Kitabı oku: «Gesammelte Erzählungen von Anatole France»

Yazı tipi:

Anatole France

Gesammelte Erzählungen von Anatole France


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musaicumbooks@okpublishing.info

2017 OK Publishing

ISBN 978-80-272-0885-2

Inhaltsverzeichnis

Der fliegende Händler und mehrere andere nützliche Erzählungen

Das Hemd eines Glücklichen

Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard

Der fliegende Händler und mehrere andere nützliche Erzählungen

Inhaltsverzeichnis

Crainquebille

Putois

Riquet

Die Krawatte

Die großen Manöver von Montil

Der verkannte Patriot

Das doppelte Gesicht

Der Siegelring

Die Signora Chiara

Die rechtschaffenen Richter

Der Christ des Ozeans

Ein Traum

Sancta Justitia

Hausdiebstahl

Der kleine Schornsteinfeger oder Wohlangebrachte Mildtätigkeit

Crainquebille

Inhaltsverzeichnis

Die Majestät der Justiz herrscht in ihrer ganzen Größe in jedem einzelnen Urteil, welches der Richter im Namen des souveränen Volkes verkündet. Jeremias Crainquebille, ein herumziehender Gemüsekrämer, sollte erfahren, wie erhaben das Gesetz ist, als er wegen Beleidigung eines öffentlichen Staatsbeamten vor Gericht geführt wurde.

Nachdem er in dem prächtigen und düsteren Saale auf der Anklagebank Platz genommen hatte, sah er voll staunender Bewunderung auf die Richter und Advokaten in ihren Roben, auf den Gerichtsdiener mit der Kette, auf die Polizisten und auf die Zuschauer, die bloßen Hauptes schweigend hinter einer Scheidewand saßen.

Er sah sich selbst auf einem erhöhten Sitz und empfand es als eine hohe Ehre, als Angeklagter vor dem Tribunal erscheinen zu dürfen.

Im Hintergrund des Saales zwischen den beiden beigeordneten Richtern thronte der Präsident Bourriche, auf dessen Brust die Ehrenabzeichen der Akademie prangten.

Eine Büste der Republik und ein Christus am Kreuze schmückten die Rückwand des Saales, so daß alle göttlichen und menschlichen Gesetze über Crainquebilles Haupt schwebten.

Er empfand es mit wahrem Schrecken. Denn da er durchaus nicht philosophisch veranlagt war, fragte er sich nicht, was diese Büste und dieses Kruzifix hier bedeuten sollten und in welcher Beziehung eigentlich wohl Jesus und Marianne zu dem Gericht stehen konnten.

Dennoch gab es einem zu denken, denn die päpstliche Lehre und das kanonische Recht stehen in vielen Punkten im Widerspruch zu der Verfassung der Republik und dem Zivilrecht.

So viel man weiß, sind die Dekretalen nicht aufgehoben worden.

Die Kirche Christi lehrt wie früher, daß nur solche Mächte eine legitime Gültigkeit haben, die sie selbst eingesetzt hat. Aber die französische Republik erhebt den Anspruch, keineswegs von der päpstlichen Macht abhängig zu sein.

Füglich hätte Crainquebille mit einigem Recht sagen können:

Meine Herren Richter, da der Präsident Loubet nicht gesalbt ist, so verwirft dieser Christus, der zu euren Häuptern hängt, kraft des Konzils und der päpstlichen Gewalt eure Macht.

Entweder ist er hier, um euch an die Macht der Kirche zu erinnern, die eure Macht vermindert, oder seine Gegenwart hier hat absolut keinen vernünftigen Sinn.

Daraufhin hätte der Präsident Bourriche vielleicht geantwortet:

Angeklagter Crainquebille, Frankreichs Könige haben immer in Unfrieden mit dem Papst gelebt.

Wilhelm von Nogaret wurde exkommuniziert, aber um solcher Kleinigkeit willen dankte er nicht ab.

Der Christ hier im Gerichtssaal ist nicht der Christ Gregors VII. und Bonifacius VIII. Er ist, sozusagen, der Christ des Evangeliums, der nichts vom kanonischen Recht wußte und niemals etwas von den verwünschten Dekretalen gehört hat.

Dann lag es bei Crainquebille, ihm zu antworten:

Der Christ des Evangeliums war ein Menschenfreund.

Und außerdem erlitt er eine Verurteilung, die alle christlichen Völker seit neunzehn Jahrhunderten als einen großen Irrtum der Justiz anerkannt haben. Ich rate Ihnen daher, mein Herr Präsident, mich in seinem Namen nicht einmal zu vierundzwanzig Stunden Gefängnis zu verurteilen.

Aber Crainquebille machte weder historische oder politische, noch soziale Betrachtungen. Er verharrte in stummem Staunen. Der Apparat, der ihn umgab, flößte ihm eine hohe Bewunderung für die Justiz ein.

Er war so von Ehrerbietung durchdrungen, so überwältigt von Angst und Schrecken, daß er die Entscheidung über seine Schuld ganz den Richtern anheim stellte.

In seinem innersten Gewissen zwar fühlte er sich unschuldig, aber was war das Gewissen eines einfachen Gemüsekrämers gegenüber dem Gesetz und den Verwaltern der öffentlichen Strafgewalt. Schon sein Advokat hatte ihn halbwegs davon überzeugt, daß er nicht unschuldig sei. Eine kurze summarische Untersuchung hatte die ihn belastenden Anklagen ergeben.

Crainquebilles Abenteuer.

Jeremias Crainquebille, seines Zeichens ein herumziehender Gemüsehändler, zog tagaus tagein durch die Straßen von Paris und schob seinen Handwagen vor sich her, indem er rief: »Kohl, Rüben, Wurzel, Salat!«

Und wenn er Porree hatte, rief er: »Spargel, schöne Spargel«, denn Porree sind die Spargel der Armen.

Als er am 20. Oktober um die Mittagsstunde die Straße von Montmartre hinabfuhr, trat Frau Bayard, die Schustersfrau, aus ihrem Laden und an seinen Wagen.

Prüfend wog sie ein Bund Porree in der Hand und sagte wegwerfend:

»Das sind man recht jämmerliche Dinger, was sollen sie denn kosten?«

»Fünfzehn Sous, Frau Meisterin«, erwiderte Crainquebille, »bessere finden Sie nirgends.«

»Was, fünfzehn Sous für drei elende Stangen!« rief die Frau, und entrüstet warf sie das Gemüse auf den Karren zurück.

In diesem Augenblick kam der Schutzmann Nr. 64 vorüber. Er näherte sich Crainquebille und sagte:

»Fahren Sie weiter.«

Seit fünfzig Jahren tat Crainquebille von morgens bis abends nichts als weiterfahren – immer nur weiterfahren.

Gegen diese Ordnung hatte er nichts einzuwenden. Sie schien ihm im Gegenteil ganz gerecht und in der Natur der Sache. Er war darum auch geneigt, zu gehorchen, und drängte die Meisterin, ihren Bedarf an Gemüse zu nehmen.

»Na, ich werde doch wohl noch aussuchen dürfen, was ich brauche«, erwiderte sie spitz und besah und befühlte von neuem die Porreebündel. Dann behielt sie eins, was ihr am größten erschien, und preßte es gegen ihren Busen, wie die Heiligen auf den Kirchenbildern die geweihten Palmenzweige an ihre Brust drücken.

»Vierzehn Sous sollen sie haben«, sagte sie, »das ist mehr als genug. Aber ich habe kein Geld in der Tasche, ich muß es aus dem Laden holen.«

Ihr Porreebündel im Arm, trat sie in den Schusterladen, wo bereits eine Kundin mit einem kleinen Kinde wartete.

Jetzt ermahnte der Schutzmann Nr. 64 Crainquebille zum zweiten Male:

»Fahren Sie weiter.«

»Ich wart’ auf mein Geld«, erwiderte dieser.

»Habe ich Ihnen etwa gesagt. Sie sollen auf Ihr Geld warten? Weiterfahren sollen Sie, verstanden?« wiederholte der Polizist.

Währenddessen probierte die Schusterfrau dem Kinde, dessen Mutter es sehr eilig hatte, ein paar blaue Schuhchen an.

Die grünen Köpfe der Porreestangen ruhten auf dem Ladentisch.

In dem halben Jahrhundert, in welchem Crainquebille seinen Karren durch die Straßen schob, hatte er gelernt, den Vertretern einer hohen Obrigkeit zu gehorchen. Aber diesmal befand er sich in einer schwierigen Lage – zwischen Pflicht und Recht.

Er hatte keinen juristischen Verstand. Er konnte nicht begreifen, daß sein persönliches gutes Recht ihn nicht davon entband, eine gesetzliche Pflicht zu erfüllen.

Er sah in erster Linie nur sein Recht, das darin bestand, seine vierzehn Sous zu bekommen, und nicht die Pflicht, die ihn hieß, seinen Karren weiter zu schieben, immer weiter. Er blieb daher ruhig stehen.

Zum dritten Male befahl ihm der Schutzmann in ruhigem, gelassenen Tone, weiterzufahren. Im Gegensatze zu vielen andern, die immer drohen und nie eingreifen, war der Schutzmann Nr. 64 sehr ruhig bei seinen Ermahnungen, aber sehr prompt dabei, ein Protokoll aufzunehmen. So war nun mal sein Charakter.

Aber obgleich er ein ziemlicher Duckmäuser war, so war er doch ein tüchtiger Beamter und ein rechtschaffener Soldat. Mutig wie ein Löwe und sanft wie ein Kind, handelte er strikt nach seiner Weisung.

»Sagen Sie mal, können Sie nicht hören, Sie sollen weiterfahren.«

Crainquebille hielt den Grund, warum er stehen blieb, für zu wichtig, als daß er ihm nicht stichhaltig genug erschienen wäre. Er erklärte daher kurz und bündig:

»Zum Kuckuck, wenn ich Ihnen doch sage, daß ich auf mein Geld warte.«

Der Schutzmann begnügte sich damit, zu erwidern:

»Ich soll Sie wohl wegen Zuwiderhandlung bestrafen, was? Wenn Sie das wollen, brauchen Sie ‘s man bloß zu sagen.«

Als Crainquebille das hörte, zuckte er langsam die Achseln und blickte erst auf den Polizisten, dann zum Himmel hinauf, als wollte er sagen:

»Gerechter Gott, als ob ich je die Gesetze verachtet hätte! Mich je gegen die Vorschriften und Dekrete aufgelehnt hätte, die man unserm herumziehenden Stande macht!

Um fünf Uhr morgens bin ich schon in den Markthallen. Von sieben Uhr an reiße ich mir die Hände wund und schwielig an den Griffen meines Schubkarrens und rufe unermüdlich: Kohl, Rüben, Wurzel…

Ich bin über 60 Jahre alt und bin so müde. Und Sie fragen, ob ich Lust hätte, die schwarze Fahne der Empörung zu schwingen. Sie wollen sich wohl lustig machen über mich, das ist grausam und schlecht.«

Sei es nun, daß der Polizist diesen Blick nicht erfaßt hatte oder darin keine genügende Entschuldigung für den offenbaren Ungehorsam sah, er sagte nochmals, kurz und rauh, ob Crainquebille ihn verstanden habe.

Zudem erreichte die Aufstauung der Fahrzeuge in diesem Augenblick ihren Höhepunkt in der Rue de Montmartre. Die Droschken, Karren, Möbelwagen, die Omnibusse und Rollwagen waren so eng zusammen gekeilt, daß es schien, als ob sie unentwirrbar ineinander geraten wären.

Und über die unbewegliche Wagenburg erscholl ein wüstes Geschimpf und Geschrei. Die Droschkenkutscher wechselten mit den Schlächterburschen aus sicherer Ferne heroische Beleidigungen, und die Omnibusführer, die in Crainquebille einzig und allein die Ursache der ganzen Verwicklung sahen, nannten ihn einen alten Kohlkopf.

Auf dem Trottoir drängten sich immer mehr Neugierige heran und verfolgten den Vorfall mit Interesse.

Als der Schutzmann sich dieser Art beobachtet sah, dachte er nur noch daran, seine Autorität geltend zu machen.

»Es ist gut«, sagte er kurz, und damit zog er ein schmutziges Notizbuch und einen sehr kurzen Bleistift aus der Tasche.

Crainquebille blieb bei seiner Idee. Er gehorchte einer inneren Macht. Übrigens hätte er in diesem Augenblick weder zurück noch vorwärts fahren können, denn das eine Rad seines Karrens hatte sich in das Rad eines Milchwagens verfangen.

Er riß an seinen spärlichen Haaren und schrie: »Herrgott, wenn ich Ihnen doch sage, daß ich auf mein Geld warte. Schock schwere Not zum Donnerwetter noch mal!«

Durch diese Worte, die dem Alten mehr aus Verzweiflung, als aus Widersetzlichkeit entfuhren, fühlte der Polizist sich beleidigt.

Und da für ihn jede Beleidigung notwendigerweise die traditionelle, regelmäßige, geheiligte, rituelle, sozusagen liturgische Form annahm, nämlich: »Verfluchter Polyp«, so faßte sein Ohr die Worte des Delinquenten so auf.

»So, Sie haben ›Verfluchter Polyp‹ gesagt? Es ist gut, folgen Sie mir.«

Ganz betäubt vor Entsetzen und Bekümmernis starrte Crainquebille den Schutzmann mit seinen armen, alten, sonnen-geblendeten Augen an, und mit vor Angst gebrochener Stimme stammelte er:

»Ich hätte ›Verfluchter Polyp‹ gesagt? Ich? Mein Gott, mein Gott!« Die Verhaftung des Alten wurde von der gaffenden Menge mit Freuden aufgenommen. Das Volk war befriedigt; wie denn die große Menge immer Gefallen an gewalttätigen unnoblen Schauspielen finden wird.

Nur ein alter Herr mit ernstem, traurigen Gesicht, in einem schwarzen Rocke, einen Zylinder auf dem Kopfe, bahnte sich einen Weg durch die Menge, und indem er sich dem Schutzmann näherte, sagte er sehr sanft und bestimmt:

»Sie irren sich, der Mann hat Sie nicht beleidigt.«

»Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten«, erwiderte der Beamte, jedoch ohne eine weitere Drohung hinzuzufügen, denn er hatte es mit einem gut gekleideten Menschen zu tun.

Der alte Herr beharrte mit großer Ruhe und Hartnäckigkeit bei dem, was er gesagt hatte, und bestand darauf, seine Aussage persönlich bei dem Polizeikommissar zu machen.

Währenddessen jammerte Crainquebille: »Also das soll ich gesagt haben, ›Verfluchter Polyp‹, je, je, je!«

Gerade, als er diese Worte hervorstieß, kam die Schusterfrau auf ihn zu, um ihm die vierzehn Sous zu geben.

Aber der Schutzmann hielt Crainquebille beim Kragen, und als die Meisterin das sah, ließ sie das Geld wieder in ihre Tasche gleiten, in dem guten Glauben, daß man einem Menschen, der zur Polizeiwache abgeführt wird, nichts schuldig sei.

Als Crainquebille so seinen Wagen im Stich lassen mußte und sich seiner Freiheit beraubt sah, war es ihm, als sei die Sonne plötzlich erloschen, und ein Abgrund schien sich vor ihm aufzutun.

Ganz verzweifelt murmelte er:

»Ist es möglich – ist es möglich:

Vor dem Kommissar erklärte der alte Herr, daß er durch die Verwicklung der Fuhrwerke aufgehalten und dadurch Zeuge der Szene geworden sei. Der Schutzmann habe den Gemüsehändler falsch verstanden, der alte Mann hätte ihn weder beleidigt noch beschimpft. Dann gab er seinen Namen und seine Wohnung an: Doktor David Matthieu Oberarzt am Krankenhaus von Ambroise Paré, Offizier der Ehrenlegion. Zu andern Zeiten hätte ein solches Zeugnis den Kommissar genügend über die Sachlage aufgeklärt, aber dazumal waren die Gelehrten in Frankreich verdächtig.

Crainquebilles Verhaftung wurde aufrecht erhalten. Er mußte die Nacht auf der Polizeiwache zubringen und wurde am nächsten Morgen im »grünen Wagen« ins Gefängnis befördert.

Das Gefängnis hatte in seinen Augen weder etwas Schmerzliches, noch Erniedrigendes, es erschien ihm als etwas Notwendiges.

Bei seinem Eintritt in die Zelle fiel ihm besonders die große Sauberkeit der Mauern und Dielen auf. Er sagte sich: »Höllisch sauber hier, man könnte schlankweg vom Boden essen.«

Als er allein war, wollte er seinen Schemel von der Wand abrücken, aber der war angeschmiedet.

Crainquebille äußerte ganz laut seine Verwunderung darüber:

»Sonderbar, sonderbar – auf so was wär’ ich nie gekommen.« Dann setzte er sich nieder, drehte die Daumen übereinander und staunte vor sich hin. Er hatte Langeweile und dachte mit Sorge und Betrübnis an seinen Karren, den sie mit Beschlag belegt hatten, und der noch ganz mit Kohl und Rüben, Sellerie, Salat und anderen Gemüsen beladen gewesen war.

Voll Unruhe fragte Crainquebille sich:

»Wo können sie nur mit meinem Wagen geblieben sein!«

Am dritten Tage besuchte ihn sein Advokat. Maître Lemerle war einer der jüngsten Gerichtsanwälte von Paris und Präsident einer Sektion der französischen, vaterländischen Liga.

Crainquebille versuchte seinen Fall zu erzählen, was ihm keineswegs leicht fiel, denn er fand nur mühsam seine Worte. Vielleicht hätte er es doch fertig gebracht mit ein wenig Hilfe. Aber sein Anwalt schüttelte nur mißtrauisch den Kopf zu allem, was er sagte, und indem er in den Papieren blätterte, murmelte er:

»Hm, hm, davon sehe ich ja gar nichts in den Akten.« Dann strich er sich mit einer etwas müden Bewegung über den gepflegten blonden Schnurrbart und sagte:

»Ich rate Ihnen in Ihrem eigenen Interesse, ein offenes Geständnis abzulegen. Dies System, alles ableugnen zu wollen, ist sehr ungeschickt.«

Von nun an hätte Crainquebille gern gestanden, wenn er nur gewußt hätte, was er eigentlich gestehen sollte.

Crainquebille vor Gericht.

Der Präsident widmete dem Verhör von Crainquebille ganze sechs Minuten.

Dies Verhör hätte entschieden mehr Licht in den Sachverhalt gebracht, wenn der Angeklagte auf die an ihn gestellten Fragen geantwortet hätte.

Aber Crainquebille war zu unbeholfen im Reden, und außerdem brachte er vor lauter Respekt und Angst kein Wort hervor.

Er schwieg beharrlich, und so gab der Präsident selbst die Antworten, die dann allerdings sehr belastend ausfielen.

Er schloß mit den Worten:

»Also Sie geben zu ›Verfluchter Polyp‹ gesagt zu haben.«

Da drang aus Crainquebilles Kehle ein Ton wie verrostetes Eisen und Klirren von Glasscherben:

»Ich habe ›Verfluchter Polyp‹ gesagt, weil der Herr Schutzmann ›Verfluchter Polyp‹ gesagt hat – da hab ich es gesagt.«

Er wollte zu verstehen geben, daß er bei dieser plötzlichen Anschuldigung in seiner ersten Verblüffung die merkwürdigen Worte wiederholt hatte, die man ihm nun fälschlich in den Mund legte.

Er habe es gesagt, wie er gesagt haben würde: »Ich, ich sollte so etwas wagen, ich? Wie können Sie so etwas glauben?«

Aber der Präsident faßte es nicht so auf.

»Wollen Sie etwa behaupten«, sagte er, »der Beamte hätte diesen Schmähruf zuerst gebraucht?«

Crainquebille verzichtete darauf, sich verständlich zu machen; es war zu schwierig.

»Sie bestehen nicht auf Ihrer Behauptung, da haben Sie recht«, schloß der Präsident.

Dann ließ er die Zeugen rufen.

Der Schutzmann Nr. 64, mit Namen Bastien Matra, schwor, daß er die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen wolle. Dann machte er folgende Aussage:

»Am 20. Oktober hatte ich nachmittags Dienst in der Rue Montmartre und sah, wie ein Individuum, das mir ein herumziehender Gemüsehändler zu sein schien, sich ungebührlich lange vor dem Hause Nr. 328 aufhielt und dadurch eine Verwicklung der Fahrzeuge verursachte.

Ich gab ihm dreimal den Befehl, weiter zu fahren, aber er tat es nicht, und als ich ihm darauf drohte, daß ich ihn aufschreiben müsse, da schimpfte er mich ›Verfluchter Polyp‹, was mir beleidigend erschien.«

Diese gemessene, bestimmte Aussage wurde von den Richtern mit sichtlichem Wohlwollen aufgenommen.

