

„Lässt du mir meine Heimat?“

„Ja, gern, ich gehe in die meine zurück.“

Das wäre die ganze Unterhaltung. Und der Krieg wäre aus.

Aber die Grossmächte Deutschland und Frankreich, diese phantomhaften, zeitungspapierenen, mit patriotischem Lockgold verbrämten Begriffe, die tobten auslaufend in blutenden Herzen und mordenden Händen ihren Kampf aus. Der Besitz der heiligsten Güter stünde auf dem Spiel. Das alles muss man ja wohl glauben. Und da man hier vorn steht, so wird etwas Wahres daran sein. Aber wir verstehen es nicht. Wir nehmen es nur als unser Schicksal. Und wollen der deutschen Seele in uns und der deutschen Kraft Ehre machen. Ja, das wollen wir schon. Besser wäre es, wenn es nicht in so grässlichem Kampfe geschähe — aber nun — —

— — und da kamen sie herangeschlichen. Lutz fühlte, wie sich alles in ihm straffte, wie sein Blut durch die umkrampfende Hand bis in die Bajonettspitze hinein zu kreisen schien.

Hirschfeld stach sein Bajonett in die Erde und erwarete Feind und Tod.

Da knatterten van Heusens M.G.-Schützen los! Tak — tak — tak — wie auf dem Exerzierplatz, schrägher, fast in der Flanke, manche verirrte Kugel flog über die Köpfe der Zwölften.

Wynfrith: „Lindolf — durchsagen — wenn sie acht Meter vor dem Graben sind, Handgranaten! — die ganze Kompagnie!“

Lindolf lief. Ihm war wohler, beschäftigt zu sein in den Höchstspannungsaugenblicken, als so ins Bajonett hinein erstarrt mit bleichem, reglosem Gesicht den Gegner zu erwarten. Er flüsterte es jedem vierten Mann zu: „Weitersagen, in acht Meter Nähe — Handgranaten —“ Durch. Da stand der Flügelmann von der neunten. Waren die Franzosen noch immer nicht ran?

Van Heusen liess mit zwölf Maschinengewehren die Herantorkelnden und Kriechenden bestreichen. Ganz dicht vor die eigenen Gräben legte er das Feuer. Jeder, der sich aufrichtete, um vorwärts zu springen mit leichtem Satz an den deutschen Graben heran, meist war es ein Korporal, der seine Leute mitreissen wollte, sank zur Seite, in das Flankenfeuer geratend.

Van Heusen dachte: Ein teuflischer Gedanke, aber es macht fast Spass — wenn es keine Menschen, sondern Atrappen wären. „Zwei Meter vorverlegen, Seiffert, so ist’s gut —“ rief er einem seiner Schützen zu.

Da lagen sie zusammengeballt, die graublauen Uniformen, wenn einer sich nur halb erhob — lange tat er es nicht — und van Heusens Maschinengewehre hatten ihn.

So gemein — aber es kitzelt — ich fühle Siegergefühle in mir — merkwürdig — ganz anders als wenn man den Wallenstein spielt — das sind ja alles Bleisoldaten, die Helden von früher — — sann der Hofschauspieler.

Jetzt — — nein, sie schrien — — umfallend — mit offenen Wunden zurücklaufend —

Wynfrith hatte Handgranaten werfen lassen, und im gleichen Augenblick sass die Geschossgarbe von vier Maschinengewehren direkt drinnen in der ersten Sturmwelle der Franzosen. Die zweite hockte dreissig Meter dahinter, die Maschinengewehre spritzten auch diesen den Zunder vor die Nase.

Ja, ihr habt nicht gedacht, dass ich mich in der Sappe festsetzen werde im letzten Augenblick, triumphierte van Heusen.

Am Sandsackriegel der Sappe ging es heiss her. Unteroffizier Kretschmar und sieben ausgesuchte Handgranatenwerfer hockten oben auf den Sandsäcken, hüpften wie die Hasen nach vorn, warfen Handgranaten in den französischen Angriffsgraben, wenn sich drei oder vier heranwollende Blauröcke zeigten — und sahen buchstäblich die Leichen vor sich türmen.

Alles geschah geschäftig, ohne heldische Emphase.

