Kitabı oku: «Lieblingsplätze Vogelsberg und Wetterau»
Lieblingsplätze
Vogelsberg und Wetterau
Andrea Reidt
Impressum
Ich widme dieses Buch meinem Lebensfreund Rolf D.
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Sofern nicht im Folgenden gelistet, stammen alle Bilder von Andrea Reidt:
Alexander Wissgott, Pohlheim 42; Landesamt für Denkmalpflege Hessen 86; Christoph Krackhardt 116; Museum der Stadt Butzbach/Rüdiger Fanslau 152
Alle Seitenangaben in diesem Buch beziehen sich auf die Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe.
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2., überarbeitete Neuauflage 2021
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat/Redaktion: Ricarda Dück
Herstellung: Julia Franze
E-Book: Mirjam Hecht
Bildbearbeitung/Umschlaggestaltung: Benjamin Arnold
unter Verwendung der Illustrationen von © Sylwia Nowik – stock.adobe.com; © SimpLine – stock.adobe.com; © ratkom – stock.adobe.com; © Benjamin Arnold; © jacartoon – stock.adobe.com; © Fiedels – stock.adobe.com; © 147145778 – stock.adobe.com; © VRD – stock.adobe.com; © Stephi –
stock.adobe.com; © Katrin Lahmer
Kartendesign: © Maps4News.com/HERE
Druck: AZ Druck und Datentechnik GmbH, Kempten
Printed in Germany
ISBN 978-3-8392-6378-5
Inhalt
Impressum
1 Ritterturnier und Schwertkampf
Ronneburg: Burg Ronnenburg
2 Zeitreise ins Mittelalter
Büdingen: Altstadt und Stadtmauer
3 In Büdingen geht die Post ab
Büdingen: Schlossmuseum
4 Dreibeinige Tontöpfe
Büdingen: Heuson-Museum im Historischen Rathaus
5 Rosensteine aus Baryt
Büdingen: Sandrosenmuseum im Jerusalemtor
6 In der Stille liegt die Kraft
Altenstadt: Benediktinerinnenabtei Kloster Engelthal
7 Auf den Spuren der Oberwaldbahn
Altenstadt: Vulkanradweg ab Höchst
8 Keltenfürst mit Blattkrone
Glauburg: Keltenwelt am Glauberg
9 Die Pechnase hat ausgedient
Ortenberg: Evangelische Marienkirche
10 Hessische Hurdy-Gurdy-Girls
Ortenberg: Musikinstrumenten-Museum Lißberg
11 Tonnenschweres künstlerisches Erbe
Hirzenhain: Kunstgussmuseum
12 Shabby und Chic, Vintage und Tinnef
Gedern: Altes Rentamt im Schloss Gedern
13 Bin so satt, mag kein Blatt
Schotten: Ziegenhof Bär in Burkhards
14 Ein feste Burg ist euer Gotteshaus
Schotten: Evangelische Kirche in Wingershausen
15 Badefreuden statt Hochwasser
Schotten: Niddastausee
16 Legendäre Strecke für Oldtimer
Schotten: Schottenring
17 Schichttorte der Erdgeschichte
Schotten: Geotop Alteburgskopf und Vulkaneum
18 Power auf dem Erlebnisberg
Schotten: Baumkronenpfad und Kletterwald Hoherodskopf
19 Auf Schusters Rappen im Mittelgebirge
Schotten: Spaziergang vom Hoherodskopf zum Taufstein
20 Sauerteigbrot frisch auf den Tisch
Schotten: Altes Backhaus in Götzen
21 Sonnige Hügel, saftige Weiden
Grebenhain: Bergmähwiesenpfad auf der Herchenhainer Höhe
22 Ski und Rodeln gut!
Grebenhain: Wintersport auf der Herchenhainer Höhe
23 Spinnereien um Gottverlassene
Grebenhain: Teufelsmühle in Ilbeshausen-Hochwaldhausen
24 Auf Drei-Seen-Tour
Freiensteinau: Mooser Teiche
25 Wo der Schwarzhalstaucher brütet
Freiensteinau: Naturschutzgebiet Ober-Mooser Teich
26 Klassische Orgelmusik vom Feinsten
Freiensteinau: Evangelische Kirche in Nieder-Moos
27 Alte Rassen und Schneitelbäume
Ulrichstein: Vogelsberggarten
28 Zu Fuß und zu Pferde durch Hessen
Ulrichstein: Museum im Vorwerk
29 Libellen und Seerosen statt Chlor
Ulrichstein: Naturbadebiotop
30 Windiger Park im Paradies
Lautertal: Goldener Steinrück bei Engelrod
31 Wo die Holzhauer wohnten
Lautertal: Alter Galgen zwischen Hopfmannsfeld und Hörgenau
32 Verschindelt und vergessen?
Lautertal: Evangelische Kirche in Dirlammen
33 Den Chatten Kult, den Christen heilig
Lautertal: Totenköppel mit Sippenfriedhof in Meiches
34 Wer die Räube noch rausroppt
Schwalmtal: Bauernhof Hamel in Storndorf
35 Lang lebe die Kuh!
Schwalmtal: Hof Euler in Rainrod
36 50 Kinder, acht Klassen im Schulsaal
Lauterbach: Dorf Heblos
37 Gertrud Riedesel Freifrau zu Eisenbach
Lauterbach: Antikmarkt im Schlosspark Sickendorf
38 Hundert Jahre Einsamkeit
Lauterbach: Heidbergkapelle in Sickendorf
39 Kartoffeln satt!
Lauterbach: »Beulches«-Essen im Gasthaus Roth und Jost in Sickendorf
40 Wo das Landleben intakt ist
Lauterbach: Dorf Allmenrod
41 Ohne Strumpf geh ich net haam!
Lauterbach: Strolchdenkmal an der Lauter
42 Schlau gebaut mit Eiche, Weide und Lehm
Lauterbach: Fachwerkgasse Am Graben
43 Glanz und Gloria im Rokokopalais
Lauterbach: Hohhaus-Museum Lauterbach
44 Tonnenschwere Schätzbullen
Lauterbach: Tierleistungsschau auf dem Festplatz Bleiche
45 Blumen für Bienen und Hummeln
Lauterbach: Blühstreifen am Ackerrand bei Frischborn
46 Ritterburg im Junkerland
Lauterbach: Schloss Eisenbach bei Frischborn
47 Arche Noah, katholisch
Herbstein: Bibelpark im Kolping-Feriendorf
48 Einkaufen bei »Tante Emma«
Herbstein: Schlosspark in Stockhausen
49 Fünf-Burgen-Stadt
Schlitz: Blick auf die Burgenstadt vom Hinterturm
50 Trachten, Tanz und tolles Treiben
Schlitz: Schlitzerländer Trachtenfest auf dem Marktplatz
51 Uralte Wandmalereien
Schlitz: Evangelische Kirche in Fraurombach
52 Rast im Talgrund der Jossa
Grebenau: Dorfplatz Eulersdorf
53 Love and Peace auf der Ritterburg
Breitenbach am Herzberg: Burg Herzberg mit Festival
54 Vom Glück auf dem Rücken der Pferde
Alsfeld: Wanderausritte nach Lingelbach
55 Gründchenbahn über dem Abgrund
Alsfeld: Eisenbahnviadukt bei Eifa
56 Die Niagarafälle des Vogelsbergs
Alsfeld: Blue-Stone-Falls bei Eifa
57 Europas Modellstadt für Denkmalschutz
Alsfeld: Rathaus und Altstadt
58 Wasserburg als Hochzeitshotel
Romrod: Schloss
59 Die »Tasse« schützt vor Hochwasser
Antrifttal: Stausee zwischen Seibelsdorf und Angenrod
60 Comeback des Roten Höhenviehs
Kirtorf: Karlis Kuhschule in Lehrbach
61 Glühkopf im Lanz Bulldog
Homberg (Ohm): Oldtimermuseum Dannenrod
62 Europas größter Basaltsteinbruch
Homberg (Ohm): Aussichtsplattform Basaltsteinbruch bei Nieder-Ofleiden
63 Wo die Ohm ihre Schleife zieht
Homberg (Ohm): Ohmradweg
64 Sieben Dörfer, sieben Gotteshäuser
Feldatal: Evangelische Dorfkirchen
65 Auf den Spuren von Wanderhändlern
Feldatal: Wanderweg Judenpfad ab Kestrich
66 Bilder einer verschwundenen Welt
Mücke: Ernst-Eimer-Stube in Groß-Eichen
67 Kriegsgetümmel in heiligen Hallen
Lich: Kloster Arnsburg
68 Eine Weiße Fahne zu viel
Lich: Kriegsopferfriedhof im Kloster Arnsburg
69 Galloways vor Barbarossa-Burg
Münzenberg: Burg, Stadt und Salzwiesen
70 Bürgerpracht mit Goldgickel
Butzbach: Altes Rathaus
71 Ein Schwibbogenhaus für Schmalhans
Butzbach: Museum der Stadt
72 Der Hessische Turnvater
Butzbach: Weidighaus am Kirchplatz
73 Ökologie, harte Arbeit, rosiges Glück
Bad Nauheim: Rosenschule Ruf und Rosenmuseum in Steinfurth
74 Größtes Jugendstilensemble Europas
Bad Nauheim: Sprudelhof
75 Von Sole und weißem Gold
Bad Nauheim: Trinkkuranlage
76 Erholung im Wetterauer Kohlenpott
Wölfersheim: Wetterauer Seenplatte
77 Wo Auerochsen für Kröten weiden
Echzell: Bingenheimer Ried
78 Töpfe fürs Auge
Reichelsheim: Keramikwerkstatt im Pappelhof bei Beienheim
79 Immer am Fluss entlang
Nidda: Niddaroute durch Bad Salzhausen
80 Haube auf Haube gen Himmel gereckt
Ranstadt: Evangelische Kirche in Ober-Mockstadt
81 Klein-Venedig der Wetterau
Florstadt: Dorf Staden
82 Vom Römerkastell zur Barbarossaburg
Friedberg: Burgkirche und Adolfsturm
83 Vor der Hochzeit Ein rituelles bad
Friedberg: Judenbad Mikwe
84 Fanfieber um Elvis Presley
Friedberg: Wetterau-Museum
85 Äpfel, Kirschen, Pflaumen
Friedberg: Radtour durch die Wetterauer Streuobstwiesen
86 Traute Nachbarn mitten im Dorf
Niddatal: Ehemalige Synagoge in Assenheim
87 Gottfried und der Dom der Wetterau
Niddatal: Katholische Pfarrkirche in Ilbenstadt
88 Glückliche Schweine, freundliche Kühe
Bad Vilbel: Dottenfelderhof
Quellenverzeichnis
Allgemein genutzte Literatur