Zur Verteidigung waren Madame Bayard, die Schustersfrau, und Doktor Matthieu als Zeugen geladen worden.

Madame Bayard hatte nichts gesehen und gehört. Der Arzt hatte sich in der Menge befunden, die den Schutzmann umgab, als dieser den Händler ermahnte, weiter zu fahren.

Seine Aussage verursachte einen Zwischenfall. »Ich war Zeuge der Szene«, sagte er. »Der Schutzmann hat sich verhört, der Mann hat ihn nicht beleidigt. Ich habe ihm das damals gleich gesagt, aber er bestand auf der Verhaftung und veranlaßte mich, meine Erklärung vor dem Kommissar abzugeben, was ich auch getan habe.«

»Sie können sich setzen«, sagte der Präsident.

»Gerichtsdiener, rufen Sie mal den Zeugen Matra wieder vor.«

»Matra, als Sie die Verhaftung des Angeklagten vornahmen, hat Sie damals der Doktor Matthieu darauf aufmerksam gemacht, daß Sie sich getäuscht hätten?«

»Ja, nämlich Herr Präsident, er hat mich beleidigt.«

»Was sagte er denn?«

»Er hat ›Verfluchter Polyp‹ gesagt.«

Im Zuschauerraum wurde Lärm und Gelächter laut.

»Sie können zurücktreten«, beeilte sich der Präsident zu sagen, dann wandte er sich ans Publikum und sagte, daß er den Saal räumen lassen würde, wenn noch einmal derartige ungebührliche Kundgebungen laut würden.

Währenddessen fuchtelte der Verteidiger mit dem Rockärmel triumphierend in der Luft herum, und alle glaubten, daß Crainquebille freigesprochen werden würde.

Als die Ruhe im Saal wiederhergestellt war, erhob sich Maître Lemerle.

Er leitete seine Verteidigung mit einem Lob auf die Polizisten ein, auf diese bescheidenen Diener des Gesetzes, die bei einem kläglichen Gehalt den größten Ermüdungen und fortwährenden Gefahren ausgesetzt seien und täglich ihren Heldenmut beweisen müßten.

»Es sind meist alte Soldaten«, sagte er, »die Soldaten geblieben sind, Soldat – das sagt alles!«

Und Maître Lemerle erging sich in den höchsten Betrachtungen über militärische Tugenden. Er gehöre zu jenen, sagte er, die nicht zuließen, daß man die Armee beleidige, denn auch er gehöre ihr an und sei stolz darauf.

Der Präsident nickte billigend mit dem Kopfe.

Maître Lemerle war in der Tat Reserveoffizier. Er fuhr fort:

»Nein, sicherlich, ich verkenne nicht die bescheidenen und doch so unschätzbaren Dienste, die unsere Schutzmannschaft Tag für Tag unserem wackren Volke leistet. Und niemals hatte ich eingewilligt, die Verteidigung zu übernehmen, wenn ich in Crainquebille den Beleidiger eines alten Soldaten gesehen hätte.

Man beschuldigt den Angeklagten, gesagt zu haben ›Verfluchter Polyp‹.

Der Sinn dieser Worte unterliegt keinem Zweifel. Wenn Sie ein Jargon-Wörterbuch zur Hand nehmen, so finden Sie ›Verfluchter Polyp‹: Spitzname für Polizist.

Wie wir alle wissen, ist der Polyp ein amphibisches Ungetüm, das gierig seine Fangarme nach allen Richtungen ausstreckt.

Man gebraucht diesen Spitznamen in gewissen Kreisen.

Aber die Frage ist die: – wie hat Crainquebille es gesagt und vielmehr – hat er es überhaupt gesagt? Meine Herren, erlauben Sie mir, das zu bezweifeln.

Ich will den Schutzmann Matra durchaus nicht einer bösen Absicht bezichtigen, aber er verrichtet, wie wir bereits sagten, ein mühseliges Amt. Er ist zuweilen übermüdet, überbürdet, überanstrengt. Unter solchen Umständen ist es möglich, daß er das Opfer einer Gehörs-Halluzination gewesen ist. Und wenn er soeben behauptet hat, der Herr Doktor David Matthieu, ein Offizier der Ehrenlegion und Oberarzt im Hospital von Ambroise Paré, eine Leuchte der Wissenschaft und ein Weltmann, habe ebenfalls ›Verfluchter Polyp‹ geschrien, so sehen wir uns genötigt anzunehmen, daß Matra damals nicht ganz klar bei Sinnen war, ja ich möchte sagen, obgleich es etwas schroff erscheinen mag: der Mann leidet an Verfolgungswahn.

Und selbst wenn Crainquebille ›Verfluchter Polyp‹ gesagt hatte, so ist es noch die Frage, ob dies Wort in seinem Munde eine Beleidigung, also ein Vergehen ist.

Crainquebille ist das uneheliche Kind einer herumziehenden Händlerin, die eine notorische Trinkerin war, er ist also als Alkoholiker geboren. Sehen Sie sich den Mann an und urteilen Sie selbst, was sechzig Jahre des Elends aus ihm gemacht haben.

Meine Herren, Sie müssen zugeben, daß man ihn nicht verantwortlich machen kann.«

Maître Lemerle setzte sich, und der Präsident verlas nun zwischen den Zähnen das Urteil, wonach Crainquebille zu vierzehn Tagen Gefängnis und 50 Francs Geldstrafe verurteilt wurde.

Das Gericht hatte seine Überzeugung auf die Aussage des Schutzmannes Matra gestützt.

Als Crainquebille durch die langen, düsteren Gänge des Gerichtsgebäudes geführt wurde, fühlte er ein ungeheures Bedürfnis nach Mitgefühl. Er drehte sich nach dem Soldaten um und rief ihn an:

»He, Sie – Sie!…« aber der beachtete ihn nicht, und Crainquebille seufzte.

»Ach Gott, wer mir das vor vierzehn Tagen gesagt hätt, daß ich das erleben muß! Die Herren sprechen so schnell« klagte er. »Sie sprechen gewiß sehr schön – aber zu schnell, zu schnell. Ich kann sie nicht verstehen, und sie verstehen mich nicht … Finden Sie nicht auch, Soldat, die Herren sprechen zu schnell?«

Aber der Soldat ging weiter, ohne zu antworten oder auch nur den Kopf zu wenden.

Crainquebille fragte kummervoll:

»Warum geben Sie mir keine Antwort?«

Und als der Soldat immer noch schwieg, rief der alte Mann voll Bitterkeit:

»Mit ‘nem Hund hat man Mitleid, und Sie wollen nicht mal mit ‘nem armen alten Mann sprechen. Sie machen wohl das Maul nie auf, sind Sie nicht bang, daß es stinken wird?«

Die Apologie des Präsidenten Bourriche.

Einige Neugierige und zwei oder drei Rechtsanwälte verließen den Saal, nachdem das Urteil gefällt war, und der Gerichtsdiener kündete schon eine neue Sache an.

Die Fortgehenden dachten nicht weiter über den Fall Crainquebille nach, der sie kaum interessiert hatte. Nur Herr Jean Lermite, ein Kupferstecher, den der Zufall in die Sitzung geführt hatte, stellte seine eigenen Betrachtungen über das eben Gehörte an.

Er klopfte den Maître Joseph Aubaret auf die Schulter und meinte:

»Es ist bewunderungswürdig, wie der Präsident Bourriche es versieht, sich aller eitlen Neugier zu enthalten und sich vor persönlichem Hochmut, der alles wissen will, zu bewahren.

Wenn der Richter die widersprechenden Aussagen von dem Doktor Matthieu und dem Schutzmann Matra gegenüber gestellt hätte, so wäre er auf einen Weg des Zweifels und der Ungewißheit geraten.

Die Methode, welche darin besteht, einen Fall nach allen Regeln der Kritik zu beleuchten, ist unvereinbar mit einer guten Verwaltung der Justiz.

Wenn das Tribunal so unvorsichtig sein würde, eine derartige Methode zu verfolgen, so müßte ja sein Urteil von seinem eigenen Scharfsinn abhängen, der des öfteren gering ist – oder von der menschlichen Fehlbarkeit, die nie aufhört. Wo bliebe da die Autorität!

Auch kann man nicht leugnen, daß die historische Methode ebenfalls unzulänglich ist, um dem Richter jene Gewißheit zu verschaffen, deren er bedarf.

Man erinnere sich nur an Sir Walter Raleighs Abenteuer. Als Sir Walter Raleigh im Tower of London gefangen saß und eines Tages an dem zweiten Teil seiner » History of the world« arbeitete, entspann sich unter seinen Fenstern ein Streit. Er sah eine Weile zu und ging dann wieder an seine Arbeit mit der Überzeugung, die Streitenden sehr gut beobachtet zu haben.

Als er aber tags darauf mit einem seiner Freunde über die Angelegenheit sprach, der bei dem Vorfall zugegen gewesen war und sich sogar an dem Streite beteiligt hatte, widersprach dieser ihm in allen Punkten.

Da erkannte Raleigh die ungeheure Schwierigkeit, fern liegende Ereignisse in ihrer Richtigkeit zu erfassen, wenn es möglich war, daß er sich über das, was vor seinen Augen geschah, getäuscht hatte, und entmutigt warf er sein Manuskript ins Feuer.

Wenn die Richter ebensolche Bedenken trügen wie Raleigh, so müßten sie wohl ihre ganze Gelehrsamkeit ins Feuer werfen. Aber dazu haben sie kein Recht. Sie würden damit die Justiz verleugnen und ein Verbrechen begehen.

Man kann wohl darauf verzichten, – zu wissen, aber man darf nicht darauf verzichten, – zu richten.

Diejenigen Leute, welche wollen, daß die Gerichtsbeschlüsse auf methodische Nachforschungen gegründet sind, müssen als gefährliche Sophisten und hinterlistige Feinde des Zivil-und Militärgerichtes betrachtet werden.

Der Präsident Bourriche hat einen viel zu juristischen Sinn, als daß er sein Urteil von dem Verstand oder von der Wissenschaft beeinflussen ließe, deren Schlüsse ewigen Streit und Zweifel hervorrufen. Er gründet es auf bestimmte Dogmen und Traditionen, so daß seine Urteile an Autorität den Geboten der Kirche gleichen, sie sind sozusagen kanonisch.

Sie sehen z. B., daß er die Zeugenaussagen nicht nach einer unbestimmten trügerischen Wahrscheinlichkeit ordnet, sondern nach innerlichen, permanenten, handgreiflichen Tatsachen.

Er wägt sie nach dem Gewicht der Waffen. Gibt es ein einfacheres und weiseres Mittel?

Das Zeugnis eines Schutzmannes erscheint ihm als unwiderlegbar. Der Mensch als solcher kommt hier gar nicht in Betracht, nur die Kategorie, der er angehört – die hochwohlöbliche Polizei – die heilige Hermandad.

Bastien Matra, gebürtig aus Cinto-Monte (Korsika), erscheint ihm durchaus nicht als unfehlbar. Er weiß, daß der Mann weder eine besonders scharfe Beobachtungsgabe besitzt, noch daß er bei der Prüfung der Sachlage sehr genau und methodisch verfährt.

In Wahrheit existiert überhaupt Bastian Matra in diesem Fall nicht für ihn, sondern nur der Schutzmann Nr. 64.

Ein Mensch kann sich täuschen, denkt er sich. Peter und Paul können sich irren.

Descartes und Gassendi, Leibniz und Newton, Bichat und Claude Bernard, die alle haben sich irren können. Wir alle irren uns, und zwar sehr häufig.

Die Möglichkeit, sich zu irren, ist sehr groß und mannigfaltig. Die Wahrnehmung unserer Sinne und das Urteil unseres Verstandes sind oft nichts weiter als bloße Einbildungen und die Ursache von Ungewißheit und Zweifel.

Man darf sich nicht auf das Zeugnis eines Menschen verlassen.

Testis unus – testis nullus.

Aber auf eine Zahl kann man sich verlassen.

Bastien Matra von Cinto-Monte ist fehlbar – aber der Schutzmann Nr. 64 – wenn man von seiner Person als Mensch absieht – täuscht sich nicht.

Darum hat das Gericht auch nicht gezögert, das Zeugnis des Doktor David Matthieu zu verwerfen, denn er ist nur ein »Mensch«, und es erkennt die Aussage des Schutzmannes Nr. 64 als richtig an, denn er ist eine »reine Idee«, ein Strahl Gottes, der zu uns herniederstieg.

Wenn er auf diese Weise urteilt, so sichert der Präsident sich eine Unfehlbarkeit zu, und zwar die einzige, worauf ein Richter Anspruch erheben kann.

Trägt ein Mensch, der als Zeuge figuriert, einen Säbel, so soll der Richter auf den Säbel hören, nicht auf den Menschen. Der Mensch ist unvollkommen und kann sich irren – ein Säbel nicht, er hat immer recht.

Der Präsident Bourriche ist vollkommen in den Geist des Gesetzes eingedrungen.

Die Gesellschaft ruht auf der öffentlichen Macht, und die öffentliche Macht muß als eine erhabene Institution der Gesellschaft respektiert werden. Die Justiz aber hat die Verwaltung der öffentlichen Macht.

Der Präsident weiß, daß der Schutzmann Nr. 64 ein Teil des Fürsten ist – der Fürst regiert sozusagen in jedem seiner Offiziere.

Die Autorität des Schutzmannes Nr. 64 zu untergraben, heißt so viel, als den Staat schwächen.

Oder wie Bossuet in seiner göttlichen Sprache sagt: »Wenn man nur ein einziges Blatt der Artischocke ißt, so ißt man die Artischocke.«

Alle Säbel des Staates haben dieselbe Richtung. Wollte man sie gegeneinander richten, so würde man die Republik umstürzen.

Darum wurde auf die Aussage des Schutzmannes Nr. 64 der Angeklagte Crainquebille zu fünfzehn Tagen Gefängnis und fünfzig Francs Geldstrafe verurteilt.

Mir ist, als hörte ich, wie der Präsident die lauteren und großen Beweggründe auseinandersetzt, die ihn zu diesem Urteil veranlaßt haben:

»Ich habe dieses Individuum in Übereinstimmung mit dem Schutzmann Nr. 64 verurteilt, denn der Schutzmann Nr. 64 ist ein Teil der öffentlichen Macht.

Damit Sie klar erkennen, meine Herren, wie klug ich gehandelt habe, so bitte ich, nehmen wir einmal an, ich hätte ein gegenteiliges Urteil gefällt.

Sie werden sofort sehen, wie verrückt das gewesen wäre. Denn, wollte ich gegen die öffentliche Macht urteilen, so würde mein Urteil einfach nicht vollstreckt werden.

Der Spruch eines Richters gilt nur, wenn er mit der öffentlichen Macht geht.

Wohin kämen wir ohne unsere Polizei.

Ich würde meiner Stellung schaden. Und überdies widersetzt der Geist der Gesetze sich solchem Urteil.

Den Starken entwaffnen und dem Schwachen die Macht einräumen, das hieße die menschliche Ordnung auf den Kopf stellen, und meine Mission ist, uns dieselbe zu erhalten.

Die Justiz heiligt bestehende Ungerechtigkeiten. Hat sie sich jemals gegen die Eroberer aufgelehnt oder gegen die Gewalthaber, welche die Macht an sich gerissen haben?

Wenn eine illegitime Macht sich erhebt, so braucht das Gesetz sie nur anzuerkennen, um sie dadurch legitim zu machen.

Alles liegt in der Form. Und zwischen schuldig und nicht schuldig entscheidet ein dünnes Blatt gestempelten Papieres.

Warum waren Sie nicht der Stärkere, Crainquebille? Wenn Sie, nachdem Sie ›verfluchter Polyp‹ gerufen hatten, sich zum Kaiser erklären ließen, zum Diktator, zum Präsidenten der Republik oder auch nur zum Stadtrat, so versichere ich Sie, daß ich Sie weder zu vierzehn Tagen Gefängnis, noch zu einer Geldstrafe von fünfzig Francs verurteilt hätte.

Sie wären jeder Strafe entgangen, das dürfen Sie mir glauben.«

So hätte der Präsident Bourriche ohne Zweifel gesprochen, denn er hat einen juristischen Sinn und weiß, was das Tribunal der Gesellschaft schuldig ist, deren Prinzipien er mit Ordnung und Regelmäßigkeit verteidigt.

Die Justiz ist sozial, und nur böse Geister wollen, daß sie auch menschlich und gefühlvoll sei.

Man verwaltet sie nach feststehenden Regeln, aber doch nicht mit Gefühlsduseleien oder Klarheit und Intelligenz.

Man verlangt vor allen Dingen nicht, daß sie gerecht sei. Das hat sie nicht nötig, denn sie ist die Justiz, und der Gedanke einer gerechten Justiz kann wirklich nur in dem Kopfe eines Anarchisten entstanden sein.

Der Präsident Magnaud fällt allerdings Billigkeitsurteile, aber sie werden kassiert, und das ist die wahre Justiz.

Der wirkliche Richter wiegt die Zeugenaussagen nach dem Gewicht der Waffen. Das hat man in Crainquebilles Sache gesehen und in manchen anderen, viel berühmteren Fällen.«

So sprach Jean Lermite, indem er mit langen Schritten den Vorsaal durchmaß.

Josef Aubaret, der das Gerichtswesen kannte, kratzte sich die Nase und sagte:

»Wenn Sie meine Meinung hören wollen, so bezweifle ich, daß der Präsident Bourriche sich zu einer so hohen Metaphysik aufgeschwungen hat. Wenn er die Aussage von dem Schutzmann Nr. 64 gelten ließ, so tat er das lediglich, weil das nun mal alter Brauch ist. In der Nachahmung müssen wir die Beweggründe der meisten menschlichen Handlungen suchen. Wer den althergebrachten Gewohnheiten und Satzungen folgt, wird immer für einen ehrlichen Menschen gelten. Unter ›brave Leute‹ versteht man solche, die es machen wie die andern.«

Crainquebille ergibt sich in die Gesetze der Republik.

Als Crainquebille ins Gefängnis zurückgeführt worden war, setzte er sich auf den angeschmiedeten Stuhl und verharrte in stummem Staunen und stiller Bewunderung. Er wußte selbst nicht recht, daß die Richter sich getäuscht hatten.

Das Gericht hatte ihm seine inneren Schwächen unter der Majestät der Formen verborgen. Er konnte nicht glauben, daß er Recht hatte gegenüber dem Tribunal, dessen Gründe er nicht verstanden hatte. Er vermochte nicht zu fassen, daß etwas bei dieser schönen Zeremonie hinkte. Denn da er weder in die Messe noch ins Theater ging, hatte er in seinem Leben nie etwas so pompöses gesehen, als diese Verhandlung im Gerichtssaal.

Er wußte wohl, daß er nicht »verfluchter Polyp« gerufen hatte und daß man ihn zu vierzehn Tagen Gefängnis und fünfzig Francs Geldstrafe verurteilt hatte, weil er es gerufen haben sollte, aber allmählich wurde diese Idee zu einem erhabenen Mysterium für ihn, zu einem dieser Glaubensartikel, dem die Frommen anhängen, ohne sie zu verstehen.

Es war wie eine dunkle, plötzliche Offenbarung – herrlich und schrecklich zugleich.

Der alte Mann erkannte sich als schuldig, den Schutzmann Nr. 64 in mystischer Weise beleidigt zu haben, wie ein kleiner Junge in der Katechismusstunde Evas Sünde auf sich nimmt.

Durch seine Verhaftung wurde er belehrt, daß er »verfluchter Polyp« gerufen hatte – also hatte er das in mysteriöser, ihm selbst unbewußter Art getan. Er fühlte sich in eine überirdische Welt versetzt. Seine Verurteilung war für ihn ein geheimnisvolles Wunder.

Wie er schon von seinem Vergehen keine rechte Vorstellung hatte, so machte er sich von der Strafe erst recht keinen klaren Begriff. Seine Aburteilung war ihm als eine sehr feierliche, rituelle und vornehme Sache erschienen, als etwas Erhabenes, was man nicht begreifen kann, worüber sich nicht streiten läßt, als etwas, dessen man sich weder zu rühmen noch zu beklagen hat.

Wenn der Präsident Bourriche in diesem Augenblicke durch die Decke herabgestiegen wäre mit einem Heiligenschein um das Haupt und Flügeln an den Schultern, so wäre Crainquebille von dieser neuen Manifestation der richterlichen Glorie nicht weiter überrascht gewesen.

Er hätte sich einfach gesagt:

»Ach so, meine Angelegenheit nimmt ihren Verlauf.«

Am folgenden Tage besuchte ihn sein Advokat.

