Kitabı oku: «ROCK IM WALD - Ein Norbert-Roman», sayfa 4
Kapitel 11
Wenn der Anlass nicht so entsetzlich gewesen wäre, sie hätte die Fahrt beinahe genießen können. Die Landschaft war wirklich wunderschön, die Nachmittagssonne, die zwischen dichten Wolken immer wieder hervorblitzte, ließ die grünen, dicht bewaldeten Hügel wie gemalt erscheinen.
Mit einem Seufzer zwang sich Catrin, all ihre Aufmerksamkeit dem Verkehr zu widmen. Ihr Navi führte sie über kurvenreiche Straßen durch Ortschaften, die noch viel kleiner waren als die, in der sie lebte. Meine Güte, wer zog denn hier freiwillig hin? Sicher nur radikale Aussteiger, die von selbstgeerntetem Gemüse träumten.
Inzwischen fuhr sie längst nicht mehr so schnell, wie es vielleicht erlaubt gewesen wäre, sondern versuchte, links und rechts der Fahrbahn Ausschau zu halten nach einem schwarz-braunen Hund mit weißer Blässe auf der Brust. Konnte es sein, dass Diva hier in der Nähe umherirrte?
Die Straße, auf der Catrin nun schon seit einigen Kilometern fuhr, führte relativ steil bergauf. Sobald sie oben auf der Kuppe angekommen war, suchte sie einen Platz, an dem sie anhalten konnte. Ihr Navi sagte ihr, dass sie bald am Unfallort sein musste. Wenn Diva lebend aus dem Wrack entkommen und nicht zu schwer verletzt war, dann war nicht auszuschließen, dass sie sie von hier oben aus vielleicht sehen konnte.
Ihr Handy ignorierte sie. Sie hatte es so eingestellt, dass jede Nachricht, die über Facebook kam, nun mit einem Signal angekündigt wurde, aber das war keine gute Idee gewesen. Als sie von der Autobahn fuhr, hatte sie zum ersten Mal angehalten und die Nachrichten gelesen. Es konnte ja sein, dass jemand Diva bereits entdeckt hatte. Dann begriff sie jedoch, dass sie sich mit ihrem Hilfeschrei keinen Gefallen getan hatte. Ihre Fans waren vollkommen außer sich, ihre Seite wurde mit gut gemeinten aber belanglosen Postings überflutet.
„Wir lieben dich und sind bei dir!“
„Hier, ein Schutzengel für die liebe Fellnase!“
„Wir drücken dir so die Daumen!“
„Wie kann ich helfen?“
„Oh, du Arme! Ich sende dir alle Kraft, die ich habe!“
So ging es weiter und weiter. Hundertfach. Tausendfach. Unmöglich, aus all den Nachrichten vielleicht die eine herauszufiltern, die helfen konnte! Verdammt! Und wie oft ihr Aufruf geteilt worden war! Mehr als vierzig Mal!
Inzwischen ignorierte sie das ständige Klingeln.
Langsam drehte sich Catrin um die eigene Achse und ließ den Blick schweifen. Wälder, Wälder und noch mal Wälder, die bergauf und bergab nahtlos ineinander überzugehen schienen. Buchstäblich. Soweit das Auge reichte.
Eine bodenlose Verzweiflung wallte in ihr auf. Angesichts der endlosen Weite, in der ihre schwangere Hündin verlorengegangen war, überfiel sie tiefste Mutlosigkeit. Wie in Gottes Namen sollte sie, sollte überhaupt irgendjemand in diesem Meer aus endlosen Verstecken Diva finden?
Catrin lehnte sich an ihren Wagen und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Wenn Diva verletzt war und sich irgendwo in ein dichtes Gestrüpp zurückgezogen hatte, um sich die Wunden zu lecken, dann würden hundert, nein, tausend Menschen sie hier nicht aufspüren. Niemals! Und was, wenn der Schock des Unfalls die Wehen ausgelöst hatte?
Diese endlosen Felder! Erst jetzt fiel ihr auf, dass auf den Äckern dort unten im Tal die Hölle los war. Es wurde gemäht oder geerntet oder weiß der Geier was gemacht – und zwar mit riesigen Maschinen. Oh nein! Sie hatte schon so viel darüber gelesen, wie viele Kitze Jahr für Jahr starben, weil sie von den Mähdreschern gehäckselt wurden! Junge Rehe, oft erst wenige Tage alt, die ihre Mütter in dem Glauben, im hohen Gras seien sie in Sicherheit, dort ablegten, während sie Futter suchten.
