Kitabı oku: «Der nächste große Krieg», sayfa 6

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DER KRIEG VOR DEM KRIEG

Die modernen Techniken der Massenmanipulation erinnern an die schlimmsten Alpträume George Orwells. Exklusivauszug aus „Der Krieg vor dem Krieg“.

von Ulrich Teusch

Wes Geistes Kind jemand ist, das erkennt man nicht nur daran, was er schreibt, sondern auch daran, was er weglässt. Die Geschichtsschreibung der Medien zum Beispiel lässt mit Vorliebe alles weg, was nicht ins Bild passt. Menschenrechtsverletzungen der früheren Ostblock-Staaten – ja; Menschenrechtsverletzungen der CIA – nein. Die USA als Befreier vom Hitler-Faschismus – ja; die Rolle der Roten Armee bei der Beendigung des Zweiten Weltkriegs – nein. Der Schriftsteller George Orwell vermerkte zum Thema selektive Geschichtswahrnehmung hellsichtig: „Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft, wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Vergangenheit.“ Ohne aufgeklärtes historisches Bewusstsein können wir weder die Gegenwart noch die Zukunft autonom und friedlich gestalten. Wir müssen daher die Macht über unsere eigene Geschichte wiedergewinnen!

Wie sollen Menschen aus der Geschichte lernen, wenn sie die Geschichte nicht oder nur lückenhaft kennen? Oder wenn man ihnen wesentliche historische Erkenntnisse vorenthält? Oder man ihnen Ereignisse und Entwicklungen nur hochselektiv vermittelt? Wenn also an die eine Geschichte immer wieder gerne erinnert wird (sagen wir: an die deutsche Wiedervereinigung oder die Machenschaften der Stasi), an die andere jedoch nicht (sagen wir: an US-Kriegsverbrechen in Indochina oder die politischen Morde der CIA)?

Oder wenn manches, an das wir uns unbedingt erinnern sollten, gar nicht erst ins kollektive historische Gedächtnis Eingang findet, sondern in einem Orwell‘schen Gedächtnisloch verschwindet? Oder wenn historische Wahrheiten aus klar erkennbaren politischen Motiven gezielt revidiert oder manipuliert werden?

Anfang August 2018 zeigte Arte den 90-minütigen US-Dokumentarfilm The Bomb über die Geschichte der Atombombe. Er schildert deren Entwicklung als glanzvolles, heroisches Kapitel der Wissenschafts- und Technikgeschichte, zugleich als ein von Notwendigkeiten diktiertes, alternativloses Projekt. Man habe die Bombe konstruieren müssen, um Adolf Hitler zuvorzukommen, man habe sie einsetzen müssen, weil die Japaner partout nicht hätten kapitulieren wollen. Von den Opfern in Hiroshima und Nagasaki war kaum die Rede. Der Film war ein apologetisches Machwerk zur besten Sendezeit, eine dreiste Geschichtsklitterung, die auch den FAZ-Kritiker Axel Weidemann konsternierte:

„Wenn dieser einseitige Blick alles sein soll, was einem öffentlich-rechtlichen Sender zu den Jahrestagen des Atombombenabwurfs (deren Bedeutung nicht abgenommen hat) einfällt, sieht es finster aus“ (1).

Bleiben wir beim Zweiten Weltkrieg! Wie oft mag wohl inzwischen in Hauptnachrichtensendungen von ARD und ZDF anlässlich historischer Gedenktage der Eindruck erweckt worden sein, die Landung der Westalliierten in der Normandie (6. Juni 1944) habe diesen Krieg entschieden? Die Bedeutung der zeitgleich abgelaufenen sowjetischen Operation Bagration (2) dürfte den ARD/ZDF-Konsumenten hingegen weniger vertraut sein, obwohl sie doch das Ende der Heeresgruppe Mitte herbeiführte und die schwerste und verlustreichste Niederlage der deutschen Militärgeschichte darstellt.

Die USA haben reichlich spät eine zweite Front eröffnet. Niemand bestreitet, dass sie 1944/45 einen willkommenen Kriegsbeitrag geleistet haben. Entschieden aber hat den Krieg niemand anderes als die Rote Armee. Ähnlich war es auf dem asiatischen Kriegsschauplatz. Auch hier waren es nicht die USA, sondern die Chinesen, die ein enormes, schier unfassbares Opfer erbracht haben.

