Kitabı oku: «Paradiese»
Titelseite
PARADIESE
Erzählungen
ANDREA SAILER
Leykam
Zitate
„Ich hab geträumt, der Winter wär vorbei
Du warst hier und wir waren frei
Und die Morgensonne schien.
Es gab keine Angst und nichts zu verlieren
Es war Friede bei den Menschen und unter den Tieren
Das war das Paradies
Der Traum ist aus.“
(Ton Steine Scherben)
„Was ich in deinen Träumen suche? –
Ich suche nichts. Ich räume auf.“
(Einstürzende Neubauten)
„Alles beginnt mit der Sehnsucht.“
(Nelly Sachs)
Ein glückliches Paar Schuhe
Sie klappt die Lider zu wie horizontale Fensterläden. Hört auf seinen Rhythmus. Achtsam verfolgt sie jede seiner Bewegungen, damit sie ganz genau weiß, wann sie lauter werden muss. Er wird es auch diesmal nicht bemerken. Er hat es noch nie bemerkt. Er schätzt es sehr, dass sie im Bett seit jeher so mühelos imstande ist zu kommen.
In ihrer Jugend war sie verliebt in Blixa Bargeld. Dieser Spielzeugkörper, fadendünn. Rattiges Stachelhaar. Die Wangen dietrichhohl. Und darüber dieser Blick. Ein unstetes, wirres Augenfeuer. Das leuchtende Versprechen von Dunkelheit und Tod. Eine elendige Schönheit, vernichtet, ausgezehrt, bleich. Um die Lippen schleichen Verwegenheit und Spott. Dieser Mund hat kein Lächeln nötig, es würde seine Vollkommenheit nur stören. Dieser Mund ist ein Kuss, der keinen Partner braucht. Nur eine trotzige Frage, die sich als Antwort selbst genügt. Wenn er sich zum Schrei öffnet, hält die Welt an.
Er keucht über ihr. Seine dicke Zunge in ihrem Mund schmeckt fade. An ihrem Kinn trocknet sein Speichel allmählich ein. Ihre weichen, leicht speckigen Bäuche schlagen mit klatschendem Geräusch regelmäßig gegeneinander. Sie hat ein Haar im Mund, von dem sie sich nicht sicher ist, ob es ihres ist oder seines. Die Hand unter ihrem Hintern wird schon ganz tot.
In ihrer Jugend war sie verliebt in die Hälfte der Jungs aus ihrer Umgebung. Mit der anderen Hälfte war sie zusammen.
Er ist ein guter Mann. Sehr reinlich. Von ruhigem, ausgeglichenem Gemüt. Geraucht und getrunken hat er nie. Sparsam ist er. Und fleißig. Kein böses Wort hat sie je von ihm gehört. Wenn er lächelt, geht sein Mund auf wie eine Wunde. Im Unterkiefer stehen seine Zähne leicht schief und erinnern vage an eine Reihe unregelmäßiger Grabsteine. Wenn er einkaufen geht, bringt er ihr immer noch regelmäßig Blumen mit. Die vom Diskonter, wo sie zellophanverhüllt in nassen Eimern stehen. Manchmal sind richtig schöne Sträuße dabei.
Kurz bevor sie in die Pubertät kam, hatte sie sich nicht vorstellen können, überhaupt jemals im Leben auch nur mit einem einzigen Mann zu schlafen. Sex, das war ihr so absurd vorgekommen, so lächerlich, viehisch, peinlich, tabu. Als die Pubertät dann vorüber war, konnte sie sich nicht mehr vorstellen, nur mehr mit einem einzigen Mann zu schlafen. Das kam ihr genauso absurd vor.
Von ihrer Großmutter kannte sie das noch. Sich aufsparen. Anständig bleiben. Sich und seinen Körper nur einem Einzigen, dem Richtigen, hingeben. Sex als etwas zutiefst Verbindliches. Schmutzig immer noch, aber zugleich doch kostbar. Ein unausweichliches Unikat. Das notwendige Übel, auf das nur ein Auserwählter Anrecht hat.
Warum?
Wenn etwas so bedeutungslos und leidig ist, so offensichtlich „nicht das Wichtigste“, warum behandelt man es dann so? Dann ist es doch ganz egal, mit wie vielen Männern man es macht. Und wenn es nun tatsächlich doch von Bedeutung wäre, oder am Ende gar „das Wichtigste schlechthin“, dann müsste man es erst recht mit so vielen Männern wie möglich machen, und so oft es geht.
Am Anfang hatten sie wie alle Paare viel Sex. Taten es immer und überall, hatten ständig Lust aufeinander. Oder zumindest „darauf“. Bis die Lust irgendwann davonschlich wie eine Katze, die einen neuen Kostplatz sucht. Es war ihre Katze.
Sein Gesicht über dem ihren leuchtet jetzt hell wie der volle Mond. Seine fleischigen Wangen fallen ihr zitternd entgegen. Schweiß glänzt auf seiner Stirn. Im schwachen Gegenlicht stehen seine Ohren ab wie kleine Henkel an einem runden Topf. Sie stöhnt zur Abwechslung ein bisschen lauter. Das turnt ihn an, so kommt er vielleicht schneller. Dabei leckt sie sich unkontrolliert über die Lippen und krallt die freie Hand hinter ihrem Kopf ins Kissen. Das hat sie aus Filmen. Und nicht nur dort wirkt es.
Er hat schon immer leicht zu Übergewicht geneigt. Alles an seinem Körper ist weich und rund. Jede einzelne Zelle ist begeistert bereit, Fett zu speichern. Dünner werden nur seine Haare. Bald kann er seiner Glatze die Stirn bieten. Die Schläfen hat sie schon großräumig erreicht.
Bargeld soll auch zugenommen haben. Sie hat ihn schon lange nicht mehr gesehen. Neuerdings soll er zu enge Anzüge und wunderliche Kopfbedeckungen tragen. Der fragile Lärmschmied aus dem Untergrund scheint eben dorthin wieder verschwunden zu sein. Wie alt er heute wohl sein mag? Wohl um die fünfzig.
Besserwisser hat sie nie gemocht. Heute weiß sie es besser. Nämlich, dass die Liebe tatsächlich ein Kind ist. Man kann nicht abschätzen, was passiert, wenn sie erwachsen wird. Am gefährlichsten ist das, was sie bewahren soll. Die Höflichkeit. So eine wohlerzogene Liebe wird sie dann, wie eine höhere Tochter aus gutem Hause. Falls es so etwas noch gibt.
Sie waren immer sehr höflich zueinander. Wenn man das abzieht, was im einen oder anderen kleinen, durchaus dazugehörenden Streit geschieht. Diese unterschwelligen Beleidigungen. Nichts Großes oder Lautes, schon gar nichts Bösartiges oder Gemeines. Nur diese üblichen, feinen Nadelstiche eben, die mit belanglos klingenden, als Harmlosigkeiten verkleideten Nebensätzen Schmerz für Schmerz eintätowieren und hässliche kleine Wortgemälde hinterlassen unter der Haut. Meinungsverschiedenheiten letztlich nur, nichts weiter. Meinungen, die gegeneinander gehetzt werden, bis sie irgendwann wirklich verschieden sind, im Sinne von gestorben. Die Meinungen, die Verschiedenheiten, alles.
Doch abgesehen davon: die reine Höflichkeit. Bitte. Danke. Wie geht es dir? Hab dich lieb.
Auch der Sex, den sie zuweilen immer noch haben, nach fast fünfzehn Jahren immer noch, ist höflichkeitsverbrämt. Sich davor etwa nicht zu küssen, wäre unhöflich. Es danach nicht zu tun, gleichermaßen. In dieser kurzen Zeitspanne dazwischen regiert freilich eine andere Sprache. Mitunter auch einmal die der Gosse. Eine hässliche Sprache. Nur „Gosse“ ist ein schönes Wort.
Auch die Kindersprache war immer wieder ein gutes Versteck. Sie ist es manchmal heute noch. Grammatikalisch verstümmelte Sätze, im Tonfall Vierjähriger skandiert, schützen zuverlässig vor erwachsenen Auseinandersetzungen. Humor ist, wenn man’s trotzdem macht.
Es geht in die Endphase. Er schnauft bereits in beträchtlicher Lautstärke, hat fürs Küssen keinen Atem mehr. Ihr tut der Rücken weh, unter dem linken Schulterblatt sticht ein scharfkantiger Rest von Knabbergebäck ihr in die Haut. Zwischendurch schmatzt er unmotiviert in ihr Ohr.
Ein sensationeller Küsser war er nie. Nicht schlecht, eigentlich ganz passabel, aber eben doch nur guter Durchschnitt. Sie hat ohnedies nicht viele Männer gekannt, die wirklich hervorragend küssen konnten. So gut, dass sie nicht im halben Gesicht davon feucht wurde, sondern nur woanders.