Marktplatz von Butzbach
1 Ritterturnier und Schwertkampf
Ronneburg: Burg Ronnenburg
Schwungvoll schüttet ein Mann einen Eimer Wasser in den Schacht. Erwartungsvolle Stille. Langsam zähle ich und komme bis zehn, dann platscht es hohl aus der Tiefe herauf. In dem alten Wachhaus des Burgtores von Burg Ronneburg versammeln sich oft kleine und große Menschen, um den 96 Meter tiefen Brunnen zu bestaunen, aus dem frühere Generationen mittels eines (noch sichtbaren) Tretrads ihr Wasser hochwuchten mussten. Von hier aus wurde das kostbare Nass an seinen Verwendungsort geschleppt, zum Beispiel in die Küche im Saalbau der Kernburg. Dort lodert ein kräftiges offenes Feuer auf der für das Burgmuseum restaurierten alten Herdstelle, über der sich ein hoher Rauchfang erhebt. Am Tisch in der Küchenecke warten schon einige als Ritter und fahrende Volksleute verkleidete Gäste ungeduldig auf Speis und Trank.
Südwestlich von Büdingen thront Burg Ronneburg auf einem Basaltkegel, vor 1231 in der Stauferzeit errichtet, weitgehend im baulichen Zustand des 16. Jahrhunderts erhalten und saniert. Der Renaissance-Helm des Bergfrieds ist gerade noch von Weitem sichtbar, bald jedoch werden die dicht wachsenden Bäume diese außergewöhnliche hessische Höhenburg ganz verdecken – sofern man sich nicht für einen Kahlschlag entscheidet. Früher wollte man nahende Feinde von oben frühzeitig erspähen, heute hätte nicht nur ich gern von unten freien Blick auf die imposante Burg.
Während der mittelalterlichen Burgfestspiele an mehreren Herbstwochenenden ist der Teufel los auf der Ronneburg: Auf der Wiese sind die Zelte großer Ritterlager aufgestellt. Kunsthandwerker, Gaukler und Zauberer, Wahrsagerinnen und Schauspieler sowie Marketender mit Schmuck, Naturalien, Lammfellen und Holzspielzeug – sie alle bieten ihre Waren und Dienste an.
Es gibt kaum eine Burganlage im weiten Umfeld, deren Träger so zahlreiche und vielseitige historische »Burgbelebungen« organisiert, wie der Verein Freunde der Ronneburg dies ganzjährig bewältigt.

