Kitabı oku: «Das Geheimnis der Brüder Tengye»

Yazı tipi:

Andrea Instone

Das Geheimnis der Brüder Tengye

Eine Gothic Novel


Eine Gothic Novel

Inhaltsverzeichnis

1  Das Geheimnis der Brüder Tengye

2 Abschied ohne Worte

3 Nach vorn sehen

4 Neues Leben

5 Gawen Tengye

6 Dunkle Träume

7 Tengye Hall

8 Vertraute Fremde

9 Arthur Tengye

10 Heimlichkeiten

11 Morwenna Hammett

12 Das größte Glück

13 Mrs. Arthur Tengye

14 Die Toten ruhen nicht

15 Licht und Düsternis

16 Tristan Williams

17 Lüge und Verstellung

18 Rettung?

19 Hoffnung

20 Heimat

21 Impressum

Orientierungsmarken

1 Inhaltsverzeichnis

Abschied ohne Worte

Bonn, September 1845

Als ich die Arscotts kennenlernte, ahnte ich nicht, wie diese Begegnung mein Leben verändern würde. Wie viele ihrer englischen Landsleute bereisten sie das Rheintal, das mit seinen Burgen und dem milden Klima ein beliebtes Ziel war, nachdem wenige Wochen zuvor Königin Victoria dieselbe Reise in die Heimat ihres Ehemannes unternommen hatte.

Wir trafen vor der Statue Beethovens zusammen. Iseuld spielte mit ihren Kindern Fangen, was ihre Mitreisenden empörte. Ich aber freute mich, wie die beiden Kleinen lachten, und beneidete sie sogar, denn ein solch ausgelassenes Miteinander kannte ich von meiner Familie nicht.

Vielleicht sollte ich dort beginnen: bei meiner Familie. Papa und ich lebten bei meinem Bruder Carl und seiner Gattin Bertha, ständig bemüht, ihnen nicht zur Last zu fallen. Deshalb hatte ich es übernommen, ihren verwöhnten Kindern Englisch, Französisch und Klavierspiel beizubringen. Weshalb Bertha die Gouvernante entlassen hatte; wenn sie auch nur einen Taler einsparen konnte, dann sagte sie nicht Nein. Als Schwägerin oder gar Schwester hatte sie mich eh nie betrachtet und so fiel es ihr leicht, in mir nichts weiter als eine Angestellte zu sehen. Eine, die nicht mehr kostete als einen Platz am Tisch und ein abgelegtes Kleid dann und wann.

Dafür erwartete sie viel: Luise und Alexander sollten manierlich schreiben, plaudern, musizieren und singen, niemandem außer mir auf die Nerven fallen und vor Gästen Eindruck machen. Beide waren hübsch, eitel und ließen sich gerne vorführen; sie spielten die Bescheidenen und taten so, als hingen sie an mir. Und ich tat so gut mit, dass mein Bruder nicht begriff, wie es wirklich um seine glückliche Familie stand.

Carl war es ein echtes Bedürfnis, Papa und mir zu helfen. Er betrachtete mich als seine Schwester, ohne Wenn und Aber, obwohl Bertha versucht hatte, mich als ferne Verwandte hinzustellen. Der Altersunterschied zwischen uns und dann noch meine Mutter – wie könne er da von Schwester sprechen? Überhaupt, meine Mutter! Was der alte Füssenich sich nur gedacht habe! Doch wie sie sich auch bemühte, in diesem Punkt ließ Carl sich nicht reinreden: Es habe sein Vater, wie jeder andere Mann, das Recht, seinem Herzen zu folgen, und er als sein Sohn habe die heilige Pflicht, sich um ihn und die Schwester zu kümmern. Oder wolle Bertha etwa die Frau eines Sünders sein?

Das wollte Bertha nicht, das hätte sich im Kreis ihrer vornehmen Freundinnen nicht gut gemacht. Vor ihnen sprach sie von mir als ihrer lieben Schwester, ohne deren Hilfe sie nicht leben könne. Dennoch wollte sie mich zu gerne loswerden und gelegentlich nahm sie mich zur Seite, um mir irgendeinen Mann schmackhaft zu machen. Sie ließ mich spüren, wie mein Vater und ich eine Belastung darstellten. Täglich klagte sie, dass sie nicht Herrin ihres Hauses sei und ständig Rücksicht auf einen Kranken nehmen müsse. Ebenso oft erklärte sie mir, wie schlecht es um die Finanzen der Füssenichs stünde: »Meine liebe Anna, Rücklagen haben wir keine und träfe uns ein Unglück, so wüssten wir kaum noch unser Essen zu bezahlen. Wenn du dich nur ein wenig freundlicher geben wolltest, dann würde der Herr Kommerzienrat Weber dir einen Antrag machen.«

Mit Kommerzienrat Weber kam sie mir seit Wochen ständig. Weit über fünfzig war der und drei Ehefrauen hatte er bereits unter die Erde gebracht. Allgemein ging man davon aus, dass sie es dort besser hatten. Er war ein Schwätzer und Vielfraß und verstand von nichts etwas außer vom Handel. Und als einen Handel sah er auch die Ehe an. In seinem Haus standen ein ungenutztes Klavier und ein leeres Bett – weshalb nicht eine vierte Frau nehmen und sich an Klavier wie Bett wieder erfreuen? Und warum nicht die Schwester vom Carl Füssenich? Schadete nicht, einem Bankier die Last abzunehmen, das konnte sich mal als nützlich erweisen. Und als Tochter vom alten Füssenich würde ich seine kulturbeflissenen Freunde am Klavier beeindrucken können.

Ja, bestimmt hatte Kommerzienrat Weber eine solche Rechnung aufgestellt und Bertha darauf hingewiesen, dass ich ein gutes Geschäft machen würde. Dass ich mit meinem hellen Haar, der fehlenden Mitgift und meinem Alter weder der herrschenden Mode noch dem Geschmack der meisten Herren entsprach, das erwähnte Bertha dauernd. »Meine liebe Anna, Kommerzienrat Weber ist ein reizender Herr in den besten Jahren und sehr verständnisvoll. Er wird dich gut versorgen und sogar deinen lieben Papa aufnehmen. Wie glücklich wir alle dann wären.«

Ich wäre glücklicher, wenn Papa mir erlaubt hätte, anderswo als Gouvernante zu arbeiten. Doch davon wollte er nichts hören. »Familie, Anna«, sagte er dann immer und zeigte mir auf, wie Carl dastünde, wenn ich mich so weit unter Stand begeben würde. Und selbst für seine eigensüchtige Schwiegertochter hatte Papa Verständnis; jede Frau wolle doch ihr Heim für sich und ihre Familie haben. »Und unter ihrer Anleitung sind deine Aussichten auf einen Ehemann höher als anderswo. Nimm mir diese Hoffnung nicht, mein Kind, ich möchte dich glücklich sehen. So glücklich, wie ich mit deiner Mama war.«

Manches Mal ging seine Rede im Husten unter, der ihn heftiger schüttelte mit jedem Monat. Heute denke ich, mein Vater wusste, wie wenig Zeit ihm blieb, ich aber träumte weiterhin von seiner Genesung. Um seinetwillen hielt ich durch.

An diesem Nachmittag Mitte September war Bertha mit den Kindern zu einer Feier geladen und so unternahm ich einen Spaziergang durch die Stadt. Es war ein sonnig warmer Tag und ohne festes Ziel ließ ich mich treiben. Ich hing meinem Lieblingstraum nach: Wenn Papa wieder gesund wäre, wollte ich mit ihm einen Musikalienhandel eröffnen. Sein Name galt etwas und vielleicht würden uns seine früheren Auftraggeber mit einem Kredit auf die Beine helfen. Wie viel die Musiker Bonns zuwege brachten, hatten sie mit dem Denkmal für unseren guten Beethoven bewiesen – da würden sie auch etwas für Papa tun können, der ihnen viele Jahre treu zur Hand gegangen war. Immer hieß es, es gäbe keinen besseren Notenstecher im gesamten Rheinland und keinen, der mehr Liebe zur Musik habe als Georg Friedrich Füssenich.

In diese Träumerei drangen Iseulds Lachen und das fröhliche Glucksen ihrer Kinder. Und die Stimme Caradocs, der sie amüsiert anfeuerte. Erst als ihre Reisegesellschaft sich um den älteren Herrn versammelte, der ihnen die Schönheiten meiner Stadt erklärte, unterbrachen die Arscotts ihr Spiel. Ich trat näher heran; es war lange her, dass ich Englisch hatte sprechen hören. Als aber dieser wichtigtuerische Mann mit Jahreszahlen und Geschichten um sich warf, die falscher kaum sein könnten, da musste ich sehr an mich halten.

Vermutlich las Iseuld an meiner Miene ab, was ich dachte. Sie zwinkerte mir zu und sprach mich an, als würden wir uns seit Kindertagen kennen. »Mr. Goodwill gibt wohl argen Unsinn von sich? Ich vermute das schon seit Tagen, aber ich habe nicht das Herz, ihn darauf anzusprechen.«

Es erstaunte mich, wie freimütig sie mit einer Fremden sprach, und schwieg überrascht.

»Oh, entschuldigen Sie, ich wollte mich nicht aufdrängen.«

»Aber nein.« Rasch hielt ich sie zurück. »Und Sie haben recht; Ihr Mr. Goodwill weiß nicht, wovon er spricht. Was verzeihlich wäre, wäre er dabei amüsant.«

»Amüsant? Himmel, nein. Jede Anekdote trägt er so ernst vor, dass es schmerzt. Aber sehen Sie, wie meine Mitreisenden an seinen Lippen hängen. Als verkünde er das Evangelium.« Sie beugte sich vertraulich an mein Ohr. »Wir reisen mit Dummköpfen.«

»Nicht dümmer, als es die meisten Menschen sind«, flüsterte ich zurück.

Leise lachte sie. »Nun, so ist es eben, wenn man sich einer Gruppe anschließt, weil man glaubt, es mache das Reisen einfacher. Aber denken Sie bitte nicht, ich wäre boshaft. Ich bin nur enttäuscht.«

»Nicht zu sehr, hoffe ich? Es täte mir leid, nähmen Sie keine freundliche Erinnerung an meine Stadt mit.«

»Wenn Sie uns Bonn zeigen, dann wird das nicht geschehen.« Sie wartete meine Antwort nicht ab, sondern winkte ihren Mann heran und erklärte, sie würden nun mit mir die Stadt besichtigen.

Er schien daran gewöhnt zu sein, die Wünsche seiner Frau zu erfüllen. Lächelnd verbeugte er sich. »Ich nehme an, Sie wissen nicht einmal, mit wem Sie es zu tun haben. Wenn ich uns vorstellen darf: Caradoc Arscott aus London. Meine Gattin hört auf den Namen Iseuld. Manchmal zumindest.«

Caradoc war charmant und wie Iseuld frei von Förmlichkeit; er war mir auf Anhieb sympathisch. Ganz, wie es sich gehörte, knickste ich und stellte mich vor. »Anna Füssenich.«

»Ach herrje«, rief Iseuld aus, »Fussänisch? Sie können nicht erwarten, dass wir diesen Namen aussprechen. Lassen Sie mich Anna sagen, ja?«

Ich stimmte zu, denn längst kam es mir so vor, als wären wir langjährige Vertraute. Iseuld schien mir kaum älter als ich zu sein und als auch noch ihr Töchterchen, ein Mädchen von vier Jahren etwa, nach meiner Hand griff, schmolz ich dahin.

»Das ist Jenefer. Sie hat ein gutes Gespür für Menschen.«

Ich bückte mich zu Jenefer, dankte für ihre Aufmerksamkeit und fragte nach dem Namen ihres Bruders. Mit wichtiger Miene zog sie den Jungen heran und stellte ihn als ihren Zwillingsbruder Petrok vor. Beide waren sie so zart und dunkelhaarig wie ihre Mutter, doch der Namen wegen und weil Caradoc groß, breit und rothaarig war, hielt ich die Arscotts für Schotten. Doch ich irrte mich Aus Cornwall stammten sie und sowohl in Caradocs wie auch in Iseulds Familie pflegte man die alten Namen der Gegend. Das schien mir eine tiefe Verbundenheit zu zeigen – zu den Ahnen, zur Vergangenheit, zur Heimat.

Wir spazierten gute drei Stunden durch die Straßen und Gassen Bonns. Ins Münster führte ich die Arscotts und zur Universität; ich zeigte ihnen, wo Beethoven geboren worden war und wo der englische Prinzgemahl Albert gewohnt hatte. Dabei unterhielten wir uns mit einer vertrauten Leichtigkeit, die man selbst unter Freundinnen nur selten findet. Bald sprach ich von Bertha und wie mir nicht viel anderes bliebe, als einen von ihr gewählten Mann zum Gatten zu nehmen.

Ein Vorhaben, das sowohl Iseuld wie auch Caradoc unklug erschien. Natürlich müsse eine junge Frau darauf achten, wie ihr zukünftiger Mann aufgestellt sei; es überdauere kaum eine Liebe Jahrzehnte der Armut. Aber eine Ehe nur aus finanziellen Gründen zu schließen, sei ebenso dumm. Um glücklich zu werden, bedürfe es des guten Charakters beider Parteien, der gegenseitigen Zuneigung und der Sicherheit, eine Familie versorgen zu können. Wo eine dieser Voraussetzungen fehle, so erklärte Caradoc, wäre eine Dame besser beraten, eine Stelle als Gouvernante anzunehmen. Eine solche Stelle ließe sich bei meinen Kenntnissen und meiner liebenswürdigen Wesensart leicht finden.

»Es kann in Deutschland so anders nicht sein als bei uns. Wir alle wollen unsere Kinder in den besten Händen wissen und jemand wie Sie, Miss Anna, wäre für jede Familie ein höchst willkommenes Mitglied.«

Ich dankte für das Kompliment, das mir aufrichtig wohltat. Als es Zeit für mich war, nach Hause zu eilen, verabredeten wir uns erneut für den nächsten Tag. Die Arscotts wollten eine Kutsche mieten und nach Brühl hinausfahren und unbedingt müsse ich mitkommen. Ich wollte nichts versprechen, da ich Berthas Pläne nicht kannte, aber als Iseuld mich daran erinnerte, dass ich eben nicht die Gouvernante sei, sondern die Schwägerin, sagte ich zu.

Daheim angelangt empfing mich Bertha mit Vorwürfen. Wo ich so lange gesteckt habe, wollte sie wissen. Was mir denn einfiele, über Stunden alleine unterwegs zu sein, und ob ich den guten Ruf der Füssenichs mit Füßen treten wolle. Das brachte mich zum Kichern und ich erwiderte, das läge in meiner Natur, sonst hieße ich ja Händenich. Was Bertha noch böser machte. Gerne hätte sie mich auf mein Zimmer gesandt, aber Carl verbat sich die Schimpferei; seine Schwester sei kein Kind mehr und als anständiges Fräulein bekannt, dürfe sie einmal einen Spaziergang unternehmen, ohne dass sein Ruf darunter leide.

