Kitabı oku: «Die Rosa-Hellblau-Falle»
Zum Buch
Rosa ist für Mädchen, Hellblau für Jungs, nach diesem Prinzip sind ganze Kaufhausabteilungen geordnet. Lego hat gerade eine neue Mädchen-Spielsteinreihe auf den Markt gebracht, für die Jungs gibt es eigene Cyber-Raketen-Roboterwelten. Als emanzipierte Erwachsene haben wir Geschlechterklischees längst für überwunden gehalten, doch Eltern werden derzeit wieder unerbittlich mit ihnen konfrontiert. Alles nur gut gemeint und kein Problem? Sind Geschlechterunterschiede nicht vielleicht wirklich angeboren und damit eine Lebensrealität?
Almut Schnerring und Sascha Verlan, selbst Eltern von drei Kindern, beschäftigen sich mit den Rollenklischees, die derzeit wieder fröhlich ins Kraut schießen, eine ganze Produktindustrie am Leben halten und sich zunehmend in den Köpfen der Betroffenen festsetzen. Hautnah und pointiert beschreiben sie Szenen aus dem Familienalltag, hören sich in Kindertagesstätten um, diskutieren mit Marketingstrateginnen, Genderforschern, Pädagoginnen und, natürlich, mit anderen Eltern. Wie würden unsere Kinder aufwachsen, wenn die Klischeefallen und Schubladen nicht immer wieder bedient würden? Ein Aufruf zum Widerstand, der ganz konkrete Tipps bietet, wie sich die Genderfalle im Alltag umschiffen lässt.
Über die Autoren
Almut Schnerring ist Kommunikationswissenschaftlerin, Journalistin und Trainerin. Als »Wort & Klang Küche« schreibt und produziert sie gemeinsam mit Sascha Verlan Hörspiele und Radiofeatures für den öffentlich-rechtlichen Hörfunk. Almut Schnerring und Sascha Verlan leben mit ihren drei Kindern in Bonn.
Sascha Verlan ist Literaturwissenschaftler, Regisseur und Journalist. Als »Wort & Klang Küche« schreibt und produziert er gemeinsam mit Almut Schnerring Hörspiele und Radiofeatures für den öffentlich-rechtlichen Hörfunk. Almut Schnerring und Sascha Verlan leben mit ihren drei Kindern in Bonn.
Almut Schnerring / Sascha Verlan
DIE ROSA-HELLBLAU-FALLE
Für eine Kindheit ohne Rollenklischees
Verlag Antje Kunstmann
INHALT
Vorwort von Ferda Ataman
#Rosahellblaufalle 2021
Die FAQs zur Rosa-Hellblau-Falle
Einleitung
1Mathe ist kein Bauchgefühl
Warum Klischees so beharrlich sind
2Von Beginn an zwei Welten
Warum wir schon vor der Geburt Unterschiede machen
3»Du wärst jetzt wohl mal die Mutter«
Rollenklischees im Kindergarten – und wie es anders geht
4Wir Gatekeeper
Im Spielzeugland der Marketingstrategen
5Strammer Max und Elfentrank
Was Ernährung mit dem Geschlecht zu tun hat
6Nachmittage zwischen Blutgrätsche und Prinzessinnen-Cup
Das Rollenbild vom echten Kerl
7»Mann redet, Frau nackig«
Geschlechterrollen in den Medien
8Hilfe für Bildungsverlierer
Allein oder zusammen – wie Schulen weiterführen
9Zwischen fünf und Sex
Körperbilder
10Wenn die Fachmännin mehr Manpower braucht
Sprache der Macht und Macht der Sprache
11Schluss
Braunäugige und Blauäugige
Dank
Literatur
Anmerkungen
VORWORT
Mal Hand aufs Herz: Sind für Sie wirklich alle Menschen gleich? Oder legen Sie nicht doch Wert auf ein akademisches Umfeld bei der Kinderbetreuung und der richtigen Schule? Lotsen Sie Ihren Sohn im Kaufhaus vielleicht unbewusst weg vom Spielzeugregal mit Puppen und Haushaltsdingen und hin zu den Angeboten für Jungs? Gibt es Verhaltensweisen oder Merkmale, die Sie als ›unmännlich‹ oder auch ›nicht weiblich genug‹ empfinden? Und prüfen Sie bei manchen Spielfreund*innen ihrer Kinder das Elternhaus etwas genauer, als bei anderen? Wenn ja, sind Sie damit nicht allein.
Gesellschaftlich normierte Sichtweisen auf Gruppen haben mit den Informationen zu tun, die wir zu einem Thema haben, und damit, wie unser Gehirn diese Informationen verarbeitet. Bei ›Indien‹ denken deshalb viele Menschen spontan an Curry Pulver oder Yoga, bei Behinderung an einen Rollstuhl und bei ›Junge‹ an Fußball. Das menschliche Gehirn arbeitet pragmatisch und nicht ausgewogen-fair, also sind unsere Denkmuster geprägt von Klischees und Schubladen.
Phänomene wie Sexismus, Rassismus, Transfeindlichkeit, Ableismus (Abwertung von Menschen mit Behinderung) und ähnliches haben mit unseren Denkmustern zu tun. Ich sage unsere, denn wirklich niemand ist frei davon. Viele haben »Mitleid« mit behinderten Menschen, finden trans Personen »nicht normal«, glauben Schwarze Kinder kommen aus Afrika und seien nicht von hier. Die Denkmuster sind da, auch wenn dahinter keine böse Absicht oder feindliche Haltung steckt.
Seit Jahren reden sich Feminist*innen den Mund fusselig, dass ›Sexismus‹ nicht erst sichtbar wird, wenn eine Frau beleidigt oder sexuell genötigt wird. Bei Sexismus geht es um die Frage, wie unsere Gesellschaft tickt: also inwieweit Männer und Frauen unterschiedliche Rollen mit unterschiedlichen Eigenschaften zugeteilt bekommen. Dieses Verhalten ist leider problematisch für alle Beteiligten: Jungen und Mädchen werden in tradierte Verhaltensmuster gedrängt und andere Geschlechter sowie nicht-heterosexuelle Identitäten unsichtbar gemacht.
Sexistische Ansichten kommen oft als scheinbar nette Worte daher, wie etwa: »Du bist doch viel zu hübsch, um Feuerwehrmann zu werden.« Vermeintliche Komplimente wie dieses bekommen Kinder und Erwachsene gleichermaßen zu hören. Und immer, wenn darüber diskutiert wird, finden sich ein paar Neunmalkluge, die meinen, man dürfe sowas nicht Sexismus nennen – weil das ›echte Fälle‹ von Sexismus verharmlose. Doch echte Fälle sind es auch, wenn Eltern, Erzieher*innen, Lehrkräfte oder die Werbung Kinder unterschiedlich behandeln, weil sie Thomas oder Yasemin heißen. Das passiert meist ohne böse Absicht. Einfach nur, weil sie Mädchen und Jungen sind. Und trotzdem leiden Kinder unter diesen Zuschreibungen.
Dieses Buch ist enorm wichtig. Es zeigt auf, wie stark Sexismus noch immer unseren Alltag prägt. Es ist nicht nur ein Elternratgeber für alle, die wollen, dass ihr Nachwuchs sich frei entfalten kann – es ist auch ein gesellschaftspolitisches Manifest. Kapitel für Kapitel hilft es den Lesenden dabei, sich bewusst zu werden über Geschlechterrollen und -zwänge, in die wir gepresst wurden und die wir an unsere Kinder weitergeben. Wer »Die Rosa-Hellblau-Falle« gelesen hat, wird die Welt um sich herum mit anderen Augen sehen.
Ich habe dank der »Rosa-Hellblau-Falle« erstmals begriffen, warum sich Sexismus so hartnäckig hält, obwohl wir doch in einer aufgeklärten, modernen Gesellschaft leben. Sich dessen bewusst zu werden, ist der erste, wichtige Schritt, um damit reflektierter umzugehen. Der nächste ist, sich mit anderen Menschen darüber auszutauschen. Ich habe dabei festgestellt, dass es vielen ähnlich geht, wie mir – dass auch sie die omnipräsenten Rollenklischees in der Erziehung, im Berufsleben oder auch im Supermarkt endlich überwinden wollen. Und das macht große Hoffnung.
Wer sich gemeinsam mit den Autor*innen auf den Weg raus aus der »Rosa-Hellblau-Falle« machen möchte, kann sich auch in den Initiativen engagieren, die von Almut Schering und Sascha Verlan gestartet wurden: dem ›Equal Care Day – Aktionstag für mehr Wertschätzung, Sichtbarkeit und eine faire Verteilung der Sorgearbeit‹, oder bei ›Goldener Zaunpfahl - Preis für absurdes Gendermarketing‹.
Doch zuerst einmal viel Spaß mit dieser spannenden Lektüre!
Ferda Ataman
#ROSAHELLBLAUFALLE 2021
Als wir 2012 mit der Recherche für die erste Auflage dieses Buch begannen, hatten wir in unserem Umfeld kaum Gleichgesinnte, mit denen wir uns über das Phänomen der Rosa-Hellblau-Falle® hätten austauschen können. Tatsächlich gab es noch nicht einmal eine Bezeichnung dafür, und wir überlegten hin und her, welchen Titel wir überhaupt wählen könnten, der unkompliziert auf den Punkt bringt, was uns mit drei Kindern jeden Tag, mal bewusster, mal unbewusst begegnete und im Weg stand: Die Zuweisung von Interessen, Eigenschaften, Farben, Fähigkeiten und Berufswünschen nach Geschlecht. Eine Gleichmacherei in Medien und Werbung, die alle Mädchen über den pinken Kamm schert und alle Jungs als wilde Raufbolde abstempelt. Die Hierarchie zwischen »Aber Hallo, an der ist wohl ein Junge verloren gegangen?!« und »Heul nicht, sonst denken die Anderen noch, du wärst ein Mädchen!«, die letztlich bis ins eigene Berufsleben hineinreicht, wo ein und dasselbe Verhalten einmal als durchsetzungsstark beziehungsweise als zickig bewertet wird, je nachdem, ob es um einen Mann oder eine Frau geht.
Die Rosa-Hellblau-Falle® war noch nicht besetzt, und so sollte es denn sein. Wir benannten unseren Blog danach, gründeten eine Facebook-Gruppe und waren schnell erleichtert, nicht mehr allein zu sein mit unseren Zweifeln und unserem Staunen darüber, was so schlimm daran sein soll, wenn unser Sohn die geblümte Jacke seiner Schwester trägt, warum Tanzen und Weinen als unmännlich gilt, und wie es dazu kommt, dass Mädchen in vielen Familien so viel selbstverständlicher in die alltägliche Familienarbeit einbezogen werden als Jungen. Die Überraschungseier mit rosa Blümchen waren gerade auf den Markt gekommen, es gab neuerdings violette Legosteine, und wir dachten, jetzt wäre aber langsam mal gut mit dieser »extra für Mädchen«-Werbeoffensive, die immer so ein bisschen nach Frauenförderung klingt, aber natürlich das genaue Gegenteil meint und bewirkt. Wie naiv wir waren!
Eigentlich wollten wir uns ja am liebsten direkt wieder abschaffen, hätten uns gewünscht, die Inhalte dieses Buchs würden sich wenige Jahre später bereits wieder als irrelevant erwiesen haben. Einige Jahre sind nun vergangen seit der Erstauflage 2014, und als Autor*innen freuen wir uns zwar über das anhaltende Interesse, gleichzeitig macht es uns doch fassungslos, dass sich keins der Kapitel erledigt hat, auch heute nicht. In manchen Bereichen ist die Situation nicht nur unverändert geblieben, sondern noch extremer geworden. Gender-Reveal-Partys zum Beispiel, ein Trend aus den USA, erfreuen sich auch in Deutschland zunehmender Beliebtheit: nicht nur, dass weit über 80 Prozent der werdenden Eltern gerne wissen wollen, welche Geschlechtsorgane ihr Ungeborenes hat (vgl. Kapitel 2), sie wollen sie auch klischeevoll feiern. Dafür färben sie das Innere von Kuchen, die dann beim Aufschneiden Rosa oder Hellblau enthüllen, lassen Luftballons in der entsprechenden Farbe aufsteigen oder entzünden mit Farbpulver gefüllte Raketen – in Kalifornien hat im Herbst 2020 eine solche Aktion einen tagelangen Waldbrand ausgelöst. »Was wird es denn?« – die Frage, mit der alles Leben beginnt, scheint noch wichtiger geworden zu sein.
War Rot vor einigen Jahren noch eine Farbe, die auch Jungen tragen durften (vgl. Kapitel 3), werden Eltern heute auf Spielplätzen angesprochen, gar gemaßregelt, warum sie ihrem Sohn denn eine rote Jacke gekauft hätten. Selbst Schuld, wenn das Kind dann als Mädchen angesprochen wird. Ist das so? Markieren wir neuerdings farblich das Geschlecht unserer Kinder, und suchen, damit Fremde es erkennen, die von Firmen entsprechend gelabelte Kleidung und Spielzeuge aus? Oder sollte es nicht erst einmal darum gehen, was uns und unseren Kindern gefällt, weil die individuelle Wahl doch wichtiger ist als ein Etikett? Allerdings gibt es inzwischen kaum mehr einen Produktbereich, in dem Waren nicht getrennt nach Rosa und Blau beziehungsweise Pink und Mattschwarz angeboten werden. Oft ist die pinke Version dann sogar etwas teurer. Dieses Preisgefälle in Rosa-Blau, das vor allem auf Drogerieprodukte angewandt wird, zum Beispiel bei Rasierern, bei Shampoo oder Parfum, gibt es auch in anderen Bereichen, wie eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zum Gender Pricing1 2017 aufgezeigt hat, die diese Strategie eindeutig als diskiminierend einstuft. Von Hersteller*innen wird sie trotzdem verteidigt, indem die Verantwortung den Konsumentinnen angelastet wird: Selbst schuld die Frauen, wenn sie für die pinke Variante mehr bezahlen. Wirklich? Und vor allem: dürfen und wollen wir das dann auch Kindern anlasten?
Beim Kleiderkauf erkennt man heute noch deutlicher als vor ein paar Jahren die für Jungen gedachte Abteilung an der grün-braun-schwarz-matsch Farbpalette, an Botschaften rund um Coolness-Motoren-wilde Tiere. Farbenfroh, Glitzer-Lila-Rosa, aber auch Ponys, Regenbögen, Einhörner, Herzen und niedliche Tiere sind dagegen Mädchen vorbehalten2. Ausnahme: Es soll tatsächlich einmal ein paar Wochen lang Wendepailetten-Shirts mit Dinosauriern gegeben haben! Gendermarketing, die Werbestrategie, Produkte nach Geschlecht zu sortieren, hat den Regenbogen für Jungs eingeführt – für Kinderstoffe in sogenannten Jungenfarben wird das Violett ersetzt durch Grau. Und sie hat dazu beigetragen, dass sich Eltern im Kleiderkreisel vergewissern, ob das Shirt mit Dinosaurier-Aufdruck nicht vielleicht doch ungeeignet sei für den Sohn, weil der Dinosaurier einen Hauch von rosa Wangen hat. Sie hat unterstützt, dass beim Schuhkauf die Frage nach dem Geschlecht noch vor der Frage nach der Größe der Füße kommt. Eltern müssen sich fragen lassen, ob der Säugling im Kinderwagen wirklich und wahrhaftig ein Junge sei, mit so langen Wimpern? Sie hat mit dafür gesorgt, dass die meisten Interessen, Spielzeuge und Materialien nach Geschlecht sortiert werden, obwohl Bausteine, Puppenhäuser und Strickliesel in den 1970ern für alle da waren und sich auch seit den 1990ern die meisten Schulen einig wurden, dass aus pädagogischer Sicht nichts dafür spricht, Mädchen vom Werken und Jungen vom Nähen auszuschließen. Heute untergraben Marketingteams diesen Konsens und so manche*r beginnt in Folge zu zweifeln und jongliert in biologistischer Argumentation mit Hormonen, Genen und Steinzeitbrocken.

Rollenstereotype sind Jahrhunderte alt, aber nicht so alt, wie viele vielleicht meinen (vgl. »Die Rollenverteilung des Biedermeier« im Kapitel 5). Und allein in den Jahren seit Erscheinen der Rosa-Hellblau-Falle® haben Entdeckungen und Entwicklungen gezeigt, dass das binäre Weltbild nicht annähernd so unverrückbar und naturgegeben ist, wie jene behaupten, die »Ideologie« rufen, sobald sie das Wort »Gender« hören. So haben Archäolog*innen 2016 herausgefunden, dass der berühmte Wikingerkrieger von Birka in Schweden eine Frau war – Schwerter und Pfeilspitzen wurden jahrzehntelang als typische Grabbeigaben eines Mannes interpretiert. Ein Irrtum. Oder die ‚Liebenden von Modena‘, als Symbol ewiger Liebe zwischen Mann und Frau gedeutet – 2019 stellte sich heraus, es handelte sich um zwei Männer. Weitere Meilensteine auf dem Weg #RausAusDerFalle war 2017 der Beschluss des Deutschen Bundestags zur »Ehe für alle« und im selben Jahr das Urteil des Bundesverfassungsgerichts für einen dritten positiven Geschlechtseintrag. In Frankreich wurde 2018 ein Gesetz gegen Sexismus und damit auch gegen sexistische Werbung verabschiedet, und in Großbritannien warnt die ASA, die britische Entsprechung des deutschen Werberates, vor den Folgen stereotyper Werbebotschaften und hat 2019 eine Selbstverpflichtung dazu veröffentlicht. Allein die Sichtbarkeit und Relevanz junger Frauen wie Greta Thunberg und Malala Yousafzai oder die zunehmende Zahl an Ländern, die von Frauen regiert werden, zeigen, dass sich viel getan hat in den vergangenen, wenigen Jahren.

Trotzdem bleibt mit dem Gender Care Gap die Hauptursache für die geschlechtliche Lohn-, Renten- und Vermögenslücke nahezu unberührt. Er verhindert darüber hinaus die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe und das politisches Engagement von Frauen und verringert damit ihren Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse. Das hat nicht nur negativen Einfluss auf ihr individuelles Vorankommen, sondern steht auch wirtschaftlichen wie ökologischen Zielen im Weg. Der »Global Gender Gap Report 2020«3 zeigt, dass es noch ein Jahrhundert dauern wird, bis die Gleichberechtigung weltweit abgeschlossen sein wird, wenn wir keine zusätzlichen Maßnahmen ergreifen, um die Entwicklung zu beschleunigen. Wollen wir wirklich so lange warten?
Wachsendes Netzwerk, Vereinsgründung und Projekte der Rosa-Hellblau-Falle®
Unsere Kinder sind inzwischen alle drei in weiterführenden Schulen und haben natürlich durch viele Gespräche über Rollenklischees und Alltagssexismus herausgefunden, mit welchen rosa-hellblauen Sprüchen sie uns auf die Palme bringen können. Sie sind es aber auch, die uns mit kuriosen Anekdoten aus ihrem Umfeld, aus Schulunterricht, TikTok und Insta-Feed versorgen, die wir dann in unseren Workshops und Vorträgen in Kitas, Schulen, Unis und Firmen weitererzählen dürfen. Unsere Geschichten-Sammlung wächst vor allem, weil uns jede Woche Emails, Tweets und Direktnachrichten mit dem Hashtag #RosaHellblauFalle erreichen, gesendet von Gleichgesinnten, die von absurden Momenten und unfassbaren Dialogen erzählen. Immer wieder ist etwas dabei, bei dem wir denken, das sei nun wirklich nicht mehr zu toppen. Bisher haben wir uns leider jedes Mal getäuscht.
