Kitabı oku: «Das Naturwiesland der Schweiz und Mitteleuropas»

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Bristol-Schriftenreihe Band 50


Herausgeber

Ruth und Herbert Uhl-Forschungsstelle für Natur- und Umweltschutz,

Bristol-Stiftung, Zürich

www.bristol-stiftung.ch

Andreas Bosshard

Verantwortlich für die Herausgabe

Bristol-Stiftung. Stiftungsrat: Dr. René Schwarzenbach, Herrliberg;

Dr. Mario F. Broggi, Triesen; Prof. Dr. Klaus Ewald, Gerzensee; Martin Gehring, Zürich

Managing Editor

Dr. Ruth Landolt, WSL, Birmensdorf

Adresse des Autors

Dr. Andreas Bosshard, Ö+L GmbH, Hof Litzibuch, 8966 Oberwil-Lieli

e-mail: ab@agraroekologie.ch

Layout

Jacqueline Annen, Maschwanden

Umschlag und Illustration

Atelier Silvia Ruppen, Vaduz

Fotos

Wo nicht anderes vermerkt © Andreas Bosshard

Zitierung

BOSSHARD, A., 2016: Das Naturwiesland der Schweiz und Mitteleuropas. Mit besonderer Berücksichtigung der Fromentalwiesen und des standortgemässen Futterbaus. Zürich, Bristol-Stiftung; Bern, Haupt. 265 S.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

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ISBN 978-3-258-07973-8 (Buch); 978-3-258-47973-6 (EPUB)

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Copyright © 2016 Haupt Bern

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Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim

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Abstract

Grasslands of Switzerland and Central Europe. With emphasis on Arrhenatheretum meadows and sustainable fodder production

In mountainous regions with a temperate climate, grasslands provide the most important ecosystem for agriculture and the production of milk and meat. At the same time, agriculturally used grasslands encompass a major part of Central Europe’s native biodiversity. Thus in natural grassland systems agricultural production and preservation of biodiversity are closely linked. This book shows, with a particular focus on Switzerland and Central Europe, fundamental synergies between ecology and economy, and between the production of food and landscape values of grasslands – but also considerable risks and challenges.

The first section of the book outlines the ecology, productivity, management and t ypology of Mid-European grasslands, with an emphasis on fertilised grasslands. The second section gives an encompassing overview of the genesis and history of grasslands, their use, composition and management in Central Europe. Meadows are revealed as a young ecosystem whose use was closely linked to the availability of excellent steel quality for the scythes.

Recent changes of management and botanical composition of intensively used meadows are described in detail. A new study comparing historical and current vegetation surveys in the Swiss lowlands reveals a dramatic decline of species diversity during the last six decades. In the 1950s, the most intensively managed meadows were Arrhenatherum hay meadows (Arrhenatheretum). More than 85 % of these achieved the QII standard defining meadows with “high biodiversity value”. According to a current inventory, these Arrhenatherum meadows have been almost completely replaced by species-poor, highly intensified grassland, and QII-Arrhenatherum meadows now make up less than 2 % of the permanent grassland area in the Swiss lowlands.

The third section of the book outlines perspectives, criteria, and actions for a resource-efficient, site-adapted grassland management. The actual intensity of grassland use often exceeds the optimum economically, ecologically and ethologically sustainable level. A main driving force is the aim to achieve a high output of milk per cow and unsustainably high cow densities based on huge fodder imports to the farm. In many cases, this production system generates high costs and low economic and ecological sustainability.

Based on examples, facts and figures, the book describes alternatives and gives clear prespectives for practioners, consultants and public authorities on how to achieve an economic and nature friendly grassland management adapted to the specific situation of the farm. A cost- and resource-effective milk and meat production based on natural grasslands is capable of generating more income with considerable added value with respect to the environment and biodiversity.

Keywords: agriculture, permanent grassland, productivity, resource-efficiency, economy, milk production, biodiversity decline, agricultural history, Arrhenatheretum meadow, grassland typology, sustainability, hay meadow.

Zum Geleit

Im Jahre 1987 veröffentlichte der Schweizerische Bund für Naturschutz (heute Pro Natura) ein Tagfalterbuch, worin er unter anderem festhielt, dass nur mehr 1 Prozent der Tagfalterpopulationen im Wiesland des Mittellandes im Vergleich zu den 1950er Jahren vorkommen. Diese dramatische Aussage fand erstaunlich wenig öffentliche Beachtung, obwohl sie eigentlich eine Konkursanzeige für die Schweizer Biodiversität darstellte. Ich wunderte mich auch, dass die Imker als stark Betroffene sich nicht kräftiger über solche Vielfalt-Verluste zu Wort meldeten. Der Film «More than honey» von Markus Imhoof zeigte dann im Jahre 2012 die ganze Misere weltweit auf.

Die Wiesen wurden sichtbar in den letzten Jahrzehnten immer sattgrüner, ein schweizweiter Güllegürtel löschte die bisherigen Farbtupfer mit allem was «kräucht und fleucht» aus. In diesem monokulturell genutzten Wiesland wurde es ruhig, man muss von einer beklemmenden Monotonie sprechen, die auch tierfeindlich ist. Selbst die einst häufigen Blumen wie der Wiesensalbei und die Margerite wurden auf marginale Restflächen wie zum Beispiel Wegränder reduziert. Einzig in Privatgärten sieht man manchmal noch liebevoll vom Rasenmäher verschonte «Margeriteninseln». Ein erbarmungsloses Schnitt- und ein massiv umweltschädliches Düngerregime mit hohen Ammoniakemissionen erzeugten diese «grünen Wüsten». Die schöne wie produktive traditionelle Kulturlandschaft, wurde von einer einseitigen «Produktions- und Verbrauchslandschaft» abgelöst. Auch weit über die Schweiz hinaus ist eine Verarmung, Entleerung und Vereinheitlich in grossen Produktions-Schlägen festzustellen. Das ist das Gegenteil eines an sich anzustrebenden Zustandes, weil die meisten Menschen sich eine vielfältige, strukturreiche Landschaft wünschen. Die Art und Weise der landwirtschaftlichen Produktion ist keinesfalls nur eine landwirtschaftliche Angelegenheit. Dieser getätigte Raubbau an der Biodiversität wird ja vom Steuerzahler massiv mit jährlichen Direktzahlungen im Milliardenbereich finanziert. Diese Mittel fliessen zudem unter dem Mantel der Landschaftspflege.

Andreas Bosshard greift nun die Wieslandfrage aus ökologischer und ökonomischer Sicht auf breiter Front auf. Die vorliegenden Erhebungen belegen mit Akribie oben Gesagtes und Beobachtetes. Wiederum ist analog zu den Tagfaltern von nur mehr einem Prozent der einstigen Vorkommen bunter Blumenwiesen die Rede. Auch die ökologischen Ausgleichsflächen erfüllen mehrheitlich nicht die Erwartungen bezüglich Artenvielfalt. Man muss in den landwirtschaftlichen Gunstlagen von einer Bankrotterklärung für die Naturanliegen sprechen, weil der verlangte ökologische Ausgleich die Erwartungen qualitativ und quantitativ nicht erfüllen kann.

Andreas Bosshard zeigt aber auch auf, dass sich diese Blumenwiesen nicht allein als Ökoflächen erhalten und fördern lassen. Sie müssen wieder Bestandteil einer produktiven, nutzungsorientierten, standortsgerechten Landwirtschaft sein. Das Erstaunliche dabei: Eine solche Landwirtschaft wäre offenbar auch wirtschaftlicher. Nur dank einem international einzigartig hohen Geldmittelfluss von der öffentlichen Hand konnte sich eine derart intensive, gleichzeitig zu teure wie naturfeindliche Landnutzung in der Schweiz überhaupt entwickeln und halten. Weniger wäre offenbar deutlich mehr.

Hierfür werden die Empfehlungen abgegeben, wie der Futterbau angegangen werden müsste. Diese Arbeit ist ein Weckruf, die Gier nach immer mehr zu hinterfragen und sich ökonomisch wie ökologisch wieder auf ein nachhaltiges Mass der Landnutzung zurückzubesinnen. Dies zum Wohl von uns allen, Mensch, Tier und Pflanze, und nicht zuletzt von den Bauernfamilien selber.

Mario F. Broggi

Stiftungsrat Bristol-Stiftung, Zürich

Das Grünland ist ein vom Menschen geschaffenes Ökosystem und unterliegt deshalb in besonderem Masse dem allgemeinen gesellschaftlichen Wandel. Das wird im Wiesenbuch von Andreas Bosshard in eindrücklicher Weise dargelegt. Besonders die historischen, pflanzensoziologischen und wiesenökologischen Kapitel stellen viel Wissen zusammen, das bisher nicht allgemein zugänglich war. Am Beispiel der Fromental-Wiesen wird aufgezeigt und naturwissenschaftlich begründet, wie sich die Artenvielfalt in den letzten Jahrzehnten verändert hat.

