Kitabı oku: «Der entschwundene Garten»

Yazı tipi:

Andrea Herlbauer

DER ENTSCHWUNDENE GARTEN

Erzählungen

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2015

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei der Autorin

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

AUFENTHALT

Mit lautem Quietschen und einem heftigen Ruck kam der Zug zum Stehen. Der Reisende, eben über seiner Lektüre eingenickt, schreckte hoch. Draußen Dunkelheit, schwach erhellt von matten Lampen. Ein schmaler Bahnsteig, ein kleines, etwas heruntergekommenes Bahnhofsgebäude, umnebelt vom Dampf der Lokomotive. Kein Schild, aus dem man hätte schließen können, wo sie sich befanden. Aber bei einem so schäbigen Bahnhof konnte es sich nur um eine unbedeutende Ortschaft handeln. Warum um alles in der Welt hielt der Zug hier an?

Der gut angezogene, schon etwas ältere Reisende trat auf den Gang hinaus und hielt Ausschau nach dem Schaffner, der langsam herankam, von weiteren Fahrgästen befragt. In der Lokomotive müsse eine kleine Reparatur durchgeführt werden, höchstens eine halbe Stunde.

Der Reisende setzte sich wieder, nahm seinen Roman zur Hand und las weiter. Von plötzlicher Unruhe erfasst, ließ er das Buch jedoch bald sinken und verließ den Zug. Er spazierte den Bahnsteig entlang bis zur Lokomotive. Niemand war zu sehen, von Reparaturarbeiten keine Spur.

Auf erneute Nachfrage teilte der Schaffner mit, dass ein Ersatzteil besorgt werden müsse. Leider würde das nicht so schnell gehen, hier im Orient ließ man sich Zeit. Ohne Zweifel würden bis zur Weiterfahrt noch eineinhalb Stunden vergehen. Der Reisende vergewisserte sich, ob der Zug wirklich nicht früher abfahren würde. Er habe die Absicht, sich etwas in der Stadt umzusehen. Der Schaffner bestätigte die eben genannte Frist, äußerte sich aber, mit Verlaub, skeptisch gegenüber dem Exkursionsplan. Für einen Ausländer, der mit den örtlichen Gepflogenheiten nicht vertraut war, sei ein Zurechtfinden vielleicht schwierig.

Doch gerade die Fremdartigkeit der Umgebung reizte den Reisenden zu einem Ausflug. Er beruhigte den Schaffner, er werde unversehrt in spätestens eineinhalb Stunden zurück sein.

Zwischen den eng beieinander stehenden, meist zwei- oder dreistöckigen Häusern herrschte trotz der späten Stunde noch ein Rest der Tagesschwüle, vermischt mit unbekannten Gerüchen. Matte Lampen spendeten auch hier nur wenig Licht. Kaum waren Menschen unterwegs, in orientalischen Gewändern, den Fremden in seinem westlichen Anzug musternd, mit erstaunten, neugierigen oder misstrauischen Blicken.

Ein Händler näherte sich, ihn mit unverständlichen Worten ansprechend. Der Reisende ging rasch weiter, da der Händler, allzu geschäftseifrig, nicht von ihm abließ.

Er kam immer weiter in die Stadt hinein, folgte den gebogenen Gassen und Winkeln, hielt jedoch in etwa immer die gleiche Richtung. So brauchte er sich nur umzuwenden, um auf gleichem Weg zum Bahnhof zurückzufinden. Eine gute halbe Stunde war vergangen, es war Zeit zur Umkehr.

Eine junge Frau, verschleiert bis auf die Augen, glitt lautlos an ihm vorüber und betrat eines der Gebäude. Der Reisende erkannte an einem kleinen Auslagenfenster, dass es sich um einen Laden handelte. Angelockt durch fremdartige Figuren im Fenster kam er näher. Er zögerte. Er sollte jetzt den Rückweg antreten, warum dachte er an die verschleierte Frau? Eine Erinnerung tauchte auf, vage, aus der Tiefe einer weit entfernten Vergangenheit. Er wusste nicht, was ihn bewog, den Laden zu betreten.

Im Inneren herrschte Zwielicht, es roch süßlich. Niemand war zu sehen. Zahlreiche Regale, kreuz und quer im Raum aufgestellt, waren eng befüllt: Schatullen, Vasen, Schmuck, Teller, Schalen …

Auch seltsame Figuren waren hier zu finden; sie muteten an wie aus einer anderen Zeit, aus einer anderen Welt. Der Reisende nahm eine der Figuren aus einem Regal. Ein alter Mann tauchte lächelnd neben ihm auf und sagte etwas in fremder Sprache. Der Reisende versuchte ihm klar zu machen, dass er ihn nicht verstand. Er wollte die Figur auf das Regal zurückstellen, als er dicht neben sich die Anwesenheit der Frau fühlte. Die Figur stand erst halb auf dem Fach, als er sie losließ, verwirrt durch die plötzliche Nähe. Das Klirren hallte durch den Raum. Die Statue lag zu seinen Füßen, in unzähligen Scherben.

Der alte Mann lächelte nicht mehr. Der Reisende setzte zu einer Erklärung an, wies auf die Frau, doch sie war nicht mehr da. Die Augen des alten Mannes funkelten. Der Reisende versuchte erneut, sein Bedauern auszudrücken und wollte seine Brieftasche ziehen, um den Schaden zu bezahlen, wich aber zurück als der alte Mann drohend näher kam und gelangte zur Tür. Er stürzte ins Freie und hörte die wütenden Rufe des alten Mannes unter der Ladentür. Einige Umstehende wurden aufmerksam. Der Reisende beschleunigte seine Schritte, er spürte bohrende Blicke auf sich gerichtet und hatte plötzlich das Gefühl, verfolgt zu werden. Er bog in die nächste Seitengasse ab und begann zu laufen. Hinter sich glaubte er Stimmen zu vernehmen. Er lief schneller, versteckte sich dann in einem schmalen, völlig dunklen Hauseingang und wartete. Es kam niemand. Schweiß stand auf seiner Stirn. Nur langsam beruhigten sich sein heftiger Atem und sein Herzschlag. Niemand kam.

Er wurde wütend auf sich selbst. Wie konnte er sich nur so idiotisch benehmen? Wegzurennen, wie ein Schuljunge nach einem Streich. Was hatte er schon getan? Aus Versehen irgendeine Figur zerbrochen, die bestimmt nicht so wertvoll gewesen war. Er hätte sie ja bezahlt, aber der Mann hatte ihn nicht gelassen. Lächerlich, deshalb davonzulaufen, wie ein flüchtiger Verbrecher. Er zog seinen Anzug zurecht, wischte sich mit einem Taschentuch das Gesicht und trat wieder auf die Gasse hinaus. Niemand war zu sehen. Er zog seine Uhr heraus und erschrak. Nur noch 20 Minuten bis der Zug abfuhr. War er so lange in dem Laden gewesen? Er sah sich um. Aus welcher Richtung war er gekommen? Hier von links, aber hatte er bei seiner Flucht aus dem Laden die richtige Richtung zurück zum Bahnhof eingeschlagen? Wie weit war er gelaufen? Wen sollte er nach dem Weg fragen? Erneut bildeten sich Schweißperlen auf seiner Stirn.

