Kitabı oku: «"Und jetzt, kommen Sie!"»
Dieter Gronau, Ameise Ameise
"Und jetzt, kommen Sie!"
So war es vor 10 Jahren
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitelüberschrift 1
Kapitelüberschrift 2
Kapitelüberschrift 3
Kapitelüberschrift 4
Kapitelüberschrift 5
Kapitelüberschrift 6
Kapitelüberschrift 7
Kapitelüberschrift 8
Kapitelüberschrift 9
Kapitelüberschrift 10
Kapitelüberschrift 11
Kapitelüberschrift 12
Kapitelüberschrift 13
Kapitelüberschrift 14
Überschrift 15
Kapitelüberschrift 16
Kapitelüberschrift 17
Kapitelüberschrift 18
Kapitelüberschrift 19
Kapitelüberschrift 20
Kapitelüberschrift 21
Kapitelüberschrift 22
Kapitelüberschrift 23
Kapitelüberschrift 24
Kapitelüberschrift 25
Kapitelüberschrift 26
Kapitelüberschrift 27
Kapitelüberschrift 28
Kapitelüberschrift 29
Kapitelüberschrift 30
Impressum neobooks
Kapitelüberschrift 1
<<<<<„Und jetzt, kommen Sie!“ >>>>
… Kennste dat?...
„
Noch nie Bus oder Bahn gefahren? Kann ich Ihnen gar nicht glauben!
Na dann mach es Dir gemütlich und lese das E-Book!“
"He, hallo!
Wie geht es dir, Ich?"
"Lass mich in Ruhe!"
An irgendeinem Tag in irgendeiner Woche und Monat morgens um 04.00 Uhr scheucht
mich der Wecker auf die Bettkante. Ein Wecker, mein Wecker , ein schwarzes Wunderwerk der Technik, mit vielen winzigen Drucktasten ,alle haben eine ganz bestimmte Funktion, wenn sie aktiviert wurden durch eine der kleinen Drucktasten im oberen Teil von seinem kleinen, rundlichen Kunststoffgehäuse, vorne eine leicht gewölbte und etwas getönte Kunststoffscheibe hinter der sich, nach einem weiteren Druck auf eine bestimmte Drucktaste dann eine beleuchtete Zahlenreihe, die man als eine Uhrzeit entziffert, erscheint. Durch gleichzeitiges drücken zweier Drucktasten, kann man die Zahlenreihe beliebig verändern. und durch verschieben einer Drucktaste, nach rechts, alles, die gesamte Technik, in eine Weckbereitschaft versetzen und bei erreichen der eingestellten Funktion, ein nerviger, unbeschreiblicher Ton ertönt und alle herrlich tief und selig schlummernden Personen, die diesen Ton wahrnehmen, je aufschrecken und hellwach werden lassen.. Ganz gleich, ob sie es wollen oder nicht, da gibt es keinen Unterschied und niemand bleibt von diesem Ton verschont, noch kann man sich seiner Wirkung durch irgendwelche Maßnahmen entziehen. Er wird geweckt, wie es so schön und richtig heißt.
Eine halbe Stunde später bin ich fertig mit waschen, rasieren usw.
Danach gibt es das morgendliche Frühstück. Süß muss es sein. Zwei Scheiben Brot mit Butter und Honig oder Marmelade. Dazu zwei Tassen, diese großen Hamburg Becher, mit Milchkaffee, dreiviertel Milch und den Rest mit Kaffee aufgefüllt. Das ist mein morgendliches Frühstück seit nun schon bestimmt 35 Jahren. Danach geht es gut gelaunt die Treppe aus dem ersten Stock hinunter auf die Straße.
„Verdammt, es fängt an zu regnen. Warum hat mir keiner etwas davon gesagt.“
Also noch einmal hoch, die Treppen wieder rauf, in die erste Etage, leise die Haustür aufgeschlossen und noch leiser den Schirm aus dem im Halbdunkel stehenden Schirmständer geangelt. Jetzt hatte ich meinen so wichtigen Beschützer für die schlechten und ungemütlichen Tage, wenn es etwas von oben herab gab.
„Warum hast du alleswissender Kerl, du, das besagte Ich, mir nicht schon beim Frühstück gesagt: Mensch Junge vergiss nicht deinen Schirm! Du willst doch bestimmt nicht nass werden und das schon am frühen Morgen, was sollte dann der restliche Tag noch alles bringen, wenn du schon morgens nass in der Firma ankommst, nass , nicht vom Schweiß, sondern von Gottes Gnaden“ An der Fußgängerampel vor dem Busbahnhof angekommen, sehe ich einen dürren alten Mann mit schlohweißem Haar, der sich gerade laut mit der Verkäuferin im Zeitungskiosk des kleinen Busbahnhofgebäudes auf der anderen Straßenseite unterhält-.Als seinen Begleiter hat er immer einen kleinen strubbeligen, weißen Hund dabei, der immer alle Fahrgäste die sich, mehr verschlafen als wach, der Haltestelle nähern wollen, giftig, fürchterlich laut kläffend begrüßt und ihnen am liebsten in den Fuß, Bein oder alles was er erreichen könnte in seiner Wut beißen würde, wäre nicht immer im rechten Moment seine Hundeleine gerade zu Ende und er mit einem Ruck an seiner Leine nur noch mit seinen beiden Hinterpfoten auf dem Boden steil aufgerichtet wild nach Luft ringend, denn sein Halsband zog sich bei so einer Aktion immer fester um seinen Hals. Es lockerte sich aber sofort wieder, stand der Hund wieder auf seinen vier Pfoten. Diese Art Halsbänder kannte ich nur von den großen und schwergewichtigen Hunden, die man in so einer Aktion voller Wut, wieder zur Ruhe zwingen konnte.
In der morgendlichen Stille war das dann immer sehr viel Lärm um gar nichts und hat bestimmt in den nahe gelegenen Häusern den einen oder anderen ruhig schlummernden Bürger aus den schönsten Träumen geholt. Es wunderte mich jedes Mal, dass sich niemand über den unsinnigen Lärm beschwerte.
Vermutlich war der alte Mann ein Nachtwächter und wohnte in dem gegenüber vom Busbahnhof stehenden Hochhaus. Ich traf ihn jeden Morgen. Eigentlich müsste mich der kleine giftige Köter schon längst kennen und mich jeden Morgen schwanzwedelnd begrüßen. Er hatte eben kein besonderes Personengedächtnis. Das wird wohl der Grund sein. Vielleicht war der Hund auch zu alt und konnte schon lange nicht mehr richtig und genau sehen.
Sein Herrchen trank einen Becher Kaffee bei der Verkäuferin und unterhielt sich dabei auch noch mehr als laut mit der Dame im Kiosk. In weitem Umkreis konnte ich jedes gesprochene Wort von dem alten Mann verstehen. Vermutlich hörte der hagere alte Mann, gemessen an seinem Alter, inzwischen schon schwer, oder hatte einen Gehörschaden aus irgendwelchen Gründen abbekommen. Deswegen musste er immer sehr laut sprechen. Jedes Mal, wenn sein Begleiter, der Hund, einen Zweibeiner, wie mich, angiftete, schimpfte der alte Mann fürchterlich in übelster Weise mit seinem Hund. Es war schon sehr merkwürdig, denn allgemein kannte ich diese Hunderasse als sehr friedlich, familienfreundlich und sehr kinderlieb.
Ich vermute, der hagere alte Mann, hatte er bei sich zu Hause ein Gläschen zu viel getrunken, schlug dann seinen Hund oder bestrafte den kleinen Strubbel, kläffte er wieder mal aus Angst über ein Geräusch oder dergleichen, was eben nicht in ein Hundeleben so richtig passte.
Ich nahm mir vor, irgendwann den alten Mann einmal daraufhin anzusprechen, um so den Grund für das eigenartige Verhalten des Hundes an seiner Seite zu erfahren und mir so Gewissheit zu verschaffen.
Auf dem Gelände des Busbahnhofs sind hinter dem Gebäude mit dem Kiosk mehrere Stellplätze für Busse eingerichtet. Heute Morgen standen dort zwei Busse mit kaffeetrinkenden Fahrern hinter dem Lenkrad. Bei einem der Busse wurde gerade die Fahrbeleuchtung wieder eingeschaltet, der Fahrtzielanzeiger über der Windschutzscheibe begann zu laufen und blieb mit dem Namen meiner U-Bahnstation stehen. Das war mein Bus. Mit dem wollte ich fahren. In diesem Moment bewegt sich der Bus langsam nach vorne, in Richtung der Rechtskurve, die dann zur Bushaltestelle führt, an der ich stehe. Der Bus hält mit am Kantstein quetschendem und quietschendem rechtem Vorderreifen direkt vor mir. Die Türen vorne und in der Mitte des Busses schieben sich seitlich auf. In der Mitte des Busses steige ein, denn ich besitze eine gültige Abo-Karte für das laufende Jahr und muss mich nur bei einer Fahrkartenkontrolle ausweisen. Mit dieser Abo-Karte kann ich kreuz und quer durch ganz Hamburg fahren. Das lohnt und rechnet sich für mich. Der Bus fährt nach einer Weile mit mir als einzigstem Fahrgast los. Vorne am Lenkrad, sitzt heute Morgen eine Busfahrerin, die mit mir und den weiteren Fahrgästen, die noch zusteigen werden, die sechs Stationen bis zur Endhaltestelle dieser Buslinie fahren wird.
An der ersten Haltestelle halten wir mit einer irgendwo quietschenden Radbremse. Es steigt ein Mann mittleren Alters ein. Er beeilt sich in den hinteren Teil des Busses zu gelangen und setzt sich dort in die letzte Reihe. Er kramt mit seiner rechten Hand in seinem Rucksack, den er von seinem Rücken geschwenkt und vor sich auf seine Oberschenkel gestellt hat. Zieht einen ungewöhnlich langen roten Kamm aus einer Seitentasche des Rucksackes und beginnt genüsslich seine Kopfhaare von vorne nach hinten zu kämmen. Er macht es immer und immer wieder. Hat er heute Morgen vielleicht verschlafen und ist mit seiner Morgentoilette noch nicht ganz fertig geworden? Womöglich beginnt er auch noch gleich sich im Bus zu rasieren? Das kann alles nicht sein. Denn dieser Mann benutzt jeden Morgen den gleichen Bus wie ich und jeden Morgen beobachte ich das gleiche Ritual bei ihm.
„Du, he, ich habe es dir doch schon beim ersten Mal gesagt, der Kerl hat eine Klatsche, aber Hundert prozentig, das kannst du mir glauben, auch wenn du es mir noch immer nicht glauben willst, der Kerl ist total abgefahren!“ tönte es von meinem Ich, meine innere Stimme, die doch fast immer Recht hat und behält, auch wenn wir es ungerne Wahrnehmen wollen. Das ist die Stimme der Wahrheit Wir verrennen uns immer zuerst in den falschen Weg. Ganz selten machen wir auf Anhieb gleich das richtige. So ist das nun einmal mit uns komischen Menschen! Es gibt da irgendwo im Gehirn, auf unserer Festplatte, eine Fehlschaltung, deshalb sollen wir auch erst einmal gut überlegen, bevor wir etwas unternehmen, aber dafür fehlt uns immer die Zeit, wir sind alle viel zu hektisch.
