Kitabı oku: «Schlaflos»
Table of Contents
TITEL
WIDMUNG
VORWORT
APRIL. TABLETTEN.
MAI. SO SCHLÄFT MAN BESSER.
JUNI. TAG UND NACHT.
JULI. DIE REISE.
AUGUST. ALL DIE ANDEREN.
SEPTEMBER. MORD UND ANDERE SCHLAFSTÖRUNGEN.
OKTOBER. POLARNACHT.
NOVEMBER. DER FRÜHSTÜCKSCLUB.
DEZEMBER. WIR SEHEN UNS MORGEN.
NACHWORT
LITERATURVERZEICHNIS
DANK
BIOGRAFIE - ANDERS BORTNE
IMPRESSUM
Anders Bortne
Schlaflos - Wie ich nach tausend Nächten endlich Ruhe fand
Aus dem Norwegischen von Sabine Richter
Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, dass Schlaflosigkeit eines der vordringlichen und am meisten verbreiteten Gesundheitsprobleme der modernen Gesellschaft darstellt. Dennoch sprechen nur wenige darüber, erkennen es gar als Problem an, oder denken, dass man dagegen unbedingt etwas machen sollte.
Matthew Walker, Schlafforscher und Professor für Neurologie und Psychologie, in Das große Buch vom Schlaf
Eines der am meisten unterschätzten Gesundheitsprobleme des Menschen.
Norwegisches Gesundheitsamt über Schlafstörungen
Für alle, die schlafen können.
Und für all die anderen.
VORWORT
Dieses Buch ist für all diejenigen gedacht, die Probleme mit dem Schlafen haben. Es stellt jedoch kein Programm vor, es gibt auch keine konkreten Ratschläge, wie zum Beispiel Bananen zu essen oder vor dem Schlafengehen zu meditieren. Das hier ist die Geschichte über ein Leben ohne Schlaf, aber auch über das Verhältnis der Menschen zum Schlaf überhaupt. Wie hat man früher geschlafen? Was passiert, wenn wir schlafen? Und die allerwichtigste Frage von allen, falls Sie selbst – oder jemand, den Sie kennen – Probleme mit dem Schlafen haben: Was hilft?
Nach sechzehn Jahren wurden meine eigenen Schlafstörungen – nahezu über Nacht und ohne dass ich verstand, warum eigentlich – schlimmer. Womit ich bis dahin irgendwie leben konnte, funktionierte nicht mehr. Wenn ich jetzt nichts unternahm, würde ich vor die Hunde gehen. Ich begann mit den Behandlungsmethoden, die die meisten schlaflosen Menschen ja nur allzu gut kennen: zuerst Tabletten, dann Kräuter, Meditation, Akupunktur, Yoga. Gleichzeitig begann ich, Bücher über den Schlaf und Schlafstörungen zu lesen, und zwar nicht nur Selbsthilfebücher, sondern auch medizinische, psychologische und historische Fachliteratur zum Thema Schlaf. Ich fand kein einziges Buch, das für Leute mit ernsthaften Schlafstörungen gedacht war. Die meisten Bücher richten sich an die, die schlafen können, sich aber dagegen entschieden haben, oder an solche, die begriffen haben, dass sie mehr schlafen sollten. Schlaflosigkeit ist bestenfalls ein untergeordnetes Thema und all die wohlmeinenden, aber auch oberflächlichen Ratschläge für Schlaflose sind natürlich nicht als Behandlung für chronische und ernsthafte Gesundheitsprobleme gedacht. Das Merkwürdigste dabei ist jedoch der Hauch des Geheimnisvollen, mit dem wir den Schlaf und unsere Probleme damit immer noch 10 umgeben. Noch nie zuvor haben die Wissenschaftler beziehungsweise wir Menschen im Allgemeinen mehr über den Körper und die Gesundheit gewusst als heute. Warum verhalten wir uns also dem Schlaf gegenüber so, als wäre er etwas so Geheimnisvolles?
Ich bin weder Arzt noch Schlafexperte. Ganz im Gegenteil. Aber dieses Buch wurde von jemandem geschrieben, der selbst viele Jahre lang an Schlaflosigkeit gelitten hat – und immer noch schlecht schläft. Wenn Sie also nach etwas suchen, das leichtherzig Tipps zum besseren Schlafen gibt – so in der Art: Trinken Sie weniger Kaffee! Treiben Sie mehr Sport! Nehmen Sie sich täglich eine Stunde zum Meditieren! usw. –, dann müssen Sie leider weitersuchen.
Wenn Sie dieses Buch dennoch lesen, dann lernen Sie etwas über Schlaf und Schlaflosigkeit, machen sich selbst einen Reim und bekommen eine Idee davon, wie es anderen schlaflosen Menschen ergeht. Und wenn Sie mich fragen: Was kann man mehr von einem Buch erwarten?
Anders Bortne, Oslo, den 30. Januar 2019
APRIL. TABLETTEN.
Über Arztbesuche und Schlafmittel, Fakten und Aberglauben zum Schlaf, wie meine Probleme vor sechzehn Jahren einsetzten und warum schlaflose Leute keine Eierpfannkuchen machen.
1
Das war ja wieder mal klar: In der Nacht, bevor ich zum Arzt will, schlafe ich wie ein Stein. Ich wache ausgeruht auf. Ich schwitze nicht, friere nicht, mein Kopf ist klar, weder Muskeln noch Gelenke tun mir weh. Soll ich absagen? Ich gehe nicht gern zum Arzt, ich sitze nicht gern einem Fremden gegenüber und erläutere meine Schwachstellen. Solange ich nichts Handfestes vorweisen kann – Fieber oder Wunden oder ein gebrochenes Bein –, habe ich Angst, dass das Ganze auf Gefühlsduselei reduziert wird. Ich kann nicht schlafen. Jetzt habe ich ja geschlafen. Und ich fühle mich so gut wie schon lange nicht mehr.
Ich schaue im Wartezimmer in den Spiegel: Mein Blick ist fest und klar. Meine Haut sieht so frisch und normal aus wie die derjenigen, die lange und tief geschlafen haben und um die ich sie nach meinen eigenen schlaflosen Nächten immer so beneide.
Vielleicht bin ich geheilt?
Vielleicht ist es endlich vorbei?
Als ich vor einer Woche den Arzttermin ausmachte, glaubte ich das noch nicht. Da hatte ich gerade Lines und mein Bett bezogen. Niemand außer mir darf das machen. So wie jemand mit Essstörungen auf den Kühlschrank fixiert sein kann, bin ich es in Bezug auf unser Bett. Die Kopfkissen- und Bettbezüge müssen Knöpfe haben, damit in der Nacht nichts herausrutschen kann. Der Matratzenschoner darf keine Falten werfen oder schief aufgezogen sein. Wenn auf dem Bett Kleidung oder Sachen liegen, wenn ich abends ins Bett will, muss ich wieder aus dem Zimmer und es später noch einmal angehen. Die Kabel für die Nachttischlampen müssen an der Wand befestigt sein, damit sie nicht verrutschen, wenn sich jemand im Bett umdreht. Schon der Gedanke, dass die Glühbirne in der Nachttischlampe zu grell sein könnte, kann mir den Schlaf rauben.
Als ich gerade das Laken abzog, schien die Sonne durchs Fenster in der Kelleretage auf den aufgewirbelten Staub und den Matratzenschoner. Ich blieb stehen, starrte auf das unbezogene Bett und spürte, wie sich mir die Haare im Nacken sträubten. Ich hatte das Bett schon oft neu bezogen, doch das hier hatte ich noch nie bemerkt: Auf der linken, das heißt auf Lines Seite entdeckte ich Risse im abgenutzten Stoff, wie sie bei normaler Benutzung halt entstehen. Dieses Bett hatten wir schon viele Jahre, das waren also ganz normale Abnutzungserscheinungen. Aber auf der anderen, auf meiner Seite des Bettes sah man nichts! Der Matratzenschoner sah völlig unbenutzt aus! Als ob meine Frau in all diesen Jahren ihr Bett mit einem Gespenst geteilt hätte. Ich war zwar wie besessen von diesem Bett, doch hatte ich bis dahin kaum darin gelegen.
Ich ließ das Bettzeug liegen, setzte mich auf die Matratze und tat etwas, was ich bis dahin noch nie getan hatte: Ich zog mein Handy raus und googelte Schlafmangel und Langzeitschäden. Dann fand ich einen Artikel mit dem Titel Hier eine Liste der ernst zu nehmenden Gesundheitsprobleme, die durch zu wenig Schlaf ausgelöst werden können. Darin stand: Diabetes. Erhöhte Cholesterinwerte. Schlaganfall. Herzinfarkt. Krebs. Unter der Liste war ein eingeschobener Block mit Fakten und der Anzahl der Stunden Schlaf, die man benötigt, um seine Gesundheit zu erhalten. Demzufolge brauchten Erwachsene täglich sieben bis acht Stunden Schlaf.
Da bekam ich es also mit der Angst und besorgte mir einen Arzttermin.
Am Tag darauf hatte ich schon keine Angst mehr und wollte den Termin absagen. Ich wusste aber, dass meine Angst zurückkommen würde. Meine Gefühle schwankten wie die Schlafstörungen, die auftauchten und dann wieder verschwanden. Ich wurde krank, erholte mich wieder, wurde wieder krank und wieder gesund. Jetzt war ich ja nicht mehr krank, ich hatte in der Nacht zuvor ganz gut geschlafen – also hatte ich auch keine Angst mehr. Ein Allgemeinmediziner konnte mir ohnehin nicht wirklich helfen, also warum sollte ich auch meine Zeit mit einem Arztbesuch vergeuden?
»Dieser Arzttermin – ich glaub, den sag ich ab«, meinte ich zu Line.
Sie schaute mich an.
»Sicher?«
»Das Einzige, was ein Arzt machen kann, ist, mir Schlaftabletten zu verschreiben. Und die will ich nicht.«
»Aber wenn man dir irgendwie anders helfen soll, müsstest du zuerst schon noch mit dem Hausarzt reden.«
Im Wartezimmer des Arztes sitzt mir eine Frau mit Krücken und Halskrause gegenüber. Ihr Blick ist hilflos nach oben gerichtet. Neben mir sitzt ein Mann, der alle zwanzig Sekunden tief und rasselnd hustet. Drüben, neben der Tür, versucht eine Frau ihr schreiendes Baby zu beruhigen. Und mittendrin ich, ausgeruht und gesund und in der Hoffnung, dass man mich nicht vor den anderen aufruft.