Die USA gingen als der große Sieger aus dem Zweiten Weltkrieg hervor. Legt man ihre Kriegsverluste (gut 400.000 Todesopfer gegenüber 27 Millionen der Sowjetunion) zugrunde, dann verkörperten sie „unterm Strich die effizienteste Kriegsmaschine alle Zeiten“ – so der US-Historiker William Appleman Williams. Und weiter: „Im Zweiten Weltkrieg … schossen die Russen und Chinesen das Kapital vor, und die Amerikaner sprengten die Bank“ (3).

„Diejenigen, die sich nicht an die Vergangenheit erinnern können, sind dazu verurteilt, sie zu wiederholen“, sagte der Philosoph George Santayana (1863–1952).

Und F. Scott Fitzgerald ergänzte mahnend: „Wir können es uns nicht erlauben, die Vergangenheit zu wiederholen“ (4). Ob es uns gelingt, neue Wege einzuschlagen oder ob wir als Wiederholungstäter enden werden, möglicherweise atomar verglüht, das hängt entscheidend – ich würde sogar sagen: primär – von unserem kollektiven historischen Gedächtnis ab und vom historischen Gedächtnis derer, die in unserem Namen Entscheidungen über Krieg und Frieden treffen.

Wir, die potenziellen Opfer, sollten uns keinesfalls auf die Weisheit der Regierenden verlassen. Wir sollten vielmehr jenen zuhören, die wissen, wovon sie reden, und es gut mit uns meinen. Das Löschen, das Verzerren, das Verwerfen und Entwerten von Geschichte und historischer Erfahrung, sagte George Orwell, sei eine zentrale Dimension der „Gedankenkontrolle“. Und: „Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft, wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Vergangenheit“ (5).

Nach meiner Überzeugung ist dies einer der wichtigsten, klügsten und aufklärerischsten Sätze, die je geschrieben wurden. Orwell formuliert hier eine Erkenntnis, die wir uns jeden Tag in Erinnerung rufen und ständig präsent haben sollten. Er benennt in klaren Worten die wirksamste Manipulationsmethode überhaupt. Sein Satz ist eine Mahnung, die man gar nicht ernst genug nehmen kann. Aber er enthält auch eine Handlungsanweisung: Wir, die potenziellen Opfer, müssen die Manipulation der Geschichte (und die Manipulation mithilfe der Geschichte) erkennen und entlarven. Wir müssen die Macht über die Geschichte, über unsere Geschichte, (zurück-) gewinnen. Ohne aufgeklärtes historisches Bewusstsein können wir weder die Gegenwart noch die Zukunft autonom und friedlich gestalten.

George Orwell ist bekanntlich der Autor von Nineteen-Eighty-Four (publiziert 1949), einer der beiden großen Dystopien des 20. Jahrhunderts. Die andere, Brave New World (1932), stammt von seinem Landsmann Aldous Huxley. Vor dem Hintergrund der großen totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts schien es lange so, als habe Orwell die überlegene Vision vorgelegt. Mitte der 1980er-Jahre begann – nicht zuletzt unter dem Einfluss des amerikanischen Medienkritikers Neil Postman – ein Umdenken.

In seiner 1985 erschienenen Streitschrift Wir amüsieren uns zu Tode verglich Postman die beiden Romane und ihre Autoren: Während Orwell vor der Unterdrückung durch eine „äußere Macht“ warne, die den Menschen ihre individuelle Autonomie, ihre Einsichten und ihre Geschichte raube, sei Huxley der Ansicht gewesen, dass regelrechte Repression gar nicht erforderlich sei. Irgendwann, so seine These, würden die Menschen anfangen, ihre Unterdrückung zu lieben, und die Techniken verehren, durch die sie entmündigt und beherrschbar werden.

„Orwell fürchtete diejenigen, die Bücher verbieten. Huxley befürchtete, daß es eines Tages keinen Grund mehr geben könnte, Bücher zu verbieten, weil keiner mehr da ist, der Bücher lesen will. Orwell fürchtete jene, die uns Informationen vorenthalten. Huxley fürchtete jene, die uns mit Informationen so sehr überhäufen, daß wir uns vor ihnen nur in Passivität und Selbstbespiegelung retten können. Orwell befürchtete, daß die Wahrheit vor uns verheimlicht werden könnte. Huxley befürchtete, daß die Wahrheit in einem Meer von Belanglosigkeiten untergehen könnte“ (6).

