Kitabı oku: «Grenzgänger»
Aline Sax
GRENZ
GÄNGER
Aus dem Niederländischen
von Eva Schweikart

Inhalt
EINE STADT, ZWEI STAATEN
JULIAN NIEMÖLLER 1961
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
ZWEIUNDZWANZIG
DREIUNDZWANZIG
VIERUNDZWANZIG
FÜNFUNDZWANZIG
SECHSUNDZWANZIG
SIEBENUNDZWANZIG
ACHTUNDZWANZIG
NEUNUNDZWANZIG
DREISSIG
EINUNDDREISSIG
MARTHE LENTZ 1977
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
ZWEIUNDZWANZIG
DREIUNDZWANZIG
VIERUNDZWANZIG
FÜNFUNDZWANZIG
SECHSUNDZWANZIG
SIEBENUNDZWANZIG
ACHTUNDZWANZIG
NEUNUNDZWANZIG
SYBILLE NIEMÖLLER 1989
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
ZWEIUNDZWANZIG
DREIUNDZWANZIG
VIERUNDZWANZIG
FÜNFUNDZWANZIG
SECHSUNDZWANZIG
SIEBENUNDZWANZIG
ACHTUNDZWANZIG
NEUNUNDZWANZIG
DREISSIG
NACHWORT
DIE AUTORIN
EINE STADT, ZWEI STAATEN
Nachdem Deutschland 1945 den Zweiten Weltkrieg verloren hatte, teilten die Siegermächte das Land unter sich in vier Besatzungszonen auf: eine französische, eine britische, eine amerikanische und eine sowjetische. Die bisherige Hauptstadt Berlin, komplett innerhalb der sowjetischen Besatzungszone liegend, wurde ebenfalls in vier Sektoren gegliedert.
Zwischen den westlichen Siegermächten und der kommunistischen Sowjetunion ergaben sich in vielerlei Hinsicht Differenzen. Zu einem Konsens kam es nicht, weil beiden Machtblöcken daran gelegen war, ihren Einfluss in Europa auszuweiten.
Im Mai 1949 wurden die westlichen Besatzungszonen zu einem neuen Staat mit dem Namen Bundesrepublik Deutschland (BRD) vereinigt. Ebenfalls 1949, im Oktober, wurde auch die sowjetische Besatzungszone zu einem eigenen Staat und erhielt den Namen Deutsche Demokratische Republik (DDR). Im Prinzip waren die beiden deutschen Staaten unabhängig, standen jedoch weiterhin stark unter dem Einfluss der ehemaligen Besatzer.
In der BRD als kapitalistischem Staat manifestierte sich vor allem der Einfluss der Vereinigten Staaten von Amerika (USA). In der DDR wurde eine kommunistische Regierung installiert. Wie in der Sowjetunion wies das dortige System Züge einer strengen Diktatur auf und zielte darauf ab, politische Gegner mundtot zu machen.
Wirtschaftlich gesehen entwickelte sich die BRD – unter anderem dank amerikanischer Unterstützung – wesentlich schneller als die DDR, welche die schwerfällige sowjetische Planwirtschaft übernommen hatte. Zwischen den beiden deutschen Staaten entstand eine Kluft, und der zunehmende Wohlstand Westdeutschlands erweckte bei vielen Ostdeutschen Neid.
In Berlin wurden die Westsektoren ebenfalls zusammengefasst: Als Westberlin waren sie der BRD zugeordnet, der Ostteil der Stadt hingegen (Ostberlin) gehörte zur DDR. Die Stadt Berlin wurde zum Brennpunkt des Kalten Kriegs.


EINS
Ich roch an der Bettwäsche, dass ich im Westen war. Im Osten gab es keine Waschmittel mit Blumenduft. Schlaftrunken drehte ich mich um und schaute zum Fenster. Das erste Morgenlicht fiel durch einen Vorhangspalt ins Zimmer. Ich versuchte, meinen Traum von den Erinnerungen zu trennen, die sich langsam und bruchstückhaft wieder einstellten.
Gestern, nach der Arbeit, waren wir ins Chitchat gegangen, einen beliebten Club, in dem auch viele Amerikaner verkehrten. Wir hatten getanzt und getrunken. Zu viel getrunken. Es war spät geworden. So spät, dass ich keine Lust mehr hatte, noch über die Grenze zu gehen.
Und da war ein Mädchen gewesen … wie hieß sie doch gleich? Ich hatte sie im Chitchat kennengelernt. Sie war mit einer Freundin dort, und diese Freundin wiederum war eine Bekannte von Walter.
Kurzes dunkles Haar. Gute Tänzerin. Paula. Genau, Paula hieß sie.
Langsam drehte ich mich wieder auf die andere Seite. Neben mir lag niemand. Da war nur ein Abdruck auf dem Kopfkissen.
Sie hatte mir angeboten, bei ihr zu übernachten, weil sie ganz in der Nähe wohnte. Ich dachte angestrengt nach, konnte mich aber nicht mehr erinnern, wann wir das Chitchat verlassen hatten und was danach gewesen war. Hatten wir …? Ich hob die Bettdecke an und sah, dass ich meine Unterhosen und die Socken trug. Die übrigen Kleider lagen auf dem Boden verstreut.
Im angrenzenden Raum hinter dem Perlenvorhang hantierte jemand mit Geschirr. Noch einmal schnupperte ich am Kissenbezug, dann hob ich die Beine über die Bettkante. Wenn ich mich langsam bewegte, waren die Kopfschmerzen erträglich. Ich machte mir nicht die Mühe, mich anzuziehen, und ging – so wie ich war – hinüber.
In der Küche war es sehr hell, sodass ich unwillkürlich die Augen zukniff. Das laute Klappern von Tassen, Tellern und Besteck tat mir in den Ohren weh.
»Guten Morgen«, sagte eine muntere Stimme.
Ich öffnete die Augen.
Ein Mädchen mit langen blonden Locken stand am Herd und musterte mich mit amüsiertem Lächeln. Das Fenster war offen, und der hereinstreichende Wind ließ mich frösteln, sodass sich die Härchen an den Armen aufstellten. Dass ich, kaum bekleidet, vor einem wildfremden Mädchen stand, wurde mir erst jetzt bewusst. Aber es war zu spät, sich zu verstecken.
»Willst du dein Ei hart oder weich?«
»Weich«, murmelte ich automatisch. Meine Wangen glühten, obwohl sie mich nicht mehr ansah. Der Tisch war für zwei Personen gedeckt.
»Wo ist Paula?«, fragte ich zögernd.
»Bei der Arbeit.«
An einem Sonntag? Was mochte Paula arbeiten?
Ich fragte aber nicht.
»Ich heiße Heike.«
»Julian«, sagte ich und hatte das Gefühl, meine Anwesenheit erklären, irgendetwas sagen zu müssen, das mich nicht wie einen x-beliebigen Fremden erscheinen ließ.
Auf dem Tisch standen Butter und zwei Marmeladengläser, lauter mir unbekannte Marken. Ich nahm sie nacheinander in die Hand und las verlegenheitshalber die Etiketten.
Heike stellte die Eier in die Eierbecher, setzte sich an den Tisch und forderte mich auf, ihr gegenüber Platz zu nehmen.
»Du bist von drüben, was?«
Verdutzt starrte ich sie an. Hatte sie das etwa an meiner Unterhose gesehen?
»Ja.«
Wieder lächelte sie.
»Paula hat eine Schwäche für Ostler.«
»Wie bitte?« Ich schaute womöglich noch verdutzter drein. Eine Schwäche für Ostler … etwa so, wie man eine Schwäche für streunende Katzen hat?
Meine Verwirrung schien Heike zu belustigen.
»Sie ist Kommunistin. Absolute Gleichheit. Keine Hierarchien, keine Armen und Reichen. Jeder arbeitet so, wie er kann, und bekommt, was er braucht. Das ist Paulas Credo.«
Ich bestrich eine Scheibe Brot dick mit Butter. Auf politische Diskussionen mit einer Westberlinerin, zumal an einem Sonntagmorgen, verspürte ich absolut keine Lust. Ich köpfte mein Ei, schnitt dann das Brot in Streifen und tunkte einen davon ins Eigelb.
Heike beobachtete mich, die Hände um eine große Tasse gelegt, die den Duft nach echtem Bohnenkaffee verbreitete.
»Ich wohne in Ostberlin, arbeite aber im Westen«, sagte ich mit vollem Mund. »Als Maurer bei Reitmann & Sohn. Mein Kollege Walter hatte gestern Geburtstag, und das haben wir im Chitchat gefeiert. Paula war auch dabei. Seid ihr Freundinnen?«
»Cousinen. In Ostberlin war ich noch nie.«
»Noch nie? Warum nicht? Man kann doch einfach rüber.«
»Ich weiß nicht recht. Es ist mir einfach nie in den Sinn gekommen. Außerdem wohne ich erst seit einem Jahr hier. Ich bin in einem Dorf in Süddeutschland aufgewachsen. Aber dort wollte ich weg. So bin ich hier gelandet, und Paula hat mir Unterschlupf gewährt.« Sie lachte. »Das Abenteuer Berlin, weißt du, die Stadt, in der immer was los ist.«
»Die Stadt, in der ein neuer Krieg ausbrechen wird, meinst du wohl?«
»Glaubst du das?«
Ich zuckte mit den Schultern.
»Denkst du, die Russen werden Westberlin einnehmen?«
»Die Alliierten haben jedenfalls klar gesagt, dass sie nicht abziehen, auch wenn die Stadt eigentlich im sowjetischen Sektor liegt.« Ich schob ein Stück Brot in den Mund. »Aber Politik interessiert mich nicht sonderlich«, sagte ich, ehe sie einen westlichen Einwand machen konnte.
»Wohnst du schon immer in Berlin?«
»Ja, nur im Krieg war ich eine Zeit lang bei einer Großtante auf dem Land. Aber da war ich noch so klein, dass ich mich kaum erinnere.«
»Ich mag die Stadt sehr«, sagte Heike. »Die vielen Autos. Die Leute, die den Ku’damm entlangflanieren, als gehörte ihnen die Welt. Die Schaufenster und die Leuchtreklamen. Die Mädchen, die mit den amerikanischen Soldaten flirten. Man hat den Eindruck, hier wäre jeder wichtig und würde fabelhafte Sachen erleben. Das Leben in Berlin ist wie ein schneller Wirbel. Ein bisschen wie im Film …« Verträumt blickte sie an mir vorbei.
Was für ein plattes Klischee! Ich nahm rasch einen Schluck Kaffee, damit sie meinen Gesichtsausdruck nicht bemerkte.
»Wahrscheinlich findest du es komisch, dass mir gerade das gefällt«, fuhr Heike fort, »wo du doch schon dein ganzes Leben hier wohnst.«
»Ganz und gar nicht. Du hast beschrieben, was auch alle Ostberliner an Westberlin gut finden.«
»Alle außer dir?«
Wieder zuckte ich mit den Schultern. »Es hat so seinen Reiz. Aber wohnen wollte ich nicht in Westberlin, da würde ich schnell zu viel kriegen.«
»Darum ziehst du dich abends gern in deine anonyme Mietskaserne zurück?«
Ich starrte sie an.
»Tut mir leid, das hätte ich nicht sagen sollen. War nicht so gemeint.«
Ich starrte sie weiter an. Hatte sie nicht eben erwähnt, sie sei noch nie im Osten gewesen? Warum sagte sie dann so etwas?
»Tut mir leid«, wiederholte sie, diesmal leiser.
Wir aßen schweigend weiter. Heike traute sich offenbar nicht, ein neues Thema anzuschneiden, und ich hatte keine Lust, weiter über Ost und West zu reden.
Das Ei und der Kaffee hatten die aufkommende Übelkeit zurückgedrängt, aber mein Kopf fühlte sich immer noch an, als hätte ihn heute Nacht jemand mit Zement ausgegossen, der jetzt härtete.
Nach dem letzten Schluck stellte ich die Tasse ab und schaute auf meine Uhr. Fast elf.
»Ich muss los, meine Mutter macht sich bestimmt Sorgen, weil ich nicht nach Hause gekommen bin.«
»Du kannst gern noch duschen, wenn du willst«, sagte Heike. »Das wird dir guttun. Die letzte Tür im Flur. Warte, ich geb dir ein Handtuch.«
Sie hatte recht. Die warme Dusche entspannte mich und schien sogar den Zement in meinem Kopf aufzuweichen.
Ich trocknete mich ab und schlüpfte in die Kleider.
Heike hatte in der Zwischenzeit das Geschirr abgeräumt. Auf dem Tisch lag jetzt ein rechteckiges flaches Päckchen.
»Ich … äh … das ist für dich. Das heißt, für deine Mutter. Dann findet sie es vielleicht nicht so schlimm, dass du die ganze Nacht weg warst.« Ein leicht verlegenes Lächeln.
Ich griff danach. Es war eine Nylonstrumpfhose, original verpackt.
»Paula hat mal erwähnt, die Frauen im … äh … ich meine, dass man bei euch … nicht so leicht an solche Strumpfhosen kommt.« Das stimmte. Außerdem war Mutter ganz versessen auf Nylons aus dem Westen. Trotzdem zögerte ich. War mein Ostler-Stolz stärker als die Aussicht, meiner Mutter eine Freude zu machen?
»Danke, darüber wird sie sich freuen«, sagte ich dann und steckte das Päckchen ein. »Und danke auch fürs Frühstück und für die Dusche.«
Heike strahlte. »Gern geschehen.«
Auf dem Weg zur Grenze versuchte ich, mir Paulas Gesicht vorzustellen, was nicht gelang, weil sich immer wieder Heikes Bild davorschob. Völlig in Gedanken versunken, bemerkte ich erst nach einer Weile, dass es angefangen hatte zu regnen. Und auch Wolfgang Wichser sah ich erst, als es schon zu spät war. Wir waren früher in dieselbe Klasse gegangen. Wolfgang war ein komischer Kauz und tat sich mit seinem Vater dicke, der irgendein hohes Tier war. Darum war er von den anderen oft gehänselt worden. Und Wolfgang Wichser wurde er genannt, weil ein Lehrer ihn angeblich auf dem Schulklo beim Wichsen ertappt hatte. Statt den Spitznamen zu ignorieren, drohte er, sein Vater würde uns die Hammelbeine lang ziehen. Dass nichts dergleichen passierte, trug ihm noch mehr Spott ein. Im siebten Schuljahr war seine Familie nach Dresden umgezogen. Jetzt aber war er Grenzpolizist in Berlin.
»Papiere vorzeigen!«, blaffte er mich an, als würde ich die Vorschrift nicht kennen.
Ich hatte mich damals nicht an den Hänseleien beteiligt, er aber scherte alle ehemaligen Schulkameraden über einen Kamm und sah nun eine gute Gelegenheit, seine Überlegenheit auszuspielen. Wolfgang hatte etwas von der opportunistischen Machtgier seines Vaters, der sich vom überzeugten Nazi nahtlos zum strammen Sozialisten gewandelt hatte.
Ich gab ihm meinen Ausweis, in dem er unnötig lange herumblätterte.
»Welcher Tag ist heute?«, fragte er ohne aufzublicken.
»Sonntag«, gab ich zurück. Der Regen lief mir kalt in den Kragen. Wolfgang stand unter dem Dach seines Grenzerkabuffs und sah keinen Grund zur Eile.
»Sonntag, aha! Und was hat ein Grenzgänger am Sonntag im kapitalistischen Westen verloren? Sind dir unsere Frauen nicht gut genug?«
Mir blieb kurz die Sprache weg.
»Komm schon, deine Sorte Profiteure kenn ich doch. Im Osten von den billigen Mieten, der sozialen Absicherung und den niedrigen Preisen profitieren, aber im Westen Geld scheffeln, den Kapitalisten markieren und die Ami-Weiber flachlegen.« Er spuckte vor mir aus.
Zugegeben, ich verdiente im Westen wesentlich besser und der Wechselkurs war günstig, aber mich deshalb einen Profiteur zu nennen …
Ich war versucht, ihn am Uniformkragen zu packen und zu schreien, es gehe ihnen einen feuchten Kehricht an, wo ich mein Geld verdiente und ausgab. Aber ich tat es nicht. Schließlich war er im Dienst, und ich wollte keine Scherereien. Grenzgänger wie ich waren im Osten ohnehin nicht sonderlich beliebt. Die Leute hielten uns für Verräter am Staat – einem Staat, für den sie selbst kein gutes Wort übrighatten. Und wenn sich eine Chance ergäbe, würden sie es nicht anders machen als ich.
»Was ist in der Tasche?«
»Drei Millionen Dollar in kleinen Scheinen.«
Er riss mir die Tasche weg und zog den Reißverschluss auf.
Ich steckte die Hände in die Hosentaschen und blinzelte, weil mir das Wasser von den Brauen in die Augen rann.
Wolfgang kramte in meinen Sachen herum, nahm etwas heraus und ließ unvermittelt die Tasche fallen. Sie landete in einer Pfütze. Ich bemühte mich, den Ärger hinunterzuschlucken.
Er hielt mir die Strumpfhose hin. »Und was ist das? Westprodukte schmuggeln, was? Weißt du, welche Strafe darauf steht?« Er beugte sich so weit vor, dass sein Gesicht kaum fünf Zentimeter vor meinem war.
Ich wich zurück und bückte mich nach der Tasche, die an der Unterseite klatschnass war. Mit einem wütenden Ruck zog ich den Reißverschluss zu und biss die Zähne zusammen.
»Das muss ich beschlagnahmen.« Er wollte die Strumpfhose einstecken, was nicht so recht gelang, weil er in der anderen Hand immer noch meinen Ausweis hielt. »Und Meldung erstatten, versteht sich.«
»Das lässt du schön bleiben. Sonst kannst du die Strumpfhose nämlich nicht selber behalten!« Ich riss ihm meinen Ausweis weg und ging weiter.
»Und ob ich das melde!«, schrie er mir nach. »Darauf kannst du Gift nehmen, Niemöller!« Seine Stimme überschlug sich.
Ich zwang mich, nicht zu rennen. Er wird mich schon nicht verfolgen, dachte ich und bog in die nächste Seitenstraße ein. Dort trat ich mit Wucht gegen eine Mülltonne, die umfiel und aufs Pflaster krachte. Am liebsten hätte ich kehrtgemacht und das Arschloch in seiner adretten Uniform in den nassen Straßendreck gestoßen. Was fiel ihm ein, mir Schmuggel zu unterstellen? Das war doch reine Schikane. Beim nächsten Mal, nahm ich mir vor, lasse ich mir so etwas nicht mehr gefallen. Und dann rannte ich doch los, rannte mir den ganzen Ärger aus dem Leib … auch darüber, dass er meine Erinnerung an Heike getrübt hatte.
ZWEI
Die ganze Woche ging mir Heike nicht aus dem Sinn. Als Walter fragte, ob ich am Sonntag mit zum Wannsee wolle, und augenzwinkernd meinte, Paula sei auch mit von der Partie, traute ich mich nicht zu fragen, ob Heike ebenfalls dabei wäre.
Das Knattern von Walters Moped weckte vermutlich die ganze Nachbarschaft auf und entlockte meinem Vater ein unwilliges Knurren. Rasch packte ich mein Handtuch ein, verabschiedete mich und ging nach unten.
Walter sah in seiner kurzen weißen Hose, den weißen Turnschuhen und dem gestreiften Hemd wie ein Hollywoodstar aus.
»Morgen!«, rief er mir munter zu.
Ich schwang mich auf den Sozius. Es war herrliches Wetter, und die Fahrt zum Wannsee – gut fünfundzwanzig Kilometer durch ganz Westberlin – würde ein Genuss.
Die Grenzer musterten uns abfällig – wir machten wohl den Eindruck von dekadenten Amerikanern –, ließen uns aber ohne Probleme passieren.
Wir sausten an geschlossenen Geschäften und schlafenden Wohnhäusern vorbei, während die Sonne hinter uns höher stieg. Dass es wegen des Mopedlärms unmöglich war, sich zu unterhalten, störte mich nicht. Ich schloss die Augen und spürte den Fahrtwind in den Haaren. Irgendwann würde ich mir auch so ein Ding zulegen … wenn ich eine eigene Wohnung zugewiesen bekam, wie mein älterer Bruder Rolf. Solange ich noch zu Hause wohnte, würde mein Vater es nicht erlauben. Weil er es für unnütz hielt: Ich hätte doch ein Fahrrad, meinte er immer, das reiche ja wohl.
Wir waren nicht die Einzigen, die den Sonntag am Wannsee verbringen wollten. Von der Bushaltestelle aus strebten Dutzende mit Picknickkörben, Klappstühlen, Wasserbällen und Luftmatratzen dem Strandbad zu, das für ganz Berlin ein Anziehungspunkt war. Wir jedoch fuhren vorbei, denn nicht nur mir graute vor den Menschenmassen – Walter und den anderen zum Glück auch. Von unserem Stammplatz, einem Stück Strand hinter den Bäumen, schien sonst niemand zu wissen.
Walter stellte das Moped ab. Heini, Ernst, Charlotte, Max und zwei Mädchen, die ich nicht kannte, waren bereits da. Sie hatten ihre Taschen auf einen Haufen geworfen, und die Mädchen zogen sich gerade um. Walter hatte mich zwar in seine Clique eingeführt, aber im Grunde war ich nur dann dabei, wenn er mich einlud. Andere Freunde als ihn und seine Leute hatte ich nicht. Die Schulkameraden von früher meldeten sich nicht mehr, seit ich im Westen arbeitete. Was mich wenig kümmerte, denn in Walters Clique fühlte ich mich wohl, weil keiner mich schief ansah.
Während er unsere Sachen vom Moped nahm, stießen noch drei weitere Mädchen zur Gruppe. Alle in kurzen Hosen und mit großen Sonnenbrillen und Strohhüten, sodass sie wie Drillinge wirkten.
Ich breitete mein Handtuch aus, und als ich mein Hemd aufknöpfte, stand plötzlich eines der Drillingsmädchen vor mir.
»He, warum hast du mich nicht angerufen?«, sagte sie, machte einen Schmollmund und ließ ihre Finger über meine Brust wandern.
Paula. Es war Paula …
»Wir haben zu Hause kein Telefon.«
Mit schief gelegtem Kopf sah sie mich an. Haben die im Osten wirklich kein Telefon?, sah ich sie denken.
Sie beschloss, die Entschuldigung gelten zu lassen. »Ich freu mich jedenfalls, dass du da bist!«
Sie holte ihr Handtuch hervor und legte es neben meines in den Sand.
Noch immer konnte ich mich nicht erinnern, was letzte Sonnabendnacht gewesen war. Nichts, vermutete ich, aber Paulas Verhalten nach zu urteilen, wohl doch etwas …
Den ganzen Tag über tat sie, als wären wir ein Pärchen. Wir schwammen, spielten Fußball, sonnten uns … und Paula wich nie von meiner Seite und hatte ständig irgendwelche Anliegen. Ich sollte ihr den Rücken eincremen, die Tasche rübergeben, mit ihr in den See hinausschwimmen, von den Keksen nehmen, die sie mitgebracht hatte. Allmählich wurde mir unbehaglich. Besonders beim Rückeneincremen und als sie im Wasser die Arme um mich schlang.
Erst als ich Heike sah, verstand ich, warum.
Am späten Nachmittag – ich spielte gerade mit Walter, Max und Paula Karten – tauchte sie mit einem halben Ölfass und einer großen Tasche voller Essen auf.
»Jetzt wird gegrillt!«, rief Max. Er und Walter füllten Sand in das Fass, schichteten Reisig und Papier darauf und hielten ein Streichholz daran. Rasch noch einen Rost darüber, und kaum eine Viertelstunde später stieg mir der Duft gebratener Frikadellen in die Nase und erinnerte mich daran, dass ich, abgesehen von ein paar Keksen, seit dem Morgen nichts gegessen hatte.
Die letzten Schwimmer kamen aus dem Wasser, die Handtücher wurden im Kreis um das Grillfass gelegt, und Heike stellte Schüsseln mit Salat, Tomaten und Mais bereit – alles ohne mich auch nur ein einziges Mal anzusehen. Walter hatte inzwischen einen Eimer Bierflaschen besorgt.