Und dann taucht der Arzt auf:
»Herr Bortne?«
Meine Ausführungen mache ich ungefähr so, wie ich es vorab vorbereitet habe: »Ich leide seit sechzehn Jahren an chronischer Insomnia«, sage ich als Erstes. In dem Buch, das ich mir vor zwei Tagen aus der Bibliothek geholt habe, verwendet man den Begriff Insomnie, nicht die lateinische Bezeichnung Insomnia. Ich habe Angst, er könnte glauben, ich hätte mir so etwas nur herausgepickt, um mich krank zu stellen. Auch, weil ich will, dass der Arzt derjenige ist, der am meisten über das Thema weiß, bleibe ich vorläufig bei der eher volkstümlichen, wenn auch nicht ganz korrekten Variante: »In letzter Zeit ist meine Insomnia schlimmer geworden und ich bekomme langsam Angst, wenn ich an die langfristigen Auswirkungen von zu wenig Schlaf denke. Und dann mache ich mir auch noch Sorgen um mein Herz. Und ich habe Angst vor Krebs.«
Ich versuche, meiner Angst Ausdruck zu geben, so wie ich sie noch vor einer Woche gespürt habe. Ich versuche, mich noch mehr an sie zu erinnern, damit ich meinem Gegenüber davon berichten kann, auch wenn sich das wie eine Lüge anfühlt.
»Ich muss herausfinden, warum ich nicht schlafen kann«, sage ich. »Vielleicht gibt es keine einfache Erklärung dafür, vielleicht gibt es mehrere Ursachen. Ich bin bereit, das meiste auszuprobieren. Ich suche jetzt nicht mehr nur nach einer schnellen Problemlösung.«
Der Arzt und ich sehen uns an. Er ist jung – auf jeden Fall jünger als ich, mit dunklen Locken und einer rundlichen, schwarzen Brille. Er ist die Vertretung der Vertretung meines Hausarztes, die ich noch nie getroffen habe. Das Gesicht des Mannes ist leer, ausdruckslos. Vielleicht ist er an Patienten gewöhnt, die an Medikamente kommen wollen und ihn nur als zu überwindendes Hindernis betrachten. Ich will aber nicht mit Schlaftabletten nach Hause geschickt werden. Da fahre ich lieber wieder heim und mache so weiter wie bisher.
Der Arzt legt seine Finger auf die Computertastatur und schreibt, während ich rede, dann legt er seine Hände in den Schoß und hört weiter zu.
»Ich versuche auch, selbst daran zu arbeiten«, sage ich.
»Und wie?«
Mein Handy klingelt. Ich ziehe es aus meiner Jackentasche und weise den Anruf ab.
»Ich surfe nicht mehr im Internet, gehe nicht mehr auf Facebook, versuche, mehr Bücher zu lesen. Ich versuche auch, mir mehr Zeit zum Nachdenken zu nehmen. Ich habe mir einen Kalender zum Notieren meiner Termine zugelegt. Ich habe angefangen zu trainieren. Und ich versuche, öfter mein Handy wegzulegen.«
Das Handy klingelt schon wieder.
»Und wie funktioniert das für Sie?«, fragt der Arzt.
Ich nehme das Handy, schalte es ganz ab und murmele eine Entschuldigung.
»Ich versuche, etwas über Schlaf und Schlafstörungen herauszufinden«, sage ich. »Deshalb habe ich mir auch aus der Bibliothek ein Fachbuch geholt.«
Der Arzt blickt nur auf seinen Computerbildschirm, zu mir schaut er nicht mal rüber. Das Letzte, was ich gesagt habe, bereue ich schon wieder. Es stimmt schon, dass ich in der Mittagspause in der Bibliothek war und mir ein Buch – Schlaf und Schlafstörungen – ausgeliehen und darin über Tag-Nacht-Rhythmus, Insomnie und andere Schlafstörungen gelesen habe, aber soll ich das jetzt dem Arzt erzählen?
Ich muss vorsichtig sein, denke ich. Ich muss den Arzt Arzt sein lassen und den Patienten Patient.
»Haben Sie Einschlafprobleme?«, fragt er. Es sieht aus, als lese er etwas vom Bildschirm ab. »Oder wachen Sie zu früh auf, ohne wieder einschlafen zu können? Oder wachen Sie in der Nacht oft auf?«
Ich muss nachdenken. Schon schwierig, das so – zusammen mit dem Arzt – von außen zu betrachten. In den ersten Jahren war die Schlaflosigkeit genau das: ein Leiden, eine Krankheit, etwas, was man betrachtet. Doch in den letzten sechs, sieben Jahren bestimmte die Krankheit mein ganzes Dasein, sie war ich. Ich denke an die letzten Wochen: Letzte Nacht habe ich gut geschlafen, doch in der Nacht davor? Da habe ich gar nicht geschlafen. Auch nicht in den drei Nächten davor. Es fällt mir schwer, mich zu erinnern; die schlaflosen Nächte und Tage gehen ineinander über, es gibt nichts, was einen Unterschied machen würde, nichts, woran ich mich orientieren könnte. Wie ein langer, dunkler Tunnel, bei dem man nur merkt, wenn er beginnt und wenn man durch ist. Ist das alles jetzt schlimmer als früher? Habe ich deshalb eine solche Angst? Hat Line deshalb so darauf bestanden, dass ich nun endlich zum Arzt gehe?
»Alle vier Nächte nicht?«, fragt der Arzt.
Ich nicke.
»Gibt es noch andere Sachen, neben den Schlafstörungen, die Ihnen aufgefallen sind?«
»In letzter Zeit hatte ich wirklich emotionale Gefühlsschwankungen«, sage ich. »Mehr als sonst. Ich werde schnell wütend. Oder aufgeputscht. Oder deprimiert.«
Ich versuche, den Begriff Laune zu vermeiden.
»Arbeiten Sie?«
»Ja.«
»Als was?«
»Ich arbeite für ein Ministerium und schreibe Reden. Und dann bin ich auch noch Schriftsteller – und mache auch noch eine Comic-Serie für eine Tageszeitung. Und dann habe ich da noch ein paar Musikprojekte.«
»Klingt viel«, sagt der Arzt.
»Vor ein paar Wochen musste ich mich krankschreiben lassen. Es ging nicht mehr. Das war das erste Mal, dass ich wegen meiner Schlafstörungen zu Hause bleiben musste.«
»Wie lange waren Sie krankgeschrieben?«
»Vier Tage.«
Meinem Chef hatte ich etwas von einer Magenverstimmung erzählt. Hätte ich die Wahrheit gesagt, dass ich nämlich wegen meiner Schlafstörungen krankgeschrieben worden war, hätten sie sich bei der Arbeit wohl gefragt, was eigentlich mit mir los sei. Ich verschweige meine Schlafstörungen nicht, aber bisher bin ich noch nie damit hausieren gegangen, schon gar nicht, wenn ich mit Leuten zu tun hatte, die mir nicht nahestehen. Wenn ich sage Ich schlafe nicht, dann ist das, als ob ich sagte Ich blute. Alle wollen dann wissen, wie es dazu gekommen sei. Und weil ich das nicht beantworten kann, kann sich jeder etwas anderes zusammenreimen: Anders ist deprimiert, Anders hat irgendein Trauma, Anders geht’s nicht gut auf Arbeit – oder zu Hause oder beides. Solange ich selbst keine Antwort für mich gefunden habe, habe ich Angst, dass die anderen mich als Weichei abschreiben.
Ich weiß nicht, warum ich blute, ich blute einfach.
Sich selbst krankzumelden, wenn auch nur für ein paar Tage, ist schon eine Niederlage. Meine Schlaflosigkeit tauchte vor sechzehn Jahren auf und fühlte sich zunächst an wie ein großer Stein, der mitten auf meinen Weg geplumpst war. Ich fand jedoch immer einen Weg drumherum: Mal bin ich mittags nach Hause gefahren, um etwas zu schlafen, mal kam ich eine Stunde später zur Arbeit oder ich ging eine Stunde früher oder hielt ganz einfach durch, bis ich wieder schlafen konnte. Es war nicht das erste Mal, dass ich wegen der Schlafstörungen alles langsamer angehen musste, aber ich war noch nie wegen Schlafmangel arbeitsunfähig gewesen. Ich habe keine Kraft mehr, weiterzukämpfen. Deshalb gibt es nun keinen Weg mehr drumherum.
»Hat jemand Ihre Schlafstörungen denn schon mal genauer untersucht?«, fragt der Arzt.
»Nein. Meinen Sie denn, das würde helfen?«
Untersuchung der Schlafstörungen ist eine Formulierung, die immer wieder auftauchte, wenn ich in den letzten Jahren mit Freunden oder der Familie über meine Beschwerden sprach. Hast du deine Schlafstörungen schon untersuchen lassen? Ist das etwa meine große Hoffnung? Bin ich eigentlich deshalb hier? Ich weiß nicht einmal, wie das gemacht wird, außer, dass ich eine Nacht unter Beobachtung im Krankenhaus sein müsste. Das hört sich an wie der Titel einer Doktorarbeit: Untersuchung von Schlafstörungen.
Der Arzt schiebt sich mit seinem Bürostuhl vom Schreibtisch weg und rollt zu einem Regal, aus dem er einen dünnen Ordner zieht. Sind das vielleicht seine eigenen Notizen? Er sucht in dem Ordner nach etwas, liest ein bisschen, sucht weiter. Letztes Mal, als ich mit einem meiner Kinder hier war, schaute er mich nicht ein einziges Mal an. Ich bin an Ärzte gewöhnt, die schon alles erlebt, alles gehört haben, die nie wirklich daran glauben, dass etwas Schwerwiegendes vorliegen könnte, ganz egal, mit welchen Beschwerden man ankommt. Aber jetzt ist er neugierig und engagiert. Vielleicht bin ich an diesem Tag für ihn der interessanteste Patient. Vielleicht waren vor mir heute nur Leute mit Migräne und Grippe hier und dann komme ich mit meinen sechzehn Jahren Schlaflosigkeit. Vielleicht war es gerade solch ein Fall, der ihn ursprünglich zum Medizinstudium motiviert hat? Vielleicht wird er jetzt in seinen alten Ordnern aus dem Studium blättern, seine Professoren von damals anrufen, die ebenfalls aus dem akademischen Dämmerschlaf erwachen und ihn dann des Nachts mit Vorschlägen zu innovativen Lösungen anklingeln. Spätabends noch schnell etwas essen, wissenschaftliche Formeln, die eine Wandtafel füllen, halbe Nächte im Archivkeller der Bibliothek.
»Ich weiß nicht, aber normalerweise schaut man sich schon die zugrunde liegenden Probleme an«, sagt er, noch immer über den Aktenordner gebeugt.
»Was meinen Sie?«
»Also, woran liegt es denn, dass Sie nicht schlafen können? Dafür kann es viele Gründe geben, wie Sie ja selbst sagen. Vielleicht wird eine Untersuchung dazu beitragen, die aufzuspüren.« Er klappt den Ordner zu, stellt ihn zurück ins Regal und rollt wieder zurück zu seinem Computer.