Neil Postman war der Ansicht, dass Huxleys Analyse – obwohl ungefähr 15 Jahre früher erschienen – den realen Verhältnissen näher komme als die Orwells. Aber: Schließen sich die Dystopien Huxleys und Orwells wechselseitig aus? Könnten nicht beide Autoren Recht behalten haben, jeder auf seine Weise, und jeder, weil er eine wichtige Teilwahrheit erkannt hatte? Ich bin überzeugt, dass sich die Wahrnehmungen Huxleys und Orwells ergänzen, dass also in unseren Gesellschaften beides geschieht:

Erstens werden wir durch propagandistische Techniken getäuscht (Orwell): also desinformiert, belogen, mit Halbwahrheiten abgespeist oder durch die Unterdrückung von Nachrichten im Unklaren gelassen.

Zweitens werden wir durch propagandistische Techniken zerstreut (Huxley): also vom Wesentlichen abgelenkt, mit Belanglosigkeiten überflutet, mit Pseudoproblemen beschäftigt, mit Unterhaltungsangeboten aller Art bei Laune gehalten.

Der größte Teil dieser beiden Propagandatypen wird über die etablierten Massenmedien transportiert. Im Vorfeld des Irakkriegs 2003 haben viele dieser Medien das Lügenmärchen von den Weapons of Mass Destruction, den Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins, verbreitet. In Anlehnung daran – und im Gegenzug – kann man unsere Medien als Weapons of Mass Deception, also Massentäuschungswaffen, und als Weapons of Mass Distraction, also Massenzerstreuungswaffen, bezeichnen.

Täuschung und Zerstreuung finden statt im Dienste derer, denen diese Medien gehören, oder derer, die sie kontrollieren.

In Kriegs- oder Vorkriegszeiten sind von Seiten der etablierten Massenmedien keine verlässlichen Beiträge zur Friedenssicherung mehr zu erwarten. Wenn sich Politik und Militär auf den Kriegspfad begeben, tragen auch herrschaftsnahe Journalisten die Kriegsbemalung auf. Friedensjournalismus hat dann ausgedient.

Die Propaganda der Massentäuschung beziehungsweise Massenzerstreuung kann aktivieren oder passivieren. Aktivieren bedeutet: aufwiegeln, für Empörung sorgen, zum Handeln aufreizen. Passivieren bedeutet: ruhigstellen, ablenken, das Abwarten oder Resignieren fördern.

Das Propagandasystem aus Massentäuschung und Massenzerstreuung hat sich über einen sehr langen Zeitraum entwickelt, ist heute enorm leistungsfähig und sollte keine Sekunde unterschätzt werden. Aber – und das ist die gute Nachricht – es hat den Zenit seiner Leistungsfähigkeit überschritten. Es gehört zu den erfreulichsten Entwicklungen der letzten Jahre, dass Propaganda im Allgemeinen und Kriegspropaganda im Besonderen immer öfter an Grenzen stoßen, also ihre Ziele nicht oder nur noch teilweise erreichen.

Das liegt nicht nur an der Ausbreitung und wachsenden Reichweite alternativer Medien. Es liegt auch und vor allem an der tiefen Krise des politischen, ökonomischen und sozialen Systems, dessen Teil diese Propaganda ist. Gerät das System in die Krise, tut es auch die systemkonforme Propaganda. Häufen sich die Fälle von Systemversagen, tun es auch die Fälle von Propagandaversagen. So machtvoll Propaganda, insbesondere kriegsvorbereitende Propaganda, nach wie vor ist – allmächtig war sie nie, und sie ist es heute weniger denn je. Das eröffnet allen, die für eine friedliche, freie und multipolare Welt streiten, große Chancen. Da sich die etablierten Mächte nicht kampflos geschlagen geben werden und über einen ausgedehnten Repressionsapparat verfügen, birgt diese Entwicklung allerdings auch akute Gefahren für Frieden, Freiheit und Pluralität.

