Kitabı oku: «Eine färöische Kindheit»

Yazı tipi:



Bilder und Zeichnungen von Amy Fuglø

Amy Fuglø

EINE FÄRÖISCHE KINDHEIT

Übersetzung aus dem Dänischen

Marina Hinz

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2016

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Umschlagentwurf: Tommy Fuglø

Illustrationen: Amy Fuglø

Die Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel Min færøske barndom im Eigenverlag/in Kommission beim Verlag Underskoven

Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei der Autorin / Übersetzerin

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Der tote Junge

Entstehung des Buches

Wunderliche Färöer

Irische Mönche – Wikinger – Pfarrer

Alzheimer

Die Entstehung des Buches

Vorfahren

Wurzeln I

Die ersten Wikinger

Wurzeln II

Eine Berufung – Steinmetz und Bauer

Wurzeln I und II lernen sich kennen

Die nördlichste Insel der Färöer – Viðoy

Die sieben Geschwister

Ein Abend im Frühsommer am großen Stein

Torf – Erlebnisse – Wärme

Schafe – Tod – Fleisch – Wolle

Reka seyð – die Schafe werden zusammengetrieben

Obst und Gemüse

Annas Kinder waren im rætt, dem Schafspferch

In der Küche zeigt sich der Tod in den Augen

Essen aus Schafsfleisch – Würste und Blutwürste

Der Fleischwolf

Konservierung – Pökeln – Wässern

Fleisch und Fisch werden zum Trocknen aufgehängt

Wolle wird verarbeitet

Strickzeug wird gewalkt und im Backofen getrocknet

Wolllappen als Währung

1920 – Mahlzeit vom gemeinsamen Teller

Spielen

Hühner, Enten, Eier – ein Spiel

Nachbarschaftsstreit wegen Eiern

Seiðaberg – Sportangeln

Zu Fuß nach Hvannasund

Spielzeug in Dorschköpfen

Der Schokoladenfrosch

Bunte Lappen – eine Ausstellung

Die Schule

Schikane – ein Schneeball ins Auge

Die neunte Geburt

„Schon wieder schwanger?“

Nach der neunten Geburt

Weinen

Die Zuckerdose

Abtreibung?

Der Stoff wird gebleicht, und ein Exhibitionist

Die essbaren Erträge des Landes

Der unentbehrliche Misthaufen

Kartoffeln werden gesetzt

Rhabarber – unser einziges Obst für Marmelade

Tabak

Ein Fass Äpfel

Kleidung und selbst gemachtes Schuhwerk

1920 – Schläge wurden zu Gelächter

Schuhwerk

Rotuskógvar – Hausschuhe aus Lammhaut

Erfrierungen

Schuhe aus Kuhhaut – húðarskógvar

Unterhosen aus Mehlsäcken

Streitereien im Dorf

Der Lehrer und der Gerichtsvollzieher

Aufpassen – über Gummiwaren und Selbstgenähtes

Huldufólk – Gespenster

Borghild und Engel

Krankheiten

Neue Verkündung

Esmars Erlebnisse

Tuberkulose 1915–1940

Ein Haus voller Tuberkulose

Das Tuberkulosesanatorium

Typhus – teures Lehrgeld

Meine Patentante Sáragumma

Die Spanische Grippe

Die Englische Krankheit

Zähne ziehen ohne Betäubung

Mittelohrentzündung wird mit Kuhmilch behandelt

Gesang

Die Kuh im Keller

Gesegnetes Wasser

Glasscherben im Fluss

Die Kuh, unsere liebe Freundin im Keller

Zum Stier. Die Kuh kalbt. Molkereiprodukte

Die Kuh ist trächtig, sie kalbt

Molkereiprodukte

Die Kuh wird geschlachtet

Die Kuh wird geschlachtet – noch einmal – Zustimmung

Der Goldring im Kellerfußboden

Hoyggja : Heuernte

Das Heu entzündet sich

Hausputz

Anleitung: selbst gemachter Dünger für Topfpflanzen

Gefahren des Meeres

Orkan – am Schiffsmast angebunden

Religion

Wieder eine neue Lehre

Anna konvertiert, und Jóanis wird als Erwachsener getauft

Der Ruhetag

Kaffee

Schwester reist nach Dänemark

Hanna und Borghild – zwei Schönheiten

Oma Birita liegt im Sterben

Grindwale

Grindaboð und Backwerk

Grindwalfang

Pädophilie

Geheimnisse

Umarmung und Streicheln

Noch eine unzüchtige Handlung

Unglück auf dem Meer

Anna genießt die Stille der Nacht

Uppi við Garð

Im Boot

Uppi við Garð

Zu Hause im Dorf

Die dunklen Stunden schleppen sich dahin

Es wird Morgen, zweiter Weihnachtstag

Der zweite Weihnachtstag 1925

Sehnsucht

Blindarmentzündung – und Läuse

Frühling 1928 – Tjaldur und Einkauf

Ostern und Schneesturm

Das erste Auto

Fröhliche Kühe und Melkerinnen

Melkerinnen – Neytakonur – Fara til neytar

Das „Monatliche“

Sigrid wird als Erwachsene getauft

Das Schicksal einer Familie

Karin und Karl von Roykstova

Das Heim der Neuvermählten

Die Kinder kommen

Vivians Erlebnis

Noch mehr Kinder

Erik als Erwachsener

Ein gesundes Gemüt

Vier gesunde Jungen

Verlust von vier Kindern

Nach Dänemark geschickt

Kinder

Die intelligenten Kinder des Dorfes und ein behindertes

Ein nichteheliches Kind

Verliebtheit

Vogelfang

Vogelparadies

Vogelfelsen – Rituberg, Dreizehenmöwenkolonie

Papageitaucher und Trottellummen

Vogelfang

Vogelfang am Seil

Mittsommernacht an der Steilkante

Flora

Federn, Daunen und Deckbetten

Daunenbettwäsche

Gefüllte Papageitaucher und Trottellummen

Zur See

Mit Ruder und Segel zur See

Jóanis und Söhne stechen in See

Das Schiff Sjey Systkin, Die Sieben Geschwister

Bevor es losgeht

Und nun zur See

Das Schiff wird bombardiert

Verlobung

Über Elenius – Sigrids Zukünftigen

Wurzeln III

Geschäft, Schuhmacher und Strickmaschine

Kielholen

Die linke Hand wird bestraft

Das Postboot und der Postbote

Gespenster – ein wahrer Bericht

Übernatürliches nächtliches Klagen

Der Bericht des Pfarrers

Gespenster – nach einem Schiffbruch

Die Wahrheit und ihre Konsequenzen

Ein Traum

Erstes Werben

Die Tochter des Adlers vom großen Stein und der Sohn der Henne Jule werden ein Paar

Kunststickerei an der Abendschule

Ein Vertrag

Schwester bekommt ein Kind

Eine neue Heimat

Die Reise nach Dänemark

Ankunft in Dänemark am 17. Mai 1937

Färöische Villen

Stubenmädchen in hellblauem Kleid und weißer gestärkter Schürze

Eine neue Heimat und der dänische Wald

Fahrradtouren

Verbotene Musik

Anstellung in der Villa von Reichen

Beim Weingroßhändler

Erinnerung an das Elternhaus

Der Krieg bricht aus

Eine kleine Wohnung

Eine heimliche Hochzeit

Glück ist eine Gabe

Glück hängt nicht von Dingen ab

Die Kinder der sieben Geschwister

Erläuterungen der Übersetzerin

Endnoten

DER TOTE JUNGE


Auf dem Friedhof von Viðareiði ruhen unsere Vorfahren

Die Mutter hielt ihren kleinen, kalten Säugling dicht an ihre warme, schwere Brust, die fast am Zerplatzen war von der Milch, die nicht gebraucht wurde. Die Brüste mussten geleert werden – so wie bei der Kuh im Keller, die zweimal am Tag gemolken wurde.

Sie küsste Stirn und Wangen des kleinen Jungen, ihre Augen waren durch Trauer und mangelndem Schlaf blutunterlaufen. Die Tränen liefen lautlos ihre blassen Wangen hinunter. Sie hatte die Haare mit dem schweren, bis zur Taille reichenden Zopf nicht gekämmt, vermochte es nicht.

Man konnte ihrem Körper nicht ansehen, dass sie ein Kind geboren hatte. Sie sah immer noch schwanger aus, obwohl sie vor über einer Woche einen lebendigen Jungen zur Welt gebracht hatte. Wie alt und müde sie sich fühlte – und doch war sie erst Mitte dreißig.

Sie trauerte über den Verlust des kleinen Neugeborenen. Auf der anderen Seite war es auch eine Erleichterung, nicht noch ein weiteres Kind aufzuziehen, das von allein gekommen war, ungeplant. Innerhalb von zehn Jahren hatte sie sieben Kinder zur Welt gebracht.

Sie erinnerte sich, als sie vor neun Jahren ihr zweitältestes Kind in den Sarg gelegt hatte, das nur vierzehn Tage alt geworden war. Jetzt wurden die Erinnerungen wieder aufgerissen durch die Trauer, durch den weiteren Tod eines neugeborenen Jungen.

Warum die Kinder starben, wusste niemand. Gott hatte sie zu sich gerufen. Sie brauchte Trost, versuchte sich selbst zu trösten: Es war Gottes Wille.

Der Arzt wohnte eine halbe Tagesreise mit dem Boot entfernt. Man musste ohne Arzt in dem kleinen Dorf zurechtkommen, das nach Süden und Norden in einem Tal zwischen zwei hohen Bergen lag, und nach Osten und Westen hin offen zum Atlantik.

Ihr Mann hatte einen kleinen Holzsarg auf den Hocker mitten in die Küche gestellt, direkt unter der angezündeten Petroleumlampe. Ein Mann im Ort machte Särge aus Brettern. Der Boden war mit Heu ausgelegt und einem weißen Tuch bedeckt.

Der Vater und die Kinder sahen zu, während die Mutter das kalte Kind behutsam in den Sarg legte. Sie kniete und streichelte ein letztes Mal sein seidenweiches Haar, fühlte mit den Fingerspitzen den weichen Flaum auf dem kalten Scheitel.

Die Augen des Jungen waren geschlossen. Es sah aus, als schliefe er friedlich.

„Ruhe in Frieden“, flüsterte sie schluchzend, „wir werden uns wiedersehen.“

Die Tränen tropften auf die weiße, selbst genähte Bluse des Jungen, die von den anderen Kindern abgetragen war – von Kind zu Kind weitervererbt.

Sie richtete das Tuch, sah zu, dass es glatt war und seufzte tief: „Oh Gott.“ Dann schwieg sie, das Hirn leer von Worten – sie konnte nicht mehr.

Der Vater griff nach der Bibel und öffnete sie. Auf Dänisch, mit starkem färöischen Akzent, las er langsam und unsicher, leicht stotternd: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde … und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“

Das Flackern der Petroleumlampe leuchtete in fünf Paar ernste Kinderaugen.

Er legte die Bibel auf den Küchentisch und faltete die Hände, die Kinder taten das gleiche. „Vater unser im Himmel …“

Alle in der Küche waren still außer dem vierjährigen Aksel, der schon immer ein Zappelphilipp war.

Der Vater sah liebevoll zu seiner Frau, er war ein Mann weniger Worte. Dann nagelte er den Deckel zu. Die Hammerschläge hallten durch das kleine Haus und ließen den Sarg erzittern.

„Willst du nicht Aksel mitnehmen, damit ich mich eine Weile ausruhen kann?“, fragte die Frau müde ihren Mann.

Der Vater hob den Sarg hoch und klemmte ihn sich unter den Arm.

„Komm, Aksel“, sagte er und nahm seinen quirligen Sohn an die freie Hand. Dann gingen sie.

Die Frau ging in die kleine Stube, die Wohnstube, wo sie ihre Kinder zur Welt brachte. Sie lehnte die Stirn gegen die kalte Fensterscheibe, von wo aus sie mit ihren verweinten Augen dem kleinen Leichenzug folgte, bis er hinter der Hausecke weiter unten am Weg verschwand. Das Bild setzte sich in ihrer Netzhaut fest. Ein Bild, das sie nie vergessen würde. Ihr Mann, mit dem quirligen, lebendigen Jungen an der einen Hand und einem Holzsarg mit dem toten Jungen unter dem anderen Arm. Dort stand sie, die Gedanken wirbelten durcheinander. Wie wahr doch der Glaube an eine bessere Welt, wo Kinder nicht geboren werden, um gleich sterben zu müssen.

Die Kinder gehörten dem Herrn, Gott sei Dank. Der Kleine war nicht getauft, denn bei den Baptisten wurde Erwachsenentaufe praktiziert, Taufe des Glaubens, Taufe der Bekehrung. Einst würde sie ihre beiden toten Söhne im Paradies wiedersehen.

Ihr Mann gehörte der Kirche an, ging jedoch nie hin. Er brauchte keinen persönlichen Glauben, Religion war nichts, worüber sie diskutierten. Sie respektierten ihre unterschiedlichen Einstellungen. Alle im Dorf waren Christen, wenngleich es zwei verschiedene Auslegungen gab, die zwischen Kirchenleuten und Baptisten in Feindseligkeiten ausarten konnten.

Glaube und Hoffnung waren doch für alle in dieser barschen Welt eine Lebensnotwendigkeit.

Mit schleppenden Schritten ging sie zur schmalen, steilen Dachbodentreppe, einer Kombination aus Treppe und Leiter. Jede Stufe knarrte unter ihrem schweren Gewicht. Sie ging in die kleine Dachkammer, zum Doppelbett mit der Strohmatratze. Die Bettdecke lag am Fußende wie ein Klumpen mit den Federn in einem Ende des Bezuges. Sie schüttelte und klopfte, bis sie groß, füllig und aufgelockert war, legte sich ins Bett und zog die Decke über sich.

Sie dachte an den Sensenmann, der vor kurzem das Dorf heimgesucht hatte. Eltern verloren ihre Kinder, und Kinder verloren ihre Eltern durch die Tuberkulose. Ihr Haus war Gott sei Dank von dieser gefährlichen Krankheit verschont geblieben.

Die Augenlider fielen von allein zu. Sie sah vor sich ihren Mann mit dem kleinen Kindersarg unter dem Arm auf dem Weg zum Friedhof – jetzt …

Sie spürte, wie die Schwere ihres Körpers allmählich nachgab. Die Geräusche ihrer plappernden Kinder unten verschwanden wie in Watte, und sie glitt in die barmherzige Umarmung des tiefen Schlafes.

Das kleine Gefolge, bestehend aus Vater und Sohn, brauchte 25 Minuten, um den steilen, unebenen, löchrigen Feldweg hinunter und über den Fluss zu gehen, bis sie die Kirche erreichten. Sie betraten den Friedhof, der 50 Meter über dem Meeresspiegel lag. Der Vater ließ die Hand seines Sohnes los, stellte den Sarg auf den Boden und streckte den Rücken. Sein Blick fiel auf die vielen neuen Gräber, der Tod war allen bekannt.

Der Totengräber hatte bereits das Loch gegraben. Der Vater nahm schweigend den Sarg mit seinem toten Sohn und senkte ihn ins Grab hinab. Er weinte nicht. Das Loch war nicht sehr tief, da es auf dem färöischen Friedhof keine dicke Erdschicht über dem Felsgrund gab. Er half dem Totengräber, den Sarg mit Erde zu bedecken.

Als sie fertig waren, richtete er sich auf, steckte den Spaten in den Boden, die Arme und schwieligen Hände ruhten auf dem Schaft. Das Gesicht war wettergegerbt, die Stoppeln seines Eintagebartes bedeckten Kinn und Wangen, der Schnurrbart verbarg beide Lippen wie eine borstige Bürste. Die Augen waren klar, wach und blau, er sah über das Meer hinaus nach Westen. Wolken zogen über den Himmel, sie verdeckten jetzt die Sonne, und es blies kalt vom Meer. Nieselregen begann und setzte sich wie eine Schicht dichter, winzig kleiner Perlen auf den gestrickten, gewalkten braunen Pullover. Er schob die Schirmmütze die Stirn hoch und trocknete sich mit der Hand Schweiß und Regen ab. Er hoffte, dass es kein Unwetter geben würde und das Meer nicht das kleine Grab überschwemmte. Einst, noch vor seiner Zeit, hatte es einen schrecklichen Orkan aus dem Westen gegeben. Die enorme Brandung war mit Hilfe des Sturmes über den Friedhof gespült, hatte Gräber geöffnet, und einige Gräber waren ins Meer geschwemmt worden.