Wichtig ist uns, dem Missverständnis vorzubeugen, es ginge uns um irgendeine Schuldfrage. Wir wollen niemanden vorführen oder von oben herab erklären, was falsch und was richtig sei. Wir stecken doch selbst mit drin in der Falle! Wir sind mit denselben binären Erwartungen aufgewachsen und haben sie verinnerlicht. Aber nur im Austausch mit unseren Kindern, im Gespräch mit anderen können diese Prägungen bewusst werden. Und dafür braucht es auch diese lustigen, erschütternden, rührenden Geschichten. Wir wollen also in erster Linie informieren und sensibilisieren. Denn Vorurteile zu haben, ist nicht so schlimm wie zu glauben, man hätte keine! Wer das von sich meint, verbreitet sie munter weiter und merkt es nicht einmal. Jedenfalls haben wir uns lange sehr zurückgehalten mit Negativbeispielen aus dem Alltag anderer. Was zur Folge hatte, dass unser persönliches Erleben oft als Ausnahme herabgespielt wurde: »Also bei uns ist das kein Problem«, gehört zu den Antworten, die wir irgendwann, als es uns dann doch zu bunt wurde, ins »Bullshitbingo der Rosa-Hellblau-Falle« mit aufgenommen haben.

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Und dann gratulieren wir! Denn es ist wirklich eine Freude, wenn jemand durchs Leben gehen kann, ohne jemals in eine Klischeeschublade gesteckt und dadurch eingeschränkt zu werden. Aber auch in deren Umfeld wird es Menschen geben, Kinder, die anderes zu berichten haben.
Der Austausch über all diese Themen hat nicht nur uns gefehlt, sondern wir durften erfahren, dass es Vielen ähnlich geht. So konnte ein Rosa-Hellblau-Falle®-Netzwerk zusammenwachsen, aus dem heraus inzwischen mehrere Projekte entstanden sind. 2018 haben wir den gemeinnützigen Verein klische*esc e.V. gegründet (klischeesc.de). Er verantwortet verschiedenen Projekte, wie zum Beispiel den »Goldenen Zaunpfahl«, Preis für absurdes Gendermarketing (goldener-zaunpfahl.de); das Freispiel-Abzeichen (freispiel-abzeichen.de), das Positivbeispiele hervorhebt, nämlich Unternehmen, die sich öffentlich und explizit gegen Gendermarketing positionieren; oder den klische*esc-Medienkoffer mit Fachliteratur und Bilderbüchern für Fachkräfte in Kindertagesstätten, die sich mit der Rosa-Hellblau-Falle® im Kita-Alltag und genderreflektierter Pädagogik befassen wollen. 2016 haben wir die »Initiative Equal Care Day« gegründet, ein Aktionstag und ein Netzwerk, in dem sich Menschen aus den unterschiedlichsten Care-Bereichen für mehr Wertschätzung, Sichtbarkeit und eine faire Verteilung der Sorgearbeit einsetzen und auf den Gender Care Gap und seine individuellen wie gesellschaftlichen Folgen hinweisen.
Es erleichtert ungemein zu lesen und zu hören, dass es vielen ganz ähnlich geht wie uns. Dass wir nicht alleine sind mit unserer Kritik an einem geschlechtergetrennten Angebot, das Mädchen mit einer rosa Puppenausrüstung und Putzwägelchen versorgen möchte und Jungs in die Abenteuer-Technik-Coolness-Ecke schiebt, die sich natürlich niemals pinke Knete, Feen-Müsli oder Glitzer Stifte wünschen könnten. »Sei alles, bloß kein Mädchen!« ist die Botschaft an Jungen, die immer lauter wird, anstatt als peinlicher Spruch ignoriert zu werden. »Du Mädchen« gilt nach wie vor als Schimpfwort und taucht inzwischen sogar im Bußgeldkatalog auf, macht € 200,-, wenn man es zu einem Polizisten sagt.

Ja, wir waren naiv, als wir glaubten, Chips für den Mädelsabend und Männersalz seien kurzlebige Aktionen, denn sie werden inzwischen wöchentlich abgelöst von noch absurderen Werbeideen: Ein Globus in zwei Versionen – in der Variante für Mädchen sind sogar die Ozeane pink und es schwimmt eine Meerjungfrau darin herum. Gegenderte Globuli, die Bibel für Frauen mit Blümchen, die Bibel für Männer mit Metall-Einband, Männermarzipan, Mädchen-Burger, Wasser für Ihn, Seife mit Mutti-Siegel, Tierbuggys und Fressnäpfe farbsortiert, denn für immer mehr Tierhalter*innen entscheidet nicht die persönliche Vorliebe sondern das Geschlecht von Hund, Katze, Fisch über die Farbwahl der Accessoires.
Das alles konnten wir nicht vorhersehen, weil uns die Tragweite des Begriffs »Zielgruppe« noch nicht erreicht hatte. Jedes Ding braucht seine Bestimmung, bevor es angeboten werden kann. Eine Schneeschippe für Menschen in Schneegebieten anzubieten, wäre zu schlicht gedacht. Es braucht natürlich auch eine pinke Schneeschippe, und diese nicht etwa für Menschen, die Pink mögen, sondern für Frauen, die ja, wie alle Welt weiß, die pink-rosa-lila Palette bevorzugen und deshalb ab Tag Eins in die Wiege gelegt bekommen – dass die Kausalitätskette andersherum ablaufen könnte, wer will das schon hören? Es bleibt deshalb natürlich nicht aus, dass auch das Buch selbst, »Die Rosa-Hellblau-Falle« eine Kategorie braucht, in die es gepackt werden kann, ein Regalfach, in dem es im Buchhandel von seiner Zielgruppe gefunden wird. Und das sind nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, Menschen, die sich für Geschlechterstereotype und Rollenvorbilder im Alltag, für Feminismus oder für Normierung im Marketing interessieren, sondern zuallererst jene, die sich von der Abbildung von zwei niedlich guckenden Babys angesprochen fühlen sollen: Eltern. Und da es in mancher Buchhandlung kein Fach für »Elternratgeber« gibt, sondern stattdessen das Regal »Mutter und Kind«, steht unser Buch ironischerweise oft dort: Die Rosa-Hellblau-Falle wird also in die Rosa-Hellblau-Falle® gesteckt. 

Wer aber zu Beginn noch meinte, bei der Rosa-Hellblau-Falle® handle es sich um ein Spezialthema für Eltern, spürt bald, dass es sich an allen Ecken und Enden im Alltag bemerkbar macht, auch ohne Kinder. Hat man nämlich einmal den Blick dafür geschärft, wird klar, dass es sich bei der Reproduktion enger Rollenbilder um ein strukturelles Problem handelt, das an vielen Stellen institutionell verstärkt und zementiert wird. Es ist nur leichter zu erkennen, wenn man Großeltern hat, die dem Enkelsohn keinen Puppenwagen schenken wollen, wenn man ein Umfeld hat, das irritiert ist, wenn er länger in Elternzeit geht als sie und im Beruf zurücksteckt. Man kann ihm nicht so leicht ausweichen, wenn die mathebegabte Tochter aus der Berufsberatung die Empfehlung »Was mit Sprachen« mitbringt. Aber auch ohne den Blick auf Kinder wird klar, dass Interessen und Verhaltensweisen nach Geschlecht sortiert werden, auch wenn die meisten Personaler*innen überzeugt sind, »Also wir achten ja nur auf Qualität, nicht auf Geschlecht«.
Der sogenannte ›Unconscious Bias‹, die unbewussten Vorannahmen kommen immer dann an die Oberfläche, wenn wir nur behaupten, keine Unterschiede zu machen zwischen den Geschlechtern, Menschen unterschiedlicher Religion, Alter und Herkunft, aber die Auseinandersetzung scheuen mit den eigenen Prägungen … und auch den Vorteilen, die einzelne aus diesen Verhältnissen ziehen. Doch wenn sich das wirklich ändern soll und wir es ernst meinen mit dem Wunsch, dass die Fünfjährigen von heute in 20 Jahren nicht dieselben Vorträge halten und dieselben Bücher über Prinzessinnenjungs4 und das Mädchen für Alles5, über Unsichtbare Frauen6, Männlichkeit7 und die Mental Load Falle8, über Equal Care9 und Rosa-Hellblau-Falle® schreiben müssen, dann bleibt uns nichts anderes übrig als unsere eigenen Sozialisation zu reflektieren und anzuerkennen, dass sowohl Pay Gap als auch Care Gap und Alltagssexismus ihren Anfang im Kinderzimmer nehmen. Es hilft nur dann über die Lohnlücke zu diskutieren, wenn Jungen nicht weiterhin im Durchschnitt mehr Taschengeld und die teureren Geschenke bekommen als Mädchen. Es wird sich langfristig nichts ändern, wenn Mädchen zu Hause weiterhin mehr im Haushalt mithelfen müssen als ihre Brüder. Die #aufschrei-Debatte versandet, wenn wir nicht den Bezug herstellen zum Miteinander in Kitas und auf (Grund-)Schulhöfen, wo »Mädchen«, »schwul« und »Bitch« als Schimpfwörter durchgehen.

Wir kämpfen für mehr Gleichberechtigung und lassen zu, dass unsere Kinder zunehmend und immer stärker in zwei Schubladen gepresst werden, die außen schön rosa und hellblau sind und innen mit den Rollenklischees längst vergangener Zeiten ausgepolstert, damit das Erwachsenwerden nicht so weh tut. Zeit also, die Kinderwelt mit in den Blick zu nehmen bei der nächsten Sitzung oder Konferenz, bei der Zukunftsplanung, damit es nicht noch hundert Jahre dauert bis zu Gleichberechtigung und Wahlfreiheit.
Mit vielen Grüßen von
Almut Schnerring und Sascha Verlan
Insta: @RosaHellblauFalle
Twitter: @AlmutSchnerring + @SaschaVerlan
Seite: wu2k.de
Blog: rosa-hellblau-falle.de
DIE FAQS ZUR ROSA-HELLBLAU-FALLE®
Die Rosa-Hellblau-Falle® polarisiert, denn sie vermittelt keine Technik in zehn Schritten, sie gibt keine Handlungsanweisung, die für jede Situation passen würde, sondern reicht viel weiter: sie stellt den eigenen, bisherigen Blick auf die Welt infrage und rührt an verinnerlichten Regeln zu dem was »richtig« und »normal« sei. Deshalb werden Gespräche über das Thema schnell emotional, wenn sie nicht sogar direkt abgeblockt werden. Wem es aber gelingt, sich darauf einzulassen und mit anderen darüber in den Austausch zu kommen, gewinnt oft spannende Einsichten, erfährt rührende Erinnerungen und kommt sich näher. Wir laden deshalb dazu ein, die eigenen Vorstellungen darüber, »was sich gehört« und was »schon immer so war« für eine Weile zur Seite zu schieben und zurückzuschauen, wie sich das angefühlt hat damals als Kind, als Erwachsene die Regeln darüber aufgestellt haben, was ein Mädchen sollte und was einen typischen Jungen ausmacht. Wie geht es einem Kind, das bei Erwachsenen aufschnappt: »Sie mag ja mehr so typisches Jungsspielzeug.«, »In dem Punkt ist er ein richtiges Mädchen.«, »Also ich finde diesen Mädchenkram furchtbar!«, »Er hätte sich ja lieber einen Sohn gewünscht«… ? Herzliche Einladung also, zum Austausch über Normen und Kategorien.
Für den Einstieg haben wir im Folgenden sieben der häufigsten Fragen beantwortet, die uns immer wieder gestellt werden von skeptischen Besucher*innen unserer Vorträge. Auf unserem Blog rosa-hellblau-falle.de/faqs beantworten wir noch mehr davon und erweitern die Liste nach und nach.
Rosa und Hellblau, das sind doch nur Farben, was wollt Ihr bloß?
Rote Herzen, gelbe Smileys, grüne Umweltsiegel, blaue Logos von Banken, alles bloß Farben? Gendermarketing hat mit dazu beigetragen, dass Rosa heute als niedlich und sexy gilt. Die Rosa-Violett-Rot-Palette wird vereinnahmt von der Werbeindustrie und zunehmend mit Schönheit, Anmut und Zartheit in Verbindung gebracht. Ganze Produkt- und Interessensbereiche sind nach Geschlecht getrennt und farblich gelabelt, es sind also mitnichten »nur« Farben. Deshalb lässt sich erst dann, wenn Spielzeug aus den Bereichen Schönheit, Pflege, Haushalt auch öfter mal in schwarz oder grün verpackt wird und erst dann, wenn auch Experimentierkästen und Konstruktionssets, deren Verpackung mit Jungs bebildert sind, in Pink beworben werden, vielleicht sagen »Es sind einfach nur Farben«.
Aber Mädchen mögen nun mal Rosa, wollt Ihr ihnen das verbieten?
Im Gegenteil, wir wollen Rosa, Lila, Pink allen ermöglichen, die diese Farben mögen, denn da spricht überhaupt nichts dagegen. Worin liegt der Nutzen für Kinder, dass die Farbe Mädchen vorbehalten ist (»Der Tim hat ein Shirt mit Määädchenfarben!«). Sie den einen verbieten und bei den anderen fördern, also eine bloße Umkehrung, die in manchen Familien passiert, ändert nichts an der Geschlechtertrennung und ist deshalb keine Lösung. Heute lernen Mädchen von Geburt an, dass sie mit Rosa als Lieblingsfarbe richtig liegen und mit grün als Ausnahme gelten – in 100 Jahren könnte das wieder ganz anders aussehen. Vergleicht man Klassenfotos von heute mit Gruppenbildern der 80er, 90er Jahre, sieht man, dass bunt nicht mehr für alle da ist, und die Frage nach der Lieblingsfarbe wird neuerdings mit Chromosomen und Hormonen in Verbindung gebracht. Hat sich die DNA von Mädchen also in ein paar Jahrzehnten verändert? Wohl kaum. Und wenn man bedenkt, dass Rot in allen seinen Abstufungen die Farbe der Herrschenden war, eine Farbe, die Könige trugen, (der Papst trägt bis heute Violett), wird deutlich, dass es hier um kulturelle Zuschreibungen geht und nicht um angeborene Lieblingsfarben. (Vgl. Kapitel Rosa… )
Dann sollen Jungs jetzt also alle mit Puppen spielen?
Nein, nicht alle. Nur die Jungs, die das wollen. Und damit sie das selbst herausfinden können, ist es Aufgabe der Erwachsenen, ihnen Spielzeug und Kleidung ohne Geschlechterlabel und ohne einschränkende Kommentare anzubieten. Wahlfreiheit ist das Stichwort. Leicht wird das nicht werden, denn durch Werbung, durch Bilder- und Schulbücher, Familienmitglieder und andere Erwachsene und natürlich von vielen Gleichaltrigen erfahren sie, dass Puppen »was für Mädchen« seien. Und genau das ist die Rosa-Hellblau-Falle, die immer bereit steht im Alltag von Kindern, und die es ihnen so schwer macht, individuelle Entscheidungen zu treffen. Denn wer will schon »anders« sein und von anderen als »untypisch« belächelt werden. Doch Kinder, die ein starkes Selbstbewusstsein haben und von ihren Eltern Rückendeckung bekommen, wenn sie in ihren Entscheidungen und ihrem Tun nicht dem Klischee entsprechen, haben es leichter, an ihren Vorlieben festzuhalten. Erwachsene können ihnen helfen, dass sie individuelle Wünsche nicht aufgeben müssen, bloß weil sie nicht der entsprechenden Geschlechternorm genügen.
Und wenn ein Junge Röcke anziehen möchte, muss man ihn dann nicht schützen vor den Hänseleien der Anderen?
Wir verstehen die Sorge dahinter und das Bedürfnis, geben aber zu bedenken, dass Eltern sich dadurch genau jene Regeln zu eigen machen und sie ihrem Kind weiterreichen, die ja erst zu der befürchteten Ausgrenzungssituation führen. Dem Kind Dinge zu verbieten (oder ihm nahezulegen, sich dagegen zu entscheiden), die dem anderen Geschlecht zugeschrieben werden, steht im Widerspruch zur Überzeugung, selbst keine Rollenklischees weiterzureichen. Ist es nicht viel mehr Aufgabe der Eltern, dem Kind den Rücken zu stärken und es in seinen Wünschen zu unterstützen? Schließlich muss nicht das Kind, das sich untypisch kleidet, lernen, mit Hänseleien umzugehen, sondern die hänselnden Kinder (Eltern und Fachkräfte) müssen lernen und verinnerlichen, dass »anders« nicht gleich »falsch« ist. Sie sind es, die lernen müssen, dass ihr Hänseln, ihre Intoleranz, ihre engen Vorstellungen von einem »richtigen« Jungen Kritik erfährt und nicht akzeptiert wird! Und nicht das Kind mit dem altmodischen Pullover, jenes mit der dunkleren Haut oder der Junge mit rosa Hausschuhen, oder das Kind, das seinen Papa nicht kennt, das eine Gehhilfe hat oder das Mädchen, das (noch) kein Deutsch versteht.
Die Entscheidung gegen Rosa, gegen aufwändige Rüschenkleidung zum Beispiel ist ja durchaus legitim, wenn sie für beide Geschlechter gilt. Würde meine Tochter sich rosa Glitzerschühchen mit Absatz wünschen, würde ich sie nämlich auch nicht kaufen. Dass mein Sohn keine hat, liegt also nicht an der Tatsache, dass er ein Junge ist, sondern, dass ich etwas gegen ungemütliche Schuhe habe, mit denen mein Kind beim Fangen Spielen wahrscheinlich am Rand steht und zuschaut.
»Also bei uns werden alle Kinder gleich behandelt« oder »Lasst doch die Kinder Kinder sein«
Gut, das sind keine Fragen. Aber ein großzügiges Wegwischen all unserer Anliegen, wie wenn wir ein Problem in die Welt gesetzt hätten, das sonst niemand kennt. Tatsächlich geht die Mehrheit der Eltern davon aus, Kinder »neutral« zu erziehen. Und wenn sich die Tochter dann doch fürs Ballett entscheidet, obwohl sie einen Fußball geschenkt bekommen hat, und wenn der Sohn die Autokiste vorzieht, obwohl er sich eine Puppe aussuchen durfte, dann ziehen viele den Rückschluss, es müsse an der Biologie liegen, die Gene seien verantwortlich, die Hormone, die Steinzeit… der eigene Einfluss und die allgegenwärtigen Botschaften werden dabei komplett ausgeblendet. Tatsächlich ändern Erwachsene ihr Verhalten gegenüber einem Kind schon vor Geburt, sobald sie das Geschlecht des Ungeborenen erfahren. (vgl. Kapitel 1 »Von Beginn an zwei Welten. Warum wir schon vor der Geburt Unterschiede machen«) Und in einer Welt, die Kinder ab Tag Eins in die Kategorie Mädchen und Jungen einsortiert, noch bevor sie sie als Kinder sieht, verstärken sich Geschlechterunterschiede im Lauf der Entwicklung, egal wie klein sie zu Beginn sein mögen. Insofern ja, sehr einverstanden! »Lasst doch die Kinder Kinder sein!« Und beginnen wir damit, sie nicht mehr in zwei enge Schubladen zu stecken, sondern lassen sie selbst entscheiden und ihre Welt entdecken.