Indem ich dem Arzt von meinen Beschwerden berichte, indem ich um Hilfe bitte, merke ich etwas, das ich schon lange nicht mehr wahrgenommen habe: Hoffnung. Hoffnung und Angst. Gibt es die immer nur im Doppelpack? War ich deshalb so zögerlich gewesen, einen Arzt aufzusuchen? Hatte ich Angst davor, wieder einmal ein bisschen Hoffnung zu hegen?
»Für die nächste Zeit habe ich etwas für Sie, das, glaube ich, helfen könnte«, sagt er. »Das sind keine Schlaftabletten, das ist ein Medikament, das man bei bipolaren Störungen nimmt.«
»Glauben Sie denn, ich habe eine bipolare Erkrankung? Schlafe ich deshalb nicht?«
»Es sieht nicht nach einer bipolaren Erkrankung aus – Sie funktionieren bei Ihrer Arbeit. Und ein paar kleinere Episoden dann und wann besagen noch gar nichts. Es ist aber nicht unüblich, Medikamente, die eigentlich für etwas Bestimmtes gedacht sind, für etwas ganz anderes einzusetzen. Und das hier kann man zum Einschlafen nehmen. Es bremst das Gedankenkarussell.«
»Es bremst das Gedankenkarussell?«
»Es verlangsamt das Ganze. Nur nachts.«
»Ich werde also nicht zu einem sabbernden Idioten?«
»Nein, das sind Schlaftabletten.«
Ich nicke, verstehe aber nicht. Sind das nun Schlaftabletten oder nicht? Wovor ich am meisten Angst habe, sind Medikamente, die meine Fähigkeit, zu schreiben oder Musik zu machen, begrenzen oder ausschalten. Verliere ich die, dann ist es egal, ob ich in allen anderen Bereichen funktioniere.
»Wie lange soll ich das einnehmen?«
»Eine Woche und dann kommen Sie wieder. Dann besprechen wir, wie es Ihnen gegangen ist, und ich sehe mal, ob ich Sie an einen Spezialisten überweisen kann.« Er stellt ein Rezept aus und bedeutet mir, dass unser Gespräch nun zu Ende sei. »Lassen Sie sich von der Packungsbeilage nicht beunruhigen!«, sagt er noch, als ich schon aus dem Sprechzimmer gehe.
Als ich ein paar Stunden später in der Apotheke stehe, um mir mein Medikament zu holen, sehe ich, dass ich meine Bankkarte nicht mithabe. Die muss ich auf Arbeit liegen gelassen haben. Ich radele zur Arbeit, finde die Karte auf meinem Schreibtisch, radele wieder zurück zur Apotheke und wedele außer Atem mit der Karte in Richtung der Apothekerin, die verhalten zurücklächelt. Ich, der ich mich gegen Medikamente entschieden hatte und zum Arzt gegangen war, um eine dauerhafte Lösung zu finden, stehe jetzt wie ein Idiot vor der Apothekerin und schreie schon beinahe: »Schauen Sie mal, ich kann sogar für meine Pillen bezahlen!«
Die Apothekerin schiebt die Tablettenschachtel über den Ladentisch und tippt den Preis in die Kasse ein. Ich bezahle mit Karte. Die Schachtel sieht aus wie alle anderen, eine weiße, flache, rechtwinklige Tablettenschachtel.
»Und lassen Sie sich von der Packungsbeilage nicht beunruhigen!«, sagt sie noch.
Ich hole die Kinder aus dem Kindergarten, setze sie in die Box vorn am Lastenfahrrad und radele nach Hause. Während die beiden draußen spielen, koche ich Tomatensuppe, mache Eierpfannkuchen und lade unser Nachbarkind zum Essen ein. Nach dem Essen renne ich mit den restlichen Pfannkuchen zu unseren Nachbarn von oben. Hätte ich letzte Nacht schlecht geschlafen, hätten wir uns mit Schinkenpizza und Cola begnügt. Die Nachbarn hätten nichts abbekommen. Aber jetzt habe ich die Kraft, mich wie ein gut funktionierender, leistungsfähiger Mitmensch zu benehmen.
Line macht heute Überstunden und kommt erst nach Hause, als die Kinder schon im Bett sind. Ich erzähle ihr vom Arztbesuch und dem Medikament, das ich verschrieben bekommen habe.
»Aber das ist ja genau das, was du nicht wolltest!«, sagt sie. »Du hast selbst gesagt, du bist gegen Schlaftabletten!«
»Aber das sind doch keine Schlaftabletten!«, sage ich.
»Ach nein?«
»Der Arzt sagt, sie verlangsamten das Gedankenkarussell. Er möchte sehen, ob mir das was bringt.«
Line schaut mich an. Sie denkt nach, sehe ich, sagt aber nichts mehr. Das hier ist meine Entscheidung. Ich lege die Medikamentenschachtel auf den Tisch, an dem wir sitzen, falte den Beipackzettel auseinander, bis er so groß wie eine Tischdecke ist, und lese: Antipsychotika. Zur Einnahme bei Schizophrenie, Manie und bipolaren Erkrankungen.
2
Mit der Schlaflosigkeit fing es an, als ich mit Ende zwanzig mein Studium abgeschlossen hatte und wegen der neuen Arbeit von Bergen nach Oslo gezogen war. Morgens ging ich zur Arbeit, nachmittags probte ich mit einer meiner beiden Musikbands, abends war ich mit Freunden unterwegs. An den Wochenenden schrieb ich an meinem ersten Roman. Mein soziales Netzwerk war groß, meine Ambitionen riesig und dann traf ich auch noch Line.
Ich wohnte in einer kleinen, schmuddeligen, aber dafür eigenen Zweizimmerwohnung, ganz am Ende des Trondheimsveiens. Ich erinnere mich, wie sehr ich diese Wohnung liebte, auch wenn ich heute daran denken muss, dass dort meine Schlaflosigkeit ihren Anfang nahm. In dem kleinen Schlafzimmer, auf einem Boxspringbett von IKEA, lag ich nächtelang wach, hörte die letzte Tram, die nachts um eins vorbeiratterte, und die allererste morgens um fünf. Danach saß ich zitternd auf der Bettkante und war von einer unerklärlichen Unruhe erfüllt. Es war nichts Schlimmes passiert und würde auch nicht passieren. Ich würde genau dasselbe machen wie am Tag zuvor: mich duschen, anziehen, mir die Zähne putzen und zur Arbeit gehen, wo ich für das interne Informationsblatt der norwegischen Post Artikel schrieb. Die allergrößte Dramatik dieses Jobs bestand darin, Fotos von der Übergabe der riesigen Checks für die Angestellten des Monats zu knipsen. Wovor hatte ich Angst? Warum konnte ich nicht schlafen? Ich schaute in den Spiegel: Nichts davon zu sehen, dass ich die ganze Nacht über wach gelegen hatte. Und die Tage nach diesen schlaflosen Nächten verliefen überraschend gut. Und in der nächsten Nacht würde ich mit Sicherheit ja wieder schlafen können.
Doch ich konnte nicht mehr schlafen, es ging nichts mehr. Kein Schlaf – zwei, drei, vier Nächte hintereinander weg! Ich war so überrascht über dieses plötzliche Ausbleiben des Schlafes, dass ich es allen Bekannten erzählte, die mir über den Weg liefen, so wie nach einem Überfall auf offener Straße: Ich habe die beiden letzten Nächte nicht schlafen können! Wirklich wahr! Und ich habe keine Ahnung, warum!
Aber ich wollte auch gar nicht wissen, warum ich nicht schlafen konnte, ich wollte einfach nur schlafen. Ich ging wieder zum Arzt, dieses Mal zu einem anderen, der mir aber auch nur Schlaftabletten verschrieb. Was könnte denn noch helfen? Schlaftabletten waren das Einzige, das uns beiden einfiel – natürlich würde ich Tabletten nehmen müssen. Und anfangs halfen sie auch. Imovane, Apodorm, Stilnoct. Ich ging zum Arzt und bekam mein Rezept. Hatte ich die Tabletten aufgebraucht, schrieb mir ein Freund, der gerade sein Medizinstudium abgeschlossen hatte und nun zugelassener Arzt war, abends und am Wochenende neue Rezepte aus. Ab und an bekam ich von Freunden Schlaftabletten, die sie noch zu Hause rumliegen hatten. Wenn mein Pillendealer keine Zeit hatte, mich zu treffen, verabredeten wir ein Versteck, wo ich die Pillen einsammeln konnte. Ich hatte die Fantasie und die Überredungskunst eines Pillenjunkies. Ich konnte mir immer Tabletten beschaffen, versuchte aber auch immer, nicht durchblicken zu lassen, wie verzweifelt ich war. Einmal verabredete ich mich mit einer Freundin, die erzählt hatte, sie hätte noch eine Tablette bei sich zu Hause. Ich hatte drei Nächte hintereinander nicht schlafen können, es gab keine Alternative. Sie musste verreisen, also überredete ich sie, bevor sie losfuhr, die Tablette in einer Plastiktüte unter die Müllcontainer vor der Haustür zu legen. Ich lief im Sturzregen durch die Stadt zum vereinbarten Platz, legte mich auf den Boden und suchte so lange unter den Müllcontainern nach der Plastiktüte, bis ich sie fand. Glücklich lief ich nach Hause und hatte dabei die ganze Zeit meine Hand in der Hosentasche um den Blister gekrampft, der noch eine einzige Tablette enthielt.
Eine kleine Tablette nur und schon konnte ich nachts schlafen. Hatte ich am nächsten Tag in Bestform zu sein, konnte ich mich mit einer der kleinen Schlaftabletten begnügen. Als ich mein erstes Buch herausbrachte, ging es in der Nacht vor einem Interview gar nicht ohne Schlaftabletten. Ich hatte riesige Angst davor, wie ein Zombie dazuhocken, ich wollte als smart, cool und wach rüberkommen. Und ich wollte auf den Fotos gut aussehen. Das war in der Zeit, in der ich mir noch nicht eingestehen wollte, dass meine Schlafstörungen nicht aufhören wollten. Für mich waren die Schlafstörungen eine Extrabürde, die ich eine Weile tragen, aber eines Tages würde abwerfen können. In der Zwischenzeit versuchte ich, das anderen gegenüber so gut wie möglich zu verheimlichen und durchzuhalten. Also schluckte ich eine Schlaftablette, schlief fest, schlief lange und war am nächsten Tag ausgeruht.