Wir aßen, rissen Witze, lachten. Heike saß mir im Kreis gegenüber, und ich schaute durch die flirrende Hitze zu ihr hin. Plötzlich lächelte sie mich an, und ich wünschte mir nichts mehr, als neben ihr zu sitzen statt neben Paula.
Als alle satt waren, wurde der Ölfassgrill zum Lagerfeuer umfunktioniert. Es dämmerte bereits, war aber noch angenehm warm. Max nahm seine Gitarre zur Hand und spielte ein paar bekannte Titel von Chuck Berry und Elvis. Als er eine langsame Ballade intonierte, die einige mitsangen, schmiegte Paula sich an mich. Ich murmelte eine Entschuldigung und stand auf. Ihr penetrantes Gehabe ging mir auf die Nerven. Ich lief zum Ufer. Das Wasser war ebenso schwarz wie die Silhouetten der Bäume, die unser Strandstück säumten. Irgendwo auf dem See flog ein Wasservogel auf. Ich setzte mich in den Sand, und die Gitarrenklänge und Stimmen wurden zu einer Art Hintergrundrauschen. »Keine Lust mitzusingen?« Heike stand neben mir. Ich hatte sie überhaupt nicht kommen hören.
»Oder keine Lust auf Paula?«
»Oje, war das so deutlich?«, fragte ich halb schuldbewusst.
»Für mich schon, für sie eher nicht.« Sie lachte verhalten.
»Ich weiß überhaupt nicht mehr, was letzte Sonnabendnacht passiert ist«, gab ich zu. »Aber es sieht ganz so aus, als würde Paula daraus irgendwelche Rechte ableiten.« Ich drückte mich bewusst vage aus, um Heike nicht vor den Kopf zu stoßen.
»Keine Bange, es ist nichts passiert. Das hat Paula mir erzählt.«
»Erzählt?«
»Frauen reden nun mal über solche Dinge.« Wieder lachte sie. »Paula hat die Tendenz, sich an Männer ranzuschmeißen. Mach dir nichts draus …« Sie setzte sich neben mich und legte ihre Hand, die mir noch viel wärmer vorkam als der Sand, auf meine. »Was hat deine Mutter zu der Strumpfhose gesagt?«
Ein paar Enten flogen über das Wasser.
»Sie war begeistert«, log ich. »Danke noch mal.« Verdammt. Ich hätte mich damals überzeugender bedanken sollen.
Hinter uns stimmte Max All I have to do is dream von den Everly Brothers an. Diesmal sang keiner mit, alle lauschten der Melodie. Heike rückte näher, legte den Kopf an meine Schulter und summte leise mit. Ich schlang meinen Arm um sie, und so saßen wir da, bis das Lied zu Ende war. Auch als Max ein schnelleres Stück zu spielen begann und die anderen wieder mitsangen, machte sie keine Anstalten aufzustehen. Nur der Zeigefinger ihrer rechten Hand bewegte sich – sie malte damit kleine Kreise auf meinen Schenkel. Ich erwiderte die Zärtlichkeit, indem ich mit dem Daumen über ihren Oberarm strich.
Und als sie mir das Gesicht zuwandte, küsste ich sie.
DREI
Die Erinnerung an den Sonntag am See trug mich durch die Woche. An Paula versuchte ich nicht mehr zu denken. Zugegeben: Es war feige von mir, ihr auszuweichen, aber letztlich war ich ihr keine Rechenschaft schuldig, war sie es doch, die sich aufdrängte. Und was für Gefühle hegte ich für Heike? Hatte ich mich von der romantischen Stimmung hinreißen lassen, oder war da mehr im Spiel?
Walter stieß mich an, als wir unsere Kellen sauber machten. »Ich glaube, du hast Besuch.« Er grinste.
Am Bauzaun stand Heike. In einer kurzen Hose und einer weißen Bluse.
Ziemlich unsicher ging ich auf sie zu. Wie sollte ich sie begrüßen? Mit einem einfachen »Hallo«? Oder mit einem Kuss?
Sie nahm mir die Entscheidung ab, indem sie mich umarmte und auf den Mund küsste. Ich spürte Walters Blick im Rücken.
»Na du?«, sagte sie munter. »Fertig mit der Arbeit?«
Ich sah mich um. Walter machte mir ein Zeichen, dass ich gehen konnte.
»Ja, gerade eben.«
»Fein, dann mal los. Im City läuft ein klasse Film.« Sie nahm meine Hand.
Ich wechselte im Bauwagen schnell die Kleider und ließ mich nur zu gern mitziehen. Das City war eines der Grenzkinos mit ermäßigtem Eintritt für Ostberliner. Dort liefen amerikanische Streifen, die in der DDR nicht gezeigt wurden, und europäische Filme waren im City viel früher zu sehen als bei uns. Vorab kamen immer die Nachrichten der Woche, aus westlicher Sicht, versteht sich.
Mein Stolz ließ es nicht zu, den Ostpreis zu zahlen; ich holte mein Westgeld aus der Tasche und kaufte zwei Karten. Wie der Film hieß und wovon er handelte, hatte ich schon am Abend, als ich über die Grenze ging, vergessen. In deutlicher Erinnerung dagegen blieb mir, dass Heikes Arm die ganze Zeit den meinen berührt hatte. Haut an Haut.
Heike gegenüber hatte ich keinerlei Gefühl des Fremdseins. Es war viel eher so, als würden wir uns seit Jahren kennen und wären uns ebenso lange vertraut. Sie holte mich öfter von der Arbeit ab, und dann aßen wir zusammen in der Stadt oder gingen mit Walter und der Clique in die Kneipe. Ost-West-Politik war kein Thema zwischen ihr und mir, stattdessen sprachen wir über Filme, Musik und unsere Zukunftspläne. Ich stellte fest, dass wir in vielem übereinstimmten.
Heike arbeitete als Stenotypistin in der Bestellabteilung eines großen Möbelhauses. Sie erzählte mir von der grässlichen Kollegin am Schreibtisch gegenüber und von ihrem Chef, der dauernd anzügliche Scherze machte. Wenn sie merkte, dass ihre Geschichten mich amüsierten, vergaß sie den Ärger und brach selbst in Lachen aus. Und wir überlegten uns Dutzende Arten, wie man es dem Abteilungsleiter heimzahlen könnte.
Paula hatte mittlerweile einen anderen an der Angel und dachte nicht mehr an mich. Wenn sie mit ihm unterwegs war, ging ich abends mit Heike nach Hause, die dann für uns beide kochte. Irgendwann kam die unvermeidliche Frage: »Wann nimmst du mich mal mit in den Osten?«
Bisher hatten wir uns immer im Westen getroffen, und mir fiel wieder ein, dass sie beim Kennenlernen gesagt hatte, sie sei noch nie in Ostberlin gewesen.
VIER
Als Walter sein Kofferradio ausschaltete, wusste ich, dass die Arbeit für heute beendet war. Statt noch ein paar Worte zu reden wie sonst, ging ich rasch in den Bauwagen und zog mich um. Ich hatte meine Levi’s und ein weißes Hemd mitgenommen. Heike sollte von einem schick gekleideten Julian abgeholt werden. Dass ich in dieser Aufmachung jenseits der Grenze auffallen würde, war mir egal. Ich schlüpfte in meine feuerroten Westschuhe und packte die Arbeitskleidung und meine Sicherheitsschuhe in die Tasche. Walter, der dabei war, ein paar Sachen wegzuräumen, rief ich einen Gruß zu und machte mich auf den Weg. Die Sonne schien, und ich pfiff einen Song von Elvis, der vorhin im Radio gelaufen war.
Heike erwartete mich bereits an der Wohnungstür. Sie trug einen weiten Rock und ein kurzes Jäckchen, hatte die Haare hochgesteckt und Lippenstift aufgetragen – wie um groß auszugehen. Ein klein wenig ähnelte sie der jungen Marilyn Monroe.
»Bist du bereit für einen Besuch im sozialistischen Paradies?«
Einen Moment lang meinte ich, Zweifel in ihrem Blick zu erkennen, dann aber lächelte sie und hielt mir den Arm hin. Ich hakte sie unter wie ein echter Gentleman, und wir gingen zusammen die Treppe hinab.
Draußen ließ sie meinen Arm wieder los.
Wir nahmen einen anderen Grenzübergang, weil ich nicht wieder Wolfgang Wichser über den Weg laufen und mich vor Heike von ihm schikanieren lassen wollte.
Der Grenzer ließ sich unsere Ausweise zeigen, verglich die Fotos mit unseren Gesichtern und gab sie dann wortlos zurück.
»Tasche aufmachen!«, forderte er mich barsch auf.
Heikes Augen wurden groß, und sie holte tief Luft.
Lässig reichte ich dem Mann meine Tasche und summte dabei die Melodie, die mir noch immer durch den Kopf ging. Er sah mich irritiert an, zog den Reißverschluss auf, warf einen raschen Blick auf den Inhalt und machte die Tasche wieder zu. »In Ordnung. Weitergehen«, brummte er.
Als wir ein paar Meter von ihm entfernt waren, griff Heike nach meiner Hand. »Du, das war ein Elvis-Lied!«
Ich schritt zielbewusst aus. Am Morgen hatte ich mir genau überlegt, welche Strecke ich mit Heike gehen wollte.
Als Erstes sollte sie den Alexanderplatz sehen. Und danach noch so manches andere, von dem ich glaubte, es würde ihr Eindruck machen. Als sie aber neben mir durch die düsteren schmucklosen Straßen ging, die so ganz anders waren als jene im Westen mit ihren Leuchtreklamen, kamen mir Zweifel, und ich schämte mich für die heruntergekommenen Häuser, deren Putz von den Mauern bröckelte, und die unkrautüberwucherten Trümmerhaufen dazwischen. Die Kleider der Leute, die uns entgegenkamen, musste Heike als hoffnungslos altmodisch empfinden.
Wir kamen zum Gendarmenmarkt, und mit einem Mal sah ich den Platz mit ihren Augen. Den Französischen Dom mit seinen hohen Säulen und dem runden Turm hatte ich bisher immer als imposantes altes Bauwerk empfunden. Jetzt aber stach es mir viel mehr in die Augen, dass die Kuppel fehlte und das Dach des Nebengebäudes schadhaft war. Ich ließ die Schultern sinken. Was hatte ich Heike eigentlich zu bieten? Unsere wenigen Sehenswürdigkeiten nahmen sich mehr als bescheiden aus.
In den neueren Stadtteilen betrachtete sie scheinbar interessiert die Denkmäler von Stalin und anderen kommunistischen Führern und bewunderte pflichtmäßig die in sozialistischer Zeit entstandenen großen Wohnblocks. Über die Warteschlangen vor den Läden und deren leere Schaufenster verlor sie kein Wort und zuckte auch beim Anblick politischer Parolen auf Plakatwänden nicht mit der Wimper. Dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, dass sie enttäuscht war. Darum schlug ich den Weg zum Park ein. Bäume, Rasen und Bänke waren schließlich in Ost und West gleich, unabhängig vom System.
Im Volkspark Friedrichshain atmete ich erleichtert auf. Dort schoben Mütter Kinderwagen vor sich her, spielten Jungen Fußball und saßen Mädchen kichernd im Gras. Die Fontänen des Märchenbrunnens spien Wasser empor und rundeten das harmonische Bild ab. Wir standen vor den Steinskulpturen am Beckenrand, die Märchenfiguren darstellten.
»Hast du ein Lieblingsmärchen, Julian?«, fragte Heike.
Darüber hatte ich noch nie nachgedacht. Heike dagegen schon. Sie schwärmte für Dornröschen. Ihre Großmutter, erzählte sie, habe auch ein Spinnrad besessen. So kamen wir von Märchen auf Großmütter, auf Winterabende im Advent mit Lebkuchenduft und andere Kindheitserinnerungen. Wir redeten und lachten, und darüber vergaß ich meinen gescheiterten Versuch, ihr zu beweisen, dass auch Ostberlin viel Schönes zu bieten habe.
Schließlich standen wir von unserer Parkbank auf, denn ich hatte zu Hause versprochen, Heike zum Abendessen mitzubringen. Mir passte das zwar nicht sonderlich, aber ich wollte Mutter nicht enttäuschen.
Dass Heike nervös war, merkte ich daran, dass sie auf der Treppe zu unserer Wohnung mehrmals ihren Rock glatt strich. Ich nickte ihr aufmunternd zu und hoffte, dass mein Vater nicht allzu schlecht gelaunt sein würde.
Wir waren keine fünf Minuten zu spät, trotzdem saß er bereits wartend am Tisch.
Heike begrüßte ihn höflich, er dagegen ließ nur ein Knurren hören. Mutter kam aus der Küche und wischte sich die Hände an der Schürze ab. Auch ihr war die Nervosität anzumerken.
Sie hatte sich mächtig ins Zeug gelegt und einen köstlichen Schmortopf gekocht. Heike lobte das Essen, und meine Mutter errötete – etwas, das ich noch nie an ihr gesehen hatte. Ansonsten verlief das Tischgespräch ziemlich gezwungen. Aber wenigstens sah mein Vater davon ab, Heike ins Kreuzverhör zu nehmen. Und meine kleine Schwester Franziska war nicht allzu vorlaut, jedenfalls nicht zu Anfang.
»Ich bin bei der Freien Deutschen Jugend«, legte sie bald darauf los. »Uns geht es darum, die Freundschaft mit der Sowjetunion zu vertiefen und alle Völker der Welt im Kampf gegen den Imperialismus zu unterstützen.«
Ich verdrehte die Augen, Heike jedoch lächelte, nickte und schien sich nicht an Franziskas belehrendem Tonfall zu stören. Fieberhaft suchte ich nach einem anderen Thema, doch mir wollte nichts einfallen. Über das Wetter hatten wir bereits geredet …
»Darf ich Ihnen noch einmal auftun?«, fragte meine Mutter Heike.
»Sehr gern, danke. Es schmeckt wunderbar«, sagte Heike freundlich. »Das Gericht erinnert mich an Irish Stew. Falls Sie mal nach Irland …« Sie brach ab.
Wie sollte meine Mutter je nach Irland kommen und dort Irish Stew essen?
»Wir waren im Volkspark«, versuchte ich, die peinliche Situation zu überspielen. »Ganz schön viele Leute dort.«
Heike pflichtete mir sofort bei: »Ja, und der Märchenbrunnen mit seinen Figuren ist eine Pracht.«
Meine Mutter nickte, dann herrschte Schweigen.
Ein bedrückendes Schweigen. Es war deutlich zu spüren, dass jeder, den Blick auf seinen Teller gerichtet, angestrengt überlegte, worüber man noch sprechen könnte.
Erst als alle satt waren und Mutter sich ans Tischabräumen machte, wurde die Stille durchbrochen, wenngleich nur von Geschirrklappern.
Dann klopfte es.
Ich stand auf und ging zur Wohnungstür.
Es war unsere Nachbarin Frau Schulze. Ihr Mann und ihre drei Söhne waren im Krieg umgekommen. Sie selbst hatte sich danach von einer überzeugten Nationalsozialistin zur ebenso überzeugten Kommunistin gewandelt, hörte den ganzen Tag DDR-Radio und ging abends in der Nachbarschaft herum, um allen das Neueste zu erzählen.
Noch ehe sie etwas sagen konnte, stand meine Entscheidung: Ich würde Heike sofort zur Grenze bringen. Dass Vater mir hinterher wegen des überstürzten Aufbruchs Vorhaltungen machen würde, war mir egal. Die Schulze sollte auf keinen Fall mitbekommen, dass ich eine Freundin im Westen hatte. Sie behandelte mich ohnehin schon wie Abschaum. Außerdem hatte ich Heike nicht hergebracht, damit sie sich in einem fort DDR-Propaganda anhören musste.
»Das junge Fräulein hat aber ausgefallene Kleider an«, hörte ich sie noch sagen, bevor ich die Wohnungstür hinter uns zuzog.
Wir gingen nicht gleich zur Grenze, sondern schlenderten noch eine Weile durch meinen Teil der Stadt, während in ihrem die Sonne unterging. Ich hatte nicht mehr den Drang, Heike irgendwelche Sehenswürdigkeiten zu zeigen, und sah die Umgebung auch nicht mehr mit ihren Augen, sondern genoss einfach unser Zusammensein. Ohne viel zu reden, gingen wir Hand in Hand.
Als Heike fröstelte, legte ich meinen Arm um sie, und als es dann noch kühler wurde, machten wir uns zur Grenze auf.
Dort verabschiedeten wir uns.
»Es war schön, Julian«, sagte Heike.
Ich zog die Augenbrauen hoch. Schön? Diese hässliche Stadt?
Die mühsame Unterhaltung bei Tisch? Franziskas Arroganz?
»Jetzt verstehe ich dich besser«, fügte sie hinzu.
Ich wollte protestieren, doch sie legte mir den Finger auf die Lippen.
»Ich weiß, dass du anders denkst als deine Schwester. Und dass du dich in der DDR nicht zu Hause fühlst, auch wenn sie dein Land ist. Es war mutig von dir, mir das alles zu zeigen. Es war … ehrlich. Danke dafür.«
Nach diesen Worten küsste sie mich leicht auf die Wange.
FÜNF
Als es klingelte, schielte ich mit einem Auge zum Wecker. Sie waren viel zu früh dran – typisch für meinen Schwager Hermann. Wir wollten doch erst um elf zu unserer Datsche ein Stück außerhalb der Stadt aufbrechen.
Stöhnend drehte ich mich um und zog mir die Decke über den Kopf, hörte aber trotzdem die schnellen Schritte von Marthe und Florian im Flur.
»Tag, Oma!«, rief Marthe. »Ich hab heut Geburtstag!«
Als wüsste das nicht jeder in der Familie.
Heike und ich waren gestern mit Marthe im Zoologischen Garten gewesen, quasi als verfrühtes Geburtstagsgeschenk. Dort hatte die Kleine zu allen möglichen Leuten »Morgen werde ich sooooo viel Jahre« gesagt und dabei vier Finger hochgehalten.
Die Wohnungstür schlug zu. Meine ältere Schwester Gudrun sagte etwas. Was, konnte ich nicht verstehen, aber ihre Stimme klang aufgeregt. Und auch Hermann sprach ungewöhnlich laut. Was war da los?
Als ich ins Wohnzimmer kam, saß Vater vor dem Radio. Mutter, Gudrun und Hermann standen neben ihm, lauschten angestrengt und starrten den Apparat an, als könnten sie ihm dadurch mehr Informationen entlocken. Weil die Nachrichten schon fast zu Ende waren, begriff ich nicht, worum es ging.
Vater stellte den amerikanischen Sender RIAS ein.
»… Senat und Bevölkerung von Berlin erwarten, dass die Westmächte energische Schritte bei der sowjetischen Regierung unternehmen werden«, tönte die Stimme des Westberliner Bürgermeisters Willy Brandt.
»Was ist los?«, fragte ich, und erst jetzt bemerkten die anderen mich.
»Sie machen die Grenze dicht.«
»Die Grenze dicht? Warum das?«
Gudrun zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Jedenfalls heißt es im Radio, dass sie Stacheldraht spannen und keinen mehr durchlassen.«
»Für wie lange?«
»Wer weiß das schon? Für immer?«
Wie konnte das sein? Gestern noch hatten wir zweimal die Grenze passiert, um in den Zoo zu gehen. Dabei war uns nichts aufgefallen; alles war wie immer gewesen.
»Ich seh mir das an!«, rief ich, bereits im Flur, um die Schuhe anzuziehen.
»Sei vorsichtig«, mahnte Mutter. »Wenn die Russen …«
Aber ich hörte schon nicht mehr hin.
Draußen rannte ich los. Es waren jede Menge Leute auf der Straße. Nicht das übliche Sonntagmorgenvolk, wie mir auffiel, als ich Männer in Hemdsärmeln überholte und Frauen, die ihre Babys auf dem Arm trugen, statt sie im Kinderwagen zu schieben. Man sah, dass sie in aller Eile vom Frühstückstisch aufgebrochen waren. Und die Aufregung war regelrecht zu spüren. Wie von einem riesigen Magneten angezogen, strebten alle in dieselbe Richtung: zur Grenze.
Was Gudrun gesagt hatte, wollte ich erst glauben, wenn ich es mit eigenen Augen sah. Die Grenze dicht machen, womöglich auf ganzer Länge – das war doch ein Unding! Das konnten sie einfach nicht machen! Berlin war eine Stadt, wenn auch in Ost und West geteilt.
Die Leute vor mir – inzwischen wahre Massen – bogen ab, folgten dem lauten Gehämmer. Und dann blieben plötzlich alle stehen. Ich drängte mich nach vorn, so gut es ging.
Gudrun hatte recht.
Unmittelbar vor der Kreuzung mit der Bernauer Straße rammten Bauarbeiter Betonpfähle in den Boden. Hinter ihnen lagen große Stacheldrahtrollen, das Ganze bewacht von Volkspolizisten mit Maschinenpistolen. Mit starrem Blick standen sie da, als würden sie uns gar nicht wahrnehmen.
Ich war wie versteinert, konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Nur noch entgeistert hinschauen. Das Dröhnen der Presslufthämmer, mit denen die Straße aufgebrochen wurde, betäubte mich geradezu. Mir war, als sähe ich einen Film, nicht ein reales Geschehen.
Auch drüben, auf der Westberliner Seite, hatte sich eine Menschenmenge eingefunden. Die Leute standen ebenso regungslos da wie wir. Nur dass sie nicht von bewaffneten Polizisten in Schach gehalten wurden. Eine eisige Kälte befiel mich. Sie schlossen tatsächlich die Grenze, und zwar nicht nur für ein paar Stunden, wie das schon öfter der Fall gewesen war. Diesmal war es ernst, todernst.
Heike!, zuckte es mir durch den Kopf. Heike wollte doch mit uns zur Datsche! Meine Gedanken überschlugen sich. Wie spät war es? Wie lange waren die Bauarbeiter schon zugange? Hatte sie es noch geschafft, nach Ostberlin zu kommen? Vielleicht mit der U-Bahn? Gut möglich, dass die Bahnen noch fuhren … Ich musste schleunigst nach Hause, wahrscheinlich wartete sie dort auf mich. Kaum dass ich den Vopos den Rücken zukehrte, löste sich meine Starre, und das Blut pulsierte wieder. Ich rannte los, weg von der Grenze. Unterwegs hielt ich Ausschau nach Heike. Ich sah etliche blonde Mädchen, nicht aber sie.
Völlig außer Puste kam ich zu Hause an. Im Wohnzimmer saß mein Vater noch immer vor dem Radio. Florian und Marthe tobten herum. Mutter und Gudrun besprachen etwas, was nicht einfach war, weil die Kinder einen Höllenlärm machten.
Mein Kommen nahm keiner wahr.
»He! Hört mal zu!«, rief ich laut.
Erst da sahen sie mich.
»Ist Heike gekommen?«
Mutter schüttelte den Kopf. Ihre Miene wurde mitleidig, als ihr klar wurde, was das bedeutete.
»Ach, Julian …«, sagte sie leise.
Ich biss mir auf die Lippe. Vielleicht kam Heike ja noch. Bestimmt war sie auf dem Weg hierher.
»Onkel Julian, bist du fertig?« Florian zupfte mich am Ärmel.
»Wir wollen doch zur Datsche!«, ergänzte Marthe.
Ich ging nicht auf die beiden ein.
»Wir haben uns entschlossen, doch zu fahren«, sagte Gudrun leise. »Schon der Kinder wegen. Hier können wir ja nichts ausrichten.«
»Aber wenn Heike …«
»Ach, Julian …«, sagte meine Mutter wieder. »Die Grenze …«
»Ein bisschen warten können wir wohl noch!«, fiel ich ihr ins Wort.
Vater löste den Blick vom Radio. »Was habt ihr vor?«, fragte er wie geistesabwesend.