Interessant dazu: Studien, die belegen, wie unterschiedlich Kinder abhängig von ihrem Geschlecht behandelt werden: babyx.rosa-hellblau-falle.de
Aber habt ihr bedacht, dass Jungs schon allein wegen des Testosterons von Natur aus wilder sind?
Das ist ein weit verbreiteter Gedanke, bloß dass der Testosteronspiegel vor der Pubertät bei Kindern in etwa gleich hoch ist – er liegt nahe Null. Studien zeigen aber, dass von Jungen grundsätzlich ein wilderes Verhalten erwartet und akzeptiert wird, und Mädchen häufiger dazu angehalten werden, ruhig und brav zu sein. Auf diese Weise erfahren Kinder, wie Erwachsene sich einen »normalen« Jungen vorstellen und welche unterschiedlichen Normen die Gesellschaft für sie bereithält. Die Wechselwirkung von Verhalten und verändertem Hormonspiegel ist dagegen unterschätzt: Väter, die sich um ihre Kinder kümmern, haben einen niedrigeren Testosteronspiegel, der wieder steigt, wenn sie sich anderem zuwenden. Sport und Wettkampf sorgen dafür, dass der Testosteronspiegel steigt, bei Frauen wie bei Männern – was wieder belegt, dass unser Verhalten auch uns selbst verändert. Beim für uns entscheidenden Thema Bagger oder Puppe, Fußball oder Ballett und der geschlechtergerechten Pädagogik ist der Testosteronspiegel also irrelevant. (Mehr dazu im Unterkapitel »Die Testosteron-Keule«)
Ihr wollt also die Geschlechter abschaffen und alle gleich machen
Bedeutet es nicht viel mehr, alle gleich zu machen, wenn man die Unterschiede zweier Geschlechter über alles stellt, und davon ausgeht, dass DIE Jungen/Männer beziehungsweise DIE Mädchen/Frauen ähnliche Interessen hätten und die Unterschiede innerhalb ihrer Gruppe ignoriert? Die Vereinheitlichung auf beiden Seiten einer Mauer hat eine Gleichmacherei zur Folge, und darin liegt unser Kritikpunkt: Abenteuer, Technik und Bewegung Jungen zuzuschreiben und zu meinen, Mädchen interessieren sich per se für Haushaltsdinge, Make-up und Ponys. Wer findet »Jungs sind nun mal wild« und »Mädchen sind eben ruhiger«, wer also Kindern allein aufgrund ihres (zugeschriebenen) Geschlechts ganz bestimmte Eigenschaften und Interessen zuweist, kämmt alle Mädchen über einen pinken Kamm und steckt alle Jungen in dieselbe Ecke. Dadurch wird ein Kind, sobald es sich für etwas interessiert, das Erwachsene nicht für sein Geschlecht vorgesehen haben, als untypisch gelabelt. Vorlieben beim Spiel oder bestimmte Verhaltensweisen sind zunächst einmal keine Hinweise aufs Geschlecht, sondern Ausdruck der Persönlichkeit.
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EINLEITUNG
Wer im Kaufhaus in die Spielzeugabteilung hinauffährt, taucht in einer zweigeteilten Welt wieder auf. Ein ganzes Stockwerk ist unterteilt in zwei Zonen: Auf der einen Seite markieren Blassrosa und Pink, »was Mädchen mögen«. Auf der anderen Seite sind die Verpackungen vorwiegend schwarz und dunkelblau und kennzeichnen das Spielzeugreich der Jungen. Links sind die Regale gefüllt mit pastellfarbenen Pferden, glitzernden Feen, kuscheligen Kuscheltieren, Mini-Küchen und allem, worauf die Puppen nicht verzichten können. Rechts blicken wilde Monster, Ritter und bewaffnete Science-Fiction-Kämpfer durch die Plastikfenster der Spielzeugschachteln, und es stapeln sich die Bausätze für Fahrzeuge und Maschinen. Auf einem ganzen Stockwerk spiegeln sich die traditionellen Rollenzuschreibungen wider, von denen wir glaubten, sie in den vergangenen Jahrzehnten überwunden zu haben.
Hier werden keine Klischees reproduziert oder gar verstärkt, sagen die Marketingstrateg*innen1 der Spielzeugindustrie, hier werden einfach die natürlichen Grundbedürfnisse von Jungen und Mädchen befriedigt. Und sie behaupten, ganz genau zu wissen, was »typisch männlich« und »typisch weiblich« ist. Zwar besteht darüber in der Wissenschaft keinesfalls Einigkeit, und weder Evolutionsbiolog*innen noch Genderwissenschaftler*innen würden allgemeingültige Aussagen dieser Art unterschreiben, aber solange dort noch geforscht wird und Uneinigkeit herrscht, lassen sich Behauptungen wie »Ritter suchen den Wettbewerb, Prinzessinnen wollen dazugehören«2 so erfolgreich verkaufen, dass Eltern und Kinder das zweifelhafte Glück haben, täglich mit einem Überangebot an Waren konfrontiert zu werden, die jeweils ein Geschlecht ausschließen. Rosa Überraschungseier sind »nur für Mädchen«, Capri-Sonne wirbt für einen ›Elfentrank‹, der »speziell auf die Wünsche von Mädchen zugeschnitten« sei. Dagegen werden Turnbeutel mit Dinosauriern ganz selbstverständlich mit Fotos von coolen Jungs beworben, es gibt ganze Buchreihen »Nur für Jungs« und »for girls only«, und auch Lego-City richtet sich an Jungen, denn bei denen »geht’s eher darum, den Schwächling zu besiegen oder auszuschließen«3, wie Dirk Engehausen von Lego sein Wissen um die Grundbedürfnisse der Jungen in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau zusammenfasst.
Warum die Marketing- und Konsumgüterindustrie so auf die Unterschiede zwischen den Geschlechtern pocht, ist leicht nachzuvollziehen. Es lassen sich eben mehr Waren verkaufen, wenn Spielsachen, Zimmereinrichtungen, Bücher und andere Medien, wenn Kleidung, Schulbedarf und auch Freizeitinteressen unserer Töchter nicht gut, zumindest nicht gut genug sind für unsere Söhne und umgekehrt. Im Idealfall bringt das den doppelten Umsatz. Da verwundert es kaum, dass auch die Lebensmittelindustrie ein Stück vom Kuchen abhaben will und inzwischen verstärkt auf Gendermarketing setzt. Dies kommt alles mit dem in der Werbung verbreiteten Augenzwinkern daher und suggeriert, dass wir doch alle Bescheid wissen, dass wir die eigentlichen Klischees längst überwunden haben und ganz befreit damit spielen können. Gerne glauben wir Erwachsenen, dass wir mit den Werbebotschaften gut umgehen können, dass wir den Überblick behalten, uns nicht manipulieren lassen, doch nicht »von denen«. Aber gilt das auch für unsere Kinder? Und bleiben wir selbst wirklich so unbeeinflusst von all den Rollenklischees, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden? Sorgt nicht allein die schiere Menge an Klischeefiguren in Werbung, Film und Literatur dafür, dass sich unser Blick auf die Welt verändert, dass uns inzwischen normal erscheint, was wir bei genauerem Hinweisen gar nicht haben wollen für uns und unsere Kinder?
Viele Eltern sind von den allgegenwärtigen Geschlechterklischees genervt und nicht länger bereit, die Trennung der Kinderwelt in Rosa und Hellblau hinzunehmen. Nur lassen sie sich nicht so einfach ausblenden. Wer die Spielzeugabteilung erfolgreich umschifft hat, wird zwischen Schuhregalen wieder darauf aufmerksam gemacht. Wer beim Schulranzenkauf die Schmetterlinge und Roboter hinter sich gelassen hat, sieht sich im Sportverein beim »Prinzessinnen-Cup« wieder damit konfrontiert. Wenn Kinder aber ständig von Klischees umgeben sind, können wir dann wirklich noch behaupten, sie hätten eine freie Wahl?
Das Verhältnis der Geschlechter bietet seit Jahrzehnten konfliktreichen Gesprächsstoff unter Wissenschaftler*innen, in Politik und Medien, im Freund*innenkreis, auf dem Elternabend.* Es gibt radikale Ansichten darüber, was sich verändern sollte, und ebenso traditionsbewusste Meinungen, was es unbedingt zu bewahren gilt. Doch egal welche der angebotenen Positionen Eltern selbst einnehmen, in einem Punkt sind wir uns scheinbar alle einig: Unsere Kinder sollen unabhängig von ihrem Geschlecht die gleichen Chancen haben, sich zu entwickeln. Unser Grundgesetz garantiert in Artikel 2 allen das Recht auf eine freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit. Und in Artikel 3 steht: »Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.« Die Europäische Union hat ihre Strategie, die Chancengleichheit für Frauen und Männer in Institutionen, Organisationen und Politik zu verwirklichen, unter dem sperrigen Begriff ›Gender Mainstreaming‹ zusammengefasst und 1997 im Amsterdamer Vertrag verankert. ›Gender Mainstreaming‹ gilt seitdem für alle Mitgliedsstaaten als verbindliches Prinzip. Ziel ist es, »bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt«4, wie das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf seinen Internetseiten erklärt.
Es herrscht also ein allgemeiner Grundkonsens darüber, Kinder unabhängig von ihrem Geschlecht gleichberechtigt zu behandeln und zu erziehen, wir leben schließlich im 21. Jahrhundert, und das Thema Gleichstellung ist nicht neu. Es ist im Gegenteil so alltäglich geworden, dass sich eine gleichberechtigte Behandlung unserer Kinder auf den ersten Blick gar nicht als Problem darstellt. Schon unsere Eltern waren darauf bedacht, Jungen auch mal eine Puppe und Mädchen einen Technikbaukasten zu schenken. Und wir Eltern von heute sind ja die Kinder dieser 1970er- und 80er-Jahre, in denen die Gleichbehandlung der Geschlechter hoch im Kurs stand, ebenso der Glaube daran, die gesellschaftlichen (Macht-)Verhältnisse nachhaltig verändern zu können. Doch je tiefer dieser allgemeine Konsens Eingang gefunden hat in die deutsche und europäische Gesetzgebung, desto stärker wuchsen Unbehagen und Widerstand gerade auch bei Menschen, die eigentlich eine gleichberechtigte Erziehung befürworten. Und je vielfältiger sich die Rollenangebote und Familienmodelle entwickelten, je fließender die Grenzen, je größer also die tatsächliche Wahlfreiheit wurde für Frauen wie für Männer, desto stärker wurde zugleich das Bedürfnis nach klarer Abgrenzung, nach deutlichen Regeln und damit verbundener Sicherheit für das eigene Handeln. Deshalb wird das Konzept des ›Gender Mainstreaming‹ in der aktuellen Diskussion von vielen nicht länger als ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer geschlechtergerechten Welt betrachtet. Das Anliegen, Frauen und Männern, Jungen und Mädchen dieselben Chancen zu ermöglichen, wird gern als Gleichmacherei abqualifiziert; von Umerziehung ist die Rede, wenn die geschlechtliche Zuordnung von Eigenschaften und Interessengebieten infrage gestellt wird. So ist es schwierig geworden, das Wort ›Gender‹ überhaupt zu verwenden, ohne sich gleich dem Vorwurf auszusetzen, evolutionsbiologische Forschungsergebnisse zu ignorieren. Auf der anderen Seite wird allerdings kaum jemand bestreiten, dass unser Verhalten und unsere Interessen durch die Gesellschaft beeinflusst werden, in die wir hineinwachsen.
Es ist ein ewiges Hin und Her: Biologie oder Sozialwissenschaften, Hormone oder Umwelteinflüsse, Frauen gegen Männer, Gene oder erzieherische Verantwortung, Jungen gegen Mädchen. Es ist ein Gegeneinander, das nicht weiterführt, sondern uns im Gegenteil anfällig macht für die Einflüsterungen der Konsumgüterindustrie. Es macht uns manipulierbar bis in unser eigenes Selbstverständnis hinein, und es schränkt die Möglichkeiten unserer Kinder empfindlich ein, ihre Persönlichkeit frei zu entfalten. Deshalb schreiben wir dieses Buch, gemeinsam als Mutter und Vater von drei Schulkindern, zwei Töchtern und einem Sohn, weil wir der Überzeugung sind, dass wir den Weg zu einer geschlechtergerechten Gesellschaft nur gemeinsam gehen können, als Menschen, unabhängig von Geschlecht, Herkunft und sozialer Schicht, gemeinsam und für eine Gesellschaft, in die wir unsere Kinder gerne hineinwachsen sehen und in der wir selbst gerne alt werden möchten. Wir sind überzeugt, dass uns der aktuelle Fokus in Forschung und Marketing, nämlich die Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu betonen, immer weiter auseinanderführt.
Wir wollen stattdessen nach den Gemeinsamkeiten suchen, nach den Überschneidungen, nach dem, was uns verbindet. Wir wollen unseren Kindern nicht zwei Alternativen anbieten, sondern tausend. Wir wollen nicht länger in die Vergangenheit schauen und nach Verantwortlichkeiten suchen, wer wann was verschuldet oder zu welchem Zeitpunkt versäumt hat. Wir wollen uns nicht länger mit einer – oft hypothetischen – grauen Vorzeit beschäftigen, um unsere heutige zu verstehen. Wir wollen nach vorne schauen und uns Gedanken machen, was wir heute bewirken können, um dem Ideal einer geschlechtergerechten Erziehung ein Stück näher zu kommen. Die Frage ist also nicht, wie es dazu kam, dass wir so verschieden sind, die Frage lautet: Wollen wir an diesem Zustand etwas verändern? Wer in der jetzigen Situation, in der Gleichstellung der Geschlechter Verbesserungspotenzial sieht, hat allen Anlass, sich über gesellschaftliche Einflüsse Gedanken zu machen. Und da sich die Menschen in Deutschland darauf verständigt haben, Hundekacke in Plastiktüten aufzusammeln und zum nächsten Mülleimer zu tragen, sich eine ganze Infrastruktur um Hundekacktüten entwickeln konnte in den letzten Jahren, da sollte es doch möglich sein, unser Zusammenleben auch an entscheidenderer Stelle zu verändern!
Geschlechtsneutral oder geschlechtergerecht?
Aber was gehört zu einer geschlechtergerechten Erziehung, was bedeutet das im Detail? Wie können wir den allgemeinen Wunsch, unsere Kinder gleichberechtigt zu erziehen, konkret umsetzen? Denn rosa und hellblaue Fallen tun sich überall auf im Alltag mit Kindern. Die Zweiteilung ist uns so geläufig, dass wir die allgegenwärtige Zuordnung und die Betonung des Geschlechts gar nicht mehr wahrnehmen. Opa sagt zu Simon: »Toll, mit kurzen Haaren siehst du wieder aus wie ein richtiger Junge.« Natürlich möchte Simon »richtig« sein, er weiß jetzt: Lange Haare sind nichts für Jungen. In der Krabbelgruppe sagt eine Mutter mit Blick auf den halbjährigen Finn: »Ooch, guck, der flirtet schon mit mir, wie süß!«, und die vierjährige Svea soll nicht ohne Bikini-Oberteil ins Wasser. – Was bewegt uns dazu, Begriffe, Kleidung und Symbole von Erotik und Sexualität in die ersten Lebensjahre unserer Kinder vorzuverlegen, während Eltern in Deutschlands Südwesten gegen die angebliche »Frühsexualisierung« in Kitas demonstrieren und damit die Aufklärung über genau dieses Problem verhindern? (correctiv.org/aktuelles/neue-rechte/2017/05/25/fruehsexualisierung-die-angeblichebedrohung-der-kindheit/)? Es ist naheliegend, dass wir Rollenvorstellungen, mit denen wir selbst aufgewachsen sind, zunächst einmal an unsere Kinder weitergeben: Beim Familienausflug mit der Klasse spazieren 25 Kinder durch den Wald: »Annika, du machst deine Jacke schmutzig, wenn du so den Hang runterrutschst«; aber: »Los, Max, geh doch auch auf die Baumstämme hoch, du bist doch ein guter Kletterer!« Nacherzählt klingen solche Bemerkungen wie längst überholte Klischees, doch wer einmal darauf achtet, wird überrascht sein, wie viele davon unsere Kinder jeden Tag zu hören bekommen, beiläufig, unachtsam und ohne bösen Willen. Und wer einmal damit angefangen hat, die Zuschreibungen zu hinterfragen, merkt, dass ein »gleich behandeln« gar nicht möglich ist, obwohl viele Eltern ihr eigenes Erziehen genau so beschreiben. Da es aber keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt, kann es auch keine geschlechtsneutrale Erziehung geben. Eine geschlechtergerechte5 oder geschlechtersensible dagegen schon. Dazu gehört, dass Erwachsene Unterschiede wahrnehmen und mehr noch, dass sie sich bewusst sind, selbst Unterschiede zu machen.*
Geschlechterrollen sind historisch gewachsen und daher veränderbar. Wer sich ein gerechtes Miteinander unabhängig vom Geschlecht wünscht, ist gefordert, sein eigenes Mitwirken an den Regeln unserer Welt aufzuspüren, eine Welt, die auf Zweigeschlechtlichkeit in allen Bereichen Wert legt und in der Heterosexualität als Norm gilt. Das bedeutet, einen Blick dafür zu entwickeln, ob im eigenen Alltag bestehende Verhältnisse stabilisiert werden oder ob eine kritische Auseinandersetzung und damit Veränderung möglich ist. Eine Erziehung, die Kindern unabhängig vom Geschlecht gleiche Chancen vermitteln möchte, ist untrennbar verknüpft mit unseren Vorstellungen darüber, wie Frauen und Männer in Zukunft zusammenleben sollen und was wir unseren Kindern dafür mit auf den Weg geben. Sie ist verknüpft mit Fragen zur Rollenverteilung in den Familien und der aktuellen Debatte über die Frauenquote und über die Benachteiligung von Jungen durch unser Bildungssystem. Mit der Diskussion über Pädophilie im Zuge der sexuellen Befreiung in den 70er-Jahren und dem heute selbstverständlichen Warenangebot von Push-up-BHs und Stringtangas in Größe 116. Mit der zunehmenden Unzufriedenheit kleiner Mädchen mit ihrem eigenen Körper und nicht zuletzt der #aufschrei-Debatte.