Das war zu gut, um auch auf lange Sicht zu funktionieren. Die Tabletten verloren nach und nach an Wirkung und hatten am Ende gar keine mehr. Stattdessen wurde ich wirr und apathisch und mein Mund trocken.
Schlafmittel bringen keinen natürlichen Schlaf. Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen, die nur mit Schlaftabletten schlafen können, nicht genug jener tiefsten Gehirnwellen erzeugen, die Auskunft über die Tiefe und Qualität des Schlafes geben können.1 Schlaftabletten greifen die Rezeptoren an, die die Gehirnzellen daran hindern, Impulse auszusenden. Schlaftabletten, genau wie Alkohol, betäuben, darauf lässt sich kein Lebensstil aufbauen. Und dann gibt es auch noch all die anderen ungewollten Nebenwirkungen von Schlaftabletten, über die ich mir, als ich abhängig war – und abhängig war ich wirklich –, nicht im Klaren war: Schlaftabletten können vergesslich machen. Man macht Sachen, ohne sich darüber voll bewusst zu sein. Das Reaktionsvermögen kann am Tag darauf eingeschränkt sein, man kann zu einer Gefahr für den Straßenverkehr werden. Wenn man die Schlaftabletten dann absetzt, schläft man mitunter schlechter als vor Beginn der Einnahme. Und es kann noch schlimmer kommen. Eine große amerikanische Studie verglich 10.000 Patienten, die Schlaftabletten nahmen, um schlafen zu können, mit 20.000 anderen, die keine nahmen.2 Diejenigen, die Schlaftabletten einnahmen, hatten eine 4,6-prozentige Wahrscheinlichkeit, während der zweieinhalbjährigen Testphase zu sterben. Die Sterblichkeitsrate wurde größer, je mehr Tabletten man einnahm. Die Studie zeigte auch, was frühere Untersuchungen bereits angedeutet hatten, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Verbrauch von Schlaftabletten und Krebserkrankungen gibt. Diejenigen, die Schlaftabletten einnahmen, hatten eine 30–40 % höhere Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken!
Schlaftabletten funktionieren nicht und können mich das Leben kosten. Doch obwohl ich das jetzt weiß, hätte ich sie trotzdem genommen, wenn ich gewusst hätte, dass sie helfen. Ein Mensch, der drei Tage lang nichts zu essen bekommen hat, würde doch auch egal was essen, nur um keinen Hunger mehr haben zu müssen – und das trotz aller Warnungen zu den möglichen Nebenwirkungen, oder? Wenn man nicht schlafen kann, tut man wirklich alles, um doch nur ein paar Stunden schlafen zu können. Sie brauchen bloß die halbe Million Norweger – bei einer Bevölkerung von 5,2 Millionen – zu fragen, die heutzutage Schlaftabletten einnehmen, um schlafen zu können. Und der Verbrauch steigt. Von 2000 bis 2010 stieg der Verbrauch an Schlafmitteln allein in Norwegen von 6,9 % auf 11,1 %.3
Ich weiß nur von einem einzigen Menschen, der so wie ich an chronischer Insomnie leidet, aber fast alle anderen, die ich kenne, haben irgendwann einmal Schlaftabletten genommen. Und man braucht dafür nicht einmal, so wie ich, unter Müllcontainern herumzusuchen. Ein Freund von mir nahm das erste Mal während eines Krankenhausaufenthaltes Schlaftabletten – und nimmt sie immer noch. Jedes Mal, wenn er wieder alle aufgebraucht hat, loggt er sich auf der Internetseite seines Hausarztes ein, schreibt als Stichwort nur Schlaftabletten, und schon bekommt er sein Rezept. Nachgefragt wird nicht.
Auch wenn die Wirkung nachließ, nahm ich aus reiner Verzweiflung auch die folgenden zwei Jahre noch Tabletten. Einmal versuchte ich, die Schlaftabletten auszusetzen, um das System wieder auf null zu stellen und den Körper auf eine neue Runde vorzubereiten, aber das funktionierte nicht. Ich probierte auch sogenannte Einschlaftabletten, die noch weniger Wirkung hatten, aber nicht weniger belastende Nebenwirkungen. Die Medikamente arbeiteten nun gegen mich. Mein Gehirn hatte Stopp signalisiert. Nach drei Jahren Insomnie musste ich die Tabletten absetzen. Ohne sie ging es mir besser – auch wenn ich in der Zeit danach noch schlechter schlief. Das wiederum ließ mich sehr schnell nach anderen Dingen suchen, die meinem Schlaf helfen konnten. Aber bloß keine Schlaftabletten mehr, dachte ich. Es ist nun mehr als zwölf Jahre her, seit ich das letzte Mal Medikamente genommen habe, um schlafen zu können. Sollte ich nun wieder damit anfangen?
3
Bald ist es Nacht. Ich telefoniere mit einem Freund, der Arzt ist und dessen bessere Hälfte ebenfalls Schlafstörungen hat. Er hat mir schon mal geholfen, mit Ratschlägen und Rezepten. Ich fasse meine Krankengeschichte zusammen und lese ihm Abschnitte aus dem Beipackzettel vor.
»Wovor hast du Angst?«, fragt er mich.
»Das Medikament ist für psychisch Kranke. Ich will einfach nur schlafen! Ich möchte nichts nehmen, was mich irgendwie verändert.«
»Der Arzt hat dir ein Medikament in einer sehr niedrigen Dosierung verschrieben. Das solltest du probieren. Du hast nichts zu verlieren.«
Ich schlucke eine der kleinen Tabletten um halb elf, das ist viel zu früh am Abend für mich. Ohne Hilfsmittel würde ich um diese Zeit nicht schlafen können. Aber ich denke mal, wenn ich schon schummele, dann kann ich genauso gut versuchen, einen langen Schlaf rauszuschlagen. Ausnahmsweise gehe ich mal zusammen mit Line schlafen; sie schließt bald die Augen und wird ruhig. Das war eine der ersten Sachen, die ich von ihr kennenlernte, nämlich was für ein gutes Verhältnis zum Schlaf sie hatte und wie viel Schlaf sie brauchte. In den Phasen, in denen ich normal schlafen kann, scheint sie aber sogar noch doppelt so viel Schlaf zu brauchen wie ich. Jetzt schaue ich zu, wie sie einschläft, … jetzt kommt das leichte Zucken, als würde sie über eine Schwelle stolpern. Sie liegt in ihrer Lieblingshaltung mit gekreuzten Armen auf der Seite. Die Bettdecke verdeckt die untere Hälfte des Gesichts, lediglich die Nase schaut raus. Mucksmäuschenstill. Sie schläft und wird das auch noch viele weitere Stunden tun. Sie ist auf einer nächtlichen Reise, die jeder Schlafende unternimmt und die aus verschiedenen Abschnitten oder Schlafphasen zusammengesetzt ist: Zuerst die Einschlafphase, das Dösen zwischen Wachsein und Schlaf, dann die Leichtschlafphase, in der sie die Hälfte der Nacht verbringen wird. Das ist das Schlafniveau, zu dem wir jedes Mal, wenn wir von einer Schlafphase in die nächste wechseln, zurückkehren. Wir schlafen. Nach der ersten halben Stunde gehen wir in die Tiefschlafphase, den sogenannten Deltaschlaf über. In der Tiefschlafphase ist das Tor der Sinne zu. Ob die Kinder nun jammern oder nach uns rufen, Line würde nicht wie ich aus dem Bett hochfahren, denn ich scheine fast nie Tiefschlafphasen zu haben. Im Tiefschlaf bewegen sich die Augen nicht, die Muskeln entspannen sich zunehmend, das Gehirn ändert seinen Rhythmus und arbeitet nun in langsamen und tiefen Wellen, den sogenannten Deltawellen, die 0,5 bis 3 Zyklen pro Sekunde ausmachen. Das könnte man mit den sich bewegenden Wellen eines Schwimmbeckens vergleichen. Wenn das Becken voller Leute ist, die sich viel bewegen, entstehen viele kleine Wellen. Sind da weniger Leute, die sich auch noch weniger, aber im gleichen Takt bewegen, entstehen weniger, aber dafür höhere Wellen.4 So arbeitet unser Gehirn, wenn die Reize der Außenwelt des Nachts ausgeschaltet werden. Nach dem Tiefschlaf, der circa anderthalb Stunden andauert, gleiten wir wieder für einige Minuten zurück in den Leichtschlaf, bevor der REM-Schlaf oder Traumschlaf einsetzt, der sich wiederum von den anderen Schlafphasen unterscheidet: Die Gehirnwellen werden wieder kleiner und kürzer, die Augenbewegungen schneller, die Atemzüge unruhig und die Muskeln erschlaffen. Nachdem wir uns eine Weile in der ersten von mehreren REM-Schlafphasen befunden haben, wiederholt sich der Zyklus: Leichtschlaf, Tiefschlaf, Leichtschlaf, REM-Schlaf, Leichtschlaf, Tiefschlaf, Leichtschlaf, REM-Schlaf. Wachen wir nachts auf, dann höchstwahrscheinlich irgendwann zwischen diesen Phasen, die sich bis zum Aufwachen wiederholen. Diese sind jedoch nicht gleich lang. Je näher wir dem Punkt des Aufwachens kommen, desto kürzer werden die Tiefschlafphasen und desto länger die REM-Schlafphasen. Fast den gesamten Tiefschlaf bekommen wir in der ersten Nachthälfte. Kurz vor dem Aufwachen durchlaufen wir die längsten REM-Phasen.
Line schläft. Ich selbst liege hellwach da, blicke in den dunklen Raum und warte auf eine mich ereilende äußere Macht – von einem Pharmakonzern entwickelt und in einer Fabrik hergestellt –, die mich in den Schlaf befördern soll. Ohne das Wissen um eine kleine blaue Pille, die gerade dabei ist, sich in meinem Körper aufzulösen und ihre Wirkstoffe ins Blut und in mein Gehirn zu befördern, wäre ich schon längst wieder aufgestanden. Ich will die medizinische Wirkung nicht behindern, also lese ich nicht auf meinem iPad oder höre Musik oder schaue mir einen Film an. Stattdessen tue ich etwas, was ich schon jahrelang nicht mehr gemacht habe: Ich liege einfach nur da und warte.
Bald schon erfasst mich eine Schwere, die mich auf die Matratze und das Kopfkissen drückt. Meine Arme und Beine werden schwer, die Augen fallen mir zu und ich werde in so etwas wie Schlaf hineingezogen.