1
Burg Ronneburg
63549 Ronneburg
06048 950905
www.burg-ronneburg.de
2 Zeitreise ins Mittelalter
Büdingen: Altstadt und Stadtmauer
Büdingens Altstadt steht komplett unter Denkmalschutz. In schönster Waldlandschaft, am südöstlichen Rand der fruchtbaren Wetterau, liegt diese intakte mittelalterliche Residenzstadt mit Gassen, Mauern, Bürgerhäusern aus Stein und Fachwerk, die ihresgleichen sucht.
Der Grüne Turm mit spitz zulaufendem Dach ist keineswegs der bedeutendste der 22 Türme im 1510 vollendeten Befestigungsring um Alt- und Neustadt. Dazu zählen der Hexenturm, der Pulverturm, das Mühltor, der Meliorsturm an der Lohstegbrücke, der Rote Turm, der Ludwigsturm und das Obertor mit Schussspuren aus dem Dreißigjährigen Krieg. Am stattlichsten wirkt das Große Bollwerk, ein 20 Meter hoher Artillerieturm mit vier Meter dicken Mauern und 16 Geschützkammern. Ebenfalls imposant ist das »Jerusalemer Tor«, das eigentlich schlicht »Untertor« heißt. Seinen Spitznamen erhielt es von geflüchteten Hugenotten und Waldensern, die im evangelischen Büdingen – ihrem »Jerusalem« – Schutz fanden. Dank eines für diese Zeit ungewöhnlichen »Toleranzpatents« des liberal gesinnten Grafen Ernst Casimir I. von 1712 durften sie in der Vorstadt vor dem Untertor wohnen. Das Innere der Toranlage erlebt man im Rahmen einer Besichtigung des in den dicken Türmen untergebrachten Sandrosenmuseums.
Viele Schilder an Altstadthäusern informieren über einstige Bewohner. An die Schlossmauer und viele Häuser klammern sich bunte Froschfiguren. Der Frosch ist das Wahrzeichen der »Beuringer Frääsch«, so der Spitzname der Büdinger. Die Legende berichtet, dass um 1522 eine junge gräfliche Braut nachts wegen des lauten Gequakes rund ums Schloss nicht schlafen konnte. Der Graf ordnete an, alle Frösche zu entfernen. Man setzte sie in den Bach, der sie ins Nachbardorf schwemmte, sodass Büdingen froschfrei war.
Das plüschige Café Hexenstübchen mit Oma-Dekor in der Nähe der Mühltorbrücke hat leckere Torten, herzhafte Kleinigkeiten und bietet Kulturprogramm (www.cafehexenstuebchen.de).

2
Altstadt Büdingen
Startpunkt: Lohsteg
63654 Büdingen
Büdinger Tourismus und Marketing
Marktplatz 9
63654 Büdingen
06042 96370
www.buedingen.info
3 In Büdingen geht die Post ab
Büdingen: Schlossmuseum
Der blaue Briefkasten an der Sandsteinmauer des Büdinger Schlossplatzes ist zwar die Nachbildung eines Postkastens des Jahres 1896, aber Sie können Ihre Ansichtskarte vom Büdingen-Ausflug hier vertrauensvoll einwerfen. Über eine kleine Brücke direkt daneben geht es in die Vorburg der stauferzeitlichen Wasserburg aus dem 12. Jahrhundert. Das Schloss, dessen Kern von einer 13-eckigen Mauer aus Buckelquadern umschlossen ist und das von Romanik bis Barock fast alle Baustilmoden des vergangenen Jahrtausends aufweist, wird seit 1258 von der fürstlichen Familie zu Ysenburg und Büdingen bewohnt, heute in 23. Generation. Es lohnt sich, an einer Schlossführung teilzunehmen. Man betrachtet das Sternengewölbe und das Chorgestühl aus Eiche in der Schlosskapelle, die Fresken aus dem 16. Jahrhundert im Palas und wirft einen Blick in die Alchemistenküche in der alten Hofapotheke, wo einer der Grafen ein naturwissenschaftliches Kabinett einrichtete. Das auf 1553 datierte große Wandbild in der Graf-Diether-Stube zeigt eine winterliche Sauhatz vor der Kulisse eines verschneiten Dorfes und erinnert an Motive des Holländers Brueghel.
Das Kleinstädtchen Büdingen bietet seinen Besuchern weit mehr, als man bei 8.000 Einwohnern im Kernort erwarten würde. Es besitzt sechs reich bestückte Museen. Abgesehen vom Schlossmuseum gibt es das stadthistorische Heuson-Museum im Historischen Rathaus, das Sandrosenmuseum im Jerusalemer Tor, das 50er-Jahre-Museum im spätgotischen Bau der ehemaligen Herberge zum Schwan, das Metzgermuseum im historischen Schlaghaus, in einem Turm an der Mühltorbrücke. Das Modellbau-Museum im Oberhof, dem ältesten Renaissancebau Büdingens, zeigt 150 Exponate – Modelle von historischen Kriegsschiffen, Eisenbahnen, einer Bohrinsel, eines Rummelplatzes und einer Hafenanlage.
Beim traditionellen Mittelalterfest in Büdingen wirken etwa 130 Händler, Handwerker, Gaukler, Musikgruppen mit. Es gibt einen Viehmarkt, mehrere Lager mit historischen Zelten und einen Festumzug.