Im Wiesenbuch werden der starke Rückgang der Fromental-Wiesen und insbesondere deren Artenvielfalt beklagt und der Eindruck erweckt, dass dafür vor allem eine Fehlentwicklung in der Landwirtschaftspolitik verantwortlich ist. Diese Einschätzung ist eine etwas einseitige Sichtweise und wird der Realität zu wenig gerecht. Zwar ist der Artenrückgang im Grünland des schweizerischen Mittellands eine Tatsache, doch war, ist und bleibt die Hauptfunktion die Produktion von wertvoller Nahrung. Dies geschieht einerseits über die Veredelung von Wiesenfutter via Wiederkäuer zu Milch und Fleisch oder durch Steigerung der Bodenfruchtbarkeit im Wechsel mit dem Ackerbau. Die unumgängliche Steigerung der Produktion wäre ohne einen gewissen Verlust an Biodiversität und Strukturreichtum nicht möglich gewesen.

Die sogenannten Fruchtfolgeflächen, die sowohl als Wiesen und Acker genutzt werden, sind vor allem im Schweizer Mittelland konzentriert. Seit 1900 hat eine gewaltige Veränderung der Kulturlandschaft und ihrer Nutzung stattgefunden: das Bevölkerungswachstum hat um 253 Prozent zugenommen. Es ist eine Wohlstandsgesellschaft mit hohem Mobilitätsbedürfnis entstanden, die sich nicht gross um den masslosen Bodenverschleiss für den Siedlungs- und Strassenausbau gekümmert hat. Zum Opfer gefallen ist vor allem die produktive landwirtschaftliche Nutzfläche. Das Ackerland ist in den letzten dreissig Jahren pro Kopf um ein Drittel gesunken und liegt nur noch bei 500 m2 pro Einwohner – das ist ein Viertel des internationalen Durchschnitts. Mindestens so wichtig wie eine nachhaltige, standortgemässe, differenzierte Nutzung des Wieslandes ist deshalb der absolute Schutz der verbliebenen Flächen vor weiterer Überbauung, aber ebenso die weitere Flächenaufgabe im Berggebiet.

Weite Teile des Schweizer Mittellands gehören zu den privilegiertesten Grünland-Gunstlagen der Welt. Dank den sicheren und gut verteilten Sommerniederschlägen wächst hier bestes Gras in grossen Mengen, das sich hervorragend für die Milchproduktion eignet. Die Veredelung von Wiesenfutter zu Nahrung ist über die Milch um ein Mehrfaches effizienter als über Fleisch. Entsprechend ist es richtig, wenn im Wiesenbuch vor allem die Milchproduktion im Fokus der Betrachtungen steht. Es ist Andreas Bosshard gelungen, gerade hier wichtige Zusammenhänge aufzuzeigen und die aktuelle Entwicklung der Schweizer Milchproduktion und Viehzucht in ein kritisches Licht zu stellen. Das entsprechende Kapitel im Wiesenbuch ist besonders wertvoll und eine anerkennenswerte transdisziplinarische Leistung.

Möge das Wiesenbuch von Andreas Bosshard dazu beitragen, den richtigen Weg zur nachhaltigen Nutzung unserer vom Grünland geprägten Kulturlandschaft zu finden. Als Antithese zur heutigen Realität liefert es viele wertvolle Impulse und Denkansätze.

Peter Thomet

ehemaliger Professor für Grünlandlehre, Futterbau und Milchproduktion an der Hochschule für Agrar- Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) und ehemaliger Präsident der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Futterbaues (AGFF)

Inhalt

Abkürzungen


BFF Biodiversitätsförderfläche, s. Kap. 1.2.2
DZV Direktzahlungsverordnung
ECM Energiekorrigierte Milch
ha Hektare
LN Landwirtschaftliche Nutzfläche
MJ Mega-Joule
NEL Netto Energie Laktation
ÖLN Ökologischer Leistungsnachweis gemäss DZV
ÖQV Öko-Qualitätsverordnung (erstmals Schweizerischer Bundesrat 2001)
QII Biodiversitäts-Qualitätsniveau II gemäss DZV, s. Kap.1.2.2
TS Trockensubstanz

Vorwort und Dank

Anstoss zu diesem Buch gab eine Untersuchung über die Entwicklung der Fromentalwiesen in der Schweiz. Fromentalwiesen werden die Fettwiesen der Tallagen genannt. Sie stellten bis in die 1950er Jahre den am intensivsten genutzten Wiesentyp dar, der grosse Teile des Wieslandes einnahm und das Rückgrat der Futterproduktion bildete. Die Resultate des Projektes waren für alle Beteiligten überraschend. Der damalige Fettwiesentyp ist praktisch verschwunden. Er würde heute zu den artenreichen Wiesen zählen. Selbst Ökowiesen erreichen hinsichtlich der Artenvielfalt grossenteils nicht mehr das Niveau, welches in den Fettwiesen noch um 1950 alltäglich war. Offenbar ist es im «Alltagswies-land» während den vergangenen fünf bis sechs Jahrzehnten zumindest in den tieferen Lagen der Schweiz zu einem eigentlichen Zusammenbruch der Biodiversität gekommen, der viel weiter geht als bisher angenommen, und der bis heute lediglich ganz punktuell untersucht und dokumentiert ist.

Die Recherchen machten auch die Diskrepanz deutlich zwischen der umfangreichen Literatur zum extensiven, heute prioritär im Hinblick auf Naturschutzaspekte bewirtschafteten Wiesland und der ökologisch sehr geringen Beachtung, welche das gedüngte Spektrum des Wieslandes seit den 1950er Jahren erfahren hat. Insbesondere botanisch und pflanzensoziologisch wurde der gedüngte Bereich kaum bearbeitet. Das agronomische Interesse war dagegen seit den 1950er Jahren ganz auf den intensiv genutzten Bereich gerichtet und ermöglichte eine wesentliche Steigerung der Erträge und der Nutzungsintensität.

Die polarisierte Interessenlage hatte zur Folge, dass die mittelintensiv und wenig intensiv genutzten Wiesen quasi durch die Maschen der Aufmerksamkeit fielen. Diese Lücke sollte das Fromentalwiesenprojekt füllen, und hier setzt das vorliegende Buch entsprechend einen Schwerpunkt. Denn gerade diese Wiesentypen spielen flächenmässig und vom Produktionspotenzial her eine wichtige Rolle für die standortgemässe, effiziente Wieslandnutzung, aber auch für die Biodiversität in der offenen Kulturlandschaft.

Wie das Wiesland genutzt wurde und in Zukunft genutzt wird, ist letztlich immer die Folge von individuellen Entscheidungen auf dem einzelnen Landwirtschaftsbetrieb. Diese Entscheide lassen sich nur verstehen aus einer gesamtbetrieblichen Perspektive. Produktion, Wirtschaftlichkeit, Artenvielfalt, persönliche Interessen der Bauernfamilie, die auf dem Hof gehaltenen Raufutterverzehrer, äussere Rahmenbedingungen und viele weitere Aspekte gehören auf dem Hof auf’s Engste zusammen. Das komplexe Zusammenspiel macht die ganz bestimmte Bewirtschaftung des Wieslandes letztlich im Konkreten erst nachvollziehbar. Das Verständnis, wie das Wiesland und der Futterbau in den Gesamtbetrieb eingebettet ist, ist damit die Voraussetzung für eine erfolgsversprechende Suche nach Lösungen im Sinne eines nachhaltigen, standortgemässen Futterbaus. Die betriebliche Perspektive, vor allem auch die enge Verbindung des Wieslandes mit der Milch- und Fleischproduktion, nehmen deshalb im Buch einen wichtigen Stellenwert ein. Die langjährige Beschäftigung in der landwirtschaftlichen Beratung und in der ökologisch-futterbaulichen Planung und Forschung kamen dem Vorhaben eines umfassenderen Überblicks eines ganzheitlich orientierten Futterbaus entgegen.

Ein solches Vorhaben ist anspruchsvoll. Zweifellos sind viele Ausführungen ergänzungsbedürftig. In diesem Sinne soll das Buch Anregungen geben, diesen Ergänzungsbedarf in Forschung, Beratung und Praxis aufzugreifen und so der Nachhaltigkeit im Futterbau wieder vermehrt Gewicht zu geben.