Zum Glück setzte sich der Fahrgast, mit Rücksicht auf die anderen noch zusteigenden Fahrgäste, immer in die hinterste Reihe des Buses. Er benutzte immer den gleichen Sitzplatz. Ich möchte nicht wissen, wie es hinter seinem Sitzplatz aussieht. Bestimmt liegen und hängen da unzählige lange Haare von dem Fahrgast mit dem roten Kamm. „Brr, das wäre nichts für mich diesen Sitzplatz muss ich in allen Bussen meiden. Ich habe keine Lust mit vollgespicktem und vollgehängtem Rückenteil meiner Jacke wieder den Bus an der Endhaltestelle zu verlassen. Diese widerlichen langen Haare, wie ekelhaft“, murmelte ich vor mich hin und zog meinen Kopf zwischen meine Schulterblätter ein. „Na siehste, es gefällt dir ganz und gar nicht. Kannst mir ruhig glauben, der Kerl ist nicht normal.“ Belehrte mich mein Wahrsager in mir. „Na klar, du kleines, schlaues Ekel, warum kommst du immer so spät mit deinen Weisheiten,“ zischte es zwischen meinen Lippen hervor.
Aber eines beruhigte mich ungemein, irgendwann wird dieser haarige Bus auch mal in der Busservicestation gereinigt und wahrscheinlich auch gründlich ausgesaugt. So könnte ich vielleicht, wenn nur noch ein Sitzplatz frei war, vielleicht doch diesen Sitzplatz mal benutzen? Nein, nein, das ging nicht, dieser Sitzplatz hatte etwas magisches und abstoßendes, müsste ich dort einmal Platz nehmen. Der Ekel wäre zu groß und ich müsste mich bestimmt übergeben und die Schweinerei wäre somit noch größer und unangenehmer, als ich es mir vorstellen könnte.
Jetzt fahren wir zwei Haltestellen durch ohne anzuhalten, denn kein Fahrgast wollte aussteigen und keiner wollte zu uns einsteigen.
Dann vor einem Supermarkt. Natürlich ist er zu so früher Stunde noch geschlossen, aber dort steigen immer vier Personen ein. Immer die gleichen Personen. Wenn einer mal fehlt, ist er vermutlich krank und kann nicht zur Arbeit mit uns fahren oder er hat seinen Arbeitsplatz gewechselt, vielleicht hat er ihn auch durch einen dummen Vorfall im Betrieb verloren, womöglich hat er auch mal keine Lust immer so früh auszustehen? Aber so sahen die vier Personen nicht gerade aus. Diese Vierergruppe bestand aus einem etwas korpulenten jungen Mann mit Beinen, wie ein kleiner Elefant. Seine Harre waren sehr wirr durcheinander gewirbelt. Einen Kamm, oder eine Haarbürste benutzte er vermutlich nie. Oder war es ein wahres Kunstwerk der Friseurtechnik. Erst das Kopfhaar ausgiebig bürsten und kämmen, dann einen Haarföhn zum Einsatz bringen, die Haare in alle Richtungen wirbeln, sie dann mit einem Magnet in die Senkrechte ziehen, um danach alles abzuschalten und die Haare in sich und auf sich zusammenfallen zu lassen. So, oder so ungefähr musste bei ihm das morgendliche Haarritual ablaufen.. Passende Kleidung für seinen enormen Leibesumfang zu finden, muss ein wahres Kunststück sein. Vermutlich hinterlässt in etlichen Konfektionsgeschäften seine Visitenkarte mit seiner Telefonnummer, damit das Verkaufspersonal ihn anrufen kann, wenn sie einmal versehentlich etwas von der Konfektionsnummer zu großes erhalten haben. Dann hatte er seinen großen Tag. Es gab mal
Kapitelüberschrift 2
wieder etwas Neues für ihn. Wie musste die Freude doch groß für ihn sein! „Mit dir zu fahren, ist manchmal aber wirklich sehr peinlich. Du ziehst ja förmlich alle nackt aus. Wie peinlich! Du solltest dich wirklich was schämen!“ flüsterte es in meinem Kopf, in meinem Oberstübchen.
Meine Fantasie schien nicht mehr zu bremsen. So ging es trotz der Proteste von meinem Ich, munter weiter und weiter. Der junge Mann, einer von den soeben vier zugestiegenen, hatte wirklich einen enormen Leibesumfang. Es gab keine Tailie noch einen Hals unter seinem Kopf. Schultern und Kopf schienen zusammengewachsen zu sein. Ob es bei seinem Skelett noch Halswirbel gab? Vielleicht war eine besondere Konstruktion der Natur, ein Mensch ohne Halswirbel! Warum hatten wir übrigen Menschen eigentlich einen Hals? Vermutlich, um ihn sich im Laufe des Lebens öfter mal zu brechen. Wie kam der arme Kerl wohl morgens in seine hautengen Jeans, die wie angegossen saßen? Das überlasse ich lieber der Fantasie meiner Mitmenschen, mir wäre es, das auszusprechen doch ein wenig zu peinlich. Seine Jacke, ebenfalls in Stoff und Farbe perfekt zu seiner Hose passend, war so groß, ich hätte bestimmt dreimal da reingepasst. Bestimmt war das alles eine Spezialanfertigung von einem türkischen Änderungsschneider, da waren die Preise noch erschwinglich und human. Alles, die herrliche Menschlichkeit und der riesige Aufwand an Jeansstoff und das Baumwollene darunter, wurde getragen von zwei ungewöhnlich großen Füßen und den dazugehörigen Schuhen. Diese Schuhe konnte man bestimmt nicht in einem Schuhgeschäft einmal verwechseln, da passte wohl kein anderer Fuß rein. Der arme, oder der glückliche hielt sich während der restlichen Fahrt bis zur Bushaltestelle mit beiden Händen an zwei Haltestangen im Bus Gang fest. Einen Sitzplatz gab es in den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht. Hätte ein Sitzplatz in der Breite vielleicht doch gepasst, so reichte die Sitzreihentiefe bestimmt mal wieder nicht. So blieb er lieber stehen. An seinem Arbeitsplatz gab es bestimmt für ihn einen speziellen Sitzplatz. Darauf konnte er sich nach der Busfahrt und vielleicht nach einer weiteren U-Bahnfahrt dann freuen. Wie schön für ihn! Ob er verlobt oder sogar verheiratet war, konnte ich leider nicht erkennen, obwohl ich ihn jeden Morgen ausgiebig und sehr interessiert musterte. Einen Ring an einem Finger konnte ich nirgends entdecken. Nun ja, bei diesen Fingern! Aus zwei Ringen vielleicht einen passenden verlöten beim Goldschmied, das wäre doch durchaus möglich. Der Preis, vielleicht, vielleicht auch noch tragbar. Der Umfang seiner Hände glichen denen einer Salatschüssel. Wenn er einmal zupackt, müsste ich dreimal zugreifen. Er könnte vieles mindestens zwei oder gar dreimal so schnell erledigen, wäre es eine Tätigkeit, bei der es um das Volumen der Hände ginge.
Bei bestimmten Tätigkeiten wäre mir der junge Mann haushoch überlegen. Darüber gab es bei mir keinen Zweifel. Oh je, was machte er im Winter, bei Frost und klirrender Kälte? Was ist mit Handschuhen für ihn? Sowas könnte nur noch Oma für ihn stricken. Vermutlich benutzte er seine Jackentaschen oder die Taschen eines passenden Mantels als wärmendes Plätzchen für seine Hände. Man oh man, dieser Mann führte schon jetzt ein aufregend aufwendiges Leben! Wie viele Jahre hatte er wohl noch vor sich? Vielleicht wurde ihm von einem entsprechenden Arzt einmal geholfen, etwa mit einer Magenverkleinerung oder so Ähnlichem! So ohne Grund, nur auf Grund irgendwelcher Gene, war er bestimmt nicht so geworden, wie er jetzt war! Er musste sein ganzes Leben nur für sich arbeiten, für seinen aufwendigen Lebenswandel, der bestimmt in allen Punkten sehr kostspielig war. Heiraten, eine Familie, war bestimmt sehr schwer sich für ihn vorzustellen. Ja, ja, so hatte eben jeder Mensch seinen kleinen oder großen Kummer mit sich und der Welt. Dem einen flog alles nur so zu, der andere musste sich abrackern bis zur Vergasung. Aber glücklich waren wir doch ab und zu mal, wie wir es später immer wieder feststellen können. Das er aus einem begüterten Elternhaus stammte, konnte ich mir eigentlich nicht gerade vorstellen, denn dann wäre er nicht jeden Morgen zur gleichen Uhrzeit mit uns in unserem Bus.
Er würde dann bestimmt, oder sicherlich, einen von diesen sogenannten Fan´s benutzen mit sieben Sitzplätzen. Der Fahrersitz wäre dann bestimmt eine von diesen Sonderanfertigen, die so teuer sind, wie ein gut erhaltener Gebrauchtwagen der unteren Klasse. Dieser Fahrersitz, für den jungen übermäßig korpulenten Mann, hätte dann bestimmt auch einen Drehmechanismus, der es ermöglichte, den Fahrersitz elektrisch zur Fahrertürnische zu schwenken, um so ein einfaches Ein- und Aussteigen zu ermöglichen, ohne sich quetschen, zusammenfalten, bücken und die Luft anhalten zu müssen. Was wäre das für ein Luxus, ein Fortschritt im Leben des jungen Mannes. „Ja, ja, der arme Kerl hatte noch ein schweres Leben vor sich!“ Tönte es aus mir hervor. „Vielleicht war sein Leben gar nicht so schwer! Er hatte einen tollen Job in der Medienbranche, war dort Aufgrund seiner Leibesfülle schon so etwas wie eine Ikone, von allen verehrt und geschätzt, weil er sehr gewitzt und sprachgewandt war und seine Figur war praktisch sein unverkennbares Markenzeichen mit einem hohen Erkennungszeichen. Wir sollten alle zu ihm aufblicken und ihn beneiden. Er bewohnte ein luxeröses Haus mit einem parkartigen Garten und seiner Garage stand bestimmt eines von diesen Luxus-Van`s mit allen nur erdenklichen Rafinessen. Er brauchte die Fahrt, mit uns, jeden Morgen. Er brauchte unsere Nähe, die Nähe der einfachen Menschen, um das zu sein, was er ebnen war, ein ungewöhnlicher noch junger Mann mit einer enormen Zukunft.“ „Puh, du hast mich jetzt aber tatsächlich überzeugt. So ausführlich und erschöpfend hast du schon lange nicht mehr etwas erklärt. Ich danke dir! Du könntest vielleicht recht haben.“ Antwortete ich meinem Ich sehr nachdenklich.
Der Mensch ist doch sehr ungern ein Einzellebewesen. Klappt es bei einigen aus irgendwelchen mir unerklärlichen Gründen nicht mit einem menschlichen Partner, so sind sehr viele inzwischen auf den Hund gekommen. Der ist schnell, wegen seiner vier Beine, spricht nicht, was der größte Vorteil ist und ist, je nach seiner Größe für jeden Finanzbeutel der passende Partner.
Aber wiederum ziehen sich Gegensätze ungemein an, so sagt eine alte Weisheit. So müsste die passende Partnerin für unseren jungen Mann., klein, schlank bis dürr sein..