Die Rollenklischees der Kinderwelt infrage zu stellen, ist kein Nischenthema für überambitionierte Eltern, sondern die Voraussetzung für ein gleichwertiges Miteinander aller. Sie geht uns alle an, weil unsere Entscheidungen die Zukunft unserer Kinder mitbestimmen und weil die Entscheidungen, die wir im Alltag mit Kindern treffen, deren Weltbild mit prägen. Dabei ist es egal, ob es unsere eigenen Kinder sind oder die Kinder von Freund*innen, Nachbar*innen, die Kinder von Fremden, ob wir Kinder als unsere Kund*innen betrachten, als Zielgruppe oder als Publikum. Wir alle haben Einfluss darauf, weil wir als Erwachsene die Lebensumwelt der Kinder gestalten durch Werbung, Geschichten und Filme, durch Spielzeug- und Freizeitangebote, durch Kleidungs- und Ernährungsgewohnheiten, durch unser alltägliches Zusammen- und Vorleben.
Den Einstieg ins Thema beginnen wir deshalb mit zwei Beispielen, »Mädchen und Mathematik« – »Jungen und Einfühlungsvermögen«, da hier offensichtlich wird, wie klassische Vorstellungen die Wahlmöglichkeiten unserer Kinder einschränken und zugleich Einfluss haben auf unser Zusammenleben als Erwachsene. Dann blicken wir in verschiedene Themenbereiche, die im Aufwachsen eines Kindes eine Rolle spielen. In jedem dieser Bereiche begegnen Kinder Zuordnungen zum einen oder anderen Geschlecht, die sie in ihrer Wahlfreiheit einschränken. Das beginnt schon vor der Geburt: Als zukünftige Eltern beeinflussen wir die Welt unserer Söhne und Töchter durch unsere Haltung und unsere Vorstellungen vom ungeborenen Kind. Wird sie rosa oder hellblau? Warum nicht auch gelb oder regenbogenfarbig? Wir haben die Kita Sonnenblume in der Nähe von Köln besucht und uns mit Susanne Wunderer getroffen, die Fortbildungen zu gendersensibler Pädagogik in Kindertagesstätten durchführt.
Von Werbung und Marketing werden Mädchen und Jungen immer stärker in Klischees gepresst. Ein Besuch in der Spielzeugwelt von Kuschel-Einhorn, G-Force-Heroes und Prinzessinnen-Laptop soll Antworten daraufliefern, welchen Einfluss die hier vermittelten Bilder haben. Welche Rolle spielen Barbie, High Heels, Prinzessinnenkostüme? Und haben die Rollenklischees der Werbung Einfluss auf das Körperbild unserer Kinder? Mit Stevie Schmiedel vom Verein Pinkstinks haben wir über pinkfarbenes Spielzeug und sexualisierte Werbung gesprochen.
Männersenf und Frauenbier, Elfentrank und rosa Überraschungseier: Verändert Gendermarketing unsere Essgewohnheiten? Haben unterschiedliche Freizeit- und Bewegungsangebote für Mädchen und Jungen Einfluss auf den eigenen Körper? Und wie sieht es mit Filmen, Büchern und Computerspielen aus, die sich an Jungen und Mädchen richten? Frauen gehen zur Vorsorge, Männer zur Reparatur; Mädchen wollen Topmodel werden, Jungen träumen von sich als Spitzensportler. Welchen Einfluss hat die Schule auf die spätere Berufswahl unserer Kinder, was bringen der Girls’ und Boys’ Day, und welche Botschaft kommt bei Mädchen und Jungen durch monoedukativen Unterricht an? Welches Bild der Welt vermitteln wir Kindern über die Sprache? Wir haben uns mit Lann Hornscheidt, Professx für Gender Studies und Sprachanalyse, unterhalten, um mehr zu erfahren über Sprache und Macht. Nils Pickert, Journalist, Teilzeitrockträger und Vollzeitfeminist, hat uns erzählt, warum seiner Meinung nach in unserer Gesellschaft Individualität großgeschrieben wird und trotzdem nicht alle sein können, was und wie sie gerne möchten..
Es ist aber umständlich, jedes Mal die weibliche Form mit zu berücksichtigen, und ein rosa Kinderzimmer ist doch hübsch! Lasst doch die Kinder in Ruhe, die komplizierten Regeln des Erwachsenenlebens kommen früh genug – Einwände, das Thema in den ersten Jahren noch ruhen zu lassen, gibt es genug. Doch wer geschlechterstereotypen Vorstellungen nichts entgegenzusetzen hat, bringt sie zwangsläufig immer wieder neu hervor. Diesen Kreislauf gilt es im Interesse unserer Kinder zu durchbrechen. Denn am Ende des Tages lässt sich alles auf einzelne Ereignisse zurückführen, in denen wir und andere Menschen Entscheidungen treffen, Aussagen machen und handeln. Manchmal genügt es, den Blickwinkel ein klein wenig zu verschieben. Noch mal genauer zuzuhören beim nächsten Kindergeburtstag, etwas genauer nachzufragen, wenn wir unsere Kinder abholen in der Kindertagesstätte, und etwas länger zu zögern beim nächsten Einkauf in Rosa oder Hellblau. Und plötzlich wird klar, dass wir Einfluss haben; wir können uns und unser Umfeld verändern. In den kleinen Augenblicken des Alltags haben wir die Entscheidungsfreiheit, da ergeben sich Handlungsspielräume, in denen wir selbstbewusst agieren können.
* In all diesen Formulierungen zeigt sich ein Grundproblem, das sich auch durch dieses Buch zieht: es werden Frauen und Männer adressiert in Gesetzestexten, vor allem aber in Werbung und Marketing, in Büchern und Berichten in den Medien, im alltäglichen Sprechen. Das Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichtes vom 10. Oktober 2017, gesetzlich umgesetzt zum 1. Januar 2019 hat deutlich gemacht, dass diese binäre Teilung den medizinischen und psychologischen, den gesellschaftlichen und individuellen Verhältnissen nicht gerecht wird. Wir alle sind gefordert, die reale Diversität sichtbar zu machen und zu normalisieren.
* Weil der Gender Care Gap als Ursache für den Gender Pay Gap zum Zeitpunkt unserer Recherchen für die Erstauflage der Rosa-Hellblau-Falle nur wenig bekannt war, wenig diskutiert und bis dahin auch nicht berechnet worden war, haben wir 2016 den »Equal Care Day« ins Leben gerufen. Einen bundesweiten Aktionstag für mehr Wertschätzung, Sichtbarkeit und eine faire Verteilung der Care-Arbeit. Weil Care-Arbeit als »unsichtbare Arbeit« zu wenig Berücksichtigung erfährt im aktuellen Wirtschaftsstystem, haben wir den Equal Care Day auf den unsichtbaren Tag im Jahr gelegt, den 29. Februar, der nur alle vier Jahre begangen wird. Mehr dazu unter equalcareday.de
1MATHE IST KEIN BAUCHGEFÜHL
Warum Klischees so beharrlich sind
Luca, unsere Jüngste, sitzt über ihren Mathehausaufgaben und kritzelt schlampig über die Kästchen auf dem Arbeitsblatt. Acht sollen blau werden, fünf bekommen noch etwas Rot ab, da wirft sie ihre Buntstifte hin: »Dreizehn! Das ist doch voll baby!« Arbeitsblätter mit roten und blauen Kästchen begleiten sie durchs erste Schuljahr, und wir begleiten eine genervte Erstklässlerin durch ihre ersten Matheerfahrungen. Anfangs hatte sich Luca mit einer Begeisterung in die Welt der Zahlen gestürzt, die uns Eltern und ihre älteren Geschwister fast überforderte. Kein Spaziergang, kein Mittagessen, kein Einschlafen ohne neue Aufgaben, plus und minus, mehrteilig und gemischt; wer gerade in Reichweite war, von dem wollte sie neues Rechenfutter. Als Hausaufgaben bekam sie weiterhin Blätter mit Kästchen zum Ausmalen und mit Äpfeln und Birnen zum Einkreisen, alles im Zahlenraum bis 20. Zu Hause fing sie inzwischen an, mit Kay das kleine Einmaleins zu lernen. Für sie ein Riesenspaß, für Kay, den Drittklässler, für den das regulärer Unterrichtsstoff war, eher frustrierend. Deshalb wollten wir uns beim Elternsprechtag mit der Lehrerin darüber austauschen in der Hoffnung, dass sie Luca mit neuen Herausforderungen den Spaß an der Mathematik bewahren und ihr die Langeweile nehmen würde. Leider klärte sie uns stattdessen über ihre Erfahrungen mit Hochbegabten auf, und Luca, das sei sicher, ist ja nicht hochbegabt. Gut, das war zwar nicht unser Anliegen, aber offenbar waren wir durch unsere leise Kritik an den Kästchen direkt in die Kategorie ›überambitionierte Eltern‹ gerutscht, sodass sie meinte, uns erst einmal den Wind aus den Segeln nehmen zu müssen. Außerdem, gab sie uns noch mit auf den Weg, müssten Kinder in einer heterogenen Klasse lernen, dass sich nicht alles immer nach ihnen richtet. Warten zu können sei auch eine Tugend.
Ja, natürlich, man könnte das als Luxusproblem überambitionierter Eltern abtun: Mensch, seid doch zufrieden! Ist doch prima, dass sie in Mathe keine Probleme hat, ist ja nicht selbstverständlich … für ein Mädchen – oder wie? Wahrscheinlich sah die Lehrerin in uns Exemplare der aktuell kritisierten »Helikoptereltern«. »Zu viel Kontrolle« steht derzeit nämlich ganz oben auf der Liste der elterlichen Verfehlungen. Unlängst haben wir unsere Kinder zu Tyrannen erzogen, weil wir keine Grenzen setzten, jetzt droht die Überbehütung. Im vorliegenden Fall wäre die entsprechende Empfehlung also: abhaken, laufen lassen. Langweilt sie sich eben in Mathe, sie wird bestimmt bald etwas anderes finden, das sie ausfüllt. Deutsch oder Englisch vielleicht? Fachbereiche also, in denen sie vielleicht mehr Zuspruch bekommt? Weil Mädchen doch so gerne lesen und Sprachen überhaupt …? Wir waren jedenfalls überrascht, dass in Zeiten, in denen sich alle Welt mehr weibliche Begeisterung für die naturwissenschaftlichen Fächer wünscht, für Mathematik und Informatik, keine positivere Rückmeldung kam. Stattdessen lautete die Lösung der Lehrerin: Luca solle sich eben schneller durchs Mathebuch arbeiten mit der zweifelhaften Belohnung, im zweiten Band weitermachen zu können, sobald sie fertig wäre. Jetzt, ein Jahr später, findet Luca Mathe so blöd wie ihre Schulfreundinnen auch. Ihre Begeisterung ist erstickt im hundert Seiten dicken Mathebuch und in vielen Kommentaren von Großeltern und Eltern von Freund*innen: »Das kannst du schon rechnen? So ein kleines Mädchen, das ist aber toll!« Oder: »Interessant, dass sie sich so für Zahlen interessiert, ist ja sonst nicht so ’n Mädchending.« Im Einzelnen ist nichts davon schlimm und schon gar nicht böse gemeint, in der Summe aber hat es seine Wirkung nicht verfehlt.
Mit Kays Klassenlehrerin hatten wir ein ähnliches Gespräch, allerdings ging da die Initiative von ihr aus. Sie hätte manchmal den Eindruck, er sei vielleicht unterfordert in der Schule, wie wir das denn sehen würden. Und obwohl wir uns darüber noch gar keine Gedanken gemacht hatten und auch keinen Handlungsbedarf sahen, versprach sie, in Zukunft genauer darauf zu achten, dass er im Unterricht und in den Hausaufgaben genügend Herausforderungen findet. Zwei verschiedene Grundschullehrerinnen, zwei gegensätzliche Erlebnisse – es mag sein, dass das Thema Geschlecht nur zufällig dazukam. Für uns lag allerdings der Gedanke nahe, dass diese Neigung vieler Lehrer*innen und Eltern eine Rolle spielte, Jungen ganz allgemein für intelligenter zu halten, insbesondere in Mathematik1. Viel lieber hätten wir unser persönliches kleines Luxusproblem damit, aber unsere Tochter ist kein Einzelfall. Die Erwartungshaltung geht eben nicht davon aus, dass sich Mädchen für Mathematik und Physik interessieren, allgemeiner Konsens ist noch immer das Gegenteil. Und diese gesellschaftliche Übereinkunft hat direkte Auswirkungen auf das Selbstbild unserer Kinder. Sie führt dazu, dass Mädchen insgesamt ihre Matheleistungen geringer einschätzen als Jungen, selbst wenn sie gleich gute oder sogar bessere Noten in der Schule haben. Ein Satz wie »Das kann ich sowieso nicht!« kommt bei Mädchen viel früher, und das Blatt mit einer kniffligen Matheaufgabe wird oft schon zerknüllt, noch bevor eine wirklich zu rechnen begonnen hat. Und da wir das irgendwie ja auch erwarten, wird es allzu schnell entschuldigt – liegt ihr eben nicht. Jungen dagegen lernen schon bald, dass man mit einem selbstverständlichen Grundoptimismus weit kommen kann: »Passt schon!« ist die Haltung, mit der sich ein Matheaufgabenblatt leichter und schneller bearbeiten lässt. Die positive Selbsteinschätzung im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich nimmt bei Jungen mit zunehmendem Alter immer weiter zu, während die der Mädchen abnimmt2. Und auch die Pisa-Studie von 2013 ergab erneut: »Selbst da, wo Jungen und Mädchen gleiche Ergebnisse haben, sind Mädchen der Mathematik gegenüber negativer eingestellt. Ihr Vertrauen in die eigenen mathematischen Fähigkeiten ist geringer.«3 Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung also: »Jungs sind gut in Mathe. Und weil ich ein Junge bin, gehöre ich dazu.« Auf der anderen Seite: »Mädchen sind schlecht in Mathe. Weil ich ein Mädchen bin, kann ich so gut also gar nicht sein.« Warum sind Schulen, obwohl das Problem seit Jahrzehnten diskutiert wird, hier noch nicht weitergekommen? Wie kann sich ein für alle frustrierendes Klischee bloß so lange halten?
Die Macht der Rollenklischees
Es gibt eine ganze Reihe von Untersuchungen, die den Einfluss stereotyper Ansichten auf das Selbstbild und auf die Leistungen von Erwachsenen nachweisen. Claude M. Steele von der Stanford University, Kalifornien, nutzte den Begriff ›Stereotype Threat‹ zum ersten Mal, als er 1995 in mehreren Experimenten nachweisen konnte, dass Schwarze College-Studierende in Tests schlechter abschnitten, wenn sie zuvor auf ihre Hautfarbe hingewiesen wurden4. Fiel dieser Hinweis weg, schnitten sie gleich gut und besser ab als die übrigen Teilnehmenden. Später teilte er Testpersonen in zwei Gruppen auf, die in ihren mathematischen Leistungen vergleichbar waren. Der einen Gruppe wurde gesagt, dass Männer und Frauen bei diesem Mathetest bisher immer sehr unterschiedlich abgeschnitten hätten, bei der anderen Gruppe gab es keinen Hinweis zum Geschlecht. In der ersten Gruppe fiel das Ergebnis der Frauen deutlich schlechter aus als in der Kontrollgruppe. Und eine Folgestudie5 zeigte, dass dieser Effekt noch zunimmt, je größer die mathematischen Kenntnisse der Teilnehmenden sind und je wichtiger sie ihre Fähigkeiten und damit auch die Testergebnisse nehmen. Die Aufgaben dieses Mathetests stammten aus dem Graduate Record Examination Test, den US-amerikanische Student*innen absolvieren müssen, wenn sie an einer Universität Naturwissenschaften studieren wollen. Die Stereotypbedrohung wirkte in diesem Experiment gleich in zweierlei Hinsicht. Das negative Vorurteil beeinflusst die Teilnehmerinnen in ihren Leistungen, denn ein Teil ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit ist permanent damit beschäftigt, die negativen und störenden Gedanken zu unterdrücken. Hinzu kam in diesem Fall die Angst, durch das eigene Scheitern die negativen Vorurteile zu bestätigen oder gar zu verstärken. Weil die getesteten Frauen sich in ihrem Selbstverständnis als lebenden Gegenbeweis für dieses Stereotyp fühlten, waren ihre Versagensängste entsprechend größer. Beide Faktoren sind nicht gerade geeignet, gute Leistungen bei einem Mathetest zu erzielen. Trotzdem schnitten die beteiligten Frauen unter Stereotypbedrohung nicht schlechter ab als die übrigen Teilnehmenden. Das überraschende Ergebnis war, dass die Frauen in der Gruppe ohne die Bedrohung durch Stereotype signifikant besser waren als alle anderen Teilnehmenden. Das führte die Forscher*innen zu der Schlussfolgerung, dass der Graduate Record Examination Test, wie auch viele andere Prüfungen, üblicherweise in einem Szenario stattfinden, das die eigentlichen Fähigkeiten der Studentinnen unterdrückt. In diesem Zusammenhang betrachtet, bekommt der subjektive Eindruck vieler Frauen, in vergleichbaren Situationen mehr leisten zu müssen als ein Mann, um die gleiche Anerkennung zu bekommen, eine ganz neue Bedeutung.
Trotz einer Fülle von Studien zur Wirkung von negativen Vorurteilen und Stereotypien und obwohl deren Ergebnisse seit Mitte der 1990er-Jahre regelmäßig veröffentlicht werden, haben sie wenig Einfluss auf unser Urteilen im Alltag, auf unsere Einschätzung von weiblichen und männlichen Misserfolgen im mathematischen beziehungsweise sprachlichen Bereich und darüber hinaus. In Online-Diskussionen melden sich Skeptiker*innen in der Regel mit persönlichen Anekdoten zu Wort, um damit die Ergebnisse von Studien zu widerlegen. Und selbst im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wischt Bettina Weiguny die Forschung von mehreren Jahrzehnten mit einem Satz vom Tisch: »Ich hab da so meine Zweifel. Mein Mann rechnet nämlich auch lieber als ich.« Und fügt hinzu, ihre älteste Tochter komme ganz nach ihr: »Wahrscheinlichkeitsrechnung ist bei uns ein Bauchgefühl.«6 Ein Bauchgefühl, das weitervererbt wird? Solche Alltagstheorien, die wir aus unseren persönlichen Erfahrungen heraus entwickeln, reichen oft schon aus, uns davon zu überzeugen, dass die wissenschaftlichen Untersuchungen relativ sind, fehlerhaft, ja geradezu manipulierend. Und da wir in der Regel selbst keine Statistiken erstellen, glauben wir dann gar keiner mehr, sondern vertrauen ganz auf unseren persönlichen Erfahrungsschatz.