In der Zwischenzeit war Aksel seiner Wege gegangen, er langweilte sich nie, fand immer etwas. Auf dem Boden lagen die schönsten bunten Seidenbänder, die man sich vorstellen konnte. Fröhlich machte er sich daran, die Seidenbänder von den anderen Gräbern einzusammeln, denn er wollte sie seiner kleinen Schwester Sigrid geben. Sie sollte hübsch sein und feine Schleifen im Haar tragen. Zu Hause hatte er nie solche schönen Seidenbänder gesehen. Es passte ihm gut, dass der Vater ihn losgelassen hatte, so dass er auf eigene Faust auf Entdeckungstour über den Friedhof gehen konnte. Was der Vater zu seinem Sohn sagte, als er diese eingesammelten Seidenbänder von den anderen Gräbern entdeckte, ist nicht überliefert. Aber die Familie erzählte davon lächelnd und mit liebevollem Klang in der Stimme. Die elfjährige große Schwester tröstete ihre Mutter: „Du brauchst nicht traurig zu sein, Mutter, wir sind ohnehin so viele Kinder.“

Die kleine Schwester Sigrid, für die die Seidenbänder gedacht waren, war meine Mutter im Alter von drei Jahren, die Mutter meine Großmutter, der Vater mein Großvater. Der tote Junge war mein namenloser Onkel mütterlicherseits, und Aksel war mein Onkel. Es war im Jahr des Herrn 1918. Mutter ist jetzt 93 Jahre alt und die letzte Überlebende der Personen in diesem wahren Bericht.

Danke, Mutter, dass du mir von deinem Leben erzählt hast, das so anders war als meins.

ENTSTEHUNG DES BUCHES


Wunderliche Färöer

Auf halbem Wege zwischen den Shetlandinseln und Island erheben sich steile, drohende Klippen aus der Brandung des Atlantiks.

Das sind die Färöer.

Die Färöer sind Reste einer Gebirgskette, die sich ursprünglich von Schottland bis nach Grönland erstreckte. Mächtige Naturkräfte versenkten das meiste dieser Gebirgskette ins Meer. Nur einige wenige Gipfel wurden zu Inselgruppen, die über dem Wasser überlebt haben. Große, aktive Vulkane bildeten die Inseln, und das, was nicht im Meer versank, steht nun als Basalt in abenteuerlichen Formationen. Die Landschaft zeugt davon, dass es sechs enorme Vulkanausbrüche gegeben hat. Deshalb bestehen die Färöer aus abwechselnden Schichten harten Basalts und weicheren Tuffs aus vulkanischer Asche. Diese färben die Gesteinsmassen dunkel und hell, grünlich und rötlich. Das menschliche Auge erkennt weitere Farbveränderungen im wechselnden Licht der Natur. Als die Erdkruste und die Vulkane zur Ruhe kamen, legte sich die Eiszeit mit festem Griff um die Inseln. Die Eismassen scheuerten, schliffen und zerrten auf ihrem Weg an den Inseln, so dass nur das stärkste Material überleben konnte und über der Meeresoberfläche blieb. Die Eiszeit hinterließ eine zerklüftete Inselgruppe mit Sunden, Fjorden, engen Passagen und durchlöcherten Vorgebirgen. Die Meeresströmung versuchte, das zu untergraben, was das Eis zurückließ.

Es ist möglich, dass es in der Entstehung der Inseln lange, ruhige Perioden mit reicher Vegetation und Wärme gegeben hat. Davon zeugen Kohlevorkommen auf Suðuroy. Einst gab es hier große Wälder im warmen Klima. Auf den Färöern fällt mehr als doppelt so viel Regen wie in Dänemark. Doch was das Meteorologische Institut nicht beschreiben kann, ist das wunderschöne, wechselnde Licht über den grünen Abhängen. Oder die einzigartige Sicht, wenn man von einem Bergrücken auf die anderen Inseln hinübersieht, die vor wenigen Minuten in wolligem, grauem Nebel verborgen waren. Felsformationen und Inseln tauchen plötzlich in flimmerndem sommerlichem Licht auf.

Es gibt nur wenige völlig wolkenlose Tage, doch es gibt sie. Im Sommer wird es nie wirklich drückend warm. Der Winter ist milder als in Dänemark. Längere Frostperioden sind selten, und der Schnee liegt in der Regel nur ein paar Tage auf den Bergen. Der Golfstrom schickt warmes Wasser die Inseln entlang und mildert die Luft für die geschorenen Schafe. Die Schafe müssen den ganzen Winter draußen klarkommen. Die Launen des Meeres und der Luft haben über Jahrhunderte die Inselbewohner beeinflusst. Sie konnten nie wissen, wann es möglich war, eine Verabredung einzuhalten oder wann man etwas erledigen konnte. Sie mussten erst Wind und Wetter sehen.

Tief verwurzelter Respekt für die Allmacht der Natur liegt im Charakter des Färingers.

Es kann äußerst schwierig sein, Antwort auf eine zeitliche Verabredung aus ihm herauszuholen. Ich weiß, dass „nicht“ und „vielleicht“ häufig verwendete Vokabeln sind. In der Finsternis und Mystik des Winters, dem Donnern des Meeres und des Orkans ist der Geist des Färingers gereift. Still empfängt er den kurzen, idyllischen und wunderschönen färöischen Sommer.

Die Färöer, die Schafsinseln, bestehen aus siebzehn bewohnten Inseln und Lítla Dímun. Die früheste Geschichte der Färöer sowie das Land und Klima machten den Färinger zu dem, was er heute ist.

Irische Mönche – Wikinger – Pfarrer

Die erste Besiedlung fand statt, als sich irische Mönche ungefähr im Jahre 625 niederließen und als Einsiedler lebten. Wenn ich das lese, wundere ich mich. Wie konnten sie für den Fortbestand der Sippe sorgen, wenn sie Einsiedler waren? Warum starben die Mönche nicht aus?

Verständlicher ist, dass die Färöer nach 850 von Norwegern, Wikingern, besiedelt wurden, die aus Norwegen fliehen mussten. Es waren Kleinkönige, Jarle und frei geborene Männer und Frauen, die Richtung Westen segelten, um sich ein Heim auf den unbewohnten Inseln zu schaffen. Nach und nach vermischte sich das Blut mit dänischen Genen. Dies war insbesondere den dänischen Beamten, und nicht zuletzt den Pfarrern zu verdanken, die dem alten Sprichwort huldigten: So viele Kinder, so viel Segen.

Nach der Reformation war es üblich, dass Pfarrer und Pröpste viele Kinder bekamen. Starb die Hausfrau, zum Beispiel im Wochenbett, heiratete der Pfarrer so schnell wie möglich wieder, da ihm eine Haushälterin fehlte, die sich um Haus und Kinder kümmerte. So kann man über Pfarrer lesen, die zwischen 16 und 23 Kinder hatten. Diese Kinder wurden Färinger, deren Nachkommen heute mehrere zehntausend zählen und von denen ich, Amy, abstamme.

Im Mittelalter sorgten die Pfarrer dafür, dass ihre Söhne Königsbauern, Pachtbauern der Krone, wurden und dass ihre Töchter Königsbauern heirateten.

In der Wikingerzeit standen die Färöer, Island, die Shetlandinseln und Norwegen in engem Kontakt zu einander, denn sie hatten alle die gleichen Wurzeln. Einzelne Kelten fanden den Weg zu den Inseln und ließen sich nieder. Allmählich verloren die Färöer fast ganz den Kontakt zum europäischen Kulturleben. Man liest davon, dass:

Die Färinger ein sehr inniges Gemeinschaftsleben führten.

Hilfsbereitschaft und Glaube Reichen und Armen gemein waren.

Die Inseln im 17. und 18. Jahrhundert von Seeräubern heimgesucht wurden.

Die bäuerliche Gemeinschaft stark vom Luthertum geprägt war.

Vielleicht weil die Pfarrer Dänen waren, war ihre Autorität groß, denn sie sprachen ja die gleiche Sprache wie der Herrgott.

Dänisch hatte Latein und Färöisch als religiöse Sprache abgelöst. Kein Färinger wagte es, sich dem Allmächtigen in der Alltagssprache zu nähern.

Doch bewahrte sich die Volksdichtung in der Muttersprache des Mittelalters.

Dies sollte später dazu beitragen, die färöische Sprache vor dem Untergang zu retten. Heute werden ständig neue Wörter gebildet, die sich von der Lokalsprache der Vorzeit und alten nordischen Sprachen ableiten.

1814 wurden die Färöer von der norwegischen Krone getrennt und zu einem dänischen Amt. Heute beträgt die Bevölkerungszahl circa 48.000, von denen ungefähr 17.000 in der Hauptstadt Tórshavn leben. Die Färöer sind teilweise autonom. Die Autonomie wurde 1948 eingeführt.

Die Nachkommen der Färinger leben heute auf der ganzen Welt verstreut.

Alzheimer


Im Januar 2006 wurde bei meiner neunzigjährigen Mutter Alzheimer festgestellt. Ihre zunehmende Vergesslichkeit war diagnostiziert. Obwohl sie vergesslich war, kam sie gut zurecht, war gesund und munter und fröhlich. Die Ärzte für Geriatrie versuchten es mit Medikamenten gegen Alzheimer, doch lag sie danach flach und übergab sich den ganzen Tag, ohne zu wissen, wo sie war. Die Medikamente könnten die Krankheit vielleicht ein halbes bis ganzes Jahr verzögern, sagten sie. Wir lehnten die Medikation mit Zustimmung des Arztes ab und lebten von nun an mit dem Naturell der Alzheimerkrankheit.

Die Alzheimerkrankheit brachte mich ins Rollen. Wie lange dauert Alzheimer? Kommt der Tag, an dem Mutter nicht mehr in der Lage ist, zu erzählen, nicht mehr in der Lage ist, zu reden?

Jetzt oder nie. Wir begannen im Januar 2006 mit der Niederschrift von Mutters vielen Geschichten, Bericht für Bericht. Mutter erinnerte sich, erzählte, erklärte, erinnerte sich an Namen. Wir haben oft zusammen laut gelacht. Mutter kommentierte und berichtigte, wenn etwas nicht stimmte. Mit Laptop bewaffnet, ging ich zu ihr oder machte mir Notizen auf kleinen Zetteln, die ich zu Hause sauber abschrieb. Mutter lebte seit 1999 in einer kleinen, gemütlichen Seniorenwohnung neben einem Pflegeheim in Faxe.

Am 22. November 2006 wäre die eiserne Hochzeit von Vater und Mutter gewesen. An diesem Tag bekam sie das erste, vorläufige Exemplar ihres Berichtes überreicht. Neunzig Seiten in einem DIN-A4-Hefter, mit alten Fotos illustriert. Als Mutter zu lesen begann, rief sie erstaunt aus: „Woher in aller Welt weißt du das alles? Das passt ja alles zusammen.“

Wir gingen das ganze Material noch einmal durch mit Hinblick auf eine Veröffentlichung.

Im August 2008 wurde Mutter 93 Jahre alt. Ihre große Leidenschaft waren tägliche lange Spaziergänge. Sie sagte fröhlich: „Ich finde noch nach Hause, aber ich bin immer länger nicht mehr bei mir.“ Mutter war einsichtig, sie war gesund und munter, konnte mit dem einen Auge sehen und mit beiden Ohren hören. Durch Glucosamin waren die Gichtschmerzen in Knie und Schulter verschwunden. Sie war eitel, so wie sie es ihr Leben lang gewesen ist, meine reizende Mutter.

Etwas über mich: Neben meinen Gesprächen mit Mutter und dem Schreiben des Buches über sie zeichne und male ich. Ich spiele Harmonika, sowohl allein als auch im Volksmusikorchester.

Die Entstehung des Buches

Es wurde eine enge, spannende und lohnende Zusammenarbeit mit dem gemeinsamen Ziel: Mutters Geschichte – Eine färöische Kindheit.

Mutter erzählte immer von ihrer Kindheit. Wie sollte ich ihre ehrlichen Berichte formulieren, ihre Geschichten und Erlebnisse wiedergeben, an die sie sich im Guten wie im Schlechten erinnerte? Einige Erzählungen habe ich umgeschrieben, einzelne Namen verändert, wo es mir angebracht erschien. Das wichtigste war der Bericht, Mutters Erlebnisse. Gleichzeitig nahm ich mir die künstlerische Freiheit als Verfasserin, meine Fantasie zu benutzen. Ich habe die Jahreszahlen der färöischen Geschichte Büchern und dem Internet entnommen und schaute in die Bücher über die Färöer, die Mutter in ihrem Bücherregal hatte.

Mutter erzählte, ich visualisierte und schrieb. Sie verbesserte und erklärte. Ich lauschte und schrieb um. Schließlich wurde es von ihr akzeptiert. Ihre alten Fotos aus dem Fotoalbum scannte ich und verwendete sie für dieses Buch. Auf den Färöern skizzierte und malte ich Bilder. Ich entschied mich dafür, das Buch mit Zeichnungen und einigen meiner Bilder zu illustrieren.

Als Kind war ich dreimal mit auf den Färöern. Ich erlebte diese wunderlichen Inseln, wo ich fühlte: „Hier habe ich Wurzeln, hier bin ich zu Hause.“ Gleichzeitig habe ich Wurzeln in Dänemark und liebe das Land, wo ich geboren und aufgewachsen bin.

Als Erwachsene lebte und arbeitete ich vierzehn Jahre lang auf den Färöern. Hier sind unsere beiden Söhne geboren, hier wuchsen sie auf. Sie sagen beide: „Die Färöer sind unser Vaterland.“

Erinnerungen: Ich vermisse das zitternde Licht und die fliegenden Schatten über den Bergen, die Farben, Düfte, Stimmungen, Menschen, Motive, Natur der Färöer.

VORFAHREN


Leutnant Hans Bohm, Nordjütland, verheiratet mit Anne Marie Majoner, geboren 1662, Tochter des Stadtrates in Viborg, Hans Jørgen Majoner, 1618–1696.

1701 bekamen sie die Tochter Johanna Marie Bohm.

Johanna Marie heiratete Jens Andreas Dam, Pfarrer auf den Färöern, 1724–1727.

1729 heiratete Johanna Maria, geborene Bohm, Didrik Jensen, Bauer bei Sjógv. Sie ließen sich in Kollafjørður nieder.

Ihr Sohn Sørin heiratete Lítla Anna, Tochter von Jákup við Gjónna und Elsebeth, Bauern in Miðgerði.

Sie bekamen die Tochter Súsanna Kristina, die Heini Joensen, Bauer in Skælingur, geboren ungefähr 1834, heiratete. Heinis Eltern hießen Jógvan Heinesen und Elisabeth Hansdatter.

Sie bekamen den Sohn Jógvan, der Bauer auf Skælingur wurde. Er heiratete Anna Johannesdatter. Sie bekamen sechs Kinder, von denen der Sohn Heini Bauer in Skælingur wurde. Jógvan und Anna sind Sigrids Urgroßeltern.

Heini heiratete Birita (Sigrids Großeltern).

Sie bekamen acht Kinder: Jógvan, Magnus, Petur, Hans Andreas, Rakul, Elspa, Anna und Sára.

Anna wurde Sigrids Mutter.

Sigrid und ihre Geschwister sind also die achte Generation nach Leutnant Hans Bohm aus Nordjütland.