Diva war zwar kein Rehkitz, aber sie war sicher völlig verwirrt und verängstigt. Unter Garantie spazierte sie nicht an einer Landstraße entlang, wenn sie überhaupt noch laufen konnte, sondern hatte sich versteckt. In einem der Wälder oder in einem der Felder. Beides wäre ihr Todesurteil.
Was sollte sie bloß tun?
Catrin stieg wieder in ihren Wagen, obwohl ihr das völlig verrückt vorkam. Wenn sie jetzt zur Unfallstelle fuhr, dann war sie an dem Ort, zu dem Diva niemals zurückkehren würde. Nicht nach dem Schock. Wie sollte sie bloß ihre Spur finden? In welche Richtung war sie gelaufen? Die Rettungskräfte hatten nicht einmal einen Hund am Unfallort gesehen und die waren sicher nur wenige Minuten nach dem Crash dort erschienen. Da war Diva wahrscheinlich schon weiß Gott wo!
Vielleicht hatte sich über Facebook längst jemand gemeldet, der hier in der Nähe wohnte und vielleicht sogar einen Hund hatte, der auf das Suchen anderer Hunde spezialisiert war? Catrin wusste, dass es solche Leute gab, und dass Suchhunde tolle Dinge hinbekamen, jedenfalls mit Menschen. Aber sie wusste auch, dass es viele Schwätzer gab, die sich zwar damit brüsteten, einen Suchhund an der Leine zu führen, vor Ort aber dann mehr Schaden anrichteten, als dass sie halfen. Erst letztens hatte sie irgendwo gelesen, wie so eine angebliche Suchhundestaffel einen entlaufenen Rüden verfolgte, bis dieser in seiner Not auf eine Autobahn rannte, wo er nach wenigen Sekunden überfahren wurde.
Und sie hatte den Leuten auch noch genau gesagt, wo sie hin sollten! Ihr wurde siedend heiß bei dem Gedanken, was alles schon an sicher gut gemeinten Aktionen angelaufen war und was sie jetzt nicht mehr bremsen konnte, weil sie einfach keine Zeit hatte, sich einzuloggen und das zu steuern. Nein, sie musste zum Unfallort, so schnell wie möglich. Vor allem aber musste sie vor irgendwelchen Helfern dort eintreffen. Ach, hätte sie doch eben nur mal kurz überlegt und nicht schon wieder so impulsiv gehandelt! Würde sie das denn nie lernen?
Sie startete den Wagen und nahm die Fahrt wieder auf, überließ es dem Navi, Entscheidungen für sie zu treffen, und zermarterte sich das Hirn. Verdammt, wen kannte sie hier? Außer Norbert niemanden und den hatte sie ja bereits informiert. Es musste doch noch jemanden geben, sie hatte doch erst letztens noch …
Die Vollbremsung, die sie machte, ließ ihren Wagen ausbrechen, nur mit Mühe konnte Catrin ihn abfangen.
Sie kannte jemanden, der hier lebte. Jemanden, der ihr seinen Vorrat an Papiertaschentüchern überlassen hatte, als ihr die Tränen kamen. Jemanden, der ihr mit leiser Stimme einen Kaffee gebracht und dann kilometerweit mit ihr geschwiegen hatte. Jemanden, dem sie zum ersten Mal seit langer Zeit mal wieder eine Visitenkarte in die Hand gedrückt hatte, weil etwas in ihr hoffte, ihn wiederzusehen. Irgendwann.
Und der ihr seine gegeben hatte, ehe er aus ihrem Leben verschwand.
Kapitel 12
„Ränger!“
Catrin erschrak. Die Frau klang aber streng.
„Guten Tag, hier spricht Catrin Stechler. Ich bin auf der Suche nach Herrn Wolf Ränger, aber ich habe nur seine Hamburger Nummer, vielleicht können Sie mir weiterhelfen? Es handelt sich um einen Notfall.“
„Wer spricht denn da?“
„Catrin Stechler“, wiederholte sie.
„Woher kennen Sie denn meinen Exmann? Sind Sie eine Mandantin?“
Ups. „Ja, wir haben beruflich miteinander zu tun“, log Catrin.