Immer noch fragen sie sich jeden Tag nach ihrem Tag. Auch das gebietet ihnen die Höflichkeit. Beide sind ganztags außer Haus, da ist es nur natürlich, abends heimzukommen und sich auszutauschen. Auf seine Frage nach ihrem Befinden gibt sie Auskunft über das Befinden anderer. Erzählt von der kranken Mutter, deren Rheuma nach wie vor keine Besserung erwarten lässt. Von der einen Kollegin im Büro, deren Kind ihr trotz Nabelhöhe täglich mehr über den Kopf zu wachsen droht. Und von der anderen Kollegin im Büro, die immer noch an ihrer Magen-Darm-Grippe laboriert. Und nur ganz am Rande von einer Bekannten, die gerade über eine Trennung von ihrem langjährigen Lebenspartner nachdenkt.
Er antwortet stets recht einsilbig auf ihre Erkundigungen. Lässt belanglose Sätze auf den Tisch fallen wie Brotkrümel. Nur keine Debatte vom Zaun der schützenden Distanz brechen. Nur keine Diskussion beginnen, die das morsche Gerüst der Höflichkeit gefährlich ins Wanken brächte. Auf der Hut sein vor Äußerungen, die ins Innere führen könnten. Überdies hat schließlich das gemeinsame Schweigenkönnen nach wie vor einen tadellosen Ruf. Und ab einem gewissen Zeitpunkt ist man ohnehin dann am ehrlichsten, wenn nichts mehr zu sagen bleibt.
Sein Höhepunkt kündigt sich nun bereits unausweichlich an. Sie kann im Moment noch nicht abschätzen, ob er in ihr kommen möchte oder außerhalb. Letztlich ist es ihr gleichgültig. Zweiteres wäre allerdings angenehmer. Oder praktischer. Man kann blitzschnell sauber machen. Sonst kommt ja alles nach und nach wieder heraus, ohne dass man es brauchen könnte. Sie hat sich oft gewundert, warum das in Filmen nie gezeigt wird. Keine einzige Liebesszene eines Films hat sie im Kopf, wo hinterher, nach der glückseligen Vereinigung, die ganze Sauerei weggewischt wird. Stattdessen ziehen sich die schönen Hauptdarsteller einfach wieder ihre schönen Kleider an und führen weiter ein schönes Leben. Und nichts klebt oder hat Flecken oder läuft unterm Rock die Wade entlang, während man schon im Großmarkt an der Kasse steht.
Nachher steht sie immer gern auf und tut etwas Unwesentliches. Geht in die Küche und trinkt dort den kalten Kaffee aus. Vor ein paar Tagen lag dort aufgeschlagen die Tageszeitung. Er hatte ein Kreuzworträtsel begonnen. Es klafften noch einige Lücken im Buchstabenmeer. Überraschend einfache Lösungen hatte er anscheinend nicht erraten. Das hatte sie gerührt. Fast hätte sie sich wieder in ihn verliebt. Es war in ihren Augen keine Schande, ULM oder ERL nicht zu kennen. Vielmehr war es regelrecht liebenswert. Ein nicht allzu markanter Schönheitsfehler im Antlitz seiner Halbbildung. Nahezu charmant. Und die Kenntnis von Ulm und Erl hat womöglich ja auch noch niemanden unter Garantie glücklich gemacht.
Natürlich liebt sie ihn. Was genau sie dabei empfindet, vermag sie nicht zu sagen. Wahrscheinlich das Gute an ihm. Seine Gelassenheit. Dass er sich um alles kümmert. Dass das Zusammenleben mit ihm so reibungslos funktioniert. Seine Anspruchslosigkeit im Alltag. Dass seine körperliche Nähe ihr bisweilen unerträglich erscheint, macht sie für sie selbst nahezu unerträglich. Denn das hat er nicht verdient. Er hat nichts falsch gemacht. Und dass er der Falsche ist, dafür kann er nichts.
Jetzt, so kurz vor dem Schluss, in diesen finalen Metern bis zum Ziel, muss sie wie fast jedesmal an den Anfang denken. Als sie sich kennenlernten. Dieser kopflose Sturz ins Schwebende hinein. Sie war damals auf eine fast beängstigende Weise glücklich gewesen. Hatte sich gefühlt, als wäre sie neu auf der Welt.
Der Beginn einer guten Beziehung also. Wo alles vorhanden ist, was so eine richtige, ernst zu nehmende Liebe braucht. Sympathie. Gemeinsame Interessen. Vereinte Ziele. Ihr ist nicht klar, warum ihr das längst nicht mehr genügt. Warum ihre Gedanken immer wieder wie leichte Mädchen durch die Nacht streifen, auf der Suche. Warum sie, die doch gar keine Lust auf Sex hat, weder mit ihm noch im Allgemeinen, oft solche Lust auf andere Männer hat. Irgendwelche Männer. Jüngere, ältere, fremde, bekannte, tote aus Romanen, lebende aus dem Fernsehen. Sie kann sich nicht erklären, warum ihr dieser vertraute, gepflegte und freundliche Körper meistens zuwider ist. Warum die Vorstellung, den ganzen Rest ihres Lebens ausschließlich mit diesem Körper verbringen zu müssen, einer schwer psychotischen Panikattacke gleicht.
Und wann alles anfing aufzuhören.
Natürlich geschah nichts davon im Handumdrehen. Es war keine Veränderung von heute auf morgen, vielmehr ein schleichender Wandel, bestens versteckt in den hintersten Nischen einer handelsüblichen Handvoll Augenblicke. Alles ein großes Nichts, eigentlich. Sie ist immer noch verwundert darüber, dass das Nichts so weh tun kann.
Wenn sie miteinander ausgehen, zum Essen oder auf eine Veranstaltung, ist sie sich dessen bewusst, dass sie zusammen mit ihm für die anderen ein glückliches Paar darstellt. Fast zum Neidischwerden. Später ertappt sie sich dabei, wie sie aus irgendeinem Augenblicksflirt mit einem zufälligen Gesicht in der Menge ein wildes Abenteuer werden lässt, eine heiße Affäre, eine verboten gute Liaison.
Von einer Trennung war nie die Rede. Nie. Mit keiner Geste, keinem Wort haben sie einander jemals angedeutet, sich nicht mehr zu lieben oder unzufrieden zu sein. Nicht einmal, dass sich überhaupt etwas verändert haben könnte im Laufe der Zeit, kam je zur Sprache. Aber vielleicht beginnt sie gerade dort erst, die Liebe. Wenn von der Liebe, der des Anfangs und der Fraglosigkeit, nichts mehr übrig ist. Jedenfalls nicht der Anfang. Nur die Frage.
Wenn es vorbei ist, was jeden Augenblick soweit sein kann, wird sie aufstehen. Das Gute an der Sache: das Nachspiel kann man sich sparen. Die ganze Anstrengung findet davor statt. Das Vorspiel ist am aufwendigsten, denn das muss sie sich schließlich selber vorspielen. Es kostet viel Mühe, durch die Kraft der Gedanken und das Hervorholen uralter Sehnsüchte und flüchtiger Begegnungen eine gleitfähige Basis für den partnerschaftlichen Vollzug zu schaffen. Dazu muss sie sich schon sehr konzentriert in die Vorstellung fremder Küsse und Berührungen hineinsteigern. Aber fast immer gelingt es. Schließlich bleibt noch der zum beziehungstechnischen Statussymbol erhobene Orgasmus. Den muss sie wenigstens nur ihm vorspielen. Danach kann sie zwanglos und frei aus dem Bett gleiten, in dem er liegen bleibt und nach kürzester Zeit mit einem Ausdruck vollkommenen Friedens einschläft.
Im Augenwinkel entdeckt sie etwas, das sie jetzt schon wieder zutiefst rührt an ihm. Wie er schon ordentlich seine Sachen für morgen hergerichtet hat. Das macht er jeden Abend. Und das bringt sie auch genauso oft fast zum Weinen. Wie da seine gute Hose liegt, einmal gefaltet, dazu ein Hemd, jetzt der kalten Jahreszeit entsprechend aus warmem Flanellstoff, und eine Strickweste mit Norwegermuster, die leblos über der Sessellehne hängt. Daneben auf dem Fußboden stehen seine Arbeitsschuhe. Unschuldig und arglos stehen sie da, in solidem Braun, aus robustem Leder, mit trittfesten Sohlen, in einer herzzerreißenden Größe. 46. Sie stehen ruhig da und erzählen doch zugleich von ihrem immer gleichen Weg. Als wären die Schritte schon eingebaut.
Würde er plötzlich sterben, sie könnte den Anblick dieser Schuhe keine Sekunde länger ertragen. Schuhe ohne einen dazugehörigen Menschen, der sie nie wieder tragen wird, sind das mit Abstand Traurigste auf der ganzen Welt.