Schlaf ist nicht nur ein Grundzustand des Menschen, sondern dort beginnt und endet auch alles. Im Schlaf beginnen unsere Herzen das erste Mal zu schlagen, für die meisten hören sie auch im Schlaf wieder auf zu schlagen. Der Schlaf liegt wie Airbags um unsere Existenz und stellt die barmherzigen Pausen in unserem Dasein dar. Der wache Teil unseres Lebens gründet sich auf dem schlafenden. Dennoch scheinen Kopf und Geist alles daranzusetzen, die beiden Teile voneinander getrennt zu halten. Der zum Schlaf Bereite schließt die Tür, zieht die Vorhänge zu, macht das Licht aus und rollt sich unter einer Decke zusammen. Das Gesicht wird zugedeckt, die Augen schließen sich, so als ob der wachen Umwelt gegenüber nichts verraten werden sollte.
Seit wann existiert Schlaf? Heute wissen wir, dass alle Tiere, sogar Insekten, schlafen, doch war das schon immer so? Würmer entstanden vor über 500 Millionen Jahren während der kambrischen Explosion; anscheinend schliefen sie auch ab und zu.5 Wie die Dinosaurier schliefen, wissen wir nicht, auch wenn man Fossilien gefunden hat, die ruhende Dinosaurier gewesen sein könnten. Mei long – Schlafender Drache auf Chinesisch – ist eines der bekanntesten Fossilien, ein Vogel-Dinosaurier aus der Kreidezeit, der in einer Körperhaltung gefunden wurde, die an heutige ruhende Vögel erinnert: der Kopf unter die Flügel gesteckt, die Hinterbeine unter dem Körper eingezogen.
Vor 14 Millionen Jahren noch schliefen alle Säugetiere für kürzere Perioden, oft nur jeweils für Minuten. Die Pierola-Affen (lat. Pierolapithecus catalaunicus), vielleicht Vorfahren sowohl der Menschen als auch der großen Menschenaffen, lebten auf der Iberischen Halbinsel und gehörten zu den ersten Primaten, die sich in den Baumwipfeln Nester bauten. So konnten sie sich vor den unten auf dem Boden lauernden Gefahren schützen und die Nächte durchschlafen. Das war der Beginn des langen, zusammenhängenden, nächtlichen Schlafs.6 Später lernten die Arten, die sich zu Menschen weiterentwickelten, das Feuer zu kontrollieren, und waren damit in der Lage, in Sicherheit und für längere Zeit auf dem Boden zu schlafen. Die Suche unserer Vorfahren nach einem nächtlichen Schlaf ohne Gefährdungen von außen bewirkte eine neue Richtung in der Evolution. Mit einem längeren Schlaf bekam man auch eine höhere Schlafqualität. Besonders der hohe Anteil an REM-Schlaf, das heißt Traumschlaf, hat zu heute wiedererkennbaren menschlichen Eigenschaften beigetragen: viele und komplexe Gefühle, Empathie, aber auch hoch entwickelte kognitive Fähigkeiten, ein gutes Erinnerungsvermögen und Kreativität. Man kann sogar behaupten, dass uns erst der zusammenhängende Schlaf – weit mehr als andere Dinge – zum Menschen gemacht hat.
Und doch scheint die Grenzlinie zwischen unseren Stunden im Wachzustand und denen, die wir im Schlaf verbringen, so unüberwindlich. Wie in den Tod, so können wir auch in den Schlaf nichts mit hineinnehmen oder mit herausbringen. Nachdem wir eine Mahlzeit zu uns genommen haben, können wir uns an alles erinnern: wie wir uns an den Tisch gesetzt haben, wie das Essen und die Getränke aufgetragen wurden, das Aussehen, den Duft und Geschmack der einzelnen Gerichte, wovon wir uns genommen haben, wie viel wir uns auf den Teller gelegt haben, was wir mochten, was nicht. Der Schlaf jedoch ist im Augenblick des Erwachens schon vergessen. Wir erinnern uns noch daran, wie müde wir waren, als wir ins Bett gingen, sind jetzt jedoch nicht mehr müde. Wir wissen, dass Zeit vergangen ist, wir haben jedoch keine Erinnerung an den Schlaf. Wo sind wir gewesen? Was haben wir gemacht? Es gibt keine Spuren am Körper, es gibt auch überhaupt keine anderen, um genau zu sein. Betrachten wir nur die Geschichte der Menschheit: Alles, was wir heute wissen, basiert auf dem Wachzustand des Menschen. Über den Schlaf und die Nacht wissen wir fast nichts.
Wir können uns an Träume erinnern, doch wenn wir sie nicht bewusst verarbeiten, sind die Eindrücke in Minuten hinweggeschwemmt. Die Eigenschaft des Schlafes, alle Spuren zu verwischen, zieht sich bis in den Wachzustand hinein. Die letzten Minuten vor dem Einschlafen werden, während wir schlafen, aus der Erinnerung gelöscht. Die Forschung zeigt, dass der Erinnerungsverlust während des Schlafes rückwirkende Kraft besitzt.7 Während des Einschlafens wurden Versuchspersonen kurze Wortgruppen vorgespielt. Diejenigen, die 30 Sekunden nach dem Einschlafen wieder geweckt wurden, konnten sich noch immer daran erinnern, was sie vor dem Einschlafen gehört hatten. Diejenigen aber, die erst nach 10 Minuten wieder geweckt wurden, vermochten das nicht. Einige von ihnen erinnerten sich auch nicht mehr an das, was sie noch 10 Minuten vor dem Einschlafen gehört hatten. Dass wir uns nicht an den Moment des Einschlafens und den kurz davorliegenden Zeitraum erinnern, kann auch erklären, warum wir uns nicht an kurzes nächtliches Aufwachen erinnern.
Der undurchdringliche Aspekt des Schlafes scheint auch die Fantasie rund um das Thema in Grenzen gehalten zu haben. Die Mythologie hat stets die wichtigsten Fantasien der Menschen widergespiegelt. Rund um Sex, Krieg, Tod und Rausch entstanden Götterwelten. Mythen über den Schlaf gibt es dagegen nur wenige. In der altnordischen Mythologie gibt es keinen Gott des Schlafes, das Einzige, was dem nahekäme, wäre die Riesin namens Natt (Nacht), ein sogenanntes Trollweib. Jede Nacht reitet sie auf ihrem Pferd Rimfakse, das seinen Speichel in Form von Morgentau auf dem Gras hinterlässt, über den Himmel. In der griechischen Mythologie gibt es zumindest einen eigenen Gott des Schlafes: Hypnos.8 Hypnos ist der Zwillingsbruder von Thanatos, dem Gott des friedlichen Todes. Das sagt etwas darüber, wie die Griechen den Schlaf einordneten. Der Gott des Schlafes lebt in seiner Höhle in Erebos, einem – laut griechischer Mythologie – Land in ewiger Finsternis, jenseits der Pforten zur aufgehenden Sonne. Vor Hypnos’ Höhle wachsen Mohnblumen und auf dem Kopf trägt er einen Kranz aus Mohnblumen. Weil Hypnos es nicht mag, von Geräuschen geweckt zu werden, gibt es in der Höhle weder knarrende Pforten noch Türen. Einer der fünf Flüsse der Unterwelt, der Fluss des Vergessens, fließt an Hypnos’ Höhle vorbei. Von dort aus kann der Gott des Schlafes nicht erkennen, ob es Tag oder Nacht ist, was ihn jedoch nicht daran hindert, jede Nacht, zusammen mit seiner Mutter Nyx, der Göttin der Nacht, an den Himmel zu steigen. In späteren europäischen Sagen kommt der Schlaf in Gestalt eines kleinen Mannes, der aus einem Sack magischen Sand in die Augen der Menschen streut, damit sie einschlafen und träumen können. In Skandinavien nennt man ihn Jon Blund oder Ole Lukkøye, auf Deutsch Sandmann und auf Englisch sandman. Er steht für das Träumen, nicht das Schlafen oder den Schlaf. Man versteht schnell, warum die Fantasie des Menschen den Traum vorzieht. Der Schlaf an sich ist handlungsleer, er ist die Pause, der leere Zwischenraum. Im Schlaf sind wir alle uns selbst überlassen. Allein in unseren Träumen handeln und fühlen wir, und durch diese Handlungen und Gefühle üben wir Mitmenschlichkeit. Allein in unseren Träumen können wir einander sehen.
Doch um träumen zu können, muss man zunächst erst einmal schlafen können.
4
Am nächsten Morgen setze ich mich im Bett auf. Ich fühle mich schwer und benommen. Habe ich tief genug geschlafen? Lange genug? Habe ich überhaupt geschlafen? Mit den Jahren bin ich zu einem Experten geworden und kann mein Schlafverhalten beobachten und Diagnosen stellen. Und wie auch bei allen anderen Fachidioten: Je tiefer man gräbt, desto ausschweifender und unverständlicher werden die Antworten. Es ist schon lange her, dass ich auf die Frage Hast du gut geschlafen? ehrlich geantwortet habe. Ich habe mir angewöhnt, einfach nur zu nicken und Ganz okay! zu antworten. Die Frage ist eine Höflichkeitsphrase, niemand möchte eine ausführliche Antwort hören.
Was das Tagesgeschäft betrifft, weiß ich so ungefähr, was auf mich zukommt, aber über die Nächte habe ich keine Kontrolle. Ich weiß nie, was da auf mich zukommt, und in der Regel weiß ich auch hinterher nicht, wie es war. Der Schlaf kommt oder er kommt auch nicht. Ich kann eine ganze Nacht durchschlafen oder auch eine ganze Nacht lang nur wach liegen und die Decke anstarren. Ich kann die halbe Nacht wach liegen und die zweite Hälfte in Tiefschlaf fallen. Ich kann mich um drei Uhr nachts hinlegen und um halb fünf meinen Tag beginnen. Ich kann acht Stunden in einer Art bewusstlosen Dämmerzustandes zubringen, ohne in den Tiefschlaf zu kommen. Ich kann mich vom Bett aufs erste Sofa, von dort aufs zweite Sofa und dann auf den Fußboden vor den Fernseher und wieder zurück ins Bett bewegt haben. Ich kann mir drei Filme hintereinander angeschaut haben. In einigen Nächten finde ich Schlaf, in anderen nicht. Wo auch immer sich der Schlaf hinbewegt, ich versuche, ihm auf den Fersen zu bleiben.
Nachts kann alles Mögliche passieren, und das Einzige, was ich machen kann, ist, in mich hineinzuhorchen und Worte zu finden.
Aber jetzt bin ich unsicher.
Ich höre Line und die Kinder im Obergeschoss miteinander reden. Als Letzter aufzuwachen ist ungewohnt. Ich dusche und ziehe mich an, und wie ich so aus der Nacht auftauche und über die Schwelle in den Tag trete, merke ich, dass mit mir etwas nicht stimmt. Sind das die Nachwirkungen der Tablette? Ich muss irgendwie weggetreten gewesen sein, aber es fühlt sich nicht an, als ob ich geschlafen hätte. Ich bin nicht müde, aber ich habe auch nicht das Gefühl, erholt zu sein, wie sonst nach einer guten Nacht. Als ich ins Obergeschoss gehe, rufen die Kinder fröhlich nach mir, aber Lächeln geht nicht.