„Und da gibt er Ihnen diese Privatnummer?“ Die Frau lachte hämisch auf. „Na, der ist ja drollig!“
„Er hat mir seine Karte gegeben, da steht leider nur diese eine Nummer drauf“, sagte Catrin. „Ich brauche seine Handynummer.“
„Seine Handynummer?“ Wieder hörte sie die Frau lachen, aber es klang wirklich alles andere als freundlich, sondern eher so, als habe sie noch ein Hühnchen mit ihrem Mann zu rupfen. Vielleicht war es besser, wenn sie einfach wieder auflegte. Mit so einem Mist verschwendete sie nur kostbare Zeit.
„Herzchen! Er hat dort, wohin er gefahren ist, meistens keinen Empfang. Nicht mal Strom, um genau zu sein. Nichts eigentlich, außer Mücken und anderes Ungeziefer.“
„Haben Sie dann vielleicht eine Adresse für mich?“ Eine Chance würde sie der Schnepfe noch geben. Catrin wühlte im Handschuhfach nach einem Kugelschreiber.
„Eine Adresse? Vergeben die dort inzwischen Adressen?“ Wieder dieses böse Lachen.
Kein Wunder, dass Wolf Ränger im Zug so unglücklich gewirkt hatte. Seine Ehe musste die Hölle gewesen sein.
„Also, haben Sie eine oder nicht?“, fragte Catrin ungeduldig.
„Nun werden Sie mal nicht frech, Fräulein!“
Wenn Catrin eins nicht leiden konnte, dann waren es Menschen, die sie Fräulein nannten.
„Frau Ränger“, sie gab ihrer Stimme, die vorher unsicher geklungen hatte, etwas von der schneidenden Schärfe, die gelegentlich Türen öffnete, welche vorher verschlossen gewesen waren. „Es geht hier um Leben und Tod, und wenn Sie nicht möchten, dass ich Sie wegen unterlassener Hilfeleistung belange, dann bitte ich jetzt in aller Höflichkeit ein letztes Mal um Ihre Kooperation. Wir müssen Herrn Ränger sprechen, so schnell wie möglich.“
Das Wir suggerierte starke männliche Partner, das wusste sie, und es verfehlte auch jetzt seine Wirkung nicht.
„Schon gut. Ich gebe Ihnen die Nummer. Haben Sie etwas zu schreiben?“
„Ja, habe ich. Ich höre?“
Sie schrieb mit. „Vielen Dank, Frau Ränger. Und nun eine Adresse, wenn ich bitten darf.“ Sie sah durch das Seitenfenster ihres Autos. „Wenn wir Ihren Mann telefonisch nicht erreichen, dann muss einer von unseren Leuten zu ihm fahren.“
Es konnte nicht schaden, wenn Frau Ränger das Gefühl hatte, als stünde hinter ihr und ihrem Anliegen eine Armee an einflussreichen Helfern.
„Versuchen Sie es mal bei seinem Bruder. Eine andere Adresse haben wir nicht.“
Aha, Frau Ränger war nun auch im Plural unterwegs. Zeit, das Gespräch zu beenden, ehe es zu voll in der Leitung wurde. Schnell notierte sich Catrin die Adresse.
„Herzlichen Dank, Frau Ränger.“
„Darf ich fragen, worum es geht?“
„Das werden Sie aus der Presse erfahren. Auf Wiederhören.“
Catrin legte auf und musste trotz ihrer Anspannung lächeln. Schön, dann würde die Hexe in den nächsten Tagen wenigstens etwas zu tun haben, wenn sie die Zeitungen durchwühlte, auf der Suche nach einem Skandal, in den ihr Exmann verwickelt war.
Sie legte den Gang ein und gab Gas. Gleichzeitig wählte sie.
„Komm schon, geh ans Telefon“, murmelte sie und hatte Mühe, die engen Kurven einhändig zu nehmen.
The person you have called is temporarily not available.
“Mist!”, fluchte Catrin.
Sie haben Ihr Ziel erreicht, nuschelte ihr Navi plötzlich.
„Das sehe ich“, murmelte Catrin und fuhr rechts ran. „O mein Gott, das sehe ich!“
Kapitel 13
Es ließ ihr einfach keine Ruhe. Was hatte die Frau am Telefon gesagt? Sie würde aus der Presse erfahren, in was für eine Klemme sich Wolf wieder hineingeritten hatte?
Meine Güte, sie war so froh, ihn los zu sein! Er war ja kein Schlechter, aber …
In den ersten Jahren ihrer Ehe hatte Karolin geglaubt, einen Sechser im Lotto gezogen zu haben. Wirklich. Wie Wolf vor Gericht brillierte! Mit welcher Hingabe er sich in seine Fälle verbiss! Atemberaubend! Sie hatte es genossen, mehr als sie sich zugestehen wollte. Selbst ihr Vater war hingerissen gewesen und hatte Wolf sofort die Partnerschaft angeboten.