Als sie ihre mittlerweile tote Hand endlich aus dem Fleischgefängnis ihres Hinterns befreien kann, lässt sie sie kraftlos aus dem Bett fallen. Dort landen die komatösen Fingerspitzen auf seinen Hausschuhen. Auch die machen sie augenblicklich todtraurig. Wie sie da neben dem Bett in schiefer Überkreuzung auf dem Teppich liegen, daneben die zusammengerollten Sportsocken, ausgezogen in der Hast, zu Boden geworfen in vorfreudiger Leidenschaft. Seine Hausschuhe erzählen alles. Filzig und bequem geben sie wortlos Auskunft über das Glück, ein Zuhause zu haben, sich daheim zu fühlen. Das ganze, entsetzliche Glück von beschaulicher Geborgenheit und nestwarmer Behaglichkeit steigt zu ihr herauf. Diese Hausschuhe riechen nur ganz schwach nach Schweiß, nur, wenn man förmlich mit der Nase in sie hineinkriecht. Viel stärker riechen sie nach allem, worauf er ein Recht hat. Frisch gekochte Abendessen und liebevoll servierte Jausenteller, Kuchenduft am Wochenende, würzige Grillaromen aus dem Garten, an hohen Sommertagen, wo Familie und Freunde im kleegrünen Wiesenbett sitzen auf Einladung eines glücklichen Paares.
Ein letztes Mal schließt sie die Augen und legt die Stirn in jene Falten, die Selbstvergessenheit und Lust symbolisieren sollen, gemeinsam mit dem Gleichgewicht aus Krampf und Entspannung. Sie schlägt ihm beide Hände ins Rückenfleisch, wobei sie genau darauf achtet, den Druck ihrer Fingernägel auf seiner schwammig weichen Haut so zu dosieren, dass er ihn wohl mit einem Anflug von Schmerz verspürt, jedoch auf keinen Fall eine echte Wunde davonträgt.
Während sie in diesem Augenblick für ihn mit allen dazu notwendigen äußerlichen Indizien sicht-, hör- und fühlbar kommt, ist sie innerlich zuvor schon längst gegangen. Nur weiß sie nicht, wohin.
Paradiese
Er war schon als Kind so gewesen. Hatte sich oft vorgestellt, jemand anderer zu sein. Oder etwas. Konnte sich nahtlos hineinversetzen in andere Körper, andere Leben, andere Welten. Im Geiste wechselte er die Identitäten mit Lichtgeschwindigkeit. Schlüpfte in fremde Häute, dachte fremde Gedanken, empfand mit allen Herzen, die um ihn herum schlugen.
Als der Polizist die Tür aufbrach und mit zwei Kollegen in den dunklen Vorraum trat, raubte ihm ein beißender Geruch schier den Atem. Die Kollegen schlugen sich instinktiv die Hände vors Gesicht. „Hat jemand Tigerbalsam dabei?“, fragte einer. „Oder irgendeine Mentholcreme? Schnupftabak? Der Gestank macht einen doch fertig!“ Sie gingen zurück ins Freie und ordneten die Bereitstellung von Mundschutz an sowie eine Verständigung der Seuchenpolizei.
Er hatte keine leichte Kindheit gehabt. Aber, andererseits, wer hatte die schon? Und dennoch. Er war nun einmal kein Kind wie alle anderen gewesen.
Wenn zwei seiner Mitschüler auf dem Nachhauseweg ein Tier quälten, belanglos, gleichsam nebenbei, dann musste er einschreiten. Konnte nicht tatenlos dabei zusehen, wie die anderen Kinder in ihrer ganz und gar nicht unschuldigen Kindlichkeit auf eine Spinne traten, einer mühevoll gefangenen Fliege Beine und Flügel ausrissen, eine Schnecke mit Salz bestreuten, einen Käfer anzündeten. Er übte sich damals schon in versuchsweiser Schadensbegrenzung und rettete, was eben noch zu retten war. Bei einer totgetrampelten Spinne war das nicht mehr möglich. Da konnte er bestenfalls noch den haarigen Matsch vom Asphalt schaben, mit seinen ungelenken Kinderfingern, und den verbliebenen Leichnam in der lockeren Erde eines Maulwurfshügels vergraben. Weil seiner Meinung nach auch eine Spinne wenigstens ansatzweise eine würdige letzte Ruhestätte verdient hatte.
Er hatte sich schon damals nicht erklären können, weshalb die Erwachsenen mit manchen Tieren durchaus großes Mitleid haben konnten, bei anderen aber nur Feindseligkeit und Abscheu empfanden. Es war doch kein Lebewesen auf der Erde in der Lage, sich seine Daseinsform aussuchen zu können. Es hatte doch kein einziges, noch so unscheinbares, unbedeutendes Etwas auch nur für Sekundenbruchteile eine Wahl! Es konnte doch keine Spinne etwas dafür, eine Spinne geworden zu sein. Keine Schnecke bekam vor ihrer Geburt einen Fragenkatalog vorgelegt, auf dem sie ankreuzen durfte, als was sie später ihr Leben verbringen wollte, ob als Haselstrauch, Flusskiesel, Hochschullehrer, Massaifrau, Tigerkatze oder Nacktschnecke. Und das war vielleicht auch gut so, denn jede mögliche Auswahl gipfelte letztlich doch nur in einer Wahl der Versäumnisse. Mit der Entscheidung für das eine entschied man sich automatisch gegen alles andere. Und überhaupt: Es musste doch alles geben auf der Welt! Fehlte auch nur ein Baustein, brach das Ökosystem zusammen. Das war ihm natürlich erst klar geworden, als er längst erwachsen geworden war, viele Bücher las, Fachzeitschriften, lehrreiche Dokumentationen im Fernsehen anschaute, wissbegierig alles in sich aufsog über die vielen fremden Leben und Welten, denen er sich aus unerklärlichen Gründen immer schon so nahe gefühlt hatte.
Als Kind wusste er noch nicht, dass das Blut der Insekten und Spinnen nicht rot, sondern farblos ist. Ein Nachteil, denn rotes Blut erregt ohne Zweifel mehr Mitleid bei den Menschen, weil es sie an sie selbst erinnert. Rotes Blut wirkt stets dramatisch, farbloses Blut hingegen sieht bestenfalls nach Schmutz aus, oder nach gar nichts.
Solange man ein Kind ist, glaubt man an die absonderlichsten Dinge. Ohne schon ein Wort dafür zu haben, glaubt man an so etwas wie Gerechtigkeit, Güte, Liebe, Gott, den Himmel, das Paradies. Und stellt sich vor, wenn man den Käfer mit den ausgerissenen Beinen nur sachte an den Wegesrand legt und still davongeht, kommen bald darauf die Käfersanitäter und der Käfernotarzt und schienen die noch verbliebenen, zerquetschten Beine und nähen ihm später in einer hochkomplizierten Operation, die viele Stunden dauert und allergrößte Konzentration vom Käferchirurgen erfordert, dem die angespannten Fühler wachsam aus der grünen Operationshaube herauswippen, eventuell ein paar neue Spenderbeine an, oder gar künstliche Laufwerkzeuge aus dem Käferforschungslabor. Aber das war nicht wahr. In Wirklichkeit blieb der Käfer einfach am Wegesrand liegen und starb, um sogleich von anderen, kleineren Käfern, Ameisen und dergleichen mehr entsorgt zu werden.
„Es gibt eigene Entsorgungsfirmen“, bemerkte der Sachbearbeiter, während er sich in der Wohnung umblickte. Die Polizisten nickten verständnisvoll. „Ja, Entrümpelungsservice, sowas in der Art“, ergänzte einer von ihnen. „Das muss dann, wenn es leer ist, erst einmal gründlich desinfiziert werden. Dann neu gestrichen, neue Böden, von Grund auf alles saniert.“ „Die Seuchenpolizei ist bereits unterwegs“, rief eine Frauenstimme von draußen herein.
Was die Kindheit letzten Endes dann doch sehr schön machte, war diese unglaubliche Anhäufung von tröstlichem Nichtwissen, diese vollständige Abwesenheit aufwühlender Fakten und unumstößlicher Tatsachen. Es schmerzte ihn mehr als vieles andere, dass er einmal Gehörtes, Gelesenes, mitunter gar zufällig Aufgeschnapptes nie mehr aus seinem Gehirn tilgen konnte. Es gab keine Löschtaste darin, und für die Gnade des Vergessens war er schlichtweg noch zu jung.