»Wir fahren zur Datsche«, sagte Gudrun. »Es hat keinen Sinn hierzubleiben. Wenn es zu Kämpfen kommt …«
Ich schüttelte entschieden den Kopf. Solange ich nicht wusste, was mit Heike war, konnte ich unmöglich mitgehen.
Franziska kam ins Zimmer, mit Sonnenbrille und einem grotesk großen Strohhut auf dem Kopf. »Gehen wir?«
»Heike ist noch nicht da!«, fuhr ich sie an.
»Die kann jetzt sowieso nicht mehr mit.« Sie reckte das Kinn in die Luft.
Gudrun legte mir die Hand auf den Arm. »Du verstehst doch, Julian, dass es sinnlos ist, hier herumzusitzen. Und wir wollen doch Marthes Geburtstag feiern. Die Kinder freuen sich so darauf.«
Ich nickte, ohne weiter hinzuhören. »Dann geht. Ich bleibe hier.«
Ich blieb mitten im Wohnzimmer stehen, und sie gingen an mir vorbei, ohne dass ich es so recht registrierte. Wie eine gestrandete Boje im ablaufenden Meerwasser kam ich mir vor.
»Aber mach keine Dummheiten«, sagte Mutter noch, bevor sie die Tür hinter sich zuzog.
Als ihre Schritte auf der Treppe verhallten, war es still in der Wohnung. Minutenlang stand ich da und lauschte auf die Türklingel. Aber da war nur ein Dröhnen in meinem Kopf, das Dröhnen der Presslufthämmer.
Ich schaute auf meine Armbanduhr. Heike hätte längst hier sein müssen. Vielleicht sollte ich noch einmal zur Grenze gehen. Womöglich stand sie inzwischen dort, auf der anderen Seite.
Es klopfte.
Ich rannte zur Tür und riss sie auf.
Es war mein älterer Bruder Rolf.
Enttäuscht ging ich wieder ins Wohnzimmer, und Rolf folgte mir. »Habt ihr es schon gehört?« Sein Gesicht war gerötet.
Ich nickte düster. »Die anderen sind zur Datsche gefahren.«
»Zur Datsche? Wo hier …« Rolf sah mich ungläubig an.
Ich zuckte mit den Schultern. »Gudrun wollte nicht in der Stadt sein, wenn ein neuer Krieg ausbricht.«
Rolf setzte sich auf die Sofakante. »Glaubst du auch, dass es Krieg geben wird?«
Wieder zuckte ich mit den Schultern. »Die Amerikaner werden nicht so einfach hinnehmen, dass Westberlin komplett abgeriegelt wird.«
»Die Russen sind darauf eingestellt«, meinte Rolf. »Ich hab auf dem Weg hierher ihre Lastwagen gesehen. Panzer nicht, aber sie behalten alles genauestens im Blick.«
Ich schluckte. Sollten sie wirklich wieder einen neuen Krieg anzetteln? So kurz nach dem letzten?
»Machen sie die Grenze denn auf der ganzen Länge dicht?«, fragte ich.
Jetzt war es an Rolf, mit den Schultern zu zucken. »Ich weiß nur, was ich im Radio gehört habe.« Er seufzte. »Die Partei will uns im Osten halten. Mit Stacheldraht …«
»Ich gehe zur Grenze«, sagte ich. Hier herumzusitzen und zu grübeln, ob es Krieg gab oder nicht, brachte uns nicht weiter. »Kommst du mit?«
»Nein, ich …«
Ich wartete Rolfs Antwort nicht ab. »Meine Freundin Heike wollte mit uns zur Datsche. Vielleicht ist sie gerade noch rübergekommen.«
»Wohl eher nicht. Aber wenn du auf Nummer sicher gehen willst, dann häng einen Zettel an die Tür.«
An diese Möglichkeit hatte ich überhaupt nicht gedacht.
Liebste Heike,
bin in der Stadt. Warte bitte hier auf mich.
Die anderen sind zur Datsche gefahren. Bin bald wieder da.
Gruß
J
Ich klebte den Zettel an die Wohnungstür. Dann ging ich zum zweiten Mal an diesem Tag die Treppe hinunter, holte mein Fahrrad aus dem Keller und fuhr in Richtung Westen. Wenn die Amerikaner etwas gegen die Grenzschließung unternehmen würden, dann bestimmt am Brandenburger Tor.
Vor acht Jahren war es zu einem Aufstand gekommen. Ein Bauarbeiterstreik hatte sich zu einer umfassenden Protestbewegung ausgeweitet. Die Russen hatten mit Panzern dagegengehalten. Und die Vopos hatten die Demonstranten unter Beschuss genommen. Ob es heute wieder so sein würde?
Ich trat kräftiger in die Pedale. Mir fiel auf, dass jetzt noch viel mehr Leute auf der Straße waren. Und auch mehr Polizei. Ein Lastwagen mit Soldaten überholte mich.
Am Pariser Platz angekommen, sah ich, dass von einem Aufstand nicht die Rede sein konnte. Ganz im Gegenteil: Es herrschte Grabesstille. Die Vopos bildeten mit gezückten Waffen eine undurchdringliche Reihe vor den Stacheldrahtrollen. Jenseits des Brandenburger Tors drängten sich jede Menge Westler und verfolgten das Geschehen mit unverhohlener Neugier. Auf sie waren keine Waffen gerichtet, nur ein paar Polizisten standen dort herum, mit den Händen in den Taschen. Auf unserer Seite waren inzwischen nicht nur Wasserwerfer, sondern auch Panzer aufgefahren worden. Eine überflüssige Maßnahme, wie es schien, denn keiner traute sich an die Grenze heran.
Wo blieben die Amis? Wo ihre Bulldozer, um den Stacheldrahtverhau platt zu walzen?
Die Hand am Fahrradlenker, ging ich an der Grenze entlang. Ein Stück weiter sah ich Leute aufgeregt miteinander reden. Ich steuerte auf sie zu, vielleicht wussten sie ja mehr.
Plötzlich kam Bewegung in die Menge der Westberliner auf der anderen Seite.
»Kommt rüber!« Ein paar von ihnen gestikulierten heftig, andere begannen, am Stacheldraht zu zerren. »Los, wir reißen den Zaun ein!« Und ehe ich mich’s versah, hatten auch schon drei Ostler die Barriere überwunden.
Sollte ich auch … in meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Einfach das Rad hinwerfen und rüber … in den Westen, zu Heike? Alles zurücklassen? Ich hatte nichts bei mir, würde auch nicht Abschied nehmen können.
Aber da war die Gelegenheit schon vorbei. Die Grenzwächter hatten Verstärkung herbeigerufen und Bauarbeiter, die den Stacheldraht wieder richteten. Zwei Vopos postierten sich davor, die Waffe im Anschlag, um uns auf Abstand zu halten.
»Manfred!« Eine Frau neben mir rannte auf die Grenze zu. Ein Mann – ihr Liebster? – auf der anderen Seite setzte sich ebenfalls in Bewegung, wurde aber von Westberlinern zurückgehalten, die auf ihn einredeten, um ihn von der Rückkehr abzubringen.
»Manfred, ich komme auch!« Die Frau hatte den Stacheldraht erreicht und wollte darüberklettern, blieb aber mit der Jacke hängen. Sie wurde von den Vopos gepackt und, erbärmlich schluchzend, weggeschleift. Niemand unternahm etwas dagegen. Mir wurde innerlich eiskalt. Man hatte nicht nur mitten durch meine Stadt Stacheldraht gezogen, sondern auch mitten durch mein Leben. Schon jetzt hatte ich das Gefühl, mir die Hände daran aufgerissen zu haben. Benommen ging ich weiter.
Überall das gleiche Bild. Schweigende Menschen beiderseits der Grenze, die einander so ungläubig anstarrten, als wären sie gerade aus einem tausendjährigen Schlaf erwacht. Vopos mit unbewegten Mienen. Und dazu der Lärm der Bautrupps.
Als ein britischer Jeep mit drei Soldaten auftauchte, hielten alle den Atem an. Aber sie fuhren nicht einmal bis an die Grenze heran, sondern sahen sich nur um, zuckten mit den Schultern und verschwanden wieder. Ihr Interesse an unserer Lage schien nicht sonderlich groß zu sein.
Widerstand leisteten einzig eine Handvoll westdeutsche Jungs um die siebzehn in schwarzen Lederjacken und mit Schmalztollen. Sie kamen auf ihren Mopeds angebraust, beschimpften die Vopos und warfen Steine auf eine Gruppe Männer mit Parteiabzeichen am Revers. Aber ehe die Situation eskalieren konnte, wurden sie von westdeutschen Polizisten zurückgedrängt: »Keine Provokationen!«
Ich wollte mich abwenden und gehen, brachte es aber nicht fertig. So wie Unfallzeugen eigentlich nicht sehen wollen, was passiert ist, sich aber auch nicht von dem schrecklichen Anblick losreißen können.
An der Kreuzung Friedrichstraße / Unter den Linden hatte sich ein Menschenauflauf gebildet. Neugierig ging ich hin. Mehrere junge Leute standen auf Obstkisten, einer von ihnen hatte ein Megafon am Mund: »Ist das unser Staat, der den Frieden wahren will? Frieden kann man nicht mit Panzern verteidigen! Alle Bürger haben das Recht auf Freiheit! Macht die Grenze wieder auf! Berlin ist eine Stadt!«
Zwei, drei Männer mit versteinerten Mienen versuchten, die Menge zu zerstreuen und Neuankömmlinge daran zu hindern, sich zu der Gruppe zu stellen. »Weitergehen, weitergehen!«, zischten sie.
Die Leute machten ängstliche Gesichter, wussten sie doch, dass die Männer von der Staatssicherheit waren, und mit denen wollte keiner Schwierigkeiten.
Ich ging, wie sie, weiter. Auch andernorts war der Widerstand eher verhalten und spielte sich hauptsächlich jenseits der Grenze ab. Vom Westen aus rief man Schimpfwörter und skandierte Parolen. Die Vopos ließen sich davon nicht beeindrucken, standen mit regungslosen Gesichtern und Maschinengewehren im Anschlag da. Sie behielten uns Ostler scharf im Auge und bedrohten alle, die der Grenze zu nahe kamen, mit der Waffe. Die Leute standen in kleinen Gruppen beisammen, machten besorgte Mienen, ereiferten sich flüsternd, unternahmen aber nichts – absolut nichts.
Und von den Alliierten kam die ganze Zeit über keine Reaktion. Sie ließen uns im Stich, ließen zu, dass die Partei uns einsperrte. Weil sie keinen neuerlichen Krieg riskieren wollten. Unsere Freiheit kümmerte sie einen Dreck.
Zu Hause angekommen, sah ich, dass der Zettel noch an der Tür hing. Ich riss ihn ab und zerknüllte ihn.
In der Wohnung war niemand.
Erst jetzt merkte ich, wie müde ich war. Ich setzte mich aufs Sofa, schloss die Augen und massierte mir die Schläfen. Mein Kopf war so übervoll mit Bildern, dass kein weiterer Gedanke mehr darin Platz hatte.
Schließlich stand ich auf und begann schon auf dem Flur, mich auszuziehen. Es war noch hell draußen, darum zog ich den Vorhang zu und legte mich dann in Unterwäsche aufs Bett.
Als meine Eltern und Franziska wiederkamen, schlief ich längst.
SECHS
Durch die Wohnung zog Kaffeeduft, als ich am Morgen aufwachte. Statt noch eine Weile liegen zu bleiben, um die gestrigen Ereignisse zu überdenken, stand ich sofort auf.
Im Wohnzimmer saß Vater am Esstisch, vor sich eine Tasse Kaffee und eine Scheibe Schwarzbrot mit Butter und Marmelade. Und in der Hand die Zeitung, von der er bei meinem Eintreten nicht aufblickte.
»Morgen.« Ich setzte mich an meinen Platz.
Er brummte etwas vor sich hin.
Mutter kam mit der Kaffeekanne herein.
»Wie war’s in der Datsche?«, fragte ich.
»Herrlich. Marthe und Florian hatten viel Spaß. Und wir sind im See geschwommen. Die Bundmanns waren übrigens auch da.« Sie wirkte munter und aufgeräumt, ganz so als wäre überhaupt nichts passiert.
»Liegt Franziska immer noch im Bett?« Vater schlug mit einem ärgerlichen Laut die Zeitung zu. »Schlafen und faulenzen, mehr macht die zurzeit nicht.«
»Das Mädchen hat Ferien«, versuchte meine Mutter zu beschwichtigen, aber vergeblich.
»Als ich jung war, konnten wir nicht bis acht im Bett rumlungern. Da hieß es raus und arbeiten! Vor allem im Sommer, die Ernte musste rein und die Kartoffeln …«
»Franz, sie fährt bald weg, gönn ihr doch einfach die paar Tage zum Ausruhen«, unterbrach Mutter ihn.
Ich hatte gar nicht mehr daran gedacht, dass Franziska am Wochenende mit der FDJ zum Ernteeinsatz fahren würde. Im Sommer half die sozialistische Jugend bei der Ernte, das fördere den Zusammenhalt von Stadt und Land, fand die Partei.
»Wird Zeit, dass sie lernt, was Arbeiten heißt«, knurrte Vater. »Bisher hat sie mir nur auf der Tasche gelegen, und womöglich macht sie schon irgendwelchen Burschen schöne Augen …«
»Julian, du bist gestern so früh schlafen gegangen. Hast du dich nicht wohlgefühlt?«, fragte Mutter.
»Ich war nur müde.«
»Was wird jetzt mit deiner Stelle, Junge?«, hakte Vater ein, nachdem das Thema Arbeiten nun einmal auf dem Tisch war.
»Vielleicht lassen sie mich ja weiter über die Grenze.«
Aber das glaubte ich selbst nicht. Die gezückten Waffen, der Stacheldraht und die Betonpfähle hatten eine deutliche Sprache gesprochen. Die Grenze würde so schnell nicht wieder geöffnet werden.
Dennoch zog es mich dorthin. Als Vater zur Arbeit gegangen war, wusch ich mich und machte mich dann per Rad in Richtung Westen auf.
Die Aufregung vom Vortag hatte sich gelegt. Ich sah Leute, die zur Arbeit gingen oder fuhren, die vor Läden Schlange standen. Und eine Gruppe Jugendliche in FDJ-Uniform marschierte singend vorbei.
Man ließ mich nicht in den Westen. Auch nicht, als ich erklärte, ich würde dort an meiner Arbeitsstelle erwartet und bestimmt entlassen, wenn ich nicht auftauchte. Auch nicht, als ich wütend wurde und die Grenzwächter lauthals beschimpfte. Erst als sie ihre Waffen gegen mich richteten, gab ich auf. Die Grenze war zu – daran war nichts zu ändern.
Ich schwang mich auf mein Rad und fuhr davon.
Von einem Tag auf den anderen hatte ich Heike, meine Freunde und meine Arbeit verloren.
Wohin jetzt? Und was tun?
Die Zeit dehnte sich wie eine dunkle Öde vor mir aus. Ziellos fuhr ich durch die Straßen. Alles kam mir fremd vor, so als wohnte ich nicht hier, als gehörte ich nicht hierher.
»Julian!«
Erst war ich mir unsicher, ob ich mir die Stimme nicht nur eingebildet hatte.
»Julian!«
Ich drehte mich um – und sah sie! Es war keine Täuschung, keine Fata Morgana, keine Halluzination.
Da stand Heike.
Sie war hier.
Auf meiner Seite der Grenze.
Sie rannte auf mich zu und warf sich in meine Arme. Ich hielt sie fest umklammert und küsste ihr Haar, ihre Wangen, ihren Mund. »Die Grenze ist doch … bist du’s wirklich?«
»Ich bin kein Traum!« Sie lachte.
»Ich hab gestern stundenlang auf dich gewartet. Wie bist du …« »Ein paar Grenzübergänge sind noch offen«, sagte sie. »Westberliner dürfen weiterhin nach Ostberlin. Das heißt, man braucht eine Erlaubnis. Die kriegt man eigentlich nur, um Verwandte zu besuchen. Aber ich hab einfach behauptet, wir beide wären verlobt.«
Sie hielt mir die linke Hand hin, an der ein breiter goldener Ring glänzte.
»Der hat meiner Oma gehört.«
Wieder küsste ich sie. Sie war es wirklich. Und sie war hier.
Das Leben konnte weitergehen.
Mit einem Mal hatte die dunkle Öde sich in eine strahlende, von der Sonne beschienene Weite verwandelt.
SIEBEN
Der Stacheldraht wich einer Mauer. Bauarbeiter mauerten unter Aufsicht von Grenzsoldaten Hohlblocksteine auf, die uns Stück um Stück die Aussicht auf den Berliner Westen nahmen. Drüben standen Filmleute und jede Menge Neugierige dicht bei der Grenze. Wir Ostler hingegen wurden zurückgetrieben, wenn wir den Absperrungen zu nahe kamen. Hüben wie drüben hielten die Leute Ferngläser vor die Augen, wie um ein paar letzte Blicke auf den Teil Berlins zu erhaschen, der bis vor Kurzem noch problemlos zu erreichen gewesen war.
Im Westen waren große Plakate aufgestellt worden, auf denen unser System angeprangert wurde. Die DDR hielt mit flotter Musik und marxistischen Parolen dagegen. Es dauerte nicht lange, und auf der Westseite tauchten Wagen mit Lautsprechern auf dem Dach auf.
Mir platzte fast der Kopf.
Ich wandte mich ab und beschloss, nicht weiter an der Grenze herumzulungern, sondern mir zu überlegen, wie mein Leben nun weitergehen sollte.
Dass ich nicht mehr bei Reitmann & Sohn würde arbeiten können, stand fest. Aber Heike konnte ich weiterhin sehen. Jeden Abend erwartete ich sie am Grenzübergang. Im Grunde war es nicht anders als vorher, nur dass sie nun in den Osten kam statt ich in den Westen. Kino und schick essen gehen war nicht mehr drin, aber immerhin waren wir zusammen. Oft saßen wir den ganzen Abend in einer düsteren Kneipe, schmusten und redeten. Wenn der Wirt zumachte, musste Heike zurück in den Westen. Aber ich wusste, dass sie tags darauf wiederkommen würde.
Jeden Morgen zog ich guten Muts in meinem Anzug los – meinem einzigen wohlgemerkt, aber aus einem Geschäft am Ku’damm – und stellte mich bei Baufirmen vor. Ich wurde von schnippischen Sekretärinnen empfangen und wartete geduldig auf unbequemen Stühlen, bis man mich zu jemandem vorließ, der über Einstellungen zu entscheiden hatte. Manchmal musste ich einen langen Fragebogen ausfüllen, was ich gehorsam und gewissenhaft tat. Dann verschwand die Sekretärin mit dem Papier und tauchte nach wenigen Minuten wieder auf, um mir mitzuteilen, derzeit bräuchten sie niemanden. Oder meine Erfahrung würde ihren Anforderungen nicht genügen.
Ich bin gelernter Maurer! Mit sechs Jahren Berufserfahrung! Damit genüge ich jeder Anforderung!, hätte ich am liebsten gerufen, aber stattdessen bedankte ich mich artig für die Mühe und ging wieder.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ich begriff, warum keiner mich haben wollte.
Weil ich Grenzgänger gewesen war.
Daraufhin ließ ich meinen West-Anzug im Schrank und stellte mich in abgetragener Hose und Strickjacke bei weiteren Betrieben vor. Ohne Erfolg. Ich trug »keine Berufserfahrung« in die Formulare ein oder verschwieg meine Tätigkeit für Reitmann & Sohn, wenn ich zu einem Gespräch vorgelassen wurde. Trotzdem kein Erfolg.
»Warum sind Sie gerade jetzt auf Stellensuche, Herr Niemöller?«, wurde ich des Öfteren gefragt.
Weil die Grenze dicht ist …
Keine Grenzgänger.
Ich biss die Zähne zusammen, versuchte es weiter, wurde immer wieder abgelehnt.
Aber abends war Heike da. Ihre Zärtlichkeiten lenkten mich einerseits von der Frustration ab und machten mir andererseits Mut. Irgendwann würde es schon mit einer Stelle klappen. Dann bekäme ich eine Wohnung zugewiesen, und Heike könnte zu mir in den Osten ziehen.
ACHT
Mit zwei schweren Einkaufstaschen bepackt, stieg ich sechs Stockwerke hinauf und war ziemlich außer Atem, als ich endlich vor der Wohnung stand. Auch heute war die Tür nicht verschlossen.
Ich war, wie so oft, in der Stadt unterwegs gewesen, um Arbeit zu suchen. Und plötzlich fiel mir ein, dass die alte Schulze vor Kurzem erwähnt hatte, Doktor Baumann und seine Frau seien sang- und klanglos verschwunden, hätten sich noch vor der Grenzschließung in den Westen abgesetzt. Sie wissen doch, Frau Niemöller, die Baumanns vom Thälmannplatz. Mutter hatte nur mit den Schultern gezuckt – wir kannten diese Baumanns überhaupt nicht.
Auf dem Klingelschild stand noch der Name. Und die Wohnungstür war unverschlossen.
Es war gewesen, als würde ich in ein fremdes Leben eindringen. Die Luft war abgestanden und stickig. Auf dem Küchentisch lag geöffnete Post neben einem schrumpeligen Apfel, und im Eisschrank stand sauer gewordene Milch. Im Schlafzimmer sah ich auf einem der Nachttische ein aufgeschlagenes Buch, mit dem Text nach unten. Und der Kleiderschrank war voll, ebenso der Wäschepuff – ganz so, als hätten sie überhaupt nichts mitgenommen. Kein Wunder, denn wer mit Koffern über die Grenze wollte, wurde wegen »ungesetzlichen Verlassens der DDR« festgenommen.
Erst hatte ich befürchtet, jeden Moment ertappt zu werden. Dann aber war mir eine Idee gekommen: Wenn ich schon keine Chance auf eine eigene Wohnung hatte, konnte ich mir doch nehmen, was andere nicht mehr brauchten.
Ich stellte die Taschen auf den Küchentisch. Wie lange würde es wohl dauern, bis an offizieller Stelle bekannt wurde, dass die Baumanns fort waren? Laut Frau Schulze waren sie vor ungefähr zehn Tagen gegangen. Falls sie sich Urlaub genommen hatten, konnte es noch ein Weilchen dauern, bis jemand von der Stasi hier auftauchte. Die Stromrechnung hatten sie anscheinend im Voraus bezahlt, denn das Licht ging noch, und auch das Wasser war nicht abgestellt.
Ich war in vier verschiedenen Läden gewesen, bis ich alle Zutaten beisammenhatte. Zwei Stunden und vierzig Minuten hatte ich mit Schlangestehen verbracht und danach die Taschen zu Fuß hierhergeschleppt, weil die Straßenbahn nicht fuhr.
Ich packte meine Einkäufe auf den Tisch und stellte im Kopf eine Liste dessen zusammen, was noch zu erledigen war, bevor Heike kam. Es sollte ein unvergesslicher Abend werden …
Ich ging genau nach dem Rezept meiner Mutter vor, das ich heimlich aus ihrem Kochbuch abgeschrieben hatte, und kaum eine Stunde später zog ein verlockender Duft durch die Wohnung. Ich deckte den Tisch, stellte im Wohnzimmer und im Schlafzimmer Kerzen auf und faltete Servietten zu Fächern. Um halb sechs war ich mit den Vorbereitungen fertig.
Ich ging die Treppe hinab und wartete vor dem Haus auf Heike. Um Punkt sechs bog sie um die Ecke.
»Augen zu!«, sagte ich, als wir im sechsten Stock standen. Dann führte ich sie in die Wohnung. Zündete die Kerzen auf dem Esstisch an und sagte, jetzt könne sie die Augen wieder aufmachen.
»Julian!« Überrascht schlug sie die Hand vor den Mund. »Ist das schön! Und wie gut das Essen riecht!« Sie fiel mir um den Hals und küsste mich.
»Bitte Platz zu nehmen«, sagte ich vornehm und rückte ihr den Stuhl zurecht. Dann ging ich in die Küche, drehte die Platte unter dem Kochtopf auf, trug eine Flasche Rotwein ins Wohnzimmer und schenkte uns ein.