»Morgen!«, sagt Line.
»Morgen!«, erwidere ich.
Das erste Wort des Tages, der erste Austausch mit einem anderen Menschen – manchmal ist das, wie eine vollgekramte Rumpelkammer zu öffnen. An manchen Tagen bleibt das Gerümpel da, wo es ist, an anderen fällt dir alles entgegen. An jenem Morgen verstehe ich, dass ich mich zurückhalten muss; ich habe nichts Gutes beizutragen. Einfach nur durchhalten, sage ich mir. In einer Dreiviertelstunde sind die Kinder im Kindergarten und ich bin auf Arbeit. Meine Arbeit gibt mir den Abstand, den ich brauche: Abstand zu anderen Leuten, aber auch zu mir selbst. Hier zu Hause, mit unseren zwei kleinen Kindern, starrt mir das Leben mitten ins Gesicht; es gibt keinen Abstand, ich kann mich nirgendwo verstecken.
Wir machen uns fertig. Jacken und Schuhe müssen zusammengesucht werden, Trinkflaschen und Regensachen dürfen wir nicht vergessen, wir müssen uns anziehen. Das ist eine Situation, in der ich oft schnell ungeduldig werde, aber an diesem Morgen ist es noch schlimmer als sonst: Ich beginne zu schwitzen, dann beginnt es zu jucken. Mein Brustkorb wird eng, ich bekomme keine Luft. Der Flur mit all den Leuten und Klamotten und Schuhen wird für mich zu einem Käfig. Ich muss einfach raus hier.
»Aber ich will keine Jeans anziehen«, jammert unsere Fünfjährige, als ich ihr die Hose überziehen will. Ich merke, wie es in mir brodelt.
»Keine Widerrede!«
»Ich will aber nicht!«
Ich halte sie fest. »Das ist mir egal!«
»Anders!«, warnt mich Line.
Als wir nach draußen und auf die Treppe treten, packe ich unseren Zweijährigen, der nicht über die Türschwelle will.
»Komm schon!«
Er schüttelt den Kopf.
»Verdammt noch mal!«, knurre ich ihn an und zerre ihn ins Tageslicht. »Komm schon!«
Er schaut mich erstaunt an und sagt einfach nur: »Papa!«
»Jetzt reiß dich einfach mal zusammen!« Line schaut mich streng an und hält meinem Blick stand.
Mir ist heiß, der Schweiß läuft mir den Rücken runter und meine Kopfhaut juckt. Wenn ich jetzt wütend werde, ist alles aus, das weiß ich. Aber ich will mich nicht zusammenreißen, ich will mich nicht beherrschen. Wenn die Kinder denn den ganzen Weg über bocken wollen und Line streiten muss – bitte schön! Ich bin bereit.
Jetzt hält Line inne und es sieht aus, als habe sie plötzlich jemand Fremden vor sich.
»Was ist denn los mit dir?«, fragt sie. »Hast du irgendwelche Dr.-Evil-Pillen genommen, oder was?«
Ich schaue in die Gesichter unserer Kinder: Die Fünfjährige schaut mich an, als ob ich nicht ganz dicht sei. Das Gesicht des Zweijährigen ist rot und verweint. Ich nehme ihn auf den Arm und versuche zu trösten, aber er streckt die Arme nach seiner Mutter aus und entgleitet mir.
Zwanzig Minuten später, nachdem ich die anderen abgesetzt habe, sitze ich im Auto und heule. Mein Gesicht fühlt sich an wie eine Maske; die Tränen, die darüberrollen, spüre ich nicht. Ich fühle mich kraftlos, schwer und unter Medikamenteneinfluss. Mein Mund ist trocken, auf der Zunge spüre ich einen anhaltenden metallischen Geschmack.
Es spielt keine Rolle, ob diese Tabletten Schlaflosigkeit oder Trostlosigkeit kurieren sollen, sie wirken jedenfalls nicht.
Eine Woche später stehe ich wieder vor dem Spiegel in der Patiententoilette meines Arztes. Ich beuge mich über das Waschbecken und näher an den Spiegel. Meine Augen glänzen, als ob ich unter Drogen wäre oder Fieber hätte. Ich friere und schwitze abwechselnd, meine Muskeln und Gelenke tun mir weh. Jedes Mal, wenn das Kind im Wartezimmer seinen Spielzeug-Lkw gegen den Kindertisch knallt, zucke ich zusammen. Nicht das Schlafmittel verursacht solche Symptome, es ist vielmehr die natürliche Reaktion meines Körpers auf den Schlafentzug. Am Abend zuvor war ich früh eingeschlafen, doch um 1 Uhr nachts schon wieder aufgewacht und konnte dann nicht mehr einschlafen. Erst als es dämmerte, bin ich auf dem Sofa eingeschlummert. In der Nacht davor war es genauso schlimm.
Ob es an der einen Nacht mit dem Schlafmittel lag, die diese neue schlimme Phase eingeleitet hat, weiß ich nicht. Das spielt auch keine Rolle. Das geht jetzt schon seit sechzehn Jahren so. Sechzehn Jahre machen 5.840 Nächte. Wenn man von täglichen sieben Stunden Schlaf ausgeht, wären das 40.880 Stunden, die ich eigentlich schlafend verbracht haben sollte.
So viele Stunden, in denen ich wach gelegen habe. So viele verlorene Stunden!
Ich gehe wieder ins Wartezimmer, setze mich, nehme ein nicht mehr aktuelles Frauenmagazin in die Hand und sehe, wie meine Hände, die die glänzenden Seiten halten, zittern. Ein fast unmerkliches Zittern. Das habe ich bisher noch nie bemerkt. Hat der Verfall schon eingesetzt? Liegt das am Alter oder an all dem Schlafmangel der letzten Jahre? Stand da in dem Artikel nicht etwas über eine 40 % höhere Wahrscheinlichkeit, Krebs zu bekommen? Oder über 40 %? An einigen Abenden schien mir, als hätte ich Herzrasen. Was war das? Mein Gott, wie konnte ich das nur all die Jahre hinnehmen, ohne etwas zu unternehmen? Ich muss eine Lösung finden. Es geht ja nicht nur um meine eigene Gesundheit oder mein Leben; ich habe eine Familie, die mich braucht, für die ich noch viele Jahre gesund, stark und ausgeruht sein will. Ist es die Angst oder die Hoffnung, die mich hergetrieben haben? Gibt es das eine nie ohne das andere?
Ich werde aufgerufen und schlurfe ins Sprechzimmer.
»Wie lief’s?«, fragt der Arzt.
»Für mich keine Tabletten mehr«, sage ich. »Was kann ich noch machen, um schlafen zu können?«
1 Walker, Matthew. Hvorfor vi sover. Übs. John Grande. Oslo: Forlaget Press 2017, S. 323. Alle Zitate im vorliegenden Buch beziehen sich auf die norwegische Ausgabe. Auf Deutsch ist es unter dem Titel Das große Buch vom Schlaf 2018 bei Goldmann erschienen.
2 Walker, S. 328.
3 Pallesen, Ståle [u. a.]. A 10-year trend of insomnia prevalence in the adult Norwegian population. In: Sleep Medicine. Rochester: 2014, S. 173–179.
4 Bjorvatn, Bjørn. Bedre søvn. 2. Aufl. Oslo: Fagbokforlaget 2015, S. 31.
5 Walker, S. 72.
6 Fougea, Frédéric und Guiot, Jérôme. Premier Homme. Französischer Dokumentarfilm. Paris: 2017.
7 Skard Heier, Mona und Wolland, Anne M. Søvn og søvnforstyrrelser. Oslo: Cappelen Akademisk Forlag 2005, S. 34.
8 In der römischen Mythologie heißt der Gott des Schlafes Somnus.
MAI. SO SCHLÄFT MAN BESSER.
Über Kräuter, Selbsthilfebücher, Meditation, Psychiatrie, Hypnose, Kaffee, Yoga, Selbstbefriedigung und andere gute Ratschläge. Und wie man eine Katze auf seinen Schoß lockt, was eigentlich Träume sind, einen vier Milliarden alten Rhythmus oder wie die Verzweiflung einen alles zweimal ausprobieren lässt.
1
Alles muss man einmal probiert haben. In der Mittagspause fahre ich zur Apotheke, dieses Mal zu einer anderen. Ich will nicht wiedererkannt werden, will nicht als noch verzweifelter dastehen, als ich es ohnehin schon bin, was mich wiederum noch verzweifelter werden lässt. Warum soll man mir meine Verzweiflung eigentlich nicht anmerken können? Ich will ja niemanden vergiften, ich will einfach nur schlafen können. Ich suche nach dem Regal mit rezeptfreien Schlafmitteln. Wo sortiert man den Schlaf ein? Gehört der zu »Schmerzmitteln« oder »Ernährung«? Zum Schluss frage ich die Apothekerin, sie zeigt mir das Regal mit Nahrungsergänzungsmitteln, das auch eine Handvoll Mittel gegen Schlafstörungen enthält: die norwegischen Lifeline Care-Schlafkapseln, die »zur Entspannung, schnellerem Einschlafen und besserer Schlafqualität« beitragen können, Valerina-Tabletten, das heißt Baldrian »für die Linderung von leichten Unruhezuständen und Schlafstörungen« und Pascoflair, bei dem der Beipackzettel hinter dem grünen Aufkleber »Neu!« steckt. Ganz links steht noch eine lila-weiße Schachtel Sedix: »Zur Linderung leichter Symptome von Unruhe und für die Unterstützung der Einschlafphase. Für Erwachsene und Kinder ab 12 Jahren. Pflanzliches Schlafmittel«. Vor dieser letzten Reihe mit Tablettenschachteln klebt ein blaues Schildchen: Bekannt aus der Fernsehwerbung! – Dafür hätte man im Fernsehen Reklame gemacht, erklärt die Apothekerin. »Sie wissen schon, für rezeptfreie Medikamente kann man Reklame machen, für rezeptpflichtige wie Schlaftabletten nicht. Das ist Sache der Ärzte. Jedes Mal, nachdem im Fernsehen eine Reklame gelaufen ist, kommen viele Kunden an und fragen danach.«
»Kaufen viele Leute solche Produkte, also ich meine diese rezeptfreien Schlafmittel?«
»Ja, viele. Sedix wird aber nicht mehr so viel gekauft«, sagt die Frau. »Vielleicht machen die keine Fernsehreklame mehr.«
»Was würden Sie empfehlen?«, frage ich und erzähle, dass ich seit sechzehn Jahren an Insomnie leide und normale Schlafmittel bei mir nicht mehr anschlagen.