Wie war diese Grausamkeit innerhalb des Tierreiches zu rechtfertigen? Er erinnerte sich noch genau daran, wie er damals nach der Lektüre dieses einen Artikels die ganze Nacht nicht hatte schlafen können. Es ging um Vorsorge für den Winter, Futtervorräte von Wildtieren. In einem beschaulichen Magazin, das die Lust am Landleben und die Schönheit der Natur bereits auf dem Titel pries. Die Reportage hatte auf den ersten Blick nichts Beunruhigendes gehabt, ganz im Gegenteil. Das Bildmaterial war sogar ausgesprochen entzückend. Ein beflissener Tannenhäher, der stolz eine große Haselnuss im Schnabel trägt. Ein geschäftiges Eichhörnchen, in den kleinen Pfoten einen erstaunlich massiven Kern. Ein Feldhamster inmitten eines Samenberges, eines regelrechten Körnergebirges. Alles äußerst reizend. Und dann in ein paar Zeilen das Unfassbare! Wie der Maulwurf über den Winter kam. Indem er Regenwürmer sammelte, denen er den Kopf abbiss, damit sie zwar nicht mehr fortkrochen, jedoch noch überlebten. Und da lag er nun schlaflos in seinem Bett und schlüpfte im Geiste, ohne es zu wollen, aber auch, ohne es verhindern zu können, in die glatte rosa Wurmhaut. Und litt. Nichts mehr sehen oder riechen, nur noch spüren, dass man lebt, dass es einen noch gibt! Warten müssen, bis man an die Reihe kommt. Zusammen mit anderen kopflosen Kreaturen dem sicheren Tode ausgeliefert. Wie schrecklich! Und wie lange mochte so ein Martyrium dauern? Konnte man ohne Kopf denn überhaupt noch Angst empfinden? Was ging im Restwurm vor?
Dass auch andere Tiere grausam waren, freilich, ohne darüber nachzudenken, machte das Leiden jedes einzelnen Geschöpfes nicht geringer. Er brauchte nur an die infame Kaltblütigkeit der Weg- und Dolchwespen zu denken, die nicht umsonst zu den Spinnentötern gezählt wurden, schon brach ihm der Schweiß aus allen Poren. Was man einerseits als durchaus liebevolle Brutpflege bezeichnen könnte, war andererseits an Bestialität kaum zu übertreffen. Wegwespen, äußerlich um nichts unscheinbarer als herkömmliche Fliegen, fingen unschuldig dösende Spinnen und machten sie mit einem giftigen Stich bewegungsunfähig. Dann schleppten sie die gelähmte Spinne in ihr Nest und legten in ihr die Eier ab, die sich als heranwachsende Larven von der immer noch lebenden Spinne ernährten. Das Spinnenherz hörte erst auf zu schlagen, wenn die letzten Larven erwachsen waren. Die Dolchwespen verfuhren mit den Larven der Blatthornkäfer ebenso. Und hielten dabei sogar noch strenge Regeln ein. Die Wespenkinder verzehrten das Käferkind in einer ganz akkuraten Reihenfolge, zuerst das Fettgewebe, dann das Nerven-, zuletzt das Atemsystem, damit der lebende Futterspender nicht zu früh verstarb.
Schrecklich, einfach schrecklich, alles. Und da war keiner, der ihn verstand. Wenn er mit anderen über diese furchtbaren Dinge sprechen wollte, bei der Arbeit, in einer Pause, oder in der Freizeit, privat, dann sah er sich stets nur mit genau zwei Reaktionen konfrontiert. Entweder starrte man ihn ungläubig, ja fassungslos an, außerstande zu begreifen, weshalb ein Mensch sich über derlei Tatsachen auch nur einen Augenblick lang den Kopf zerbrechen konnte, gerade so, als wäre er ein Marsmensch, oder hätte wenigstens zugegeben, an dergleichen zu glauben. Oder man beschwichtigte ihn mit erbärmlichem Floskelgeschwätz. Das begann schon in der Kantine, wo er mit schöner Regelmäßigkeit um eine vegetarische Mahlzeit bat. Was hatte er sich da sein ganzes Berufsleben lang alles anhören müssen! Von der fast rührenden, zum Gotterbarmen naiven Mitteilung, die Tiere würden genauso geschlachtet werden, auch wenn er auf ihr Fleisch verzichtete, bis zum nahezu brüsken Vorwurf, er sei mitverantwortlich für das Bauernsterben und denke wohl kein bisschen an die vielen Arbeitsplätze in der fleischverarbeitenden Industrie. Er ließ all den Spott, die Wut und das Unverständnis über sich ergehen, saß bald weit abseits von den Kollegen allein an einem Tisch, nahm später nur noch von daheim Jause mit und vermied alle unangenehmen Gelegenheiten, in denen über das Thema Tierschutz hätte gesprochen werden können. Aber nie war ihm der Bericht in der Tageszeitung aus dem Kopf gegangen, in dem von einem entlaufenen Stier die Rede war. Einem Stier, der vor Angst aus dem Schlachthof geflohen war und sich daraufhin im Wald versteckte. Diese Angst in den Tieraugen! Diese Hilflosigkeit trotz der enormen Kraft und Größe. In den Händen eines Menschen war doch das stärkste Tier wehrlos wie eine Mücke. Und dass Säugetiere sehr ähnlich empfanden wie Menschen, gerade was Gefühle wie Schmerz, Furcht, Aufregung oder Einsamkeit betraf, das hatte die Forschung doch längst schon herausgefunden, das war doch eindeutig bewiesen. Aber den Menschen schien das vollkommen gleichgültig zu sein. Sie zerschnitten ungerührt das köstlichste Stück Fleisch auf ihrem Teller, tunkten es genüsslich in die Pfeffersauce oder in die Preiselbeeren, und verschwendeten keinen Gedanken daran, dass dieses Stück Fleisch einmal gelebt hatte, eine Mutter hatte oder selbst war, dass es auch nur eine Möglichkeit hatte von Anfang an, nur ein Leben, dieses, ohne Versprechen auf Entschädigung, Vergeltung, ein Paradies.
Dabei gab es doch nicht nur die Rinder und Schweine, die kotstarr, blutverschmiert und mit angstgeweiteten Augen durch die Gitterstäbe der Tiertransporter ihrem Tod entgegenblickten, und zugleich das erste Mal ins Freie, in die Sonne, das Tageslicht. Es gab nicht nur die Hunde, Katzen und Affen in den asiatischen Ländern, die dort gefoltert wurden, um hernach als Delikatesse serviert zu werden. Es gab auch Tiere, die so ganz anders waren, von deren Empfindungen und Bewusstsein den Menschen kaum etwas bekannt war. Wie lange lebten die Fliegen, die auf dem Leimpapier festklebten, ehe sie darauf zugrunde gingen? Wie viel bekamen sie von ihrem grausamen Schicksal mit? Was hatten sich die tausend und abertausend Nacktschnecken zuschulden kommen lassen, als dass sie eben Nacktschnecken waren, nichts anderes hätten werden können, nie eine Wahl hatten, nur jetzt die Qual? Er versetzte sich beim Anblick jedes gepflegten Gartens unwillkürlich in den Kopf einer roten Wegschnecke, er konnte nicht anders, es war in ihm veranlagt, auch er hatte keine Wahl. Er spürte sich deutlich über die Erde gleiten, eine glänzende Spur aus Schleim hinter sich herziehend. Kein Mensch hinterlässt so viele Spuren wie eine Wegschnecke, aber was nützt es ihr, was bleibt? Nichts! Nicht eine einzige Schnecke wurde persönlich von jemandem gekannt. Spuren waren auch nur Verschmutzungen auf der Welt, wie farbloses Insektenblut.
Er glitt im Schneckenkörper die Beete entlang und wusste, dass es sich hierbei um nichts anderes als das Paradies handeln konnte. Wie von Zauberhand hatte da jemand oder etwas ihm sein ganz privates Stück Himmel bestellt. Die köstlichsten jungen Pflänzchen, die schmackhaftesten neuen Triebe, das allerzarteste Blattwerk schien nur auf ihn zu warten. Und er war nicht allein! Viele Artgenossen gesellten sich zu ihm, alle verblüfft über diesen wunderbaren Zauberort, den nun noch ein leichter Regen erfrischte. Es war der Inbegriff des Glücks. Dann kam die gute Gärtnerin und schnitt ihn entzwei. Einfach so. Mitten im Paradies konnte das passieren. Denn es war gar nicht das Paradies, sondern die Hölle. Rings um ihn nichts als entzweigeschnittene Schnecken. Die Hälften trockneten in der wieder zögerlich hinter den Wolken hervorscheinenden Sonne. In ihrer Verzweiflung begannen einige Schnecken, die noch ganz waren, ihre verstorbenen Verwandten aufzuessen. Eine andere Möglichkeit der halbwegs würdigen Bestattung schien ihnen nicht durchführbar. Im Garten nebenan, der nächsten Hölle, stürzten die Artgenossen in einen Bottich voll siedenden Wassers, wo sie sich langsam, sehr langsam, zu einem rötlichbraunen Brei auflösten. In wieder einer anderen Hölle salzte ein Blumenfreund im Blaumann die Tiere an wie eine zukünftige Mahlzeit, um sie dann achtlos ihrem Leiden zu überlassen. Sie seufzten und wimmerten noch mehrere Stunden und krochen noch etliche Zentimeter weit, aber niemand nahm davon Notiz. Niemand, außer ihm. Aber wie hatte eine Kollegin ihm einst gesagt? „Du allein kannst die Welt nicht retten!“ Wer hatte denn was von allein gesagt? Oder von der ganzen Welt? Aber Tiere retten war noch einfacher als Menschen retten. Denn dass die Menschen anstelle eines Paradieses auch nur eine Hölle zur Verfügung gestellt bekommen hatten, stand für ihn ebenso außer Zweifel.