Nur Hirschfeld stand in ungewollter Pose, mit weitaufgetanen Augen den Tod erwartend.

Es dämmerte. Abendsonne zitterte blitzend über den Drahtverhauen und auf den Spitzen der Bajonette.

„Was machst du, Hirschfeld?“ fragte Lindolf, der langsam zu seinem Leutnant zurückkroch. Rinkel hatte laufen und den Befehl, den Lindolf durchsagte, ändern müssen — „Sofort Handgranaten, so weit wie möglich!“

„Ich warte. Heute wird es sein.“

„Sei kein Idiot!“ Lutz nahm das umgekehrte Bajonett, zog es aus der Erde und steckte es Hirschfeld in die Hand. „Man denkt ja, du willst überlaufen, dich kampflos ergeben.“

„Ich will sterben.“

„Quatsch!“

Hirschfeld dachte: Du Goj verstehst das eben nicht. Na, meinetwegen. Gott wird gnädig sein.

Lutz stand wieder neben seinem Leutnant. „Sie gehen zurück“, sagte Wynfrith, „vor van Heusens Maschinengewehren.“

Sie gehen zurück — sie gehen zurück — — es kam also nicht zum Handgemenge — — jeder freute sich, dass er „ruhig“ schlafen konnte. Und nachts die Ablösung — — —

Manche wollten schon in ihre Erdlöcher zurück.

„Halt — noch nicht — —!“ schrie der Leutnant.

Die Maschinengewehre liessen plötzlich nach. Granaten von drüben schlugen in der Sappe ein.

„Lindolf, weisse Leuchtpatronen — dreimal — unsere Artillerie muss auch schiessen — sonst — —“

Lutz zog die Leuchtpistole aus dem Gürtel und schoss die Raketen in die Luft.

Wie schöne weisse Sterne öffneten sie sich in der Dämmerung.

Sie warteten. Nichts. Nur die französische Artillerie schoss. Schon sassen wieder vereinzelt ein paar Dinger in der Nähe.

„Noch einmal — —“

Lutz schoss wieder drei weisse Raketen in die Höhe.

Da begann es langsam, aber sicher heranzujaulen? bsching — — juuuiuh — — bsching — — Nun schoss auch die deutsche Artillerie. Und binnen fünf Minuten war die Sturmstille tot und das Trommelfeuer wanderte wieder grabenab, grabenauf.

Pogoslawski war schon am Arm von einem Splitter geritzt. „Verfluchte Hunde, dreckige —“ Pechtler verband ihn. „Bleib hier. Wir werden ja abgelöst. Wo sind die Karten?“

Van Heusen hatte sich aus der Sappe zurückziehen müssen. In dem Ueberraschungsfeuer der französischen Artillerie waren ihm viele tüchtige Schützen liegen geblieben. Und manches Gewehr dazu. Unteroffizier Kretschmar tot. Am Sandsackriegel lagen mit ihm neben den etwa dreissig aufgehäuften Franzosen auch vier Deutsche. Und die Granaten prasselten auf die Sappe wieder nieder. Ohne Unterlass. Die Toten nochmals und nochmals tötend, zermalmend, einebnend in das namenlose Trichtergrab, das in ewigem vulkanischen Aufruhr hier blieb.

20.

Indessen schritt der Leutnant Beekmann, das E. K. I. an der linken Seite, in eleganter Extrauniform, schneidigen Schritts, durch den Tiergarten am Arm seiner Braut. Evelyne Vandersee führte ihren feldgrauen Verlobten durchs Volk. Stolz ging er dahin, jeder Zoll ein Held und königlich preussischer Offizier. Diese Tage fern der Front, wie sie für alle ausgestandenen Qualen und Aengste da vorn belohnten. Er erschrak vor sich selbst: wer redet hier von Angst? Selbstverständlich hat er nach aller Meinung seiner Pflicht genügt. Mehr als dies. Alle sahen sie auf den hohen Orden.

Als er sich zum ersten Mal im Schmuck dieses hohen Ordens im Spiegel betrachtete, prüfte er verstohlen, ob in seinen Zügen die Aengste der Front sich eingeprägt hätten. Doch es war das frühere forsche, nur älter gewordene Gesicht.