Karolin lief unruhig in ihrer Küche auf und ab. Das Küchenfenster hatte sie sperrangelweit geöffnet, damit wenigstens etwas Luft hereinkam und der Qualm ihrer Zigarette besser abziehen konnte.
Gestern, als ihre Scheidung für rechtskräftig erklärt worden war, da hatte er seine allerletzten Sachen abgeholt und wortkarg noch einen Kaffee mit ihr getrunken. Er sah erschöpft aus und ein wenig tat er ihr sogar leid, aber er hatte einen Weg gewählt, den sie nicht bereit war, weiter mit ihm zu gehen.
Das ganze Elend hatte vor drei Jahren begonnen, als er diesen Fall von der Tierschützerin übernahm. Wie hieß sie noch gleich? Svenja Müller? Und nannte sich River? Wie albern!
Karolin wusste noch genau, worum es gegangen war. Das Mädchen, das Wolfs Tochter hätte sein können, hatte die Scheibe eines Wagens eingeschlagen und einen hechelnden Köter aus einem überhitzten Auto befreit. Na gut, das war ja ehrenhaft, aber musste sie denn gleich an beiden Seiten der Edellimousine die Fenster zertrümmern? Und dann auch noch den Besitzer des Wagens anspringen wie ein tollwütiger Hund?
Im Flur ging die Tür. Tobias. Ach herrje, der hatte ihr gerade noch gefehlt. Schön wie ein griechischer Gott, vor allem, wenn er nackt war, aber ein klein wenig … Naja, man konnte offensichtlich nicht alles haben.
„Ich bin zurück!“
„Das höre ich.“
Er kam in die Küche und legte mit einem Stöhnen, als hätte er zwei Sack Zement geschleppt, die Zeitungen auf den Tisch. „Was willst du mit dem ganzen Altpapier?“, fragte er und nahm sie in den Arm.
„Nichts Besonderes“, sagte sie so beiläufig wie möglich. „Nur mal schauen, was so los ist in der Welt.“
Es war unwahrscheinlich, dass sie jetzt schon etwas über Wolf in der Presse fand, aber man konnte ja nie wissen. Nicht Wolf, korrigierte sie sich. Über Rock Wood natürlich. Wenn Frauen am Telefon nach ihrem Mann fragten, dann waren es ausnahmslos verknallte Internetjunkies, die ihn anbettelten, sie doch bitte-bitte mitzunehmen, wenn er das nächste Mal aufbrach, um irgendwelchen Viechern zu helfen.
Es schüttelte sie. Den Gestank von schlecht gelüfteten Ställen würde sie bis an ihr Lebensende nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Und die Bilder vom Schlachthof erst recht nicht. Wie hatte sich Wolf damals nur erdreisten können, sie mit dorthin zu schleppen? An dem Abend hatten sie den ersten Streit in einer langen Reihe von wütenden Auseinandersetzungen. Sie drohte, ihn zu verlassen, und was tat er? Sie mit seinem Hundeblick anschauen, gleichzeitig Blue streicheln und dann den einen Satz sagen, der ihr zeigte, dass er allmählich den Verstand verlor: „Du hast gewusst, wen du heiratest.“
So ein Unfug! Sie war mit einem völlig normalen Mann vor den Altar getreten, einem, der Hugo Boss Anzüge wie eine zweite Haut trug, der schnelle Wagen liebte und tanzte wie ein Champion. Ein Mann, um den sie ihre Freundinnen so sehr beneideten, dass sie grün anliefen, wenn Wolf und sie gemeinsam irgendwo auftauchten.
„Verdammt, ist das warm draußen“, jammerte Tobias und zog sein Oberteil aus. Sein Sixpack glänzte vor Schweiß, die nur knapp auf den Hüften sitzende Jeans gab den Blick auf seine Boxer Shorts frei.
„Ist dir nicht auch warm?“, fragte er mit einem lüsternen Unterton und nestelte an ihrem Top.
„Nein“, sagte sie barsch. „Geh doch ein wenig Fernsehen gucken, ich komme gleich.“
„Na gut, aber lass mich nicht zu lange warten!“ Noch während er die Küche verließ, begann er, seine Jeans aufzuknöpfen.