Großer Dank geht an Birgir Johannesen, Jóanis’ und Annas Urgroßenkel, Birthe Viderøs (Schwester genannt) Enkel, der mir die Ahnenforschung geschickt hat. Ich habe sie kurz gefasst.

Wurzeln I

Es war einst im Februar 1879, als an einem eisigen, kalten, windigen Unwettertag ein kleines Mädchen das Licht der Welt erblickte.

Birita nahm ihre kleine Tochter in den Arm und dankte Gott dafür, dass die Geburt in dem kleinen Dorf Skælingur, auf der westlichen Seite von Streymoy, gut überstanden war. Das Dorf Skælingur bestand aus zwei Höfen, die durch ihre freie Lage Unwetter und Orkan schutzlos ausgeliefert waren. Es lag am Fuße des Berghanges, am Sund zwischen Streymoy und Vágar, der im Atlantik endete.

Hinter dem Dorf, nach Osten hin, erhob sich eine mächtige, pyramidenförmige, 768 Meter hohe Felsformation. Das war der Skælingur. Der Gipfel konnte nur von einer bestimmten Stelle aus mit guter Beinmuskulatur erreicht werden, nämlich von südlicher Seite. Vom flachen Plateau der Bergkuppe hatte man bei klarem Wetter eine wunderschöne Aussicht auf die meisten der achtzehn Inseln.

Biritas Tochter wurde Anna Katrina Sofie Frederikka Joensen getauft. Insgesamt brachte Birita acht lebensfähige Kinder zur Welt, vier Jungen und vier Mädchen. Die Familie ernährte sich von Schafzucht und den Ernteerträgen des Bodens, Kartoffeln. Es gab keinen Laden, keine Schule oder Kirche. Das nächste Dorf und die Kirche waren in Kvívík, das viele beschwerliche Kilometer entfernt lag. Es gab keinen Weg zum oder vom Dorf, nur einen kleinen Trampelpfad, der auch von den Schafen benutzt wurde. In die vielen Gebirgsbäche und Flussläufe hatten die Männer Steine zum Überqueren gelegt, damit man sie trockenen Fußes passieren konnte.

Im Winterhalbjahr und an regnerischen Tagen strömte das Wasser von den Bergen und bildete Wasserläufe, die in Jahrtausenden tiefe Furchen in die Abhänge gegraben hatten. Durch die schrägen Hänge verlief das Wasser eher horizontal und endete schließlich als rauschender Wasserfall in einer Schlucht und dem Meer. Regen und Quellwasser verliehen den Bergen ihre besonderen Formen.

Im Sommer konnten die Wasserläufe zu kleinen rieselnden Bächen schrumpfen, und einige trockneten völlig aus. Obwohl das Meer am Fuße des Skælingurs lag, gab es keinen Hafen. Kein Boot konnte an den senkrechten Klippen unter dem Dorf anlegen. Man kann sich nur darüber wundern, dass sich die Wikinger an diesem sturmumtosten Ort niederließen.

Die Kinder durften nicht allein über den Berg gehen, da sie in dem unwegsamen Terrain verunglücken konnten. Wenn Nebel aufzog, konnte man sich leicht verirren und in Lebensgefahr geraten. Stürmte es, durften die Kinder nicht draußen spielen, denn Windstöße und Orkane konnten leicht ein kleines Kind hochheben und mit sich über den Abgrund führen. Sie lebten und wuchsen in dem kleinen Dorf auf und spielten mit den Kindern des Nachbarhofes. Ihre Vorfahren gingen nicht in die Schule, doch nun sollten die Kinder lesen, schreiben und rechnen lernen.

Anna wuchs also auf einem der beiden Höfe auf. Sie spielte mit ihrer Schwester Sára, wenn es ihr die Mutter erlaubte, das heißt, wenn die häusliche Arbeit getan war. Alle Kinder arbeiteten von klein auf. Die Tiere mussten gehütet werden, die Hühner brauchten Körner, Eier mussten eingesammelt, Schafe geschoren, Wolle zu Kleidung, Strümpfen und Fäustlingen verarbeitet werden. Das Brot musste gebacken werden. Die ganze Familie arbeitete im Torf und Heu und baute Kartoffeln und Rhabarber an. Es musste geschlachtet, gesalzen und getrocknet werden. Es musste gewaschen, gemolken und Essen gekocht werden und so weiter.

Anna und Sára hatten längst das Schulalter erreicht, als der Vater Heini eines Tages sagte: „Jetzt, Mädels, kommt ihr in die Schule.“ Die Mädchen hüpften vor Freude, dachten daran, dass sie von zu Hause fort sollten, hinaus in die große, weite Welt.

„Wie ist es auf der anderen Seite des Berges?“, fragten sie, und der Vater erzählte.

Birita sorgte für anständigen Proviant, bestehend aus skerpikjøt, Trockenfisch, selbst gemachtem Sauerteigschwarzbrot und rullupylsur aus Schafsfleisch.

Der Tag war hell und trocken, die Sonne schien, und der Wind hatte sich gelegt. Der Vater ging voran. Es gab keinen Weg, keinen Pfad, doch oben auf dem Höhenzug standen in regelmäßigen Abständen Steinpyramiden, denen sie folgten. Steinpyramiden wurden in alten Zeiten von Männern errichtet. Es waren große Steine, die übereinander gelegt wurden, damit man auch im Nebel den Weg fand. Es war schwierig, steil, steinig und sumpfig nach dem Regenwetter der letzten Zeit. So weit wie möglich folgten sie den Pfaden, die die Schafe gelegt hatten. Solche Pfade wurden rás genannt.

Unnötige Reise, dachte der Vater, Schule ist Unsinn. Dadurch lernen die Kinder nicht besser zu arbeiten. Mädchen sollen heiraten. Sie sollen eine Familie gründen und für das Überleben der nächsten Generation sorgen. Dafür braucht man keinen Schulbesuch. Doch er ging trotzdem.

Ganz oben hielten sie an, jeder setzte sich auf einen Stein. Sie hatten den Pass erreicht.

Gegen Süden erhob sich der pyramidenförmige Skælingur und gegen Norden ein Berg, der Sátan hieß, was Heuhaufen bedeutet. Er war oben rund wie ein Heuhaufen, nicht kantig wie der Skælingur. Die Aussicht nach Osten und Westen war grandios mit Bergspitzen, Tälern, dem Meer und Inseln. Nachdem sie ihren Hunger und Durst gestillt hatten, gingen sie weiter. Jetzt ging es den Abhang hinunter, was sich in den Oberschenkeln bemerkbar machte.

Vater und Töchter erreichten nach mehreren Stunden das Dorf Kollafjørður, wo sie Verwandte hatten. Hier sollten Anna und Sára eine Weile wohnen, um in die Schule zu gehen. Sie lernten lesen und schreiben, und sie lernten die Zahlen. Insgesamt besuchten sie die Schule zwei Jahre lang, bevor sie konfirmiert wurden.

Als junge Mädchen wünschten sie sich, andere in ihrem Alter zu treffen. Sie träumten davon zu heiraten und ihre eigene Familie zu gründen. Die Eltern ließen die Mädchen ziehen. Anna und Sára reisten von zu Hause fort, hinaus ins Unbekannte. Sie kamen in das nördlichste Dorf mit der rauen, wunderschönen Natur und dem hohen, pyramidenförmigen Berg. Wie zu Hause, sagten sie, als sie den Berg sahen. Hier gehörten sie hin.

Jede bekam eine Stelle als Dienstmädchen bei einer Familie. Anna sollte beim Schmied arbeiten. Sie waren beide gut erzogen, fleißig und strebsam. Die Welt hatte sich für sie geöffnet.

Die ersten Wikinger

Einst vor vielen hundert Jahren …

Es war Sommer, Tag und Nacht war es hell und das Meer spiegelglatt. Ein warmer Tag mit blauem Himmel. Das Boot mit den Segeln umrundete die Landspitze. Die Männer mussten mit den Rudern helfen. Sie waren wettergegerbt und vollbärtig. Das rötliche Haar von der Sonne ausgeblichen, die helle Haut sommersprossig und von der Sonne auf dem Meer verbrannt. Sie waren um die felsigen Inseln gesegelt und zur nördlichsten Insel mit der kleinen Bucht Richtung Osten gekommen, wo man an Land gehen konnte. Wetter, Wind und Brandung hatten diese Bucht gebildet, bei der man bei gutem Wetter an Land gehen konnte. Die Bucht erzählte stumm von den enormen Kräften des Meeres.

Die Männer betraten das Land.

Von Osten nach Westen erstreckte sich ein drei Kilometer langes, flaches, niedriges Tal, das im Westen zum offenen Meer in einer felsigen Bucht endete. Dieses Tal war die schmalste Stelle der Insel. Zu beiden Seiten dieses grünen Tales erhoben sich 800 Meter hohe, wilde Berge nach Norden und Süden. Nichts ist grüner als das Sommergras auf den Färöern. Hier konnte man Schafe und Kühe halten, es gab jede Menge Gras, das Meer war voller Fisch, konnte man sich mehr wünschen?

Irgendwann ließ sich eine kleine Gruppe Menschen in diesem Teil nieder, auf dieser schroffen, einsamen Insel, Viðoy, mitten im Atlantik. Sie hielten Schafe, die sich hier wohl fühlten. Die Berge hatten über Jahrtausende Unmengen großer Steine und Felsbrocken über das Tal und die Abhänge verteilt, hagi genannt – die Außenmark, unkultiviertes Land. Die Männer verwendeten die Steine, um niedrige Häuser mit Grasdächern zu bauen. Die Häuser wurden eins mit den Felswänden, die sie vor Wind und Wetter schützten. Sie waren warm und trocken und hatten ein Loch im Dach, damit der Rauch von der Feuerstelle hinausziehen und frische Luft hineinkommen konnte. Eine Kirche wurde am westlichen Rand des Tales gebaut, der Kirchturm nach Westen gerichtet, wo die Sonne unterging.

Hier im Tal lebten sie, hier bekamen sie ihre Nachkommen, hier starben sie und wurden auf dem Friedhof begraben. Generation folgte auf Generation. Im Färöischen sagt man: Generation auf Generation sinkt in die Erde.

1584. Im Jahre 1584 gab es auf Viðoy drei Höfe. Zu der Zeit hießen alle drei Hofbesitzer Joensen mit Nachnamen. Man weiß nicht, ob sie alle Brüder waren oder einer Familie angehörten. Vielleicht waren sie nur zufälligerweise Söhne von Vätern mit dem Namen Joen oder Jógvan, die von der Reformation profitiert und einen größeren Anteil am Erbe erhalten hatten, wie es damals Brauch war.

1834. Der Königshof í Innistovu lag oben im nordwestlichen Ortsteil Uppi við Garð (Bei den Steinwällen).

Ich konnte den Namen Innistova bis ins Jahr 1834 zurückverfolgen. (Im Buch „Tey byggja land“ von J. Símun Hansen.)

Wurzeln II

1813 wurde Joen Jensen, Jógvan genannt, geboren (Sigrids Urgroßvater).

Er wurde Königsbauer.

Er heiratete die zwölf Jahre jüngere Malene Elisabeth Petersdatter.

1849 wurde ihre Tochter Sigga Malena Joensdatter geboren.

1851 wurde ihr erster Sohn, Jens Joensen, Janus genannt, geboren.

Janus war Erbe des Königshofes (Sigrids Großvater).

1852 wurde ihr Sohn Jacob Peter Joensen geboren.

1855 wurde ihre Tochter Birte Marie Joensdatter geboren.

1861 wurde ihr Sohn Daniel Johannes Joensen geboren.

1875 starb (Urgroßvater) Jógvan im Alter von 62 Jahren bei einem Unfall.

Er und Malene hatten fünf Kinder; Daniel war erst vierzehn Jahre alt. Der Sohn Janus wurde im Alter von 24 Erbe des Hofes.

1876: Erst 25 Jahre alt, bekam Janus den Königshof í Innistovu übertragen.

Janus’ Leben als Königsbauer begann.

Von nun an wurde er nur noch Janus í Innistovu genannt.

1877 heiratete Janus í Innistovu Birthe Margrethe, genannt Birita úti á Laðnum (Sigrids Urgroßeltern).

Im gleichen Jahr wurde ihr Sohn Jógvan geboren. Er würde den Hof erben. 1879 brachte Birita wieder einen hübschen Sohn zur Welt, der Johannes Absalon getauft wurde. Doch er starb mit zwei Jahren.

Am 6. Juli 1882 brachte Birita ihren dritten Sohn zur Welt, der nach seinem verstorbenen Bruder genannt wurde und den Namen Johannes Marius Absalon Fredrik Joensen bekam. Später Jóanis í Innistovu genannt (Sigrids Vater).

Das war der Name, unter dem Jóanis sein Leben lang bekannt war. Sogar jetzt noch, wenn die Familie erwähnt wird, benutzt man diesen Namen.

Janus’ und Biritas nächste Kinder hießen: Peter Jacob, geboren 1884, Johanna, geboren 1892, starb jung, Elisabeth Johanna Sophia, Betta genannt, geboren 1901.

Jóanis (Sigrids Vater) wuchs auf dem Hof í Innistovu auf. Er war ein aktiver, geschickter Junge. Von Natur aus zuverlässig, aber nicht sehr gesprächig. Er hatte angeborene Fähigkeiten als Wettermann und war praktisch veranlagt. Er war gedrungen, muskulös und sehr kräftig, obwohl er nicht sehr groß war. Auch war er attraktiv, ehrlich und sehr beliebt.

Der Vater Janus war hauptsächlich Königsbauer und Steinmetz. Früh lernten seine Söhne Jógvan und Jóanis das Steinmetzhandwerk von ihm und halfen mit.

Eine Berufung – Steinmetz und Bauer

Janus í Innistovu machte das Land urbar. Seinen Rufnamen bekam er nach dem Königshof. Im Kirchenbuch stand als Nachname Joensen.

Früh am Morgen konnte man den Königsbauern Janus auf dem Weg zu seiner Außenmark sehen, die nach Nordwesten hin dem Dorf am nächsten war. Ein kleiner, heiterer, gedrungener, breiter Mann mit enormen Kräften. Er trug einen kurzen Vollbart und seine färöische Mütze, aus Naturfarben und brauner Wolle gewebt, sah wie festgeklebt auf seinem Kopf aus.


In seinem großen fjós, Stall, standen sechs Kühe. Hin und wieder hielt er sich einen Stier.

In seiner Außenmark lebten viele Schafe und drei Widder. Die Widder gingen nie in die Nähe der Schafe, nur wenn sie zur Zucht gebraucht wurden. Außerdem besaß er Hühner, Enten, Katzen und einen Schäferhund, einen färöischen Hütehund.

Janus hatte früh sein Lebenswerk, sein Handwerk, gewählt. Er wollte unbedingt Bauer werden. Er wollte roden, pflanzen und sein großes Stück Land urbar machen.

Als Janus zu seinem Arbeitsplatz in der Außenmark gekommen war, setzte er sich auf die Kante des großen Felsens und machte mit der Arbeit vom Vortag weiter. Das Loch im Felsen war bald tief genug. Er nahm seinen Hammer und Meißel, sein Steinmetzwerkzeug. Daraufhin folgte Dynamit. Der Meißel war flach und an einem Ende scharf. Die stumpfen Meißel brachte er zum Schmied, der sie klopfte und schliff. Um keine Zeit zu vergeuden, hatte er immer mehrere Meißel. Alles geschah per Handarbeit. Die Steinsplitter flogen aus dem Loch. Es war eine Geduldsarbeit. Der Meißel verschwand immer tiefer im Loch.

„So, das muss es jetzt reichen“, sagte Janus.

Seine ältesten Söhne, Jógvan und Jóanis, waren hinzugekommen. Sie schnitten große Stücken Grassoden aus, um sie als Grasmatten auf das Felsstück zu legen.

Janus erhob sich. Endlich sollte der spannendste Teil der Arbeit beginnen.

„Jetzt muss das Pulver in das Loch“, verkündete er zufrieden.