Diese Alltagstheorien werden gestützt durch den sogenannten ›confirmation bias‹. Dieser ›Bestätigungsfehler‹ bezeichnet in der Psychologie die menschliche Tendenz, Informationen bevorzugt dann wahrzunehmen und zu erinnern, wenn sie unsere eigene Meinung bestätigen. Informationen, die ihr widersprechen, vergessen wir schneller wieder oder nehmen sie gar nicht erst als relevant wahr. »Es hört doch jeder nur, was er versteht«, befand Johann Wolfgang von Goethe, und bis heute leuchten uns besonders die Beispiele ein, die unser eigenes Weltbild untermauern. So fallen uns immer wieder Beispiele ein, in denen Männer bei handwerklich-technischen Arbeiten irgendwie doch geschickter sind oder bei einer mathematischen Herausforderung schneller zum Ergebnis kommen. Die Beispiele scheinen unsere Ansicht zu bestätigen und liefern immer wieder netten Gesprächsstoff unter Freund*innen. Ob sie sich nun statistisch belegen oder mit Studien widerlegen lassen, spielt dann keine Rolle mehr. Der ›Bestätigungsfehler‹ wirkt umso stärker, je unangenehmer es uns ist, das eigene Selbstverständnis, die eigenen Erfahrungen und die eigenen Überzeugungen auf den Prüfstand zu stellen. Es ist eben beunruhigend, wenn das eigene Weltbild ins Wanken gerät. Und ein bisschen Traditionsbewusstsein kann doch nicht schaden, zumal es das Leben entschieden einfacher macht. Für wen eigentlich? Für Frauen, die sich für Maschinenbau interessieren? Für Männer, die in Grundschulen arbeiten? Für Jungen, die sich ein Puppenhaus wünschen, und Mädchen, die gerne mit lautem Motorengeräusch durch den Kindergarten brausen?
Botschaften zwischen den Zeilen, unterschwellige Bilder, die Frauen auf ihre geschlechtliche Zugehörigkeit hinweisen und klischeehaftes Verhalten damit verknüpfen, können schon ausreichen, um als psychische Bremse zu wirken auf Frauen, die sich in einem Feld behaupten wollen, das typischerweise Männern zugeschrieben wird. Das kann zum Beispiel eines der zahlreichen Plakate sein, die einem auf dem Weg zur Arbeit einen Bikini oder eine Versicherung verkaufen wollen, oder ein Spot auf dem Infoscreen am Bahnhof, in dem eine total gut gelaunte Langhaarige vor Freude über das tolle neue Deo auf ihrem Bett auf und ab hüpft. Wer auf dem Weg zu einem Bewerbungsgespräch oder Vertragsverhandlungen ist, wird dadurch in seiner Selbsteinschätzung beeinflusst. Und je stärker Rollenklischees auf Plakaten oder in Werbespots bedient werden, desto schlechter schneiden Frauen ab, wenn sie im Anschluss ihre mathematischen Fähigkeiten in einem Test beweisen sollen7.
Eine Forschungsarbeit der Harvard Universität8 belegte die unterschiedlichen Wirkungsweisen des ›Stereotype Threat‹ anhand von zwei auch in den USA verbreiteten Vorurteilen, dass nämlich erstens Frauen schlechter sind in Mathematik als Männer und zweitens Menschen asiatischer Herkunft über besonders gute mathematische Fähigkeiten verfügen. In diesem Test schnitten Studentinnen asiatischer Herkunft besser ab als die Kontrollgruppe, wenn sie im Vorfeld auf ihre ethnische Herkunft hingewiesen wurden. Das in diesem Fall positive Vorurteil wirkte also beflügelnd. Wurden die Studentinnen allerdings auf ihr Geschlecht aufmerksam gemacht, waren ihre Ergebnisse deutlich schlechter. In den USA fordern Wissenschaftler*innen deshalb, das Kreuzchen für männlich und weiblich oder auch Angaben zum ethnischen Hintergrund erst im Anschluss an einen Test abzufragen, um einer Stereotypbedrohung vorzubeugen.
Mit dem Geschlecht verknüpfte Vorurteile führen also dazu, dass die Unterschiede zwischen Frauen und Männern in Studien oft größer ausfallen, als sie eigentlich sind, weil eine Gruppe möglicherweise durch das in ihrem Fall positive Vorurteil motiviert wird, während die andere Gruppe gegen die negativen Vorurteile ankämpfen muss und damit weniger kognitive Kapazitäten für die eigentlichen Aufgaben frei hat. Ein Problem, das jeden Menschen betrifft. Schließlich lernen wir von Anfang an, in Kategorien zu denken, und nutzen sie als Abkürzungen und Entscheidungshilfen. Aussagen, die wir häufig hören, können wir zuverlässiger wieder abrufen. Und die Assoziationen, die wir mit bestimmten sozialen Gruppen verknüpfen – Alte, Reiche, Blauäugige, Blondinen –, beinhalten ein spezifisches Wissen über die Machtverhältnisse in unserer Kultur und Gesellschaft. Über die Richtigkeit dieser Assoziationen ist damit allerdings noch nichts gesagt, betont der Sozialpsychologe Jens Förster in seinem Buch »Kleine Einführung in das Schubladendenken«: »Wenn mir bei ›alt‹ das Wort ›vergesslich‹ und nicht ›schlau‹ einfällt, dann hängt das vor allem damit zusammen, was mich unsere Gesellschaft über die Gruppe der älteren Menschen lehrt.«9 In China dagegen haben die Menschen großen Respekt vor dem Alter, sie assoziieren damit die Begriffe ›aktiv‹, ›weise‹ und ›wichtig‹. Und wie bei den oben genannten Beispielen zur Stereotypbedrohung hat auch hier die Erwartungshaltung der Umwelt Einfluss auf die Leistung des Einzelnen: »Alte Amerikaner schneiden in Gedächtnistests weitaus schlechter ab als junge Amerikaner. Alte Chinesen hingegen nicht. Die Gedächtnisleistungen von jungen und alten Chinesen unterscheiden sich in diesen Studien tatsächlich kaum!«10
Wenn eine Gesellschaft verinnerlicht hat, bei Jungen und Männern eher an mathematische Fähigkeiten zu denken als an Sprachbegabung, dann ist dem also nur schwer zu entkommen. Das beobachteten auch die Psycholog*innen Beate Seibt und Jens Förster11, als sie innerhalb einer Untersuchung vorgaben, die Sprachfähigkeit der Teilnehmenden zu testen. Der identische Test wurde für die eine Gruppe auf dem Deckblatt als Aufgabe beschrieben, »die sprachlichen Fähigkeiten von Männern und Frauen« zu testen, in der anderen Gruppe fehlte diese Zusatzangabe. Die männlichen Teilnehmenden der ersten Gruppe brauchten für den Test deutlich länger, die Frauen waren entsprechend schneller. Die stereotypbedrohten Männer wollten die Aufgabe nicht nur gut und schnell lösen, sie wollten vor allem keine Fehler machen und brauchten deshalb entsprechend mehr Zeit. Dieser Fehlervermeidungsmodus ist eine weitere Auswirkung der Stereotypbedrohung mit weitreichenden Folgen, besonders wenn es darum geht, kreative Lösungen zu finden. Mit dem »Ziegelsteinexperiment« konnten die beiden Forscher*innen zeigen, dass Menschen unter Stereotypbedrohung kaum in der Lage sind, kreative Ideen zu entwickeln. Die Teilnehmenden sollten alle denkbaren Ideen sammeln, wie sie einen Ziegelstein verwenden würden. In stereotypbedrohten Gruppen kamen dann Antworten wie: »Dinge bauen, werfen«, während in der nicht bedrohten Gruppe Überlegungen entstanden wie: »um zu zeigen, dass ich auch nur einer von vielen Ziegelsteinen in der Mauer bin«12.
Wer sich gegen negative Vorurteile behaupten muss, hat es im entsprechenden Bereich schwerer. Handwerkliche, mathematische und technische Interessen sind für Mädchen immer noch mit dem Stempel ›Ausnahme‹ verbunden. Sich in einem solchen Bereich dennoch durchzusetzen, bedeutet für ein Mädchen oder eine Frau, sich selbst und den anderen jeden Tag aufs Neue beweisen müssen, dass sie es dennoch kann, dass die Klischees nicht zutreffen, die Schublade klemmt. Die gute Nachricht ist, dass wir der Wirkung von Stereotypbedrohungen nicht vollkommen ausgeliefert sind: Sie verschwindet, wenn die Betroffenen überzeugt sind, dass die Vorurteile gar nicht zutreffen. Und genau darin liegt die Chance, diesen Kreislauf zu durchbrechen, den wir bislang mit traditionellen Rollenbildern in Gang halten, eine Chance für uns Eltern, für die Kinder, für unsere Gesellschaft. Denn schließlich bedeutet die negative Verknüpfung von Frauen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Interessen nicht nur eine Einschränkung für jede einzelne Betroffene, sondern schadet unserer gesamten Wirtschaft. Politik und Medien haben dieses Problem längst erkannt, doch statt das enge Korsett der Rollenstereotype aufzulösen, werden sie in vielen Kampagnen immer wieder neu hergestellt. Der poppige Spot zum Beispiel, mit dem die EU–Kommission im Jahr 2012 Mädchen für naturwissenschaftliche Berufe begeistern wollte, tritt genau in diese Falle: »Science: It’s a Girl Thing«13, behaupten die Macher*innen, um dann drei topgestylte, schlanke Mädchen im Mini und auf High Heels zwischen Reagenzgläsern und Bunsenbrennern posen zu lassen. Im Chemielabor der EU wird mit Puder und Nagellack experimentiert, begleitet von Mädchenkichern und dem prüfenden Blick eines Mannes im Weißkittel. Hier werden Klischees aufgefahren, die im Ergebnis das Gegenteil dessen bewirken, was eigentlich Sinn und Zweck der Kampagne war, nämlich junge Frauen für die Naturwissenschaften zu begeistern.
Empathie und der Gender Care Gap
Das erschwerte Vorankommen von Mädchen und Frauen im technisch-naturwissenschaftlichen Umfeld ist einer der Gründe, die zum ›Gender Pay Gap‹ führen, der Tatsache also, dass Männer im Schnitt 22 Prozent mehr verdienen als Frauen14. Während das Thema der unterschiedlichen Entlohnung von Männern und Frauen alljährlich am ›Equal Pay Day‹ von Politik und Medien aufgegriffen wird, ist der ›Gender Care Gap‹* noch kaum im öffentlichen Bewusstsein angekommen, obwohl er mindestens ebenso starke Verwerfungen in der Gesellschaft bewirkt und Hauptursache ist für den PayGap: Über 80 Prozent der Care-Arbeit, also der Sorgearbeit in unserer Gesellschaft, werden von Frauen geleistet15, nämlich Erziehung und Betreuung der Kinder, Pflege von Alten und Kranken, von Menschen mit Behinderung, alle Kümmerarbeit im weitesten Sinn.
Auch hier spielt die Stereotypbedrohung eine große Rolle und macht es den wenigen Männern in diesem Bereich unnötig schwer. Das nur selten hinterfragte Klischee dahinter lautet, Männer seien weniger empathisch als Frauen. Eine Alltagstheorie, die Harald Martenstein in seinem umstrittenen Zeit-Artikel »Schlecht, schlechter, Geschlecht« mit einer längst widerlegten Studie zu untermauern versuchte: »Wenn auf Fotos Gesichter zu sehen sind, traurige oder fröhliche, dann entschlüsseln Männer die Emotionen der abgebildeten Personen im Durchschnitt schlechter.«16 Er vergisst zu erwähnen, dass nach neueren Erkenntnissen in dieser wie in allen anderen Studien das Setting mit über die Aussage entscheidet: Genderbezogene Informationen können das Ergebnis eines solchen Tests beeinflussen. Je offensichtlicher es nämlich für die Proband*innen ist, dass ein Test mit Empathie zu tun hat, umso größer wird der Vorsprung der Frauen. Deshalb tragen auch Tests wenig zur Aufklärung bei, in denen Teilnehmende ihre Empathiefähigkeit selbst einschätzen sollen, etwa mit Feststellungen wie: »Ich kann gut erkennen, wann jemand ein Gespräch anfangen will.« Sie sind ebenso nichtssagend wie subjektive Einschätzungen über mathematische Kompetenzen: »Ich beherrsche die Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung.« Deshalb käme wohl auch niemand auf die Idee, sie auf diesem Wege abzufragen. Tatsächlich hat sich gezeigt, dass »Selbstbeobachtungsdaten zur sozialen Sensitivität«17 praktisch untauglich sind, wenn es darum geht, gute oder schlechte Menschenkenner zu identifizieren. Trotzdem baut der britische Psychologe Simon Baron-Cohen auf Fragebogen-Tests dieser Art seine Thesen vom höheren Empathiequotienten des weiblichen Gehirns auf, um dann selbst zu dem Schluss zu gelangen, dass nicht einmal 50 Prozent der Frauen ein »weibliches Gehirn« hätten18. Er belegt damit vor allem eines: dass nämlich Frauen und Männer sich vor allem darin unterscheiden, wie empathisch sie anderen und sich selbst gegenüber erscheinen wollen. Über ihre tatsächliche Empathiefähigkeit ist damit noch nichts gesagt.
Tatsächlich verschwindet die viel beschriebene männliche Gefühlslosigkeit, sobald Empathie als lohnendes Ziel erscheint. Wenn im Vorfeld eines Tests das besondere weibliche Einfühlungsvermögen betont wurde, schnitten die Männer tatsächlich schlechter ab. Schien das Geschlecht aber keine Rolle zu spielen und wurde stattdessen für jede richtige Antwort eine Bezahlung in Aussicht gestellt, wie in einem Experiment der University of Oregon19, dann war dieser Unterschied plötzlich nicht mehr festzustellen. Wenn es sich lohnt, empathisch zu sein, sind Männer also sehr wohl dazu in der Lage. Im Alltag dagegen scheint sich Empathie für Männer nicht auszuzahlen. Dafür gibt es kein ironiefreies Schulterklopfen, keine ideelle Anerkennung, stattdessen ernten Erzieher aufgrund ihrer Berufswahl und Lebenshaltung diskriminierende Kommentare, und selbst Autori*nnen von Büchern und Artikeln über den »neuen Mann« sprechen über Luschen und Waschlappen und fordern mehr Coolness, Geld und Statussymbole20. Auch für die Mehrheit der Männer kommt also im Alltag wie auch in Empathietests die Stereotypbedrohung zum Tragen, und trotzdem gibt es nach wie vor Forscher*innen, die im Gehirn oder im Hormonhaushalt der Menschen nach Ursachen für diesen angeblichen Empathieunterschied suchen. Und von »weiblicher Intuition« sprechen wir weiterhin, als sei sie angeboren. Die Neuropsychiaterin Louann Brizendine ist sogar überzeugt, dass Frauen sich quasi von Geburt an in andere hineinversetzen, mitfühlen, wenn nicht sogar Gedanken lesen können, wie sie in ihrem Buch »Das weibliche Gehirn« schreibt: »Zu vermuten, was ein anderer Mensch denkt oder fühlt, bedeutet im Wesentlichen, Gedanken zu lesen. Und letztlich ist das weibliche Gehirn talentiert darin, Gedanken, Überzeugungen und Absichten anderer aufgrund von kleinsten Hinweisen schnell einschätzen zu können.«21
Die weitere Argumentation wird damit zum Selbstläufer: Wenn Frauen empathiefähiger sind, ihnen der einfühlsame Umgang mit Kindern also quasi angeboren ist, dann versteht es sich von selbst, dass es ihnen leichter fallen muss, im Job kürzerzutreten und sich mehr als ihre Männer um die Kinder zu kümmern. Und im Spiel von Mädchen finden wir dann oft eine ziemlich exakte Rollenbeschreibung ihrer Mütter wieder, sie kochen und pflegen, sie trösten und backen, sie kommunizieren und machen sich hübsch. Jungen dagegen spielen nicht ›Vater sein‹, sie spielen auch nicht ›Vater bei der Arbeit‹, sie spielen Autorennen, oder Aliens oder Neandertal. Viele Frauen amüsierten sich darüber, seien nachsichtig und inkonsequent, beobachtet Melitta Walter, die viele Jahre den Alltag in Kitas begleitete und Erzieher*innen beriet. In ihrem Aufsatz »Geschlechtergerechte Erziehung ohne reale Frauen- und Männervorbilder?« schreibt sie weiter: »Erwachsene unterstützen dieses auftrumpfende Verhalten, denn was ein richtiger Mann werden soll, der muss die Rolle des ›starken‹ Geschlechts schließlich ausprobieren können.«22 Unreflektiert würden Jungen so in klassischen Rollenmustern unterstützt.
Mitgefühl, sich in andere hineinversetzen und sich selbst in Worten und Emotionen ausdrücken zu können, wird Jungen dagegen selten nahegelegt. Der Soziologe und Familientherapeut Paul Suer fordert deshalb, dass wir unser Bild davon, wie Jungen zu sein haben, korrigieren. Ein neues, sozusagen ›menschliches‹ Jungenbild könne so aussehen: »Jungen, die weinen, sind authentisch. Sie leben ihre Gefühle und sind mit sich im Einklang. Jungen, die ihre weichen Seiten zeigen und leben, sind liebenswert. Sie finden leichter Freund*innen und werden besser verstanden. Jungen, die ihren Körper achten, gehen sorgfältig mit ihm um und schützen ihn vor Überlastung.«23
Pflegeberufe haben kein positives Image
Doch woher sollte dieses neue Bild kommen, auf welcher Basis könnte es entstehen? Das Rollenbild, das die Erwachsenenwelt in Werbung, Medien und Freizeitangeboten bereithält, sieht diesen Aspekt jedenfalls nicht vor. Die Botschaften von James Bond, Darth Vader und Megatron sind in der Kinderwelt längst angekommen: James Bond kennen Zweitklässler wenn noch nicht vom eigenen, so doch vom Smartphone des Freundes, Star-Wars-Motive gibt es jedes Jahr auf den Schulranzen für die nächste Erstklässlergeneration, und die Kampfmaschinen des Actionfilms »Transformers« stehen schon bei Fünfjährigen hoch im Kurs. Den Mythos vom harten Mann haben wir also keineswegs hinter uns gelassen: kämpfen, zerstören, auslöschen, vernichten sind durchaus gängige Vokabeln auf einem Kindergeburtstag. Wer von der Spielplatzbank aus manches Kriegsspiel beobachtet, weiß, dass es vonseiten der Eltern kaum Einschränkungen gibt: »So sind sie eben, die Jungs« legitimiert die Sandbombe im Kragen oder die Schaufel auf dem Kopf des Gegners. Ist ein Mädchen Teil der Kriegswirren, sind die Reaktionen der Erwachsenen sehr viel klarer und strenger, als wenn ein Junge der Auslöser war. Die Annahme, dass wir es hier mit etwas Unabänderlichem zu tun haben, führt dazu, dass Jungen »nicht deutlich genug vermittelt [wird], welche gesellschaftlichen Spielregeln einer Demokratie zuträglich sind und mit welchen Verhaltensweisen Gewalt und Schrecken verbreitet werden«24, kritisiert Melitta Walter. Denn selbst da, wo Männer humanitäre Hilfe leisten, wo es um Mitgefühl geht, Hilfeleistung und Schutz, wo Kommunikationsfähigkeiten gefragt sind, werden diese Eigenschaften nicht als erstrebenswert herausgestellt. Die Bundeswehr zum Beispiel hat sich entschieden, diese Aspekte ihrer Aufgabe erst gar nicht in ihren letzten Imagefilm25 aufzunehmen, sie setzt lieber auf das Image des harten Mannes. Um die ›richtigen‹ Jungs unter den jungen Männern zu finden, ist der Film unterlegt mit harter Rockmusik und jaulenden Gitarren im Wechsel mit der deutschen Nationalhymne. Dazu Bilder aus der Heimat, die es in der Fremde zu verteidigen gilt, explodierende Granaten, Staub und Rauchfontänen, dazwischen Soldaten, die Spalier stehen, Bomben abwerfen, kraftvoll Hände schütteln und schwer bewaffnet durchs Gelände rennen. Düsenjäger und Panzer, Adrenalin und Testosteron, Kriegsschiffe und Raketen – der Clip macht klar: Soldat sein bedeutet kämpfen, und Kämpfen macht Spaß. Männer lieben eben, was hart macht, und Frauen ergänzen das prima, sind sie doch einfühlsam und kümmern sich um andere, sie helfen eben gerne.