»Wie bist du an …?«
»Die Leute, die hier gewohnt haben, sind abgehauen.« Ich hob mein Glas, um ihr zuzuprosten. »Auf uns. Und auf unsere neue Bleibe.«
Heike kicherte, als wir miteinander anstießen.
Der Schmortopf schmeckte fast genauso wie bei meiner Mutter. Heike lobte meine Kochkunst, was mich stolz machte, und plauderte dann über dies und das. Paula habe schon wieder einen neuen Freund, sagte sie, einen amerikanischen Reporter diesmal. Sie erzählte auch von Walter und dass sie im Chitchat jetzt eine neue Sängerin hätten, weil die vorige anscheinend aus Ostberlin gewesen war.
Sie redete von Menschen und Dingen, die bis vor Kurzem zu meinem Leben gehört hatten – jetzt aber nicht mehr.
Heike merkte, dass ich auf meinen Teller starrte, und sagte leise meinen Namen.
Ich blickte auf und bemühte mich um ein Lächeln.
»Ist er nett, Paulas Amerikaner?«
»Julian, du fehlst uns. Ohne dich macht es keinen rechten Spaß mehr.«
Ich biss mir auf die Lippe und rührte mit dem Löffel im Teller herum.
Heike legte ihre Hand auf meine und schaute mir in die Augen.
»Ich fühle mich so leer …« Meine Stimme klang heiser.
»Das wird schon wieder. Bestimmt hast du bald eine neue Stelle. Die Grenze ist doch auch deshalb dicht gemacht worden, weil ihr Arbeitskräftemangel habt.«
Ich schnaubte. »Den Arbeitskräftemangel wollen sie aber nicht mit Grenzgängern beheben.«
»Es klappt bestimmt bald«, sagte sie mit so viel Überzeugungskraft, dass ich gar nicht anders konnte, als ihr zu glauben. »Dann wirst du neue Kollegen haben und neue Freunde finden.«
Ich nickte. Sie hatte ja recht.
Heike stand auf, stellte sich hinter mich und legte die Arme um meinen Hals. »Und ich besuche dich weiterhin.«
Ich wandte den Kopf und küsste sie.
»Garantiert hat keiner der neuen Kollegen eine Bekannte mit einer Cousine, die so lieb und nett ist wie du.«
Sie lächelte geschmeichelt und erwiderte den Kuss.
Wir ließen den Abwasch einfach stehen. Und ich verschwendete keinen Gedanken mehr an die Baumanns oder die Stasi, als wir eng umschlungen ins Schlafzimmer stolperten. Nur noch Heike war in meinen Gedanken. Ihre warme, weiche Haut. Ihre aufregenden Formen: Brüste, Bauch, Po. Federleicht glitten meine Finger über ihren Körper.
Sie kicherte und schubste mich aufs Bett.
Die Abendsonne ließ Heikes Haut bronzefarben schimmern. Durch das offene Fenster strich Wind herein, und ich zog die Decke über uns. Weder von der Straße noch aus den Nachbarwohnungen waren Geräusche zu hören. So könnte ich ewig liegen bleiben, dachte ich, während die Sonne hinter den Häusern gegenüber versank und die Schatten im Raum sich vertieften.
Auch als es ganz dunkel war, lagen wir noch im Bett. Ich befand mich irgendwo zwischen Wachen und Schlafen, wollte aber auf keinen Fall richtig schlafen, um jede Sekunde unseres Beisammenseins auszukosten.
»So müsste es für immer sein.« Ich knipste die Nachttischlampe an.
Heike lächelte, sagte aber nichts.
»Ich meine das ernst. Zieh hierher. Dann können wir für immer zusammen sein.« Die gleiche Bitte hatte sie vor nicht allzu langer Zeit an mich gerichtet.
»Julian …« Ein Seufzer.
»Es wäre wunderbar«, fuhr ich rasch fort. »Wir hätten unsere eigene Bleibe.«
»Aber wir können doch nicht illegal hier wohnen.«
»Nur für kurze Zeit, bis wir eine Wohnung zugewiesen bekommen.«
»Julian …« Sie richtete sich ein wenig auf. »Ich hab drüben meine Arbeit. Paula. Meinen Freundeskreis. Das kann ich doch nicht alles aufgeben …«
Sie schwieg abrupt.
Hatte mich einer gefragt, ob ich – umgekehrt – alles aufgeben wollte?
»Ich kann dich jederzeit besuchen. So wie jetzt.«
»Das reicht mir nicht. Ich will immer mit dir zusammen sein.«
»Demnächst hast du wieder Arbeit, dann bist du den Tag über beschäftigt. Und abends bin ich da.«
»Ich will dich aber nicht nur abends. Ich will dich die ganze Nacht.«
Sie legte den Kopf an meine Schulter und schwieg.
Ich hätte das nicht sagen sollen. Mir war, als würde eine große Uhr überlaut ticken. Um mir klarzumachen, wie kurz bemessen unsere Zeit war. Bald musste Heike wieder über die Grenze. Es war ein wenig wie im Märchen von Aschenputtel: Jedes Mal Schlag Mitternacht war der Zauber gebrochen.
Um halb zwölf suchte sie ihre Kleider zusammen. Auch ich zog mich an, schloss das Fenster und stellte das Geschirr in die Spüle. Leise gingen wir die Treppe hinunter.
»Ich komme morgen wieder her. Versprochen.« Heike gab mir einen letzten Kuss.
»Denkst du noch mal drüber nach?«
»Ich mag dich sehr, Julian«, umging sie die Antwort.
Ich sah ihr nach, bis sie um die Straßenecke bog, und machte mich dann auf den Nachhauseweg.
Am nächsten Tag kam Heike nicht. Weder um sechs Uhr noch um sieben.
Den ganzen Abend wartete ich in der fremden Wohnung auf sie. Und grübelte. Hatte ich sie mit meinem Anliegen überrumpelt? Oder war ihr womöglich etwas zugestoßen?
Ich ging so schnell im Wohnzimmer auf und ab wie die Gedanken durch meinen Kopf rasten. Mehrmals stieg ich die Treppe hinab, hielt vor der Haustür Ausschau, ging sogar bis zur Straßenecke. Schließlich legte ich mich hin. Das Bettzeug roch noch nach ihr. Dennoch schnürte die Angst mir fast die Luft ab. Ich wollte Heike um keinen Preis verlieren.
Es wurde Mitternacht, ohne dass sie auftauchte. Todmüde schleppte ich mich nach Hause.
Als ich sie am nächsten Morgen von einer Zelle aus anrufen wollte, fiel mir ein, dass die Telefonverbindungen mit dem Westen gekappt worden waren.
Und kurz darauf hörte ich, was passiert war: Die Grenze war endgültig dicht. Nach beiden Seiten hin. Auch die Westberliner durften jetzt nicht mehr herüber.
NEUN
Berlin wurde von einer Hitzewelle heimgesucht. An den folgenden Tagen war es bis zu dreißig Grad warm. Das öffentliche Leben stagnierte. Die Leute stellten abends Stühle auf den Bürgersteig und blieben bis spät in die Nacht dort sitzen, in der vergeblichen Hoffnung, dass es abkühlte. Alte Frauen fächelten sich mit gefaltetem Zeitungspapier Luft zu, Kinder sprangen in Unterwäsche auf der Straße herum und spielten mit wassergefüllten Luftballons. Die Eisverkäufer machten schon am Vormittag das Geschäft ihres Lebens. Im Volkspark Friedrichshain war kaum mehr ein Quadratmeter Rasen frei. Die Hitze drang in die Mauern und weichte den Asphalt auf.
Ich dachte an die Grenzsoldaten, die in ihren Uniformen ausharren mussten, auch wenn ihnen der Schweiß unterm Helm hervorlief. Aber Pflicht war nun einmal Pflicht.
Ich selbst blieb zu Hause. Kam so gut wie nicht mehr aus meinem Zimmer. Die Sonne, die Fröhlichkeit und das Lärmen der Kinder waren mir zuwider. Die meiste Zeit lag ich auf dem Bett. Zu meiner Mutter hatte ich gesagt, ich fühlte mich nicht wohl. Die Luft in meinem Zimmer war schwer und stickig, aber ich konnte mich nicht aufraffen, das Fenster zu öffnen. Hatte vielmehr den Vorhang zugezogen, um mich ganz gegen die Außenwelt abzuschotten.
Ich hatte genug. Genug von der Stadt, in der ich wohnte. Genug von dem Land, in dem ich lebte. Genug von dem System, das mein Leben diktierte. Mich darüber aufzuregen, fand ich aber nicht die Kraft. Ich lag einfach nur da und suhlte mich in meinem Leid. Ließ sämtliche Erinnerungen an Heike Revue passieren, wieder und wieder, auch wenn es mir dadurch nur noch schlechter ging und das Gefühl der Leere sich ins Unermessliche steigerte.
Nur zum Essen stand ich auf. Zu trinken brachte Mutter mir ans Bett. Sie verlor kein Wort über meinen desolaten Zustand, obwohl sie den Grund dafür kannte. Durch die dünnen Wände hörte ich Vater herumschimpfen. Ich sei ein Drückeberger und solle zusehen, dass ich endlich wieder Arbeit fände. Aber Mutter sorgte dafür, dass er mich in Ruhe ließ, und sie erzählte ihm auch nichts von meinem Kummer.
Als es endlich etwas kühler wurde, fühlte ich mich wieder lebendiger, und Wut stieg in mir auf. Ich würde mich nicht unterkriegen lassen. Ich würde um Heike und um unser Glück kämpfen! Mit diesem festen Vorsatz verließ ich mein Zimmer.
ZEHN
Zwei Stufen auf einmal nehmend, hastete ich die Treppe hinauf. Ich hatte mich nicht angekündigt und hoffte darum, Rolf wäre zu Hause. Er teilte eine Neubauwohnung mit zwei Freunden, Alexander und Volker. Sie war nicht groß, hatte aber eine eigene Toilette und Zentralheizung. Ich besuchte meinen Bruder oft. Immer wenn ich es zu Hause nicht mehr aushielt, weil Vater schlechte Laune hatte oder Franziska mir auf die Nerven ging, suchte ich bei ihm »Asyl«.
Ich klopfte. Es dauerte ein wenig, dann hörte ich Schritte, und die Tür ging auf.
Rolf stand vor mir, in Unterhose, Hemd und Socken.
»Komm rein.«
Ich folgte ihm in sein Zimmer.
Rolf fragte nie nach dem Grund meines Kommens. War ich aufgebracht, dann ließ er mich schimpfen und wettern, wollte ich hingegen nichts sagen, schwieg auch er.
Er setzte sich an den kleinen Tisch am Fenster, und ich nahm, wie üblich, auf seinem Bett Platz.
Rolf griff nach der Hose, die auf dem Tisch lag, und machte sich daran, einen Knopf anzunähen.
»Ich will von hier fort«, fiel ich mit der Tür ins Haus.
Mit der Nadel zwischen den Lippen sah er mich an. »Warum das? Du bist doch gerade erst gekommen«, nuschelte er.
»Mit ›hier‹ meine ich Ostberlin. Ich will in den Westen.«
Der Gedanke war mir schon an dem Tag gekommen, als sie mit dem Mauerbau anfingen. Erst hatte er nur im Hinterkopf herumgespukt, aber seit Heike nicht mehr über die Grenze durfte, beschäftigte er mich fortwährend.
Langsam hob Rolf die Hand, nahm die Nadel aus dem Mund und legte sie ebenso langsam auf den Tisch.
»In den Westen willst du? Und das fällt dir erst jetzt ein, nachdem sie die Grenze zugemacht haben und keiner mehr rüberkann? Warum nicht vor dem 13. August, als du noch die Hälfte deiner Zeit in Westberlin verbracht hast?«
Ich ignorierte den sarkastischen Tonfall.
»Dieses Land erstickt mich.«
Er legte die Hose wieder weg und sah mich eine Weile schweigend an.
»Ich will bei Heike sein. Und ich will frei sein.« Schon im nächsten Moment kamen mir meine Worte banal vor. Wie sollte ich Rolf deutlich machen, was für eine Leere in meinem Innern herrschte?
»Alles, was mir wichtig ist, ist drüben«, ergänzte ich. »Meine Freundin, meine Kollegen, meine Arbeit …«
»Aber hier hast du deine Familie.«
Ich seufzte. »Ich weiß …« Als hätte ich mir das nicht überlegt. Jeder Entschluss für etwas ist auch ein Entschluss gegen etwas.
Rolf zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich zurück.
»Du weißt aber schon, wie gefährlich das ist, oder? Letzte Woche ist ein Mann erschossen worden, der durch den Teltowkanal schwimmen wollte. Erschossen, Julian! Die Grenzer haben ihn vom Ufer aus einfach abgeknallt.«
Natürlich hatte ich von dem Vorfall gehört. Auf einem Flugblatt hatte gestanden: »Ein Handlanger der kalten Krieger konnte seinen Auftrag nicht zu Ende führen. Eine Laus am Körper unseres Arbeiter- und Bauernstaates wurde zerdrückt, bevor sie beißen konnte.«
»Ich bin hier unglücklich.« Ich zog die Beine hoch, zupfte an meinen Schnürsenkeln herum und fragte mich, warum ich damit überhaupt zu Rolf gegangen war. Hatte ich insgeheim auf seine Unterstützung gehofft? Was für eine Idee, wo ich doch gerade gesagt hatte, ich wollte weg – weg von der Familie, weg von ihm! Oder hatte ich etwa gehofft, er würde mir mein Vorhaben ausreden? Unsicher geworden, legte ich den Kopf auf die Knie und schloss für einen Moment die Augen.
»Und wie willst du das machen?«
Ich blinzelte überrascht.
»Ich hab mir gedacht, dass es Stellen geben muss, die ihnen entgangen sind. In nur drei Wochen kann man doch nicht ein ganzes Land lückenlos abriegeln. Und so eine Stelle muss ich finden.«
Rolf sagte nichts dazu, aber ich wusste, dass er das Gleiche dachte wie ich. Die Grenze war mit einer Mauer aus Betonblöcken und Stacheldraht gesichert und wurde von Soldaten bewacht. An der Spree und den anderen Wasserwegen patrouillierten Scharfschützen. Die Zugänge der U-Bahn-Stationen waren abgeriegelt und wurden ebenfalls bewacht.
Rolf zog an seiner Zigarette, inhalierte tief und blies den Rauch aus.
»Bist du ganz sicher, dass du das willst?«, fragte er.
»Ja.« Jetzt war ich mir meiner Sache wieder vollkommen sicher. Ich hatte mir das Ganze schon x-mal durch den Kopf gehen lassen. Und ich war hier, weil ich einen Entschluss gefasst hatte und ihn meinem Bruder mitteilen wollte.
»Ich liebe Heike wirklich, Rolf.« Meine Stimme klang heiser. »Ohne sie ist alles sinnlos. Und überleg doch mal, wie wir hier leben! Nichts als Vorschriften und Verbote! Bis hierher und nicht weiter … im wahrsten Sinn des Worts! Ich will frei sein und selber über mein Leben bestimmen.«
Rolf nahm wieder einen Zug.
»Hast du schon mit Mutter darüber gesprochen?«
»Nein. Die Eltern dürfen nichts erfahren, sonst macht man sie später mitverantwortlich.«
Die Wohnungstür ging, und im Flur waren Schritte zu hören.
»Honey, we’re hoo-ome!«, rief Rolfs Mitbewohner Alex, und Sekunden später steckte er den Kopf herein. »Hast du schon gegessen? Wir haben Hähnchen und Bier geholt. Ach, da ist ja Julian. Bleibst du zum Essen?«
»Nein danke.« Ich stand auf. Jetzt konnten wir ohnehin nicht mehr ungestört reden.
»Hast du morgen Zeit?«, fragte Rolf.
Ich verzog das Gesicht. »Ich hab immer Zeit. Mich will ja keiner einstellen.«
»Gut, komm am Abend her, dann reden wir weiter.« Er stand ebenfalls auf und klopfte mir auf die Schulter.
»Danke. Ich … äh …«
Rolf fasste mich am Arm und zog mich zur Tür. »Bis morgen.«
Draußen auf der Straße holte ich tief Luft. Ich würde es tun. Auf jeden Fall! Wie zur Bekräftigung klatschte ich mit der flachen Hand gegen die Tür. Dann nahm ich mein Rad, das an der Hauswand lehnte, schwang das Bein über die Stange und sauste davon.
ELF
Beim Abendessen plagten mich Schuldgefühle. Ich saß neben Vater und gegenüber Mutter. Franziska war bei einer Freundin. Im Radio liefen die Nachrichten, aber ich bekam kaum etwas davon mit. Ich konnte einzig und allein an mein Vorhaben denken und welchen Einfluss es auf das Leben meiner Eltern haben würde. Und dass sie von alldem nichts ahnten …
Mutter schöpfte schweigend die Suppe aus. Als sie merkte, dass ich ihr zusah, lächelte sie mich an. Mein Herz krampfte sich zusammen.
Vater hatte sein gesundes Ohr dem Radio zugewandt und begann mechanisch zu löffeln. Dass er schlürfte, schien er gar nicht zu merken. Wahrscheinlich würde es auch ihm leidtun, wenn ich fort war, auch wenn er sich nichts würde anmerken lassen. Er würde etwas Unverständliches brummen und das Radio anschalten, um die Stille zu durchbrechen. Das Radio war seine Zuflucht in allen Lebenslagen.
Schon öfter hatte ich mich gefragt, wie er früher gewesen war, vor dem Krieg, als er Mutter kennenlernte. Der Krieg hatte ihn verändert, keine Frage. Auch an meiner Mutter waren diese Jahre nicht spurlos vorbeigegangen. Sie hatte mit drei kleinen Kindern allein dagestanden, zum Kriegsende hin in einer schwer umkämpften Stadt. Ich wusste noch, dass sie große Angst vor den Russen gehabt hatte, nicht aber, wie sie damit fertiggeworden war. Seltsam, dass man die eigenen Eltern immer nur in ihrer Elternrolle wahrnimmt und nicht ahnt, wie sie als Mann und Frau, als Freund und Freundin, als Bruder oder Schwester sind oder waren.
Auch Mutter hatte zu essen begonnen.
Sie würde mir am meisten fehlen …
Trotzdem fühlte es sich richtig an. Ich wollte mein Leben nicht in einer Stadt verbringen, in der bewaffnete Soldaten bestimmten, wo ich zu gehen und zu stehen hatte, wo eine Grenze aus Steinen und Stacheldraht mich von Heike trennte. Ich musste und wollte fort, und ich würde es schaffen.
Ein Klopfen an der Wohnungstür.
Ich ging öffnen.
»N’Abend, Julian.« Frau Schulze drängte sich an mir vorbei und steuerte auf unser Wohnzimmer zu.
»Ach, ihr seid gerade beim Essen«, sagte sie.
Was sonst – um sechs Uhr abends?
»Ich störe hoffentlich nicht?« Sie saß bereits, noch ehe Mutter den Mund aufmachen konnte. »Haben Sie schon gehört, dass die Baums, also Heinz Baum und seine Frau, ihr Auto bekommen haben? Dabei standen sie erst drei Jahre auf der Warteliste. Da fragt man sich doch, wo die sich lieb Kind gemacht haben. Denn so, wie ihr Sohn sich benimmt … eine Schande ist das … gegen alle sozialistischen …«
Weil ich ihr Geschwätz nicht mehr hören mochte, schaltete ich auf Durchzug. Ich sah nur noch die Mundbewegungen, ließ ihre Worte nicht in mein Gehirn dringen. Das mit ganz anderen Dingen beschäftigt war. Die Schulze würde ich jedenfalls nicht mehr lange zu ertragen brauchen. Schon öfter hatte ich überlegt, ob sie uns wohl im Auftrag der Partei indoktrinierte. Was mich nicht wundern würde. Die alte Schulze als Instrument der Partei … bei diesem Gedanken musste ich grinsen. Vielleicht war sie gar kein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern ein Roboter, der eingespeicherte Propagandatexte abspulte.
Niemand achtete auf mich, als ich aufstand, meine Jacke anzog und die Wohnung verließ.
»Willst du immer noch in den Westen?«, fragte Rolf, als wir in seinem Zimmer saßen.
»Ja, ich hab mir das gut überlegt.«
Er blickte von der Zigarette auf, die er gerade drehte, und musterte mich eingehend.
Wahrscheinlich würde er gleich sagen, dass ich dann meine Familie nicht mehr sehen könnte und Mutter furchtbar wehtun würde.
Aber er schwieg.
»Ich finde schon eine Möglichkeit. Irgendwo muss eine Schwachstelle sein, und die muss ich finden, ehe sie selber darauf aufmerksam werden. Also habe ich nicht viel Zeit. Je länger ich warte …«
»Ich gehe mit.«
Entgeistert starrte ich ihn an.
»Ich gehe mit«, wiederholte Rolf mit fester Stimme.
»Aber du … hast doch gesagt … Mutter …«
»Mutter wird’s überleben. Um dich mache ich mir mehr Sorgen als um sie. Das Ganze ist kein Ausflug, Julian, sondern brandgefährlich. Zu zweit haben wir bessere Chancen.«
»Aber du hast doch dein Leben hier.«
»Ich lass dich auf keinen Fall allein gehen.« Rolf lehnte sich zurück. »Seit gestern Abend habe ich nachgedacht. Über das, was du gesagt hast, von wegen selber über sein Leben bestimmen. Ich will mit – wir machen das zu zweit.« Er leckte das Papierchen an, drückte es fest und legte die Zigarette auf den Tisch.
Ich konnte kaum glauben, was er gesagt hatte. War ich doch nur hergekommen, um mich noch einmal zu versichern, dass mein Entschluss stand, und um vielleicht ein paar Tipps von ihm zu bekommen. Aber nun wollte er mit!
Mir fehlten die Worte. Einfach nur danke sagen, schien mir zu banal, zumal er bereit war, sein Leben für mich zu riskieren.
»Außerdem würde ich gern mal Paris sehen.« Rolf zündete die Zigarette an, nahm einen Zug und blies den Rauch zur Decke. »Und das Nordlicht. Und das Mittelmeer.«
Ich lächelte. All das würde möglich sein …
»Die Frauen in Italien, von denen heißt es doch, dass sie besonders heißblütig sind. Davon möchte ich mich gern überzeugen.« Rolf grinste. »Und dann erzähl ich dir davon, denn das mit Heike …« Er wiegte scheinbar nachsichtig den Kopf.
ZWÖLF
Ich würde sie finden, die Schwachstelle, die sie übersehen hatten. Immer wieder ging ich an der Grenze entlang, schätzte den Abstand zwischen den Bewachern, versuchte herauszufinden, ob sie nach einem bestimmten Muster patrouillierten, merkte mir, wo Hunde eingesetzt wurden und wo noch Bauarbeiter beschäftigt waren.
Fast täglich berichtete das Westradio von Fluchtversuchen. In der DDR wurde darüber geschwiegen. Nur wenn es Zeugen gegeben hatte, stand in der Zeitung eine Kurzmeldung, von wegen, dass wieder ein Spion versucht habe, sich in den kapitalistischen Westen abzusetzen. Die meisten Fluchtversuche, so schien es mir, waren nicht gut geplant, sondern Verzweiflungstaten. Die Leute versuchten, über die Mauer zu klettern oder durch den Kanal zu schwimmen, und gingen damit ein hohes Risiko ein. Ich würde es anders machen, würde einen ausgeklügelten Plan entwerfen, der gute Chancen auf Erfolg hatte.
An vielen Stellen war die Mauer inzwischen mannshoch und versperrte den Blick in den Westen. Drüben hatte man hier und da Holzplattformen gebaut, auf denen Leute standen, die riefen und winkten. Oder einfach nur herüberschauten. Ich ignorierte sie, weil sie mich nervös machten. Die Grenzwächter hingegen behielten sie mit Ferngläsern im Auge und warfen, wenn sie provoziert wurden, mit Steinen. Als ich auf einem der Podeste Männer mit Filmkameras erspähte, brachte ich mich rasch außer Sichtweite.