»Nun, mein Lieber«, fragte Maître Lemerle, »geht es ziemlich gut? Nur Mut, zwei Wochen sind ja schnell vorüber. Wir dürfen uns übrigens nicht allzu sehr beklagen.«

»Das ist wahr«, gab Crainquebille zu, »die Herren sind sehr freundlich und höflich gewesen. Nicht ein grobes Wort haben sie mir gesagt. Hätt’ ich gar nicht gedacht. Und haben Sie wohl gesehen, der Soldat hatte weiße Handschuhe angezogen.«

»Überlegt man sich’s«, bemerkte der Advokat, »so war es das beste, daß Sie gestanden.«

»Mag wohl sein«, erwiderte Crainquebille.

»Ich habe eine gute Nachricht für Sie, Crainquebille. Eine mildtätige Person, die ich für Ihre Lage interessiert habe, hat mir fünfzig Francs für Sie übergeben, also gerade die Summe, zu der Sie verurteilt sind.«

»Und wann werde ich das Geld bekommen«, fragte der Alte.

»Das wird direkt der Kanzlei übergeben, darum brauchen Sie sich nicht zu kümmern.«

»Na einerlei; sagen Sie der Person meinen besten Dank.«

Dann wurde Crainquebille nachdenklich. Nach einer Weile meinte er: »Sonderbar, höchst sonderbar ist das, was mir passiert ist.«

»Glauben Sie das nicht, Crainquebille, Ihr Fall ist durchaus nicht selten.«

»So? – und können Sie mir vielleicht auch sagen, was aus meinem Wagen geworden ist?«

Die öffentliche Meinung.

Crainquebille war aus dem Gefängnis entlassen und schob wieder seinen Wagen durch die Rue Montmartre vor sich her und rief: Kohl, Rüben, Wurzeln!

Er empfand weder Stolz noch Scham wegen seines Abenteuers.

Es war keine peinliche Erinnerung für ihn, sondern wie ein Schauspiel, eine Reise, ein Traum.

Nun aber war er froh, wieder im Schmutz herumzugehen über das Pflaster der Straßen und über sich den Himmel zu sehen, grau in grau im strömenden Regen – den lieben Himmel seiner geliebten Stadt.

An allen Straßenecken hielt er an, um ein Glas zu trinken, dann fühlte er sich frei und seelenvergnügt, spuckte in die schwieligen Hände, damit sie geschmeidiger wurden, und faßte von neuem die Griffe seines Handwagens.

Die Sperlinge, die wie er arme Frühaufsteher waren und ihr Futter am Wege suchten, flatterten auf bei seinem Rufe –Kohl, Rüben, Wurzeln – und flogen vor ihm her.

Eine alte Haushälterin kam heran und prüfte das Gemüse.

»Ja, was war denn mit Ihnen los, Vater Crainquebille«, fragte sie, »man hat Sie ja so lange nicht gesehen. Sind Sie krank gewesen? Sie sehen etwas blaß aus.«

»Tje«, erwiderte Crainquebille, »ich will Ihnen was sagen, Frau Mailloche, ich hab’ ‘n bißchen privatisiert.«

Nichts in seinem Leben ist verändert, höchstens daß er häufiger als sonst ein Gläschen trinkt. Er hat das Gefühl, als sei immer Feiertag, und dann hat er ja auch die Bekanntschaft von mildtätigen Leuten gemacht.

Ein bißchen angeheitert gelangt er abends in seinen Verschlag. Dann streckt er sich zufrieden aus, deckt sich mit den Säcken zu, die ihm sein Freund, der Kastanienverkäufer von der Ecke, geliehen hat und brummt vor sich hin:

»Im Gefängnis ist es gar nicht so übel, man hat da alles, was man braucht, aber einerlei, zu Hause ist es doch besser.«

Seine Zufriedenheit sollte nicht lange dauern. Er bemerkte bald, daß die Kunden ihn schnitten.

»Ich habe heute recht schönen Sellerie, Madame Cointreau«, sagte er freundlich.

»Brauche nichts«, erwiderte die Frau barsch.

»Was, Sie brauchen nichts? Sie leben doch jetzt wohl nicht bloß von der Luft?« fragte Crainquebille erstaunt.

Aber Madame Cointreau würdigte ihn keines Blickes und ging stolz in ihren Schlächterladen. Sonst hatten sich Meisterinnen und Mädchen um seinen Wagen gedrängt, der stets mit reichlicher Auswahl versehen war, jetzt drehten sie ihm alle den Rücken, sobald sie ihn sahen.

Als Crainquebille zu dem Schusterladen kam, wo sein gerichtliches Abenteuer angefangen hatte, rief er:

»Madame Bajard, Madame Bajard, Sie sind mir noch von neulich die fünfzehn Sous schuldig.«

Aber Madame Bajard, welche an der Kasse thronte, hielt es unter ihrer Würde, ihn zu beachten.

Die ganze Straße wußte, daß der alte Crainquebille aus dem Gefängnis kam, und alle taten, als ob sie ihn nicht kannten.

Von hier aus hatte sich das Gerücht in dem ganzen Viertel verbreitet.

Als Crainquebille gegen Mittag in eine andre Straße kam, sah er seine freundliche Kundin Madame Laure an dem Gemüsewagen des kleinen Martin stehen. Sie musterte gerade einen großen Kohlkopf. Ihre Haare glänzten wie eine Unmasse feiner goldener Fäden. Und Martin, der Knirps, dieser schmutzige Lausbub, schwor mit der Hand auf dem Herzen, daß es weit und breit keine bessere Ware gäbe, als die seine.

Das gab Crainquebille einen Stich ins Herz. Er stieß seinen Wagen gegen Martins Karren und sagte mit klagender, gebrochener Stimme:

»Das ist nicht schön von Ihnen, daß Sie mir untreu werden.«

Wie sie selbst eingestand, war Madame Laure durchaus nicht als Herzogin geboren. Und ihre Kenntnisse vom grünen Wagen und Gefängnis hatte sie sich auch nicht gerade in der großen Welt erworben.

Aber man kann in allen Lebenslagen ehrlich sein, nicht wahr? Jeder hat seine Portion Selbstgefühl, und man mag nichts zu tun haben mit einem Individuum, das gerade aus dem Gefängnis kommt.

Daher antwortete sie Crainquebille nur mit einem verächtlichen Achselzucken und wandte sich ab.

Der alte Mann zuckte schmerzlich zusammen, dann aber fuhr er auf und brüllte ihr nach:

»Schanddirne, – liederliches Weibsbild!«

Vor Schreck ließ Madame Laure ihren Kohlkopf fallen.

»Scher’ dich weiter, du Lump«, rief sie außer sich vor Entrüstung, »so was kommt gerade aus dem Gefängnis heraus und will andere beleidigen.«

Bei ruhigem Blut hätte Crainquebille Madame Laure niemals ihren Lebenswandel vorgeworfen. Er wußte nur zu gut, daß es in dieser Welt nicht so geht, wie man gern möchte, und daß man sich sein Handwerk nicht immer wählen kann.

Für gewöhnlich kümmerte er sich überhaupt nicht darum, was seine Kunden taten. Aber heute war er außer sich. Er schimpfte hinter der Frau her:

»Gemeine Person, Hurenmensch …«

Ein Kreis von Neugierigen sammelte sich um die beiden, die immer ausfälliger wurden. Wahrscheinlich hätte die Schimpfszene noch lange fortgedauert, wenn nicht plötzlich ein Polizist aufgetaucht wäre und sie durch seine schweigende Unbeweglichkeit eingeschüchtert hätte.

Leise murrend gingen die beiden auseinander.

Nach diesem Auftritt aber war Crainquebille in seinem Viertel erst recht unmöglich geworden.

Die Folgen.

Und der alte Mann zog weiter und murmelte für sich hin:

»Ganz sicher, daß sie so eine ist, – ja, sie ist so eine –«

Aber im Grunde seines Herzens machte er ihr keinen Vorwurf daraus. Und deswegen verachtete er sie auch nicht. Im Gegenteil. Er bewunderte Madame Laure, weil sie sparsam war und es verstand, etwas für ihre alten Tage zurück zu legen. Früher hatten beide gern miteinander geschwatzt. Sie hatte ihm dann von ihren Eltern erzählt, die auf dem Lande wohnten; und beide hegten den großen Wunsch, einen kleinen Garten zu besitzen, um Gemüse darin zu ziehen und Geflügelzucht zu treiben.

Madame Laure war eine gute Kundin gewesen, und als Crainquebille nun sehen mußte, daß sie ihren Kohl bei dem kleinen Martin kaufte, bei diesem elenden Knirps, diesem Lausbuben, da war ihm der Schreck in alle Glieder gefahren, und wie sie ihn obendrein noch so verächtlich behandelt hatte, da war ihm die Galle übergelaufen.

Das Schlimmste war, daß Madame Laure nicht die einzige war, die ihn wie einen Aussätzigen behandelte.

Alle taten, als kennten sie ihn nicht mehr.

Die Schusterfrau, die Schlächtermeisterin, alle wandten sich verächtlich von ihm ab. Die ganze Gesellschaft in dem Viertel wollte nichts mehr von ihm wissen.

Also bloß, weil er vierzehn Tage gesessen hatte, war er nun nicht mehr gut genug, Gemüse zu verkaufen! War das wohl gerecht? Hatte es Sinn und Verstand, einen alten braven Mann Hungers sterben zu lassen, einzig und allein, weil er mit einem »Putz« in Konflikt geraten war?

Wenn er sein Gemüse nicht mehr los wurde, so konnte er sich nur hinlegen und krepieren.

Das erbitterte den Alten.

Nach seinem Streit mit Madame Laure hatte er Händel über Händel. Um die geringste Kleinigkeit stritt er. Mit den Kunden war er grob und schimpfte ungeduldig, wenn mal einer ein bißchen lange zwischen seinen Waren suchte.

In der Wirtsstube zankte er mit allen, so daß sein Freund, der Kastanienhändler, ihn nur noch »altes Stachelschwein« nannte. Und wirklich wurde Crainquebille von Tag zu Tag unleidlicher. Er schlief schlecht, war übel gelaunt und hatte immer ein böses Maul.

Das Unglück machte ihn ungerecht. Er rächte sich an denen, die nichts Böses gegen ihn im Sinn hatten und oft auch an Schwächeren. So gab er eines Tages dem kleinen Alphons, dem Sohn eines Weinhändlers, eine Ohrfeige, als das Kind ihn fragte, ob es im Gefängnis schön sei.

»Unverschämter Bengel«, schalt er, »wenn es nach Recht und Gerechtigkeit ginge, so säße dein Vater im Loch, anstatt reich zu werden bei seinen Giftmischereien.«

Wort und Handlung machten ihm keine Ehre, denn wie sein Freund, der Kastanienverkäufer, ihm gerechterweise vorwarf – Kinder soll man nicht schlagen und ihnen ihre Eltern vorwerfen, die sie sich ja nicht selbst gewählt haben.

Er fing an zu trinken. Je weniger er verdiente, desto mehr trank er. Und da er früher sehr sparsam und mäßig gewesen war, wunderte er sich über sich selbst:

»Ich bin doch sonst kein liederlicher Mensch gewesen. Man wird wohl immer unvernünftiger, je älter man wird«, philosophierte er.

Oft ärgerte er sich über seine Bummelei und Faulheit. »Alter Lump«, schalt er sich, »du taugst rein zu gar nichts mehr.«

Manchmal versuchte er sich selbst zu betrügen, dann redete er sich ein:

»Muß doch von Zeit zu Zeit ein Glas trinken, das stärkt die müden Glieder. Da ist sicher etwas nicht in Ordnung in dem alten Magen, und da hilft nichts, als ‘n Glas Kirsch.«

Oft verpaßte er nun in den Markthallen frühmorgens die Anfuhr und den Großverkauf der Gemüse, dann mußte er alte, verdorbene Ware nehmen, die man ihm auf Kredit gab.

Einmal fühlte er sich an Leib und Seele so matt und gebrochen, daß er seinen Wagen in der Remise stehen ließ. Den ganzen Tag verbrachte er in den Wirtshäusern bei den Markthallen, und abends saß er zusammengekauert und bedrückt auf einem umgestülpten Korb und grämte sich über seine Verkommenheit.

Er dachte an seine frühere Kraft und Leistungsfähigkeit, an die schweren Mühen, die er ausgestanden hatte und den glücklichen Gewinn, den er heimtrug, an all die zahllosen Tage, die einander so glichen, so ausgefüllt gewesen waren.

Er sah sich wieder, wie er in der Nacht in den Markthallen auf die Anfuhr der Gemüse wartete. Dann wurde der Wagen sorgfältig und kunstgerecht beladen, stehenden Fußes noch ein Schluck schwarzer Kaffee hinunter getrunken bei Mutter Theodora, und dann wurde der Karren mit fester Hand in Bewegung gesetzt.

Kräftig und hell wie ein Hahnenschrei klang sein Ruf durch den frühen Morgen, wenn er durch die Straßen fuhr.

Sein ganzes unschuldiges und hartes Leben, das er während eines halben Jahrhunderts geführt hatte, zog an seinem geistigen Auge vorüber. Wie er tagaus, tagein wie ein Lasttier auf seiner rollenden Auslage den müden Städtern die frische Ernte der Gemüsegärten gebracht hatte.

Und seufzend schüttelte er den Kopf:

»Ne, ne, ich kann nicht mehr, mit mir ist es aus. Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht. Seit meiner Geschichte bei Gericht bin ich ganz verändert. Ich bin gar nicht mehr derselbe Mensch.«

Kurz und gut, Crainquebille war moralisch vernichtet. Wenn einer mal erst soweit ist, so kommt er nicht mehr in die Höhe, und die Menschen verhöhnen ihn, statt ihm zu helfen.

Die letzten Folgen.

Das Elend kam, das schwarze Elend. Der alte Mann, der früher aus der Vorstadt Montmartre die Taschen voll fünf Francsstücken zurückbrachte, hatte jetzt keinen Pfennig mehr.

Es war Winter. Aus seinem Verschlag war er ausgewiesen, nun schlief er in einer Remise.

Es regnete seit 24 Stunden, die Abzugskanäle waren verstopft, die Gossen liefen über, und die Remise stand unter Wasser.

Crainquebille saß zusammengekauert in seinem Wagen über den stinkenden Pfützen zwischen Spinnen, Ratten und ausgehungerten Katzen und starrte dumpfbrütend vor sich hin.

Ihn fror. Er hatte den ganzen Tag nichts gegessen, und zudecken konnte er sich auch nicht, denn sein Freund, der Kastanienhändler, hatte ihm die Säcke wieder weggenommen, die er ihm geliehen hatte.

Er dachte an die beiden Wochen, wo ihm die Stadt Nahrung und Wohnung gegeben hatte. Er beneidete die Gefangenen, die weder von Hunger noch von Kälte zu leiden hatten, und plötzlich kam ihm ein Einfall:

»Ich kenne ja jetzt den Kniff«, sagte er sich, »warum sollte ich ihn nicht brauchen«.

Er stand auf und ging auf die Straße hinaus. Es mochte eben elf Uhr sein. Die Nacht war dunkel und rauh, ein dichter, durchdringender Nebel fiel hernieder.

Die wenigen Leute auf der Straße drängten sich hart an den schützenden Mauern der Häuser entlang.

Crainquebille ging an der St. Eustache-Kirche vorüber und bog in die Rue Montmartre ein. Sie lag ganz verödet da. Nur ein Schutzmann stand auf dem Trottoir hinter der Kirche an einen Laternenpfahl gelehnt, und der seine rieselnde Regen bildete einen rötlichen Dunst um das Gaslicht. Er fiel auf die Kapuze des Schutzmannes, der ganz durchnäßt schien, aber sei es, daß dieser das Licht der Dunkelheit vorzog, oder des Herumgehens müde war, er blieb an der Laterne stehen, die ihm vielleicht in der einsamen Nacht ein Freund und Gefährte war.

Die zitternde Flamme war seine einzige Unterhaltung in den langen Stunden der Nachtwache.

Seine Unbeweglichkeit hatte etwas Übermenschlisches. Der Widerschein seiner Stiefel auf dem nassen Trottoir, das wie ein See aussah, verlängerte ihn nach unten und gab ihm das Aussehen eines amphibischen Ungeheuers, das halb aus den Wassern ragte.

In der Nähe mit seiner Kapuze und den Waffen konnte man ihn für einen Mönch oder für einen Soldaten halten.

Die groben Gesichtszüge, die durch den Schatten der Kapuze noch vergrößert wurden, hatten etwas Friedliches und Trauriges.

Er hatte einen kurzen, dicken, grauen Schnurrbart und war ein ausgedienter Soldat von einigen vierzig Jahren.

Crainquebille näherte sich ihm leise und sagte mit zögernder schwacher Stimme:

»Verfluchter Polyp.«

Dann wartete er auf die Wirkung dieser berüchtigten Worte. Aber die Wirkung blieb aus. Der Schutzmann blieb stumm und unbeweglich mit untergeschlagenen Armen stehen.

Aus seinen großen, weit geöffneten Augen, die im Dunkel leuchteten, blickte er auf Crainquebille voll Traurigkeit, Wachsamkeit und Verachtung.

Crainquebille war ganz verwundert, aber mit einem Rest von Energie stammelte er:

»Verfluchter Polyp – das gilt Ihnen.«

Ein langes Schweigen folgte. Um die Laterne tropfte der rötliche, feine Regen, ringsumher lag ein eisiger tiefer Schatten.

Endlich sprach der alte Soldat:

»Das müssen Sie nicht sagen … wahr und gewiß, das müssen Sie nicht sagen. Wenn man so alt ist, wie Sie, sollte man vernünftiger sein. Gehen Sie Ihrer Wege.«

»Warum arretieren Sie mich nicht?« fragte Crainquebille.

Der Schutzmann schüttelte den Kopf unter seiner nassen Kapuze:

»Wenn wir all die Krakehler einstecken wollten,« sagte er, »die sagen, was sie nicht sagen dürfen, dann hätten wir viel zu tun!… Und was hätte das wohl für einen Zweck?«

Crainquebille knickte zusammen bei dieser ungeheuren Verachtung. Betäubt und stumm blieb er lange Zeit im Rinnstein stehen. Ehe er weiterging, versuchte er eine Erklärung:

»Es war auch nicht für Sie, daß ich »Verfluchter Polyp« gesagt habe, und auch für keinen andern – es war nur so eine Idee.«

»Das ist ganz einerlei, warum Sie es gesagt haben«, erwiderte der Schutzmann mit herber Sanftmut. »Aber das muß man nicht sagen, denn wenn ein Mensch seine Pflicht tut und viele Strapazen ausstehen muß, so soll man ihn nicht durch müßige Worte beleidigen. Ich wiederhole Ihnen noch einmal, gehen Sie ihrer Wege.«

Crainquebille senkte den Kopf und wankte langsam mit hängenden Armen durch den Regen in die finstere Nacht hinein.

Putois

Inhaltsverzeichnis

I.

»Der Garten unserer Kindheit,« sagte Herr Bergert, »den man mit wenigen Schritten durcheilen konnte, war doch für uns eine unermeßliche Welt voll Lust und Schrecken.«

»Lucien, erinnerst du dich noch an Putois«, fragte Zoë und neigte mit dem ihr eigenen Lächeln, wobei sie die Lippen fest zu schließen pflegte, ihr Gesicht über ihre Nadelarbeit.

»Natürlich erinnere ich mich an Putois!… Von allen Gestalten, die mir in meiner Kindheit vor die Augen gekommen sind, ist Putois mir am lebhaftesten im Gedächtnis geblieben. Ich besinne mich noch auf alle Züge seines Gesichts und seines Charakters. Er hatte einen spitz zulaufenden Schädel…«

»Eine niedrige Stirn,« fügte Zoë hinzu.

Die Geschwister sagten nun abwechselnd mit monotoner Stimme und wunderlich ernster Miene alle Einzelheiten einer Art von Signelament her:

»Niedere Stirn.«

»Gläserne Augen.« »Unstäter Blick.«

»Krähenfüße an der Schläfe.«

»Hervortretende, rote, glänzende Backenknochen.«

»Die Ohren hatten keine Ränder.«

»Die Gesichtszüge waren ohne allen Ausdruck.«

»Die Hände waren in steter Bewegung und verrieten seine Gedanken.«

»Er war mager, etwas gebeugt und anscheinend schwächlich.«

»Sein Daumen war riesig groß.«

»Seine Stimme schleppend.«

»Seine Redeweise süßlich.«

Plötzlich rief Herr Bergeret lebhaft:

»Eins haben wir noch vergessen, Zoë! die gelbliche Haarfarbe und das dünne Haar. Wir wollen es noch einmal wiederholen.«

Mit Erstaunen hatte Pauline dieser seltsamen Aufzählung von Putois’ Eigenschaften zugehört und fragte nun ihren Vater und ihre Tante, wie sie dazu kämen, dies Prosastück auswendig zu wissen und wie eine Litanei herzusagen. Herr Bergeret erwiderte ernst:

»Pauline, was du soeben vernommen hast, ist ein geheiligter, ich darf wohl sagen, liturgischer Text für den Privatgebrauch der Familie Bergeret. Es geziemt sich, daß er dir überliefert werde, damit er nicht dereinst mit deiner Tante und mir untergehe.