Erst legte er das Ende eines langen Taustücks in das Loch, die Lunte. Das in Benzin getränkte Seil wurde am Boden vom Sprengloch weg gerollt. Er nahm den Sack mit Dynamit und schüttete das dunkelgraue, grobkörnige Granulat hinein. Vater und Söhne halfen einander. Sorgfältig bedeckten sie den Stein mit mehreren Schichten Grassoden, um Steine und Splitter unter Kontrolle zu halten. Die Sprengung konnte beginnen.

Die Söhne entfernten sich, bevor sie ihren Vater Feuer an das Ende der Lunte zünden sahen. Alle drei liefen so weit wie möglich weg. Der Felsen wurde in große und kleine Stücke gesprengt, die sich über die Außenmark verteilten.

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen passierten dennoch Unfälle. Als Janus eines Tages mit den Steinen arbeitete, traf ihn ein Splitter ins Auge und raubte ihm auf diesem für immer die Sicht. Das Auge wurde weiß. Doch er kam damit zurecht und beklagte sich nie über sein blindes Auge.

Janus war weit bekannt für seine enorme Energie und seine ungeheuren Kräfte. Dagegen kam er mit Hausarbeit überhaupt nicht zurecht. Er konnte keine Tasse abwaschen oder einen Topf umrühren, das war Frauenarbeit. Aber man kann ja nicht in allem gut sein, oder?

Das Schicksal wollte, dass Janus’ fleißige, unentbehrliche Frau Birita krank wurde und starb, nachdem sie ihm drei Söhne und eine Tochter geschenkt hatte. Er wurde Witwer. Er trauerte, und keine Frau konnte seitdem Biritas Platz in seinem Herzen auszufüllen. Er heiratete nie wieder. Deshalb hatte er immer eine oder zwei Haushaltshilfen, denn es gab im Haus eines Hofes so viel zu tun. Es musste gemolken, gekocht, Hausarbeit verrichtet, Wäsche gewaschen, mit Schafen, Lämmern und Wolle gearbeitet, gestrickt werden und so weiter. Sein Haus war groß.

Sein ganzes Leben lang räumte er Steine aus der Außenmark fort. Er ging systematisch vor. Zufrieden sah er, wie sich seine bøur, Innenmark, Stück für Stück, Jahr für Jahr, vergrößerte.

Wenn die Steine in Stücke gesprengt waren, mussten sie eingesammelt werden. Janus und seine Familie bauten kilometerlang Steinwälle, solide, ordentlich und haltbar. Sie waren breit, bestanden aus vielen Steinen und die größten waren zuunterst. Die Höhe betrug zwischen 1,20 und 2 Meter. Man konnte nicht über die höchste hinüberschauen. In den Steinwällen waren Öffnungen, so dass man von Einfriedung zu Einfriedung gehen konnte.

Wurzeln I und II lernen sich kennen

Eines Tages bat Janus seinen Sohn Jóanis zum Schmied zu gehen, um ein paar Meißel schleifen zu lassen. Jóanis wartete, während der Schmied seine Arbeit machte. Der Schmied erhitzte das Eisen in der Esse, bis es glühte. Dann klopfte er die Spitze flach und scharf, wobei Funken in alle Richtungen flogen.

Jóanis wurde auf eine Tasse Tee in die Küche gebeten. Ja, danke, das wollte er gerne. Man war jederzeit gastfreundlich im Dorf. Ein Mädchen namens Anna, das er vorher noch nie gesehen hatte, schenkte ihm Tee ein. Er sah auf ihre Hände. Von nun an half Jóanis immer gerne, alle Meißel seines Vaters scharf zu halten. Er wartete und wurde in die Küche des Schmiedes zu einer Tasse Tee eingeladen. Anna war fest angestellt beim Schmied. Sie wurde Anna á Skælingi genannt. Jóanis’ Herz pochte. Ihre Gefühle zueinander stiegen wie der Dampf aus der Tasse Tee. Anna bemerkte das schüchterne Schimmern in Jóanis’ Augen und errötete. Als sich ihre Blicke über den Teetassen trafen, schaute er verlegen in die andere Richtung. Er war drei Jahre jünger als sie. Sie verliebten sich und wurden ein Paar, was von Janus gebilligt wurde. Anna kam von einem Hof auf einer ganz anderen Insel weit weg. Der Zufall wollte, dass ihre Mutter den gleichen Namen wie Jóanis’ Mutter trug: Birita.

Die jungen Leute hatten auch den gleichen Nachnamen, Joensen, obwohl sie nicht miteinander verwandt waren. Und sie waren beide am Fuße eines pyramidenförmigen, hohen Berges aufgewachsen.

Jóanis’ Vater, Königsbauer Janus, beschloss, ihm ein Grundstück zu schenken, damit er ein Haus für sich, Anna und ihre zukünftige Familie bauen konnte. 1906 war das Haus fertig, und sie heirateten. Im Jahr darauf, 1907, wurde ihre erste Tochter, Birthe Margrethe, geboren. Innerhalb der nächsten sechzehn Jahre brachte Anna neun Kinder zur Welt, von denen sieben lebensfähig waren. Eins dieser Kinder war Sigrid.

Anna á Skælingi und Jóanis í Innistovu wurden Sigrids Eltern.

Das zu unseren Wurzeln. Mit großem Interesse las ich die Jahreszahlen im Buch „Tey byggja land“ von J. Símun Hansen. Ich bin ihm sehr dankbar für seine umfangreiche Arbeit, die es ermöglichte, die Zeiten der Vorfahren zu bestimmen.

Die nördlichste Insel der Färöer – Viðoy

Der Name Viðoy bedeutet Holzinsel und verdankt ihr dem Treibholz, das in Viðvík, Holzbucht, an Land getrieben wird. Viðvík ist eine große Bucht südlich der Ostbucht. Das Gebiet umfasst 41 Quadratkilometer und es gibt elf Berge sowie zwei Dörfer: Viðareiði und Hvannasund. Die Berge auf der Insel sind schwer zugänglich. Der Villingadalsfjall ist 841 Meter, der Enniberg 755 Meter und der Malinsfjall 750 Meter hoch. Es gibt keine Pfade, und es wird nur erfahrenen Bergsteigern empfohlen, sich außerhalb der öffentlichen Wege zu bewegen.

Von Viðareiði kann man bis zur Nordspitze der Insel, dem Enniberg, dem höchsten senkrechten Kliff Europas und vielleicht sogar der ganzen Welt, wandern.

Ende des 17. Jahrhundert zerstörte ein heftiges Unwetter die Kirche von Viðareiði und spülte Teile des Friedhofes samt Gräbern ins Meer. In einem gewaltigen Wintersturm im Jahre 1847 sank die Brigg Marwood vor Viðoy. Die Dorfbewohner retteten die Besatzung, und als Dank schenkte ihnen der britische Staat feines Silber, das man in der Kirche ansehen kann.

Hier befinden sich die Kirche und der Pfarrhof, wo die Hauptperson in Jørgen-Frantz Jacobsens Roman „Barbara“, die Pfarrersfrau Beinta, wohnte.

DIE SIEBEN GESCHWISTER


Ein Abend im Frühsommer am großen Stein

Die Sonnenstrahlen färbten die Berge rotorange. Es war fast eine Stunde vor Mitternacht. Draußen am großen Stein versammelten sich die Jugendlichen. Henry hatte eine kleine diatonische Harmonika, einen kleinen flotten Einreiher, bekommen. Einer seiner älteren Kameraden besaß auch eine. Sie spielten vom Licht des Sonnenuntergangs hinter dem Villingadalsfjall. Die spröden, melodischen Töne inspirierten die Jugendlichen zu Versen und färöischen Liedern. Es herrschte Leben rund um den großen Stein. Es hieß, dass der Stein Zauber enthielte. Ein Mann kam schwankend den Pfad hoch. Er sang fröhlich und schwang lustig eine Flasche. Er kniete sich neben den großen Stein, und während die Jugendlichen zusahen, legte er die Hand auf den Stein und forderte: „Öffne dich, öffne dich.“ Die Worte waren auf Dänisch mit starkem färöischem Akzent. „Denn huldufólk, Trolle, müssen auf Dänisch angesprochen werden“, sagte er. Nichts geschah und die Jugendlichen sangen und spielten weiter.


Skizze des Hauses, das Jóanis baute. Das Elternhaus der sieben Geschwister.

Auf dem Gipfel des Malinsfjalls lagen immer noch Schneewehen, und die letzten Strahlen der Abendsonne ließen den Schnee leuchtend rotorange gegen den dunklen, roten Hintergrund des Berges scheinen. Ein roter Widerschein der untergehenden Sonne.

Der Villingadalsfjall stand im Schatten wie eine dunkle scharfe Silhouette gegen den helleren Himmel.

Vogelgezwitscher erklang die ganze helle Nacht. Der Regenbrachvogel, der Goldregenpfeifer und die Bekassine (spógvi, lógv, mýrisnípa) waren einige der charakteristischsten Vögel.

Der Wind hatte sich gelegt, man spürte nicht die eiskalte Luft. Es biss ein wenig in der Nase, und der Atem wurde zu weißem Dampf. Die Erwachsenen genossen die Abendstimmung und die Farben, sie besuchten sich gegenseitig, es wurde Tee und Selbstgebackenes serviert. Man plauderte und erzählte sich Geschichten.

Die Kinder wollten nicht ins Bett und niemand zwang sie. Das Leben war einfach nur schön.

Dies war der echte, färöische Sommer. Das Dorf lag im Schatten, die Sonne ging nordnordwestlich im Atlantik unter, um in wenigen Stunden wieder nordnordöstlich am Horizont aufzusteigen, nördlich von Fugloy. Der Himmel blieb hell und sternenlos. Es war die Zeit der hellen Nächte. Die Jahreszeit ohne Petroleumlampen.

Dieser wunderschöne Sommer, wo die Natur Schönheit und Frieden atmete.

Torf – Erlebnisse – Wärme

Sigrid erwachte.

Hahnenschrei und ihre innere Uhr weckten sie um fünf. Es war völlig hell. Die Sonne schien durch den Gardinenschlitz. Sie drehte sich vorsichtig im Bett um, um ihre große Schwester, Schwester genannt, nicht zu wecken, die mit tiefen Atemzügen schlief. Deshalb lag sie ganz still und lauschte den Geräuschen, die durch die dünnen Holzwände des Hauses drangen.

Die Hähne im Dorf krähten und antworten einander. Es hieß, dass sich die Hühner mit einem Hahn im Hühnerhof am wohlsten fühlten und mehr Eier legten. Sigrid war morgens immer gut aufgelegt, im Gegensatz zu Schwester, der es schwerfiel aufzuwachen. Sie war die Erste, die zu Bett ging, da sie abends müde war. Zu den sanften Klängen der Harmonika war sie in den Schlaf gefallen. Sie schlief in der Kammer, die zum Pfad und dem großen Stein hin lag. Sigrid liebte die Harmonika, das einzige Musikinstrument der Dorfbewohner.

Sie erinnerte sich an die Abmachung, am Morgen mit zum Torfstechen zu gehen und freute sich darauf, obwohl sie erst fünf Jahre alt war. Am 10. August wurde sie sechs.

Der flötende Morgengesang der Vögel war das schönste, das sie kannte. Die Aneinanderreihung schwirrender Töne des Brachvogels, die abwärtsgehenden tiefen Töne der Bekassine. Das klip-klip des tjaldur, des Austernfischers, erweckte Frühlings- und Sommergefühle im Herzen.

Die Dachbodentreppe knarrte. Es war Vater, der früh zum Bootshaus wollte, das in der Ostbucht lag. Er wollte das Boot teeren und es für den nächsten Fischfang bereitmachen. Das Netz musste ausgebessert und die Leinen repariert werden. Sie hörte ihn im Keller poltern, er suchte etwas, das er mitnehmen wollte. Sigrid stand auf und zog sich an.

Bevor sie die Haustür öffnete, um in den Keller zu gehen, hörte sie die pfeifenden Stare, die emsig am alten Nistkasten, der am Schuppen hing, zugange waren.

Sie ging hinaus und um das Haus herum. Dort glaubte sie, eine kleine Maus zwischen den Steinwällen huschen zu sehen. Doch es war keine, sondern der kleinste Vogel des Dorfes, graubraun mit Stupsschwanz: músabróður, der Zaunkönig. Er ließ seine eindringliche Stimme, ein kräftiges charakteristisches Trillern, erklingen. Sein kugelrundes Nest hatte er tief in den Steinen versteckt, so dass man nicht herankam. Ein anderer kleiner, gräulicher Vogel wohnte ebenfalls in den Steinmauern, gewöhnlich in einem Meter Höhe. Er bewegte sich ruckend und stieß kleine Warnrufe aus. Es war der steinstólpa, der Steinschmätzer, dessen Nest mit Jungen man eher finden konnte.

Weiter unten am Pfad sah Sigrid einen hübschen kleinen Vogel, weiß und grau, mit schwarzer Zeichnung und langem, wippendem Schwanz. Das war die Bachstelze, die im Färöischen den vornehmen, königlichen Namen Erla Kongsdóttir trägt.

Sigrid liebte Vögel, sie atmete die morgendliche Luft ein und ging in den Keller. Erst musste sie auf das nátthúskassi, das Plumpsklo, hinter dem Schornstein im Keller.

Sie grüßte Vater. Er sammelte Eier ein, denn Mutter sollte für jeden eins kochen, um es mit auf den Ausflug ins Tal zu nehmen.

Die Hühner waren bereits hinausgegangen, sie liefen frei herum und grasten. Durch das Gras bekam das Eigelb eine hübsche dunkelgelbe Farbe. Sie gab den Hühnern Körner und goss frisches Wasser in die Schale.

Sigrid mochte keine Eier und würde ihres einem der Brüder geben. Sie erinnerte sich, wie sie welche essen musste, bis sie sich schließlich übergab. Seitdem konnte sie keine gekochten Eier ausstehen, ein Gefühl, das sie nie loswurde.

Alle im Dorf genossen den Sommer, während sie gleichzeitig hart arbeiten mussten, um zu überleben. Es war Anfang Juni. Die vier ältesten Kinder hatten Schulferien bekommen, um beim Torfstechen zu helfen. Das Haus erwachte zum Leben, die Kinder zogen sich an, plauderten und lachten, freuten sich über die Schulferien. Sie genossen das freie und gemütliche Familienleben, wenn sie im Torf arbeiteten. Anna kümmerte sich um Proviant für den Trupp. Er bestand aus tjógv, getrocknetem Lammschenkel, einem Laib selbst gebackenem Schwarzbrot, Eiern, Margarine, Salz und zwei Trockenfischen. Anna hatte am Vortag einen Kardamomkuchen gebacken, damit es am Nachmittag etwas Leckeres gab.

Als Letzte stand die vierzehnjährige Schwester auf, die morgens immer so müde war.

Sie ging nie gerne in den Keller, um zu machen. Aus Gewohnheit machte sie ihren Stuhlgang im Nachttopf, der in der Kammer auf dem Bett stand. Ein kurzes, sehr dickes Stück. Es sah immer gleich aus.

„Sigrid, komm her und leer den Nachttopf aus.“ Sigrid gehorchte.

Ness schaute in den Topf und lachte schallend. „Jetzt wird geleert, jetzt wird die Tonne geleert.“

Anna hatte Borghild, die im August zwei wurde, die Windeln gewechselt und sie hübsch angezogen. Ihre Schwester Sára sollte heute auf Borghild aufpassen. Um zehn Uhr waren alle bereit. Henry, der älteste der Jungen, trug Borghild in seinem leypur1auf dem Rücken.