„Mensch, du hast aber eine merkwürdige Vorstellung. Wer hat dir denn diese Weisheiten eingebläut? Warum nicht noch einmal so dick? Das wäre doch viel fäirer und gerecht. So dünn und dürr wäre doch für die arme Frau ein Leidensweg ohne Ende. Sie hätte doch nur Nachteile. Wie sollte sie da überhaupt glücklich sein oder werden, überleg doch mal ein bisschen! Du kleiner Spinner,“ erklärte das Ich mir.
„Es gibt doch im Leben von euch Menschen die gewissen Stündchen, wie soll es denn da ablaufen? Das wäre doch ein glatter Mordversuch der übelsten Art,“ tönte es von meinem Ich weiter. „Mindestens zweihundertfünfzig Kilogramm auf fünfundvierzig Kilogramm oder umgekehrt,“ murmelte es leise in meinem Kopf. „Ich hatte so etwas schon einmal gehört oder in der Zeitung oder einer Zeitschrift gelesen. Es hatte tatsächlich gewisse Früchte getragen und es war tatsächlich ein ganz brauchbarer Mensch daraus hervorgegangen. Ob du es mir glaubst oder nicht, das ist mir scheißegal!“ erwiderte ich empört.
Anders herum, geht man davon, gleich und gleich gesellt sich gern, da müsste dann alle sehr groß sein. Das Bett eine Spezialanfertigung aus Holz und viel Stahl, die Matratzen wären bestimmt alle zwei Jahre, oder noch eher, vollkommen hinüber und platt. Der Fußboden müsste verstärkt und besonders trittisoliert sein. Alle Türöffnungen erheblich verbreitert, ausgenommen die Haus-,Balkon- und Terrassentür, die waren schon meist etwas breiter und könnte man somit noch gebrauchen, denn da ginge es vielleicht noch eben mit Luft anhalten und dann hindurch.. Wenn es dann beim ersten Mal nicht gleich klappte, vielleicht seitlich und mit bauchanhalten., bis es einem schwarz vor den Augen wurde.
Der Kühlschrank, entweder mit normalem Fassungsvermögen und täglicher Auffüllung oder doppeltes Fassungsvermögen oder mehrere Kühlschranke neben einander, das müsste dann schon irgendwie klappen, bei der Nahrungsmenge für den täglichen Bedarf von zwei so dicken Menschen.
Die Toilette und das Badezimmer, der schwierigste Raum im Leben so eines Menschen, die richtige Stellung für die richtige Stelle zu finden. Baden klappte vermutlich erst richtig im Sommer in einem Pool oder im Freibad, das war dann sprichwörtlich baden in treffendster Form. Im Winter, im Badezimmer, war es dann nur ein Duschbad in eingeengster Form oder es war überhaupt nur noch mit einem riesigen Waschlappen möglich. Und die Badewanne wurde zum Ausspülen für den Waschlappen genutzt.
„oh je, oh je, deine Phantasie macht mir dir wieder Sprünge. Wenn man dich so hört, oder deine Gedanken lesen kann, so kann man nur noch mit dem Kopf schütteln. Oh nein, oh nein,“ ermahnte mich mein olles Ich mal wieder so treffend. Ich war für mein Ich bestimmt ein sehr schwieriger Fall hin und wieder.
Dann war da an der Bushaltestelle noch ein Mann mittleren Alters mit einem schwarzen, glänzenden Koffer, vielleicht aus echtem Leder, eingestiegen. Dieser Mann stieg jeden Morgen vorne, direkt beim Busfahrer, oder heute einer Busfahrerin, ein. Der Grund war, der Zeitungsständer im Busfahrerbereich mit der neusten Bildzeitung jeden Morgen. Nach Erhalt und Bezahlung der bewussten Tageszeitung faltete der Mann der soeben erworbenen neusten Nachrichten sorgfältig zusammen, kniff sie an den Kanten genüsslich fest zusammen und klemmte sich die Zeitung unter den linken Arm. An immer der gleichen Stelle unter seinem Arm, die schon sichtlich einen einen dunkelnen Fleck von der Druckerschwärze auf seiner hellen Jacke hinterlassen hat. .Anschließend ging er schwankend, denn der Bus hatte sich inzwischen wieder in Bewegung gesetzt, sich an den einzelnen Sitzen abstützend, zu seinem Stammplatz. Witzigerweise wurde dieser Stammplatz von ihm nie von einem anderen Fahrgast morgens benutzt, es schien ein ungeschriebenes Gesetz in diesem Bus zu sein, jeder Fahrgast hatte einen Stammsitzplatz, oder einen Standort, denke ich an den jungen dicken Mann, der nie von den anderen Fahrgästen benutzt wurde. Scheinbar achtete man einander und hatte volles Verständnis unter einander was die Sitzplätze betraf, ansonsten kannte keiner den anderen oder wechselte ein paar morgendliche Worte mit den anderen Fahrgästen.
Der Mann mit der wichtigen Morgenzeitung nahm auf seinem Stammplatz, eine Sitzreihe vor mir auf der linken Seite in Fahrtrichtung, Platz, er blickte interessiert nach rechts und links, holte seine Zeitung unter seinem Arm wieder hervor, klappte sie auseinander, sah sich die Titelseite neugierig an, faltete die Zeitung wieder zusammen und ließ sie in seinem Aktenkoffer verschwinden. Vermutlich hatte er, jetzt im Bus, keine ausreichende Zeit mehr, um seine Zeitung ausgiebig zu studieren und sich gründlich über alles zu informieren. Er hatte bestimmt an seinem Arbeitsplatz viel mehr Zeit, die Zeitung zu lesen., und auch wesentlich mehr Platz, denn im Bus hatte er immer nur eine Hand frei zum lesen und gleichzeitig die Zeitung zu halten, die andere Hand benutzte er ständig dazu, sich über seinen gepflegten Kinnbart zu streicheln. Die Brille rutschte ihm dabei ständig bis auf die Nasenspitze. Die ganze Fahrt über, starrte er stur auf einen bestimmten Punkt vor sich. Es sah aus, als ob er noch immer oder schon wieder träumte. Nun ja, es war ja auch noch sehr früh am Morgen, nämlich 05.15 Uhr. Die meisten Menschen schliefen bestimmt noch zu dieser Zeit fest und tief und waren von einem Wecker Signal weit entfernt.. Vielleicht dachte der Mann mit dem Streichelbart gerade darüber nach, was er heute alles an seinem Arbeitsplatz machen will, er schmiedete an seinen Tagesplan , um sinnvoll seinen Arbeitstag zu gestalten und einen guten Eindruck bei seinen Vorgesetzten zu machen und in den Kreis der Jenigen aufzusteigen, die für eine nächste Gehaltserhöhung vorgeschlagen werden und eine Beförderung verdienten.. Natürlich betraf das natürlich nur die Arbeitszeit die neben dem Zeitungslesen noch übrig blieb.. Es war nicht mehr viel Zeit für die eigentliche Arbeit vorhanden, aber seine Vorgesetzten waren dennoch mit ihm zufrieden, denn er war immer pünktlich und schon seit fast zwanzig Jahren kein einziges Mal krank gewesen. Man konnte mit ruhigem Gewissen behaupten, Zeitungslesen hielt den Menschen gesund und immer fit. Er war das beste Beispiel für diese Weisheit.
Die dritte Person an dieser Haltestelle ist immer eine Frau, das zweite weibliche Wesen in unserem Bus neben der Busfahrerin. Man kann sie als nicht mehr jung und auch nicht als alt bezeichnen, also in den besten Jahren, wie es so schön hieß. Schon von weitem konnte ich diese Frau erkennen.
„Da kommt deine ganz spezielle Freundin,“ flüsterte es in meinen Ohren.
„Nun mach mal halblang. Sie auf alle Fälle eine interessante Erscheinung am weiblichen Himmel. So etwas sieht man nicht alle Tage und schon gar nicht zu so früher Stunde,“ erwiderte ich etwas erbost über mein altkluges Ich.
Diese von uns umstrittene Frau erkannte ich schon weit vorher, bevor der Bus die Haltestelle mit der wartenden Frau und den drei Männern zum Zusteigen einlud. Sie lass schon, obwohl zu so früher Stunde, bereits unter der Straßenlaterne an der Bushaltestelle in einem dicken Buch mit mehreren heraushängenden selbst gebastelten Lesezeichen. Die Brille, vermutlich eine von diesen billigen Lesebrillen, von einem Euro aufwärts in jedem Supermarkt erhältlich, klemmte bei ihr wie festgewachsen auf ihrer Nasenspitze. Diese ungewöhnliche Frau stieg immer als letzte in den Bus. Beim Einsteigen bewegte sie sich dermaßen langsam und vorsichtig, das die Busfahrerin vermuten musste, die schläft wohl jeden Moment gleich im Stehen oder gehen ein.. Die Busfahrerin drehte sich jedesmal zu der Frau um, um sie beim Einsteigen zu beobachten, um genau im richtigen Moment, wenn die Frau im Bus war, die Türen zu schließen und wenn die Frau ihren Stammplatz erreicht hatte, einen Stehplatz an einer Haltestange genau in der Mitte des Busses, dann ließ sie erst den Bus langsam anfahren. Diese Frau hatte wirklich eine bewundernswerte Fähigkeit, sie schaffte es langsam, aber durchaus sicher, während des Einsteigens ständig weiter zu lesen, ohne auch nur einmal auf den Buseingang und die Stufen zu achten. Sie las und las in einem fort. Was für ein ungewöhnlicher Mensch in unserer morgentlichen Bus Runde!
„Das ist eine Frau mit Übung. Denk doch einmal nach! Die macht das jedes Jahr so etwa
Kapitelüberschrift 3
zweihundertfünfzig Mal, das einsteigen und am Zielort aus oder in eine U-Bahn umsteigen oder vielleicht womöglich noch einmal ein- und umsteigen, um dann irgendwo wieder auszusteigen. Bei so viel Übung könnte man das ein- und aussteigen schon förmlich mit geschlossenen Augen bewerkstelligen. Also doch nicht so ungewöhnlich mein Lieber,“ erklärte ich den Sachverhalt meinem Ich.
„Wenn ich so über deine Rechnung nachdenke, muss ich dir tatsächlich auch zu stimmen,“ bestätigte mein Ich. Bei so viel konnte man schon alles im Schlaf und somit in aller Ruhe in einem Buch weiterlesen ohne eine Unterbrechung.
Es gab ja noch in und wieder mal die noch älteren Busmodelle, da musste man beim Einsteigen drei Stufen hochklettern. Was wäre dann mit der lesenden Frau passiert? Vermutlich wäre sie dann mit ihrer Lektüre in der rechten Hand in voller Länge in den Bus gestolpert und gefallen. Beim Aussteigen dann ein Sturz auf den Gehweg mit schlimmstenfalls einem oder mehreren Knochenbrüchen an Armen und Beinen. Dann könnte sie in aller Ruhe im Krankenwagen uns anschließend in einem Krankenhaus und einem Krankenbett auf einer Station weiterlesen.
„Oh je, ich dachte wieder einmal schlecht und merkwürdig über meine Mitmenschen. Wenn die das wüssten, sie würden mich aus den morgendlichen Bus prügeln und mich die Straße hinunter jagen.. als unmöglicher Mensch, der nichts in ihren Kreises mehr zu suchen hatte und den der Teufel holen sollte,“ murmelte ich leise vor mich hin.
„Du hast wirklich Recht, du bist manchmal ein merkwürdiger Mensch,“ schimpfte das ich.