»Dein Großvater, mein liebes Kind, dein Großvater Eloi Bergeret, ein Mann, der an nichtigen Dingen keinen Gefallen fand, schätzte dieses Stück hoch, besonders in Anbetracht seines Ursprungs. Er nannte es ›die Anatomie von Putois‹. Auch pflegte er zu sagen, erziehe in gewisser Weise die Anatomie von Putois der Anatomie von Quaresmeprenant vor. ›Wenn die Beschreibung, die Xenomanes davon machte,‹ sagte er, ›auch wissenschaftlich bedeutender ist und reicher an seltenen und vorzüglichen Ausdrücken, so wird sie doch durch Gedankenklarheit und Flüssigkeit des Stils von der Beschreibung des Putois übertroffen.‹ Er urteilte so, weil der Doktor Ledouble von Tours damals noch nicht seine Erklärung über die Kapitel 30 – 32 des vierten Buches von Rabelais gegeben hatte.« »Von alledem verstehe ich kein Wort,« sagte Pauline.

»Das kommt daher, weil du Putois nicht kennst, liebe Tochter. Du mußt wissen, daß Putois für mich und Tante Zoë die bekannteste Figur aus unserer Kinderzeit war. Im Hause deines Großvaters Bergeret wurde unaufhörlich von Putois geredet. Jeder glaubte, ihn gesehen zu haben.«

»Wer war denn eigentlich Putois?« fragte Pauline.

Statt zu antworten begann Herr Bergeret zu lachen, und seine Schwester lachte gleichfalls mit fest geschlossenen Lippen.

Pauline ließ ihre Blicke von einem zum andern wandern. Sie fand es wunderbar, daß ihre Tante so von Herzen lachte, und noch wunderbarer, daß sie so in voller Übereinstimmung und Sympathie mit ihrem Bruder lachte. Es war auch in der Tat auffallend, denn Bruder und Schwester waren selten einer Meinung.

»Papa, sag’ mir doch, wer war Putois? Du willst ja, daß ich es wissen soll, so sag es mir doch.« Putois, liebe Tochter, war ein Gärtner. Er war ein Sohn achtbarer Kunstgärtnersleute und hatte in St. Omer eine Baumschule eingerichtet. Aber seine Kundschaft war nicht zufrieden mit ihm, er machte schlimme Streiche. Sein Geschäft hatte er aufgegeben und ging auf Tagesarbeit aus, und die Leute, die ihn beschäftigten, hatten nicht immer Ursache ihn zu loben. Bei diesen Worten sagte Fräulein Bergeret noch immer lachend:

»Erinnerst du dich wohl noch, Lucien, wenn unser Vater auf seinem Schreibtisch sein Tintenfaß, seine Federn, seinen Siegellack, seine Schere oder – was es immer sei – vermißte, so pflegte er zu sagen: ›Ich vermute, daß Putois hier gewesen ist‹.«

»Ja,« erwiderte Herr Bergeret, »Putois stand in keinem guten Ruf.«

»Ist das alles?« fragte Pauline.

»Nein, liebe Tochter. Putois hatte die Eigentümlichkeit, daß er uns bekannt und vertraut war, und daß er dennoch gar nicht…«

»Garnicht existierte!« rief Zoë. Herr Bergeret warf seiner Schwester einen vorwurfsvollen Blick zu:

»Welch ein Ausdruck, Zoë! Warum so den Zauber brechen! Putois hätte gar nicht existiert! Wagst du das wirklich zu sagen, Zoë? Kannst du das begründen? Hast du die Existenzbedingungen, die Art und Weise des Daseins ausreichend geprüft, um wirklich behaupten zu wollen, Putois habe nie existiert, sei gar nie dagewesen? Sicherlich existierte Putois, liebe Schwester, aber es ist wahr, er führte ein eigenartiges Dasein.«

»Ich verstehe immer weniger, was ihr sagt,« bemerkte Pauline verzagt.

»Die Wahrheit wird dir sofort einleuchten, liebe Tochter. Erfahre also, daß Putois in reifem Alter geboren ward. Ich war damals noch ein Kind, deine Tante war schon ein junges Mädchen. Wir bewohnten ein kleines Haus in einer Vorstadt von St. Omer. Unsere Eltern führten ein ruhiges, zurückgezogenes Leben, bis sie von einer Eingeborenen von St. Omer, von einer alten Dame mit Namen Frau Cornouiller entdeckt wurden, die in der Nähe der Stadt auf ihrem Landsitze Monplaisir wohnte und ausfindig gemacht hatte, daß sie die Großtante meiner Mutter sei. Sie machte nun von ihrem verwandtschaftlichen Recht Gebrauch und verlangte, daß unsere Eltern jeden Sonntag zum Mittagessen nach Monplaisir kommen sollten, wo sie sich sträflich langweilten. Sie sagte, es sei wohlanständig, am Sonntag in der Familie zu dinieren, nur Leute ohne Stand und Rang hielten nicht auf diese gute Sitte. Mein Vater weinte fast vor Ärger und Langeweile in Monplaisir. Es tat einem weh, seine Verzweiflung mitanzusehen. Aber Frau Cornouiller bemerkte das nicht. Sie sah überhaupt nichts. Meine Mutter schickte sich mit mehr Anstand in die Sache. Sie litt ebenso sehr wie unser Vater, vielleicht noch mehr, aber sie lächelte.«

»Die Frauen sind zum Leiden geboren,« sagte Zoë.

»Zoë, alles was auf der Welt lebt, ist zum Leiden bestimmt. Vergebens lehnten unsere Eltern diese entsetzlichen Einladungen ab. Der Wagen der Frau Cornouiller stand jeden Sonntag mit unerbittlicher Pünktlichkeit vor ihrer Tür, um sie abzuholen. Es half nichts, man mußte nach Monplaisir fahren, das war eine Pflicht, der man sich absolut nicht entziehen konnte. Es war einmal die festgesetzte Ordnung, die nur durch einen Gewaltstreich durchbrochen werden konnte. Endlich empörte sich mein Vater und schwur, daß er niemals wieder der Einladung der Frau Cornouiller Folge leisten werde. Er überließ es meiner Mutter, einen passenden Vorwand und allerlei Gründe für die Ablehnung ausfindig zu machen. Aber gerade dazu war sie am wenigsten imstande. Sie verstand es ganz und gar nicht, sich zu verstellen.«

»Sage lieber, sie wollte es nicht verstehen, Lucien. Sie hätte ebenso gut lügen können, wie alle anderen Menschen.«

»Sicherlich. Aber wenn sie gute Gründe hatte, so ließ sie die lieber gelten, als daß sie schlechte erfunden hätte. Du erinnerst dich vielleicht noch, es passierte ihr eines Tages bei Tische, daß sie sagte, ›zum Glück hat Zoë Keuchhusten, nun brauchen wir lange Zeit nicht nach Monplaisir zu fahren‹.« »Ja, ganz richtig!« gab Zoë zu.

»Du genasest, Zoë, und Frau Cornouiller kam eines Tages zu unserer Mutter und sagte: ›Meine Liebe, ich rechne darauf, daß Sie am Sonntag mit Ihrem Gatten zum Diner nach Monplaisir kommen‹. Vom Vater aber hatte die Mutter ganz ausdrücklichen Bescheid bekommen, die Einladung unter allen Umstanden abzulehnen, und in dieser Notlage erfand sie einen Grund, der der Wahrheit nicht entsprach.

›Ich bedauere lebhaft, gnädige Frau,‹ sagte unsere Mutter, aber es wird uns unmöglich sein, denn Sonntag erwarte ich den Gärtner.‹

»Frau Cornouiller sah durch die Glastür des Wohnzimmers auf den kleinen verwilderten Garten, wo Spillbaum und Flieder ganz danach aussahen, als ob sie das Messer des Gärtners nie gekannt hatten und auch nie kennenlernen würden.

›Sie erwarten den Gärtner! wozu denn?‹

›Er soll im Garten arbeiten.‹

»Unwillkürlich hatte meine Mutter bei ihren Worten ihre Augen auf das kleine Viereck voll Unkraut und halbverwilderter Pflanzen gerichtet, das sie soeben als Garten bezeichnet hatte, und sah mit Schrecken die Unwahrscheinlichkeit ihrer Erfindung ein.

›Der Mensch‹, sagte Frau Cornouiller, ›könnte wohl am Montag oder Dienstag kommen, um Ihren … Garten zu pflegen. Das wäre auch viel besser. Am Sonntag soll man nicht arbeiten.‹

›Er ist aber in der Woche beschäftigt.‹

»Ich habe oft bemerkt, daß die absurdesten, ungeeignetsten Gründe den wenigsten Widerstand finden. Sie verwirren im Gegenteil den Gegner. Frau Cornouiller bestand denn auch weniger hartnäckig auf ihrer Meinung, als man es bei einer so wenig nachgiebigen Person erwartet hätte. Als sie sich von ihrem Sitz erhob, fragte sie:

›Wie heißt Ihr Gärtner, meine Liebe?‹

›Putois,‹ erwiderte unsere Mutter ohne Zögern.

»So hatte denn Putois seinen Namen. Seitdem existierte er. Beim Fortgehn sagte Frau Cornouiller vor sich hin:

›Putois, Putois, das kommt mir bekannt vor. Ich kenne ihn wohl, aber ich erinnere mich nicht recht. … Wo wohnt er denn?‹

›Er geht auf Tagesarbeit aus; wenn man ihn braucht, so läßt man es ihm bei dem einen oder dem anderen sagen.‹

›Das dachte ich mir wohl, ein Herumtreiber, ein Vagabund, ein richtiger Nichtsnutz. Nehmen Sie sich vor ihm in acht, meine Liebe!‹

»Von nun an hatte Putois einen Charakter.«

II.

Inzwischen waren die Herren Goubin und Marteau gekommen. Herr Bergeret machte sie mit dem Gegenstand der Unterhaltung bekannt.

»Wir sprachen gerade von jemand, den meine Mutter eines schönen Tages zum Gärtner in St. Omer machte und ihm einen Namen gab.

»Seit der Zeit begann auch seine Wirksamkeit.«

»Bitte noch einmal, verehrter Meister,« sagte Herr Goubin, und wischte sein Augenglas. »Gern,« erwiderte Herr Bergeret. »Es gab einen Gärtner in St. Omer. Der Gärtner existierte nicht, aber meine Mutter sagte: ›Ich erwarte den Gärtner‹. Alsbald gab es einen Gärtner, der auch zugleich zu einer handelnden Person wurde.«

»Teurer Meister,« fragte Herr Goubin, »wie konnte er handeln, da er ja gar nicht existierte?«

»Er besaß eben doch eine Art von Existenz,« erwiderte Herr Bergeret.

»Sie wollen sagen, eine imaginäre Existenz,« sagte Herr Goubin verächtlich.

»Ist denn eine imaginäre Existenz nichts?«, rief der Meister. »Sind nicht die mythischen Personen von großem Einstuß auf die Menschheit gewesen? Denken Sie doch an die Mythologie, Herr Goubin, und Sie werden erkennen, daß es zwar nicht wirkliche Wesen, sondern imaginäre Wesen waren, die aber den größten Einfluß auf die Seelen gehabt haben. Wesen, die überall und zu allen Zeiten nicht mehr Wirklichkeit besaßen als Putois, haben den Völkern Haß und Liebe, Schrecken und Hoffnung eingeflößt, haben ihnen Verbrechen angeraten, Opfer empfangen, Sitten und Gesetze geschaffen. Denken Sie über die ewig dauernde Mythologie nach, Herr Goubin. Putois ist eine mythische Persönlichkeit und, wie ich zugeben muß, eine von der obskursten und niedrigsten Art. Der plumpe Satyr, der einst am Tische unserer Bauern im Norden saß, wurde für würdig erachtet, in einem Gemälde von Jordans und in einer Fabel von Lafontaine zu figurieren. Der behaarte Sohn des Syorax ist in die erhabene Welt eines Shakespeare hineingelangt. Putois ist weniger glücklich gewesen und wird stets von den Künstlern und Dichtern mißachtet werden. Es fehlt ihm an Größe und Fremdartigkeit, an Stil und Charakter. Er kam unter zu vernünftigen Leuten zur Welt, unter Leuten, die lesen und schreiben konnten und nicht die reizende Einbildungskraft besaßen, die zur Fabelbildung führt. Ich denke, meine Herren, was ich gesagt habe, wird ausreichen, um Ihnen die wahre Natur von Putois begreiflich zu machen.«

»Ich verstehe Sie wohl,« sagte Herr Goubin. »Putois wurde in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts geboren in St. Omer,« fuhr Herr Bergeret fort. »Besser für ihn wäre es gewesen, wenn er einige Jahrhunderte früher im Ardennerwald zur Welt gekommen wäre. Denn dann wäre er ein böser Geist von außerordentlicher Geschicklichkeit geworden.«

»Eine Tasse Tee gefällig?«, fragte Pauline.

»Putois war also ein böser Geist?« erkundigte sich Herr Marteau.

»Er war böse,« erwiderte Herr Bergeret, »aber er war es nur in gewisser Weise. Es war mit ihm wie mit den Teufeln, von denen man sagt, daß sie böse seien, an denen man aber bei näherem Umgang doch gute Seiten entdeckt. Ich bin geneigt zu glauben, daß man Putois sehr Unrecht getan hat. Frau Cornouiller hatte ein Vorurteil gegen ihn gefaßt und hegte sofort den Verdacht, er sei ein Taugenichts, ein Trunkenbold und Dieb. Dann überlegte sie: wenn meine Mutter ihn beschäftigte, so tat sie das sicher, weil er bescheiden in seinen Ansprüchen war, und sie fragte sich, ob es nicht klüger sei, ihn auch in Arbeit zu nehmen, anstelle ihres Gärtners, der zwar einen besseren Ruf besaß, aber weit anspruchsvoller war. Die Zeit zum Beschneiden der Taxusbäume nahte heran. Sie dachte, wenn Frau Eloi Bergeret, die doch nur arm sei, Putois nicht viel zahle, so würde sie, die reiche Frau Cornouiller, ihm noch weniger geben, weil es einmal so üblich ist, daß die Reichen weniger bezahlen als die Armen. Und sie sah schon im Geiste ihre Taxusbäume gefällig zugestutzt zu dichten Wänden, Kugeln und Pyramiden, ohne daß sie große Ausgaben davon gehabt hätte. Ich werde schon ein Auge auf ihn haben, sagte sie sich, und sehen, daß Putois die Zeit nicht vergeudet und mich nicht bestiehlt. Sie beschloß daher, einen Versuch mit ihm zu machen und sagte zu unserer Mutter: ›Meine Liebe, schicken Sie doch Putois einmal zu mir, er könnte auf Monplaisir arbeiten.‹

»Meine Mutter versprach es, und sie hätte gern ihr Wort gehalten, wenn es möglich gewesen wäre.«

Frau Cornouiller erwartete Putois in Monplaisir, aber vergebens. Da sie sehr beharrlich in ihren Absichten war und auf ihren Vorsätzen zu bestehen pflegte, beklagte sie sich beim nächsten Wiedersehn bei meiner Mutter, daß sie nichts von Putois gehört habe.

›Haben Sie ihm denn nicht gesagt, daß ich ihn erwarte, meine Liebe,‹ fragte sie meine Mutter.

›Allerdings, aber er ist ein wunderlicher Mensch.‹

›O, ich kenne diese Sorte. Ihren Putois kenne ich durch und durch. Aber es gibt keinen Arbeiter, der so verrückt wäre, daß er sich weigerte, in Monplaisir zu arbeiten. Mein Haus ist zu bekannt, denke ich. Putois wird sich mir schon zur Verfügung stellen, und zwar bereitwillig, meine Beste. Sagen Sie mir nur, wo er wohnt, ich werde selbst zu ihm gehen.‹

»Meine Mutter erwiderte, sie wisse nicht, wo Putois wohne, er habe weder Haus noch Herd.

›Ich habe ihn nicht wiedergesehen, Frau Cornouiller,‹ sagte sie, ›ich glaube, er hält sich verborgen.‹

»Was hätte sie auch wohl sonst sagen können?

»Frau Cornouiller hörte das freilich nicht ohne Mißtrauen an. Sie glaubte, daß meine Mutter ihn ganz mit Beschlag belegt habe und ihn allen Nachforschungen entzöge, weil sie fürchtete, ihn sonst zu verlieren, oder daß er durch andere anspruchsvoller werden könne. Sie hielt sie wirklich für so eigennützig. Viele allgemein anerkannte Urteile, die die Geschichte sanktioniert hat, sind ebenso begründet wie dieses.«

»Das ist freilich wahr,« meinte Pauline.

»Was ist wahr?« fragte Zoë.

»Daß die Urteile der Geschichte oft falsch sind. Ich erinnere mich, Papa, daß du eines Tages sagtest: ›Frau Roland war sehr naiv, an die Unparteilichkeit der Nachwelt zu appellieren. Sie sah nicht ein, daß, wenn unsere Zeitgenossen bösartige Affen sind, ihre Nachkommenschaft auch wiederum bösartige Affen sein müssen.‹«

»Pauline,« fragte Fräulein Bergeret mit Strenge, »was hat die Geschichte von Putois mit dem zu tun, was du uns da erzählst?«

»Sehr viel, liebe Tante.«

»Daß ich nicht wüßte.«

Herr Bergeret, der eine Abschweifung nicht ungern sah, antwortete seiner Tochter:

»Wenn alle Ungerechtigkeiten schließlich schon in dieser Welt wieder gut gemacht würden, so wäre der Gedanke, daß wir in einer anderen Welt entschädigt werden sollen, gar nicht aufgekommen. Wie wollt ihr verlangen, daß die Nachwelt alle Verstorbenen gerecht beurteilt? In dem Dunkel, in das sie sich zurückgezogen haben, kann man sie ja nicht befragen. Von dem Augenblick an, da man gerecht gegen sie sein könnte, vergißt man sie. Aber kann man überhaupt gerecht sein? Was ist denn Gerechtigkeit? Frau Cornouiller sah sich wenigstens endlich genötigt, anzuerkennen, daß meine Mutter sie nicht betrogen hatte und daß Putois nicht aufzufinden sei.

»Sie gab es indessen nicht auf, ihn zu suchen. Sie fragte bei allen Verwandten, Freunden, Nachbarn, beim Gesinde und den Lieferanten herum, ob sie Putois nicht kennten. In der Tat antworteten nur zwei oder drei, sie hätten niemals von ihm reden hören. Die meisten glaubten, ihn schon einmal gesehen zu haben.«

›Den Namen habe ich wohl gehört,‹ sagte die Köchin, ›aber auf das dazugehörige Gesicht kann ich mich nicht besinnen.‹

›Putois! Natürlich kenne ich den,‹ sagte der Chausseewärter und kratzte sich hinter den Ohren, ›aber ich wüßte Ihnen jetzt nicht zu sagen, was er ist.‹

»Den genauesten Bescheid gab Herr Blaise; der Steuerkassierer, er erklärte, er habe Putois im Kometenjahre vom 19.-24. Oktober in seinem Hofe Holz spalten lassen. »Eines Morgens kam Frau Cornouiller ganz außer Atem in das Schreibzimmer meines Vaters gestürzt und rief:

›Soeben habe ich Putois gesehen!‹

›Ach!‹

›Ja, ganz bestimmt, ich habe ihn gesehen.‹

›Glauben Sie wirklich?‹

›Ich bin meiner Sache ganz sicher. Er strich an Herrn Teuchants Mauer entlang. Dann wandte er sich nach der Rue des Abesses. Er ging so schnell, daß ich ihn aus den Augen verlor.‹

›War er es denn wirklich?‹

›Ohne allen Zweifel! Ein Mann in den fünfziger Jahren, mager, gebückt. Er sah aus wie ein Vagabund und trug eine schmutzige Bluse.‹

›Die Beschreibung könnte freilich auf Putois passen,‹ meinte mein Vater.