3
Schlossmuseum
Schlossplatz 1
63654 Büdingen
06042 96470
www.schloss-buedingen.de
4 Dreibeinige Tontöpfe
Büdingen: Heuson-Museum im Historischen Rathaus
Das Heuson-Museum im Historischen Rathaus von Büdingen erinnert an alte Handwerksberufe – Drechsler, Weber, Tuchfärber, Ziegler, Töpfer. Hier sieht Elisabeth Johann in den 1970er-Jahren erstmals die Sammlung der Töpferfamilie Winterling. Es ist eine Initialzündung: Fortan widmet sich die damalige Stadtarchivarin von Butzbach leidenschaftlich der Geschichte der Wetterauer Töpfer.
Bis ins 15. Jahrhundert waren die unglasiert gebrannten Tongefäße durchlässig. Das Material kam aus Lehmgruben der heimischen Wälder. Erst die Glasur, eine Masse aus Quarz und Bleiverbindungen, macht sie wasserdicht. Die Glasurfarben aus Mineralien stellten die Töpfer selbst in Erzmühlen her: Mangan (braun), Kupfer (grün und rot), Eisenfeilspäne (gelb), Kobalt (blau). Noch vor der Wende zum 20. Jahrhundert »herrschte die einfache Irdenware in den Küchen vor«, berichtet Elisabeth Johann – Schüsseln, Siebe, Tiegel, Wasser- und Ölkrüge, Kannen, Teller, Becher. An einem Haken über dem offenen Herdfeuer hing der eiserne Kessel, Tontöpfe aber »hatten häufig drei Beine, um Glut darunter zu schieben«. Manche Tongefäße waren reich verziert mit Maiglöckchen, Vögeln, Blättern, Fingertupfenleisten, Monogrammen und Inschriften. Außerdem bauten die Töpfer Kachelöfen. Ungefähr 200 Jahre florierte dieses Handwerk in Altenstadt, Oberau, Höchst, Rommelshausen. 67 Töpferfamilien, die ihr Handwerk über viele Generationen weitergaben, fand die Keramikforscherin in den Kirchenbüchern dieser Orte. Die Vermarktung besorgten meist andere: Allein das Gewerberegister von Oberau nennt 22 Personen, die zwischen 1844 und 1860 mit Tongeschirr handelten. Schon bald darauf aber kam industriell gefertigtes Emaille-Geschirr in Mode – das Töpfern ernährte keine Familie mehr.
Die Tradition der »Dippemess« überlebte unter diesem Namen nur in Frankfurt. Keramik- und Töpfermärkte finden in Hessen zwischen April und Oktober statt.

4
Heuson-Museum im Historischen Rathaus
Rathausgasse 6
63654 Büdingen
06042 950032
www.heuson-museum.de
5 Rosensteine aus Baryt
Büdingen: Sandrosenmuseum im Jerusalemtor
Ob diese formschönen Rosensteine im Naturschutzgebiet Hölle von Rockenberg gefunden wurden – das möchte Lothar Keil, Betreiber des Büdinger Sandrosenmuseums im Jerusalemer Tor, nicht verraten. Zu viel Raubbau wurde in der Vergangenheit in Rockenberg betrieben – dem einzigen Fundort von Barytrosen in Europa. Bevor das Areal 1994 zum Naturschutzgebiet erklärt und jegliche Kraxelei an der steilen Sandwand unterbunden wurde, waren die Tertiärquarzite beliebte Sammelstücke, die Vorgärten und Fensterbänke zierten. Heute sind fast alle Rockenberger Fundstellen außerhalb des Naturschutzgebietes abgeräumt, häufig mit Bauschutt verschlossen. Wer die gelb, rot, schwarz, weiß oder violett schimmernden Kristalle, die bis zu 30 Zentimeter Durchmesser haben können, aus der Nähe betrachten möchte, sollte sich nach Büdingen begeben und die einmalige Sandrosen-Sammlung besichtigen.
Die Kristalle basieren auf einer chemischen Verbindung von Schwerspat (Bariumsulfat), Sand und einer kleinen Menge von Eisen- und Manganoxid. Aus hochmineralisierten Lösungen kristallisiert Schwerspat und schließt die Quarzkörner des umgebenden Sandes ein – ein Wachstum, das 25 Millionen Jahre dauert. Lothar Keil besitzt Tausende von geologischen Exponaten, darunter Dutzende von Sandrosen. Lebenslang wollte der Mittsiebziger wissen, »was die Welt im Innersten zusammenhält«, mit der Schippe und Schaufel erspürte der Mann die Erdgeschichte nördlich des Mains zwischen Vogelsberg und Taunus.
Der Naturschutz in der 13 Hektar großen Sandabbaufläche Rockenberg soll Tiere und Pflanzen auf Mager- und Heiderasen und im sumpfigen Flachwasser behüten. Nachzüchtungen der hochgradig gefährdeten Sumpfschildkröten aus dem Frankfurter Zoo wurden hier erfolgreich ausgewildert.
Die »Hölle von Rockenberg« darf zwar nicht betreten werden, ist aber von einem Aussichtspunkt aus einsehbar (www.rockenberg.de/natur-umwelt/)

