Kitabı oku: «Lockdown 2020»

Yazı tipi:

Hannes Hofbauer/Stefan Kraft (Hg.)

Lockdown 2020


© 2020 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien

ISBN: 978-3-85371-881-0

(ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-85371-473-7)

Coverfoto: Alamy

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Inhaltsverzeichnis

Hannes Hofbauer/Stefan Kraft (Hg.): Vorwort

Der Nährboden für die Pandemie

Chuang-Blog: Soziale Ansteckung

Andrej Hunko: WHO – Wer bestimmt, was gesund ist?

Andreas Sönnichsen: Covid-19: Wo ist die Evidenz?

Armando Mattioli: Ursachen für die pandemiebedingte Krise in Italien

Sozioökonomische Folgen

Hannes Hofbauer/Andrea Komlosy: Neues Akkumulationsmodell: Verhalten und Körper im Visier des Kapitals

Allfred J. Noll: Seuchenzeit: Der Staat als »ideeller Gesamtkapitalist«

Andea Komlosy: Entflechtung oder Neuordnung: Globale Güterketten nach dem Lockdown

Staatliche Zwangsmaßnahmen und die Rolle der Medien

Matthias Burchardt: Versuch über den Homo hygienicus

Roland Rottenfußer: Die Gesundheitsdiktatur

Joachim Hirsch: Sicherheitsstaat 4.0

Peter Nowak: Die autoritäre Staatlichkeit und der Konformismus der Linken

Rolf Gössner: Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat in Zeiten der Pandemie

Walter von Rossum: Mediale Superspreader

Der neue Umgang

Stefan Kraft: Der ausgeschlossene Tod

Ulrike Baureithel: Die Angst, aussortiert zu werden

Valentin Widmann: Die Menschenwürde und der Wert des Lebens in Zeiten von Corona

Jochen Krautz: Bildendes Lernen braucht Schule und Unterricht

Bernhard Heinzlmaier:_Jugendliche als Betroffene der Corona-Epidemie

Gerhard Ruiss: Kulturpolitik in der Corona-Krise

Nicole Selmer: Kein Zurück zu einem kaputten System: Fußball in der Krise

Zitate zum Lockdown

AutorInnenbiografien

Vorwort

Ein Buch über die Auswirkungen der staatlichen Maßnahmen gegen die Verbreitung einer Seuche bedarf zu aller Anfang eines Hinweises darauf, wie diese Seuche, wie die Ausbreitung von Covid-19, einzuschätzen ist. Denn immerhin fußten und fußen die härtesten Einschnitte in das öffentliche Leben, die in Ländern wie Deutschland, Österreich und der Schweiz nach 1945 gesetzt wurden, auf dem von der WHO verkündeten pandemischen Charakter der Krankheit. Sechs Monate nach den Lockdowns, die in den meisten Ländern der Europäischen Union Mitte März 2020 erlassen wurden, mangelt es noch immer an gesicherter medizinischer Evidenz, die die gesundheitlichen Folgen einer Ansteckung für Junge und Alte, Gesunde und Kranke, stark umweltbelastete Zentralräume und relativ saubere Randregionen, ja selbst für Männer und Frauen ausweist. Nur eines steht fest: Covid-19 ist kein Killervirus. Die Mortalitätsrate ist nicht mit der Pest, nicht mit der Spanischen Grippe, nicht mit Masern zu vergleichen. Sie liegt wesentlich darunter.

Dass diese Erkenntnis medial und politisch nicht oder kaum kommuniziert wird, gibt bereits einen ersten Hinweis darauf, warum wir uns entschlossen haben, dieses Buch herauszubringen. Die von den Regierungen in Berlin, Wien oder Bern meist im Verordnungsweg erlassenen Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus schätzen wir langfristig als schlimmer ein als das Virus selbst, was keine Einmaligkeit bei der Behandlung von Krankheiten unter den herrschenden Bedingungen eines der Verwertungslogik unterworfenen Gesundheitswesens ist. Spätestens nach den ersten Wochen des Auftauchens von Covid-19-Erkrankungen in Europa hätte klar sein müssen, dass die Maßnahmen überschießend und unverantwortlich sind.

Die Einschätzungen der Gefährlichkeit von Covid-19 könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie reichen vom Vergleich mit einer schweren Grippe, wie sie u.a. ein ehemaliger Amtsarzt in Schleswig-Holstein und langjähriger SPD-Abgeordneter äußert, bis zur unbedingt notwendigen Verhängung eines Ausnahmezustands, um der Gefahr Herr werden zu können. Letzteres wurde in den allermeisten EU-Ländern – mit der Ausnahme Schwedens und teilweise der Niederlande – in die Praxis umgesetzt, wenngleich man in vielen Fällen den Begriff „Ausnahmezustand“ vermied. Jene Stimmen, die zu kalmieren versuchten, erhielten bald diffamierende Zuordnungen wie Verharmloser, Coronaleugner oder Gesundheitsgefährder.

Die Politik setzte auf die Verbreitung von Angst, wie aus Protokollen des deutschen Bundesinnenministeriums sowie der österreichischen „Task Force“ hervorgeht.1 Mit den täglich verbreiteten „Fallzahlen“, die ohne Relation zu allgemeiner Sterblichkeit, Bevölkerungsgröße oder Gesundheitsrisiken anderer Krankheiten ins Bild gebracht werden, hat sich die Politik für die Fortsetzung des Panikkurses entschieden. Das Gegenteil wäre ihre Aufgabe.

Die bei Redaktionsschluss dieses Buches weitgehende gesellschaftliche Akzeptanz des Ausnahmezustandes reicht weit in linke Kreise hinein, wobei manche Stimmen diesen noch schärfer und in Zukunft auch für umweltpolitische Fragen anwenden wollen. Demonstrationen gegen diesen Ausnahmezustand werden von den herrschenden Kreisen als große Gefahr eingeschätzt und TeilnehmerInnen als VerschwörungstheoretikerInnen gebrandmarkt. Assistiert wird Ihnen dabei von einer Linken, die vor nicht allzu langer Zeit noch um die Gefahren des staatlichen Notstands Bescheid wusste, und einer geschichtsvergessenen Sozialdemokratie. Dass derartig tief greifende Verordnungen wie beispielsweise ein Kontakt- und Versammlungsverbot ebenso wie ein Aussetzen des Rechts auf Bildung, Kunst und Religion überhaupt möglich waren, ist dieser fehlenden Opposition geschuldet.

Vor diesem dystopisch anmutenden Hintergrund haben wir uns als Herausgeber entschlossen, 18 namhafte, mutige Stimmen zu versammeln, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln der Frage nachgehen, wie der Kampf gegen eine Virusverbreitung politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich instrumentalisiert wird, um entsprechenden Interessen zum Durchbruch zu verhelfen. Einigkeit der Autorinnen und Autoren dieses Bandes besteht darin, diesem Vorhaben entschieden entgegenzutreten. Ihnen allen gilt unser Dank.

Gesundheit und Grundrechte müssen genauso miteinander vereinbar sein wie soziale Gerechtigkeit und politische Freiheit.

Hannes Hofbauer & Stefan Kraft Wien, im August 2020

1 In Deutschland: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2020/corona/szenarienpapier-covid-19.pdf?__blob=publicationFile&v=4; in Österreich: ein unveröffentlichtes Sitzungsprotokoll der „Task Force“ vom 12. März 2020, siehe: https://orf.at/stories/3163480/

Der Nährboden für die Pandemie

Chuang-Blog1
Soziale Ansteckung
Der Hochofen

Umgangssprachlich gilt Wuhan als einer der »vier Hochöfen« Chinas. Den bedrückend feuchtheißen Sommer teilt es mit Chongqing, Nanjing und Nanchang, quirlige Städte mit einer langen Geschichte, am Yangtse gelegen oder nah an seinem Flusstal. Unter den Vieren glänzt Wuhan aber auch mit echten Hochöfen. Der massige urbane Komplex stellt eine Art Kern der Stahl-, Beton- und bauorientierten Industrie Chinas dar, sein Stadtbild ist gesprenkelt mit den langsam kühlenden Gebläsehochöfen der verbleibenden Stahl- und Eisenschmelzen im Staatseigentum, die nun geplagt von Überproduktion2 in eine weitere umstrittene Phase von Rückbau, Privatisierung und Umstrukturierung gezwungen werden – dies allein schon Ursache für mehrere große Streiks und Proteste in den letzten fünf Jahren. Auf den Punkt gebracht ist Wuhan die Hauptstadt der chinesischen Bauindus­trie. Als solche hatte die Stadt eine besonders hervorgehobene Rolle in der Phase nach der (letzten) ökonomischen Krise, denn in dieser Zeit wurde das Wachstum durch Immobilien- und Infrastruktur-Projekte zunehmend angeregt. Diese Blase hat Wuhan nicht nur mithilfe seines Überangebots an Baumaterialien und Ingenieuren im Staatsdienst aufgebläht, sondern wurde selbst zu einem Produkt des Immobilienbooms. Nach unseren Berechnungen entsprach die Summe aller Baugründe in Wuhan von 2018 bis 2019 der Gesamtfläche der Insel Hongkong.

Inzwischen scheint dieser Antriebsofen der chinesischen Nach-Krisen-Ökonomie abzukühlen, ganz ähnlich denen der Stahl- und Eisenkocher. Obwohl dieser Vorgang schon seit einer Weile lief, trifft die Metapher neuerdings nicht nur im einfachen ökonomischen Sinn zu. Seit mehr als einem Monat ist die einst hektische Stadt abgeriegelt, sind ihre Straßen auf Regierungsanweisung entleert. »Der wichtigste Beitrag, den Sie leisten können, lautet: Versammeln Sie sich nicht, verursachen Sie kein Chaos« – so stand es groß gedruckt in der Guangmin-Tageszeitung3, die unter der Leitung der Propaganda-Abteilung der KP Chinas steht. Die glitzernden Stahl- und Glasbauten in den neuen Prachtstraßen Wuhans liegen nun kalt und leer, während der Winter übers Neujahrsfest vergeht und die Stadt unter den Beschränkungen der Quarantäne stagniert. Sich zu isolieren, ist ein kluger Ratschlag in China, wo das Ausbrechen des neuen Corona-Virus (kürzlich umbenannt in »Sars-CoV-2« und die von ihm ausgelöste Krankheit in »Covid-19«) bereits mehr als 2000 Menschen das Leben gekostet hat – mehr als die Sars-Epidemie im Jahr 2003. Das ganze Land steht unter Ausgangssperre, wie schon bei Sars. Die Schulen sind geschlossen, und landesweit bleiben die Leute zusammengepfercht in ihren Wohnungen. Fast die gesamte Wirtschaftstätigkeit kam im Rahmen des Neujahrsfestes am 25. Januar zum Erliegen, aber die Unterbrechung wurde auf einen Monat verlängert, um die Ausbreitung der Epidemie zu verhindern. Es scheint, als hätten die Hochöfen Chinas aufgehört zu brennen, oder als würden sie nur noch schwach glühen. In gewisser Weise ist die Stadt aber zu einer anderen Art von Ofen geworden, denn das Coronavirus brennt sich durch die Masse der Bevölkerung wie ein heftiges Fieber.

Das Virus für den Regimewechsel

Das Ausbrechen der Krankheit ist fälschlich allem Möglichen zugeschrieben worden: vom verschwörerischen und/oder zufälligen Freisetzen einer Virengeneration aus dem Institut für Virologie in Wuhan4 – eine zweifelhafte Unterstellung, die über soziale Netzwerke, vor allem über paranoide Facebook-Posts aus Hongkong und Taiwan verbreitet, aber inzwischen von konservativen Pressestellen und militärischen Nutznießern5 weiter unterfüttert wird – bis hin zur (angeblichen) Neigung der chinesischen Bevölkerung »unsaubere« oder »abartige« Nahrungsmittel zu verzehren. Letzteres vor allem, weil die Virenausbreitung auf Fledermäuse oder Schlangen zurückgeführt wird, die auf halblegalen »wet markets«6 angeboten werden, die auf wilde und seltene Tiere spezialisiert sind (obwohl das nicht der tatsächliche Ursprungsort ist7). Beide Narrative verdeutlichen offensichtliche Kriegstreiberei und Orientalismus, die die Berichterstattung über China generell kennzeichnen, und die schon von einigen Medienartikeln8 hervorgehoben wurden. Doch auch diese Stellungnahmen beschränken sich meist nur auf die Wahrnehmung des Virus in der kulturellen Sphäre – und beschäftigen sich weniger mit den weit brutaleren Dynamiken, die hinter dem Medienzirkus im Verborgenen wirken.

Eine etwas komplexere Variante begreift wenigstens die ökonomischen Folgewirkungen, auch wenn die möglichen politischen Nachspiele für den rhetorischen Effekt aufgebauscht werden. Hier begegnen uns die üblichen Verdächtigen, von den bekannten drachentötenden Kriegsfalken bis hin zu den aufgeregten Wohlhabenden des »gehobenen« Liberalismus: Pressefirmen vom National Review bis hin zur New York Times9 orakeln bereits darüber, wie der Virenausbruch zur Legitimitätskrise der KP Chinas führen könnte, obwohl bisher kaum ein Hauch von Aufstand zu spüren ist. Doch das Körnchen Wahrheit solcher Voraussagen liegt in der Einschätzung der wirtschaftlichen Dimensionen der Quarantäne – ein Aspekt, der Journalisten mit einem Aktien-Portfolio, das schwerer wiegt als sie selbst, kaum entgehen kann. Denn Tatsache ist, dass die Leute, trotz der Regierungsappelle zum Abstandhalten, bald gezwungen sein werden, sich zu »versammeln«, um den Bedürfnissen der Produktion zu dienen.

In China selbst ist der Verlauf dieser Ereignisse schwer vorauszusagen, doch hat der Moment bereits einen raren, kollektiven Prozess des Nachdenkens über »Gesellschaft« ausgelöst. Die Epidemie hat (nach den vorsichtigsten Schätzungen) nahezu 80.000 Menschen direkt infiziert. Doch sie versetzte dem Alltagsleben im Kapitalismus einen Schock, der 1,4 Milliarden Menschen traf und sie zu einem Augenblick der Selbstreflexion zwang. In diesem Moment der Verunsicherung stellten sich alle zeitgleich eine Reihe tief greifender Fragen: Was wird mit mir geschehen? Mit meinen Kindern, meiner Familie, meinen Freunden? Wird es für uns genug zu essen geben? Wird mein Einkommen gezahlt? Werde ich meine Miete bezahlen können? Wer trägt für all das die Verantwortung? Auf seltsame Weise entspricht die Einzelerfahrung im Großen und Ganzen der eines Massenstreiks – aber eines solchen, der in seiner nicht-spontanen, von oben verordneten und insbesondere unfreiwilligen Total-Atomisierung die Grundrätsel unserer strangulierten politischen Gegenwart ebenso klar hervortreten lässt, wie die Massenstreiks des letzten Jahrhunderts die Widersprüche ihrer Ära erhellten. Die »Quarantäne« erscheint somit wie ein Streik, der zwar seiner gemeinschaftsbezogenen Charakteristika beraubt, aber gleichwohl geeignet ist, sowohl der Psyche als auch der Volkswirtschaft einen tief greifenden Schock zu versetzen. Schon allein aufgrund dieses Umstandes, ist sie es wert, genauer darüber nachzudenken.

Selbstverständlich handelt es sich bei Spekulationen über den bevorstehenden Sturz der KPCh – ein beliebter Zeitvertreib des New Yorker und des Economist – um vorhersehbaren Unsinn. Inzwischen rollen die normalen Medienunterdrückungsrituale ab, in denen offenkundig rassistische Leitartikel in den Massenmedien von Kommentaren auf Web-Plattformen gekontert werden, die gegen Orientalismus und andere Ideologie-Facetten polemisieren. Doch fast die gesamte Diskussion bleibt auf der Ebene der Darstellung – oder befasst sich bestenfalls mit der Eindämmungspolitik und den wirtschaftlichen Folgen der Epidemie – ohne jegliche Auseinandersetzung mit den Fragen, wie solche Krankheiten überhaupt produziert, und noch seltener, wie sie verbreitet werden. Doch nicht einmal dies wäre genug. Überflüssig ist der »Eins-Zwei-Drei«-Marxismus, der dem Schurken die Maske abreißt, um festzustellen: Ja, es war wirklich der Kapitalismus, der das Coronavirus hervorgebracht hat. Das wäre auch nicht scharfsinniger als die Auslandskommentatoren, die einem Regimewechsel auf der Spur sind. Selbstverständlich ist der Kapitalismus schuld, aber wie genau findet die Verzahnung der sozioökonomischen Sphäre mit der biologischen statt, und welche Lehren sind aus der Gesamterfahrung zu ziehen?

In diesem Sinne eröffnet uns der Ausbruch der Epidemie zwei günstige Möglichkeiten zur Reflexion: Zunächst bietet sich ein lehrreicher Durchblick, in dem wir substanzielle Fragen hinsichtlich der kapitalistischen Produktion in ihrem Verhältnis zur nicht-menschlichen Welt auf einer grundlegenderen Ebene neu bewerten können, weil nämlich, kurz gesagt, die »natürliche Welt« unter Einschluss ihrer mikrobiologischen Unterlage ohne Bezug zur gesellschaftlichen Organisation der Produktion unverständlich bleibt (da die beiden eben nicht getrennt voneinander existieren). Zugleich werden wir daran erinnert, dass der einzige Kommunismus, der den Namen wert ist, das Potenzial für einen voll politisierten Naturalismus inkludiert. Zum Zweiten können wir diesen Augenblick der Isolation für unsere eigenen Überlegungen zum gegenwärtigen Zustand der chinesischen Gesellschaft nutzen. Manche Dinge werden erst deutlich, wenn alles zu einem unvorhergesehenen Stillstand kommt und eine Verlangsamung dieser Art kann nicht anders, als vorher verborgene Spannungen sichtbar zu machen. Weiter unten werden wir diesen beiden Fragen nachgehen und nicht nur zeigen, wie die kapitalistische Akkumulation solche Plagen hervorruft, sondern auch, wie der Augenblick der Pandemie selbst ein widersprüchlicher Umstand der politischen Krise ist, die den Menschen die vorher ungesehenen Potenziale und Abhängigkeiten in der sie umgebenden Welt erkennbar macht, während sie zugleich einen weiteren Vorwand für die Ausdehnung der Kontrollsysteme in die Alltagsabläufe bietet.