Sei es der EU-Spot, der Mädchen in naturwissenschaftlich-technische Gefilde locken möchte, die Imagekampagne der Bundeswehr oder viele weitere Beispiele aus Werbung, Film und Marketing, hier wie dort werden Frauen und Männer auf Klischees reduziert. Die Begründung lautet in allen Fällen: Wir wollen die Menschen in ihren jeweiligen Lebenswelten ansprechen, sie dort abholen. Wofür und wohin? Etwa um dann gemeinsam in eine geschlechtergerechte Welt voranzuschreiten? Wohl eher, um uns ungeniert zur Kasse zu begleiten. Denn dafür ist das Insistieren auf den Unterschieden zwischen Männern und Frauen ein probates Mittel. Am Ende wundern wir uns dann, warum unsere erwachsen gewordenen Kinder weiterhin getrennte Wege gehen, sowohl in der Rollenaufteilung in den Familien, im Beruf als auch in der Persönlichkeitsentwicklung, zum Nachteil für alle.
Mädchen und Mathematik, Jungen und Einfühlungsvermögen, beide Beispiele zeigen nicht nur, dass wir die Wahlfreiheit unserer Kinder einschränken, dass wir die Möglichkeiten dieser Welt, aus denen sie frei auswählen könnten, vorsortieren in rosa und hellblau, dass wir Erwachsenen es sind, die vorgeben, welche Interessen wir den Mädchen zugestehen und welche unserer Ansicht nach männlich genug sind. Dabei ist die heutige Elterngeneration doch der Beweis, dass Rollenzuschreibungen flexibel sind, dass sie sich im Lauf der Zeit wandeln können. Immerhin war noch Mitte der 1970er-Jahre die Hälfte der Eltern der Ansicht, eine Frau sei nur dazu da, sich um ihren Mann, ihre Kinder und den Haushalt zu kümmern, wie es das österreichische Kanzleramt in seinem »Bericht über die Situation der Frau«26 1975 zusammenfasste.
Beide Beispiele zeigen, dass Geschlechterstereotype kein Luxusproblem überambitionierter Helikoptereltern sind, sondern dass Mädchen und Jungen ein Recht darauf haben, dass wir uns einmischen. Denn obwohl wir wissen, dass Menschen unterschiedlich sind und dass sich ihre Eigenschaften, ihre Wünsche und Abneigungen ziemlich gleichmäßig auf die Geschlechter verteilen, und obwohl uns Individualität doch so wichtig scheint, legen wir als Gesellschaft trotzdem Wert auf eine Zweigeschlechtlichkeit, die ein gleichberechtigtes Aufwachsen, eine freie Entfaltung der Persönlichkeit unnötig erschweren.
2VON BEGINN AN ZWEI WELTEN
Warum wir schon vor der Geburt Unterschiede machen
Annette habe ich kennengelernt, als wir beide noch studierten. Wir waren Mitte zwanzig, hatten erste Arbeitserfahrungen gesammelt und bereiteten uns auf unsere Prüfungen vor. Auf der Geburtstagsfeier einer Freundin, die nach der Geburt ihres Sohnes wieder zu ihren Eltern gezogen war, diskutierten wir über unsere Vorstellungen von Familie und Karriere. Wir waren uns einig, dass sich Beruf und Kinder nicht ausschließen, denn Hausarbeit und Kindererziehung wollten wir natürlich mit unseren zukünftigen Partnern teilen. Wir waren überzeugt, dass die Männer unserer Generation, mit denen wir uns eine Beziehung vorstellen konnten, diese Haltung längst teilten, sodass wir kein Hindernis sahen, das unseren Plänen im Weg stehen könnte. Zehn Jahre später zog Annette mit ihrem Partner nach New York um. Sie war fertig ausgebildete HNO-Ärztin und hatte in Deutschland eine eigene Praxis, aber sein Arbeitgeber hatte ihm dort eine auf drei Jahre befristete Stelle angeboten, die er nicht ablehnen konnte. Sagt sie. Außerdem, wer sage schon Nein zu einem dreijährigen Auslandsaufenthalt mit bezahltem Umzug, Sprachkurs und allem Drum und Dran? Es sei sowieso ein Fehler gewesen, sich mit einer eigenen Praxis schon so früh auf Beruf und Wohnort festzulegen. In New York kam dann ihr erstes Kind zur Welt. Annettes Mann ist immer noch beim selben Arbeitgeber, die nächste Stufe der Karriereleiter führte ihn nach Hamburg, die Familie zog mit. Heute lebt Annette in München, mit ihrem dritten Kind ist sie gerade in Elternzeit. Ab und zu helfe sie in der Praxis eines Bekannten aus, was leider nur schwer zu organisieren sei, da ihr Mann selten vor 21 Uhr nach Hause komme.
Annettes Geschichte habe ich in den letzten Jahren so und in Variationen immer wieder gehört. Nicht eine der Frauen wurde gezwungen, ihre eigene berufliche Entwicklung der ihres Mannes unterzuordnen, natürlich nicht. Immer haben die Paare einvernehmlich entschieden, dass es so am besten sei für alle Beteiligten, vor allem für die Kinder. Die Gründe dafür sind jeweils andere, aber jede dieser Geschichten endet mit einer längeren Stille, in der die Erzählerin neben mir auf einer Spielplatzbank sitzt, vor einem Schultor steht oder in einer Küche eine Tasse festhält und nachdenklich ins Leere blickt.
»Familienarbeit«
Mit guter Ausbildung und fester Arbeitsstelle, ohne Kinder, aber mit einem engen Freund*innenkreis und Wohnung in der (Groß-)Stadt hat Frau oder Mann relativ gute Chancen, vom Thema Gleichberechtigung lange Zeit unberührt zu bleiben. Da stellt sich leicht der Eindruck ein, dass so langsam wirklich genug gesagt und geschrieben worden ist dazu. Weil Frauen ja nun gleichgestellt seien, wird an manchen Stellen gar das Ende der Geschlechterdebatte ausgerufen, die viel beschworene Gläserne Decke sei in Wirklichkeit ein Scherbenhaufen1. Viele Frauen unter dreißig, die Abitur haben, gehen ganz selbstverständlich davon aus, »dass sie mit einer guten Ausbildung beruflich erfolgreich sein werden, Karriere machen und, wenn ein Kind kommt, sich Haushalt, Erziehung und Beruf mit ihrem Partner gerecht teilen«2. Zu diesem Schluss kommt eine im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführte Untersuchung über »20-jährige Frauen und Männer heute«: Für die Mehrheit der in den 1980ern Geborenen sind Fragen der Gleichstellung abstrakt, denn die wenigsten haben Situationen erlebt, in denen sie eine Gleichbehandlung durchsetzen mussten; unfaire Entscheidungen hatten andere Ursachen, am Geschlecht lag es sicher nicht. Doch sobald zwei zusammenziehen und entscheiden, Kinder zu bekommen, ziehen täglich die neuen-alten Fragen mit ein, die längst geklärt schienen, die Polarität ist ungebrochen.
Zwar stimmen Frauen und Männer laut der »Vorwerk-Familienstudie 2012« mehrheitlich der Idealforderung zu, dass beide sich die Familienarbeit gleichberechtigt teilen, doch die Theorie kommt im Alltag nicht wirklich an. Der Anteil der Väter, die sich voll oder zur Hälfte in Haushaltsarbeit und Kindererziehung einbringen, sei in den vergangenen Jahren nicht gestiegen, auch wenn der Studie zufolge in der Bevölkerung der Eindruck überwiegt, Väter würden sich heute stärker an der Erziehung und Betreuung ihrer Kinder beteiligen als noch vor fünf oder zehn Jahren: »76 Prozent der Mütter machen nach eigener Aussage ›alles‹ oder ›das meiste‹ selbst, und 68 Prozent der Väter bestätigen dies, indem sie ihren eigenen Beitrag zur Familienarbeit mit dem ›kleineren Teil‹ (61 Prozent) oder ›kaum etwas, gar nichts‹ (7 Prozent) umschreiben«3, so das Ergebnis. Und auch die Untersuchungen der Bamberger Soziologen Florian Schulz und Hans-Peter Blossfeld bestätigen, dass es im Laufe der meisten Paarbeziehungen oder Ehen zu einer Verschiebung der Arbeitsteilung in Richtung traditioneller Strukturen komme4.
Doch wenn beide gleichermaßen arbeiten und verdienen, so sollte man meinen, sorgen Paare für eine faire Verteilung der Aufgaben rund um Waschen, Kochen, Putzen, je nachdem, wie viel Zeit der*m Einzelnen bleibt. Und tatsächlich nimmt der Frauenanteil an der Hausarbeit mit steigendem Gehalt ab, allerdings nur, solange sie weniger verdient als er.5 Sobald sich das Verhältnis nämlich umkehrt und sie mehr verdient als er, gleichen Paare diese seltene Rollenverteilung durch besonders traditionelle Zuständigkeiten im Haushalt wieder aus: Je mehr sie verdient, desto größer wird dann auch ihr Anteil an der Hausarbeit, schreiben Michael Bittman und Kolleg*innen im »American Journal of Sociology«6. Diese eigenartige Entwicklung gehe so weit, dass Frauen sogar dann den Hauptanteil übernehmen, wenn er gar nicht arbeitet.
Die große Mehrheit der Männer ist der Meinung, einen guten Vater zeichne aus, »so viel Zeit wie möglich mit seinen Kindern zu verbringen«7, ergab eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Zeitschrift Eltern. Und obwohl die Hälfte der befragten Männer angab, in ihrem Betrieb wäre Teilzeit problemlos möglich, nutzen doch nur fünf Prozent der Väter diese Möglichkeiten. Sind also die ungünstigen Verhältnisse schuld, dass Wunsch und Wirklichkeit so weit auseinanderiegen? Hindern Unternehmen, Finanzen und drohender Karriereknick die Männer daran, gute Väter zu sein? Immerhin entscheidet sich ein Viertel der Väter dafür, Elternzeit zu nehmen, doch leider bleibt es oft beim Pflichtprogramm von zwei Monaten, die es braucht, damit das Paar die vollen 14 Monate Elterngeld ausschöpfen kann, wie die Zahlen des Statistischen Bundesamts von 2013 belegen8. Halbe-halbe gibt es selten, und Väter, die den größeren Teil übernehmen, bleiben als Minderheit unter sich. Deshalb sind Berichte und Bücher interessant, in denen Männer vom Experiment Vollzeit-Vatersein berichten. Doch der Tonfall der Texte macht den grundsätzlichen Unterschied schnell deutlich: Sie »finden sich im Gegensatz zu den meisten vermeintlich sorgenvoll verkrampften Müttern so erfrischend locker«, wundert sich der alleinerziehende Vater Jochen König. In seinem Buch »Fritzi und ich. Von der Angst eines Vaters, keine gute Mutter zu sein« erzählt er: »Sie finden es pädagogisch furchtbar revolutionär, sich mit ihrem Kind eine Essensschlacht zu liefern oder es ohne Zähneputzen ins Bett zu bringen. Keinen Moment besteht ein Zweifel, dass es sich um einen vorübergehenden Rollentausch handelt, ein Experiment, das lediglich der Arbeitsmarkt- beziehungsweise der Kindergartenplatzsituation geschuldet ist, und dem die Autoren am Ende natürlich trotzdem (sobald der Spuk vorbei ist) etwas Positives abgewinnen können.«9
Dabei wollen wir unsere Kinder doch gleichberechtigt erziehen. Gleichberechtigt nicht nur in Bezug auf das Kind, das, egal welchen Geschlechts, dieselben Möglichkeiten und Förderungen erfahren soll, sondern ebenso in Bezug auf die Eltern, auf Mütter und Väter, die sich mit den gleichen Rechten und Pflichten in die Erziehung der Kinder einbringen. Doch schon Schwangere sehen sich mit einem starken Rollenvorbild konfrontiert, einer Übermutterrolle, der sie in irgendeiner Weise gerecht werden müssen und wollen. Während Schwangerschaft und Stillzeit wird ihnen ihr Frausein täglich auf einer sehr direkten, körperlichen Art bewusst (gemacht), was dazu führt, dass all die positiven wie negativen Stereotype ständig präsent sind. Das macht es nicht gerade einfach, eine individuelle Haltung zu Kind und Mutterschaft zu entwickeln. Und auch die Väter leiden unter der Stereotypbedrohung. Da es ein selbstverständliches, positives Vater-Vorbild noch gar nicht gibt, müssen Väter ständig unter Beweis stellen, dass auch sie eine gute Mutter sein können. Und der Vorwurf, dass sie das nicht so gut können, nicht gut genug jedenfalls, der kommt fein verpackt als Lob daher. Väter werden für die alltäglichste Kleinigkeit gelobt, die für Mütter – und für jeden beteiligten Vater auch! – einfach selbstverständlich sind: »Respekt, Sie sind das ganze Wochenende allein mit den Kindern? Sagen Sie aber ruhig Bescheid, wenn Sie Hilfe brauchen.«
Die Rosa-Hellblau-Falle steht also schon bereit, noch bevor ein Kind überhaupt geboren ist. In der Schwangerschaft folgt dann auf die erste harmlose Frage »Wann ist es denn so weit?« gleich die häufigste: »Was wird es denn?« Und noch bevor das Kind auf der Welt ist, erfahren werdende Eltern, dass Mädchen der Mutter die Schönheit rauben und viele Tritte oder ein spitzer Bauch auf einen Jungen hinweisen. Auch wer nichts gibt auf die alten Weisheiten, hat selbst dennoch Vorlieben: Laut einer Gießener Studie wünschen sich Männer beim ersten Kind eher einen Sohn, Frauen eher eine Tochter. Die Forscher begründen das damit, dass es wohl leichter fällt, sich mit dem eigenen Geschlecht zu identifizieren.10 Und hat man dabei nicht vielleicht schon eine Vorstellung im Kopf, was man mit Mädchen besser spielen, was man mit Jungen besser unternehmen könnte? Wohl deshalb wollen über 80 Prozent der Eltern vor der Geburt wissen, ob sie einen Jungen oder ein Mädchen erwarten, so das Ergebnis einer Umfrage der Zeitschrift Eltern11. Doch wenn sich die werdenden Eltern das Geschlecht des Fötus bei der Ultraschalluntersuchung sagen lassen, verändert sich mit dem Wissen bereits die Erwartungshaltung an das Ungeborene, erklärt Mechthild Neises, Leiterin der Abteilung Psychosomatische Gynäkologie und Geburtshilfe an der Medizinischen Hochschule Hannover: »Es ist nicht unüblich, bereits Babys im Bauch bestimmte Charaktereigenschaften zuzuschreiben. Das eine Kind wird als lebhaft, das andere als eigenwillig oder still wahrgenommen. Wenn ich jetzt das Geschlecht des Babys kenne, werden diese Charaktereigenschaften konkretisiert, und zwar meist nach den gängigen Rollenklischees. Auch die Stimmlage, mit der mit dem Baby im Bauch gesprochen wird, orientiert sich daran, ob es eine ›sie‹, ein ›er‹ oder eben noch ein ›es‹ ist.«12 Ähnlich argumentiert Wassilios Fthenakis, Professor für Entwicklungspsychologie und Anthropologie an der Freien Universität Bozen, im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Die geschlechtstypische Behandlung beginne schon vor der Geburt: »Die Eltern erfahren das Geschlecht des Kindes und beginnen, die Bewegungen des Fötus geschlechtsangemessen zu interpretieren. Sie sagen etwa: ›Das ist aber ein lebendiger Junge‹, wenn der Fötus viel strampelt. Oder: ›Das ist ein braves Mädchen‹, wenn der Fötus ruhig ist. Sie entwerfen bereits ein sozial verankertes, geschlechtsstereotypes Modell. Wenn das Kind zur Welt kommt, setzt sich das auf der Handlungsebene fort.«13
»Wie süüüß!«, sagen oder fühlen Menschen, wenn ein Säugling oder Kleinkind unter den Decken eines Kinderwagens strampelt und lustige Laute ausprobiert. Und das ist auch gut so. Denn wer klein und niedlich ist, bekommt automatisch Schutz. Das Kindchenschema funktioniert zum Glück auch ohne Rosa. Deshalb gibt es nicht wirklich Anlass, es bei Mädchen durch Rüschenkleidchen und Blümchen zu verstärken. Warum soll die eine Hälfte noch süßer und niedlicher sein als die andere? Brauchen Mädchen etwa mehr Schutz und Zuwendung als niedliche, stupsnasige Jungs? Offenbar sind viele Eltern und Großeltern dieser Ansicht. Deshalb werden weibliche Säuglinge auch prompt fester angefasst und mit tieferer Stimme angesprochen, kaum dass sie hellblaue Kleidung tragen und für einen Jungen gehalten werden. Und andersherum gehen die Stimmen bei einem Jungen, der in Rosa gekleidet wird, nach oben. Weint ein Junge, nehmen Erwachsene an, dass er wütend ist, bei einem Mädchen vermuten sie dagegen eher Angst. Es sind die sogenannten ›Baby-X-Studien‹14, die belegen, wie anders Erwachsene auf ein Baby reagieren, abhängig davon, ob sie es für einen Jungen oder für ein Mädchen halten. Der Begriff geht zurück auf zwei Studien der Psychologin Phyllis A. Katz, die die unterschiedliche Spielzeugwahl (Puppe, Ball oder Ring) Erwachsener beobachtete, wenn ihnen ein Baby in gelbem Strampelanzug als Mary beziehungsweise als Johnny vorgestellt wurde. Ein und dasselbe Verhalten wird also unterschiedlich gewertet, weil wir das, was wir sehen, abgleichen mit dem, was wir als typisch Mädchen beziehungsweise typisch Junge tief im Unterbewusstsein gespeichert haben. In einem Experiment, das die motorischen Fähigkeiten von Krabbelkindern untersuchte, zeigte sich, dass Eltern dazu neigen, Jungen zu überschätzen, Mädchen dagegen zu unterschätzen, obwohl objektiv keine Unterschiede in den Fähigkeiten der Jungen und Mädchen vorhanden waren15.