Halten wir an dieser Stelle kurz inne. Auf den vorangegangenen Seiten habe ich einige wesentliche Themen und Thesen dieses Buches vorgestellt. Rekapitulieren wir also kurz und blicken voraus! Die jetzt folgenden historischen und aktuellen Betrachtungen werden sich alle um die bislang angesprochenen Aspekte drehen:

um den Zusammenhang zwischen Krieg und Kriegsvorbereitung auf der einen, Massentäuschung und Massenzerstreuung auf der anderen Seite,

•um Geschichtsvergessenheit, Geschichtsrevisionismus und Geschichtsklitterung im Dienste kriegsvorbereitender Propaganda,

•um die Möglichkeiten, sich durch Geschichtsbewusstsein gegen Kriegspropaganda zu schützen sowie Kriegspropaganda durch historische Aufklärung zu konterkarieren,

•um Nachrichtenunterdrückung und -fälschung sowie um das systematische Messen mit zweierlei Maß als unabdingbare Voraussetzungen für Feindbildaufbau und -pflege

•um den Niedergang der etablierten Medien und ihrer journalistischen Qualität in Zeiten permanenter Kriege (und als Folge dieser Kriege),

•um die Zusammenhänge zwischen wachsender staatlicher Aggression nach außen und zunehmender Repression im Inneren,

•um die Chancen und Gefahren einer manifesten Systemkrise, die zugleich (und immer auch) eine Medien- und Propagandakrise ist.

MASSENTÄUSCHUNG: WIE SICH DIE VORZEICHEN VON HEUTE AUF MORGEN ÄNDERN

George Orwell beschreibt in seinem Roman 1984 eine dreipolige Welt des permanenten Kriegs. Die Großstaaten Ozeanien, Eurasien und Ostasien halten sich wechselseitig in Schach und im Gleichgewicht. Selbstverständlich betreiben sie auch jede Menge Propaganda. Mit der „Hasswoche“ gibt es in Ozeanien sogar eine Einrichtung, die man als Mitmach-Propaganda bezeichnen könnte. Ziel ist es, den Hass möglichst intensiv zu spüren. Die Hasswoche ist ein großes, kollektives Erlebnis, das mit Reden, Zeitungsartikeln oder Plakaten angestachelt wird und auf einen großen Schluss- und Höhepunkt zuläuft, die Hinrichtung von 2.000 Kriegsgefangenen.

Winston Smith, die Hauptfigur des Romans, ist Augen- und Ohrenzeuge, als die Bevölkerung Ozeaniens wieder einmal ihren Hass gegen den Feind Eurasien auslebt. Bis zum vorletzten Tag der Hasswoche verläuft alles normal. Dann geschieht Unerwartetes. Winston beobachtet, wie einem Parteifunktionär, der schon seit 20 Minuten eine Hetzrede gegen Eurasien hält, ein Zettel zugesteckt wird. Ohne seine Tirade zu unterbrechen, liest er den Zettel und wechselt sodann ohne weitere Erklärung die Pferde, also das Hassobjekt. Der Zettel enthielt eine wichtige Information: Die Kriegskonstellation hatte sich geändert. Statt gegen Eurasien führte man jetzt gegen Ostasien Krieg (mit dem einstigen Kriegsgegner Eurasien war man hingegen verbündet). Der Funktionär passt seine Hetzrede ohne weitere Erklärung den neuen Gegebenheiten an. Das Publikum nimmt den Richtungsumschwung ohne sonderliche Irritation zur Kenntnis.

Auch in der Wirklichkeit sind Propagandisten überaus dreist und zu jeder Schandtat bereit. Nehmen wir den deutsch-sowjetischen Krieg (1941–1945) und seine Vorgeschichte. Der NS-Staat hatte zu Beginn gegenüber der Sowjetunion immer wieder einen gewissen Pragmatismus an den Tag gelegt. Seit Mitte der 1930er-Jahre wurde diese Flexibilität allerdings konterkariert oder überlagert durch einen immer heftiger tobenden antibolschewistischen Propagandakrieg. Insbesondere die NSDAP-Parteitage zwischen 1935 und 1937 zeigten eine vehement antibolschewistische Stoßrichtung (7).

Doch dann kam der 23. August 1939. Bei allen, die bislang fleißig an der antisowjetischen und antirussischen Feindbildproduktion mitgewirkt hatten, sorgte dieser Tag für Verwirrung. Da wurde völlig überraschend der Abschluss eines deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes verkündet. Obendrein wurde er vom Parteiorgan Völkischer Beobachter auch noch als „Wiederherstellung eines natürlichen Zustandes“ gewürdigt. „Von einem Tag zum anderen“, so der Historiker Manfred Weißbecker, „brach für viele ein Weltbild zusammen…“ Literatur, die bislang im Propagandakrieg verwendet worden war, schien vollständig wertlos geworden zu sein. Öffentliche Hinweise, die an die frühere Linie erinnerten, wurden entfernt. Einen Tag nach Abschluss des Vertrages notierte Goebbels in sein Tagebuch, die Frage des Bolschewismus sei „im Augenblick von untergeordneter Bedeutung“, man sei in Not und fresse „des Teufels Fliegen“ (8).