Seuchenproduktion

Wie sein Vorläufer Sars-CoV, aber auch wie bei der Vogelgrippe und der Schweinegrippe davor, ist das Virus, welches die gegenwärtige Epidemie bestimmt (Sars-CoV-2), an einem Verknüpfungspunkt zwischen Ökonomie und Epidemiologie verortet. Es ist kein Zufall, dass so viele dieser Viren Tiernamen in ihren Bezeichnungen führen: Die Ausbreitung neuer Krankheiten auf die Humanbevölkerung ist fast immer das Ergebnis sogenannter »zoonotischer Übertragung«, eine fachsprachliche Ausdrucksweise für das »Springen« solcher Infektionen von Tieren auf Menschen. Das Über-Springen von einer Spezies auf die nächste ereignet sich unter bestimmten Bedingungen wie etwa Nähe und regelmäßiger Kontakt. Diese Faktoren bilden die Umgebung, in der die Krankheit entsteht. Ändert sich diese Schnittstelle zwischen humaner und animalischer Welt, so ändern sich auch die Bedingungen, unter denen die Krankheit sich fortentwickelt. Nun erhitzt sich ein viel grundlegender Ofen unter den vier Hochöfen (am Yang-Tse), der die industriellen Zentren der Welt unterfüttert: der evolutionäre Dampfkochtopf der kapitalistischen Agrikultur und Urbanisierung. Er stellt das ideale Medium dar, in dem immer verheerendere Seuchen erzeugt, verändert und zu zoonotischen Sprüngen veranlasst werden, die sich dann auf aggressive Weise unter den Menschen verbreiten. Hinzu kommen ähnlich tief greifende Prozesse in den Randzonen der Ökonomie, wo »Wildgebiete« mit Menschen in Berührung kommen, die gezwungenermaßen immer umfangreichere agroökonomische Eingriffe in lokale Ökosysteme vornehmen. Mit seinen »wilden« Ursprüngen und seiner blitzschnellen Verbreitung inmitten eines hoch industrialisierten, verstädterten Kernbereichs der Weltwirtschaft verdeutlicht das jüngste Coronavirus beide Dimensionen unserer neuen Ära politisch-ökonomischer Seuchen.

Der dargelegte Grundgedanke wurde am gründlichsten von linksgerichteten Biologen wie Robert G. Wallace entwickelt, dessen 2016 erschienenes Buch Big Farms Make Big Flu10 das Thema der Verbindung zwischen kapitalistischer Landwirtschaft und der Ursachenkette vorausgehender Epidemien von Sars bis Ebola erschöpfend behandelt.11 Diese Epidemien lassen sich vorläufig in zwei Gruppen unterteilen. Die erste umfasst solche, die sich in Kernbereichen der agroökonomischen Wertschöpfung entwickeln, die zweite in deren »Hinterland«. Im Nachweis der Ausbreitung von H5N1, bekannt als »Vogelgrippe«, fasst er bestimmte geografische Schlüsselfaktoren von Epidemien zusammen, die in produktiven Kernzonen entstehen:

Ländliche Flächen in vielen der ärmsten Länder tragen inzwischen die Kennzeichen von ungeregelter Agroökonomie, unmittelbar neben weiträumigen städtischen Slums. Die unüberwachte Übertragung in anfälligen Gegenden erhöht die genetische Variationsbereitschaft, unter der H5N1 humanspezifische Eigenschaften entwickeln kann. Bei seiner Verbreitung über drei Kontinente tritt H5N1 in Berührung mit einer wachsenden Vielfalt sozioökonomischer Umfelder, einschließlich ortstypischer Verbindungen von vorherrschenden Wirtsformen, Varianten der Massengeflügelhaltung und Maßnahmen der Veterinärmedizin.12

Solche Verbreitung folgt selbstverständlich den weltweiten Warenkreisläufen und der üblichen Arbeitsmigration, welche die Geographie der kapitalistischen Ökonomie bestimmen. Als Ergebnis erscheint »ein Typus von eskalierender breiteninfektiöser Selektion«, über welche das Virus sich auf einer größeren Anzahl evolutionärer Pfade in kürzerer Zeit positioniert. Das befähigt die erfolgreichsten Varianten, die anderen aus dem Feld zu schlagen.

Dies jedoch lässt sich leicht beweisen und ist bereits Alltagsweisheit in der Berichterstattung: der Umstand, dass die »Globalisierung« die Ausbreitung solcher Krankheiten beschleunigt, wenn auch hier mit dem bedeutenden Zusatz, dass diese Verbreitung selbst das Virus zu schnellerer Mutation anregt. Der entscheidende Punkt lässt sich allerdings schon früher erkennen: Vor der Ausbreitung, welche die Vitalität solcher Krankheit(skeime) erhöht, intensiviert die kapitalistische Grundlogik die Tendenz, vorher abgeschottete oder harmlose Virenstämme in extrem selektionsfördernde Umfelder zu versetzen. Hier finden diese Stämme Bedingungen, die für epidemische Formen günstig sind: schnelle virale Lebenszyklen, die Kapazität für zoonotische Sprünge zwischen Träger-Spezies und die Fähigkeit, neue Übertragungshilfen zu generieren. Diese Virenstämme treten gerade wegen ihrer Virulenz hervor. Rein rechnerisch scheint es, als müsste die Entwicklung virulenterer Stämme die entgegengesetzte Wirkung haben, weil der schnelle Tod des Wirtes dem Virus weniger Zeit für die Verbreitung lässt. Die Alltagserkältung bietet ein gutes Beispiel für dieses Prinzip: Ihre niedrige Intensität erleichtert die Verbreitung in der Bevölkerung. Doch in bestimmten Umfeldern gewinnt die entgegengesetzte Logik an Wahrscheinlichkeit: Findet ein Virus zahlreiche Wirte in naher Umgebung vor, und besonders, falls solche Wirte bereits unter verkürzter Lebenserwartung stehen, so verwandelt sich die höhere Virulenz in einen Evolutionsvorteil.

Die Vogelgrippe liefert ebenso ein gutes Beispiel. Wallace erläutert, dass Untersuchungsergebnisse »keine endemischen hoch pathogenen Stämme [von Grippe] bei Wildvogel-Populationen, dem absoluten Ursprungsreservoir nahezu sämtlicher Grippe-Unterarten«13 zeigen. Domestizierte Populationen, dicht gedrängt bei industrieller Haltung, scheinen hingegen eine deutliche Verbindung mit Ausbrüchen aufzuweisen – und dies aus nahe liegenden Gründen:

Die Aufzucht genetischer Monokulturen in der Tierhaltung beseitigt jede Art von immunologischer »Brandmauer«, die Krankheitsübertragung verlangsamen könnte. Größere Populationen und höhere Belegungsdichte fördern wachsende Übertragungsquoten. Die Lebensbedingungen bei erhöhter Belegung vermindern Immunreaktionen. Hoher Durchsatz, wie er zu jeder industriellen Produktion gehört, stellt unablässig neue Infektionskandidaten bereit: Brennstoff für die Evolution der Virulenz.14

Selbstredend entsteht jedes dieser Merkmale aus der Logik des indus­triellen Wettbewerbs. Insbesondere hat der hohe »Durchsatz« in diesen Kontexten erhebliche biologische Dimensionen: »Sobald Tiere aus industrieller Haltung das richtige Gewicht erreichen, werden sie getötet. Vorhandene Grippeinfektionen müssen bei jedem Einzeltier den Schwellenwert für die Übertragung schnell erreichen […]. Je schneller die Viren entstehen, desto größer der Schaden für das Tier.«15 Ironischerweise können Versuche, derartige Ausbrüche durch Massenschlachtung zu unterdrücken, eine unbeabsichtigte Folge haben. Sie verschärfen den Selektionsdruck weiter und verursachen die Evolution hypervirulenter Stämme. So war es jedenfalls bei der 2019 aufgetretenen Schweinepest, die zum Verlust von ungefähr einem Viertel des Weltangebots an Schweinefleisch führte.16 Obwohl sich in der Geschichte solche (epidemischen) Ausbrüche bei domestizierten Tierarten oft nach Kriegszeiten oder Umweltkatastrophen ereignet haben, die erhöhte Anforderungen an den Viehbestand zur Folge hatten, so gehen doch anschwellende Intensität und Virulenz derartiger Krankheiten unbestreitbar mit der Ausbreitung der kapitalistischen Produktionsweise einher.

Geschichte und Entstehen von Krankheiten

Seuchen stellen in hohem Maße den Schlagschatten der kapitalistischen Industrialisierung dar und sind gleichzeitig deren Vorboten. Die offensichtlichen Fälle von Pocken und anderen Pandemien, die nach Nordamerika eingeschleppt wurden, sind ein zu einfaches Beispiel, da ihre Intensität durch die langfristige Trennung von Bevölkerungen durch physische Geographie verstärkt wurde – und diese Krankheiten hatten ihre Virulenz ohnehin schon durch vorkapitalistische Handelsnetze und die frühe Urbanisierung in Asien und Europa erlangt. Wenn wir stattdessen nach England blicken, wo der Kapitalismus zuerst auf dem Land durch das Zurückdrängen der Bauern entstand, um sie durch monokulturelle Massentierhaltung zu ersetzen, sehen wir die frühesten Beispiele für diese ausgesprochen kapitalistischen Seuchen.17 Im England des 18. Jahrhunderts traten drei verschiedene Pandemien auf, die von 1709−1720, 1742−1760 und 1768−1786 wüteten. Der Ursprung jeder dieser Pandemien war importiertes Vieh aus Europa, das von den normalen vorkapitalistischen Pandemien, die auf Kriege folgten, infiziert war. Aber in England wurde das Vieh bereits in neuen Arten der Haltung konzentriert; dort konnten die importierten infizierten Rinder die Herden schneller anstecken als auf dem Festland. Es ist also kein Zufall, dass die großen Londoner Molkereien die Zentren der Ausbrüche darstellten, die ein ideales Umfeld für die Verstärkung des Virus boten.

Letztendlich wurden die Ausbrüche jeweils durch selektive, kleinere, frühzeitige Schlachtungen in Verbindung mit der Anwendung moderner medizinischer und wissenschaftlicher Praktiken eingedämmt – im Wesentlichen ähnlich wie bei der Bekämpfung solcher Epidemien heute. Hier zeigt sich zum ersten Mal das, was sich später zu einem klaren Muster entwickelte und jenes einer Wirtschaftskrise imitiert: immer intensivere Zusammenbrüche, die das gesamte System an den Abgrund zu bringen scheinen, die aber letztlich durch eine Kombination aus Massen-Opferung, die den Markt/die Bevölkerung räumt, und einer Intensivierung des technologischen Fortschritts überwunden werden. In diesem Fall moderne medizinische Techniken und neue Impfstoffe, die oft in zu geringen Mengen und zu spät eintreffen, aber nichtsdestotrotz dabei helfen, in der Folge der Verwüstungen die Dinge wieder zu bereinigen.

Aber dieses Beispiel aus der Heimat des Kapitalismus muss mit einer Erklärung der Auswirkungen kapitalistischer landwirtschaftlicher Praktiken in seiner Peripherie einhergehen. Während die Rinderpandemien im frühkapitalistischen England eingedämmt wurden, waren ihre Folgen in anderen Ländern weitaus verheerender. Die größten Auswirkungen hatte wohl der Ausbruch der Rinderpest in Afrika in den 1890er-Jahren.18 Der Zeitpunkt des Ausbruchs ist kein Zufall: Die Rinderpest hatte Europa mit einer Intensität geplagt, die direkt dem Wachstum der großflächigen Landwirtschaft folgte; die Seuche wurde nur durch den wissenschaftlichen Fortschritt in Schach gehalten. Doch das Ende des 19. Jahrhunderts sah den Höhepunkt des europäischen Imperialismus, versinnbildlicht durch die Kolonisierung Afrikas. Die Rinderpest kam mit den Italienern nach Ostafrika, die durch die Kolonisierung des Horns von Afrika zu anderen imperialen Mächten aufzuschließen versuchten. Ihre militärischen Kampagnen scheiterten meistens. Aber die Seuche verbreitete sich über die einheimischen Rinderherden und fand schließlich ihren Weg nach Südafrika. Dort verwüstete die Seuche die frühe kapitalistische Agrarwirtschaft der britischen Kolonie und tötete sogar die Herde des berüchtigten weißen Rassisten Cecil Rhodes. Die größeren historischen Auswirkungen waren unbestreitbar: Die Pest, bei der bis zu 80−90 Prozent des Viehs getötet wurden, führte zu einer beispiellosen Hungersnot in den überwiegend von Viehzucht geprägten Gesellschaften in Subsahara-Afrika. Auf diese Entvölkerung folgte dann die invasive Besiedlung der Strauchlandschaften durch Dornenbüsche. Diese wiederum boten der Tsetsefliege passenden Lebensraum, die sowohl die Schlafkrankheit mit sich bringt als auch das Weiden des Viehs verhindert. Dadurch wurde die Wiederansiedlung in der Region nach der Hungersnot eingeschränkt – freie Bahn für die europäischen Kolonialmächte auf dem Kontinent.

Neben periodischen Agrarkrisen und apokalyptischen Bedingungen, die dem Kapitalismus halfen, über seine frühen Grenzen hinaus zu expandieren, haben solche Seuchen auch das Proletariat im industriellen Kern selbst getroffen. Bevor wir zu den zahlreichen aktuellen Beispielen zurückkehren, sei noch einmal darauf hingewiesen, dass der Ausbruch des Coronavirus nichts einzigartig Chinesisches an sich hat. Warum so viele Epidemien in China zu entstehen scheinen, hat keine kulturellen Ursachen, sondern ist eine Frage der Wirtschaftsgeographie. Das wird überdeutlich, wenn wir China mit den USA oder Europa vergleichen, als diese Zentren der globalen Produktion und der massenhaften Industriearbeiterschaft waren.19 Das Ergebnis ist grundsätzlich identisch – mit denselben Merkmalen: Dem Aussterben des Viehbestands auf dem Land entsprach in der Stadt schlechte Hygiene und weit verbreitete Verschmutzung. Die frühen liberal-progressiven Reformbemühungen in Arbeitergegenden nahmen diese Zustände in den Fokus – wie es auch die Rezeption von Upton Sinclairs Roman Der Dschungel zeigt: Ursprünglich geschrieben, um das Leiden der eingewanderten Arbeiter in der Fleischindustrie zu dokumentieren, wurde der Roman von wohlhabenderen Liberalen aufgegriffen, die sich über die Verstöße gegen sanitäre Vorschriften und die allgemein unhygienischen Bedingungen Sorgen machten, unter denen ihre eigenen Lebensmittel hergestellt wurden.

Diese liberale Empörung über die »Unreinlichkeit«, mit all ihrem impliziten Rassismus, dürfte immer noch die fast schon automatische Reaktion der meisten Menschen beschreiben, wenn sie mit den politischen Dimensionen von Coronavirus oder Sars konfrontiert werden. Aber die Arbeiter haben wenig Kontrolle über die Bedingungen, unter denen sie arbeiten. Noch wichtiger: Zwar dringen unhygienische Bedingungen durch die Kontamination von Nahrungsmitteln auch aus der Fabrik heraus, aber dies ist wirklich nur die Spitze des Eisbergs. Solche Bedingungen sind die Norm für diejenigen, die in solchen Umgebungen arbeiten oder in nahe gelegenen Arbeitersiedlungen leben. Und es sind diese Bedingungen, die den Gesundheitszustand der Bevölkerung verschlechtern und wodurch noch bessere Voraussetzungen für die Verbreitung der vielen Seuchen des Kapitalismus geschaffen werden.

Ein berühmtes Beispiel ist die Spanische Grippe, eine der tödlichsten Pandemien der Geschichte. Sie stellte einen der frühesten Ausbrüche der H1N1-Grippe (ähnlich wie neuere Ausbrüche der Schweine- und Vogelgrippe) dar. Lange ging man davon aus, dass die Spanische Grippe sich aufgrund der hohen Zahl der Todesopfer qualitativ von anderen Grippevarianten irgendwie unterscheidet. Dies scheint zwar zum Teil zu stimmen (aufgrund der Fähigkeit der Spanischen Grippe, eine Überreaktion des Immunsystems hervorzurufen), aber aufgrund späterer Recherchen zu Analysen und epidemiologischen Untersuchungen ergab sich, dass die Spanische Grippe möglicherweise nicht viel virulenter war als andere Grippe-Viren. Stattdessen sorgten wohl in erster Linie die weitverbreitete Unterernährung, die Überbevölkerung der Städte und die allgemein unhygienischen Lebensbedingungen in den betroffenen Gebieten für die hohe Todesrate. Diese Bedingungen begünstigten zudem nicht nur die Ausbreitung der Spanischen Grippe selbst, sondern auch bakterielle Superinfektionen über die zugrunde liegende virale Infektion hinaus.20 Anders gesagt: Die Zahl der Todesopfer durch die Spanische Grippe wurde zwar als eine unvorhersehbare Abweichung im Charakter des Virus gesehen, sie erhielt aber durch die sozialen Bedingungen einen besonderen Auftrieb. Ermöglicht wurde die rasche Ausbreitung der Grippe durch den globalen Handel und die globale Kriegsführung der sich damals schnell verändernden Imperialismen, die den Ersten Weltkrieg überlebt hatten. Und erneut ist es die bereits bekannte Geschichte, wie ein solch tödlicher Grippestamm überhaupt entstehen konnte: Obwohl der genaue Ursprung noch immer etwas unklar ist, nimmt man heute an, dass das Virus wahrscheinlich von domestizierten Schweinen oder Geflügel aus Kansas stammt. Zeit und Ort sind in diesem Fall bemerkenswert, da die Jahre nach dem Krieg ein Wendepunkt für die amerikanische Landwirtschaft waren. Mechanisierte, fabrikähnliche Produktionsmethoden verbreiteten sich zunehmend. Diese Trends verstärkten sich in den 1920er-Jahren nochmals; die massenhafte Anwendung von Techniken wie dem Mähdrescher führte sowohl zu einer allmählichen Monopolisierung als auch zu einer ökologischen Katastrophe, die die Dust-Bowl-Krise21 und die darauf folgende Massenmigration auslöste. Die Konzentration des Viehbestands, die die späteren Fabrikbetriebe ausmachte, war noch nicht umgesetzt, aber die einfacheren Formen der Konzentration und intensiver Bewirtschaftung, die bereits zu Tierseuchen in ganz Europa geführt hatten, waren nun die Norm. Wenn die englischen Rinderepidemien des 18. Jahrhunderts die ersten Fälle einer eindeutig kapitalistischen Viehseuche waren und die Rinderpest im Afrika der 1890er-Jahre der größte epidemiologische Genozid des Imperialismus, dann kann die Spanische Grippe als die erste kapitalistische Seuche für das Proletariat verstanden werden.