›Sehen Sie wohl!‹ fuhr Frau Cornouiller fort. ›Übrigens habe ich ihn angerufen. Ich rief: Putois! und er drehte sich um.‹

›Dieses Mittel wenden allerdings auch die Sicherheitspolizisten an, um die Identität von Verbrechern, denen sie nachspüren, festzustellen.‹

›Wie ich Ihnen sagte, er war es! … Ich wußte wohl, daß ich Ihren Putois finden würde. Der Mensch hat ein böses Gesicht. Sie und Ihre Frau waren sehr unbedacht, ihn bei sich in Arbeit zu nehmen. Ich verstehe mich auf Physiognomien, und wenn ich ihn auch nur von weitem gesehen habe, so könnte ich doch darauf schwören, daß er ein Dieb, ja vielleicht ein Mörder ist. Seine Ohren haben keine Ränder, das ist ein untrügliches Zeichen.‹

›So, Sie haben bemerkt, daß seine Ohren keine Ränder haben?‹

›Mir entgeht nichts, mein lieber Herr Bergeret, lassen Sie Putois nicht wieder zu sich ins Haus kommen, wenn Sie nicht wollen, daß Sie mit Frau und Kindern ermordet werden. Noch eins rate ich Ihnen: Lassen Sie all ihre Schlösser ändern.‹

»Einige Tage darauf geschah es, daß aus Frau Cornouillers Obstgarten drei Melonen gestohlen wurden. Da man den Dieb nicht fand, so hatte sie Putois in Verdacht. Die Gendarmen wurden nach Monplaisir gerufen, und ihre Ermittelungen bestätigten Frau Cornouillers Argwohn. Herumziehende Banden suchten zu jener Zeit die Gärten der Gegend heim. Aber diesmal schien es, als sei der Diebstahl von einer einzigen Person und mit außerordentliche Geschicklichkeit verübt worden. Keine Spur von dem Einbruch war zu bemerken, noch irgendwelche Fußabdrücke auf dem feuchten Erdreich. Nur Putois konnte der Dieb sein. Das war die Meinung des Wachtmeisters, der lange Geschichten über Putois kannte und alle Anstrengungen machte, um des lockeren Vogels habhaft zu werden. Die Zeitung von St. Omer widmete den drei Melonen von Frau Cornouiller einen Artikel und veröffentlichte nach ihr zugegangenen Mitteilungen eine Personalbeschreibung von Putois.

»Er hat eine niedrige Stirn, so hieß es in der Zeitung, glasige Augen, einen unsteten Blick, Gänsefüße an der Schläfe, hervortretende rote, glänzende Backenknochen. Die Ohren haben keinen Rand. Er ist mager, gebückt, anscheinend schwächlich, aber in Wirklichkeit von ungewöhnlicher Stärke und kann mit Leichtigkeit ein Fünffrankenstück mit Daumen und Zeigefinger zusammenbiegen.

»Man habe allen Grund, behauptete die Zeitung, ihm eine ganze Reihe von Diebstählen zuzuschreiben, die mit überraschendem Geschick ausgeführt seien.

»Die ganze Stadt beschäftigte sich mit Putois. Man erfuhr eines Tages, daß er verhaftet und ins Gefängnisregister eingetragen sei. Aber man erkannte bald darauf, daß der Mann, den man für ihn gehalten hatte, ein Almanachverkäufer war und Rigobert hieß. Da man keine Anklage gegen ihn erheben konnte, so wurde er nach vierzehnmonatlicher Untersuchungshaft entlassen. Putois aber war nicht aufzufinden.

»Frau Cornouiller ward das Opfer eines weiteren Diebstahls, der noch frecher ausgeführt war, als der erste … Man stahl aus ihrem Büfett drei kleine, silberne Löffel.

»Sie glaubte, daß Putois seine Hand dabei im Spiel gehabt habe, ließ an ihrer Tür eine Kette anbringen und konnte nicht mehr schlafen.

III.

Gegen zehn Uhr abends, nachdem Pauline auf ihr Zimmer gegangen war, sagte Fräulein Bergeret zu ihrem Bruder:

»Vergiß nicht den Vorfall, Lucien, daß Putois die Köchin der Frau Cornouiller verführte.«

»Ich habe schon daran gedacht, liebe Schwester, das ist ja das beste von der ganzen Geschichte. Aber alles der Reihe nach. Putois wurde eifrig von der Justiz gesucht, sie konnte ihn aber nicht ausfindig machen. Als man erfuhr, daß er nicht zu entdecken sei, setzte jedermann seine Ehre darein, ihn aufzufinden. Den Männern gelang es auch. Und da es viele Männer in St. Omer und in der Umgegend gab, so wurde Putois gleichzeitig auf der Straße, auf den Feldern und im Walde gesehen. Es wurde ihm daher eine weitere Eigentümlichkeit beigelegt. Man verlieh ihm die Gabe, überall zu sein, die so viele populäre Helden besitzen. Ein Wesen, das imstande sein soll, in einem Augenblick weite Entfernungen zu durchmessen und das plötzlich da auftaucht, wo man es am wenigsten vermutete, jagt gerechten Schrecken ein. Putois wurde der Schrecken von St. Omer. Frau Cornouiller war überzeugt, daß Putois die drei Melonen und die drei kleinen, silbernen Löffel gestohlen habe. Sie lebte in steter Angst vor ihm und verbarrikadierte sich in Monplaisir. Aber Riegel, Schlösser, Gitter und Ketten vermochten sie nicht zu beruhigen. Putois war für sie ein Wesen, von Entsetzen erregender Subtilität, das durch Türen hindurchdringen konnte. Dazu kam ein häusliches Ereignis, das ihre Angst noch verdoppelte. Ihre Köchin war verführt worden, der Augenblick kam, da sie ihren Fehltritt nicht mehr verbergen konnte, aber sie weigerte sich hartnäckig, ihren Verführer zu nennen.

»Sie hieß Gudule,« sagte Fräulein Bergeret.

»Ja, Gudule hieß sie, und man glaubte, sie sei gegen die Gefahren der Liebe durch einen langen gabelförmigen Bart, den sie am Kinn trug, geschützt. Ein plötzlich entstandener Bart beschützte weiland die Jungfräulichkeit jener heiligen Königstochter, die in Prag verehrt wird. Gudules Bart, der sich keineswegs mehr im Anfangsstadium befand, hatte aber doch nicht ausgereicht, ihre Tugend zu verteidigen. Frau Cornouiller drang in Gudule, daß sie ihr den Menschen nenne, der sie mißbraucht und dann in der Not verlassen hatte. Gudule brach in Tränen aus, aber sie schwieg. Bitten und Drohungen blieben erfolglos. Frau Cornouiller stellte eine lange, eingehende Untersuchung an. Sie fragte in geschickter Weise ihre Nachbarn aus, die umwohnenden Weiber, die Lieferanten, den Gärtner, den Chausseewärter, die Gendarmen, doch nichts brachte sie auf die Spur des Schuldigen. Aufs neue versuchte sie, von Gudule ein Geständnis zu erlangen. ›Sagen Sie mir doch in Ihrem eigenen Interesse, Gudule, wer es ist?‹ Gudule blieb stumm. Plötzlich wie ein Lichtstrahl kam Frau Cornouiller der Gedanke: ›Putois ist es gewesen!‹ Die Köchin heulte und antwortete nicht. ›Es ist Putois! das hätte ich mir gleich denken können! Natürlich er ist es und kein anderer! O, du Unglückselige!‹«

»Frau Cornouiller blieb steif und fest bei ihrer Überzeugung, daß das Kind ihrer Köchin von Putois stamme. Jedermann in St. Omer, vom Gerichtspräsidenten bis herab zum Laternenanzünder, kannte Gudule und ihren Korb. Bei der Neuigkeit, daß Putois Gudule verführt habe, war die ganze Stadt voller Überraschung, Verwunderung und Heiterkeit. Putois wurde wie ein Held gefeiert. Auf sehr leichte Indizien hin schrieb man ihm die Vaterschaft von fünf oder sechs anderen Kindern zu, die in jenem Jahr zur Welt kamen und die besser getan hätten, fern zu bleiben, in Anbetracht des Vergnügens, das ihrer dort wartete, und mit Rücksicht auf die Freude, die sie ihren Müttern bereiteten.

›Welch ein Ungeheuer, dieser Putois!‹ riefen die Gevatterinnen.

»So bedrohte dieser unsichtbare Satyr mit nicht wieder gut zu machendem Unheil die weibliche Jugend unserer Stadt, in der man, wie die ältesten Leute sagten, die jungen Mädchen seit Menschengedenken stets in Ruhe gelassen hatte.

»Während er so in der Stadt und Umgegend sein Spiel trieb, war er mit unserem Hause durch tausend feine Bande verknüpft. Man hatte ihn vor unserer Tür gesehen und glaubte, daß er zuweilen über die Gartenmauer kletterte. Niemand hat ihm je ins Gesicht gesehen, aber jeden Augenblick erkannten wir seinen Schatten, seine Stimme und die Spuren seiner Schritte. Mehr als einmal glaubten wir in der Dämmerung bei einer Krümmung eines Weges seinen Rücken zu erblicken. Mir und meiner Schwester gegenüber änderte er seinen Charakter ein wenig. Schlecht und bösartig blieb er, aber er wurde knabenhaft und naiv. Er gab sich weniger realistisch, ich kann wohl sagen, mehr poetisch. Er trat in den Kreis unserer treuherzigen, kindlichen Traditionen. Er wurde zum Schreckgespenst, zum Buhmann und zum Sandmann, der abends den Kindern die Augen schließt. Er machte den Puppen meiner Schwester Schnurrbärte mit Tinte, und von unseren Betten aus hörten wir ihn vorm Einschlafen: er heulte auf den Dächern mit den Katzen, bellte mit den Hunden, stöhnte in den Rauchfängen und ahmte auf der Straße den trunkenen Gesang später Zecher nach.

»Was uns Putois stets gegenwärtig und vertraut machte, war, daß die Erinnerung an ihn sich mit allen Dingen verknüpfte, die uns umgaben. Zoës Puppen, meine Schulhefte, in denen er so oft die Seiten zerknitterte und beschmutzte, die Gartenmauer, über die er im Dunkeln mit seinen roten Augen spähte, der blaue Fayencetopf, den er im Winter zerbrach, wenn es nicht etwa der Frost getan hatte, die Bäume, Straßen, Bänke, alles erinnerte an Putois, unseren Putois, den Putois der Kinder, ein ortsangehöriges, mythisches Wesen. An Grazie und Poesie durfte er sich nicht mit dem dicken Faun von Thessalien oder Sizilien messen, aber er war doch ein Halbgott.

»Für unsern Vater hatte er einen ganz besonderen Charakter. Er war ihm ein Rätsel und Gegenstand philosophischer Betrachtungen. Unser Vater hatte viel Mitleid mit den Menschen. Er hielt sie für nicht allzu vernünftig; ihre Irrtümer, wenn sie nicht auf Grausamkeit hinausliefen, amüsierten ihn und brachten ihn zum Lachen. Der Glaube an Putois interessierte ihn wie ein Auszug aus dem Lehrbuch über den menschlichen Glauben. Da er eine Neigung zur Ironie hatte und sich gern ein bißchen lustig machte, so sprach er von Putois wie von einem wirklichen Wesen. Er legte bisweilen so viel Gewicht darauf und hob einzelne Umstände so scharf hervor, daß meine Mutter ganz überrascht darüber war und in ihrer Aufrichtigkeit wohl zu ihm sagte: ›Fast sollte man glauben, daß du im Ernst sprächest, mein Lieber, aber du weißt doch …‹

»Dann antwortete er gelassen:

›Ganz St. Omer glaubt an Putois. Wie wäre ich ein guter Bürger, wenn ich ihn verleugnen wollte! Man muß es sich zweimal überlegen, ehe man einen allgemeinen Glaubenssatz verwirft.‹

»Nur ein ganz ehrlicher Sinn kann solche Skrupeln hegen. Mein Vater pflegte stets seine eigene Meinung in Einklang mit der allgemeinen Meinung zu bringen, er glaubte daher wie die Bewohner von St. Omer an die Existenz von Putois, aber er gab nicht zu, daß er direkt an dem Melonendiebstahl oder an der Verführung von Köchinnen beteiligt sei. Er bekannte sich zu dem Glauben an die Existenz von Putois als ein richtiger Einwohner von St. Omer, aber er brauchte Putois nicht, um die Begebenheiten zu erklären, die sich in der Stadt zutrugen. So war er in dieser Beziehung wie in jeder anderen ein vortrefflicher, verständiger Mann.

»Was unsere Mutter betrifft, so warf sie sich ein wenig Putois’ Entstehung vor und nicht ohne Grund. Denn Putois war aus einer Lüge unserer Mutter geboren, wie Caliban aus der Lüge des Dichters. Gewiß war das Unrecht nicht dasselbe und meine Mutter viel unschuldiger als Shakespeare, aber sie war doch erschrocken und verwirrt, als sie sah, daß ihre harmlose Lüge ins Ungeheure angewachsen war und welch lebhafte Wirkung ihre leichtfertige Vorspiegelung hatte, die schier kein Ende nehmen wollte, sich bereits über die ganze Stadt verbreitet hatte und drohte, sich über die ganze Welt zu erstrecken. Eines Tages erbleichte sie vor Schreck und dachte nicht anders, als daß ihre Lüge Fleisch und Blut angenommen habe. An jenem Tage kam das Dienstmädchen, das erst vor kurzem im Hause und in der Gegend war, zu meiner Mutter und sagte, es sei ein Mann da, der sie sprechen möchte.

›Was für ein Mann?‹ fragte sie.

›Ein Mann in einer Bluse, er sieht aus wie ein Arbeiter vom Lande.‹

›Hat er seinen Namen nicht genannt?‹

›Ja, Madame.‹

›Wie heißt er?‹

›Putois.‹

›Er sagte Ihnen, er hieße …‹

›Putois, jawohl, Madame.‹

›Ist er noch da?‹

›Ja, Madame, er wartet in der Küche.‹

›Und Sie haben ihn gesehen?‹

›Ja, Madame.‹

›Was will er denn?‹

›Das hat er nicht gesagt. Er will es nur Madame selbst sagen.‹

›Gehen Sie hin und fragen Sie ihn, was er wolle.‹

»Als das Mädchen in die Küche zurückkam, war Putois nicht mehr da. Dieses Zusammentreffen von Putois mit dem fremden Mädchen ist niemals aufgeklärt worden, und es scheint, daß meine Mutter von diesem Tage an zu glauben begann, es sei doch möglich, daß Putois wirklich existiere, und daß sie füglich nicht gelogen habe.«

Riquet

Inhaltsverzeichnis

(Der Umzug – Gedanken eines Hundes)

Der Umzug

Da der Umzugstermin gekommen war, verließ Herr Bergeret mit seiner Schwester das alte, verfallene Haus in der Rue de Seine, um sich in einer modernen Wohnung in der Rue Vaugirard niederzulassen, denn so hatten Zoë und das Schicksal es beschlossen. Während der langen Umzugsstunden irrte Riquet traurig durch die verödeten Räume. In seinen liebsten Gewohnheiten sah er sich gestört. Unbekannte, schlechtgekleidete, lärmende, grobe Leute schreckten ihn aus seiner Ruhe auf. Sie kamen bis in die Küche und stießen mit den Füßen gegen seinen Breiteller und Wassernapf. Und immer wieder zogen sie die Teppiche und Stühle unsanft unter seinem armen Hinterteil fort, so daß er schließlich nicht mehr wußte, wo er sich in seinem eigenen Hause niederlassen sollte.

Wir wollen zu seiner Ehre sagen, daß er zuerst einigen Widerstand versuchte. Als man den Springbrunnen forttrug, hatte er den Feind wütend angebellt. Aber niemand war auf sein Rufen gekommen. Er sah, man ermutigte ihn nicht, im Gegenteil, es unterlag keinem Zweifel, er war der Geschlagene. Fräulein Zoë hatte ihm kurz zugerufen: »Schweig!«, und Pauline hatte gesagt: »Riquet, du machst dich ja lächerlich.«

Daher verzichtete er darauf, unnütze Warnungen laut werden zu lassen und allein für das allgemeine Wohl zu kämpfen. Er beklagte im stillen den Ruin des Hauses und suchte vergeblich von Zimmer zu Zimmer nach ein bißchen Ruhe. Wenn die Umzeugsleute in die Stube kamen, in die er sich geflüchtet hatte, versteckte er sich vorsichtshalber unter einen Tisch oder eine Kommode, die noch da standen. Aber das schadete ihm mehr, als daß es ihm nützte, denn alsbald fing das Möbel über ihm an zu wackeln, hob sich, fiel wieder auf ihn zurück und drohte, ihn zu erdrücken. Mit stierem Blick und gesträubten Haaren nahm er Reißaus und floh in einen andern Versteck, wo es ihm nicht besser erging als das erstemal …

Aber diese Unbequemlichkeiten, ja selbst Gefahren, waren nichts im Vergleich mit den Qualen, die sein Herz erlitt. In ihm war das Sittlichkeitsgefühl, wie man sagt, am schwersten verletzt.

Die Möbel der Wohnung waren für ihn nicht tote Dinge, sondern lebende, wohlwollende Wesen, gütige Genien, deren Fortgang schweres Unheil verkündigte. Teller, Zuckerdosen, Herd und Töpfe, alle die Gottheiten der Küche, Stühle, Teppiche, Kissen, alle die Fetische der Wohnräume, seine Laren, seine Hausgötter waren fort. Er glaubte, daß ein so furchtbares Unglück niemals wieder gut zu machen sei.

Das erfüllte ihn mit einem so gewaltigen Kummer, wie ihn seine kleine Seele nur zu fassen vermochte. Glücklicherweise aber war sie gleich der menschlichen Seele leicht zu zerstreuen und bereit, alles Übel zu vergessen.

Während der langen Abwesenheit der Umzugsleute, da der Besen der alten Angelika den alten Staub aus den Winkeln kehrte, spürte Riquet den Geruch einer Maus, verfolgte er die Spur einer Spinne, und seine Gedanken fanden darin eine Zerstreuung. Aber bald verfiel er wieder in seine große Traurigkeit.

Als er am Auszugstage sah, daß die Dinge sich immer mehr verschlimmerten, geriet er in Verzweiflung. Ganz besonders schaurig kam es ihm vor, daß man die Wäsche in dunkle Kisten packte. Pauline legte ihre Kleider mit froher Hast in einen Koffer, und Riquet wandte sich von ihr ab, als begehe sie eine unrechte Handlung. Er kauerte sich in einen Winkel und dachte – das ist das Schlimmste von allem!

Sei es nun, daß er glaubte, die Dinge hörten auf zu sein, wenn er sie nicht mehr sehen konnte, sei es, daß er nur einen peinlichen Anblick vermeiden wollte, er blickte absichtlich nicht nach der Seite hin, wo Pauline war. Zufällig bemerkte sie beim Hin-und Hergehen Riquets Stellung. Die war kläglich genug, aber Pauline fand sie komisch und fing an zu lachen. Und lachend rief sie: »Komm, Riquet, komm!« Aber er rührte sich nicht und wandte nicht einmal den Kopf. Ihm war in diesem Augenblick nicht danach zumute seine junge Herrin zu liebkosen, und in geheimem Instinkt, aus einer Art böser Ahnung heraus, hatte er Furcht, sich dem gähnenden Koffer zu nähern. Mehrere Male rief sie ihn, und als er nicht kam, nahm sie ihn auf den Arm.

– – »U je,« sagte sie, »wie unglücklich ist er! Wie muß man ihn bedauern!«

Das sagte sie ironisch. Aber Riquet verstand keine Ironie. Er lag teilnahmslos und tot in Paulines Arm und tat, als sähe und höre er nichts.

»Riquet, schau mich an!«

Dreimal kam die Mahnung, aber dreimal vergebens.

Da simulierte Pauline einen heftigen Zorn, und mit den Worten: »Verschwinde, dummes Tier« warf sie Riquet in den Koffer und klappte den Deckel zu.

Da ihre Tante sie gerade in diesem Augenblick rief, ging sie aus dem Zimmer und ließ Riquet im Koffer.

Er war sehr in Sorge und, weit davon entfernt, zu vermuten, daß er nur aus Spielerei und zum Spaß in den Koffer gesperrt sei, bemühte er sich, die ohnehin schon recht fatale Situation nicht noch durch seine eigene Unklugheit zu verschlimmern. So verhielt er sich einige Augenblicke ganz regungslos und wagte nicht zu atmen. Dann erschien es ihm nützlich, sein finsteres Gefängnis zu erforschen.