Er schlug irgendeine Richtung ein. Doch er kam nur durch kleine, menschenleere, ihm unbekannte Gassen. Der Ort hatte plötzlich seinen eigentümlichen Zauber verloren. Der Zug – er musste ihn erreichen.

Ein Mann kam ihm entgegen. Der Reisende trat auf ihn zu und fragte ihn nach dem Weg zum Bahnhof. Der Mann schüttelte nur den Kopf. Der Reisende versuchte, das Geräusch eines fahrenden Zuges nachzuahmen und kam sich lächerlich dabei vor. Es war zwecklos. Der Gefragte zuckte nur mit den Achseln und ging weiter. Noch zwei Minuten bis zur Abfahrt.

Aber der Zug würde keinesfalls ohne ihn fahren, wenn der Schaffner sah, dass er noch nicht da war – oder doch? Und der Zug würde pfeifen, wenn er zur Abfahrt bereit war, das tat doch jeder Zug – oder nicht? Obwohl, hier in den engen Straßen, konnte man da die Richtung eines Geräusches genau lokalisieren?

Das Gewirr der Gassen erschien immer unentrinnbarer und verzweigter. Es war drei Minuten über die Zeit. Bestimmt würde die Reparatur ohnehin nicht pünktlich abgeschlossen sein. Er durfte jetzt nicht in Panik geraten. Er bog um eine Ecke und starrte auf das, was vor ihm lag: ein Gleis! Der sicherste Weg zum Bahnhof. Doch in welcher Richtung lag er? Links oder rechts? Egal, wenn er in die falsche Richtung lief, würde ihn der Zug bei der Weiterfahrt einholen, er konnte ihn auf der Strecke stoppen. Doch nein, wenn er hier hinter dem Zug war und in die falsche Richtung ging, war er verloren. Er hatte keine Orientierung mehr. An die verschleierte Frau dachte er nicht mehr.

Der verirrte Reisende stand auf den Schwellen. Er musste sich für eine Richtung entscheiden. Er ging nach links. Immer zwei Schwellen auf einmal nehmend lief er zwischen den Schienen entlang. Er begegnete niemand. Das Gleis machte einen sanften Bogen. Die Gassen links und rechts wurden nicht belebter, die Häuser wurden aber auch nicht spärlicher. Er sah sich immer wieder um und wäre dabei beinahe gefallen, weil er zwischen zwei Schwellen trat.

Er hatte das Ende der Kurve erreicht, vor ihm lag in geringer Entfernung – der Bahnhof! Die Lokomotive pfiff laut und vernehmlich, als er das hintere Ende des Zuges erreicht hatte und er fragte sich, ob der Zug jetzt wohl ohne ihn gefahren wäre.

Er wischte sich mit dem Taschentuch sorgfältig das Gesicht, klopfte seinen Anzug ab und stieg auf den Bahnsteig hinauf. Der Schaffner stand in der Mitte des Zuges und hielt nach der Straße hin Ausschau. Der Reisende ging an ihm vorüber und grüßte höflich. Es war 20 Minuten über die Zeit. Der Schaffner musterte ihn und brachte seine Sorge über sein langes Fernbleiben zum Ausdruck. Der Reisende entschuldigte sich für die Verspätung, aber dies sei wirklich ein ganz reizender und interessanter Ort.

DIE BEGEGNUNG

Zwischen den Bäumen war der Boden weich von abgefallenen Nadeln und Moos. Überall glänzte Feuchtigkeit. Durch den Nebel sah der Wanderer die Stämme schon in geringer Entfernung nur noch undeutlich, weiter hinten verloren sie sich ganz in der hellgrauen Wand des Nebels, ebenso wie die Baumkronen über ihm.

Den Weg hatte er schon lange verloren. Er ging zwischen den Bäumen dahin, über den weichen, feuchten Boden. Die Nässe drang langsam in seine Schuhe ein. Den Kragen hatte er hochgeschlagen, die Hände tief in die Taschen seiner Jacke vergraben. Er begann zu frösteln.

Er wusste nicht wo er war, noch wo er sich hinwenden sollte. Er ging immer geradeaus weiter, so schnell, wie es der unwegsame Boden zuließ. Irgendwann musste er auf einen Weg treffen. Es war schon spät, jetzt, im Spätherbst kam die Dämmerung früh, sie würde nicht mehr lange ausbleiben. Bis dahin musste er aus diesem Wald heraus sein. Er hatte sich noch nie in seinem Leben verirrt. Er konnte nicht verstehen, wann und wo er den Weg verloren hatte.

Der Nebel wurde noch dichter, oder schien es ihm nur so, als er plötzlich einen schwachen Lichtschein wahrnahm. Er glaubte zunächst, sich getäuscht zu haben, doch schon nach wenigen Schritten sah er das Licht ganz deutlich. Der warme Schein einer Lampe fiel durch das Fenster eines Hauses ins Freie. Es war ein kleines, einstöckiges Haus, das mitten im Wald auf einer kleinen Lichtung stand. Wäre nicht der Lichtschein gewesen, man hätte es im Nebel übersehen können, wenn man nicht unmittelbar daran vorüberkam.

Der Verirrte blieb vor der Tür des Hauses stehen. Es war eine einfache Holztür, kein Namensschild verriet etwas über die Bewohner. Auch fehlten Briefkasten, Klingel oder Türklopfer. Wie seltsam, wer mochte hier wohnen? Dass jemand hier wohnte stand fest, das brennende Licht verriet es.

Noch zögerte er. Hier konnte man ihm sicher den richtigen Weg weisen. So klopfte er an. Drinnen war nichts zu hören. Was sollte er tun? Er wartete, klopfte noch einmal. Wieder keine Antwort. Vielleicht war doch niemand zu Hause, das Licht nur vergessen worden. Er beschloss, zur anderen Seite, zum Fenster zu gehen, als drinnen jemand »Herein« sagte. Er öffnete, trat ein und schloss die Tür wieder.

Er stand in einem Raum mit einfachem Holzfußboden, die Wände waren ebenfalls aus Holz. Alte Möbel standen an den Wänden. Ein Sofa, Schränke, Kommoden.

Der Besucher musste seine Brille abnehmen, da sie in der plötzlichen Wärme beschlagen war. Mehrere Petroleumlampen an verschiedenen Stellen tauchten den ganzen Raum in ein helles Licht.

In der Mitte des Zimmers stand ein großer Tisch, an dem ein alter Mann bei der Arbeit saß, von der er aufsah und seinen Gast erstaunt anblickte.

»Nanu? Besuch?«, fragte er.

Der Verirrte, der das Gefühl hatte zu stören, drehte etwas verlegen die Brille in der Hand und erklärte, dass er sich verlaufen habe. Angelockt durch das Licht habe er hier angeklopft, um nach dem Weg zu fragen.

»Das Licht?«, fragte der Bewohner des Hauses und sah zum Fenster. »Oh, ich habe wahrhaftig vergessen, die Läden zu schließen.«

Der alte Mann öffnete das Fenster, neigte sich nach draußen, schloss die Fensterläden und ging dann wieder zum Tisch, setzte sich aber nicht mehr und sagte: »Verirrt haben Sie sich? Das kommt vor.«

»Bis jetzt ist mir das noch nie passiert. Es muss am Nebel liegen.«

»Möglich. Da Sie nun schon einmal hier sind, trinken Sie eine Tasse Tee mit mir. Sie machen einen erfrorenen Eindruck.«

»Ja, es ist recht kalt draußen.«

»Wahrhaftig?«

Der alte Mann ging zu einem Herd in der Ecke, während sein Besucher die Jacke auszog und die Brille wieder aufsetzte. Es war ein großer, alter Herd, in dem Holzscheite knisterten und der den Raum gleichzeitig heizte. Der alte Mann goss aus einer großen Kanne Wasser in einen Kessel und setzte ihn auf den Herd.