Das Fromentalwiesenprojekt wurde in grosszügiger Weise durch die Bristol-Stiftung, Pro Natura und die Temperatio-Stiftung unterstützt. Diesen Institutionen gilt mein besonderer Dank. Die Bristol-Stiftung regte die Ausarbeitung der Resultate in Buchform an und finanzierte den Druck.

Herzlichen Dank schulde ich den verschiedenen Fachexperten, die zu einzelnen Kapiteln wesentliche Hinweise beisteuerten, insbesondere Peter Thomet, Hans Ulrich Gujer, Jodok Guntern, Frank Klötzli, Georg Grabherr, Alois Kapfer, Peter Moser und Thomas Walter. Besonders danke ich Mario Broggi und Ruth Landolt von der Bristol-Stiftung für das konstruktive und sorgfältige Lektorat des Buches, ebenso Jacqueline Annen für die Gestaltung der zahlreichen neuen Grafiken und des Layouts. Bei den Feldarbeiten und deren Auswertungen halfen verschiedene Mitarbeiter von Ö+L GmbH mit. Erwähnen möchte ich namentlich Isabelle Nussbeck-Stähli, die viele der Vegetationsaufnahmen durchgeführt hat, und Lina Kamleiter, die mit ihrer Diplomarbeit wichtige Resultate zum Projekt beisteuerte.

Nicht zuletzt danke ich meiner Familie für den Freiraum, den sie mir gewährte, um das Buch fertig zu stellen.

Andreas Bosshard

Zusammenfassung und Überblick

Das Buch gibt einen Überblick über Ökologie, Produktivität, Nutzung, Ökonomie, Typologie und Geschichte des Wieslandes Mitteleuropas, mit einem Schwerpunkt beim produktionsorientiert genutzten, gedüngten Wiesland in der Schweiz.

Im Teil A wird das komplexe Zusammenspiel von Standort, Pflanzenbestand und Nutzung des Wieslandes mit übersichtlichen Grafiken und an konkreten Beispielen anwendungsorientiert verständlich gemacht. In einem eigenen Kapitel werden die Wiesentypen der Schweiz, insbesondere des gedüngten Spektrums, im Detail beschrieben und erstmals ein quantitativer, reproduzierbar und damit ohne gutachterisches Vorwissen anwendbarer Bestimmungsschlüssel für die Zuordnung, Bewertung und Kartierung aller landwirtschaftlich wichtigen Wiesentypen präsentiert. Ausführlich wird auf das Ertragspotenzial der verschiedenen Wiesentypen und auf die Möglichkeiten und Faktoren einer wirtschaftlich optimierten, ressourcenschonenden, standortgemässen Nutzung eingegangen. Die Eigenschaften und Bedürfnisse der Raufutterverzehrer spielen dabei für eine nachhaltige Milch- und Fleischproduktion eine zentrale Rolle

Teil B widmet sich der bewegten Geschichte des Wieslandes und des Futterbaus. Das Wiesland in der heutigen Form ist eines unserer jüngsten Ökosysteme. Bis heute fehlt jedoch eine «Wiesengeschichte» Mitteleuropas von der Naturlandschaft bis zu den modernen 6-Schnittwiesen in einer Überschau, welche sowohl die Entwicklung der Nutzung wie diejenige der Pflanzenbestände und ihrer Produktivität umfasst.

Die Auswertung zahlreicher Quellen ermöglichte eine teilweise neue Sicht auf die Entstehungsgeschichte des Wieslandes und ihre treibenden Kräfte. So scheint die Herkunft der Wiesland-Pflanzenarten, wie sie bisher hauptsächlich vertreten wurde, teilweise revisionsbedürftig. Ebenso ist bisher die Entstehung der Mähwiesen kaum aufgearbeitet worden. Eigentliche Mähwiesen haben sich erst im Spätmittelalter mit der Verfügbarkeit neuer Stahlqualitäten aus den antiken Nutzungsformen des Wald-Weide-Kontinuums herausentwickelt. Doch dauerte es nochmals fast 1000 Jahre, bis die Mähnutzung im 19. Jahrhundert so schlagkräftig wurde, dass zusammen mit revolutionären Neuerungen im Ackerbau (Einführung der Leguminosen in die Fruchtfolge) die notorische Knappheit an Winterfuttur erstmals in der Geschichte der Viehhaltung überwunden werden konnte und Mähwiesen zur heutigen Dominanz gegenüber dem Weideland gelangten. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch die früher allgegenwärtige Frühlingsweide aufgegeben – ein bisher stark unterschätzter, für das Verständnis der Biodiversität im Wiesland zentraler Faktor.

Bis heute sind Wiesland und Ackerbau aufs engste miteinander verflochten. Doch die Art und Weise unterlag einem grundlegenden Wandel. Fast ein Jahrtausend lang war das Wiesland «die Mutter des Ackers»: Seine prioritäre Funktion war nicht die Ernährung des Viehs zur Produktion von Milch und Fleisch, sondern von Dünger, der die unumgänglichen Nährstoffe für den Ackerbau lieferte. Denn nur der Ackerbau konnte die zunehmende Bevölkerung Mitteleuropas ernähren. Die Rolle des Wieslandes kehrte sich im 20. Jahrhundert komplett um. Die Milch- und Fleischproduktion baute zunehmend auf den Einsatz von Kraftfutter aus Getreide, Mais, Soja und anderen Ackerfrüchten. Selbst Landwirtschaftsbetriebe in Grünlandregionen importierten und importieren zunehmend hohe Mengen an Kraftfutter aus Ackerland auf ihren Betrieb, teils aus weit entfernten Weltgegenden. Dadurch nahm der Hofdüngeranfall auf den Betrieben entsprechend stark zu. Heute findet über den Futtermittelzukauf ein massiver Nährstofffluss vom Acker- ins Wiesland statt. Dieser ist die treibende Kraft hinter der Intensivierung der Wieslandnutzung Mitteleuropas in den vergangenen Jahrzehnten und für zahlreiche Umweltprobleme, und er ist in einigen Regionen für die grossflächige futterbauliche und ökologische Degeneration von Pflanzenbeständen im Wiesland verantwortlich.

Besonders betroffen von dieser Entwicklung waren die Fromentalwiesen, die im Rahmen des «Fromentalwiesenprojektes» Anlass zu diesem Buch gaben. Die Fromentalwiesen (Glatthaferwiesen) waren bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts der häufigste und zugleich produktivste Wiesentyp auf den guten Böden in den tieferen Lagen Mitteleuropas. Als leicht gedüngte, blumenreiche Fettwiesen waren sie noch in den 1950er Jahren das Rückgrat der Futterproduktion in der Schweiz und in Mitteleuropa.

Die fast unbegrenzte Verfügbarkeit von Kunstdünger, der zunehmende Zukauf von Futtermitteln auf den Hof, und eine exponentiell voranschreitende Mechanisierung im Futterbau brachten die Fromentalwiesen zwischen 1950 und 1970 praktisch zum Verschwinden. Kein anderer Lebensraum in der Schweiz ist so dramatisch zurückgegangen. Heute sind 90 Prozent der verbliebenen Fromentalwiesenrelikte botanisch stark verarmt. Mehr oder weniger typische Fromentalwiesen nehmen in der Schweiz durchschnittlich gerade noch rund ein oder zwei Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche ein, zumeist auf kleine Restflächen zurückgedrängt, die an sich gar keine typischen Fromentalwiesenstandorte sind.

An die Stelle der damaligen Fettwiesen sind ertragreichere, aber im Hinblick auf die Biodiversität massiv verarmte Intensivwiesen getreten. Viele ehemals typische und weit verbreitete Pflanzenarten, darunter viele attraktive Wiesenblumen wie Margeriten, Salbei, Glockenblumen oder Flockenblumen, wurden auf Restflächen zurückgedrängt. Heute erreicht in der Schweiz nur noch ein Bruchteil selbst der Ökowiesen die Pflanzenartenvielfalt, welche in den Fettwiesen um 1950 alltäglich war.

Noch stärker waren die Auswirkungen dieser Entwicklung auf die Wieslandfauna. Praktisch alle Tiergruppen, deren Verbreitungsschwerpunkt noch bis in die 1950er Jahre in den Fromentalwiesen lag und die einen Grossteil zur Artenvielfalt der Kulturlandschaft beitrugen, finden in den heutigen Intensivwiesen keine Überlebensmöglichkeiten mehr. Dazu gehören Heuschrecken, Tagfalter, vegetationsbewohnende Spinnen oder bodenbrütende Vogelarten. Ihre Individuenzahlen sind im Wiesland der tieferen Lagen in den letzten 100 Jahren auf noch rund 1 Prozent der damaligen Bestände zusammengebrochen. Bei einigen Tiergruppen sind grossflächig typische Wieslandarten ganz ausgestorben.

Im dritten Teil des Buches (Teil C) wird der Frage nachgegangen, welche Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten heute für einen wieder ressourcenschonenderen, standortgemässeren Futterbau existieren und wie beziehungsweise ob sich dieser mit der hohen Bedeutung des Futterbaus für die Erhaltung der Biodiversität Mitteleuropas, aber auch mit wirtschaftlichen Gesichtspunkten vereinbaren lässt. Umfangreiches Zahlenmaterial weist darauf hin, dass die heutige Nutzungsintensität im Wiesland den wirtschaftlich, ökologisch und für das Tierwohl optimalen Punkt teils bereits deutlich überschritten hat. Dies unabhängig von der Produktionsrichtung, denn der Bioanbau unterscheidet sich im Futterbau nur unwesentlich von der «konventionellen» Landwirtschaft. Ein Schlüsselelement für das Verständnis der Entwicklung und gleichzeitig auch für mögliche Lösungsansätze sind die kritisch zu hinterfragenden, immer höheren Milchleistungen.

Eine der treibenden Kräfte hinter dieser Entwicklung ist die Industrie, welche allein an der Schweizer Landwirtschaft jedes Jahr Milliarden abschöpft, während die Bauern mit der Rindviehhaltung nicht nur nichts mehr verdienen, sondern sogar ein negatives Einkommen generieren. Nur dank den hohen Direktzahlungen vom Staat und einem starken Grenzschutz geht die Rechnung Ende Jahr für die Bauernfamilien noch auf.

Doch es gibt im Hinblick auf eine ressourceneffiziente Wiesennutzung und die Biodiversität im Wiesland auch Lichtblicke. So wurden in den letzten 15 Jahren in der Schweiz mithilfe von Förderprogrammen des Bundes und einiger Kantone Hunderte Hektaren artenreicher Wiesen neu angesät. Damit konnte eine Trendwende im Rückgang der Fromentalwiesen erreicht werden. Mit der aktuellen Reform der Agrarpolitik kamen ab 2014 neue Anreizprogramme dazu, welche die Ressourceneffizienz der Wieslandnutzung verbessern oder den Kraftfuttereinsatz reduzieren helfen können. Seit einigen Jahren werden zudem die Stimmen aus der Forschung und von praktizierenden Landwirten immer prominenter, welche die Hochleistungsstrategie in der Milchproduktion, die für viele der gravierenden wirtschaftlichen und ökologischen Probleme im Futterbau verantwortlich ist, in Frage stellen und mit neuen Wegen in Richtung raufutterbasierter Produktion experimentieren – mit eindrücklichen Win-Win-Effekten.

Aus den dargestellten Fakten und Erfahrungen werden Schlussfolgerungen gezogen, wie ein zukunftsfähiger, die Produktionsbasis erhaltender und fördernder Futterbau auf dem Landwirtschaftsbetrieb und in der übergeordneten Planung aussehen kann. Eine Checkliste, welche ökonomische, futterbauliche, energetische und ökologische Gesichtspunkte miteinbezieht, ermöglicht die Identifikation von gezielten Optimierungsmöglichkeiten im konkreten Einzelfall eines landwirtschaftlichen Betriebes.

Bei einer standortangepassten, differenzierten Wieslandnutzung haben Fromentalund Goldhaferwiesen, also die Fettwiesen der Landwirtschaft bis in die 1950er Jahre, weiterhin einen wichtigen Stellenwert. Sie lassen sich nicht allein als Ökoflächen erhalten und fördern, sondern müssen wieder Bestandteil einer produktiven, nutzungsorientierten, standortgerechten Landwirtschaft werden.

Die Fakten und Beispiele zeigen, dass Ökologie und Ökonomie, Biodiversität und Produktion, Nachhaltigkeit und landwirtschaftliches Einkommen keine Gegensätze sind, sondern im Wiesland Mitteleuropas auch unter den heutigen Bedingungen über weite Strecken in Einklang stehen oder stehen würden, ja mehr noch: unabdingbar zusammen gehören.

Teil A
Ökologische und futterbauliche Grundlagen

Naturwiesen sind ein faszinierendes Zusammenspiel von Kultur und Natur, von Nutzung und Biodiversität. Naturfutterbau ist die einzige landwirtschaftliche Produktion, die fast ausschliesslich Pflanzen der einheimischen Flora nutzt. Ebenfalls im Gegensatz zu allen anderen landwirtschaftlichen Kulturen ist ihre Produktivität nicht durch einzelne Arten, sondern immer durch eine Gemeinschaft zahlreicher verschiedener Pflanzenarten gewährleistet. Das komplexe Zusammenwirken der Vielfalt an Pflanzen-, Tier-, und Mikrooganismenarten zu verstehen und langfristig produktiv zu nutzen, ist eine ebenso anspruchsvolle wie interessante Herausforderung. Im Gegensatz zu anderen landwirtschaftlichen Produktionssystemen wie Ackerbau, Gemüse- oder Obstbau, die auf Monokulturen aufbauen, sind die Möglichkeiten manipulativer Eingriffe, beispielsweise durch Pestizide oder Ansaaten, im Wiesland begrenzt und wirken meist nicht nachhaltig. Teil A vermittelt einen Überblick über die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Standort, Nutzung und Pflanzenbestand im Wiesland und den daraus resultierenden Steuerungsmöglichkeiten.


Abb. 1. Wiesenlandschaft im Zürcher Oberland (CH), geprägt von einem vielfältigen, vergleichsweise noch kleinräumigen Futterbau.

1 Einführung
1.1 Entstehung, Ziele und Bedeutung des heutigen Naturfutterbaus

In den letzten Jahren des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts umreissen STEBLER und SCHRÖTER (1892) erstmals und mit grosser Klarheit zentrale Fragestellungen, die bis heute Landwirtschaft, Naturschutz und Wissenschaft in Bezug auf das Wiesland der Schweiz und in anderen Ländern mit gemässigtem Klima beschäftigen:

«Wir wollen versuchen, die verschiedenen Arten der Wiesen unseres Landes nach der botanischen Zusammensetzung ihres Rasens zu charakterisieren und nachzuweisen, unter welchen Bedingungen jede Wiesenart auftritt, und welchen landwirtschaftlichen Wert sie besitzt. Als freilich noch fernab liegendes Endziel solcher Untersuchungen schwebt uns das vor: für jede natürliche und künstliche Kombination der Bedingungen (Boden, Feuchtigkeit, Höhenlage, Klima, Kultur) die entsprechende, mit Notwendigkeit sich einstellende Wiesenform angeben, oder umgekehrt, aus der vorhandenen Wiesennarbe den Grad der Kultur, den quantitativen und qualitativen Ertrag und die natürlichen Bedingungen ablesen zu können, – endlich noch: für eine gegebene Kombination natürlicher und wirtschaftlicher Faktoren die geeignetste und ertragreichste Wiesenform aufzuweisen.»

Nicht verändert hat sich auch die herausragende Bedeutung des Futterbaus und des Wieslandes für die Schweizer Landwirtschaft und Landschaft. Bis heute sind die Wiesen das Rückgrat der Primärproduktion und ebenso der Biodiversität und der Landschaft (Abb. 1 und Exkurs 1). Wiesland macht drei Viertel der landwirtschaftlich genutzten Fläche der Schweiz aus und gut ein Drittel der Landesfläche (Abb. 2). Die Schweiz ist ein Grasland wie nur wenige andere Länder; sowohl die Erträge wie die Artenzahlen unserer Naturwiesen erreichen im weltweiten Vergleich Spitzenwerte.

Der Naturfutterbau nimmt im landwirtschaftlichen Produktionssystem nicht nur hinsichtlich der Flächenausdehnung in der Schweiz und in anderen Berg- und Hügelregionen mit gemässigtem Klima eine Sonderstellung ein:

– Der Naturfutterbau ist der einzige bedeutsame landwirtschaftliche Produktionszweig der gemässigten Zonen, welcher ausschliesslich oder zumindest zum allergrössten Teil auf der natürlichen Artenvielfalt basiert und diese nutzt. Alle anderen landwirtschaftlichen Produktionszweige wie Ackerbau, Gemüsebau oder Obstbau nutzen demgegenüber gezielt eingeführte beziehungsweise angebaute Zuchtsorten.

– Damit trägt der Naturfutterbau durch die Nutzung selber, sofern sie standortangepasst und differenziert erfolgt, massgeblich zur Erhaltung und Förderung der natürlichen Biodiversität bei.