Der dritte in diesem Quartett an dieser Bushaltestelle, war ein kleinerer, hagerer etwas gebückter Mann so um die sechszig Jahre schätzte ich ihn. Er hatte es immer sehr eilig beim einsteigen und versuchte sich jedes Mal an. dem Mann mit dem Aktenkoffer vorbei zu drängeln und quetschte sich förmlich in den Bus.
„Du da, der da! Der hat doch etwas auf dem Kerbholz. Das sieht doch schon ein Blinder. Wenn der mal nicht irgendwas und irgendwo angestellt hatte. Autos aufbrechen, durch eine aufgeschnittene Fensterscheibe irgendwo eingestiegen, einen Überfall aus dem Hinterhalt zu morgendlichen Stunde usw.
Wie der sich immer aufführte! Die Busfahrerin blickte immer sehr neugierig durch ihren Rückinnenspiegel und beobachtete ihn aufmerksam und misstrauisch. Man oh man, das war mehr als verdächtig! Stellte ich mit Bestimmtheit fest. Nur komisch war, der Mann stieg jeden Morgen immer in unseren Bus, dem Bus der ehrlichen und schaffenden Steuerzahler ein. Hatte er kein Auto und einen Führerschein, um so unbemerkt und ungesehen seine kriminellen Schweinereien nach Hause zu fahren.
Ich hatte jedes Mal ein verdammt ungutes Gefühl. Der hagere und gebückte Mann schlich flink an mir vorbei und verkroch sich hinter mir in den Sitzreihen. Blickte ich in die gegenüberliegende Busfensterscheibe, konnte ich ihn gut beobachten wie er da gebückt und hinter der Rückenlehne kauernd in seinem mitgeführten Rucksack kramte und nach etwas zu suchen schien. Er wühlte die ganze Busfahrt in seinem Rucksack herum, zog etwas hervor, drehte und wendete es und ließ es schnell im Inneren seines Rucksackes wieder verschwinden. Was er da in den Fingern hielt und wendete, konnte ich nie entdecken, es ging alles zu schnell in seinen Fingern. Ich konnte nur entziffern, das es mal größere, dann mal wieder irgendwelche kleinen Teile oder Gegenstände waren.
„Auf den sollte man die Polizei aufmerksam machen. Das ist doch eindeutig, dass er ein ungewöhnliches Hobby hatte. Sollte ich dem Mann mal heimlich folgen und ihn beschatten, wie ein Spitzel? So wüsste ich, wo er heute und an jedem Morgen einen Teil seines Weges mit uns gemeinsam im Bus verbrachte. Vielleicht könnte ich der Menschheit und der Polizei einen guten Dienst erweisen und bekam womöglich eine und schon seit langer Zeit ausgesetzte Belohnung? Das wäre doch eigentlich eine ganz tolle Sache. Es würde mir bestimmt gewissen Spaß bereiten, mich wie ein Geheimdienstler an die Fersen eines zu höchst Verdächtigen zu heften und ihn anschließend auch noch zur Strecke zu bringen und für ein gerechtes Urteil zu sorgen, diesen Gedanken,“ schmiedete ich halblaut vor mich hin.
„Mensch, nicht so laut! Für das, was du vorhast und planst, bist du viel zu laut und auffällig. Das musst du viel geschickter abwickeln. Das läufst du noch Gefahr, von dem hageren und gebückten Mann ein paar Sitzreihen hinter dir im Bus entdeckt und enttarnt zu werden. Du würdest ein großes Risiko eingehen und Gefahr laufen und eventuell von dem Kerl noch eins auf die Rübe bekommen. Vielleicht auch nicht schlecht, es soll manchmal nichts schaden, so zur rechten Zeit. Bestimmt bist du danach ein ganz brauchbarer und friedlicher, Mitbürger und denkst nicht mehr so eigenartig über deine Mitmenschen an deiner Seite.“ ermahnte mich das Ich.
„Eigentlich könnte ich ruhig mal einen halben oder ganzen Tag blau machen aus irgendwelchem triftigem Grund. Was viele meiner Kollegen machten, durfte ich bestimmt auch mal. Die rufen morgens beim Chef an und sagen, sie können heute leider nicht aus den und den Gründen kommen und entschuldigen sich höflich. Was soll der arme Chef da schon machen, schlucken und zusehen, wie er mit einem tüchtigen Mitarbeiter weniger über die Stunden des Tages kommt., dafür war er Chef, trug viel Verantwortung und wurde für alles mehr oder weniger gut entlöhnt. Ich, als Arbeitnehmer, hatte da eben meine kleinen Freiheiten nach Lust und Laune.,“ stellte ich zufrieden fest.
Zwei Haltestellen rauschte unser Bus jetzt durch, ohne anzuhalten, denn es wollte keiner aussteigen, noch zu uns einsteigen.
Dann aber, an der vorletzten Bushaltestelle vor der Endhaltestelle und der U-Bahnhaltestelle, bremste unser Bus scharf und schwenkte in die Haltebucht vor der überdachten Haltestelle. Beide Türen flogen krachend auf, ein kleiner obeiniger, schwarzhaariger Mann in einer viel zu großen Hose steigt ein. Er grüßte unsere Busfahrerin überschwenglich und dankte ihr vermutlich, das sie ihn noch eine Station mitnahm und er nicht noch weiter laufen musste. An einem Gürtel hatte er sich eine lederne braune Aktentasche über die Schulter gehängt. Geschwind zwängte er sich durch den Mittelgang im Bus und setzte sich auf einen der vielen freier Sitzplätze. Er streift den Gürtel mit der Tasche von seiner Schulter, versucht die Tasche auf den freien Sitzplatz neben sich zu stellen, die Tasche kippt sofort um, fällt ein paar Mal beinahe auf den Fußboden wird dann der Länge nach von ihm wieder auf den Sitz gelegt. Schließlich lehnt er sich an seine wichtige Aktentasche und streift den Gürtel über sein Knie. Das geht solange hin und her, bis wir endlich an der Busendhaltestelle ankommen.
Kurz nach der vorletzten Haltestelle, steht der Bartstreichler von seinem Sitzplatz auf, klemmt sich seinen schwarzen Lederkoffer unter den rechten Arm und hangelt sich mit der linken freien Hand in Richtung vom mittleren Busausgang. Er muss wohl immer der Erste sein, beim Aussteigen. Der Erste, hier im Bus, oder auch an seiner Arbeitsstelle bei seiner Tätigkeit? Das wüsste ich zu gerne! Es soll ja meist genau das Gegenteil von Privat und Beruf sein. Das würde jetzt bei ihm bedeuten, im Beruf rangiert er unter den letzten. Deswegen auch der schöne elegante schwarze Aktenkoffer, wie bei einem Supermanager. Er musste in seinem Leben wenigstens einmal, morgens und auf dem Weg zur und von seiner Arbeit, für alle seine Bekannten und Nachbarn, einmal der Erste und mit dem entsprechenden Statussymbol ausgerüstet zu sein. Welch ein für keinem nachvollziehbares Glücksgefühl! Er war wer! Er war der unter den Besten an seinem Arbeitsplatz, einfach himmlisch! Und sei dieses Gefühl auch nur während der Fahrt zu Arbeitsplatz. Aber auf dem Weg dorthin und wieder zurück, gab es viele Menschen, die ihn aufgrund seiner edlen Aktentasche in schwarzem glänzenden Leder, das sah man sofort, das sie einige hundert Deutsche Mark gekostet hatte, grenzenlos beneideten.
Unsere Busfahrerin trat ungewöhnlich stark auf die Bremse, als sie in die Haltebucht an der Endhaltestelle einfuhr. Alle Köpfe der Fahrgäste schwangen nach vorn und wieder zurück, die beiden Bustüren flogen mit einem Ruck auf und mit einem Riesenschritt sprang der Bartstreichler aus dem Bus auf den Gehweg und verschwand mit komischen kurzen Schritten um die Ecke in die U-Bahnstation. Ein ungewöhnliches Tempo legte er vor. Richtig, er durfte heute der erste aus unserem Bus sein, der auf dem U-Bahnsteig ankam. Das war für ihn das zweite Erfolgserlebnis des Tages, der Erste aus dem Bus, der Erste auf dem Bahnsteig vor allen anderen Busfahrgästen. Er brauchte dafür heute gar nicht zu kämpfen, denn meist gab es weitere Fahrgäste mit ähnlichen Aktionen. Heute war er weit und breit wirklich der Erste und der Einzigste. Was für eine Leistung! Ob er es heute seiner Frau erzählte?
„Das hast du aber nur erträumt, schau da, fast hätte die ständig lesende Frau aus dem gleichen Bus ihn doch beinahe noch eingeholt. Es lag wohl heute daran, das sie heute Sandalen und wollene Socken an den Füßen anhatte, so waren ihre Fußmuskeln ständig besser durchgewärmt für so einen kurzen Sprint bis auf den U-Bahnsteig., als die des Bartstreichlers. Vielleicht hatte die Frau, die Buchleserin, auch tatsächlich längere Beine unter ihrem faltigen Rock, somit hätte sie ihn beinahe eingeholt und auch noch überholt.,“ so machte mich mein Ich auf einige wichtige Punkte aufmerksam. Das wäre eine fürchterliche Niederlage für den Bartstreichler geworden. Der ganze Tag würde ihn jetzt bestimmt schieflaufen, nach so einer peinlichen Niederlage, noch dazu gegen eine Frau. Er hätte sich bestimmt beide Beine sprichwörtlich ausgerissen, die Schrittzahl
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erhöht, die Beinlänge verlängert und geatmet wie bei einem Langstreckenlauf, zehn Atemzüge eingeatmet und zwölf wieder aus. Das müsste doch alles für ihn ein leichtes sein! Für ihn den Mann. Er käme dann fast erschlagen und am Rande seiner körperlichen Kräfte an seinem Arbeitsplatz an, aber er hätte heute einen wichtigen Sieg errungen, einen Sieg gegen eine Frau, eine langberockte! Keiner seiner Arbeitskollegen wüsste, was heute mit ihm los wäre. Keiner würde ihn danach fragen, aber alle würden im Stillen spekulieren und so ihre eigenen Vermutungen haben. Außerdem könnte er doch keinem von seiner peinlichen Niederlage erzählen, welche Blamage, alle würden ihn für einen Schwächling oder ein Weichei halten. Er wurde im Sprint von einer Frau, einer vollkommen fremden Frau geschlagen, die er nicht einmal mit Namen nennen könnte, oh nein!
Außerdem hätte er sich bei der Erhöhung womöglich überschlagen, wäre gestolpert und gefallen und lang auf dem Bahnsteig hingeschlagen, auf seinen schwarz glänzenden Aktenkoffer gestürzt, ihn verschrammt und verbeult, in trauter Zweisamkeit mit seiner zerbrochenen und verbeulten Brille, alles hätte liebevoll mit ihm gemeinsam auf dem Bahnsteig gelegen. Vermutlich hätte er seine Weiterfahrt ins Büro abrupt abgebrochen und wäre verschämt, verletzt und gekränkt mit einer Taxe nach Hause gefahren und hätte sich einige Tage bei seinem Arbeitgeber Krank gemeldet, mit oder ohne triftigem Grund, der Wahrheit, es wäre ihm jetzt alles egal gewesen. Nur um seine peinliche Niederlage und sich selber ausgiebig zu bemitleiden.