Nein, niemand konnte ihr einen Vorwurf machen, dass sie sich von Wolf getrennt hatte. Sie war erst Anfang dreißig, sie brauchte einen Partner, der zu schätzen wusste, dass ihr die Karriere wichtiger war, als sich die Figur zu ruinieren und schreiende Bälger in die Welt zu setzen, ein Tick, der Wolf überfiel, als Blue starb. An wohlverdienter Altersschwäche.
Statt sich einfach einen neuen Hund zuzulegen, begann Wolf plötzlich, sie mit seinem völlig irrationalen Kinderwunsch zu belästigen. Wenn die Welt wirklich so scheiße war, wie er meinte, warum war er plötzlich so versessen darauf, sie mit eigenem Nachwuchs zu bevölkern? Dann schon lieber diese verdammten Hundehaare, die sich überall festsetzten, ehrlich.
Sie hätte gewusst, wen sie heiratete? Ha! Was für ein Witz! Nach Blues Tod war Wolf über Nacht von einem coolen Karrieretyp zu einer Art körnerfressendem Hunde-Batman mutiert, der mit ihr plötzlich lauter kleine Robins zeugen wollte.
Egal, dachte sie müde. Jetzt war das Drama ja vorbei. Sollte er doch in seiner Hütte bei Kerzenlicht mit dieser militanten River, seinem langweiligen Bruder Ben und dessen noch langweiligeren Frau Laura glücklich werden.
Das war ein angenehmer Nebeneffekt einer Scheidung. Man wurde damit auch gleich die ganze buckelige angeheiratete Verwandtschaft wieder los, mit der man eh nie warmgeworden war. Wie auch? Hockten ihr Leben lang in einem erbärmlich öden Nest östlich von Nirgendwo und taten so, als wären sie glücklich. Ihretwegen konnten Wolf und seine Bagage dort nun in aller Stille verrotten.
Diese neugierige Frau jedoch, die war ein ganz anderes Thema. Das Problem war nämlich, dass jeder Dreck, den diese Katharina oder wie sie hieß, über Wolf ausbuddelte, auch auf die Kanzlei zurückfallen würde.
Karolin war sicher, dass eine Journalistin hinter Wolf her war.
Sie würde mal mit ihrem Vater sprechen, ob es nicht sinnvoll war, selbst ein wenig zu recherchieren und ans Licht zu zerren, worin Wolf in seiner Rolle als Rock verwickelt war. Angriff war manchmal die beste Verteidigung.
Leicht würde das allerdings nicht werden. Immerhin hatten sie und ihr Vater in den letzten Jahren mehr als eine Klage gegen Rock abgeschmettert. Das musste man ihm nämlich lassen, er war zwar kompromisslos bis hin zur Militanz, aber so was von ehrlich, dass es fast nicht auszuhalten war.
Dass er dauernd so unter Beschuss stand, half ihr sogar, als sie die Scheidung einreichte. Niemand konnte von ihr verlangen, mit einem Mann zusammenzubleiben, der immer wieder und mit offensichtlichem Vergnügen die halbe durchgeknallte Tierschützerwelt gegen sich aufbrachte. Bis hin zu Drohbriefen war das eskaliert, die man ihnen unfrankiert in den Briefkasten am Haus warf. Von wegen, sein Pseudonym würde ihn schützen! Blödsinn! Es gab immer irgendwelche Irren, die ein Profil hacken konnten und herausfanden, wer dahintersteckte.
Diese Journalistin war irgendeiner Sache auf der Spur und sie wollte verdammt sein, wenn sie nicht herausbekam, worum es ging!
Karolin setzte sich an den Küchentisch und begann, die Zeitungen durchzublättern.
Aus dem Wohnzimmer hörte sie Tobias lachen, während das Gequäke irgendeines albernen Comics, den er so liebte, durch die Wohnung hallte.
Als sie die letzte Zeitung ergebnislos zusammenfaltete, war sie ratlos. Nichts. Aber irgendetwas musste los sein, dafür hatte sie ein Gespür.
Sie stand auf und holte ihr Handy. Irgendwann hatte sie die Nummer dieser River eingespeichert, damals, als sie noch von ihrer Kanzlei vertreten wurde. Ob die Göre noch darunter zu erreichen war, das wusste sie nicht. Diese Spinner waren ja meistens arm wie Kirchenmäuse. Es würde sie nicht wundern, wenn man River den Handy-Vertrag längst gekündigt hatte. Wolf und die Kanzlei hatten ja auch nie einen Pfennig Honorar gesehen, jedenfalls nicht aus der Tasche dieser River. Im Gegenteil. Wenn sie es genau nahm, dann hatte nicht nur Wolf das Mädchen gesponsert, sondern auch sie. Das hieß, dass River ihr einen Gefallen schuldete, noch immer. Und den würde sie nun einfordern. Sie hatte auch schon eine Idee wie.