Ein Stück weiter war die Mauer niedriger; dort konnten Ost und West einander noch in die Augen schauen. Ich sah ein Brautpaar auf der Westseite, weinend und mit ausgestreckten Armen. Und hier, auf unserer Seite, ein Grüppchen in Festtagskleidung. Der Grenzer schaute sich verstohlen um und dann demonstrativ weg. Sofort gingen die Ostler bis zur Mauer und fassten darüber hinweg die Hände der Jungverheirateten. Eine Hand mit einem Ring wurde in die Höhe gehalten. Ich sah, wie es im Gesicht des Grenzers zuckte. Offenbar war ihm klar geworden, was diese Mauer anrichtete. Nach ein paar Minuten jedoch wurde er unruhig und forderte die ostdeutsche Familie mit barschen Worten auf zurückzutreten.
In der Bernauer Straße, so hatte ich gehört, verlief die Grenze unmittelbar an den Häusern entlang. Die Häuser selbst gehörten zum Osten, der Bürgersteig davor aber zum Westen. Ich folgte der Ruppiner Straße bis zur Kreuzung mit der Bernauer Straße und sah eine schulterhohe Absperrung. In einiger Entfernung von den Grenzwächtern blieb ich stehen, den Blick auf das vierstöckige Eckhaus gerichtet. Im Erdgeschoss befand sich eine Eisenwarenhandlung, deren Zugang auf der Westseite lag. Der Laden war leer geräumt. Mir fiel ein Kellerschacht auf. Ein Kellerschacht im Osten … und ein Zugang im Westen …
Mir kam eine Idee, nebulös noch, aber ehe sie Form annehmen konnte, fuhren zwei Lastwagen vor, einer mit Soldaten, der andere leer, und hielten vor dem Haus, das ich im Visier hatte. Die Soldaten sprangen herab und liefen in das Gebäude. Ich trat ein paar Schritte zurück und sah, dass drüben im Westen etliche Schaulustige stehen geblieben waren.
Bald kamen die Soldaten wieder aus dem Haus. Sie schleppten Möbel, die sie auf die Lastwagen luden. Ihnen folgten die Bewohner, viele mit Koffern. Sie wurden aufgefordert, die Wagen zu besteigen.
»Hier ist es gefährlich, aber wir bringen Sie in Sicherheit, Sie brauchen keine Angst zu haben«, sagte einer der Männer zu einer alten Frau. Sie schien seine Worte gar nicht wahrzunehmen, blieb mitten auf der Straße stehen und starrte wie abwesend das Haus an.
Zu gefährlich, dachte ich, zu gefährlich für unseren Staat. Zu gefährlich, weil diese Leute versuchen könnten zu fliehen. Ich biss mir auf die Lippe.
Hinter der alten Frau waren noch mehr Personen aus dem Haus gekommen, alle mit bedrückten Gesichtern. Es fiel ihnen sichtlich schwer, ihr Zuhause zu verlassen. Ein kleines Mädchen auf dem Arm seiner Mutter kreischte in den höchsten Tönen: »Felix! Felix!« Und es streckte die Ärmchen in Richtung Haustür.
Die Mutter versuchte, das Kind zu beschwichtigen. »Felix wird bald bei uns sein, Liebes. Ganz bestimmt.«
Aber die Kleine war untröstlich.
»Wir kommen jeden Tag her und schauen nach, ob er da ist«, versprach die Mutter. Dann half ein Soldat ihr auf den Lastwagen.
Mit einem Mal entstand jenseits der Mauer Unruhe. Die Leute, die sich dort eingefunden hatten, blickten alle in die Höhe.
Ich ebenso. Und auch die Grenzwächter.
An einem Fenster im dritten Stock bewegte sich etwas. Ich konnte aber nicht genau sehen, was dort passierte. Ein Grenzer machte den Soldaten ein Zeichen. Daraufhin stürmten zwei von ihnen ins Haus. Von Westen her aufgeregte Rufe. Ein Feuerwehrauto fuhr drüben vor. Was war da los? War Feuer ausgebrochen? Ich sah weder Flammen noch Rauch, und es lag auch kein Brandgeruch in der Luft. Weil die Grenzwächter weiterhin nach oben starrten, wagte ich mich etwas näher heran und bemerkte, dass die Feuerwehrleute ein Sprungtuch ausbreiteten. Als ich den Blick wieder hob, sah ich sie: eine alte Frau, die im dritten Stock auf den Fenstersims geklettert war. Zu springen traute sie sich aber nicht, obwohl die Zuschauer sie anfeuerten. Sie blickte in die Tiefe und dann über die Schulter in ihre Wohnung. Hinter ihr erschien ein Arm in Uniform, der die Frau packte. Die Soldaten versuchten anscheinend, sie vom Fenster wegzuziehen. Die alte Frau setzte sich zur Wehr, verlor das Gleichgewicht und fiel. Fiel neben das Sprungtuch.
Ich hatte den Aufprall nicht gesehen, wohl aber gehört.
Oben steckte ein Soldat den Kopf aus dem Fenster, zog ihn aber gleich wieder zurück.
Die Grenzwächter gestikulierten aufgeregt zu den Lastwagen hin, die sogleich losfuhren, damit die Nachbarn der alten Frau nichts mehr von dem Drama mitbekamen.
Dann bemerkte einer von ihnen mich und gab mir mit einer Gebärde zu verstehen, ich solle machen, dass ich fortkomme. Wie betäubt drehte ich mich um und ging davon.
Tags darauf ging ich wieder zu dem Haus, um mir noch einmal zu vergegenwärtigen, was da geschehen war. Und dass ich einen Plan brauchte, einen wasserfesten Plan. Auf keinen Fall durfte Verzweiflung meine Triebfeder sein.
Schon von Weitem sah ich die Bauarbeiter. Sie trugen Steine und Zement ins Haus, um die nach Westen gerichteten Fenster zuzumauern. Der Kellerschacht war bereits verschlossen. Und damit war die Fluchtmöglichkeit, die ich ins Auge gefasst hatte, dahin.
DREIZEHN
Ich drehte mein Glas in den Händen und bedauerte, dass ich kein Buch mitgenommen hatte. Es würde noch über eine Viertelstunde dauern, bis Rolf kam, und ich fühlte mich höchst unwohl, weil ich glaubte, Verdacht zu erregen, indem ich allein hier herumsaß. Im Grunde blödsinnig. Denn schließlich war es normal, dass jemand in einer Kneipe saß und auf eine Verabredung wartete. Auf Freunde, auf die Liebste, auf wen auch immer … Dass ich auf meinen Bruder wartete, um unsere Republikflucht zu besprechen, wie es im Stasi-Jargon hieß, konnte keiner ahnen. Dennoch machte ich mir Sorgen. Auch in der Planungsphase auffliegen konnte Zuchthaus bedeuten, zumindest aber den Verlust sämtlicher Zukunftsperspektiven.
Ich schluckte. Wenn ich jetzt schon nervös war, was sollte dann, um Himmels willen, werden, wenn …
Ich nahm einen großen Schluck Bier und versuchte, an etwas anderes zu denken.
Mein Blick glitt über die Fensterscheiben, auf die der Regen feine, schräge Striche zeichnete. Und dann zu den Tischen, die alle besetzt waren. Zur Straßenseite hin saßen zumeist Pärchen, weiter hinten größere Gruppen an langen Tischen zwischen hölzernen Trennwänden. Ich hatte mir einen Platz etwas abseits ausgesucht, damit niemand unser Gespräch mithören konnte.
Die Bedienung eilte geschäftig hin und her, ohne auf mich zu achten. An der Theke linkerhand warteten etliche Leute darauf, dass ein Tisch frei wurde, und ich hoffte, keiner würde auf die Idee kommen zu fragen, ob er sich bei mir dazusetzen könne.
Mein Blick blieb an einer jungen Frau hängen, die an der Theke saß. Sie wandte mir den Rücken zu und wirkte irgendwie isoliert, schien in ihr Glas zu starren. Ihre langen blonden Locken erinnerten mich an Heike.
Ob Heike wohl ahnte, dass ich mich nicht mit der Situation abfinden würde? Dass ich plante, in den Westen zu kommen? Würde sie auf mich warten? Was, wenn sie davon ausging, wir wären auf immer getrennt, und die Hoffnung aufgegeben hatte, mich je wiederzusehen? Dieser Gedanke schnürte mir die Kehle zu.
Wieder nahm ich einen großen Schluck, aber der Kloß im Hals ließ sich nicht wegspülen. Wir mussten uns beeilen, Rolf und ich. Gestern hatte er gesagt, er wüsste vielleicht eine Möglichkeit. Hoffentlich etwas, das sich schnell umsetzen ließ. Es war jetzt schon einen Monat her, dass mit dem Mauerbau begonnen wurde. Jeder weitere Tag, den wir warteten, verringerte unsere Chancen.
Die Türglocke schlug an. Unwillkürlich schaute ich hin und sah Wolfgang Wichser. Was, verdammt noch mal, hatte der hier zu suchen?
Er klopfte erst seine nasse Uniform ab, dann sah er sich um. Ich duckte mich und versuchte gleichzeitig, ihn im Auge zu behalten. Er fuhr sich durch die Haare, knöpfte dann die Jacke auf und kam mit großen Schritten in meine Richtung.
Auch das noch!
Wenn ich jetzt aufstand und auf die Toilette ging, würde er garantiert aufmerksam, darum machte ich mich so klein wie nur möglich. Und stellte fest, dass er gar nicht auf mich zusteuerte, sondern sich neben das Mädchen mit den blonden Locken an die Theke setzte und ein Getränk bestellte.
Ich kam mir so blöd vor, dass ich mich selbst hätte ohrfeigen können.
Nun, da er mir den Rücken zukehrte, richtete ich mich wieder auf.
Er hatte inzwischen ein Bier vor sich stehen und sagte etwas zu dem Mädchen. Als sie ihm das Gesicht zuwandte, erhaschte ich einen Blick darauf. Sie war schön, wenn auch nicht so schön wie Heike. Wie sie wohl aussehen mochte, wenn sie lachte? Jetzt aber wirkte sie müde und erschöpft, hatte dunkle Schatten unter den Augen, und die Mundwinkel waren herabgezogen.
Wolfgang redete weiter auf sie ein. Sie bemühte sich um Freundlichkeit, aber ihr Blick verriet, dass sie lieber ihre Ruhe haben wollte. Was Wolfgang komplett ignorierte. Er bestellte ein Getränk für sie, obwohl sie abwinkte. Und erzählte ihr dann offenbar Witze, denn er lachte selbst in einem fort. Das Mädchen drehte sich wieder zur Theke hin – ein Wink mit dem Zaunpfahl, den Wolfgang aber nicht verstand. Er zündete sich eine Zigarette an und hielt ihr seine Packung hin. Sie lehnte ab und sagte etwas, das Wolfgang amüsierte, denn er lachte lauthals. Und legte die Hand auf ihren Unterarm. Sie zuckte zusammen, schüttelte ihn aber nicht ab. War sie zu höflich, um ihn abzuweisen? Oder traute sie sich seiner Uniform wegen nicht?
Sie tat mir leid, und ehe ich mich’s versah, war ich aufgestanden und zu den beiden hingegangen.
»N’Abend«, sagte ich betont locker zu dem Mädchen. »Tut mir leid, dass ich zu spät dran bin.«
Sie warf mir einen verwunderten Blick zu, erwiderte aber nichts. Ich betrachtete Wolfgangs Hand auf ihrem Arm. »Sag mal, was fällt dir eigentlich ein? Pfoten weg!«
Reflexartig zog er die Hand fort, dann erst schien er zu merken, wer ihm gegenüberstand.
»Sieh an, unser Grenzgänger! Oder sollte ich besser sagen: Ex-Grenzgänger?«
»Da drüben ist was frei«, sagte ich zu der Blonden und machte eine Kopfbewegung zu dem Tisch hin, von dem ich eben aufgestanden war.
»Warum bist du nicht drüben bei deiner Westhure?«, fragte Wolfgang anzüglich. »Ach so, das geht ja nicht mehr. Jetzt musst du dich mit Ost-Frauen begnügen.« Er grinste hämisch.
Ich biss die Zähne zusammen. Ihm eine reinzuhauen, hilft nichts, sagte ich mir.
Das Mädchen war vom Barhocker gerutscht und machte Anstalten, mit mir zum Tisch zu gehen, doch Wolfgang stand auf und vertrat ihr den Weg.
»Willst du dich wirklich mit so einem Profiteur abgeben?«, fragte er herausfordernd.
»Halt’s Maul, Wolfgang Wichser!« Es war mir herausgerutscht, ehe ich mich’s versah. Ich hielt die Luft an und machte mich auf einen Fausthieb gefasst, doch Wolfgang war anscheinend zu perplex, weil ich es gewagt hatte, den alten Spottnamen zu gebrauchen.
Ich nutzte die Gelegenheit, fasste das Mädchen bei der Hand und zog sie mit zu meinem Tisch.
Dort setzten wir uns einander gegenüber.
Wolfgang sandte uns noch einen drohenden Blick, drehte sich dann aber um und bestellte ein neues Bier.
»Danke«, sagte das Mädchen leise, den Blick auf die Tischplatte gerichtet.
»Keine Ursache. Ich hab ja gesehen, dass du nichts mit dem Kerl zu tun haben wolltest.«
»Du kennst ihn?«
»Ja. Ein Klassenkamerad von früher. Unangenehmer Bursche.« Sie lächelte.
»Das hab ich gemerkt.«
»Große Klappe, nichts dahinter.«
»Bist du …« Sie sah mich an. »Bist du wirklich Grenzgänger?« Es klang nicht abfällig, sondern neugierig.
»Ich war es. Bis sie die Grenze zugemacht haben. Seitdem bin ich arbeitslos. Hier im Osten will mich keiner haben.« Ich nahm einen Schluck von meinem inzwischen lauwarmen Bier. »Soll ich dir was zu trinken bestellen?«
Sie nickte, und ich winkte der Bedienung.
»Kennst du viele Leute im Westen?«, fragte sie.
»Meine ehemaligen Kollegen. Ein paar Freunde. Und meine Freundin wohnt auch drüben.« Der Gedanke an Heike ließ mich aufseufzen. »Aber jetzt habe ich keinen Kontakt mehr.«
»Auch nicht zu deiner Freundin?«
Ich schüttelte den Kopf. Und merkte nicht einmal, dass die Bedienung an unserem Tisch vorbeiging, ohne uns zu beachten.
»Mein Freund ist auch im Westen«, sagte sie nach ein paar Sekunden.
So leise, dass ich mir nicht sicher war, ob ich richtig gehört hatte. Aber als ich sie anschaute, sah ich Tränen in ihren Augen. Mir war auch zum Heulen zumute, aber was würde es nützen, wenn wir zu zweit flennten?
»Seit Kurzem erst«, fügte sie – noch leiser – hinzu.
»Wie? Seit Kurzem erst?« Ich beugte mich über den Tisch.
Sie wischte sich die Augen und warf einen schnellen Seitenblick zur Theke, wo Wolfgang uns nach wie vor den Rücken zukehrte. »Er ist geflohen.«
»Wann?«
»Am Freitag.«
Ich starrte sie an. Ihr Freund war geflohen? Vorgestern erst … Wie hatte er das gemacht? Am liebsten hätte ich ihr hundert Fragen auf einmal gestellt, aber ich schwieg, weil ich das Gefühl hatte, es wäre besser, sie reden zu lassen – falls sie wollte.
Und dann fing sie auch schon an. »Eigentlich sollte ich nicht mir dir darüber sprechen, wo ich dich doch überhaupt nicht kenne. Vielleicht arbeitest du für die Stasi. Aber so siehst du nicht aus.« Ein flüchtiges Lächeln. »Und Stasi-Leute sind ja wohl keine Grenzgänger, oder? Außerdem muss ich einfach mit jemandem darüber reden. Es macht mich völlig fertig, dass mein Freund fort ist. Und dass ich es keinem sagen darf … niemand darf wissen, dass ich …«
Ich griff nach ihrer Hand. Weil sie mir leidtat, vor allem aber, weil ich begierig darauf war, mehr zu erfahren.
»Wie ist er geflohen?«, fragte ich.
»Durch die Kanalisation.«
Dass wir daran nicht gedacht hatten! In der Kanalisation gab es jede Menge Ost-West-Verbindungen.
»Er hatte Kontakt mit Studenten im Westen. Die haben die Flucht organisiert. ›Unternehmen Reisebüro‹ nennen sie sich. Sechs Leute können jeweils rüber. Und dann haben sie noch einen Helfer, der den Gullydeckel wieder zumacht, wenn die anderen drunten sind. Es läuft nämlich so, dass man in der Nacht nicht weit von der Grenze in die Kanalisation einsteigt. Im Westen wartet dann einer, der einen aus dem Labyrinth rausführt.«
Das klang ebenso einfach wie einleuchtend.
»Und warum bist du nicht mitgegangen?«, konnte ich mich nicht enthalten zu fragen.
Wieder kamen ihr die Tränen.
»Wir beide sind als Letzte zu der Gruppe gestoßen, und da waren sie schon zu fünft: vier Frauen und ein Mann. Also konnte nur einer von uns mit, und sie haben sich für meinen Freund entschieden.«
Ich war unschlüssig. Sollte ich ihr verraten, dass auch mein Bruder und ich fliehen wollten? Vielleicht könnten wir sie ja mitnehmen? Andererseits kannte ich sie nicht … Dass sie sich mir, einem völlig Fremden, anvertraute, war mehr als unvorsichtig. Oder aber es verhielt sich so, dass sie für die Stasi arbeitete und mich aushorchen wollte.
»Ich stehe jetzt auf der Warteliste«, fuhr sie fort.
»Es sind also noch weitere Fluchten durch die Kanalisation geplant?«
Sie nickte.
Ich konnte es kaum fassen – das war ja gerade, als bekäme man die ideale Lösung auf dem Tablett serviert.
»Wann die nächste Gruppe geht, weiß ich aber nicht.«
»Störe ich?«
Ich fuhr zusammen und sah dann zu meiner Erleichterung, dass Rolf neben unserem Tisch stand. Erst jetzt wurde mir klar, dass das Mädchen und ich die ganze Zeit die Köpfe zusammengesteckt hatten.
Sie starrte Rolf an und schlug die Hand vor den Mund.
»Keine Sorge, das ist mein Bruder«, sagte ich.
»Tut mir leid, dass ich verspätet bin.« Rolf wollte sich neben mich setzen.
»Warte, wir gehen besser woandershin.« Ich stand auf.
Hier unsere Flucht besprechen, mit Wolfgang Wichser in ein paar Metern Abstand, war undenkbar.
»Ich geh dann mal.« Auch das Mädchen erhob sich.
»Komm doch mit.«
Sie schüttelte den Kopf.
»Ich muss nach Hause, wirklich. Es ist schon spät, und ich muss morgen früh raus, arbeiten.« Sie nahm ihre Tasche. »Danke fürs Zuhören.«
Sie lächelte mich an, schien einen Moment zu überlegen, ob sie mir die Hand geben sollte, ließ es aber und ging zur Tür.
»Warte!« Ich rannte ihr nach.
Draußen packte ich sie am Arm. Als sie mich erschrocken ansah, ließ ich sie los.
»Wir wollen auch fliehen!«, stieß ich hervor. »Geh jetzt nicht weg, bitte!«
Mit großen Augen sah sie mich an, den Blick voller Zweifel.
»Vielleicht können wir einander ja helfen. Ich heiße Julian. Julian Niemöller.« Dass es riskant war, nach dieser Eröffnung meinen Namen zu nennen, war mir klar. Falls sie für die Stasi arbeitete, würde ich in Teufels Küche kommen. Aber falls nicht, sah sie darin vielleicht einen Vertrauensbeweis.
»Ich muss nach Hause.«
»Dann lass uns ein andermal weiterreden, ja?« Fast schon flehentlich sah ich sie an.
Sie überlegte einen Augenblick.
»Kennst du den Friedhof an der Boxhagener Straße?«, fragte sie.
Ich nickte. Wo die Boxhagener Straße war, wusste ich. Und den Friedhof würde ich schon finden.
»Kommenden Sonntag um sieben abends.«
»Gut, mein Bruder und ich werden da sein.«
»Aber jetzt … muss ich wirklich …«
»Ich sage keinem ein Wort, du kannst dich auf mich verlassen.« Sie lächelte mir flüchtig zu, dann ging sie davon.
»Was war das denn?« Rolf stand hinter mir.
Breit grinsend drehte ich mich um. »Wir haben eine Verabredung«, sagte ich. »Nächsten Sonntag um sieben auf dem Friedhof an der Boxhagener Straße. Dort erfahren wir mehr über den genialsten Fluchtplan aller Zeiten.«
Rolf machte eine skeptische Miene.
»Komm, wir gehen zu dir«, sagte ich. »Dann erzähle ich dir von dem Mädchen, das Heike ähnlich sieht, aber nicht Heike ist.«
VIERZEHN
Es war ein Tag zum Ersticken. Was das Wetter betraf und auch sonst. Der Himmel war verhangen, aber unter der Wolkendecke herrschte eine Schwüle, als könnte jede Minute ein Gewitter losbrechen. Mir war, als wäre nicht nur die Luft um mich herum, sondern auch mein Inneres elektrisch aufgeladen.
Heute waren wir mit dem blonden Mädchen auf dem Friedhof verabredet. Falls ihr zu trauen war, würde sie dort auf uns warten. Falls nicht, jemand von der Stasi.
Die Woche hatte sich zäh und langsam hingezogen, und heute wollte die Zeit überhaupt nicht vergehen. Im Gottesdienst am Vormittag hatte ich mich fortwährend umgesehen, nach Männern Ausschau gehalten, die mich eventuell verfolgten, weil etwas durchgesickert war. Aber da war niemand, weder in der Kirche noch auf dem Nachhauseweg. Irgendwie überstand ich das Mittagessen, zu dem Frau Schulze sich selbst eingeladen hatte, und zog mich dann in mein Zimmer zurück, um Schallplatten zu hören. Auf dem Bett liegend, ließ ich zur Musik sämtliche Erinnerungen an Heike vor meinem inneren Auge vorbeiziehen. Es kam mir vor, als hätten wir uns vor einer Ewigkeit das letzte Mal gesehen, und meine Sehnsucht nach ihr wurde so groß, dass die Brust schmerzte.
Kurz vor dem Abendessen kam Rolf, und Mutter freute sich so über den unerwarteten Besuch, dass außer ihr kaum jemand zu Wort kam. Sie redete ohne Punkt und Komma über alle möglichen Alltagsdinge. Was sie beim Bäcker gehört hatte … dass sie beim Fleischer eine geschlagene Stunde anstehen musste, dann aber tatsächlich Koteletts bekommen habe … dass die Tochter und der Schwiegersohn von Frau Katzenberg endlich Aussicht auf eine Wohnung hätten und deshalb nicht mehr lange mit dem Baby bei ihr wohnen müssten …
Wem wird sie all das erzählen, wenn wir beide nicht mehr da sind?, dachte ich unwillkürlich. Vater? Franziska? Frau Schulze? Ein Schuldgefühl wollte sich breitmachen, aber ich ließ es nicht zu. Mein Entschluss stand fest, es gab kein Zurück mehr.
Nach dem Essen zogen wir los. Mutter fragte überhaupt nicht, was wir vorhatten; wahrscheinlich glaubte sie, ihre Söhne gingen noch kurz auf ein Bier.
Draußen war es noch drückender als am Vormittag. Der Himmel war lila, und Böen trieben dicht am Boden erstes Herbstlaub durch die Straßen.
Beim Friedhof angekommen, öffnete Rolf das eiserne Gittertor. Es quietschte nicht, was es in einem Film sicherlich getan hätte. Und in einem Film wären wir natürlich verfolgt worden. Aber auch das war nicht der Fall; ich hatte mich auf dem Weg hierher immer wieder umgeblickt. Dennoch war mir unbehaglich zumute.