Vor dem Bus an der Haltestelle im Dämmerlicht der Straßenlaternen, standen zwei dunkel gekleidete muskulöse Männer in einer Betriebsuniform der U-Bahnwache von Hamburg. Sie traten schnell an den kleinen Buckligen Mann mit dem Rucksack heran, nahmen ihn in die Mitte, stoppten ihn bei seinem Versuch, schnellen Schrittes und teilnahmslos hinter dem Bus in der Dunkelheit des Morgens zu verschwinden. Der etwas größere der beiden Männer sprach ihn an und hielt ihn an seinem Arm fest. Sie gingen mit ihm in den an drei Seiten mit Glas verkleideten Bushaltstellenunterstand., zwängten ihn in eine Ecke und redeten auf ihn ein.
„Siehste, es ist heute nichts mit deiner Idee, dir einen arbeitsfreien Tag zu genehmigen, um diesem kleinen gebeugten Mann mit dem Rucksack zu folgen, um rauszufinden, wo er heute Morgen noch hinwollte und was er so vielleicht noch so trieb. Die U-Bahnwache war schneller. Die Busfahrerin hatte vermutlich alles über Funk an ihre Zentrale weitergeleitet und die hatten sich für diese Kontrolle, wozu sie auch berechtigt waren, entschieden,“ jubelte mein Ich. Der größere hielt noch immer den etwas gebeugten Mann aus unserem Bus in Schach, der ständig noch immer versuchte, den beiden irgendwie zu entwischen, während der andere ihm den Rucksack von der Schulter nahm, ihn vorsichtig öffnete und in ich hineinsah, so gut es bei dem schwachen Lampenlicht am Morgen möglich war. Er holte einige Gegenstände hervor, die aussahen wie ein Autoradio und, so konnte ich weiter erkennen, einen Gegenstand, der aussah, wie eine Pistole. Danach telefonierte er kurz über sein Handy und nicht einmal drei Minuten später hielt ein Streifenwagen der Polizei in der Bushaltestelle. Der Mann wurde von einem Polizeibeamten ergriffen und in den hinteren Teil des Streifenwagens verfrachtet. Er wehrte sich zwar heftig, konnte sich aber aus dem Polizeigriff nicht befreien und in der Dunkelheit entkommen.
„Donnerwetter, unsere Busfahrerin war heute Morgen aber wirklich auf Zack hatte die richtige Vermutung und hatte sofort richtig gehandelt. Mensch ein Mann mit einer Pistole bei uns im Bus, zwei Reihen hinter mir, hinter meinem Nacken, unmöglich. Ich, und alle Fahrgäste schwebten die ganze Zeit über in akuter Lebensgefahr. Unmöglich, was hätte alles geschehen können, wenn? Man hatte ich heute Morgen mal wieder Glück! Wenn ich das heute Abend meiner Frau erzähle,“ platzte es halblaut aus mir hervor.
Der Zweizentner Mann trat mir beinahe beim Aussteigen in die rechte Ferse. Er ratschte mit seiner Schuhspitze über meinen Schuhabsatz, das war für mich Glück im Unglück, denn wenn er auch noch gestolpert wäre und womöglich auf mich gefallen wäre, wie wäre es mir dann wohl ergangen? Ich erhöhte sofort, wie von einer Tarantel gestochen, meine Schrittzahl, um ganz sicher diesen schweren Schuhen hinter mir zu entkommen. Ein Niesanfall erschütterte das Fleischgebirge hinter mir und dröhnte wie ein Gewitter durch den vor mir beginnenden U-Bahntunnel. Eine gewaltige Fontäne von feinen, fast kaum sichtbaren, Niesbläschen versuchte mich von hinten zu erwischen, aber ich war, Gott sei Dank, außer ihrer Schussweite, als ich , nach Luft und Fassung ringend an dem Zeitungskiosk auf dem Bahnsteig ankam.. Dort stand bereits an der Verkaufsluke unser kleiner Schwarzhaarige aus dem Bus. Wie war der bloß so schnell aus dem Bus dorthin gekommen?
„Richtig, der musste durch die Bustür bei unserer Busfahrerin entwischt sein. So hatte er einen etwas kürzeren Weg zum U-Bahntunneleingang. Ich war so mit der Beobachtung der anderen beschäftigt, das ich gar nicht gesehen hatte, wie und wo er ausgestiegen war. Es konnte nur die vordere Bustür gewesen sein.
An wievielter Stelle, in unserer Reihenfolge, er im Tunnel und auf dem Bahnsteig angekommen war, konnte ich nicht mehr nachvollziehen, er war plötzlich am Zeitungskiosk.
„Merkwürdig, der musste ja förmlich geflogen sein. Siehste, siehste, so ungenau beobachtet der Mensch manchmal, wenn er nur ein bisschen abgelenkt ist. Hatte er womöglich sogar den Bartstreichler noch auf der Außenseite überholt? Wie hatte er das gemacht? War er der große Außenseiter, der auf der Außenbahn alle zügig und unbemerkt überholt hatte? Das wäre der Erfolg für ihn und eine Niederlage für alle anderen,“ stellte ich erstaunt fest.
Er war wirklich sehr klein mit seinen großen Hosenbeinen. Die Beine, welche Energiebündel mussten das sein, die für solche Leistungen fähig waren. Vielleicht war er ein durch und durch trainierter Hochleistungssportler, der heute Morgen zu einem Trainings-Meeting fuhr. Er hatte nur eben mal auf dem Weg vom Bus bis auf den U-Bahnsteig ein wenig Gas gegeben, nur so zum Spaß für sich selber. Mit dem linken Arm auf der Holzverkaufsluke aufgestützt, blickte er dem Kioskverkäufer zu, der große schwergewichtige Zeitungsballen mit einem Messer aufschnitt. Der Schwarzhaarige verlangte fast aus jedem Ballen je eine Zeitung, eine von einem ganz bestimmten Platz in einem Regal und zwei von einem Platz unter einem Tisch.
„Mein Gott, der kann Zeitungslesen! Das sind ja alles türkische Zeitungen. Was will der denn damit? Was hat der denn für einen Job? Soviel Zeit zum zeitunglesen? Vermutlich muss er in Deutschland leben und arbeiten, um an seinem Arbeitsplatz so viel Zeit zum Zeitung lesen zu haben. Sowas habe ich an meinem Arbeitsplatz noch nie bemerkt.
Der Bahnsteig dieser U-Bahnstation ist sehr breit. In der Mitte befindet sich ein Gebäude mit einer Frühbäckerei. Dort werden den ganzen Vormittag Brötchen frisch gebacken und es duftet einfach himmlisch. Ab 05.00 Uhr früh gibt es hier die ersten ofenfrischen Brötchen mit etwas drauf oder nach Wunsch belegt und beschmiert, dazu, wenn man möchte, einen Kaffee, Tee oder heißen Kakao für die Leute, die nach dem Aufstehen und der Morgentoilette noch nicht frühstücken können. Davon muss es scheinbar sehr viele geben, denn wenn ich morgens vorbei gehen, stehen die Leute dort in einer Schlange vor dem Tresen. Nun ja, die ruckartige Busfahrt und der Spurt haben jetzt schließlich auch die letzte Schlafmütze geweckt und der Körper und der Magen schreien nach einem Frühstück, wenn auch nur sehr unbequem im Stehen. Hauptsache da rutscht etwas in den Magen.. So riecht nach geraumer Zeit jeder U-Bahnwagen, nach frischen Brötchen und einem heißen Getränk. Warum auch nicht, in der Bahn konnte man wenigstens beim Frühstücken sitzen und hatte es viel bequemer. Das stand einem auch zu, bevor der tägliche Stress in der Firma begann.
„Oh Mann, das riecht aber verdammt gut! Jeden Morgen wird mir förmlich schwindelig bei diesen Frühstücksdüften in der Bahn, hoffentlich konnte bald meine Nase wieder in die frische Luft strecken und ganz, ganz tief Luft holen,“ seufzte mein Ich. Einige Fahrgäste senkten neugierig ihre Morgenzeitung, blickten um sich, um festzustellen, woher der Kaffee-, der Kakao- oder der Tee Duft kamen. Mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht vertieften sie sich danach wieder in ihre morgendliche Information, der Zeitung. Bestimmt schluckten sie heimlich und unbewusst ein paar Mal, bei den verführerischen Düften, war das ganz normal, wer konnte da schon widerstehen, auch mit einem guten Frühstück von Zuhause bereits schon im Magen.
Wer womöglich heute das erste Mal in der U-Bahn fuhr, dachte bestimmt, halt hier in Hamburg gibt es in der U-Bahn morgens immer ein Frühstücksbüfett, eine tolle Einrichtung, warum gibt es das bei uns in Berlin, Köln oder München nicht? Ist doch ein toller Service! So konnte man gestärkt und etwas zufriedener seinen Arbeitsplatz ansteuern. Belegte Brötchen, heiße Getränke in der U-Bahn, ein Automat könnte das bestimmt auch zaubern!
Hinter dem Backwarenstand befand sich ein Kiosk in herkömmlicher Art mit den üblichen Reiseutensilien, Zeitschriften, Zeitungen, Süßigkeiten und Getränken mit und ohne Alkohol. Meist alles im Kleinformat. Das weitere Gebäude war früher einmal ein Dienstgebäude. Dort war der Arbeitsplatz vom Bahnsteigschaffner. Heute hielten sich dort hin und wieder mal die Mitarbeiter von der Bahnwache auf..
Seitlich vom Zeitungskiosk trafen sich jeden Morgen immer zwei ältere Männer mit einer Frau mittleren Alters. Der eine der Männer, vermutlich kurz vor dem Rentenalter, hatte eine ziemlich laute Stimme. Vermutlich konnte er gar nicht leise reden. So konnte ich und viele andere wartenden Fahrgäste ungewollt immer alles mithören, was dort bei den Dreien so wichtiges geredet wurde.. Meist beschwerte er sich über die da oben, die Politiker. Die wieder mal unsinnig unsere Steuergelder ausgeben, dann erfuhr jeder der Umstehenden, was er an diesem Wochenende alles unternommen hatte und was er heute und in den nächsten Tagen unbedingt und ganz bestimmt alles unternehmen will. Er erzählte allen laut und deutlich, natürlich ungewollt, was ihn so belastete und bedrückte. Manchmal schimpfte er über seinen Arbeitsplatz und seine Kollegen.