Bertha gab Ruhe. Und bemerkte wie nebenbei, ich solle morgen Nachmittag ihr grünes Kleid tragen und Marie bitten, meine Haare zu locken. »Vielleicht legst du ein wenig von dem Balsam auf, dass du frisch und nett aussiehst.«

Der Balsam. Schminke war es, die Bertha in Paris bestellte und so geschickt auflegte, dass sie oftmals für jünger gehalten wurde, als sie war. Ich fand das albern. Bertha war dreißig Jahre alt und bereits Mutter zweier großer Kinder – was wollte sie da aussehen wie ein junges Mädchen? Ich kicherte wieder, bis mir aufging, weshalb sie wollte, dass ich frisch und nett aussehe und ihr grünes Kleid trage: Kommerzienrat Weber würde mit uns Tee trinken und mich danach zu einem Konzert ausführen.

»Aber liebe Bertha, ich würde niemals Carls Ruf schädigen wollen! Ich kann unmöglich mit einem Herrn in der Öffentlichkeit erscheinen. Was denkst du dir nur?«

»Es spricht nichts dagegen, mit deinem Verlobten ein Konzert bei Freunden zu besuchen. Carl hat seinem Antrag bereits zugestimmt.«

Mein Verlobter? Und Carl hatte zugestimmt? Entsetzt drehte ich mich zu ihm und verlangte zu erfahren, wie er dazu käme. »Ich habe wohl auch ein Wörtchen mitzureden in dieser Angelegenheit, meinst du nicht?«

Ehrlich erschrocken schaute mein Bruder mich an und fragend blickte er zu Bertha, die mit den Schultern zuckte und ihre Suppe löffelte. Carl räusperte sich. »Nun, liebe Anna, Kommerzienrat Weber versicherte mir, er habe dein Herz errungen. Du willst ihn doch nicht der Lüge bezichtigen?«

»Mein Herz? Natürlich lügt er! Hast du ihn dir einmal angesehen? Hast du ihm zugehört? Wirklich zugehört? Wie kannst du nur glauben, ich könnte mich in so jemanden verlieben?«

»Aber Anna, er ist ein Geschäftsmann von bestem Ruf. Gelogen hat er keinesfalls und so musst du dir vielleicht den Vorwurf gefallen lassen, mit seinen Gefühlen gespielt zu haben.«

»Bitte?« Das war doch nicht mein Bruder, der da sprach! Ich wandte mich an Bertha. »Was hast du dem Weber gesagt?«

»Welch eine Sprache du führst. Der Weber, ich bitte dich. Ich habe immer gesagt, wir lassen dir zu viel durchgehen.«

»Was hast du ihm gesagt?«

»Nichts. Was sollte ich ihm gesagt haben? Erinnere dich bitte, wie es wirklich war.«

Ich wusste nicht, wovon sie sprach.

»Bei Rüttermanns. Der Kommerzienrat war dein Tischherr und du hast seinen Komplimenten so viel Aufmerksamkeit entgegengebracht, dass er sich ermutigt fühlen durfte.«

»Aber ich war nur höflich!«

»Nun, er sagte mir, und er sagte es auch Carl, dass er dir gestanden hat, wie viel er für dich empfindet und dass du ihm …«

»Empfindet? Er sagte, ich sei eine ausgezeichnete Pianistin und er bewundere meinen gesunden Appetit!«

Wieder zuckte Bertha mit den Schultern, doch mein Bruder tupfte sich den Mund ab, legte die Serviette beiseite und schickte die Kinder und seine Frau aus dem Raum. Dann bat er, ich möge nicht brüllen, das sei vulgär. »Anna, du kannst nicht sagen, ich hätte nicht immer das größte Verständnis für dich gehabt, nicht wahr? Und du kannst auch nicht sagen, ich hätte dich jemals dazu gedrängt, dich zu verheiraten. Ich weiß, wie sehr du an Papa hängst und wie er nur für dich noch lebt. Nein, bitte, unterbrich mich nicht. Ich weiß auch, du neigst gelegentlich dazu, mit mehr Temperament zu antworten, als es einer jungen Frau geziemt, und ich habe das nie beklagt. Aber wenn es jetzt dazu führt, dass du einen guten Mann der Lüge bezichtigst, nachdem du deinen weiblichen Charme an ihm erprobt und deine Eitelkeit an seinen Schmeicheleien gestillt hast, dann muss ich dir sagen, es geht zu weit.«

»Meine Eitelkeit? Ich …«

»Nein! Du hörst mir zu. Kommerzienrat Weber hat mich heute Nachmittag in der Bank aufgesucht und um deine Hand angehalten. Und ich war nicht allzu überrascht, denn er hat uns in der letzten Zeit öfter aufgesucht als sonst. Dass er nicht um meinetwillen kommt oder um Luises Klimperei zu lauschen, muss dir ebenso klar gewesen sein wie mir. Ich habe dich mehr als einmal im Gespräch mit ihm gesehen und deine Miene, Anna, war stets von Liebenswürdigkeit und Entgegenkommen. Jeder Mann hätte geglaubt, du nehmest seine Komplimente gerne entgegen. Wenn ich jemals Ermutigung gesehen habe, dann bei dir.«

»Dann weißt du nicht, wie Ermutigung aussieht. Oder du bist blind!«

»Anna!«

»Auf keinen Fall heirate ich Weber!«

»Ich habe ihm mein Wort gegeben!«

»Dann heirate du ihn!«

»So also zeigst du deine Dankbarkeit?«

»Dir bin ich dankbar, wirklich, aber Bertha …«

»Ruhe jetzt! Gegen meine Gattin kein Wort! Nicht jede Frau hätte dich aufgenommen, wie sie es tat.«

»Da magst du wohl recht haben!«

Carl blickte mich an, böser, als ich ihn jemals gesehen hatte. Dann holte er tief Luft. »Ich möchte nicht mit dir streiten und ich billige dir zu, aufgeregt zu sein, da dein Handeln dich in diese Lage gebracht hat. Aus dir spricht die verständliche Bangigkeit einer jungen Frau vor der Ehe. Aber ich versichere dir, der Kommerzienrat ist ein anständiger Mann, der selbst in Herrenzirkeln nie auch nur ein unziemliches Wort über eine Frau fallen lässt. Du kannst dich ihm völlig anvertrauen.«

»Damit er mich auch ins Grab bringt? Das willst du für mich?« Ich stand auf und setzte mich neben meinen Bruder. »Liebster Carl, ich versichere dir aufrichtig, ich habe ihm niemals Hoffnung gemacht, sondern im Gegenteil sogar erklärt, dass ich nicht an die Ehe denke.«

»Anna, er hat dich gefragt, ob es einen Mann gibt, an den du denkst. Und du hast das verneint. Was hast du denn geglaubt, worauf er mit dieser Frage abzielt?«

»Er stellt mir immerzu unverschämte Fragen, wie sollte ich da …«

Carl nahm meine Hände, seufzte. »Höre mich an: Unser Vater ist ein alter Mann, der sehr krank ist und mir oft gesagt hat, wie sehr er sich wünscht, deine Zukunft gesichert zu sehen. Selbstverständlich werde ich auch für dich sorgen, solltest du niemals heiraten, aber es muss dir klar sein, dass es nicht ausreichen kann, um dir ein sorgenfreies Leben zu garantieren.«

»Aber das erwarte ich nicht. Und Papa und ich – schau, wenn du uns hilfst, ein Geschäft …«

»Was ist das nur immer für eine Idee mit der Musikalienhandlung? Anna, mach die Augen auf: Vater ist deshalb zu mir gezogen, weil er nicht erleben wollte, wie du an seiner Pflege zugrunde gehst und als alte Jungfer zurückbleibst. Nichts wünscht er sich so sehr, als dich in guten Verhältnissen zu wissen, und niemand könnte besser dafür sorgen als Bertha und ich. Vergiss einmal, dass ich dein Bruder bin, sieh in mir etwas wie deinen zweiten Vater – einen, der tatkräftig ist und sich auskennt in der guten Gesellschaft und deshalb tun kann, was dein Papa nicht mehr erledigen kann.«

»Papa wünscht sich mein Glück, nicht …«

»Anna, wie kann dein Glück darin bestehen, Bertha zu brüskieren, die dich so sehr liebt? Wie kannst du Glück darin finden, meinen Rat zurückzuweisen und deinen kranken Vater mit seiner Sorge um dich zu quälen?«

Carl hatte recht, Papa wünschte sich all das. Aber niemals würde er wollen, ich heirate den falschen Mann. Das sagte ich Carl und bat ihn, mir zu helfen. »Ich bin ja bereit, zu heiraten, wirklich, ich werde mich nicht sträuben, wenn du mir einen bringst, der zu mir passt. Aber ich kann Weber nicht heiraten. Bitte, hilf mir. Bitte.«

»Anna, ich habe ihm mein Wort gegeben. Ich kann es nicht zurücknehmen. Wie stünde ich da, wenn der Kommerzienrat mich als Lügner hinstellt? Das kann ich mir nicht leisten, das …«

»Aber wenn er mich wirklich liebt, so wird er über diese Geschichte schweigen. Carl, bitte, ich …«

Ich weiß nicht, ob ich meinen Bruder überzeugt hatte, denn meine Schwägerin trat ins Zimmer. Sie lächelte und zog mich mit sich hinauf in den zweiten Stock, wo Papa in seinem Krankenzimmer lag. Zu ihm brachte sie mich, denn nichts Eiligeres hatte sie zu tun gehabt, als zu ihm zu gehen und ihm von meiner Verlobung zu erzählen.

Papa empfing mich mit einem Lächeln, das ich lange nicht von ihm gesehen hatte. Da waren weder Sorge noch Trauer in seinem Blick, ja, er hatte sich sogar aufgerichtet und streckte beide Arme nach mir aus. »Mein liebes, liebes Kind, wie froh ich bin, wie unendlich froh und glücklich. Und deine Mama wird wohl von oben auf dich hinabblicken und dir den Segen des Himmels senden.«

Ich weinte. Vor Freude, Papa so zu sehen. Und vor Trauer über mein Schicksal. Ich brachte es nicht über mich, ihm zu sagen, Bertha habe sich geirrt. Ich sprach nicht davon, wie widerlich mir der Mann war, den er als meinen Retter pries. Stattdessen legte ich mich in Papas Arme und behauptete, so glücklich zu sein wie er. Als Carl dazukam, war keine Rede mehr davon, mir aus dieser Lage herauszuhelfen.

An die Arscotts und unsere Verabredung dachte ich nicht mehr. Ich saß bis spät in die Nacht bei Papa und hörte zu, wie er von Mama sprach, von ihrem Kennenlernen und den glücklichen Jahren, die sie gemeinsam verbringen durften. Er sprach auch von Carls Mutter, der er kaum weniger herzlich zugetan gewesen war und nach deren Tod er nicht gehofft hatte, noch einmal die Liebe zu finden. Ich weiß nicht, ob er mir damit sagen wollte, es könne auch für mich ein zweites Glück geben, wenn der Kommerzienrat nicht mehr lebe; ich würde das gerne glauben, denn Papa musste doch gespürt haben, wie ich wirklich fühlte. Aber er betonte immer wieder, welch eine Last ihm von der Seele genommen sei.

Irgendwann, weit nach Mitternacht, als Papa mehr hustete als sprach, ging ich zu Bett und schnell schlief ich ein. Ich weinte nicht, ich wütete nicht – ich nahm hin, was geschehen würde, das war mir Papas Glück wert. Ich schlief traumlos und tief. Bis Carl mich weckte. Die Sonne schien bereits in mein Zimmer und ärgerlich fragte ich ihn, weshalb man mich so lange habe schlafen lassen.

»Vater hat darum gebeten, dich nicht zu stören. Deine ersten Träume als glückliche Braut sind heilig.«

Was hatte Papa damit zu tun, ob man mich zum Frühstück holte oder nicht? Ich suchte in Carls Gesicht nach der Antwort, doch da nahm er mich schon in die Arme, küsste meine Stirn und bat, ich möge mir rasch etwas überziehen; es bliebe nicht mehr allzu viel Zeit.

Ich hielt mich nicht damit auf, nach meinem Morgenmantel zu greifen. Aus dem Bett hinaus, durch den Flur hindurch und schon stand ich in Papas Schlafzimmer. Da lag mein Vater und war so weiß wie die Kissen, seine Augen lagen in schwarzen Höhlen und sein Atem ging stoßweise. Dennoch versuchte er, sich aufzurichten, als er mich sah, wurde daran jedoch von unserem Hausarzt gehindert.

»Ruhig, alter Freund, dein Mädchen ist ja da.«

Papa wisperte etwas, was kaum zu verstehen war. Nur das Wort Braut war klar und deutlich. Weinend stürzte ich zu ihm, nahm ihn in die Arme, wollte nicht wahrhaben, was geschah. Und hatte nur wenige Augenblicke, mich von ihm zu verabschieden. Mit einem Lächeln starb er, glücklich im Glauben, es werde sein geliebtes Kind Trost in den Armen eines guten Mannes finden.

Gegen elf Uhr hatte ich keine Tränen mehr; leer und taub war ich. Ich ging auf mein Zimmer, unsicher, was ich mit mir anfangen sollte. Ich legte mich hin, verkroch mich unter der Bettdecke. Und fuhr auf, als wenig später Bertha eintrat und mich aufforderte, aufzustehen und mich zurechtzumachen. »Die Nachbarn sind gekommen, dir ihr Beileid auszusprechen. Beeile dich.«

Ich bat sie, statt meiner die Bekundungen entgegenzunehmen; ich konnte und wollte das nicht durchstehen. Das gefiel Bertha nicht, aber dennoch übernahm sie meine Aufgabe und verließ mich. Ich war ihr dankbar, glaubte, sie nehme Rücksicht auf mich. Das Essen ließ sie mir aufs Zimmer servieren, Tee auch und sogar ein wenig Konfekt. Und dann schickte sie Marie zu mir. Um mich schön zu machen für den Besuch des Herrn Kommerzienrats.

Ich rannte zu ihr, fragte, was das solle.

»Beruhige dich bitte. Natürlich werdet ihr euch heute nicht verloben. Nicht offiziell. Aber ich habe ihn von unserem Unglücksfall in Kenntnis gesetzt und selbstverständlich will er sich in dieser schweren Zeit um dich kümmern. Wenn du deine Karten geschickt ausspielst, mag es sein, er zahlt die Kosten für die Beerdigung.«

Ich verstand sie nicht. Wie konnte sie an einem solchen Tag an so etwas denken? Wie konnte überhaupt irgendwer an irgendetwas denken? Ich konnte keinen einzigen Gedanken fassen, ich war überwältigt von Trauer.

»Aber Anna, fasse dich doch bitte. Dein Vater war bald siebzig und lange schon krank. Du musst gewusst haben, wie es um ihn steht. Jetzt ist es Zeit, nach vorne zu schauen und den letzten Wunsch deines lieben Papas zu erfüllen.«

Papas letzter Wunsch konnte doch nicht gewesen sein, ich solle ihn in wenigen Stunden schon vergessen und einen widerwärtigen Mann heiraten? Ich sah Bertha an und sah nichts als eine eitle und gemeine Frau, der ich völlig gleichgültig war. Ich musste fort von hier, jetzt gleich.

