Kitabı oku: «Tore zur Freiheit»
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Andrea Dinkel-Tischendorf
Tore zur Freiheit
Copyright
Wichtiger Hinweis: Alle Namen im Buch wurden zur Wahrung der Identität verändert. Die Geschichten selbst jedoch entsprechen der Wahrheit, weil nur so die Authentizität der Ereignisse gewahrt bleiben konnte.
Die im Buch veröffentlichten Empfehlungen wurden von der Verfasserin und vom Verlag sorgfältig erarbeitet und geprüft. Eine Garantie kann dennoch nicht übernommen werden. Ebenso ist die Haftung der Verfasserin bzw. des Verlages und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ausgeschlossen.
Bei möglichen unterschiedlichen Schreibweisen wurde die von der Duden-Redaktion empfohlene Schreibvariante verwendet.
Erstauflage: © EchnAton-Verlag
Diana Schulz e.K.
Alle Rechte vorbehalten.
Das Werk darf – auch teilweise– nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
1. Auflage (Printversion) Oktober 2018
Gesamtherstellung: Diana Schulz
Covergestaltung: Leo Tischendorf
Coverbild: ©Andrea Dinkel-Tischendorf
Foto Rückseite: ©Christoph Daab
ISBN-Printversion: 978-3-96442-000-8
ISBN-eBook: 978-3-96442-007-7
www.echnaton-verlag.de
Für Maya, in Liebe und tiefer Dankbarkeit
Der Weg der Liebe ist kein
raffiniertes Argument.
Das Tor dorthin ist Verzweiflung.
Die Vögel ziehen am Himmel
große Kreise voller Freiheit.
Wie lernen sie zu fliegen?
Sie fallen und im Fallen
wachsen ihnen Flügel.
Kabir
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung
Frühe Kindheit
Gottes liebende Licht
Wieder verlassen
Ein neuer Weg
Heute begegnest du deinem Schicksal
Meine Suche findet ein Ende
Heilung durch Vergebung
Kapitel 1 ‒ Das Jenseits
Angst vor Verstorbenen?
Meine erste Sitzung
Hilf ihr!
Du hast dich genug im Loslassen geübt
Der Zuhälter aus dem Jenseits
Angelika und ein Tötungsdelikt
Hörst du meine Musik?
Abschiednehmen leichter gemacht
Praktische Übung
Kapitel 2 ‒ Das Wirken der Engel
Wie begegnen uns Engel?
Erinnerungen aus der Tiefe der Seele
Die Seeleneigenschaften
Engel in Menschengestalt
Veränderung durch Berührung
Eine engelsgleiche Seele spendet Licht
Engel schenken Heilung
Eine besondere Heilung meines Körpers
Menschen helfen, Toleranz zu entwickeln
Tina und ihre Engel-Schwester
Spiele die Oboe
Ein musikalischer Schutzengel
Hannas himmlische Hotline
Der Schutzengel und ein Meisterbrief
Engel warnen vor Gefahren
Engel schenken Frieden
Geh doch nackt!
Meine Hündin Gina als Engel an meiner Seite
Negative Denk- und Verhaltensmuster verstehen und wandeln
Praktische Übung
Kapitel 3 ‒ Die Geistführer
Und du hast doch Talent!
Geistführer brauchen auch etwas zu tun!
Wounded Knee schenkt mir Vertrauen
Zur rechten Zeit am richtigen Ort
Schwere wird in Leichtigkeit gewandelt
Praktische Übung
Kapitel 4 ‒ Frühere Leben
Heilung durch das Sehen früherer Leben
Unsicherheit
Markus und das Kinderheim
Sandro, der Geigenspieler
Manuela und die Nazis
Die Radiomoderatorin, die ihren Seelenauftrag lebt
Pfarrer Paul
Ute und der fehlende Arm
Birgit und das Feuer
Martina und der Hungertod
Praktische Übung
Kapitel 5 ‒ Wenn die Seele sich erinnert
Beate und der Friseur
Meine Angst vor Übergewicht
Ein gewaltsamer Tod
Ein merkwürdiger Schmerz
Praktische Übung
Gebete für Mutter Erde
Nachwort
Anmerkungen
Ich möchte Danke sagen
Über die Autorin
Vorwort
Dieses Buch ist in der Hoffnung geschrieben, es möge jedem Leser und jeder Leserin Erkenntnis schenken über die Liebe und Weisheit, die aus Gott geboren in unserer Seele wohnt, und über die Kraft, die aus seinem Licht ein Feuer in unserem Herzen entfesselt, das jegliches Leid zu transformieren vermag.
Es ist ein Buch voller Geschichten … wahrer Geschichten ‒ von Menschen, die durch ihre Offenheit, ihren Mut und ihr Vertrauen in der Lage waren, die nicht immer einfachen Herausforderungen ihres Lebens anzunehmen und ihnen mit Liebe, Verständnis und Vergebung zu begegnen.
Jede einzelne Geschichte hat mich selbst tief berührt und den Wunsch freigesetzt, sie zu teilen, um den Sinn des eigenen Lebens zu erkennen und das Geschenk Gottes, welches uns vom ersten Atemzug in die Hand gelegt wird, mit kindlicher Neugier, Begeisterung und Leichtigkeit anzunehmen.
Was wäre die Menschheit ohne guten Willen, ohne Glaube, Hoffnung, Kraft und Hingabe und vor allem – was wären wir ohne Liebe?
Ich hoffe, dass du durch dieses Buch Mut findest, dein eigenes Leben kraftvoll in die Hand zu nehmen; dass du Trost findest und die Erfahrung machst, dass alles im Leben einen tieferen Sinn hat und nichts umsonst war; dass du lernen darfst, wie Vergebung die Tore zur Freiheit und zu wahrem Frieden öffnen kann, und dass deine Seele ihre Flügel weit öffnet, um endlich zu fliegen.
Einleitung
Wir schreiben den 13.12.2015. Bald ist Weihnachten. Ein kalter Wind fegt über Freilassing, meine Wahlheimat seit nunmehr drei Jahren. Die goldenen Strahlen der Sonne breiten sich wärmend und, der Kälte zum Trotz, über das Lattengebirge aus. Mein Blick schweift zum Himmel.
Eindrucksvoll und majestätisch zeichnet sich die schlafende Hexe, der Ostausläufer des Lattengebirges, vom zarten Blau des Horizonts ab. Die Wolken fügen sich reizvoll in das zarte BlauGrau ihrer Umgebung. Das gleißende Licht der Sonne, die hoch am Horizont steht, wandelt das strahlende Weiß ihres Seins in eine augenscheinliche Öffnung des Himmels.
Je näher ich die riesige Wolke vor mir betrachte, die sich wie ein weites Band in den Himmel erstreckt, desto mehr dehnt sich mein Bewusstsein aus. Mein Körper beginnt zart zu schwingen, und ein Teil von mir ist sich darüber bewusst, wie nah doch tatsächlich das Tor zur anderen Seite ist und wie wenig es bedarf, dies zu spüren. Nur ein bisschen Ruhe und Stille.
Meinen Blick verklärt auf die Wolke gerichtet, beginnt sie sich in einigen schillernden Farben des Regenbogens zu präsentieren: Ein zartes Rosa durchwebt sie, Gold kommt hinzu, Grün und Blau, und der Himmel dazwischen färbt sich in Indigo. Als würde sich auch die Sonne über ihr Erkennen freuen, breitet sie nun ihr Licht über die zuvor grau gefärbte Umgebung.
Ich erinnere mich an die Worte meiner geliebten Freundin Maya: »Die Sonne ist eine Manifestation von Christus, von Ananda, dem Glückseligen«, und kehre zurück in das Jahr 2003, als ich mit geschlossenen Lidern zwischen einer Gruppe von Menschen stehe. Plötzlich erscheint vor meinem inneren Auge die Sonne in ihrem goldgelben, mächtigen Licht ‒ gerade so, als würde sie allmählich vor mir aufgehen. Als sie in vollem Glanz vor mir steht, ist es, als würde sie mein Wesen in sich selbst aufnehmen. Ich lasse mich glückselig in ihr Licht fallen. Es gibt nichts anderes zu tun!
Und da falle ich … ungebremst und mit dem Gesicht nach vorne … platsch … auf den Boden! Während ich glückselig mit der Nase nach unten auf dem Boden liege und darüber nachdenke, was mein Körper vom Sturz abbekommen haben könnte, richte ich mich langsam wieder auf und stelle fest: Mein Körper ist wohlauf, kein blauer Fleck, keine Beule, einfach nichts! Ich weiß noch, dass ich dachte: »Ja, was soll auch passieren ... ich bin doch nur in die wunderschöne Sonne gefallen! ›Die Sonne ist eine Manifestation von Christus.‹ … Ja, natürlich!«, und mein Erleben bestätigt die Essenz dieser Wahrheit. Was wären wir ohne ihr Licht? Es gäbe kein Leben auf unserem wunderschönen blauen Planeten.
Als ich von Maya erfuhr, dass die Erde ein ebenso lebendiger Körper wie die Sonne ist und zugleich die Dualseele von Christus, machte all dies Sinn für mich. Was wären wir ohne Mutter Erde, die uns nährt?
All das kommt mir wieder ins Gedächtnis, während ich die schlafende Hexe und den gegenüberliegenden, sagenumwobenen Untersberg betrachte. Ist es nicht merkwürdig, dass es mich ausgerechnet hierher verschlagen hat? Dass wir ein Haus finden, das uns vom Garten aus den Blick freigibt auf diesen mystischen Berg, dessen Existenz Anlass für Zukunftsweissagungen einiger Propheten des letzten Jahrhunderts gab?
Die schlafende Hexe wird im Übrigen in der Frühzeit als Verehrung und Verkörperung der Bergmutter angesehen und beschrieben. Für mich sieht sie eher aus wie ein junges, weibliches Äffchen, und da mein Hang zu Tieren immer ein besonderer war, bin ich mit diesem Bild sehr zufrieden.
»Ich bin angekommen, endlich ›zu Hause‹ … nach all den aufreibenden Jahren endlich daheim!« Dankbarkeit kommt auf. Gott hat meinen Weg geebnet und mich hierher gebracht, an einen Ort der Stille und des Einklangs mit Mutter Natur. Mit einem Mann an meiner Seite, der die Natur genauso, wenn nicht noch mehr, schätzt und mich immer wieder daran erinnert, dass es nicht nur Arbeit gibt und es genauso verantwortungsvoll ist, die Schönheit, die Gott uns geschenkt hat, wertzuschätzen und uns bewusst mit ihr zu verbinden.
Eine Vision dieser wunderschönen Voralpengegend und auch des Mannes, mit dem ich hier leben würde, zieht in meinem Geiste vorbei: 2008 war ein schwieriges Jahr für mich. Die Trennung meiner langjährigen Partnerschaft brachte viel emotionalen Schmerz mit sich, und doch war es ein transformierendes Jahr, das, wie es nach einem Abschied nun einmal oft ist, auch eine Neugeburt bedeutete.
Zunächst beschloss ich voller Überzeugung, keinen Partner mehr zu haben. Ich hatte die Nase voll von all den komplizierten Beziehungen der Vergangenheit und zog mein Resümee in der innerlichen Auflehnung meiner Seele: »Entweder meinen Seelenpartner, oder niemanden mehr!«
Da stehe ich nun in der Küche meiner alten Wohnung und denke über die kommende Zeit nach. Ich bitte Gott um einen kleinen Einblick in meine Zukunft: Eine bergige Landschaft zieht an meinem geistigen Auge vorbei, ich sehe blauen Himmel, viel Grün. Einige Wochen vor dieser Vision hatte ich in England einen Mann kennengelernt, in den ich mich Hals über Kopf verliebte. Als wir uns während einer medialen Ausbildung begegneten, hatte er bereits seinen Job als Polizist in London aufgegeben und war nach dem tragischen Tod seiner Frau mit seiner damals 13jährigen Tochter nach Kanada ausgewandert, um dort ein neues Leben zu beginnen.
Die inneren Bilder versetzen mich in ein aufgeregtes Staunen, obgleich ich immer wusste, dass ich einmal einen Ausländer heiraten würde. Vielleicht kennst du das auch: Es gibt Dinge im Leben, die weiß man einfach. Es ist ein tiefes Wissen, das aus der Seele herausströmt und nicht gleichzusetzen ist mit logischem, rationalem Denken.
»Wow!«, denke ich: »Das muss Kanada sein! Das ist ja wunderbar!« Jonathan war also wieder in greifbare Nähe gerückt, obwohl unser Abschied keineswegs einer Trennung zweier Liebender glich, die wissen, ein Wiedersehen steht außer Frage. Vielleicht hätte ich mir die Berge doch etwas genauer betrachten sollen!
Nach der anfänglichen Begeisterung ereilte mich der Schock. Nein, ich hörte keine englische Sprache, wie ich es mir vorstellte. Ich hörte unmissverständlich einen österreichischen Akzent meines zukünftigen Liebsten! Du kannst dir sicher vorstellen, wie erstaunt ich war. Ausländer hin oder her, einen Deutschsprachigen hätte ich mir jedenfalls nicht vorgestellt!