Der Besucher betrachtete den Raum jetzt genauer. Überall herrschte Unordnung. Hausrat, Werkzeuge, Holzteile und hölzerne Masken lagen herum.

»Sie müssen die Unordnung entschuldigen«, sagte der alte Mann, als hätte er die Gedanken seines Gastes gelesen, »aber ich hatte wirklich nicht mit Besuch gerechnet.«

»Aber ich bitte Sie, ich muss mich für mein Eindringen entschuldigen.«

Der alte Mann brachte eine altmodische Porzellankanne mit zwei Tassen, Löffeln und Zucker zum Tisch. Er sagte: »Ich muss noch irgendwo etwas Rum haben, das wärmt«, und begann, in einer Kommode herumzusuchen, in der es ebenso unordentlich war, wie im Zimmer selbst. »Ich muss wirklich gelegentlich einmal wieder aufräumen.«

Der alte Mann fand die gesuchte Flasche, stellte sie auf den Tisch, warf einen Blick in die Teekanne und sagte: »Er muss noch etwas ziehen … aber bitte, nehmen Sie doch Platz. … oh Entschuldigung.« Er entfernte zwei der hölzernen Masken, die offenbar noch nicht ganz fertig waren, von einem Stuhl am Tisch. Auf allen Stühlen des Zimmers, selbst auf dem Sofa lagen Gegenstände.

Der verirrte Wanderer dankte und setzte sich. Der große Tisch war übersät mit verschiedenen Messern, Holzteilen und Spänen. Der Besucher nahm eine der hölzernen Masken in die Hand.

»Sie gefällt Ihnen?«, fragte der alte Mann und deutete auf die Maske.

»Ja, sehr gut. Sie haben sie selbst gemacht?«

»Ja, ich schnitze Masken.«

»Das ist sicher sehr interessant.«

»Ja, und notwendig. Fast alle Menschen brauchen eine Maske. Leider ist das so.«

Der Besucher fühlte sich langsam unwohl mit diesem wunderlichen Alten und wäre am liebsten gegangen, doch der alte Mann hatte inzwischen die beiden Tassen vollgeschenkt und seinem Gast Zucker und Rum hingeschoben. Dieser dankte, bediente sich und nippte in kleinen Schlucken an dem heißen Getränk, auf diese Weise auch eine Konversation umgehend, da er nicht wusste, was er sagen sollte.

»Ja, ja«, nahm der alte Mann nach einer Weile seinen Satz von vorhin wieder auf, »dabei hätten die Menschen es viel leichter, wenn sie mit ihrem wahren Gesicht leben würden, wenn sie einfach so wären, wie sie wirklich sind. Aber das will fast keiner. Sie leben alle hinter einer Maske, die meisten sogar hinter verschiedenen Masken. Sie könnten nicht mehr existieren, nähme man ihnen ihre Maske weg.«

»Tatsächlich?«, fragte der verirrte Gast, nur um etwas zu sagen, da der alte Mann eine Pause machte.

»Aber ja. Oder haben Sie das bei sich selbst noch nicht festgestellt? Allerdings – dass sie hinter einer Maske leben, das ist den wenigsten Menschen bewusst, oder sie wollen es sich nicht eingestehen.«

Der alte Mann trank zum ersten Mal von seinem Tee, während die Tasse seines Gastes fast leer war. Dieser fragte jetzt, und es war wieder nur eine Verlegenheitsbemerkung, über die er kaum nachdachte: »Und Sie verkaufen Ihre Masken hier in der Gegend?«

Der alte Mann sah ihn erstaunt an. »Verkaufen? Nun, das ist wohl nicht ganz der richtige Ausdruck. Ich sehe schon, Sie haben nicht ganz verstanden … aber Ihre Tasse ist leer. Möchten Sie noch einen Schluck?«

»Nein, vielen Dank, sehr liebenswürdig, aber ich muss dringend weiter, draußen ist es sicher schon dunkel. Ich wollte Sie ja nur nach dem Weg fragen.«

»Dem Weg? Ja natürlich. Gehen Sie nur von der Tür einfach geradeaus weiter, die Straße ist nicht weit.«

»Vielen Dank«, sagte der Besucher, erhob sich rasch und zog seine Jacke an. Einen Augenblick stand er verlegen beim Tisch, was sollte er noch sagen? So sagte er nur: »Vielen Dank für den Tee.«

»Keine Ursache«, erwiderte der alte Mann und lächelte seinen Gast freundlich an, »ja, ja, die Menschen sind eine seltsame Rasse.« Er nahm die Maske, an der er zuletzt gearbeitet hatte und betrachtete sie. Dann sah er wieder freundlich lächelnd auf seinen Gast, der noch an der Tür stand, diese jetzt öffnete und mit einem raschen »Auf Wiedersehen« das Haus verließ.

Draußen war es nicht dunkler als vorher, dabei schien es ihm, als sei er ziemlich lange in dem Haus gewesen. Er hatte nicht nach der Uhr gesehen, als er dort eingetreten war. Er stellte den Kragen hoch und ging rasch und entschlossen los, blieb aber schon nach wenigen Schritten stehen und wandte sich noch einmal um, doch das Haus, aus dem jetzt kein Lichtschein mehr fiel, war bereits im Nebel verschwunden.

Er ging weiter, weniger rasch und entschlossen als vorher. Hatte er vielleicht nur geträumt? Oder war er wirklich bei diesem wunderlichen Alten im Haus gewesen? Wer mochte dieser Mann sein? Ohne Zweifel nur ein verrückter Einsiedler, der schon senil war und nur Unsinn schwatzte. Masken – was für ein Blödsinn.

Er musste nicht weit gehen, bis er auf die Straße traf. Jetzt begann es zu dämmern. Kurz bevor es ganz dunkel wurde, war er zu Hause.

Aber der alte Mann wollte ihm nicht aus dem Sinn. Immer schwerer wogen die Worte, die er gesprochen hatte. Wie aus einer anderen Welt erschien ihm dieser seltsame Mann jetzt und je mehr Zeit verstrich, desto klarer und deutlicher rückte diese Begegnung ihm ins Bewusstsein. Es war etwas Seltsames um dieses Haus. Er fühlte plötzlich, dass er noch viele Fragen hätte stellen können und vielleicht Antworten erhalten hätte, die ihm sonst niemand geben konnte.

Seine Spaziergänge führten ihn in den folgenden Jahren noch ungezählte Male in die gleiche Gegend und er ging aufmerksam und mit offenen Augen durch den Wald, aber das Haus fand er nicht wieder.

DIE FLAMME DER LIEBE
– ein Märchen –

Er konnte sich nicht mehr erinnern, wann und bei welcher Gelegenheit er von der Flamme der Liebe erfahren hatte, als er eines Nachts in einem Traum daran erinnert wurde. Übermächtig groß war sie vor ihm erschienen, hatte ihn aufgenommen und er hatte sich geborgen und glücklich gefühlt.