Ich nickte und sagte, ich wolle einmal noch zu Papa, dann wolle ich mich auf den Nachmittag vorbereiten. Und Bertha glaubte mir! Wie konnte sie nur glauben, ich wolle ihrem Rat folgen an solch einem Tag? Und wie konnte sie seit Jahren schon eine solche Kaltschnäuzigkeit vor meinem Bruder verbergen?

Ich stieg hinauf und verabschiedete mich zum letzten Mal von meinem Vater. Was mir leicht wurde, als ich spürte, dass nichts mehr von ihm hier war außer seines kalten Körpers. Alles, was ihn ausgemacht hatte, lebte fort in meinen Erinnerungen und jenen der Menschen, die mit ihm zu tun gehabt hatten. Rasch packte ich meine wenigen Habseligkeiten und einige Erinnerungsstücke und schlüpfte ungesehen aus dem Haus.

Nach vorn sehen

Bonn, 18. September 1845

Vom Hause meines Bruders bis zum Hotel Zum Goldenen Stern war es nicht weit. Ich trat ein und fragte nach den Arscotts, hoffend, sie wären ohne mich nicht nach Brühl gefahren. Doch weshalb sollten sie auf eine ihnen kaum bekannte Frau warten? Wie konnte ich mir von ihnen Hilfe erwarten, wenn nicht einmal mein Bruder mir beistand? Und wie war ich überhaupt auf die Idee gekommen, ausgerechnet heute Carls Haus zu verlassen? Was würden die Leute über mich sagen? Schon wollte ich zurück und tun, was sich gehörte: trauern und heiraten. Und mich lebendig begraben lassen.

Aber als der Portier mir mitteilte, es seien die Engländer erst vor zwei Stunden aufgebrochen, da erwachte in mir neue Zuversicht. Sie hatten also ausgeharrt, bis sie sicher waren, ich käme nicht mehr. Ich bat darum, in der Hotelhalle warten zu dürfen, was der gute Mann mit einigem Misstrauen aufnahm. Eine junge Frau mit einer ausgebeulten Reisetasche, die Haare kaum frisiert, aufgeregt, nervös und fiebrig – so eine gefiel ihm nicht. Er fragte, in welcher Angelegenheit ich seine Gäste zu sprechen wünsche. Was konnte ich anderes sagen, als dass ich die bestellte Gouvernante sei?

Das nun schien ihm zu meinem Auftreten zu passen und mitfühlend erkundigte er sich, was mein rechtzeitiges Erscheinen verhindert habe. Also log ich ein weiteres Mal und erklärte, es habe Schwierigkeiten mit der Eisenbahn gegeben. Was er mir ohne Weiteres glaubte. Seit einem guten Jahr fuhren Bahnen zwischen Köln und Bonn und in der Bevölkerung hielten sich die Freude über den Fortschritt und die Kritik an Lärm, Dreck und Verspätungen die Waage. Der Portier nahm mir die Tasche ab und führte mich in den Speisesaal, wobei er mir erklärte, weshalb die Eisenbahn eine gute Sache für das Hotelwesen sei. Dann fragte er, ob ich nicht etwas essen wolle; ich mache ihm ganz den Eindruck, als brauche ich eine Stärkung.

Ich hatte nur vier Taler, zwölf Groschen und einige Pfennige bei mir. Durchaus ausreichend, um eine Familie durch zehn Tage zu bringen, aber bei Weitem nicht genug, wenn die Arscotts keine Gouvernante einstellen wollten und ich auf eigenen Füßen stehen müsste. Doch der Portier flüsterte mir zu, es werde mein Mahl natürlich meinen Arbeitgebern auf die Rechnung gesetzt. »Glauben Sie mir, Fräulein, die können sich das leisten.«

Ich aß langsam und konzentriert; ich wollte nicht in Tränen ausbrechen. Wie ich da saß, dachte ich pausenlos an Papa und ob er mir wohl verzeihen würde, wenn er wüsste, was ich tat und dass ich sein Begräbnis Bertha überließ. War ich eine schlechte Tochter? Würde er sich im Himmel grämen? Wirklich, diese Gedanken quälten mich. Eigensüchtig schimpfte ich mich, pflichtvergessen und verdorben. Nichts wünschte ich mir sehnlicher als irgendein Zeichen, das mir sagte, ich tat das Richtige. Ich war nie abergläubisch gewesen, aber in meiner Trauer suchte ich verzweifelt nach Halt, von wo auch immer er kommen mochte.

Mitten in diese Grübeleien trat ein älterer Herr, der mir auf die Schulter tippte und fragte, ob ich nicht die Tochter vom lieben Füssenich sei. Im ersten Moment befürchtete ich, man würde bereits nach mir suchen, doch er setzte sich, bestellte einen Mokka und schien wenig geneigt, mich zurück zu meinem Bruder zu schleifen. »Ich täusche mich nicht«, sagte er im singenden Bönnsch, »Sie sind die Anna, ja? Sie sind Ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Das war auch eine feine Frau. Traurig das, sehr traurig. Aber sagen Sie, wie geht es meinem lieben Freund Georg? Was macht die Lunge?«

Mit meiner Contenance war es aus. Bitterlich weinte ich, was den armen Mann erschreckte. Ein Taschentuch reichte er mir und hektisch winkte er nach dem Kellner, den er um ein Glas Schnaps bat.

»Mein bestes Fräulein Füssenich, was ist Ihnen denn nur? Sagen Sie nicht, Ihr werter Herr Papa … Ich sehe es Ihrem Gesicht an. Wann ist es denn geschehen?«

»Heute Morgen«, wisperte ich.

»Ach herrje, wie schrecklich! Mein liebes Fräulein Füssenich, was kann ich sagen? Was kann ich tun?«

Dann schien ihm klar zu werden, wie ungewöhnlich es war, mich in einem Hotelspeiseraum zu finden, obwohl ich doch daheim hätte sein müssen. Sein Blick fiel auf meine Reisetasche. Bevor ich ihm eine Lüge auf­tischen konnte, legte er seine Hände auf meine. Echtes Mitleid lag in seiner Miene und mit warmen Worten versicherte er, wie er mit mir fühle.

»Sehen Sie es doch bitte mal so, Fräulein Füssenich: Sie gehen Ihren Weg jetzt alleine, aber Ihr guter Vater hat mit seiner Liebe dafür gesorgt, dass Sie stets in den rechten Pfad einbiegen.«

Damit erhob er sich und versprach, am Abend bei uns vorbeizukommen, um seinem Freund Georg den letzten Gruß zu entbieten. Wie ein Engel kam er mir vor und was sonst war sein Erscheinen als das von mir gewünschte Zeichen?

Ab da saß ich wie auf glühenden Kohlen. Was, wenn die Arscotts erst spät in der Nacht zurückkehrten? Dann würden Carl und Bertha von diesem netten Mann erfahren, wo ich war, und danach würde Carl mir nie wieder vertrauen. Und wer sagte mir denn, dass die Arscotts mir helfen würden, selbst wenn sie früh genug zurückkehrten?

Mittlerweile war es drei Uhr nachmittags und Kommerzienrat Weber würde nun wohl hören, dass ich leider unpässlich sei. Bertha würde die Wahrheit nicht sagen, bis es unumgänglich war.

Ich saß im behaglichen Lesezimmer und versuchte, mich abzulenken. Ich las die ersten Seiten eines Romans über einen König namens Artus und erinnerte mich dunkel, dass Papa mir Geschichten über diesen edelsten aller Ritter erzählt hatte. Doch das Gerede von Ehre und Heldenmut konnte mich nicht fesseln und so griff ich nach einem anderen Buch. Um eine junge Frau ging es, die von der Natur nicht zur Heldin ausersehen war und dennoch dazu wurde. Das zumindest versprach die Autorin. Und wirklich ließ Miss Morland ihr Dorf hinter sich und reiste nach Bath, wo sie eine Freundin und einen Verehrer fand. Die Autorin spottete voller Humor über die Ernsthaftigkeit, mit der wir an Schauermärchen glauben wollten.

Ich konnte diese Faszination für das Düstere nicht nachvollziehen. Vielleicht, weil meine Umstände jenen dieser Heldin ähnelten: Die einsame Waise, die nur an ihre Ehre denkende Familie, das Fehlen liebender Freunde und die Notwendigkeit, ein Auskommen zu finden – ja, aus mir ließe sich eine solche Heldin schaffen, mir konnte man leicht ein unheilvolles Schicksal andichten. Und vielleicht hatte mein Unglück schon begonnen? Ich schüttelte mich und las weiter, entschlossen, von jetzt an mit Zuversicht in die Zukunft zu schauen.

Dann sprang die Tür auf. Iseuld lief auf mich zu, hakte mich unter und fragte, weshalb ich nicht mit ihnen nach Brühl gefahren sei; ob die böse Bertha sich mir in den Weg gestellt habe.

Wieder weinte ich und Iseuld erwies sich als wahre Freundin. Obwohl ich kein Wort herausbrachte, nahm sie mich in die Arme, streichelte meinen Rücken und äußerte schließlich die Vermutung, es sei meinen Vater etwas zugestoßen.

»So, wie du uns seine Krankheit geschildert hast, befürchtete ich, dass er nicht mehr zu viel Zeit auf Erden hat.«

Ich nickte nur und klammerte mich an ihr fest.

»Denke immer daran, wie gut sein Leben war mit einer liebenden Tochter wie dir. Ich bin überzeugt, er ist glücklich gestorben und ist nun schon mit deiner Mutter im Himmel vereint.«

Gegen meinen Willen lachte ich, denn ich stellte mir vor, wie dort oben nicht nur meine Mama, sondern ebenso Carls Mutter auf Papa wartete. Ich schämte mich fürchterlich meiner Albernheit, doch Iseuld meinte, es sei sehr gut, dass ich so froh an das ewige Leben meines Vaters denken könne; das würde ihm bestimmt gefallen. Ihre Worte trösteten mich und schon für diesen Trost hatte das bange Warten sich gelohnt. Nun aber traute ich mich nicht, ihr zu sagen, weshalb ich wirklich gekommen war.

Doch wieder überraschte Iseuld mich. »Sage mir, als Caradoc gestern davon sprach, es wäre besser als Gouvernante zu arbeiten, als den falschen Mann zu heiraten – hat dich das darauf gebracht, es mit diesem Beruf versuchen zu wollen?«

War ich so leicht zu durchschauen? Es war mir entsetzlich peinlich; bestimmt glaubte Iseuld, ich wolle sie ausnutzen. Ich wollte sagen, ich erwarte nichts von ihr, da unterbrach sie mich.

»Ich habe mit Caradoc geschimpft, weil er dich fast gefragt hätte, ob du mit uns kommen willst. Als ob man durch die Lande fahren und anständige Damen fragen kann, ob sie für uns arbeiten wollen! Aber ich werde ihm wohl Abbitte leisten müssen.« Sie seufzte. »Damit wird er mich noch tagelang aufziehen. Grässlich.«

Sie führte mich hinauf in ihre Suite, wo sie Caradoc mitteilte, er habe recht gehabt und Miss Anna überzeugt; nun solle er gefälligst ein anständiges Angebot machen und ein Zimmer für mich buchen. Da musste ich eingreifen. War es mir schon peinlich gewesen, Iseuld zu sagen, weshalb ich gekommen war, so war es mir nun noch viel unangenehmer, als ich gestehen musste, ich müsse schnellstens aus Bonn weg, da ich ansonsten die vierte Frau des Kommerzienrats werden müsse. Ich bot an, alleine vorauszufahren, wenn sie mich unter diesen Umständen noch einstellen wollten. Es war etwas völlig anderes, eine Waise zu beschäftigen oder aber die Schwester eines Mannes mit sich zu nehmen, die als Verlobte eines einflussreichen Herrn gelten konnte – würde Carl sich an die Polizei wenden, so könnte die von einer Entführung sprechen! Ich war mir sehr bewusst, in welche Lage ich die Arscotts brachte, die mir nichts schuldeten und mich gerade einmal einen Nachmittag kannten. Ich ging davon aus, sie würden ihr Angebot zurückziehen.

Aber Iseuld schaute mich schweigend an, zog dann die Klingelschnur und packte ihre Bürsten, Kämme und Parfüms in ein Kästchen. Caradoc strich sich übers Kinn, nickte und eilte aus dem Zimmer. Ich ging ihm nach, doch Iseuld hielt mich an der Tür zurück.

»Was denkst du denn? Dass er deinen Bruder holt? Er bestellt einen Wagen und meldet uns in der Reisegruppe ab. Wie wäre es, wenn du nach nebenan gehst und den Kindern sagst, dass wir abreisen? Und dass du mit uns kommst? Sie werden sich freuen und Jenefer wird dich bis London nicht in Ruhe lassen, bis du alle Märchen wenigstens zehn Mal erzählt hast.«

Wir saßen eine Stunde später in der Kutsche und fuhren am Rhein entlang hinauf nach Köln. Dort stiegen wir gegen zehn Uhr abends in die Eisenbahn, die uns nach Ostende brachte, wo wir um sechs Uhr morgens eintrafen. Für die Kinder war es eine aufregende Fahrt; Petrok sah in mir eine Prinzessin, für deren Rettung er sorgen müsse. Jenefer hingegen schien mehr von den Gesprächen zu verstehen, die ihre Eltern mit mir führten, denn irgendwann im Laufe der Nacht nahm sie ihren Vater an der Hand und ließ ihn feierlich schwören, er werde sie niemals an einen bösen Mann verheiraten. Das versprach er und Iseuld fügte hinzu, es hätten die Tengyes immer schon aus Liebe geheiratet und sie sähe nicht ein, weshalb Jenefer es anders halten solle, nur weil sie Arscott heiße. Mir zwinkerte sie zu und flüsterte, es möge wohl sein, dass manche Ahnin die Liebe erst entdeckt habe, nachdem sie sich von Einfluss und Reichtum des Bewerbers überzeugt hatte. »Aber wir Tengyes sind ein eigenes Völkchen. Was wir tun, das tun wir ganz.«

Caradoc seufzte leise. »Deine Brüder beweisen das immer wieder.«

»Das hat nichts mit dem zu tun, was ich unserer Tochter rate.« Iseulds Entgegnung klang in meinen Ohren recht scharf, doch als ich zu ihr hinsah, schmunzelte sie und meinte, sie wolle ein Stündchen schlafen und empfehle uns, es ihr gleichzutun.

Um sieben Uhr erreichten wir Ostende, wo wir in einer Brasserie frühstückten. Zwei Stunden später bestiegen wir das Dampfschiff. Iseuld fühlte sich an Bord nicht wohl und auch die Kinder litten unter Schwindel und Übelkeit. Meine Hilfe lehnte sie ab, sie wollte sich mit den Kindern zurückziehen und niemanden außer Caradoc bei sich haben in ihrem Elend. So stand ich am frühen Vormittag an Deck und sah zu, wie sich die belgische Küste entfernte. Natürlich zog auch ich die üblichen Vergleiche aller Reisenden: Es schien das hinter mir bleibende Festland mein altes Leben zu sein, das mich friedlich ziehen ließ. Alles war gut, alles war richtig.