Kapitel 14
„Wer spricht da?“
„Karolin Ränger, Sie erinnern sich, Frau Müller? Die Frau Ihres Anwalts? Unsere Kanzlei hat Sie damals vertreten.“
Die Ränger? Was wollte die denn plötzlich von ihr? War was mit Rock?
River schälte sich aus dem Sofa und ging hinüber zum Radio, stellte es leiser.
„Frau Ränger. Ich … mit Ihrem Anruf habe ich weiß Gott nicht gerechnet.“
River hob die Augenbrauen und zuckte die Schultern, als ihre Freundin Julia ihr einen fragenden Blick zuwarf.
Sie hatte nicht den blassesten Schimmer, warum diese aufgetakelte Anwältin anrief. War die nicht gerade erst von Rock geschieden worden? Was konnte sie bloß wollen? Doch nicht etwa das Honorar für den Fall von damals, oder? Rock hatte ihr versichert, dass da nichts mehr nachkäme.
„Sind Sie noch dran, Frau Müller?“
Noch so etwas, was sie an dieser Frau hasste. Dass sie sich hartnäckig weigerte, sie mit dem Namen anzusprechen, unter dem sie jeder kannte.
„Ja, ich bin noch dran“, seufzte sie. „Was kann ich für Sie tun?“ Lieber höflich bleiben und erst mal hören, was sie von ihr wollte.
„Frau Müller, ich will gar nicht lange um den heißen Brei reden. Es geht um Wolf ... ähm, ich meine Rock.“
River konnte sich lebhaft vorstellen, wie die Ränger die Augen verdrehte. Sie mit River anzusprechen, brachte sie nicht übers Herz, aber ihren Ex Rock zu nennen schon. Meine Güte, die musste wirklich sehr an Informationen interessiert sein.
„Ist was mit Rock passiert?“ River spürte, wie ihr eine Gänsehaut über die Arme lief, als sie sich vorstellte, dass Rock in der Klemme war. Wenn die Ränger sie extra seinetwegen anrief, dann musste es ernst sein.
„Das weiß ich nicht“, fuhr ihre Gesprächspartnerin fort. „Heute hat eine Journalistin angerufen und wollte ihn dringend sprechen. Angeblich geht es um Leben und Tod. Wissen Sie vielleicht, was sie meinte?“
River runzelte die Stirn und sah Julia an, die sie konzentriert beobachtete. Damit ihre Freundin dem Gespräch etwas besser folgen konnte, schaltete River in den Papageien-Modus.
„Eine Journalistin hat angerufen? Und komische Fragen über Rock gestellt?“
„Nein, nicht direkt Fragen gestellt, aber es klang sehr dringlich, dass sie ihn sprechen müsse. Was läuft da, Frau Müller?“
„Woher soll ich das wissen, Frau Ränger? Hat er denn nichts erzählt, als Sie ihn das letzte Mal sahen?“
„Wenn er was gesagt hätte, dann würde ich Sie kaum damit belästigen“, schnippte die Ränger zurück. „Also, was ist los?“
„Ich weiß es nicht“, sagte River und meinte das auch so. „Meines Wissens ist alles in Ordnung.“ Naja, soweit eine Welt in Ordnung sein konnte, die durch den letzten Internet Shitstorm vor ein paar Tagen noch einmal so richtig schön durchgewirbelt worden war. Der übliche Sturm im Wasserglas, weil Rock mal wieder jemandem auf die Füße getreten war.
„Na gut.“ Die Ränger schien zu überlegen. „Wenn Sie etwas hören, rufen Sie mich bitte an? Sie sind mir noch einen Gefallen schuldig. Wolf mag Ihnen zwar damals versprochen haben, er würde das mit dem Honorar, das Sie uns schulden, regeln, aber vergessen Sie eins nicht, Frau Müller: Sie kostenlos vertreten zu haben, ging zu Lasten unseres Privatkontos. Nicht nur seines. Unseres. Verstehen Sie?“
„Ja, ich verstehe“, antwortete River. „Die paar hundert Euro, die Rock mir damals erlassen hat, haben Sie an den Bettelstab gebracht. Alles klar.“
„Nicht so patzig, junge Dame!“ Die Stimme der Ränger klang mit einem Mal rasiermesserscharf. „Wenn Wolf in der Scheiße steckt, dann habe ich ein Recht darauf, es zu erfahren. Versuchen Sie bitte, ihn zu erreichen, und sagen Sie ihm, er soll mit mir in Kontakt treten.“
„Ignoriert er Ihre Anrufe?“, konnte sich River einfach nicht verkneifen zu fragen.