Unterwegs kamen sie an Sáras Haus vorbei, wo sie Borghild abgaben. Alle Kinder freuten sich, Tante Sára oder Sáragumma, wie sie sie nannten, zu sehen. Sára war immer so lustig, fröhlich und heiter, viel lustiger als Mutter. Stolz wie eine Henne mit ihren Küken, kam Anna mit ihrer Kinderschar aus Uppi við Garð, das in der nordwestlichsten Ecke lag, und lief die drei Kilometer quer durch das ganze Dorf, um zum Torftal Richtung Südosten zu gelangen. Sie hatte viele Kinder und hielt den Rücken gerade, wohl wissend, dass Augen hinter den Gardinen und Pelargonienblumentöpfen ihr und den Kindern folgten. Die Jungen trugen das Essen in kleineren leypar auf dem Rücken. Sie liefen fröhlich vorneweg. Ness war ernst und Aksel wuchs nie aus dem Spielalter heraus.

Sie machten einen rund sieben Kilometer langen Spaziergang. Sigrid hielt Mutter an der Hand. Beide gingen nicht so schnell wie die Jungen, da Mutter immer schwerfällig und langsam lief. Sie kamen an vielen Schafen mit Lämmern vorbei, die Sigrid zählte. Schwester redete wie eine Erwachsene mit Mutter, sie redeten über ihren Kopf hinweg. Sigrid lauschte mit offenen Ohren, still und wissbegierig, sie hatte ein angeborenes gutes Erinnerungsvermögen. Im Tal angekommen, hatten die Jungen, Henry, Ness und Aksel, bereits das Schafsfleisch und Brot hervorgeholt, denn sie hatten immer einen Bärenhunger. Das Essen gab ihnen die Energie, die sie für einen Tag wie diesen brauchten.

Im Tal, hinter dem Malinsfjall, besaß Jóanis ein großes Stück Land, das er von seinem Vater, dem Bauern Janus, bekommen hatte. Es war ihr eigener Torfboden. Unter den Grassoden gab es erstklassige, feine Torferde. Der Torf musste immer im Frühjahr – Mai, Juni – gestochen werden. Es war so schwer, dass nur die Männer genug Kraft zum Torfstechen hatten. Sie waren vor einigen Tagen hier gewesen und hatten die Torfstücke in große Stapel gelegt, damit etwas von der Feuchtigkeit herausziehen konnte. Henry durfte dieses Jahr bei den Männern sein. Er war mit zwölf Jahren alt genug zum Torfstechen, und er fühlte sich erwachsen.

Erst wurde die oberste Grasschicht mit einem speziellen Spaten abgeschält. Danach wurde die nächste Schicht, die Torfschicht, vorsichtig mit dem Spaten in viereckige Torfstücke geteilt. Das Torfmoos war feucht und weich. Heute war es also die Aufgabe von Jóanis’ Familie, den Torf zum Trocknen auf den Rasen zu legen. Der Torf wurde dorthin gebracht und in gerade, ordentliche Reihen gelegt.

Schwester war hinter ihren Geschwistern her, ständig ermahnend.

„Seid vorsichtig und passt auf, dass der Torf nicht zerbricht.“

Sie sah ihre Geschwister streng an.

Ness schaute auf ihre gerunzelte Stirn und neckte: „Hygg nú illsinnabitin, hann hongur so síður í dag.“ Übersetzt etwa: „Seht die Zornesfalte (die Falte zwischen den Augen), heute sitzt sie sehr tief.“

Dann runzelte Schwester die Stirn noch mehr und versuchte, ihn zu fassen zu bekommen, doch lief er gewandt davon und erblickte ein laut krächzendes Tjaldurpärchen. Tjaldur ist ein Austernfischer, der Nationalvogel der Färöer, weshalb ich ihn in der Regel so bezeichne: Tjaldur.

„Kommt her, sie haben bestimmt Junge!“, rief er, und die Kinder beschlossen, nebeneinander in einer Reihe zu gehen, um das Nest mit den Eiern oder Jungen zu finden. Die erwachsenen Vögel schimpften. An einer Stelle lagen Kieselsteine zwischen Grasbüscheln. Dort waren drei frisch geschlüpfte, gräuliche Junge, die direkt auf den Kieselsteinen in einer kleinen Vertiefung, die das Nest bildete, lagen. Die Tarnung war hervorragend, sie ähnelten den Kieseln, hatten die gleiche gefleckte Farbe. Die Kinder freuten sich über die niedlichen flauschigen Vogelkinder, von denen zwei ganz trocken waren. Es war eine Art Hobby, Nester mit Eiern oder Jungen zu finden. Bald würden die Kleinen überall im Gras herumlaufen, während die Elternvögel sie verteidigten, auf sie aufpassten und fütterten.

Alle sechs arbeiteten mehrere Stunden lang angestrengt. Anna richtete ihren steifen Rücken und schweren Körper auf. „Kinder, es ist Zeit fürs Mittagessen!“

Die Sonne schien vom blauen Himmel herab, einer der wenigen, fast wolkenlosen Tage des Jahres. Die leichte Brise aus dem Westen erreichte nicht das Tal im Osten, hier war es warm und still. Die Sonne hatte die Steine erwärmt, alle setzten sich auf einen warmen Stein.

Anna seufzte, sie war immer müde.

„Mama, ruhen Sie sich nachher ein wenig aus.“ Schwester kümmerte sich fürsorglich um ihre Mutter. Sie wusste, dass diese immer voller Schwung war und bemerkte ihre Müdigkeit. Alle blickten liebevoll zu ihrer Mutter.

„Ja“, erwiderte Anna, „eine kleine Pause wäre schön.“

Nach der Mahlzeit legte sie sich auf einen großen, warmen, flachen Stein auf die Seite. Sie zog den Pullover aus und legte ihn sich unter den Kopf. Die Kinder wollten hart arbeiten und sie damit überraschen, wie viel sie schafften, während sie schlief. Sie liebten ihre Mutter.

Lang lebe die Neugier. Die Kinder gingen im Torfgebiet auf Entdeckungstour, dort, wo die Männer gegraben hatten. Hier gab es deutliche Spuren von Bäumen. Sie gruben und zogen, bekamen einen großen Ast oder eine Wurzel zu fassen. Wo kam das her? Auf den Färöern gab es keine Bäume, keine Äste, keine Baumwurzeln. Wie konnte ein Baum hierher gelangen, hoch oben auf dem mit Gras spärlich bewachsenen Berghang, ins Tal? Warum konnte Torf brennen, Erde aber nicht? Torf besteht aus gepressten Pflanzenresten.

Die Kinder hatten noch nie einen Baum gesehen. Der Pflanzenbewuchs reichte ihnen nicht über die Knöchel. War der Berghang einst von großen Wäldern bedeckt gewesen? Sie wunderten sich, ohne zu philosophieren, sie akzeptierten ganz einfach, dass es so war, es gab so viel Unerklärliches.

Am ersten Tag bestand die Arbeit darin, alle Torfstücke auf dem Gras auszubreiten, ohne dass sie sich berührten – wie ein dichter Teppich. Der Wind sollte durchziehen können. Sie erhielten ihre flache, gerade Form, da sie auf flachem Untergrund trockneten.

Anna spürte die Wärme vom Stein, es war herrlich, Freude durchströmte sie. Sie dachte an die Arbeit im Torf und an die Kinder.

Beim nächsten Mal musste der Torf auf der Seite liegen, von einem Torfstück gestützt. Ein paar Tage später, also beim dritten Mal, musste er gewendet und auf die andere Seite gelegt werden. Mehrere Torfstücke dienten als Stütze mit viel Luft dazwischen. Die feuchte Seite musste immer nach außen und nach oben gekehrt sein. Beim vierten Mal wurde der ganze Torf gewendet und in größeren Gruppen auf die Seite gelegt, wieder mit Luftdurchzug. Jedes Mal bildeten die Torfstücke eine gerade, gleichmäßige Reihe, ein kunstvolles, symmetrisches Muster, genau wie die feinen Muster der gestrickten färöischen Pullover. Der Torf im Tal veränderte von Mal zu Mal sein Muster.

Die Vögel sangen, die Sonne wärmte, Anna schlief, und die Kinder schufteten.

Schwester ruhte sich eine Weile aus, setzte sich und schaute auf ihre schlafende Mutter und arbeitenden Geschwister. Sie blickte über den Atlantik, der die Unendlichkeit des Himmels widerspiegelte, und deshalb einen Ton dunkelblauer als die Luft war. Sie mochte Blau und den Frieden der Natur. Ihre Augen richteten sich zum Bergkamm, der das Tal umgab. Sie glitten vom Malinsfjall, der sich hier nach Westnordwest wendete. Sie folgten dem Grat Richtung Westen und Süden, bis er südöstlich vor ihr ins Meer abfiel. Das letzte Stück war vor ihren Blicken verborgen, da sie im Tal saß und die Klippen an der Küste nicht sehen konnte. Nach Südwesten war der Kamm flach. Dahinter konnte man in das nächste Tal gehen. Weit hinten am Ende der Silhouette erweckte ein dunkler Stein ihr Interesse. Nein, das war kein Stein, denn er bewegte sich und war viel größer als ein Schaf. Was war das? Plötzlich war sie von Angst erfüllt.

„Henry! Henry! Was ist dort drüben?“, rief sie und zeigte entsetzt dorthin. Alle hörten auf zu arbeiten.

„Das ist tarvurin, der Stier“, sagten Ness und Aksel gleichzeitig, grinsend. Sie wussten, dass Schwester sehr große Angst vor Stieren hatte. Ihr Blut gefror zu Eis und sie schrie: „Mama! Mama! Sehen Sie! Der Stier!“

Anna sprang mit gewaltigem Herzklopfen auf, sie hatte gerade so schön geträumt.

„Oh, Jesus! Oh Jesus!“, rief sie laut. Man rief immer zu Jesus und Gott, wenn man Angst hatte, das machten alle. Sie fror und schwitzte zugleich. Was sollten sie tun?

Der Stier war das gefährlichste Tier der Welt. Sie hatte gehört, wie Stiere Menschen aufgespießt hatten. Und sie war allein hier mit fünf ihrer Kinder.

Sigrid bekam auch plötzlich Herzklopfen. Sie spürte Mutters Angst, eine Angst, die sich in ihr fortpflanzte, die Wurzeln schlug, die Angst der Vorfahren.

Anna war im Dorf mit den beiden Höfen aufgewachsen. Dort hatte sie als Kind gehört, dass einer ihrer Vorfahren von einem wütenden Stier aufgespießt und übel zugerichtet worden war. Ihre Mutter hatte ihr eingeschärft, sich von Stieren weit fernzuhalten. Und seitdem war ihre Angst vor Stieren ihr treuester Begleiter.

„Oh Jesus! Oh Jesus! Hilf uns!“, rief sie wieder und dann floh sie, lief in die entgegengesetzte Richtung des Stieres. Sie merkte, dass ihr Körper außerstande war zu rennen, es wurde nur ein schneller anstrengender Gang. Sigrid lief zusammen mit ihrer Mutter, zog sie an der Hand, um ihr zu helfen, schneller zu gehen. Henry eilte zu seiner Mutter.

„Mama, Sie brauchen keine Angst zu haben!“, rief er und nahm ihre Hand, um sie zu beruhigen. „Falls der Stier näher kommt, jage ich ihn weg, Mama.“ Henry nahm einen Stein vom Rasen auf, wie um zu zeigen, dass er stark war und den Stier fortjagen konnte. Anna wusste, dass sie nicht rennen konnte, denn sie war dick und lief schlecht und hatte deshalb auch besonders Angst. Sie konnte ihre Kinder nicht verteidigen, die Kinder mussten sie verteidigen. Hier draußen im kahlen, steinigen Tal gab es keine Stelle, wo man sich verstecken konnte. Vielleicht könnte man um den großen Felsen herum zur Wiese laufen, dachte sie.

Die Königsbauern im Dorf hielten sich abwechselnd einen Stier. Die Kühe mussten notwendigerweise begattet werden und einmal im Jahr kalben, um Milch zu liefern.

Der Stier lief in der Außenmark frei herum, weit weg vom Dorf. Er war durch seine Größe leicht zu erkennen, und weil er einen großen Ring in der Nase und einen Büschel unter dem Bauch hatte. In der Regel blieb er für sich, fern von den Menschen.

Die Torfarbeiter setzten sich, jeder für sich, auf einen Stein mit dem Gesicht zum Stier gewandt, der weit weg war, jedoch nicht so weit, als dass sie sein gewaltiges Brüllen nicht hören und sehen konnten, wie er die Hörner in das Gras stieß. Mit den Hörnern riss er Grasbüschel aus und warf sie hoch in die Luft und um sich. Er sah sehr, sehr gefährlich aus. Ob er auch so gefährlich war wie er aussah? Der Anfall war vorüber und sie sahen, dass er sich wieder beruhigt hatte. Er beugte den Kopf hinunter und begann zu grasen. Er ignorierte die verschreckte Familie völlig und ging langsam am Berg entlang, tief hinein ins Tal. Das Tal war groß, und der Stier kam diesmal nicht zu ihnen hinüber. Sie beschlossen, dass Mutter ein Auge auf das Tier hielt, während die Kinder ihre Arbeit zu Ende brachten.

„Jetzt gibt es erst einmal ein Stück Kuchen.“

Anna packte den Rührkuchen aus und die Kinder versammelten sich um sie. „Mmh, wie das nach Kardamom riecht!“, riefen sie.

Mit dem Dolch für das skerpikjøt schnitt sie ein paar dicke Kuchenstücke ab. Alle waren jetzt ruhiger. Der Stier graste friedlich in der Ferne. Wenn die Kinder durstig waren, gingen sie zur Quelle, die aus dem Berg kam. Der Quelle mit dem klarsten, reinsten, eiskalten Wasser.

Plötzlich hörten sie einen lauten Pfiff. Jóanis erschien und kam mit raschen Schritten auf sie zu. Er war mit seinem Tageswerk fertig. Das Boot war geteert, und das Fischernetz und die Haken in Ordnung gebracht. Er roch nach Teer, den man schwer von den Händen bekam. Teer setzte sich in den Hautfältchen fest, und Flecken auf der Kleidung ließen sich nicht vermeiden.

„Gibt es etwas zu essen?“, fragte er.

„Natürlich!“, lautete die Antwort.

Die Reste vom getrockneten Lammschenkel kamen hervor, ebenso Dolch, Brot und Margarine, und die noch hungrig waren, aßen. Auch für Vater gab es ein Stück Kuchen.

Wie man doch Appetit und rote Wangen von der frischen Luft bekam. Selbst Anna hatte ein wenig Farbe in ihrem sonst kreideweißen Gesicht bekommen. Mit Jóanis in der Nähe fühlte sie sich sicher, er würde schon mit dem Stier fertig werden, wenn es sein musste. Es ist gut, dass Jóanis gekommen ist und uns nach Hause begleitet, dachte sie. Sie begnügte sich mit diesem Gedanken, denn so etwas sagte man nicht laut. Man drückte seine Gefühle nicht aus.

Es wurde Abend. Der Weg nach Hause war anstrengender als der Hinweg. Alle waren müde nach der schweren Arbeit des Tages und der frischen Luft. Die Jungs liefen nicht vorneweg, und außerdem ging es den Hügel hoch nach Uppi við Garð. Auf dem Heimweg holten sie Borghild ab. Jóanis trug sie auf den Schultern. Sie quietschte vor Wonne, als er mit ihr zu rennen begann. Nach einer warmen Tasse Tee und einem dicken Stück Schwarzbrot gingen alle zu Bett. Selbst Schwester ging zeitig ins Bett und schlief ein. Anna dankte Gott in ihrem Abendgebet, dass Jesus sie beschützt und dafür gesorgt hatte, dass der Stier sie nicht mit den Hörnern getötet hatte. Jesus hatte ihren Angstruf gehört.