Am 22. Juni 1941 dann die erneute Kehrtwende! Mit dem Überfall auf die Sowjetunion wurde „die antibolschewistische Walze“ – so Goebbels – wieder aufgelegt. Weil man wusste, dass man dem Publikum damit einiges zumutete, legte man den Schalter nicht mit einem Schlag um, sondern verschärfte die propagandistische Gangart nach und nach. In der Anfangsphase des Kriegs vermied man auch noch die rassistischen Parolen vom „slawischen Untermenschen“ (9). Man bedenke: Der furchtbarste Krieg der Menschheitsgeschichte hatte keinen unmittelbaren propagandistischen Vorlauf. Knapp zwei Jahre lang – vom August 1939 bis zum Juni 1941 – war die Propagandamaschine auf Standby geschaltet oder lief nur extrem untertourig.

Eine derartige Politik der veränderten Vorzeichen ist keineswegs nur eine Spezialität skrupelloser Diktaturen und auch keineswegs ein bloßes Phänomen einer ferneren Vergangenheit. Saddam Hussein und Muammar al-Gaddafi hatten – bevor sie hingerichtet beziehungsweise bestialisch massakriert wurden – westliche Politiker auch schon von einer einnehmenderen Seite kennengelernt.

Der eine war lange ein geschätzter Bündnispartner, der andere wurde zumindest zeitweise von führenden Vertretern der westlichen Wertegemeinschaft offen hofiert – bis schließlich die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton mit ihrem berühmt-berüchtigten Ausruf „We came, we saw, he died“ frohlockte.

Quellen und Anmerkungen:

(1) Axel Weidemann, Arte-Doku The Bomb: Denn sie wissen immer erst hinterher, was sie tun, in: FAZ, 7.8.2018

(2) Vgl. Michael Jabara Carley, The Russian V-Day Story (Or the History of World War II Not Often Heard in the West), in: Strategic Culture Foundation, 9.5.2018

(3) William Appleman Williams, „Der Welt Gesetz und Freiheit geben“. Amerikas Sendungsglaube und imperiale Politik, Hamburg 1984, S. 157

(4) Zit. n. Phillip Knightley, The First Casualty, S. 12

(5) George Orwell, Neunzehnhundertvierundachtzig, Rastatt 1950, S. 17

(6) Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, Frankfurt a. M. 1985, S. 7 f.

(7) Manfred Weißbecker, „Wenn hier Deutsche wohnten …“. Beharrung und Veränderung im Rußlandbild Hitlers und der NSDAP, in: Hans-Erich Volkmann (Hg.), Das Rußlandbild im Dritten Reich, Köln u.a. 1994 (2. Auflage), S. 9–54, hier S. 24 f.

(8) Ebd., S. 30

(9) Wolfram Wette, Das Rußlandbild in der NS-Propaganda. Ein Problemaufriß, in: Hans-Erich Volkmann (Hg.), Das Rußlandbild im Dritten Reich, S. 55–78, hier S. 55 und S. 64

ISBN: 978-3-86489-243-1


DIE RÜCKZUGS-KRIEGE

Das globale Machtgefüge verschiebt sich zugunsten des Ostens, worauf der Westen mit verzweifelten Abwehrgefechten reagiert.

von Florian Kirner


Florian Ernst Kirner ist Optimist. Er glaubt, dass der große Krieg ausbleiben wird, weil selbst die USA – sonst nicht Hort weltpolitischer Zurückhaltung – es nicht wagen würden, militärisch gegen China vorzugehen. Große Transformationsprozesse vollziehen sich aber nur selten ganz ohne Gewalt und Leid, wie es sich in Kriegshandlungen und Revolutionen ausdrückt. Auch der momentane weltweite Umbruch gleicht dabei einem Paternoster-Aufzug: mit den USA geht es abwärts, mit China aufwärts. Mittlerweile holen sich die USA sogar auf ihrem ureigensten „Fachgebiet“, militärischer Gewalt, eine blutige Nase – wie etwa im Syrienkonflikt. Gleichwohl könnten die Rückzugsgefechte der im Niedergang begriffenen Großmacht der Welt noch so manche böse Überraschung bescheren.