Nun bin ich mit meinem österreichischen Mann Volker verheiratet und zähle mich zu einem sehr glücklichen und zufriedenen Menschen auf dieser wunderbaren Erde, der gerade die schneeweiße Wolke vor sich betrachtet. Die Kulisse am Himmel wirkt wie ein Gemälde, das sich unter den Wetterbedingungen und Lichteinstrahlungen immer wieder in neuen Farben und Formen präsentiert. »Wie mein Leben«, denke ich. Stetige Bewegung, Höhen und Tiefen, und kaum tritt etwas in Erscheinung, ist es auch schon wieder weg ‒ wie die Wolke am Himmel.
Von meiner Arbeit als Medium weiß ich, dass die meisten Menschen durch Gewohnheit ihre Lebendigkeit verlieren. Es gibt für mich nichts Schöneres, als sie mit Hilfe der geistigen Welt daraus zu befreien, um ihr tatsächliches Potential zu leben. Betrachten wir doch nur einmal die Natur: Nichts ist von Bestand, stetige Veränderung und Bewegung sind ihre Begleiter. So sind wir Menschen auch. Die Natur erscheint in wunderschönen Farben. Ich mag den Vergleich mit einem Teich: Ist genug Sauerstoff vorhanden, blüht das Leben in und um den Teich herum. Man sieht Libellen, Insekten, Frösche, lebendiges Grün. Ist zu wenig Sauerstoff im Wasser, kippt der Teich, und allmählich schwindet das Leben. Bewegung ist der Lauf des Lebens.
Bewegung ist auch unser Atem: Er kommt und geht, kein Atemzug gleicht dem anderen. Ist einer gegangen, ist er unwiderruflich Vergangenheit. Nicht wiederholbar! So erleben wir ständiges Ableben und augenblickliche Neugeburt. Im Ein- und Ausatmen wird gezeigt: Jeder neue Atemzug ist die Möglichkeit, lebendig zu sein.
Leider denken wir im Westen zu wenig darüber nach und sind schockiert, wenn unser letzter Atemzug naht oder ein geliebter Mensch seinen letzten Odem aushaucht. Dann fangen wir an, über das Leben nachzudenken, und fragen uns, was unserem Leben mehr Inhalt gegeben hätte. Tun wir dies besser heute, jeden Tag von neuem! Wie oft höre ich von lieben Verstorbenen: »Ich habe versäumt, dieses oder jenes zu tun, zu sagen und so weiter …« Ehrlich gesagt, sind diese Gespräche auch für mich immer sehr lehrreich, kann ich doch dann versuchen, noch etwas besser und intensiver zu leben.
Zufrieden blicke ich auf mein Leben. Vor ein paar Jahren fand ich beim Ausmisten staubiger Kisten einen Zettel wieder, den ich als 25-Jährige geschrieben hatte. Auf dem Zettel standen meine Wünsche für dieses Leben: Einen lieben Mann, drei Kinder, einen Hund, ein Haus mit Garten, drei Sprachen sprechen, ins Ausland gehen, Ski fahren lernen, Fallschirm springen, Malen …
Der gewünschte Mann ist nun da: Volker ist der Mensch, den ich mir immer erträumt habe. Er nimmt mich, wie ich bin, und gibt mir trotz meiner Schwächen stets das Gefühl, geliebt zu sein. Was kann sich ein Mensch mehr wünschen? Die drei Kinder hat er mitgebracht, die waren also schon fertig. Das Haus mit Garten haben wir angemietet, und das Hündchen ist nun auch da. Skifahren habe ich durch meinen Mann ein bisschen gelernt. Und das mit dem Fallschirmspringen ist mir nicht mehr wichtig; es darf also gerne ohne Wehmut von der Liste gestrichen werden!
Die drei Sprachen: Englisch durfte ich mir während meiner Zeit in Florida aneignen, und naja, mein Französisch ist gegangen, wie es gekommen ist. Aber auch das ist nicht tragisch, und schließlich bin ich noch nicht zu alt, um eine neue Sprache zu lernen. Okay, auf meinem Zettel stand: bis 30 …, aber: welche Bedeutung hat das schon … man muss ja nicht immer im ICE fahren!
Endlich finde ich Zeit zum Malen. Kreativ und somit schöpferisch tätig sein zu können und zu dürfen, liegt in der Natur des Menschen; es sind Gottesgeschenke an uns. Dieser Gabe Raum zu geben und meiner Seele trotz der vielen Arbeit Zeit zu schenken, ist eine bedeutungsvolle Aufgabe, derer ich mir bewusst bin.
An Heiligabend werde ich 46 Jahre alt und während ich mein Leben Revue passiere, denke ich an Mayas Worte im Jahr 2008, als ich Volker kennenlernte, zurück. Mit dem Hinweis auf diese Beziehung gab sie mir zu bedenken: »Wenn du es jetzt nicht schaffst, schaffst du es nie!« Merkwürdig, dass ich gerade jetzt daran denke.
Es wird mir klar, dass sie die Liebe und das Leben meinte. Ich bin mir sicher, dass sie mit ihrem durchdringenden Blick und ihren ungewohnt strengen Worten eine Anspielung auf die damals nicht vorhandene Wertschätzung von Liebe und Leben machte. Meine kluge Freundin, die mit ihrer Ehrlichkeit und Klarheit und vor allem ihrer Liebe mein Leben so reich beschenkt hat. Jetzt fühle ich sie, die Dankbarkeit und Wertschätzung, ohne die sich ein Mensch nicht als glücklicher Mensch bezeichnen kann.
Bevor ich meine alte Heimat verlassen habe, um mit meinem Mann an der Grenze von Österreich und Deutschland zu leben, gab es noch einen Wehmutstropfen: Ich musste Abschied nehmen von Gina, meinem kleinen Dackelmischlingsmädchen, meiner geliebten und treuesten Weggefährtin, und auch diese Erinnerung kehrt zurück:
Ich sitze am Schreibtisch in meiner alten Wohnung und schaue mir Häuser unserer jetzigen Heimat an. Fünf Jahre suchen wir nun schon nach einem gemeinsamen Domizil. Als ich das Haus im Internet finde, das wir heute bewohnen, kehrt die Vorahnung zurück, die ich einige Monate zuvor spürte. Damals wusste ich: »Wenn ich Richtung Österreich ziehe, wird es Gina nicht mehr geben!« Ein Stich fährt mir ins Herz, und mit Schrecken und Tränen in den Augen betrachte ich meine innig geliebte Hündin, die unter meinem Schreibtisch sitzt. »Ach, Gina!«, seufze ich und blicke in ihre warmen, braunen Augen, die mich ebenso traurig ansehen. Da sie kein gewöhnlicher Hund ist, weiß sie natürlich wie ich Bescheid.
Es kam wie vorhergesehen: Im Sommer 2012 zogen wir ein, im Februar zuvor verstarb meine engste Begleiterin seit sieben Jahren. Ohne ihre Freundschaft, Loyalität und ihre großzügige Liebe hätte ich es nicht bis hierher geschafft. Jetzt ist sie im Himmel, wo wir uns eines Tages wiedersehen, und zwischenzeitlich steht sie mir immer noch treu zur Seite ‒ als Engel im wahrsten Sinne des Wortes. Ab und an sehe oder spüre ich sie, und hin und wieder macht sie sich über unsere neue Hündin Amira bemerkbar. Auch bei Botschaftsabenden, wenn verstorbene Tiere Kontakt aufnehmen, ist sie meist diejenige, die mich zu ihren trauernden Besitzern führt.
Gina kündigte mir Amira an, die gemäß meinem Wunsch, ein wirklicher Hund zu sein, auf wundersamen Weg zu uns kam. Kurz nachdem Gina verstarb und ich hierher zog, hörte ich bei einem Spaziergang plötzlich ihre Stimme in mir: »Eine neue Hündin wird kommen! Sie wird, wie ich, eine Dackelmischlingshündin sein und durch eine österreichische Freundin zu euch geführt. Ihr Name ist Mia!«
Ich war mir nicht sicher, ob ich richtig hörte … Mia oder Mira? »Na, egal, wenn es so ist, werde ich sie Amira nennen.« Das bedeutet auf Arabisch ›Prinzessin‹ und ist die weibliche Form von Amir, einem indischen Yogi, der im Himalaya lebt und dessen Stimme ich erstmals 2008 wahrnahm.
»Sie kommt früher als du denkst ... noch vor eurem Indienurlaub!«
»Oh weh!«, dachte ich, »Wie soll das funktionieren?« Es kam 1:1 genauso, wie es mir Gina angekündigt hatte. Selbst der Name des Tieres war der gleiche.
Nun, im 47. Lebensjahr angekommen, beginne ich meine persönliche Aufgabe anzugehen: Neben meiner Arbeit, die ich liebe, auch zu leben und mich selbst genauso wichtig zu nehmen wie jeden anderen. Kaum zu glauben, dass ich hierfür 46 Jahre gebraucht habe, um das zu tun, was ich mir persönlich vorgenommen habe, oder besser gesagt: meine Seele!
Frühe Kindheit
Meine Eltern waren noch sehr jung, als ich in ihr Leben trat, und man kann nicht behaupten, dass ich eine unbeschwerte Kindheit hatte. Meine Mutter war Alkoholikerin, eine sogenannte Quartalstrinkerin, die sich seit ihrem vierzehnten Lebensjahr immer wieder aus dem realen Leben in den Alkohol flüchtete. Häufig saß meine Oma stundenlang am Fenster, um auf ihren Mann, ihre Tochter und ihren Sohn zu warten. Mein Halbonkel war der Grund dafür, dass meine Mutter alkoholabhängig wurde. Jahre des Missbrauchs durch ihn und seine Freunde hatten sie beinahe zerstört; ein normales Leben war nicht mehr möglich.
Angefangen hatte der Missbrauch bereits mit elf Jahren, als ein ›Freund‹ der Familie sie erstmals vergewaltigte. Ich weiß noch, dass ich mir Kinderbilder meiner Mutter ansah, speziell ihr Konfirmationsfoto, und dabei dachte: »Wie traurig sie doch ausschaut!«
Mein Opa, ein warmherziger, kluger und sensibler Mann, entdeckte meine Oma beim Spaziergang, als sie damit beschäftigt war, den Garten umzugraben und alle anderen im Haus feierten. »Schön blöd sind Sie!«, sprach er meine Oma an. »Da drinnen wird gefeiert, und Sie sind mit Umgraben beschäftigt!« Er brachte damit zum Ausdruck, was allen Angehörigen der weiblichen Ahnenreihe meiner Großmutter zu eigen war, und das galt auch für mich: Arbeit bekam im Leben absolute Priorität.
Als ich dreizehn Jahre alt war, sprach meine Mutter erstmalig über ihre traurige Vergangenheit. Anlass war ein Übergriff auf mich selbst, den ich glücklicherweise verhindern konnte. Ein Polizist hatte sich, während ich schlief, an mich herangemacht. Eine Freundin der Familie, die aufgrund eines stationären Aufenthalts meiner Mutter im Krankenhaus auf meine jüngere Schwester und mich aufpasste, brachte ihn mit ins Haus. Als ich spürte, dass mich etwas am Körper berührte und ich deshalb aus dem Schlaf gerissen wurde, um sogleich in ein fremdes Gesicht zu blicken, schrie ich im Schock nach Leibeskräften aus und schlug den Mann damit in die Flucht.
Meine Mutter spürte im Krankenhaus, dass etwas vorgefallen sein musste, und nachdem ich widerwillig aussprach, was geschehen war, packte sie kurzerhand ihre Sachen und eilte vorzeitig nach Hause. Dort angekommen, erzählte sie mir ihre deprimierende Geschichte, die mich erschütterte und mir die Tränen in die Augen trieb.
Nach einer langen Pause, in der ich ihr voller Mitgefühl den Arm streichelte, fragte ich sie: »Warum hast du Oma nichts davon gesagt?«
»Oh, das habe ich versucht. Aber sie hat mir nicht geglaubt, und bevor ich zu Ende reden konnte, hat sie mich als Spinnerin abgetan. Kurz darauf schickte sie mich zu Verwandten an die Ostsee. ›Zwangsausweisung‹! Ich habe nie wieder versucht, mit ihr darüber zu reden.« Meine Oma und meine Mutter hatten deshalb ihr Leben lang ein schwieriges Verhältnis.
Ich denke, dass ich in meiner medialen Tätigkeit deshalb auch immer wieder vielen Frauen begegne, die das gleiche Schicksal wie meine Mutter teilen, weil ich durch diese Erfahrungen sensitive Antennen für das Erkennen von Missbrauch und Alkoholismus entwickelt habe. Und natürlich, weil ich am eigenen Leib erlebt habe, was dies für den Betreffenden selbst sowie für seine Angehörigen bedeutet.
Mein Vater hatte eine gleichermaßen schwierige Kindheit. Bereits als Baby wurde er zur Adoption freigegeben. Er kam in eine Pflegefamilie, die bereits drei Kinder aufgenommen hatte. Seinen Pflegeeltern ging es vor allem um das Geld, welches sie für die Aufnahme und Betreuung der Kinder erhielten. Es gab für alle vier Kinder weder Liebe oder Zärtlichkeit, noch Mitgefühl oder Verständnis.
Mit diesen Kindheitserfahrungen lernten sich meine Eltern kennen und beschlossen, gemeinsam alles besser zu machen. Sie mieteten ein Haus in Calw, wünschten sich eine große Familie und wollten ihre eigenen Kinder mit Liebe großziehen. Zwei Menschen, denen die Flügel gestutzt worden waren und die versuchten, gemeinsam wieder ganz zu werden und fliegen zu lernen. Weder Vater noch Mutter schafften es, sich von ihrer Vergangenheit zu lösen, und Alkoholkonsum spielte bei beiden eine große Rolle. Trotzdem waren sie bemüht, eine normale Familie zu sein und uns Liebe zu schenken.