Als dann die Felsen von Dover in Sicht kamen, leuchtend weiß unter einem blauen Himmel, da glaubte ich, die englische Insel präsentierte sich nur mir zum Willkommen ohne das übliche schlechte Wetter. Ich hatte oft von grauenvollen Kanalüberquerungen gelesen, die sogar die Mannschaft krank machten, und von enttäuschten Reisenden gehört, sie hätten die berühmten Felsen vor lauter Nebel nicht sehen können. Wie hätte ich da ahnen können, was mich erwartete, bei einem solchen Empfang?

In Dover bestand Caradoc darauf, zu Mittag zu essen, bevor wir eine Kutsche nach London mieteten; noch hätten wir Ferien und sollten sie genießen. Mein schlechtes Gewissen plagte mich. Meinetwegen hatten sie ihre Reise abgebrochen und ich fragte mich, wie ich das jemals wieder gutmachen sollte. Ich fragte es auch Iseuld, doch sie meinte, ich solle endlich aufhören mich zu sorgen.

»Bist du nicht unter Freunden, Anna? Und werde ich dir meine Kinder nicht noch oft genug aufbürden? Da stellt sich die Frage, wer wem etwas schuldig sein wird.«

Immerhin war es meine Aufgabe, mich um Jenefer und Petrok zu kümmern, und so erinnerte ich sie daran, dass ich ihre Angestellte sei und ihr herzliches Entgegenkommen niemals ausnutzen wolle.

»Du glaubst, wir hätten all das für jede Angestellte getan? Es ist mir wichtig, dass unser Personal ein gutes Leben führt. Ja, ich behaupte, Caradoc und ich sind eine angenehme Herrschaft, die anständig zahlt und nichts fordert, was über das hinausgeht, was recht und billig ist. Aber unser Personal ist nicht mit uns befreundet. Die Gespräche, die wir führten, liebe Anna, was du von uns weißt und wir von dir, dein Instinkt, der dich in der Not zu uns führte – das alles muss dir doch zeigen, was ich in dir sehe. Eine Freundin, wie ich sie mir immer gewünscht habe.«

Man darf nicht vergessen, mein geliebter Papa war gerade einmal einen Tag von mir gegangen, und so war es wohl verständlich, dass ich bei Iseulds Rede erneut in Tränen ausbrach. Was mich allerdings nicht daran hinderte, zwei Dinge zu bemerken: Es konnte doch nicht sein, dass ausgerechnet Iseuld Arscott mit all ihrer natürlichen Herzlichkeit und ihrem Humor keine Freundin hatte, die diesen Namen auch verdiente. Und wie konnte es mir außerdem nicht früher aufgefallen sein, dass zwar die Arscotts alles von mir wussten, ich von ihnen jedoch wenig? Ich kannte ihre Namen und ihren Wohnort, ansonsten hatte ich nur eine vage Ahnung, wovon sie lebten und welche Ansichten sie von der Welt hatten. Und jetzt war ich hier. In ihrer Welt. Mir kamen Zweifel, ob ich eine kluge Entscheidung gefällt hatte.

Diese Zweifel aber verflogen, als wir gemeinsam zu Tisch saßen. Caradoc hatte nicht weit vom Hafen entfernt ein Inn gefunden und lachend bestellte er für mich eine Mahlzeit, die er als typisch englisch bezeichnete.

»Miss Anna, daran werden Sie sich gewöhnen müssen, wenn wir in London sind. Unsere Köchin besteht darauf, so zu kochen, wie sie es gelernt hat. Aber solange wir unsere Tochter noch nicht an böse Männer verheiraten müssen, können wir im Sommer nach St. Tudy reisen. Da werden Sie verwöhnt mit Pasties, Scones und Saffron Buns, dann trinken Sie Mead und Apfelpunsch und Sie werden Ihre Finger nicht lassen können von Yarg und Clotted Cream.«

Bis ins Kleinste schilderte Caradoc, was es mit diesen Köstlichkeiten auf sich hatte und wie sehr mir nicht nur alles schmecken, sondern wie ich Leute und Landschaft Cornwalls lieben würde.

»Vielleicht möchte Anna während der Saison lieber in London bleiben? Ihre Chancen, sich vorteilhaft zu verheiraten, sind in London höher als in St. Tudy.« Iseuld schaute mich an, prüfend, neugierig und ernst.

»Nein, wirklich, daran denke ich nicht. Wenn mir ein Ehemann bestimmt ist, dann wird er mich schon finden.«

Da schmunzelte Iseuld. Sie scherzte, was für ein elendes Geschäft die Verheiraterei sei und wie sie diejenigen Damen nicht beneide, die Jahr für Jahr zu entscheiden hätten, welche Debütantin ein Erfolg sein werde und welche gnadenlos durchfiel. Iseuld ließ ihrem Spott freien Lauf und ich lachte herzlich mit, bis sie sich auf die Lippen biss und sich für ihre Respektlosigkeit entschuldigte.

Damals glaubte ich, Papas Verlust in genau diesem Moment endgültig zu begreifen und meine Trauer ebenso wie meine bitteren Erfahrungen hinter mir gelassen zu haben, als ich englischen Boden betrat. Für eine neue Frau hielt ich mich. Heute weiß ich es besser. Alles, was ich in den nächsten Monaten sah und hörte, war getrübt von meiner tiefen Trauer, die ich nicht wahrhaben wollte. Ich will nicht sagen, ich hätte nichts von dem verstanden, was um mich herum geschah. Es war eher so, als hätte ich eine Dimension hinzugewonnen. Ich erhielt Zugang zu einer Welt, von der ich vorher nichts geahnt hatte. Vielleicht wäre alles anders gekommen, hätte ich meine Gefühle zugelassen, anstatt sie zu verleugnen.

Dort aber, in diesem Gasthof, wusste ich das nicht. Zu gerne wollte ich mich ablenken lassen von Iseulds Anekdoten. Iseuld drückte meine Hand und fuhr fort, sich über die Damen lustig zu machen, die den Debütantinnen für gutes Geld Einladungen zu den wichtigen Bällen verschafften. Sie malte uns aus, wie diese bedeutenden Frauen im Frühjahr gemeinsam planten, welche der neuen Schönheiten mit der Hand eines Lords belohnt werden sollte und welche sich mit einem Baronet zufriedengeben müsste.

»Ganz sicher sind ihnen die Gefühle ihrer Schachfiguren gleichgültig. Vielleicht würfeln sie sogar?«

Caradoc amüsierte sich zwar prächtig, dennoch mahnte er seine Frau, sich rechtzeitig mit diesen Personen gutzustellen, wenn sie nicht wolle, dass Jenefer wie minderwertige Ware präsentiert würde.

»Sieh, mein Lieber, ich will, dass Jenefer weder wie minderwertige noch wie überhaupt eine Ware feilgeboten wird. Und ebenso wenig möchte ich erleben, dass in Petrok nicht mehr gesehen wird als eine gute Versorgung für eine eitle Miss ohne Verstand.«

»Wenn beide nach dir kommen, wird das nicht geschehen.« Caradoc wandte sich mir zu und fragte, ob ich wissen wolle, wie er diese wunderbare Frau habe gewinnen können.

Das wollte ich selbstverständlich. Schon, um mir die noch immer nagenden Zweifel an meiner Entscheidung zu nehmen.

»Machen Sie sich auf einen schockierenden Bericht gefasst. Nicht ich war es, der den Anfang machte. Es war wahrhaftig Iseuld, die mir vor sechs Jahren und fünf Monaten erklärte, sie gedenke, meine Gemahlin zu werden und ob ich damit einverstanden sei. Wie finden Sie das?«

Mir erschien das gewagt, aber das wollte ich nicht zugeben. Also antwortete ich, es sei im Grunde ohne Bedeutung, wer das Thema Heirat ins Spiel bringe, wenn man sich einig sei.

Caradoc lachte. »Glauben Sie mir, Miss Anna, ich hatte nicht die Gelegenheit, mir über meine Gefühle klar zu werden. Oder überhaupt welche zu entwickeln. Es war unser erster Tanz – ein Walzer übrigens – und Iseuld fragte mich nach nicht einmal zehn Schritten. Sie können sich vorstellen, wie überrascht ich war.«

Das konnte ich, doch Iseuld verbot mir, mich darüber zu wundern. »Sieh, es war der Anfang meiner ersten Saison und ich fand das Treiben grauenvoll. Meine Eltern hatten mich alleine nach London geschickt und einer Chaperone überlassen, die absolut unerträglich war. So unerträglich wie das ganze Geschäft. Ich beschloss, diese Demütigung möglichst schnell hinter mich zu bringen. Mein Plan sah vor, all den langweiligen Jünglingen bittere Wahrheiten zu sagen und dann zu schauen, wer sich davon nicht abschrecken ließ – ich dachte mir, dass ich so den Richtigen finden müsste.«

»Ein idiotischer Plan«, warf ihr Gatte ein.

»Wir betraten den Ballsaal und ich sah Caradoc. Er stand in der hintersten Ecke mit einer Miss, die ihn langweilte. Tödlich langweilte. Aber dass er dort war, sagte mir, er suchte nach einer Gemahlin. Ich beobachtete ihn den ganzen Abend. Keine Mutter drängte ihn, kein väterlicher Mentor stellte ihn den Damen vor. Er tanzte, wenn er dazu aufgefordert wurde, lächelte höflich und tanzte mit keiner ein zweites Mal. Erwähnte ich, dass er sich tödlich langweilte? Ich ließ meine Chaperone Erkundigungen einziehen. Und sie war nicht begeistert. Der zweite Sohn eines Bankiers sei er und an der Börse beschäftigt. Sie nannte ihn einen Notbehelf, gerade gut genug für die erfolglosen Debütantinnen des letzten Jahres.«

»Sie müssen wissen, Miss Anna, Iseuld hat ein Herz für die Vernachlässigten. Jedes kranke Tierchen brachte sie heim und so wählte sie auch mich aus.« Er lachte und voller Stolz blickte er seine Frau an.

»Unsinn. Er gefiel mir und mir gefiel auch, dass er es zu etwas bringen wollte und die Arbeit nicht scheute. Als meine Begleiterin sagte, er stamme wie ich aus Cornwall, da war ich schon halb überzeugt, ihn zu lieben. Ich unterhielt mich mit einigen Fräulein, die bereits mit ihm getanzt hatten, und sie fanden ihn umgänglich, leichtfüßig und geheimnisvoll.«

»Ach, sieh an. Geheimnisvoll? Das hast du mir nie erzählt. Ich befürchte, du hast mir die Saison verdorben.«

»Himmel. Geheimnisvoll? Du? Nicht im Geringsten. Zum Glück, denn von Geheimnissen wollte ich wirklich nichts wissen, davon hatte ich genug. Ich tanzte noch mit einigen anderen Herren und legte es darauf an, in Caradocs Nähe zu gelangen. Mir gefiel seine Stimme, ja, mir gefiel eigentlich alles an ihm und ganz fest war ich davon überzeugt, dieser Mann müsse meiner werden. Sagte ich nicht, in meiner Familie sind wir etwas eigen? Wir sind schnell entschlossen und glauben an die Vorbestimmung.«

»Nein, mein Schatz, du sagtest nur, die Tengyes tun mit ganzem Einsatz, was sie tun wollen. Was du mit dieser Geschichte beweist.«

»Nun, wir haben ein gutes Gespür für das Schicksal. Deshalb wagte ich, was ich tat. Und glaube mir, ich war scheußlich aufgeregt.«

»Was man dir nicht anmerkte. Kühl war sie und ganz gerade hielt sie sich und mitten auf meine Nase sah sie, als sie mir sagte, sie werde meine Frau, komme, was da wolle.«

»So habe ich es nicht gesagt. Und ich habe nur deshalb auf deine Nase gesehen, weil ich mich weiter hinauf nicht traute.«

»Und denken Sie sich nur, Miss Anna, daran wäre es beinahe gescheitert. Ich fand meine Nase immer etwas grob. Zu groß, zu lang, nicht vornehm genug. Da hielt ich also diese ausgesprochen ansehnliche Person in meinen Armen, die mir besser gefiel als alle anderen Damen im Saal, und sie starrte ausgerechnet auf meinen Zinken.«

»Weshalb dieser dumme Mann nicht gleich verstand, was ich gesagt hatte. Kannst du dir vorstellen, welche Hölle ich durchlitt, als er mit Zornesfalten auf der Stirn auf mich hinabsah und darum bat, ich möge wiederholen, was ich gesagt hätte?«

»Oh, ich habe sehr wohl gehört, was du sagtest. Ich konnte es nur nicht in Einklang bringen mit deiner Abneigung gegen meine Nase. Da schien es mir sicherer, noch einmal nachzufragen.«

»Aber deine Nase gefällt mir. Ich finde sie heroisch.«

Caradoc grinste und schwieg.

»Auf alle Fälle wiederholte ich, was ich gesagt hatte, und erklärte ihm, wie er mich über die nächsten Wochen doch bitte kennenlernen möge. Wenn er eine Frau suche, würde er bestimmt feststellen, wie gut wir zueinander passten.«

»Es kam mir vor wie im Märchen. Welcher Mann träumt nicht davon, für eine Frau so unwiderstehlich zu sein, dass sie um seinetwillen die Regeln des Anstands verletzt? Und ich suchte eine Frau, ich hatte es satt, abends in eine einsame Wohnung zu kommen. Mittlerweile hatte ich respektable Erfolge im Finanzwesen vorzuweisen und würde mir leicht ein Haus leisten können, in dem eine entzückende Frau und niedliche Kinder Platz hätten. Ich stimmte also zu, ging zu ihrer Bewacherin und erklärte, ich wolle Miss … Ja ha, und da stand ich vor diesem bösartigen Weib und wusste nicht einmal, wie meine Auserwählte heißt. Es war nicht leicht, die alte Bestie davon zu überzeugen, ein ernstzunehmender Bewerber zu sein.«

»Wir waren der Skandal der Saison, nicht wahr? Wir trafen uns täglich und nahmen keine Rücksicht darauf, ob man uns gemeinsam sah. Was haben die alten Weiber nicht gewarnt, dass du mich sitzen lässt und mein Benehmen allen dummen Mädchen als Beispiel dienen würde.«

»Wir haben es genossen, unsere offizielle Verlobung hinauszuzögern, nur um sie zu blamieren.«

»Oh, und sie waren blamiert. Wir haben einigen das Geschäft für die nächste Saison verdorben, weil ihren Vorhersagen nicht mehr zu trauen war.«

»Dabei waren wir uns schnell einig. Ich glaube, es waren keine drei Tage, bis ich dich fragte, ob du den Namen Iseuld Arscott leiden magst.«

»Ich liebe diesen Namen täglich mehr, er kleidet mich hervorragend.«

»Verständlich. Ich habe nur reizende Verwandte.«

»Reizend? Langweilig sind sie.«

»Kann man nicht von deinen Brüdern sagen. Zumindest von einem nicht. Der andere mit seinem dauernden Gerede von Camelot hingegen …«

Iseuld lachte. »Sei nicht garstig.«

Ich hatte begeistert gelauscht, wusste auf diese Geschichte jedoch nichts zu sagen. Iseuld befürchtete schon, sie hätten mich schockiert und müssten nun Sorge haben, ich wolle lieber wieder heim nach Bonn. Was ich ganz sicher nicht wollte. Was ich ab jetzt wollte, war eine Liebe wie die, die diese beiden herzlichen Menschen teilten.