Vergoldetes Zeitalter

Die Parallelen zum aktuellen chinesischen Fall sind auffallend. Um Covid-19 zu verstehen, müssen wir uns ansehen, wie Chinas Entwicklung der letzten Jahrzehnte in und durch das globale kapitalistische System das Gesundheitswesen des Landes und den Zustand der öffentlichen Gesundheit im Allgemeinen geprägt hat. Die Epidemie mag neu sein, ähnelt aber anderen Gesundheitskrisen vor ihr. Sie werden mit fast derselben Regelmäßigkeit wie Wirtschaftskrisen produziert und in der Publikumspresse ganz ähnlich behandelt: als wären sie zufällige »Schwarzer-Schwan«-Ereignisse,22 völlig unvorhersehbar und beispiellos. In Wirklichkeit aber folgen diese Gesundheitskrisen ihren eigenen chaotischen, zyklisch und mit steigender Wahrscheinlichkeit wiederkehrenden Mustern, denn dahinter stehen strukturelle, dem Wesen der Produktion und dem proletarischen Leben im Kapitalismus innewohnende Widersprüche. Ähnlich wie die Spanische Grippe konnte sich das Coronavirus ursprünglich durch eine allgemeine Verschlechterung der medizinischen Grundversorgung in der breiten Bevölkerung rasch durchsetzen und ausbreiten. Aber gerade, weil diese Verschlechterung inmitten eines spektakulären Wirtschaftswachstums stattfand, wurde sie verdeckt vom Prunk der glitzernden Städte und gewaltigen Fabriken. In Wirklichkeit sind die Ausgaben für öffentliche Güter wie Gesundheitsversorgung und Bildung in China nach wie vor extrem niedrig, während der Großteil der öffentlichen Ausgaben in die konventionelle Infrastruktur (Brücken, Straßen und billige Elektrizität für die Produktion) geflossen ist.

Gleichzeitig ist die Qualität der Produkte auf den einheimischen Märkten oft gefährlich schlecht. Seit Jahrzehnten produziert die chinesische Industrie hochwertige Exporte, die nach den höchsten globalen Standards für den Weltmarkt hergestellt werden. Dazu gehören beispielsweise fertige Geräte wie iPhones, aber auch Zulieferteile wie Computerchips. Die Waren jedoch, die für den Verbrauch auf dem heimischen Markt vorgesehen sind, sind von miserabler Qualität und rufen regelmäßig Skandale sowie tiefes öffentliches Misstrauen hervor. Die vielen Fälle sind ein deutliches Echo auf Sinclairs Der Dschungel und andere Geschichten aus dem Amerika des Vergoldeten Zeitalters.23 Der größte Fall aus jüngster Zeit, der Melamin-Milch-Skandal von 2008, hinterließ ein Dutzend tote und Zehntausende in Krankenhäuser eingewiesene Kinder (obwohl möglicherweise Hunderttausende betroffen waren). Seitdem erschütterten eine Reihe von Skandalen die Öffentlichkeit: 2011, als in Restaurants im ganzen Land Abfall-Öl aus Fettabscheidern gefunden wurde, oder 2018, als fehlerhafte Impfstoffe mehrere Kinder töteten, und dann ein Jahr später, als Dutzende ins Krankenhaus eingeliefert wurden, weil gefälschte Impfstoffe gegen humane Papillomviren (HPV) verabreicht worden waren.24 Weniger krasse Vorfälle geschehen noch viel häufiger und bilden eine vertraute Kulisse für jeden, der in China lebt: aus Kostengründen mit Seife verschnittene Tütensuppen; Unternehmer, die an mysteriösen Ursachen verendete Schweine in Nachbardörfer verkaufen; oder detaillierte Klatschgeschichten darüber, von welchen Imbissen man am ehesten krank wird.

Bevor sich das Land Stück für Stück ins kapitalistische Weltsystem integriert hat, wurden Dienste wie die Gesundheitsversorgung in China über das Danwei-System betrieblicher Sozialleistungen (vor allem in den Städten) oder von lokalen Gesundheitszentren mit ihren zahlreichen »Barfußmedizinern«25 (vor allem, aber nicht nur auf dem Land) kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Erfolge der sozialistischen Gesundheitsfürsorge26 wie auch die Erfolge im Bereich der Bildung und Alphabetisierung waren so groß, dass selbst die schärfsten Kritiker des Landes sie anerkennen mussten.27 Die Wurmerkrankung Schistosomiasis,28 die das Land jahrhundertelang geplagt hatte, war in Kernchina praktisch vollständig ausgemerzt, und kam mit Nachdruck zurück, als das sozialistische Gesundheitssystem abgebaut wurde. Die Kindersterblichkeit ging stark zurück, und trotz der mit dem »Großen Sprung nach vorn« verbundenen Hungersnot stieg die Lebenserwartung zwischen 1950 und den frühen 1980er-Jahren von 45 auf 68 Jahre. Impfungen und allgemeine Hygienemaßnahmen setzten sich durch, grundlegende Informationen über Ernährung und Gesundheit sowie der Zugang zu elementaren Medikamenten waren kostenlos und für alle zugänglich. Gleichzeitig vermittelten die Barfußmediziner einem großen Teil der Bevölkerung grundlegendes, wenn auch begrenztes medizinisches Wissen; sie trugen so zum Aufbau eines robusten, von unten nach oben aufgebauten Gesundheitssystems unter Bedingungen materieller Armut bei. Wir sollten nicht vergessen, dass China damals pro Kopf ärmer war als ein durchschnittliches Land im subsaharischen Afrika heute.

Seitdem haben Nachlässigkeit und Privatisierung dieses System erheblich verschlechtert, und zwar genau zu dem Zeitpunkt, als die rasche Verstädterung und die unregulierte industrielle Produktion von Haushaltsgegenständen und Lebensmitteln eine umfassende Gesundheitsfürsorge erst recht notwendig gemacht hätten – ganz zu schweigen von Lebensmittel-, Arzneimittel- und Sicherheitsvorschriften. Heute gibt China nach Angaben der WHO29 323 USD pro Kopf für öffentliche Gesundheitsversorgung aus. Diese Zahl ist selbst im Vergleich zu anderen Ländern mit »oberem-mittlerem Einkommen« niedrig: ungefähr die Hälfte von dem, was Brasilien, Belarus und Bulgarien ausgeben. Kontrollen gibt es praktisch keine, was zu den vielen Skandalen wie den oben erwähnten führt. Die Folgen bekommen dabei vor allem die Hunderten von Millionen von WanderarbeiterInnen zu spüren, die jedes Recht auf eine medizinische Grundversorgung verwirken, wenn sie ihr Heimatdorf verlassen – dort sind sie im Rahmen des Hukou-Systems30 unabhängig von ihrem tatsächlichen Aufenthaltsort gemeldet, öffentliche Ressourcen sind anderswo nicht zugänglich.

Angeblich wurde die öffentliche Gesundheitsversorgung zum Ende der 1990er-Jahre durch ein stärker privatisiertes (aber vom Staat verwaltetes) System ersetzt,31 in dem Gesundheitsversorgung, Renten und Wohnraumversicherung durch Beiträge sowohl von ArbeitgeberInnen wie von ArbeitnehmerInnen bezahlt werden. Dieses Sozialversicherungssystem leidet aber an systematischem Geldmangel, so sehr, dass die ArbeitgeberInnen ihre »Pflichtbeiträge« oft einfach ignorieren und die allermeisten ArbeiterInnen den Arzt aus eigener Tasche zahlen müssen. Laut der jüngsten verfügbaren nationalen Schätzung haben nur 22 Prozent der WanderarbeiterInnen eine grundlegende Krankenversicherung. Dass die Beiträge zur Sozialversicherung nicht gezahlt werden, liegt aber nicht einfach daran, dass individuelle korrupte Chefs sich um ihre Verpflichtungen drücken, sondern vor allem daran, dass die Profitspannen dünn sind und keinen Raum für Sozialleistungen lassen. Laut unseren Berechnungen32 würde die Nachzahlung von unbezahlten Sozialversicherungsbeiträgen in einem Industriezentrum wie Dongguan die Profite in der Industrie um die Hälfte reduzieren und viele Firmen in den Konkurs treiben. Um die riesigen Lücken auszugleichen, hat China eine aufs Allernötigste reduzierte Krankenversicherung für Rentner und Selbstständige eingeführt, die durchschnittlich nur Kosten von ein paar Hundert Yuan (100 Yuan=ca. 12 Euro) pro Kopf und Jahr abdeckt.

Dieses mitgenommene Gesundheitssystem produziert selbst wiederum erschreckende soziale Spannungen. Jedes Jahr werden mehrere Krankenhausbeschäftigte getötet und Dutzende verletzt, wenn sie von wütenden PatientInnen oder öfter noch von Angehörigen von PatientInnen, die in ihrer Obhut gestorben sind, angegriffen werden. Der jüngste Angriff fand am Weihnachtsabend statt: In Peking wurde ein Arzt vom Sohn einer Patientin erstochen, der glaubte, seine Mutter sei an der schlechten Pflege in dem Krankenhaus gestorben.33 Laut einer Umfrage hatten 85 Prozent der ÄrztInnen schon Gewalt am Arbeitsplatz erlebt.34 Eine andere Umfrage aus dem Jahr 2015 besagt, dass 13 Prozent der chinesischen ÄrztInnen im Laufe des letzten Jahres körperlich angegriffen worden waren.35 Chinesische ÄrztInnen behandeln viermal so viele PatientInnen pro Jahr wie US-ÄrztInnen36, verdienen aber mit 15.000 USD im Jahr weniger als das Durchschnittseinkommen (16.760 USD). Dagegen verdient eine durchschnittliche ÄrztIn in den USA mit 300.000 USD im Jahr fast fünfmal so viel wie das Durchschnittseinkommen (60.200 USD). Bevor das Blog-Projekt von Lu Yuyu und Li Tingyu37 zur Dokumentation von Unruhen geschlossen und seine Betreiber festgenommen wurden, verzeichnete es jeden Monat mindestens ein paar Streiks und Proteste von Krankenhausbeschäftigten.38 2015, im letzten vollen Jahr ihrer akribischen Datensammlung, gab es 43 derartige Vorfälle. Außerdem gab es jeden Monat Dutzende von »Protesten gegen medizinische Behandlungen« durch Angehörige von PatientInnen. 2015 wurden 368 solcher Vorfälle dokumentiert.

Angesichts eines derartig massiven Rückzugs des Staats aus dem Gesundheitssystem ist es kein Wunder, dass Covid-19 sich so schnell ausbreiten konnte. Zusammen mit der Tatsache, dass alle ein, zwei Jahre in China eine neue ansteckende Krankheit ausbricht, sorgt er dafür, dass die Epidemien weitergehen. Wie bei der Spanischen Grippe hat der allgemeine schlechte Zustand des öffentlichen Gesundheitswesens für die proletarische Bevölkerung dazu beigetragen, dass das Virus Fuß fassen und sich schnell ausbreiten konnte. Das ist aber wie gesagt nicht nur eine Frage der Verbreitung. Wir müssen auch verstehen, wie das Virus selbst produziert wurde.

Es gibt keine Wildnis

Im Fall des jüngsten Ausbruchs verläuft die Geschichte weniger geradlinig als bei der Schweine- oder Vogelgrippe, die so klar mit dem Kern des agrar­industriellen Systems in Zusammenhang gebracht werden. Einerseits ist noch nicht völlig klar, wo das Virus herkommt. Es ist möglich, dass es von Schweinen stammt, die eine von vielen domestizierten und wilden Tierarten sind, die auf dem Wuhaner »wet market« gehandelt werden, der das Epizentrum des Ausbruchs zu sein scheint. In diesem Fall wäre der Kausalzusammenhang den obigen Fällen ähnlicher, als es sonst erscheinen mag. Wahrscheinlicher ist jedoch wohl, dass das Virus in Fledermäusen entstand oder möglicherweise in Schlangen, die beide gewöhnlich als Wildtiere gefangen werden. Sogar hier besteht ein Zusammenhang, da die abnehmende Verfügbarkeit und Sicherheit von Schweinefleisch durch den Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest bedeutet, dass die steigende Nachfrage nach Fleisch oft durch diese »wet markets« gedeckt wird, die Fleisch vom »Wild« verkaufen. Aber kann denn ohne direkten Zusammenhang zur Agrarfabrik demselben ökonomischen Prozess eine Mitverantwortung für den aktuellen Ausbruch zugesprochen werden?

Die Antwort lautet ja, aber auf andere Weise. Wiederum verweist Wallace nicht auf eine, sondern auf zwei Hauptrouten, über die der Kapitalismus dazu beiträgt, immer tödlichere Epidemien auszubrüten und zu entfesseln: die erste und oben ausgeführte ist der direkte industrielle Fall, wo sich Viren in einem industriellen Ambiente entwickeln, das der kapitalistischen Logik vollständig unterworfen ist. Aber der zweite Fall ist der indirekte, über die kapitalistische Expansion und Extraktion im Hinterland, wo bis dahin unbekannte Viren aus Wildbeständen im Wesentlichen geerntet und entlang weltweiter Kapitalkreisläufe verteilt werden. Die beiden Routen verlaufen natürlich nicht völlig voneinander getrennt, doch scheint es, als beschreibe der zweite Fall das Entstehen der aktuellen Epidemie am besten. Hierbei schafft die erhöhte Nachfrage nach den Körpern wilder Tiere für Konsum, medizinischen Gebrauch oder (wie im Fall der Kamele und MERS39) eine Vielfalt von Zwecken mit kultureller Bedeutung neue weltweite Lieferketten von »Wild«-Waren.40 In anderen Fällen weiten sich bereits bestehende agrarökologische Wertschöpfungsketten einfach in bis dahin »wilde« Bereiche aus. Dabei verändern sich die örtliche Ökologie und die Schnittstelle zwischen dem Menschlichen und dem Nichtmenschlichen.

Wallace selbst ist da ganz deutlich, indem er verschiedene Dynamiken erklärt, die schlimmere Seuchen schaffen, obwohl die Viren schon längst in »natürlicher« Umgebung existieren.41 Die Ausweitung der Industrieproduktion selbst »kann zunehmend kapitalisierte Wildtiere in die letzten Reste der ursprünglichen Landschaft treiben, wobei eine größere Bandbreite an Krankheitserregern mit Seuchenpotenzial erschlossen wird.« Anders gesagt, werden Tiere, während die Kapitalakkumulation neue Gebiete erfasst, in weniger zugängliche Gegenden gedrängt, wo sie mit vorher isolierten Seuchenerregern in Kontakt kommen. Währenddessen werden diese Tiere selbst zu Waren, da »sogar die wildesten Gattungen in die landwirtschaftlichen Verwertungsketten hineingezogen werden.« Gleichermaßen drängt diese Expansion Menschen näher zu diesen Tieren und Umgebungen hin, was »die Schnittstelle (und Übertragung) zwischen wilden nichtmenschlichen Populationen und erst kürzlich urbanisiertem Landleben verbreitern kann.« Dies gibt dem Virus mehr Gelegenheiten und Möglichkeiten, auf eine Weise zu mutieren, die ihm erlaubt, Menschen zu infizieren, was eine Übertragung zwischen den Arten viel wahrscheinlicher macht. Die Geographie der Industrie selbst ist ohnehin nie so ganz klar in städtisch und ländlich getrennt, wie etwa die monopolisierte industrielle Landwirtschaft sich sowohl riesiger Farmen als auch bäuerlicher Kleinbetriebe bedient: »Ein Nutztier kann sich auf einem am Waldrand gelegenen Kleinbetrieb, der als Subunternehmer für einen Großbetrieb arbeitet, einen pathogenen Keim einfangen, bevor es in eine fleischverarbeitende Fabrik am Rand einer Großstadt geliefert wird.« Tatsache ist, dass die Sphäre der »Natur« bereits von einem die ganze Welt umfassenden kapitalistischen System erfasst ist, dem es gelang, grundlegende klimatische Bedingungen zu verändern und dermaßen viele vorkapitalistische42 Ökosysteme zugrunde zu richten, dass die verbliebenen nicht länger so funktionieren, wie sie es in der Vergangenheit vielleicht getan haben. Hier liegt ein weiterer Kausalfaktor, denn laut Wallace verringern all diese Prozesse ökologischer Verheerung »die Art von Vielfalt in der Umwelt, mit der der Wald Übertragungsketten unterbricht«. In Wirklichkeit ist es also unzutreffend, sich solche Gebiete als die natürliche »Peripherie« eines kapitalistischen Systems vorzustellen. Der Kapitalismus ist bereits global und allumfassend. Er hat keinen Rand mehr oder eine Grenze mit einer natürlichen, nichtkapitalistischen Sphäre jenseits seiner selbst. Und daher gibt es auch keine große Kette der Entwicklung, in der »rückständige« Länder ihren Vorreitern beim Aufstieg in der Wertkette folgen, und keine wirkliche Wildnis, die man in einem gewissen reinen, unberührten Zustand erhalten könnte.