„Du, der muss aber einen sehr lauten Arbeitsplatz haben, dass er immer so laut reden musste, oder war er hochgradig schwerhörig? Echt, der geht mir fürchterlich auf den Geist. Lass uns woanders auf die Bahn warten,“ schlug ich meinem Ich vor und ging ein paar Schritte weiter bis ich die nervige Stimme
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nicht mehr hörte. Seine beiden Begleiter, der Mann und die Frau, sprachen und erwiderten kaum etwas, sie nickten ihm nur immer zustimmend zu und machten sehr ernste Gesichter. Waren es seine Arbeitskollegen, die Einzigsten, mit denen er sich gut verstand und die ihn, den alten Mann, verstanden? Hört man das rumoren der nahenden U-Bahn auf den Schienen im Tunnel, liefen alle drei in unterschiedliche Richtungen auseinander und riefen sich viele Abschiedsgrüße und Wünsche für den beginnenden Arbeitstag zu. Mit einem leichten Ruck kam der Zug zum Stillstand fast alle Waggontüren flogen auf, viele Fahrgäste stiegen aus und zwängten sich hastig, einige mit Brötchen und Getränkebechern mit einem Deckel, in die Waggons, die Türen schnellten mit einem lauten Klack wieder zu, der Zug setzte sich langsam wieder in Bewegung und verschwand, uns nur noch seine beiden roten Schlusslampen zeigend, im Tunnelanfang am Ende des Bahnsteiges. Die Wagen waren alle gut mit arbeitswilligen Frühaufstehern besetzt, das heißt, der Zug war zu so morgentlicher Stunde verdammt voll. Für einige Fahrgäste gab es schon keine Sitzplätze mehr, sie mussten stehen. Ich setzte mich immer zu gerne neben einem Gast, der in einer Zeitung las und dieselbe bereits so in beiden Händen vor sich ausgebreitet hielt, das ich , danebensitzend, ohne großartig den Kopf zu verdrehen aus dem Augenwinkel wunderbar mitlesen konnte und seien es auch nur die fettgedruckten Überschriften und Schlagzeilen in der Zeitung. Wenn es nicht so einen Sitzplatz gab, setzte ich mich genau gegenüber und so alles auf der Rückseite der Zeitung mitlesen. Hatte ich dann noch das unverschämte Glück, ich hatte einen langsam Leser, so war der eine oder Text so gut für mich zu entziffern, das ich mir den weiteren Textinhalt dann schon denken konnte.
In meinem morgendlichen U-Bahnwaggon, war die vordere Hälfte frei. Kein Fahrgast saß dort. Alle neu hinzusteigenden Fahrgäste machten sofort eine Kehrtwendung und suchten sich mit einem komisch verzogenen Gesichtsausdruck einen Sitzplatz in meiner Waggonhälfte.
Irgendwie mischte sich der herrliche Kaffee- und Kakaoduft mit einem süßlich, säuerlichen Geruch. Die ersten Kippfenster wurden schon laut knackend geöffnet. Keiner der anderen Fahrgäste, saßen sie jetzt auch etwas im Durchzug, beschwerte sich oder verschloss das Kippfenster wieder. Jetzt zog es mir aber allmählich an meinem Sitzplatz, Ich hatte mich auf die hinterste Sitzbank gesetzt und bekam somit die Zugluft aus dem ganzen Waggon um die Ohren. Ich stand auf und setzte mich eine Sitzreihe weiter nach vorn neben einem Fahrgast, der seine Morgenzeitung weit ausgebreitet hatte und in aller Ruhe darin las. Als ich neben ihm Platz nahm, faltete er rasch die Zeitung zusammen und knickte sie auch noch nach unten um, bestimmt mit Rücksicht auf mich und damit ich auf gar keinen Fall bei ihm mitlesen konnte. Dann kippte er seine Lesefläche mehr nach rechts um noch besser lesen zu können und ich nicht mal eine Schlagzeile mehr entziffern konnte, so angestrengt ich mich auch bemühte.
„Na ja, haste heute Morgen aber wirklich mit deiner Bildung auf fremde Kosten Pech! Solltest dir doch wirklich selber eine Zeitung kaufen. Bei deinem Gehalt kannst du dir das ohne Schwierigkeiten erlauben und machst deiner Kollegen am Arbeitsplatz noch eine riesengroße Freude, jeden Morgen die neuste Tageszeitung zum Nulltarif für die netten Kollegen. Die werden dich dann bestimmt schon himmelhoch loben und nur gutes von dir denken und sprechen, der mit der täglichen Morgenzeitung, ein toller und sehr netter Kollege. So einen wünscht sich doch jeder an seinem Arbeitsplatz. Zumal die morgendliche Geldausgabe, das, mal Arbeitstage auf ein Jahr umgerechnet, da kam schon ein kleiner Urlaub zusammen. Wie günstig für die netten Kollegen in der Firma. Bestimmt wäre auch der Chef sehr dankbar für die nette morgendliche Geste von mir. Eine Zeitung, für ihn zum Lesen, ganz umsonst und dann noch das nie gelöste Kreuzworträtsel auf der letzten Seite, das war stets eine Herausforderung für ihn, den Chef, so konnte er seinen Untergebenen jeden Tag beweisen, was über ein enormes Fachwissen er verfügte. Es war schon richtig so, das, alle ihn als ihren Chef und Vorgesetzten akzeptierten und es kein Neid um sein fast doppelt so hohe Gehalt wie das ihre., gab. So ging dann alles gerecht und anständig in meiner Firma zu.“ schlug mir mein Ich überzeugend vor.
Sollte ich jetzt noch einmal meinen Sitzplatz verlassen und mir einen Geeigneteren suchen? Einen Platz neben einer Frau, die vielleicht etwas Mitleid mit mir hatte und mir meine heimliche morgendliche Bildung neidlos gönnte und sogar Verständnis mit mir hatte? Zu dumm, ein geeignetes weibliches Wesen mit einer Zeitung konnte ich nicht entdecken.
„Pech gehabt Noch einmal meinen Sitzplatz wechseln, das wollte ich dann nun auch nicht. Das fiel doch auf, wenn ich immer von einem Zeitungsleser zum anderen wanderte. Da vermutet doch jeder Zeitungsleser sofort, der will nur schwarz mitlesen, das ist einer aus der geizigen Riege, ein kleiner Nassauer,"stellte ich überrascht fest und lehnte mich auf meinem Sitz zufríeden an die Rückenlehne.
Ich blieb neben meinem unfreundlichen Zeitungsleser, war er eigentlich wirklich unfreundlich? Vielleicht wollte er mir nur mehr Platz machen und mich nicht mit seiner Zeitung stören. Er war eigentlich doch sehr rücksichtsvoll zu seinen Mitmenschen. Eigentlich sollte ich doch wirklich sehr froh sein, einen so netten Sitzpartner gefunden zu haben, der mir nicht mit seiner Zeitung vor der Nase herumwirbelte und mir jedes Mal beim ausfalten einer neuen Zeitungsseite einen Knuff in die Seite verpasste. War doch wirklich ein netter Frühaufsteher, sehr rücksichtsvoll und hochanständig.
Da ich am Mittelgang nun saß, konnte ich mich mit den vorderen Sitzbänken beschäftigen, auf denen merkwürdiger Weise keiner der ständig zusteigenden Fahrgäste sitzen wollte. Schwankte der U-Bahnwaggon in einer Kurve etwas, hörte ich ganz deutlich das rollende Geräusch einiger leerer Getränkedosen, mit einem Klick stießen sie an ein Hindernis und begannen in einer anderen Richtung wieder weiterzukullern. Da bog eine leere Bierdose um eine Sitzbankreihe und machte sich auf den langen Weg durch den Mittelgang meines Bahnwagens. An mir vorbei ging die lange Kullertour, bis in die letzte Reihe in meinem Zug. Bremste der gesamte Zug in einer Haltestelle langsam ab, begann die leere Dose, übrigens war sie von der Holsten Brauerei ,wie ich im vorbeikullern deutlich lesen konnte, begann die leere Bierdose, an mir vorbei, wieder dorthin zu rollen, wo sie vor einigen Minuten gestartet war, in den Bereich der säuerlichen Gerüche, ein Klick und es tauchen beim erneuten anfahren der Bahn jetzt zwei Dosen auf, die in rasender Wettfahrt durch den gesamten U-Bahnwaggon rollten. Da stellte sich ein gestrecktes Bein mit einem Männerschuh, sich ihnen in den Weg. Durch den überraschenden Einsatz und die Attacke dieses Schuhes gab es eine Karambolasche mit wilden Drehungen und Restbierspritzern auf den staubigen Fußboden, ein langsames knacken deute unverkennbar an, die eine Dose wurde aus dem rollenden Verkehr gezogen und mit einem Männerschuh rolluntauglich und platt gemacht. Die zweite Bierdose ergriff in rasender Fahrt die Flucht, allerdinge knallte sie mit einem lauten Geräusch gegen das Untergestell einer Sitzbank, drehte sich ein paar Mal um die eigene Achse, kam durch einen glücklichen Zufall wieder in die richtige Rollrichtung und ergriff ihr Heil in der Flucht durch den Mittelgang in den stinkenden Teil unseres Wagens, wurde aber im Mittelgang gegen einer weiteren Sportschuh geschleudert und gestoppt, unter der Schuhsohle langsam platt gedrückt und unter die Sitzbank geschoben. Aus und vorbei war das lustige übermütige Wettrennen, es gab eben zwei Männer unter den Frühaufstehern, die sehr viel gegen so ein rollendes Wettrennen in unserem U-Bahnwaggon hatten, die sich genervt und belästigt fühlten und ganz bestimmt und fast unhörbar für ein sofortiges Ende dieser illegalen Wetttour sorgten.
„Gut so, das war wirklich mehr als nervig, das ewige hin und her. Mit einer Bierdose hatte es angefangen, dann zwei und wer weiß wie viele noch startbereit im vorderen Teil des Bahnwaggons lagen, das wäre dann aber wirklich zum verrückt werden und das auch noch an einem frühen Morgen in der sonst so herrlich ruhigen Bahn.
Aus dem vorderen Bereich unserer U-Bahn kroch jetzt beim Anfahren des Zuges, wie eine Schlange, ein Rinnsal mit einer Flüssigkeit über den staubigen, grauen Wagenboden. Mal rann der kleine Strom mehr nach rechts, dann wieder mehr nach links, stets abhängig davon, auf welche Seite der Bahnwagen gerade etwas mehr sich neigte oder schwankte. Die dunkele und nasse Spur, von einer mir unerklärlichen Flüssigkeit, war deutlich zu erkennen und wurde ständig länger und länger. Mal stoppte das Rinnsal vor einer Sitzbank, als wenn einer zu ihr sagte, halt bis hier und nicht weiter, dann fühlte sich der kleine flüssige Strom zu einem See auf und begann erneut in eine nicht vorhersehbare Richtung über den grauen Fußboden weiterzulaufen. Erschreckt und angewidert werden zwei schwarze, hochglänzende Damenschuhe je hochgerissen und einen halben Meter weiter rechts wieder auf den Fußboden gestellt.
In diesem Moment blicke ich wieder mal, wie durch einen Zufall, in den vorderen Teil unserer U-Bahn, da wo keiner heute sitzen möchte und sehe einen alten, ungepflegten und abgetragenen Schuh auf der Sitzbank liegend um die Ecke genau zu mir schauend. Der Schuh steckte auf einem in einer nicht mehr ganz so weißen Socke, die einen menschlichen Fuß umgab. Der Fuß gehörte bestimmt zu einem Bein und das wiederum zu einem Menschen, der dort liegen müsste, denn sitzen konnte ich da vorne niemand erkennen.. Wie mochte es wohl in dem Schuh da vorne aussehen? Gehörte der Fuß mit dem Schuh zu einem älteren oder einem jungen Menschen?
„Hauptsache der Schuh da vorne fiel jetzt nicht auch noch von diesem Fuß, freiwillig oder wurde abgestreift, dann steige an der nächsten Haltestelle aus und suche mir einen anderen U-Bahnwaggon mit ordentlichen Menschen und Frühaufstehern,“ das murmelte ich verärgert vor mich hin.
„Hab nur keine Angst, so schlimm wird es nun bestimmt nicht werden. Deine feine, etwas zu groß geratene Nase soll heute Morgen nicht beleidigt werden,“ beruhigte mich mein Ich.