Sitzt unser angebliches Wissen über Jungen und Mädchen nicht zu tief, können wir in solchen Situationen überhaupt aus unserer Haut? Wir haben nicht darauf geachtet, ob wir mit unseren Töchtern mehr gesprochen haben als mit unserem Sohn. Ob wir mit ihr einen körperlicheren Umgang gepflegt und ihm schon im Krabbelalter einen größeren Bewegungsradius zugestanden haben. Aber im Nachhinein irritiert uns schon, dass unsere älteste Tochter Mika nie gekrabbelt ist und sich dafür ausgiebig und feinstmotorisch auf ihrer Decke sitzend mit Kleinzeug beschäftigt hat. Sie hat unsere CD- und Bücherregale ausgeräumt, Schubladen und Fächer in der Küche neu sortiert, alles ohne Krabbeln. Kleiner Bewegungsradius, typisch Mädchen? Oder typisch für Eltern in der Genderfalle? Oder gar Familienerbe über die Geschlechtergrenzen hinweg, denn meiner Mutter fiel gleich wieder ein, dass ich ja auch nicht gekrabbelt sei. Als Mika laufen konnte, sind wir dann zwar über Stock und Stein durch die Bäche und Schluchten unserer Umgebung gewandert, ob das aber als Ausgleich ausreicht? Immerhin waren wir davon überzeugt, dass, was auch immer unsere Kinder von sich aus mitbringen mögen, sich Charakter, Interessen und Eigenschaften erst im täglichen Miteinander entwickeln, dass wir und unsere Kinder nicht determiniert sind, sondern uns immer weiter entwickeln können. Eltern verstärken nämlich vor allem dann das geschlechtstypische Verhalten ihrer Kinder, wenn sie davon ausgehen, es sei angeboren, erklärt Tim Rohrmann, Leiter des Instituts für Pädagogik und Psychologie und Experte auf dem Gebiet der geschlechterbewussten Pädagogik.16
Die Testosteron-Keule
»Ist doch klar, dass es da Unterschiede gibt«, erklärte mir neulich ein Vater. »Schau, das zeigt sich doch allein schon am Testosteron.« Ich nicke und bedanke mich, dass Mika zum Essen bleiben durfte. Beim Schuheanziehen zwischen Tür und Angel kommt kein Argument an gegen das schlagkräftige Testosteron. Es kann bei Frauen und Männern gemessen werden, doch weil es ein Sexualhormon ist und bei Männern in höherer Konzentration vorkommt, weil es die Entwicklung der männlichen Geschlechtsorgane bewirkt, gilt es in den verschiedenen Alltagstheorien als »das männliche Hormon«. Mit Stichwörtern wie Aggressivität, Muskeln, räumlichem Denken und der Vorliebe für Fleisch werden dann meist in der nachfolgenden Erklärung die Unterschiede dargelegt, die sich angeblich bereits im Mutterleib nachweisen lassen. Doch beim Menschen wurden die meisten Versuche mit älteren Kindern oder Erwachsenen gemacht, sodass genauso die Erfahrung und das Gelernte Grund sein könnten für unterschiedliche Ergebnisse im räumlichen Denken. Immerhin zeigten Experimente mit Ratten, dass ein erhöhter Testosteronwert die Tiere aggressiver macht und ihnen außerdem ermöglicht, sich schneller in einem Labyrinth zurechtzufinden. Doch Testosteronwerte werden bei Menschen meistens im Blut oder im Speichel gemessen, dabei wäre der Gehalt im Gehirn wichtig, um relevante Aussagen treffen zu können. Und wenn das Verhalten von Probanden mit ihrem Testosteronspiegel verglichen wird, ist damit die Frage nach Ursache und Wirkung immer noch nicht beantwortet: Das Testosteron beeinflusst nicht nur das Verhalten, sondern das Verhalten umgekehrt auch den Hormonspiegel17. Trotzdem erklären Zeitungsartikel mit dem »höheren fötalen Testosteronwert« die besseren mathematischen Fähigkeiten von Achtklässlern, Pausenrangeleien gegenüber Puppenspiel sowie die Vorliebe für Fleisch statt Salat. Populärwissenschaftliche Bücher übers Einparken und Zuhören, über Gefühle und Wettkampf verstärken diesen ›publication bias‹ weiter. Der ›Publikationsbias‹ ist die statistisch verzerrte Darstellung der Datenlage, die daher rührt, dass Studien mit signifikantem Ergebnis (»Es besteht ein angeborener Unterschied zwischen den Geschlechtern«) eher in wissenschaftliche Publikationen aufgenommen und stärker finanziell gefördert werden. Über sie wird dann auch öfter und ausführlicher berichtet als über Studien mit nichtsignifikanten Ergebnissen (»Es besteht kein angeborener Unterschied zwischen den Geschlechtern«). Die US-amerikanische Soziologin Carol Hagemann-White konnte schon 1984 nachweisen, dass vor allem die deutschsprachige Literatur dazu neigt, Geschlechtsunterschiede als massiv und angeboren zu beschreiben18. Bei näherer Analyse der Untersuchungen würden sich die aufgestellten Behauptungen meist als unhaltbar herausstellen. Doch um an Fördergelder zu kommen, müssen Untersuchungen so angelegt sein, dass sie nach einem Unterschied suchen. Ob der dann groß ist oder eher verschwindend gering, spielt am Ende keine entscheidende Rolle. »Somit ist schon vom Forschungsdesign her gar kein anderes Ergebnis möglich, als Differenzen zwischen Frauen und Männern festzustellen. Dabei zeigen sich überall, also beispielsweise bei Hormon- und bei Gehirnuntersuchungen, meist viel größere Unterschiede innerhalb einer Gruppe, also etwa innerhalb der Gruppe ›Männer‹«, so der Biologe Heinz-Jürgen Voß19.
In ihrem Buch »Die Geschlechterlüge. Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann«20 hat die Neuropsychologin Cordelia Fine zahlreiche Studien aus den unterschiedlichsten Bereichen versammelt, die sich damit befassen, ob und worin Frau und Mann, Mädchen und Junge sich unterscheiden. Sie beweist anschaulich und im Detail, dass es zu jeder Untersuchung, die einen natürlichen, also angeborenen Unterschied ergab, auch eine aktuellere Studie gibt, die das Gegenteil herausgefunden hat. An zahlreichen Beispielen führt sie vor, dass Untersuchungen, die vermeintlich große Unterschiede zwischen den Geschlechtern beobachten konnten, in aller Regel schon in Fragestellung und Versuchsaufbau entscheidende Details unberücksichtigt ließen oder den Einfluss der Sozialisation zu wenig bedachten und so zu fehlerhaften Ergebnissen führten. Darunter Studien, denen zufolge das Testosteron schon im Mutterleib auf die Gehirnentwicklung des Fötus Einfluss habe und so ein ›weibliches‹ und ein ›männliches‹ Gehirn entstehen lasse. Das vielfach gezeichnete Bild einer »vorgeburtlichen Testosteronschwemme« oder einer »Testosterondusche« wirkt derart eindrücklich, dass wir automatisch glauben, sie müsse Konsequenzen haben. Doch tatsächlich lässt sich die effektive Konzentration eines Geschlechtshormons im menschlichen Körper bisher gar nicht exakt messen, schreibt die Neurobiologin Lesley Rogers von der University of New England in »Sexing the Brain«21. Der im Speichel gemessene Testosteronwert sagt zum Beispiel nicht automatisch etwas über das Testosteron aus, das auf das Gehirn wirkt. Darüber hinaus konnte der Bochumer Biopsychologe Markus Hausmann nachweisen, dass sich der Hormonspiegel während und durch eine Untersuchung verändern kann22. Er ließ zwei gemischte Gruppen von Männern und Frauen mentale Rotationsaufgaben lösen, sie sollten also mehrdimensionale Objekte im Geist drehen. Durch suggestive Einstiegsfragen (»Ist jemand, der gut räumlich denken kann, eher ein Mann oder eine Frau?«) wurde die eine Gruppe auf die gängigen Geschlechterstereotype aufmerksam gemacht. In der anderen Gruppe wurden dieselben Fragen nicht mit Mann/Frau, sondern mit Nordamerikaner/Europäer gestellt (»Ist jemand, der gut räumlich denken kann, eher ein Amerikaner oder ein Europäer?«). In der ersten Gruppe mit Stereotypbedrohung waren die Männer bei den Rotationsaufgaben deutlich besser. In der Vergleichsgruppe dagegen gab es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Als Hausmann im Anschluss an den Test die Hormonspiegel seiner Proband*innen überprüfte, konnte er bei den Männern in der Stereotypgruppe deutlich erhöhte Testosteronspiegel nachweisen. Ihre Gedanken könnten, so Hausmanns Schlussfolgerung, in Verbindung mit der Wettbewerbssituation dazu geführt haben, dass mehr Testosteron ausgeschüttet wurde. Erst der Hinweis also, dass es bei diesem Test um eine Aufgabe geht, von der behauptet wird, dass Männer hier bessere Leistungen erbringen, sorgte für den entsprechenden Hormonschub.
Dass bestimmte soziale Situationen auf unseren Hormonspiegel Einfluss haben, ist bekannt. Väter haben niedrigere Testosteronwerte als Kinderlose23, Sportlerinnen zeigen an Wettkampftagen erhöhte Testosteronwerte, und nun hat Markus Hausmann diese allgemeinen Befunde in einem Szenario nachgewiesen, in dem auch der Einfluss geschlechtstypischer Vorurteile berücksichtigt wurde. Studien zu angeblichen Geschlechterunterschieden, in denen der Hormonstatus vor und nach den Tests nicht verglichen wurde, sind nach diesen Ergebnissen mit Vorsicht zu bewerten, also eigentlich fast alle, da diese Herangehensweise noch sehr neu ist. Und die Frage nach Kultur oder Natur, Erziehung oder Erbe führt zu keiner befriedigenden Antwort, denn die Ergebnisse zeigen noch einmal, dass sich biologische, soziale und psychische Einflüsse nicht trennen lassen.
Himmelblau und Babyrosa
Eltern, die sich nicht beruflich mit Sexualhormonen und Petrischalen befassen, die keine Gehirnscans lesen und Blutwerte nicht analysieren können, sehen sich einer unüberschaubaren Informationsflut gegenüber, die nur schwer zu deuten ist. Nicht jede Veröffentlichung ist so leicht zu durchschauen wie die folgende Spekulation eines amerikanischen Forscherteams. Es erklärte die weibliche Vorliebe für Rosa damit, dass Frauen ja schon zu Urzeiten fürs Beerensammeln zuständig gewesen seien. Reife, rote Beeren zu finden liegt also angeblich in der weiblichen Natur. Diese Rekonstruktion der Aufgabenverteilung unter den Jägern und Sammlerinnen ist inzwischen umstritten24; plausibler scheint, dass sich Männer und Frauen sowohl fürs Sammeln als auch fürs Jagen zusammengeschlossen haben. Doch da wir unser Augenmerk heute auf die Unterschiede legen, wird auch hierzu wie üblich eine Gegenseite konstruiert: die jagenden Männer. Für sie gelte nämlich Ähnliches in Bezug auf die Farbe Blau. Ein Gespür für gutes Wetter beziehungsweise eine gute Wasserquelle sei wichtig gewesen für die steinzeitlichen Jäger. Der Journalist Martin Wainwright fand diese Farbtheorie so einleuchtend, dass er damit in seinem Artikel für den Guardian die seiner Meinung nach natürliche Vorliebe von kleinen Mädchen für rosarote Kuchendekoration erklärte, »it’s all down to evolution«25.
Der Blick zurück verspricht Gewissheit, dass alles seinen Sinn haben muss, so wie es ist. Alles ist begründet in unseren Steinzeitgehirnen, schließlich seien wir im Grund immer noch Höhlenmenschen, bringt die amerikanische Neurologin Louann Brizendine ihre Position über Mann und Frau auf den Punkt: »face it, we’re all still cave people inside«26. Wenn wir allerdings nicht bis zu den Höhlenmenschen zurückschauen, um uns die Gegenwart zu erklären, dann stellen wir fest, dass Rosa im 19. Jahrhundert gar keine Mädchenfarbe war, dass die Zuweisung »Mädchen mögen Rosa«, »Jungen mögen Blau« umgekehrt galt: Königsmäntel waren purpurn, Rot war in allen seinen Abstufungen die Farbe der Herrschenden. Rot war also eine männliche Farbe, und Rosa, das ›kleine Rot‹, war für Jungen. Mit rot wurden Blut und Kampf assoziiert, Leidenschaft und Macht. Blau dagegen war in der christlichen Tradition die Farbe Marias. Als Himmelskönigin ist sie auf Gemälden von Lucas Cranach oder Albrecht Dürer im blauen Kleid oder mit blauem Schleier dargestellt. Und Hellblau, das ›kleine Blau‹, war somit den Mädchen vorbehalten. 1918 schrieb The Ladys Home Journal, ein amerikanisches Frauenmagazin: »Die allgemein akzeptierte Regel ist Pink für den Jungen und Blau für das Mädchen. Das liegt daran, dass Pink stärker ist, während Blau feiner und eleganter ist.«27 Erst als nach dem Ersten Weltkrieg die Marineuniform und der Blaumann die Farbe Blau zum Symbol der Männerwelt machten, bekamen Jungen blaue Matrosenanzüge, und für die Mädchen galt fortan Rosa als traditioneller Kontrast.
Rosa ist also kein Grundbedürfnis fünfjähriger Mädchen, das erfüllt werden müsste, weil sonst seelische Schäden zu befürchten sind. Rosa ist eine Mode, die Eltern unterstützen können wie Ohrringe bei Zweijährigen oder Tattoos bei Zwölfjährigen. Oder auch nicht. Sie können Nein sagen, wie bei Schokolade nach dem Zähneputzen oder beim Wunsch nach einem Bernhardiner-Welpen. Luca will noch ein Eis, obwohl das erste noch an ihrer Hand klebt. Sonntagmorgens möchte sie in die Bücherei, und als der Film nach 90 Minuten zu Ende ist, will sie noch einen sehen. Kinder haben jeden Tag viele, viele Wünsche, niemals können Eltern alle erfüllen. Warum sollten wir ihr gerade den nach einem pinkfarbenen Tüllkleid erfüllen? Das Argument »Aber alle anderen haben auch …« ist zwar weit verbreitet, und trotzdem ist es die Entscheidung der Eltern, auf welche Wünsche sie eingehen, worin sie ihre Kinder bestärken, worauf sie weniger reagieren. Säuglinge verlangen nicht nach rosa oder hellblauen Schnullern, Stramplern oder Kinderwägen. Sieht aber süß aus, ist doch nur eine Farbe? Es ist eine Entscheidung der Eltern, wie wichtig es ihnen ist, der Umwelt das Geschlecht ihres Kindes mitzuteilen, und wie wichtig es ihnen ist, dass ein Kind in Aussehen und Verhalten dem entspricht, was sich Erwachsene oder ältere Kinder unter einem Mädchen oder einem Jungen vorstellen.
Ein Mädchen ohne rosa Attribute läuft nicht Gefahr, ausgegrenzt zu werden, deshalb können Eltern die Botschaften der Kleidungs- und Spielzeughersteller*innen getrost ignorieren. Aber es wäre nur eine Umkehrung des Problems, würden Eltern nun alles Pinke bei Mädchen verbieten und bei Jungen feiern. Damit wäre nichts gewonnen. Leider ist in vielen Produktbereichen die Trennung in rosa und hellblaue Bereiche so weit fortgeschritten, dass es tatsächlich einfacher ist, auf der jeweiligen Welle mitzureiten; vor allem spart es jede Menge Zeit, die sonst bei der Suche nach Alternativen draufginge. Und grundsätzlich spricht ja auch nichts gegen die Farbe. Aus psychologischer Sicht steht Rosa für Schutz und Sanftheit. Bonbonfarbene Wände im Farbton ›Baker-Miller-Pink‹ oder ›Cool Down Pink‹28 sollen sogar gewalttätige Gefängnisinsassen beruhigen, und angeblich weinen Säuglinge in einem Zimmer mit rosa Wänden weniger. Wenn die Farbe also gefällt und womöglich sogar positive Effekte hat, warum steht sie dann nicht als Lieblingsfarbe für Mädchen und Jungen gleichermaßen zur Verfügung? Ein Mädchen ohne rosa Attribute hat ganz einfach andere Lieblingsfarben, eine Wertung bleibt hier aus. Doch ein Junge in rosa Regenjacke und rosa Gummistiefeln ist … ja, was? Komisch? Nicht normal? So offen wird die Irritation selten geäußert, sie kommt lachend und positiv verpackt daher. Ein Vater, der Lucas Kindergartengruppe auf einem Regenausflug begleitete, drückte es mit großer Belustigung so aus: »Der Jonas, schon lustig, was? Hatte keine Jacke dabei, musste er eben ’ne Mädchenjacke leihen. Und jetzt schau ihn dir an, haben wir doch glatt ’ne neue Prinzessin in der Runde.« Jonas stand weit genug weg, und das war gut so, denn auch mit gutem Willen ließ sich kein Kompliment zwischen den Zeilen erkennen. Jungen in Rosa provozieren Kommentare, die selten Anerkennung und Respekt vermitteln. Durch solche Erfahrungen verunsichert, haben manche Eltern eigene Threads in Internetforen eröffnet, um in der Anonymität die Frage zu klären, ob sie dem Wunsch eines Jungen nach rosa Gummistiefeln nachgeben dürfen. Alle, die »Nein, auf keinen Fall!« schreien, erklären das ausnahmslos mit der Intoleranz und dem Unverständnis der anderen: »Er ist ein Junge, und man sollte es auch sehen. Denk doch, wie gehässig Kinder sein können, wie sie ablästern würden. Ich denke, man tut seinem Jungen keinen Gefallen damit.« Wir wären also alle gern tolerant, aber die Nachbarn lassen es nicht zu?
Die deutsche Bezeichnung für die Farbe Rosa ist abgeleitet aus dem lateinischen Blumennamen ›rosa‹ und ist mit den Eigenschaften zart, hübsch und sanft verbunden. Deshalb wenden sich die Mitglieder des Vereins »Pinkstinks« gegen die geschlechtliche Zuordnung der Farbe und gegen die Warenindustrie, die Mädchen auf Rosa festlegt. Rosa enge Mädchen ein auf ein süßes, niedliches Dasein. In Großbritannien 2008 gegründet, gibt es seit 2012 auch einen deutschen Ableger der Initiative. Die Gründerin Stevie Schmiedel sagt: »Rosa kann nicht stinken, Rosa ist ja nur eine Farbe. Es geht uns um das, was die Spielwarenwelt in den letzten Jahren mit der Farbe Rosa gemacht hat. Heute steht rosa für niedlich und für 50er-Jahre-Ideale wie Backen, Kochen, sich um Puppen kümmern und vor allen Dingen, sehr schön aussehen.«29 Verteidiger der rosa Welle halten dagegen, Rosa stehe längst nicht mehr für harmlos und niedlich, das kräftigere Pink strahle Selbstbewusstsein und Stärke aus. Ines Imdahl, Psychologin und Inhaberin einer Marktforschungsagentur, behauptet sogar, »dass auch Jungen die Farbe attraktiv finden und selbstbewusst äußern: ›Es gibt keine Mädchenfarben.‹ Farben sind Farben – und als solche erst einmal nicht ›geschlechtlich‹. Das verstehen Kinder oft besser als Erwachsene.«30 Doch die erwachsenen Marketingstrateg*innen verstehen das sehr wohl, sind sie es doch, die die geschlechtliche Zuordnung fördern und verstärken und sie zugleich als wertfreie Farbspielerei verharmlosen. Auch für den Disney-Konzern ist Rosa eine Mädchenfarbe, er lässt in China und Bangladesch Merchandising-Artikel rund um Prinzessinnen, Feen und Aschenputtels herstellen, die sich bevorzugt in Rosa- und Violetttöne kleiden. In den Disney-Filmen, Büchern und Heftchen sowie auf den Internetseiten werden ihnen dann genau die Charaktereigenschaften zugewiesen, die die Pink-Unterstützer abstreiten: Schneewittchen sei unschuldig, naiv und liebenswürdig mit großem Herz, Dornröschen anmutig und bezaubernd, romantisch und verträumt. Und auch Aschenputtel sei zart, bescheiden und liebenswürdig, immerhin auch humorvoll und intelligent. Aber »trotz der vielen Arbeit und Demütigungen kann sie nicht aufhören zu träumen«. Auch wenn es hübsch sein mag, mit Rosa versuchen Hersteller*innen den Eindruck von Exklusivität zu vermitteln: der pinke Werkzeugkoffer, das rosa Feen-Pflaster, rosa Pullover, rosa Überraschungseier vermitteln Kindern, sie wären nur für Mädchen geeignet, für Jungen dagegen tabu. Deshalb schließt Rosa Jungen aus, und zugleich engt es Mädchen ein.