Die Apothekerin ordnet die Stapel mit Schachteln. »Für keines dieser Produkte gibt es einen dokumentierten Effekt«, sagt sie.
Ich verstehe ihre Antwort nicht, muss also selbst entscheiden und nehme mir eine Schachtel Valerina Forte, ganz einfach wegen dem forte im Namen. Wenn ich denn schon von Antipsychotika auf pflanzliche Mittel umsteige, dann kann ich wenigstens das stärkste nehmen, was es auf dem Markt gibt.
Bei meinem letzten Arztbesuch hatte ich eine Überweisung für weitere Untersuchungen im Schlaflabor des Ullevål-Krankenhauses bekommen. Ich würde Geduld haben müssen, meinte der Arzt noch, die Warteliste wäre lang. Als ich aus der Arztpraxis kam, fühlte ich mich ermutigt: keine Tabletten mehr, aber eine Überweisung. Man würde mich genauer untersuchen, wir würden der Sache auf den Grund gehen.
Das Schlaflabor: Ich stelle mir vor, wie ich spätabends zum Krankenhaus komme, von Ärzten und Pflegern in grünen Kitteln in Empfang genommen werde, die mich auf eine Krankenbahre legen und mich in einen dunklen Raum voller riesiger Maschinen und Messinstrumente schieben. Eine Maske wird mir über Mund und Nase gelegt und an meinem Kopf und meiner Brust werden Sonden befestigt. So werde ich allein gelassen, stelle ich mir vor, und die Ärzte und Pfleger warten hinter einem großen Fenster – oder hinter so einem, das nur von einer Seite her durchsichtig ist, wie in den Polizeiserien im Fernsehen –, bis ich eingeschlafen bin. In meiner Fantasie sind wir mehrere, die unter grünen Laken auf Aluminiumbahren in einer Reihe daliegen, ähnlich den Leuten, die von irgendwelchen außerirdischen Wesen entführt worden sind. So dazuliegen, mit extrem teuren Messinstrumenten und einem Ärzteteam, das auch noch Nachtzuschlag bekommt und darauf wartet, dass ich einschlafe, hört sich an wie der ultimative Albtraum eines Schlaflosen. Ich muss schlafen können, damit die kostbaren Untersuchungsgeräte etwas untersuchen können.
Es ist Abend. Die Kinder schlafen und Line gähnt. Ich jedoch bin hellwach. In der Jackentasche draußen im Flur liegt die Schachtel mit dem pflanzlichen Schlafmittel, das ich gekauft habe. Ich bin unsicher, ob ich Line einweihen soll. Mir liegt daran, als ein Mensch aufzutreten, der funktioniert, besonders ihr gegenüber. Sie weiß ja alles über meine Schlafstörungen, spürt deren Auswirkungen am eigenen Leib. Ich kann ihr aber nicht zumuten, den ganzen Kampf mitanzusehen, das wird zu viel für uns beide. Andererseits war die letzte Tablettenrunde für die gesamte Familie beängstigend, und auch wenn das jetzt nur so etwas wie Placebos sind, werfe ich sie doch ein, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen, sogar eine Forte-Wirkung.
Ich hole die Schachtel und zeige sie ihr. »Das sind nur Kräuter. Funktioniert bestimmt nicht, aber versuchen will ich’s«, sage ich.
»Valerina«, sagt Line. »Die hast du doch schon mal genommen!«
»Nein, die nicht.«
»Doch, hast du!«
»Wann denn?«
»Das ist schon lange her. Letztes Mal, als du alles Mögliche versucht hast.«
Letztes Mal, als ich alles Mögliche versucht habe? Warum kann ich mich nicht daran erinnern?
Als die Schlaftabletten damals keine Wirkung mehr zeigten, war ich, was das nächtliche Wachliegen betrifft, immer noch ein Amateur. Damals wusste ich es noch nicht, aber das war lediglich der Beginn meiner langen Karriere als Schlafloser. Ohne Tabletten, zu denen ich greifen konnte, wurde ich noch verzweifelter. Ich tat all die Sachen, von denen ich heute weiß, dass sie falsch sind: Ich ging früher ins Bett, in der Hoffnung, schlafen zu können. Ich lag die ganze Nacht wach und wartete auf den Schlaf. Lag morgens länger im Bett – oder am Nachmittag und an den Wochenenden –, um den verpassten Schlaf nachzuholen. Gelang mir das, bekam ich auch wieder Boden unter den Füßen, verlor dafür aber den Tag-Nacht-Rhythmus. Der Arzt, zu dem ich damals ging, wusste sich auch keinen Rat mehr, ich war also auf mich selbst angewiesen. Ich tat alles, was verzweifelte Leute so tun, die nicht schlafen können und bei denen die Tabletten nicht mehr wirken: Ich änderte meine Ernährung, ich trank keinen Kaffee mehr. Ich trank zuerst mehr Alkohol, dann weniger und zum Schluss gar keinen mehr. Mehrere Monate lang lebte ich total enthaltsam, trank freitags abends mit den Kumpels nur noch Brause und alkoholreduziertes Bier und hielt durch, bis die Schere zwischen den anderen Betrunkenen und mir, dem Nüchternen, zu groß wurde. Erst dann fuhr ich nach Hause. Ich probierte Meditation, fuhr sogar in die Sporveisgata in Oslo zur Acem-Meditation, besuchte einen Anfängerkurs, bekam einen Meditationslaut zugeteilt, den ich, im Schaukelstuhl in unserem Wohnzimmer sitzend, immer wieder wiederholte. Ich versuchte morgens und abends zu meditieren, musste aber vor jeder Meditation dafür sorgen, dass Line unterwegs oder eingeschlafen war. Ich hatte Angst, dass sie sich totlachen würde, wenn sie mich so, in Lotusstellung mit den Handflächen gen Himmel und geschlossenen Augen, finden würde. Ich konnte mich fast nie von der Selbstreflexion lösen, ich sah mich die ganze Zeit von außen. Während ich da so saß und versuchte, in irgendeinen anderen Bewusstseinszustand überzugehen, gelang es mir keinen einzigen Moment, eine Stimme, meine eigene, loszuwerden, die sagte: »Du Idiot!«
Bei Insomnie geht es auch um Selbst-Bewusstsein. Ein schlafloses Gehirn ist ein Gehirn, das nicht aufhören kann, an sich selbst zu denken. Der Wunsch, den Schlaf kontrollieren zu können, kann das genaue Gegenteil bewirken. Und das gilt nicht nur für den Schlaf. Es ist, als ob dir jemand sagt: Denk bloß nicht an Erdbeereis! Natürlich denkt man dann an Erdbeereis! Der amerikanische Psychologieprofessor Daniel Wegner entwickelte die Theorie von den ironischen Prozessen der mentalen Kontrolle. Er führte mit 110 Studenten folgendes Experiment durch: Er gab ihnen einen Walkman und eine Kassette – es war in den Achtzigern – und schickte sie nach Hause. Dort sollten sie sich die Kassette anhören, nachdem sie sich schlafen gelegt und das Licht gelöscht hatten. Die eine Hälfte hörte die Anweisung, so schnell wie möglich einzuschlafen, die andere, einzuschlafen, wenn ihnen danach war. Die erste Gruppe schlief natürlich am schwersten ein, aber damit nicht genug. Diese Gruppe war noch einmal geteilt worden: Ein Teil der Gruppe hörte stressige Marschmusik, der andere Teil beruhigende New-Age-Musik. Damit sollte das Stressniveau für diejenigen noch weiter angehoben werden, die sowieso schon davon gestresst waren, rasch einschlafen zu müssen. Und das hatte folgenden Effekt: Diejenigen, die rasch einschlafen sollten und Marschmusik hören mussten, schliefen am schwersten ein und schliefen auch die gesamte Nacht über schlechter als die anderen, noch lange nachdem die Musik nicht mehr gespielt wurde. Das Experiment hatte nicht nur die Einschlafphase gestört, sondern auch den Teufelskreis der Insomnie etabliert.1 Je mehr man an den Schlaf denkt, je dringender man schlafen möchte, desto geringer wird die Chance, dass man auch wirklich schläft. Viktor Frankl, Professor für Psychiatrie, schrieb einmal, dass der Schlaf wie eine Taube sei, »die neben deiner Hand gelandet ist und so lange dort sitzen bleibt, wie du ihr keine Beachtung schenkst. Versuchst du aber, sie zu greifen, flattert sie rasch davon.«2 Sein Bild ähnelt meinem: Ich denke, der Schlaf ist eine eigenwillige Katze, die ich versuche, auf meinen Schoß zu locken. Die Katze kommt nur zu mir, wenn ich sie nicht mehr beachte. Während sie mich beobachtet, streicht sie lautlos und mit gesenktem Kopf um mich herum. Sie wartet und wittert, so als ob sie meine Verzweiflung riechen könnte. Ich versuche, die Katze zu vergessen, sodass sie lautlos auf meinen Schoß springen, sich zusammenrollen und zur Ruhe kommen will.
An Insomnie zu leiden bedeutet, von der Taube oder der Katze besessen zu sein. Ich habe mehrere Nächte lang nicht geschlafen, ich brauche meinen Schlaf, morgen habe ich ein wichtiges Meeting oder ich soll die Frau, in die ich verliebt bin, treffen oder eine wichtige Prüfung ablegen oder eine längere Reise antreten – einfach alles hängt davon ab, dass ich schlafen kann. Die Verzweiflung gewinnt die Oberhand. Die Taube fliegt weg, die Katze verschwindet.
Normale Menschen wissen, dass sie nachts schlafen werden. Das erwarten sie, doch es ist kein bewusster Gedanke. Der Schlaf kommt einfach, wie immer. Schlafen zu können kann man mit einer zu erledigenden Arbeit vergleichen, so wie ein Vogelhäuschen bauen, eine Wand anstreichen oder ein Gericht zubereiten. Wenn wir es schaffen, uns selbst und all unseren Ballast zu vergessen und mit den Gedanken nur bei der Arbeit zu sein, haben wir gute Aussichten, dass uns alles gelingt. Doch wenn es uns nicht gelingt, uns selbst während der Arbeit beiseitezulassen, wenn wir all unsere Sorgen und Gedanken mit uns nehmen und die ganze Zeit über nur auf die Uhr blicken und zusehen, wie die Sekunden davonticken – dann kann das Basteln des Vogelhäuschens oder das Anstreichen oder die Essenszubereitung zur nicht zu bewältigenden Aufgabe werden. Mein Verhältnis zum Schlaf ähnelt sehr meinem Verhältnis zum Schreiben. Je bewusster ich mir bin, gerade am Schreiben zu sein, desto schwieriger wird es. Je weiter ich mich vom Unbewussten entferne, desto weniger Qualität produziere ich, was das Schreiben oder Schlafen betrifft. Je intensiver ich mich bemühe, desto schwieriger wird es. Und je mehr man denkt, dass man es braucht, desto geringer werden die Chancen, dass man es auch tatsächlich hinbekommt. Oder wie der amerikanische Komiker W. C. Fields es formulierte: »Die beste Behandlung für Insomnie ist viel zu schlafen.«
Ganz gleich, wie lange ich vor vielen Jahren nun dort in der Wohnung in Tøyen in meinem Sessel saß und meinen Meditationslaut wiederholte, ganz gleich, wie lange ich es versuchte, dem Bewusstsein meiner selbst konnte ich nicht entkommen. Ich erreichte rein gar nichts, ganz im Gegenteil: Je länger ich so dasaß, desto mehr hasste ich mich selbst. Und nachts schlief ich auch nicht besser.