Neues Leben

London, Spätherbst 1845

Wäre dies eine andere Geschichte als meine eigene, so würde ich berichten, wie elegant und gemütlich das Heim der Arscotts war und wie das ebenso für mein Zimmer galt, das im zweiten Stockwerk zwischen dem Kinderzimmer und jenem der Haushälterin Mrs. Holt lag. Ich würde erzählen, wie mich London mit seiner Größe, aber auch mit seinen unfassbaren Gegensätzen überwältigte; vielleicht würde ich mich sogar hinreißen lassen, über die grauenvollen Zustände zu schreiben, in denen die Armen leben mussten. Nein, Leben war es nicht zu nennen, ein Dahinsiechen war es vielmehr und man musste sich nicht weit von den vornehmen Stadtvierteln entfernen, um in die Slums zu gelangen. In London war der drohende Abgrund nie weit entfernt. Iseuld und Caradoc waren sich dieser Tatsache bewusst und beide engagierten sich in verschiedenen Wohltätigkeitsvereinen, die in dieser Stadt wesentlich größeren Problemen gegenüberstanden, als es sich meine Schwägerin Bertha und deren Freundinnen vorstellen könnten. Ja, ich könnte vieles dazu sagen; ich habe an Iseulds Seite Baracken besucht, von deren Enge, Nässe und Dunkelheit man sich keine Vorstellung macht. Wir haben mit Mädchen gesprochen, denen man ihre Jugend schon lange nicht mehr ansieht und die wahrscheinlich niemals das Alter erreichen werden, auf das man sie nun schon schätzt. Es war und ist unerträglich. Vielleicht werde ich eines Tages darüber schreiben. Doch bevor ich anderen helfen kann, muss ich mir selbst helfen.

Iseuld erklärte mir den Grund für ihr Engagement vor unserem ersten gemeinsamen Besuch eines Armenhauses. Ich hatte Respekt vor diesem Ausflug und bewunderte Iseuld sehr für ihr Tun; ich nannte sie mutig und selbstlos. Was sie ohne jeden Zweifel war. Vor allem aber war sie ehrlich.

»Sieh, es geht uns gut und was auch kommen mag, wir werden uns immer versorgen können. Wenn ich auf das Theater und die Oper, auf Bälle und Kartenspiel verzichten müsste, es wäre kein zu großes Opfer. Andere aber sind nicht in dieser Lage, sie haben kein Land, das sie in der höchsten Not bestellen könnten, sie haben kein Haus, in dem eine große Familie Platz fände. Wenn ich also mit ruhigem Gewissen meine Oper genießen möchte, bezahle ich dafür mit einer Spende und einem solchen Besuch. Es ist im Grunde recht eigennützig, was ich tue.«

Unter Eigennutz verstand ich etwas anderes, zumal das, was Iseuld tat, echte Hilfe war. Sie scheute sich nicht, ein Kind zu wickeln, wenn die Mutter zu schwach war. Sie fütterte ohne Sorge um ihre Gesundheit Greise und Kranke. Sie hielt den Mädchen von der Straße keine Moralpredigten, von denen sie nicht satt wurden, sondern schenkte ihren Klagen Gehör. Sie mahnte niemanden, das von ihr gespendete Geld nicht in Branntwein umzusetzen. Sie gab willig und sie gab viel und sie gab immer auch Zuneigung.

»Aber das ist meine Christenpflicht. Heißt es nicht, es habe der Mensch von Gott einen freien Willen erhalten? Wie kann ich dann hergehen und im Namen desselben Gottes verlangen, man müsse meinem Willen folgen, nur weil ich dafür bezahle? Was nicht heißt, es tun unsere Angestellten, was sie wollen. Und jetzt machst du wieder dieses Gesicht, das mich daran erinnern soll, dass auch du von uns bezahlt wirst. Höre endlich damit auf. Wie widerlich wäre es, eine Freundin alle Arbeit tun zu lassen und dann von ihr zu erwarten, keinen Lohn anzunehmen?«

Meine Stellung im Haus blieb noch über zwei, drei Wochen ein Streitpunkt zwischen uns. Immer fand ich einen Grund zur Sorge. Wie konnte ich beispielsweise mit der Haushälterin auf einer Stufe stehen, obwohl diese sich ihren Status über viele Jahre erarbeitet hatte?

»Die gute Holt schätzt dich sehr und sagt mir täglich, wie froh sie ist, dass Jenefer und Petrok eine so liebevolle Erzieherin gefunden haben.«

»Ja. Genau das. Eine Erzieherin. Ich …«

»Fühlst du dich von Holt schlecht behandelt?«

»Nein, nicht im Geringsten.«

»Dann bestehe nicht länger darauf, dich abzusondern, obwohl alle hier mehr in dir sehen als eine Gouvernante.«

»In anderen Haushalten …«

»Anna, bitte, lass uns das ein für alle Mal beenden. Auch in anderen Haushalten ist die Gouvernante Mitglied der Familie. Wir haben unsere Freundin für diesen Posten gewonnen und somit eine Freundin zur Familie gemacht. Weshalb stellst du dich so an?«

»Ich möchte nicht, dass du dich irgendwann scheust, mir deine Wünsche in Bezug auf die Erziehung deiner Kinder mitzuteilen.«

»Wie kühl du mit mir sprichst.« Iseuld lachte. »Du tust den Kindern gut und so sehr ich sie liebe, so sehr genieße ich doch auch die Zeit, in der ich mich nicht um sie zu kümmern habe. Wenn ich morgen möchte, dass du nicht nur Deutsch und Französisch mit ihnen sprichst, sondern ihnen außerdem noch Chinesisch beibringst, dann werde ich es dir sagen. Bist du nun zufrieden? Oder soll ich dir den Lohn kürzen, damit du glücklich bist?«

Ich war besiegt. Natürlich war es albern, wie ich täglich wieder damit angefangen hatte, aber vielleicht ahnte ich, dass es nicht gut war, Iseuld doppelt verpflichtet zu sein: als Angestellte und als Freundin. Um was mich die eine bat, das konnte mir die andere befehlen, und was die andere von mir forderte, das gab ich der einen aus freien Stücken.

Nicht, dass sie mir Anlass zu solcher Sorge gegeben hätte. Iseuld schlief gerne lang in den Morgen hinein und erledigte am Vormittag ihre Aufgaben als Hausherrin; sie kontrollierte die Haushaltsbücher, legte das Menü für die Woche fest, kontrollierte die Wäsche, widmete sich ihrer Korrespondenz und den Pflichten als Schirmherrin eines Kunstvereins, besuchte Caradoc jeden Mittag in seinem Büro und zwischen alldem übte sie am Klavier, um ihren Gästen einen angenehmen Abend bereiten zu können. Während dieser Stunden überließ sie mir die Kinder ohne jede Vorgabe. Sie vertraute mir und stimmte allem zu, was ich vorschlug. Ob es ein Ausflug war oder der Besuch eines Kindertheaters, ob ich mit ihnen basteln oder im Garten toben wollte. Nur einmal legte sie ihr Veto ein, als ich aus der Leihbücherei die Artussage mitbrachte. Die nahm sie mir aus der Hand und meinte, davon würden englische Kinder schon oft genug hören. Ich dachte mir nichts dabei, zumal sie ansonsten nur Lob für mich hatte. Sie freute sich, wie schnell Jenefer und Petrok auf Deutsch grüßten und kleine Komplimente verteilten, und nannte mich eine hervorragende Lehrerin. Ohne Eifersucht beobachtete sie, wie die beiden mich täglich mehr in ihr Herz schlossen und begannen, von mir als ihrer Tante zu sprechen.

Was ich verbieten wollte, Iseuld aber gestattete. »Du hast doch nichts dagegen? Es zeigt, wie recht ich habe, dich als Familienmitglied anzusehen.«

So wurde ich also zu Tante Anna und ich muss zugeben, es gefiel mir sehr. Als auch Caradoc mich nicht mehr mit Miss Anna ansprach und mir verbat, ihn Mr. Arscott zu nennen, hörte ich endlich auf, mir Sorgen um meinen Status in diesem Haushalt zu machen. Ich war angekommen, war endlich zu Hause. Was für mich zählte, waren die freundschaftliche Liebe der Familie und der Respekt, den mir die Haushälterin Mrs. Holt entgegenbrachte, deren Ratschläge ich hoch schätzte.

Was kein Wunder war, denn Mrs. Holt hatte über zwei Generationen hinweg die Position des Kindermädchens im Hause der Tengyes eingenommen. Da Mrs. Tengye nach allem, was ich mir aus Iseulds gelegentlichen Erwähnungen zusammensetzte, wenig mütterlich gewesen war, war die gute Holt an diese Stelle getreten. Sie hatte den drei Kindern die Liebe geschenkt, die sie bei ihren Eltern vermissten. Als die drei so groß geworden waren, dass ein Kindermädchen nicht mehr benötigt wurde, hatte Mr. Tengye angeboten, sie so lange zu behalten, bis eines der Kinder heirate. In diesem neuen Haushalt sollte sie dann die Rolle der Haushälterin übernehmen. Da Iseuld als Erste in den Stand der Ehe trat, ging Holt mit ihr. Und sie ging freudig, obwohl sie Cornwall nicht gerne verlassen hatte und von London nicht viel hielt.

»Aber«, so sagte sie, »solange wir jeden Sommer nach St. Tudy reisen, kann ich den Dreck Londons ertragen.«

Ich war überzeugt, sie wäre auch mitgegangen, wenn sie Cornwall nie wieder hätte sehen dürfen. Iseuld und Holt hingen mit solcher Liebe aneinander, dass ich meine Freundin an einem regnerischen Nachmittag Ende November damit neckte, sie habe Caradoc nur deshalb so schnell zur Ehe überredet, damit sie sich Holt sicherte, bevor ihr die Brüder zuvorkämen.

Zu meiner Verwunderung lachte Iseuld nicht, sondern sah mich ernst an und nickte bedächtig. »Ja, Arthur und Gawen sind nun schon über dreißig und sollten endlich ans Heiraten denken.«

Bislang hatte Iseuld nie von ihren Brüdern gesprochen, sah man von kurzen Bemerkungen ab, die wenig erhellend waren. So wusste ich nur, dass sie echte Tengyes waren und somit nicht so bieder wie Caradocs Familie. Die im Übrigen reizend war. Und langweilig. Wie Caradoc aus dieser Familie hatte hervorgehen können, war – seiner Aussage nach – ebenso erstaunlich, wie es Iseulds praktische Art gemessen am Wesen ihrer Familie war.

Ich hatte wegen dieser wenigen Hinweise schon länger vermutet, es läge mit den Brüdern etwas im Argen. Nun erkannte ich, dass sie Iseuld Kummer bereiteten. Ich wollte sie trösten. »Ach, weißt du, für manche braucht es eben seine Zeit, bis sie die Richtige finden. Mein Bruder war schon Mitte dreißig, als er Bertha traf. Und wenn man es genau betrachtet, hat er die Richtige gar nicht gefunden.«

Nun lachte Iseuld zwar, doch wirklich fröhlich schien sie mir nicht zu sein.

»Vielleicht sind deine Brüder nicht für die Ehe gemacht?«

Sie schwieg einige Sekunden und betrachtete ihre Kinder, die am Fenster saßen und dem bunten Treiben in der Regent Street zusahen. Dort hasteten Dienstmägde und Geschäftsmänner durch den Regen und wichen oftmals gefährlich knapp den Hansoms und anderen Kutschen aus, deren Fahrer rücksichtslos voran preschten. Iseuld beugte sich näher zu mir.

»Es täte mir weh, gäbe es keine Tengyes in St. Tudy mehr. Ob sie also für die Ehe gemacht sind oder nicht, einer von beiden sollte …«

Was er sollte, sprach sie nicht aus, also warf ich ein, dann müsse sich wohl einer von beiden opfern. Ein Scherz hatte das sein sollen, doch Iseuld schaute mich erschrocken an. Ich war verwirrt. Sie machte Scherze dieser Art immerzu, aber verstand sie nicht, wenn sie von anderer Seite kamen? »Opfern ist vielleicht zu viel gesagt. Ich meinte -«

»Nein, Anna, du musst nichts erklären. Was hat Holt dir über Gawen und Arthur erzählt?«

Ich sagte wahrheitsgemäß, sie sei so diskret gewesen, dass es mir schon fast unheimlich sei.

»Aber du bist neugierig? Gib es zu.« Da blitzte der Schalk in ihren Augen auf. »Ich kann mir schon denken, wie es wirkt. Immerzu werden sie als schlechtes Beispiel angeführt, doch niemand redet über sie. Du musst ja sonst etwas von ihnen denken.«

Ich antwortete ehrlich, dass ich mir nicht besonders viele Gedanken um ihre Brüder gemacht hatte; mehr als ein flüchtiges Wundern und die Vermutung, sie seien in irgendeiner Weise schwierig, hatten die bisherigen Bemerkungen in mir nicht ausgelöst. Und ich log nicht. Zu sehr war ich mit den Kindern und mir selbst beschäftigt. Täglich lernte ich Neues, sah Neues, hörte Neues – da waren zwei Herren, die irgendwo weit fort lebten, von geringer Bedeutung. Jetzt allerdings, als wir über sie sprachen, fühlte ich etwas Unbekanntes in mir aufsteigen. Für einen Augenblick überkam mich die Gewissheit, dass diese Männer von größter Bedeutung für mein Leben sein würden, und ein Gefühl von …

Ja, mir fehlen heute noch die Worte, zu beschreiben, was in mir vorging. Da waren Furcht, Erwartung und Freude, und wäre mir die Göttin des Schicksals erschienen, ich hätte mich nicht gewundert. Es klingt überspannt und das sagte ich mir auch. Dass ich hysterisch sei. Nur für einen winzigen Moment, den Bruchteil einer Sekunde, spürte ich diese erregende Bangnis. Dann kam sie mir schon lächerlich vor. Aber wie wünschte ich heute, ich hätte die Warnung verstanden. Denn eine Warnung war es bestimmt.

Ich fragte Iseuld, ob sie sich mit ihren Brüdern gut verstanden habe in Kinderzeiten. Das schien mir unverfänglich.

Iseuld aber seufzte und meinte, darüber solle ich lieber mit Holt sprechen; die könne aus jenen Jahren mehr berichten. »Es scheint alles so weit zurückzuliegen, dass ich mich kaum erinnern kann. Ich hoffe sehr, dass Petrok und Jenefer niemals so von ihren Kinderjahren sprechen werden.«

Ich malte mir die schlimmsten Katastrophen aus, die Iseulds Jugend überschattet haben mussten. Ich dachte an Duelle im Morgengrauen, an uneheliche Kinder und Brandstiftung, sogar an Straßenräuber und Piraten. Ich war gefangen in einer eigentümlichen Stimmung, bis Iseuld mich anlächelte und davon sprach, wie die Eltern sich wenig um die Kinder gekümmert und sie meist Holt überlassen hätten.