Er betastete mit seinen Pfoten die Unterröcke und Hemden, auf die man ihn in so erbärmlicher Weise geworfen hatte, und suchte nach einem Ausgang aus dem verhängnisvollen Ort. Er machte sich schon seit zwei oder drei Minuten damit zu schaffen, als Herr Bergeret zum Ausgehen gerüstet ins Zimmer trat und rief:

»Komm, Riquet, komm! Wir wollen am Kai spazieren gehen. Dort ist die wahre Ruhmesstätte. Man hat da einen Bahnhof gebaut von geradezu erhabener Mißgestalt und auffallender Häßlichkeit. Die Architektur ist eine verloren gegangene Kunst. Man demoliert das Haus an der Ecke von der Rue du Bac, das so gut aussah. Natürlich wird man dafür irgendeinen häßlichen Neubau hinsetzen. Wenn die Architekten doch wenigstens nicht an unserem Quai d’Orsay den barbarischen Stil einführen wollten, von dem sie auf den Champs Elysées an der Ecke der Rue de Washington ein so fürchterliches Beispiel gegeben haben … Wir wollen am Kai spazieren gehen. Dort ist die wahre Ruhmesstätte. Aber die Architektur ist sehr herabgekommen seit Gabriel und Louis … Wo ist der Hund? … Riquet! Riquet!« Herrn Bergerets Stimme war ein großer Trost für Riquet. Er antwortete, indem er mit seinen Pfoten wie toll gegen die Seitenwände des Weidenkorbes kratzte.

»Wo ist der Hund?« fragte Herr Bergeret Pauline, die eben mit einem Stapel voll Wäsche im Arm zurückkam.

»Er ist im Koffer, Papa.«

»Was? er steckt im Koffer, warum denn das?« fragte Herr Bergeret.

»Weil er dumm war,« antwortete Pauline.

Herr Bergeret befreite seinen Freund, und Riquet folgte seinem Herrn schwanzwedelnd in den Hausflur. Da fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf. Flugs kehrte er um, lief zu Pauline zurück, stemmte sich mit den Vorderpfoten gegen ihre Kleider, und erst nachdem er sie zum Zeichen der Anbetung wie toll geküßt hatte, holte er seinen Herrn auf der Treppe ein. Er hatte geglaubt, es an Klugheit und Verehrung haben fehlen zu lassen, wenn er einer Person, die die Macht besaß ihn in einen tiefen Koffer zu versenken, nicht seine Liebe bezeugt hätte.

Auf der Straße bot sich Herrn Bergeret und Riquet das erbärmliche Schauspiel dar, daß ihre Möbel auf dem Trottoir herumstanden.

Während die Umzugsleute in der Gaststube an der Ecke ein Glas Bier tranken, spiegelte Fräulein Zoës Schrank die Vorübergehenden wieder: Arbeiter, Schüler der Beaux Arts, junge Mädchen, Kaufleute, Wagen und Karren und die Apotheke mit den farbigen Pokalen und dem Äskulapstab. Gegen einen Grenzstein gelehnt, lächelte Großvater Bergeret in seinem Rahmen mit seiner sanften Miene in dem feinen blassen Gesicht unter den flatternden Haaren. Herr Bergeret betrachtete seinen Vater mit liebevoller Ehrerbietung und setzte ihn vom Grenzstein weg. Er stellte auch den kleinen Nipptisch von Zoë, der aussah, als schäme er sich, auf der Straße zu sein, an einen sicheren Ort.

Indessen kratzte Riquet mit seinen Pfoten an den Beinkleidern seines Herrn und blickte ihn aus seinen schönen, traurigen Augen an, als wollte er sagen:

»Solltest du, der du einst so reich und mächtig warst, arm geworden sein? Solltest du machtlos geworden sein, teurer Herr? Du läßt Leute, die in Lumpen gekleidet sind, in dein Wohnzimmer dringen, in dein Schlafzimmer, in dein Speisezimmer, läßt es zu, daß sie über deine Möbel herfallen und sie hinausschleppen. Deinen bequemen Lehnstuhl, in dem wir alle Abend ausruhten und auch manchmal morgens dicht nebeneinander, den haben sie auf die Treppe geschleppt. Ich hörte, wie er unter den rauhen Griffen der schlecht gekleideten Leute seufzte, unser guter, alter Lehnstuhl, der ein großer Fetisch ist und ein gütiger Geist. Du hast dich diesen Eindringlingen nicht widersetzt. Wenn dir keine der Genien bleibt, von denen deine Wohnung voll war, nickt einmal die kleinen Gottheiten, die du jeden Morgen, wenn du aus dem Bette sprangst, an deine Füße zogst und in die ich spielend hineinbiß, wenn du so arm, so elend bist, o Herr, was soll dann aus mir werden?«

Gedanken eines Hundes

1.

Die Menschen, Tiere und Steine werden immer größer, je mehr man sich ihnen nähert, und sie sind kolossal, wenn sie sich über mir befinden. Ich bleibe hingegen immer gleich groß, wo ich auch sei.

2.

Wenn mein Herr mir unter dem Tisch einen Bissen reicht, den er in seinen Mund stecken will, so tut er das, um mich auf die Probe zu stellen und um mich zu strafen, wenn ich der Versuchung unterliege. Denn ich kann nicht glauben, daß er sich meinetwegen beraubt.

3.

Der Geruch der Hunde ist deliziös.

4.

Mein Herr hält mich warm, wenn ich hinter ihm in seinem Lehnstuhl liege. Das kommt daher, weil er ein Gott ist. Vor dem Kamin befinden sich Marmorfliesen, die ebenfalls warm sind. Diese Fliesen sind göttlich.

5.

Ich spreche, wenn es mir beliebt. Aus dem Munde des Herrn kommen auch Töne, die einen gewissen Sinn haben. Aber es ist lange nicht so deutlich zu verstehen wie das, was ich durch den Laut meiner Stimme ausdrücke. In meinem Munde hat alles einen Sinn, aus dem Munde des Herrn kommt sehr viel überflüssiges Geräusch. Es ist schwer, aber notwendig, die Gedanken des Herrn zu erraten.

6.

Essen ist gut. Gegessen haben ist besser. Denn der Feind, der auf der Lauer liegt, um einem das Futter zu entreißen, ist schlau und flink.

7.

Alles vergeht und hat ein Ende, nur ich bleibe.

8.

Ich befinde mich stets im Mittelpunkt, und Menschen, Tiere und Dinge umgeben mich, wohlgesinnt oder feindlich.

9.

Im Schlaf sieht man Menschen, Hunde, Häuser, Bäume, angenehme und schreckliche Gestalten. Wenn man erwacht, sind diese Gestalten verschwunden.

10.

Betrachtung. Ich liebe meinen Herrn, denn er ist mächtig und schrecklich.

11.

Eine Tat, für die man geprügelt wird, ist eine schlechte Tat. Eine Tat, für die man Liebkosungen oder Futter empfängt, ist eine gute Tat.

12.

Wenn die Nacht hereinbricht, streichen böse Mächte um das Haus. Ich belle, damit mein Herr aufmerksam wird und sie verjagt.

13.

Gebet. O mein Herr, blutiger Gott! ich bete dich an. Schrecklicher, sei gepriesen! Großmütiger, sei gelobt. Ich krieche zu deinen Füßen, ich lecke deine Hände. Du bist gewaltig und schön, wenn du am besetzten Tische große Massen von Fleisch verschlingst. Du bist gewaltig und schön, wenn du vermöge eines winzigen Hölzchens eine Flamme hervorspringen läßt und die Nacht in Tag verwandelst. Behalte mich in deinem Hause und lasse jeden anderen Hund daraus verbannt sein. Und dich, Angelika, Köchin, erhabene, gütige Göttin, dich will ich fürchten und verehren, damit du mir recht viel zu fressen gibst.

14.

Ein Hund, der sich der Menschen nicht erbarmt und der die Fetische, die sich in dem Hause seines Herrn befinden, verachtet, führt ein unstetes, elendes Leben.

15.

Eines Tages machte eine undichte Wasserkanne, die durch den Salon kam, das gewachste Parkett naß. Ich denke mir, diese unsaubere Wasserkanne hat eine tüchtige Tracht Prügel bekommen.

16.

Die Menschen besitzen die göttliche Macht, alle Türen zu öffnen. Ich kann allein nur eine ganz kleine Zahl öffnen. Die Türen sind große Fetische, die uns Hunden ungern gehorchen.

17.

Das Leben eines Hundes ist voll von Gefahren. Um Unfälle zu vermeiden, muß man stets auf der Hut sein, selbst beim Essen und sogar während des Schlafes.

18.

Man weiß nie, ob man es den Menschen recht macht. Man soll sie verehren, ohne zu versuchen, sie verstehen zu wollen. Ihre Weisheit ist geheimnisvoll.

19.

Beschwörung. O Furcht, erhabene mütterliche Furcht, heilige, heilsame Furcht, erfülle mich ganz in dem Augenblick der Gefahr, damit ich vermeide, was mir Schaden bringen kann, auf daß ich mich nicht auf den Feind stürze und meine Unklugheit bereuen muß.

20.

Es gibt Wagen, die von Pferden durch die Straßen gezogen werden. Sie sind schrecklich. Es gibt aber auch Wagen, die ganz allein laufen und dabei laut schnaufen. Sie meinen es ebenfalls böse mit uns. Zerlumpte Menschen soll man hassen und solche, die Körbe auf dem Kopf tragen und Fässer vor sich herrollen. Ich kann die Kinder nicht leiden, die unter großem Geschrei auf der Straße Kriegen und Verstecken spielen. Die Welt ist voll schädlicher, furchtbarer Dinge.

Die Krawatte

Inhaltsverzeichnis

Herr Bergeret war dabei, in seiner neuen Wohnung Nägel in die Wände zu schlagen. Als er sich bewußt wurde, daß ihm das Vergnügen machte, sann er darüber nach, aus welchem Grunde ihm das Vergnügen machen könne und als er den Grund dafür gefunden hatte, machte es ihm kein Vergnügen mehr. Denn das Vergnügen hatte eben darin bestanden, daß man Nägel einschlug, ohne den Dingen auf den Grund zu gehen. Und während Herr Bergeret über die Widerwärtigkeiten allen philosophischen Geistes nachsann, hing er das Bild seines Vaters an den Platz, der ihm als der ehrenvollste erschien.

»Es hängt zu weit nach vorne über,« bemerkte Zoë.

»Meinst du?«

»Ja sicher, es sieht aus, als ob es herunterfallen wollte.« Herr Bergeret verkürzte die Schnüre, an welchen das Bild aufgehängt war.

»Jetzt hängt es schief.«

»Meinst du?«

»Das sieht man doch. Es neigt sich ganz nach links hinüber.« Herr Bergeret bemühte sich, es gerade zu hängen.

»Und jetzt?«

»Nun hängt es etwas zu weit nach rechts.«

Herr Bergeret tat sein möglichstes, um den Rand des Rahmens mit der Linie des Horizontes in Einklang zu bringen, dann trat er drei Schritte zurück, um sein Werk zu prüfen.

»Mir scheint, so ist es gut, sagte er.«

»Ja, nun geht es,« stimmte Zoë bei. »Wenn ein Bild schief hängt, so empfinde ich das als höchst unangenehm.«

»Das geht nicht allein dir so, Zoë. Vielen Leuten verursacht das sogar ein direktes Unbehagen. Unregelmäßigkeiten fallen uns am stärksten auf bei den einfachsten Dingen, weil man da sogleich sieht, wie es ist und wie es eigentlich sein sollte. Es gibt Menschen, die entschieden darunter leiden, wenn ein Tapetenmuster nicht genau aufeinander paßt. Ist es nicht fürchterlich zu denken, daß wir Menschen uns über ein schief hängendes Bild aufregen?«

»Was ist denn dabei so erstaunlich, Lucien? Die kleinen Dinge spielen im menschlichen Leben eine große Rolle. Du selbst interessierst dich jeden Augenblick für eine Menge Kleinigkeiten.«

»Nun sehe ich doch das Porträt unseres Vaters schon so viele Jahre, Zoë, und doch habe ich vorher nie bemerkt, was mir jetzt eben daran auffällt! Ich entdecke eben erst, daß es ja das Porträt eines noch jungen Mannes ist.«

»Aber Lucien, als der Maler Goselin nach seiner Rückkehr von Rom das Bild malte, war unser Vater nicht mehr als dreißig Jahre alt.«

»Du hast recht, aber als ich klein war, hatte ich von dem Bilde den Eindruck, daß es ein älterer Mann sei, und diese Auffassung ist bei mir haften geblieben. Plötzlich sehe ich es ganz anders. Die Malerei von Goselin ist stark nachgedunkelt, die Hautfarbe hat durch den Firnis einen bernsteinfarbenen Ton bekommen, und die grünlichen Schatten verwischen die Umrisse. Das Gesicht unseres Vaters scheint sich ganz in der Ferne zu verlieren. Aber diese glatte Stirn, die großen, leuchtenden Augen, die straffen, mageren Wangen, das schwarze, volle, glänzende Haar, das alles gehört zu einem Menschen, der in der Blüte seines Lebens steht.«

»Ja, so ist es,« stimmte Zoë bei.

»Frisur und Tracht sind aus der alten Zeit, wo unser Vater noch jung war. Er trägt das Haar ganz ungekünstelt, hat einen hohen flaschengrünen Kragen an seinem Rock, eine Nankingweste, und die schwarze Krawatte ist dreimal um den Hals geschlungen.«

»Vor zehn Jahren sah man noch manchen alten Herrn mit solcher Krawatte.«

»Ja, das mag sein, aber Herr Malorey trug stets solche Krawatten.«

»Ach, du meinst den Rektor von der Fakultät der Wissenschaften in St. Omer. Der ist ja schon seit dreißig Jahren tot, oder noch länger.«

»Ja, er war über sechzig Jahre alt, als ich noch nicht zwölf Jahre alt war, Zoë, und ich verübte damals ein unerhört kühnes Attentat auf seine Krawatte.«

»Ich glaube, ich kann mich noch an diesen nicht gerade sehr geistreichen Streich erinnern.«

»Sag das nicht, Zoë,« denn wenn du dich noch auf dies Attentat besinnen könntest, so würdest du nicht so reden. »Du weißt doch, daß Herr Malorey ein starkes Selbstbewußtsein hatte und daß er sich in allen Situationen stets sehr würdevoll benahm.« Er beachtete peinlichst alles, was sich schickte. Er hatte eine so köstliche, altmodische Ausdrucksweise. Einmal, als er unsere Eltern zum Essen eingeladen hatte, reichte er selbst unserer Mutter die Schüssel mit Artischoken und sagte verbindlich: ›Noch einen kleinern Hintern, gnädige Frau.‹

Das war sehr zierlich und höflich gesprochen, denn unsere Urahnen sagten nicht: ›das Herz, oder der Boden der Artischoke.‹ Aber schon damals war der Ausdruck veraltet, und unsere Mutter verbiß sich nur mit Mühe das Lachen. Ich weiß nicht, Zoë, wie wir von der Geschichte erfahren haben.«

»Wie erfuhren sie,« sagte Zoë, die dabei war, Vorhänge umzusäumen, »weil unser Vater sie eines Tages erzählte und nicht bemerkte, daß wir zugegen waren.«

»Ja, Zoë, und seitdem konntest du Herrn Malorey nicht sehen, ohne einen Lachanfall zu bekommen.«

»Ach, du hast auch gelacht.«

»Nein, Zoë, darüber habe ich nicht gelacht.« Worüber die andern lachen, das finde ich nicht lächerlich, und worüber ich lache, das bringt wieder andere nicht zum Lachen, das habe ich oft beobachtet. Ich habe so meinen Spaß bei Gelegenheiten, wo andere nicht daran denken. Ich bin so ganz gegen den Strich lustig und traurig und mache darum bisweilen einen etwas törichten Eindruck.

Herr Bergeret stieg auf die Leiter und befestigte eine Aussicht vom Vesuv, ein Ausbruch bei Nacht, ein Aquarell, das er von einem Vorfahren väterlicherseits geerbt hatte.

»Aber von dem Unrecht, was ich Herrn Malorey angetan habe, erzählte ich dir noch nicht, Zoë.« »Du, Lucien, da du gerade die Leiter hast, befestige doch auch bitte gleich die Gardinenstangen an den Fenstern.«

»Gern,« erwiderte Herr Bergeret. »Wir wohnten damals in einem kleinen Häuschen in der Vorstadt von St. Omer.«

»Die Halter für die Stangen liegen im Nagelkasten.«

»Ja, ich sehe sie schon, das Häuschen lag in einem Garten.«

»Ein reizender Garten,« fiel Zoë ein, »voll Flieder, und auf dem Rasen stand ein kleiner Gärtner aus Terrakotta, im Hintergrund war ein Labyrinth und eine Felsengrotte, und auf der Mauer standen zwei große blaue Töpfe.«

»Ja, Zoë, zwei große blaue Töpfe. Also eines Morgens, es war ein Sommermorgen, kam Herr Malorey, um etwas nachzuschlagen in Büchern, die in seiner und auch in der Stadtbibliothek fehlten. Unser Vater hatte Herrn Malorey sein Arbeitszimmer zur Verfügung gestellt, der das Anerbieten dankbar annahm. Es war abgemacht, daß er, nachdem er die gewünschten Texte gefunden hatte, zum Essen bei uns bleiben sollte.«

»Ach, Lucien, sieh bitte mal nach, ob die Vorhänge nicht zu lang sind.«

»Gern. Es war erstickend heiß an jenem Morgen. Die Vögel saßen schweigend in den unbeweglichen Zweigen. Ich hockte unter einem Baum im Garten und sah im Schatten des Arbeitszimmers vom Rücken aus Herrn Malorey mit seinen langen weißen Haaren, die über den Kragen seines Rockes fielen. Er rührte sich nicht, nur seine Hand bewegte sich ein wenig über einem Blatt Papier. Darin lag nichts besonderes, denn er schrieb, aber was mir sehr merkwürdig vorkam …

»Nun, sind sie lang genug?«

»Nein, es fehlen etwa vier Finger breit daran, liebe Zoë.«

»Was, vier Finger breit? laß sehen, Lucien.«

»Ja, sieh nur. Was mir sehr merkwürdig vorkam, war, daß die Krawatte von Herr Malorey über die Fensterbrüstung hing. Der Rektor hatte, von der Sonne überwältigt, seinen Hals von der schwarzen Seide befreit, die ihn sonst dreimal umwickelte, und die lange Krawatte hing zu beiden Seiten des Fensters hernieder. Mich kam eine unwiderstehliche Lust an, die Krawatte zu packen. Leise schlich ich an der Hausmauer entlang und zog vorsichtig an der Krawatte. Im Zimmer rührte sich nichts, schnell zog ich sie ganz herab, rollte sie auf und versteckte sie in einem der großen blauen Töpfe auf der Gartenmauer.«

»Na, ein sehr geistreicher Streich war das nun gerade nicht.«

»Nein, das wohl nicht, ich versteckte sie in einem der großen blauen Töpfe und bedeckte sie noch sorgfältig mit Laub und Moos. Herr Malorey arbeitete noch lange, ich sah immer seinen gebeugten Rücken und die langen weißen Haare auf dem schwarzen Rock. Dann rief mich das Mädchen zum Essen. Als ich ins Zimmer trat, war ich ganz über alle Maßen überrascht. Da saß Herr Malorey zwischen meinem Vater und meiner Mutter sehr ernst und ruhig ohne seine Krawatte. Vornehm wie immer, ja fast feierlich, aber ohne seine Krawatte. Und das war es, was mich so sehr überraschte. Ich wußte wohl, er konnte sie nicht haben, weil sie in dem blauen Topf steckte, aber ich war dennoch erstaunt, daß er sie nicht hatte.

›Ich kann nicht begreifen,‹ gnädige Frau, sagte er mit sanfter Stimme zu meiner Mutter.

›Aber bitte,‹ unterbrach sie ihn, ›mein Mann wird Ihnen gern eine Krawatte leihen, verehrter Herr Rektor.‹

Und ich dachte bei mir, ich habe sie zum Spaß versteckt, und nun hat er sie allen Ernstes verloren. Und darüber war ich sehr erstaunt.«

Die großen Manöver von Montil

Inhaltsverzeichnis

Das Gefecht war im vollsten Gange, alles ging vorzüglich. General Ducuir von der Südarmee, dessen Brigade eine starke Stellung im Gehölz von St. Colomban inne hatte, ließ um 10 Uhr morgens eine glänzende Rekognoszierung vornehmen, welche ergab, daß der Feind nirgends in Sicht sei.

Hierauf bekamen die Kavalleristen ihre Suppe, der General ließ seine Schwadron in St. Luchaire und stieg mit dem Hauptmann Varnot in das Automobil, das von Schloß Montil gekommen war, wo die Baronin Bonmot sie zum Frühstück erwartete. Das Dorf Montil war feierlich bekränzt. Der General fuhr durch den Triumphbogen, der ihm zu Ehren am Eingang des Parkes errichtet war, mit Fahnen, Waffentrophäen, Eichenlaub und Lorbeerzweigen.