Was habe ich noch probiert? Ich ging zu einem Psychiater, der auf Schlafstörungen spezialisiert war und unter anderem Hypnosebehandlungen anbot. Jeden Mittwochnachmittag nahm ich also den Zug nach Sandvika, einem Vorort von Oslo, und war immer jeweils eine halbe Stunde vor dem Termin dort. Dann stand ich da und wartete vor dem Gebäude, in dem sich die Arztpraxis befand. Der Psychiater war ein kleiner Mann mit einer leisen Stimme, einer nervösen Erscheinung und einem kleinen Sprechzimmer, in dem wir uns fünfundvierzig Minuten lang gegenübersaßen. Als ich das zweite Mal dort erschien, hatte ich gerade noch einmal meine Bücher gelesen, die ich bis zu diesem Zeitpunkt herausgegeben hatte, und ich erinnere mich, wie ich dachte: Jetzt kannst du dich nicht so einfach wieder rausziehen! Er gab mir einen Fragebogen mit über hundert Fragen zum Ausfüllen, und nachdem er meine Antworten gelesen hatte, fragte er mich: »Haben Sie einmal daran gedacht, dass Sie vielleicht eine Depression haben?«
»Nein«, antwortete ich.
Mir waren die Schlafstörungen ein Rätsel, aber sie waren ein Rätsel an sich, das ich mit nichts anderem in Zusammenhang brachte. Ich wies die Frage rasch von mir. Deprimiert? Ich konnte einfach nur nicht schlafen.
Die Hypnose bestand darin, dass ich die Augen schloss, während er zu mir sprach. Auch dabei konnte ich mich nicht fallen lassen, ich hatte immer noch diesen Blick von außen auf mich selbst. Doch es funktionierte etwas besser als die Acem-Meditation. Ich verließ die psychiatrische Praxis stets mit dem verwirrenden Gefühl, dass ich einen Moment lang eingeschlafen war oder gedöst hatte. Der Psychiater interessierte sich für meine Träume, und auch wenn ich mit den Jahren immer weniger an Traumdeutung glaubte, konnte er doch das, was ich ihm von meinen Träumen erzählte, mit den Dingen aus meinem Leben in Zusammenhang setzen. Wenn ich ihm von einem Traum erzählte, in dem ich mich durch ein überflutetes Haus zu kämpfen versuchte, in dem Kuscheltiere, Lampenschirme und Schuhe an mir vorbeischwammen, sagte er: »Das Haus sind Sie. Das Wasser steht für das Unbewusste.«
Träume können aus jeder mentalen Aktivität während des Schlafes bestehen, doch die meisten verbinden die Traumaktivität mit den vielen Erlebnissen während der REM-Phase.3 In dieser Schlafphase werden gewisse Bereiche des Gehirns äußerst aktiv: die Bereiche im hinteren Teil des Gehirns, die uns mentale Bilder sehen und selbst bilden lassen, der Bereich der Gehirnrinde, der Bewegung steuert, die Bereiche, die für autobiografische Erinnerungen zuständig sind, sowie alle Gefühlszentren, die dazu beitragen, Emotionen zu erzeugen und zu verarbeiten. Mit anderen Worten, all das, was man braucht, um gefühlsgeladene Actionfilme mit sich selbst in der Hauptrolle zu produzieren. Gleichzeitig werden die Bereiche, die die rationalen Gedanken steuern, deaktiviert. Solange ich noch ein bewusstes Verhältnis zu den Träumen hatte, betrachtete ich sie als lose Verbindungsstücke zu den Eindrücken des Tages. Ich gehe durch den Tag, und das, was mir da passiert, wird, wenn ich dann in der Nacht schlafe, in meinen Träumen verarbeitet. Träume sind Filme, die man aus dem zusammensetzt, was am Ende des Tages im mentalen Schneideraum auf dem Boden liegen geblieben ist, dachte ich. Freud nannte das den Rest des Tages.
Doch das stimmt nicht ganz. Studien zufolge, in denen die Teilnehmer detailliert alles, was sie im Laufe des Tages unternommen und während der Nacht geträumt hatten, niederschrieben, haben gezeigt, dass lediglich 1–2 % des Traumerlebens Wiederholungen von tatsächlichen Ereignissen waren. Wenn man jedoch die Emotionen – wie Wut, Trauer, Freude – betrachtet, die man im Laufe des Tages durchlebt, stellt sich heraus, dass 35–55 % dieser emotionalen Erlebnisse in den Träumen wiederauftauchen.4 Träume rekonstruieren keine Erlebnisse, sondern die Emotionen, die in uns im Augenblick des Geschehens aufkommen.
Emotionen sind für Traumforscher ebenfalls ein zentrales Stichwort, wenn es um die Suche nach der Funktion der Träume geht. Der britische Traumforscher Matthew Walker meint, dass Träume uns dabei helfen, die starken Gefühle, die wir im Laufe des Tages gehabt haben, zu verarbeiten und uns mit ihnen auseinanderzusetzen, unter anderem, um uns später zu ermöglichen, zu Ereignissen in der Vergangenheit zurückkehren zu können, ohne uns zu den damit verbundenen starken Gefühlen verhalten zu müssen. Wir müssen in der Lage sein, uns zu erinnern, ohne von den ehemaligen Gefühlen überwältigt zu werden. Heute kann ich zum Beispiel an eine Prügelei in der siebten Klasse zurückdenken, ohne noch einmal durch die Angst, Erniedrigung und Wut hindurchzumüssen, die ich damals erlebt habe. Das, so Walker, verdanke ich den Träumen. Und das ist auch das, was Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) nicht gelingt. Sie sind nicht in der Lage, die starken und unangenehmen Gefühle, die sie einmal erlebt haben, zu bearbeiten, abzudämpfen oder loszuwerden. Das liegt zum Teil an den Schlafstörungen, unter denen PTSD-Patienten normalerweise leiden. Walker meint, das liege an den unnormal hohen Mengen an Noradrenalin, die den gesunden Nachtschlaf verhinderten. So gerät man in einen Teufelskreis: Der psychische Stress verhindert den Schlaf, der wiederum den psychischen Stress bearbeiten und vielleicht abbauen könnte. Walker nennt das einen Kratzer in der Schallplatte, an dem die Nadel zum Abspielen hängen bleibt, denn die Patienten durchlaufen Nacht für Nacht denselben Albtraum, ohne dass es ihnen danach besser gehen würde. In klinischen Versuchen 5 wurde das Noradrenalin-Niveau mithilfe von Medikamenten reduziert. Danach kam es zu einem gesunderen REM-Schlaf und die Albträume wurden weniger.
Walker fand auch noch einen anderen Vorteil des Traumschlafes: In ihm wird unsere Fähigkeit, Gefühle zu interpretieren, aufs Feinste justiert. 6 Walker zeigte den Versuchsteilnehmern, die geschlafen hatten, und denen, die nicht geschlafen hatten, Bilder von Gesichtern mit verschiedenen emotionalen Ausdrücken und entdeckte einen deutlichen Unterschied: Diejenigen, die keine REM-Phase durchlaufen hatten, konnten die verschiedenen Gefühlsausdrücke nicht voneinander unterscheiden. Der Traumschlaf – nicht die Träume an sich – hilft uns, unsere eigene Veranlagung, die Gefühle anderer Menschen zu sehen, zu lesen und zu verstehen, genauer zu justieren. Ist es diese grundlegende Fähigkeit, nämlich Mensch unter Menschen zu sein, die der lange, zusammenhängende Schlaf mit sich brachte, die uns im Laufe der Evolution von den anderen Arten entfernt hat?
Die Traumdeutungen in der kleinen psychiatrischen Praxis in Sandvika verbesserten meinen Nachtschlaf nicht, und nach einem halben Jahr musste ich die Behandlung abbrechen, was ein schmerzhafter Prozess war. Der Psychiater war wirklich verletzt und überrascht, als ich ihm sagte, dass wir zum Schluss gekommen seien. Ich benutzte die Psychiater-Patienten-Version von An Ihnen liegt es nicht, sondern an mir und schob alles auf den langen Anfahrtsweg.
Dann wendete ich mich an einen Psychotherapeuten für kognitive Therapie, der sich auf Schlafstörungen spezialisiert hatte. Als ich anrief und meine Situation beschrieb, unterbrach er mich mitten in der Beschreibung meines Elends. »You’ve come to the right place!«, sagte er und ich erinnere mich, dass ich noch nicht einmal reagierte, als er plötzlich in eine Mischung aus Bergenser Dialekt und Englisch überging. Mir kamen die Tränen, Jubel blubberte in meiner Brust: Ich war an der richtigen Stelle! Bald würde ich kuriert sein!
Die kognitive Therapie erwies sich als kostspielig, ich bekam keine Überweisung vom Hausarzt – ich war ja auch an einem Punkt angelangt, an dem ich mich nicht mehr traute, um Überweisungen für weitere Behandlungsangebote zu bitten. Und damit wurden auch die Kosten nicht mehr übernommen, wie damals beim Psychiater. Ich war jedoch so überzeugt, das Richtige zu tun, dass mich das Geld überhaupt nicht interessierte.
Die erste Sitzung begann damit, dass der Therapeut mein Wachsein in den Nächten als positiv wertete.
»Denken Sie einmal an all die Stunden, die Ihnen zur Verfügung stehen! Sie sind ja Autor, Sie können Bücher schreiben, wenn wir anderen schlafen müssen!«
Dann gab er mir einen Notizblock und einen Stift.
»Ich möchte, dass Sie nach Hause gehen und sich eine Liste der Dinge machen, die nicht gut sind, wenn man nicht schlafen kann. Dann aber auch noch eine über die Dinge, die gut sind, wenn man nicht schlafen kann. Und dann hätte ich gern, dass Sie notieren, wie Sie schlafen.«
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