»Ich fühlte mich oft scheußlich nutzlos und allein. Mutter interessierte sich nicht für uns und Vater hatte immer nur Zeit für … andere Dinge. Natürlich hatte ich eine Freundin, aber sie … ach, es war schwierig. Arthur und Gawen hatten einander und immer waren sie unterwegs und stellten Dummheiten an. Ohne Holt wäre ich eingegangen.«

Ich hatte mich so in meine Fantastereien hineingesteigert, dass ich fast enttäuscht war von dem, was Iseuld erzählte. Als ob eine lieblose Kindheit leichter zu verkraften wäre als ein vom Vater erschossener Liebhaber. Wie kam ich nur auf solche Ideen? Ich kannte mich selbst nicht mehr. Ich wusste nichts Besseres zu antworten, als dass Iseuld eine warmherzige Freundin, liebende Gattin und wunderbare Mutter sei, was sie nur sich selbst und Holt zuschreiben durfte.

»Das mag stimmen, doch ich möchte auch eine gute Schwester sein. Ich will meine Brüder glücklich sehen und bin überzeugt, sie werden ihr Glück erst mit der richtigen Frau finden.«

Da flackerte es wieder auf, dieses prickelnde Gefühl von Unruhe und Erwartung. Mühsam verbarg ich meine Nervosität hinter einem Scherz; ich antwortete, es müssten bitte schön zwei Frauen sein, solange es in England nicht gestattet sei, zwei Ehemänner zur selben Zeit zu nehmen.

Iseuld kicherte. »Von einem solchen Gesetz würde ich keinen Gebrauch machen. Ich liebe meinen Mann sehr, aber zwei von ihnen? Das wäre mir doch zu anstrengend.«

»Im umgekehrten Fall würden bestimmt viele Männer nach einer zweiten Gattin suchen.«

»Natürlich. Sie haben mit uns weniger Arbeit als wir mit ihnen. Aber Caradoc musst du ausnehmen. Ich kann und will mir nicht vorstellen, dass er eine andere neben mir haben will.«

»Unsinn. Du bist sein Alles, daran besteht kein Zweifel.«

»Sieh, und das ist es, was ich für meine Brüder möchte: Eine Frau, die ihnen alles bedeutet.«

»Für jeden eine, darauf bestehe ich.«

»Ich wäre schon froh, wenn einer von ihnen eine fände.«

»Aber worin besteht die Schwierigkeit? Wenn sie dir im Äußeren ähneln, dann dürften sie sich vor Bewunderinnen kaum retten können.«

»Nun ja, obwohl sie meine Brüder sind, kann ich sagen, sie sehen gut aus. Nur … ich will dich nicht schockieren.«

Gespannt beugte ich mich vor. Iseuld rutschte näher heran und vergewisserte sich mit einem Blick zum Fenster, dass die Kinder nicht lauschten. »Sagen wir es so: Wovon der eine zu wenig hat, hat der andere zu viel. Du verstehst?«

Das tat ich nicht. Ich war sicherlich nicht gänzlich unwissend; wenn man mit Bruder und Schwägerin in einem Haushalt lebte, bekam man so manches mit, über das zu sprechen sich nicht ziemte. Was Bertha und ihre Freundinnen nicht davon abgehalten hatten, mir gegenüber recht deutliche Hinweise abzugeben, was mich erwarte, wenn ich erst einmal verheiratet sein würde. Aber was Iseuld meinte, war mir schleierhaft.

»Sieh, Arthur ist von zurückhaltender Natur, während Gawen ein eher … übergroßes Interesse an den Damen hat.«

»Dann wird es wohl Gawen zufallen, die Tengyes zu erhalten.«

»Du Schäfchen. Wenn ich sage, er hat ein übergroßes Interesse an den Damen, dann meine ich nicht, dass er unbedingt heiraten will. Vielmehr möchte er sich für keine entscheiden. Begreifst du nun?«

Dann waren meine Ideen von Ehebruch und Eifersucht doch nicht so weit hergeholt? Mein Puls beschleunigte sich. Gawen musste ein beeindruckender Mann sein, wenn er den Frauen zu gefallen wusste. »Du willst aber nicht sagen, er hat schon einmal ein Mädchen unglücklich gemacht?«

»Dutzende. Oh, schau nicht so erschreckt, er wird sie nicht ruiniert haben. Hoffe ich. Bis auf eine. Sie wirft ihm ein gebrochenes Verlöbnis vor und …« Iseuld schaute wieder zu Jenefer und Petrok, die sich an den Tisch gesetzt hatten und dort mit den Püppchen spielten, die ich für sie angefertigt hatte. »Ihr Sohn sieht Gawen so ähnlich, dass kein Richter ihm glauben würde, wenn er die Vaterschaft bestreiten wollte.«

»Oh. Und du sagst, er hat das mit vielen Frauen –«

»Aber nein, das bestimmt nicht. Nicht so. Nicht mit jungen Frauen, die nicht wussten, auf wen sie sich einließen. Ich weiß, was du denkst. Dass er ein verderbter Mann ist, für den ich mich schämen sollte.«

»Aber nein. Ich frage mich allerdings, wie es kam, dass er dieses arme Mädchen nicht hat heiraten müssen.«

»Sieh, das Ganze hat sich vor fast zehn Jahren zugetragen und eigentlich dürfte ich nichts darüber wissen. Aber ich habe es doch herausbekommen und mir später von Arthur bestätigen lassen. Also: Gawen hat Demelza Williams auf einem Ball in Fowey kennengelernt. Er fand sie reizend, sie betete ihn an und es bedurfte offenbar nicht vieler Worte, sie davon zu überzeugen, sich ihm hinzugeben.«

»Sie nahm doch an, sie seien verlobt?«

»Auch dann wäre sie schön dumm gewesen, ihm solche Freiheiten zu gestatten. Wer verlobt sich bitte nach wenigen Stunden schon? Und ich muss sagen, eine dumme Schwägerin würde mir nicht gefallen. Du weißt, wovon ich spreche.«

Ich nickte, dachte allerdings auch, dass mir ein solcher Bruder genauso wenig gefallen würde. Was Iseuld über Gawen erzählte, brachte vielleicht mein Herz zum Klopfen, aber sympathisch war er mir nicht. »Und dann?«

»Dann schrieb sie ihm einige Monate später, dass sie sein Kind erwarte und damit rechne, er werde seine Pflicht tun.«

»Und weiter?« Es war, als läse ich einen Roman.

»Er schrieb zurück, sie müsse sich irren, was den Vater ihres Sprösslings angehe, und sie täte gut daran, noch einmal gründlich nachzurechnen und beim nächsten Versuch den richtigen Herrn anzuschreiben.«

»Wie unverschämt!«

»Wenn sie nicht gelogen hat, dann hat er sich sehr schlecht verhalten, das gebe ich zu.«

»Also glaubt ihr, Demelza hat gelogen?«

»Das glaubten meine Eltern bestimmt. Bis sie Tristan sahen. Demelzas Vater setzte Gawen eine Frist, binnen derer er seine Absicht verkünden müsse, Demelza zu heiraten.«

»Und er lehnte ab?«

»Das kann man so nicht sagen. Er reiste ab. Er ließ wissen, dass er keinesfalls eine verlogene Frau ehelichen würde. Eine Dirne wäre ihm lieber, wenn sie nur ehrlich wäre.«

»Und seitdem ist dein Bruder fort?«

»Meist, ja. Er lebte in Florenz, er war lange Zeit in Wien und Madrid, doch gelegentlich kommt er nach London, um mich zu besuchen.«

»Ist das nicht sehr gefährlich?«

»Das stört ihn nicht. Irgendwann käme jede Wahrheit ans Licht, meint er, und dann muss man sich ihr stellen.«

»Und was glaubst du? Ist dieser Tristan wirklich dein Neffe?«

Iseuld richtete sich auf, runzelte die Stirn, schüttelte den Kopf. »Seltsam, so hat sich mir diese Frage noch nie gestellt. Aber ja, Tristan kann nur ein Tengye sein. Demelza ähnelt dir; ihre Familie ist blond und zart.«

»Sicher gibt es in Cornwall mehr Männer, die so dunkel sind wie ihr?«

»Natürlich. Und vielleicht helfe ich Gawen deshalb, weil ich doch hoffe, dass ein anderer Demelza unglücklich gemacht hat.«

»Vielleicht ist dieser andere Mann weniger vermögend als dein Bruder? Er hat doch Geld?«

»Das hätte er, wenn er nicht auf der Flucht wäre. Ihm hätten Tengye Hall und die Ländereien gehört, aber durch seine Flucht ist das Erbe an Arthur gegangen. Gawen erhält allerdings eine jährliche Apanage, von der niemand weiß. Du darfst darüber also nicht sprechen.«

»Selbstverständlich nicht.«

»Obwohl du es unrecht findest, wie wir uns verhalten? Leugne es nicht, ich sehe es dir an. Aber sieh, er ist mein Bruder und ich liebe ihn. Und ich möchte ihm glauben, wenn es auch gegen jeden Beweis geht.«

»Und was ist mit Arthur? Er mag die Frauen nicht?«

»Das wohl, aber er ist schüchtern.«

»Du sagtest, er sei über dreißig. Kann ein Mann von Bildung und guter Familie dann noch schüchtern sein?«

»Vielleicht ist schüchtern das falsche Wort. Er stottert natürlich nicht, wenn er einer Frau gegenübersteht. Er kann sogar charmant sein, wenn die Dame ihm ein wenig gefällt. Aber wenn sie ihm sehr gut gefällt, wird er still oder spricht über nichts anderes als seine Studien.«

»Er hat wohl sehr hohe Ansprüche an die Frauen? Deshalb gefällt ihm nur selten eine. Oder er hat keine allzu hohe Meinung von uns und befürchtet, es könne ihn eine Ehe von diesen Studien abhalten.«

»Was ich mir sehr wünschen würde.«

»Liegt in fortgesetzter Bildung nicht der Schlüssel zur Zukunft unserer Gesellschaft?«

Iseuld lachte. »Ich habe dich entschieden zu oft zu den Wohlfahrtssitzungen mitgenommen. Ich will Arthur nicht das Studieren verbieten; ich will ihn nur lieber beim Spiel mit seinen Kindern sehen.«

»Wäre es so schlimm für dich, wenn Tengye Hall ohne Tengyes wäre?«

»Weil ich an meine Eltern keine liebevollen Erinnerungen habe? Das willst du doch sagen? Aber ich sage dir etwas: Wenn sie auch keine guten Eltern waren, so bin ich ihnen doch dankbar für mein Leben und meinen Charakter. Und ich liebe Tengye Hall, ich liebe Cornwall. Zu erleben, wie wir kein Teil mehr davon sind, wäre mir unerträglich.«

»Aber du bist auch eine Arscott.«

»Die Arscotts stammen aus Liskeard.«

»Nun, aber Cornwall bliebe dir erhalten und Petrok hat genug von den Tengyes in sich, um …«

»Ach, meine liebe Anna, was machen wir uns an einem trüben Tag auch noch trübe Gedanken? Sollten wir nicht fröhlich sein und singen und tanzen?« Sie sprang auf, nahm mich an der Hand und zog mich zu den Kindern hinüber, die sie küsste und umarmte. »Heute Abend erwarten wir keine Gäste. Da wollen wir es uns so richtig gut gehen lassen.«

Wir empfingen Caradoc ausgesprochen leger: Die Kinder steckten in ihren Nachthemden; Iseuld und ich hatten uns in schlichte Kleider und indische Shawls gehüllt, die Haare trugen wir offen. Holt saß im Morgenmantel am Kamin und strickte. Caradoc streckte sich auf der Chaiselongue aus und ließ sich von seinem Töchterlein mit all den Leckereien füttern, die Iseuld eigenhändig zubereitet hatte; cornische Pasteten gab es und duftende Rosinenbrötchen, die sie über dem Kaminfeuer röstete. Wir sangen Lieder und ich erzählte deutsche Märchen. Petrok kuschelte sich an mich, Jenefer saß zwischen ihren Eltern und Holt schlummerte nach einer Stunde im Ohrensessel ein. Wir kicherten, wann immer sie aufschreckte und behauptete, hellwach zu sein. Irgendwann schickte Iseuld sie auf ihr Zimmer und brachte bei der Gelegenheit auch die Kinder zu Bett. Ich blieb mit Caradoc zurück.

Wir waren mittlerweile so vertraut miteinander, dass er mir mehr Bruder war als Carl. Was Iseuld zu verdanken war, die im Gegensatz zu Bertha nie versuchte, ihren Mann von mir fernzuhalten. Unserer tiefen Freundschaft wegen verschwendete ich keine Sorge an Sittlichkeit oder Moral, als er und ich alleine im Wohnzimmer saßen; zwischen Caradoc und mir bestand kein Gefühl, das nicht hätte sein dürfen. Wir plauderten über die Kinder, als plötzlich von der Straße Tumult zu uns heraufdrang. Neugierig eilten wir ans Fenster, um zu schauen, was den Lärm verursachte. Nichts weiter war geschehen, als dass zwei Fahrer ihre Kutschräder verkeilt hatten und sich Prügel androhten, wenn der andere nicht zugeben wolle, die Schuld am Unfall zu tragen. Den ganzen Tag über hatte es mal mehr, mal weniger geregnet und wieder ging Unwetter nieder, als die Streithähne gerade am lautesten brüllten. Schnell sprangen sie auseinander und strengten sich an, ihre Kutschen zu befreien.

Wir beobachteten das Spektakel amüsiert. Ich stützte die Arme aufs Fensterbrett; mir gefiel, wie der Regen aus dem Dunkel in den hellen Lichtschein der Gaslaternen prasselte. Als aber ein Blitz herabfuhr und Donner krachte, erschrak ich mich so sehr, dass Caradoc seinen Arm um mich legte und mir versicherte, ich müsse mich nicht fürchten. Es war seine Reaktion natürlich, ganz wie die eines großen Bruders. Er neckte mich, nannte mich einen Angsthasen. Als wäre ich die hilflose Heldin eines Schauerromans, bot er mir seinen Arm und führte mich zum Sofa, wo ich meinen unaussprechlichen Schrecken vergessen solle. Lachend ließ ich mir seinen Spott gefallen und als Iseuld einige Minuten später zurückkehrte, fand sie uns vor, wie wir eine Gruselgeschichte erfanden. Iseuld spielte nur zu gerne mit und so blieben wir noch lange beisammen, bis uns nichts Besseres mehr einfiel, als unsere Helden in der Wüste verdursten zu lassen.