Stattdessen hat das Kapital nur ein untergeordnetes Hinterland, das vollständig von weltweiten Wertketten erfasst ist. Die daraus entstehenden gesellschaftlichen Systeme – vom »Tribalismus« bis zu Neuauflagen antimoderner fundamentalistischer Religionen – sind voll und ganz Produkte der modernen Zeit. Und fast immer sind sie de facto an globale Märkte angeschlossen, oft ganz direkt. Dasselbe gilt für die daraus resultierenden biologisch-ökologischen Systeme, da die »wilden« Gebiete tatsächlich immanente Bestandteile dieser globalen Ökonomie sind. Und zwar sowohl im abstrakten Sinn durch die Abhängigkeit vom Klima und den damit verbundenen Ökosystemen als auch im direkten Sinn durch den Anschluss an die genannten globalen Wertschöpfungsketten.

Diese Tatsache schafft die notwendigen Voraussetzungen dafür, »wilde« Virenstämme in weltweite Pandemien zu verwandeln. Doch Covid-19 ist kaum deren schlimmste. Eine ideale Veranschaulichung für dieses grundlegende Prinzip – und für die weltweite Gefahr – findet sich stattdessen in Ebola. Das Ebola-Virus43 ist ein klares Beispiel für ein bestehendes Reservoir an Viren, das sich auf die menschliche Bevölkerung überträgt. Aktuelle Befunde legen nahe, dass seine ursprünglichen Wirte verschiedene Arten von Fledermäusen sind, die in West- und Zentralafrika vorkommen und als Träger fungieren, selbst aber durch das Virus nicht beeinträchtigt werden. Dies gilt aber nicht für die anderen wilden Säugetiere wie etwa Primaten und Antilopen, die sich das Virus periodisch einfangen und rasche Ausbrüche mit hohen Sterberaten erleiden. Jenseits seiner Wirtsarten hat Ebola einen besonders aggressiven Lebenszyklus. Durch Kontakt mit diesen wild lebenden Wirten können sich Menschen ebenfalls infizieren, mit verheerenden Ergebnissen. Es kam zu mehreren größeren Epidemien, und bei den meisten war die Sterblichkeitsrate außerordentlich hoch, fast immer über 50 Prozent. Der größte dokumentierte Ausbruch,44 der sich von 2013 bis 2016 sporadisch in mehreren westafrikanischen Ländern vollzog, verzeichnete 11.000 Tote. Bei Patienten, die es in ein Krankenhaus schafften, lag die Sterblichkeitsrate hier bei 57 bis 59 Prozent, und bei jenen ohne Zugang lag sie noch wesentlich höher. In den letzten Jahren haben private Firmen verschiedene Impfstoffe entwickelt, aber langsame Zulassungsverfahren und strenge Gesetzgebungen zum Schutz des geistigen Eigentums haben zusammen mit einer weitgehend mangelhaften Infrastruktur im Gesundheitswesen eine Situation geschaffen, in der Impfstoffe wenig dazu beitrugen, die jüngste Epidemie mit Schwerpunkt in der Demokratischen Republik Kongo zu stoppen,45 die jetzt der am längsten andauernde Ausbruch ist.

Oft wird die Seuche als eine Art Naturkatastrophe dargestellt – im besten Fall als Unglück, im schlimmsten als Folge »unreiner« kultureller Praktiken der im Wald siedelnden armen Bevölkerung. Doch der Zeitpunkt dieser beiden größeren Ausbrüche (2013−2016 in Westafrika und 2018 bis heute in der DRK) ist kein Zufall. Beide traten genau dann auf, als die Expansion von Grundstoffindustrien im Wald siedelnde Bevölkerungen weiter zurückdrängte und örtliche Ökosysteme zum Erliegen brachte. Und tatsächlich scheint dies für mehr als nur die jüngsten Fälle zuzutreffen. Denn, wie Wallace erklärt, »jeder Ausbruch von Ebola scheint mit kapitalgetriebenen Verschiebungen bei der Nutzung von Land zusammenzuhängen, einschließlich des ersten Ausbruchs 1976 in Nzara im Sudan, wo eine aus Großbritannien finanzierte Fabrik regionale Baumwolle spann und verwob.«46 Ähnlich geschahen die Ausbrüche in Guinea 2013 kurz nachdem eine neue Regierung begonnen hatte, das Land für die Weltmärkte zu öffnen und riesige Gebiete an internationale Agrarkonzerne zu verkaufen. Eine besondere Verantwortung scheint der für ihre Rolle bei der weltweiten Entwaldung und ökologischen Zerstörung berüchtigten Palmölindustrie zuzukommen. Denn deren Monokulturen zerstören zum einen die robusten ökologischen Redundanzen, die dabei helfen, Übertragungsketten zu unterbrechen, zum anderen ziehen sie buchstäblich gerade jene Fledermausarten an, die den Viren als natürlicher Speicher dienen.47

In der Zwischenzeit zieht der Verkauf von Land an Agroforstwirtschaftskonzerne sowohl die Enteignung der im Wald siedelnden Bevölkerung nach sich als auch die Zerrüttung ihrer von ihrem Ökosystem abhängigen örtlichen Formen von Produktion und Ernte. Oft bleibt den Landarmen dann keine andere Wahl, als noch tiefer in den Wald vorzudringen, während gleichzeitig ihre traditionelle Beziehung mit diesem Ökosystem unterbrochen wird. Als Ergebnis hängt das Überleben zunehmend von der Jagd auf Wild ab oder vom Verkauf örtlicher Pflanzen und Holz auf dem Weltmarkt. Derartige Bevölkerungsgruppen werden dann zu den Sündenböcken für den Zorn globaler Umweltschutzorganisationen, die sie als »Wilddiebe« und »Waldfrevler« (illegale Holzfäller) anprangern und just für die Entwaldung und die ökologische Zerstörung verantwortlich machen, die sie eigentlich erst in solche Gewerbe getrieben hatten. Oft nimmt dieser Prozess dann eine noch dunklere Wendung, wie in Guatemala, wo vom Bürgerkrieg im Land übrig gebliebene antikommunistische Paramilitärs zu »grünen« Sicherheitskräften gemacht wurden. Sie sollten den Wald vor illegalem Holzeinschlag, Wilderei und Drogenhandel »schützen«, die einzigen Gewerbe, die den indigenen EinwohnerInnen zugänglich blieben. Denn sie waren in solche Aktivitäten erst durch die gewaltsame Repression getrieben worden, die sie vonseiten derselben Paramilitärs während des Kriegs erfahren hatten.48 Dieses Muster wiederholt sich seither auf der ganzen Welt, angefeuert durch Beiträge aus Hochlohnländern in den sozialen Medien, in denen die (oft buchstäblich live gefilmte) Exekution von »Wilderern« durch angeblich »grüne« Sicherheitskräfte gefeiert wird.49

Eindämmung: Übung in der Kunst der Staatsführung

Covid-19 hat eine unvergleichlich große globale Aufmerksamkeit erregt. Bei Ebola, Vogelgrippe und Sars gab es natürlich auch Aufregung in den Medien. Aber irgendwas an dieser neuen Epidemie zieht alle Augen weiter auf sich. Zum Teil liegt das höchstwahrscheinlich an der spektakulären Reaktion der chinesischen Regierung, die zu ebenso spektakulären Bildern von leer gefegten Megastädten führte. Sie stehen in starkem Gegensatz zu den üblichen Medienbildern von China als überfüllt und verschmutzt. Diese Reaktion war eine reiche Quelle für Spekulationen über den unmittelbar bevorstehenden politischen oder wirtschaftlichen Zusammenbruch des Landes – auch angesichts der zusätzlichen Spannungen durch den langsam Gestalt annehmenden Handelskrieg mit den USA. Zusammen mit der schnellen Ausbreitung des Virus entstand so das Bild einer unmittelbaren globalen Bedrohung, trotz der niedrigen Sterblichkeitsrate.50

Auf einer tieferen Ebene ist das Faszinierendste an der staatlichen Reaktion, wie sie über die Medien als melodramatische Generalprobe für eine weitreichende innenpolitische Aufstandsbekämpfung inszeniert wurde. Wir erfahren dabei einiges über die repressiven Möglichkeiten des chinesischen Staates, aber auch über seine Unfähigkeit, die sich nicht nur in seiner Abhängigkeit von Propagandamaßnahmen in allen Medien zeigt, sondern auch in der freiwilligen Mobilisierung von Menschen vor Ort, die eigentlich nicht verpflichtet sind, sich zu fügen. Die chinesische und die westliche Propaganda hat den tatsächlich repressiven Charakter der Quarantäne betont, erstere als effektive Regierungsmaßnahme in einer Notlage, letztere als weiterer Fall totalitärer Überreaktion des dystopisch wirkenden chinesischen Staates. Die unausgesprochene Wahrheit ist aber, dass dieses aggressive Durchgreifen die tiefer gehende Unfähigkeit eines Staates zeigt, der sich selbst noch im Aufbau befindet.

Das gibt uns die Möglichkeit, in das Innere des chinesischen Staates zu blicken und zu sehen, wie er neue und innovative Techniken sozialer Kontrolle und Krisenreaktion entwickelt, die auch dann eingesetzt werden können, wenn sie nur wenige oder gar keine grundlegenden Funktionen für den Staat erfüllen. Es ist interessant zu überlegen (wenn auch spekulativ), wie Regierungen egal in welchem Land reagieren würden, wenn Krise und Aufstand zu einem ähnlichen Zusammenbruch führen. Der Ausbruch des Virus ist in jeder Hinsicht durch die schlechte Verbindung der unterschiedlichen Regierungsebenen verschlimmert worden: Die Repression von »Whistleblower«-ÄrztInnen durch Funktionäre vor Ort entgegen den Interessen der Zentralregierung, ineffiziente Berichtssysteme in Krankenhäusern und sehr schlechte medizinische Grundversorgung sind nur einige Beispiele. In der Zwischenzeit sind Regionalregierungen in unterschiedlicher Geschwindigkeit zur Normalität zurückgekehrt, fast völlig außerhalb der Kontrolle des Zentralstaats (abgesehen von Hubei, dem Epizentrum). Dieses Quarantäne-Puzzle führt dazu, dass Logistiknetzwerke unterbrochen bleiben, weil, wie es scheint, jede Lokalregierung Züge und LKW davon abhalten kann, ihre Grenzen zu überqueren. Diese grundlegende Unfähigkeit des Staates hat ihn gezwungen, mit dem Virus wie mit einem Aufstand umzugehen – er spielt Bürgerkrieg mit einem unsichtbaren Gegner.

Die Staatsmaschinerie begann am 22. Januar so richtig zu laufen, als die Behörden die Notfallmaßnahmen auf ganz Hubei ausweiteten und der Öffentlichkeit mitteilten, dass sie das Recht hätten, Quarantäne-Einrichtungen aufzubauen und sich Personal, Fahrzeuge und Einrichtungen für die Eindämmung der Krankheit oder die Errichtung von Blockaden und Verkehrskontrollen anzueignen (und damit das legitimierten, was ohnehin passieren würde).51 Der volle Einsatz staatlicher Ressourcen begann also mit dem Aufruf zum freiwilligen Engagement der Menschen vor Ort. Einerseits wird ein derartiger Katastrophenalarm jeden Staat an die Grenzen seiner Möglichkeiten bringen (was man auch bei Hurricanes in den USA sieht). Andererseits ist das ein übliches Muster der chinesischen Staatsführung: Da es dem Zentralstaat an effizienten Kommandostrukturen fehlt, die bis vor Ort reichen, greift er auf eine Kombination von breit veröffentlichten Aufrufen an Funktionäre und BürgerInnen zum freiwilligen Einsatz und von Bestrafung für diejenigen, die am schlechtesten reagiert haben (ausgegeben als Bekämpfung von Korruption), zurück. Die einzig effiziente Reaktion gibt es in ganz bestimmten Gebieten, wo der Zentralstaat seine ganze Macht und Aufmerksamkeit konzentriert, in diesem Fall Hubei allgemein und vor allem Wuhan. Am Morgen des 24. Januar war die Stadt bereits vollständig abgesperrt, ohne jeglichen Zugverkehr, fast einen Monat, nachdem das Virus entdeckt worden war. Gesundheitsbeamte erklärten, dass die Gesundheitsämter jeden untersuchen und in Quarantäne schicken können. Dutzende andere Städte in ganz China, einschließlich Beijing, Guangzhou, Nanjing und Shanghai, haben auf unterschiedliche Art die Bewegung von Gütern und Menschen über ihre Grenzen eingeschränkt.

In Reaktion auf die staatlichen Aufrufe zur Mobilisierung sind an manchen Orten seltsame, strenge Maßnahmen getroffen worden. Am erschreckendsten davon war die Ausgabe lokaler Pässe an 30 Mio. Bewohner von vier Städten in Zhejiang, die es nur einer Person pro Haushalt erlaubte, alle zwei Tage die Wohnung zu verlassen.52 Städte wie Shenzhen und Chengdu haben angeordnet, einzelne Viertel abzuriegeln, und durchgesetzt, dass Hochhäuser für 14 Tage unter Quarantäne gesetzt werden können, wenn es dort einen Krankheitsfall gegeben hatte. Hunderte wurden wegen der Verbreitung von »Gerüchten« über die Krankheit festgenommen oder bestraft53, und manche, die der Quarantäne entflohen54, wurden zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. In den Gefängnissen selbst gab es einen starken Ausbruch der Krankheit,55 weil die Aufseher unfähig sind, in einer für die Isolierung gemachten Umgebung kranke Gefangene zu isolieren.

Diese aggressiven, verzweifelten Maßnahmen spiegeln extreme Fälle von Aufstandsbekämpfung wider und erinnern an die militärisch-koloniale Besetzung etwa von Algerien und Palästina. Nie zuvor wurden sie in solch einem Ausmaß durchgeführt, schon gar nicht in den Megastädten, in denen ein Großteil der Weltbevölkerung heute lebt.

Wie der Staat hier durchgegriffen hat, ist eine Lehrstunde für alle, die sich für eine globale Revolution interessieren, weil es ein Probelauf der vom Staat angeführten Reaktion ist.

Unfähigkeit

Das staatliche Durchgreifen profitiert an dieser Stelle von seinem scheinbar humanitären Charakter, deshalb kann eine große Zahl Freiwilliger für die Bekämpfung des Virus rekrutiert werden. Aber wie zu erwarten, gehen solche Aktionen immer auch nach hinten los. Aufstandsbekämpfung ist ganz generell ein verzweifelter Krieg, zu dem es erst kommt, wenn stabilere Formen von Eroberung, Beschwichtigung oder wirtschaftlicher Unterwerfung unmöglich geworden sind. In einem teuren, gefährlichen Rückzugsgefecht demonstriert die jeweilige Macht ihre Unfähigkeit – sei es der französische Kolonialstaat, das niedergehende amerikanische Imperium oder andere. Das Ergebnis ist fast immer ein zweiter Aufstand, blutig gezeichnet von der Niederschlagung des ersten und noch verzweifelter. Hier können Quarantänemaßnahmen die Realitäten von Bürgerkrieg und Aufstandsbekämpfung kaum noch spiegeln. Aber selbst in diesem Fall ging die Aktion zum Teil nach hinten los. Obwohl der Staat viel Aufwand mit Informationskontrolle und ständiger Propaganda über alle möglichen Medien betrieb, drückte sich über dieselben Kanäle auch Unmut aus.

Der Tod von Dr. Li Wenliang,56 ein früher Whistleblower über die Gefahren des Virus, am 7. Februar 2020, hat die in ihren Wohnungen einge­igelten BürgerInnen im ganzen Land erschüttert. Li war einer der acht Ärzte, die Anfang Januar wegen der Verbreitung »falscher Informationen« verhaftet worden waren, später zog er sich das Virus selbst zu. Im Netz äußerten Leute ihre Wut darüber, die Regierung von Wuhan äußerte ihr Bedauern.57 Die Leute beginnen zu sehen, dass der Staat aus stümperhaften Funktionären und Bürokraten besteht, die keine Ahnung haben, was sie tun, aber dennoch auf stark machen müssen.58 Das wurde besonders deutlich, als der Bürgermeister von Wuhan, Zhou Xianwang, im Fernsehen zugeben musste, dass seine Regierung die Veröffentlichung wichtiger Informationen über das Virus verzögert hatte. Die durch das Virus erzeugte Spannung und die totale Mobilisierung durch den Staat beginnen, den Leuten die Risse im Bild zu zeigen, welches die Regierung auf hauchdünnem Papier von sich zeichnet. Die aktuelle Lage hat eine wachsende Zahl von Menschen, die bisher der Propaganda geglaubt haben, die grundlegende Unfähigkeit des chinesischen Staates vor Augen geführt.

Wenn die Reaktion des Staates in einem einzigen Bild zusammengefasst werden kann, wäre es so etwas wie das Video, das ein Bewohner von Wuhan mit dem westlichen Internet über Twitter in Hongkong teilte.59 Es zeigt mehrere Leute, die Ärzte oder Sanitäter zu sein scheinen, Schutzkleidung tragen und Fotos von sich vor der chinesischen Flagge schießen. Die Person, die das Video aufnimmt, erklärt, dass jeden Tag vor dem Gebäude Fotos gemacht werden. Das Video zeigt dann die Männer, wie sie die Schutzkleidung ablegen und rauchend herumstehen, sie benutzen sogar einen Schutzanzug, um ihr Auto abzuwischen. Bevor sie wegfahren, wirft einer die Schutzausrüstung einfach in den Müll und versucht nicht mal, sie so hineinzustopfen, dass sie nicht gesehen wird. Solche Videos haben sich schnell verbreitet, bevor sie zensiert wurden – kleine Risse im dünnen Schleier des staatlich sanktionierten Spektakels.