Der Holocaust. Dieses sinnlose Morden von Menschen, die auch keine Wahl gehabt hatten. Als ein Philosoph in einer Zeitschrift einmal die Tiertransporte und die Schlachthöfe mit einem Konzentrationslager verglichen hatte, ging ein Aufschrei durch die Gesellschaft. Das Volk war empört über diesen scheinbar pietätlosen Gedanken. Warum? Er wusste es nicht mehr. Weil es da um Menschen und dort um Tiere ging? „Nur“ um Tiere? Im Dritten Reich dachte man doch genauso. Da gab es hier die Menschen und „dort“ die Juden. Oder eben andere unerwünschte Minderheiten. Zigeuner, Schwule, Arbeitsunfähige, sogenannte „Schädlinge“. Oft saß er lange Zeit nur reglos da. Oder erstarrte innerlich, während er äußerlich wie gewohnt seiner Arbeit nachging. Und versetzte sich in all diese Opfer hinein. Die Menschen, die von heute auf morgen vertrieben wurden, abtransportiert in Viehwägen, zu irgendwelchen Lagern. Diese Angst. Diese Ungewissheit in jeder Minute, jedem Atemzug. Die stetig nagende Frage, was aus den Angehörigen geworden sein mag. Lebte die Mutter noch? Hatte sie Angst, Schmerzen? Was war aus dem Vater geworden? Wo hatte man die Kinder hingebracht?
„Für manche Menschen ist das tatsächlich eine Art Kinderersatz“, erläuterte die Psychologin. „Es überträgt ihnen Verantwortung, sie glauben irrtümlicherweise, dass es Liebe sei, wenn ein Tier aus einem hingestellten Napf frisst. Es sind bestimmt arme Personen. Aber wenn Arme anderen Armen helfen möchten, kommt eben meistens nichts Gutes dabei heraus.“ Der Polizist nickte eifrig, als hätte sie soeben eine unumstößliche Wahrheit ausgesprochen, die demnächst als allgemein gültiges Gesetz in die Bundesverfassung aufgenommen werden sollte. Die Seuchenpolizei legte inzwischen ihre Schutzanzüge an.
Sich mit Geschichte zu beschäftigen, war ihm bald schon unerträglich geworden. Die ganzen Kriege, die Folteropfer, die Hexenverbrennungen, der Schrecken der Inquisition. Nichts als Leid. Bis heute. Alles beim Alten. Kinderarbeit, Kindersoldaten, Kinderpornografie. Ausbeutung Rechtloser. Der Hunger auf der Welt. Die Armut. Naturkatastrophen. Flugzeugabstürze. Schiffsunglücke. Flüchtlingselend. Diskriminierung. Krankheiten. Schicksalsschläge, Martyrien. Elend. Not.
Ein junger Mann trug riesige Stapel von Zeitungen ins Freie. Tageszeitungen, Wochenmagazine, Monatsausgaben, Sonderhefte. In Kartons lagerten Ausschnitte aus diversen Printmedien. „Nichts als Unglück“, bemerkte ein Seuchenfachmann im Vorbeigehen, als sein Blick auf einem verrutschenden Papierstoß kurz verharrte. „Er muss sich geweidet haben an Katastrophenmeldungen, Verbrechen, Massakern aller Art“, nickte der junge Mann im Weitersortieren des ohnehin zum Vernichten bestimmten Papiergebirges.
Manche Schrecklichkeiten blieben selbst ihm sonderbarerweise länger im Gedächtnis als andere. Die Bergleute, die in der südamerikanischen Mine so lange verschüttet gewesen waren. Dieses ungewisse Ausharrenmüssen in der Tiefe, in der Dunkelheit. Das gesunkene U-Boot in der Barentssee. Er hatte die Seiten mit den Fotos der ertrunkenen Mannschaft aus der Zeitung geschnitten und aufbewahrt. Die jungen russischen Männergesichter voller nicht zu Ende erzählter Geschichten. Die Panik in der beklemmenden Enge. Das sichere Erwarten des eigenen Todes. Später einmal wollte er die Ausschnitte einordnen. Nach Themen sortieren. In Ordnern abheften. Um alles griffbereit zu haben. Das Unglück der anderen, das das eigene plötzlich klein und nichtig erscheinen ließ. Die fremden Katastrophen, die den Blick zurechtrückten, ein nützliches Korrektiv darstellten zur eigenen weinerlichen Wehleidigkeit. Manche Tierbilder waren auch liebgewordene Erinnerungen. Zu wenige natürlich. Es hätten mehr sein können. „Ich hätte noch ein paar mehr retten können!“, ruft Oskar Schindler gegen Ende des Spielberg-Films verzweifelt aus. Das Gefühl war ihm mehr als bekannt.
Er hätte nur ein wenig mehr Zeit gebraucht. Irgendwann wollte er schließlich Ordnung in das alles bringen. In Wahrheit hatte er doch nie etwas aufgehoben, das es nicht auch wert gewesen wäre, aufgehoben zu werden. Ein Außenstehender mochte das möglicherweise nicht verstehen, denn es konnte ja keiner hineinsehen in seinen Kopf, wo schon alles aufgeräumt war, wo er schon deutlich alles in schönster Ordnung archiviert und griffbereit verstaut wusste. Ganz genau konnte er sein zukünftiges Leben bereits vor sich sehen. Die Zeitungsstapel würden zwar nicht alle verschwinden, aber nach sorgfältiger Durchsicht doch erheblich geschrumpft sein. Es stand schließlich so viel Nützliches, Wissenswertes und Hochinteressantes in all den Zeitschriften, Broschüren und Magazinen. Einige davon lagen sogar gratis irgendwo in der Öffentlichkeit auf. Da musste man doch zugreifen. Psychologische Beratung. Vorsorge und Hilfe im Trauerfall. Früherkennung von Darmkrebs. Die besten Lebensmittel für gesteigerte Leistung und mehr Aktivität. Bus-, Flug- und Schiffsreisen für Singles, Gruppen und Familien. Homöopathie für Haustiere. Die wichtigsten Rechtsbeistände und Steuerberater im handlichen Folder. Honig – ein kostbares Gut. Klassische Klavierkonzerte unter freiem Himmel. Die besten Neuerscheinungen am Büchermarkt. Sommerliche Gemüserezepte für Gäste. Das alles konnte man doch gut gebrauchen. Und wenn nicht jetzt, dann später einmal.
Die vielen praktischen Tipps mussten natürlich erst einmal ausgeschnitten und sortiert werden. Dann konnte er sie in Hefte kleben. Die vielen Berichte und Reportagen über ferne Länder, interessante Völker, spektakuläre wissenschaftliche Entdeckungen und erstaunliche Naturphänomene würden eigene Ordner füllen. Wie auch die vielen, überaus lesenswerten Portraits faszinierender Persönlichkeiten, von denen man viel lernen konnte. Über die Kunst und das Leben.
Letztlich war es um sehr, sehr viele Dinge schade. Er wusste, andere Leute warfen alles Mögliche weg, ohne darüber nachzudenken, es war nicht umsonst eine Wegwerfgesellschaft, in der er lebte. Doch ihm wollte dieses Wegwerfen nicht gelingen. Und warum sollte es auch? Was man wegwarf, war schließlich nicht wirklich „weg“, sondern nur woanders. „Weg“ gab es gar nicht. Also konnte er die Sachen doch gleich behalten. Es steckte letzten Endes selbst in den unscheinbarsten Dingen so etwas wie ein Wert. Material. Arbeit. Zeit und Geld. Irgend jemand hatte doch auch die ganzen Gewinne und Gratisüberraschungen der Versandhäuser erfunden und herstellen lassen, verpacken, versenden. Jeder Karton konnte später einmal noch zu etwas nütze sein. Er selber verwendete viele davon zum Zwischenlagern der zukünftigen Ordnungshelfer. Klarsichthüllen, Stell- und Ringordner, Flügelmappen, leere Hefte in allen Formaten, Alben, Klebstoff, Karteikästen, Index- und Trennblätter, Locher, Schmucketiketten warteten nur mehr darauf, endlich ihre Regale und Kästen zu bekommen, in denen sie eines Tages ihre vorbildliche archivarische Büroordnung verströmen durften. Die Videos mussten noch alle genau beschriftet und katalogisiert werden, solange es noch Videogeräte zum Abspielen gab. Es liefen doch im Fernsehen immer wieder wissenswerte und lehrreiche Dokumentationen, oder auch schöne Filme. Jedes Käsepapier konnte man später eventuell noch einmal gebrauchen, und sei es nur als Unterlage für eine Stelle, die tropft.