5
Sandrosenmuseum Lothar Keil
Jerusalemertor/Untertor
63654 Büdingen
www.buedingen.info
6 In der Stille liegt die Kraft
Altenstadt: Benediktinerinnenabtei Kloster Engelthal
Ich stehe auf einer Anhöhe in der südlichen Wetterau. In der Ferne brummt ein Traktor, in der Nähe ertönt Pferdegetrappel. In der Senke ruft Glockengeläut zu Vesper und Abendlob in die barocke Klosterkirche der Abtei Kloster Engelthal. Ein Tal, durch das Engel schweben, abgeschieden und doch mittendrin: 30 Kilometer nordöstlich des dicht besiedelten Rhein-Main-Gebiets liegt seit 750 Jahren malerisch am Waldrand ein Frauenkloster. In der 1962 nach 159 Jahren Pause von Benediktinerinnen wiederbelebten Abtei Engelthal leben heute 16 Nonnen.
Neben Gebet, Gottesdienst und Fürbitte ist das oberste Lebensziel der Benediktinerinnen die Pflege der Gemeinschaft und der Gastfreundschaft. Ihren Unterhalt verdienen sie mit zwei Gästehäusern, in denen etwa 6.000 Besucher jährlich logieren. Jeder und jede, die für eine Weile der Rushhour des Lebens entkommen möchte, ist willkommen. Mit offenen Armen werden vor allem junge Frauen empfangen, die sich für die spirituelle Lebensweise der Benediktinerinnen interessieren.
In einer professionellen Werkstatt haben sich einige Nonnen darauf spezialisiert, Gemälde und Skulpturen zu restaurieren, vorrangig Objekte aus dem Mainzer Dom- und Diözesanmuseum. Eine wahre Fundgrube stellt die Buch- und Kunsthandlung gleich hinter dem Eingang zum Geviert der Klostergebäude dar. Dort gibt es keineswegs nur geistlich-geistigen Lesestoff, sondern auch Devotionalien, Kerzen, handgemachte Seifen, Keramik, Goldschmiedekunst, allerlei Teesorten, Dinkelkissen, Marmeladen, Wein, Ringelblumensalbe und sogar Honigbärchen.
Ein friedvoller Ort. Das war nicht immer so: Archäologen fanden in einer barocken Schuttgrube 800 Jahre alte Glasfensterscherben – Reste von Plünderung und Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg.
Für ihr modernes Ökologiekonzept erhielten die Nonnen den Umweltpreis des Bistums Mainz. Sie heizen mit Holzpellets, nutzen Regenwasser und Sonnenlicht, und ein »Maximum-Wächter« kappt schon mal den Strom.

6
Benediktinerinnenabtei Kloster Engelthal
Klosterstraße 2
63674 Altenstadt
06047 96360
www.abtei-kloster-engelthal.de
7 Auf den Spuren der Oberwaldbahn
Altenstadt: Vulkanradweg ab Höchst
Eine der beschaulichsten Fahrradstrecken Hessens führt von Höchst an der Nidder in der Wetterau bis Schlitz im Vogelsberg: der 96 Kilometer lange Vulkanradweg. Wer der Trasse der ehemaligen Oberwaldbahn auf Feinasphalt folgt, trampelt an der Nidder entlang bis zum mit 585 Metern höchsten Punkt der Strecke in Hartmannshain. Doch keine Sorge: Steigung und Gefälle betragen lediglich bis zu drei Prozent, sind also bedingt schweißtreibend.
Nur 100 Jahre ist es her, dass Dampflokomotiven den Vogelsberg zum ersten Mal durchquerten und der Landbevölkerung das Tor zur weiten Welt öffneten. Das Großherzogtum Hessen war spät dran mit Anschlüssen an das Eisenbahnnetz. Immerhin wurde die Kreisstadt Lauterbach 1870 an die Bahnstrecke Gießen–Fulda angebunden. Auch die befestigte Staatsstraße für Kutschen von Lauterbach nach Friedberg, die heutige Bundesstraße 275, war erst 13 Jahre zuvor vollendet worden.
Erst ab 1906 konnte man lückenlos auf Schienen von Lauterbach bis Stockheim mit Anschluss nach Bad Vilbel und Frankfurt fahren – damals noch mit einer vierten (Steh-)Klasse versehen, die 1928 abgeschafft wurde. Die höchste Ausnutzung verzeichnete die Eisenbahn in den 1930er-Jahren, als nicht nur Berufspendler und Schüler unterwegs waren, sondern erstmals auch Wandergruppen des Vogelsberger Höhen-Clubs – die Geburtsstunde des Vogelsbergtourismus. Später wurden Dieselloks und Schienenbusse eingesetzt, allerdings war es bald vorbei mit der fast flächendeckenden Reiseseligkeit auf Schienen. Die Bahn machte im Vogelsberg Minus und stellte den Personenverkehr 1975 ein, den Gütertransport 1994. Der Vulkanradweg entstand in den Jahren zwischen 2000 und 2007. An den Wochenenden von Mai bis Oktober picken Busse auf sechs Vulkan-Express-Linien Radfahrer auf.
Teilstrecken des Vulkanradwegs eignen sich auch für Inliner. Die Abfahrt von Hartmannshain nach Gedern (neun Kilometer) ist die bei Longboardern populärste »schiefe Bahn« Deutschlands.