Der Friedhof machte einen gepflegten Eindruck. Auf den Grabplatten lag kein Laub herum, und auf vielen Gräbern standen frische Blumen oder brannten ewige Lichter. Eine Baumreihe schloss das Gelände zur Straße hin ab, sodass man nicht das Gefühl hatte, sich mitten in einer Großstadt zu befinden. Und es war ungewöhnlich still, nicht einmal Vogelgezwitscher war zu hören. Das blonde Mädchen saß auf einer Bank an einem Nebenweg. Mit einem etwa dreißigjährigen Mann in blauer Arbeitshose und einem schmuddeligen Pullover.
»Setzt euch.«
Wir ließen uns neben den beiden auf der Bank nieder.
»Das ist … Frank«, sagte das Mädchen. »Er ist hier bei uns zuständig. Für das … äh … Reisebüro.«
Der Mann musterte uns. »Ihr wollt also fliehen?« Seine Stimme war kühl, sachlich.
Rolf und ich nickten.
»Warum?«
Ein schneller Blick von Rolf.
Es war meine Idee gewesen, also war es nur recht und billig, wenn ich die Frage beantwortete. Ich schluckte kurz. Ob man diesem Frank trauen konnte? Dass er in Wirklichkeit nicht so hieß, war klar – das Zögern des Mädchens, bevor sie seinen Namen nannte, war mir nicht entgangen. Womöglich waren die beiden doch Spitzel und wollten uns aushorchen und verhaften lassen, sobald wir unsere Fluchtabsicht laut und deutlich geäußert hatten. Wieder schluckte ich, aber meine Kehle war und blieb trocken. Wenn es doch nur regnen würde … Andererseits – die beiden konnten sich ja auch nicht sicher sein, was uns betraf, und dachten vielleicht, wir wollten ihre Organisation infiltrieren und auffliegen lassen.
»Meine Freundin ist im Westen«, sagte ich schließlich heiser. Frank verzog keine Miene.
Dass ich mein Leben in Ostberlin als sinnlos und leer empfand, würde ihn wohl kaum interessieren, darum fuhr ich fort: »Ich habe in Westberlin gearbeitet und habe dort Freunde. Und, wie schon gesagt, meine Freundin. Ich lebe auf der falschen Seite der Mauer.«
»Und du meinst, auf der kapitalistischen Seite gefällt’s dir besser?«
Ich zuckte zusammen. Also doch …
Aber er grinste. »Kleiner Scherz, schon gut.« Dann wandte er sich an Rolf: »Und du?«
Rolf hatte sich inzwischen eine Zigarette angezündet, nahm einen Zug und blies den Rauch aus.
»Ich möchte Paris sehen. Und ich will meinen kleinen Bruder nicht allein gehen lassen. Der ist leichtsinnig und schlägt gern mal über die Stränge.«
An der Art, wie er den Glimmstängel hielt, merkte ich, dass seine Lässigkeit nur Schein war.
»Und wie habt ihr euch die Flucht vorgestellt?«, fragte Frank.
»Ich hab mir die Häuser an der Bernauer Straße angesehen«, sagte ich. »An der Ecke Ruppiner Straße war ein Kellerschacht zum Westen hin offen …«
»Aber jetzt ist da alles zugemauert«, ergänzte Rolf. »Und eine andere Möglichkeit haben wir noch nicht gefunden. Ich war mehrmals am Teltowkanal und an der Spree …«
Das war mir neu. Davon hatte er noch gar nichts erzählt … oder bluffte er?
»… aber da ist wohl auch nichts zu machen.«
»Tja, und dann habe ich sie …« – ich zeigte auf das Mädchen.
»Veronika«, sagte sie rasch.
»… habe ich Veronika kennengelernt, und sie hat mir von eurem Unternehmen erzählt.«
Frank ließ uns nicht aus den Augen.
»Hast du ’ne Kippe für mich?«, wandte er sich plötzlich an Rolf. Der zog eine Selbstgedrehte aus seiner Hemdtasche und reichte sie ihm. Dann beugte er sich zu ihm hinüber, um ihm Feuer zu geben.
»Gut.« Frank blies den Rauch über unsere Köpfe hinweg.
»Am vierundzwanzigsten September geht die nächste Gruppe. Wenn ihr wollt, könnt ihr mit.«
»Am vierundzwanzigsten September?«, wiederholte Rolf. »Das heißt: kommende Woche?«
Er nickte.
Schon in einer Woche … eine Woche war so schnell vorbei … was würde ich bis dahin noch alles erledigen müssen? Es kam mir fast vor, als hätte man mir gesagt, mir bliebe nur noch eine Woche zu leben.
»Wir müssen schnell handeln. Kann gut sein, sie machen demnächst auch die Kanalisation dicht.« Es klang, als hätte er das schon x-mal zu Leuten gesagt, die ähnlich dachten wie ich im Moment. »Ihr könnt aber auch auf die Warteliste, dann …«
»Wir gehen mit«, unterbrach ich ihn entschlossen.
»Gut. Ihr werdet zu sechst sein. Also noch drei andere. Wer, das braucht ihr nicht zu wissen. Kein Gepäck. Dunkle Kleidung bitte. Und weder Seile noch Taschenlampen mitnehmen. Wenn ihr mit so was erwischt werdet, ist es für die ganze Gruppe aus. Ein siebter, der Deckelmann, macht den Kanaldeckel auf und schließt ihn hinter euch wieder. Unten geht ihr geradeaus. An der Grenze sind die Gänge mit Sperrgittern versehen, aber unter denen kann man durchtauchen. Jenseits davon stehen zwei Westler. Die führen euch zu einem Ausgang außer Sichtweite der Grenze. Unterwegs nicht sprechen und kein Licht machen. Das Ganze muss schnell und leise vor sich gehen.«
Seine Erläuterungen waren äußerst präzise, dabei kurz und knapp.
»Selbstverständlich redet ihr mit keinem darüber. Ihr verhaltet euch bis zum vierundzwanzigsten wie sonst auch. Geht zur Arbeit, kauft ein – alles wie immer. Kein Abschied von Familienangehörigen und so. Und keine Briefe hinterlassen, das würde euren Leuten nur Scherereien machen.«
Ich schluckte.
»Noch Fragen?«
Mir fiel so schnell nichts ein. Und auch Rolf schüttelte den Kopf. »Also gut. Sonntagabend um zehn wartet Veronika in der Kneipe, wo ihr sie kennengelernt habt, auf euch.« Die beiden standen auf und gaben uns nacheinander die Hand.
Und ehe ich mich’s versah, waren sie auch schon verschwunden. Rolf und ich saßen allein da und sahen einander ungläubig an: Würden wir tatsächlich schon nächste Woche im Westen sein?
»Mir scheint, wir sind Glückspilze«, meinte Rolf schließlich. »Besser organisiert könnte die Flucht gar nicht sein. Das hätten wir selber nie so hinbekommen.« Er grinste.
Ich erwiderte das Grinsen halbherzig. Irgendwie konnte ich es noch nicht fassen.
Auch als ich zu Hause in meinem Zimmer am Fenster stand und es endlich zu regnen begonnen hatte, kam mir unser Vorhaben noch unwirklich vor. In einer Woche würde ich nicht nur bei Heike sein, sondern auch als Staatsfeind gelten und meine Familie nie mehr wiedersehen.
FÜNFZEHN
Es wurde die merkwürdigste Woche meines Lebens. Ich war ängstlich, erleichtert, aufgeregt und deprimiert – alles zugleich. Die Zeit verging zu schnell und doch nicht schnell genug. Ich versuchte, Franks Anweisung zu befolgen und mich so zu verhalten wie sonst auch. Aber das war schwierig, weil ich mich so völlig anders fühlte.
Am Esstisch prägte ich mir das Gesicht meiner Mutter ein, ihre Augenfarbe, ihre Haarfarbe und die feinen Fältchen in den Mundwinkeln. Jeden Satz, den sie sagte, wollte ich mir merken.
Auch meinen Vater betrachtete ich heimlich. Und wieder einmal wurde mir bewusst, wie wenig ich ihn doch kannte. Zu gern hätte ich gefragt, woher sein Starrsinn und seine Härte rührten, warum er sich wie mit einem Panzer gegen uns abschottete. Der Krieg hat ihn innerlich umgebracht, hatte meine Mutter einmal gesagt, aber nicht erklärt, wie sie das genau meinte. Er selbst mied das Thema Krieg. Als er ’46 aus russischer Gefangenschaft zurückkehrte, traf er zu Hause Kinder an, die ihn den größten Teil ihres Lebens nicht gesehen hatten. Ich – damals fünf – hatte ihn überhaupt noch nie gesehen. Mein Vater war für mich das Foto auf Mutters Nachttisch. Ein stattlicher Offizier in Wehrmachtsuniform mit lachendem Gesicht. Und auf einmal stand ein ausgemergelter Mann in der Tür, der meine Mutter küsste und von da an bei uns wohnte. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich begriff, dass der wortkarge Mann, der mich schlug, wenn ich im Weg herumstand oder meinen Teller nicht leeraß, derselbe war wie auf dem Foto. Für ihn wiederum war ich das Kind, von dem er nur aus Briefen meiner Mutter wusste. Gudrun und Rolf hingegen hatte er als Säuglinge und Kleinkinder erlebt.
Als ich in die Pubertät kam, rechnete ich des Öfteren nach, traute mich aber nicht, meine Mutter direkt zu fragen, ob er neun Monate vor meiner Geburt auf Heimaturlaub gewesen war.
Jedenfalls war es, als hätte sein Leben erst mit der Rückkehr aus der Gefangenschaft begonnen, denn über früher sprach er nie, auch nicht über die Zeit vor dem Krieg. Eine einzige Geschichte aus dem Krieg kam mir zu Ohren, als er sie Florian erzählte. Vater und seine Kameraden hatten im Afrikakorps gekämpft und in der Wüste ein Kamel eingefangen, mit dem sie ein britisches Lager überfallen wollten. Weil das Tier ihnen den gesamten Wasservorrat wegsoff, war ihr Vorhaben zum Scheitern verurteilt. Aber das konnte ihn innerlich nicht umgebracht haben. Es musste etwas anderes gewesen sein.
Ich überlegte, ob er es mir wohl sagen würde, wenn er von unserem Fluchtplan wüsste und dass wir einander wahrscheinlich nie mehr sehen würden. Nein, eher nicht … stattdessen würde er mir eine Predigt halten. Über Gehorsam und Pflichtbewusstsein. Und mich abkanzeln, weil ich mir von einem Mädchen aus dem Westen den Kopf hatte verdrehen lassen. Seine wahren Gefühle würde er hinter Prinzipien und Ermahnungen verstecken. So wie immer. Also ließ ich es beim Beobachten und bedauerte, dass ich meinen Vater nie wirklich würde kennenlernen.
Wenn ich durch die Straßen ging, kamen mir die Farben anders vor, die Sonne wärmte meine Haut intensiver, und der Wind trug die verschiedensten Gerüche heran. An den heruntergekommenen Häusern, den Schutthalden aus dem Krieg, den neu angelegten breiten Straßen und den einförmigen Wohnblocks nahm ich Details wahr, die mir vorher nie aufgefallen waren. Ich sah, dass die Sockel der Laternenpfähle entlang der Stalinallee kleine Klappen hatten und dass eines der Arbeiterdenkmäler an der Rathausstraße statt Stiefeln eine Art Pantoffeln trug. Die Herbstblumen im Park hatten leuchtendere Farben, und die Straßenbahnen bimmelten lauter. Nur die Parolen auf den Plakatwänden blieben leere Phrasen.
Und ich achtete auf etwas, das mich bisher nie interessiert hatte: die Gullys. Ihr Durchmesser würde einen problemlosen Abstieg erlauben. Und sie hatten Löcher, an denen der Deckelmann sie anheben konnte. Wie viele von den Gängen darunter mochten in den Westen führen? Letztlich wohl alle, denn da unten stand alles miteinander in Verbindung. Und wenn ich auf einem Gullydeckel stehen blieb, war mir, als könnte ich das fühlen und als hörte ich das Abwasser unter mir rauschen.
Mir alles so gut wie möglich einzuprägen war meine einzige Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Mutter und Vater müssten sich später alles zusammenreimen. Das heißt, vermutlich würde jemand von der Staatssicherheit kommen, um sie über unsere Flucht zu informieren. Sie würden die Nachricht ebenso verwundert wie entsetzt aufnehmen, sodass der Stasi-Mensch gar nicht auf die Idee kam, sie könnten Mitwisser sein.
Weil mein Vater mir andauernd zusetzte und weil ich mich verhalten sollte wie sonst auch, bemühte ich mich weiterhin um Arbeit. Und es war, als hätte der Teufel die Hand im Spiel. Als ich mich am Mittwoch zum x-ten Mal bei irgendeinem Stellvertreter irgendeines Geschäftsführers irgendeiner Baufirma vorstellen durfte, hatte ich auf einmal eine Stelle. Nicht als Maurer, aber als Hilfskraft. Der Lohn betrug nur einen Bruchteil dessen, was ich bei Reitmann & Sohn verdient hatte. Aber weil es ohnehin egal war, sagte ich zu. Am Montag könne ich anfangen, hieß es. Ich nickte, stellte pro forma noch ein paar Fragen, unterschrieb den Vertrag und verabschiedete mich mit einem Händedruck. Der Mann würde sich wundern, wenn ich am ersten Arbeitstag gar nicht erst auftauchte. Aber das brauchte mich nicht zu kümmern.
Einzig mit Rolf konnte ich über alles reden. Ich ging jeden Abend bei ihm vorbei. Den Rücken an die Wand gelehnt, saßen wir nebeneinander auf seinem Bett, tranken Bier, und er rauchte eine Zigarette nach der anderen. Als ich ihm erzählte, wie anders ich alles empfand, nickte er nur. Wahrscheinlich erging es ihm genauso.
»Willst du wirklich nach Italien?«, fragte ich ihn, als eine längere Stille eintrat.
»Ja.« Er sah mich an. »Erst als du von Freiheit geredet hast, ist mir klar geworden, was uns hier alles versagt bleibt. Wie begrenzt unsere Welt ist. Seitdem spuken mir alle möglichen Länder und Orte durch den Kopf, die ich gern sehen möchte.« Er schloss die Augen: »Rom … Paris …«
Solche Träume hatte ich nicht. Ich konnte nicht weiter denken als bis Sonntagabend. Und daran, was dann alles für immer zu Ende sein würde.
»Am Sonntag hat Franziska Geburtstag.« Ich nahm einen Schluck Bier. »Wir könnten Gudrun und Hermann fragen, ob sie zum Essen kommen. Als Absch…« Das Wort blieb mir im Halse stecken.
Rolf nickte.
»Und wegen Franziska natürlich.«
Ich fragte mich, ob meine kleine Schwester mir wohl fehlen würde. Und ich ihr. Gudrun ja, die würde mir fehlen. Und Marthe und Florian ebenso. Ob die beiden sich in zehn Jahren, falls die Mauer so lange stand, noch an mich erinnerten? Oder würde ich dann ein Onkel sein, der nur als Foto existierte?
Ich versuchte, an etwas Erfreuliches zu denken. An Heike. Daran, wie überrascht sie sein würde, wenn ich plötzlich vor ihr stand. Wir würden uns eine gemeinsame Wohnung suchen. Bestimmt könnte ich mir bald ein Auto leisten, sodass wir verreisen konnten. Wenn ich Appetit auf Bananen oder Apfelsinen hatte, würde ich die einfach im Laden kaufen. Und kein Uniform-Heini könnte mich je mehr demütigen. Ach ja, noch war das alles Zukunftsmusik.
Wieder trank ich von meinem Bier.
»Du grübelst zu viel.« Rolf prostete mir mit seiner Bierflasche zu. »Komm, lass uns eine Partie Schach spielen.«
SECHZEHN
Eigentlich hatte ich jeden Moment im Gedächtnis speichern, mir jedes Wort merken wollen. Und dann zogen die Tage wie im Rausch vorbei, ich konnte mich kaum konzentrieren und verlor jegliches Gefühl für Zeit und Raum. Es war, als ginge das Leben bereits ohne mich weiter.
Am Sonntagmorgen hatte ich mich noch einmal genau in meinem Zimmer umgesehen. Hatte die Kleider aufs Bett gelegt, die ich anziehen wollte. War kurz versucht gewesen, doch etwas als Andenken mitzunehmen. Hatte den Gedanken gleich wieder verworfen, weil es mich nur bedrückt hätte, etwas auszusuchen. Nicht einmal den Schuhkarton unter meinem Bett hatte ich aufgemacht, um mir noch einmal anzusehen, was ich in der Kindheit alles gesammelt hatte. Weder dem Bild von Heike, das sie mir geschenkt hatte, noch dem Schlüsselanhänger, den Florian für mich gebastelt hatte, schenkte ich einen Blick.
Stattdessen war ich ins Elternschlafzimmer gegangen und hatte die Schubladen von Mutters Nachttisch nacheinander aufgezogen und wieder zugemacht, ohne zu wissen, was ich suchte. Erst als ich es fand, wurde es mir bewusst. Das Foto meines Vaters. Als ich es aus dem Rahmen nehmen wollte, fiel ein anderes Bild, das dahintergesteckt hatte, auf den Bettvorleger. Es zeigte ebenfalls meinen Vater, stammte aber wohl aus dem Krieg und war ziemlich unscharf. Neben ihm war eine Holzhütte zu sehen und hinter ihm eine unbebaute Ebene. Vater lachte, das Gewehr in der Hand, in die Kamera. Aber es war eine andere Art Lachen als auf dem Bild, das ich kannte.
Ich schrak zusammen, als ich vom Flur her Stimmen hörte. Schnell steckte ich das lose Foto ein, legte den Rahmen in die Schublade und schloss sie wieder.
Gudrun und Hermann waren gekommen. Mit den Kindern. Ich ging in mein Zimmer und schob das Foto in das bereitliegende Hemd. Dann ging ich ins Wohnzimmer hinüber.
»Onkel Julian!« Florian freute sich mächtig, mich zu sehen.
»Mannomann, du bist ja schon wieder gewachsen!«, gab ich mich erstaunt.
Florian reagierte mit der Unbekümmertheit kleiner Kinder: Er stellte sich neben mich und legte die Hand auf seinen Kopf, um zu prüfen, bis wohin er mir reichte. Bis zum Nabel.
Daraufhin wollte natürlich auch Marthe zeigen, wie groß sie schon war. Sie reichte mir gerade bis zu den Hüften, darum hob ich sie hoch und hielt sie über meinen Kopf. Sie kreischte vor Vergnügen.
Als Rolf endlich eingetroffen war, setzten wir uns an den Esstisch. Ich mied seinen Blick. Was nicht auffiel, denn Franziska beanspruchte alle Aufmerksamkeit, indem sie mit viel Tamtam ihre Geschenke auspackte.
Nach dem Essen schauten sich Marthe und Florian mit ihrem Stereomat Bilder an, bis sie müde wurden und, auf dem Sofa aneinandergelehnt, einschliefen.
Gudrun, Hermann und Mutter unterhielten sich, aber ich bekam kaum etwas davon mit. Später half ich den Frauen beim Abwasch, während Vater, Rolf und Hermann es sich im Wohnzimmer gemütlich machten.
»Julian, könntest du am vierzehnten Oktober auf Marthe und Florian aufpassen?«, fragte meine Schwester auf einmal. Ich starrte sie völlig perplex an: Der vierzehnte Oktober war ein Datum, das für mich nicht existierte.
»Wir sind zu einer Feier eingeladen«, sagte Gudrun halb entschuldigend.
»Ach so, ja, kein Problem.«
Sie lächelte mich an und nahm Mutter den nächsten gespülten Teller ab. Mit hängenden Armen stand ich da, das Geschirrtuch in der Hand. Das Gefühl, außen vor zu sein und ohne Raum- und Zeitbezug irgendwo zu schweben, verstärkte sich.
Und es ließ nicht mehr nach. Als Hermann und Gudrun ihre Kinder auf die Arme nahmen und sich mit dem üblichen Wangenkuss verabschiedeten, spürte ich die Berührung ihrer Lippen überhaupt nicht. Und als ich mich umgezogen hatte, in meine Jacke schlüpfte und zu den Eltern sagte, ich würde bei Rolf übernachten, und sie meine Lüge ohne Argwohn schluckten, fühlte ich mich innerlich völlig hohl. Ich umarmte Mutter, gab Vater die Hand und sagte mechanisch: »Na denn, bis morgen.«
Schweigend gingen wir zu der Kneipe, in der ich Veronika eine Woche zuvor getroffen hatte. Und wir sagten auch nichts, als wir uns an einem Tisch gegenübersaßen und auf sie warteten.
SIEBZEHN
Um Punkt zehn kam sie herein. Ich holte tief Luft und befeuchtete meine Lippen. Die erste Phase des Plans lief gut, denn hinter ihr tauchten keine Stasi-Leute auf. Trotzdem konnte ich den Blick kaum von der Tür wenden.
Veronika trug einen dunkelblauen Anorak und hatte das Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie setzte sich zu uns und knibbelte dann an ihren Fingernägeln herum. Als wüsste sie nicht recht, was sie sagen sollte. Rolf und ich wussten es auch nicht.
»Wir sollen eine Stunde hierbleiben und dann aufbrechen«, sagte sie schließlich. Also bestellten wir uns etwas zu trinken, sahen uns dann über die Gläser hinweg an und wechselten ab und zu ein paar belanglose Sätze, damit unsere Schweigsamkeit nicht zu sehr auffiel. Die Zeit verging quälend langsam, und ich konnte mich nicht enthalten, immer wieder zur Tür zu schauen. Was, wenn Wolfgang Wichser auftauchte? Er würde Veronika garantiert wiedererkennen … Ich zwang mich, für eine Minute die Augen zu schließen, atmete ruhig durch und sagte mir, dass Wolfgang nicht kommen und alles gut würde.
»Wo arbeitest du eigentlich?«, fragte Rolf, um die Stille zu durchbrechen.
»Ich arbeite … äh … habe in einer Marmeladenfabrik gearbeitet«, antwortete Veronika leise.
Rolf nickte.
»Und ihr beide?«
»Ich kann morgen auf dem Bau anfangen«, sagte ich, um einen freudigen Gesichtsausdruck bemüht, was nicht recht gelingen wollte.
»Schön.« Veronika lächelte mir zu, wandte dann aber schnell den Blick ab.
Um elf verließen wir die Kneipe. Draußen regnete es. Ich stellte den Kragen meiner Jacke hoch und schob die Hände in die Taschen. Ohne ein Wort gingen wir durch die Straßen, Veronika ein paar Schritte vor uns; sie schien den Weg genau zu kennen.
In der Kühle des Abends und mit der Aussicht, dass es bald so weit war, ließ meine Nervosität ein wenig nach.
Aber nach einer Stunde waren wir noch immer nicht am Ziel. Es kam mir vor, als bewegten wir uns im Zickzack, mal in Richtung Grenze, dann wieder davon weg. Was sollte das? Wohin führte Veronika uns? Wozu diese offensichtlichen Umwege? Ich fragte aber nicht, weil ich mir sicher war, ihr trauen zu können. Uns zu verraten, hätte sie schon früher Gelegenheit gehabt.
Nach über eineinhalb Stunden trat sie plötzlich in einen Hauseingang und legte den Finger an die Lippen. Rolf und ich folgten sofort, um nicht im Lichtkreis der Straßenlaterne zu sein. Wir standen so dicht beisammen, dass ich die nassen Haare der beiden riechen konnte.
Hier also war es. Ich wusste, in welcher Straße wir uns befanden – gar nicht einmal weit weg von zu Hause. Etwa dreihundert Meter weiter unterquerte die Straße eine Eisenbahnbrücke und endete dann an der Grenze. Das Gebäude, in dessen Eingang wir uns zusammendrängten, stand an der letzten Kreuzung vor der Grenze. Das Eckhaus gegenüber war den Bomben zum Opfer gefallen; nur noch ein mit Gebüsch bewachsener Trümmerhaufen war davon übrig.