Natürlich, manches hätte er beiseite räumen müssen. Die verdorbenen Lebensmittel im Kühlschrank, das verschimmelte Obst in den Laden, das schmutzige Geschirr, den tatsächlichen Müll. Aber dafür würde er Ruhe brauchen. Ruhe und viel Zeit. Denn wenn, dann wollte er alles gründlich machen. Die entlegensten Winkel sauberschrubben. Alle leeren Behältnisse reinigen und nach Größe und Gebrauchszweck lagern. Die zahllosen Säcke, Taschen, Kisten und Körbe ausräumen. Jeden einzelnen Gegenstand darin in die Hand nehmen und genau prüfen, wofür er noch Verwendung finden konnte. Die Elektrogeräte auf ihre Funktionstüchtigkeit untersuchen. Alles mit Batterien kontrollieren und, wenn nötig, die entsprechenden Batterien ersetzen. Die Fotos einkleben. Die Bücher nach einem ganz bestimmten System in eine längst fällige Bücherregalwand einsortieren. Die Lebensmittel nach ihrem Ablaufdatum kontrollieren. „Neu“ stand schließlich auch auf alten Produkten. Manches war aber auch lange noch dem Verfallsdatum noch genießbar, das musste man eben weiter vorne einschlichten.
Die Kleidung dann. Er würde etwas spenden davon. Bevor allerdings niemand etwas davon trug und alles stattdessen zerschnitten und verbrannt wurde, war es doch schade. Vor allem um einige wirklich schöne Stücke. In einem erstklassigen Herrenanzug von feinster Qualität steckte eine Menge Arbeit. Sowas gab man doch nicht einfach weg, nur weil es aus der Mode kam. Und das Meiste ließ sich immerhin noch bequem zuhause auftragen. Ausgeleierte Pullover, verwaschene Hemden, abgetragene Hosen konnten als Arbeits- oder Freizeitbekleidung noch gute Dienste leisten. Und zerschlissene Unterwäsche gab hervorragende Putzlappen ab. Und zu putzen würde dann, nachdem die Ordnung Einzug gehalten hatte, genügend bleiben. Die Putzmittel standen schon bereit wie die königliche Garde. Die alten Zahnbürsten harrten schon der schmutzigen Fugen. Die Senf- und Farbeimer mussten nur noch ausgewaschen werden, schon konnten sie ihren zweiten Bildungsweg als Putzkübel starten. Die zahllosen Plastiksackerln würden dankbar sein für jeden Unrat, den man ihnen anvertraute.
Paradiesische Zustände würden das dann sein, wenn endlich alles geordnet, aufgeräumt und sauber war. Da konnten die langen, gemütlichen Herbst- und Winterabende schon kommen. Lesestoff gab es schließlich genug. Und das wusste er, dass er mit den Zeitungen beginnen würde. Das waren die allerhöchsten Türme.
Wem beim Anblick der Tierseite in der Tageszeitung das Herz nicht weich wurde oder fast brach, der hatte keins. Diese erschütternden Schicksale der Tierheimbewohner, die um ein neues Zuhause flehten, konnten niemanden kalt lassen. Die Fotos waren schon schlimm genug. Aber erst die kurzen Texte zu den Bildern hatten ihm regelmäßig den Rest gegeben.
„Wegen einer Allergie ihres Frauerls hat die arme Judy einfach alles verloren – wie traurig und verzweifelt muss das kastrierte Pupperl nun sein!“ (Bild: schneeweißer Mischlingshund, halbhoch) / „Bitte schenken Sie Ihr Herz der armen, etwas älteren Cindy, die so furchtbar leidet!“ (Bild: graue, struppige Promenadenmischung, eher klein gewachsen) / „Ihre Welt ist zusammengebrochen, als man die arme Riesenschnauzerdame Anja mit sieben Jahren ins Tierheim gab, wo sie sich unendlich kränkt!“ (Bild: Portrait schwarzer Riesenschnauzer) / „11 Jahre lang war er Frauerls Liebling – dieses ist nun krank und kann ihren treuen Maxi nicht länger umsorgen.“ (Bild: kurzhaariger schwarz-weiß-gefleckter Mischling, sehr trauriger Blick) / „Nur mehr ein Augerl hat der verschmuste Kater Burli, um den sich plötzlich niemand mehr kümmern möchte.“ (Bild: rot-weiß-gescheckte, einäugige Katze) / „Herbert heißt dieses entzückende Meerschweinböckchen, das herzlose Menschen einfach im Wald ausgesetzt haben. Wer nimmt den herzigen Nager bei sich und einigen Artgenossen auf und schenkt ihm all die Liebe, nach der er sich so sehnt?“ (Bild: dreifarbiges Rosettenmeerschweinchen mit pfiffigem Blick in die Kamera)
Er hatte jeder einzelnen verlassenen, ausgestoßenen, verwahrlosten, ungewollten, lästig gewordenen Kreatur ein Paradies bereiten wollen. Wenn sich das für ihn selbst schon nicht mehr ausging, oder für eine Handvoll anderer Menschen, dann eben für diese Tiere. Er wusste, er konnte nicht alle retten, nicht allen helfen, aber doch einigen. Wie es sein Verdienst eben zuließ. Der sich mit ein paar Überstunden noch ab und an ein wenig vermehrte. Aber zu viele Überstunden durften es dann auch wieder nicht sein, sonst blieb für zuhause gar keine Zeit mehr. Und Tiere brauchten doch auch Zeit. Es genügte nicht, sie zu füttern und ihnen ausreichend Spiel- und Schlafplätze zur Verfügung zu stellen. Man musste sich doch auch um sie persönlich kümmern. Um jedes einzelne Tier. Persönlich. Mit den Hunden spazieren gehen. Die Katzen streicheln und auf den Schoß nehmen. Die Nager gewissenhaft beobachten. Ob der Kot in Ordnung war, die Zähne nicht zu lang oder schief vor sich hinwuchsen, die gesamte Nagerperson einen munteren und gesunden Eindruck machte. Die Hasenohren nach etwaigem Milbenbefall absuchen. Auch die Käfige mussten gereinigt werden. Gerade im Sommer drohte allerorten, in der Tonne mit den leeren Futterdosen, im Restmüll beim entsorgten Katzenkot, in den Meerschweinchen- und Kaninchengehegen, besonders in den urindurchtränkten hinteren Winkeln der Schlafhäuschen, Madenbefall. Andererseits. Hatte nicht auch eine Made nie eine Wahl gehabt? Was konnte die Fliege eigentlich dafür, dass sie in ihrem ohnedies so unverschämt kurzen Leben nicht wenigstens noch Nachwuchs in die Welt setzen wollte? Wer weiß, vielleicht wollte auch die weibliche Fliege gern einmal im Leben Mutti sein? Und der viele Unrat, dem regelmäßig und rechtzeitig Herr zu werden ihm ja doch nie gelingen wollte, war letztlich für die Maden auch nichts anderes als – ein Paradies.
„Warum ist die Behörde da nicht schon viel früher eingeschritten?“, fragte der zuständige Sachbearbeiter. „Das muss man doch in der ganzen Gegend gerochen haben! Was ist das denn für ein unsagbar kranker Wahnsinn?“ – „Animal Hoarding lautet der Fachbegriff dafür“, erläuterte die Psychologin in bewusst sachlich gehaltenem Tonfall. „Sei können das durchaus auch so in der Zeitung schreiben“, sagte sie in Richtung des sich soeben einfindenden Reporters einer Lokalgazette. Er schaute sie fragend an. Sie holte tief Atem, während sie das Gesicht zu einer säuerlich-angeekelten Grimasse verzog. „Ja, schreiben Sie das ruhig genau so hinein! Schreiben Sie: ‚Verwahrloste Tiere aus Messi-Haushalt befreit. Elf Hunde, einunddreißig Katzen, zweiundzwanzig Meerschweinchen und siebzehn Hasen konnten gerettet und in die Obhut des örtlichen Tierschutzhauses verbracht werden. Es besteht dringender Seuchenalarm und höchste Verschmutzung! Der verantwortungslose Tierhalter muss aufgrund der katastrophalen Hygienebedingungen zwangsdelogiert werden. Der Mann, der einen geistig verwirrten Eindruck macht, hat lebenslanges Tierhalteverbot und wird vorerst in einer seinem Zustand adäquaten Einrichtung untergebracht. Für die vielen herrenlosen Tiere wird nun ein neues Zuhause gesucht, wo sie endlich artgerecht leben dürfen nach dieser zum Teil jahrelangen Hölle.“
Der Reporter hatte alles, soweit es ihm möglich war, mitgeschrieben. „So, Hölle. – Ich hab’s. Dann drucken wir das.“ „Tun Sie das!“, entgegnete ihm die Psychologin mit einem zufriedenen Kopfnicken, während sie ein zu ihren Füßen sitzendes Kaninchen mit ihren Fingerspitzen berührte, als handle es sich dabei um eine sehr seltene Krankheit, eine ganz und gar fremde Welt. Der Hase machte einen erschrockenen Satz und hoppelte zwischen den Beinen des Reporters hindurch ins Freie.