Auf einer grundlegenderen Ebene zeigt sich die erste Welle wirtschaftlicher Auswirkungen der Quarantäne auf das Alltagsleben der Menschen. Über die makroökonomische Seite wurde viel berichtet: Mit der starken Abschwächung des Wirtschaftswachstums in China droht eine neue globale Rezession, vor allem im Zusammenhang mit der andauernden Stagnation in Europa60 und dem Einbrechen eines wichtigen Wirtschaftsindex in den USA, der einen plötzlichen Rückgang der Wirtschaftstätigkeit zeigt.61 Weltweit prüfen chinesische Unternehmen und die, die von chinesischen Produktionsnetzwerken abhängen, die Klauseln über die Einwirkung höherer Gewalt62 in ihren Verträgen, die Verzögerungen und Widerrufe ermöglichen, wenn der Vertrag nicht erfüllbar ist. Obwohl es im Moment unwahrscheinlich ist, hat allein die Aussicht darauf zu einem Wasserfall an Forderungen nach einer Wiederaufnahme der Produktion im ganzen Land geführt. Das ist bisher nur stückchenweise passiert, in einigen Regionen läuft alles bereits wieder, anderswo steht alles noch unbefristet still.

Andere Auswirkungen waren weniger sichtbar, sind aber viel wichtiger. Viele WanderarbeiterInnen hängen in der Luft, auch die, die über Neujahr am Ort ihres Arbeitsplatzes geblieben oder vor dem Lockdown dorthin zurückgekehrt sind. Aus Shenzhen, wo die große Mehrheit der Bevölkerung MigrantInnen sind, berichten BewohnerInnen, dass die Zahl der Obdachlosen zunimmt. Diese neuen Leute auf der Straße sind keine Langzeit-Obdachlosen, sondern sehen aus, als wären sie hier abgestellt worden, ohne zu wissen, wohin sie gehen sollen. Sie sind noch relativ gut gekleidet und kennen sich nicht damit aus, wo man am besten übernachten und an Essen kommen kann. Auch der Diebstahl hat zugenommen, vor allem von Essen, das vor die Türen von Menschen in Quarantäne geliefert wurde. ArbeiterInnen in allen Bereichen haben während der Produktionspause Lohnausfälle. Den günstigsten Fall durchleben die ArbeiterInnen von Foxconn in Shenzhen, die sich in Wohnheimen ein bis zwei Wochen in Quarantäne begeben müssen, in der Zeit ungefähr ein Drittel ihres Lohns bekommen, und dann wieder arbeiten dürfen. Ärmere Unternehmen können das nicht bieten, und das Angebot günstiger Kredite63 der Regierung an kleinere Firmen wird langfristig nicht viel helfen. Es scheint, als würde das Virus einfach den Trend zur Verlagerung von Fabriken beschleunigen, denn Firmen wie Foxconn weiten ihre Produktion in Vietnam, Indien und Mexiko aus,64 um den Rückgang in China auszugleichen.

Der surreale Krieg

Eine tief greifende Unfähigkeit im Herzen der Staatsmaschinerie deutet sich an: in der anfänglich ungeschickten Reaktion auf das Virus; im Einsatz von Strafe und Repression, um die Situation zu kontrollieren; und in der Unfähigkeit überregional zu koordinieren, wie Produktion und Quarantäne zeitgleich gehandhabt werden. Wenn, wie unser Freund Lao Xi sagt65, der Schwerpunkt der Regierung Xi im Aufbau des Staates lag, macht es den Eindruck, dass noch viel zu tun ist. Wenn aber das Vorgehen gegen Covid-19 als Probelauf für die Aufstandsbekämpfung zu lesen ist, fällt auf, dass die Regierung nur im Epizentrum Hubei eine effektive Koordinierung zustande gebracht hat und die Reaktion in anderen Gegenden – auch angesehenen und wohlhabenden wie Hangzhou – unkoordiniert und verzweifelt geblieben ist. Das bedeutet zweierlei: Einmal zeigt es die Schwäche hinter der harten Fassade der Staatsmacht, und zweitens ist es eine Warnung vor unkoordinierten und irrationalen Reaktionen vor Ort, wenn die Staatsmacht überfordert ist.

Dies sind wichtige Erkenntnisse in einer Zeit, in der die Zerstörung durch endlose Akkumulation vom globalen klimatischen System bis zu den mikrobiologischen Grundlagen des Lebens reicht. Krisen wie die gegenwärtige werden immer häufiger entstehen. Die säkulare Krise des Kapitalismus nimmt einen scheinbar nicht-ökonomischen Charakter an, und neue Epidemien, Hungersnöte, Überschwemmungen und andere »Naturkatastrophen« werden angeführt werden, um die Ausweitung staatlicher Kontrolle zu rechtfertigen. Der Umgang mit diesen Krisen wird zunehmend dafür genutzt werden, um neue Instrumente der Aufstandsbekämpfung auszuprobieren. Eine kohärente kommunistische Politik muss beides zusammenbringen. Auf der theoretischen Ebene müssen wir verstehen, dass die Kritik des Kapitalismus verkümmert, wenn sie von den Naturwissenschaften abgekoppelt wird. Aber auf der praktischen Ebene heißt das auch, dass politische Projekte heute imstande sein müssen, sich auf einem von ökologischen und mikrobiologischen Katastrophen geprägten Terrain und in einem dauerhaften Zustand von Krise und Atomisierung zurechtzufinden.

In der Quarantäne Chinas sehen wir die ersten groben Züge solch einer Landschaft: leere Straßen im Spätwinter, überzogen mit einer zarten Schicht unberührten Schnees; von Telefonen beleuchtete Gesichter am Fenster; willkürliche Barrikaden, an denen Krankenschwestern, Polizisten, Freiwillige oder einfach bezahlte Schauspieler beauftragt sind, Fahnen zu heben und Menschen anzuweisen, ihre Masken aufzusetzen und zurück nach Hause zu gehen. Die Ansteckung ist sozial. Es sollte daher nicht überraschen, dass sie in einem derart späten Stadium nur durch einen surrealen Krieg gegen die Gesellschaft selbst bekämpft werden kann. Versammelt euch nicht, macht kein Chaos! Aber Chaos kann auch in der Isolation entstehen. Während die Hochöfen zu sanft knisternder Glut und dann zu schneekalter Asche abkühlen, werden die vielen kleinen Verzweiflungen unweigerlich ihren Weg aus der Quarantäne finden und sich zu einem größeren Chaos sammeln, das vielleicht eines Tages, genauso wie die aktuelle soziale Ansteckung, schwer einzudämmen sein wird.

1 Dieser Text erschien Ende Februar 2020 auf Englisch auf der chinesischen Internet-Seite http://chuangcn.org/blog/, die von linken AktivistInnen betrieben wird und dessen AutorInnen ihre Artikel nicht mit Namen zeichnen. Die von Promedia überarbeitete Übersetzung stammt von der Internet-Seite der Zeitschrift Wildcat, https://www.wildcat-www.de/.

2 Siehe hierzu die Financial Times: https://www.ft.com/content/15a4a44c-6735-11e9-9adc-98bf1d35a056

3 Siehe hier den ganzen Artikel der Gunagmin-Tageszeitung: http://www.xinhuanet.com/comments/2020-02/05/c_1125532191.htm

4 Siehe hierzu: https://www.factcheck.org/2020/01/social-media-posts-spread-bogus-coronavirus-conspiracy-theory/, FactCheck.Org, 24. 1. 2020

5 Siehe hierzu einen Artikel der Washington Times: https://www.washingtontimes.com/news/2020/jan/26/coronavirus-link-china-biowarfare-program-possible/, Washington Times, 26. 1. 2020

6 »Wet market«: Markt für frische Lebensmittel, zum Teil werden Tiere lebend gehandelt bzw. frisch geschlachtet [A. d. Ü.]. Mehr zu der Verbindung von Virus und »wet market« siehe: https://www.wsj.com/articles/abolish-asias-wet-markets-where-pandemics-breed-11580168707, The Wall Street Journal, 27. 1. 2020

7 Siehe: »Research excludes Wuhan seafood market as origin of Sars-CoV-2: CAS«, China.org.cn, 23. 2. 2020

8 Siehe zum Beispiel: https://foreignpolicy.com/2020/01/27/dont-blame-bat-soup-for-the-wuhan-virus/, Foreign Policy, 27. 1. 2020

9 Siehe: https://www.nytimes.com/2020/02/08/world/asia/xi-coronavirus-china.html, The New York Times, 8. 2. 2020

10 Zum Buch siehe: https://monthlyreview.org/product/big_farms_make_big_flu/

11 Vieles, was wir hier erklären, ist einfach eine zugespitzte Zusammenfassung von Wallace’ Argumenten, für eine allgemeinere LeserInnenschaft formuliert und ohne die Notwendigkeit, andere BiologInnen durch penible Argumentation und ausführliche Belege zu überzeugen. Wir verweisen diejenigen, die das zugrundeliegende Material in Frage stellen, auf die Arbeit von Wallace und seiner Landsleute.

12 Robert G. Wallace, »Big Farms Make Big Flu: Dispatches on Infectious Disease, Agribusiness, and the Nature of Science«. Monthly Review Press, 2016. p. 52

13 Ebd., S. 56

14 Ebd., S. 56−57

15 Ebd., S. 57

16 Siehe hierzu: https://www.npr.org/sections/thesalt/2019/08/15/751090633/swine-fever-is-killing-vast-numbers-of-pigs-in-china, National Public Radio, 15. 8. 2019

17 Siehe: https://www.bahs.org.uk/AGHR/ARTICLES/31n2a3.pdf

18 Siehe: http://www.faculty.umb.edu/peter_taylor/pearce00.pdf

19 Das soll nicht bedeuten, Vergleiche zwischen den USA und China heute seien nicht informativ. Da die USA einen eigenen riesigen Agroindustrie-Sektor haben, tragen sie selbst zur Produktion gefährlicher neuer Viren bei, von antibiotikaresistenten Bakterien ganz zu schweigen.

20 J. F. Brundage, G. D. Shanks, What really happened during the 1918 influenza pandemic? The importance of bacterial secondary infections. The Journal of Infectious Diseases Bd. 196, Nr. 11, December 2007, S. 1717−1718, Antwort des Autors S. 1718−1719; und D. M. Morens, A. S. Fauci, The 1918 influenza pandemic: Insights for the 21st century. The Journal of Infectious Diseases. Bd. 195, Nr. 7, April 2007, S. 1018−1028.

21 Dust Bowl: versteppte, von Sandstürmen heimgesuchte Landschaften in den Great Plains während der Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren [A. d. Ü.]

22 Sehr seltenes, unwahrscheinliches und unvorhersehbares Ereignis [A. d. Ü.]

23 Vergoldetes Zeitalter: von Mark Twain geprägter Ausdruck für die Zeit ca. 1877−1900 in den USA, eine Zeit des Aufschwungs und Fortschritts verbunden mit Armut und Korruption. [A. d. Ü.]

24 Siehe hierzu: https://www.scmp.com/news/china/society/article/3008005/private-hospital-china-closed-down-after-dozens-patients-given, South China Morning Post, 28. 4. 2019

25 Mehr hierzu: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6124148/

26 Mehr zu den Reformen des chinesischen Gesundheitssystems: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.4161/23288604.2014.995005

27 Siehe zum Beispiel: https://www.npr.org/templates/story/story.php?storyId=4990242, National Public Radio, 4. 11. 2005

28 Mehr hierzu: https://www.npr.org/templates/story/story.php?storyId=4990242

29 Siehe das »Health Financing Working Paper« der WHO, 2016: https://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/250048/WHO-HIS-HGF-HFWorkingPaper-16.1-eng.pdf%3Bjsessionid=815C8E61656BBACA783475FAE47632F0?sequence=1

30 Hukou: offizielle staatliche Wohnsitzkontrolle in der VR China [A. d. Ü.]

31 Siehe: https://clb.org.hk/content/china%E2%80%99s-social-security-system, China Labour Bulletin, 15. 10. 2019

32 Siehe: »Picking Quarrels« in der zweiten Ausgabe unserer Zeitschrift: http://chuangcn.org/journal/two/picking-quarrels/

33 Siehe: https://clb.org.hk/content/focus-hospital-violence-obscures-basic-problems-pay-and-working-conditions, China Labour Bulletin, 30. 12. 2019

34 Siehe: https://www.sixthtone.com/news/1005020/beijing-doctor-brutally-killed-by-patients-son, Sixth Tone, 28. 12. 2019

35 Siehe: https://www.scmp.com/news/china/society/article/2130988/chinese-turn-us-doctors-amid-distrust-health-service, South China Morning Post, 29. 1. 2018

36 Ebd.

37 Siehe: https://newsworthknowingcn.blogspot.com/

38 Siehe »Picking Quarrels« in der zweiten Ausgabe unserer Zeitschrift: http://chuangcn.org/journal/two/picking-quarrels/

39 Middle East Respiratory Syndrom, durch das MERS-Coronavirus übertragene Erkrankung der Atemwege.

40 In gewisser Hinsicht sind die zwei Arten der Produktion von Pandemien ein Spiegel davon, was Marx die »reelle« und »formelle« Subsumtion in der Produktion nennt. Bei der reellen Subsumtion wird der Produktionsprozess selbst durch die Einführung neuer Technologien verändert, die Geschwindigkeit und Umfang der Produktion intensivieren – so wie die Industrie die Bedingungen für die Evolution von Viren verändert, was dazu führt, dass neue Mutationen schneller entstehen und durchsetzungsfähiger sind. Bei der formellen Subsumtion, die der reellen vorausgeht, gibt es diese Technologien noch nicht. Stattdessen werden Produktionsarten an neuen Orten zusammengebracht, wo sie eine Schnittstelle zum Weltmarkt haben. So war es, als die WeberInnen in Betriebe gebracht wurden, die ihre Produkte verkauften. Und das ähnelt der Art, wie in einer »natürlichen« Umgebung entstandene Viren von wilden Populationen über den globalen Markt auf domestizierte Populationen übertragen werden.

41 Siehe: https://mronline.org/2020/01/29/notes-on-a-novel-coronavirus/, Monthly Review Online, 29. 1. 2020

42 Es ist nicht richtig, diese Ökosysteme mit der »vormenschlichen« Welt gleichzusetzen. China ist das beste Beispiel dafür, weil viele seiner scheinbar urzeitlichen Landschaften tatsächlich das Ergebnis sehr viel früherer Phasen menschlicher Expansion sind, die zum Aussterben von vorher am ostasiatischen Festland verbreiteten Arten wie Elefanten führte.

43 Technisch ist das nur eine allgemeine Bezeichnung für circa fünf unterschiedliche Viren, von denen das tödlichste selbst einfach Ebola-Virus heißt, früher Zaire-Virus.

44 Siehe hierzu die »Ebola Situation Reports« der WHO: http://apps.who.int/ebola/ebola-situation-reports

45 Siehe hierzu einen Bericht von »Ärzte ohne Grenzen«: https://www.doctorswithoutborders.org/what-we-do/news-stories/news/ebola-response-failing-communities-drc-epidemic-continues, 7. 3. 2019

46 Siehe: https://www.counterpunch.org/2015/07/29/neoliberal-ebola-the-agroeconomic-origins-of-the-ebola-outbreak/, Counterpunch, 29. 7. 2015

47 Zu Westafrika, siehe: R. G. Wallace, R. Kock, L. Bergmann, M. Gilbert, L. Hogerwerf, C. Pittiglio, R. Mattioli, R. Wallace, Did Neoliberalizing West African Forests Produce a New Niche for Ebola, International Journal of Health Services, Bd. 46, Nr. 1, 2016. Einen Überblick über die Verbindung zwischen ökonomischen Bedingungen und Ebola findet sich im Buch von Robert G. Wallace und Rodrick Wallace (Hg.); Neoliberal Ebola: Modelling Disease Emergence from Finance to Forest and Farm, Springer, 2016. Die deutlichsten, aber weniger wissenschaftlichen Aussagen zum Fall finden sich im Artikel von R. G. Wallace, Neoliberal Ebola: the Agroeconomic Origins of the Ebola Outbreak, Counterpunch, 29 July 2015.

48 Siehe hierzu: Megan Ybarra, Green Wars, Conservation and Decolonization in the Maya Forest, University of California Press, 2017.

49 Es ist sicherlich falsch zu implizieren, dass jede Wilderei von der armen ländlichen Bevölkerung betrieben wird, oder dass alle Ranger in den Wäldern der verschiedenen Länder frühere antikommunistische Paramilitärs sind, aber die gewalttätigsten Zusammenstöße und die aggressivste Militarisierung von Wald scheinen im Grunde diesem Muster zu folgen. Einen weitgefassten Überblick über das Phänomen gibt es in der Sonderausgabe von Geoforum (69) zum Thema, das Vorwort ist online zu finden: Alice B. Kelly, Megan Ybarra, Introduction to the med issue: »Green security in protected areas«, Geoforum, Volume 69, 2016. S. 171−175.

50 Zur Sterblichkeitsrate siehe: https://www.nationalgeographic.com/science/2020/02/graphic-coronavirus-compares-flu-ebola-other-major-outbreaks/, National Geographic, 7. 2. 2020. Covid-19 hat die niedrigste Todesrate aller hier erwähnten Krankheiten; die relativ vielen Toten gehen vor allem auf die rasche Ausbreitung zurück, die zu höheren Todeszahlen führt, als es ihrer Todesrate entspricht.

51 Siehe: http://www.scio.gov.cn/xwfbh/xwbfbh/wqfbh/42311/42470/index.htm

52 Siehe: https://www.scmp.com/news/china/society/article/3049298/coronavirus-zhejiang-adopts-draconian-quarantine-measures-fight, South China Morning Post, 6. 2. 2020

53 Siehe: https://www.nchrd.org/2020/01/china-protect-human-rights-while-combatting-coronavirus-outbreak/, Chinese Human Rights Defenders, 31. 1. 2020

54 Siehe zum Beispiel: https://www.sohu.com/a/371423483_161795, Sohu, 8. 2. 2020

55 Siehe: https://www.scmp.com/news/china/society/article/3051858/china-sends-top-investigators-after-coronavirus-erupts-jails, South China Morning Post, 21. 2. 2020

56 Siehe: https://www.reuters.com/article/us-china-health/death-of-doctor-who-sounded-coronavirus-alarm-sparks-anger-at-government-idUSKBN20003J, Reuters, 8. 2. 2020

57 Siehe: https://www.scmp.com/news/china/society/article/3049489/coronavirus-outpouring-grief-and-anger-after-death-whistle, South China Morning Post, 7. 2. 2020

58 In einem Podcast-Interview zitiert Au Loong Yu Freunde vom chinesischen Festland mit der Aussage, dass die Regierung von Wuhan durch die Epidemie gelähmt sei. Sie meint, die Krise zerreiße nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die bürokratische Maschinerie der KPCh. Mit der Verbreitung des Virus werde das zu einer Krise lokaler Regierungen im ganzen Land. Siehe: https://www.thedigradio.com/podcast/hong-kong-with-au-loong-yu/

59 Zum Video: http://chuangcn.org/wp-content/uploads/2020/02/mWNsHYC_K9XbuCHU.mp4?_=1. Das Video ist authentisch, aber gerade Hongkong ist eine Hochburg von Rassismus und Verschwörungstheorien über Festlandchina und die KPCh. Deswegen muss man den Wahrheitsgehalt von Informationen, die aus Hongkong in den sozialen Medien über das Virus verbreitet werden, sorgfältig überprüfen.