Als ich in mein Zimmer kam, trat ich einmal noch ans Fenster und blickte hinaus auf die nun menschenleere Straße. Noch immer regnete es. Ich hoffte, es würde bis zum Vormittag aufhören; ich wollte mit den Kindern einen Ausflug in den Park unternehmen. Ich gähnte und wollte mich eben umwenden, als ich eine Bewegung auf der anderen Straßenseite wahrnahm. Stand dort jemand unter den Kolonnaden? Ich glaubte, einen Schatten wahrzunehmen, hoch und breit. Sah ich den flackernden Umriss eines Mannes oder spielten mir Nacht, Licht und Regen einen Streich? Ich beugte mich weiter vor; wieder bewegte sich dort drüben etwas. Ich wartete ab mit kribbelnden Fingern und einem flauen Gefühl. Fürchtete ich mich etwa? Dann verlachte ich mich; bestimmt hatte ich in der letzten Zeit zu viel Kaffee getrunken, den ich von daheim nicht gewohnt war. Bertha war der Meinung, es stünde einer unverheirateten Frau nicht an, den türkischen Trank zu genießen; er mache sie nervös. Am Ende hatte sie recht und ich reagierte nur deshalb so übertrieben?

Froh, dem Kaffee die Schuld geben zu können, schlüpfte ich ins Bett und schlief rasch ein. Es war die letzte Nacht auf lange Zeit, die ich in Ruhe verbrachte.

Gawen Tengye

London, letzte Novemberwoche 1845

Der nächste Morgen grüßte uns mit Sonnenschein und Frost. Ich packte die Kinder warm ein und eine gute Viertelstunde später waren wir im Hydepark angelangt, wo wir das Glück hatten, Königin Victoria und ihren Gemahl an uns vorbeifahren zu sehen. Petrok war entsetzlich aufgeregt und brüllte ihnen ein deutsches ›Guten Morgen‹ hinterher. Was Prinz Albert dazu brachte, sich in seinem Sitz umzudrehen und einen Gruß zurückzurufen.

Wir zogen weiter bis in den Bereich des Parks, in dem die Kinder spielen durften. Ich setzte mich zu drei Kinderfräulein und vertrieb mir die Zeit mit ein wenig Klatsch und Tratsch. Ich verriet ihnen nicht, welch guten Umgang ich mit meiner Herrschaft pflegte, ansonsten hätte ich niemals erfahren, wie Lady B. oder Mrs. M. sich verhielten, wenn nicht das Auge der Gesellschaft auf ihnen ruhte. Ich genoss diese Gespräche immer sehr, fand es nur zunehmend schwieriger, selbst nichts dazu beizutragen. An diesem Vormittag aber gab ich zu, es sei der Bruder meiner Herrin vielleicht nicht ganz der Gentleman, den man sich erwarte. Ich tat das in der Hoffnung, dass meinen Bekannten etwas zu ihm einfiele. Und diese Hoffnung war nicht vergebens.

»Mr. Tengye soll ein wahrer Teufel sein, habe ich gehört.«

»Ein ausgesprochen gut aussehender Teufel.«

»Na, schön muss er schon sein, denn für einen hässlichen Trottel wirft sich nicht einmal eine Landpomeranze fort.«

Ob sie ihm einmal begegnet seien, fragte ich. Doch nichts als Geschichten hatten sie über ihn gehört. Und die Geschichten, die sie zum Besten gaben, standen meinen Fantasien in nichts nach, sondern überboten sie noch. Wenn ich ihnen glauben sollte, so lebten wir in einem Land, in dem ein schöner Mann mit den abscheulichsten Taten davonkam; ja, sie deuteten an, er beherrsche die Kunst der Hypnose, was sie wohlig gruseln ließ.

Als wir gegen Mittag heimkehrten, ließ ich für die beiden Dreckspatzen ein Bad bereiten. Gründlich schrubbte ich sie ab; wir lachten und kicherten und übermütig planschten sie im warmen Wasser. Iseuld war bereits ausgegangen und so kam Betsy, das Dienstmädchen, zu mir, um Besuch zu melden.

»Da ist ein Herr, der will mit Mrs. Arscott sprechen.«

»Wie heißt der Herr?«

Betsy war ein liebes Mädchen von fünfzehn Jahren, allerdings etwas unbeholfen. Sie knickste und murmelte, sie wisse es nicht.

»Hat er dir keine Karte gegeben?«

»Nein, Miss Anna.«

»Und er hat sich nicht vorgestellt?«

»Nein, Miss Anna.«

»Was genau hat er gesagt?«

»Dass er mit Mrs. Arscott sprechen will.«

»In welcher Angelegenheit?«

»Das geht mich nichts an, Miss Anna.«

»Dich nicht, aber deine Herrin schon. Je nachdem mag sie dich bitten, den Herrschaften zu sagen, sie sei nicht da.«

»Aber das habe ich dem Herrn schon gesagt.«

»Betsy, du entscheidest nicht, was ein Besucher zu hören bekommt. Du fragst nach dem Namen und dem Grund des Besuchs und …«

»Und wenn es die andere Mrs. Arscott ist? Soll ich sie auch fragen, wie sie heißt?«

»Wenn du den Besuch kennst, fragst du natürlich nicht. Kanntest du den Herrn denn?«

»Den Mann von Mrs. Arscott?«

»Den Herrn, der mit Mrs. Arscott sprechen will.«

»Mit welcher Mrs. Arscott denn, Miss Anna?«

»Mit unserer Mrs. Arscott.«

»Und von welchem Herrn sprechen wir?«

»Von dem, den du fortgeschickt hast.«

»Nein, Miss Anna, ich habe ihn nicht fortgeschickt, sondern ins Wohnzimmer gesetzt.«

»Betsy, Besuch bittest du nur herein, wenn du sicher weißt, Mrs. oder Mr. Arscott wollen ihn empfangen. Und dann setzt du ihn nicht ins Wohnzimmer, sondern in den Morgensalon.« Ich seufzte. Betsy brachte uns alle zum Seufzen. Aber Iseuld wollte ein gutes Werk an ihr tun und so übten wir uns in Geduld, wenn wir mit dem Mädchen in eine solche Unterhaltung gerieten.

Ich drückte Betsy die Badelaken in die Hand und bat sie, sich um Petrok und Jenefer zu kümmern, während ich nach dem Besucher sah. Und noch bevor ich in den Raum trat, überkam es mich wieder. Dieses befremdliche Kribbeln in Händen und Nacken. Dieses Gefühl von Erwartung, das sich bitter-süß in mir ausbreitete.

Ich fasste mich, öffnete die Tür und stand einem Mann gegenüber, der niemand anderes sein konnte als Gawen Tengye. Die Ähnlichkeit zu Iseuld war zu stark, als dass ich mich hätte irren können. Zwar war er weniger zart gebaut als sie, aber vor allem Augen und Mund verrieten die Verwandtschaft. Was mich jedoch erstaunte, war der Unterschied im Ausdruck: Während in Iseulds Blick Wärme lag, schaute mir aus Gawen Tengyes Gesicht kaum verborgener Abscheu entgegen. Hatte er sich so sehr über Betsy geärgert? Ich schloss die Tür hinter mir und nahm Platz, bat auch ihn, sich wieder zu setzen.

»Ich habe nicht vor, ausgerechnet mit Ihnen höfliche Konversation zu betreiben«, blaffte er mich an. Wenn möglich betrachtete er mich mit noch mehr Verachtung.

Was mich erboste. Wir waren uns nie zuvor begegnet, was also könnte er an mir auszusetzen haben? Das erfuhr ich schnell genug. Mit zwei Schritten war er bei mir und beugte sich über mich.

»Was immer Sie vorhaben, geben Sie es auf! Meine Schwester hat in ihrem Leben genug Elend erfahren, da braucht es nicht auch noch ein Weib wie Sie, das weder Ehre noch Moral kennt!«

»Sie müssen mich verwechseln, Mr. Tengye.« Wenn er glaubte, mich mit seinen Beleidigungen in ein zitterndes Bündel zu verwandeln, dann musste ihn ärgern, wie gut ich meine Haltung bewahrte. Eine bessere Schule als bei Bertha hätte ich kaum durchlaufen können.

»Mr. Tengye, ja? Sie wissen also, wer ich bin? Sie haben sich gut vorbereitet, das hätte ich mir denken können!«

»Bitte, Mr. Tengye, wenn Sie schon etwas von mir denken müssen, dann bitte, dass ich weder taub noch blind bin. Zum einen höre ich Sie, ohne dass Sie brüllen, und zum anderen können Sie wohl kaum Miller heißen, wenn Sie Iseulds Bruder sind.«

»Iseuld gar? Sie nennen sich beim Vornamen wie alte Vertraute? Was sind Sie doch für ein raffiniertes Luder!«

»Das Kompliment der Raffinesse habe ich weder verdient noch kann ich es zurückgeben. Wenn Sie mich bitte entschuldigen wollen? Jenefer und Petrok haben gewiss Hunger und ich …«

»Ich kann mir nichts Widerwärtigeres denken, als sich in eine glückliche Familie zu schleichen! Wenn Sie einen Funken Anstand im Leibe haben, reichen Sie Ihre Kündigung ein und suchen sich ein anderes Opfer!«

Wenn ich heute daran denke, frage ich mich, weshalb ich nicht gleich verstand, worauf er anspielte und warum er es tat. Aber damals war ich damit beschäftigt, jeden Tag aufs Neue zu meistern und nicht an Papa zu denken. Wovon er spräche, fragte ich ihn also, ratlos und verärgert.

Er sah in meiner Ahnungslosigkeit nichts als billiges Theater; eine Schmierenkomödiantin nannte er mich, eine Abenteuerin und Lügnerin. Bevor ich eine Erklärung erbitten konnte, hatte er Stock und Hut gegriffen und war an der Tür angelangt.

»Ich gebe Ihnen Zeit bis morgen Abend, sich anständig aus dieser Affäre zu ziehen. Dann werde ich meine Schwester aufklären und Sie können sich denken, was das für Ihr weiteres Fortkommen bedeutet!«

»Mr. Tengye …«

Fort war er und einen Augenblick später warf er die Haustür hinter sich zu.

Verwirrt blieb ich zurück. Verdächtigte er mich, mit Caradoc eine Liebelei zu unterhalten? Wie kam er nur darauf? Ich sorgte mich nicht, es war ja lächerlich, wenn er das dachte und er würde sich ordentlich blamieren, wenn er diesen Unsinn Iseuld erzählte. Gerne hätte ich seinen Auftritt vergessen, doch was ich auch tat, ich wurde unruhiger mit jeder Minute. Dieses Gefühl, es sei mein Schicksal mit dem der Brüder verknüpft, schien mir bald Gewissheit zu sein. Ich konnte nicht aufhören, an Gawen zu denken. Voller Abscheu und sogar ein wenig Furcht, obwohl ich wusste, er konnte mir nichts anhaben. Natürlich schilderte ich Iseuld den Vorfall und empört verurteilte sie sein Vorgehen. Sie versprach, ihn auszuschimpfen; zu einer Entschuldigung wollte sie ihn zwingen und sein blaues Wunder werde er erleben, wenn er morgen käme.

In dieser Nacht träumte ich zum ersten Mal von der Burg hoch über den Klippen eines tosenden Meeres. An der obersten Zinne stand ich, angetan in ein locker fallendes blaues Kleid mit langer Schleppe und Ärmeln, die bis zum Boden reichten. Ich lehnte mich weit hinaus über die Brüstung und suchte den Horizont ab. Was ich suchte, wusste ich nicht, doch suchte ich es verzweifelt. Der Wind zerrte an meinem Kleid, wehte mir die Haare ins Gesicht und mehr als einmal brachte er mich aus dem Gleichgewicht. Eine dunkle Stimme rief mir zu, ich müsse herunterkommen, es sei zu gefährlich dort oben. Und immer antwortete ich, ich sei gleich da, wenn ich nur erst sicher wäre, alles sei gut.

Dann änderte sich das Bild; in einem Saal stand ich und blickte über einen runden Tisch hinweg, an dem dreizehn Männer saßen und diskutierten. Sie langweilten mich, obwohl ich wusste, sie besprachen Wichtiges. Etwas, was für mein weiteres Leben entscheidend war. Einer von ihnen stand auf und kam zu mir. Wie es in Träumen so ist, wunderte ich mich nicht, dass er aussah wie Gawen. Natürlich waren Gawen und König Artus ein und derselbe. Und Artus war es auch, der mich gerufen hatte, weil er sich um mich sorgte. Nun bot er mir seinen Arm und führte mich hinaus aus dem Saal. Er fragte, ob ich einwillige, seine Frau zu werden. Ob ich ihm angehören wolle für alle Zeit? Hier und jetzt? Ich nickte und dieses Mal löste sich das fremde Gefühl aus Angst und Aufregung in Begehren auf.

Artus hob mich hoch, nannte mich Gwenhwyfar und Liebste, küsste meine Wangen, meine Augen, meinen Mund und wieder änderte sich die Szenerie. Wir lagen nebeneinander unter einem roten Baldachin und noch lauter toste das Meer und wütender brüllte der Wind. Irgendwo erklang eine Laute und jemand sang ein Lied, dessen Worte ich nicht verstehen konnte. Wieder küsste Artus mich und der Traum ging über in eine Lust, für die ich nach dem Aufwachen schwerlich den Kaffee verantwortlich machen konnte. Wenn ich nur daran dachte, errötete ich, und als ich in den Spiegel sah, erkannte ich mich kaum wieder.

Sorgfältig machte ich mich zurecht und doch fragte Iseuld am Frühstückstisch, ob ich mich wohlfühle; ich sähe fiebrig aus. »Daran trägt hoffentlich nicht Gawen die Schuld?«

Verlegen nestelte ich am Kragen und befürchtete, Iseuld lese mir meinen Traum an der Stirn ab.

»Ich verspreche dir, ich werde ihm den Kopf zurechtrücken. Und du versprichst mir, dich niemals wieder von ihm ärgern zu lassen.« Sie lächelte. »Noch einen Kaffee?«

»Nur nicht!«

»Bist du krank, meine Liebe? Soll ich nach Dr. Howell rufen lassen?«

»Aber nein, ich habe nur nicht allzu gut geschlafen, das ist alles.«

»Wegen Gawen! Ich bin wirklich böse auf ihn! Ausgerechnet er bildet sich ein, er dürfe anderen Vorhaltungen machen!«

Caradoc nickte. »Ich wüsste gerne, wie er auf diesen Blödsinn kam. Könnte vielleicht Mrs. Beresford …«

»Liebster, bitte. Niemand aus unserem Bekanntenkreis käme auf solch eine Idee und niemand würde darüber mit Gawen sprechen. Wie denn auch? Er geht nicht aus und wird sich im Schatten halten wie jedes Mal.«

Im Schatten …? Ich sprang auf und eilte ans Fenster. Was unsinnig war, natürlich. Aber hatte ich dort unter den Kolonnaden nicht in der Nacht zuvor einen Schatten gesehen? Einen Schatten, so groß und breit wie Gawen? Hatte ich nicht angenommen, dort hielte sich ein Mann verborgen?

Und da überkam es mich schon wieder: Dieses Zittern, die Aufregung, die Angst. Aber mehr noch kam hinzu … ein Geschmack von Salz und saurer Frucht, ein Duft nach Tabak, Blumen und herben Kräutern. Fast spürte ich den Wind in meinem Haar, fühlte eine Hand auf meiner Haut, hörte Gawens Stimme. Nein, nicht Gawen sprach zu mir! König Artus war es, ein Traum war es nur und nichts hatte er mit Gawen Tengye zu tun! Mir wurde heiß. Hastig öffnete ich das Fenster.