All tomorrow’s parties
Was willst du sagen? Sie ist sechzehn. Es ist normal, dass sie einen Freund hat. Für den ersten ist sie sogar verhältnismäßig spät dran. Und der letzte wird es ohnedies nicht sein.
Hauptsache, sie weiß über Verhütung Bescheid. Und sie weiß, was sie tut. Sie ist ein vernünftiges Mädchen. Eigentlich sehr reif für ihr Alter. Und verbieten kannst du ihr sowieso nichts. Wenn sie ihn nicht mit nach Hause bringen darf, gehen sie eben woanders hin. Sie finden immer eine Gelegenheit. War doch damals auch nicht anders.
Du hättest dich längst daran gewöhnen können. Immerhin geht das doch schon eine ganze Weile. Ein halbes Jahr wohl, oder noch länger. Früher hast du es selbst genauso gemacht. Die Tür so leise wie möglich aufgeschlossen. Dann auf Zehenspitzen ins Vorzimmer. Unter Umständen nicht einmal das Licht angemacht. Du wusstest natürlich, dass die Eltern noch wach sind. Eltern schlafen nie, solange ihre Kinder nicht da sind. Und miteinander ebenfalls kaum mehr. Aber wozu auch? Die Kinder sind doch schon da.
Sie kichert wie eine Volksschülerin. So kichert sie sonst nie. Und dann diese gurrenden, glucksenden Sprachfetzen. Diese halblaut geflüsterten Sätze, die nicht zu Ende gesprochen werden, weil sie sich noch auf halber Höhe in einem Kuss verfangen. Worte, abgepasst von einer lauernden Zungenspitze. Lippen, die im Dickicht der Dunkelheit nur darauf warten, etwas ohnehin Unsagbares abzufangen. Verbrecherisch ist das fast. Heimlich. Schön.
Warum fühlst du dich so ausgeschlossen? Du willst doch gar nicht dabei sein. Gehörst nicht dazu. Hast da nichts verloren. Warum fühlst du dich dennoch ausgeschlossen? Das ist so unsinnig, so dumm. Zwei Liebende schließen immer die gesamte restliche Welt aus. Eigentlich die perfideste, die allergrausamste Form der Ausgrenzung. Ihr gehört alle nicht dazu und unser Glück endet direkt vor eurer Nasenspitze. Lieben heißt kaltblütig ausschließen, alle anderen, sogar die eigene Mutter, so ist das.
Nur die Kleidungsstücke machen Geräusche. Ein Turnschuh, den sie ausnahmslos Sneaker nennt, fällt mit dumpfem Poltern zu Boden. Ihre Sportjacken aus Nylongewebe reiben hörbar aneinander. Schaffen sie es denn nicht einmal bis ins Zimmer?
Der Schlüssel klirrt in der Schale. Irgendwas Hölzernes knarrt. Du kennst deine eigene Wohnung nicht mehr. Dein eigenes Kind sowieso nicht.
Klar hält sie dich für peinlich. Vielleicht bist du es ja auch. Das gehört dazu. Du bist das große graue Sorgentier. Das Muttervieh. Ein sehr nützliches Wesen. Genügsam, praktisch, aber nicht wirklich herzeigbar. Wie eine Kuh eben. Noch dazu eine ziemlich blöde, in ihren Augen.
Sie gehen die kleine Treppe nach oben. Vorbei an deinem Schlafzimmer, wo du dich tapfer schlafend stellst, was völlig unnötig ist, weil sowieso keiner nachschaut. Du könntest genauso gut tot sein, sie würden es nicht bemerken. Es wäre ihnen wohl auch egal. Vor lauter Verliebtheit.
Wie immer in letzter Zeit hast du die Tür nur angelehnt gelassen. Sicherheitshalber. Oder einfach so. Als Vorwand dafür eignet sich die Katze bestens. Die will ja sowieso jede Nacht mindestens dreimal raus und wieder rein.
Wie das klingt!
Das will er sicher auch jede Nacht. Vielleicht auch dreimal? In diesem Alter können sie ja immer. Und wollen auch immer. Sagen doch alle. Obwohl, so sieht er nicht aus. Aber was weißt du schon? Stille Wasser und so. Ein schmaler Junge ist er. Schon bald siebzehn, und dabei doch immer noch seltsam kindlich, irgendwie. Von Bartwuchs ist nichts zu sehen. Ob er sonst schon wo Haare hat? Ob er je auf den Gedanken käme, dass sie sich darüber Gedanken macht? Zarte Hände hat er. Schöne Augen. Der Blick ist es. Der Blick.
Mit einem Rums geht die Musik in ihrem Zimmer an. Mama, dürfen wir?, hat sie anfangs noch öfter gefragt. Und ob es auch nicht zu laut sei. Natürlich ist es das, jedes Mal, immer noch, aber willst du deswegen dastehen als spießige Spielverderberin? Und dich damit gleich um noch ein paar Jahre älter machen?
Jetzt fragen sie zum Glück nicht mehr.
Jede Musik, die du nicht magst, ist prinzipiell immer zu laut, allein schon durch ihr bloßes Vorhandensein. Die Hälfte von dem Zeug kennst du gar nicht mehr. Da sind all die Namen und Bilder in den Zeitschriften, und an denen kommst du gar nicht vorbei, und die sind auch alle so nackt, so tätowiert oder so makellos schön, dass du sie gar nicht übersehen könntest. Selbst, wenn du wolltest, nicht. Aber wehe, du lässt einmal einen dieser Namen fallen, ganz zufällig und nebenbei, aber auch innerlich stolz, dass du doch mitreden kannst. Dann mögen sie gerade den oder die überhaupt nicht, oder das alles sei längst schon sowas von out.
Keine Ahnung, ob sie sich regelmäßig betrinken. Alkohol gehört bestimmt dazu, aber in welchem Ausmaß, ist unklar. Wenn sie kotzen müssen, vernichten sie alle Spuren jedenfalls immer rechtzeitig. Mit einer Vergiftung ist sie bis jetzt auf alle Fälle noch nicht heimgekommen.
Je mehr du sagst, desto schlimmer machst du alles nur. Du musst dich ohnehin schon dauernd verstellen. Wenn du dich erinnerst, was du damals selbst für Musik gehört hast. Und heute immer noch magst. Deine eigenen Rockgötter und Musikhelden. Die waren doch alle auf Heroin. Haben gekifft und gesoffen ohne Ende. Starben zugekokst im Pool oder erstickten an ihrem eigenen Erbrochenen. Seltsam, dass das immer so betont wird. Als würde man in der Regel an fremdem Erbrochenen zu ersticken haben. Jedenfalls wimmelte es da nur so von Goldenen Schüssen. Statt Bier tranken sie früher Whisky flaschenweise. Haben sich aufgeführt wie die Schweine. Gruppensex, One-Night-Stands, Groupiehorden, Bisexualität, stand doch alles auf der Tagesunordnung. Harmlos und anständig, mit eingebauter Vorbildfunktion war da keiner. Also bist du lieber still und lässt ihnen ihre laute Musik. Auch wenn sie mit Musik nichts zu tun hat.
Nichts macht so alt wie eine junge Tochter. Eine junge Tochter, die verliebt ist.
Schlaflos liegst du im Dunkeln und hörst also von schräg über dir diese Musik, die keine ist. Sonst hörst du nichts. Doch diese Stille erzählt dir die sonderbarsten Geschichten. Manche möchtest du lieber gar nicht hören. Bei anderen bleibst du unwillkürlich hängen wie bei einer beschissenen Talkshow lange nach Mitternacht, in die du dich verzappt hast. Und andere wieder fallen dir von ganz alleine ein.
Du hast vergessen, wie Männer sich anfühlen. Gut wahrscheinlich, du weißt es nicht mehr. Aber in der Erinnerung ist es so gewesen. In der momentanen Vorstellung ist es eine beunruhigende Tatsache, mehr nicht.
Aus dem Nichts heraus fällt es dir plötzlich ein: Du könntest wieder Nachhilfe geben! Wozu hast du denn studiert? Wenn du den Mist schon nicht abgeschlossen hast, könntest du doch wenigstens mit dem verbliebenen Halbwissen eine Kleinigkeit dazuverdienen.
Hoffentlich macht sie es einmal besser und beendet ihr Studium, falls sie eines beginnen sollte. Ein nicht abgeschlossenes Studium ist wie eine Wunde, die sich auch nie ganz schließt. Wenn es an der Zeit sein sollte, wirst du ihr das sagen. Denn es ist so schade um die Zeit, um diese unendliche Fülle von Zeit. Ins Nichts hineingelernt nächtelang, sich halbtot gefürchtet vor wichtigen Prüfungen, tonnenweise Bücher gelesen, ganze Hefte, Mappen und Ordner akribisch mitgeschrieben. Wenn es nicht schön aussah, hast du es zuhause noch einmal nachgeschrieben. Die ganze Vorlesung. Wenn du eine versäumt hast, wurde die Mitschrift eines ebenso gewissenhaften Mitstudenten fotokopiert und in die freien Seiten dazwischen geklebt. Du hast nie eine schlechte Note bekommen. Hast immer zu den Besten gehört. Stachst heraus aus jeder noch so großen Hörsaalmenge. Die Professoren grüßten dich auf der Straße mit Namen. Die Dozenten verlangten Kopien deiner Seminararbeiten. Zum Herzeigen für die schwächeren Kurse. Du hast alles aufgehoben. Die Unterlagen, die Fachliteratur, die Prüfungsbögen, die Zeugnisse, den Studienausweis. Du warst in deinem ganzen Leben nie so glücklich wie während der Unizeit, nicht davor und nicht danach. Die besten Jahre waren schon da, soviel ist sicher.