Wäre es wirklich doch noch so gekommen, wie von mir vermutet und befürchtet, so hätte sich unser Waggon an der nächsten und übernächsten Haltestelle vollends geleert, dieser Duft wäre bestimmt viel schlimmer, als das gesamte menschliche Wesen, das da vorne auf der Sitzbank lag und ich hoffte nur inständig, nur friedlich schlief und nicht noch schlimmere Macken hatte, das man dann als einen Notfall bezeichnete. Ich weiß nicht und wahrscheinlich der stolze Schuhbesitzer saß vorne ganz in unserer Nähe, wusste es selber nicht mehr, wann dieser Schuh, natürlich der andere, der Zweite, am anderen Fuß, das letzte Mal das Tageslicht erblickt, gewaschen und ausgiebig getrocknet und gelüftet worden war. Ich tippte ,nach dem Aussehen, auf bestimmt vier Wochen wenn nicht noch länger. Die Socke konnte man bestimmt beim Auslüften schon senkrecht hinstellen, so steif und fest war das edle Gewebe schon, nach dem Einwirken der vielen Sekrete aus Schweiß, Wasser, Hautresten und so weiter. Die Socken wären so einmalig präpariert und über viele hundert Jahre haltbar und unzerstörbar.
Die Schuhspitze neigte sich nach vorne, fuhr unsere Bahn mal wieder an und richtete sich senkrecht, mit der Schuhspitze steil nach oben, auf, bremste unsere U-Bahn vor einer Haltestelle, einem Bahnsteig wieder ab. Aus diesen ständig wechselnden Bewegungen, konnte ich mit absoluter Sicherheit erkennen, hier lag ein vollkommen entspannter menschlicher Körper. Alle Muskeln waren gelockert und ohne Kontrolle, nichts, keine elektrischen Ströme durch Nerven und Muskeln deuteten sich mit einem Zucken an, absolut nichts, hier ruhte ein total erschöpfter menschlicher Körper, der durch äußere Einflüsse in diesen Zustand versetzt war. Würde dieser Körper durch eine Zwangsbremsung der U-Bahn von der Sitzfläche der Bank rollen und auf den Fußboden fallen, es gäbe keine Reaktion, keinen Schrei oder sonst ein Hinweis, hier war noch Leben in diesem Häufchen Haut, Fleisch und Knochen. Der Körper würde am Fußboden, im Dreck und Staub, weiter liegen bleiben und weiterhin das tun, was er auf der Sitzbank auch schon getan hatte, nämlich liegen, in welcher Lage auch immer. Hier herrschte ein Tiefschlaf oder vielleicht inzwischen schon Tod?
„Na nun komm mal endlich wieder auf den Teppich, das sieht doch ein Blinder, der da, ist stinkbesoffen, hört und sieht nichts mehr und kommt irgendwann von alleine wieder auf die Beine,“ schimpfte mein Ich mit mir. Der U-Bahnzug fuhr in eine scharfe Linkskurve. Da wurde das weißgelb bestrumpfte Bein immer länger und länger. Es kam ein graues Hosenbein zum Vorschein. Von einer Art Bügelfalte, wie es sich für so eine Art Hose, die bestimmt schon einmal viel bessere Zeiten gesehen hatte, jetzt befand sie sich in der Endphase ihres Daseins, wahrscheinlich wurde es irgendein Papierkorb neben eine Parkbank im Sommer, gehörte, konnte ich leider nichts mehr erkennen. Diese Hose war bestimmt jetzt zugleich Ausgehhose und Schlafsack für das Häufchen Elend, das zur Zeit in ihr steckte. Woher sollte da noch eine Bügelfalte kommen, ein Bügelbrett, ein Bügeleisen, dafür reichte es inzwischen nicht mehr, viel wichtiger war eine Blechdose oder eine Flasche mit etwas drinnen.
In der nächsten Haltestelle wurde der Zug sehr abrupt aus mir nicht erkennbaren Gründen plötzlich abgebremst. Hatte jemand die Notbremse gezogen? Einige Aktenkoffer, Rucksäcke und Taschen, sorgfältig neben den
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Fahrgästen auf den Sitzen abgestellt, kippten um oder fielen sogar auf den Fußboden.
Eine Frau, die gerade auf dem Weg zur vorderen Ausgangstür war, bekam plötzlich so einen Schwung, konnte sich nicht mehr an den Sitzreihen rechts und links rechtzeitig festhalten und torkelte nach vorne, in den von allen Fahrgästen gemiedenen Teil unseres Waggons, prallte mit beiden gestreckten Händen gegen die Heckscheibe des Bahnwagens, die, Gott sei Dank, dem weiblichen Schwung und Ansturm, standhielt, verlor dann das Gleichgewicht und stürzte auf das dort auf der Sitzbank liegende und nach allen weniger angenehmen Düften riechende menschliche Lebewesen, blieb auf ihm halb sitzend mehr liegend einen Moment fast ohnmächtig vor Gestank und Schreck, so verharrte sie eine Weile an diesem unmöglichen Ort. Dann raffte sie all ihren Mut zusammen und erhob sich an der Rückenlehne der Sitzbank abstützend wieder. Stürzte entsetzt und angeekelt durch die inzwischen geöffnete U-Bahnwaggontür mehr stolpernd als laufend auf den Bahnsteig und rannte schweratmend, ihre Kleidung zurechtrückend in die Mitte des Bahnsteiges. Dort blieb sie, fertig mit den Nerven, über das eben erlebte und durchgemachte Ereignis stehen. Die Wagentüren knallten wieder hinter ihr zu, der Zug setzte sich in Bewegung und nahm Kurs auf die nächste Station.
Einige Fahrgäste um mich herum saßen noch immer da, mit weit geöffnetem Mund über das, was sie soeben erlebt und gesehen hatten.
Was war da geschehen? Wie konnte so etwas passieren? Warum hatte der U-Bahnfahrer so plötzlich bremsen müssen? Warum fuhr er jetzt in aller Seelenruhe wieder weiter, als wäre nichts geschehen bei ihm da vorne und bei uns in unserem Waggon?
„Nun spinn mal nicht so herum! Dafür gibt es alles eine ganz einfache Erklärung. Der Bahnfahrer hatte ein sich mit einem Signal vertan und somit, bei seinem Dämmerlicht, das er als Fahrlicht an seinem Führerwagen hatte, den Beginn des nächsten Bahnsteiges nicht so recht erkannt, oder, er war kurz selber, zu so früher Morgenzeit, selber eingenickt und aufgeschreckt rechtzeitig wieder wach geworden und reagiert. Allerdings hätte sich die arme Frau bei dir im Wagen leicht etwas brechen können. Das wäre dann natürlich sehr übel und unsere Fahrt zur Arbeit wäre erst einmal beendet, denn es hätte einen Notarzteinsatz gegeben. Auf alle Fälle wäre es eine Verspätung geworden, für uns und alle nachfolgenden Züge.,“ belehrte mich mein Ich.
„Du hast Recht! Die Frau hatte wirklich einen Schutzengel, bis auf den Sturz auf das Wesen da hinten, der den halben U-Bahnwaggon für sich hatte und niemand von uns in seiner Nähe haben wollte. Er wollte lieber ganz alleine da vorne hausen. In der Tat, erbrauchte dort vorne sehr viel frische Luft, bei seinem Duft, der ihn umgab.
Da tauchte über der Sitzreihe, im besagten vorderen Teil unseres Wagens, über der Sitzlehne, eine rote Pudelmütze auf. Von der Pudelmütze fast vollkommen verdeckt, blickte ein ungesundes rotes männliches Gesicht zu uns in den hinteren Teil des U-Bahnwaggons. Viel war von dem Gesicht nicht mehr zu erkennen. Die untere Gesichtshälfte war von einem wild und munter wuchernden Vollbart verdeckt. Zwei glasige blaue Augen blickten neugierig zu uns hinüber. Bestimmt war er sehr erstaunt, warum wir alle da hinten, hinter ihm saßen und nicht um ihn herum, wie es sich seiner Meinung nach gehörte. Er war doch kein Aussätziger oder von einer Seuche befallener Mensch. Er war doch genau so, wie du und ich, oder?
Besoffen waren bestimmt schon alle einmal oder auch schon öfters. Also bitte, warum stellen die sich alle so komisch an? Der Kopf mit der Pudelmütze schüttelte sich erstaunt ein paar Mal und versank langsam und dann immer schneller werdend wieder hinter der Sitzbank da vorne und verfiel sofort wieder in diesen so wohltuenden und erholsamen Tiefschlaf wie zuvor.
Alle Fahrgäste hatten ihre Zeitungen auf den Schoß gelegt, um zu der roten Pudelmütze zu blicken, die da so plötzlich und unverhofft für großes Interesse und Neugierde sorgte. Die Mütze war wieder verschwunden und alles ging der morgendlichen und wichtigen Beschäftigung nach, nämlich weiter und wieder Zeitunglesen.. Erschreckt fuhren alle Nasen aus den weit ausgebreiteten Tageszeitungen auf, ein sehr lautes und blubberndes Schnarchen hallte aus dem vorderen Teil des Waggons zu uns herüber.
„Immerhin, er lebte noch und immer weiter. Das war doch sehr beruhigend,“ stellte ich halblaut mit einem Schmunzeln im Gesicht fest.
Vermutlich hatten alle Fahrgäste ihn, den da vorne auf der Sitzbank liegenden, schon für eine langsam verwesende Leiche gehalten. Nach den unmöglichen Gerüchen, die er verbreitete, konnte wahrscheinlich nur ein Pathologe aus einem Krankenhaus mit Bestimmtheit feststelle, ja, der lebte noch, es bestand kein Zweifel und alle konnten voller Hoffnung sein, irgendwann gibt es auch für den da vorne, auch mal bessere Zeiten. Er hatte gerade seinen Tiefpunkt. Da konnte und ging es doch meist wieder bergauf und mit neuen Kräften voran. So war es doch in unserem Leben! Wer hatte nicht schon mal einen Tiefen? Da half manchmal nur noch eins , volllaufen lassen und mal richtig wegtreten. Nichts hören und sehen und alle können einem am Arsch lecken! Nach so einer Kur ging es einem meist tatsächlich wieder langsam gut, man kam auf die Beine, der Verstand und Geist kehrte auch wieder freudig bei einem ein und Mann konnte endlich wieder reihenweise Bäume ausreißen, so bombig fühlte man sich danach.
„Du sprichst mal wieder aus eigener Erfahrung, stimmts? Diese Tour habe ich mit dir schon öfter erlebt und hatte viel Mühe dich wieder auf die Beine und einen rechten Weg zu bringen. Das kannst du mir ruhig glauben, da spreche ich wirklich aus Erfahrung, speziell mit dir. Ja, ja, es ist nicht immer leicht mit dir! Du bist manchmal ein unmöglicher Spinner. Hätte ich doch nur einen anderen Ichpartner abbekommen und nicht dich. Warum habe ich es mit dir so schwer. Du bist auch manchmal vollkommen bekloppt, bist du mich manchmal verstehst. Oh man, oh man, habe ich es schwer mit so einem Blödkerl, wie mit dir,“ schüttete mir mein Ich seinen Kummer und sein Herz aus.