Meine eigenen Kindheitserinnerungen sind spärlich, sie liegen im undurchsichtigen Nebel der Vergangenheit. Das Wenige, das ich in mir bewusst gespeichert habe, waren Umstände und Situationen, die später beim Erkennen und Verstehen meines Wesens eine maßgebliche Rolle spielten. Ich weiß zum Beispiel noch sehr genau, wie ich mit zwei Jahren das Gitter des Kinderbetts meiner Schwester, die als Neugeborene friedlich in ihrem Bettchen schlummerte, festhielt. »Endlich bist du da!«, dachte ich, und betrachtete sie mit Entzücken. Stundenlang hätte ich sie so anschauen können. Lange, bevor sie in dieses Leben geboren wurde, freute ich mich schon über ihre Ankunft. Maya sagte ihr einmal, sie habe eine engelsgleiche Seele. Das muss ich bereits als Kind gespürt haben. Irgendwie wusste ich, dass jetzt mehr Licht gekommen war und somit auch für mich Unterstützung. Obwohl so viele Geschehnisse ausgeblendet sind, gibt es doch diese schöne Erinnerung an die Ankunft meiner Schwester ‒ ein Stern in dunkler Nacht!
Eigentlich hätte ich auf sie eifersüchtig sein müssen, war sie doch das bevorzugte Kind meiner Mutter. Ich selbst fühlte mich als Kind an der Seite meiner Mutter unsicher, ja sogar ängstlich. Der Grund hierfür sollte sich später, als ich bereits in die spirituelle Welt eingetaucht war, zeigen.
Wir lebten in einer winzigen Wohnung in einer einfachen Gegend. Graue, eintönige Gebäude reihten sich aneinander, es gab einen steinigen Innenhof und kaum Grün. Der Kindergarten war nur einen Sprung entfernt, die Schule ebenso. Als Kind empfand ich die Dimensionen natürlich anders. In der Küche stand eine winzige Sitzbadewanne aus Zink, was ich damals schon als ulkig empfand, und meine Schwester und ich teilten uns ein Zimmer. Die Wohnung selbst war gruselig, überall gab es Geister von Verstorbenen, und niemals wollte oder konnte ich ohne Licht einschlafen. Hier begann mein Sehen und Hören.
Jahre später, als ich bereits erwachsen war, erzählte mir mein Vater, dass ich mit zwei oder drei Jahren meine Eltern warnte, sich nicht ins Wohnzimmer zu begeben. »Ihr könnt da nicht rein! Seht ihr nicht, dass schon alles voll ist? Viel zu viele Leute!« Ich sprach schon sehr früh, noch bevor ich gehen lernte. Natürlich glaubten mir meine Eltern nicht. Sie dachten, das Kind hätte einfach eine rege Phantasie.
Ich fürchtete mich sehr in dieser Wohnung, und für meine Schwester und mich gab es nur einen sicheren Ort zwischen diesen Wänden, nämlich außerhalb davon! Wir richteten uns den Balkon her, mit Tüchern als Himmelsdecken, und bauten somit unseren sicheren ›Bunker‹ als Schutz vor den Geistern. Oft hörte ich in der Nacht klar ›die andere Seite‹, die immer wieder, wenn der Abend den Tag ablöste, meinen Namen rief, und jedes Mal erschrak ich aufs Neue bis ins Mark. Ich wusste innerlich, dass dies nicht die Stimmen des Lichts waren, die mich bedrängten und auch in meinen Träumen verfolgten.
Mit fünf Jahren wachte ich eines Tages, im Bett zwischen meinen Eltern liegend, auf. Ich wurde von einem fremden Wesen, das vor mir am Fußende des Bettes stand, geweckt. Der Mann, mit einem dunklen Umhang und einem merkwürdigen altmodischen, schwarzen Hut bekleidet, hielt seinen Blick durchdringend auf mich gerichtet. Ich erschrak zu Tode!
In meiner Panik war mein nächster Gedanke, meine Eltern zu wecken, doch gleichzeitig wusste ich, dass sie den Mann nicht sehen würden. Also zog ich die Bettdecke zum Schutz über mein Gesicht in der Hoffnung, er würde sich von alleine in Luft auflösen. Sehr langsam zog ich die Decke wieder herunter, gerade so weit, dass meine Augen frei lagen und ich erspähen konnte, ob der Mann noch da war.
Unglücklicherweise hatte er sich nicht in Luft aufgelöst. Da stand er immer noch, die dunklen Augen auf mich gerichtet. Er versuchte, mir etwas mitzuteilen, doch meine Angst war übergroß, und so nahm ich die Decke wieder zu Hilfe. Decke hoch, Decke runter … irgendwann muss ich vor Erschöpfung eingeschlafen sein. Erst heute, vierzig Jahre später, habe ich die Antwort darauf erhalten, wer dieser Mann war und dass ich mich vor ihm zumindest nicht hätte fürchten müssen.
Meine Kindheit erlebte ich als eine dunkle Zeit. Selbst der tägliche Aufenthalt im Ganztageskindergarten lässt keine schönen Erinnerungen aufkommen, im Gegenteil: Ich hasste es, dorthin zu müssen.
Eines Tages spielten wir im Hof des Kindergartens Cowboy und Indianer. Als Kind liebte ich Indianerfilme, und wenn mein Vater ankündigte: »Heute Abend gibt es im Fernsehen einen Cowboyfilm!«, war meine erste Frage: »Ist er auch mit Indianern?« Ohne sie interessierte mich der Film nämlich nicht im Geringsten. Wir spielten also Cowboy und Indianer.
Im Innenhof des Kindergartens gab es eine große Buche, sie muss schon viele Jahre alt gewesen sein. Natürlich war ich der Indianer! Eine Gruppe Kinder fing mich ein und fesselte mich an den Baum. Am Anfang war es ein Spiel, doch bald wurde bitterer Ernst daraus. Als Kind hat man nicht das Zeitgefühl wie ein Erwachsener, aber ich schätze, dass ich mindestens eine Stunde lang am Buchenstamm gefesselt war und schließlich in Panik ausbrach. Ich schrie und schrie, aber keiner kam, um mich zu erlösen.
Einige Leben zurück: Gefesselt an einen Pfahl auf einem Hügel schaue ich hinunter auf ein Dorf. Mit Tränen in den Augen erblicke ich ein grauenvolles Bild: Die Bewohner des indianischen Dorfes, das ich sehe, werden von weißen Männern regelrecht massakriert. Keiner kommt mit dem Leben davon. Mein Geist befindet sich unter hilflosen, schreienden Menschen.
Einige davon sind mir auch aus diesem Leben bekannt. Ich schaue nach rechts … ein junger Mann ist parallel zu mir an einen weiteren Pfahl gebunden. In tiefer Trauer um diesen Mann, der, wie mir mein inneres Wissen mitteilt, meine zweite Hälfte ist, sehe ich, wie ihm die Kehle durchgeschnitten wird. Danach bin ich an der Reihe. Ich sehe, wie mein Körper, in dessen Bauch ich ein Kind trage, aufgeschlitzt wird.
»Ich bin schuld an diesem Massaker!« Während dieses Gedankens fühle ich unendliche Traurigkeit über den Verlust und all das Leid und den Schmerz, den diese Menschen durchlebt haben.
Später erfuhr ich die Hintergründe zu meinen inneren Bildern und das erneute Miterleben: Meine Dualseele und ich hatten die Obhut über dieses indianische Volk. Die Weißen verlangten von uns, ihnen zu sagen, wo wir unser Gold versteckt hielten. Für uns war klar: Wenn wir es ihnen sagen, werden sie es sich nehmen und uns töten. Doch die andere Option brachte das gleiche Ergebnis.
Dieses Ereignis und die wiederkehrende Erinnerung daran, als Fünfjährige an einen Baum gefesselt gewesen zu sein, wurden in der nachfolgenden Zeit ein Nährboden für mein daraus resultierendes Denken und Fühlen. Das verbleibende Gefühl von Schuld spielte eine maßgebliche Rolle in meinem weiteren Leben. Meine damalige Inkarnation wirkte immer noch bis in diese Existenz, und so nahm ich ein großes Gefühl von Verantwortung, Angst, etwas Falsches zu tun, und das Gefühl von Hilflosigkeit mit in dieses Leben hinein. All das legte sich wie ein Schatten auf meine Seele und erwirkte die Begrenzungen, die ich später nur mühevoll durch Vergebung auflösen konnte.
Erst wenn der Mensch in der Lage ist, nicht nur anderen, sondern sich selbst zu vergeben, werden die Schatten von unserer Seele genommen, wie Maya es gerne ausdrückte. »Weißt du, eigentlich bin ich eine Fensterputzerin!« Ich höre ihr helles Lachen noch heute in meinem Ohr nachklingen. »Jaja, nichts anderes ... eine Fensterputzerin! Ich bin mit Putzen beschäftigt. Ich putze die Flecken, die auf den Seelen liegen weg, so dass das Licht durchbrechen kann!«
Funktioniert das bei jedem Menschen? Für diejenigen, die auf Seelenebene ihre Einwilligung geben, ja! Das bedeutet, dass ein Mensch auf innerer Ebene bereit sein muss für Vergebung. Dafür haben wir unseren freien Willen von Gott bekommen, um entscheiden zu können.
Wir können uns stets für die Liebe oder das Leid entscheiden; wir können wählen, ob wir am Elend festhalten wollen, oder unser Herz in Hingabe öffnen für den Frieden, der im richtigen Augenblick der Bereitschaft Heilung schenkt. Es ist keine Frage und liegt auf der Hand, was Gottes Hoffnung und Wunsch für uns bedeutet: Er liebt uns alle so sehr, dass er uns in Freude sehen möchte, und deshalb ist es so wichtig, dass wir auflösen, was wir an ›Unverdautem‹ aus vergangenen Zeiten mitgebracht haben.
Mein damaliges Indianer-Leben ist ein gutes Beispiel dafür, wie diese alten Schuldgefühle sogar für eine krankhafte Manifestation im Körper sorgen können.
Gottes liebende Licht
Als ich 25 Jahre alt war, nahm sich meine Mutter das Leben. Nach vielen Versuchen hatte sie es nun geschafft und ihr Ziel erreicht. Ich fühlte mich schuldig, nicht für sie da gewesen zu sein. Mein ganzes Leben lang fühlte ich mich für meine Mutter verantwortlich, und erst mit neunzehn Jahren hatte ich beschlossen, dass auch ich mein eigenes Leben haben müsste. Da ich praktisch der einzige Mensch war, der Kontakt mit ihr pflegte, verurteilte ich mich nach ihrem Tod selbst: »Du warst die Einzige, die noch für sie hätte da sein können, und du hast versagt!«
Diese Zeit, die Trauer und das Schuldgefühl, aber auch das viele Arbeiten, um über die Runden zu kommen, trugen dazu bei, dass ich schwer erkrankte. Ein halbes Jahr nach dem Freitod meiner Mutter durchzog ein heftiger Schmerz meinen Körper, so als würde jemand mit einem glühenden Messer meinen Unterleib malträtieren.
Ich suchte unterschiedliche Ärzte auf, aber keiner konnte etwas finden. So lebte ich mehrere Monate mit immer wiederkehrenden, heftigen Schmerzattacken, die letztlich zu einer Notoperation führten. An jenem Tag wusste ich allerdings intuitiv, dass ich meine Tasche fürs Krankenhaus richten müsste. Und als ich dann bei einem Freund zusammenbrach, stellte sich mein Pragmatismus als hilfreich heraus, hatte ich doch einige Vorbereitungen bereits getroffen. Nur sehr knapp war ich mit dem Leben davongekommen, denn wie sich herausstellte, hatte ich eine schwere Bauchfellentzündung, die sich vom Blinddarm bis zum Herzen erstreckte.
Im Krankenhaus hatte ich viel Zeit, über mein Leben nachzudenken. Ich wusste, ich hatte zu viel gearbeitet und der Trauer über den Verlust meiner Mutter keinen Raum gegeben. Jetzt hatte ich Muße, mir auszumalen, was ich alles in meinem Leben verändern wollte, sobald ich entlassen würde.
Doch daraus wurde nichts. Ich bekam noch im Krankenhaus zwei neue Erkrankungen. Nun war ich der Verzweiflung nah, hatte ich doch bereits so viel erkannt! Ich hatte verstanden, was ich falsch lebte und mir ganz fest vorgenommen, mein Leben zu ändern, und jetzt das! Warum musste ich so bestraft werden?
Während ich ganz in meinem Selbstmitleid und meiner Verzweiflung aufging, erteilte mir eine Freundin den Rat, ein Medium zu kontaktieren. Wir telefonierten miteinander.
»Du hast einen Freund, der nicht passt.« So auf die Art sprach die freundliche, aber bestimmt klingende Stimme zu mir. »Absorbiere diesen Mann, so als würde sein Spiegelbild verschwinden.« Tatsächlich wurde mir klar, dass wir nicht zueinander passten.