Die Frau Baronin empfing den General auf der Terrasse des Schlosses und führte ihn in den riesigen Waffensaal, der von blitzendem Eisen wiederstrahlte.

»Welch ein wunderbarer Besitz, Frau Baronin, und welch herrliche Landschaft!« sagte der General. »Ich habe hier oft in der Gegend gejagt, und wenn ich nicht irre, habe ich Ihren Herrn Sohn bei gemeinsamen Bekannten getroffen, nämlich bei den Brekes.«

»Ja, ja, ganz recht, Herr General,« stimmte Ernst von Bonmot bei, der die Herren aus St. Luchaire abgeholt hatte, »es war bei Brekes, aber es ist zum Sterben langweilig bei denen.«

Das Frühstück fand im kleinsten Kreise statt. Außer dem General, dem Hauptmann, der Baronin und ihrem Sohn waren nur noch Frau Worms-Clavelin und Joseph Lacrisse zugegen.

» A la Guerre, comme à la guerre,« sagte die Baronin lächelnd und wies dem General den Platz zu ihrer Linken an der blumengeschmückten Tafel, auf welcher ein berittener Napoleon aus Sevres-Bisquit prangte.

Der General ließ seine Blicke über die lange Galerie schweifen, von der die kostbarsten alten Teppiche herabhingen.

»Wie groß ist der Saal!« sagte er bewundernd.

»Ja, Herr General hätten die ganze Brigade hier hereinführen können,« meinte der Hauptmann lachend.

»Sie wäre mir willkommen gewesen,« sagte die Baronin heiter.

Die Unterhaltung war einfach, ruhig und herzlich. Man war taktvoll genug, nicht von Politik zureden. Der General war Monarchist. Er äußerte sich nicht darüber, aber es war bekannt. Seine beiden Söhne hatten beim Regierungsantritt des Präsidenten Loubet »Panama« gerufen auf den Boulevards und waren verhaftet worden. Er selbst bewahrte stets eine große Zurückhaltung.

Heute sprach man von Pferden und Kanonen.

»Das neue 75er Geschütz ist ein Juwel,« sagte der General.

»Und es ist wirklich bewunderungswürdig, mit welcher Leichtigkeit es sich einstellen läßt,« bemerkte Hauptmann Varnot.

»Und während abgeschossen wird, bieten die Munitionswagen durch eine ingeniöse Vorrichtung den Mannschaften Schutz,« sagte Frau Worms-Clavelin.

Man bewunderte die militärischen Kenntnisse der Dame, worauf dieselbe beflissen war, sich auch sonst ins beste Licht zu setzen.

»Wissen Sie wohl, Herr General,« sagte sie, »daß wir hier in unserm Kirchspiel eine wundertätige Mutter Gottes haben?«

»Ja, ich habe davon gehört,« antwortete der General.

»Bevor unser verehrter Abbé Guitrel zum Bischof ernannt wurde, interessierte er sich sehr für die Wunder der Madonna. Er hat sogar ein Buch darüber geschrieben, und wie Sie wohl wissen, ist sie die Beschützerin der französischen Armee.«

»Wirklich? das muß ich lesen, wo bekommt man das Buch?«

Frau Worms-Clavelin versprach, es ihm zu schicken.

Kurz und gut, es wurde bei Tisch nichts gesprochen, was einen Mißklang gegeben oder nach Klatsch ausgesehen hätte.

Nach dem Frühstück machte man einen Rundgang durch den Park, und darauf verabschiedete sich Hauptmann Varnot.

»Meine Schwadron soll in St. Luchaire auf mich warten, Herr Hauptmann« sagte der General.

Dann wandte er sich an Lacrisse und sagte:

»Sehen Sie, die Manöver geben uns ein Bild des Krieges, aber das Bild stimmt insofern nicht ganz, als alles im voraus festgelegt ist und daß im Kriege das Unvorhergesehene eine große Rolle spielt.«

»Herr General, Sie müssen meine Fasanerie sehen,« bat die Baronin.

»Mit Vergnügen, meine Gnädige.«

»Kommst du nicht mit, Ernst?«

Ernst war angehalten worden von dem guten alten Raulin, dem Ortsvorsteher von Montil.

»Sie werden entschuldigen, Herr Baron, wäre es nicht möglich, daß Sie bei dem Herrn General ein gutes Wort für mich einlegten? Vielleicht ließe es sich einrichten, daß die Artillerie über meinen Kleeacker fährt.«

»Steht denn der Klee schlecht, Raulin?« »Ach, das nicht gerade, Herr Baron. Die Ernte wird ganz gut ausfallen, aber die Entschädigung ließe sich doch mitnehmen. Im vorigen Jahr hat Houssiaux sie bekommen, da ist es doch nicht mehr als recht und billig, daß ich sie diesmal kriege. Ich bin Amtsvorsteher, habe alle Lasten und Scherereien mit der Gemeinde, da meine ich, wenn eine Vergütung geboten wird, käme sie mir doch wohl zu.«

Als der General die Fasanerie besichtigt hatte, meinte er:

»Nun muß ich zu meiner Brigade.«

»Ach,« sagte der junge Baron, mit meinem »dreißigpferdigem« ist es ein Katzensprung bis dahin.

Nun besichtigte man die Pferdeställe, die Hundezwinger und die Gärten.

»Wundervoll sind diese Rosen,« sagte der General, der ein großer Blumenfreund war.

Der Lärm der Geschütze erstarb in der duftenden Atmosphäre vor ihren Ohren.

»Ein festlicher Schall, der das Herz freudig bewegt,« sagte Lacrisse.

»Ja, es ist wie Glockenläuten, schwärmte Frau Worms-Clavelin.

»Sie sind eine echte Französin, gnädige Frau,« sagte der General, »aus allen Ihren Worten spricht ein wahrhaft patriotisches Herz.«

Es war inzwischen 4 Uhr geworden, der General konnte unmöglich länger weilen. Ein Glück, daß man mit dem »dreißigpferdigem« im Umsehen bei der Brigade sein konnte.

Der General verabschiedete sich und bestieg das Auto, begleitet von dem jungen Baron, von Lacrisse und dem Chauffeur, und wieder ging es durch den Triumphbogen.

In 40 Minuten war der General in St. Luchaire, aber die Schwadron fand er nicht mehr dort. Alle vier machten sich auf die Suche nach dem Hauptmann Varnot. Vergeblich – das Dorf war leer, kein einziger Soldat mehr zu sehen. Als sie einen vorüberfahrenden Schlachter nach der Brigade Ducuir fragten, sagte der:

»Fahren Sie man die Chaussee nach Cagny hinunter, vorhin hörte man die Kanonen aus der Richtung, ich kann Ihnen sagen, das war ein Geknatter!«

»Cagny, wo liegt das?« fragte der General.

»Beunruhigen Sie sich nicht, Herr General,« sagte der junge Baron, »ich weiß, wo es ist, ich werde Sie hinführen.«

Und da die Fahrt etwas lange dauern konnte, reichte er dem General eine Automütze, Brille und Staubmantel.

Nun schlugen sie die Landstraße ein, passierten St. André, Villeneuve, Letaf, St. Porçain, Trupféme, Mirange und kamen schließlich an den Teich von Cagny, der in der untergehenden Sonne wie ein kupfener Spiegel erglänzte. Unterwegs begegneten ihnen auf der Chaussee Dragoner von der Nordarmee, die wußten allerdings nicht, wo die Brigade Ducuir sich befand, aber von denen erfuhren sie, daß die Südarmee bei St. Paulair im Gefecht läge.

St. Paulair – St. Paulair – das lag in 40 Kilometer Entfernung in der Richtung von Montil.

Das Auto drehte um, und nun ging es zurück auf der Landstraße über Mirange, Trupféme, St. Porçain, Letaf, Villeneuve und St. André.

»Fahren Sie schneller,« befahl der junge Baron.

Und der Wagen flog an den Ortschaften vorüber in eine leuchtende Staubwolke, wie in eine Gloriole gehüllt, überfuhr Hühner und Schweine und traf 2 Kilometer vor St. Paulair auf die Vorposten der Südarmee, die La Saulaie, Mesville und Le Sourdais besetzt hielten. Hier erfuhren sie, daß die ganze Nordarmee auf dem jenseitigen Ufer der Ilette stand.

Jetzt nahmen sie die Richtung von Torcy-la Mirande, um den Fluß in der Höhe von Vieux Bac zu erreichen.

Als nach einstündiger Fahrt an dem klaren Abend schon weiße Nebel in den Wiesen lagerten, rief der junge Baron plötzlich:

»Verdammt noch mal! wir können nicht hinüber, die Brücke über die Ilette ist zerstört.«

»Was!« schrie der General, »die Brücke ist zerstört?«

»Nun ja, Herr General, in der Manöversprache ist die Brücke angeblich zerstört.«

Der General war kein Freund von schlechten Späßen.

»Sehr witzig, junger Mann,« sagte er verbissen.

Bei Vieux Bac fuhren sie mit Donnergetöse über die eiserne Brücke und gelangten auf die alte römische Heerstraße, die Torcy la Mirande mit dem Hauptort des Departements verbindet. Am Himmel leuchtete schon die Venus neben dem jungen Mond in silbernem Licht. Sie fuhren noch etwa 30 Kilometer, ohne auf die Truppen zu stoßen. Bei St. Evariste mußte eine schlimme Steigung überwunden werden. Der Wagen ächzte wie ein müdes Tier, aber er zog durch. Als es dann bergab ging, war der Weg so steinig, daß das Auto sich fast überschlug und in den Graben geriet. Aber dann war der Weg vorzüglich bis Mallemanche, wo sie in der Nacht während eines Alarms anlangten.

Der Himmel strahlte von Sternen, Trompeten erschallten, und Fackeln warfen ihre roten Feuergarben über die bläuliche Straße. Infanteristen stürzten aus allen Häusern, an deren Fenster sich die Einwohner drängten.

»Obgleich diese Operationen nur fingiert sind,« sagte Lacrisse, »ist dies alles doch sehr eindrucksvoll.«

Der General erfuhr, daß seine Brigade am linken Flügel der siegreichen Armee Villeneuve besetzt hielte und daß der Feind im vollsten Rückzuge begriffen sei.

Villeneuve liegt da, wo die Ilette und Claine zusammenfließen, ungefähr 20 Kilometer von Mallemanche entfernt.

»Nach Villeneuve!« sagte der General, »wir wissen nun doch endlich, woran wir sind, das ist schon viel wert.«

Die Straße von Villeneuve war versperrt mit Kanonen, Munitionswagen und Artilleristen, die in ihren großen Mänteln schliefen. Das Auto konnte daher nur langsam vorwärts kommen.

Eine Marketenderin rief aus ihrem, mit chinesischen Lampions erhellten Wagen zu ihnen hinüber und bot ihnen Kaffee und Likör an.

»Wir geben Ihnen keinen Korb,« sagte der General, »denn wir haben im Manöver viel Staub schlucken müssen.«

Man trank ein Gläschen und fuhr dann bis Villeneuve, das von Infanterie besetzt war.

»Wo ist denn meine Brigade,« fragte der General beunruhigt. Sie befragten die Offiziere, die ihnen begegneten, aber niemand hatte irgendwelche Nachricht von der Brigade Ducuir.

»Was, keine Nachricht? die Brigade ist nicht hier in Villeneuve? das ist doch unglaublich.«

Jetzt klang eine Frauenstimme wie ein Glockenzeichen durch die Nacht.

»Meine Herren!«

Sie hoben die Köpfe und erblickten die Posthalterin, die den Kopf ganz voller Lockenwickel zum Fenster hinaussah.

»Meine Herren! es gibt zwei Villeneuve. Dies hier ist Villeneuve an der Claine, vielleicht wollen die Herren nach Villeneuve la Bataille.«

»Ja, das wird es wohl sein.«

»Aber das ist noch weit,« sagte die Posthalterin. »Erst müssen Sie nach Montil fahren … wissen Sie, wo das liegt?«

»Allerdings« erwiderte der junge Baron mit ironischem Lächeln.

»Nun gut, von dort aus fahren Sie nach St. Michel, dann nehmen Sie die Heeresstraße und …«

»Meine Herren …«

Diesmal war es der Notar von Villeneuve an der Claine, der seinen Rat an den Mann bringen wollte.

»Ich sollte meinen, um nach Villeneuve la Bataille zu kommen, täten Sie am besten, wenn Sie durch den Wald von Tongues fahren würden, dann biegen Sie rechts ab …«

»Schon gut, den Wald von Tongues kenne ich, ich habe da des öfteren gejagt, danke mein Herr, danke Fräulein.«

»Bitte keine Ursache,« erwiderte die Posthalterin.

»Zu Ihren Diensten meine Herren,« dienerte der Notar.

»Wollen wir uns nicht erst im Wirtshaus einen Cocktail brauen lassen,« schlug der Baron vor.

»Ja, ich würde gern etwas essen,« sagte Lacrisse, »ich bin schachmatt.«

»Ein bißchen Courage, meine Herren,«ermunterte der General. »In Villeneuve la Bataille können wir uns erholen.«

Nun ging es wieder los. Vorüber an unzähligen Dörfern und Flecken raste der Wagen und warf seinen gespenstischen Lichtkegel vor sich her in die schweigende Einsamkeit der Wälder.

Sie sahen Hirsche, die eiligst vor ihnen die Flucht ergriffen, sahen die Lichter in den Hütten der Köhler – plötzlich – in einem Hohlweg fahren sie erschrocken zusammen bei einem fürchterlichen Explosionsgetöse – der Wagen schleudert und stößt gegen einen Baum.

»Herrgott, was ist los!« ruft der General.

Lacrisse liegt auf dem Moose und seufzt schwer.

Der junge Baron hantiert mit der Laterne und spricht mit düsterer Stimme:

»Ein Reifen ist geplatzt, aber was viel schlimmer ist, die Vorderachse ist verbogen.«

Der verkannte Patriot

Inhaltsverzeichnis

(Emile)

Fräulein Bergeret schwieg und lächelte still vor sich hin, was sonst nicht ihre Gewohnheit war.

»Warum lachst du, Zoë?«

»Ach, ich dachte an Emil Vincent.«

»Was, Zoë, du denkst an diesen ausgezeichneten Menschen, den wir so lieb hatten und den wir beweinen, und du kannst lachen?«

»Ich lache, weil mir einfiel, wie er früher war, und alte Erinnerungen sind immer die stärksten. Du müßtest übrigens wissen, Lucien, daß nicht jedes Lachen freudiger Art ist, wie auch nicht alle Tränen schmerzlich zu sein brauchen. Muß ich altes Mädchen dir das erst sagen?«

»O nein, Zoë, ich weiß wohl, daß das Lachen der Effekt eines nervösen Reizes sein kann. Als Frau Custine von ihrem Gatten Abschied nahm, der von dem revolutionären Gerichtshof zum Tode verurteilt war, wurde sie im Gefängnis von einem konvulsivischen Lachen befallen beim Anblick eines Gefangenen, der an ihr vorüberging in Schlafrock und Nachtmütze mit gepudertem Gesicht, einen Leuchter in der Hand.«

»Das läßt sich nicht vergleichen,« sagte Zoë.

»Nein, erwiderte Herr Bergeret, aber ich weiß wohl, was mir selbst passierte, als ich erfuhr, daß die arme Demay gestorben war, die in den Kaffees ihre lustigen Lieder zu singen pflegte.

»Es war an einem Empfangsabend in der Präfektur, als Worms Clavelin uns sagte:

›Die Demay ist tot.‹

»Ich hörte die Nachricht mit wirklicher Trauer. Und bei dem Gedanken, daß man nie wieder hören würde, wie dieses dicke Mädchen sang: ›Wenn ich Nüsse knacken will, setz ich mich darauf‹ grübelte ich über die ganze Schwermut, die darin lag, nach und schwieg. Der Generalsekretär Lacarelle brummte mit seiner rauhen tiefen Baßstimme in seinen Bart: ›Demay ist tot! Welch ein Verlust für die französische Heiterkeit.‹

›Es stand heute abend in der Zeitung,‹ bemerkte General Cartier mit sanfter Stimme, ›und es heißt sogar, die Person sei gestorben, versehen mit den heiligen Sakramenten.‹

»Bei diesen einfachen Worten hatte ich plötzlich eine ganz bizarre groteske Vorstellung. Ich sah im Geiste das jüngste Gericht, wie es im Dies irae nach dem Zeugnis von David und der Sybille beschrieben ist. Ich sah die Welt in Staub und Asche zerfallen, ich stellte mir vor, wie die Toten aus ihren Gräbern stiegen und sich beim Aufruf der Engel in Scharen um den Thron des Allmächtigen drängten, und ich sah die dicke Demay, die ganz nackend zur Rechten Gottes stand.

Bei diesem Gedanken packte mich ein tolles Lachen zum äußersten Befremden der hohen Militär-und Zivilbeamten.

Das Schlimmste war, ich war so in dieser Vision befangen, daß ich unter Lachen sagte:

›Sie werden sehen, meine Herren, die Demay wird durch ihre bloße Gegenwart beim jüngsten Gericht den Ernst der Situation gefährden.‹

Zoë, ich kann dir sagen, kein Mensch begriff was ich eigentlich sagen wollte, und niemand billigte meine Worte.«

»Ach du bist wunderlich, Lucien! Ich habe niemals derartige sonderbare Einfälle. Ich lachte, weil ich mir unsern Freund Vincent vorstellte, wie er im Leben war. Weiter nichts, und das ist am Ende ganz natürlich. Ich traure dennoch in meinem Herzen um ihn, denn wir hatten keinen besseren Freund als ihn.«

»Ja, Zoë, ich hatte ihn auch sehr lieb, und grade wie du möchte ich lachen wenn ich an ihn denke. Es ist seltsam, wie in diesem kleinen Körper ein so starker militärischer Geist steckte und daß er trotz seines Puppengesichtes eine so heldenhafte Seele hatte. Sein Leben verlief in der Vorstadt einer kleinen Provinzstadt sehr ruhig. Er war Bürstenfabrikant, aber das füllte sein Herz nicht aus.

»Er war auffallend klein und doch außerordentlich martialisch, ein eifriger Bürger und begeisterter Kolonist,« sagte Herr Bergeret.

»Ja, und ein guter, rechtschaffener Mensch«, pflichtete Zoë bei.

»Er hatte den Krieg von 1870 mitgemacht, Zoë. Damals war er 20 Jahre alt, und ich war eben zwölf geworden. An einem Tage jenes schrecklichen Jahres kam er mit lautem Säbelgerassel in unser friedliches Haus, um uns Lebewohl zu sagen. Er trug ein Schrecken erregendes Kostüm eines Freischützen. Aus dem scharlachroten Gürtel guckten die Griffe von zwei alten Pistolen, und wie man manchmal noch in tragischen Stunden lachen muß, hatte die Laune irgend eines obskuren Waffenhändlers ihn in sorgloser Unwissenheit an einen mächtigen Kavalleriesäbel gehängt.

»Bitte, Zoë, mache mir keinen Vorwurf aus dieser Redeblüte, sie stammt nicht von mir, du findest sie in einem Brief von Cicero:

›Wer,‹ sagt der Redner, ›hat meinen Schwiegersohn an diesen Säbel gehängt? ‹

»Was mich am meisten in Erstaunen setzte an der Equipierung unseres Freundes Vincent, das war dieser riesige Säbel. In meiner kindlichen Phantasie verband ich damit die Hoffnung auf Sieg. Du, Zoë, schienst den Stiefeln mehr Beachtung zu schenken, denn du sagtest ›sieh da, der gestiefelte Kater!‹

»Hab ich das gesagt? der arme Vincent!«

»Mache dir keinen Vorwurf daraus, Zoë, Madame d’Abrantès erzählt in ihren Memoiren, daß ein kleines Mädchen auch einmal zu dem jungen mageren Bonaparte ›gestiefelter Kater‹ gesagt habe, als sie ihn eines Tages in seinem lächerlichen Aufzuge als General der Republik sah. Bonaparte hat es ihr nie verziehen. Unser Freund war großzügiger und nahm es nicht weiter übel.

»Emil Vincent kam mit seiner Kompagnie zu einem General, der die Freischützen nicht leiden konnte und der zu ihm sagte:

›Es genügt nicht, sich in Maskerade zu werfen, man muß sich auch schlagen.‹

»Unser Freund Vincent nahm diese höhnische Bemerkung ruhig hin. Er benahm sich bewunderungswürdig während des ganzen Feldzuges. Eines Tages sah man, wie er auf die feindlichen Vorposten losging, mit der Ruhe eines Helden, kurzsichtig wie er war konnte er kaum drei Schritte weit sehen, aber nichts hätte ihn bewegen können umzukehren.