7
Vulkanradweg
Startpunkt: Bahnhof Altenstadt-Höchst
Bahnhofstraße 19
63674 Altenstadt-Höchst
www.vulkanradweg.de
Gemeindeverwaltung Altenstadt
Frankfurter Straße 11
63674 Altenstadt
06047 80000
www.altenstadt.de
8 Keltenfürst mit Blattkrone
Glauburg: Keltenwelt am Glauberg
Es war eine Sensation in der archäologischen Szene: Das Foto der 1,86 Meter hohen, 2.500 Jahre alten Sandsteinfigur ging 1994 um die Welt. Eine fast intakte eisenzeitliche Skulptur! Nur die Füße fehlen dem Keltenherrscher mit der eigenartigen Kopfbedeckung – eine Blattkrone, sagen die Fachleute. In Europa hat man nichts Vergleichbares entdeckt. Auf die Wetterauer Menschen übte der seit der Jungsteinzeit (4.500 Jahre v. Chr.) besiedelte Glauberg immer schon eine besondere Faszination aus. Deshalb verwundert es nicht, dass man in der Region dafür kämpfte, den aus seinem Grabhügel befreiten Keltenfürsten und weitere Sandstein-Fragmente aus den Restaurationswerkstätten und Labors zurückzubekommen. Zum Schatz gehörten außerdem Gold- und Korallenschmuck, bronzene Accessoires, Waffen und gut erhaltene organische Stoffe aus Leder, Textilien und Holz. Eine Röhrenkanne mit einem fantasievoll ziselierten Deckel offenbart die hohe Handwerkskunst der ansonsten bäuerlichen Keltenkultur.
An musealen Bewerbern zur Beherbergung des Keltenschatzes fehlte es nicht. Schließlich besann sich die hessische Landesregierung: Der Keltenfürst kehrte heim, und es entstand ein gigantisches Museumsprojekt, verbunden mit einem eisenzeitlichen Forschungszentrum. Der mehrfach preisgekrönte quaderförmige Guckkastenbau, der wie ein geducktes Riesentier vorsichtig aus dem Berg herauszukriechen scheint, verfügt über ein gebäudebreites Panoramafenster. Von hier aus blickt man auf den rekonstruierten Grabhügel Nummer eins, den frei zugänglichen Archäologischen Park und die selbst an einem nieselgrauen Novembertag faszinierende Wetterau-Landschaft mit aufsteigenden Nebelschwaden, hinter denen eine blasse Sonne sich kaum bemerkbar macht.
Der Glauberg ist ein bedeutendes Ausflugsziel in der Region. Vom Bahnhof in Glauburg aus führen Rad- und Fußwege auf den »heiligen Berg« der Kelten.

8
Keltenwelt am Glauberg
Am Glauberg 1
63695 Glauburg
06041 823300
www.keltenwelt-glauberg.de
9 Die Pechnase hat ausgedient
Ortenberg: Evangelische Marienkirche
Das mittelalterliche Städtchen Ortenberg im Niddertal strebt nach Höherem. Nicht dass der Wetterauer Ort besonders hoch läge, aber seine Gassen schmiegen sich in Südhanglage an eine Basaltkuppe. Auf deren Gipfel recken sich drei Türme gen Himmel: der Turm der gotischen Hallenkirche mit vier Giebeln, die Oberpforte – Eckpfeiler der Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert – und der runde neuzeitliche Eckturm des Schlosses. Auf der inneren, der Altstadt zugewandten, Seite klafft der Torbau mauerfrei und erinnert an eine Guckkastenbühne. Ursprünglich war er mit Fachwerk und später mit Lehmwänden und Bohlen verkleidet. Außen klebt unterhalb des Daches ein kleiner Balkon, der keineswegs der schönen Aussicht dienen sollte. Diese »Pechnase« ist nach unten offen und bezeugt die Wehrhaftigkeit des Bauwerks.
Der Kirchturm trägt einen der ältesten Turmdachstühle in Deutschland, auf 1368 datiert. In einem Seitenschiff der Evangelischen Marienkirche befindet sich eine Kopie des prächtigen Ortenberger Altars, des dreiflügeligen Kunstwerks Heilige Sippe von 1430, dessen Original im Landesmuseum Darmstadt aufbewahrt wird. Der Mittelteil des Altars zeigt Die Jungfrau Maria inmitten ihrer Verwandten, ein schimmernder Anblick in Blattgold und Blattsilber. Hat man sich sattgesehen, lohnt ein Augenaufschlag zur Gewölbedecke, die mit freigelegten und fein restaurierten Blumenornamenten verziert ist. Diese »Marienkräuter« inspirierten Ortenberger Pflanzenfans vor einigen Jahren, an der Kirchenmauer einen Marienkräutergarten mit Heilpflanzen anzulegen und diese auf Schiefertäfelchen zu bezeichnen.
Auch nachts blicken die Ortenberger gern nach oben: Die Stadtlaternen enthalten Scherenschnitte zur Stadtgeschichte von Albert Völkl.
Der Kalte Markt von Ortenberg mit etwa 400 Marktständen hat einen Ruf als größtes Volksfest Oberhessens. Seit dem 13. Jahrhundert deckt man sich darauf Ende Oktober mit Vorräten für den Winter ein.

9
Evang. Marienkirche
Schlossplatz 2
63683 Ortenberg
06046 800019
www.ortenberg.net
10 Hessische Hurdy-Gurdy-Girls
Ortenberg: Musikinstrumenten-Museum Lißberg
Das kleine, aus allen Nähten platzende Museum für Musikinstrumente in einer Sackgasse zu Füßen der Burg Lißberg im gleichnamigen Dorf zeigt die weltgrößte Schau von Drehleiern und Dudelsäcken. Großspender dieses musealen Hotspots mit 2.200 seltenen und originellen Exponaten ist der Frankfurter Grafikdesigner und Drehleierbauer Kurt Reichmann. Aus seiner Schatzkiste stammt ein Großteil der Instrumente, zu denen Raritäten wie ein Nürnberger Geigenwerk, eine Dulzaina (altspanische Oboe), zwei äußerst seltene Orgelleiern und ein Bassanello (venezianische Schalmeienart) gehören sowie zahllose weitere Blasinstrumente aus vielen Kulturen.
Mit der Drehleier, einem populären alten Streichinstrument, nicht zu verwechseln mit einem Leierkasten, ist die tragische Geschichte der hessischen »Hurdy-Gurdy-Girls« verbunden. In den bitterkalten 1820er-Jahren verlegten sich arme Familien in Wetterau, Vogelsberg, Taunus und Westerwald darauf, Fliegenwedel aus Holzspänen herzustellen, die im Sommer von Hausierern verkauft wurden. Diese Landgänger unterhielten die Bevölkerung auch musikalisch. Oft wurden sie von sehr jungen Mädchen begleitet, die Drehleier spielten und tanzten. Bald schon zogen Seelenverkäufer auf der Suche nach 13-Jährigen von Dorf zu Dorf, häufig ließen die Eltern sie gehen – eine Esserin weniger am Familientisch war Lohn genug. Viele Mädchen landeten in Londoner Animierbars und Bordellen, manche gelangten nach Übersee bis in die Saloons der kalifornischen Goldgräberstädte. »Hurdy-Gurdy-Girls« hießen sie nach der englischen Bezeichnung für Drehleiern. Einige wenige kehrten als zwar »gefallene«, aber wohlhabende Frauen in die Heimat zurück. Der Exodus der Drehleiermädchen hielt trotz der Verbote durch hessische und nassauische Behörden bis zum Ende des 19. Jahrhunderts an.
Über Pfingsten oder Himmelfahrt treffen sich Freunde der Drehleiermusik zu den Lißberger Leiertagen mit Vorstellungen und Kursen für Anfänger und Fortgeschrittene (www.die-drehleier.de).