Ich war mit einem Mann verlobt gewesen, hatte die Verlobung aber bereits gelöst, als ich meinen einstigen Jugendfreund zufällig wiedertraf, und besaß keinen Glauben mehr an die Liebe. Ich dachte mir, die Liebe könne sich auch entwickeln und vielleicht sei dies der Weg, ihr zu begegnen. Auf diese Art hatte ich wenigstens die Sicherheit, einen treuen und liebevollen Menschen an meiner Seite zu haben. Und so ließ ich mich ‒ entgegen meinem guten Vorsatz, niemals etwas mit einem guten Freund anzufangen ‒ auf eine Beziehung ein. Ich war desillusioniert und enttäuscht von den Männern und tat zum ersten Mal etwas in meinem Leben, das ich bereute. Kein Wunder, dass das Medium das gespürt hatte.
Und so tat ich wie geheißen. Sie führte mich in einen meditativen Zustand. »Atme! Stell dir vor, wie eine grüne, heilsame Decke um dich gespannt wird …« Ich bedankte mich bei der fremden Dame, die mir so selbstlos ihre Hilfe angeboten hatte, und führte die Meditation, die sie mir gab, fort.
So einfach? Einfach atmen? Na, ich hatte nichts zu verlieren. Und so atmete ich, ein und aus … ein und aus. Es war merkwürdig, denn alles geschah in der Natürlichkeit und Einfachheit des Moments. Ich wurde immer leichter, und mein Bewusstsein weit und offen. Mein Geist dehnte sich aus, bis ich eins war mit und in meinem Atem. Im Einklang mit meinem Atem fühlte ich mich wie in einem grenzenlosen Raum.
Und dort, in dieser Grenzenlosigkeit, erfuhr ich GOTT. Ich fühlte IHN ‒ in mir und außerhalb von mir. Meinen Körper spürte ich nicht mehr. Stattdessen war ich grenzenloser Geist. Mein Atem zog mich nach innen. Eine große Freude kam in mir auf, ich verspürte Leichtigkeit und tief in mir brannte das Wissen aus Gott, unserem Schöpfer: »Nichts kann dir geschehen. Du liegst in meiner Hand. Alles ist gut, wie es ist!« Ein tiefer, niemals zuvor erlebter Friede kehrte in mein Wesen ein. Gott war das intelligente, liebende Licht, das mich umgab und in mir strahlte!
Dies war der Beginn meiner bewussten spirituellen Reise. Am nächsten Tag hatte ich weitere Untersuchungen. Erstaunt stellten die Ärzte fest: Beide Krankheiten waren verschwunden ‒ von einem auf den nächsten Tag. Ich war geheilt. »So ist das also mit Wundern?«, dachte ich und fühlte mich unendlich erleichtert und dankbar. Bald durfte ich das Krankenhaus verlassen.
Damit ich mein Versprechen mir selbst gegenüber auch halten würde, brach ich mir kurz darauf beim Überqueren der Straße den Knöchel an.
So musste ich mehr ruhen als ich es mir zugestanden hätte, und nutzte die Zeit, um nachzuholen, was ich für mich selbst versäumt hatte: Ich löste meine Beziehung, gab mir Zeit, um die Trauer über den Verlust meiner Mutter zu verarbeiten, und suchte sogar einen Psychologen auf, den ich dann allerdings während der zweiten Sitzung ›therapierte‹. Somit beendete ich diese letzte Maßnahme. Aber mir wurde bescheinigt, normal zu sein, und das beruhigte mich sehr. Ich hatte es sozusagen schwarz auf weiß!
Einige Monate nach meiner Erkrankung bekam ich ein Jobangebot für ein Jahr in den Vereinigten Staaten. Vor meiner Abreise hatte ich einen Traum: Ein Bote überbringt mir mannshohe rote Rosen. Sie sind umwerfend. Daran ein Briefchen, in englischer Sprache an mich adressiert. Ich wachte lächelnd aus dem Traum auf, wissend, dass eine wunderbare Zeit für mich anbrechen würde.
Und so kam es. Ich verliebte mich in den Mann, der mir im Traum gezeigt worden war. Bereits zu Beginn unserer Beziehung fühlte ich eine tiefe Verbundenheit, die nicht rational zu erklären war.
»Willst du mich heiraten, Andrea?«, fragte mich mein Partner nach nur einigen Monaten. Geschockt von der Frage, denn ich stand einer Ehe immer misstrauisch gegenüber, antwortete ich mit einem einfachen: »Ja!«
Die Einwilligung, die auf natürliche Art und Weise und ohne Überlegung aus mir herauskam, verwunderte mich selbst. Die Fernbeziehung, die wir führten, als ich wieder nach Deutschland zurückkehrte, endete in einer bitteren Enttäuschung: Mein Freund erklärte mir nach fast fünf Jahren Beziehung nüchtern und schriftlich, dass er eine andere Frau heiraten würde.
Wieder verlassen
Wenige Tage nach diesem Ereignis fand ein Seminar des Heilers Armin Mattich in Speyer statt, zu dem ich mich bereits viele Monate im Voraus angemeldet hatte. Den blauen, sehr schlicht und einfach gehaltenen Flyer hierzu hatte ich auf einer Messe entdeckt. Mein Gefühl sagte mir, fast einem Auftrag gleich, dass ich genau dorthin müsste. Nun stand ich da, abserviert von meinem Freund und durcheinander im Kopf. Ich fragte mich, warum mir das wieder passierte: Ein Mann, der mich angeblich liebte, wollte plötzlich eine andere heiraten.
Mit achtzehn Jahren war mir dies bereits schon einmal widerfahren, als ich mich in einen Italiener verliebte. Auch er wurde mir im Traum angekündigt. Wir schmiedeten Pläne, gemeinsam in Sizilien zu leben. Während des Militärdienstes, zu dem er, wie er es mir erklärte, berufen worden war, verlobte er sich mit einer Sizilianerin. Das Szenario wiederholte sich offenbar in mehreren unterschiedlichen Konstellationen meines Lebens. Ich verstand nicht, wie es zusammenging, dass mich ein Mann angeblich liebte, aber es gleichzeitig nicht fertig brachte, zu mir zu stehen.
Warum das so war, klärte sich zwei Jahre später während einer Sitzung durch Maya auf: »Ach, Kind, wir hatten eine wunderbare gemeinsame Zeit im Kloster …« Maya sprach aus der Zeit von Teresa von Avila¹. Sie hatte schon früher erwähnt, dass ich mit einigen Frauen, die Maya auch bekannt waren, bei Teresa im Kloster gewesen war. Ich konnte mir das gut vorstellen, da ich mit Anfang zwanzig ein Déjà-vu erlebte, das aufgrund von Shirley MacLaines Buch über den Jakobsweg die Erinnerung aus meiner Seele aufsteigen ließ. Damals war ich den Tränen nahe, denn all die Orte und auch Shirleys Beschreibungen vom inneren Pfad schienen mir nur allzu vertraut.
»Du bist jung in das Kloster eingetreten«, fuhr Maya fort. »Aber du warst einem Mann versprochen, einem Geschäftsmann, der dich zur Frau nehmen wollte. Dennoch wolltest du unbedingt ins Kloster, und so hast du mit ihm eine Vereinbarung getroffen. Du sagtest: ›Ich bleibe fünf Jahre. Nach dieser Zeit werde ich dich heiraten.‹« Maya fuhr lachend fort: »Du bist geblieben bis zu deinem Lebensende! Naja, wir hatten viel Spaß in diesem Kloster ...«
Nun wurde mir einiges klar. Zu Maya gewandt fragte ich: »Das ist der Partner gewesen, der eine andere heiratete, nicht wahr?«
»Ja, Kind. Er konnte dir das nicht verzeihen. Fünf Jahre hat er darauf gewartet, dass du dein Versprechen einlöst und aus dem Kloster austrittst, um seine Frau zu werden. Naja, du hast dir dein Leben einfach anders vorgestellt!«
Nun spürte ich, warum diese merkwürdige Beziehung sein musste und warum ich damals ohne Nachzudenken sofort in eine Heirat eingewilligt hatte. Ich wollte mein Karma ausgleichen. Für ihn war es ein Test, ob ich dieses Mal mein Versprechen halten würde, und das spürte meine Seele. »Er wollte es mir heimzahlen!«, brach es aus mir heraus.
Maya nickte.
Da wurde mir sehr deutlich, dass ich die Zeit ›fristen‹ musste, die er damals erfolglos auf mich wartete. Fast fünf Jahre! So erkannte ich früh die Lektionen von Karma und Ausgleich im Leben.
Ein neuer Weg
Nun stand ich also wieder an einem Wendepunkt meines Lebens. Trotz aller negativen Erfahrungen freute ich mich auf eine neue Zeit, die zweifelsohne mit diesem Seminar beginnen sollte.
Das Seminar hieß: ›Geistiges Heilen und Medialität‹ und beinhaltete auch das Aura-Sehen. Das wollte ich unbedingt lernen. Ich dachte, so könnte ich meinen Klienten, die seinerzeit aus Kunden, Familienmitgliedern oder Freunden bestand, noch besser helfen. Ich hatte neben meiner Arbeit im Außendienst begonnen, Hände aufzulegen und mit Freude entdeckt, dass meine Heilfähigkeiten bei meinen ›auserwählten‹ Klienten meist sehr rasch zum gewünschten Erfolg führten. Dennoch fühlte und wusste ich, dass ich an einem Punkt angelangt war, an dem ich alleine nicht weiterkam. So bat ich Gott darum, mir einen spirituellen Lehrer auf meinen Pfad zu senden. Nur wenige Tage später erhielt ich die Antwort auf mein Gebet.
Die Veranstaltung fand in einem Tanzlokal namens ›Star- gate‹ statt, zu dem ich mich mit einer Freundin und ihrer Mutter einfand. Die Teilnehmer waren in einem Stuhlkreis zugegen. Armin Mattich, der Seminarleiter, stand in der Mitte.
»Er hat etwas Melancholisches«, dachte ich, als ich ihn betrachtete, »und schöne, aber traurige Augen, wie ein verletztes Rehkitz!« Armin sprach die einleitenden Worte, und ehrlich gesagt, verstand ich nur Bahnhof. Das änderte sich auch das ganze Seminar über nicht, aber fleißig schrieb ich alle Namen bedeutsamer Menschen auf, über die Armin sprach. Auch sämtliche Buchempfehlungen.
Ich war fasziniert von dieser neuen Welt, in die ich gerade eingetaucht war. Als wir während einer nächsten Pause an einem Stehtisch zusammenstanden, sprach mich Armin an. In vorwurfsvollem Ton fragte er mich: »Wo bist du die ganze Zeit geblieben?«
Ich konnte es nicht fassen und drehte mich zu meinen beiden Frauen um, wobei ich mir selbst den Vogel zeigte und mit einem Kopfnicken in Armins Richtung deutete. Vielleicht ist dieser Mann doch nicht ganz normal?
Doch erinnerte ich mich auch daran, wie ich wochenlang versucht hatte, Herrn Mattich ans Telefon zu bekommen, um mich für das hiesige Seminar anzumelden, und wie meine Finger den unscheinbaren blauen Flyer zwischen einem Sammelsurium erworbener Flyer herausgefischt hatten. Als endlich, nach zahllosen Versuchen, jemand ans Telefon ging, war ich überrascht, dass es seine Tochter war, die meinen Anruf entgegennahm, und ich war enttäuscht, dass es eine Tochter und sicher eine Familie dazu gab. Warum nur hatte ich solche Gedanken und Gefühle? Keine Ahnung!
Das Seminar war mehr als faszinierend. Menschen gerieten in Trance und eine Teilnehmerin erlebte offenbar eine göttliche Verzückung. Sie zappelte eine halbe Stunde auf ihren Zehenspitzen mit weit zum Himmel emporgestreckten Armen.
»Das ist eine unmöglich einzunehmende Haltung!«, dachte ich bei mir. »Kein Mensch kann das in normalem Zustand!« Ich schaute sie an, und während ich sie betrachtete, wurde ich in einen warmen Sog aus Dankbarkeit, Freude und himmlischer Leichtigkeit gezogen. »Wie wunderbar, dass es so etwas gibt!« Ich war begeistert und tief berührt. Und so fuhr ich beglückt und dankbar mit meinen Freundinnen nach Hause.
Zu Hause angekommen, war ich voller Tatendrang und überlegte, was ich nun anfangen sollte. Mein Körper bebte vor Kraft ‒ ein Gefühl, das ich so noch nie erlebt hatte. Doch nach Menschen und Party war mir nicht, und so beschloss ich, früh zu Bett zu gehen und den Tag Revue passieren zu lassen.
Als ich so dalag, spürte ich, wie mein Körper plötzlich innerlich sehr schnell zu vibrieren begann. »Wow! Was ist das denn?«, dachte ich bei mir. Es war ein großartiges Gefühl und an Schlafen nicht zu denken. Also beschloss ich, aufzustehen und die Wohnung zu putzen. Irgendwie musste ich meine Energie loswerden. Es war wohl gegen Mitternacht, als ich endlich glücklich einschlief. In der Nacht wurde ich von einem wunderbaren Aprikosenblütenduft geweckt. Ich spürte die Anwesenheit einer sehr lichtvollen Seele und einen Hauch von Heiligkeit, bevor ich wieder selig einschlief. Die geistige Welt hatte zart und sanft ihre Fühler nach mir ausgestreckt, auch wenn ich noch keine Ahnung hatte, was es für mich bedeuten sollte.
Am nächsten Abend ging ich früh zu Bett. Mitten in der Nacht wurde ich aus einer Tiefschlafphase abrupt durch meinen Arm geweckt, der ganz von allein senkrecht in die Luft geschnellt war. Ich schaute auf die Uhr. Es war Punkt zwei Uhr. Das Ganze wiederholte sich noch zwei Mal. Jedes Mal riss mich mein Arm nach oben, stets zur vollen Stunde.