Im Spätsommer wurde der Torf in große luftdurchlässige Stapel gelegt, damit der Wind durchziehen konnte. Der getrocknete Torf war hart und schwarz und färbte nicht an den Fingern ab. Er hatte Form und Größe von Mauersteinen mit ungleichmäßiger Struktur. Die Familie war unzählige Male draußen im Tal, denn es hing von Wetter und Wind ab. Dann musste der getrocknete Torf eingesammelt und sicher untergebracht werden. Erst wurde ein krógv, ein Steinfundament, gebaut. Der Torf wurde im krógv aufgeschichtet und zuletzt mit dicken Grassoden bedeckt. Regen drang nicht durch die Grassoden, der Torf blieb trocken. Dieses Steinfundament wurde Jahr für Jahr benutzt, und als kein Torf mehr übrig war, wurde es für die Schafe als Unterstand verwendet. Es war harte Arbeit, den Torf nach Hause, nach Uppi við Garð zu bringen. Jóanis folgte der Mode und baute einen modernen Handwagen mit zwei großen Rädern. Es bedurfte dreier Personen, um diesen Handwagen, voll mit Torf, zu bewegen.


„Man muss es sich so vorstellen: Zwei Kinder gingen vorneweg, jedes mit einem Seil über der Schulter den Wagen ziehend. Hinten am Wagen waren zwei Handgriffe. Hier ging ein Kind und lenkte den Wagen und passte auf, dass er nicht umkippte. Schwester bestimmte, dass sie lenkte und wir anderen ziehen sollten, was am schwersten war. In der Außenmark gab es keinen Weg, wir mussten über Grasbüschel, Steine, Löcher und Unebeheiten gehen. Näher am Dorf gab es einen holprigen Pfad. Man musste aufpassen, dass die Ladung auf dem zweirädrigen Handwagen nicht umkippte.

Zu Hause wurde der Torf in den hjallur, den Schuppen, oder in eine Kellerecke gelegt und ordentlich gestapelt. Wenn man sich die Mühe machte, konnte man viel Torf unterbringen. Ostwärts, in der Ostbucht, hatte Vater einen weiteren Schuppen gebaut. Wir brachten den Rest des Torfs so weit wie möglich vom Tal in den östlichen Schuppen, bevor der Schnee kam. So konnten wir an schönen Wintertagen den Rest holen und ihn mit dem Handwagen die drei Kilometer bis nach Hause und den Hügel hoch bringen. Viele Familien hatten sich einen Handwagen angeschafft, der Platz für viel Torf bot, da es die Arbeit erheblich erleichterte. Als mein Großvater Janus jung war, gab es keine Handwagen. Damals trug man den ganzen Torf in einem leypur auf dem Rücken. Am leypur war ein starkes Seil befestigt, das mit einem alten Strumpf umwickelt wurde, damit es nicht in die Stirn schnitt. Der leypur wurde mit der Stirn als Stütze und dem Gewicht auf dem Rücken getragen. Man trug sowohl mit dem Rücken als auch mit der Stirn.

Wir begannen im Alter von sechs, sieben Jahren im Torf zu arbeiten. Wenn wir beim Torfstechen und der Heuernte waren, blieben die Schularbeiten liegen, wir durften keine Zeit damit vergeuden. Wir mussten arbeiten. Das war in den 1920er Jahren. Kinder sollten tatsächlich arbeiten.

Kinderarbeit? Heute ist man gegen Kinderarbeit. Ob Kinder wohl in anderen Ländern immer noch arbeiten müssen, damit die Familie überleben kann? Und wir sind dagegen?

Wenn das Wetter gut war, sollten wir den Lehrer bitten, uns freizugeben, damit wir zum Torfstechen und zur Heuernte gehen konnten. Torf war unser einziger Brennstoff. Wir verwendeten ihn für den Herd, der die Küche und das ganze Haus wärmte. Die gute Stube, die Oststube, wurde nie benutzt. Die Tür war immer verschlossen, damit sie nicht die Wärme im Haus verbrauchte und eingestaubt wurde. Nur wenn der Pfarrer zu Besuch kam, wurde die gute Stube benutzt, und dann heizten wir den Kachelofen im Zimmer mit Torf.

Der Torf aus dem Tal verschaffte uns Wärme, warmes Wasser, warmes Essen, selbst gebackenes Brot und so weiter, und zwar das ganze Jahr über. Wir mussten bereits im Frühling abschätzen, wie viel Torf gestochen werden sollte, also wie viel wir für die zwölf Monate im Jahr brauchen würden. Ohne Torf keine Wärme, kein warmes Essen und kein Brot.“

Schafe – Tod – Fleisch – Wolle


Frühjahr: Die Schafe bekamen Lämmer, die Widder hatten ihre Mannespflicht erfüllt. Die Natur war erwacht, es war Frühling, das Gras wuchs. Die Bauern achteten sorgfältig darauf, wann sie den Widdern erlaubten, sich mit den Schafen zu vergnügen, denn die Lämmer sollten im Frühjahr geboren werden, wenn der schlimmste Schnee vorbei war. Die Schafe brachten verschiedenfarbige Lämmer zur Welt, die fröhlich miteinander spielten, um im nächsten Augenblick zur eigenen Mutter zu stürzen, sich fest an die Zitzen zu saugen und die warme Milch zu schlabbern. Der Hirte, der Bauer, kannte seine Schafe, jedes einzelne, und hielt ein wachsames Auge auf sie. Die Bauern wussten, welche Lämmer zu welchem Schaf gehörten. Die Schafe hatten Muttergefühle, liebten ihre Kleinen und säugten sie. In seltenen Fällen wurde ein Lamm verstoßen, manchmal fehlte auch Milch.

Zwillingsgeburten waren selten und Drillinge wurden fast nie geboren. Jóanis ging zum Schafspferch, wo bereits die Kinder aus den verschiedenen Häusern aus Uppi við Garð waren. Alle Schafe und Lämmer grasten gemeinsam. Die Pforten in den Steinwällen waren geschlossen. Die Menschen arbeiteten zusammen. Die Kinder lernten von klein auf, ihr eigenes Lamm von denen der anderen zu unterscheiden. Ein Lamm, das sich nicht entwickelte, wurde mit nach Hause genommen und vor dem Hungertod bewahrt. Es wurde ein heimalamb, ein Hauslamm.

Sigrid, die Borghild an der Hand hielt, sagte: „Sieh, Vater, das kleine braune Lamm, es kann nicht aufstehen.“

„Ja, das ist richtig“, sagte Jóanis, „wir müssen es mit nach Hause nehmen, die Mutter hat nicht genug Milch.“ Er hatte mehrmals nach dem Lamm gesehen.

Es hatte die gleiche braune Farbe wie seine Mutter. Er ging zu ihm hin und nahm es auf den Arm, es war klein und viel zu leicht, ein kleiner Widder.

Die Kinder jubelten und liebten bereits den kleinen braunen Kerl, den sie adoptierten. Anna bereitete eine Nuckelflasche mit frisch gemolkener, verdünnter Kuhmilch zu.

„Merkt euch: zu Beginn darf das Lamm nur kleine Portionen bekommen, damit es keine Bauchschmerzen bekommt.“ Das Lamm schlürfte innerhalb weniger Sekunden die Milch aus.

Schwester sagte, dass es Bruno heißen und im Schuppen schlafen sollte. Alle Geschwister wetteiferten darum, ihm die Flasche zu geben, die er zehnmal am Tag brauchte.

Sigrid erwachte früh, stand auf und bereitete für Bruno die Milch in der Nuckelflasche zu. Er blökte vor Freude, und sein kleiner, brauner Schwanz wedelte hin und her und drehte sich wie ein Propeller. Er war ganz zahm.

Später am Tag nahmen die Jungen Bruno mit und banden ihn in der Nähe des Hauses an, wo er grasen konnte. Aksel war eifrig dabei, denn er sollte ihm die Nuckelflasche dort geben, wo er angebunden war. Hinterher spielten sie in der bøur, der Innenmark, dem kultivierten Land. Auf einmal musste Aksel groß. Er setzte sich hinter der Steinmauer in die Hocke und verrichtete sein Geschäft, so wie er es schon oft zuvor getan hatte. Er spürte, dass sich etwas im Po bewegte.

Plötzlich hörte Anna Aksels entsetzte Stimme durch das offene Küchenfenster. „Mama, Mama, garnarnir, die Därme, kommen aus mir raus!“

Mit der Hose unten bis zu den Knien kam er gekrümmt und humpelnd in die Küche.

„Mama, Hilfe, Mama, Hilfe!“

Sigrid und die anderen Anwesenden sahen, dass Aksel recht hatte. Ein langer, dünner Darm hing aus seinem Hintern heraus, wie eklig.

Anna untersuchte die Angelegenheit, es war ein ausgewachsener Bandwurm. Sie ging zum Herd und nahm die Feuerzange, die an einem Haken hing. Damit lockte sie sehr vorsichtig den Bandwurm aus dem Enddarm des Jungen. Sie musste äußerst vorsichtig sein, um den Kopf des Wurmes herauszubekommen, damit er nicht in Aksels Därmen weiterlebte. Der Bandwurm wurde in ein Wasserglas gelegt, so dass sie ihn sich ansehen konnten. Sie sahen etwas auf dem Glasboden, dass einem winzig kleinen Ei ähnelte, und glaubten, dass es ein Bandwurmei war. Gut, dass er es nicht in Aksels Darm ablegen konnte.

Die schrägen Berghänge, líir, grünten, und die Schafe und Lämmer wurden von der Innen- in die Außenmark getrieben, wo sie frei herumliefen.

Man konnte sich darüber wundern, dass sie nicht von den steilen Abhängen herunterfielen. Auf der nördlichsten Insel konnte es geschehen, dass es April, Mai, Anfang Juni schneite, und dann wurde Heu zu den Tieren gebracht.

Einige seltene Male verirrten sich die Schafe auf dem glatten Eis. Der steile Berghang und die schmalen Schafspfade, rás, konnten plötzlich so vereisen, dass es unmöglich war, Fuß zu fassen. Dann rutschten die Schafe den Berg herunter, und was danach geschah, hing davon ab, wo sie landeten. Sie konnten Glück haben und auf eine Grasböschung fallen und überleben. Die Bauern hielten ein Auge auf alle Schafe, kannten die Persönlichkeit und Gewohnheit eines jeden Tieres.

Wenn eins oder mehrere Schafe heruntergefallen waren, wo man nicht an sie herankam, wurden zwei Männer an den Klippen heruntergeseilt. Die Tiere liefen verstört herum. Die Männer fingen sie ein, banden ihre Beine zusammen, und ließen sie am Seil hochziehen und in Sicherheit bringen. Zum Schluss wurden sie selbst hochgeseilt und die Schafe in einen anderen Teil der Außenmark getrieben, damit es sich nicht wiederholte.

In der Außenmark war genug frisches Gras für Schafe und Lämmer, von dem sie leben konnten. Hier lebten die Schafe seit Jahrhunderten. An den Berghängen wurden niedrige Schutzställe aus Stein und mit Grasdach gebaut. Diese Ställe verschmolzen auf natürliche Weise mit dem Gras. Bei schlechtem Wetter suchten die Tiere diese Ställe von selbst auf.

Im Sommer liefen sie alle außerhalb der Einfriedung frei umher. Das Gras in der Innenmark sollte in Ruhe wachsen, um später als Heu gemäht zu werden. Im Winter waren die Schafe in der Nähe des Dorfes und man sah sie oft zwischen den Häusern herumlaufen.

Das Land war per Gesetz an die verschiedenen Bauern und Schafzüchter verteilt. Jóanis hatte Land von seinem Vater bekommen. Er besaß gemeinsam mit den anderen Kleinbauern einen hagapartur. Er war Fischer, aber auch Teilzeitbauer mit einer Kuh und sechs Schafen.

Zum Sommer hin war Bruno groß und stark geworden, näherte sich der Pubertät. Er stieß gerne mit den Hörnern, lief direkt auf die Kinder zu und wollte mit ihnen spielen, doch sie hatten jetzt Angst vor ihm, und das mit gutem Grund. Er wurde mit den anderen Schafen und Lämmern in die Außenmark gebracht. Hier lebte er ein freies Leben bis zu dem Tag, an dem er geschlachtet werden sollte. Alle Widderlämmer wurden geschlachtet, und Bruno sollte nicht zur Zucht eingesetzt werden.

Reka seyð – die Schafe werden zusammengetrieben

Hochsommer, Juli, die Lämmer waren groß. Jetzt sollten sie markiert werden, damit die Bauern wussten, welches ihre Schafe waren. Männer und Jünglinge aus dem Dorf gingen geschlossen in die Außenmark. Sie mussten alle Schafe und Lämmer in den Bergen finden. Unter lautem Rufen und mit Hilfe ausgebildeter, bellender färöischer Hütehunde wurden die Schafe die Berghänge hinuntergetrieben, hinein in den rætt. Ein rætt ist ein Schafspferch, umgeben von einer hohen Steinmauer mit einem Eingang.

Man hörte deutlich, wo sich die Schafe in den Bergen befanden und wie die Geräusche nach unten drangen. Es war ein Blöken, Hundegebell und die lauten Rufe der Männer. Kein Schaf entkam, selbst wenn es versuchte zu fliehen. Am rætt trafen Schafe und Männer auf lärmende Kinder und Frauen des Dorfes, die gekommen waren, um dem Geschehen beizuwohnen. Es wurde laut geschwatzt, man zeigte, wies und diskutierte, welches Schaf wem gehörte. Es herrschte eine besondere Stimmung, es brodelte vor Aktivität. Zwei Männer halfen sich jeweils, viele Männer waren gleichzeitig zu Gange. Schaf für Schaf, Lamm für Lamm, wurde sortiert, die vier Beine zusammengebunden, damit sie nicht treten oder weglaufen konnten. Die Lämmer wurden mit einer oder mehreren speziellen Kerben im Ohr markiert, eingeschnitten mit einem frisch geschliffenen, scharfen Messer, damit man sie wiedererkannte. Es blutete. Die erwachsenen Schafe wurden geschoren, die Wolle mit einem scharfen Messer an der Wurzel abgeschnitten, was leicht ging. Während des Fellwechsels saß die Wolle lose. Einige Schafe sahen sehr zerzaust aus, da sie bereits große Wollbüschel in der Außenmark verloren hatten, und den Rest wie eine lose Schleppe hinter sich her schleiften. Man half sich gegenseitig, und jeder nahm die Wolle seiner eigenen Schafe mit nach Hause. Jetzt wurde auch beschlossen, welche Schafe und Lämmer später in diesem Jahr geschlachtet werden sollten. Einige Schafe hatten ausgedient, hatten ihre Pflicht getan, sie hatten viele Lämmer zur Welt gebracht. Erwachsene, gesunde Lämmer würden ihren Platz einnehmen und die guten Gene der Familie weiterführen. Die Jungwidder sollten geschlachtet werden. Sie waren besonders lecker als skerpikjøt, da sie größere Muskeln als Schafe hatten. Am selben Tag wurden alle Schafe und Lämmer wieder hinaus in die Außenmark getrieben. Die zum Tode Verdammten durften den Spätsommer in Ruhe und Frieden erleben.

Man konnte hin und wieder in der Außenmark auf erwachsene Schafe mit einem Beutel unter dem Hintern stoßen. Der Beutel war ein Stück Sackleinen, der fest in die Wolle genäht war. Das war Verhütung, die gegen unerwünschte Schwangerschaft schützen sollte. Es konnte geschehen, dass das Schaf ohne Wissen des Bauern bereits schwanger geworden war. Einige seltene Male wurde ein Lamm in dieses Leinenstück hineingeboren, und ihm musste umgehend geholfen werden. Doch in der Regel entdeckte es der Bauer, bevor es so weit kam.

Obst und Gemüse

Auf dem Weg vom Schafspferch nach Hause pflückten die Kinder Stängel des wild wachsenden Doldenblütlers, hvonn, Engelwurz, der zu dieser Jahreszeit längs der Dorfpfade wuchs.

Die holzigen Fasern wurden mit den Fingern von den Stängeln geschält. Es war merkwürdig, etwas Grünzeug essen zu können. Alter Engelwurz war bitter. Anna brachte ihren Kindern bei, sich sofort die Finger und um den Mund herum zu waschen, denn Engelwurz konnte die Haut reizen und unangenehmen Ausschlag verursachen. Auf den Wiesen wuchs Heidekraut mit krákuber, Schwarzen Krähenbeeren, die klein, sauer und leicht bitter, aber essbar waren. Die Kinder pflückten und aßen sie aus Spaß. Sie bekamen schwarze Lippen, Zähne und Zungen. Man verwendete keine Schwarzen Krähenbeeren zum Kochen. Es gab keine anderen Beeren auf der Insel.