60 Siehe hierzu: https://thenextrecession.wordpress.com/2019/01/15/from-amber-to-red/

61 Siehe: https://markets.businessinsider.com/news/stocks/us-pmi-fell-first-time-since-2013-coronavirus-outbreak-business-2020-2-1028928165, Business Insider, 21. 2. 2020

62 Siehe hierzu: https://www.lexology.com/library/detail.aspx?g=a767be05-a4a3-425f-bbdc-00f2ab2f2c5e

63 Siehe: https://fortune.com/2020/02/19/coronavirus-china-workers-businesses-pay-wages/, Fortune, 19. 2. 2020

64 Siehe hierzu: https://www.reuters.com/article/us-china-health-foxconn/foxconn-says-cautiously-resuming-china-output-warns-coronavirus-will-hit-revenue-idUSKBN20E0KB?feedType=RSS&feedName=technologyNews&utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+reuters%2FtechnologyNews+%28Reuters+Technology+News%29, Reuters, 20. 2. 2020

65 Siehe: http://chuangcn.org/journal/two/an-adequate-state/

Andrej Hunko
WHO – Wer bestimmt, was gesund ist?

Bis zur überwiegend eindimensionalen Berichterstattung im Zuge des Corona-Lockdowns ab Mitte März 2020 konnte man in deutschsprachigen Medien durchaus viel Kritisches zur UNO-Weltgesundheitsorganisation (WHO) lesen. So wurde etwa ihre wachsende Abhängigkeit von privaten Geldgebern ungewohnt offen problematisiert.66 Ein Deutschlandfunk-Beitrag67 vom Juli 2018 trug beispielsweise den Titel »Unabhängigkeit der Weltgesundheitsorganisation gefährdet – Was gesund ist, bestimmt Bill Gates«. Als jedoch eben dieses Thema zunehmend bei Corona-Protesten prominent wurde, drehte sich der Wind. Am 7. Mai 2020, kurz vor dem Höhepunkt der ersten Welle der Proteste in Deutschland, wurde der Titel nachträglich in »Das Dilemma der WHO« »präzisiert«.

Als ich selbst eine Woche später auf einer kritischen Kundgebung in Aachen über die zunehmende Abhängigkeit der WHO von privaten Geldgebern und ihren Interessen sprach68, wurde mir vorgeworfen, ich habe »Stichworte genannt, die an viele Verschwörungstheorien anknüpfen«.69 Der politische Kampfbegriff »Verschwörungstheoretiker« dient einmal mehr dazu, Kritiken pauschal abzutöten, die noch vor wenigen Monaten selbstverständlicher und akzeptierter Teil der öffentlichen Debatte waren. Vor dem Hintergrund der wohl größten gesundheitspolitischen Diskussion in der Menschheitsgeschichte ist ein kritischer Blick auf die WHO heute allerdings wichtiger denn je. Das bedeutet nicht, teils abstrusen Theorien über das Ausmaß der Macht von Personen wie Bill Gates das Wort zu reden. Aber weil gerade einmal die »Falschen« durchaus richtige Aspekte der Kritik mit aufgreifen, wäre es fatal, diese nicht weiter zu thematisieren.

Zivilisatorische Errungenschaft

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich halte die 1948 parallel zu den Vereinten Nationen gegründete Weltgesundheitsorganisation für eine der größten zivilisatorischen Errungenschaften. Ihr erklärter Zweck liegt darin, allen Völkern zur Erreichung des bestmöglichen Gesundheitszustandes zu verhelfen. In der wegweisenden Erklärung von Alma-Ata aus dem Jahr 1978 definierten die Mitgliedsstaaten Gesundheit als »Zustand von vollständigem physischen, geistigen und sozialen Wohlbefinden, der sich nicht nur durch die Abwesenheit von Krankheit oder Behinderung auszeichnet«. Dabei wurden auch soziale und ökonomische Aspekte betont, die Voraussetzung für das Erreichen dieses Ziels sind. Jeder human denkende Mensch wird ein solches Ziel unterstützen.

Als größte Leistung der WHO gilt zu Recht die Ausrottung der Pocken durch eine weltweit koordinierte Impfkampagne. In Europa starben noch im 19. Jahrhundert ca. 400.000 Menschen jährlich an dieser Virus-Erkrankung, ein Drittel der Überlebenden erblindete. Schon 1958 von der damaligen sowjetischen Delegation eingebracht, startete die WHO schließlich 1967 das weltweite Anti-Pocken-Programm. 1980 konnten die Pocken für ausgerottet erklärt werden. Auch die Poliomyelitis (Kinderlähmung) wurde durch die 1987 gestartete Kampagne der WHO weitgehend eliminiert und tritt nur noch in drei Ländern auf – Afghanistan, Pakistan und Nigeria.

Aber auch in diesem seuchenpolitisch »goldenen Zeitalter« der WHO gab es kritikwürdige Vorgänge: So verabschiedete die WHO 1959 eine Resolution, die sie in Fragen der Radioaktivität an die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) bindet – eine Behörde, die sich der Förderung der zivilen Atomenergie verschrieben hat. Entsprechend geschönt und verharmlosend waren in der Folge die Stellungnahmen der WHO zu den gesundheitlichen Auswirkungen etwa der Reaktorkatastrophen in Tschernobyl oder Fuku­shima. Bis heute ist diese Resolution in Kraft.

Zeitalter des Neoliberalismus

Seit dem weltweiten Siegeszug des Neoliberalismus in den 1990er-Jahren stehen internationale Organisationen unter Druck, sich der wachsenden Macht von privaten Akteuren zu öffnen. Das gilt nicht nur für die WHO, sondern etwa auch für die Welternährungsorganisation FAO, das Kinderhilfswerk UNICEF, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) oder den Europarat. Im Falle der WHO setzten 1993 die USA unter George Bush zunächst durch, dass die Pflichtbeiträge der Mitgliedsstaaten eingefroren wurden: Das schon in den 1980er-Jahren eingeführte reale Nullwachstum wurde durch ein nominelles Nullwachstum ersetzt.70 Inflations- oder Währungsschwankungen wurden nicht mehr ausgeglichen und der Haushalt sinkt damit alljährlich real, also inflationsbereinigt.

In die so organisierte Finanzierungslücke traten zunehmend freiwillige programmgebundene Beiträge der Mitgliedsstaaten sowie private Akteure mit ihren jeweiligen Interessen. Unter dem Strich bedeutet diese Entwicklung, dass die WHO sich heute nur noch zu etwa 20 Prozent aus regulären Mitgliedsbeiträgen finanziert, über die sie frei verfügen kann, während ca. 70 Prozent der Mittel zweckgebunden sind. Vor 30 Jahren machten die Mitgliedsbeiträge hingegen noch etwa die Hälfte der Einnahmen aus.71

Im Rahmen meiner Corona-Berichterstattung für den Europarat72 hatte ich im Juni 2020 die Möglichkeit, den Generaldirektor der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, nach den Folgen dieser Entwicklung zu fragen. Er bestätigte diese Zahlen und sagte: »Das beeinträchtigt unsere Arbeit.« Was auf der Hand liegt: Mit den »freiwilligen Beiträgen« bestimmt der Geber, was gemacht wird. Die sozialen Determinanten von Gesundheit, also Wohn- und Arbeitsverhältnisse, gesunde Ernährung und Zugang zu sauberem Trinkwasser, die in der Geschichte der WHO durchaus eine Rolle gespielt hatten, treten zugunsten rein kurativ-medizinischer Faktoren – also vermarktbare Medikamente und Impfstoffe – immer mehr in den Hintergrund. Auch in der gegenwärtigen Frage der Strategien gegen Covid-19 werden diese relevanten sozialen Faktoren weitgehend ausgeblendet.

Heimlicher WHO-Chef Bill Gates?

Der Zwei-Jahres-Etat der WHO für die Jahre 2018 und 2019 betrug 5,9 Milliarden US-Dollar, also pro Jahr knapp drei Milliarden Dollar. Damit hatte die weltweit tätige UNO-Gesundheitsorganisation pro Jahr nur wenig mehr Geld zur Verfügung, als beispielsweise die Berliner Charité (zwei Milliarden Euro Gesamteinnahmen in 2019). Allein die Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) gibt nach eigenen Angaben pro Jahr vier Milliarden Dollar aus – deutlich mehr als die WHO –, wovon in den Jahren 2016 und 2017 wiederum 629 Millionen an die WHO gingen. Damit war sie zweitgrößte Einzelspenderin. Mit dem Austritt der USA wird die Stiftung zum größten Einzelfinancier der WHO werden – mehr als jeder Staat der Erde.

Dabei ist es vom demokratischen Standpunkt unerheblich, ob man Bill Gates wohltätige oder bösartige Motive unterstellt. Die Kritik am Feudalismus als System gründet sich ja auch nicht an der Haltung dieses oder jenes Königs. Dass ein einzelner Mensch Kraft seines akkumulierten Kapitals einen solchen Einfluss auf die Weltgesundheit hat, ist mit demokratischen Prinzipien völlig unvereinbar. Es ist auch ein direktes Ergebnis der in der neoliberalen Ära beschleunigten und immer wieder beklagten Vermögenskonzentration. Das Problem dieses obszönen Reichtums liegt ja nicht nur darin, dass der Reichtum der einen die Armut der anderen bedingt, wie Brecht es einmal formulierte und wo die Kritik mancher Linker stehen bleibt, sondern auch darin, dass der Reichtum verwendet werden kann, die Gesellschaft nach den eigenen Vorstellungen und Interessen zu formen. Und genau das können wir bei der Weltgesundheit beobachten.

Fast alle großen Unternehmen unterhalten Stiftungen, die natürlich zunächst für einen guten Zweck gegründet werden. Dabei geht es jedoch primär darum, Politik und Gesellschaft im Interesse der Stiftungsgründer zu beeinflussen. Das Stiftungskapital der Gates-Foundation von knapp 50 Milliarden Euro ist in Konzernen wie Coca-Cola, Walmart, Monsanto (seit 2018 Teil von Bayer), aber auch in der Rüstungs- und Pharmabranche investiert. So entstehen zwangsläufig Interessenskonflikte. Denn die Profitinteressen dieser Konzerne widersprechen gesundheitspolitischen Zielen fundamental. So macht die Stiftung auf der einen Seite Gewinne mit Produkten, die Krankheiten wie Diabetes verursachen, an deren Folgen weltweit rund vier Millionen Menschen pro Jahr sterben. Oder – Beispiel Nestlé – mit Ersatzprodukten für Muttermilch, die Müttern als vermeintlich bessere Alternative zum Stillen verkauft werden. Diese Gewinne werden dann teilweise in die Förderung von Gesundheit investiert.

Dabei werden vor allem technische und konkret messbare Lösungen bevorzugt, beispielsweise Impfkampagnen oder die Verteilung von Moskitonetzen. Dies ist zwar an sich nicht schlecht, führt jedoch dazu, dass andere wichtige Bereiche wie eine Stärkung der Primärversorgung und ein Fokus auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen, die Krankheiten wahrscheinlicher machen, vernachlässigt werden.

Der Journalist Thomas Kruchem fasste das Dilemma wie folgt zusammen: »Für die Gates-Stiftung heißt dies: Je mehr Profite die genannten Firmen machen, desto mehr Geld kann sie für die WHO ausgeben. Für die WHO heißt es: Mit jeder Maßnahme gegen gesundheitsschädliche Aktivitäten der Süßgetränke-, Alkohol- und Pharmaindustrie würde die WHO die Gates-Stiftung daran hindern, das Geld zu erwirtschaften, mit dem die Stiftung die WHO finanziert. Kurz, die Weltgesundheitsorganisation steckt in einem klassischen Interessenkonflikt, der sie in ihren Handlungsmöglichkeiten schwächt und der angesichts ihrer finanziellen Abhängigkeit von der Gates-Stiftung unter den gegenwärtigen Bedingungen kaum aufzulösen ist.«73

Schweinegrippen-Skandal

Der aktuelle Umgang mit der Corona-Pandemie ist auch deshalb so schwierig, weil die WHO bei der letzten Pandemie-Ausrufung vor Corona völlig daneben lag. Die im Vergleich zur jährlichen Grippewelle relativ milde H1N1-Influenza aus den Jahren 2009 und 2010 (sogenannte Schweinegrippe) wurde von der WHO am 11. Juni 2009 zur Pandemie mit der höchsten der damals gültigen Pandemiestufen (Stufe sechs) erklärt. In der Folge sind in fast allen Mitgliedsstaaten vorbereitete Pandemie-Pläne in Kraft getreten bis hin zu milliardenschweren Verträgen mit Impfstoffherstellern, durch die sich die Staaten (in Deutschland die Bundesländer) zur Abnahme großer Mengen von Impfstoffen verpflichteten.

Die parlamentarische Versammlung des Europarates setzte im Dezem­ber 2009 auf Initiative Dr. Wolfgang Wodargs, der damals als Bundestagsabgeordneter für die SPD Mitglied der Versammlung war, einen Untersuchungsausschuss ein. Im Juni 2010 wurde ein Abschlussbericht vorgelegt, der von der Versammlung mit großer Mehrheit angenommen wurde.74 Berichterstatter war nicht mehr Wodarg, da er Anfang 2010 aus der Versammlung ausschied, sondern der britische Labour-Abgeordnete Paul Flynn.

Besonders umstritten war damals die wenige Wochen vor der Pandemie-Ausrufung von der WHO vorgenommene Änderung der Kriterien dafür. So stellte der Bericht fest: »Vor dem 4. Mai 2009 lautete die Definition, dass eine Influenzapandemie dann vorliege, wenn ein neues Influenzavirus auftauche, gegen das die Bevölkerung nicht immun sei, was zu weltweiten Epidemien mit einer hohen Zahl von Todesfällen und Erkrankungen führen werde.«75 Der Schweregrad, also die Zahl der schweren Verläufe oder Todesfälle, fand sich anders als zuvor nicht mehr in der Definition wieder. Die genauen Umstände dieser bis heute bestehenden Änderung der Pandemie-Definition bleiben unklar.

Der Bericht kritisiert die Intransparenz der Kriterien-Änderung bei der WHO scharf. In der von der Versammlung mit nur einer Gegenstimme angenommenen Resolution heißt es in Punkt 2: »Die Versammlung stellt fest, dass gravierende Mängel in Bezug auf die Transparenz der Entscheidungsabläufe im Zusammenhang mit der Pandemie festgestellt wurden, die Bedenken hinsichtlich eines möglichen Einflusses der Arzneimittelindustrie auf einige der wichtigsten Entscheidungen im Zusammenhang mit der Pandemie hervorgerufen haben. Die Versammlung befürchtet, dass dieser Mangel an Transparenz und an Rechenschaftspflicht dazu führen wird, dass das Vertrauen in die Empfehlungen der wichtigsten öffentlichen Gesundheitseinrichtungen schwindet.«

In den Jahren seit der Pandemie hat eine teils selbstkritische Debatte über die Änderung der Pandemie-Definition stattgefunden. Ein auf der Webseite der WHO veröffentlichter Text76 gesteht zumindest ein, dass in der Debatte »beide Seiten teilweise recht haben«. Denn die WHO verteidigte sich damit, dass es sich bei den kritisierten Richtlinien nicht um eine Definition gehandelt habe, sondern um einen Stufenplan für den Umgang mit der Verbreitung eines neuen Virus. Zugleich sei aber das Ziel, durch diesen Plan Panikmache zu vermeiden, gerade nicht erreicht worden – im Gegenteil. Tatsächlich wäre es medizinisch durchaus vertretbar, auch bei wenig gefährlichen Viren, die sich global ausbreiten, von einer Pandemie zu sprechen. Nur müssten die entsprechenden Pandemiepläne dann auch eine klare Gefahrenabwägung vornehmen, um verhältnismäßig zu reagieren. Die Erklärung einer Pandemie löste aber gleich einen Alarmzustand aus, der sich in keiner Weise durch Daten rechtfertigen ließ.

Trotz der damaligen medialen Panikmache mit prognostizierten Millionen Toten und öffentlichen Impfkampagnen war die Impfbereitschaft in vielen Staaten nur sehr gering ausgeprägt. Die Impfquote variierte in verschiedenen europäischen Ländern sehr stark von unter einem Prozent in der Slowakei und der Tschechischen Republik bis nahezu 60 Prozent in Schweden. In Deutschland lag die Impfquote bei unter zehn Prozent.77 Ein Großteil der auf Grundlage der Pandemie-Ausrufung der WHO bestellten Impfstoffe und Medikamente musste später vernichtet werden. Die Kosten lagen für Länder wie Frankreich, Großbritannien oder Deutschland jeweils in der Größenordnung von einer Milliarde Euro, weltweit bei schätzungsweise 30 Milliarden Euro.