Als er aufwachte, war es kalt, dunkel und leer. Die Einsamkeit legte sich auf ihn wie eine starre Decke, die ihm jede Bewegung schwer machte. Sein Leben war öde und sinnlos, seit er die Frau verloren hatte, die er liebte. Sie war tot und er dachte wieder an die Flamme der Liebe, die genährt wurde durch die Liebe der Verstorbenen, die auf Erden zurückblieb, wenn sie selbst gehen mussten und ihnen dadurch Unsterblichkeit sicherte, so hatte er es erfahren.

Er zog die Decke fest um sich. Der Morgen begann zu dämmern, aber er wollte nicht aufstehen, wozu auch. Er wollte nie mehr aufstehen. Er verfiel in einen Dämmerzustand zwischen Schlaf und Wachen und wieder sah er sie, diese Flamme und er beschloss, nach ihr zu suchen, um dort seine Geliebte wiederzufinden.

So schnürte er ein paar Habseligkeiten zu einem Bündel und verließ seine kleine Hütte. Er wanderte die Straße entlang, ließ das Dorf, über das er bisher noch nie hinausgekommen war, hinter sich und zog weiter in die ihm völlig unbekannte Welt. Es war ein warmer Tag.

Kurz vor Sonnenuntergang kam er in die Nähe einer großen Stadt. Er sah sie von weitem, die Mauern und Türme leuchtend in den letzten Sonnenstrahlen. Die Größe der Stadt erschreckte ihn. Er wollte heute nicht mehr hingehen und legte sich ins Moos eines kleinen Wäldchens zum Schlafen.

Bei Sonnenaufgang schritt er durch eines der Stadttore. Hohe Häuser standen an schmalen, schmutzigen Straßen; viele Menschen hasteten trotz der frühen Stunde umher.

Hier würde er bestimmt nicht finden, was er suchte. Verwirrt blickte er um sich. Aber fragen konnte er; doch wen er auch fragte, er erntete nur unverständliche oder uninteressierte Blicke. Nein, hier verschwendete er nur seine Zeit. Er durchquerte die Stadt und war erleichtert, als er sie durch ein anderes Tor wieder verlassen hatte.

Er folgte weiter der Landstraße. Nach vielen Wochen kam er an einen breiten Fluss, der tief schien und eine schnelle Strömung hatte. Der Fluss war so breit, dass er kaum die andere Seite sehen konnte. Er ging am Ufer weiter. Nach Tagen kam er zu einer Hütte, in der ein Fährmann wohnte. Dieser war gerade beim Essen und schien nicht die Absicht zu haben, sein Mahl zu unterbrechen; er lud den Fremden dazu ein, der dankend annahm.

Er sagte zu dem Fährmann, dass er noch niemals einen so breiten Fluss gesehen habe und der Fährmann antwortete, dass dies der Fluss der Wahrheit sei. Wem es gelänge, den Fluss zu durchschwimmen, der würde immer die Wahrheit wissen und erkennen. – Nein, soviel er wisse, sei das noch niemandem gelungen, der Fluss sei zu breit und zu reißend. Wer das starke Tau, das die Fähre leite, angebracht habe? Das wisse er nicht, es sei schon immer da gewesen.

Der Fährmann hatte sein Mahl beendet und sagte, dass sie jetzt aufbrechen könnten. Auf der anderen Seite gab er dem Fährmann sein letztes Geld für die Überfahrt und zog weiter.

Der Winter stand vor der Tür und er musste sich jetzt Scheunen, Ställe und Höhlen zum Schlafen suchen. Er hatte kein Geld mehr, doch in den meisten Häusern, an denen er vorüberkam, erhielt er eine Kleinigkeit zu Essen, wenn er darum bat. So lebte er und kam weiter und weiter, er ging durch Felder, Wiesen, Wälder und über Hügel und Berge.

Ein neuer Frühling zog ins Land und im Sommer, ein erfrischender, kurzer Regenschauer ging gerade nieder, kam er an einen Wald, so dicht, dunkel und groß, wie er noch nie einen gesehen hatte. Kein Pfad schien in ihn hineinzuführen.

Eine alte Frau saß auf einer Bank neben der Straße. Als er sie nach dem Weg fragte, erklärte sie ihm, dass dies der Wald der Schönheit und Jugend wäre. Wer ihn durchquere, sei ewig jung und schön. Man habe schon viele hineingehen sehen, aber herauskommen noch niemanden.

Er hatte nicht die Absicht, es zu versuchen, er suchte nach etwas anderem. Er fragte die alte Frau nach der Flamme der Liebe, aber davon hatte sie noch nie gehört.

So ging er weiter durch die Welt, kam durch Städte und Dörfer, aber wen immer er fragte, niemand konnte ihm etwas sagen.

Im nächsten Frühling kam er an ein großes Moor. Eine junge Frau saß vor einer Lehmhütte am Rande des Wassers und sagte ihm, dass dies das Moor der Tugend sein. Wer es durchmesse, habe alle Tugenden, aber bisher sei das noch niemandem gelungen.

Er ging rasch einen anderen Weg weiter, es war wieder nicht das, wonach er suchte.

Ein neues Jahr der vergeblichen Suche ging ins Land – manchmal verlor er fast die Hoffnung. Niemand konnte ihm den kleinsten Hinweis geben; vielleicht existierte sie gar nicht, diese Flamme. Aber er gab nicht auf, streifte weiter durch Hügel und Wiesen, aß, was er im Wald fand und andere Leute ihm gaben, trug alte Kleidungsstücke, die er geschenkt bekam, wenn die alten zu zerrissen waren.

Eines Tages, müde, erschöpft und mutlos saß er am Wegrand, gesellte sich ein junger Mann zu ihm, der sich gleichfalls ausruhte. Befragt, antwortete der junge Mann, dass er zwar von der Flamme der Liebe noch nichts gehört habe, aber es gäbe ein großes Gebirge, das Gebirge der Weisheit, wo ein alter Mann, ein sehr alter und weiser Mann lebe, der könne ihm vielleicht helfen. Wo das Gebirge läge? Das wisse er leider nicht.

Mit dem ersten Hoffnungsschimmer im Herzen setzte er seinen Weg fort. Doch wen er auch nach dem Gebirge fragte, manche hatten zwar davon gehört, aber niemand wusste, wo es lag. Die wenigsten Menschen wussten, was außerhalb ihrer nächsten Umgebung war. So musste er selbst suchen. Er durchzog die Welt, kam in immer neue Landschaften.

So verging ein Jahr ums andere. Seine Schritte wurden immer langsamer, die zurückgelegte Wegstrecke eines Tages wurde immer kürzer. Er wusste nicht mehr, wie viele Jahre er schon unterwegs war, noch wie alt er jetzt war, aber er merkte plötzlich, dass er schon recht alt sein musste. Er wusste auch nicht, wie weit er schon gegangen war; zurückfinden zu seiner vertrauten Hütte, die er einst verlassen hatte, würde er sicher nicht mehr.

Es war wieder einmal Herbst und er hatte sich an einem nebligen Abend in einen kleinen Heuschober am Weg gelegt. Am Morgen war der Nebel verschwunden und die aufgehende Sonne beleuchtete einen gewaltigen Wolkenturm am Horizont. Er ging weiter und da erkannte er, dass es keine Wolken waren dort hinten, sondern ein riesiges Gebirgsmassiv. War es das, hatte er es gefunden?