Jetzt wurde mir das nun doch unheimlich, und so verbrachte ich den Morgen damit, darüber nachzudenken, ob ich Armin Mattich anrufen sollte. Ich war ängstlich und wusste nicht, was da mit mir passierte. Schließlich überwog meine Neugierde, ich fasste mir ein Herz und rief ihn an. Eine warme Stimme begrüßte mich herzlich. Ich war erleichtert und erzählte ihm, was mir die Nächte zuvor passiert war. »Gratuliere!«, sagte Armin schlicht. Das genügte, um mir die Angst zu nehmen. Offenbar war mir etwas Wunderbares widerfahren.
Ostern stand vor der Tür, und ich dachte: »Mal wieder ein Ostern, an dem du alleine bist!« Selbstmitleid kam in mir auf. Dennoch spürte, ja ›wusste‹ ich, dass mich am Abend jemand anrufen würde.
»Ja, ja …«, schalt ich mich selbst, »wer sollte das schon sein?« Es fiel mir niemand ein, der an Ostern so alleine hätte sein können wie ich. Es wurde Abend, und als gegen 19:00 Uhr immer noch niemand angerufen hatte, ignorierte ich mein Gefühl und beschloss: »Okay, Andrea … so ist es nun mal …, aber du kannst es dir trotzdem mit dir selbst schön machen. Ich nehme jetzt ein heißes Bad und lege mich mit einem Buch ins Bett. Auch schön!«
Heute begegnest du deinem Schicksal
Als ich aus der Badewanne stieg und in den Spiegel schaute, hörte ich plötzlich eine Stimme in meinem Kopf: »Du begegnest heute deinem Schicksal!« Es war das erste Mal seit Kindheitstagen, dass ich wieder ›hörte‹.
Was? Meinem Schicksal?! Was sollte das bedeuteten? Ich hörte die Stimme klar und deutlich, keine Einbildung. Aber wer bitte soll das sein?
Etwa eine halbe Stunde später klingelte das Telefon. Armin rief an: »Andrea, hast du Lust, einen Kaffee mit mir trinken zu gehen?« Na klar hatte ich das. Aber dann kam ich ins Grübeln, und die Stimme kam mir in den Sinn. ›Heute wirst du deinem Schicksal begegnen!‹ Das wird doch sicher nicht Armin sein?
Doch an diesem Abend wurde das Band unserer vielen gemeinsam gelebten Leben neu verwoben. Während sich unsere Beziehung sanft und liebevoll entwickelte, was auch bedeutete, dass wir uns gegenseitig die Wunden der Vergangenheit leckten, keimte neue Hoffnung in uns auf. Das Schicksal hatte uns übel mitgespielt, auch Armin war wie ich verlassen worden. Der Halt, den wir uns gegenseitig gaben, war Balsam für unsere Herzen und unsere Seele.
In der Anfangszeit sprach Armin oft von Maya, seiner Freundin in Holland und einer, wie er sich ausdrückte, ›großen Seele‹. Maya war Medium und Armin Jahre zuvor in Basel, wo sie in den 80-iger Jahren als eine der Hauptreferentinnen der Basler PSI-Tage² auftrat, begegnet. Seine Erzählungen von der ersten Begegnung mit Maya und wenn er auch sonst von ihr mit warmer Stimme sprach, beeindruckten mich. Seine Augen wurden dabei so warm wie die Mittagssonne, und sein Gesicht nahm den Ausdruck eines Kindes an. Man spürte, wie sehr er sie liebte. Gleichzeitig fühlte ich die Achtung, die Armin vor Maya hatte, und weil er so zärtlich und liebevoll von ihr sprach, hatte ich sie ebenso in mein Herz geschlossen.
Etwa sechs Monate, nachdem Armin und ich uns kennengelernt hatten, sollte ich Maya nun endlich persönlich begegnen. Wir hatten bereits mehrfach vorher miteinander wie gute Freunde telefoniert. Das war merkwürdig, aber gleichzeitig ein Zeichen dafür, wie verbunden doch unsere Seelen über Tausende von Jahren waren. Ich fühlte sie nicht als Fremde, sondern als Freundin, und ihre warme, herzliche Stimme gab mir schon damals das Gefühl von tiefer Vertrautheit. Ich betete für Maya, wenn es ihr nicht gut ging, und es erschien mir als die natürlichste Sache der Welt.
Meine Suche findet ein Ende
Nun waren wir also nach Holland eingeladen, und ich freute mich wie ein Kind auf das Treffen. Es sollte ein kleines Seminar mit fünf oder sechs Personen werden. Ein befreundetes Pärchen wollte uns begleiten. Vierzehn Tage vor unserem Termin war ich bereits die Fröhlichkeit in Person. Ich spürte, dass diese Reise etwas sehr Besonderes war und zählte bereits die Tage und Stunden.
Als wir mit ein paar anderen Leuten vor Mayas Tür standen, klopfte mein Herz laut in meiner Brust. Mayas Mann öffnete die Tür mit einem freundlichen Hallo. Er war groß und schlank und sah aus wie ein typischer Holländer. Hinter ihm, viel kleiner und deshalb erst nicht zu sehen, stand Maya, jauchzend wie ein Kind, mit hochgeworfenen Armen. Voller Freude rief sie in ihrer glockenhellen Stimme: »Hallo! Wie schön, dass ihr da seid!«
Maya strahlte über das ganze Gesicht, den liebevollen Blick aus ihren lichtvollen, himmelblauen Augen auf mich gerichtet: »Und du musst Andrea sein!« Mit offener Herzlichkeit umarmte sie mich wie eine Mutter ihr Kind nach langer Trennungsphase. »Oh Kind, ich bin froh, dass du da bist!« Maya hatte mich nie zuvor gesehen, wusste aber sofort, dass ich Andrea war.
Während die kleine, zarte Person mich umfasste, spürte ich aus der Tiefe meines Herzens und aus meiner Seele: »Jetzt bin ich zu Hause angekommen!« Ich wusste einfach, ich brauche nichts und niemanden mehr zu suchen. Ich hatte gefunden, wonach ich mein Leben lang gesucht hatte. Ich fand es in dieser kleinen, zierlichen Frau, die die Siebzig bereits überschritten hatte. Ihr Licht hatte mich einfach durchdrungen. Gottes Liebe und Schönheit offenbarten sich in ihrem Wesen. Einer Sonne gleich, fiel ihr Licht auf alles und jeden, der in ihrer Umgebung weilte.
Es waren wunderbare Tage, die wir miteinander verbrachten. Wir meditierten gemeinsam, Maya sprach über die inneren Welten, und jeder von uns erhielt jeweils eine Engelbotschaft und eine Sitzung. Ich war glücklich … hatte großen Respekt und dennoch ein tiefes, vertrautes Gefühl zu Maya. Sehr deutlich spürte ich: Diese Frau hat wahrhaft Verbindung zu Gott und Christus. Eine Gottesfrau, die in ihrem einfachen Sein alle Menschen spüren lässt, wie nah uns Gott ist und wie sehr er jeden Einzelnen von uns liebt.
Maya lebte mit ihrem Mann einfach und bescheiden, mit einem kleinen, an der Küche angrenzenden Garten. Eines Abends, nachdem Maya vom ›Wissen‹ gesprochen hatte, stellten unsere Freunde ihr im heimeligen Garten eine Frage: »Maya, dürfen wir dich um ›das Wissen‹ bitten?« Auch wenn Maya in unserer Gruppe die Geschichte erzählt hatte, wie sie nach ihrer Scheidung zu Prem Rawat (Maharaji)³ gekommen war, um ›knowledge‹ von ihm zu erfragen, hatte ich dennoch nicht wirklich eine Ahnung, was es damit auf sich hatte. Eine Öffnung vom Herzen zur Seele, ja, aber ich konnte mir dennoch nicht vorstellen, was es letztlich bedeutete.
Als die beiden die Frage stellten, begann mein Herz wie wild zu pochen, und ein Orkan in mir zu toben. Ich spürte regelrecht, wie er kam, um sich mehr und mehr aufzubauen. »Sie fragen es einfach so …«, und fast verzweifelt: »Ich brauche es doch auch!«
Es ist doch merkwürdig zu wissen, dass man ›etwas‹ braucht und nicht einmal weiß, was es ist. Dennoch traute ich mich nicht, Maya ebenfalls danach zu fragen. Es erschien mir vermessen, und vermutlich fühlte ich mich auch nicht würdig, ›ES‹, was auch immer es war, zu empfangen. Ich fühlte mich wie eine Verdurstende, die verzweifelt ein Glas Wasser ersehnt und Angst hat, dass es ihr versagt wird.
Der innere Kampf dauerte ca. zehn Minuten, dann brach es aus mir heraus. Schüchtern und leise fragte ich: »Maya, meinst du, ich könnte es auch bekommen?« Jetzt war es raus!
Maya schaute mich mit ihren himmelblauen, durchdringenden Augen an und sagte mit Freude: »Kind, wie schön, dass du auch danach fragst! Du bekommst ›das Wissen‹ sogar noch früher! Ich bin froh, dass du gefragt hast!«
Ich bin sicher, dass sie meine Gedanken gelesen und meinen inneren Kampf mit verfolgt hatte. Wir vereinbarten einen Termin in den kommenden Monaten.
Später sprachen wir über die Tragödie vom 11. September. Maya sagte plötzlich: »Ihr seid dabei gewesen!« Erstaunte Blicke. »Ja, … eure Seelen sind ausgetreten, um diesen armen Seelen zu helfen. Wisst ihr, einige aus der Gruppe, die das Flugzeug besteigen sollten, hatten eine innere Ahnung davon, was passieren würde. Zwei oder drei waren das. Sie wollten ihren Flug stornieren. Ihre Geistführer haben mit ihnen gesprochen und sie überredet, doch einzusteigen, damit sie ihr Seelenziel erreichen konnten.
Wisst ihr, es ist nicht zu erahnen, welche Freude eine Seele empfindet, wenn sie ihr Ziel erreicht hat. Viele, die in das Unglück involviert waren, konnten ihr Karma ausgleichen, wieder gutmachen durch die Art und Weise, wie sie starben.«
Das war einfach unglaublich zu hören! Dann, an mich gerichtet: »Ja, du warst auch dabei!«, und mit Tränen in den Augen: »Deine Seele ist auch ausgetreten und war im Tower. Da waren zwei Frauen im Fahrstuhl eingeschlossen. Sie waren eigentlich total verfeindet, Kolleginnen, die sich über Jahre hinweg gegenseitig gehasst hatten. Und nun waren sie zusammen in Todesangst in diesem Fahrstuhl gefangen. Du warst bei ihnen, sie haben dich wie einen Engel wahrgenommen und mit deiner Hilfe konnten sie sich gegenseitig vergeben, bevor sie gemeinsam starben.«
Ich war fassungslos, doch plötzlich wusste ich, warum ich diesen eigenartigen Traum hatte, bevor Armin und ich damals in den Nachrichten von dem Attentat hörten. Ich träumte von einem hohen großen Gebäude mit vielen Büros. Viele der Räume waren wie leergefegt. Danach wachte ich verwundert und wie erschlagen auf. Nun machte mein Traum Sinn.
Als Armin und ich dann die Nachrichten hörten, waren wir schockiert, wie der Rest der Welt, und verfolgten die Übertragungen im Fernsehen. Wir konnten nicht fassen, was geschehen war. Dazwischen rief uns Maya an: »Lasst uns gemeinsam beten!«, und so verbrachten wir die Zeit damit, dies zu tun.
Damals war ich erstaunt zu hören, dass Seelen so etwas wählen. Maya sagte zu unserem Trost: »Keine Sorge! Diejenigen, die aus den oberen Stockwerken gesprungen sind, sind schon im Fallen auf die andere Seite gekommen. Sie haben keine Schmerzen gehabt.«
Als sie das Bild wiedergab von den Seelen im Jenseits und wie sie sich freuten, es geschafft zu haben, waren ihre Augen voller Tränen. Auch meine Augen blieben nicht trocken, und große Dankbarkeit darüber, dass selbst solch eine Tragödie etwas Gutes zurücklässt, erfüllte mein Herz. Es war die erste Geschichte über die innere Ebene, die ich von Maya hörte – zu einem Ereignis, das der ganzen Welt den Atem verschlagen hat.
Im Laufe der Zeit wurde ich durch Mayas inneres Erleben eine Art Mitbetrachterin vieler solcher Weltgeschehen, Naturkatastrophen, Kriege im Außen und im Inneren. Maya ›sah‹ und erlebte oft in ihrem eigenen Körper, wenn etwas mit der Erde los war, und so verstand ich mit der Zeit durch ihr Sehen und Wirken mehr und mehr die Zusammenhänge und karmischen Begebenheiten, und erlebte auch einige Wunder.
Vom Zeitpunkt unserer ersten Begegnung an entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zwischen uns. Sehr schnell wurde sie zum wichtigsten Menschen in meinem Leben, und ich empfand sie als Schwester, Freundin, Mutter und Führerin meiner Seele.