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Musikinstrumenten-
Museum Lißberg
(April–Oktober)
Schlossgasse (zwischen Kirche und Burg)
63683 Ortenberg-Lißberg
06046 9584968
www.museum-lissberg.de
11 Tonnenschweres künstlerisches Erbe
Hirzenhain: Kunstgussmuseum
Hugo Buderus, 1841 im Wetteraudorf Hirzenhain an der Schwelle zum Vogelsberg geboren, dort 1907 gestorben, liebte seine Heimat und ihre Bodenschätze. Bereits 1679 hatten seine Vorfahren als Erbpächter von Graf Ludwig-Christian zu Stolberg-Gedern die ersten Hochöfen an der Hirzenhainer Waldschmiede betrieben. Der kaufmännisch ausgebildete Sprössling der vierten Unternehmergeneration studierte in Darmstadt Maschinenbau und Gießereiwesen. Ihn faszinierte in besonderer Weise die Gießereitechnik, und da das in Hirzenhain verhüttete Eisenerz sehr phosphorhaltig war und sich eher für Guss als für Stahlproduktion eignete, trennte sich Buderus von dem Buderus’schen Unternehmenszweig in Lollar bei Gießen und führte die Hirzenhainer Eisenwerke in Alleinregie weiter. Hier entstanden Kunstguss-Exponate, etwa reich ornamentierte Ofenplatten (beliebtestes Motiv: die Hochzeit zu Kana), eiserne Kreuze für Kriegsauszeichnungen sowie Statuetten von Tieren und Menschen, die im Biedermeier modern geworden waren und die Salons des Bürgertums zierten.
Seit Frühjahr 2017 allerdings bleiben die Schmelzöfen des Wetzlarer Nachfolgeunternehmens Bosch Thermotechnik in Hirzenhain kalt. Nach der Schließung der Fertigung hält nur noch das Kunstgussmuseum Hirzenhain die Eisenhüttentradition im Ort aufrecht. Es besitzt einen großen Schatz an kunsthistorisch wertvollen, bis zu 500 Jahre alten Kaminplatten, an kostbaren Öfen, an filigranem Eisenschmuck, Plastiken, Statuen, Büsten und Porträts. In den Souterrainräumen lagern Hunderte von Gusswerken, die mangels Platz gar nicht ausgestellt werden können.
Ob die Hirzenhainer ihr tonnenschweres Erbe erhalten können? Pläne für ein überregional repräsentatives Industriemuseum liegen offenbar in mehreren Schubladen, aber es wird auch viel gestritten darüber.
Von Schloss Gedern nach Hirzenhain und zurück führt der Rundwanderweg Eisenpfad Gedern (23 Kilometer). Am Wegesrand informieren zehn Tafeln über die Kulturgeschichte des Eisenerzabbaus.

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Kunstgussmuseum Hirzenhain
(März–November)
Nidderstraße 5
63697 Hirzenhain
06045 3940040
www.kunstguss-hirzenhain.de
12 Shabby und Chic, Vintage und Tinnef
Gedern: Altes Rentamt im Schloss Gedern
Man wähnt sich an der Pforte einer Traumwelt. Bereits beim Gang über die Brücke zum Torbogen zieht der Kunstgarten im Schlossgraben den Blick auf sich. Dann gelangt man zum Prinzessinnenbau. Dieser frühere Name des Alten Rentamtes von Schloss Gedern würde sehr gut zu der jetzigen Funktion des Gebäudes passen. Es handelt sich um einen lang gestreckten Verwaltungsbau von 1710, an dessen Fassade der Zahn der Zeit kräftig geknabbert hat. In dem Gemäuer und auf der Terrasse davor residiert ein vor Garten- und Wohnaccessoires überquellender Markt für Shabby-Chic-Artikel, ein Eldorado für Vintage-Fans, die lustvoll nach scheinbar oder tatsächlich abgenutztem »Tinnef« (Plunder) stöbern. Eine Steigerung dieser Leidenschaft kann man im Schlosshof am letzten Augustwochenende bei der Gartenmesse Erlebniswelten Schloss Gedern erleben.
Das Schloss Gedern, bis 1927 Residenz der Harzer Fürstenfamilie Stolberg-Wernigerode, drohte in den 1980er-Jahren zu verfallen. Heute beherbergt die »Wolframburg«, so der Spitzname des Nachfolgers einer mittelalterlichen Burg, das Gederner Rathaus. In einem Barockanbau befindet sich das Schlosshotel Gedern mit Restaurant und Sommerterrasse, im Torbogenhaus das Kulturhistorische Museum und das Tourismusbüro, in der ehemaligen Schmiede ein Infozentrum zur regionalen Wirtschaftsgeschichte. Im gepflegten Schlosspark wiegen schattenspendende alte Bäume ihre Kronen sanft im Wind.
Landschaftlich gehört Gedern zum Naturpark Hoher Vogelsberg, die Stadt entschied sich aber im Zuge der Gebietsreform von 1972 für den Wetteraukreis. Das hatte zur Folge, dass die kurz zuvor eingemeindeten Dörfer Burkhards, Kaulstoß und Sichenhausen es vorzogen, sich Schotten und dem Vogelsbergkreis anzuschließen, jedoch bis heute ihre Gederner Telefonvorwahl behielten.
Der 15 Hektar große Gederner See ist ein beliebtes Badegebiet mit einem großen Campingpark, in dem auch Mobilheime gemietet werden können (www.campingpark-gedern.de).