Kaum ein paar Tage vergingen, und in all den friedlichen Freuden, die im Hause seines Schwiegervaters noch immer unvermindert Leib und Herz erquickten, verlor er das letzte Nachzittern der Todesnähe in den Nerven.

Immer glückselig lächelte ihn die Braut an. Sie sprach in einem fort so drollig unwichtige und süss verliebte Worte, von denen er vorn glaubte, sie seien mit dem Frühling Frankreichs verwüstet.

Wie weiss, wie duftig gewachsen war die kleine Hand, die in seiner lag.

„Du darfst nicht zurück, Oscar —“

„So bangst du um mich —?“

Im gleichen Augenblick kam ihm der Gedanke, der Krieg könnte eigentlich während des Urlaubs zu Ende sein. Wenn alle Kompagnieführer ihre Leute so draufgehen liessen, ja, immer feste druff, wie Hoheit sagte, dann wäre der Krieg schon längst zu Ende — tja — aber leider gibt es auch Wynfriths an der Front ... Wenn jetzt der Krieg zu Ende wäre, da hätte er alles, was er brauchte: den Ruhm des tapferen preussischen Offiziers, er würde natürlich aktiv bleiben, und ein reiche, hübsche Frau, — und dann so durch die Strassen gehen und die früheren Kollegen vom Wilhelmsgymnasium beiläufig grüssen: „Na, wie geht’s, alter Knabe?“

„Oscar?“

„Ja, Schatz, was gibt’s?“

Was war das schön, grüne, stille Bäume um sich zu haben, Autos auf dem glatten Asphalt gleiten zu hören, aufrecht dahinzuschreiten — —

„Papa kennt einen einflussreichen Herrn im Kriegsministerium. Du hast doch vorn genug geleistet, soll ich ihn bitten?“

Oscar Beekmann, Ritter vom Eisernen Kreuz I. Klasse, wurde rot. Wenn das wirklich möglich wäre; nicht mehr zurück? — Aber er sagte: „Kein Wort davon, Evelyne. Ich verlasse meine Kameraden nicht.“

„Ich wusste es ja. Ich habe es Mama gleich gesagt.“

Warum begehrte sie nicht auf: Ich tue es trotzdem. Warum nahm sie es hin, dass er vorn wieder dem Tode sich preisgab?

„Behieltest du mich gern hier?“

„O ja. Aber über alles deine Ehre als Offizier. Das sehe ich ein. Ich wäre fassungslos, wenn —“

Nein, er durfte nicht weiter darauf hin arbeiten. Hier musste er wenigstens der Held bleiben, den alle in ihm sahen. Und doch — wie schön — hierbleiben. Aber gleichzeitig begann das Hirn nachzudenken, wie es möglich wäre, das Schicksal walten zu lassen, bis es „ehrenvoll“ den „sich furchtbar Sträubenden“ überwand.

Da begrüsste Beekmanns Direktor vom Wilhelmsgymnasium, ein alter, forscher Schultyrann, die Beiden.

„Nun, Kollega, in Urlaub —? Und glücklich, wie ich sehe. Natürlich — eine so reizende Braut. — Würden Sie mit mir ein Gläschen Portwein trinken? — Sie wissen, es ist meine Stunde — zwischen 11 und 12 mein Gläschen Portwein, nein, das muss man mir altem Knaben nun mal gönnen — wissen Sie, Beekmann, das müsste ich selbst vorn haben im Trommelfeuer — so zwischen 11 und 12 — also kommen Sie —“

Sie liessen sich in einer Probierstube Unter den Linden nieder und hoben einander die Gläser zu:

„Heil und Sieg!“

„Heil und Sieg!“

„Heil und Sieg!“ flötete Evelyne. Wie oft seit zwei Jahren klangen die Gläser so aneinander: Heil und Sieg! Sie merkte, wie sie es schon in einem ewiggleichen Tonfall aussprach.

„Na, Kollega, wie ich sehe, tapfer gewesen? Las auch schon im Provinzialschulblatt! Von seiner Kaiserlichen Hoheit dem Kronprinzen bei der Parade im Hauptquartier höchstpersönlich angehängt. — Sagte zu den andern Alten, die wir noch da sind: Meine Herren, da sehen Sie, Beekmann war immer schneidig. Liebe diesen Ton. Kurz, energisch, alles auf eine Karte setzend. Ja, meine Jungens — —“

„Wie geht es ihnen?“

Der Gymnasialdirektor schluchzte auf. Die Forschheit ging eine Weile zum Teufel.