„Nein, das tut er nicht. Ich habe nur erst mit Ihnen Kontakt aufgenommen, weil ich wissen wollte, wie ernst es ist. Sie mögen es mir vielleicht nicht abnehmen, aber ich würde … ich wäre bereit, ihm zu helfen, ehe die Presse über ihn und unsere Familie herfällt.“
„Aha“, sagte River und war sicher, dass ihre Gesprächspartnerin die Skepsis in ihrer Stimme genau registrierte.
„Glauben Sie es oder lassen Sie es sein. Wenn Sie so loyal sind, wie er immer behauptet hat, dann werden Sie versuchen, herauszufinden, was da los ist. Und wenn Sie mir Bescheid geben, dann kann ich vielleicht etwas für ihn tun.“
Eigenartig, wie diese Frau es immer wieder schaffte, sie zu verunsichern, dachte River. Sie wurde einfach nicht schlau aus Karolin Ränger. Entweder gab es doch irgendwo in ihrer schmalen Brust ein Herz, oder sie war die begnadetste Schauspielerin, der River je begegnet war.
„Ich höre mich mal um, Frau Ränger, aber versprechen kann ich nichts. Und nur, damit das ein für alle Mal klar ist: Meine Loyalität gilt Rock, nicht Ihnen, und es interessiert mich nicht, ob Sie damals fünfzig Euro zu meinem Fall dazugetan haben oder fünfzigtausend, okay?“
„Sie dürfen Ihre kostbare sogenannte Loyalität ausschütten über wen Sie wollen, Kindchen“, schnappte Karolin Ränger. „Aber ich erwarte, dass Sie Wolf erreichen. Und richten Sie ihm Folgendes aus: Bringt er mich oder meine Familie noch einmal durch eine seiner fanatischen Spinnereien ins Gerede, dann lernt er unsere Kanzlei von einer ganz anderen Seite kennen. Und Sie auch. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“
„Sie drohen mir?“ River konnte es nicht fassen und straffte unwillkürlich die Schultern. Jetzt hörte der Spaß aber allmählich auf. „Ich dachte, Sie wollten ihm helfen?“
„Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich warte auf Ihren Rückruf.“ Dann legte sie auf.
„Ist das denn zu fassen?“ Ratlos sah sie Julia an, die nun aufstand und das Radio wieder lauter stellte.
„Rock steckt also in Schwierigkeiten?“, fragte Julia und ging zum Rechner.
„Nicht, dass ich wüsste. Oder besser gesagt: Nicht mehr als sonst.“ River schüttelte den Kopf, dann strich sie sich mit der Hand durch die kurzgeschnittenen schwarzgefärbten Haare.
Julia ließ inzwischen ihren Computer hochfahren, dann loggte sie sich schnell bei Facebook ein.
River griff nach ihrem Laptop. Zu blöd, dass sie vergessen hatte, die Ränger nach dem Namen der Journalistin zu fragen. „Ich google mal ein wenig, vielleicht finde ich was“, murmelte sie.
„Und ich schau mal, was in unseren Gruppen so los ist“, sagte Julia.
River nickte, griff nach ihrem Handy und schickte Rock eine SMS.
Was ist los? Deine Ex macht hier Telefonterror, eine Journalistin würde deinetwegen nerven, angeblich gehts um Leben und Tod. Melde dich.
„Er hat seit drei Tagen nichts mehr gepostet“, murmelte Julia. „Naja, dass er off bleiben würde, hat er ja schon angedeutet.“ Sie las sich durch die Meldungen, die irgendwelche Leute auf Rocks Seite gepostet hatten.
„Und? Haben sich alle wieder beruhigt?“, fragte River, während sie sich auf die Google Abfrage konzentrierte.
„Keine Ahnung. Wir beide kommen ja in die Gruppen, in denen sie ihn zerfleischen, nicht mehr rein.“ Julia grinste. „Wir sind gebrandmarkt. Als Rock Wood Groupies, schon vergessen?“
River schüttelte den Kopf. Vielleicht war Rock ihnen allen einfach nur einen Schritt voraus. War endlich und endgültig offline gegangen, um Tierschutz künftig dort zu praktizieren, wo er stattfinden musste: in der realen Welt, als unmittelbaren Dienst am Tier. Das, was hier im Internet und vor allem bei Facebook als Tierschutz verkauft wurde, war in den meisten Fällen nichts anderes mehr als eine gigantische Schlammschlacht. Als wenn es wirklich DEN EINEN richtigen Weg gäbe, um zu helfen. Zum Kotzen, wie die sich gegenseitig an die Gurgel gingen. Von einigen sehr seltenen Ausnahmen abgesehen.