Ein Kind.
Ein Kind, haben deine Eltern damals gesagt, verbaut dir jetzt deine ganze Zukunft. Ein Kind, hast du darauf trotzig gesagt, ist jetzt meine Zukunft.
Du kannst dich nicht lebenslag mit Versäumnissen aufhalten. Es ist doch keineswegs so, dass du außer deines Studiums alles andere immer perfekt zu Ende gebracht hättest. Im Gegenteil. Mit so gut wie nichts bist du zu Ende gekommen, genau betrachtet. Nur fühlst du dich so. Am Ende. Mit all den Anfängen in deinem Rücken.
Ein Kind ist ein lebenslanger Anfang. Und solange du träumst, ist noch bei Weitem nicht alles verloren. „All tomorrow’s parties“ hat Lou Reed dereinst besungen. Mit Velvet Underground. Die beängstigend schöne Nico mit dem furchtbar harten Akzent. John Cale, der später deine Lieblingsgedichte vertonte. Tausendmal hast du das Lied damals gehört, ohne je auf irgendwelchen Parties gewesen zu sein. Schon gar nicht auf solchen, wie sie der Song heraufbeschwört.
Wie das also wäre: wieder Nachhilfe zu geben? Englisch und Deutsch. Einem Burschen. Einem aus der Oberstufe. Es könnte sich eine sehr zarte Liebesgeschichte entspinnen. Warum sonst solltest du davon träumen, wieder in eigenen Schulsachen zu wühlen und Vokabel abzufragen?
Es könnte eine verbotene kleine Geschichte sein. Behutsam. Zärtlich und nervös. Auf manche jungen Burschen können reife Frauen sehr anziehend wirken. Andererseits.
Wenn du dein plötzlich so erwachsen gewordenes Mädchen im Fitnessstudio abholst, kommst du dir vor wie auf einem anderen Stern. Du hast mit dieser Generation, die mit unglaublicher Selbstverständlichkeit auf ihr Äußeres achtet, nichts gemeinsam. Auch nicht mit den vielen Frauen deines Alters, die ebenso dort trainieren. Mütter wie du wahrscheinlich, von Töchtern, wie du eine hast. Verbissen mühen sie sich ab am Rudergerät, zig Mal die gleiche, anstrengende Bewegung auf fest montierter Stelle. Daneben laufen sie auf Bändern, die nicht vom Fleck kommen, oder steigen Treppen, die nie nach oben führen. Sie möchten aussehen wie Athletinnen, ohne welche zu sein. Früher haben nur Sportler nach Sport ausgeschaut. Die übrigen Menschen hatten anderes zu tun.
Sogar die Frauen deines Alters kommen dir alle so seltsam fremd vor. Das war schon an der Uni so, und zuvor in der Schule. Aber erstaunlicherweise hat es nicht aufgehört. Dieses Gefühl, ein wesentlicher Fehler im Gesamtbild zu sein. Irgendwie schadhaft. Plump. Kein Teil des gängigen Sortiments.
Die Mädchen, die gemeinsam mit deiner Tochter das Fitnesscenter verlassen, gleichen sich auf allergefälligste Weise. Ihr Haar ist perfekt gefärbt und mit dem unvermeidbaren Glätteisen platt gezogen, als hätte es eine Nudelmaschine passiert. Die Spitzen sind gepflegt und dank regelmäßigen Nachschnitts frei von Spliss. Ihre Hände sind manikürt, die Nägel tadellos lackiert. Sie sehen alle aus wie Supermodels. Du kriegst deinen Lidstrich heute noch nicht so akkurat hin wie sie. Ihre Kleidung ist teuer und ausnahmslos chic. Niemand fragt, von welchem Geld sie ihre Louis Vuitton- oder Michael Kors-Handtaschen bezahlt haben, ihre Burberry-Jacken, ihre Ohrringe von Chanel. Sie stehen erst kurz vor dem Schulabschluss oder am Beginn ihres Studiums, aber bereits jetzt riecht absolut alles an ihnen nach Wohlstand, Karriere, Stil, Jugend und Donna Karan New York.
Du warst noch nie in Amerika. Du bist vielleicht die vorletzte Person in Europa, die bei dem Udo-Jürgens-Schlager mitsingen kann und weiß, wovon die Rede ist. Du warst noch niemals in New York, du warst noch niemals auf Hawaii, gingst nie durch San Francisco in zerrissenen Jeans. Heute spielen sie das wieder in den Discos, und junge, hippe Deutschpopbands covern es, und alle halten es für Kult. Dabei ist es eines der traurigsten Lieder der ganzen Welt. Aber die anderen tanzen einfach dazu, grölen den Refrain mit, machen Party daraus. Nur du weißt, was Udo gemeint hat.
Was dich begleitet hat, seit deiner jäh zu Ende gegangenen Jugend, ist die Erinnerung an ein paar schöne Reisen. Mit dem ersten Freund auf Interrail-Tour quer durch Europa. Dreimal. Dann ging schon der Riss durch die Zukunft, teilte sie scharf entzwei, da die Zukunft Leben, dort die Zukunft Kind. Als ob sich das tatsächlich ausschließen müsste.
Zum ersten Mal in London. Zum ersten Mal überhaupt. Etwas. Alles. Die Leute wundern sich, warum der Jugend hinterhergetrauert wird. Dabei ist der Grund doch so klar. Die ersten Male. Die sind dann weg. Nicht nur die großen Dinge der Großen. Erste Zigarette, erster Joint, erster Tequilavollrausch mit Nahtoderfahrung. Erster Kuss, erstes Gefummel, erster Sex. Das auch alles, ja. Aber mindestens genauso schade ist es um die kleinen Dinge. Den ganzen Rest. Dass du weißt, du wirst in Hinkunft und für alle Zeiten damit weiterleben müssen, auf dieses unwiderstehliche Gemisch aus Staunen, Aufgewühltsein, Ergriffenheit, atemloser Überwältigung und tiefstem Berührtwerden zu verzichten, das du in deiner Jugend scheinbar pausenlos empfunden hast, zwischen all dem Weltekel, Lebensüberdruss und Traurigsein. Zum allerersten Mal Bob Marley hören, den „Redemption Song“, oder Led Zeppelin, „Stairway To Heaven“. Geschichten in Büchern entdecken, die dich nie wieder loslassen: „Jane Eyre“ lesen und hunderte Seiten lang noch nicht wissen, dass es ein Happy End geben wird. Ein Gedicht von Rilke vorgelesen bekommen, auf einer kratzigen Schallplatte, mit der Stimme Oskar Werners. Überhaupt: zum ersten Mal Oskar Werner. „Das Narrenschiff“ im Spätprogramm des nur zwei Sender zu bieten habenden Fernsehers. Nach dem ersten Mal ewig warten müssen auf eine Wiederholung, wieder im Nachtprogramm. Kein Videorecorder, keine DVDs zum Kaufen, kein Computer zum Herunterladen.
Oder: Das erste Mal Freunde. Ein persönlicher Brief. Eine Liebeserklärung. Nein, ein Kompliment genügte schon. Die erste Nacht im eigenen Bett des ersten eigenen Zimmers. Die erste Vogue, selbst gekauft vom ersten größeren Taschengeld. Die erste Nacht unter freiem Himmel. Das erste richtige Rockkonzert. Jedes erste Mal ein allerletztes Mal. Dann gehen die Gefühle in Serie und du weißt, was kommt. Oder fehlt.
Du müsstest ein Inserat aufgeben. Aber macht man das heute noch? Läuft nicht alles übers Internet? Du könntest in der Schule deiner Tochter einen Zettel an die Pinnwand hängen: Gebe Nachhilfe in Deutsch und Englisch. Profunde Kenntnisse vorhanden.
Das Wort „profunde“ müsstest du weglassen. Das kennt doch keiner mehr. Die jungen Menschen denken an ganz andere Dinge als du damals. Die sind nicht so verliebt in die Sprache und träumen nicht davon, eines Tages Bücher zu schreiben, mit der klaren Absicht, dein eigenes Leben in das Buch hineinzuschreiben, und dich selber damit gleichzeitig aus deinem eigenen Leben heraus. Damit du nicht mehr vorkommst. Zumindest nicht so, wie du dir vorkommst. Wenn du jung bist.
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