Ich will die allgemeine Kriegsangst in diesen Breiten des Internets keineswegs stören und halte die Mobilmachung der Friedensbewegung weltweit für eine unserer dringlichsten Aufgaben. Selbst im frühesten Kindesalter shalom-haverimisiert, da meine Eltern in den 80er Jahren höchst aktiv waren gegen die Stationierung einer neuen Generation US-amerikanischer Atomraketen, bin ich ohnehin und bis heute für Zukunftsängste anfällig.

Außerdem sehe auch ich die massiven Aufrüstungsmaßnahmen und die direkte Kriegsvorbereitung der NATO gegen Russland – und China.

Allein:

Ich glaube eher nicht an den großen Krieg.

Ich glaube an eine bevorstehende Epoche der Transformation. Und ich glaube, dass die USA Kriege bestenfalls noch mit wachsender Mühe auslösen können, um sie dann krachend zu verlieren.


KRIEG UND REVOLUTION

Nun schließen sich Krieg und Transformation nicht prinzipiell aus, ganz im Gegenteil.

In den USA fanden revolutionäre Umwälzungen sogar zweimal in der Form eines Krieges statt: im Revolutionskrieg gegen England 1763 bis 1776 und dann im Bürgerkrieg 1861 bis 1865.

Die Französische Revolution ab 1789 wurde erst von einer Allianz europäischer Monarchien attackiert, schlug wütend zurück und überzog dann unter Napoleon ihrerseits ganz Europa mit Krieg.

Nach der Oktoberrevolution in Russland 1917 sah sich die revolutionäre Regierung mit dem Einmarsch von nicht weniger als 19 Armeen konfrontiert. Der Abwehrkampf – mit Kriegskommissar Leo Trotzki an der Spitze – war von Erfolg gekrönt. Aber es ist mehr als eine historische Spekulation, dass die fürchterlichen Verheerungen und die Millionen Toten dieses verzweifelten Ringens den Boden bereiteten für die Degeneration der Revolution unter Stalin.

Gerade das Ende des Ersten Weltkriegs mit einer Welle revolutionärer Kämpfe in ganz Europa, durchaus aber auch das Ende des Zweiten Weltkriegs, beispielsweise in Italien, Jugoslawien, Griechenland – überall dort, wo es starke, von den Alliierten unabhängige Partisanenverbände gab –, geben Ausschluss darüber, wie es in Phasen der gesellschaftlichen Umwälzung zu einem Umschlagen von Krieg in Bürgerkrieg und umgekehrt kommen kann.


ENERGIEERHALTUNG DER TURBULENZ

Ist die Lage erst einmal genügend aufgeschaukelt, um in eine Phase ständiger Turbulenz einzutreten, fluten die freigesetzten Energien selten nur nach außen oder nach innen.

So sorgten aus dem Krieg zurückkehrende Soldatenmassen quer durch die Geschichte für innenpolitische Turbulenzen, während die Heimkehrer zuhause oftmals durch den Krieg völlig veränderte Zustände vorfanden: etwa eine Generation von Frauen, die als Arbeiterinnen in der Kriegsindustrie und in Abwesenheit der Männer selbstbewusst und zu einer formierten gesellschaftlichen Kraft geworden waren.

Kurz und gut: Wenn der Kampf um Seele und Zukunft einer Epoche losgebrochen ist, wenn ein System am Scheideweg steht und sich dort um den weiteren Weg prügelt, wenn sich also das Chaos Bahn bricht, sind Revolution und Krieg oft zwei Seiten derselben Transformation.

Manchmal ist auch der Krieg ein Mittel, um der Revolution zur Expansion zu verhelfen – allerdings ein Mittel, das typischerweise zur inneren Degeneration der Revolution beiträgt. Manchmal, wie 1917 aus Sicht des Deutschen Kaiserreichs, ist die Revolution im Lande des Gegners (Russland) eine, allerdings für den Anwender sehr gefährliche, Waffe im Krieg.