So ganz unschuldig war Rock natürlich nicht daran, dass ihn so viele Leute hassten. Diplomatie war alles, nur nicht eine seiner Stärken. Manchmal provozierte er so aggressiv, dass sie sich selbst schon gefragt hatte, ob er noch alle Tassen im Schrank hatte. Rock hielt einfach nie mit seiner Meinung hinterm Berg. Er nannte das authentisch. Sie nannte das riskant. Aber wer war sie, Rock Wood zu kritisieren?
„Und?“, fragte sie Julia nach einer Weile, in der sie beide nur fieberhaft nach irgendwelchen Infos gesucht hatten, die in irgendeiner Form mit Rock zu tun haben konnten.
„Tja, eigentlich war am Wochenende alles ruhig. Lag vielleicht am Fußball. Eine Menge Leute haben eine entlaufene Hündin geteilt, die muss irgendwo in der Nähe von dort abgehauen sein, wo Rock wohnt. Aber sonst …?“
„Wer hat das reingestellt?“
„Irgend so eine Autorin. Der Hund war in einen Unfall verwickelt, in der Nähe der Sorpe. Sind wir nicht mit Rock sogar schon mal da gewesen?“
River horchte auf. „Wie heißt die Autorin?“
„Warte, ich geh mal drauf … ja, hier ist es. Candrine Cook. Was ist das denn für ein blöder Name?“
„Candrine Cook“, murmelte River und gab den Namen bei Google ein. Sie klickte sich zur Webseite der Schriftstellerin durch. Der Name war wirklich komisch. Bestimmt ein Pseudonym. Im Impressum der Seite wurde sie schließlich fündig. „Catrin Stechler“, murmelte sie.
„Was?“
„Die Frau heißt in Wirklichkeit Catrin Stechler“, sagte sie. „Und die Ränger sagte, die Journalistin habe Katharina geheißen oder so ähnlich. Das kann ein Zufall sein …“
„Seit wann glaubst du an Zufälle?“
„Tue ich nicht“, murmelte River und überlegte. Die Frau wohnte in der Nähe von Iserlohn – ihr Hund war an der Sorpe entlaufen. Wenn sie Rock kannte, dann war es naheliegend, dass sie versuchte, ihn zu erreichen. Aber wieso rief sie dann bei seiner Exfrau an? Wie war sie an die Nummer gekommen? Wieso hatte sie nicht versucht, Rock über Facebook zu erreichen? Wusste sie womöglich gar nicht, wer er im Internet war? Kannte sie vielleicht nur den echten Wolf Ränger?
Typisch!, dachte River und schüttelte den Kopf. Und Rocks Frau vermutete gleich wieder einen Skandal dahinter.
River konnte sich nicht vorstellen, dass diese Catrin sich als Journalistin ausgegeben hatte, als sie sagte, es ginge um Leben und Tod. Das hatte sich Karolin selbst zusammengereimt. In ihrer egozentrischen kleinen Welt gab es eh nur die, die sie vergötterten oder die ihr schaden wollten.
„Lass uns mal überprüfen, wer das alles geteilt hat und was da los ist“, bat River und öffnete nun ebenfalls ihr Facebook Konto. „Vielleicht sind wir danach schlauer.“
* * *
Nach einer Stunde waren sie schlauer. Rock hatte sich bisher in die Suche nach der in seiner Nähe entlaufenen Hündin nicht eingeschaltet. Und River hatte ein ausgesprochen unangenehmes Telefonat mit einem Betrunkenen namens Felix geführt, vermutlich Catrin Stechlers Mann.
Ganz dicht konnte der nicht sein. Er lallte wie verrückt, nannte sich selbst dauernd König und drohte damit, seiner Frau das Leben zur Hölle zu machen, wenn sie nicht bald mit den Schlüsseln wieder auftauchte. Im Hintergrund hatte eine hysterische Frauenstimme wegen ihres toten Bruders geheult.
Als sie es kaum noch ertragen konnte, legte River einfach auf. Meine Güte, was war denn da los? Und was hatte das alles mit Rock zu tun?
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.