Auf der Straße war kein Mensch zu sehen. Es hatte aufgehört zu regnen, und das Licht der Straßenlaterne in unserem Blickfeld spiegelte sich in den Pfützen. Minutenlang warteten wir, aber nichts tat sich. Es war so still, dass ich glaubte, den Sekundenzeiger von Rolfs Uhr ticken zu hören. Ansonsten waren da nur unsere Atemzüge und hin und wieder Tropfen, die vom Dach auf die Straße klatschten. Unwillkürlich überlegte ich, wie hoch der Regen das Wasser in der Kanalisation hatte steigen lassen.
Plötzlich nahm ich aus dem Augenwinkel etwas wahr. Im Gebüsch gegenüber. Eine Bewegung? Und war da nicht eben ein Lichtschein gewesen?
Auf einmal liefen zwei Personen geduckt zu dem Gullydeckel mitten auf der Straße. Mein Mund wurde staubtrocken. In meiner Wahrnehmung wurde die Strecke zwischen Hauseingang und Gully immer größer und die beiden Gestalten immer kleiner. Ich würde keinen Schritt tun können. Rolf müsste mich mitzerren … »Wir gehen als Letzte«, hörte ich Veronika flüstern, ohne recht zu begreifen, was sie meinte. Die zwei Personen – es waren Männer, wie ich nun sah – hoben gemeinsam den Gullydeckel hoch. Er entglitt ihnen und krachte auf den Boden. Die beiden erstarrten, und auch ich hielt die Luft an. Dann stieg einer von ihnen hinab, der andere machte ein Handzeichen zu dem Gebüsch hin. Zwei weitere Personen liefen los, den Bewegungen nach zu urteilen Frauen. Sie knieten sich neben die Öffnung.
Was, wenn sie uns vergaßen? Wenn der Deckel zugemacht wurde, ehe wir … Hätte ich gekonnt, ich wäre losgerannt.
Die erste der beiden Frauen machte sich an den Abstieg. Schwaches Licht kam aus der Öffnung, von einer Taschenlampe vermutlich. Einen Moment lang beleuchtete es den Deckelmann, aber zu kurz, um sein Gesicht genau zu sehen.
»Wann sind wir dran?«, flüsterte Rolf.
»Wenn er uns ein Zeichen gibt«, flüsterte Veronika zurück.
Ich ließ den Deckelmann nicht aus den Augen. Er half gerade der zweiten Frau beim Hinabsteigen. War ihm klar, dass noch drei weitere Personen – wir – warteten? Und wusste er auch, wo?
In dem Moment, als er den Arm der Frau losließ, erklangen Rufe: »Halt! Stopp! Hände hoch!«
Von zwei Seiten her kamen Soldaten gerannt. Dem Deckelmann blieb keine Möglichkeit zu entkommen. Er sah sich um, und ganz kurz streifte sein Blick uns. Taschenlampen richteten sich auf ihn, und wieder tönte es: »Keine Bewegung! Wir schießen!«
Gefangen in den Lichtkegeln, ging der Mann in die Hocke. Eine Sekunde lang sah ich Panik in seinen Augen, dann war er auch schon in den Gully gesprungen. Die Gewehrsalve kam zu spät.
Die Soldaten hatten den Gully erreicht – sie waren zu viert. Einer leuchtete hinein, ein anderer kniete sich hin und feuerte mehrmals in die Kanalisation. Das Echo der Schüsse klang hohl. Die beiden anderen hoben ihre Lampen, um die Umgebung abzusuchen.
»Nichts wie weg!«, zischte Rolf und versetzte mir einen Stoß.
Schlagartig löste sich meine Starre, und ohne eine Sekunde zu überlegen, rannte ich los. Die Soldaten schrien uns eine Warnung zu.
Ich zog beim Rennen den Kopf ein, aber es fiel kein Schuss. Adrenalin pulste durch meine Adern, verlieh mir eine ungeahnte Ausdauer. Ich rannte, rannte, rannte – ohne jede Ahnung, wohin.
ACHTZEHN
»He!« Eine Stimme dicht hinter mir.
Ich rannte noch schneller.
»Mensch, warte doch!«
Es war Rolf.
Ich nahm das Tempo ein wenig zurück. Rolf holte mich ein und griff nach meinem Arm.
»Wir haben sie abgehängt!«, keuchte er. »Bleib stehen!«
Ich gehorchte, aber in meinen Beinen kribbelte es so, dass ich kaum stillstehen konnte.
»Wir haben sie abgehängt«, wiederholte Rolf. Er packte meine Schultern und rüttelte mich durch.
Ich starrte ihn an, ohne ihn zu sehen. Mein Herz hämmerte so wild, dass es in der Brust wehtat.
»Rolf! Die haben geschossen!« Ich konnte es einfach nicht fassen. »Die haben wirklich geschossen!«
Ob sie den letzten Mann getroffen hatten? Das dumpfe Knallen hallte noch in meinen Ohren. Da unten prallten die Kugeln vermutlich an der Wand ab. Selbst wenn er gleich losgelaufen war, hatte ihn eventuell ein Querschläger erwischt. War es feige von uns gewesen, einfach davonzurennen? Und wo steckte Veronika? War sie uns gefolgt? Oder woandershin gelaufen? Fragen über Fragen …
»Komm, wir müssen weiter.« Rolf zog mich mit.
Ich versuchte, meine Schritte seinem Rhythmus anzupassen, um mich zu sammeln und um die Bilder im Kopf loszuwerden.
Wir gingen die Schönhauser Allee entlang, unter der Eisenbahnbrücke der U-Bahn durch und weiter. In Richtung Süden, knappe fünfhundert Meter von der Grenze entfernt. Nein, jetzt nicht an die Grenze denken! Als wir unter der Brücke durchgingen, fühlte ich mich ein wenig geschützter. Dabei war uns die ganze Zeit kein Mensch begegnet, auch kein Auto oder Moped.
Die Laternen warfen fahle Lichtkreise auf den Bürgersteig. An den Geschäften auf der anderen Straßenseite waren die Läden heruntergelassen. Hinter keinem Fenster in den Wohngeschossen brannte Licht.
Bis zu Rolf war es noch ein Stück Weg. Schweigend gingen wir nebeneinander her, immer weiter weg von der Grenze. Und ganz langsam beruhigte sich mein Herzschlag.
Möglichst leise schloss Rolf die Wohnungstür auf, und wir gingen sofort in sein Zimmer. Er knipste die Nachttischlampe an, und ich ließ mich auf sein Bett fallen. Das Zimmer wirkte ungewöhnlich aufgeräumt.
Rolf bemerkte meinen Blick.
»Ich hab alle persönlichen Dinge weggeworfen«, sagte er heiser. »Damit der Stasi möglichst wenig in die Hände fällt.«
Ich konnte immer noch nicht fassen, was passiert war: Die Soldaten hatten geschossen! Es stimmte also, dass man auf Republikflüchtlinge schoss. Im Westradio hatte ich es gehört und Berichte darüber gelesen, und der eine oder andere hatte davon gesprochen. Aber so richtig geglaubt hatte ich es bisher trotzdem nicht. Nun aber wusste ich es aus eigener Erfahrung: Sie schossen auf unbewaffnete Menschen, die nichts verbrochen hatten.
Rolf ging in die Küche hinüber. Ich warf einen Blick auf den Wecker auf seinem Nachttisch. Viertel nach zwei. Mit einem Mal fühlte ich mich unendlich müde. Die Anspannung der letzten Stunden hatte alle Energie aus mir herausgesaugt. Und immer noch hörte ich die Schüsse, weit weg und gedämpft, wie durch einen Wattepfropf im Ohr.
Dann kam Rolf wieder ins Zimmer, eine Flasche Wodka und zwei kleine Gläser in den Händen. Er schenkte ein. Etwas sagte mir, ich sollte jetzt besser keinen Alkohol trinken, aber mit einem tüchtigen Schluck brachte ich die innere Stimme zum Verstummen.
Rolf setzte sich mit seinem Glas neben mich aufs Bett.
Ich wollte etwas sagen, aber mir schien jedes Wort überflüssig.
Ob ich geschlafen habe, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich nicht richtig wach war, als das Morgenlicht durchs Fenster fiel und ich die leere Wodkaflasche auf dem Tisch sah. Ich war auch nicht richtig wach, als ich aus der Küche Geräusche hörte und es nach Kaffee roch. Richtig wach wurde ich erst, als Rolf sagte: »Musst du heute nicht deine neue Stelle antreten?«
Da sprang ich auf und stürzte in der Küche eine Tasse von dem Kaffee hinunter, den Alex aufgebrüht hatte.
Draußen schwang ich mich auf Rolfs Fahrrad und raste nach Hause, um meine Arbeitskleidung zu holen.
Verfluchter Mist! Der Tag hätte für mich nicht hier beginnen dürfen. Nicht auf dieser Seite der Mauer.
Das ganze Ausmaß der Misere begriff ich erst an der letzten Straßenecke vor unserem Haus. Denn dort ging mir schlagartig auf, dass die Stasi von unserem Fluchtversuch gewusst haben musste. Ich bremste abrupt.
Jemand hatte den Plan verraten! Doch wohl nicht Veronika? Wohin war sie überhaupt gelaufen? Hatten die Soldaten sie womöglich erwischt? Sie kannte meinen Namen und …
Ich spähte die Straße entlang, hielt Ausschau nach einem wartenden Auto, nach Männern vor unserer Haustür, die mich abpassen wollten.
Nichts dergleichen zu sehen.
Vielleicht waren sie oben in der Wohnung? Angestrengt blickte ich zu unseren Fenstern, ob da jemand hinter der Gardine stand. Der Gedanke, dass ich meine Eltern in Gefahr gebracht hatte, schnürte mir die Kehle zu. Aber mir blieb keine Wahl: Ich musste ins Haus.
Ich traf Mutter allein an. Vater war schon zur Arbeit gegangen und Franziska in die Schule. Alles war wie immer.
»Julian, du? Ich dachte, du hast heute deinen ersten Arbeitstag?«, sagte Mutter verwundert.
»Hab meine Arbeitskluft vergessen«, murmelte ich, ihrem Blick ausweichend, und hastete in mein Zimmer, um die Sachen zu holen.
Mutter wandte sich wieder ihrer Bügelwäsche zu. Gott sei Dank ahnte sie nicht, was in der Nacht passiert war. Besser gesagt, was nicht passiert war.
Ich verabschiedete mich mit einem Kuss, rief »Bis heute Abend!« und rannte die Treppe hinunter.
Wo die Baustelle war, auf der ich mich vor einer Stunde hätte melden sollen, wusste ich zum Glück auswendig.
NEUNZEHN
Die nächsten Tage vergingen, ohne dass jemand von der Stasi bei uns zu Hause oder an meiner neuen Arbeitsstelle auftauchte. Nichts deutete darauf hin, dass ich beschattet wurde, und – soweit ich das mitbekam – horchte keiner meine Eltern oder Franziska über mich aus. Alles ging seinen gewohnten Gang. Bald hatte ich wieder das Gefühl, die Tage verliefen wie immer: Aufstehen, Arbeiten, Essen, Lesen, Schlafen, Aufstehen, Arbeiten, Essen, Kartenspielen, Schlafen, Aufstehen, Arbeiten … Erst wollte ich nicht zulassen, dass die eintönige Routine mich einlullte und jeden Gedanken an etwas anderes erstickte. Aber die Alltagsmaschinerie war mächtig, so mächtig, dass ich nicht dagegen ankam und bald anfing, wieder in den gewohnten Mustern zu denken, und mein Leben als normal empfand.
An einem Mittwochabend ging ich mit meinen Eltern in das ehemalige Gemeindehaus unseres Viertels, wo Franziskas FDJ-Gruppe ihre monatlichen Zusammenkünfte hatte. Diesmal sollte Franziska von ihrem Ernteeinsatz berichten, und das wollte Mutter auf keinen Fall verpassen. Vater und ich begleiteten sie, ich ziemlich widerwillig, er vermutlich genauso ungern. Ich hatte keine Lust, mir stundenlang politisches Gerede und Kampflieder anzuhören, aber Mutter bestand darauf, dass wir zu dritt hingingen. »Wir müssen Franziska zeigen, dass es uns interessiert, was sie so macht. Vor allem du, Julian, tätest gut daran, sie etwas mehr zu unterstützen, zu dir als großem Bruder schaut sie auf. Als sie vom Ernteeinsatz zurückkam, hast du kaum zugehört, was sie erzählt hat.«
Ich hatte die Augenbrauen hochgezogen und etwas erwidern wollen, aber da hatte Mutter sich schon weggedreht. Ich war mir sicher, dass es nur einen Grund gab, weshalb Franziska sich über mein Kommen freuen würde: weil sie genau wusste, dass mir dieser ganze FDJ-Zirkus auf die Nerven ging und ich nur gezwungenermaßen da war.
Im Saal war es nicht sonderlich voll, aber trotzdem warm und stickig. Vorn war ein kleines Podium aufgebaut, und an der Wand dahinter hing ein großes blaues Tuch mit gelb bemalten Buchstaben aus Styropor: Das Vaterland ruft! Schützt die Republik! Zu beiden Seiten prangte die blaue FDJ-Fahne mit dem gelben Emblem der aufgehenden Sonne. Auf dem Podium selbst standen drei Stühle und ein Rednerpult. Daneben eine niedrige Turnbank und davor optimistisch viele Stühle. Die ersten zwei Reihen waren bereits von FDJlern belegt, alle piekfein in Uniform. Vater setzte sich in die vorletzte Reihe, und ich nahm neben ihm Platz. Ich sah Mutter an, dass sie lieber weiter vorn gesessen hätte, aber um des lieben Friedens willen schwieg sie. Außer uns waren noch einige weitere Erwachsene da – Eltern vermutlich, und eine Handvoll Lehrer, die aber längst nicht alle vorhandenen Plätze füllten. Der Saal würde wohl zur Hälfte leer bleiben. Die Tür rechts neben dem blauen Tuch stand einen Spalt offen. Hin und wieder spähte ein Mädchen hindurch, sichtlich aufgeregt. Hoffentlich kam Franziska fast um vor Nervosität …
Das Programm begann um Punkt acht. Eine Gruppe Mädchen kam herein. Sie trippelten zur Turnbank und bildeten Reihen, eine darauf und eine davor. Zwei Männer in Anzügen mit gut sichtbarem Hammer-und-Zirkel-Anstecker am Revers und Ledermappen unterm Arm nahmen auf dem Podium Platz.
Die junge FDJ-Leiterin trat ans Rednerpult: »Ich entbiete euch den Gruß der Freien Deutschen Jugend: Freundschaft!«, rief sie in den Saal. Die FDJler in den ersten Reihen sprangen auf und riefen ebenfalls »Freundschaft!«
Nach dieser Begrüßung fuhr die Leiterin fort: »Vor Kurzem hat die Partei uns, der Freien Deutschen Jugend, einen Kampfauftrag erteilt. Einen Auftrag, für den Frieden einzutreten und die Grenzen unseres Landes zu sichern. Aufzustehen gegen die faschistischen Kriegstreiber und die Ungerechtigkeiten des Kapitalismus. Jetzt ist es an uns, alle Kräfte zu bündeln! Das Wohl der Arbeiterklasse ruht auf unseren Schultern! Vierundzwanzig Mitglieder unserer Einheit verstärken inzwischen die Grenztruppen. Sie versehen ihren Dienst hier, in Berlin, am antifaschistischen Schutzwall, der unsere Republik vor dem verderblichen Einfluss des Kapitalismus schützt. Sie gehören nun zu den bewaffneten Kräften der Deutschen Demokratischen Republik und damit zu den unbesiegbaren Streitkräften des sozialistischen Lagers, an deren Spitze die stärkste Armee der Welt, die ruhmreiche Armee der Sowjetunion, steht. Diese Streitkräfte werden jedem imperialistischen Aggressor, der versuchen sollte, die Deutsche Demokratische Republik anzutasten, einen tödlichen Schlag versetzen!« Sie sprach, als stünde sie vor einem ganzen Stadion voller Zuhörer. Ihre Augen leuchteten, und ihre Stimme klang laut und sicher. »Aber auch an anderen Fronten tragen wir das Unsere bei. Der Ernteeinsatz, an dem fünf aus unseren Reihen teilgenommen haben …«
Ich hörte nicht weiter hin. Reden wie diese hatte ich schon zur Genüge im Radio gehört. Stattdessen beobachtete ich, wie sich beim Gestikulieren immer wieder andere Teile ihrer blauen Uniformbluse spannten. Auf wundersame Weise betonte das Kleidungsstück, das an Franziska wie ein Lappen wirkte, ihre Körperformen. Ich schätzte, dass die Bluse gut zwei Nummern zu klein war, denn ihr Busen zeichnete sich voll und rund unter dem Baumwollstoff ab. Und sie hatte – vermutlich mit Bedacht – die oberen Knöpfe nicht geschlossen, sodass der Spalt zwischen ihren Brüsten gut zu sehen war. Jetzt hätte ich doch gern ein paar Reihen weiter vorn gesessen. Dann könnte ich sehen, wie die Schweißtropfen von ihrem Hals Rinnsale bildeten, die langsam in den Ausschnitt sickerten.
Ihre Einleitung war aber zu Ende, ehe ich mir Gedanken machen konnte, ob sie einen BH trug oder nicht. Sie setzte sich auf den dritten Stuhl auf dem Podium, und die Mädchen auf und vor der Turnbank, die den Chor bildeten, stimmten ein Kampflied an.
Danach berichteten mehrere FDJ-Mitglieder von ihrem Engagement. Ein achtzehnjähriger Junge, der sich als Freiwilliger zu den Grenztruppen gemeldet hatte, den Kampfauftrag als persönlichen Appell sah und stolz war, als »Soldat des Volkes« zu dienen. Ein Mädchen, das für sein großes Wissen über heimische Tiere und Pflanzen mit einer Medaille ausgezeichnet worden war. Und schließlich Franziska, die erstmals als Erntehelferin ihrer sozialistischen Pflicht nachgekommen war.
Mutter setzte sich aufrechter hin, als Franziska ans Pult trat. Sie hatte ihre Rede auswendig gelernt – die letzten Tage hatte ich sie immer wieder üben hören, wenn ich an ihrem Zimmer vorbeiging. Selbstsicher blickte sie in den Saal und schilderte mit beredten Worten ihren Einsatz. Man merkte deutlich, dass die Leiterin ihr Instruktionen gegeben hatte, aber mir schien auch, dass die Sache ihr wichtig war, dass sie aus Überzeugung sprach. Franziska war gern bei der FDJ, weil sie das Zusammengehörigkeitsgefühl genoss, das wusste ich.
Plötzlich wurde mir klar, dass ich sie genau darum beneidete. Dass ich deshalb ungern zuhörte, wenn sie zu Hause von ihren Erlebnissen erzählte, und dass ihr Eifer mich nervte. Im Grunde ging es gar nicht um die Werte, die Franziska propagierte, sondern darum, dass sie Teil einer Gruppe war und ich nicht. An dem Tag, an dem ich bei Reitmann & Sohn anfing, hatte ich mich selbst ins Abseits gestellt. Ins politische und gesellschaftliche Abseits. Ich war ein Ausgestoßener. Die Schulkameraden von früher hatten sich von mir abgewandt. Nach ihrer Zeit bei der FDJ hatten sie sich Arbeit in ostdeutschen Betrieben gesucht, sie gingen mit ihren ostdeutschen Kollegen in die Kneipe, hatten ostdeutsche Freundinnen und schimpften auf die Profiteure im Westen. Und ich wiederum hatte auf sie herabgesehen und mir jenseits der Grenze Freunde gesucht.
Die Rede meiner Schwester war beendet, und Mutter applaudierte ebenso begeistert, wie Franziska vorgetragen hatte. Ich klatschte automatisch mit, bis der Chor wieder zu singen begann.
Manchmal hatte ich das Gefühl, die Mauer enge nicht Berlin ein, sondern mich. Ich hatte keinen Zugang mehr zu meinem alten Leben, fand aber auch keinen zu dem in der DDR.
Die Leiterin stand auf und kündigte einen weiteren Liedvortrag an. Ein etwa sechsjähriges Mädchen betrat das Podium und fing an zu singen, ganz ohne Begleitung. Eine zarte Melodie mit zarter Stimme.
Ich könnte mich doch auch hier verlieben, dachte ich. Ein Mädchen wie Heike müsste auch in diesem Teil der Stadt zu finden sein. Und nach einiger Zeit würden die Leute vergessen, dass ich je Grenzgänger gewesen war. Ich würde mit meinen Ostkollegen in Ostkneipen gehen – alles ganz normal –, schließlich war ich Ostler. Genau das hatte Paula angesprochen, und auch Heike war es gleich aufgefallen. Vielleicht hatte ich mir die ganze Zeit etwas vorgemacht und gehörte doch hierher. Auf Dauer konnte ich mich ja nicht nach etwas Unerreichbarem sehnen, damit machte ich mich nur unglücklich. Viel einfacher wäre es zu tun, was von mir verlangt wurde, zu denken, was man zu denken hatte, und auf etwas Erreichbares zu hoffen. Vielleicht wäre ich auf diese Weise irgendwann, so wie Franziska, davon überzeugt, dass genau das richtig für mich war.
Die Kleine bekam viel Beifall. Die Leiterin nahm sie kurz in den Arm und schickte sie dann an ihren Platz zurück.
Zum Abschluss erhoben sich alle FDJler von ihren Plätzen, riefen »Freundschaft!« und sagten dann den Schwur auf, der zum Aufruf der Partei gehörte: »Wir sind bereit und entschlossen, unsere sozialistische Republik, die friedliche Arbeit ihrer Bürger, das unbeschwerte Lachen der Kinder und die glückliche Zukunft der jungen Generation mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Jeder junge Bürger unserer Republik ein Bürge für ihre Sicherheit! Der Frieden muss bewaffnet sein!«
Könnte mein Leben nicht auch so aussehen? Im Osten, wo ich nun einmal verwurzelt war. Auch wenn hier nicht alles perfekt war … aber das war es im Westen ja auch nicht, oder?
Die Chormädchen, die Männer, die Leiterin und auch Franziska verschwanden durch die Tür, und schon redeten und riefen alle durcheinander. Mutter wollte auf Franziska warten, doch die sah offenbar keinen Anlass sich zu beeilen.
»Ich hole sie rasch«, bot ich an.
Mein höfliches Klopfen hörte keiner, darum öffnete ich die Tür einen Spalt und steckte den Kopf durch.
»Was wollen Sie?« Die Leiterin stand vor mir.
»Ich wollte nur fragen, ob meine Schwester fertig ist. Franziska Niemöller …«
Sie hatte noch einen weiteren Blusenknopf aufgemacht. Ich musste schlucken und hob rasch den Blick weg vom Busen zu ihrem Gesicht. »War ein schöner Abend«, sagte ich. »Sie haben sehr gut gesprochen. Ich wollte, ich könnte das auch.« Und als sie eine freundlichere Miene machte, fügte ich hinzu: »Sehr inspirierend.«
»Danke.« Sie hielt den Kopf ein wenig schräg. »Franziska hat auch Talent, eine gute Sprecherin zu werden. Ich habe ihr für den Vortrag ein paar Tipps gegeben.«
»Franziska bewundert Sie sehr.« Ich hatte keine Ahnung, ob meine Schwester je etwas dergleichen gesagt hatte.
»Ja, sie will auch synchronschwimmen, so wie ich.« Sie drehte eine Haarsträhne um den Zeigefinger.
»Synchronschwimmen! Ein faszinierender Sport! Davon hat sie noch gar nicht erzählt.«
Die junge Frau lächelte geschmeichelt.
»Wir trainieren jeden Donnerstagabend im Stadtbad Mitte«, sagte sie. »Vielleicht haben Sie ja Lust, mal zuzuschauen?« Bevor ich etwas antworten konnte, tauchte auch schon Franziska auf.
»Du hättest nicht auf mich zu warten brauchen«, sagte sie patzig und drängte sich an mir vorbei.