»Liebste, was ist dir denn?« Schon war Iseuld bei mir und fühlte meine Stirn. »Caradoc, lasse Doktor Howell holen! Anna glüht!«

»Nein, bitte, ich … wirklich, Iseuld, es geht mir gut. Aber ich glaube, ich weiß, weshalb dein Bruder glaubt, was er glaubt.« Ich plapperte viel zu rasch und wies hektisch zur anderen Straßenseite. »Vielleicht war er vorgestern Nacht schon hier und wollte dich besuchen. Und dann sah er Caradoc und mich. Das mag ihm einen falschen Eindruck vermittelt haben.«

»Was genau könnte ihm denn bitte einen falschen Eindruck vermittelt haben?«

Ich erschrak. Iseuld glaubte doch nicht, zwischen mir und ihrem Mann bestünde ein geheimes Einverständnis?

Doch bevor ich antworten konnte, lachte sie bereits. »Man möchte meinen, ein Mann, der so viel Erfahrung hat wie mein Bruder, sollte in der Lage sein, den Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe zu erkennen.«

»Von dort unten …«

»Eben. Wenn man heimlich in anderer Leute Fenster schaut und nichts weiß von dem, wie diese Leute zueinanderstehen, dann sollte man sich brav zurückhalten mit Schlussfolgerungen. Was er von dir glaubt, sagt mir leider viel über ihn.«

Noch einmal fühlte sie meine Stirn und dieses Mal war sie zufrieden. Dennoch bat sie mich aus Sorge um meine Gesundheit, heute mit den Kindern daheimzubleiben.

Der Tag verging friedlich. Dass auch Iseuld den Besuch Gawens voller Unruhe erwartete, merkte ich daran, wie sie alle Aufgaben beiseiteschob und sich dem Klavier mit mehr Hingabe als sonst widmete. »Einen freien Tag werde ich mir wohl gönnen dürfen«, meinte sie, als sie Betsy auftrug, allen Besuchern mitzuteilen, sie empfange heute nicht.

Zum Abend hin kleideten wir uns um. Iseuld bat, ich möge mich hübsch machen, damit Gawen sein Benehmen besonders peinlich sein würde. Ich folgte ihrer Bitte nicht; ich befürchtete, wenn ich eines der Abendkleider seiner Schwester trüge, dann würde er erst recht glauben, ich wolle ihren Platz einnehmen. Ich wählte daher das einfache braune Kleid, in dem ich das Haus meines Bruders verlassen hatte. Das Haar steckte ich streng zurück und jeden Schmuck legte ich ab. Ich war eine Gouvernante von Kopf bis Fuß. Aber es war Iseuld, die den klügeren Gedanken gehabt hatte.

Gawen Tengye kam gegen sechs Uhr und er kam unter Getöse. Betsy hatte ihn nicht einlassen wollen. Was nicht an ihrer Begriffsstutzigkeit lag, sondern daran, dass er es nicht für nötig gehalten hatte, sich als Iseulds Bruder vorzustellen. Sie erkannte in ihm den Herrn, der sich schon am gestrigen Tag unfreundlich verhalten hatte, und hatte ihn wegschicken wollen, was ihn erboste.

So also stürmte Gawen ins Wohnzimmer und schaute wild um sich. Ich verabscheute ihn und doch gelang es mir, ruhig zu bleiben. Ich saß am Klavier gemeinsam mit den Kindern und flüsterte ihnen zu, sie sollten den Onkel lieb begrüßen, damit er sich zu Hause fühle. Doch Jenefer verweigerte mir meine Bitte rundheraus; zu selten hatte sie Gawen gesehen, als dass sie sich an ihn hätte erinnern können. Petrok gar verbarg sich hinter mir, so unangenehm war ihm der Auftritt des Onkels.

Gawen kümmerte nicht, wie er die Kinder verängstigte. Er schoss an Iseuld vorbei auf mich zu und zischte, ich hätte es nicht anders gewollt. Dann drehte er sich um und wollte Iseuld über mein schändliches Tun in Kenntnis setzen, als sie ihm zuvorkam und eisig bat, er möge sich setzen und aufhören, die Kinder zu erschrecken. Caradoc mischte sich nicht ein; er brachte Jenefer und Petrok aus dem Zimmer.

»Iseuld, diese Person –«

»Setz dich, Gawen, oder verlasse mein Haus!«

»Hör zu, Iseuld! Sie –«

»Nein, du hörst dir an, was ich zu sagen habe.«

Dann legte Iseuld los. Sie warf ihm Unhöflichkeit, Arroganz und Dummheit vor und endete mit der Frage, ob er vor zwei Tagen vor ihrem Haus herumgelungert sei wie ein Dieb. Gawen hatte stumm zugehört und nur gelegentlich die Hand gehoben oder sich geräuspert. Je länger seine Schwester auf ihn einsprach und je zorniger sie wurde, desto mehr schien er sich zu amüsieren. Jetzt lächelte er, deutete eine Verbeugung an und erklärte, er sei in der Tat bereits vorgestern hier gewesen. Ohne jede Verlegenheit räumte er ein, es könne sein, er habe einen Fehler gemacht.

»Einen verzeihlichen Fehler allerdings, wäre er doch jedem unterlaufen, der Caradoc und diese Frau zusammen gesehen hätte.«

»Haben sie sich umarmt, haben sie sich geküsst? Denn nichts sonst könnte mich davon überzeugen, dass etwas Unrechtes zwischen meinem Mann und meiner besten Freundin vorgeht!«

»Nun, das haben sie nicht. Aber Miss Annas Aufzug, ihre geöffneten Haare und wie sie traut nebeneinanderstanden und scherzten und lachten, von dir nichts zu sehen, da …«

»Du weißt, wie sehr ich jedes zeremonielle Gehabe verabscheue! Und doch misst du mich und die Art, wie ich mein Haus führe, an den Regeln kleingeistiger Heuchler, die überall Unmoral wittern! Ich kann dir nicht sagen, wie böse mich das macht!«

»Ich nahm an, es würde dich ebenso böse machen, im eigenen Haus betrogen zu werden von einer …«

Bislang hatte ich mich im Hintergrund gehalten, aber jetzt war es mit meiner Geduld am Ende. »Von einer was, Mr. Tengye?«

Er stand auf, musterte mich lange und verbeugte sich dann kühl. »Von einer Gouvernante, wie sie sein sollte. Von der Fußspitze bis zum Scheitel stellen Sie das Ideal der sich selbst vergessenden Erzieherin dar. Immer gehorsam, immer sich aufopfernd und für alles dankbar, was man ihr gibt.«

»Ich habe nie gehört, wie jemand Tugenden mit solcher Verachtung aufzählt.«

»Oh, Sie missverstehen mich. Wenn eine Gouvernante diese Tugenden besitzt, dann werde ich sie ehren und ihr Loblied singen. Für eine beste Freundin meiner Schwester allerdings, die diese Tugenden nur spielt und sich sogar verkleidet, um meinen Verdacht zu zerstreuen, habe ich nicht dieselbe Hochachtung übrig.«

»Gawen!« Iseuld eilte an meine Seite. »Du entschuldigst dich auf der Stelle bei Anna!«

»Ich denke nicht daran. Ich gebe zu, ich habe mich geirrt. In Caradoc. Und in den Chancen, die sich diese Person ausgerechnet hat. Aber das Schauspiel, das sie jetzt aufzuführen versucht, überzeugt mich nicht von ihrem guten Charakter.« Er trat einen Schritt näher zu mir. »Wie reizend Sie die Kinder um sich gruppierten, wie still Sie hier in der Ecke saßen, so ungefährlich in diesem traurigen Kleid, so ergeben abwartend, was mit Ihnen geschieht. Und so unendlich verlogen. Als ob diese Verkleidung mich vergessen machen könnte, was ich zwei Tage zuvor gesehen habe. Glauben Sie wirklich, nur weil Sie mir die Unscheinbare vorspielen, vergesse ich die Frau am Fenster, die mit meinem Schwager umging, als sei er ihr Mann?«

Ich war sprachlos. Iseuld nicht. »Hast du mich nicht verstanden? Ist dein Urteil mehr wert als meines? Was bist du doch für ein scheinheiliger Kerl! Ausgerechnet du!«

Doch Gawen ließ sich nicht aufhalten; er hörte seiner Schwester nicht einmal zu. »Und dann gestern, als Sie hier die Hausherrin gaben, eine Schürze über dem feinen Kleid, die Haare sorgfältig gelockt und gesteckt, Schmuck an Kragen und Ohren – soll ich das auch vergessen über Ihrem heutigen Getue?«

Iseuld wurde laut. »Deswegen führst du dich hier auf, als wärest du in einer Höhle großgeworden?«

»Verstehst du nicht, wie sie sich einbildet, deine Aufgaben …«

»Nichts bilde ich mir ein!« Ich fand meine Stimme wieder und schob meine Freundin beiseite; sie sollte nicht meine Kämpfe ausfechten müssen. »Sie fällen Ihre Urteile also nach der Kleidung eines Menschen? Ich wünsche Ihnen damit weiterhin viel Erfolg; man sieht ja, wohin es Sie gebracht hat.«

»Sie werden unverschämt, Miss Anna. Es ist nicht an Ihnen, meine Stellung im Leben zu beurteilen!«

»Das gilt andersherum ebenso! Ich empfange Gäste, auch ohne die Herrin des Hauses zu sein. Weil Iseuld mich darum gebeten hat. Hätten Sie mich gestern befragt, anstatt mir Vorwürfe zu machen und fortzurennen, so würde Ihre Schwester Sie nicht erst heute wiedersehen. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte; Jenefer und Petrok brauchen mich.«

Gawen sah zu Iseuld. »Du lässt zu, dass deine Angestellte so mit mir spricht?«

»Meine Freundin kann mit dir sprechen, wie sie es für richtig hält.«

»Soll ich also gehen?«

Iseuld zögerte. »Wenn du dich nicht gesittet benehmen kannst und dir egal ist, wie ich mich fühle, dann gehe bitte.«

Nun zögerte Gawen. Lachte auf einmal. Umarmte seine Schwester. Und griff nach meiner Hand, küsste sie. Iseuld jubelte, hing sich an seinen Arm, nannte ihn einen dummen Kerl und dankte ihm gar, hatte er doch getan, was er tat, weil er sich um sie sorgte. Glücklich plaudernd zog sie ihn aus der Tür und erklärte, wir wollten nun endlich essen und es uns gut gehen lassen.

Ich blieb zurück. Ich ließ mir Zeit, denn ich hatte Mühe, meine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Mich nämlich hatte Gawen nicht überzeugt von seiner Einsicht. Wie er meine Hand gehalten hatte, fester als nötig, wie er mir ins Gesicht geblickt hatte, kühl und grimmig – nein, er mochte mich nicht. Was mir nur lieb war, denn selbst Kommerzienrat Weber wäre mir als Tischherr lieber gewesen als dieser eingebildete Mann, der durch die Welt lief und Frauen auf die eine oder andere Weise ins Unglück stieß.

Das Essen brachten wir in höflicher Konversation hinter uns, was vor allem den Kindern zu verdanken war. Sie fragten Gawen aus. Wie Paris sei und ob dort wilde Tiere lebten. Ob er ein gemütliches Heim in Florenz habe und ob dort wilde Tiere lebten. Ob ihm Hamburg gut gefallen habe und ob es wenigstens dort wilde Tiere gebe. Petrok war ziemlich enttäuscht von seinem Onkel; was lohnte das Reisen in fremde Länder, wenn er nirgendwo Krokodile oder Löwen traf? Jenefer hingegen schien recht zufrieden mit ihm zu sein, denn als wir zurück im Wohnzimmer waren und Caradoc und Gawen über Geschäfte sprachen, da stellte sie sich neben ihn, schaute ihn an und streichelte über sein Gesicht. Ich gestand ihm wirkliche Liebe für seine Familie zu, als er die Nichte auf seine Knie hob und mit geschickter Hand aus ihren Locken einen Zopf flocht.

Jenefer lächelte verträumt und flüsterte, dass sie das möge. »Und du machst das fast so gut wie Tante Anna«, lobte sie ihn.

Sofort hielt er inne und starrte mich an. »Du nennst Miss Anna Tante?«

Petrok, der nur mühsam die Augen noch offen hielt, löste sich von Iseulds Schulter und krähte, ich wäre ja keine fremde Miss, dann müsse ich wohl eine Tante sein. »Und Mama sagt, Tante Anna ist Familie.«

»Ist sie das?« Gawen klang freundlich, aber seine Miene war ernst.

Jenefer strahlte ihn an. »Du musst nicht traurig sein. Wenn du öfter kommst, dann bist du auch Familie.«

»Dann nur, Engelchen? Bin ich denn nicht dein Onkel?«

Sie zog ein drolliges Gesicht. Bislang hatten die Kinder vermieden, Gawen mit Namen anzusprechen. Sie behandelten ihn wie einen Gast, den sie mochten, nicht aber wie einen Verwandten, der ihnen vertraut war.

»Sie kennen dich doch kaum«, erklärte Iseuld.

»Oh, ich bin nicht eifersüchtig, ich verstehe das schon …«

Wieder schaute er zu mir. Nicht einmal unfreundlich, nur sehr ernst und seltsam besorgt. Sofort schoss mir die Röte in die Wangen und dieses Mal konnte ich ein Zittern nicht unterdrücken. Es war, als blicke mir das Schicksal selbst in die Augen.

Caradoc nahm meine Veränderung wahr und rief Iseuld zu mir. Wie am Morgen schon legte sie die Hand auf meine Stirn und wieder wollte sie den Arzt holen lassen.

»Iseuld, bitte, du machst dir unnötige Sorgen. Ich habe zu viel von diesem Likör getrunken, den Mr. Tengye dir mitgebracht hat.«

Gawen lachte. »Ein Teufelszeug, ich hätte Sie warnen sollen.«

»Ich weiß nicht, wie viele Warnungen ich aus Ihrem Mund noch hätte hören wollen, aber diese gewiss.«

Er verbeugte sich, schmunzelte sogar. In diesem Moment sah er Iseuld so ähnlich, dass er mir fast hätte sympathisch sein können. Er zwinkerte mir zu. »Wenn Sie sich angewöhnen wollen, auf mich zu hören, dann will ich mir angewöhnen, Sie zu warnen.«

Ich wusste mit seiner Aussage so wenig anzufangen, dass ich mir eine Antwort sparte und erklärte, ich wolle mich zurückziehen, zumal es an der Zeit sei, die Kinder ins Bett zu bringen. Zu meiner Überraschung stand auch Gawen auf und meinte, er werde uns verlassen; er bräuchte seinen Schlaf. Er küsste Iseuld auf beide Wangen, strich den Kindern über den Kopf und war schon auf dem Weg hinaus, bevor Iseuld ihn hätte zurückhalten können. Vom Fenster aus rief sie ihm nach, wann er denn zurückkäme.

»Ich bleibe eine Woche, Schwesterchen, und bin morgen Vormittag zurück. Schlaft wohl, ihr Lieben!«

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
291 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783948483913
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar