Kitabı oku: «Sie sind da»

Yazı tipi:

Originalausgabe

1. Auflage 2020

Verlag Komplett-Media GmbH

2020, München

www.komplett-media.de

ISBN E-Book: 978-3-8312-7028-6

ISBN Print: 978-3-8312-0550-9

Lektorat: Redaktionsbüro Diana Napolitano, Augsburg

Korrektorat: Redaktionsbüro Julia Feldbaum, Augsburg

Umschlaggestaltung: Christian Hundertmark (C100 Studio) www.c100studio.com

Satz und E-Book: Daniel Förster, Belgern

Dieses Werk sowie alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrecht zugelassen ist, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung.

Inhalt

Menschen und Außerirdische

Der Blick nach oben

Der Umbruch durch Galilei & Co.

Die Philosophen und das All

Die moderne Science-Fiction

Die Außerirdischen als Spiegel

Die Rolle der Exosoziologie

Die Idee einer Exosoziologie

Die Aufgaben und Ziele der Exosoziologie

Die zwei Säulen der Exosoziologie

Wissenschaftliche Zukunftsforschung

Soziologie der Fremdheit

Die fünf zentralen Fragen der Exosoziologie

Was weiß die Wissenschaft über die Verbreitung von Leben und Intelligenz?

Die Menschen greifen nach den Sternen

Drake-Faktor 1: Die Sternentstehungsrate

Drake-Faktor 2: Wie viele Planeten gibt es in der Milchstraße?

Drake-Faktor 3: Planeten in der habitablen Zone

Drake-Faktor 4: Planeten, auf denen Leben existiert

Drake-Faktor 5: Wie entsteht intelligentes Leben?

Drake-Faktor 6: Wollen die Außer­irdischen überhaupt mit uns reden?

Drake-Faktor 7: Wie lange leben außerirdische Zivilisationen?

Wo sind sie?

Wie können wir die anderen finden? Oder sie uns …

SETI – Idee und Geschichte

Das Wow-Signal

Wenn der Mensch sich zu wichtig nimmt

Ohne Augen, ohne Sinn?

Fazit

SETA – Die Suche nach außerirdischen Artefakten

SETA und das Fermi-Paradoxon

Fazit

Rufe im dunklen Wald

»Seid doch mal leise!«

DIE FOLGEN DES ERST­KONTAKTS – DREI SZENARIEN

Die Szenarioanalyse

Kennzahlen bei einem Erstkontakt

Wie gehen wir vor?

Das Signalszenario

Die Situation

Die Folgen

Fiktion: Was wäre, wenn …

Die Bewertung

Das Artefaktszenario

Die Situation

Die Folgen

Fiktion: Was wäre, wenn …

Die Bewertung

Das Begegnungsszenario

Die Situation

Die Folgen

Fiktion: Was wäre, wenn …

Die Bewertung

Die Kontaktszenarien im Vergleich

Wie können wir uns auf den Erstkontakt vorbereiten?

Sind wir bereit? Eher nicht …

Unser Bild der Außerirdischen ist allzu sehr von unserem »menschlichen Blick« geprägt

Wir können kaum mit nichtmenschlichen Wesen kommunizieren

Das Problem des Erstkontakts wird von der Politik ignoriert

Es gibt keine internationalen Regeln, wie man mit Außerirdischen umgehen soll

Wir haben keine Kontaktzone fernab der Erde

Was die Wissenschaft vorschlägt

Wie lassen sich negative Folgen eines Erstkontakts klein halten?

Verringerung der Wahrscheinlichkeit

Geheimhaltung

Krisenkommunikation

Sicherheitsvorkehrungen

Fünf Leitsätze, damit wir besser auf den Erstkontakt vorbereitet sind

Proto­Soziologie außer­irdischer ­Zivilisationen

Die Exosoziologie als Protosoziologie

Postbiologische Sekundärzivilisationen

Biologische Primärzivilisationen

Besonderheiten technologischer Zivilisationen

Sonderfall: Hybride Zivilisationen

Die Aufgaben der Exosoziologie nach dem Erstkontakt

Anhang

Thematisch empfehlenswerte Science-Fiction-Filme

Literatur

Über die Autoren

Menschen und Außerirdische


Der Blick nach oben

Seit es Menschen gibt, blicken sie in den Himmel. In die Sterne, auf den Mond, in die Weiten des Alls. Seit es Menschen gibt, fantasieren sie auch darüber, was da draußen wohl sein könnte. Gott natürlich, dachten sie meist, oder auch Götter. Oder aber andere, fremde Lebewesen. Mondbewohner, Marsmenschen. Schon in der Steinzeit gab es eine Art Astronomie, die die Basis dafür war, dass die Gestirne kultisch verehrt wurden, aber auch für das erste Wissen über die Jahreszeiten. Ebenso existierten damals schon verschiedene Kalendersysteme, die auf Beobachtungen des Himmels basierten. Die Steinzeitmenschen richteten viele ihrer Grabanlagen und Kultstätten nach astronomischen Beobachtungen aus, das beweisen so beeindruckende Stätten wie Stonehenge in Südengland. Diese und andere prähistorische Anlagen belegen, wie wichtig das Geschehen am Himmel für das alltägliche Leben bereits ganz früher Kulturen war.

Sonne, Mond, Sterne und Planeten wurden ob ihrer Schönheit und Unfassbarkeit von Anfang an mit Göttern und Gottheiten, also mit überirdischen und nicht fassbaren Wesen assoziiert. Daneben gab es aber auch sehr früh schon Gedanken an fassbares außerirdisches Leben. Die alten Griechen waren hier (wie in so vielen Bereichen) quasi Vorreiter. Schon in den »Orphischen Gesängen« aus dem fünften und sechsten Jahrhundert vor Christus wird von Bergen, Städten und stolzen Gebäuden auf dem Mond erzählt. Etwa gleichzeitig lehrten Xenophanes von Kolophon (geb. um 580/570 v. Chr.) und Philolaos von Kroton (470–385 v. Chr.), dass der Mond durchaus bewohnbar sei. Man komme halt nur nicht hin. Auch Demokrit (460–370 v. Chr.), der vor allem durch seine Beschreibung des Atoms bekannt wurde, hatte schon eine klare Vorstellung von anderen Welten und dem möglichen Leben darauf.

Ein anderer alter Grieche, Plutarch nämlich, der aber erst viel später geboren wurde, etwa 45 nach Christus, besah sich den Mond schon genauer. Er verfasste das Werk »De facie in orbe lunae« (»Das Mondgesicht«), in dem er über den Mond, seine Oberfläche und seine möglichen Bewohner spekulierte. Die im Buch genannten »Gesichtskonturen« beschrieb Plutarch zutreffend als Täler und Gebirge, und er vermutete, dass der Mond dann ähnlich wie die Erde beschaffen sein müsse. Das war seinerzeit durchaus revolutionär, denn die damalige Lehrmeinung besagte, dass der Mond aus verdichtetem Äther, also einer Art Himmelssubstanz, einem fünften Element besteht. Und wenn es dort Berge und Täler gibt, die Oberfläche also der Erde gleicht, dann, so folgerte der Gelehrte, müsse es dort auch Leben geben: »Man müsste ja glauben, er sei ohne Zweck und Sinn geschaffen, wenn er nicht Früchte hervorbringt, Menschen einen Wohnsitz bietet, ihre Geburt und Ernährung ermöglicht, Dinge, um derentwillen nach unserer Überzeugung auch unsere Erde geschaffen ist.«1

Der Umbruch durch Galilei & Co.

Im Mittelalter spielte das Nachdenken über außerirdisches Leben kaum eine Rolle. In dem von Aristoteles (384–322 v. Chr.) und Ptolemäus (geb. um 100 n. Chr.) geprägten Weltbild des Mittelalters befand sich die Erde in der Mitte des Universums. Um sie herum waren verschiedene Sphären angeordnet, die auch die Planeten trugen. In der äußersten, nicht mehr sichtbaren Sphäre wurde der Sitz Gottes angenommen. Diese Kosmologie war eine festgefügte Ordnung, in der alles seinen Platz hatte. Außerirdische kamen in ihr nicht vor. Über Jahrhunderte gab es kaum Bemühungen, sie zu hinterfragen, zu ergänzen oder durch Beobachtungen zu relativieren. Die Astronomie galt als abgeschlossene Wissenschaft, in der es nichts Neues zu entdecken gab.

Erst mit den geistigen Umbrüchen zu Beginn der Renaissance um das Jahr 1500 wurden die Gedanken an außerirdisches Leben wieder aktuell. Man kam in jener Zeit langsam dahinter, dass das geozentrische Weltbild, also dass die Erde im Mittelpunkt des Universums steht und sich alles um sie dreht, nicht korrekt sein kann. Es begann die Zeit von Wissenschaftlern und Philosophen wie Nikolaus Kopernikus (1473–1543), Galileo Galilei (1564–1642) oder Johannes Kepler (1571–1630). Es erschienen erste utopische Romane von Francis Godwin (1562–1633) oder John Wilkins (1614–1672), die außerirdische Welten und ihre Bewohnbarkeit thematisierten.

Nikolaus von Kues (1401–1464) schreibt in seinem Werk »De docta ignorantia« (»Die belehrte Unwissenheit«) aus dem Jahr 1440, dass die Erde nicht im Mittelpunkt des Universums steht und sich entgegen der sinnlichen Wahrnehmung nicht in Ruhe, sondern in Bewegung befindet.

Von Kues war außerdem davon überzeugt, dass unsere Erde nicht die einzige, sondern nur eine von unzähligen Welten in einem unbegrenzten Universum sei. Daraus schloss er, dass auch Leben anderswo möglich sein müsse, vielleicht sogar höher entwickeltes als auf der Erde. Wenngleich das bei ihm dann aus heutiger Sicht doch recht drollig klingt, wenn er etwa schreibt, dass es »in der Sonnenregion mehr sonnenhafte, klarsichtige und erleuchtete geistbegabte Bewohner« gebe, in jedem Fall »geistiger auch als auf dem Mond, wo sie mehr mondhaft sind«, das Leben auf der Erde hingegen eher »materiebehaftet und dumpf«2 sei. Nun, was die Erdenbewohner betrifft, so könnte man so böse sein und sagen, er habe sie für damals wie für heute zutreffend analysiert, die Existenz von Sonnenbewohnern mutet aus heutiger Sicht aber natürlich kurios an. Aber ansonsten hatte bereits Nikolaus von Kues erstaunlich klarsichtige und richtige Gedanken.

Über 100 Jahre später, in seiner Schrift »De immenso« (»Das Unermessliche und Unzählbare«) von 1591, schloss sich der italienische Philosoph und Astronom Giordano Bruno (1548–1600) dem Gedanken an, dass es im Universum unzählige bewohnte Welten geben müsse. Auch er war seiner Zeit weit voraus, was er schließlich mit dem Leben bezahlen musste. Bruno vermutete ebenso ein unendliches Universum mit unzähligen Welten. Raum und Naturgesetze waren für ihn universell, also überall gleich, woraus er folgerte, dass es auch auf anderen Planeten Leben geben müsse. Schließlich hatten ja alle die gleichen Grundbedingungen. Je nach den Umständen würden sich diese Grundstoffe aber immer anders zusammensetzen und damit für unterschiedlichste Ausprägungen und Formen sorgen.

Damit war Bruno schon recht nah an den Gedanken und Theorien der heutigen Astrobiologie, allerdings nicht an denen der damals allzu mächtigen Kirche. Viele Lebensformen in unzähligen Welten – das war nicht mit dem Bild vom gottgemachten Menschen zu vereinbaren. Ein Jahr, nachdem er seine Theorien veröffentlicht hatte, wurde er von der Inquisition verhaftet, zum Widerruf aufgefordert, den er verweigerte, und nach acht Jahren Kerkerhaft schließlich am 17. Februar 1600 auf dem Campo de’ Fiori in Rom wegen Ketzerei auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Galileo Galilei war ein Zeitgenosse Brunos und bekanntermaßen ebenfalls im Konflikt mit der Kirche. Der Universalgelehrte betrachtete den Mond durch Fernrohre und erkannte dabei dessen raue Strukturen, Ebenen und Vertiefungen, was ihn an die Erdoberfläche erinnerte und darüber spekulieren ließ, ob dort Leben existieren könne. Klar war für ihn, dass sich das Leben auf dem Mond, sofern vorhanden, wegen der völlig anderen Umweltbedingungen stark vom Leben auf der Erde unterscheiden müsse.

Auch der in Weil der Stadt am Rhein geborene Astronom Johannes Kepler war dieser Ansicht, ging aber noch weiter. Zwar mischte er in seiner Erzählung »Somnium – seu opus posthumum de astronomia lunari« (1634 posthum erschienen) rein astronomische Überlegungen mit Gesellschaftsutopien und auch magischen Elementen. Dennoch gilt sie als erstes wissenschaftliches Werk über vergleichende Himmelskörperkunde. Kepler interpretierte die Strukturen auf der Oberfläche des Mondes als gigantische Bauwerke, die von den Mondbewohnern errichtet worden waren, um sich vor den Sonnenstrahlen, aber auch vor Feinden zu schützen. Und weil die Bauwerke so groß seien, schloss er, müsse der durchschnittliche Mondbewohner auch wesentlich größer sein als der Erdenmensch. In jedem Fall aber schlangenförmig, wie er schrieb.

Auch bei der Beschreibung des Alltags eines Mondwesens war Kepler recht fantasievoll. Ähnlich wie Eidechsen würden sie nämlich »zu ihrem Vergnügen« in der Sonne liegen, ganz in der Nähe ihrer Höhlen, um sich schnell verkriechen zu können. Kepler weiter: »Scharenweise durchqueren die Mondgeschöpfe während eines einzigen ihrer Tage ihre ganze Welt, indem sie theils zu Fuss, mit Beinen ausgerüstet, die länger sind als unsere Kameele, theils mit Flügeln, theils zu Schiff den zurückweichenden Wassern folgen.«3

Was sowohl Kepler wie auch von Kues, Bruno und Galileo trotz mehr oder weniger ausgeprägter Fantasie und trotz der Widerstände seitens der Kirche gelang: Sie lenkten den Blick von der Erde weg ins Universum, schufen ein neues Bewusstsein und weiteten den geistigen Horizont der damaligen Menschheit aus. Sie bereiteten damit den Weg für die moderne Astronomie. Und sie inspirierten Schriftsteller zu einem neuen literarischen Genre: der Science-Fiction. Die bereits angesprochenen Schriften von Godwin und Wilkens waren nur die ersten bekannteren Werke dieses neuen Genres, denen noch viele weitere folgen sollten. Bis hin zu Jules Verne (1828–1905), dessen »Reise zum Mond« von 1870 wesentlich von den Gedanken der Gelehrten aus der Renaissance beeinflusst war. Jules Verne wiederum prägte frühe Raumfahrtpioniere wie Hermann Oberth, Rudolf Nebel oder Wernher von Braun, die die uralte menschliche Fantasie einer Reise zum Mond schließlich wahr werden ließen.

Die Philosophen und das All

Kepler, Bruno oder Galilei setzten sich vor allem mit astronomischen Beobachtungen und Gedanken auseinander, doch auch in der Philosophie wurde das Thema außerirdisches Leben ab dem 17. Jahrhundert wieder stärker aufgegriffen.

Der Brite John Locke (1632–1704) war Arzt und Philosoph und einer der ersten großen Vordenker der Aufklärung, mit der überkommene gesellschaftliche Strukturen überwunden werden sollten und menschliche Vernunft und Fortschritt in den Mittelpunkt des Denkens gestellt wurden. Für Locke stand fest, dass es außerirdisches Leben gibt, auch Formen, die dem Menschen überlegen sind. Im Jahr 1690 schrieb er zum Beispiel: »Wie viel verschiedene Arten von Pflanzen, Tieren und vernunftbegabten körperlichen Wesen, die von denen hier auf unserem Flecken Erde unendlich verschieden sein können, mögen voraussichtlich auf den übrigen Planeten existieren!«4

Dieser Enthusiasmus verwundert, da Locke ansonsten den Standpunkt hatte, dass Erkenntnissen immer sinnliche Erfahrungen vorausgehen müssten. Natürlich war ihm klar, dass die sinnliche Erfahrung außerirdischer Wesen nicht möglich sein würde, »solange wir an die Erde gefesselt sind«,5 wie er weiter schreibt. Aber, fand Locke, da das Universum gigantisch sei, das Leben auf der Erde mannigfaltig und die Macht und die Weisheit Gottes unerschöpflich, da wäre es doch anmaßend, davon auszugehen, dass die Erde der einzige bewohnte Planet und die Menschheit die höchst entwickelte Lebensform sei.

Auch bei dem Niederländer Christiaan Huygens (1629–1695) spielte Gott eine wichtige Rolle bei seinen Überlegungen zu außerirdischem Leben. Der Astronom und Mathematiker gilt als Begründer der Wellentheorie des Lichts und konstruierte die ersten Pendeluhren. Er beschäftigte sich außerdem intensiv mit dem Sonnensystem. 1698, drei Jahre nach seinem Tod, erschien seine Abhandlung »Cosmotheoros«.

Zunächst zu Gott: Huygens fand es unsinnig, dass Gott Planeten erschaffen haben sollte, ohne dass darauf auch Leben zu finden sei, welches wiederum diese Schöpfung bewundern könne. Ergo ging er davon aus, dass es unzählige Formen außerirdischen Lebens geben müsse, und das bereits in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, je nach den Bedingungen des jeweiligen Planeten (oder den Bedingungen, die man sich seinerzeit eben ausmalte). Demzufolge müssten Tiere auf dem Jupiter oder dem Saturn ob deren Größe um ein Zehn- oder Fünfzehnfaches größer sein als Elefanten. Auch höher entwickelte Lebewesen gäbe es dort, die sich wiederum mit Astronomie, Kunst oder Mathematik befassten, die Häuser, Paläste und Pyramiden bauten. So wie die Erdenmenschen eben auch, nur vielleicht noch größer und noch prächtiger. Wie John Locke war also auch Huygens überzeugt, dass der Mensch ganz und gar nicht die am höchsten entwickelte Spezies im Universum sein müsse.6

Ein paar Jahrzehnte später befasste sich auch Immanuel Kant (1724–1804) außerordentlich intensiv mit dem Thema außerirdisches Leben. Nicht nur gelegentlich oder aus einer Laune heraus, das Thema begleitete und fesselte ihn vielmehr sein ganzes Leben lang. Immer wieder hatte er Gedanken und Ideen dazu. Kant ging ebenso davon aus, dass es viele bewohnte Planeten gibt. Seine Idee war, dass ein Planet, der weit von seiner Sonne entfernt ist, aus leichterem Stoff zusammengesetzt sei. Das hätte zur Folge, dass dessen Bewohner aus beweglicherer und feinerer Materie bestehen und sie somit einen vollkommeneren Geist haben müssten. Ergo seien die Bewohner von Merkur und Venus den Erdmenschen geistig unterlegen, die Jupiterianer und die Saturnianer aber den Menschen geistig überlegen.7 Und auch wenn man sie aufgrund der Entfernung nie treffen würde, so seien sie doch prinzipiell sinnlich für den Menschen erfahrbar. Kant ging davon aus, dass ihre Existenz empirisch nachweisbar sein müsste.

Generell lässt sich sagen, dass die Tatsache, dass sich einige der bedeutendsten Naturwissenschaftler und Philosophen des 17. und 18. Jahrhunderts der Frage nach der Möglichkeit außerirdischen Lebens gewidmet haben, einerseits als eine Hommage an ihre antiken Vordenker verstanden werden kann. Andererseits wurden diese Gedanken erst möglich durch die geistige Öffnung im Zuge der Renaissance und der Aufklärung, die die Wissenschaften von dogmatischem Denken befreite und damit den Weg zur modernen Wissenschaft ebnete.

Die moderne Science-Fiction

Ab Ende des 19. Jahrhunderts beeinflusste die immer rasantere technische Entwicklung auch das Nachdenken über Außerirdische. Der Glaube an Fortschritt und Wissenschaft war immens, technologische Entwicklungen wie die Elektrizität, das Automobil oder das Telefon wurden von vielen als Wunder aufgefasst und schraubten Erwartungen und Hoffnungen der Menschen im wahrsten Wortsinne in den Himmel.

Andererseits gab es berechtigte und auch irrationale Ängste vor einer Welt, in der sich der Mensch immer mehr zum Sklaven der Technik macht. Der modernen Technik wurde zugetraut, dass mit ihr utopische Gesellschaften verwirklicht, aber auf der anderen Seite auch die gesamte Menschheit vernichtet werden könnte. Dieses ambivalente Verhältnis zum technischen Fortschritt war und ist ein zentrales Motiv der Literaturgattung Science-Fiction, wo all diese Hoffnungen und Ängste auch auf fiktionale Außerirdische projiziert werden. Die Gattung erlebte in dieser Zeit ihren ersten Boom, nicht allein wegen des schon erwähnten Jules Verne.

Besonders beliebt ist das Motiv von technisch überlegenen Außerirdischen, die sich kriegerisch gegen die Erde und die Menschheit richten. Allen voran ist hier »Krieg der Welten« von H. G. Wells (1866–1946) aus dem Jahr 1898 zu nennen. Die Geschichte sorgte schon bei ihrer ersten Veröffentlichung für reichlich Aufsehen (1901 erschien auch eine deutsche Übersetzung), und dann noch einmal, als der Filmregisseur Orson Welles, inspiriert durch H. G. Wells’ Romanvorlage, am 30. Oktober 1938 ein Hörspiel für das Radio produzierte. Es war so realistisch gemacht, dass nicht wenige Radiohörer es für die Nachrichtensendung zu einer tatsächlichen Invasion von Marsianern hielten.

Der Stoff wurde außerdem einige Male verfilmt, zum Beispiel im Jahr 2005 von Regisseur Steven Spielberg mit Tom Cruise in der Hauptrolle. Die Story ist einfach: Die deutlich höher entwickelten Marsianer überfallen die Erde, um deren Rohstoffe auszubeuten. Sie tun das mit mitgebrachten dreibeinigen Kampfmaschinen, sogenannten Tripods, die auf die Menschen monströs und unheimlich wirken. Kaum auf der Erde gelandet, zerstören die Marsianer Städte, Straßen und Kommunikationsnetze. Die Menschen sind in allen Belangen unterlegen. Sie rettet schließlich der Zufall und ein sehr, sehr kleiner Verbündeter: Irdische Bakterien befallen die außerirdischen Invasoren und töten sie.

Dass die Invasoren vom Mars kommen, ist kein Zufall. Um die Jahrhundertwerde gab es in der Science-Fiction-Literatur, aber auch in der Wissenschaft, einen regelrechten »Marsboom« und die westliche Welt war fasziniert von der Vorstellung, dass der Mars Leben – vielleicht sogar intelligentes Leben – beherbergen könnte.

Angestoßen hatte den Boom der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli (1835–1910), der 1877 die sogenannten Marskanäle entdeckte. Also geologische Strukturen, Canyons oder Abstufungen im Gelände auf der Oberfläche des Planeten. Schiaparellis französischer Kollege Nicolas Camille Flammarion (1842–1925) entwickelte daraufhin eine beachtliche Fantasie und verfasste 1892 das Buch »La Planète Mars«, in dem er schrieb, diese Kanäle seien von einer hoch entwickelten Kultur erbaut worden. Die Bücher – 1909 erschien sogar noch ein zweiter Teil – fanden reißenden Absatz. Auch wenn die meisten der Kanäle mittlerweile als natürliche Strukturen und optische Täuschungen entlarvt waren. Die Begeisterung für das (und der Grusel vor dem) Leben auf dem Mars war nicht mehr aufzuhalten.

Dass die vom US-amerikanischen Sender CBS ausgestrahlte Radiosendung »Krieg der Welten« von Orson Welles für so große Furore sorgte, hat auch mit der Machart zu tun. Welles ließ einen Reporter die Einzelheiten und Vorgänge der Invasion schildern, es wirkte wie die Berichterstattung von einem realen Ereignis. Andere aktuelle Informationsmöglichkeiten gab es damals nicht, was die Sache so brisant machte. Zwar gab es vor und während der Sendung entsprechende Hinweise, die aber offensichtlich viele Hörer nicht mitbekamen. Viele hielten die Alien-Invasion für echt und gerieten in Panik. Es gab keine Massenpanik, wie später mitunter kolportiert wurde, aber es war doch einiges los: Bei manchen Polizeistationen brachen in jener Nacht die Telefonleitungen zusammen, verängstigte Menschen liefen auf den Straßen herum und schützten sich mit feuchten Tüchern im Gesicht vor dem Giftgas der Marsianer. Einige besonders eifrige Männer erkundigten sich danach, wie und wo man sich dem bewaffneten Widerstand anschließen könne.8

Sowohl H. G. Wells’ Romanvorlage als auch die Radiosendung zu »Krieg der Welten« aus dem Jahr 1938 verweisen auf bemerkenswerte Entwicklungen im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Menschen und Außerirdischen: Der Roman steht für die Tendenz in der Science-Fiction-Literatur, die Außerirdischen immer mehr als handelnde Akteure zu beschreiben, die mit den Menschen kommunizieren und interagieren. Sie haben Ziele und Motive, verfolgen ihre Interessen. Das macht sie zur Projektionsfläche für allerlei menschliche Sehnsüchte, Hoffnungen und Ängste. Und zum idealen Erzählrahmen für menschliche Erfahrungen und Emotionen, aber auch für Gesellschaftsentwürfe sowie für philosophische und politische Überlegungen. Und für Utopien und Dystopien. Die Reaktionen auf die Radiosendung geben ebenfalls wichtige Hinweise: Offensichtlich glaubte man in den USA im Jahr 1938 so stark an die Existenz außerirdischer Zivilisationen, dass ein Angriff von Invasoren aus dem All zumindest von einigen Hörern der CBS-Radiosendung für eine reale Möglichkeit gehalten wurde. So drangen die imaginierten Außerirdischen plötzlich als reale Bedrohung in das Alltagsleben dieser Menschen ein – wenn auch nur für wenige Stunden.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden Außerirdische ein immer wichtigeres (und bisweilen auch überaus profitables) Element von Science-Fiction-Erzählungen – heute sind sie aus dem Genre gar nicht mehr wegzudenken. Das Thema ist bis heute so reizvoll, weil die Figur des Außerirdischen das »maximal Fremde« darstellt. Das eröffnet dem Menschen einen grenzenlosen Raum für kreative Schöpfungen. In die Außerirdischen lässt sich eben beliebig viel (oder eben wenig) hineinprojizieren: Aussehen, Interessen, Motive, Emotionen und so weiter. Sie könnten für die Menschheit Retter, Erlöser, Heilsbringer, aber auch gnadenlose Eroberer, kaltblütige Zerstörer und erbarmungslose Herrscher sein. Alles ist möglich.

Besonders wirkungsvoll tritt uns in unseren Fantasien über außerirdische Wesen die Ambivalenz der Begegnung mit Fremden entgegen, wie sie von dem Soziologen Zygmunt Bauman beschrieben wurde: »Fremde bedeuten das Fehlen von Klarheit, man kann nicht sicher sein, was sie tun werden, wie sie auf die eigenen Handlungen reagieren würden; man kann nicht sagen, ob sie Freunde oder Feinde sind – und daher kann man nicht umhin, sie mit Argwohn zu betrachten«.9 Diese Unsicherheit wird umso größer, je fremder uns ein Gegenüber ist. Oder umgekehrt: Mit zunehmender Fremdheit eines Gegenübers steigt die Zahl potenzieller (positiver wie negativer) Verhaltensmöglichkeiten.

Für Außerirdische gilt dies in besonderer Weise. Sie sind uns derart fremd, dass ihr Verhalten uns gegenüber zunächst in keiner Weise vorhergesagt werden und dann, im konkreten Fall, die unterschiedlichsten Formen annehmen kann. Und so erzeugt der Außerirdische im Roman oder im Spielfilm ein enormes Spannungsfeld: zwischen Neugierde, Hoffnung und Sehnsucht einerseits, aber auch Angst, Panik und Verzweiflung andererseits. Der »maximal Fremde« sorgt für das maximal mögliche Spannungsfeld in Bezug auf potenzielle Verhaltensweisen.

Die Darstellungen der Außerirdischen wie auch ihr jeweiliges Verhalten uns Menschen gegenüber sind im Genre Science-Fiction deswegen höchst unterschiedlich. Wir kennen aus Büchern, Serien und Filmen sowohl bösartige, hinterhältige und mörderische als auch sympathische, gutmütige und hilfsbereite Aliens. Man denke nur an den freundlichen, liebenswerten Außerirdischen »E. T.« aus dem gleichnamigen Film von Steven Spielberg, der ein Millionenpublikum zu Tränen rührte. Und auf der anderen Seite des Spektrums etwa an die gruseligen insektenartigen Kreaturen aus den »Alien«-Filmen. Diese fiktionalen Figuren aus dem All konfrontieren die Menschheit »mit positiven wie auch negativen Gegenentwürfen zur menschlichen Natur und Zivilisation«10, wie der Literatur- und Filmwissenschaftler Matthias Hurst schreibt. Das Verhältnis von Gut zu Böse ist dabei laut Hurst in der Fiktion sehr unausgeglichen. Einem Außerirdischen mit guten Absichten stehen gleich neun gegenüber, die sich feindselig verhalten.

Im Film »Stargate« von 1994 herrscht ein Außerirdischer wie ein ägyptischer Gott über menschliche Sklaven, während die Aliens in »Starship Troopers« (1997) als aggressive, heimtückische Rieseninsekten Krieg gegen die Menschen führen. In der Serie »Star Trek« begegnen uns Hunderte verschiedene außerirdische Spezies. Da gibt es Lebensformen, die aus Gas oder lediglich aus Energie bestehen. Es gibt katzen-, vogel- oder reptilienartige Außerirdische bis hin zu transdimensionalen Wesen. Es gibt die »Borg«, eine unheimliche, technisch weit entwickelte, halb organische, halb kybernetische Spezies, die über ein kollektives Bewusstsein verfügt und jede Individualität auslöscht. Auch in der Reihe »Star Wars«, einem der kommerziell erfolgreichsten Filmprojekte aller Zeiten, gibt es zahlreiche unterschiedliche außerirdische Völker, die sich, eingebettet in die Handlung eines klassischen Heldenepos, in einem andauernden Kampf zwischen Gut und Böse befinden.

Die Außerirdischen als Spiegel

Nach welchem Muster aber sind in all diesen Science-Fiction-Werken die Außerirdischen konstruiert? Zunächst gibt es eine Paradoxie: Jeder Schriftsteller oder Filmemacher muss, um etwas völlig Fremdes, ja Unvorstellbares wie eine außerirdische Lebensform darzustellen, auf Vertrautes und Bekanntes zurückgreifen. Etwas, was der Mensch kennt, was er sich vorstellen kann, was ihm zumindest halbwegs nachvollziehbar erscheint. Und so sieht man bei den Außerirdischen in Film und Literatur oftmals wenig Neuartiges und Unbekanntes – vielmehr spiegeln sie uns Menschen bekannte Gegebenheiten wider. Sei es im Aussehen, weil sie entweder wie Menschen mit Kopf, Rumpf, Beinen und Armen, wie maschinenartige Roboter oder auch wie Reptilien oder (riesige) Insekten daherkommen. Sei es in kulturellen, politischen, psychologischen oder auch gesellschaftlichen Dimensionen.

So sind die Außerirdischen in US-amerikanischen Science-Fiction-Filmen aus den 1950er-Jahren oft angsteinflößende, zerstörungswütige Invasoren mit einer fortschrittlichen Waffentechnik. Hier spiegeln sich die Ängste vor einer russischen Invasion und einem Atomkrieg wider. Auch die außerirdischen Völker in »Star Trek« sind lediglich Zerrbilder der US-amerikanischen Gesellschaft. Dazu noch einmal Filmwissenschaftler Matthias Hurst: »Deren Verständnis von Politik, Diplomatie, Demokratie und Lebensführung wird zum Raster, dem sich fast alle Formen extraterrestrischen Lebens unterwerfen müssen; dass es dabei nicht immer tolerant und vorurteilsfrei zugeht, sondern häufig auch stereotypes Denken und chauvinistisches Gedankengut transportiert werden, zählt zu den eher bedenklichen Merkmalen des ›Star Trek‹-Universums.«11

Auch die »Alien«-Filme (erschienen 1979, 1986, 1992, 1997 sowie 2012 und 2017) sind Spiegelbilder ihrer Zeit und jeweils vorherrschender kollektiver Ängste. Erst das Wettrüsten im Kalten Krieg und biologische Waffen, dann AIDS, Gentechnik und Klonexperimente bis hin zu den Gefahren künstlicher Intelligenz in neuerer Zeit.

In der Fernsehserie »Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI« sind Außerirdische Teil einer düsteren Verschwörung einer Macht­elite, was wiederum die Ängste der Menschen vor politischen Verschwörungen abbildet. Andersherum zeigen natürlich auch die uns wohlgesinnten, Frieden stiftenden Reisenden aus dem All menschliche Sehnsüchte und Befindlichkeiten.

Generell aber, man erinnere sich an die 1:9-Relation, werden den Außerirdischen sehr oft negative Motive und Merkmale zugeschrieben. Die meist aggressiven und heimtückischen Aliens in den Filmen und Romanen verkörpern letztlich die Schattenseiten unseres menschlichen Charakters. Die Furcht vor den Film-Aliens resultiert dabei nicht nur aus der Angst vor dem Unbekannten, sondern mindestens ebenso aus der Angst vor dem allzu Bekannten: vor uns selbst.

Die Tatsache, dass wir beim Nachsinnen über die Frage, ob es da draußen intelligente Außerirdische gibt, am Ende immer wieder bei uns selbst landen, sollte uns aber natürlich nicht davon abhalten, uns weiterhin mit ihnen zu beschäftigen. Ganz im Gegenteil! Unsere Reflexionen über Außerirdische bilden eine schier unerschöpfliche Quelle für ungemein anregende, spannende Erzählungen und haben eine ganze Reihe von wissenschaftlichen und technischen Innovationen inspiriert. Und nicht zuletzt können wir durch die Beschäftigung mit Außerirdischen viel über uns selbst lernen. Doch eines hat uns das Nachdenken über Außerirdische bisher nicht geliefert: Erkenntnisse über reale Außerirdische. Über diese können wir im Moment nur sehr wenig sagen. Wir wissen ja nicht einmal, ob es sie gibt. Falls ja, können wir nicht sagen, wie sie aussehen. Wir wissen nichts über ihre Technologien und Wissenschaften, nichts darüber, ob sie eher friedlich oder aggressiv sind. Wahrscheinlich wären sie in vielerlei Hinsicht ganz anders als wir, aber letztlich ist auch das nur eine Mutmaßung.

Bis auf Weiteres gilt, dass wir uns beim Nachdenken über Außerirdische in einer Art Spiegelkabinett bewegen – wir sehen meist nichts anderes als Zerrbilder von uns selbst. Solange wir keine realen Erfahrungen mit außerirdischen Intelligenzen haben, wird dies auch so bleiben. Wir möchten im Folgenden jedoch trotzdem den Versuch wagen, so weit wie möglich aus dem Spiegelkabinett auszubrechen, hinter die Spiegel zu blicken und zu erkunden, was sich aus soziologischer Sicht begründeterweise über außerirdische Zivilisationen sagen lässt. Und was eben nicht.

1 Plutarch 1968, S. 56

2 Von Kues 1967, S. 103–104

3 Günther 1898, S. 20

4 Locke 1988b, S. 208

5 Locke 1988b, S. 208

6 Vgl. Moore 2014, S. 210

7 Vgl. Akerma 2002, S. 167

8 Vgl. Gerritzen 2016, S. 13–20

9 Bauman 2000, S. 39

10 Hurst 2008, S. 34

11 Hurst 2004, S. 48

Die Rolle der Exosoziologie
Die Idee einer Exosoziologie

Zum wohl ersten Mal taucht der Begriff »Exosoziologie« in der wissenschaftlichen Literatur in einem von dem russischen Radioastronomen Samuil A. Kaplan herausgegebenen Sammelband aus dem Jahr 1969 auf.12 Er trägt den Titel »Außerirdische Zivilisationen. Probleme der interstellaren Kommunikation«. Dessen Kapitel wurden alle von Naturwissenschaftlern geschrieben. Mit dem Begriff »Exosoziologie« benennt Kaplan alle Bemühungen einer Suche nach den Signalen außerirdischer Zivilisationen – was für ihn drei wichtige Punkte umfasst: zum einen eine Theorie der Entwicklung von Zivilisationen, die fortgeschrittener als die über menschliche Gesellschaften sind. Dann die Entwicklung von Strategien für die Suche nach außerirdischen Zivilisationen. Und schließlich erwähnt Kaplan »sprachliche Probleme der Entschlüsselung außerirdischer Botschaften«.

Alles Aufgaben für eine neue Subdisziplin, die es so bisher noch nicht gab. Einiges davon fand sich im Westen bereits unter dem Begriff SETI, das Programm der Exosoziologie wurde von Kaplan jedoch deutlich weiter gefasst. Er lehnt sich dabei an den damals in der sowjetischen Forschung verwendeten Begriff »Exobiologie« an. Diese kümmerte sich um die Frage, wie Leben außerhalb der Erde entstand und wie es sich verbreitete. Die Exosoziologie dagegen fragt nach der Entstehung und Verbreitung von intelligentem Leben. Und nach der Möglichkeit oder auch Unmöglichkeit, mit Außerirdischen zu kommunizieren.

Ohne diese rein sowjetische Debatte zu kennen, wurde der Begriff Exosoziologie mehr als zehn Jahre später wieder erwähnt: Im November 1983 erschien in einer kleinen englischsprachigen Fachzeitschrift ein Aufsatz13 des seinerzeit auf Hawaii lehrenden Soziologen Jan H. Mejer. Er wollte ein neues Teilgebiet der Soziologie etablieren, das sich vor allem mit der Frage beschäftigen sollte, wie Fremdheit gesellschaftlich konstruiert wurde und wird. Und was man daraus für unser Verständnis außerirdischer Zivilisationen ableiten kann. Insbesondere wollte Mejer das kulturelle Wissen über Mensch-Alien-Kontakte untersuchen. Jenes Wissen, das man vor allem in der Science-­Fiction findet.

Er fragte sich, wie die Menschen, die Soziologen, etwas über den Zustand außerirdischer Gesellschaften erfahren können, falls diese entdeckt werden sollten. Mejer versprach sich davon Impulse für das sozial- und kulturwissenschaftliche Denken – ganz egal, ob dann irgendwann wirklich Außerirdische entdeckt werden sollten. Aber Mejers Idee hat sich nie durchgesetzt. Das von ihm formulierte Programm gibt es bis heute nicht. Seine Fragen fanden die meisten Forscher damals bedeutungslos und unergiebig. Und seine Grundidee war wohl auch zu Beginn der 1980er-Jahre gesellschaftspolitisch sehr unerwünscht, da auf der Erde ein neuer kalter Krieg bevorstand, der zum ersten Mal auch den Weltraum als mögliches Schlachtfeld erwog. Angesichts dieses drohenden Konflikts in der Erdumlaufbahn wollte sich niemand mit der Frage nach Außerirdischen beschäftigen, weder die Massenmedien noch die Wissenschaften. So wurden Mejer und seine Vorschläge weitgehend vergessen.

Einer der wenigen Nachfolger, zumindest was das soziologische Nachdenken über den Weltraum betrifft, ist der US-amerikanische Soziologe Jim Pass. Sein »Astrosociology Research Institute« wendet sich allerdings deutlich irdischeren Fragen zu. Pass hat offensichtlich aus dem Scheitern seines ideellen Vorgängers gelernt: Er widmet sich der gesellschaftlichen Organisation der Weltraumforschung, vor allem der bemannten Raumfahrt. Der Kontakt mit außerirdischen Zivilisationen ist für ihn nur ein Randthema. Mejers visionärer Blick wurde durch ein traditionelles soziologisches Programm ersetzt – im deutschsprachigen Raum als »Raumfahrtsoziologie« bekannt. In deren Mittelpunkt steht die historische Entwicklung der irdischen Raumfahrt: Wie kamen welche Programme zustande? Welche Interessen lagen ihnen zugrunde? Und wer traf warum bestimmte Entscheidungen. Gerade wenn man auf aktuelle Raumfahrtprojekte blickt, scheint dabei aber nur die nähere Zukunft der Menschheit im Weltall zu interessieren. Die fernere Zukunft oder gar der Kontakt mit einer anderen Zivilisation bleibt weitgehend ausgespart.

Die eigentliche Aufgabe einer Exosoziologie, wie sie von Jan Mejer und den sowjetischen Forschern um Kaplan verstanden wurde, scheint unwichtig geworden zu sein – nämlich außerirdische Zivilisationen zu suchen und zu erforschen. Unwichtig angesichts all der irdischen Probleme, vor denen wir heute stehen. Trotzdem wollen wir, dass die Idee einer Exosoziologie nicht vergessen wird. Wir denken, es gibt viele gute Gründe – für die Soziologie, für die Wissenschaft, aber auch für die Gesellschaft insgesamt –, sich nicht zu schnell von dem zu verabschieden, was Kaplan und Mejer aufbrachten. Möglicherweise scheiterten die Autoren nicht, weil ihre Ideen unsinnig waren, sondern weil sie einfach viel zu früh dran waren. Wie man gut am Beispiel der Initiative von Jan H. Mejer sehen kann.

Denn Mejers Aufsatz erschien in der Hochzeit der sogenannten »neuen sozialen Bewegungen«, bei denen in allen westlichen Gesellschaften bisher ausgeblendete Themen öffentliche Aufmerksamkeit bekamen. Seien es ökologische Gefahren oder die in vielen Staaten herrschende strukturelle Gewalt. Es war gleichzeitig das Ende der friedlichen Erkundung des Weltraums. Im März 1983, ein halbes Jahr bevor Mejers Artikel erschien, hatte der damalige US-Präsident Ronald Reagan seine Pläne zur Militarisierung des Weltraums verkündet, die später als »Krieg-der-Sterne-Programm« bekannt werden sollten. Die Idee von Erforschung und einem möglichen friedlichen Kontakt zu Außerirdischen war kriegerischem Denken gewichen. Zumindest in den USA. Heute wissen wir, dass aus Reagans Plänen nichts werden konnte. Schon allein aus technologischen Gründen. Trotzdem vergifteten sie lange die gesamte Weltraumforschung.

Aber in den letzten zehn Jahren hat sich viel getan. Die Frage nach außerirdischen Zivilisationen wird nicht mehr nur in der Science-Fiction behandelt, sondern auch immer mehr in der Wissenschaft. Die Astrowissenschaftler entdeckten in den letzten drei Jahrzehnten so einiges, was für außerirdisches Leben spricht: viele neue Planeten außerhalb unseres Sonnensystems, das Wissen, dass die Lebensbausteine im All weitverbreitet sind, oder dass irdische Organismen ex­trem widerstandsfähig sein können. Und so ist die Idee vom Leben außerhalb der Erde im wissenschaftlichen Mainstream angekommen. In den USA hat sich gar mit der Astrobiologie ein neuer Forschungszweig etabliert, der mit vielen innovativen Projekten die Öffentlichkeit wie auch private und staatliche Geldgeber auf sich aufmerksam macht. Und der auch auf andere Disziplinen wie die Molekularbiologie oder die Geologie einwirkt.

In den Naturwissenschaften geht man heute davon aus, dass es im Universum wahrscheinlich nicht nur viele belebte Planeten gibt, sondern dass man bald auch Beweise finden könnte, dass es intelligente außerirdische Gesellschaften gibt. Wenn man denn nur richtig danach suchen würde. Und so haben sich unter dem Stichwort SETI einige Forschungsprogramme etabliert, die ein Ziel haben: Sie wollen künstliche Signale aus dem Universum empfangen und so beweisen, dass es noch andere intelligente Zivilisationen gibt.

Die SETI-Forscher sind dabei vom »kosmischen Kontakt-Paradigma« überzeugt. Darin soll begründet werden, warum die Suche nach außerirdischen Intelligenzen wissenschaftlich sinnvoll ist. Und obwohl alle Annahmen darunter »leiden«, dass bislang nur ein einziger Fall der Entwicklung von Leben bekannt ist (nämlich der auf der Erde), so stimmen ihnen nicht nur Astrowissenschaftler zu, sondern auch viele in der Scientific Community generell. Zumindest aber werden sie mit einem gewissen Wohlwollen betrachtet. Auch wenn nicht alle so optimistisch sind wie die SETI-Forscher, was den schnellen Erfolg der Suche angeht.

Die Aufgaben und Ziele der Exosoziologie

Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, um sich mit Außerirdischen zu beschäftigen, sind heute so günstig wie schon lange nicht mehr. Und es lassen sich mindestens vier Argumente anführen, die Exosoziologie wiederzubeleben:

Erstes Argument: Man darf annehmen, dass die Menschheit über kurz oder lang in Kontakt mit außerirdischen Zivilisationen kommen wird. Und wahrscheinlich werden sie uns technisch weit überlegen sein.14 Die Frage, was das für unsere Welt bedeuten würde, ist lange schlicht ignoriert worden. Nun aber wäre es höchste Zeit, sich mit den Folgen eines Mensch-Alien-Kontakts zu befassen. Und Szenarien für einen »Fall der Fälle« zu entwickeln, der in den nächsten Jahrzehnten stattfinden könnte.

Zweites Argument: Kaum ein Thema schwankt so zwischen Realität und Fiktion wie die Frage nach dem Verhältnis zwischen Menschen und Außerirdischen. Seit der Renaissance dachten die Menschen über Mensch-Alien-Begegnungen nach und lieferten viele Ideen und Gedankenexperimente. Und sie machten das Thema so überhaupt erst denkbar und erforschbar. Anderseits inspirierte die Weltraumforschung viele Romanautoren und Regisseure von Spielfilmen.15 Die neue wissenschaftliche »Spielart« Exosoziologie bietet nun einen idealen Raum für Experimente. Etwa um Wechselwirkungen zwischen dem realitätsbezogenen und dem künstlerisch-literarischen Denken unserer Epoche zu untersuchen. Sich mit dem »Mensch-Alien-Problem« zu beschäftigen, heißt gleichzeitig, sich mit der Frage zu beschäftigen, was in unserer Gesellschaft als Realität gilt und was nicht. Am deutlichsten zeigt sich das in der sogenannten »UFO-Frage«, die wissenschaftlich alles andere als trivial ist. Hier geht es darum, was es mit all den seltsamen Himmelsphänomenen auf sich hat, die Menschen seit Jahrzehnten beobachten. Die meisten von ihnen lassen sich sehr schnell erklären – bei einigen allerdings scheitern wissenschaftliche Erklärungsversuche bis heute.

Drittes Argument: Dass man sich theoretisch mit dem Außerirdischen beschäftigt, quasi als Musterbeispiel eines »maximal Fremden«, kann sich auch als enorm wichtig für die dringend notwendige Fremdheits- und Xenophobie-Forschung erweisen. Denn hier stellen sich viele Fragen: Wie kann Kommunikation sprachliche und kulturelle Grenzen überschreiten? Wie können wir uns in ein Gegenüber mit anderen Weltbildern oder abweichender Wahrnehmung hineindenken? Mit welchen Missverständnissen ist bei der Kommunikation mit Fremden zu rechnen? Wie lassen sich diese vermeiden? Und noch grundsätzlicher: Wie fremdartig darf ein Wesen sein, damit wir es als gleichberechtigt betrachten – und ihm etwa den Rechtsstatus einer Person zubilligen?

Gerade die letzte Frage fordert zu Diskussionen über Grenzen heraus. Etwa die von Menschenrechten. Ab wann gelten sie für den Fötus? Bis wann für Sterbende? Unter welchen Voraussetzungen für Menschenaffen? Und wann kann ein KI-gesteuerter Roboter sie beanspruchen? Das heute noch fiktionale Beispiel des Aliens hilft uns, über die Definition intelligenten Lebens grundlegend nachzudenken: Was macht überhaupt ein intelligentes Lebewesen aus? Ist es das planvolle Handeln? Und was würde es dann bedeuten, wenn ein Lebewesen handlungsunfähig ist? Oder ist es die Fähigkeit, über sich selbst nachzudenken? Und was hieße das für Komapatienten? Vielleicht ist auch die Tatsache bedeutsam, dass eine Persönlichkeit oder eine bestimmte Intelligenz vorhanden ist. Aber wer stellt dies mit welchen Mitteln fest?

Alles Fragen, die uns jetzt und hier auf der Erde umtreiben. Und bei denen uns die Gedankenexperimente der Exosoziologen weiterhelfen. Weil sie uns ermöglichen, nach Antworten auch jenseits vermeintlicher Gewissheiten zu suchen.

Viertes Argument: Die Kultur- und Sozialforschung fragt immer wieder nach dem konkreten menschlichen Einfluss auf die Entwicklung und die Struktur von Gesellschaften. Was beruht dabei auf biologischen Anlagen, was auf sozialen Einflüssen? Sei es bei der Entwicklung des Individuums oder ganzer Kulturen. Diese Frage lässt sich bis heute nicht befriedigend beantworten. Schließlich können wir dazu nur eine einzige Spezies betrachten – den Menschen. Ein Kontakt mit einer außerirdischen Kultur würde gänzlich neue Möglichkeiten schaffen, hier wissenschaftliche Antworten zu geben. Aber natürlich auch viele neue Fragen aufwerfen.

Die zwei Säulen der Exosoziologie

Wenn man versucht, mit der Exosoziologie eine neue Disziplin zu etablieren, würde sie ihren Weg in die wissenschaftliche Welt wohl mit zwei Beinen und einem Krückstock beginnen. Der Krückstock wäre die benachbarte Raumfahrtsoziologie, über die wir kurz berichtet hatten. Die beiden Beine jedoch, die unsere neue Disziplin dringend benötigt, sind einerseits die Soziologie der Fremdheit und andererseits die wissenschaftliche Zukunftsforschung. Beginnen wir mit Letzterer.

Wissenschaftliche Zukunftsforschung

Die Exosoziologie ist eine futurologische Disziplin. Ganz einfach deshalb, weil wir bisher noch keine außerirdische Zivilisation entdeckt haben, bei der wir nachfragen können: Wie sind sie organisiert, wie können wir mit ihnen ins »Gespräch« kommen, und was bedeutet diese Entdeckung für unsere Zivilisation? Vor dem Erstkontakt ist vor allem letztgenannter Punkt der wichtigste für einen Exosoziologen.

Was den Menschen von Tieren wie Hasen, Heuschrecken und Hummern unterscheidet: Er kann sich ein Bild von der Zukunft machen und entsprechend handeln. Deshalb hat er den tiefen Wunsch, so viel wie möglich über die Zukunft wissen zu wollen. Das führte schon vor Jahrtausenden in fast allen Kulturen zu allerlei Techniken von Weissagungen. Sei es mit den Eingeweiden von Ziegen, durch allerlei Drogen oder mit Runensteinen.16

Aber auch in moderneren Zeiten versuchten und versuchen Philosophen oder Wissenschaftler, die Zukunft mit ihren Methoden vorherzusagen. Dies beginnt mit den Utopien der Renaissance, die noch Voraussage und Wunschbild vermischen. Oft blieb damals unklar: Wird die Zukunft so aussehen oder soll sie so werden? Eine solche Verknüpfung findet sich ebenso in der marxistischen Theorie seit Mitte des 19. Jahrhunderts: Der Sozialismus kommt, das ist die sichere Prognose, aber er »kommt nicht wie das Morgenrot nach durchschlafener Nacht«, wie Bertolt Brecht anmerkte. Mit anderen Worten: Er ist erstrebenswert, damit er aber kommt, müsse man etwas tun. Das geht deutlicher in Richtung der Zukunftsforschung, wie wir sie heute kennen.

Die wissenschaftliche Zukunftsforschung entstand Mitte des 20. Jahrhunderts. Vor allem in den USA wurden hierzu Methoden wie Spieltheorie, Simulationstechnik oder Szenariotechnik entwickelt. Wichtig dabei waren und sind in den USA die »Think Tanks« im Umfeld von Militär, Industrie und Politik.17 Aber es gibt auch eine völlig andere Zukunftsforschung: Bereits in den 1940er-Jahren wollte der von den Nazis aus Deutschland vertriebene Politikwissenschaftler Ossip K. Flechtheim als überzeugter Pazifist durch eine systematische Prognose mögliche gesellschaftliche, politische und militärische Konflikte vorhersehen und durch rechtzeitiges Handeln abwenden. Also Zukunftsforschung, um Kriege zu vermeiden, nicht, um sie zu führen.

Flechtheim prägte den Begriff der Futurologie als der Lehre von den möglichen Zukünften. Diese erlebte ihre Blüte in den 1970er- Jahren. In dieser Zeit erschienen drei Klassiker dieses Stranges der Zukunftsforschung. Es begann mit Ossip K. Flechtheims »Futurologie« aus dem Jahr 1970. Der Untertitel »Der Kampf um die Zukunft« macht bereits die wesentliche Stoßrichtung deutlich: Es geht nicht nur darum zu prognostizieren, was die Zukunft bringen könnte, sondern auch darum, sich für eine der möglichen Zukünfte zu entscheiden – und dann dafür zu kämpfen.18

Drei Jahre später erschien »Der Jahrtausendmensch« von Robert Jungk. Der Autor, ein studierter Philosoph, musste wie Flechtheim Mitte der 1930er-Jahre aus Deutschland fliehen. In der Schweiz arbeitete er während der Kriegsjahre als Journalist, war dann als Auslandskorrespondent in aller Welt tätig und siedelte schließlich nach Österreich über. Dort begann er, sich Ende der 1950er-Jahre mit Prognose und Planung des Zukünftigen zu beschäftigen. Insbesondere damit, wie man eine menschenwürdige Zukunft für alle schaffen könnte.19 Jungk war auch einer der Vordenker der Friedens- und Ökobewegung.

Fast genau zwischen diesen beiden Werken erschien Anfang 1972 das Buch, von dem letztlich die stärksten Impulse für die Zukunftsforschung, aber auch für das ökologische Denken ausgingen: Dennis Meadows »Die Grenzen des Wachstums«. Der Autor vertrat dabei den 1968 von Intellektuellen, Wissenschaftlern und Humanisten gegründeten »Club of Rome«, dessen Ziel es war, die ökologischen Probleme der Menschheit zu ergründen und Vorschläge für deren Lösung zu machen. Die Sprengkraft dieses Buchs, das zu einem Auslöser der ökologischen Revolution wurde, war vor allem die Kritik am zügellosen Wachstum.20

Das will auch die Exosoziologie als Teilbereich der Futurologie: durch ihre Prognosen Schaden von der Menschheit abwenden. Für die Zukunftsforschung hat die Arbeit des Club of Rome einen Schub gebracht. Praktisch alle computergestützten »Weltmodelle« gehen bis heute auf die hier entwickelten Methoden zurück. Darüber hinaus wird in den »Grenzen des Wachstums« deutlich, wie wichtig es ist, verschiedene Szenarien zu analysieren. Seit den 1970er-Jahren prognostiziert die Zukunftsforschung regelmäßig mehrere mögliche Zukünfte. Und versucht herauszufinden, unter welchen Bedingungen die eine oder die andere Möglichkeit Wirklichkeit werden könnte.

Die wichtigste aktuelle Leitfrage der Exosoziologie lautet: »Was würde sich für unsere Gesellschaften ändern, wenn wir wüssten, dass wir nicht allein im Universum sind?« Dies ist bis heute eine hypothetische Frage – und damit eine, wie sie in der Zukunftsforschung immer wieder gestellt wird. Ein Erstkontakt wäre ein sogenanntes »Wild Card«-Ereignis (siehe auch Seite 108 ff.). Solche Ereignisse sind zwar extrem unwahrscheinlich, wenn sie aber eintreten, haben sie erhebliche Auswirkungen, die die Gesellschaft massiv betreffen. Die Exosoziologie kann hier helfen, mit der Szenarioanalyse, die eine der wichtigsten Methoden der Futurologie ist.

Soziologie der Fremdheit

Das zweite Bein der Exosoziologie ist die Soziologie der Fremdheit und das Konzept des »maximal Fremden«. Der Fremde im sozialen Sinne ist derjenige, der mir persönlich nicht bekannt ist oder nicht zu meiner Gruppe gehört. Der Fremde im kulturellen Sinne aber ist derjenige, mit dem ich die Gewissheiten nicht teile, die mein Weltbild bestimmen. In seiner Untersuchung des Fremden führt der deutsche Philosoph Bernhard Waldenfels eine weitere Stufe ein: die »radikale Fremdheit«. Dabei meint er aber nicht ein greifbares Gegenüber, sondern Grenzphänomene der menschlichen Existenz, etwa »Eros, Rausch, Schlaf oder Tod«. Waldenfels meint Erlebnisse, die zwar den alltäglichen Horizont des Menschen überschreiten, dabei aber doch zum Bereich menschlicher Erfahrungen gehören. Wenn wir den Bereich der menschlichen Lebenswelt verlassen, haben wir es laut Waldenfels mit dem »schlechthin Fremden« zu tun, das nicht untersucht werden kann.21

Auch der deutsche Philosoph und Soziologe Georg Simmel (1858–1918) stellt in einem Text über den Fremden aus dem Jahre 1908 recht deutlich fest: »Die Bewohner des Sirius sind uns nicht eigentlich fremd – dies wenigstens nicht in dem soziologisch in Betracht kommenden Sinne des Wortes –, sondern sie existieren überhaupt nicht für uns, sie stehen jenseits von Fern und Nah.«22 Die hypothetischen Bewohner des Sirius, der ja ein Stern ist und deshalb mit Sicherheit unbewohnbar sein dürfte, führt Simmel hier lediglich als kurzes Gedankenspiel ein – gleichsam eine Metapher für Wesen, die uns so fern sind, dass wir uns eigentlich gar nicht erst mit ihnen zu beschäftigen brauchen.

Dass man sich derart auf den Menschen beschränkt und alle Typen von »Nichtmenschen« aus der Analyse ausschließt, ist bis heute beispielhaft für die Kultur- und Sozialwissenschaften. Der deutsche Philosoph Wilhelm Vossenkuhl erkennt die Grenzen dieses Konzepts: »Wenn ich das Fremde an mir selbst erkenne, werde ich der Fremdheit des anderen gegenüber wohl offener sein. Aber diese Offenheit und die Achtung vor dem Fremden sind nicht hinreichend für das Verstehen des Fremden.«23 Zumal wenn es sich um ein nichtmenschliches Gegenüber handelt – das, was die Soziologie einen »maximal Fremden« nennt.

Der »maximal Fremde« ist also ein Gegenüber, das wir als nichtmenschlich definieren, das aber trotzdem als zumindest gleichwertiger Interaktionspartner gesehen wird. »Maximal Fremde« wären demnach Wesen, die über folgende Eigenschaften verfügen:

 Ihre Sinnes- und Kommunikationskanäle sind mit den unseren kompatibel.

 Sie können denken und entscheiden, zumindest in Ansätzen.

 Sie haben ein Selbstbewusstsein.

 Sie können zielgerichtet handeln.

 Sie wollen grundsätzlich kommunizieren.

Dabei kann es stark schwanken, wie intensiv der Mensch tatsächlich mit dem »maximal Fremden« interagiert. Außerdem können die Qualitäten des Gegenübers zunächst oder sogar dauerhaft ungewiss bleiben. Genau genommen gehören zu jenen »maximal Fremden« all jene nichtmenschlichen Wesen, mit denen wir zumindest theoretisch interagieren können: Haus-, Nutz- und Wildtiere, Götter, Engel und Dämonen (falls es sie gibt), Künstliche Intelligenzen jeglicher Art, die zu erschaffen wir gerade beginnen – und eben jene außerirdischen Intelligenzen, um die es uns in diesem Buch geht.

Mit der Kategorie des maximal Fremden ist der äußerste Bereich dessen markiert, was in sozialen Situationen als Gegenüber zur Interaktion denkbar ist. Ein Treffen mit einem oder mehreren maximal Fremden wäre eine kommunikative Grenzsituation, in der das meiste, das wir bei allen Interaktionen unter Menschen zugrunde legen, entfallen würde. Die folgende Liste zählt die Grundbedingungen menschlicher Interaktion auf. Das macht gleichzeitig die Pro­bleme einer Interaktion mit dem maximal Fremden deutlich. Deshalb müssten wir sie kritisch hinterfragen, falls wir jemals auf eine außerirdische Intelligenz treffen:

 Ein verletzbarer biologischer Körper mit einem an die Umwelt angepassten Wahrnehmungsapparat.

 Lebensnotwendige Bedürfnisse wie Essen, Trinken oder Schlafen.

 Die Sinnes- und Kommunikationskanäle sind kompatibel; die Umwelt wird ähnlich wahrgenommen.

 Wir können uns sofort wechselseitig als Menschen wahrnehmen.

 Das Wissen um unsere Sterblichkeit.

 Eine »soziale Natur«, also die Abhängigkeit von anderen Wesen der gleichen Art und der Kommunikation mit diesen.

 Eine Weltoffenheit, denn als Menschen handeln wir ja nicht instinktgeleitet, sondern entwickeln unsere Verhaltensweisen während der Sozialisation – mal mehr, mal weniger individuell.

 Ein Wissen über die Grenze zwischen mir und dem anderen; ein »Ichgefühl«.

 Die Fähigkeit, über uns selbst nachzudenken.

Außerirdische sind also maximal Fremde, bei denen viele der genannten Faktoren zutreffen könnten – jedoch nicht müssen. Wir dürfen also diese Faktoren nicht einfach unterstellen, falls wir sie treffen. Wir müssen vielmehr Schritt für Schritt prüfen: Wo ähneln die Fremden uns, wo sind sie ganz anders? Falls die Unterschiede zu groß sind, könnte das dazu führen, dass wir das Gegenüber schlicht nicht verstehen. Im besten Fall. Wenn es schlecht für uns läuft, können Missverständnisse entstehen, die höchst verhängnisvoll sein könnten.

Die fünf zentralen Fragen der Exosoziologie

Sollte man sich angesichts der vielen irdischen Probleme schon jetzt mit einem Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation befassen? Und dazu Ressourcen für Überlegungen, Studien und Experimente aufwenden? Wir finden, dass das, was wir in den letzten zwanzig Jahren über unser Universum erfahren haben, dafürspricht. Wir wissen, dass unsere kosmische Umgebung nur so von Orten wimmelt, die potenziell lebensfreundlich sind. Und dass zumindest auf der Erde Leben unmittelbar entstand, als die Bedingungen dies erlaubten. Kein Mensch weiß, ob sich in den Weiten des Weltalls Leben oder gar andere intelligente Wesen entwickelt haben. Und es gibt auch keinen Grund dafür, das auszuschließen. Vor allem wenn man auf die unfassbare Größe des Universums blickt, so scheint es doch sehr wahrscheinlich, dass es neben uns noch viele andere höchst fremdartige Zivilisationen gibt. Und je mehr wir über das Universum wissen, je weiter wir in den Kosmos vordringen, desto wahrscheinlicher wird es, dass wir mit ihnen, ihren Signalen oder Hinterlassenschaften konfrontiert werden.

Deshalb wollen wir heute, fast 35 Jahre nach der Skizze von Jan Mejer, ein erneuertes Programm für die Exosoziologie vorlegen. Diese Wissenschaft zwischen Futurologie und Fremdheitsforschung sollte sich auf fünf zentrale Leitfragen konzentrieren:

1 Die naturwissenschaftliche Suche nach Außerirdischen kritisch begleiten: Wie sind die heutigen SETI-, SETA- und METI-Projekte aus soziologischer Perspektive einzuschätzen, und welchen Beitrag können die Sozialwissenschaften leisten, um sie weiterzuentwickeln?

2 Interspezies-Futurologie: Welches wären die kulturellen und religiösen, die politischen und ökonomischen Folgen einer Begegnung der Menschheit mit einer außerirdischen Zivilisation?

3 Konkurrierende Realitätsebenen: Welcher Zusammenhang besteht zwischen wissenschaftlichem und fiktionalem Nachdenken über die Stellung des Menschen im Kosmos?

4 Fremdheits- und Xenophobie-Forschung: Wie wird Fremdheit heute kulturell konstruiert, und welches sind die sozialen und ethischen Folgen – auf der Erde und eben im Fall des Falles auch bei Begegnungen zwischen den Sternen?

5 Extra-humane Ethik: Über welche Eigenschaften muss ein Wesen verfügen, und wie fremdartig darf es sein, damit wir in ihm einen gleichberechtigten Partner sehen und ihm gewisse Rechte zubilligen?

Uns ist klar, dass dieser erweiterte Fragenkatalog nichts daran ändern wird, dass die Exosoziologie weiterhin ein Randgebiet bleiben wird – schlimmstenfalls verspottet, bestenfalls geduldet. Dies heißt aber nicht, dass von einer solchen »Nischendisziplin« keine Impulse ausgehen könnten. Und ihre wissenschaftliche Randlage muss auch nicht dauerhaft gelten: Spätestens wenn wir eine intelligente Spezies außerhalb der Erde finden, würde die Exosoziologie in den Mittelpunkt des Interesses rücken. Dies macht sie heute gleichsam zu einer »Leitdisziplin auf Abruf«.Was weiß die Wissenschaft über die Verbreitung von Leben und Intelligenz?

12 Kaplan 1971

13 Mejer 1983

14 Vgl. Shostak 1999, S. 121

15 Vgl. Schetsche und Engelbrecht 2008, S. 267

16 Siehe exemplarisch Maul 2013

17 Vgl. Graf 2003

18 Flechtheim 1970

19 Jungk 1973

20 Meadows 1972

21 Waldenfels 1997, S. 37

22 Simmel 1958, S. 509

23 Vossenkuhl 1990, S. 109

Was weiß die Wissenschaft über die Verbreitung von Leben und Intelligenz?
Die Menschen greifen nach den Sternen

Die technischen Wurzeln des menschlichen »Griffs nach den Sternen« liegen am Ende des Zweiten Weltkrieges. 1944 durchstieß zum ersten Mal ein von Menschen gebauter Gegenstand die Grenze zum Weltraum. Diese nennt man Kármán-Linie, und sie liegt etwa einhundert Kilometer über dem Meeresspiegel. Darüber ist die Erdatmosphäre dann so dünn, dass sie weder für Auf- noch für Antrieb genutzt werden kann. Der besagte Gegenstand war eine A4/V2-Rakete, gefertigt unter der Leitung von Wernher von Braun in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf der Ostseeinsel Usedom. Aus militärischer Sicht waren die immens teuren Raketen, die zudem nicht sonderlich präzise trafen, für das deutsche Naziregime letztlich eine Fehlinvestition. Aber die Sowjetunion und die USA erkannten nach dem Ende des Krieges deren Potenzial. Und sie brachten nicht nur die Technik, die Bauteile und die Produktionsanlagen in ihre Heimatländer, sondern auch die Wissenschaftler und Techniker. Das deutsche Know-how bildete dort die Basis für viele der folgenden Entwicklungen in der Raumfahrttechnik.

Und weil quasi zeitgleich der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion begann, hatten die Raketenentwicklung und der »Wettlauf ins All« auch große Bedeutung für die Propaganda auf beiden Seiten. Sowohl die USA als auch die Sowjetunion steckten deshalb eine Menge Geld in die Raumfahrt, beide wollten vorn sein und damit zeigen, dass ihr System überlegen ist. So entwickelten sich die Raumfahrtprogramme mit rasanter Geschwindigkeit. Bereits im Oktober 1957 schickte die Sowjetunion »Sputnik« ins All, den ersten Satelliten. Und schon einen Monat später das erste Lebewesen: die Hündin Laika. 1961 war Juri Gagarin der erste Mensch im All, 1969 gelang es den USA, die ersten Menschen den Mond betreten zu lassen – Neil Armstrong und Edwin »Buzz« Aldrin. 1971 war es wiederum die Sowjetunion, die die erste bemannte Raumstation, die »Saljut 1« in den Weltraum schickte. 1981 dann startete das »Space Shuttle« der USA, das erste wiederverwendbare Raumfahrzeug. Enorme Sprünge in der Entwicklung, die alle in kaum mehr als 30 Jahren passierten.

Das sorgte in diesen Jahren nicht nur für den weitverbreiteten Berufswunsch Astronaut oder Kosmonaut bei vielen Heranwachsenden, sondern auch dafür, dass die Menschen auf der ganzen Welt verstärkt über außerirdisches Leben nachdachten. Schließlich gab es nun zum ersten Mal den sichtbaren Beweis dafür, dass die Menschheit mit technischen Mitteln tatsächlich die Erde verlassen kann. Damit wurde ein uralter Traum der Menschheit konkret. Und die menschliche Einflusssphäre wurde um den erdnahen Weltraum erweitert.

Was die Menschhheit geschafft hat, das könnte anderen Zivilisationen auch gelingen: nämlich ihren Planeten zu verlassen und ins All zu reisen. Und das gelang vielleicht schon lange vor den Menschen. So erschienen die bereits dargestellten Gedanken all der Wissenschaftler und Philosophen aus früheren Epochen in ganz neuem Licht, und alte Fragen erlangten neues Gewicht: Nimmt die Erde eine Sonderstellung im Universum ein, oder entsteht Leben überall dort, wo die Grundbedingungen dafür vorhanden sind? Wie wahrscheinlich ist es, dass Lebewesen entstehen, die planvoll handeln und sich mit ihrer eigenen Existenz auseinandersetzen können? Wie weit mögen außerirdische Zivilisationen von der Erde entfernt sein? Sind sie technisch und kulturell weiterentwickelt als die Menschheit? Gibt es die Chance einer Kontaktaufnahme? Und was würde dies für unser menschliches Selbstverständnis bedeuten?

Im Jahr 1959, als sich die ersten bemannten Fahrten in den Weltraum abzeichneten, setzten sich die Physiker Giuseppe Cocconi und Philip Morrison intensiv mit derartigen Fragen auseinander. In einem Artikel für die Zeitschrift »Nature« schrieben sie, dass sie momentan zwar nicht die Anzahl an Planeten im Universum, die Wahrscheinlichkeit für die Entstehung von außerirdischem Leben oder gar von außerirdischen Zivilisationen abschätzen können. Sie hielten es aber dennoch für wahrscheinlich, dass es irgendwo intelligente außerirdische Spezies gibt. Spezies, die uns technisch überlegen und an einer Kommunikation mit anderen Zivilisationen interessiert sind. Sie schlugen deshalb vor, mit Radioteleskopen nach Botschaften jener außerirdischen Intelligenzen zu suchen. Dies warf natürlich die Frage auf, in welchem Frequenzbereich man suchen sollte. Cocconi und Morrison hatten eine Lösung parat: Außerirdische Nachrichten, so ihre Idee, könnten auf der Wellenlänge der Radiostrahlung von neutralem Wasserstoff, dem häufigsten Element im Universum, übertragen werden. Das müsste auch einer außerirdischen Zivilisation als geeignete Frequenz erscheinen.

1961 dann, dem Jahr, als Juri Gagarin durchs All flog, entwickelte der US-amerikanische Astrophysiker Frank Drake eine Gleichung, mit der er die Zahl technisch entwickelter außerirdischer Zivilisationen in unserer Galaxis abschätzen wollte. Die Gleichung lautet:

N = R × fp × ne × fl × fi × fc × L

N steht hierbei für die mögliche Zahl intelligenter außerirdischer Zivilisationen in unserer Galaxis zum jetzigen Zeitpunkt, R für die mittlere Sternentstehungsrate, fp für den Anteil an Sternen mit Planetensystemen, ne für die Anzahl der Planeten in der sogenannten habitablen (also lebensfreundlichen) Zone. Der Parameter fl gibt den Anteil der Planeten an, auf denen Leben existiert, fi den Anteil der Planeten mit intelligentem Leben, und fc soll erfassen, wie hoch der Anteil der fremden Zivilisationen ist, die an extraterrestrischer Kommunikation interessiert sind. Schließlich wird mit dem Faktor L die durchschnittliche Lebensdauer von technisch entwickelten außerirdischen Zivilisationen berücksichtigt.

Diese sogenannte »Drake-Gleichung« wurde auch außerhalb der Wissenschaft populär, war aber von Anfang an auch reichlich umstritten. Denn einige ihrer Parameter waren und sind nahezu unbestimmbar. Drake selbst wusste natürlich um diese Schwierigkeiten, er bezeichnete seine Gleichung daher als »Kompositum von Unsicherheiten« und sah sie lediglich als Denkanstoß. Er selbst schätzte die Zahl der kommunikationsbereiten außerirdischen Zivilisationen auf 10.000. Nach dem damaligen Stand der Forschung war dies aber ein völlig beliebiger Wert. Auch aktuelle Schätzungen sind nicht viel präziser. Aber immerhin drei der insgesamt sieben Parameter der Drake-Gleichung sind heute doch relativ genau bestimmbar.

Wir wollen uns die Drake-Gleichung und ihre sieben Faktoren trotz aller Unwägbarkeiten genauer ansehen und versuchen, zumindest halbwegs nachvollziehbare Werte für die einzelnen Faktoren zu bestimmen.

Drake-Faktor 1: Die Sternentstehungsrate

Die Sternentstehungsrate gibt an, wie viele Sterne pro Jahr in einer bestimmten Region des Weltraums entstehen, also etwa in der Milchstraße. Sie ist abhängig vom Alter der Galaxie oder deren interstellarer Masse. Zudem ist sie recht gut schätzbar und liegt laut NASA und ESA in der Milchstraße derzeit bei etwa 1,5 bis drei Sternen im Jahr. Insgesamt sind es seit Bestehen der Milchstraße aber rund zehn bis 20 Sterne pro Jahr. Was zeigt, dass Galaxien nicht immer gleich »fruchtbar« sind, sondern mal mehr, mal weniger Sterne produzieren.

Nicht alle Sterne sind dazu geeignet, dass in ihrer Umgebung Leben entstehen kann. Haben sie eine größere Masse und Leuchtkraft als unsere Sonne, so verbrauchen sie ihre Energie zu schnell, als dass sich komplexes Leben entwickeln könnte. Ist die Masse und Leuchtkraft dagegen geringer, so haben sie zwar eine lange Lebensdauer, aber damit auf einem ihrer Planeten Leben entstehen kann, müsste er sehr nah um sie kreisen. Das wiederum würde zwei Schwierigkeiten mit sich bringen: Die lebensfeindliche solare Strahlung wäre sehr hoch und die Gravitation sehr stark. Letzteres würde zu einer gebundenen Rotation führen, sodass, wie bei unserem Mond, die eine Hälfte des Planeten ihrem Heimatstern immer zugewandt, die andere immer abgewandt ist. Diese Faktoren machen die Entwicklung von Leben zwar nicht gänzlich unmöglich, erschweren sie aber enorm.

Interessant sind also jene Sterne, die unserer Sonne in Masse und Brenndauer sehr ähnlich sind. Nach aktuellen Schätzungen sind das etwa 15 Prozent aller Sterne. Das hieße, dass etwa alle drei bis sechs Jahre in unserer Milchstraße ein Stern entsteht, in dessen Umgebung Leben entstehen und existieren könnte. In der Milchstraße gibt es rund 150 Milliarden Sterne – 15 Prozent davon wären also rund 22 Milliarden lebensfreundliche Sonnen. Und das ist schon mal eine stattliche Zahl.

Für den ersten Faktor der Drake-Gleichung ergibt sich also ein Wert von 2,25 (15 Prozent von 15 Sternen, die durchschnittlich pro Jahr in der Milchstraße entstanden sind).

Drake-Faktor 2: Wie viele Planeten gibt es in der Milchstraße?

Dieser Faktor der Drake-Gleichung erfasst den Anteil der Sterne, die von einem Planetensystem umkreist werden. Lange wusste man nicht, wie häufig Planetensysteme im All vorkommen und ob sie eher die Ausnahme oder die Regel sind. Erst 1995 gelang es den Schweizer Astronomen Michel Mayor und Didier Queloz zum ersten Mal, einen Exoplaneten, also einen Planten außerhalb unseres Sonnensystems, definitiv nachzuweisen. Dieser heißt »Dimidium« (oder auch 51 Pegasi b), kreist um den Stern »51 Pegasi« im Sternbild Pegasus und ist etwa 40 Lichtjahre entfernt.

Seither haben sich die Ereignisse geradezu überschlagen: Schon ein Jahr später kannte die Fachwelt mehr Exoplaneten als es Planeten in unserem Sonnensystem gibt. Zu dieser Zeit wurde ungefähr ein Exoplanet pro Monat entdeckt, heute kommen fast täglich neue hinzu. Ende Oktober 2019 waren bereits über 4000 Planeten außerhalb unseres Sonnensystems registriert. Man geht heute davon aus, dass jeder Stern unserer Milchstraße im Schnitt mindestens einen Planeten hat – insgesamt gäbe es also weit über 100 Milliarden Planeten in unserer Galaxis.

Für den zweiten Faktor ergibt sich somit ein Wert von 1 (ein Planet pro Stern).

Drake-Faktor 3: Planeten in der habitablen Zone

Flüssiges Wasser gilt in der Astrobiologie als eine der wichtigsten Bedingungen des Lebens. Damit es auf einem Planeten existieren kann, muss dieser sich in einem passenden Abstand zu seiner Heimatsonne befinden. Andernfalls verdampft oder gefriert es. Das Gebiet, in dem das gegeben ist, nennt man »habitable Zone« oder auch Ökosphäre. In unserem Sonnensystem erstreckt sie sich von rund 120 bis 220 Millionen Kilometern Entfernung zur Sonne. Die Erde liegt mittendrin (bei 150 Millionen Kilometern Distanz zur Sonne), unsere Nachbarplaneten Venus und Mars jedoch knapp davor und knapp dahinter.

Die ersten Planeten, bei denen vermutet werden konnte, dass sie in der habitablen Zone ihrer Heimatsterne liegen, wurden 1999 und 2007 entdeckt. Zuerst der Planet »HD 209458 b«, bei dem es sich um einen sogenannten »heißen Jupiter« handelt, also einen Gasplaneten mit relativ hoher Oberflächentemperatur. Einige Jahre später entdeckte man auf »HD 209458 b« Wasserdampf, sodass er als erster Exoplanet gilt, auf dem Wasser nachgewiesen wurde. Später entdeckte man auch Methan und Kohlenstoffdioxid. Dass dort Leben existiert, gilt allerdings als ausgeschlossen. Der zweite Planet in einer Ökosphäre war »Gliese 581 c«, der 2007 entdeckt wurde. Er kreist im Sternbild Waage um einen Roten Zwerg, also einen kleinen, lichtschwachen Stern und hat in etwa die fünffache Masse der Erde. Bislang konnte dort kein Wasser nachgewiesen werden. Leben gilt auf »Gliese 581 c« als nahezu unmöglich, da sein Heimatstern immer wieder hohe Dosen Röntgenstrahlung abgibt.

2011 wurde dann der erste Exoplanet gemeldet, auf dem zumindest theoretisch Leben existieren könnte: »Kepler-22b« ist rund zweieinhalbmal größer als die Erde und etwa 600 Lichtjahre entfernt. Es ist bislang nicht klar, ob es sich um einen Gas- oder einen Gesteinsplaneten handelt. Ebenfalls in der habitablen Zone befindet sich der 2015 entdeckte und 1400 Lichtjahre entfernte Exoplanet »Kepler-452b« im Sternbild Schwan. Er hat vermutlich eine feste Oberfläche, kreist um einen sonnenähnlichen Stern und könnte theoretisch Leben beherbergen.

Insgesamt hat man bis heute rund 50 Exoplaneten in der habitablen Zone ihrer Heimatsterne entdeckt. Für sie alle wird mit Daten wie Radius, Dichte oder Oberflächentemperatur ein Erdähnlichkeits­index (ESI) berechnet. Die entsprechenden Werte liegen zwischen 0 und 1, wobei 1 der Wert unserer Erde ist. Einer der bisher interessantesten Kandidaten für eine hohe Ähnlichkeit mit der Erde und damit für mögliches Leben ist der 2017 entdeckte Planet »Proxima Centauri b« mit einem ESI von 0,87. Mit einem Abstand von »nur« 4,2 Lichtjahren befindet er sich – nach kosmischen Maßstäben – in unserer unmittelbaren Nachbarschaft.

Wie oft kommt es nun vor, dass Exoplaneten in der habitablen Zone ihres Heimatgestirns liegen? Man schätzt, dass das bei bis zu zehn Prozent der Fall ist. Statistische Analysen ergaben, dass es in unserer Galaxis etwa 40 Milliarden erdähnliche Planeten in den habitablen Zonen ihrer Sterne geben könnte. Darunter elf Milliarden, die um Sonnen kreisen, die der unseren ähnlich sind. Oder kurz gesagt: gar nicht mal so wenige.

Zusätzlich könnte Leben durchaus auch außerhalb von habitablen Zonen möglich sein. Und das sogar in unserer unmittelbaren Nähe. Zum Beispiel auf dem Jupiter-Mond »Europa«, der vollständig von Wassereis bedeckt ist. Zwar herrscht dort, weit außerhalb der habitablen Zone in unserem Sonnensystem, eine Temperatur von bis zu minus 170 Grad Celsius. Aber unter der Eisschicht könnte sich, aufgrund der massiven Gravitationskräfte Jupiters, ein Ozean aus flüssigem Wasser befinden. Und darin wiederum Leben. Auch die Saturn-Monde »Titan« und »Enceladus« sind Kandidaten für Leben. Und was hier gilt, gilt natürlich auch für andere Sonnensysteme.

Wissenschaftler halten es für möglich, dass in jedem zweiten Planetensystem ein lebensfreundlicher Planet existieren könnte. Wir sind hier weitaus vorsichtiger und gehen davon aus, dass in jedem zwanzigsten Planetensystem ein Planet mit prinzipiell lebensfreundlichen Bedingungen existiert.

Daraus ergibt sich für diesen Faktor der Drake-Gleichung der Wert 0,05.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
30 temmuz 2025
Hacim:
232 s. 4 illüstrasyon
ISBN:
9783831270286
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