Er traf zwei Männer, die am Fuße des Gebirges fischten und fragte sie, ob dies das Gebirge der Weisheit sei. Sie bejahten. Nach dem Aufenthalt des weisen Mannes befragt, konnten sie keine genaue Auskunft geben; irgendwo dort oben lebe er. Aber um die Weisheit selbst zu erlangen, müsse man den Gipfel erreichen und das sei bis heute noch niemandem gelungen.

Er sah auf zu dem Gebirge; jetzt, da er unmittelbar davorstand, sah er seinen Gipfel nicht, so hoch war es. Aber nichts konnte ihn jetzt noch zum Aufgeben bewegen, was wäre ihm dann noch geblieben?

So begann er den Aufstieg. Kein Pfad wies ihm einen Weg. Über Geröll und Fels, vorbei an immer niedriger werdenden Gewächsen, tastete er sich nach oben. Er war bald erschöpft und musste sich ständig wieder ausruhen. Es wurde immer kälter, hier oben war bereits Winter. Er zog seine dürftige Kleidung fest um sich, aber sie bot kaum Schutz gegen den Wind, der eisig durch ihn hindurch schnitt.

Er wusste nicht mehr, wie lange er so aufgestiegen war, jedes Zeitgefühl, jede Empfindung überhaupt, war ihm verlorengegangen, als er endgültig nicht mehr weiter konnte. Kein Schutz war um ihn her. Er lag auf dem nackten Fels und wusste, er würde erfrieren, wenn er hier so liegen blieb, aber er hatte keine Kraft mehr, aufzustehen.

So endete es also, nach all den Jahren musste er aufgeben. Und er schloss die Augen und träumte von der Flamme der Liebe, die ihn wärmte.

Irgendwann schlug er die Augen wieder auf und sah die Flamme aus seinem Traum noch immer vor sich, spürte ihre Wärme. Doch bald erkannte er, dass es ein gewöhnliches Feuer war, das neben ihm brannte; er war in eine Decke gehüllt und ein alter Mann flößte ihm aus einer Schale ein heißes Getränk ein. War er tot oder wo war er? Als er sich umsah, erkannte er, dass er noch immer auf dem Berg war, an der gleichen Stelle, an der er erschöpft eingeschlafen war.

Der alte Mann, er war schon sehr alt, blickte ihn freundlich an. War es der weise Alte? Als er ihn fragte, sagte der Alte, ja, man nenne ihn so.

Und so erzählte er dem alten weisen Mann, wonach er suchte, dass er schon seit ungezählten Jahren unterwegs war und dass er seine letzte Hoffnung sei, den Sinn seines Lebens wiederzufinden. Er musste sie finden, die Flamme der Liebe, es gab sie doch wirklich?

»Ja«, sagte der alte weise Mann, »es gibt sie.«

»Und wo, wo ist sie? Hier auf dem Berg? Wo kann ich sie finden?«

»Sie ist überall.«

»Überall?«

»Du kannst sie nicht an einem bestimmten Ort finden«, sagte der alte Mann, »nur in dir selbst.«

»In mir selbst?«

»Ja, in dir selbst. Du suchst die Liebe einer Toten. Du glaubst, ihre Liebe ist auf Erden zurückgeblieben und du willst sie finden?«

»Ja.«

»Dann hast du all die Jahre vergeblich gesucht, deine Suche war überflüssig, weil du immer hattest, was du suchst. Die Liebe eines Menschen bleibt so lange auf Erden, so lange er noch geliebt wird. Solange du die Frau, die du geliebt hast, auch nach ihrem Tod weiter liebst, brennt die Flamme ihrer Liebe in dir. Erst wenn du sie vergessen hast oder ihr nachfolgst, wird ihre Flamme erlöschen.«

Der alte Mann schwieg und der Suchende schloss die Augen. Jahre und Jahre, wie viele mochten es gewesen sein, hatte er mit einer sinnlosen Suche verbracht. Wie lächerlich kam er sich vor, die ganze Welt zu durchstreifen nach etwas, das er nur in seinem eigenen Herzen finden konnte. Und dennoch fühlte er Erleichterung, denn wie auch immer, seine Suche war zu Ende.

REGENTAG

Nur einige kleine Schneehaufen, schmutzig und wie zerklüftet, hielten sich noch im Regen, neben dem Weg, wo man vor einigen Wochen den Schnee vom Pflaster hin geschaufelt hatte. Obwohl es noch nicht warm war, zeigte das Gras durch den Regen, der schon den zweiten Tag anhielt, erste Ansätze von frischem Grün. Die kahlen Äste der Bäume glänzten, von Nässe vollgesogen. Die Pfützen kamen nicht zur Ruhe, immer neuer Regen wühlte ihre Oberfläche auf, vergrößerte sie langsam.

Die Wolken schienen tief zu hängen. Sie hatten keine einheitliche Fläche, wie sonst bei Regen, sondern waren verschiedenartig, von hellerem und dunklerem grau, schwer von ihrer nassen Last, derer sie sich, langsam im Wind weiterziehend, entledigten.

Hinter vielen Fenstern schimmerte warmes Licht. Es war noch nicht Abend, aber die dichten Regenschleier dämpften das Tageslicht, sie sogen es regelrecht auf. Die Straßen der Vorstadt waren leer. Niemand war zu sehen, nur das milde Licht hinter den Scheiben ließ die Anwesenheit von Menschen erahnen. Das einzig sichtbare Lebewesen war ein kleiner Vogel; aufgeplustert und geduldig saß er auf einem Ast und ließ den Regen gleichmütig über sich hinweg fließen.

Auch das alte Bahnhofsgebäude lag verlassen. Seit vielen Jahren hatte hier kein Zug mehr gehalten, das Gebäude aber war nicht abgerissen worden. Als der Vorstadtbahnhof noch benutzt wurde, waren es einige Züge, die täglich hier gehalten hatten, Menschen waren gekommen und gegangen. Jetzt war er eine leere, verlassene Hülle, nutzlos, dem langsamen Verfall preisgegeben.

Die Scheiben an einem Fenster fehlten, eingeworfen von Kindern, für die der alte Bahnhof einzig noch von Nutzen war, als Spielplatz, aber der Regen hielt heute auch sie fern.

Das Abflussrohr der Dachrinne war schon lange verstopft, die Rinne war voll und schwappte laufend über; dicke Tropfen fielen über den Rand und zersprangen auf dem Pflaster, aus dessen Rissen bald überall das Unkraut wuchern würde.

Ein großer, rechteckiger, heller Fleck auf der Außenwand des Gebäudes erinnerte daran, wo einmal das Stationsschild gehangen hatte. Die Tür darunter war versperrt worden, um Landstreichern oder sonstigem Gesindel den Einlass zu verwehren, aber es war ein altes Schloss und dann war da noch die zerbrochene Fensterscheibe …

Der Mann, der in einem der Räume, es war der frühere Wartesaal, in dem noch rundherum an den Wänden die Holzbänke festgeschraubt waren, auf einer von eben diesen Bänken schlief, hatte das Fenster mit dem fehlenden Glas heute im Morgengrauen benutzt. Nun schlief er schon einige Stunden, hörte manchmal im Halbschlaf die Geräusche des Regens auf dem Dach, auf dem Fensterbrett, auf dem Pflaster.