Solche Phänomene können wir in unserer geschichtlichen Gegenwart erleben, wenn auch noch en miniature. Eine Aufschaukelung der gesellschaftlichen Konfliktenergien sehen wir seit einigen Jahren immer stärker und wenig spricht dafür, dass die Wellenbewegungen demnächst abflachen. Es ist aus meiner Sicht wenig sinnvoll, die wachsende Kriegsgefahr im Osten getrennt von diesem allgemeineren Phänomen der Aufschaukelung konfliktorischer Transformationsenergien zu analysieren.


NIEDERGANG (USA)

Gerade die jede Eskalation zuverlässig unterstützende Wirkung des Internets verweist darauf, dass wir eben nicht nur einen Niedergang erleben – sondern zeitgleich einen Aufstieg weltgeschichtlicher Dimension. Denn das Internet steht im technologischen Zentrum jener Großtransformation, zu der sich in einem vermeintlichen Kampf „Alle gegen Alle“ in Wirklichkeit Neues gegen Altes aufschaukelt.

Pauschal gesprochen heißt der Niedergang USA. Der Aufstieg heißt China.

Das ist freilich eine grobe Vereinfachung. Gerade was die digitale Revolution angeht, kann man nicht behaupten, dass die USA mit ihren Digitalgiganten für den Niedergang stehen. Die innenpolitische Zerrissenheit der USA ist nicht zuletzt ein Ausdruck dessen, dass es nicht nur die Kräfte eines apokalyptischen Weiter-So, der Ölindustrie, der Wall Street und des Pentagons gibt. Es gibt auch die USA des Silicon Valley, Tesla und so weiter.

Die Elite in den USA erscheint demgemäß maximal gespalten und liefert sich einen wütenden Mafiakrieg um den Staat und staatliche Institutionen. Die Präsidentschaft Donald Trumps bezeichnet den Sieg der alten Ökonomie in diesem Ringen. Es mag ein vorläufiger Sieg sein, aber die USA verlieren dadurch täglich Weltmarktanteile der Zukunft. Es sind unwiderbringliche Jahre, in denen die amerikanischen Energiedinosaurier ihr eigenes Land in Grund und Boden fracken und der Staat sich in immer weiteren Ölkriegen verausgabt – während die Installation erneuerbarer Energien außerhalb Kaliforniens kaum vom Fleck kommt und die Gesamtanzahl von Streckenkilometern, die für Hochgeschwindigkeitszüge tauglich sind, weiterhin bei null liegt.

… und Aufstieg (China)

In China liegt diese Zahl bei 25.000 Streckenkilometern für Hochgeschwindigkeitszüge und es werden täglich mehr. Während die Infrastruktur der USA veraltet ist und zunehmend marode, baut China mit der neuen Seidenstraße das größte Infrastrukturprojekt der Menschheitsgeschichte.

Das Schlagwort von der „ökologischen Zivilisation“ ist derweil in China keine leere Floskel. China installiert in wachsender Geschwindigkeit Windkraftanlagen und Solarenergie und ist auf dem Weg, seine Emissionsziele vor der Zeit zu erreichen, während nahezu alle anderen Industriestaaten ihren selbstgesetzten Zielen weit hinterherhinken.

China betreibt auch das größte Aufforstungsprojekt der Geschichte, hat seine Waldfläche seit 1990 verdoppelt, seit 1960 wurden 60 Milliarden Bäume gepflanzt. Aktuell gleicht China im Alleingang die kombinierten Waldverluste von Brasilien und Indonesien aus, wenngleich der Verlust der Regenwälder natürlich durch keine Maßnahme der Welt egalisiert werden kann.

In Forschung und Entwicklung laufen die Chinesen dem Rest der Welt den Rang ab. 40 Prozent der 160.000 Angestellten von Huawei arbeiten in Forschung und Entwicklung. Die US-amerikanische Kampagne zum weltweiten Boykott von Huawei ist krachend gescheitert.

Die derzeitige Abwertung des Renminbi dürfte der finale Move Chinas sein, um den von Donald Trump provozierten Handelskrieg mit den USA endgültig für sich zu entscheiden.


RUSSLAND UND EU ALS GLOBALE FRONTLINIE

Die strategische Position der EU und Russlands an der Nahtstelle der Einflusssphären der USA und Chinas ist es, die aktuell dafür sorgt, dass sich gerade hier die militärische Spannung am dramatischsten aufbaut.