„Ja, ja, du tust mir wirklich sehr leid. Aber was wäre ich ohne ein Ich, nämlich so eines wie du? Du könnte ich mir doch gleich eine Kugel durch den Kopf schießen und du und ich, wir beide hätten endlich unsere wohlverdiente Ruhe. Ich kann doch nichts dafür, das du bei mir oder für mich zuständig bist,“ jammerte ich dem Ich vor. Schweißperlen hatten sich inzwischen schon auf meiner Stirn gebildet, von den anstrengenden Zwiegesprächen zwischen uns beiden. Dabei war unser Wagen nicht überheizt und sommerlich warm, war es heute Morgen auch noch nicht. Also vorsichtig mit dem Handrücken so unauffällig wie möglich langsam und vorsichtig über meine Stirne gewischt, damit es ja keiner von den Fahrgästen bemerkte.
„Ist ihnen heute Morgen nicht gut? Kann ich ihnen etwas helfen? Ich hätte da eine gute Tablette, die mir auch bei solchen Hitzeattacken vortrefflich halfen. Wollen sie eine haben?“ fragte die zeitungslesende Dame mittleren Alters neben mir.
„Nein, nein, vielen Dank! Machen sie sich nur keine Mühe. Mir geht es schon wieder ganz gut,“ erwiderte ich dem netten Angebot. Und ließ meine Hand verschämt in der Jackentasche verschwinden.
„Puh, hat mich doch jemand beobachtet. So ein Mist! Wie peinlich! Ein Mann mit unerklärlichen Schweißperlen, so ganz unverhofft und plötzlich auf der Stirn. Das war doch merkwürdig,“ murmelte ich so leise es ging vor mich hin. Es musste raus, es musste gesagt werden, sonst fühlte ich mich ziemlich dämlich.
„Na, sie haben mir nicht die Wahrheit gesagt! Jetzt murmeln sie schon vor sich hin, was sind das für Anzeichen? Sie sollten doch wirklich besser einen Arzt aufsuchen, sonst kippen sie noch neben mir Hier, nehmen sie meine Visitenkarte! Rufen sie mich an und wir machen einen Termin aus. Ich bin Ärztin und habe meine Praxis in der Innenstadt von Hamburg. Ich fahre immer morgens mit der U-Bahn in meine Praxis, das ist für mich sehr Erholsam und fast stresslos. Ich kenne mich aus, mit den Schweißperlen bei euch Männern. Davon habe ich jeden Tag etliche in meiner Praxis und helfe ihnen mit der besagten Tablette. Sie sollten wirklich eine annehmen. Das bekommt ihnen garantiert,“ belehrte mich die Ärztin neben mir in der U-Bahn. Ich lächelte ihr höflich zu, nahm dankend ihre Visitenkarte und die empfohlene Tablette, warf sie mir mit einem Schwung in den offenen Mund und fast in den untersten Rachen, schluckte ein paar Mal und nickte zustimmend und erneut höflich.
„Danke, vielen Dank! Ich werde ihr Angebot wahrmachen und bei Ihnen in der Praxis anrufen, um einen Termin auszumachen. Eine Untersuchung kann doch nichts schaden. Ich war eigentlich schon lange nicht bei einem Arzt“, erklärte ich der Ärztin.
„Du hast es heute Morgen aber wirklich! Verabredest dich mit fremden Frauen, lässt dich von ihnen verwöhnen und medizinisch versorgen. Mach nur weiter so! Du wirst schon sehen, was daraus wird. Fängst du erst einmal damit an, so geht es immer weiter und jeden Morgen, auf der Fahrt zur Arbeit, sitzt du im Kreise von hübschen und interessanten Frauen in der Bahn und lässt dich mit allem Möglichen verwöhnen! Lass das nur nicht deine Frau erfahren! Die wird dir schon die Lewiten ziehen,“ schimpfte mein Ich mit mir.
„Komm, komm, nun übertreib mal nicht so! Es ist doch, wenn sich jemand, außer meiner eigenen Frau zu Hause, sich ein wenig Gedanken über mich macht, nur von Vorteil für mich. Stell dir einmal vor, alle Menschen sind nur auf sich fixiert, haben Gedanken nur über sich selber und interessieren sich überhaupt nicht für ihr Umfeld und die anderen lieben netten Menschen um sich herum, wäre das deiner Meinung nach gut und richtig? Das glaubst du doch selber nicht. Gerade du, der immer so vernünftig und objektiv alles beurteilt. Neh, neh, jetzt spinnst du aber gewaltig,"“konterte ich etwas erbost und wütend über so viel Dummheit. "Bleib du nur schön alleine und sauber! Nur wegen der Meinung deiner Frau, das kann doch wohl nicht wahr sein! So wie ich meine liebe Frau einschätze, würde sie sich freuen über das Angebot der Ärztin. Sie kämpft schon seit geraumer Zeit mit meinem Dickkopf und drängt mich, doch endlich mal wieder zu einem Arzt zu gehen und mich gründlich durchschecken zu lassen. Sie macht sich meinetwegen große Sorgen,“ setzte ich meine Kritik über die Äußerungen meines Ich`s weiter.
An der nächsten Haltestelle stand die Ärztin neben mir von ihrem Sitz auf, glättete mit der linken Hand die Vorderseite die Jacke ihres Kostüms und drängte sich an meinen, inzwischen von mir höflich angewinkelten, Beinen vorbei in den Mittelgang. Dort drehte sie sich noch einmal kurz zu mir um.
„Also, nicht vergessen möglichst rasch bei mir in der Praxis anrufen! Nichts auf die lange Bank schieben. Je eher je besser. Man kann ja nie vorher wissen. Eine gewissenhafte Kontrolle ist immer besser und beruhigt das Gewissen auch ihrer Frau. Dann Tschüss!“ Sagte sie und entschwand durch die inzwischen geöffnete U-Bahntür schnellen Schrittes über den Bahnsteig in Richtung Treppe. Ein tiefer Seufzer drang aus meinem Inneren, dem Inneren da ganz tief und weit an wichtigen Stellen in mir.
„Verdammt, die Frau hat vollkommen Recht! Du bist doch ein dickköpfiger alter Trottel. Der immer mal kräftig getreten werden muss, bis etwas bei ihm geschieht.“ Stellte voller Einsicht endlich mal selber fest. Bisher war das die dringende Ausgabe von meinem sogenannten Ich, meinem besten Freund an meiner Seite.
Jetzt hatte sich im vorderen Bereich unseres Waggons, auf der besagten und von allen Fahrgästen samt einem weiten Umkreis streng gemiedenen vorderen Hälfte des U-Bahnwagens, eine zweite vergilbte Socke mit einem Schuh daran eingefunden. Der eine Schuh versuchte sich mit der Hacke auf die Schuhspitze des anderen zu stellen, was jedoch aber immer nur für einige Sekunden funktionierte, denn bei einem schlingern und ruckeln des Bahnwagens, war es unmöglich für zwei Schuhe so einen Turm zu bauen. Dazu bedurfte es höchster Konzentration und Anspannung, was leider bei dem menschlichen Körper in dem desolaten Zustand unmöglich war. Selbst ich hätte es nicht in die Reihe bekommen. So nach einigen Fehlversuchen, blieb dann der linke Fuß auf dem rechten Fußknöchel liegen. Jetzt schwankten beide Schuhspitzen mal nach rechts mal nach links. So war es viel einfacher und sah auch gar nicht mal so schlecht aus für einen Beobachter, wie mich. Da inzwischen meine zeitungslesende Nachbarin, die soeben ausgestiegene Ärztin, nicht mehr neben mir saß und ich in ihrer Zeitung nichts mehr lesen noch verstehen konnte, hörte ich ab jetzt auf alle merkwürdigen Geräusche und registrierte alle Bewegungen um mich herum.. Neben dem Rollgeräusch der Räder auf den Stahlschienen und dem brummen und heulen der Antriebselektromotoren und dem auf- und zuklappen der vielen U-Bahnwaggontüren, vernahm ich jetzt ein Geräusch, dass aus dem vorderen Teil unseres Wagens zu kommen schien und wie ein Würgen klang. Kurz darauf plätscherte etwas zu Boden, das schließlich in einem Tropfgeräusch endete. Ich dachte fieberhaft nach und versuchte das Geräusch weiter und genauer zu lokalisieren, plätschern und tropfen, es regnete doch nicht irgendwo durch die vielen offenen Fensterklappen? Alle Fahrgäste saßen ruhig und gelassen auf ihren Sitzplätzen, lasen in ihren Zeitungen oder mitgebrachten Büchern oder dösten so einfach mit starrem Blick vor sich hin.“ Jetzt, was war das?“ entwich es halblaut meinem Mund. Ein fürchterlicher Rülpser mit einem weiteren lang anhaltendem Plätschern, konnte ich deutlich wahrnehmen und registrieren. Ich war mir absolut sicher, das Geräusch musste von da vorne kommen, aus der durchdringlichen Stinkzone unseres Wagens in der morgendlichen U-Bahn. Wo unser rotbemütztes Monster sein Unwesen trieb, gewollt oder ungewollt, das blieb jedem Beobachter überlassen, denn die feine Kinderstube war das gerade nicht, da vorne , ganz in unserer sauberen Nähe. Beim erneuten scharfen Anfahren unserer so gemütlichen U-Bahn aus einer Haltestelle, bog eine Art Lavastrom mit merkwürdigen bunten Stücken und Streifen aus festem Material und einer gelblichen bis weißen Brühe in den Mittelgang und schäumte langsam und mal schneller bedrohlich in meine Richtung und die der übrigen Fahrgäste.
Ich blickte mich um und sah in lauter entsetzte und angeekelte erstaunte Gesichter um mich herum.
Eine ältere Frau sprang jäh auf und rannte an die hintere Ausgangstür. Zum Glück fuhren wir gerade in eine weitere Haltestelle, die Bahn bremste etwas quietschend ab und kam dann zum Stillstand. Die ältere Frau drückte hastig mit dem Finger auf den Öffnerknopf, riss hastig an der sich endlich öffnenden Tür, presste sich die linke Hand vor ihren Mund, zwischen ihren fest geschlossenen Fingern floss langsam eine Flüssigkeit hervor, tropfte auf ihre weiße und frisch gebügelte Bluse und in einem Wahnsinnstempo, das keiner ihr je in ihrem Alter zugetraut hätte, preschte sie auf den Bahnsteig und die Bahnsteigmitte, denn dort hatte die Bahnverwaltung ein langgezogenes Blumenbeet angelegt mit einigen jetzt blühenden Büschen, dort angekommen, gab es dann kein Halten mehr, es schoss wie eine Fontäne aus ihrem Mund, das herrliche Frühstück des Tages, alles fort, in einen blühenden Busch. Verkrampft, etwas verschämt, stand sie dort noch eine Weile und schnappte nach frischer Morgenluft. Als unser Zug erneut anfuhr, sah ich sie da noch stehen, überwältigt von einem weiteren Würgeanfall und noch einigen Resten mit viel Schleim aus ihrem Magen. Dan entschwand sie meinen sie interessiert beobachtenden Blicken auf nimmer wiedersehen.
„Du, ich merke auch so ein komisches Gefühl, da unten, in meiner Magengegend, braute sich da jetzt für mich etwas zusammen?“ fragte ich besorgt mein Ich.
„Keine Sorge, mein Junge, das ist die Tablette von der Ärztin die sich gerade mit deinen beiden Scheiben Marmeladenbrot und den beiden Tassen Milchkaffee vermischt. So eine Zusammensetzung hat dein Magen schon lange nicht mehr gehabt. Frühstück mit einer Tablette, daran muss sich dein Organismus erst mal wieder gewöhnen,“ belehrte mich mein Ich.
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