Annas Kinder waren im rætt, dem Schafspferch

Nach dem Abendessen saßen die Mädchen auf dem großen Stein und sortierten Wolle. Gras und Schmutz wurden entfernt und die Farben sortiert. Sigrid sah, dass Borghild sich die ganze Zeit den Finger ins Ohr steckte. Es juckte, denn es war etwas darin, das sie nicht herausbekam.

„Mama, Mama!“, rief Borghild und lief zur Mutter in die Küche. Sigrid lief hinterher. Auf dem Küchenfußboden wurde auch Wolle sortiert.

„Mamma, ich habe was im Ohr. Es juckt.“

Obwohl es Abend war, war es draußen heller. Anna bat Borghild mit hinaus ins Licht zu kommen, damit sie besser sehen konnte.

„Ja, du hast eine Schafslaus im Ohr, die sich festgesaugt hat“, sagte sie.

Anna holte eine Nadel aus dem Nähkasten und steckt sie in das Ohr. Die Beine der Laus begannen sich zu bewegen, doch es dauerte lange, bevor sie losließ und in heilem Zustand entfernt werden konnte, denn sie war groß. Es gab oft viele Schafsläuse in der geschorenen Wolle, doch ohne Schafe starben die Läuse. Im Kampf ums Überleben konnte die Laus auf einen Menschen überspringen, wenn es nichts Besseres in Reichweite gab. Im menschlichen Ohr war es dunkel und warm, und die Laus tat alles, um zu überleben. Schafsläuse konnten nicht auf Menschen leben und sich vermehren.

In der Küche zeigt sich der Tod in den Augen

Die Kinder kamen leise herein, setzten sich dicht zusammen an die Küchenwand. Anna saß neben der Speisekammertür auf einem Schemel. Es herrschte andächtige Stille. Niemand sagte etwas, die Augen waren zur offenen Haustür gerichtet. Ernste Gesichter. Einige saßen mit gefalteten Händen. Jetzt konnte man die Männer an der Tür hören. Sie kamen in den Flur, das große, braune Widderlamm führten sie an einer Schnur. Es ging von allein in die Küche, zu den Kindern hin. Jóanis und der Nachbar banden die vier Beine des Tieres zusammen, das sich still verhielt. Sie hoben es auf eine Bank, es leistete Widerstand, gab aber auf und fügte sich seinem Schicksal. Der Nachbar kraulte das Lamm hinter den Ohren und am Hals. In der anderen Hand hielt er einen blitzenden, sehr scharfen Dolch. Wenn es eins von Jóanis eigenen Lämmern war, wollte er gerne, dass der Nachbar den Stich machte. Der Nachbar fand die richtige Stelle am Hals und ließ die Messerspitze dorthin gleiten. Das Lamm blickte die Kinder an, und die Kinder sahen den Tod in den Augen. Dann stach er präzise zu. Das Lamm machte einen Ruck und stieß ein kurzes Blöken aus. Die Kinder sahen, wie das Leben in seinem Blick erlosch, die Seele hatte es verlassen. Es war auf der Stelle tot, ohne Schmerzen. Es ertönte ein tiefes Seufzen aus der Gruppe, alle hatten gespannt und mit angehaltenem Atem dagesessen. Dies geschah mehrmals im Jahr, sie waren es gewohnt. Doch das braune Widderlamm war nun etwas Besonderes.

Plötzlich herrschte rege Betriebsamkeit. Anna stellte eine große Schüssel auf den Boden und die Männer hielten den Kadaver so, dass das Blut in die Schüssel fließen konnte, während sie es die ganze Zeit mit einer Art Quirl umrührte. Es war notwendig zu rühren, damit das Blut nicht gerann und klumpte, denn es sollte für Blutwurst verwendet werden. Danach legten die Männer das Schaf auf eine Plane auf dem Boden. Sie lösten die Seile und schnitten vorsichtig das Bauchfell in der Mitte auf, ohne dass es blutete. Dann daumelten sie das Fell vom Körper, das heißt, sie lösten es mit dem Daumen, ohne dass es kaputt ging, denn es sollte verwendet werden. Schlachten und Daumeln war Männerarbeit, denn dazu brauchte man Kraft. Das Fell wurde vom Körper entfernt, dann der Bauch aufgeschlitzt und die warmen Eingeweide mit bloßen Händen herausgeholt. Auch sie sollten verwendet werden. Alles vom Schaf wurde verwertet.

Essen aus Schafsfleisch – Würste und Blutwürste

Der Magen wurde seines Inhalts entleert, gewaschen und gründlich gespült. Er wurde in mehrere Stücke geschnitten, die zu Beuteln vernäht wurden. Der Blutwurstteig ähnelte dickem Pfannkuchenteig.

Rezept: Blut, mit etwas Wasser verdünnt, Mehl, Schafstalg, Backpulver und mit Zucker und etwas Salz abgeschmeckt. Der Teig wurde in die Magensäcke gefüllt, das Loch mit Baumwollgarn zusammengenäht und die Wurst in einem Topf mit reichlich leicht gesalzenem Wasser gekocht.

Wenn die Blutwürste kochten, quollen sie auf. Anna stach mit einer Nadel hinein, es machte piff und die Luft entwich. Sie wurden punktiert, damit sie nicht rissen. Anna kochte auch kunstvolle Blutwürste, weiße Blutwürste, ohne Blut. Die machte sie besonders in den späteren Jahren, als sie kein Blut essen wollte. Die Därme wurden für Fleischwürste gesäubert. Man nahm ein gutes Stück Fleisch, zerkleinerte es zusammen mit Talg im Fleischwolf, schmeckte es mit Salz und Pfeffer ab und fügte etwas Mehl hinzu, damit der Teig zusammenhielt. Die Därme wurden mit Gehacktem gefüllt, an den Enden zusammengebunden und gepökelt.

Die beiden flachen Vorderseiten des Schafes wurden zu zwei rullupylsur verarbeitet.

Man legte eine gehackte Zwiebel darüber, bestreute sie mit Salz und Pfeffer, rollte sie fest zusammen, nähte die Seiten zusammen und umwickelte sie mit Baumwollgarn. Rullupylsur wurden roh eingepökelt. Es gab für alle Mitglieder des Hauses reichlich Arbeit.

Der Fleischwolf

Die Familie in Uppi við Garð besaß einen Fleischwolf mit Schwenkarm, der ständig in Gebrauch war. Er wurde dafür benutzt, um Fisch für knettir und Fischfrikadellen sowie Lammfleisch für Fleischwürste und Frikadellen zu zerkleinern.

Bei der Nachbarin hjá Dala gab es keinen Fleischwolf. Dala kam und bettelte Anna an, die Hälfte des Fleischwolfes bezahlen zu dürfen, damit sie ihn auch benutzen konnte. Schließlich gab Anna nach. Sie wollten sich das Gerät teilen. Doch wie verärgert konnte sie darüber sein, wenn es nicht immer an seinem Platz stand, bereit zum Gebrauch. Denn bei ihr waren täglich so viele Münder zu stopfen.

Zu Weihnachten wurden Weihnachtskuchen und Kekse gebacken. Der Fleischwolf hatte zwei Sternenformen für Vanillekränze und eine flache Form für finsk breyð2.

Konservierung – Pökeln – Wässern

Salz war Konservierungsmittel. Ein großes Fass wurde abwechselnd mit Würsten und einer sehr dicken Lage Salz gefüllt. Erst eine dicke Lage Salz, dann eine einzelne Schicht Würste, wieder eine Lage Salz und so weiter, bis sie voll war. Ein Holzdeckel verschloss das Fass. Wenn die Würste gebraucht wurden, legte man sie für 24 Stunden in eine tiefe Schüssel unter fließendem Wasser in den Keller. Danach wurden sie gekocht.

Die gekochten rullupylsur wurden zwischen zwei großen Tellern mit einem Stein oben drauf gepresst, damit sie fest blieben und ihre flache Form bekamen. Für diesen Zweck lagen Steine in der Speisekammer. Zum Mittagessen gab es die Würste mit Kartoffeln oder als Brotbelag. Wenn Anna wässerte, beschwerte sich wütend der Nachbar. Er konnte durch das Geräusch des fließenden Wassers in ihrem Keller nicht schlafen. Herzen, Leber und Schafsköpfe wurden unmittelbar nach dem Schlachten für das Mittagessen gekocht oder gebraten. Die Haare auf den Schafsköpfen wurden über dem Primuskocher abgesengt, bis diese kohlrabenschwarz und kahl waren. Danach wurden sie gründlich gesäubert und geschrubbt, bis das ganze Verkohlte weg war. Die Haut war nun sauber und glatt, wenn auch der Brandgeschmack weiterhin in der Haut steckte, worüber niemand nachdachte. Die Schafsköpfe wurden der Länge nach in zwei symmetrische Teile gespalten. Man berechnete für jeden einen halben Schafskopf. Sie wurden zusammen mit Kartoffeln in einem großen Topf mit reichlich Wasser gekocht, dann war das begehrte Mittagessen fertig. Die Zunge schmeckte köstlich, und die Wangen waren das leckerste und feinste Fleisch. Die verschiedenen Teile schmeckten ganz unterschiedlich und fühlten sich auch unterschiedlich im Mund an. Die Lippen und das Zahnfleisch waren etwas Besonderes und ein wenig genoppt. Wenn es zu viele Schafsköpfe gab, wurden sie gesalzen und so schnell wie möglich aufgebraucht, während sie noch frisch waren.

Sigrid erzählte: „Wir aßen alles vom Schafskopf, auch das Hirn. Das Hirn war eine weiche, graue Masse. Man konnte es mit der Zunge zerquetschen. Die Kinder liebten es, denn es war das Beste. Ich habe viel Bregen gegessen. Ähneln Menschenhirne Schafshirnen? Es ist merkwürdig mit dem Gehirn. Wie meins wohl aussieht?“

Mutter dachte an ihre Gehirnkrankheit, die sie vergesslich machte.

Tálg, Talg, Schafsfett, wurde gehackt und geknetet, wie Brot geformt und in Salz gelegt. Es wurde als smelt, zerlassenes Fett, zum Fisch gegessen.

Der feine Talg zwischen den Därmen sollte ræstur3 werden und wurde zum Trocknen für garnatálg aufgehängt. Es bildete sich etwas grün dazwischen, erinnerte ein wenig an Roquefortkäse. Er wurde zusammen mit Margarine geschmolzen und für ræstur fiskur4, ein Leibgericht, das im Hals kratzen konnte, verwendet. Garnatálg schmeckte köstlich zu frischem, gekochtem Dorsch und Köhler und zu lippir und kjálkar, Kinn und Wangen. Wenn Anna knettir machte, riesig große Fischbouletten, steckte sie große Klumpen Salz und gewässerten weißen Talg hinein, bevor sie sie kochte. Der Geschmack der Fischbouletten wurde mit gehacktem Talg verstärkt.

Fleisch und Fisch werden zum Trocknen aufgehängt

Im Herbst wurden die Schafskörper gespalten und mit geöffneter Vorderseite zum Trocknen aufgehängt und eventuell innen mit etwas Salz bestreut. Die kompletten offenen Körper hingen im hjallur, dem Trockenschuppen, durch den der salzige Meereswind blies. Trockenfleisch reifte dadurch, weil es in ständigem Durchzug hing. Kühle Temperaturen und salziger Meereswind ermöglichten den Reifeprozess, bei dem sich die Fleischmuskeln auflösten und eine zarte Konsistenz bekamen. Erst wurde das Fleisch ræst, das heißt halbgetrocknet, und schließlich zu getrocknetem skerpikjøt. Skerpikjøt hat einen feinen, pikanten Geschmack. Getrocknetes Fleisch ist nicht roh. Alle besaßen einen oder mehrere Schuppen mit einem Dach aus Blech oder Gras. Die Körper hingen mehrere Monate lang zum Trocknen. Die dünnen Teile trockneten als Erstes. Schafsschenkel brauchten am längsten und schmeckten am besten. Man verwendete den Teil des Körpers, der getrocknet war.

„Bei dem Gedanken an diese Leckereien läuft mir das Wasser im Munde zusammen“, erklärte Mutter. „Wie ärgerlich, dass man es in Dänemark nicht bekommen kann. Wollen wir nicht auf die Färöer fahren?“

Auf den Färöern werden Fleisch und Fisch im Winterhalbjahr getrocknet. Man muss äußerst sorgfältig bei dem Reifeprozess sein. Ist es zu warm, können Fleisch und Fisch verfaulen und der Verzehr lebensgefährlich sein. In Dänemark ist es nicht möglich, auf diese Weise Fleisch zu trocknen, deshalb kann man sich schwer vorstellen, wie es auf den Färöern gemacht wird.

Ræst kjøt, getrocknetes, fermentiertes Fleisch muss gekocht werden. Es schmeckt gut und ganz anders, als das echte, gereifte skerpikjøt. Es wurde zusammen mit Reis in einem Topf gekocht: Ræst kjøt und Suppe. Ein köstliches Gericht zu Kartoffeln.

„Wenn man skerpikjøt anfasste, rochen die Hände, was ich nicht mochte und sie mir deshalb gründlich mit Seife wusch. In der Außenmark spülte ich sie unter fließendem Wasser“, erzählte Sigrid. „Skerpikjøt konnte hier und da eine dünne Schicht grüner, flauschiger Farbe bekommen. Es beeinträchtigte nicht den Geschmack. Wir trockneten das Grüne mit einem Lappen ab. Es war wie eine ganz dünne Haut auf dem Fleisch, die man abziehen konnte, denn darunter war das zarteste Fleisch.“

Wolle wird verarbeitet

Bevor man Wolle verstrickte, wurde sie sortiert, gewaschen, gespült, getrocknet, gezupft, kardiert, gesponnen, aufgewickelt, gewalkt und getrocknet.

Damals wurde die Wolle in menschlichem Urin gewaschen und nacheinander in kleinen Portionen im Abwaschbecken der Küche unter kaltem Wasser gespült. Annas Kinder breiteten die nasse Wolle auf dem großen Stein vor dem Haus aus. War der Stein von der Sonne erwärmt, trocknete sie viel schneller. Am liebsten wählte man zum Wollewaschen und -trocknen einen Tag mit gutem Wetter und Sonnenschein.

Die saubere Wolle musste gezupft werden. Das gröbste Deckhaar und die Unterwolle sowie die Farben wurden auseinandersortiert. Man verarbeitete eine haltbare Mischung, die für Fäustlinge und Socken verwendet werden sollte. Kräftiges Deckhaar wurde mit weicher Unterwolle gemischt. Das ergab robustes Garn, das nicht einlief. Danach wurde die Wolle mit der Karde bearbeitet. Eine Karde ist eine Holzscheibe voller Stacheln, die wie gebogene stumpfe Nadeln waren. Karden wurden in Dänemark bestellt. Die kardierte Wolle war sehr fein, weich und schön. Anna spann das Garn selbst, das für Fäustlinge benutzt werden sollte, denn es machte nicht so viel aus, wenn es ein wenig ungleichmäßig war. Ihr Mann Jóanis konnte überhaupt nicht spinnen. Sigrid bewunderte ihre Mutter. Sie sah, wie die Mutter das Spinnrad auf dem Tisch festspannte, kleine, weiche Wollzotteln kardierte und sie in ganz dünne Fäden verwandelte. Hinterher zwirbelte sie zwei oder drei Fäden zusammen, damit das Garn die richtige Stärke bekam. Man konnte Wolle zum Verspinnen nach Tórshavn oder Dänemark schicken, so dass man sie als Garn zurückbekam. Obwohl Anna spann, war es unmöglich, die ganze Spinnarbeit zu bewältigen, um genug Garn für die neunköpfige Familie zusammen zu bekommen.