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Altes Rentamt
Schlossberg 11
63688 Gedern
06045 3871020
www.dasalterentamt.de
13 Bin so satt, mag kein Blatt
Schotten: Ziegenhof Bär in Burkhards
40 Weiße Deutsche Edelziegen halten Ludwig »Lucky« Bär und Anja Reifegerste auf ihrem Hof in Burkhards, zwei Dutzend neugeborene Zicklein pro Jahr nicht eingerechnet. Lucky, der früher im Südschwarzwald zu Hause war, tritt im Vogelsberg mit der Ziegenkutsche bei Kindergeburtstagen und Volksfesten auf, so etwa als Nikolaus beim »Nickelches Määrt«, und fährt Hochzeiter achtspännig zur Kirche.
Die Ziege ist neben dem Hund eines der ältesten Haustiere der Menschheit. Die knochigen Vierbeiner sind intelligent und anhänglich, wenn auch mäkelig, wie wir aus dem Grimm’schen Märchen Tischlein deck dich wissen. Die genügsamen Hornträger ernähren sich von Blättern, Gehölztrieben, Rinden, Gras und Kräutern. Kein Pfad ist ihnen zu schmal, kein Ast hängt ihnen zu hoch – um an diese heranzukommen, stellen sie sich auf die Hinterbeine; so mancher Strauch stirbt dadurch ab. Weil sie auch Büsche fressen, leiht der Landesbetrieb HessenForst sich gelegentlich Tiere vom Ziegenhof Bär und setzt sie zur Landschaftspflege verbuschter, magerer Flächen ein. Auch sonst sind Ziegen überaus nützlich, liefern Fleisch, Milch, Käse, Leder und manche Rassen auch Wolle. Das fett- und cholesterinarme Ziegenfleisch gilt Feinschmeckern als Delikatesse. In Deutschland galt die Ziege immer schon als »Kuh des kleinen Mannes«. Noch im 19. Jahrhundert dienten Arbeitsziegen als Zugtiere von Leiterwagen für Waren, Wasserbehälter oder Milchkannen. In wohlhabenden Kreisen spannte man Ziegen zum Vergnügen der Kinder an. Frankreich kennt um die 100 Ziegenkäsesorten, auch deutsche Käsetheken sind mit Frisch-, Weich- und Schnittkäse von Ziegen gut bestückt.
Herbsteiner Direktvermarkter züchten Burenziegen (www.vogelsberger-ziegen.de). Eine Liste von Milch- und Käseanbietern im Vogelsberg findet man unter: www.milchhessen.de.

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Ziegenhof Bär
Niddergrund 4
63679 Schotten-Burkhards
06045 3873002
www.ziegenhof-baer.de
14 Ein feste Burg ist euer Gotteshaus
Schotten: Evangelische Kirche in Wingershausen
Basalt ist das Urgestein des Vogelsbergs, des mit 60 Quadratkilometern größten Vulkangebiets Mitteleuropas – zehn Millionen Jahre aktiv, seit sieben Millionen beruhigt. Basalt begegnet man hier auf Schritt und Tritt, nicht nur bei Wanderungen im Naturpark Hoher Vogelsberg. Ebenso kennt und sieht man das schwärzliche Gestein als grobes Straßenpflaster, Trockenmauern und aufgeschichtete Mäuerchen neben Feldern, aus deren Untergrund sich fortwährend steinige Brocken ans Tageslicht hochschaffen, kaum sind die vorhandenen verlesen. Die meisten Steinbrüche, aus denen sich Dorfbewohner früher mit Baumaterial bedienten, sind heute verschüttet und vergessen, manche, wie am Grillplatz Hasenköppel bei Frischborn, umgenutzt. Ihre einstige Ausbeute wirkt stabilisierend als Sockel für Wohnhäuser und Mauern für Gutshöfe und Schlösser.
Ein einmaliges Juwel des regionalen Basaltbaus stellt die Evangelische Kirche in Wingershausen dar. Das wuchtige, 1904 im neugotischen Stil errichtete Gotteshaus mit Spitzbogenfenstern und einem spitz behelmten Turm ruht majestätisch auf einem Hügel mitten im Dorf. Der T-förmige Grundriss entspricht dem Vorgängerbau. Denn an dieser Stelle wurde vor gut 1.000 Jahren schon die erste Kirche durch einen Mainzer Erzbischof geweiht.
Das 360-Seelen-Dorf ist die älteste Siedlung der 15 Stadtteile von Schotten. So manch hoch gelegener Ort entstand auf dem harten Gestein ehemaliger Vulkanschlote. Dem Basalt, den ausgiebigen Niederschlägen und der häufigen Nebelfeuchte verdankt der Vogelsberg seinen Wasserreichtum, denn das versickernde Nass verrinnt oberhalb undurchlässiger Gesteinsschichten zu Quellen und Bächen. Das schwach besiedelte Vulkangebiet speichert eines der größten Wasserreservoirs in Deutschland und speist den Ballungsraum Rhein-Main mit Trinkwasser.
In der wohl kleinsten Schokokuss-Fabrik der Welt in Wingershausen entstehen 60 Schokokuss-Arten in Handarbeit. Werktäglicher Fabrikverkauf (www.keil-suesswaren.de).

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Evang. Kirche
Rangstraße
63679 Schotten-Wingershausen
06044 8219
www.dekanat-buedinger-land.de
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