Insbesondere in Schweden kam es in Folge der H1N1-Impfung mit dem Impfstoff Pandemrix in mehreren hundert Fällen zur unheilbaren Nebenwirkung der Narkolepsie (Schlafkrankheit), von der vor allem Kinder und Jugendliche betroffen waren. Studien bestätigten später den Zusammenhang mit Pandemrix, andere Impfstoffe hatten dieses Problem nicht.78 Im Jahre 2016 verabschiedete das schwedische Parlament ein Gesetz, das für jeden Betroffenen eine Entschädigung von bis zu einer Million Euro vorsieht.79

Im Ergebnis war die Einstufung der Schweinegrippe als Pandemie durch die WHO eine gigantische Fehleinschätzung mit schwerwiegenden Folgen. Die Welt wurde unbegründet in Panik versetzt, ein zweistelliger Milliardenbetrag an öffentlichen Mitteln wurde für Impfdosen aktiviert, von denen später ein wesentlicher Teil wieder vernichtet werden musste, und viele Menschen nahmen durch die Impfung Schaden. Vieles deutet darauf hin, dass der Einfluss privater Akteure aus der Pharmaindustrie in der WHO dabei eine entscheidende Rolle spielte. In der Resolution des Europarates vom Juni 2010 heißt es in Punkt 2 geradezu prophetisch: »Die Versammlung befürchtet, dass dieser Mangel an Transparenz und Rechenschaftspflicht dazu führen könnte, dass das Vertrauen in die Empfehlungen der wichtigsten öffentlichen Gesundheitseinrichtungen sinkt. Das könnte sich bei der nächsten Krankheit von pandemischem Ausmaß – die sich als wesentlich schwerwiegender als H1N1 erweisen könnte – als katastrophal erweisen.«

Corona und die WHO

Diese Warnung von 2010 sollte sich zehn Jahre später bewahrheiten. Ohne Zweifel ist die Corona-Pandemie als ungleich ernsthafter einzuschätzen als die Schweinegrippe und bedarf international koordinierter Maßnahmen. Das heißt aber nicht, dass die Worst-Case-Szenarien, die insbesondere in den ersten Wochen interessanterweise von den gleichen Akteuren wie bei H1N1 in die Welt gesetzt wurden, realistisch waren. Etwa diejenigen von Prof. Neil Ferguson vom Imperial College London, der auf Grundlage von mathematischen Computermodellen bei der Schweinegrippe 65.000 Tote für Großbritannien vorhersagte (tatsächlich starben 500) und schon damals Schulschließungen forderte. Ende März prognostizierte Ferguson 40 Millionen Corona-Tote weltweit, sollten keinerlei Maßnahmen ergriffen werden.80

Am 31. Dezember 2019 wurde dem WHO-Landesbüro in China das später als Sars-CoV-2 bezeichnete neuartige Coronavirus gemeldet, am 30. Januar 2020 erklärte die WHO eine gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite und schließlich am 11. März 2020 eine Pandemie. Diese Pandemie traf die Welt weitgehend unvorbereitet, obgleich die WHO 2018 vor einer neuen pandemischen »Krankheit X« warnte und etwa der Europarat 2016 auf eine Vorbereitung auf gesundheitliche Notlagen von internationaler Tragweite drängte. Auch verschiedene nationale Gesundheitsinstitute, wie im Jahr 2012 das deutsche Robert-Koch-Institut, legten Pandemieszenarien vor, die zumindest in Deutschland ebenso ignoriert wurden.

Diese Unvorbereitetheit trat wohl am sinnbildlichsten im weltweiten Kampf um Masken und Schutzausrüstung im März und April zutage. Viele Länder erließen Exportverbote, es kam zu wildwestartigen Kämpfen um Lieferungen von Schutzausrüstung auf internationalen Flughäfen. Deutschland erließ ein Exportverbot für Schutzausrüstung, das Italien genau in der Zeit traf, als die dortigen Gesundheitssysteme überlastet waren. Ein Hilfegesuch des südeuropäischen Landes über den Zivilschutzmechanismus der EU wurde von allen anderen EU-Staaten ignoriert.

Bis zum Juni riet die WHO vom Massengebrauch von Masken ab, gleichwohl machten viele Länder ihren Gebrauch in der Öffentlichkeit zur strafbewehrten Pflicht. Anfang Juni änderte die WHO ihre Richtlinien und empfahl den Gebrauch in überfüllten öffentlichen Einrichtungen wie dem Öffentlichen Personennahverkehr. Personen über 60 Jahren und Vorerkrankten empfahl die WHO nun das Tragen medizinischer Atemschutzmasken. Zugleich warnte sie aber vor einem falschen Gefühl der Sicherheit.81 Wie auch immer man zu diesem emotionsbeladenen Thema steht – es ist offensichtlich, dass die WHO in dieser Frage keine Orientierungsinstanz für die Staaten war und es ist wahrscheinlich, dass in der Debatte nicht nur infektionsepidemiologische Motive eine Rolle spielen. So dürfte der akute Mangel an Schutzausrüstung dazu beigetragen haben, dass auch renommierte Virologen anfangs den Nutzen von Masken bzw. Mund-Nasen-Schutz gegen die Verbreitung des Virus infrage stellten. Bei den Grenzschließungen war die WHO hingegen von Beginn an klar und riet unmissverständlich davon ab, da diese mehr Schaden als Nutzen bringen würden.82 Doch der Appell verhallte weitgehend ungehört.

Insgesamt traf die Corona-Pandemie auf eine unvorbereitete Welt. Die wichtigste Gesundheitsorganisation, die WHO, ist stark unterfinanziert und abhängig von privaten Akteuren mit ihren eigenen Interessen und Prioritäten. Zu allem Überfluss wurde ihre Existenz vom neuen geopolitischen Großkonflikt zwischen den USA und China überlagert. Anfang Juli 2020 erklärten die USA ihren Austritt aus der WHO, der am 6. Juli 2021 wirksam werden würde. Sie begründeten den Schritt vor allem damit, dass die WHO zu unkritisch mit der Pandemie-Bekämpfung Chinas umgegangen sei. Damit werden die grundlegenden Probleme weiter vergrößert, denn die USA sind nicht nur einer der mächtigsten Staaten der Welt, sondern auch größter Beitragszahler der WHO. An ihre Stelle tritt nun die Gates-Foundation.

Perspektiven für eine WHO-Reform

Grundsätzlich müsste eine Reform der WHO zwei Ebenen beinhalten, einerseits ihre demokratisch kontrollierte Stärkung, andererseits ihre finanzielle Unabhängigkeit. Insbesondere der zweite Punkt ist entscheidend, denn ohne ausreichende und frei verfügbare Mittel sind der WHO von vornherein die Hände gebunden.

Im Ende Juni 2020 mit großer Mehrheit angenommenen Corona-Bericht für die Parlamentarische Versammlung des Europarates habe ich bezüglich der WHO mehrere Vorschläge auf diesen beiden Ebenen gemacht:

 Die Unabhängigkeit von (überwiegend privaten) freiwilligen Beiträgen, die zweckgebunden gezahlt werden und den Geldgebern damit enormen Einfluss geben.

 Die Stärkung der Befugnisse der WHO, etwa auch unangekündigte Besuche bei Notlagen von internationaler Tragweite.

 Die genaue Überprüfung und unmittelbare Stärkung der internationalen Gesundheitsvorschriften.

 Eine wirksame und unabhängige, idealerweise parlamentarische Kontrolle.

 Eine Verpflichtung zur Entwicklung regional anpassungsfähiger Eindämmungsstrategien bei künftigen Gesundheitsgefahren.

Ob sich eine mögliche Reform in diese Richtung entwickeln lässt, hängt natürlich von vielen Faktoren ab. Nicht zuletzt davon, ob sich gewachsene weltweite Macht profitgetriebener Akteure im Gesundheitswesen zurückdrängen lässt und ob die Welt in den nächsten Jahren überhaupt jene internationale Kooperationsbereitschaft entwickelt, die der Etablierung der WHO zugrunde lag. Dass enorm viel gemacht werden kann, wenn der politische Wille da ist, hat die Reaktion auf die Corona-Pandemie gezeigt. Ob der politische Wille für eine grundlegende Reform der WHO zur Beseitigung der erwähnten Missstände bei den aktuellen Entscheidungsträgern vorhanden ist, erscheint hingegen wesentlich zweifelhafter.

66 Thomas Gebauer: »Eine Geisel potenter Geldgeber«, Deutschlandfunk Kultur, 18. 05. 2015, https://www.deutschlandfunkkultur.de/weltgesundheitsorganisation-eine-geisel-potenter-geldgeber.1008.de.html?dram:article_id=320082.

Jakob Simmank: Der heimliche WHO-Chef heißt Bill Gates, Zeit Online, 04. 04. 2017, https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2017-03/who-unabhaengigkeit-bill-gates-film.

Thomas Kruchem: Die WHO am Bettelstab: Was gesund ist, bestimmt Bill Gates, SWR, 22. 01. 2019, https://www.swr.de/swr2/wissen/who-am-bettelstab-was-gesund-ist-bestimmt-bill-gates-100.html.

67 Thomas Kruchem: Unabhängigkeit der Weltgesundheitsorganisation: Das Dilemma der WHO, Deutschlandfunk Kultur, 17. 07. 2018, https://www.deutschlandfunkkultur.de/unabhaengigkeit-der-weltgesundheitsorganisation-das-dilemma.976.de.html?dram:article_id=423076.

68 Mein Manuskript für die Rede am 16. Mai in Aachen ist auf meiner Website dokumentiert: https://andrej-hunko.de/start/aktuelles/4954-redemanuskript-gedanken-sind-frei. In einem Interview reagierte ich auf Kritiken, die an meinem Auftritt geübt wurden: »Die Linke und die Pandemie: ›Die konsequenteste Lockdown-Partei?‹«, Nachdenkseiten, 22. 05. 2020, https://www.nachdenkseiten.de/?p=61175.

69 Kritik an Linke-Fraktionsvize Hunko nach Corona-Kundgebung, Aachener Zeitung, 20. 05. 2020, https://www.aachener-zeitung.de/nrw-region/kritik-an-linke-fraktionsvize-hunko-nach-corona-kundgebung_aid-51238701.

70 Reddy, S., Mazhar, S. & Lencucha, R. (2018): The financial sustainability of the World Health Organization and the political economy of global health governance: a review of funding proposals. Global Health 14, https://doi.org/10.1186/s12992-018-0436-8.

71 World Health Organization (2015): Investing in the World’s Health Organization Taking steps towards a fully-funded Programme Budget 2016−17, S. 6, https://www.who.int/about/finances-accountability/funding/financing-dialogue/Programme-Budget-2016-2017-Prospectus.pdf.

72 Für die Parlamentarische Versammlung des Europarates war ich Berichterstatter für einen Bericht mit dem Titel »Lehren für die Zukunft aus einer wirksamen und auf Rechte gestützten Reaktion auf die COVID-19-Pandemie«, der am 26. Juni 2020 angenommen wurde, siehe https://pace.coe.int/en/news/7938/covid-19-responding-to-the-next-pandemic-states-should-act-fast-and-comply-with-human-rights.

73 Thomas Kruchem: Unabhängigkeit der Weltgesundheitsorganisation: Das Dilemma der WHO, Deutschlandfunk Kultur, 17. 07. 2018, https://www.deutschlandfunkkultur.de/unabhaengigkeit-der-weltgesundheitsorganisation-das-dilemma.976.de.html?dram:article_id=423076.

74 »The handling of the H1N1 pandemic: more transparency needed«, Doc. 12283, https://assembly.coe.int/nw/xml/XRef/Xref-DocDetails-EN.asp?FileID=12463&lang=EN.

75 Ebd., Punkt 25 des Berichts auf Seite 15.

76 Peter Doshi: The elusive definition of pandemic influenza, Bulletin of the World Health Organization 2011;89:532−538. doi: 10.2471/BLT. 11.086173, https://www.who.int/bulletin/volumes/89/7/11-086173/en/.

77 Mereckiene J et al (2012): Influenza A(H1N1)pdm09 vaccination policies and coverage in Europe. Euro Surveillance 2012;17(4), https://doi.org/10.2807/ese.17.04.20064-en.

78 »Grippeimpfung: Wie Pandemrix eine Narkolepsie auslöst«, Deutsches Ärzteblatt, 02. 07. 2015, https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/63356/Grippeimpfung-Wie-Pandemrix-eine-Narkolepsie-ausloest.

79 »Schweden entschädigt Narkolepsie-Patienten«, Spiegel Online, 13. 05. 2016, https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/schweinegrippe-impfung-schweden-entschaedigt-narkolepsie-patienten-a-1092175.html.

80 »Coronavirus pandemic could have caused 40 million deaths if left unchecked«, Imperial College London, 26. 03. 2020, https://www.imperial.ac.uk/news/196496/coronavirus-pandemic-could-have-caused-40/.

81 »WHO ändert ihren Masken-Standpunkt«, Deutsche Welle, 06. 06. 2020, https://www.dw.com/de/who-%C3%A4ndert-ihren-masken-standpunkt/a-53703467

82 »Reisebeschränkungen: Mehr Schaden als Nutzen?«, tagesschau.de, 06. 05. 2020, https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/reisebeschraenkungen-101.html.

Andreas Sönnichsen
Covid-19: Wo ist die Evidenz?

Mitte und Ende März 2020 wurde der Zenit der Covid-19-Pandemie in Deutschland und Österreich überschritten. Am 16. März verzeichnete Deutschland laut Dashboard des Robert Koch-Instituts mit 5482 Testpositiven den Höchststand täglicher Neuinfektionen.83 Österreich folgte mit 1065 Testpositiven/Tag am 26. März.84 Wenige Tage später, am 31. März, wurden in Deutschland nur noch 3984 und in Österreich 512 neue »Fälle« gemeldet. Wir waren also schon über den Berg, noch bevor die drastischen Lockdown-Maßnahmen, die in Österreich am 16. März und in Deutschland sogar erst am 23. März verhängt wurden, überhaupt greifen konnten.

Die Medien zeigten uns täglich aufs Neue schreckliche Bilder aus Italien. Auf dem Dashboard der Johns-Hopkins-Universität wurde uns jeden Tag die exponentiell wachsende Anzahl von Infizierten und Toten weltweit präsentiert. Die WHO rief am 11. März die Pandemie aus, eine Jahrhundert-Pandemie, vergleichbar der Spanischen Grippe vor gut 100 Jahren mit Millionen von Toten. Angst breitete sich aus – schneller und vehementer als das Virus selbst und verstellte den Blick für das, was wirklich geschah. Der österreichische Gesundheitsminister Rudolf Anschober verkündete noch am 2. April (Österreich meldete nur noch 463 Neuerkrankungen!), dass er zehntausende Leben retten müsse, und nannte meine Äußerungen als Vorstand der Abteilung für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Universität Wien verantwortungslos, weil ich erstmals öffentlich zu bedenken gegeben hatte, dass die Kollateralschäden des Lockdowns möglicherweise höher seien als der Schaden durch das Virus selbst.85

Der renommierte US-Epidemiologe John Ioannidis hatte schon am 17. März die Befürchtung geäußert, dass die Welt dabei wäre, nicht nur eine Jahrhundert-Pandemie zu erleben, sondern auch ein Jahrhundert-Fiasko durch weitreichende politische Entscheidungen ohne wissenschaftliche Grundlage.86

Wir gefährlich ist Sars-CoV-2 wirklich?

Anfangs kam es in vielen Ländern, so auch in Deutschland und Österreich zu einer Verdoppelung der diagnostizierten Fälle im Laufe von 2 bis 2,5 Tagen87 und Hochrechnungen prognostizierten, dass die Kapazitäten der Krankenhäuser für die Versorgung der Erkrankten spätestens Anfang April erschöpft sein würden.88 Diese Prognosen waren falsch, weil sie von einer gleichbleibenden Fortsetzung der Steigerungsraten ausgingen, die es aber noch bei keiner Epidemie gegeben hat. Typischerweise gelangen alle Epidemien auch ohne eingreifende Gegenmaßnahmen an einen Zenit und enden dann wieder von selbst.

So wurde laut epidemiologischem Bulletin 17/20 des RKI weder die Abnahme der täglichen Neuerkrankungen noch die Reproduktionszahl R0 durch die Maßnahmen und Verordnungen der deutschen Bundesregierung vom 16. März oder 23. März erkennbar beeinflusst.89 Wahrscheinlich hat also in Deutschland entweder alleine das Verbot von Großveranstaltungen am 9. März 2020 ausgereicht, um die Ausbreitung von Sars-CoV-2 zu stoppen, oder der Rückgang ab dem 16. März entsprach dem natürlichen Verlauf der Epidemie.

Im Gegensatz zu einigen anderen Ländern (Italien, Frankreich, Spanien) kam es weder in Deutschland noch in Österreich jemals zu einer Überlastung des Gesundheitssystems. Dies liegt zum einen an einer höheren Kapazität, aber auch an einer besseren Versorgungsqualität. In Österreich betrug die maximale Auslastung der stationären Kapazität etwa 5 % und der Intensivkapazität etwa 26 %, jeweils Anfang April. In Deutschland lag die maximale Auslastung der Intensivbetten sogar nur bei maximal 9,7 %.

Inzwischen gibt es relativ zuverlässige Zahlen zur Letalität von Covid-19. Die ersten Schätzungen im Frühjahr 2020, die auf der simplen Division der Anzahl der Todesfälle durch die nachgewiesenen Erkrankungen beruhten und eine »Case Fatality Rate« von teilweise über 10 % prognostizierten, haben sich mittlerweile ebenfalls als falsch erwiesen. Da die »Case-Fatality-Rate« lediglich die (schwer) erkrankten Fälle berücksichtigt, ist man inzwischen dazu übergegangen, lieber die Infection-Fatality-Rate zu betrachten, d.h. das Verhältnis der Verstorbenen zu den insgesamt mit dem Virus Infizierten. Die zu Redaktionsschluss dieses Buches ermittelte Infection-Fatality-Rate (IFR) liegt nach den Zahlen des österreichischen amtlichen Dashboards zwischen 0,1 % und 0,8 %. Hierbei wird die Dunkelziffer nicht erkannter Infektionen nicht berücksichtigt. Die wahre IFR dürfte also eher noch etwas niedriger sein. Insgesamt entspricht die Größenordnung den Ergebnissen vorliegender Studien aus den USA und Deutschland,90,91 welche die IFR mit 0,27 % bzw. 0,36 % angeben. Eine im Juli publizierte Zusammenfassung aller weltweit verfügbaren Daten (24 Studien) zur IFR beziffert diese auf 0,68 %.92

Es bestehen jedoch große Unterschiede zwischen Studien, Ländern und untersuchten Populationen. So wirkt sich beispielsweise alleine die Anzahl der durchgeführten Tests erheblich auf die Todesrate (IFR) aus, da mit mehr Tests auch mehr leichtere Infektionen gefunden werden und die IFR dadurch sinkt. Die Ergebnisse sind also mit Vorsicht zu interpretieren. Es kann jedoch inzwischen mit ziemlicher Sicherheit gesagt werden, dass die IFR in Deutschland und Österreich im Bereich der normalen Influenza liegt, die beispielsweise im Winter 2017/18 in Österreich etwa 0,7 %93 und in Deutschland 0,5 % betrug.94

Mit großer Zuverlässigkeit lässt sich auch bereits sagen, dass die Todesfälle in erster Linie ältere und vor allem hochbetagte Menschen mit Vorerkrankungen von Herz, Kreislauf und Lunge betreffen. In einer Analyse, die im Februar 2020 vom chinesischen Center of Disease Control veröffentlicht wurde, waren 81 % der an Covid-19 Verstorbenen über 60 Jahre alt.95 Kinder scheinen insgesamt weniger empfänglich für eine Sars-CoV-2-Infektion zu sein – nur 0,9 % der Infizierten waren unter 10 Jahre alt und nur 2,1 % unter 20.96 Kein einziges Kind unter 10 Jahren war unter den Todesfällen.