Nachdem er aufgestanden war, hatte er eine dicke Jacke angezogen, die er zum Trocknen auf dem Boden ausgebreitet hatte. Sie war nicht mehr triefend nass wie heute Morgen, aber feucht. Noch war nicht Frühling, die Tage und Nächte waren, wenn auch frostfrei, sehr kalt.

Der Mann rollte die blaue Decke, unter der er geschlafen hatte, zusammen. Er entnahm einem kleinen, alten Rucksack, der so gut wie leer zu sein schien und den er als Kopfkissen benutzt hatte, ein Stück Brot und begann zu essen. Er zog dabei die Jacke fest um sich, denn er fror. Unter der Jacke trug er zwei dünne Pullover, dazu eine Hose, alt, verschmutzt, unten am Saum abgestoßen. Sie war an seinem Körper getrocknet in den letzten Stunden, ebenso wie die Kniestrümpfe und die abgetragenen Schuhe, die er ebenfalls nicht ausgezogen hatte.

Er war mit dem Essen fertig und ging auf und ab, um warm zu werden. Irgendwann blieb er stehen und sah durch das Fenster, dessen Scheibe heil, aber fast blind vor Schmutz war, in den Regen hinaus.

Der Mann war noch nicht sehr alt, aber auch nicht mehr jung, von einem unbestimmbaren Alter, unrasiert, das Haar ein wenig zu lang und wirr, mit tiefen Schatten unter den Augen. Die Augen selbst lagen sehr tief, sie waren von dunkler Farbe, ausdruckslos.

Weshalb war er hier? Ohne Bleibe. Allein. Woher kam er? Wohin ging er? Was war seine Vergangenheit? Was war seine Zukunft? Hatte er eine? War er einmal glücklich gewesen? War er es jetzt? Was fühlte er, als er hinaussah, in den Regen?

Er hatte die Decke in den Rucksack gestopft, der damit prall gefüllt war und hängte ihn sich an einem Riemen über die Schulter; der andere Riemen war abgerissen, die ausgefransten Teile baumelten lose. Er kletterte durch den leeren Fensterrahmen nach draußen. Es war sehr düster, war es nur der Regentag oder setzte bereits die Dämmerung ein? Wie spät es war, wusste er nicht.

Draußen auf dem Bahnsteig standen noch Bänke unter dem Vordach. Er setzte sich, legte den Rucksack neben sich, stand aber bald wieder auf und ging hin und her, um das Frösteln aus seinen Gliedern zu vertreiben. Er betrachtete das Pflaster, rissig, mit Löchern, die Bahnsteigkante bröckelte ab. Das Holz des Brettes am Schalter verwitterte, abblätternder Putz legte die Ziegel der Mauern bloß.

Einzig die Geleise mit ihren Schwellen und dem makellosen Schotter glänzten blank, neu und spiegelnd, als gehörten sie nicht hierher. Auf manchen Schwellen stand ein wenig Wasser.

Außer dem Rauschen des Regens war nichts zu hören, bis ein leises, fernes Poltern zu vernehmen war, das rasch näher kam und zu einem Donnern anwuchs. Drei Lichter einer Lokomotive drangen durch die Regenschleier. Mit unglaublicher Kraft zog sie Wagen um Wagen des Güterzuges hinter sich her. Noch war ihre Fahrt langsam, hier in der Stadt. Bald würde sie offenes Land gewinnen und ihre Geschwindigkeit vervielfachen. Wagen um Wagen rollte durch den alten Bahnhof. Dann herrschte wieder Stille. Die roten Rücklichter des Zuges schimmerten noch einen Augenblick durch den trüben Tag. Nur der Regen rauschte nieder auf das alte Bahnhofsgebäude und den jetzt leeren Bahnsteig.

DER ENTSCHWUNDENE GARTEN

Für einen Augenblick schien die Sonne grell durch eine Öffnung zwischen den vielfarbigen Wolken. Danach ging ein Graupelschauer nieder. Die harten, weißen Kügelchen sprangen beim Auftreffen auf die Erde noch einmal hoch, ehe sie liegen blieben und langsam zu schmelzen begannen.

Ein Spaziergänger wurde von dem plötzlichen Frühlingsschauer überrascht, stellte sich unter einen Baum am Wegrand, der ihm ein wenig Schutz bot und wartete. Lange würde der Graupelschauer, der sich jetzt mit Regen mischte, welcher durch das noch spärliche Blätterdach zu dringen begann, sicher nicht dauern. In kurzer Entfernung waren die Wolken bereits wieder heller, wurden vom Wind davon getrieben. Es war auch nicht kalt und der Schauer ließ bald nach.

Der Spaziergänger wollte eben weitergehen, der draußen noch leicht rieselnde Regen verursachte nicht mehr Feuchtigkeit, als das vom Baum tropfende Wasser. Da bemerkte er in der Mauer, die sich nur wenig neben dem Weg befand, eine unscheinbare Pforte. Er war schon oft hier entlang gegangen, aber die hölzerne Pforte war ihm noch nie aufgefallen. Der Spaziergänger überlegte. Der Regen hatte fast aufgehört und die Sonne schimmerte hinter der Wolkendecke. Feiner Nebel lag über der weißen Graupelschicht, die den Boden bedeckte.

Der Spaziergänger zögerte noch einen Augenblick, dann ging er zu der Pforte und drückte die Klinke herunter. Sie war verschlossen. Trotzdem versuchte er es noch einmal und merkte, dass die Tür nicht verschlossen war, sondern nur klemmte. Er versuchte ein weiteres Mal, sie zu öffnen. Sie bewegte sich ein wenig. Offenbar war die Pforte schon seit langer Zeit nicht mehr benutzt worden. Er sollte vielleicht lieber weitergehen und die Tür vergessen. Wie kam er überhaupt dazu, hier eindringen zu wollen? Hinter der Mauer befand sich ja nur offenes Land, ebenso wie weiter vorne, am Ende der Mauer, welche übrigens keinem besonderen Zweck diente. Trotzdem versuchte er nochmals, die Tür zu öffnen. Er stemmte sich dagegen, sie bewegte sich langsam, die schweren Angeln kreischten, und widerstrebend ließ sich die Pforte ein Stück weit öffnen, so dass der Spaziergänger in den dahinter liegenden Garten blicken konnte.

Ein Garten? Er hätte nie für möglich gehalten, dass es hier einen Garten gab. Er sollte wohl besser gehen jetzt, sicher war der Garten Privatbesitz, in den er nicht so ohne weiteres eindringen durfte, doch irgendetwas, er wusste selbst nicht was, veranlasste ihn, durch die Pforte weiter zu gehen.

Es war ein sehr schöner Garten, wie er noch nie einen gesehen hatte, gepflegt und lieblich. Der Frühling schien hier viel weiter fortgeschritten zu sein, außerdem fiel ihm auf, dass hier der Boden nicht mit einer Graupelschicht bedeckt war und die Sonne bereits durch die Wolken schien; der Garten musste von dem örtlichen Schauer verschont worden sein.

Der Spaziergänger ging weiter auf einem schmalen Kiesweg entlang. Doch der Kies schien weich, seine Schritte verursachten kaum ein Geräusch beim Gehen. Der Rasen war sorgfältig geschnitten, von vielen ovalen und runden Beeten unterbrochen, in denen bunt und harmonisch die herrlichsten Blumen blühten. Es führten mehrere Wege durch den Garten, an ihren Kreuzungen plätscherten kleine Springbrunnen in steinernen Becken.