»Mutter wollte warten!«, rief ich ihr nach, sagte rasch »Auf ein andermal« zu der Leiterin und folgte meiner Schwester.
ZWANZIG
Keine Ahnung, was mich antrieb, einen wirklichen Entschluss hatte ich nicht gefasst, aber tags darauf schlug ich am Abend den Weg zum Stadtbad Mitte ein. Das Hallenbad war in einem stattlichen alten Gebäude untergebracht, einem der wenigen, die den Krieg überstanden hatten. Das Dach war zwar von zwei Bomben beschädigt worden, die aber zum Glück nicht explodierten. Der Leiter des Bades hatte sie eigenhändig ins Freie getragen, das Dach reparieren lassen und das Schwimmbad bald darauf wieder eröffnet.
Im Eingangsbereich zögerte ich kurz. Da ich keine Badehose eingepackt hatte, würde man mich bestimmt nicht in die Schwimmhalle lassen.
Langsam ging ich die Treppe in den ersten Stock hinauf, wo es eine Galerie mit Aussicht auf das Becken gab. Es war Jahre her, dass ich das letzte Mal hier gewesen war; für Schwimmen hatte ich nicht viel übrig. Meine Haut war von einem feuchten Film überzogen, noch ehe ich oben angelangt war. Ich knöpfte meine Jacke auf.
Der Chlorgeruch weckte unangenehme Erinnerungen an Sportstunden. Unser Schwimmlehrer, ein humorloser Muskelprotz mit blondem Schnurrbart und schmalen Lippen, schlug jedem, der sich am Rand festhalten wollte, mit einem langen Stock auf die Finger. Woche um Woche hatte ich am Beckenrand Trockenübungen absolviert. Woche um Woche hatte ich Wasser geschluckt und in meiner Panik geglaubt, sterben zu müssen, wenn er mich ins Tiefe zwang. Woche um Woche hatte ich die Tortur überlebt.
Hinter den hohen Fenstern war es dunkel, an der Decke jedoch brannten Lampen und erleuchteten die Halle bis in den letzten Winkel.
Der Bademeister forderte mit schrillen Pfiffen und Gebärden die letzten Badegäste, die noch ihre Bahnen zogen, zum Verlassen des Beckens auf.
Unterdessen waren bereits die Synchronschwimmerinnen gekommen – sechs an der Zahl –, alle gertenschlank. Sie machten Aufwärmübungen, streckten sich und beugten den Körper bald hierhin, bald dorthin.
Ich zog meine Jacke aus, hängte sie übers Geländer und schaute hinab zu den Mädchen, die alle schwarze Badeanzüge und weiße Badehauben trugen. Ob Franziskas Gruppenleiterin dabei war, konnte ich nicht erkennen.
Zum Schluss kam noch eine dickere Frau in die Schwimmhalle. Ihre kurze Hose spannte über dem Hintern, und das weiße Oberteil hing wie ein Lappen an ihr. Sie klatschte in die Hände, woraufhin die Mädchen sich wie Hundewelpen um sie scharten. Außer ihnen war nun niemand mehr in der Halle.
Ich trat ein wenig zurück, um nicht gesehen zu werden. Im Grunde war es doch lächerlich, bei einer Trainingsstunde zuzuschauen. Wäre es eine Vorführung gewesen, ja … aber ein Training?
Ein durchdringender Pfiff. Die Mädchen marschierten – wenn auch mit einer gewissen Grazie – am Beckenrand entlang. Dann sprangen sie, jeweils zu zweit, ins Tiefe. Die Trainerin zählte mit lauter Stimme, und die Schwimmerinnen vollführten dazu Figuren: Sie tauchten auf und unter, reckten Arme oder Beine in die Luft, schwammen im Kreis. Alles perfekt abgestimmt, aber nicht sonderlich spektakulär. Eher DDR-typisch. Gleicher Rhythmus, gleiche Bewegungen, keine Abweichung. Kraft und Disziplin – das Idealbild des neuen sozialistischen Menschen.
Ich seufzte. Was tat ich hier überhaupt? Wo ich doch Franziskas Leiterin nicht einmal erkannte …
Ich legte die Ellbogen aufs Geländer und starrte auf die dunklen Fenster gegenüber. Das gesamte Hallenbad spiegelte sich darin. Auch der junge Mann auf der Galerie. Er wollte nicht ins Bild passen, war viel zu dick angezogen, wusste nicht recht, wohin mit sich, fühlte sich nicht zugehörig – weder zur gespiegelten noch zur wirklichen Welt. Betrachtete die Schwimmerinnen unten, als wäre er Lichtjahre von ihnen entfernt.
Ist es das, was ich will, fragte ich mich: eine FDJ-Leiterin, die jede Woche zum Synchronschwimmen geht?
Nein, so schnell durfte ich nicht aufgeben!
Wo ist der kämpferische Julian geblieben?, würde Heike sagen, der Julian, der davon träumt, mich auf dem Moped hinten mitzunehmen, der in fremde Häuser einbricht, um für mich zu kochen und mit mir zu schlafen, dem es egal ist, was man hinter seinem Rücken tuschelt, der tut, was er will?
Ich schämte mich für den Gedanken, Heike gegen solch eine gesichtslose FDJ-Trine eintauschen zu wollen.
Die chlorgeschwängerte Luft machte mir das Atmen schwer, und ich schwitzte wie ein Stier.
Ich musste hier weg! Entschlossen griff ich nach meiner Jacke, wandte mich zum Gehen – und erschrak bis ins Mark.
Denn in der Tür der Galerie stand Wolfgang Wichser.
»Liebe Güte!«, stieß ich hervor. »Was willst du denn hier?«
»Mit dir reden.« Er grinste.
»Mit mir?«
Ich wollte an ihm vorbei, aber er vertrat mir den Weg.
»Woher weißt du, dass ich hier bin?«
»Ich bin dir nachgegangen.« Völlig gelassen sagte er das, als wäre es die normalste Sache der Welt. Als täte er das jeden Abend, rein zum Vergnügen.
»Scharfe Weiber, was?« Er machte eine Kopfbewegung zum Schwimmbecken.
»Was willst du von mir?«
Er zog die Tür hinter sich zu, sodass ich keine Möglichkeit mehr hatte, zu entkommen.
Die Trillerpfeife der Trainerin gellte mir in den Ohren.
»Dir einen Vorschlag machen.« Wieder dieses selbstgefällige Grinsen. »Einen, den du nicht ausschlagen kannst, das gebe ich zu.«
Ich verdrehte die Augen. Mannomann, was hatte ich diese Spielchen satt!
»Das Land ohne Genehmigung verlassen, ist illegal«, sagte er.
Ich wurde stocksteif.
»Drei Jahre Zuchthaus stehen drauf, das weißt du ja wohl.«
War er allein gekommen? Oder hatte er bereits die Stasi informiert und das Hallenbad war umstellt? Ich schwitzte noch stärker.
»Nun ja, jeder macht mal ’nen Fehler, nicht wahr?«
Wusste er, dass wir es versucht hatten, oder vermutete er es nur? Hatte er etwa doch mein Gespräch mit Veronika mitbekommen? »Ich melde das nicht, aber dafür erwarte ich natürlich eine Gegenleistung.«
Darum also ging es.
»Sagen wir so: Du gibst mir nächste Woche fünfhundert Mark, und dafür informiere ich die Stasi nicht.«
»Fünfhundert!«, entfuhr es mir. »So viel habe ich nicht.«
»Tss-tss«, machte Wolfgang kopfschüttelnd. »Also abgemacht?«
»Weißt du was: Du siehst Gespenster!« Ich machte eine wegwerfende Gebärde und versuchte, an ihm vorbeizugehen, doch er blockierte nach wie vor die Tür.
»Vielleicht. Ob es so ist, wird dann die Stasi herausfinden.«
Ich musste mich zusammenreißen, um ihn nicht in seine hämisch grinsende Visage zu schlagen.
»Wir sehen uns also kommende Woche. Du bringst fünfhundert Mark mit. Wohin, erfährst du noch rechtzeitig. Und mach ja keine Sperenzchen, ich behalte dich im Auge.« Nach diesen Worten drehte er sich um und ging.
Ich schnappte nach Luft. Was, um Himmels willen, war da gerade passiert?!
EINUNDZWANZIG
Mir blieb keine andere Wahl. Ich wusste nicht, wie ich sonst an eine solche Menge Geld kommen sollte. Jedenfalls nicht in kurzer Zeit. Und schon gar nicht seit dem Mauerbau. Ich klemmte das Paket fester unter den Arm und schritt zügig aus. Je schneller ich die Sache hinter mir hatte, desto besser.
Mit der U-Bahn fuhr ich zum Alexanderplatz. Schon auf der Treppe nach oben merkte ich, dass meine Hände klamm wurden. Ich stellte mich neben den großen Lebensmittelladen an der Ecke und ließ den Blick schweifen. Dass der Schwarzmarkt seit Kriegsende auf dem Alex angesiedelt war, wusste ich, hatte aber keine Ahnung, wie man dort Geschäfte anbahnte.
Um nicht unnütz herumzustehen, kaufte ich mir an einem Imbissstand ein Bratwurstbrötchen. Mit dem Brötchen in der einen Hand und dem Paket unter dem anderen Arm sah ich mich weiter um. Auf der anderen Seite des Platzes standen Leute beisammen, meist in Zweiergrüppchen. Jacken wurden aufgeklappt und Ärmel hochgeschoben, um den Interessenten Dinge wie Armbanduhren, Nylonstrumpfhosen, verpackte Lebensmittel und so weiter zu zeigen. Gegenstände wechselten blitzschnell den Besitzer, Geldscheine verschwanden ebenso schnell in Hosentaschen. Käufer und Verkäufer sahen einander dabei kaum an, redeten nur das Allernötigste. Die auffällige Unauffälligkeit, mit der all das geschah, reizte schon fast zum Lachen. Berlins Schwarzmarkt blühte jedenfalls nach wie vor.
Mutter hatte mich nach Kriegsende manchmal zum Alexanderplatz mitgenommen, der damals noch ein Trümmerfeld war. Ein Trümmerfeld voller Menschen, die auf lukrative Tauschgeschäfte aus waren. Auch russische und amerikanische Soldaten beteiligten sich mit Kaugummi und Tabak an dem Handel.
Mutter nahm meist Haushaltsgegenstände mit, die sie gegen Butter und Speck tauschte. Meine Aufgabe war es, sie am Ärmel zu ziehen, sobald sich jemand näherte, und zu jammern, ich hätte Hunger. Bei den Deutschen verfing diese Masche ebenso wenig wie bei den Russen. Die Amerikaner hingegen steckten mir öfter mal ein Stück Schokolade zu.
Heute aber ging es nicht um Schokolade. Heute brauchte ich Geld, viel Geld. Für dieses Arschloch von Wolfgang Wichser. Ich biss mir auf die Lippe, als ich an sein dreckiges Grinsen dachte.
Dann steckte ich das letzte Stück Bratwurst in den Mund und überquerte langsam den Platz. Wen sollte ich ansprechen? Wer hatte wohl genug Geld bei sich?
Ein Mann nahm Blickkontakt mit mir auf und kam näher, als ich ein Nicken andeutete. Er trug einen für die Jahreszeit viel zu warmen Mantel und hatte eine große Tasche geschultert.
»Marlboro, Nylons, Whisky …?«, nuschelte er, zündete sich eine Zigarette an und schaute von mir weg.
»Ich hab selber was zu verkaufen.«
Ein knappes Nicken.
Ich nahm das Paket unter dem Arm hervor und schlug das Tuch, in das ich meine roten Schuhe gewickelt hatte, ein Stück beiseite. »Westware«, fügte ich, überflüssigerweise, hinzu. »Nagelneu.«
Ich hatte sie so lange poliert, bis sie aussahen wie frisch aus dem Schaufenster am Ku’damm.
Seine Miene verriet nichts.
Ich wollte schon weggehen, da gab er ein zustimmendes Brummen von sich.
»Achthundert Mark.« Wahrscheinlich war der Preis viel zu hoch, aber ich musste aufs Ganze gehen.
Der Mann musterte mich flüchtig und zog an seiner Zigarette.
»Zweihundert.«
»Fünfhundert.«
Keine Reaktion. Ich schlug das Tuch wieder über die Schuhe und überlegte noch, ob ich besser gehen oder sein Angebot doch annehmen sollte, da schnippte er die Zigarette weg.
»In Ordnung.« Er zog ein Bündel Geldscheine aus der Tasche, zählte schneller, als ich schauen konnte, ein paar davon ab und drückte sie mir in die Hand. Ich gab ihm die Schuhe. Und noch ehe ich nachprüfen konnte, ob er mich auch nicht betrogen hatte, war er verschwunden.
Ich konnte es kaum glauben. Ich hatte das Geld! So einfach war es also, an fünfhundert Mark zu kommen … mehr als ein Monatslohn. Keine zwei Minuten hatte das Ganze gedauert.
Plötzlich stand ein Junge vor mir, den ich überhaupt nicht hatte kommen sehen. Er mochte etwa sechzehn sein, war aber gut einen Kopf kleiner als ich und trug eine Strickjacke, die ihm viel zu groß war.
»Waren das Schuhe aus dem Westen?«, flüsterte er und trat noch einen Schritt näher.
Ich wich ein wenig zurück.
»Hast du Westkontakte?«, fuhr er fort, jetzt mit dringlicherem Tonfall.
Ich zog die Brauen hoch. »Seit die Grenze dicht ist, hat keiner mehr Westkontakte«, erwiderte ich.
»Aber es gibt doch Möglichkeiten …«
Mit einem Mal sah ich den Mann: In etwa fünfzig Metern Entfernung lehnte er an einem geparkten Auto und rauchte eine Zigarette. Und im Wagen saß ebenfalls ein Mann.
Jetzt hieß es aufpassen.
»Ich kenne keine solchen Möglichkeiten. Lass mich in Ruhe.« Brüsk wandte ich mich ab und ging davon.
Der Junge folgte mir nicht, und ich hörte auch keinen Motor anspringen. Dennoch schlug mein Herz wie wild, und ich musste mich zusammennehmen, um nicht zu rennen.
Am Stand des Wurstverkäufers blieb ich stehen und schaute über die Schulter. Der Junge schlenderte zum Rand des Platzes und bog um eine Ecke. Der Mann am Auto trat gerade seine Kippe aus und sagte etwas zu dem am Steuer, der daraufhin den Motor anließ und langsam in die Richtung fuhr, in welcher der Junge verschwunden war.
Erst jetzt merkte ich, dass ich die ganze Zeit die Hände zu Fäusten geballt hatte – die Geldscheine waren feucht von meinem Schweiß. Die Begegnung mit dem Jungen und seine Unvorsichtigkeit lehrten mich zweierlei. Erstens: Wenn Rolf und ich fliehen wollten, durften wir auf keinen Fall einen Dritten einbeziehen oder gar um Hilfe bitten, denn letztlich war niemandem zu trauen. Zweitens: Ich wollte unbedingt hier weg, sonst würde diese verdammte Paranoia mein ganzes weiteres Leben bestimmen, und ich würde mich immer wieder mit Gestalten wie Wolfgang Wichser herumschlagen müssen.
Höchste Zeit, dass Rolf und ich neue Pläne schmiedeten.
ZWEIUNDZWANZIG
Wir wussten es nicht. Wir wussten es einfach nicht.
Den ganzen Abend hatten wir zusammengesessen und überlegt, wie sich die Flucht bewerkstelligen ließe. Wir hatten sogar erwogen, die Mauer zu überfliegen. Aber woher ein Flugzeug nehmen? Mieten? Kapern? Selbst bauen?
Rolf hatte die Stirn in Falten gelegt – ein Gedankenspiel, nicht realisierbar.
»Wir müssen komplett anders denken als der Staat«, hatte ich gesagt. »Dann finden wir bestimmt eine Möglichkeit, die diese Sturköpfe übersehen haben.« Aber was für eine, das wollte mir auf die Schnelle nicht einfallen.
Über die Mauer klettern oder durch die Spree schwimmen kam nicht infrage. Nicht seit sie auf Flüchtlinge scharf schossen. Dass wir ein Risiko eingehen mussten, war klar, aber wenn schon, dann sollte unser Plan gute Erfolgschancen haben.
Die Sache mit der Kanalisation konnten wir vergessen, denn darauf würden sie nun ein besonderes Auge haben.
Einen Tunnel graben – das hatten wir als Nächstes erwogen. Material und Werkzeuge könnte ich mir auf den Baustellen beschaffen. Aber ich war kein Ingenieur, und Rolf ebenso wenig. Wir hatten beide keine Ahnung von Dingen wie Neigungsgrad, Grundwasserspiegel, Stützkonstruktionen und wie man sich unter der Erde orientieren konnte, damit der Tunnel dort endete, wo er sollte. Jemanden einweihen, der sich damit auskannte? Diesen Gedanken verwarfen wir gleich wieder, es wäre zu gefährlich gewesen.
Trotz allem wollte ich die Idee nicht aufgeben – irgendeine Möglichkeit musste sich doch finden!
Selbst bei der Arbeit konnte ich an nichts anderes mehr denken. Während ich Maurerkellen einsammelte, Eimer mit Wasser füllte und Zementsäcke schleppte, überlegte ich, was wir für einen Tunnel alles brauchen würden, und ließ meinen Blick über die herumliegenden Werkzeuge und das Baumaterial schweifen. Wir könnten die Sachen bei Nacht holen – ich wusste ja, was wo zu finden war. Dieser Gedanke verlieh mir so viel Energie, dass ich mit nie da gewesener Begeisterung Mörtel anmischte.
Nachts und sonntags, so stellte ich mir vor, würden wir graben und graben und graben. Dabei schwitzen und von Kopf bis Fuß dreckig werden. Dennoch würden wir unverdrossen weitermachen und unseren Tunnel Meter um Meter vorantreiben, immer näher zur Grenze hin, darunter durch und ein Stück in den Westen hinein. Und dann würde ich endlich vor Heike stehen …
Und wenn der Tunnel schon einmal da war, könnten auch Vater und Mutter ihn zur Flucht nutzen. Und Gudrun mit ihrer Familie. Dann wären wir wieder alle beisammen und keiner müsste sich nach den anderen sehnen. Dass mein Plan unversehens in Träumerei übergegangen war, fiel mir erst gar nicht auf. Ich merkte nicht, dass ich zu viel Wasser genommen hatte und der Mörtel zu dünnflüssig geworden war. Und ich merkte auch nicht, dass der Polier plötzlich neben mir stand und mein Tun stirnrunzelnd verfolgte.
»Niemöller!«
Ich fuhr zusammen.
»Sie sollen nach Feierabend zu Herrn Bormann ins Büro kommen.« Ohne meine Antwort abzuwarten, ging er wieder.
Nach Feierabend zum Chef … ach du grüne Neune! Mein Blick fiel auf den viel zu nassen Mörtel. Das würde Ärger geben!
Ich schüttete Pulver nach und rührte aus Leibeskräften. Was schwierig war, denn die Wanne war jetzt viel zu voll.
Womöglich hatte der Chef von meiner früheren Beschäftigung in Westberlin Wind bekommen?
Ich holte eine zweite Wanne und schöpfte mit einem Eimer einen Teil der Mischung um. Na, das hatte ich gründlich verpatzt.
»Beeilung, Niemöller!«, rief einer der Maurer mir zu. »Wir warten schon eine ganze Weile!«
Verflogen war der Tunneltraum und mit ihm alle Energie und Hoffnung.
Die Stunden zogen sich hin. Ich war froh, als der Polier endlich sagte, wir könnten Feierabend machen. In Windeseile zog ich mich um, rannte zu meinem Rad und dachte nicht mehr an Bormann.
»Niemöller!« Der Polier rief mir nach, als ich gerade in die Straße einbiegen wollte. Da fiel es mir wieder ein.
Sofort machte ich kehrt und steuerte das Büro des Chefs an.
»Warten Sie bitte einen Moment. Herr Bormann wird gleich da sein«, sagte eine junge Frau. Sie trug einen ziemlich kurzen Rock. Wenn sie sich vorgebeugt hätte, ohne dabei in die Knie zu gehen, hätte ich einen Blick auf ihren Schlüpfer erhaschen können. Sie führte mich in einen Nebenraum voller Bücher und ließ mich dort allein. In dem Raum standen keine Stühle, nur ein Sessel im Fenstererker. Ein Monstrum von einem Sessel, aus dem man so schnell nicht wieder hochkam, darum verzichtete ich darauf, mich zu setzen. Auch wenn es länger dauern sollte, bis Bormann zu erscheinen beliebte.
Ich ging hin und her und ließ dabei den Blick über die Buchregale schweifen. Da standen Fachbücher über Ingenieurwissenschaften, diverse Enzyklopädien, Jahresberichte des Ministeriums für Bauwesen und natürlich die obligatorischen Klassiker von Marx, Engels, Lenin und Konsorten, teils in russischen Ausgaben. Ob Bormann die alle gelesen hatte? Wahrscheinlich ebenso wenig wie ich, bis auf ein paar Passagen im Russischunterricht oder in Staatsbürgerkunde.
Viele der Bücher waren alt, stellte ich fest. Ich zog wahllos eines heraus, einen schmalen Band. Die U-Bahn Gesundbrunnen–Neukölln – Zur Eröffnung der Nordstrecke Neanderstraße–Gesundbrunnen am 18. April 1930 stand in Großbuchstaben auf dem Leinenumschlag. Typischer Regalfüller, dachte ich, blätterte aber dennoch darin herum. Es enthielt Bauzeichnungen und Tabellen mit genauen Angaben zu Bahnsteiglängen, Höhen der Tunnel und so weiter.
Tunnel … das Wort elektrisierte mich regelrecht. Die U-Bahnen fuhren durch Tunnel, die es bereits gab! Wir bräuchten also gar nicht selbst zu graben, sondern bloß eine Möglichkeit finden …
Ein Blick zum Regal. Da standen noch mehr Bücher über den U-Bahn-Bau. Ich zog ein zweites heraus.
»Aber sicher, Frau Lindner!«, hörte ich Bormanns Stimme hinter der Tür. Blitzschnell schob ich die beiden Bücher unter meine Jacke und wandte mich zur Tür um, durch die Sekunden später Bormann kam. Er nickte knapp und bedeutete mir, ihm in sein Büro zu folgen.
»Setzen Sie sich.« Er wies auf den Stuhl neben seinem Schreibtisch und nahm in einem Sesselmonstrum Platz, wie es auch in der kleinen Bibliothek nebenan stand.
Und dann kam er auch schon zur Sache: »Der Meister hat mir gesagt, dass Sie Ihre Arbeit gut machen, meinte aber, die Maurer könnten auch ohne Ihre Hilfe auskommen.«
Dieser Auftakt verhieß nichts Gutes, trotzdem riss ich mich zusammen und hörte weiter zu. Denn am liebsten wäre ich aufgesprungen, weil ich mit meiner Beute zu Rolf wollte.
»Es verhält sich so, dass auf einer Großbaustelle an der Marchlewskistraße weitere Maurer gebraucht werden. Und weil Sie Erfahrung in diesem Beruf haben, will ich Sie dort einsetzen.«
Wie? Er wollte mich gar nicht entlassen? Sondern sogar befördern? Sodass ich künftig in meinem erlernten Beruf würde arbeiten können statt als Hilfskraft.
»Vielen Dank«, sagte ich zögerlich.
»Als Maurer bekommen Sie natürlich einen höheren Lohn. Frau Lindner hat bereits Anweisung, die nötigen Unterlagen auszufertigen.« Er lehnte sich zurück und betrachtete unser Gespräch anscheinend als beendet.
Ich bedankte mich noch einmal und stand auf, die Hand vor der Brust, damit die Bücher nicht unter der Jacke hervorrutschten.
In Frau Lindners Büro unterschrieb ich alle Papiere, die sie mir vorlegte, ohne sie durchzulesen. Weil ich möglichst schnell wegwollte. Ich hatte einen neuen Plan, nur das zählte jetzt.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.