Ähnliche Zahlen finden sich für Italien. Nur 1,7 % der Infizierten sind unter 20 Jahre alt und es gab nur 178 Todesfälle unter 50 Jahren (1,2 %). 50 % der bisherigen Todesfälle betrafen Menschen im Alter von über 80 Jahren und 95 % Menschen im Alter von über 60 Jahren.97 Im Gegensatz zu Covid-19 traten beispielsweise bei der Influenza-Pandemie 1918/19 fast 50 % der Todesfälle in der Altersgruppe von 20−40 Jahren auf.98

In der oben erwähnten chinesischen Studie hatten 67,2 % der Verstorbenen mindestens eine chronische Begleiterkrankung, am häufigsten Hypertonie (39,7 %), eine kardiovaskuläre Erkrankung (22,7 %), Diabetes mellitus (19,7 %) und chronische Atemwegserkrankungen (7,9 %). Auch hier unterscheidet sich Covid-19 deutlich von der Influenza-Pandemie 1918/19, in der viele junge Menschen ohne wesentliche Begleiterkrankungen verstorben sind.

So können wir festhalten, dass trotz der schrecklichen Geschehnisse in unseren Nachbarländern, die durch ein Zusammentreffen mehrerer unglücklicher Umstände zu erklären sind (heimkehrende chinesische Wanderarbeiter, Versorgungsmängel, Superspreading der Erkrankung durch Massenveranstaltungen), Sars-CoV-2 nicht wesentlich gefährlicher ist als eine etwas heftigere Grippewelle.

Wie effektiv sind die Maßnahmen des Lockdowns?

An dieser Stelle sollen die derzeit praktizierten Maßnahmen des »Social Distancing« erörtert werden, also staatliche Interventionen von der Schließung von Bildungseinrichtungen bis hin zur Verpflichtung, einen Mund-Nasenschutz zu tragen.

Insgesamt gibt es nach wie vor wenig belastbare Evidenz, dass diese Maßnahmen bei Covid-19 tatsächlich zu einer Verringerung der Todesraten führen. Wie bereits erwähnt, spricht der bisherige Verlauf der Epidemie zumindest in Deutschland gegen die Effektivität der von den Regierungen gesetzten Maßnahmen. Der Rückgang der Infektionszahlen vollzog sich weitgehend unabhängig von den gesetzten Maßnahmen und begann bereits, bevor diese überhaupt greifen konnten.

Eine wissenschaftlich hochwertige Analyse der renommierten Cochrane-Gesellschaft fand keine belastbare Evidenz für die Effektivität von Screening bei Grenzkontrollen oder Social Distancing, allerdings in erster Linie aufgrund fehlender Studien und mangelhafter Studienqualität.99 Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2015 ergibt moderate Evidenz für Schulschließungen, um die Ausbreitung einer Influenza-Epidemie zu verzögern, allerdings verbunden mit hohen Kosten.100 Isolation im Haushalt verlangsamt zwar die Ausbreitung, führt aber zu vermehrten Infektionen bei Familienangehörigen. Bei all diesen Erkenntnissen stellt sich die Frage nach der Übertragbarkeit der Maßnahmen von der Influenza auf Covid-19.

Nach bisherigen Erkenntnissen erscheint es äußerst zweifelhaft, dass die von März bis Mai dauernden Schulschließungen in Deutschland oder Österreich irgendeinen Effekt auf den Verlauf der Epidemie hatten. Zum einen sind insgesamt weniger als 2 % der bisher Infizierten Schulkinder. Zum Zweiten haben inzwischen mehrere an Schulkindern erhobene Studien gezeigt, dass Kinder nicht oder nur selten an Covid-19 erkranken und daher die Erkrankung wahrscheinlich auch nicht in nennenswertem Umfang weitergeben. Beispielsweise zeigt eine sächsische Studie, welche die Schulöffnung in Sachsen von Anfang Mai bis Ende Juni 2020 begleitete, bei 2599 durch einen PCR-Test getesteten Kindern und Lehrkräften keinen einzigen positiven Befund. Die Seroprävalenz, das heißt der Nachweis von Antikörpern im Blut aufgrund eines zuvor stattgefundenen Kontakts mit dem Virus, lag bei 0,6 %, wobei hier in erster Linie Lehrkräfte betroffen waren.101 Auch eine Modellierung der Einflüsse verschiedener Lockdownmaßnahmen auf die Infektionszahlen fand für Schulschließungen den geringsten Effekt.102

Für die derzeit in zahllosen Ländern noch vorgeschriebene Verpflichtung zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes gibt es widersprüchliche Daten. Eine systematische Übersichtsarbeit, die zwei randomisiert kontrollierte Studien ausreichend hoher Qualität einschloss, attestiert dem Mund-Nasen-Schutz im öffentlichen Raum eine Abnahme der Infektionszahlen um 17 %.103 Im Gesundheitsbereich wurde für die üblichen chirurgischen Masken sogar eine Reduktion um 88 % errechnet, und sogenannte N95-Masken reduzieren das Risiko gegenüber den chirurgischen Masken nochmals um 22 %. Eine andere Arbeit, die jedoch nur Beobachtungsstudien einschloss, fand eine Risikoreduktion um etwa 85 %, gibt allerdings die überwiegend niedrige Studienqualität zu bedenken und stuft die Evidenz als sehr niedrig ein.104 Wieder ein anderer Review fand bei 6500 Teilnehmern von 10 randomisiert kontrollierten Studien überhaupt keinen signifikanten Effekt von Mund-Nasen-Schutzmasken auf die Übertragungsrate von Influenza.105 Alle diese relativen Risikoreduktionen werden ohnehin bedeutungslos, wenn das absolute Risiko niedrig ist. Mit Stand Ende August 2020 gab es in Deutschland ca. 16.000 Test-Positive, also etwa 20 pro 100.000 Einwohner, in Österreich 2800 bzw. 31 pro 100.000 Einwohner. Es ist daher extrem unwahrscheinlich, einem Infizierten zu begegnen, sodass selbst eine relative Risikoreduktion von 88 % zu einer verschwindend geringen absoluten Risikoreduktion wird. Man stelle sich vor, das Risiko, sich im Supermarkt zu infizieren betrüge 1 % (in Wirklichkeit liegt dieses Risiko weit unter 1 %!). Eine relative Risikoreduktion von 17 % würde das absolute Risiko von 1 % auf 0,83 % senken. Es ist offensichtlich, dass dies weder für den Einzelnen noch für die Gesellschaft von Relevanz ist. Das Gleiche gilt natürlich für alle anderen diskutierten oder derzeit eingesetzten Maßnahmen des Social Distancing. Abstand halten kann ja nur dann schützen, wenn das Gegenüber im Moment infektiös ist. Noch dazu muss man davon ausgehen, dass ein großer Teil der in den letzten Wochen des Sommers 2020 positiv Getesteten selbst gar nicht erkrankt ist oder war. Wahrscheinlich verlaufen etwa 30−40 % aller Sars-CoV-2-Infektionen unbemerkt, ohne dass der oder die Betroffene sich krank fühlt. Es ist unklar, ob diese asymptomatischen Virusträger überhaupt infektiös sind. Wenn ja, dann ist ihre Infektiosität mit großer Wahrscheinlichkeit sehr gering.

Sind Massentestungen sinnvoll?

Bei der derzeit vorliegenden niedrigen Prävalenz der Erkrankung (in Deutschland ca. 0,02 %, in Österreich 0,03 % – ohne Berücksichtigung der Dunkelziffer) muss die vorliegende Teststrategie als äußerst fragwürdig bezeichnet werden. In beiden Ländern werden Massentestungen auf Sars-CoV-2 durchgeführt, in Deutschland zuletzt fast 900.000 Tests pro Woche (33. Kalenderwoche 875.524), in Österreich 63.000. Die Test-Positiven-Rate liegt in Deutschland unter 1 %, in Österreich bei etwa 2 %.106

Die nationale Teststrategie in Deutschland sieht vor, dass sowohl symp­tomatische als auch asymptomatische Personen getestet werden. Als »symptomatisch« gelten laut Robert Koch-Institut »Personen mit jeglichen akuten respiratorischen bzw. Covid-19-typischen Symptomen, inklusive jeder ärztlich begründete Verdachtsfall«.107 Eine derartig weite Indikationsstellung führt zu einer wahllosen Überdiagnostik, da pro Woche bis zu 2,8 % der Bevölkerung wegen eines respiratorischen Infekts einen Haus- oder Kinderarzt aufsuchen.108 Darüber hinaus sollen asymptomatische Personen getestet werden, darunter auch Einreisende aus Nicht-Risikogebieten und nach Aufenthalt in Regionen mit einer Inzidenz von über 50 Infizierten pro 100.000 EinwohnerInnen in 7 Tagen. Abgesehen davon, dass die derzeitigen Testkapazitäten für diese umfangreichen Messungen nicht ausreichend sind, gibt es keinen Hinweis, dass diese Teststrategie zu einer Verminderung von Hospitalisierungen oder Todesfällen durch Covid-19 führt.

Wie bei allen Massentestungen ist zu hinterfragen, welche Aussagekraft die Testergebnisse haben und welcher Nutzen für die Getesteten oder auch die Bevölkerung als Ganzes durch diese Tests zu erwarten ist. Betrachten wir zunächst die Aussagekraft.

Im deutschen Ringversuch – das ist eine gesetzlich vorgeschriebene Qualitätskontrolle für Labormessungen, an der alle Labore, die im öffentlichen Gesundheitssystem Leistungen erbringen, teilnehmen müssen – fand sich bei 983 Messungen aus 463 Laboratorien eine Spezifität (die Fähigkeit des Tests, den Gesunden korrekt zu erkennen) von 98,6 % für die korrekte Erkennung der Negativprobe.109 Die Spezifität sinkt auf 92,4 %, wenn die Negativprobe mit HCoV 229 E infiziert ist, einem der humanen Coronaviren, die eine gewöhnliche Erkältung auslösen können.

Geht man von der derzeitigen Positiv-Rate von 0,9 % als maximal mögliche Prävalenz der Erkrankung im untersuchten Kollektiv aus, führt unter der optimistischen Annahme einer Spezifität des Tests von 99,2 % (entsprechend dem oberen Ende des 95 % Vertrauensbereichs im Ringversuch) und einer Sensitivität von 93 % (ebenfalls aus dem Ringversuch) die derzeitige Durchführung von 900.000 Messungen pro Woche zu etwa 7000 falsch positiven Befunden.

Bei der Betrachtung des Nutzens der derzeitigen Teststrategie ist festzustellen, dass es keine wissenschaftliche Evidenz für einen Nutzen gibt und dass offenbar auch nicht daran geforscht wird, diesen Nutzen zu evaluieren. Zumindest sollte dokumentiert und differenziert werden, aus welchen Gründen die Tests durchgeführt werden und diese Zahlen müssen öffentlich zugängig gemacht werden. Ohne solche Informationen sind die derzeitigen Massentestungen sinnlos und eine unverantwortliche Verschwendung von Ressourcen, was bei den seit Jahren beklagten finanziellen Engpässen im Gesundheitssystem vollkommen unverständlich ist. Die derzeitige Teststrategie und Informationspolitik erweckt eher den Anschein, dass die positiven Testergebnisse ohne Bezug zur Menge der durchgeführten Tests und ohne Bezug zur Bevölkerung benutzt werden, um die vorherrschende Corona-Panik aufrechtzuerhalten. Auch kann es aufgrund der nicht ausreichend hohen Sensitivität, der hohen Rate asymptomatisch Infizierter und der unbekannten Dunkelziffer von Virusträgern nicht gelingen, Sars-CoV-2 aus der deutschen oder österreichischen Bevölkerung zu eliminieren.

Die öffentliche Berichterstattung unterscheidet weder in Deutschland noch in Österreich zwischen Test-Positiven und Erkrankten – ein schlimmes Versäumnis. Es wird lediglich bemerkt, dass die vermeintlich steigende Anzahl der Test-Positiven nicht von einem Anstieg der Hospitalisierungen und Intensivbehandlungen oder Todesfälle begleitet ist. Dies weckt erhebliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Tests und der täglichen Auflistung der Test-Positiven.

Auch fragt man sich, warum nicht täglich gemessen und berichtet wird, wie viele Patienten wegen einer Lungenentzündung durch andere Erreger in ein Krankenhaus oder auf eine Intensivstation aufgenommen werden. In Deutschland erkranken jedes Jahr 660.000 Menschen an einer ambulant erworbenen Pneumonie (ca. 800/100.000 Einwohner). Ca. 300.000 von diesen werden stationär behandelt, 40.000 versterben an der Erkrankung (49/100.000 Einwohner).110 Zum Vergleich: Bis Ende August 2020 im Rahmen der Pandemie positiv auf Sars-CoV-2 Getestete (die Anzahl der wirklich Erkrankten ist nicht bekannt): 233.000 (entsprechend 284/100.000 Einwohnern – es gibt also jedes Jahr dreimal so viele Lungenentzündungen durch andere Erreger wie bisher auf Covid-19 positiv Getestete!). Todesfälle: 9269 (entsprechend 11/100.000 Einwohnern, also nur ein Viertel der an Lungenentzündung jedes Jahr versterbenden Menschen in Deutschland, Stand jeweils Ende August 2020).

Die ambulant erworbene Lungenentzündung wird durch verschiedenste Erreger verursacht, vor allem durch Pneumokokken und Influenza-Viren, und ist als hochkontagiös zu betrachten. Ähnlich wie bei Covid-19 sind vor allem ältere und chronisch kranke Menschen betroffen und gefährdet.

Epidemiologische Zahlen zu Sars-CoV-2 werden fast ausschließlich als Absolutzahlen ohne Bezugsgröße berichtet. Die Gesamtzahl der Test-Positiven und der Todesfälle erfolgt zudem kumulativ, was für jede andere Erkrankung als absurd erachtet wird. Man stelle sich vor, Fälle von Lungenentzündungen und Todesfälle durch Pneumokokken oder Influenza-Viren würden ebenfalls kumulativ berichtet. Wir lägen bei Beginn der Zählung zum Jahresbeginn 2020 bereits deutlich über den kumulativen Covid-19-Zahlen. Im Winterhalbjahr 2017/2018 kam es in Deutschland geschätzt zu etwa 5 Millionen Influenza-Fällen – dem 20-fachen der jetzigen Covid-Fälle (Stand Ende August 2020, wobei hier trotz der zahlreichen Messungen eine hohe Dunkelziffer anzunehmen ist) und 25.000 Todesfällen, dem 2,5-fachen der Covid-Toten. Warum wurden damals nicht alle Influenzaverdachtsfälle durch Massentestungen erfasst und darüber kumulativ berichtet?

Wird uns die Impfung retten?

Medien und Politik sind derzeit bemüht, die Angst in der Bevölkerung mit allen Mitteln aufrecht zu erhalten, zum einen, um den Gesichtsverlust wegen des überzogenen Lockdowns und seiner katastrophalen Auswirkungen zu vermeiden, zum anderen, um die Bevölkerung »impf-gefügig« zu machen. So wird versprochen, dass nur mit der erlösenden Impfung alle unpopulären Maßnahmen beendet werden könnten.

Derzeit wird zwar intensiv an der Entwicklung eines Impfstoffs zur Prävention einer Sars-CoV-2-Infektion geforscht, aber von der Marktreife eines zugleich effektiven aber dennoch sicheren Impfstoffs sind wir weit entfernt. Mit großer Sorge beobachten Mediziner aus Sicht der evidenzbasierten Medizin, dass die üblichen Nachweise von Wirksamkeit und Sicherheit für Impfstoffe aufgeweicht werden könnten, um einen raschen vermeintlichen Erfolg zu erzielen – eine Impfung gegen eine Erkrankung, die keine wirkliche Gefahr für die Bevölkerung als Ganzes darstellt, die aber bei Nichtbeachtung der Standards für die sichere Entwicklung von Arznei- und Impfstoffen ein unüberschaubares Sicherheitsrisiko für die Gesundheit der Menschen darstellen könnte.

Im Deutschen Ärzteblatt wurde durch die Firma CureVac bereits eine große Phase-3-Studie mit mehreren zehntausend Teilnehmern für Herbst 2020 angekündigt, was abgeschlossene Phase-1- und Phase-2-Studien erfordern würde. Dies erscheint unter Berücksichtigung der derzeit gültigen Regularien kaum möglich und wäre mit einem erheblichen Sicherheitsrisiko für die Studienteilnehmer verbunden.

Zudem ist nach wie vor unklar, ob Sars-CoV-2 überhaupt genetisch so stabil ist, dass eine Aussicht auf eine länger dauernde Immunität besteht, und zwar sowohl nach durchgemachter Erkrankung als auch nach einer Impfung. Derzeit gibt es jedenfalls hierfür noch keine wissenschaftlich zuverlässigen Belege. Es ist also vermessen, die Impfung als einzigen Ausweg aus der Krise zu propagieren.

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