Wenn Maya ›das Wissen‹ gab, war ›Ananda‹ ‒ was übersetzt ›der Glückselige‹ bedeutet und dessen Seele wir als Christus kennen ‒ in ihrem Körper. Als ich selbst dieses Geschenk erhielt, geschah es in einer Gruppe von etwa zwölf Menschen. Ich kam als drittletzte an die Reihe, aber bereits mit dem ersten Menschen, der es erhielt, war die Heiligkeit in Maya und im Raum bereits so spürbar, dass mir von Anfang bis Ende heiß die Tränen liefen. Als sie zu mir kam, beugte sie sich über mich und flüsterte mir (das war nun die Seele von Christus) etwas ins Ohr. Vor meinem inneren Auge entfachte sich ein strahlendes Licht, das wie ein Stern zu leuchten begann.
»Ja, ja …«, sagte Maya sodann mit einem wissenden Blick auf mich gerichtet: »die Augen sind wahrhaftig Sterne.« Offenbar hatte sie mitgeschaut, und ich musste lächeln.
Durch die Vermittlung, die Maya später treffender als ›die innere Heimkehr‹ bezeichnete, wurde mein Glaube an Gott zu einer Erfahrung und dem daraus resultierenden Wissen, dass ER in jedem Menschen lebt. Mit der Öffnung und Verbindung von Herz und Seele erfuhr ich eine tiefe innere Einheit, die nun, ihrer Gottesnatur gleich und entsprechend, nach Entfaltung strebte. Ich fühlte eine große innere Dankbarkeit aufgrund der Tatsache, dass ich zu Maya geführt wurde und sie mir durch ihre Verbundenheit mit Christus dieses Geschenk, das mein ganzes Leben veränderte, gemacht hatte.
Die Vermittlung oder auch die ›Nähe zu Gott‹ zu schenken, war eine von Mayas Hauptaufgaben als Seele in dieser Welt. Ihr einfaches und demütiges Sein und ihre Liebe, die wie Christus keinen Unterschied zwischen Menschen macht, ließen erkennen, welches Licht sie war, und gleich einer Sonne erhellte sie ihre Umgebung. Tief in mir erkannte ich, dass es einen Ort in mir gab, der unberührt und jenseits aller Spiele und Umstände dieser Welt voller Frieden und Liebe war und den ich nun jederzeit aufsuchen konnte.
Zwei Monate nach Empfang ›des Wissens‹ spürte ich plötzlich, wie sich mein Atem in der täglichen Meditation verselbständigte. Während ich gänzlich in ihm versunken war, fühlte ich, wie mein Herz das Atmen übernahm. Im ersten Augenblick war ich schockiert und wusste nicht, was gerade passierte. Musste ich nun sterben? Es war nicht mehr nötig, ein- oder auszuatmen. Es passierte einfach über mein Herz. Ich wurde geatmet. Nach einigen Minuten, in denen ich fasziniert das ›Geatmet-werden‹ spürte und bewusst verfolgte, übernahmen wieder meine Lungen die Funktion des Atmens. Das tiefe Gefühl von innerer Freude und Dankbarkeit blieb. Ich dachte: »Ja, im Grunde müssen wir nicht einmal das tun. Selbst dafür sorgt Gott.«
In den nächsten Jahren erhielt ich viele Sitzungen von Maya, die mir Klarheit über mein Leben, über meine Beziehungen und Probleme brachten. Tief sitzende Schuldgefühle wurden durch ihre mediale Arbeit, ihr Licht und ihre Verbundenheit zu Christus gelöst.
Heilung durch Vergebung
Die heilsamste Sitzung, die mir Maya je gab, ereignete sich im Dezember 2002. Hier klärte sich mein Schuldgefühl in Bezug auf meine Mutter. Dieses Gespräch wurde zur Initialzündung meines heutigen Wirkens.
»Gib mir etwas, was du oft trägst. Du weißt, ich habe das gern!«, begann Maya mit ihrem holländischen Akzent. »Mal sehen, was meine ersten Gefühle sind ... Merkwürdig, bei all den Tausenden von Menschen gleicht sich nie einer dem anderen. Du sagtest, dass dich in letzter Zeit oft deine Kindheit beschäftigt. Was aus deiner Vergangenheit spielt bei dir noch eine große Rolle?«
Ich überlegte kurz: »Gefühle der Unterdrückung, denke ich.«
»Von deinem Vater oder deiner Mutter?«
»Von meiner Mutter«, antwortete ich und erinnerte mich gleichzeitig daran, wie dominant meine Mutter zu Lebzeiten gewesen war.
Maya folgte ihrem inneren Faden: »Ja, du hast dich eigentlich nie gegen deine Mutter gewehrt. Sobald du es versucht hattest, gab es Streit. Sie war dominant, und sie war so sehr davon überzeugt, dass sie das Beste für dich tut, dass sie dir keine Chance gab, selbst nachzudenken. Sie hat eigentlich den Raum um dich herum, deinen Seelenraum, eingeengt. Das kleine Bisschen, was du hattest, hast du wie einen Schutzmantel fest um dich herum gehalten. Und selbst da hindurch kam sie noch! Deine Mutter ist kein schlechter Mensch, sie hat sicher ihre Qualitäten, aber für dich als Kind … ja, das spielt noch eine große Rolle. Deine Mutter lebt nicht mehr, oder?«
»Nein. Sie hat sich das Leben genommen.«
»Und darum hat sie sich so an dich geklammert?«
Ich stimmte zu: »Ja, ich denke schon.«
»Deswegen hat sie wohl auch deinen Raum genommen, denn sie selbst hatte fast kein Licht mehr. Wie alt warst du damals?«
»Fünfundzwanzig.«
Maya fuhr fort: »Da wohntest du nicht mehr zu Hause. Siehst du, du hast sie immer beschützt! Du hattest doch eine erwachsene Seele in einem Kinderkörper. Hast du Angst vor deiner Mutter gehabt?« Fragend schaute sie mich an.
Ich erinnerte mich daran, dass ich mich tatsächlich bereits als Kind vor meiner Mutter ängstigte und bejahte die Frage.
Maya: »Hat dein Vater nie eingegriffen? Hat sie dich bestraft mit Sachen wie ›du musst in deinem Zimmer bleiben‹, oder so etwas Ähnliches?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, nicht so sehr auf diese Art und Weise, anders …«
»Was hat sich bei dir so sehr verankert, dass du mit Erschauern an deine Mutter denkst?«
Ich brauchte eine Weile, um darüber Klarheit zu erlangen. »Die Herrschsucht, die sie gehabt hat, denke ich.«
»Weißt du, die Seele deiner Mutter versucht, sich dir zu nähern. Aber sie wartet schüchtern, bis du dein Einverständnis gegeben hast. Es ist deine Entscheidung, ob du es ihr gestatten willst oder nicht. Möchtest du mit ihr reden?« Das war keine Frage für mich, natürlich wollte ich.
Maya fuhr fort: »Sie hat Tabletten genommen, nicht wahr?« Maya hatte bereits den Kontakt zu meiner Mutter Hanne hergestellt und sprach: »Sie sagt, dass sie hoffte, mit diesem Selbstmord, der viel Mut erforderte, vielleicht etwas Schuld dir gegenüber auflösen zu können. Außerdem empfand sie das Leben unerträglich. Sie fand nie Ruhe. Und das wiederum hängt mit einem früheren Leben in einem Kloster zusammen. Willst du, dass ich dir beschreibe, was ich sehe?«
Natürlich wollte ich Klarheit.
»Mit fünfzehn Jahren wurdest du vergewaltigt, bist schwanger geworden und wolltest das Kind nicht. Du wusstest nicht, was du tun sollst, und hast es keinem Menschen erzählt. Das war im Süden von Italien. Jemand in deiner Umgebung sah dich, inzwischen mit einem dicken Bauch, und sagte: ›Du kannst keine Abtreibung machen, das würde Gott nicht gestatten. Gib das Kind in ein Kloster, denn dort wird es gut versorgt und kann Gott kennenlernen.‹
Dieses Kind war deine jetzige Mutter. Und der Mann, den du damals geheiratet hast, hat dich auch nur aus Mitgefühl geheiratet. Denn eigentlich wolltest du nicht mehr leben. Du hattest zu viele Schuldgefühle. Merkwürdigerweise war dies der Vater des jungen Mannes, der dir das angetan hatte. Später hast du das Kind gesucht, aber es war nicht mehr da. Es wurde von Kloster zu Kloster weitergereicht. Und keiner kannte den Namen.
Die Seele deiner Mutter konnte dir nicht vergeben, und erst nachdem sie gestorben ist, erkannte sie, dass du erst ein Kind von fünfzehn Jahren und missbraucht worden warst.«
Erklärend fügte Maya hinzu: »Offensichtlich hat deine Mutter dieses Klosterleben gewählt, weil sie in einem anderen Leben als Mann die katholische Kirche bekämpft hat. Unfreiwillig in ein Kloster zu kommen, war für sie somit eine Möglichkeit, Buße zu tun. Es hat ihr allerdings nicht so gut getan, und sie konnte es nicht wirklich tief bereuen. Das ist es, was sie jetzt im Jenseits offensichtlich lernen kann: dass es auch gute Katholiken gibt!
Im Moment beschäftigt sie sich mit Seelen, die sehr katholisch waren und gerade im Jenseits angekommen sind. Sie sucht nach einem Priester und versucht, etwas herauszufinden. Voller Freude geht sie da hin, um sich über Vergebung und die katholische Kirche auszutauschen. Puh, sie kann reden wie verrückt!«
Ich musste herzlich lachen.
»Jetzt weißt du, dass sie das Leben bei dir ausgewählt hat; dass du deshalb das Kind bekommen musstest und sie deswegen ins Kloster gegeben hast, um ihr zu helfen, ihr eigenes Karma auszugleichen. Du brauchst nicht mehr dieses Schuldgefühl zu haben. Jetzt lebst du in Freiheit, Kind, die Schatten deiner Vergangenheit sind nicht mehr da, weil du dir selbst endlich verziehen hast. Deine Mutter bittet dich um Vergebung … und das, was du bist, deine Seele, dreht sich zu ihr um und bittet sie ebenfalls um Vergebung. ›Von Herzen!‹, antwortet deine Mutter, und sie lässt dich wissen, dass sie jetzt froh ist, dass sie weitergehen kann und frei ist.« Maya war in Tränen: »Danke, Gott!«
Der Nebel lichtete sich. Plötzlich verstand ich all die Zusammenhänge um meine Geburt, das Verhältnis zu meiner Mutter, ihre fühlbare Wut mir gegenüber, meine Furcht vor ihr in den ersten Jahren meines Lebens; mein Denken schon von Kindesbeinen an, dass ich sie beschützen müsse. Mein Leben lang fühlte ich mich für meine Mutter verantwortlich.
Erst viel später, als meine Mutter bereits verstorben war, erzählte mir meine Tante die Geschichte von meinen ersten Jahren: »Hanne wollte dich nicht behalten und zur Adoption freigeben. Man hatte bereits eine wohlhabende Familie für dich gefunden. Die Eheleute mochten dich sehr und wollten dich adoptieren, weil sie selbst keine Kinder bekommen konnten. Da warst du ein paar Monate alt.« Ich erinnerte mich damals sofort an ein Foto, das mich als Kleinkind lachend und auf wackligen Beinen stehend zwischen einem ebenfalls glücklich lachenden Paar mittleren Alters zeigte. Das waren meine angedachten Pflegeeltern.
Meine Tante fuhr fort: »Als du ein Jahr alt warst, begegnete Hanne Klaus, deinem künftigen Stiefvater. Als Klaus erfuhr, dass sie dich weggeben wollte, sagte er: »Auf gar keinen Fall. Das Kind bleibt bei uns!« Mein Vater, der selbst adoptiert worden war und eine traurige, unliebsame Kindheit bei einer Pflegefamilie verbracht hatte, setzte seinen Willen durch. Beide heirateten und bekamen dann meine Schwester. Mir wurde klar, weshalb ich mich bereits als Kleinkind nie sonderlich wohl an der Seite meiner Mutter fühlte. Ich fühlte mich nicht angenommen, und einige Situationen kamen mir in den Sinn, in denen sie – nicht nur mir gegenüber – meist in betrunkenem Zustand Gewaltausbrüche an den Tag gelegt hatte.
Maya fuhr mit der Sitzung fort: »Dein Vater, lebt er noch?«
Ich antwortete, noch verdauend, was ich soeben erfahren hatte: »Ich habe zwei. Einen Stiefvater und einen leiblichen Vater, und beide leben noch.«
Maya darauf: »Deinen leiblichen Vater, wie lange hast du ihn gehabt?«
»Ihn habe ich erst vor ein paar Jahren kennengelernt, denn ich wurde als ›Zufallstreffer‹ gezeugt, und danach ist er verschwunden. Meine Mutter hat später meinen Stiefvater geheiratet, da war ich ungefähr ein Jahr alt. Sie wollte mich eigentlich zur Adoption freigeben.«
»Ach was! Fast der gleiche Ablauf wie in dem früheren Leben! Somit hast du deinen leiblichen Vater eigentlich gar nicht wirklich gekannt. Was hast du für ein Gefühl zu deinem leiblichen Vater?«
Wahrheitsgemäß antwortete ich meiner Freundin: »Kein sehr gutes. Ich bin emotional nicht so sehr mit ihm verbunden.«
»Und wie ist dein Verhältnis zu deinem Stiefvater?«
»Meine Eltern trennten sich, und er ist dann weggezogen. Ich habe als Kind immer wieder versucht, die Verbindung mit ihm aufzunehmen, aber er hat dies verweigert. Später sagte er zu mir, dass er sich schämte, mit uns Kontakt zu halten, weil er uns ja schließlich nichts hätte bieten können.«
Maya wirkte betroffen: »Abgewiesen zu werden von Mutter und Vater … von beiden Seiten! Dann muss ich sagen, dass du das wunderbar geschafft hast, so eine Gleichgewichtsfrau zu werden!« Maya brach ab, ging nach innen und bekam plötzlich ihren ›weiten, fernen Blick‹, den ich bereits gut kannte. Weiter an mich gerichtet: »Willst du wissen, was ich sehe?«
»Ja!«
»Ich sehe ein Leben von dir in Frankreich. Du lebst in einem Schloss und bist eine schöne junge Frau, die alle Männer um den Finger wickeln kann. Die zwei ‒ dein Stiefvater und dein leiblicher Vater in diesem Leben – wollten dich sehr gerne heiraten. Und einer der beiden war offensichtlich für deine Eltern keine so gute Partie, er war zu arm.