Freilich sind weder Russland noch die EU reine Trabanten. Sie verfolgen eigene Interessen, wobei Russland die seinen weitaus stringenter verfolgt als die ewig zerstrittene EU die ihren. Das offensichtliche Interesse wäre freilich eine innige Kooperation zwischen Russland und der EU. Die wird von den USA – bis jetzt noch – mit aller Macht und unterm Strich nicht ohne Erfolg unterbunden.

Gerade an der militärischen Front allerdings zeigt sich, dass die Macht der USA bereits gebrochen ist. Den Stellvertreterkrieg in Syrien haben die USA effektiv verloren. Russland hat durch ein überlegenes Luftabwehrsystem, robuste Intervention und kluge Strategie die Pläne der USA durchkreuzt.

Ähnliches sehen wir im Iran. Die Kriegsfraktion der US-Elite würde hier dringend gerne einen Krieg anzetteln. Aber es will nicht recht gelingen. Einmal sind die Widerstände innerhalb der USA immens. Zweitens aber ziehen die Europäer nicht mit. Drittens sind die Erfolgsaussichten noch weitaus grimmiger als in Syrien.

Viertens haben die Chinesen eine Hochgeschwindigkeitsstrecke nach Teheran gebaut und stellen regelmäßig klar, dass sie bei einem etwaigen Angriff der USA den Iran massiv unterstützen würden.

Griffen die USA also den Iran an, der von Russland und China mit modernsten Waffen vollgestopft würde, wären das zweifellos ein humanitäres Desaster. Es wäre aber auch ein – weiteres – militärisches Desaster der USA mit Ansage.


FREIER WILLE UND STAAT IM TRANSFORMATIONSCHAOS

Immanuel Wallerstein vertritt die spannende These, dass der Geschichtsverlauf in normalen Zeiten weitgehend determiniert sei und der freie Wille gegen die übergeordneten Faktoren der geschichtlichen Entwicklung weitgehend chancenlos. In Phasen des Umbruchs jedoch, wenn das Chaos regiert, sei die Rolle des Einzelnen und damit des freien menschlichen Willens mitunter so entscheidend wie der legendäre Schmetterling, dessen Flügelschlag einen Hurrikan auslöst.

Schauen wir uns also die Qualität der Staatsführer an, so haben wir auf der einen Seite Donald Trump, der nur noch eine Toga anziehen müsste, um auch optisch die Rolle eines römischen Soldatenkaisers in der Zeit des imperialen Niedergangs perfekt zu verkörpern.

Hinter all seinem Theaterdonner mag eine Strategie erkennen wer will: Am weltpolitischen Niedergang der USA ändert seine Administration nur insofern etwas, als sie ihn dramatisch beschleunigt.

Vor allem aber ist die Handlungsfähigkeit des Staates, dem Trump vorsteht, deutlich eingeschränkt. Der Staat ist innerlich zerkämpft, zerrissen und geschwächt durch die Intrigen und die Korruption unzähliger Fraktionen. Trump selbst muss in einem täglichen Eiertanz um Stabilität ringen, da seine eigene Position alles andere als unumstritten ist. Gleichzeitig ist das politische System der USA in eine lange Phase der Blockade eingetreten, wie Kongress und Senat täglich demonstrieren.

Über die Führungs- und Handlungsfähigkeit der EU brauchen wir uns hier nicht auszulassen. Der europäische Tanker treibt manövrierunfähig im Wasser.

Putin dagegen ist ein genialer Schachspieler. Man muss seine Strategie nicht befürworten, um zu erkennen, dass er immerhin eine hat und zielstrebig verfolgt. Russland ist wirtschaftlich den USA weiterhin klar unterlegen. Die Militärausgaben sind ein Bruchteil der amerikanischen. Trotzdem hat Russland ein überlegenes Luftabwehrsystem entwickelt. Der russische Staat ist ein handlungsfähiger Akteur.

Dies gilt in weitaus stärkerem Maße noch für China, wobei hier die Person des Staatschefs vermutlich eine weniger ausgeprägte individuelle Rolle spielt, eingebettet wie sie ist in die Großmaschine der Kommunistischen Partei Chinas mit ihren 90 Millionen Mitgliedern.

Zusammenfassend ist aber keine Frage, dass nicht nur die ökonomische, infrastrukturelle, wissenschaftliche und militärische Kraft zunehmend gen Osten wandert, sondern dort auch schlagkräftige institutionelle Akteure vorhanden sind, die eine klare, in sich logische Strategie besitzen und umzusetzen in der Lage sind.

Chris Hedges
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02 mart 2026
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