3»DU WÄRST JETZT WOHL MAL DIE MUTTER«
Rollenklischees im Kindergarten – und wie es anders geht
Die Rosa-Hellblau-Falle beschäftigt uns, seit unser Sohn mit drei Jahren wie seine große Schwester im Kleid zum Kindergarten wollte und wir zögerten, bevor wir zustimmten. Bis dahin war es immer ganz lustig, wenn er ihre Röcke genauso selbstverständlich anzog wie all ihre anderen zu klein gewordenen Kleidungsstücke auch. Und als sich im Lauf der Wochen ein grünes Nicki-Kleid zu Kays Lieblingsstück entwickelte, war es nur folgerichtig, dass er an einem Kindergartenmorgen Gummistiefel dazu anzog und aufbrechen wollte. Uns war klar, dass es in dieser Entscheidung kein Aufschieben gab: Entweder wir halten den Mund und gehen los, oder wir machen ein Thema draus. Wir schickten die Kinder schon einmal vor die Tür und waren über unser eigenes Zögern überrascht. Was würde ihn im Kindergarten wohl erwarten. Hänseleien mit ausgestrecktem Zeigefinger? Spottlieder? Wird unser Sohn im Rock zum Außenseiter? Werden die anderen lachen? Müssen wir ihn beschützen? Oder darf er ausprobieren, was ihm gefällt? Sollten wir ihn nicht zumindest darauf vorbereiten, dass es heute ungemütlich werden könnte? Oder müssen nicht eher die anderen da durch? Vielleicht sollten wir noch schnell im Kindergarten anrufen und mit den Erzieherinnen sprechen? Mit mulmigem Gefühl sind wir dann einfach los.
Das mag übertrieben besorgt klingen, aber die Erinnerung an den ersten Kindergartentag mit unserer Tochter Mika war uns noch ziemlich präsent. Sie trug damals weiße Turnschuhe mit blauen Streifen, über die wir uns bis dahin keine Gedanken gemacht hatten – Schuhe eben. Doch zwei erfahrene Kindergartenmädchen kannten sich besser aus: »Ist das ’n Mädchen oder ’n Junge?« Als ich den beiden Fünfjährigen im Blümchenkleid antwortete, dass Mika ein Mädchen ist, waren sie irritiert: »Ja, aber die hat doch Jungsschuhe an!« Viele weitere kleine Ereignisse in den folgenden Monaten zeigten uns: Oft wird im Kindergarten schon am Kleiderhaken entschieden, wer in welche Schublade gehört. Und dann gibt es nur zwei zur Auswahl: auf der einen Seite wartet die rosa-lila-farbene Schublade mit Glitzer, beim Öffnen gibt es lustig perlende Geräusche, und man erahnt das Kichern einer Fee mit langem blondem Haar. Auf der anderen Seite ist es die blau-schwarze Camouflage-Schublade, sie öffnet sich mit Baustellengeräuschen, drinnen klappern Dinosaurierzähne, und sie schließt mit einem Gewehrschuss. Herzlich willkommen, schön, dass du da bist, wir nehmen dich so, wie du bist! Aber jetzt triff deine Wahl.
Kinder sind Genderdetektive
Als Kays Rock- und Kleiderphase begann, war er gerade drei Jahre alt geworden, ein Alter, in dem sich Kinder allmählich bewusst werden, welches Geschlecht sie und andere haben, und dass sich das wohl nicht mehr einfach so ändern wird. Kay wusste also, dass er ein Junge ist. Oder zumindest hatten wir Eltern ihn gemeinsam mit Hebamme und Kinderärztin aufgrund seiner äußeren Geschlechtsmerkmale in diese eine von nur zwei wählbaren Varianten eingeordnet. Und er hat diese Zuordnung angenommen, denn was hätte er auch anderes tun sollen, wo wir Eltern doch in der Welt eines so kleinen Kindes die Allwissenden sind. Tatsächlich ist die Medizin sich inzwischen einig, dass es eine Vielzahl an Varianten von Geschlecht gibt, die sich alle, abhängig von hormoneller Konstellation, von Chromosomen, inneren und äußeren Geschlechtsorganen, Phänotyp etc. unterscheiden.
Woran also erkennt man ein Mädchen, woran einen Jungen? Ist eine Frau keine Frau, wenn sie keine Gebärmutter oder keine Vulva hat? Welche Merkmale muss sie vorweisen, damit Menschen, die nichts über sie wissen, ihr Okay geben? Ist ein Mann, dessen Testosteronspiegel dem einer Frau entspricht, trotzdem ein Mann, und wer entscheidet darüber? Er selbst womöglich? Menschen mit Transidentität wird diese Definitionsmacht jedenfalls häufig abgesprochen, und Diskussionen über diese Frage verlaufen deshalb so emotional, weil sie unser binäres Weltbild von Grund auf infrage stellen. Manche versuchen deshalb, Kindern die Wahl der passenden Geschlechtsschublade zu einem so frühen Zeitpunkt zu ersparen und vermeiden eindeutige Zuschreibungen. Eltern, die sich entscheiden, ihr Kind mit neutralen Pronomen anzusprechen, bis es sich selbst klar als als Er, Sie oder nichtbinär einordnet (vgl. dazu die Diskussion in Schweden über das Wörtchen ›hen‹, das die Pronomen ›sie‹ und ›er‹ vereint), gelten als seltsam. Im besten Fall. Dabei beginnt doch genau hier die Rosa-Hellblau-Falle.
Um mit Erwachsenen (oder auch mit Kindern) weiter über dieses Thema nachzudenken, eignet sich folgende Frage zum Einstieg: Welche Merkmale würden Sie einem außerirdischen Wesen nennen, an denen sie*er zweifelsfrei eine Frau beziehungsweise einen Mann erkennen könnte?
Zurück zum dreijährigen Kay im grünen Kleid: Die Kategorie ›Mann‹ ist in diesem Alter noch sehr weit gefasst, und in seiner Denkschublade mit dem Etikett ›Junge‹ war noch Platz für Röcke und glitzernde Haarspängchen, für Nagellack und Schminke, für Kuscheln und Tanzen, für vieles, das er später aussortieren und in die Mädchen-Abteilung packen würde. Diese Phase dauert ungefähr bis ins siebte Lebensjahr, und Kinder halten sich in dieser Zeit oft an oberflächlichen Äußerlichkeiten fest, die ihnen bei der Orientierung helfen. Manche verhalten sich extrem rollentypisch, wenn sie für sich Ordnung suchen in einem Kinderalltag, der voller widersprüchlicher Erfahrungen ist. Kinder sammeln in dieser Phase Eindrücke über die Grenzen und Möglichkeiten ihres sozialen Geschlechts, sie lernen, dass mit ihrem Geschlecht auch soziale Erwartungen und Zuschreibungen verknüpft sind. Kinder hören Erwachsene sagen: »Jungs spielen ja nicht so gern mit Puppen«, und haben vielleicht einen kleinen Bruder zu Hause, der Puppen liebt und täglich mit ihnen spielt. Sie beobachten, dass Erwachsene und ältere Kinder bei einem Jungen, der sich als Prinzessin verkleidet, anders reagieren als bei dessen Schwester. Sie erfahren, dass über ein bewegungsfreudiges, aktives Mädchen, das laute Spiele mag, anders gesprochen wird, als über ihren Freund, mit dem sie gemeinsam durch die Flure rennt, und sie sind dabei, wenn die Eltern mit der Erzieherin sprechen und über ihre Tochter sagen: »An der ist eben ein Junge verloren gegangen.«.
Der Würzburger Pädagoge Martin R. Textor fasst in seinem Aufsatz »Die Erzieherin-Kind-Beziehung aus Sicht der Forschung« zusammen: »Nach einer deutschen Studie erfuhren Mädchen aus eigener Sicht mehr Kooperation, Hilfe, Trost, Faxen, Toben und Bekräftigung ihrer Ideen von den Erzieher*innen als Buben. Auch nahmen sie seltener als diese Restriktionen und emotionale Abwehr wahr. Nach amerikanischen Untersuchungen beurteilten Fachkräfte häufiger ihre Beziehungen zu Mädchen als eng, widmeten ihnen aber weniger Aufmerksamkeit als den Jungen. Sie berichteten bei Mädchen seltener von oft auftretenden Konflikten und kritisierten diese weniger.«1
Das Geschlecht ist das erste und das offensichtlichste Unterscheidungsmerkmal, das Kinder kennenlernen. In der Auseinandersetzung mit anderen Kindern, im Kontakt und beim Beobachten von Erwachsenen erleben sie die kulturell unterschiedlichen Rollen zwischen Frauen und Männern, Jungen und Mädchen. Das passiert eher unauffällig, Kinder lernen Rollenmuster weniger an klischeehaften Reaktionen wie »Das ist doch nichts für einen Jungen«; es ist vielmehr das Zusammenspiel aus Beobachtungen, Ermunterungen, Hilfen, Erwartungen und unauffälligen Rückmeldungen über das eigene oder fremde Verhalten, innerhalb dessen sich die geschlechtsspezifische Sozialisation vollzieht. Es ist der freudige Tonfall, die anteilnehmende Frage oder die ungeduldige Erklärung, die Unterschiede für Kinder spürbar machen. Wenn ein dreijähriger Junge an parkenden Autos vorbeigeht und alle Markenlogos ihren Hersteller*innen zuordnen kann und das bei Mädchen seltener zu beobachten ist, dann hat das nichts mit angeborenen Talenten zu tun, sondern es liegt an der bewussteren Zuwendung und der größeren Freude in der Situation, wenn ein Vater seinen Sohn auf ein ungewöhnliches Fabrikat aufmerksam macht und seine Tochter nicht. Weniger die Worte sind entscheidend als das Zögern oder eben das ehrliche Interesse, mit dem sich die Mutter neben den Technikbaukasten kniet, und der Spaß, mit dem der Vater sich ins Rollenspiel »Puppenkrankenhaus« einbringt.
Die Mehrheit der Erwachsenen unterstützt die geschlechtstypische Zuordnung und hilft mit, dass Fremde aufgrund von Kleidung und Frisur relativ zuverlässig sagen können, ob sie es mit einer Frau oder einem Mann zu tun haben, einem Jungen oder einem Mädchen. Wenn bei Kleinkindern der spärliche Haarwuchs und das Gesicht noch keine eindeutige Zuordnung erlauben, setzen Eltern oft mit einem Schleifchen oder einer Kappe ein Zeichen. Die Kinder übernehmen diese Attribute in ihr Wissen über das, was sie unter männlich und unter weiblich abgespeichert haben. Andere Arten von Gruppenzugehörigkeit wie Beruf, Religion, soziale Schicht oder ethnische Herkunft spielen in ihrem Leben meist eine kleinere oder auch gar keine Rolle. Umso wichtiger ist es deshalb für sie, zur Gruppe der Mädchen oder zur Gruppe der Jungen dazuzugehören, aufgenommen zu werden in den Kreis. Und das klappt am besten, wenn das eigene Verhalten und Aussehen mit den anderen Gruppenmitgliedern übereinstimmt. Typische Merkmale an Jungen und Mädchen erkannt zu haben und entsprechend auf sich selbst anwenden zu können, sei deshalb ganz entscheidend für Kinder, sagen die Psychologinnen Carol Lynn Martin und Diane Ruble und nennen Vorschulkinder deshalb »Genderdetektive«2. Dazuzugehören, ein Wir-Gefühl zu entwickeln, sorgt für Sympathie und Vertrautheit unter den einzelnen Gruppenmitgliedern.
Doch für ein solches Zusammengehörigkeitsgefühl und das Entstehen einer ›Eigengruppe‹ braucht es gar keine biologischen (wie Geschlecht, Alter) oder historischen Merkmale (wie Religion, Kultur). Es genügt, eine Münze zu werfen oder T-Shirts in zwei Farben zu verteilen. Psycholog*innen der University of Texas hatten Vorschulkinder in eine blaue und eine rote Gruppe eingeteilt: Drei Wochen lang trugen die einen ein rotes T-Shirt, die anderen ein blaues3. Blaue und Rote wurden gleichmäßig auf zwei Räume verteilt, sodass in beiden Räumen Kinder in roten und in blauen Shirts waren. Im einen Raum wurden die Farben nicht weiter erwähnt, im anderen dagegen sprachen die Erzieher*innen die beiden Kategorien immer wieder an: »Guten Morgen Blaue, guten Morgen Rote.« Sie verteilten blaue und rote Schildchen, die Kinder sollten sich morgens in zwei Reihen nach rot und blau getrennt aufstellen und so weiter. Als die Kinder beider Räume danach zu mehreren Themen befragt wurden, zeigte sich, dass sie lieber mit Kindern derselben Farbgruppe spielen wollten und auch Spielsachen lieber mochten, die die Kinder der eigenen Gruppe bevorzugten. Bei den Kindern aus dem Raum allerdings, in dem die Erzieher*innen die Farbunterschiede regelmäßig betont hatten, waren diese Vorlieben sehr viel stärker ausgeprägt.
Die Untersuchung zeigt, dass Erzieher*innen und Eltern durchaus einen Einfluss darauf haben, wie sich Gruppenzugehörigkeiten entwickeln und wie sie sich aufbrechen lassen. Wenn sich die eigene Tochter ausschließlich mit Mädchen verabredet und Eltern diese Entscheidung gar nicht bewusst wird, dann unterstützen sie sie damit automatisch. Nachfragen, die das Geschlecht hervorheben (»Lucy, willst du denn nicht auch mal einen Jungen einladen?«), betonen das Anderssein und bestätigen die Entscheidung eher, als sie infrage zu stellen. Dabei lassen sich Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Zeichen der Zugehörigkeit leicht auch unabhängig vom Geschlecht finden (»Mit Lilli hast du dich die letzten Male immer gestritten, warum lädst du heute nicht mal Robin ein, der hat doch auch Kaninchen zu Hause, mit dem könntest du mal unsere Hasen füttern.«). Oft fällt uns gar nicht mehr auf, wie selbstverständlich Kindergruppen im Alltag nach Geschlecht sortiert und organisiert werden4 (»Jetzt sind die Mädchen dran mit Schuhe-Anziehen«) und so immer wieder auf ihre Zugehörigkeit zur Gruppe der Mädchen beziehungsweise der Jungen hingewiesen werden. Ein gerüschtes Prinzessinnenkleid kann also für ein Vorschulmädchen ein beruhigendes Zeichen der Zugehörigkeit sein, stärkt es doch einerseits die Loyalität zur ›Eigengruppe‹. Doch auf der anderen Seite betont es das Anderssein und schafft so eine größere Distanz zur ›Fremdgruppe‹ der Jungen.
Seit den Untersuchungen von Hanns Martin Trautner5 konnte wiederholt nachgewiesen werden, dass Vorschulkinder Objekte und Tiere mit großer Übereinstimmung in zwei Geschlechter trennen (der Schmetterling ist weiblich, die Geige und der Schwan auch, der Gorilla dagegen ist männlich, ebenso wie die Trompete), und dass sie auch Farben, Materialien und Gesichtsausdrücke Männern beziehungsweise Frauen zuordnen: So ist Glas weiblich, Stein dagegen männlich, ein wütendes Gesicht ist männlich, ein lachendes weiblich. Diese Zuschreibungen lassen sich in allen Bereichen des Kindergartenalltags beobachten, wenn Objekte im Spiel zugeteilt, Motive beim Malen ausgewählt werden. Und da auch schon ganz kleine Kinder diese Unterschiede machen, weil schon Kleinkinder ihre Umwelt unter dem geschlechtsspezifischen Aspekt wahrnehmen und interpretieren6, sind viele Erzieher*innen überzeugt, dass die Trennung nach Geschlechtern in den Kindern bereits angelegt sein müsse. Schließlich gehen sie selbstverständlich davon aus, dass sie die Kinder gleich behandeln und erziehen, und auch wir Eltern haben keinen Grund, etwas anderes anzunehmen, denn so steht es schließlich in den Bildungsplänen aller Länder. Allerdings haben auch viele Eltern, die von sich selbst sagen, sie erziehen ihre Kinder »geschlechtsneutral«, mindestens eine Anekdote parat, die sie in der Vermutung bestätigt, es gebe eben doch natürliche, angeborene Interessen. Warum sonst entscheidet sich sogar der eigene Sohn beziehungsweise die Tochter immer wieder für geschlechtstypisches Spielzeug, egal was man ihm oder ihr anbietet, warum sonst setzen sie jedes Spielzeug geschlechtstypisch ein? Also die Geschichten von Jungen, die sich mit Puppen prügeln oder Haarbürsten als Waffen verwenden, oder die Anekdoten von Mädchen, die Spielzeugautos zu Bett bringen. Das Fazit ist auch hier immer gleich, nämlich dass Geschlechtsunterschiede offensichtlich biologisch determiniert sein müssen, denn sonst hätte die angeblich »neutrale« Erziehung anderes bewirken müssen7. Wir vergessen dabei, dass unser elterlicher Beitrag als Vorbild oder Gesprächspartner*in zum Prozess der geschlechtsspezifischen Sozialisation eben nur ein Puzzleteil von vielen ist, wenn auch ein besonders wichtiges. Im Alltag mit kleinen Kindern ist der äußere Einfluss nicht so offensichtlich, erst mit Kita-Beginn wird er unübersehbar. Doch bereits davor lernen Kinder im Kontakt mit anderen und durch mediale Einflüsse, was beim jeweiligen Geschlecht überwiegend als typisch oder untypisch bewertet beziehungsweise was als normal oder abweichend angesehen wird. Und es ist leider sehr viel einfacher, sich über Lillifee und Monstertrucks nicht weiter den Kopf zu zerbrechen, sondern daran zu glauben, dass geschlechtergetrenntes Spielzeug ganz natürlich ist. Auch Eltern, die vom Wert einer gleichberechtigten Erziehung überzeugt sind, übernehmen oft solche biologistischen Argumente und machen es gendersensiblen Schul- oder Kita-Konzepten damit unnötig schwer.
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