Wie unglaublich still und friedlich es hier war. Der Spaziergänger atmete den süßen und doch unaufdringlichen Duft der Blumen ein und hatte völlig vergessen, dass er offenbar fremdes Eigentum betreten hatte.

Nach einer Weile sah er hinter einer niedrigen Hecke an einem der Blumenbeete einen alten Gärtner arbeiten. Er trat näher, sah ihm eine Weile etwas verlegen zu und wusste nicht, ob er ihn ansprechen oder sich lieber unauffällig davonmachen sollte, ehe man ihn für sein unberechtigtes Eindringen hinauswerfen würde. Während er noch überlegte, hatte ihn der Gärtner schon bemerkt. Der Spaziergänger versuchte sich eben eine Ausrede zurechtzulegen, aber der Gärtner sah ihn freundlich, allerdings ein wenig überrascht an und schien dem Eindringling nicht im mindesten einen Vorwurf machen zu wollen.

Der Spaziergänger wollte zu einer Erklärung ansetzen, als der Gärtner sagte: »Das ist schön, dass doch wieder einmal jemand herkommt.«

Der Spaziergänger vergaß augenblicklich seine Entschuldigung, die er hatte vorbringen wollen und fragte verwundert: »Wem gehört denn dieses Land hier?«

»Wem es gehört?« Der Gärtner schien erstaunt, »ja, wem gehört es eigentlich? Eine interessante Frage.«

Der Gärtner sprach nicht weiter und der Spaziergänger sagte verwirrt: »Der Garten muss doch irgendjemandem gehören. Wer hat Sie denn eingestellt und bezahlt Sie?«

»Bezahlen? Ach ja, natürlich. Ich hatte schon vergessen, wie die Menschen sind. Kein Wunder, dass niemand mehr hierher kommt. Wie sind Sie denn überhaupt hier hereingekommen?«

Jetzt war der Mann wohl doch ärgerlich über sein Eindringen, dachte der Spaziergänger und sagte: »Ich habe mich vor dem Graupelschauer draußen unter einem Baum untergestellt und dabei zufällig eine Pforte bemerkt, die mir bisher noch nie aufgefallen war. Ich habe sie geöffnet und bin hereingekommen.«

Er überlegte, welchen Grund er eigentlich gehabt hatte, hereinzukommen, aber er wusste keinen und schwieg.

»Ein Graupelschauer?«, fragte der Gärtner und sah ihn an, »durch die Pforte sind Sie gekommen? Das ist allerdings interessant. Ich dachte, sie müsste längst so verrostet sein, dass sie sich nicht mehr öffnen ließe.«

»Sie ließ sich auch sehr schwer öffnen. Ich weiß selbst nicht, warum ich es tat. Sie müssen mein Eindringen entschuldigen. Ich hatte kein Recht dazu.«

»Aber ich bitte Sie, warum entschuldigen Sie sich denn? Jeder kann hierher kommen, der es möchte.«

»Jeder? Ist das ein öffentlicher Park? Ich wusste überhaupt nichts von seiner Existenz.«

»Ein öffentlicher Park? Das vielleicht nicht gerade, jedenfalls nicht so, wie Sie es meinen. Ich sehe schon, Sie verstehen nicht. Kein Wunder, dass die Menschen diesen Garten vergessen haben.«

Der Spaziergänger fragte sich, was er von dem eigenartigen Gärtner halten sollte. War der Mann verrückt? Wahrscheinlich sollte er einfach gehen, aber irgendetwas hielt ihn zurück und wie ein Verrückter kam ihm sein Gegenüber eigentlich nicht vor, so fragte er: »Warum haben die Menschen denn den Garten vergessen?«

»Das fragen Sie mich? Ich weiß es auch nicht. Es waren noch nie viele Menschen hier, aber seit langer Zeit kommt überhaupt niemand mehr. Ich fragte mich manchmal schon, ob es überhaupt noch Sinn hat, den Garten zu pflegen. Aber ich kann nicht anders, ich kann ihn nicht verkommen lassen. Und es hatte einen Sinn. Sie sind gekommen.«

»Ja, ich bin gekommen, wenn ich auch nicht recht weiß, warum.«

»Na, wenn Sie es nicht wissen.«

»Ich weiß es wirklich nicht. Aber warum weiß niemand von diesem Garten? Mir ist die Pforte erst heute aufgefallen, obwohl ich schon oft draußen vorbeigegangen bin. Was ist das hier für ein Garten?«

Der Gärtner zögerte einen Augenblick, ehe er antwortete: »Das müssen Sie selbst entscheiden, was er für Sie ist.« Dann wandte er sich wieder seiner Arbeit zu, drehte sich aber noch einmal halb um und sagte: »Gehen Sie nur weiter durch den Garten, lauschen Sie auf seine Stille und erkennen Sie selbst, warum Sie hier sind.«

Der Spaziergänger tat, wie ihm geheißen und ging die Wege entlang. Er kam an vielen Blumenbeeten vorbei, eines schöner als das andere, an einem Teich, an Hecken und an Bäumen. Überall die gleiche vollkommene Stille und Harmonie. Nie hatte er einen solchen Frieden verspürt. Träumte er nur? Wo war er?

Irgendwann traf er wieder auf den Gärtner, der noch immer bei seiner Arbeit an dem Blumenbeet war. War er im Kreis gegangen oder arbeitete der Gärtner jetzt an einem anderen Beet? Es sah alles so gleich und doch immer wieder neu aus.

Der Gärtner bemerkte ihn sofort, trat an den Weg und sah ihn fragend an.

Der Spaziergänger wusste nicht recht, was er sagen sollte, er war noch immer zu verwirrt von dem allen und schwieg.

»Sie sind verwirrt«, bemerkte der Gärtner, »Sie wissen immer noch nicht, wo Sie sind.«

»Nein, nicht so recht.«

»Ja, wie ich schon sagte, das muss jeder selbst herausfinden. Ich kann Ihnen da nicht helfen. Wie gefällt es Ihnen denn hier?«

»Es ist wundervoll. Ich habe noch nie einen so schönen und friedlichen Garten gesehen, einen so … ich weiß nicht, wie ich ihn beschreiben soll.«

»Und Sie fühlen sich besser jetzt als vorher?«

»Ja, das tue ich.«

»Sie hatten Sorgen, als Sie draußen die Pforte entdeckten. Es gab ein Problem, mit dem Sie nicht fertig werden konnten. Oder Sie mussten eine Entscheidung treffen und wussten nicht wie.«

»Ja«, sagte der Spaziergänger zögernd, »das stimmt.«

»Lassen Sie den Garten auf sich wirken und Sie werden eine Lösung finden.«

»Aber es ist alles so unwirklich. Wie in einem Traum. Als wäre alles … eine Vision.«

»Ja, Träume … Visionen … gibt es das noch … in dieser Welt?«

Der Gärtner wandte sich langsam und nachdenklich wieder seiner Arbeit zu, während der Spaziergänger den Garten betrachtete. Er begann zu spüren, was der alte Mann meinte. Dies war kein gewöhnlicher Garten.

»Ich denke, ich weiß jetzt, was Sie meinen«, sagte der Spaziergänger.

Der Gärtner sah von seiner Arbeit auf und lächelte.