Im Dorf gab es drei Strickmaschinen, die einfarbige Pulloverteile und Teile für wollene Unterhemden und Unterhosen fabrizierten, die man bestellte. Die Frauen nähten sie zusammen. Im Unterhosenbündchen für Jungen und Männer wurde außerdem oben und in den Hosenschlitz ein Stück Baumwollstoff mit Knopf genäht.

Strickzeug wird gewalkt und im Backofen getrocknet

Alles wurde extra groß gestrickt, denn es sollte tøvast, gewalkt, werden. Dadurch wurde die Wolle kräftiger und dichter und gewalkte Pullover hielten den Nieselregen aus.

Die neu gestrickten Kleidungsstücke wurden in Seifeneimern mit viel warmem Wasser gewaschen. Annas Kinder halfen mit, die Seife gründlich in die Wäsche zu pressen. Danach musste in reichlichem kaltem Wasser ausgespült werden. Sigrid war die zweitälteste Tochter, und es war ihre Aufgabe, das Wollstück im Fluss zu spülen. Das nasse Strickzeug wurde bei gutem Wetter auf dem großen Stein ausgebreitet.

Anna kam auf die Idee, das Kleidungsstück in den warmen Backofen zu legen, wenn es regnete. Aber dann passten alle auf, dass es nicht verbrannte. Es konnte geschehen, dass es in der Küche nach versengter Kleidung roch. Wenn sie Brot gebacken hatte, nutzte sie die restliche Wärme dazu, das wollene Kleidungsstück zu trocknen, das ansonsten schwer zu trocknen war.

Wolllappen als Währung

Alte, wollene, zerschlissene, unbrauchbare Kleidungsstücke wurden gewaschen und in gleichmäßige Stücke geschnitten. Sie sollten so groß wie möglich sein. Das waren Fausthandschuhe, Socken, lange Unterhosen und so weiter. Alle zerschlissenen Strickwaren aus färöischer Wolle konnten gebraucht werden. Die Kinder legten die Lappen in ordentlichen Haufen in einen Sack, der zum Importeur nach Dänemark geschickt wurde. Er nahm die färöischen Wolllappen in Empfang, aus denen Stoff gemacht wurde. Sie tauschten die alten Lappen gegen andere Waren, wie feinstes Bettleinen, Bettbezüge und Ähnliches. Das heißt, sie bekamen Waren, die mit Wolllappen bezahlt wurden. Wolllappen waren Devisen.

Alles wurde in diesen Tagen wieder verwendet. Brauchbare Dinge warf man nicht weg. Selbst alte, löchrige, zerschlissene Socken waren Geld wert.

1920 – MAHLZEIT VOM GEMEINSAMEN TELLER


Der große, schwarze, eiserne Zehn-Liter-Kochtopf, innen weiß emailliert, stand köchelnd auf dem schwarzen, schmiedeeisernen Herd. Die Ringe waren entfernt, damit der Topf in das Loch passte. Die untere Lage bestand aus Kartoffeln und die obere aus Fisch. Als das Essen fertig war, nahm die Mutter eine Schöpfkelle und angelte erst vorsichtig die Fischstücke heraus, denn sie sollten nicht zerbröckeln. Sie legte sie auf einen großen, ovalen, weißen Emailleteller. Danach holte die Schöpfkelle die Kartoffeln heraus, die neben den Fisch gelegt wurden. In der Tellermitte stand eine spezielle kleine Eisenpfanne für den smelt, das heißt geschmolzenen Talg mit Margarine. Das Pfännchen war außen rot und innen weiß emailliert und hatte zwei Henkel, damit man es leicht vom Herd zum Teller tragen konnte, ohne etwas zu verschütten.

Alle Familien besaßen solch ein Pfännchen für den smelt und aßen wie hier beschrieben.

In der Mitte des Küchenfußbodens stand ein Hocker. Die Mutter stellte den großen Teller mit dem Fisch und den Kartoffeln darauf. Hungrige Augen folgten ihren Bewegungen.

Es war nicht nötig, die Kinderschar zu rufen, denn sie wartete bereits kniend um den Hocker mit dem Teller.

Nach dem Tischgebet, in dem man dem lieben Gott für das Essen dankte, wurde ger so væl, bitte schön, gesagt. Alle pellten ihre eigenen Kartoffeln und den Fisch mit den Fingern. Sie aßen direkt vom großen Teller und tunkten den Fisch in den smelt.

Die Fischhaut war leicht abzuziehen, und die Gräten konnte man fühlen und deshalb einfach mit den Fingern entfernen. Jeder hatte sein eigenes Häufchen Gräten und Kartoffelschalen am Rand des riesig großen Fischtellers. Besteck wäre nur lästig gewesen. Die Mutter half den Jüngsten. Jeder aß mit den Fingern, flink und mit großem Appetit. Alle wurden satt, bevor sie sich vom Fußboden erhoben und manga takk, danke für das Essen, sagten. Dann gingen sie zur Küchenspüle hinüber und wuschen sich Hände, Mund und Wangen. Der Abwasch war übersichtlich: Ein großer ovaler Teller, die rote Pfanne und der große Topf.


Ein Bild der Küche, in der ein großer Teil der Handlung des Buches stattfindet, gezeichnet von der fünfzehnjährigen Amy Fuglø.

Nachtrag:

Mutter erzählte. Sie sah mich an und fragte: „Was denken wohl die Leute, wenn du das schreibst?“ Sie schämte sich plötzlich für ihre Kindheitserlebnisse. „Stell dir vor, mit den Fingern von einem gemeinsamen Teller zu essen, der auf einem Hocker mitten auf dem Küchenfußboden steht, und die Kinder auf den Knien ohne Stuhl. Aber so war es eben, so machten es die meisten.“

Musste man sich schämen? Sollte man seine Vergangenheit verheimlichen? Oder sollte man im Gegenteil stolz über die Entwicklung sein?

„Später bekamen wir einen Küchentisch mit vier Beinen, wir bekamen Teller und aßen am Tisch“, beteuerte Mutter. „Man aß mit Hilfe eines scharfen Messers, eines Klappmessers oder eines Dolches, um Fleisch und Kartoffeln klein zu schneiden und wie immer das Essen mit den Fingern oder dem Messer in den Mund zu stecken.“

Dieser Brauch ist immer noch ‚in‘. Wenn man richtig Färöisch isst, ist es erlaubt, mit scharfem Messer, gerne mit Klappmesser und den Fingern, aber ohne Gabel, zu essen.

Spielen

Spielen zu können, ist eine kostbare Gabe. Sigrid erzählte: „Wir besaßen keine Spielsachen, wir mussten selbst etwas finden. Puppen und Bälle gab es nicht. Die hübschen Widderhörner wurden in der Fantasie meiner Brüder zu Schafen, die sie den Berg hinuntertreiben sollten. Die Form der Hörner erlaubte, dass sie von alleine stehen konnten. Die Knochen in den Unterkiefern der Schafe nannten wir kjálkamua. Sie wurden in der Fantasie zu Kühen, und die Zähne waren Euter, die wir Mädchen molken. Wir stellten sie ins Gras und drückten sie ein wenig in die Erde, damit sie stehen konnten. Der Unterkiefer einer Kuh war eine Seltenheit, denn die Kuh hatten wir sieben Jahre lang, bevor sie geschlachtet wurde. Anziehpuppen schnitten wir aus Daells Warenkatalog. Wir Mädchen freuten uns über die Bilder mit den vielen schönen Sachen. Die schnitten wir aus und wechselten die Kleider der Puppen, die wir mit Spucke festklebten. Manchmal kamen meine Freundinnen und wir schnitten zusammen aus. Wir plauderten fröhlich, machten es uns gemütlich. Überall in der Stube und der Küche lagen Anziehpuppen und ausgeschnittene Papierkleider. Mutter war dieses ganze Geschnipsel oft leid. Plötzlich konnte sie verärgert angestürzt kommen, das ganze Papier, die Kataloge, Puppen und Puppenkleider einsammeln und alles ins Ofenfeuer werfen. Das enttäuschte mich und machte mich traurig. Doch wir bekamen neue Kataloge und schnitten sie wieder aus. Ich versteckte die Anziehpuppen, damit Mutter sie nicht in die Hände bekam.

Im Herbst sammelten wir Wolle, die die Schafe draußen in der Außenmark verloren hatten. Die Wolle konnte Mutter gebrauchen, aber wir Mädchen machten Puppen daraus. Wir legten ein Stück Stoff über den Puppenkopf und schnürten ihn um den Hals. Das waren unsere Kinder.

Draußen spielten wir Verstecken. Einer musste mit geschlossenen Augen neben einem Stein stehen und bis hundert zählen. Dann sollte er die anderen finden, zum Stein eilen und darauf schlagen, den Namen und ‚Du bist gefunden!‘ rufen. Es ging darum, der schnellste zu sein und als Erster anzukommen. Wir spielten Fangen und Stöckchen. Man legte einen Stock über zwei Steine. Derjenige, der dran war, musste ihn mit einem anderen Stock weit weg schießen. Dann maß man mit dem Stock, wie viele Längen er geflogen war. Ich war richtig gut im Seilspringen. Wir benutzten ein Stück Wäscheleine als Springseil. Bälle besaßen wir nicht.

Vater benutzte als Köder Schnecken mit Gehäuse aus dem Meer und ließ die Schneckenhäuser liegen. Leere Schneckengehäuse wurden zu einem Hühnerhof mit Hühnern, Hähnen und Küken. Spielzeug für uns Kinder. Auch das Innere der Muscheln und Miesmuscheln wurde als Köder benutzt, und wir spielten mit den leeren Muschelschalen.

Wir erfuhren, dass der Kalk in den Schalen gut für die Hühner war. Mit einer Mühle mahlten wir getrockneten Mais zusammen mit den Schneckenhäusern und Muschelschalen, fügten Roggenmehl hinzu und mischten alles mit Wasser zu einem Teig, den die Hühner liebten.“

Das Gespräch wurde natürlich über Hühner fortgeführt.

Vertieft in die Erzählung über die Spiele und Spielsachen der Kinder vor fast hundert Jahren ging mir auf, dass die alltägliche Beschäftigung in Spielen umgesetzt wurde. Fabrizierte Spielsachen gab es nicht. Die Kinder waren kreativ und erfanden selbst Spiele. Zu überleben wurde zu einem Spiel, auch für die Kinder. Dass es gleichzeitig harte, sehr anstrengende Arbeit war, ist sicher.

Hühner, Enten, Eier – ein Spiel

„Schwester schrieb unsere Namen auf die Eier, die ausgebrütet werden sollten. Ich erinnere mich, dass sie einmal Kleines auf ein Ei schrieb. Das war, bevor meine jüngste Schwester geboren war. Wir waren sehr gespannt, welches Küken aus unseren Eiern schlüpfen würde. Wir kannten sie, denn sie waren nach uns benannt. Meins hieß: Sigrids Küken und später Sigrids Henne.

Die Küken schlüpften innerhalb von 24 Stunden. Wie glücklich die Henne war und auch wir, sowohl Kinder als auch Erwachsene. Die unterschiedlichen, bunten Küken waren einfach so süß und weich. Die Henne hatte einen bestimmten Lockruf, den die Küken verstanden.

Die watschelnden Enten folgten den Hühnern, doch waren sie viel langsamer. Manchmal legten wir ein paar Enteneier unter eine Henne. Die Henne war so glücklich und stolz über ihre Kinder, und ihre Liebe zu den Entchen war genauso groß wie zu den Küken. Aber die armen Entchen, sie müssen ziemlich enttäuscht gewesen sein, denn sie verstanden nicht die Sprache ihrer Hühnermutter. Im Gegenzug verstand die Hühnermutter auch nicht das Benehmen ihrer Entchen. Sie lief mit ihren niedlichen Jungen, Küken und Entchen, frei herum. Näherte sie sich dem Bach, konnten die Entchen nicht widerstehen und eins nach dem anderen sprang ins Wasser. Die Hühnermutter war entsetzt, sie glaubte, dass ihre Jungen ertrinken würden. Sie rief verzweifelt gak, gak in tiefer Angst um ihre geliebten Nachkommen, den plantschenden, quakenden Entchen. Wir taten was wir konnten, um sie vom Bach fernzuhalten und um die Hühnermutter zu beruhigen. Enten waren auch brütig und sie durften ihre eigenen Eier ausbrüten, aber nie Hühnereier. Stell dir vor, wenn sie ihre Küken ins Wasser geschubst hätten. Wir hielten Hühner und Enten wegen der Eier. Wir wussten nicht, dass man Hühner essen konnte. War eine Henne zu alt, um Eier zu legen, oder war ein Küken ein Erpel, wurde es getötet und auf den Misthaufen geworfen. Aber der Pfarrer, immer ein Däne, war sehr an geschlachteten Küken und Enten interessiert, und wer wollte ihm nicht eine Freude machen?

Es war merkwürdig, dass wir keine Küken, Hühner und Enten aßen, wenn wir doch Vögel aßen. Die meisten im Dorf aßen keine Hühner. Ich glaube, es lag daran, weil sie Haustiere mit persönlichen Namen waren. Man aß nicht seine Haustiere. So ist es jetzt nicht mehr, nun essen alle im Dorf Hühner und Enten. Entenbraten ist heutzutage ein feines Essen, das war es damals nicht in unserem kleinen Dorf.

Wir bekamen weich und hart gekochte Eier zum Brot und Spiegeleier mit Bratkartoffeln. Eier wurden für Napfkuchen, Plätzchen, Schmalzkuchen, Pfannkuchen und so weiter verwendet. Und das Leibgericht? Pískegg: Eigelb in eine Tasse, vier Teelöffel Zucker, mit dem Teelöffel umgerührt bis es schaumig war. Mmh, wie das schmeckte, das waren unsere Süßigkeiten. Das war, bevor es Salmonellen gab. Niemand wurde davon krank, rohe Eier zu essen.

Hühner waren zwar keine Spielsachen, aber wir erlebten sie oft als Spiel. Wir amüsierten uns mit unseren zehn bis zwölf grasenden Hühnern in verschiedenen Farben. Sie hatten keine Feinde, denn es gab keine Füchse. Sie waren im Sommer früh auf, kamen von alleine taumelnd aus dem Keller durch die kleine Hühnerklappe und begannen den Tag mit grasen. Wir kannten unsere Hühner, und sie wussten, wohin sie gehörten und wo sie schlafen sollten. Wenn ich pfiff und eine Schale Körner in der Hand hielt, versammelten sie sich alle um mich, und ich streute die Körner auf die Erde. Schwester rief: ‚Putt, putt, putt‘, und dann liefen sie zu ihr hinüber. Ein großer fescher Hahn mit schimmerndem bunten Gefieder und kolossalem roten Hahnenkamm war festes Inventar auf dem Hühnerhof. Die Hühner legten dann mehr Eier. Einige Häuser besaßen keinen Hahn, aber das machte nichts, denn unserer war viril und kümmerte sich auch um die Hühner der anderen.

Mutter zeigte mir, wie ich am Hinterteil des Huhns erkennen konnte, ob es bald ein Ei legen würde. Abends ging ich in den Keller, wenn sich die Hühner auf der vagl, der Stange, die in anderthalb Meter Höhe angebracht war, zur Ruhe begeben hatten. Sie waren selbst auf die Stange hochgeflogen. Ich nahm eine Henne herunter und fühlte, ob sie hinten hart war, und setzte sie danach wieder auf ihren Platz. Die Hühner hatten Nistkästen, die mit Heu ausgepolstert waren. Hier lag immer ein weißes Glasei, das die Hühner anregte, das Nest aufzusuchen, ein Ei zu legen und zu brüten. Wir Kinder fanden es spannend, die Eier einzusammeln und zu zählen, wie viele es waren. Oh weh, wenn die Hühner ein seltenes Mal drüben beim Nachbarn grasten. Das war Grund für einen heftigen Nachbarschaftsstreit.“

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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
313 s. 39 illüstrasyon
ISBN:
9783960086673
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