„Beide?“

„Beide. Einer bei Ypern, der andere am Isonzo.“

Nun tritt das berühmte Schweigen ein, dachte Evelyne ungeduldig. Aber dann sah sie Oscar, der verworren vor sich hin sann und die Hand seines alten Direktors streichelte, und sie presste die andere Hand des Liebsten, flüsternd: „Du bleibst hier.“

Der alte Herr richtete sich auf, nahm feierlich einen Schluck — als tränke er das Heldenblut seiner Söhne, kam Evelyne der Gedanke — und sagte, wie er auch schon so oft es ausgesprochen: „Ich bin stolz! Sie ruhen auf dem Felde der Ehre!“

Hast du ’ne Ahnung, dachte es in Beekmanns Hirn. Wer weiss, wie sie die Kugel erhaschte. In irgendeinem Trichter zwischen den Gräben, im Niemandsland, verfaulen sie. Keiner fragt mehr nach ihnen. Zwei von Millionen.

„Ihre Kommandeure haben mir rührende Briefe von ihrer Tapferkeit geschrieben. Mein kleiner neunzehnjähriger Joachim — Sie hatten ihn ja in der Prima — bei einem Sturmangriff da an den Kanälen in Flandern — allen voran — schrieb der Kompagnieführer — —“

Das schreibt man so, wenn ein gequältes Vaterherz fragt. Wer wird Meerfelds Mutter erzählen, dass er durch deutsche Granaten den Tod fand?

„Ein stilles Glas!“ flüsterte Beekmann und verbeugte sich vor dem alten so stolzen Mann.

„Ein stilles Glas, Kollega. Sie ruhen gut, nicht wahr? Sehen Sie,“ er streichelte Beekmanns E. K. I., „das hätte ich auch gern an meinen Jungens gesehen —“

Evelyne dachte: Dieser Ehrgeiz noch über das Grab der Kinder hinaus.

„Die Toten sind die Grösseren! Sie schmückt ein noch schlichteres Kreuz!“ sagte halb emphatisch, halb ehrlich ihr Verlobter. Sie hörte nur seine Stimme und lächelte — im nächsten Augenblick aber liess sie das Lächeln verschwinden — um Gottes willen, wenn Oscar es unpassend findet.

„Ja, wenn der Krieg aus ist, fahre ich nach ihren Gräbern — in Flandern — am Isonzo — —“

Wenn du sie findest — — dachte Beekmann.

Und dann begann der alte Herr, seltsam verklärt lächelnd, mit rauher, doch streichelnder Stimme zu singen:

„Kein schön’rer Tod ist in der Welt,

Als wer vom Feind erschlagen,

Auf grüner Heid’ im freien Feld,

Darf nicht hör’n gross’ Wehklagen.

Im engen Bett, nur Ein’r allein,

Muss an den Todesreihen.

Hier findet er Gesellschaft fein,

Fall’n mit wie Kräuter im Maien.“

„So ist es doch? Sehen Sie: siebzig, da sollte ich gerade an die Front rücken, als die Schweinebande kapitulierte — nun habe ich doch noch eine grosse Zeit erlebt, am eigenen Leibe verspürt — denn so die Söhne hinopfern — — das ist fast mehr — —“

Jeder macht sich hier gross, und wie winzig sind wir da vorn, ein Stück Dreck im Dreck — nein, fort diese Gedanken —

„Auf Ihr Spezielles, Herr Geheimrat!“

„Prosit, Kollega!“

Evelyne fragte: „Denkt Ihre Frau auch so? So — mit Stolz —?“

„Nein, sie weint noch immer. Seit drei Monaten. Sie begreift es nicht. Sie nennt das Opfer sinnlos.“

„Und wenn es sinnlos wäre?“

„Evelyne — —!!“

„Das kann nicht sein. Wir müssen siegen! Sie werden’s schaffen!“ Und Beekmann sah, wie der Alte die Verheissung in seinen Augen suchte. Er liess sie kühn und siegentschlossen blitzen.

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