Du hast Ja gesagt, Nein gesagt, Ja gesagt, Nein gesagt. Er hat dich wirklich geliebt. Und am Schluss hast du gesagt, es geht nicht. Er versuchte dich zu vergessen und nannte dich eine verwöhnte Puppe. Dies tat dir sehr leid, denn dir war nicht bewusst, wie viel Power du hattest und wie du dadurch Menschen auch Schmerzen zufügen konntest.
Das war deine erste Lektion, dass große Schönheit, viel Geld und Adel Menschen nicht unbedingt gehaltvoll machen. Und deinen zweiten Vater, deinen Stiefvater, hast du dann geheiratet. Deine Eltern wollten so gerne, dass du diesen Mann heiratest, denn dadurch konnten sich eure Familien miteinander verbinden. Dieses Leben fand etwa zwischen dem 17ten und 18ten Jahrhundert statt. Er war ziemlich tyrannisch. Sein Wille war Gesetz, und nach zwei Jahren hast du ihn verlassen. Er wurde im Anschluss aus dem Dorf, in dem er das Sagen hatte, hinausgeworfen, weil die Leute erfahren hatten, dass er dich schlecht behandelt hat. Er flüchtete auf eine Insel, wo er sich fast mit jeder jungen Frau einließ. Als er sich jedoch der Tochter des Häuptlings näherte, wurde er von eben diesem erschossen.«
Das amüsierte mich, denn auch in diesem Leben war mein Vater ein Schwerenöter, und meine Mutter hatte schwer darunter zu leiden, dass er nicht treu sein konnte. Nun verstand ich auch die bittere Rivalität zwischen meinem Stiefvater und meinem leiblichen Vater.
Alles bekam nun einen Sinn. Ich wurde zurückgeführt zu einem Moment, den ich mit meinem Stiefvater gehabt hatte. Wir saßen damals an einem warmen Sommertag draußen im Garten. Plötzlich entdeckte ich Wut in den Augen meines Papas. Ja doch, er blickte mich für wenige Sekunden fast hasserfüllt an, und ich weiß noch, wie erschrocken ich darüber gewesen war. Jetzt verstand ich diesen Moment. Seine Seele erinnerte sich wohl an die Zeit zurück, als ich ihn verlassen hatte. Es muss eine große Schmach gewesen sein, galt er doch als der Dorfpatron!
Ich erinnerte mich zudem daran, wie mir mein leiblicher Vater Briefe geschrieben hatte, und nachdem ich sie gelesen hatte, dachte ich oft kopfschüttelnd: »Wie komisch er schreibt, fast so, als wäre ich seine Auserkorene und nicht seine Tochter!« Wie Schuppen fiel es mir von den Augen, alles fügte sich zusammen.
Mayas Sitzung für mich heilte meine offenen Wunden. Ich fühlte buchstäblich, wie die alten Schuldgefühle, auch meiner Mutter gegenüber, von meinen Schultern abfielen, so als wären zehn Kilo Ballast von ihnen genommen worden. Ich fühlte mich befreit. Meine Mutter aus dem Jenseits und ich hatten uns gegenseitig vergeben, und das Resultat war spürbarer Frieden in mir. Auch meinem Vater konnte ich vergeben. Und so bat ich auch ihn innerlich um Vergebung.
Unser nächstes Treffen zeigte eine deutliche Veränderung, und das, was uns als Menschen verband, nämlich die Liebe, konnte wieder frei fließen.
Tief in meinem Inneren fühlte ich, was Mayas Seele zu tun vermochte. Welche transformierende Wirkung und Heilung eine solche Sitzung auf einen Menschen haben kann. Mayas Seele zeigte den Seelen, die ›wissen‹ wollten, das Leben auf, das Missverständnisse, Unfrieden und Schmerzen verursacht hatte. Im Spiegel ihres Lichtes war es den betreffenden Seelen möglich, sich gegenseitig zu vergeben. Der daraus resultierende Frieden kam einer wohltuenden inneren Ruhe gleich. Maya verstand es, die Umstände, welche die Liebe in einem Menschen reduzierten, hinfortzuwehen, als wären sie nicht mehr als eine staubige Wolke, die das Herz verdunkelte. War die Wolke fort, brach das Licht automatisch wieder durch.
Noch hatte ich keine Ahnung, dass diese Sitzung die Initialzündung für meine mediale Tätigkeit werden sollte. Es hatte dank Mayas Hilfe ein innerer Durchbruch stattgefunden, und das eigene Erleben brachte mich zu der Erkenntnis, dass es doch viel mehr Menschen geben müsste, die aufgrund ihrer Fähigkeit, mit dem Jenseits zu kommunizieren, anderen Heilung schenken konnten.
Ich denke, es war auch Mayas Wunsch, dass ich zu diesen Menschen zählen sollte, denn von diesem Zeitpunkt an ›sah‹ ich plötzlich wieder Verstorbene. Es passierte einfach. Ich sah sie zwar nicht mit den Augen, wie ich sie als Kind auf eher materielle Weise wahrgenommen hatte, aber auf subtilere Art in der Aura der Menschen.
Das geschah am Anfang tatsächlich zu Heilzwecken, wenn mich Seelen aus dem Jenseits darum baten, für sie bei ihren Angehörigen um Vergebung zu bitten. Dann sah ich beispielsweise während einer Heilsession den verstorbenen Vater einer Teilnehmerin hinter ihr stehen, der sagte: »Sie hat ihr Magengeschwür wegen mir. Willst du sie bitte in meinem Namen um Vergebung fragen?«
So begannen meine Kontakte mit Aufträgen aus den anderen Welten, die ich wiederum meist während der Heilarbeit erhielt. Eine Pforte schien geöffnet, und wann immer es notwendig wurde, spazierten die Seelen einfach hindurch.
Kapitel 1 ‒ Das Jenseits
Nachdem das Tor zum Jenseits durch Mayas Hilfe wieder geöffnet war, stellte ich überwiegend Kontakte zu Verstorbenen her, um den Trauernden mit Hilfe der entsprechenden Durchsagen Trost zu spenden; um sie wissen zu lassen, dass es ihren Lieben auf der anderen Seite gut ging, was meistens der Fall war; und um den Angehörigen Frieden zu schenken. Unzählige Male hörte ich von einem Verstorbenen: »Bitte sage ihr oder ihm, es tut mir leid, dass ich nie gesagt habe, wie sehr ich sie oder ihn liebe. Willst du das bitte für mich tun?«
Es ist unglaublich, dass man diesen Satz so oft zu hören bekommt. So stellen diese Verbindungen auch immer die Möglichkeit dar, von der einen oder anderen Seite um Vergebung zu bitten, was oft ein wichtiger Aspekt dieser Gespräche darstellt ‒ ob nun ein Mensch auf dieser Ebene zurückbleibt oder auf die andere Seite hinübergegangen ist. Schuldgefühle können von beiden Seiten kommen, und so gibt es meist große Erleichterungen seitens der Seelen im Diesseits oder der Seelen im Jenseits. Manchmal kommt es während Lebzeiten nicht dazu, dass sich Menschen aussprechen oder etwas Wichtiges ausdrücken können. Das ist dann ihre Gelegenheit, Frieden zu schließen.
Mir kommt eine Witwe, die mich um einen Jenseitskontakt mit ihrem verstorbenen Mann bat, wieder in den Sinn. Ich begleitete sie in mein Sitzungszimmer. Als ich zum CD-Player ging, um eine schöne, ruhige Einstimmungsmusik abzuspielen, hörte ich bereits die Stimme ihres verstorbenen Mannes: »Sage ihr, dass sie endlich kein Schuldgefühl mehr haben soll!«
Obwohl ich noch nicht wirklich eingestimmt war, übermittelte ich der Frau diese Durchsage. Sie fing augenblicklich an zu weinen. »Genau deshalb bin ich zu dir gekommen! Ich habe furchtbare Schuldgefühle in mir, weil ich meinen Mann mit einem anderen betrogen habe, bevor er gestorben ist.«
»Er weiß davon, Herzchen«, sagte ich zu ihr, »und er versteht dich vollkommen. Er hat es dir nicht übel genommen. Er sagt, er war nicht immer der einfachste Mensch, und auch seine Art hätte dich in die Arme eines anderen getrieben. Er möchte, dass du dir endlich selbst vergibst. Er hat es schon lange getan.«
Ich durfte sehen, wie sich die Schatten auf der Seele der jungen Witwe verflüchtigten und die Sonne wieder hindurchbrach. Beim Abschied wirkte sie erleichtert.
Angst und Schuldgefühle versperren den Weg zur wahren Freiheit, doch den geliebten Seelen auf der anderen Seite ist es meist ein Bedürfnis, dass wir frei und glücklich leben. Sie tun ihr Möglichstes, um ihren Hinterbliebenen das Gefühl der Schuld zu nehmen.
Schuldgefühle haben viele unterschiedliche Ursachen. Oft kommt es vor, dass in Menschen ein Schuldgefühl sitzt, weil sie nicht zum Todeszeitpunkt anwesend waren, um den Heimkehrenden die Hand zu halten, aber sehr oft bekam ich von den Verstorbenen zu hören: »Sage ihr oder ihm, ich wollte nicht, dass sie oder er dabei ist. Sie hätten es als viel schlimmer empfunden als ich selbst. Mein Übergang war leicht, auch wenn es nicht so ausgesehen hat.«
Häufig kam es vor, dass die Angehörigen mehrere Tage am Bett ihres Mannes, Vaters oder ihrer Mutter verbrachten, um im Sterbeaugenblick für sie da zu sein, und just in dem Moment, als sie für kurze Zeit das Zimmer verließen, wählte die Seele des Heimkehrenden diesen für sie perfekten Moment.
Angst vor Verstorbenen?
Manche Menschen fürchten sich vor Verstorbenen. Das kommt meiner Meinung nach daher, weil sich die Gesellschaft nicht mit dem Thema Sterben beschäftigt, was ja schließlich unser aller Schicksal ist. Und dennoch ist es so, dass wir uns stets im gegenwärtigen Sein zwischen Leben und Sterben befinden.
Wie viele Atemzüge, die gleichzeitig Sterben und Neugeburt darstellen, liegen eigentlich zwischen dem Zeitpunkt, wenn wir in diesen Körper eintreten, und dem Moment, wenn wir ihn wieder verlassen? Jeder getane Atemzug erinnert uns an unsere Vergänglichkeit, und zugleich bietet uns jeder neue Atemzug ungeahnte Möglichkeiten. Eine Neugeburt sozusagen im Sekundentakt. Wie nehmen wir dieses Leben an? Bewusst, oder unbewusst?
Meine Erfahrung lehrt mich, dass Menschen, die niemals bewusst atmen, zu Geiseln ihrer Ängste werden. Im Gegenzug erkenne ich, dass Menschen, die sich ihres Atems bewusst sind, meist auch mehr Vertrauen in Gott haben. Ist unser Atem nicht das Wort, das in der Bibel beschrieben wird und das ER in uns hineingelegt hat? Lebendig im Atem zu sein heißt, seine Liebe und Allmacht zu fühlen, den Klang Gottes als eine wunderschöne Melodie in sich selbst zu erfahren.
Menschen jedoch, die ihre Sinnhaftigkeit in der Materie suchen, beschäftigen sich meist nicht mit der körperlichen Vergänglichkeit. Sie verdrängen die Gedanken und finden nicht die Tore zur Freiheit, weil sie sich mit Macht, Besitz und reiner Körperlichkeit identifizieren. In einer äußeren, materiellen Welt errichten sie Mauern der Undurchdringlichkeit gleich einem Gefängnis, mit dem traurigen Ergebnis, dass sie ihr Herz auch nicht mehr erreichen.
Gäbe es nicht die Sorge um die Zukunft und unser unbewusstes, begrenztes Sein, dann gäbe es auch weniger Angst auf diesem Planeten. Menschen könnten vertrauensvoller im Jetzt leben. Indem wir beginnen, bewusst zu leben, alles und jeden loszulassen, wie wir es auch mit dem Atem tun, lernen wir, den Tod als etwas Natürliches zu betrachten und können ihn bereits im Leben überwinden. Wir öffnen uns dadurch gleich einer Blume, die beginnt, den Duft der Allgegenwart zu verströmen.