»Während der dreißig Jahre, die er noch lebte, dachte er während er seine Bürsten fabrizierte unablässig an diese Monate im Felde. Er las alle militärischen Zeitungen, präsidierte bei den Zusammenkünften mit seinen früheren Waffenbrüdern und war bei allen Denkmalsenthüllungen, die den Kriegern von 1870 und 71 galten, dabei. Er hielt dann stammende patriotische Reden, und hierbei muß ich an eine Szene menschlicher Komödie rühren, deren trübselige Possenhaftigkeit man später einmal begreifen wird. Nämlich im Laufe der Dreyfuß-Affäre hatte Vincent gesagt, daß Esterhazy ein Schuft und ein Verräter sei. Er sagte es, weil er es wußte und weil er viel zu ehrlich war, um aus der Wahrheit ein Hehl zu machen. Aber von diesem Tage an betrachtete man ihn als einen Feind des Vaterlandes und der Armee.

»Er wurde als Verräter und Ausländer behandelt. Der Kummer darüber beschleunigte sein Herzleiden. Als ich ihn das letztemal sah, sprach er von Strategie und Taktik. Das war sein Lieblingsthema. Obgleich er in dem Feldzug von 1870-71 die größte Unordnung und Verwirrung erlebt hatte, war er doch davon überzeugt, daß die Kriegskunst erhaben sei über alle andern Künste. Und ich fürchte, ich habe ihn erzürnt mit meiner Anschauung, daß es eigentlich, richtig genommen, gar keine Kriegskunst gibt, daß man vielmehr während des Krieges alle Friedenskünste anwendet: die Bäckerkunst, die Hufschmiedekunst, die Polizei, die Chemie usw.«

»Warum sagst du auch so etwas, Lucien?«

»Aus Überzeugung, Zoë. Was man Strategie nennt, ist im Grunde die Kunst, welche die Agentur Cook auszuüben pflegt. Sie besteht in der Hauptsache darin, über die Flüsse vermittels der Brücken zu gelangen und über die Berge vermittels der Gipfel. Was die Regeln der Taktik anbelangt, so sind sie gefährlich. Die großen Heerführer richten sich nicht danach. Ohne es einzugestehen, überlassen sie vieles dem Zufall. Ihre Kunst besteht darin, Vorurteile zu schaffen, die ihnen günstig sein können.

»Es ist ein leichtes zu siegen, wenn man für unbesiegbar gehalten wird.

»Nur auf der Karte hat eine Schlacht ein geregeltes Aussehen und wird von einem höheren Willen beeinflußt.«

»Der arme Vincent,« seufzte Zoë. Er vergötterte das Militär. Und ich bin überzeugt wie du, daß er sehr darunter gelitten hat, als die Leute von der Armee ihn als Feind betrachteten. Die Generalin Cartier hat ihn sehr schroff behandelt, obwohl sie wußte, daß er sehr freigiebig war bei militärischen Liebeswerken. Aber als sie hörte, daß er Esterhazy einen Schurken genannt hatte, brach sie alle Beziehungen mit ihm ab, und zwar schonungslos. Als er sie nämlich besuchte, trat sie ganz nahe an die Tür des Zimmers, in welchem er wartete, und rief: ›Sagen Sie, ich wäre nicht zu Hause!‹ Und dabei ist sie eigentlich keine schlechte Frau.«

»Nein, sicher nicht,« erwiderte Herr Bergeret. Sie handelte aus einem Gefühl heiliger Einfalt, von dem es zu früherer Zeit noch ganz andere bewunderungswürdige Beispiele gab.

Wir besitzen nur noch höchst mittelmäßige Tugenden. Und der arme Emil ist tatsächlich aus Kummer gestorben.

Das doppelte Gesicht

Inhaltsverzeichnis

(Adrienne Buquet)

Adrienne Buquet

Es war nach dem Abendessen im Wirtshaus.

»Ich gebe zu,« sagte Laboullé zu mir, »alle diese Tatsachen, die sich auf einen noch sehr unklar bestimmten Zustand unseres Organismus beziehen, – Doppeltes Gesicht, Fernsuggestion, Ahnungen, – sind meistens nicht genügend einwandsfrei festgestellt, um den Erfordernissen wissenschaftlicher Kritik standhalten zu können. Sie beruhen fast immer auf Zeugenschaften, die, obwohl glaubwürdig, doch Ungewißheit über die Art des Phänomens bestehen lassen. Diese Tatsachen sind noch nicht genügend begründet, darin stimme ich zu. Aber die Möglichkeit solcher Dinge steht bei mir außer Zweifel, seitdem ich Gelegenheit hatte, einen Fall zu beobachten. Durch einen glücklichen Zufall gelang es mir, alle Grundbedingungen genauester Beobachtung vereinigen zu können. Glaub mir, ich bin ganz methodisch vorgegangen und habe alle Sorgfalt aufgewandt, um jeden Grund zum Zweifel auszuschließen.«

Während er dies sehr nachdrücklich sagte, schlug der junge Doktor Laboullé sich mit beiden Händen auf seine hohle Brust, die mit Broschüren überpolstert war, und näherte mir über den Tisch seinen scharfen Kahlkopf.

»Ja, mein Lieber,« fügte er hinzu, »durch einen einzigartigen Zufall hat sich eines dieser Phänomene, was von Myers und Podmore als ›Phantom der Lebenden‹ klassifiziert worden ist, in allen seinen Phasen unter den Augen eines Mannes der Wissenschaft abgespielt. Ich habe alles festgestellt, alles notiert.«

»Lassen Sie hören.«

»Die Daten gehen auf den Sommer 1891 zurück,« begann Laboullé wieder.

»Mein Freund Paul Buquet, von dem ich dir ja oft erzählt habe, bewohnte damals mit seiner Frau eine kleine Wohnung in der Rue de Grenelle, gegenüber dem Brunnen. Du hast Buquet nicht gekannt?«

»Ich habe ihn ein-oder zweimal gesehen. – Ein starker Mensch mit einem Bart, der ihm bis in die Augen wächst. Die Frau brünett, blaß, mit großen Zügen und tief liegenden Augen.«

»Ja, ja, erregbares, nervöses Temperament, aber ziemlich ausgeglichen. Jedoch eine Frau, die in Paris lebt – da bekommen die Nerven die Oberhand … dann ist die Geschichte fertig … Hast du Adrienne gesehen?«

»Ja, ich traf sie eines Abends in der Rue de la Paix vor einem Juwelierladen, wie sie mit leuchtenden Blicken auf die Saphire schaute. Eine schöne Person und fabelhaft elegant für die Frau eines armen Teufels, der in einem der Kellergewölbe der industriellen Chemie arbeitet. Ich glaube, Buquet hat nicht viel erreicht, wie?«

»Buquet arbeitete seit fünf Jahren in dem Geschäft von Jacob, der am Boulevard Malherbes mit photographischen Erzeugnissen und Apparaten handelt.

Er hoffte von Tag zu Tag Teilhaber zu werden, ohne daß er grade Tausende verdiente, war seine Stellung doch nicht schlecht. Er hatte gute Aussichten, war geduldig, schlicht und arbeitsam. Und seine Frau machte ihm nicht viel zu schaffen. Als echte Pariserin verstand sie es meisterhaft, sich einzurichten, und machte alle Augenblicke günstige Gelegenheitseinkäufe ausfindig für Wasche, Kleider, Spitzen und Schmuck. Ihr Mann war erstaunt, wie sie es möglich machte, sich mit beinahe nichts so elegant zu kleiden, und es schmeichelte ihm, seine Frau stets so angezogen zu sehen und immer in seidenen Unterkleidern. Aber was ich da sage, hat eigentlich kein Interesse.«

»Ja, doch, das interessiert mich sehr, mein lieber Laboullé.«

»Nun jedenfalls kommen wir weit vom eigentlichen Zweck bei diesem Geschwätz. Ich war, wie du weißt, ein Schulkamerad von Buquet, und wir verkehrten noch miteinander, als er mit 25 Jahren ohne Anstellung Adrienne aus Liebe heiratete, die, wie man sagt, nichts besaß, als das Hemd auf dem Leibe.

Diese Heirat tat unserer Freundschaft keinen Abbruch. Adrienne bezeigte mir viel Sympathie, und ich aß häufig in dem jungen Hausstand zu Abend. Wie du weißt, ist der Schauspieler Laroche einer meiner Patienten. Ich verkehre viel mit Künstlern und bekomme von Zeit zu Zeit Billette von ihnen geschenkt.

Adrienne und ihr Mann gingen sehr gern ins Theater. Wenn ich also abends eine Loge hatte, aß ich bei ihnen zu Abend und führte sie dann in die Vorstellung. Ich konnte sicher damit rechnen, daß ich Buquet, der um halb sieben Uhr aus seiner Werkstatt nach Hause kam, um die Essenszeit antraf, ihn, seine Frau und ihren gemeinsamen Freund Géraud.«

»Ist das Marcel Géraud, der in einer Bank angestellt war und der immer so schöne Krawatten zu tragen pflegte?«

»Jawohl, er war ein intimer Freund des Hauses. Da er Junggeselle war und ein angenehmer Mensch, so pflegte er stets dort zu Abend zu essen. Er brachte Hummer, Pasteten und allerhand andere Leckerbissen mit; war verbindlich und liebenswürdig und redete wenig. Buquet konnte gar nicht ohne ihn sein, so ging er regelmäßig mit uns ins Theater.«

»Wie alt war er?«

»Géraud? Ich weiß nicht. So zwischen dreißig und vierzig. Als Laroche mir eines Tages wieder eine Loge geschenkt hatte, ging ich wie immer zu meinen Freunden Buquets. Ich hatte mich etwas verspätet, so daß das Essen bereits aufgetragen war. Paul sagte, er käme um vor Hunger, aber Adrienne konnte sich nicht entschließen, ohne Géraud zu Tisch zu gehen.«

»Kinder,« rief ich, »ich habe eine Loge, man spielt Denise!«

»Dann laßt uns schnell essen,« sagte Buquet, »damit wir den Anfang nicht versäumen.«

Das Mädchen brachte die Suppe. Adrienne schien unruhig, und man merkte ihr bei jedem Löffel Suppe an, wie ihr Herz schlug. Buquet schlürfte mit Geräusch seine Suppe und schleckte mit der Zunge die einzelnen Fadennudeln auf, die in seinem Schnurrbart hängen geblieben waren.

»Die Frauen sind merkwürdig,« rief er. »Denke dir Laboullé, Adrienne ist beunruhigt, weil Géraud nicht zum Essen gekommen ist. Sie macht sich Gedanken darüber. Sag ihr mal, daß es unsinnig ist. Géraud kann verhindert sein, vielleicht geschäftlich, und da er Junggeselle ist, so ist er ja niemandem Rechenschaft schuldig. Mich wundert im Gegenteil, daß er uns eigentlich alle seine Abende opfert. Sehr nett von ihm, aber darum muß man ihm billigerweise auch etwas Freiheit gönnen. Ich habe das Prinzip, daß ich mich absolut nicht um das kümmere, was meine Freunde tun. Aber die Frauen sind anders.«

Frau Buquet erwiderte erregt:

»Ich beunruhige mich. Ich fürchte, es ist ihm etwas zugestoßen.«

Buquet hingegen suchte die Mahlzeit zu beschleunigen:

»Sophie,« rief er dem Mädchen zu: »Flink! den Braten, Salat! Sophie, den Käse und Kaffee!«

Ich bemerkte, daß Frau Buquet nichts gegessen hatte.

»Komm,« sagte ihr Mann, »zieh dich an, Kindchen. Geh! sonst versäumen wir den ersten Akt. Ein Stück von Dumas läßt sich nicht mit einer Operette vergleichen, wo es nicht darauf ankommt, ob man ein oder zwei Arien mehr oder weniger hört. So ein Stück hat seinen logischen Aufbau, von dem man nichts verlieren darf. Geh, mein Liebling. Ich selbst brauche bloß den Rock zu wechseln, dann bin ich fertig.«

Sie stand auf und ging mit langsamem Schritt und, sozusagen, willenlos in ihr Schlafzimmer.

Ihr Gatte und ich tranken inzwischen Kaffee und rauchten unsere Zigaretten.

»Es tut mir selbst leid, daß der gute Géraud heute abend nicht gekommen ist, es hätte ihm sicher Spaß gemacht ›Denise‹ zu sehen. Aber kannst du begreifen, daß Adrienne sich seinetwegen beunruhigt? Ich habe versucht ihr begreiflich zu machen, daß der gute Junge eine Abhaltung haben kann, von der er uns nichts gesagt hat, vielleicht irgendeine Frauengeschichte, was weiß ich. Aber sie will es nicht einsehen. Gib mir bitte eine Zigarette.«

Grade als ich ihm das Etui reichte, kam aus dem Nebenzimmer ein entsetzlicher Schrei, und gleich darauf hörten wir den dumpfen Fall eines Körpers.

»Adrienne,« rief Buquet und lief ins Schlafzimmer, wohin ich ihm folgte.

Wir fanden seine Frau unbeweglich am Boden liegend mit bleichem Gesicht und verstörtem Blick. Der Zustand wies keinerlei epileptische Symptome auf. Kein Schaum auf den Lippen, und die ausgestreckten Glieder waren schlaff und nicht verkrampft, der Puls schlug ungleich und kurz. Ich half ihrem Gatten, sie in einen Lehnstuhl zu setzen. Fast unmittelbar setzte die Blutzirkulation wieder ein. Ein rosiger Hauch färbte ihre für gewöhnlich blassen Wangen.

»Dort, dort, rief sie angstvoll und zeigte auf den Spiegel, dort habe ich ihn gesehen! Als ich mein Kleid zuknöpfte, sah ich ihn im Spiegel. Ich wandte mich um, weil ich glaubte, er stünde hinter mir. Erst als ich nichts sah, fing ich an zu begreifen, und da fiel ich zu Boden.«

Während ich untersuchte, ob sie sich beim Fall irgendwelche Verletzungen zugezogen hatte, gab Buquet ihr ein Glas Zuckerwasser mit Melissenessenz zu trinken.

»Komm, Liebling, erhole dich, was zum Teufel hast du gesehen, was sagst du da?«

»O!« sagte sie, indem sie von neuem erbleichte, »ich habe Marcel gesehen«.

»Merkwürdig! sie hat Géraud gesehen«, rief Buquet.

»Ja, ich habe ihn gesehen, fuhr sie in ernstem Ton fort, er sah mich an, ohne ein Wort zu sagen – so sah er mich an«, rief sie mit verstörtem Blick.

Buquet sah mich forschend an.

»Beunruhigen Sie sich nicht«, sagte ich, »diese Störung hat nichts auf sich. Es kann sein, daß es aus dem Magen kommt. Wir werden das in aller Ruhe untersuchen. Für den Augenblick braucht man sich keine Gedanken darüber zu machen. Ich habe im Krankenhaus einen gastrischen Patienten, der sieht unter allen Möbeln Katzen.«

Als Frau Buquet sich dann nach einigen Minuten ganz erholt hatte, sah ihr Gatte auf die Uhr und sagte zu mir gewandt:

»Wenn Sie meinen, Laboullé, daß ihr das Theater nicht schaden kann, so ist es Zeit aufzubrechen. Ich werde Sophie sagen, daß sie uns einen Wagen holt.«

Adrienne setzte hastig ihren Hut auf.

»Paul, Paul,« rief sie erregt, »Herr Doktor, hören Sie, lassen Sie uns zu Géraud fahren. Ich bin furchtbar unruhig, viel mehr, als ich euch sagen kann.«

»Ach, du bist verrückt,« rief Buquet. Was willst du eigentlich, was soll ihm wohl passiert sein? Er war gestern doch noch ganz gesund!«

Sie warf mir einen jammervollen, flehenden Blick zu, der mich tief bewegte.

»Helfen Sie mir Laboullé!« bettelten ihre Augen.

Ich gab ihr das stumme Versprechen. Sie hatte mich so eindringlich gebeten.

Paul knurrte, er wollte den ersten Akt nicht versäumen.

Ich sagte:

»Lassen Sie uns erst zu Géraud fahren, der Umweg ist ja nicht groß.«

Der Wagen wartete schon. Ich rief dem Kutscher zu:

»Fahren Sie Rue du Louvre 5, und fahren Sie flott, hören Sie!«

Géraud bewohnte drei Zimmer in der Rue du Louvre 5, die immer ganz voll waren von den schönsten Krawatten. Das war der große Luxus, den der gute Junge sich leistete.

Wir hielten kaum vor dem Hause, als Buquet schon heraussprang, an die Pförtnerswohnung trat und fragte:

»Wie geht es Herrn Géraud?«

»Herr Geraud ist um fünf Uhr nach Hause gekommen,« antwortete die Pförtnersfrau »und hat seine Briefe mit hinaufgenommen. Wenn Sie ihn zu sprechen wünschen, er wohnt im vierten Stock rechts.«

Aber Buquet war schon wieder am Wagenschlag und rief:

»Siehst du, Kind, du bist nicht recht klug, Géraud ist zu Hause! Kutscher fahren Sie ins Komödienhaus.«

Aber Adrienne warf sich halb aus dem Wagen.

»Paul, ich beschwöre dich, geh hinauf, sieh nach ihm, du mußt es tun!«

»Die vier Stockwerke hinaufklettern«, sagte er achselzuckend, »Adrienne, es ist deine Schuld, wenn wir die Vorstellung versäumen, aber wenn die Frauen sich etwas in den Kopf gesetzt haben!«

Ich blieb allein mit Frau Buquet im Wagen zurück, ihre Augen funkelten in der Dämmerung, und unbeweglich starrte sie auf die Haustür.

Endlich kam Paul zurück.

»Weiß der Himmel, ich habe dreimal geklingelt, aber es meldet sich kein Mensch, Kindchen, er wird seine Gründe haben, warum er nicht gestört sein will, vielleicht hat er Damenbesuch. Das wäre doch nicht so merkwürdig.« In Adriennes Augen trat ein so tragischer Ausdruck, daß sich unwillkürlich auch in mir ein Gefühl von Unruhe zu regen begann.

»Warten Sie hier einen Augenblick auf mich!« sagte ich, »ich will mal mit der Pförtnerin reden.«

Die Frau schien auch erstaunt, daß Géraud nicht, wie er sonst zu tun pflegte, zum Abendessen ausgegangen sei. Da sie seine Zimmer rein zu machen hatte, besaß sie den Schlüssel zu seiner Wohnung. Sie nahm ihn vom Schlüsselbrett und erbot sich, mit mir hinaufzugehen. Als wir oben angekommen waren, schloß sie die Tür auf und rief vom Vorzimmer aus zwei-, dreimal: »Herr Buquet!«

Aber niemand antwortete. Es war völlig dunkel, und wir hatten keine Streichhölzer.

»Auf dem Nachttisch muß eine Schachtel mit Streichhölzern stehen,« sagte die Frau mit zitternder Stimme und wagte sich nicht von der Stelle. Ich tastete mich vorwärts. Auf dem Tisch griffen meine Finger in eine klebrige Masse.

»Das kenne ich,« dachte ich bei mir, »es ist Blut.«

Als wir endlich eine Kerze angezündet hatten, sahen wir Géraud mit zerschmettertem Schädel auf seinem Bett liegen. Sein Arm hing auf den Teppich herab, wohin der Revolver gefallen war. Ein blutbefleckter Brief lag unverschlossen auf dem Tisch. Er war an Herrn und Frau Buquet gerichtet und begann mit den Worten:

»Liebe Freunde, Ihr wart die Freude und das Glück meines Lebens…« Dann teilte er ihnen seinen Entschluß, daß er sterben wolle, mit, ohne ihnen irgendeinen Grund dafür anzugeben. Aber er deutete an, daß Geldverlegenheiten ihn dazu getrieben hatten. Ich konstatierte, daß der Tod vor ungefähr einer Stunde eingetreten war. Er hatte sich also in demselben Augenblick das Leben genommen, als Frau Buquet ihn hinter sich im Spiegel erblickt hatte.

» Ist dies nicht,« wie ich dir sagte, »mein Lieber, ein absolut erwiesener Fall von doppeltem Gesicht, oder um es präziser auszudrücken: ein Beispiel von merkwürdigem physischem Synchronismus, den die Wissenschaft heute mit mehr Eifer als Erfolg zu erforschen bemüht ist?«

»Vielleicht hatte dies doch noch eine andere Ursache,« erwiderte ich. »Hast du niemals bemerkt, daß zwischen Géraud und der Frau Buquet etwas spielte?«

»Wieso? nein, ich habe nie etwas bemerkt, und wenn auch, was hätte das damit zu tun…«

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
13 kasım 2024
Hacim:
380 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788027208852
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