»Ich glaube«, sagte der Spaziergänger, »ich werde oft hierher kommen.«

Da wurde der Gärtner ernst und sagte: »Das glaube ich nicht. Es ist bisher niemandem gelungen, die Pforte ein zweites Mal zu finden. Überlegen Sie gut, bevor Sie gehen. Sie werden nicht noch einmal wiederkommen können.«

Der Spaziergänger glaubte nicht daran, er hatte sich die Stelle der Pforte genau gemerkt und er sagte: »Wir werden sehen.«

Der Gärtner sah ihn lange an, schüttelte den Kopf und machte sich wieder an die Arbeit. Der Spaziergänger sah ihm noch eine Weile zu, doch der Gärtner schien ihn vergessen zu haben und sagte nichts mehr. So ging der Spaziergänger weiter durch den Garten, bis er plötzlich vor der noch immer halb offenen Pforte stand, durch die er gekommen war.

Er blickte lange zurück, verließ den Garten und stand wieder unter dem Baum wie vorhin. Noch immer tropfte Regen von den Blättern. Die Wolkendecke begann eben aufzureißen. Er hatte sich bestimmt viel zu lange aufgehalten, hatte die Zeit vollkommen vergessen und sah jetzt nach der Uhr. Aber es war kaum später als vorhin. Seine Uhr musste stehengeblieben sein.

Er drehte sich um, wollte die Pforte, durch die er eben gekommen war, wieder schließen, doch sie war bereits geschlossen, ja mehr noch, nichts in der Mauer wies darauf hin, wo sie sich befunden hatte. Der Spaziergänger ging langsam weiter bis ans Ende der Mauer und wandte sich um. Aber jenseits der Mauer lag nur offenes, karges Land vor ihm.

Da wusste er endlich, dass der alte Mann Recht gehabt hatte, er würde die Pforte nicht mehr finden. Er bereute, dass er nicht noch geblieben war. Ob er dort hätte für immer bleiben können? Das wäre wohl nicht möglich gewesen, er musste in sein Leben zurück und er würde es bewältigen.

Weshalb war gerade er auserwählt, diesen Garten zu betreten? Oder war alles nur ein Traum gewesen? Eine Vision? Wie war das möglich? Was war es, das ihm widerfahren war?

Aber er wusste, wenn er es auch noch immer nicht recht verstand, dass sein Aufenthalt dort einen Sinn gehabt hatte. Und vielleicht, eines Tages, würde er doch die Pforte wiederfinden.

DER LEUCHTTURM

Ganz am Ende der Landzunge befand sich ein alter Leuchtturm. Bei Ebbe konnte man ihn über die Klippen zu Fuß erreichen, doch bei starkem Wind oder gar bei Sturm war das ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen, denn die Felsen waren zerklüftet und zum Teil mit Algen überwuchert. Bei Sturm wurden sie auch bei Ebbe noch von der Brandung überspült.

Bei Flut war der Leuchtturm vom Festland abgeschnitten. Wegen der unregelmäßigen Felsen war die direkte Überfahrt mit einem Boot nicht zu empfehlen. Nur von der nächsten Landzunge aus konnte der Leuchtturm dann von der Seeseite her erreicht werden. Bei starkem Sturm war er wegen der gefährlichen Brandung völlig abgeschnitten. Doch auch bei stärksten Stürmen erreichten die Wellen seine Grundmauern auf einem erhöhten Felsplateau nur selten.

Die Küste war überall hier rau und zerklüftet, nur wenige Pflanzen trotzten dem kalten Wind. Einige Häuser lagen verstreut und einsam in etwas geschützteren Senken. Das nächste Dorf war eine gute Wegstrecke entfernt.

Früher hatte es einen Leuchtturmwärter gegeben, seit einigen Jahren jedoch sandte der Leuchtturm jede Nacht automatisch gesteuert sein elektrisches Licht in die Ferne. Nur einmal die Woche sah jemand aus dem Dorf hier nach dem rechten. Welch einsames Leben mochten die Wärter über Jahrhunderte hier geführt haben. Jetzt standen die kleinen Räume im Inneren der ausladenden Mauern leer, die Tür war stets verschlossen.

Vergeblich hatte an diesem Nachmittag eine Frau an der Tür des Leuchtturms gerüttelt und sich dann auf einen Felsen gesetzt. Sie blickte die hohen Mauern empor, fest und unverrückbar standen sie da, wie gegerbt vom salzigen Wind. Wie ein Symbol für Stärke erschien ihr der Leuchtturm. So wie er den Stürmen des Meeres müsste man den Stürmen des Lebens trotzen.

Wo hatte sie eigentlich hingewollt, als sie sich verfahren hatte auf den kleinen Straßen und ihr Weg sie in der Nähe des Leuchtturms vorbeigeführt hatte? Nur für einen Augenblick hatte sie den Leuchtturm von weitem gesehen, hatte ihr Auto abgestellt, war den schmalen Pfad herunter gewandert und über die Felsen herüber geklettert.

Zeit hatte sie, Zeit für diese kleine Wanderung, Zeit hier zu sitzen, auf dem Felsen über dem Meer, das Haar vom Wind zerzaust. Zeit hatte sie, Zeit nachzudenken, an sich zu denken. Nie hatte sie an sich gedacht, immer nur an anderes. Gedacht an so vieles, aber nie erkannt, was wirklich wichtig und wesentlich war. Sie hatte gelebt, wie man eben lebte. Wer hatte dieses »man« geschaffen?

War es noch Zeit für sie zur Umkehr, noch Zeit für einen Neubeginn? Konnte alles anders sein? Konnte sie frei sein? Was war Freiheit überhaupt? Und wie weit hatte man sein Schicksal selbst in der Hand?

Der Sommer ging zu Ende, oder war er es schon? War es schon Herbst? So unmerklich waren manchmal die Übergänge, ein ewiger Kreislauf von Vergänglichkeit und Wiedergeburt. Was jetzt dahinschwand, verwelkte, verdorrte, zerfiel, daraus würde neues Grün, neues Leben entstehen, im nächsten Frühling.

Wie weit und schön das Meer vor ihr lag, unter einer blauen Kuppel, deren Vollkommenheit die Ewigkeit erahnen ließ, die sie geschaffen hatte und die Unendlichkeit, die sich dahinter verbarg.

Die Sonne näherte sich dem Horizont. Bald würde der Leuchtturm sein Licht in die Nacht senden. Das Wasser stieg langsam höher. Ebbe und Flut, ewiges auf und ab, seit ungezählten Jahren. Wie das ständige auf und ab des Lebens.

Sie musste zurück, ehe die Flut kam und das steigende Wasser ihr den Weg abschnitt. Die Wellen brandeten gegen die Felsen, Spritzer nässten ihre Schuhe. Sie musste sich beeilen.

Sie erreichte den Hügel und stieg nach oben. Dort drehte sie sich um und sah lange auf den Leuchtturm, der inzwischen fast ganz vom Festland abgeschnitten war. Dieses Bild wollte sie niemals vergessen. Dann wandte sie sich ab und ging den schmalen Pfad zurück. Hinter ihr berührte die Sonne fast schon das Wasser. Es würde ein langer Weg zurück sein. Und ein langer Weg lag vor ihr. Wohin führte er sie? Sie würde es erst wissen, wenn sie am Ziel angelangt war.

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23 aralık 2023
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9783957448316
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