Es kommt auch vor, dass Menschen mit Verstorbenen nichts zu tun haben wollen – und eben nur aus dem Grund – weil sie bereits tot sind! Dann stelle ich gerne die Frage: »Wie wäre es für dich, wenn dein Leben morgen beendet wäre? Stell dir einmal vor, dass du morgen aus dem Leben gerissen wirst: Wäre es dir dann nicht ein Herzenswunsch, Kontakt mit deinen Lieben aufzunehmen, um ihnen zu sagen, dass es dir gut geht, oder würdest du sie nicht gerne noch bestimmte Dinge wissen lassen, für die es keine Zeit oder Gelegenheit mehr gab? Und wenn ›Ja‹ die Antwort auf die Frage ist, müssten sich deine Hinterbliebenen dann vor dir fürchten?«
Das kuriert die meisten von dem Gedanken, es sei etwas Unheilvolles, ›tot‹ zu sein. Es gibt keinen Tod, nur das Hinübergleiten in eine andere Welt, die sich nur einen liebevollen Gedanken entfernt von uns befindet. Werden Menschen, nur weil sie ihr irdisches Kleid abstreifen, zu beängstigenden Wesen? Sicher nicht, aber weil wir uns nicht mit dem Tod beschäftigen, bleibt das Unbekannte das Beängstigende.
Wie Forscher herausgefunden haben, fürchten sich Menschen am meisten vor dem, was sie nicht kennen. Zum Glück gibt es immer mehr Menschen, die sich um Aufklärung bemühen. Allein die Ausbildungen zum Sterbebegleiter haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen, wodurch eine bessere Auseinandersetzung mit dem Thema Leben und Sterben einhergeht. Auch das steigende Interesse für Jenseitskontakte oder mediale Ausbildungen zeigt, dass sich Menschen bereits zu Lebzeiten um das Ergründen von Sinn und Sinnhaftigkeit des Lebens bemühen. Das ist eine schöne Entwicklung, denn alles, was wir in unserem Leben erfahren, dient uns auch auf der anderen Seite.
Eine Zeitlang half ich ehrenamtlich einer Freundin, die ein Kinderhospiz errichtet hatte, das mittlerweile eine ambulante und stationäre Einrichtung geworden ist, mit Öffentlichkeitsarbeit und der Organisation von Benefizveranstaltungen. Während dieser Zeit war ich unglaublich beeindruckt davon, wie leicht es die betroffenen Kinder mit dem Sterben nahmen. Sie sorgten sich nicht um sich selbst und hatten meist keine Angst vor dem Hinübertreten. Ihre Sorge war allein darauf begründet, dass ihre Eltern nicht mit ihrem Heimgang zurechtkommen könnten.
»Du musst sterben, um zu leben!« Wie wahr doch dieser Satz ist, denn Sterben bedeutet, alles loszulassen: Zorn, Hass, Bitterkeit, Ablehnung, Bedauern, Ängste, Materie, usw. Wenn dann die Dankbarkeit für das Leben wächst, für jeden einzelnen Atemzug, kannst du schon im Leben sagen: »Ich bin bereits ›gestorben‹, ich fürchte den Tod nicht mehr!«
Im Laufe der Zeit entwickelten sich mein inneres Gespür und das Sehen immer mehr, doch ich war zufrieden damit, Heilung mit Hilfe der geistigen Welt an andere zu schenken und mehr im Hintergrund zu wirken, als dass ich eine öffentliche Plattform gesucht hätte. Das sollte sich ändern, denn während der Seminare und Heilsessions, bei denen ich mitarbeitete, bekam ich deutlich mehr Anweisungen aus den Höheren Ebenen, Menschen auf die eine oder andere Art zu helfen.
So begann ich zusätzlich zu hören, manchmal Sätze wie: »Hilf ihr! Sie hat ihre ganze Familie verloren!«, oder »Hilf ihr … sie hat Schuldgefühle, weil …« Wenn ich den Mut und das Vertrauen aufbrachte, mit den entsprechenden Personen zu arbeiten, bekam ich stets das, was ich brauchte, um ihnen Trost und ihren inneren Frieden zu geben.
Das Sehen und Hören war ein langjähriger Prozess, der mich allmählich auf meine Arbeit als Medium vorbereiten sollte. Sehr oft kämpfte ich mit mir, ob ich das Gehörte weitergeben sollte oder lieber nicht. Ich war mir stets der großen Verantwortung bewusst. Auch hatte ich großen Respekt davor und war unsicher, ob ich richtig und gut gehört hatte.
Zum Glück hatten meine Freunde aus der geistigen Welt stets Geduld mit mir. Wenn ich zum Beispiel nicht sicher war, etwas richtig gehört zu haben, oder ich wollte aus Unsicherheit nicht tun, was mir im Inneren für andere aufgetragen wurde, gab es ein Hämmern in meinem Kopf … immer und immer wieder hörte ich das Gleiche, bis ich es selbst leid war und das Risiko einging, lächerlich gemacht zu werden oder auf Unverständnis zu treffen. Das ist jedoch nie passiert. Im Nachhinein war ich stets froh, denn das Gesagte bewirkte meist einen sofortigen Wandel bei den betreffenden Personen.
Meine erste Sitzung
Ich erinnere mich gut an meine erste Klientin. Ich lernte Katja auf einer Messe kennen. Sie wurde mir als Chefeinkäuferin einer unserer größten Kunden vorgestellt. Ich erfuhr ihre Leidensgeschichte während der gemeinsamen Pausen. Bereits im Vorfeld hatte ich eine große Traurigkeit in ihr verspürt. Katja erzählte mir, dass ihre Mutter vor einem Jahr gestorben sei. Der Umstand ihres Todes war mir sehr zu Herzen gegangen, und ich empfand die Geschichte von Mutter und Tochter als besonders tragisch.
Katjas Vater, ein Geschäftsmann durch und durch mit eigenem Unternehmen, hatte sich schon immer einen Sohn gewünscht. Stattdessen bekam er die einzige Tochter, Katja, die sich stets anstrengen musste, den Erwartungen ihres Vaters zu entsprechen.
Katja hatte ihren ersten Freund, alles schien normal. Bis zu dem Tag, als sie feststellte, dass sie sich mehr zu Frauen hingezogen fühlte. Als ihr Vater das entdeckte, warf er sie kurzerhand aus dem Haus. Katja zog daraufhin fünfhundert Kilometer entfernt in die Großstadt und fing dort ein neues Studium an. Zu ihrem Vater hatte sie keinen Kontakt mehr. Ihre Mutter war in einem Zwiespalt. Sie liebte ihre Tochter, hielt sich aber aus Angst an ihren Mann und brach ebenfalls die Verbindung ab.
Einige Jahre vergingen. Katja lernte Susanne kennen. Sie verliebten sich ineinander. Eines Tages erhielt Katja überraschend einen Anruf von ihrer Mutter, die sie beide nach Spanien auf ihre Finca einlud. Ich kann mir gut vorstellen, wie es Katja damals ergangen sein muss, nach all den Jahren. Sie war glücklich … endlich schien alles gut zu werden!
Die Mutter vermisste ihre Tochter sehr, und in Spanien sprachen sie sich aus. Sie verlebten einige schöne Tage miteinander, bis zu der Stunde, in der Katjas Mutter plötzlich und ohne Vorwarnung einen Herzinfarkt erlitt. Susanne als Kinderkrankenschwester erkannte die Situation sofort und eilte Katjas Mutter zu Hilfe. Doch es gab keine Rettung mehr, sie verstarb in Susannes Armen. Die beiden Freundinnen kümmerten sich trotz ihres Schocks um die Überführung, und für Katja brach eine Welt zusammen.
Als ich Katja kennenlernte, lag das Geschehen ein Jahr zurück, und es war, als hätte sie selbst ihre Lebensfreude verloren. Eine Wolke der Depression schien über ihrem Kopf zu hängen. Sie tat mir unendlich leid. Wenn ich sie ansah, stach mein Herz, und ich wünschte mir, jemand könnte ihr helfen. Im Kopf ging ich alle Therapiemaßnahmen und Therapeuten durch, die ich kannte. Ich sah und sprach Katja noch einige Male über den Kontakt unserer beiden Firmen, und jedes Mal dachte ich über die traurige Geschichte nach und kam immer wieder zu dem Schluss: »Jemand muss ihr helfen!«
Eines Tages rief mich Katja privat an und sagte direkt: »Ich hätte gerne eine Sitzung bei dir, Andrea!«
»Wie bitte?« Sie wiederholte ihr Anliegen, und ich antwortete ihr: »Ich gebe keine Sitzungen. Aber ich kenne jemanden, dem ich sehr vertraue und der dir sicher weiterhelfen kann.«
Sie ließ nicht locker: »Ich möchte aber bei dir eine Sitzung haben!«
Weil Katja stur blieb und ich nicht mehr wusste, was ich noch an Gegenargumenten auffahren sollte und sie sich partout nicht abwimmeln ließ, vereinbarten wir einen Termin. »Oh Himmel, was tue ich da?!« Ich war wütend auf mich und darauf, dass ich eingewilligt hatte, denn wie in Gottes Namen sollte ich ihr eine Sitzung geben, wo ich noch nicht einmal eine Ahnung hatte, wie eine solche vonstattenging?
Je näher der Termin rückte, desto nervöser wurde ich. »Worauf habe ich mich da nur eingelassen? Warum hat sie mich so bedrängt, dass ich letztendlich nicht anders konnte als Ja zu sagen?« Es kam der Tag … mir war ganz mulmig zumute, und je näher die Stunde vorrückte, desto aufgedrehter wurde ich. Ich versuchte mich zu beruhigen, indem ich mir sagte: »Es ist nicht deine Schuld, ich habe ihr gesagt, dass ich das nicht kann und wenn sie jetzt 500 km fährt, ist das ihre Verantwortung, jawohl!« Insgeheim wünschte ich mir sogar, dass etwas dazwischenkäme. Doch pünktlich zur vereinbarten Zeit stand Katja fröhlich vor meiner Tür.
Wir plauderten ein wenig, bis ich beschloss, anzufangen ... wie auch immer das aussehen sollte. Ich begann: »Nun, ich habe dir gesagt, dass ich das noch nie gemacht habe, und ich kann für nichts garantieren. Ich werde versuchen, mit deiner Mutter in Verbindung zu treten, aber ob es funktioniert, kann ich nicht versprechen.«
»Mach nur!«, erwiderte sie mit einem entwaffnenden Lächeln.
Von der Sitzung weiß ich nur noch wenig. Es ist mir in Erinnerung geblieben, dass ich die Präsenz ihrer Mutter stark gespürt habe und diese auch eine Leidenschaft fürs Malen hatte. Sie zeigte mir diverse Bilder. Mehr weiß ich nicht mehr. Als ich fertig war, schaute mich Katja groß an. »Weißt du, was du die ganze Zeit gemacht hast?«
»Nee!«
»Du hast mit deinem kleinen Finger ständig auf die Tischplatte geklopft! Du musst wissen, dass meiner Mama die Hälfte des kleinen Fingers fehlte und sie die Angewohnheit hatte, so wie du es eben getan hast, mit diesem verkürzten kleinen Finger immer auf die Tischplatte zu klopfen.«
Katja wusste durch das Erlebte und Gesagte, dass ihre Mutter mit ihr Kontakt aufgenommen hatte, und war erleichtert. Sie hatte Abschied nehmen können. Von diesem Zeitpunkt an wurde sie wieder ein lebensbejahender Mensch, der nicht mehr an der Vergangenheit hing und versuchte, das Beste aus dem Leben zu machen und positiv nach vorne zu schauen. Mit ihrem Vater konnte sie sich aussöhnen. Sie arbeitet jetzt sogar in seiner Firma, so wie er es sich immer gewünscht hatte. Katja kann zwar ihren Vater nicht ändern, aber sie hat gelernt, mit ihm umzugehen und ihm zu verzeihen.
Im Laufe der Zeit gab ich weitere Sitzungen für Susanne und Katja. Für Susanne war der Schock, Katjas Mutter in ihren Armen sterben zu sehen, groß und eine Rückerinnerung an das, was sie in einigen Vorleben an Verlusten bereits erfahren hatte.
Meist ist es so, dass wir die Schmerzen, die wir erlebt und noch nicht verdaut haben, durch ähnliche Situationen wiedererleben. Gefühle wie Trauer oder Angst vor Verlust halten uns davon ab, frei zu leben. Menschen versuchen dann, an allem und jedem festzuhalten und Kontrolle über alles zu bewahren, obgleich genau das Gegenteil hilfreich für sie wäre. Oft gehen sie über die eigenen Grenzen, um für die Menschen in ihrer Umgebung da zu sein und alles für sie zu tun. Dabei verlieren sie sich selbst aus den Augen.
Durchlebt der Mensch jedoch die Situation, in der die Seele den größten Schock davongetragen hat, noch einmal, ist er in der Lage, loszulassen. Das ist die erste Voraussetzung für eine positive Veränderung.
Zugleich ist mit der Klarheit über bestimmte Negativ-Gefühle die Basis der eigenen Wahrnehmung geschaffen worden. Gefühle dieser Art mögen wieder auftreten, aber nun kann bewusst gesagt werden: Das brauche ich nicht mehr, es ist nur eine Erinnerung an das, was ich bereits erlebt habe, und gehört zur Vergangenheit. Ich entscheide mich jetzt und hier für die Freude ‒ das Gegenteil von Trauer ‒, und übe mich im Vertrauen.
Für Katja war es ebenso wichtig, die Gefühle von Ablehnung, die ihr überwiegend in der Haltung ihres Vaters gespiegelt wurden, bei sich in Selbstannahme und Akzeptanz zu wandeln.
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