– In Mitteleuropa kommt dem Naturfutterbau aufgrund der hohen Flächenanteile und des hohen Anteils an Arten, die fast oder ganz ausschliesslich im landwirtschaftlich genutzten Wiesland vorkommen, wohl die wichtigste Rolle überhaupt für die Erhaltung der Biodiversität zu – und damit auch eine besonders hohe Verantwortung.

– Im Naturfutterbau gewährleistet immer eine Gemeinschaft zahlreicher Pflanzenarten die Ertragsbildung, während der übrige landwirtschaftliche Pflanzenbau auf Monokulturen oder Wenig-Arten-Gemischen basiert. Dies erfordert in verschiedener Hinsicht grundlegend unterschiedliche Strategien und Methoden.


Abb. 2. Anteil des Wieslandes (hellgrau hinterlegt) in Bezug auf die Flächennutzung der Schweiz. Naturwiesen und Weiden bedecken knapp 60 Prozent der Landwirtschaftlichen Nutzfläche LN (bei welcher die Alpweiden nicht eingerechnet werden) beziehungsweise knapp drei Viertel der landwirtschaftlich genutzten Fläche der Schweiz (d. h. inkl. Alpweiden). Gesamtfläche der Schweiz: 4128 498 ha, davon Landwirtschaftliche Nutzfläche 1051 183 ha (2014). Quelle: BLW 2015c/BFS. Zur zeitlichen Entwicklung der Flächenanteile siehe Kapitel 6.9.5.

– Ebenfalls im Gegensatz zu praktisch allen anderen landwirtschaftlichen Kulturen kommt der Naturfutterbau bei sachgemässer Praxis ohne Pestizide und ohne weitere zugeführte Hilfsstoffe aus.

– Und schliesslich haben die Naturwiesen eine wichtige, das Ökosystem stabilisierende Wirkung, beispielsweise als Erosionsschutz oder als potenziell massgebliche CO2-Senke.

Mit diesen besonderen Eigenschaften hat der Naturfutterbau eine Zwischenstellung inne zwischen natürlichen und anthropogenen Ökosystemen und ist, bei nachhaltiger Praxis, ein Paradebeispiel für die Multifunktionalität, das heisst den Mehrfachnutzen eines landwirtschaftlichen Anbausystems.

Die multifunktionale Sonderstellung zwischen Natur und Kultur bringt viele Chancen für Praxis, Beratung und Forschung aber auch besondere Herausforderungen:

– Naturfutterbau ist komplex. Denn nicht allein für eine einzelne Art oder Sorte müssen möglichst gute Wuchsbedingungen geschaffen werden, sondern für ein Gefüge zahlreicher Arten – und dies nicht nur über eine Saison wie im Ackerbau, sondern langfristig über viele Jahre. Forschungsfragen ebenso wie Korrekturmöglichkeiten nach dem Prinzip «eine Ursache – eine Massnahme» und entsprechende einfach anwendbare Rezepte und Korrekturmöglichkeiten sind die Ausnahme.

– Der sich entwickelnde Pflanzenbestand von Naturwiesen variiert von Standort zu Standort und je nach Nutzungsweise, in Abhängigkeit von den lokal vorhandenen Arten und vom Lokalklima in hohem Masse. Aus dieser Vielzahl von einwirkenden Faktoren ergibt sich eine – überschaubare – Anzahl verschiedener Wiesentypen mit unzähligen Mischformen. Resultate oder Erfahrungen, die an einem Ort gewonnen worden sind, lassen sich deshalb nur beschränkt auf andere Standorte oder anders genutzte Pflanzenbestände übertragen. Auch dies macht den Naturfutterbau für Forschung und Praxis anspruchsvoll. Empfehlungen und richtiges Handeln sind oft nur auf der Basis langjähriger Erfahrungen oder ausgedehnter Versuche unter verschiedenen Bedingungen möglich.

Die Futterbauforschung in der Schweiz hat sich mit diesen Besonderheiten intensiver und ganzheitlicher als in vielen anderen Ländern auseinandergesetzt (Exkurs 1). Vor allem unter dem Einfluss angelsächsischer Forschung wurde in vielen Ländern der Naturfutterbau grundsätzlich in Frage gestellt bezeihungsweise nur noch unter dem Aspekt des Kunstfutterbaus weiter vertieft. Kunstfutterbau ist quasi die ackerbauliche Form des Futterbaus und erfordert einen viel höheren Grad an Interventionen und stofflichen Inputs. Beim Kunstfutterbau wird die bestehende Vegetation eliminiert, um Reinsaaten oder Wenig-Arten-Gemische mit Zuchtsorten zu etablieren. Diese sollen für ein oder wenige Jahre einen möglichst hohen Ertrag bringen, um dann wieder einer Neuansaat Platz zu machen.

In der Schweiz, aber auch in Österreich und in den höher gelegenen Regionen im übrigen Mitteleuropa, ist der Naturfutterbau aus topographischen und klimatischen Gründen bis heute die vorherrschende Futterbaumethode geblieben. Sein Ziel ist eine nachhaltige, produktive Nutzung des bestehenden, natürlichen Pflanzenbestandes.

In der Schweiz haben praxisorientierte Forscher wie Walter Dietl von der Forschungsanstalt Zürich-Reckenholz dem Futterbau bis weit über die Landesgrenze hinaus wichtige Impulse verliehen. Sie haben eine differenzierte, an der landwirtschaftlichen Praxis orientierte Methodik geschaffen, mit welcher Naturwiesen typisiert und futterbaulich hinsichtlich Ertrag, Ertragsfähigkeit und Nutzungsweise beurteilt und gegebenfalls verbessert werden können. Dieser Ansatz wurde in unzähligen Forschungsprojekten, vor allem aber in praxisorientierten Kartierungen, in Alpplanungen, bei Landumlegungen oder bei Betriebsberatungen angewandt und weiterentwickelt. In Deutschland und Österreich waren und sind insbesondere die Forschungsanstalten Aulendorf und Gumpenstein führend und haben mit vielen zukunftsweisenden Versuchen zum Verständnis des Produktionssystems Naturwiesland beigetragen.

Allerdings hat sich in der Wissenschaft das Interesse am Naturfutterbau in den letzten zwei Jahrzehnten in der Schweiz und in den umliegenden Ländern verschoben in Richtung einer vermehrt auf Einzelarten und damit auf Methoden des Kunstfutterbaus fokussierten Forschung und Praxis. Auch in der Beratung stehen heute «ackerbauliche» Methoden zur Steuerung der Bestandesentwicklung im Vordergrund. Statt mittels Nutzungs- und Pflegemassnahmen auf der Basis der vorhandenen Arten den Bestand in die gewünschte Richtung zu lenken, werden Bewirtschaftungsfehler immer häufiger mit Übersaaten von Handelssaatgut, mithilfe von Wiesenumbruch und Neuansaaten, durch Herbizide zur Bekämpfung unerwünschter Arten oder zur Erneuerung des ganzen Bestandes zu korrigieren versucht. Diese Entwicklung bedeutet für die Landwirte oft höhere Kosten, weil sie damit das Potenzial der – kostenlosen – Ökosystem-Dienstleistungen der Naturwiesen übergehen und durch mehr oder weniger teure technische Eingriffe ersetzen.

Ausserdem bringt dieser Wandel auch weitreichende ökologische Nachteile mit sich. So ist meist ein erhöhter Ressourcenverbrauch die Folge (Pflugeinsatz, Saatgutkosten, Pestizideinsatz usw.). Vor allem aber wird die vorhandene genetische Vielfalt auf Artenwie auf Ökotypenniveau durch die Neu- und Übersaaten zurückgedrängt. Naturwiesen, in welchen standörtlich über Jahrzehnte oder Jahrhunderte angepasste Ökotypen wichtiger Futterpflanzen nicht durch Einsaaten mit Zuchtsorten «eingekreuzt» worden sind, werden immer seltener. Die vielfältige Genetik der Futterpflanzen mit den spezifischen Eigenschaften der Ökotypen wie Trockenheitsresistenz oder Anpassung an Höhenlagen geht damit zunehmend verloren. Die entsprechende Genetik steht dann auch der Züchtung nicht mehr als Ausgangsmaterial zur Verfügung (Exkurs 1). Aus diesem Grunde wurden vom Bundesamt für Landwirtschaft in den letzten Jahren im Rahmen des Nationalen Aktionsprogramms Pflanzengenetische Ressourcen (NAP-PGREL) Projekte lanciert zur gezielten Erhaltung von Naturwiesen, die solche «ursprünglichen» Ökotypen noch aufweisen (WEYERMANN 2007; BOSSHARD et al. 2009).

Angesichts der zentralen Bedeutung für die mitteleuropäische Landwirtschaft und im Besonderen für die Schweiz muss in Zukunft dem Naturfutterbau als eigenem Produktionszweig in Forschung, Ausbildung und Beratung wieder mehr Beachtung geschenkt werden. Dazu soll das vorliegende Buch einen Beitrag leisten.

Exkurs 1

Naturfutterbau: Hindernis für die Industrialisierung der Landwirtschaft

Welchem Druck der Naturfutterbau im Zuge der Industrialisierung der Landwirtschaft vor allem im angelsächsisch geprägten Ausland ausgesetzt war, und welchen verhältnismässig moderaten Weg die Schweiz bisher eingeschlagen hat, zeigt folgendes Zitat eindrücklich. Es stammt aus der Rede des emeritierten, langjährigen Futterbauprofessors der ETH Zürich, Joseph Nösberger, welche er 2009 zum 75-jährigen Jubiläum der schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für den Futterbau AGFF hielt.

«In Europa begann Ende der fünfziger, anfangs der sechziger Jahre ein sehr starker Trend zur Maximierung der Erträge der Naturwiesen und Kunstwiesen. Jede technische Möglichkeit sollte hierfür ausgenützt werden. Der Handel bot neue Herbizide an, die es ermöglichten die Kräuter und Leguminosen in den Naturwiesen zurückzudrängen oder lieber noch zu eliminieren. Gleichzeitig stieg das Angebot an billigen Stickstoffdüngern. Damit waren zwei wichtige Voraussetzungen für eine kurzfristige Maximierung der Erträge gegeben.

Das Motto lautete: «Make of the grass a crop». Ich erinnere mich noch gut an eine Exkursion während einer Europäischen Futterbautagung in Chur. William Davies, der damalige Direktor eines englischen Forschungsinstitutes für Futterbau beurteilte die relativ artenreichen Wiesen als völlig verunkrautet und empfahl den Einsatz von Herbiziden und hohen Stickstoffgaben. Viele Forschungs- und Beratungsinstitutionen in Europa für Futterbau liessen sich von diesem technokratischen, kurzfristig ausgerichteten Zeitgeist anstecken. Der damalige Präsident der AGFF, Prof. Rudolf Koblet, hatte grösste Bedenken gegenüber diesem Ansatz. Er sagte damals, die Empfehlungen von Davies seien für unser Gebiet nicht vertretbar, wir kennen die Bedeutung der meisten Kräuter in den Naturwiesen nur ungenügend, sie sind eine Komponente der standortsangepassten Pflanzengemeinschaften und schliesslich haben auch sie ein Existenzrecht. – Eine mutige und klare Analyse, die sich nicht dem Zeitgeist anpasste.

Koblet und die AGFF haben ein grosses Verdienst daran, dass bei uns die Naturwiesen nicht entkrautet wurden. Koblet muss es mit Genugtuung erfreut haben, dass ein gutes Jahrzehnt später eine Gruppe aus einem Züchtungsinstitut in Wales in den Naturwiesen des Zürcher Oberlandes und der Leventina Ökotypen von Gräsern für ihr Zuchtprogramm sammelten. Mit der angestrebten Maximierung der Erträge hat man die Naturwiesen … geopfert.»

1.2 Wiesen, Weiden, Wiesland und Co: Zur Klärung wichtiger Begriffe
1.2.1 Nutzungstypen: Matten, Mähweiden, Weiden

Die Nutzung von Wiesland erfolgt durch Mahd oder Beweidung – oder beides abwechslungsweise. Die daraus resultierenden drei Grundkategorien des Wieslandes sind die Mähwiesen (auch Matten genannt), die Weiden (auch Dauerweiden genannt) und die Mähweiden, bei denen abwechslungsweise gemäht und beweidet wird. Daneben existieren verschiedene weitere Begriffe mit synonymer Bedeutung (Abb. 2). Verwirrlich kann sich dabei auswirken, dass Mähwiesen häufig auch kurzerhand als Wiesen bezeichnet werden – so spricht man oft von «Wiesen und Weiden». Als Überbegriff eignet sich «Wiese» deshalb eigentlich nicht. Heute werden stattdessen als Sammelbegriffe für die «ausdauernden Pflanzengemeinschaften, die vorwiegend aus Gräsern und anderen krautigen Arten zusammengesetzt sind» (DIETL und LEHMANN 2004) – also alle Wiesen, Weiden und Mähweiden zusammen – die Begriffe «Grünland», «Grasland» und «Wiesland» synonym verwendet. Weder Grünland noch Grasland sind allerdings begrifflich korrekt – denn auch ein Wald ist grün, und in vielen Wiesen hat es deutlich mehr als nur Gräser, manchmal sogar überhaupt keine Gräser, abgesehen davon, dass auch im Wald Gräser vorkommen. Aufgrund dieser Überlegungen erscheint «Wiesland» als der am besten geeignete übergeordnete Begriff und wird entsprechend auch in diesem Buch verwendet.

In Abgrenzung des Wieslandes zum Wald auf der einen Seite und zur Ackernutzung auf der anderen Seite gibt es vielfältige Übergänge oder Mischformen und entsprechende weitere Begriffe; die wichtigsten sind in Abbildung 3 und 4 zusammengestellt.

1.2.2 Nutzungsintensität und Ökoflächen/Biodiversitätsförderflächen

Neben der Nutzungsform ist für die Praxis auch die Intensität der Wiesennutzung ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal. Als extensiv genutzt gelten alle Wiesen und Weiden, auf welche nicht aktiv Dünger eingebracht wird – das heisst abgesehen beispielsweise von den Ausscheidungen von Weidetieren oder vom Stickstoffeintrag aus der Luft. Die Anzahl Nutzungen ist dabei nicht definiert. Als wenig intensiv genutzt gelten Wiesen, denen jährlich oder alle paar Jahre etwas Mist und teilweise auch wenig Gülle verabreicht wird. Mittelintensiv bis sehr intensiv genutzte Wiesen werden jährlich ein- bis mehrmals mit höheren Hof- und/oder Kunstdüngergaben versehen und mindestens 3 mal jährlich genutzt.

Extensiv und wenig intensiv genutzte Wiesen können in der Schweiz als sogenannte Ökoflächen – ab 2014 neu als Biodiversitätsförderflächen BFF bezeichnet – angemeldet werden und erhalten dadurch zusätzliche Direktzahlungen (DZV 2014). Neben einem Düngungsverbot (extensiv genutzte Wiesen, extensiv genutzte Weiden) beziehungsweise einer eingeschränkten Düngung (wenig intensiv genutzte Wiesen) gilt zudem generell bei den Wiesen ein frühester erster Schnittzeitpunkt. Darüber hinaus gibt es viele Sonderregelungen, beispielsweise im Rahmen von Vernetzungsprojekten.

Wiesen und Weiden, die ein Minimum an bestimmten Indikatorpflanzenarten aufweisen, zählen zu den Ökoflächen mit Öko-Qualität, ab 2014 zu den BFF Qualitätsstufe II (BFF QII). Aus einer Liste mit rund 40 Pflanzenarten(gruppen) müssen jeweils mindestens sechs in definierten Flächenausschnitten vorhanden sein. Es wird unterschieden zwischen Wiesen und Streuwiesen in den unteren Lagen (in den meisten Kantonen bis 1000 m ü. M.), Wiesen und Streuwiesen in den höheren Lagen, Weiden in der Landwirtschaftlichen Nutzfläche (LN) und Weiden im Sömmerungsgebiet (BLW 2015a).

Je nach Lage, Umfeld und zusätzlichen Nutzungsbedingungen werden als BFF angemeldete Wieslandflächen in der LN zudem mit einem Vernetzungsbeitrag unterstützt (BLW 2015b).

Eine Übersicht über die aktuellen, bundesweiten Regelungen gibt die Webseite www.blw.admin.ch/themen/00006/01711/index.html?lang=de. Die kantonalen Spezifitäten sind jeweils auf den Webseiten der kantonalen Landwirtschafts- und Naturschutzämter aufgeschaltet.


Abb. 3. Begriffliche Übersicht über die wichtigsten Landnutzungs- und Vegetationsformen Mitteleuropas in Abhängigkeit von der Nutzungsintensität und Nutzungsform. U=Ungenutzte Ökosysteme, Uw=Urwiesen (sowie Fels-, Auen-, Gewässerbiotope), HS=Hors-Sol-Kulturen.


Abb. 4. Übersicht über die Hauptnutzungstypen im Wiesland und ihre Bezeichnung. Die Begriffe ohne Klammern werden in diesem Buch verwendet. In Klammern sind Synonyme aufgeführt, wobei die mit ° markierten Begriffe leicht unterschiedliche Nutzungsformen bezeichnen. * Oft auch Mischformen mit Mähnutzung.

1.2.3 Naturfutterbau und Kunstfutterbau, Naturwiesen und Kunstwiesen

Naturfutterbau bezeichnet die landwirtschaftliche Nutzung und Pflege von Naturwiesen für die Fütterung von Raufutterverzehrern zur Erzeugung von Milch und Fleisch. Im Gegensatz zu Kunstwiesen werden Naturwiesen nicht umgebrochen oder – bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts für viele Fettwiesen üblich – nach einem Umbruch durch die bodenbürtige Samenbank, manchmal unter Ergänzung von «Heublumen» aus dem eigenen Heustock, wieder begrünt (Feldgras- oder Egartwirtschaft, vgl. z.B. MARSCHALL 1943). Die Ertragsfähigkeit von Naturwiesen gründet damit auf autochthonen Pflanzenarten undökotypen, also auf Pflanzen, die in der Region natürlicherweise vorkommen und die sich gegebenenfalls über Jahrhunderte an die vorherrschenden Bedingungen der Bewirtschaftung anpassen konnten. Ziel des Naturfutterbaus ist es, eine nachhaltige, effiziente und wirtschaftliche Nutzung auf der Basis des bestehenden, natürlichen Pflanzenbestandes sicherzustellen.

Kunstfutterbau und sein Resultat, die Kunstwiesen, stellen quasi die ackerbauliche Form des Futterbaus dar. Sie basieren auf gezielten Ansaaten züchterisch bearbeiteter Wieslandarten, die über ein bis mehrere Jahre gemäht oder beweidet und dann wieder umgebrochen werden, z.B. im Rahmen einer Fruchtfolge.

Die Anwendung von Übersaaten zur Verbesserung von Naturwiesenbeständen ist als eine Zwischenform zwischen Kunst- und Naturfutterbau einzuordnen.

1.3 Multifunktionalität: Wiesland dient zu weit mehr als nur zur Futterproduktion

Die Qualität und Quantität, die eine Wiese an Gras und Heu als Futter für Raufutterverzehrer liefert, ist zwar oft der wichtigste Gesichtspunkt, unter welchem Wiesland beurteilt wird. Das Wiesland bietet aber zahlreiche weitere «Ökosystemdienstleistungen», von denen einige zunehmend wichtiger werden (Abb. 5). So werden immer mehr staatliche Beiträge für «gemeinwirtschaftliche Leistungen» wie die Erhaltung beziehungsweise Förderung der Artenvielfalt oder die Landschaftsqualität an solche Eigenschaften beziehungsweise Leistungen des Wieslandes gekoppelt. Viele Eigenschaften ausserhalb der Futtermenge und -qualität wirken sich aber auch auf andere Weise direkt wirtschaftlich auf den Betrieb aus, beispielsweise der Erosionsschutz oder das Saatgutpotenzial von Wiesen. Ein zentrales Argument für die Gewährung von Direktzahlungen im Wiesland ist auch die Offenhaltung der Landschaft.

Die wichtigsten der vielfältigen Leistungen des Wieslandes sind:

– Futterertrag in Bezug auf Menge und Qualität: Aus landwirtschaftlicher Sicht gehören Ertrag und Qualität eng zusammen. Ein hoher Ertrag an qualitativ hochwertigem Futter ist heute im sogenannten Wirtschaftsgrünland die im Vordergrund stehende Funktion des Wieslandes. Die mit dem Wiesenfutter mögliche Milch- und Fleischleistung pro Tier, aber ebenso die ökonomisch wichtige Grösse der Flächenproduktivität, also die Anzahl Liter Milch oder Kilogramm Fleisch, die pro Hektare Wiesland produziert werden können, hängen direkt vom Ertrag und der Qualität des Futters einer Wiese ab (s. Kap. 9). Ein hoher Ertrag ist im Naturfutterbau nur möglich mit einem stabilen, ausgewogenen Pflanzenbestand, bei dem einerseits die ertragsbildenden Arten zugleich die wertvollen Futterpflanzen ausmachen und bei dem andererseits auch die weiteren unentbehrlichen Funktionen wie Resilienz («Stabilität»), Befahrbarkeit usw. erfüllt sind.

Exkurs 2

Wiese – ein altes Wort mit junger Bedeutung

Noch anfangs des 20. Jahrhunderts wurde in der Fachliteratur heftig darüber debattiert, wie der Begriff «Wiese» zu definieren sei und wie er sich von den zahlreichen anderen, teilweise synonym verwendeten Begriffen wie Fluren, Rasen, Spreiten, Matten, oder Grasland abgrenze. Im Bemühen, die verschiedenen Bezeichnungen einzuordnen und das Wiesland begrifflich klar und einheitlich zu fassen, wurden auch immer wieder neue Begriffe kreiert und verschiedene Unterscheidungskriterien festgelegt. So gab es beispielsweise die Aufteilung zwischen «langrasigen grasreichen Wiesen» und «kurzrasigen, kräuterreichen Matten». Der deutsche Pflanzengeograph DRUDE (1890) fasste die verschiedenen Begriffe für das heutige Wiesland unter dem Begriff «Grasflurformation» zusammen. Der Zürcher Vegetationskundler Eduard RÜBEL führte 1930 den Begriff Sempervirentiherbosa ein, mit dem er das Wiesland kennzeichnete – was übersetzt aus dem Lateinischen soviel heisst wie «immergrünes Kräuterland».

Ausführlich mit dem Wiesenbegriff und den damals gebräuchlichen oder vorgeschlagenen Termini und Definitionen befassten sich die beiden weitherum anerkannten Futterbauwissenschafter Friedrich Gottlieb STEBLER und Carl SCHRÖTER, beide ebenfalls in Zürich tätig. Sie definierten 1892 in einem wegweisenden Werk die Wiese als Sammelbegriff über die vielen anderen vorhandenen Bezeichnungen als eine «Pflanzengesellschaft, welche aus… vorwiegend ausdauernden und krautartigen … Landpflanzen inklusive Moose und Flechten sich zusammensetzt und den Boden mit einer mehr oder weniger geschlossenen Narbe überzieht…». Nach dem Kriterium der Nutzung unterteilten sie die Wiesen in die «unberührten Naturwiesen oder Urwiesen», und die bewirtschafteten «Kulturrasen», die sie wiederum differenzierten in Streuewiesen und Futterwiesen, wobei sie unter der letzteren Kategorie gemähte Matten von beweideten Weiden unterschieden. Von späteren Autoren wurde immer wieder auf diese Einteilung Bezug genommen.

Warum sich unter den zahlreichen Begriffen in den vergangenen 100 Jahren das Wort «Wiese» als Oberbegriff für alle Arten von Wiesland durchgesetzt hat, ist unklar. Sicher ist nur, dass «Wiese» auf Mittelhochdeutsch «wise» beziehungsweise Althochdeutsch «wisa» zurückgeht. Die weitere Herkunft ist unsicher. Nach Etymologie-Duden könnte es entweder mit lat. «viridis» (grün) oder mit engl. «ooze» (Schlamm) beziehungsweise «woosy» (feucht) verwandt sein – und damit auch mit dem deutschen Wort «Wasser» (KAUTER 2002).

Gut nachvollziehbar ist dagegen die Herkunft des heute ebenfalls gebräuchlichen Begriffs «Matte». Matte hat nichts mit dem Lateinischen «matta» zu tun – auf welches sich der Begriff Matte im Sinne von Teppich usw. bezieht –, sondern geht auf die indogermanische Wurzel «med» zurück, welche auch im lateinischen «metare» (mähen, ernten, abhauen), im englischen Wort «meadow» oder im deutschen «(nieder)metzeln» und «mähen» enthalten ist. Der Begriff reicht also noch zurück in die Zeiten, in welchen Wiesen mangels schneidender, hochqualitativer Langblattsensen noch nicht gemäht, sondern mit Hausensen kleinflächig abgehauen wurden. Auch das Wort «Heu» geht auf «hauen» zurück (vgl. auch Kap. 6.4).

– Befahrbarkeit und Erosionsschutz: Intensiv genutzte Mähwiesen werden heute miti mmer schlagkräftigeren, grösseren und schwereren Maschinen befahren. Bei einer Neigung des Wieslandes von über 18 Prozent wird die Stabilität des Wasens (Grasnarbe) zu einem ausschlaggebenden Faktor für die Befahrbarkeit und damit für die effiziente und sichere maschinelle Nutzung. Ebenso wichtig ist ein stabiler Wasen für Weiden – vor allem bei nassen oder steilen Verhältnissen. Die Wasenstabilität kommt im Wesentlichen durch die rasenbildenden Grasarten zustande, wobei die stabilisierende Wirkung von Grasart zu Grasart unterschiedlich ist und oft unterschiedliche Ökotypen unterschiedliche Wasenbildungsfähigkeiten aufweisen (z. B. verschiedene Rotschwingel-Typen). Bei einer zu düngerintensiven Nutzung fallen die Rasengräser oft als erste aus, weil ein dichter, hochwüchsiger Pflanzenbestand zu wenig Licht in die unteren Bestandesschichten durchlässt (Kap. 3.3.1). Ausnahmen sind Weiden und Mähweiden mit einer sehr häufigen Nutzung, wodurch der Bestand immer tief bleibt und immer genügend Licht auch in die tieferen Vegetationsschichten einfällt. Wenig intensiv und extensiv genutzte Wiesen weisen meist einen sehr stabilen Wasen auf. Ausnahmen bilden einerseits sehr trockene Standorte, auf denen die Rasengräser keine geschlossene Grasnarbe mehr bilden können, andererseits saure, schattige Standorte, auf denen verschiedene Moosarten die Gräser mehr oder weniger stark verdrängen können.


Abb. 5. Undifferenzierte Wieslandnutzung: Die einheitliche, intensive Nutzung grosser Flächen schafft für die meisten Arten der Wiesenflora und -fauna lebensfeindliche Bedingungen. Auch weitere multifunktionale Leistungen des Wieslandes, die neben der Erhaltung der Biodiversität wichtig sind, beispielsweise hinsichtlich der Ästhetik, können mit einer solchen Nutzungsweise nicht mehr erbracht werden. Toggenburg/CH.

– Resilienz («Stabilität»): Bei Ackerkulturen kann eine Ernte unter extremen Bedingungen ganz oder teilweise ausfallen – auf die Folgekultur hat das kaum Einfluss. Nicht so bei einer Naturwiese: Ein degenerierter Pflanzenbestand – sei es durch Bewirtschaftungsfehler, sei es beispielsweise durch Mäuse- oder Engerlingsschäden oder auch durch eine extreme Trockenheit – kann Jahre brauchen, bis er wieder das alte Niveau von Ertrag und Qualität erreicht. Resilienz, also Robustheit gegenüber Umwelt- und Bewirtschaftungseinflüssen, ist deshalb im Naturfutterbau von grosser Bedeutung.

– Artenvielfalt / Biodiversität: Obwohl in der heutigen Form menschlichen Ursprungs, beherbergt das Wiesland einen Grossteil der heimischen Biodiversität Mitteleuropas (Kap. 2.4.1). Der Beitrag des Wieslandes zur Erhaltung der Biodiversität ist deshalb eine zentrale Funktion. Sie hat in den letzten Jahrzehnten parallel beziehungsweise komplementär zur extremen Verarmung seiner Biodiversität stark an Bedeutung gewonnen. Dabei zählt weniger die schlichte Zahl an Arten – denn auch eine stark gestörte, übernutzte Wiese kann als Folge eines kurzfristigen Auftretens verschiedener Störungszeiger in beschränktem Masse artenreich sein. Wesentlich sind die Kriterien 1) Anzahl Wiesenarten, 2) Anzahl seltenere oder gefährdete Arten und 3) Vorhandensein spezifischer Ökotypen (Vielfalt auf genetischer Ebene).

– Ästhetik: Auch dieses Kriterium nahm weitgehend parallel zum Verschwinden der Blumen- und Strukturvielfalt unserer Wiesen und Weiden einen immer höheren Stellenwert ein. Als besonders schön wird Wiesland in der Regel dann empfunden, wenn es blumenreich, farbig und strukturreich, also zum Beispiel mosaikartig genutzt oder mit Strukturelementen wie Rainen, Einzelbäumen oder Hecken durchsetzt ist (SCHÜPBACH et al. 2009). Aber auch die Artenvielfalt wird ästhetisch direkt positiv beurteilt (LINDE-MANN-MATTHIES et al. 2010). Schliesslich ist auch das Nutzungsmosaik des Wieslandes ein landschaftsästhetisch bedeutsamer Faktor. Seit 2014 können in der Schweiz für besonders blumenreiche Wiesen und für die Aufrechterhaltung eines vielfältigen Nutzungsmosaiks neben den Biodiversitätsförderbeiträgen spezifische Landschaftsqualitätsbeiträge ausbezahlt werden (Schweizerischer Bundesrat 2014). Ein Beispiel für die Förderung des Wiesland-Nutzungsmosaikes und weiterer ästhetischer Qualitäten des Wieslandes beinhaltet das Landschaftsqualitätsprojekt im Kanton Appenzell Ausserr hoden (Appenzell a. Rh. 2014). Die futterbauliche Nutzung ist zudem für die Offenhaltung und damit den Charakter vor allem auch der touristisch genutzten Landschaften ausschlaggebend.

2 Ökologie des Naturwieslandes
2.1 Wiesen als Abbild von Standort und Bewirtschaftung

Ökologisch betrachtet sind Naturwiesen und -weiden Lebensgemeinschaften von höheren Pflanzen, Tieren, Pilzen und Mikroorganismen, die weitgehend ohne direktes menschliches Zutun (z. B. Ansaat, Pflanzung) am betreffenden Standort vorkommen und deren Zusammensetzung bei angepasster Nutzung über Jahrzehnte weitgehend stabil ist. Die Koexistenz der Vielzahl an Arten ist ein ökologisches Wesensmerkmal des Wieslandes, gleichzeitig ist sie wesentlich für seine Ertragsfähigkeit verantwortlich (Kap. 2.3.2).

Neben den Faktoren, welche alle natürlichen Ökosysteme prägen, wie Klima, Boden, Topographie und am Ort vorhandene Organismen, kommt bei den Naturwiesen – im Gegensatz zu den von menschlicher Nutzung unabhängigen Urwiesen (Abb. 3) – die Bewirtschaftung als ein dominanter Faktor dazu, der zudem unzählige Varianten aufweist.

Einen Überblick über das komplexe Wirkgefüge der Natur- und der Kulturfaktoren mit seinen zahlreichen Einflusskomponenten gibt Abbildung 6. Dabei ist zu bedenken, dass der sichtbare, oberirdische Teil der Wiese nur etwa die Hälfte des Lebensraumes ausmacht. Über viele der Prozesse und Wechselwirkungen, die im Wurzelraum ablaufen, haben wir erst ganz anfängliche Kenntnisse (Kap. 2.6).

Jede Bewirtschaftungsmassnahme beeinflusst das ganze Gefüge der vielfältigen Wechselwirkungen. Und die Folgen vieler Ereignisse oder Eingriffe manifestieren sich oft erst nach Jahren.

Der qualitative und quantitative Ertrag einer Wiese ebenso wie ihre botanische Zusammensetzung ist also das Resultat des Zusammenspiels aller Natur- und Kulturfaktoren. Boden, Klima und Gelände sind dabei die nicht oder nur eingeschränkt beeinflussbaren Faktoren, welche die Ertragsfähigkeit (Ertragspotenzial) eines gegebenen Standortes definieren. Die übrigen Faktoren sind mehr oder weniger direkt oder indirekt durch Nutzungs- und Pflegemassnahmen steuerbar.

2.2 Die abiotischen Umweltfaktoren
2.2.1 Wasserhaushalt

Die Wasserverfügbarkeit im Boden ist für die Pflanzen ganz direkt von vitaler Bedeutung zur Aufrechterhaltung ihrer Lebensfunktionen. Aber auch indirekt prägt die Wasserverfügbarkeit die Wachstumsbedingungen vielfältig mit. So können viele Nährstoffe von den Pflanzen nur dann aufgenommen werden, wenn sie im Bodenwasser gelöst sind. Wassermangel – auch nur temporär – wirkt sich deshalb auf die Ausprägung einer Wiese ähnlich aus wie Nährstoffmangel. Auch der Umkehrschluss ist richtig: Die Ausbringung von Nährstoffen auf Wiesen, die regelmässig unter Wassermangel leiden, verfehlt den gewünschten Effekt. Abhilfe kann in diesen Fällen eine Bewässerung schaffen. Dies wird in den niederschlagsärmeren Regionen der Zentralalpen zunehmend praktiziert, um das Wiesland weiter intensivieren und mehr Ertrag erzeugen zu können (Kap. 6.10).


Abb. 6. Die wichtigsten Einflussfaktoren, welche die Entwicklung und die Eigenschaften einer Naturwiese prägen. Links «Naturfaktoren», kursiv: durch die Bewirtschaftung und weitere menschliche Aktivitäten wesentlich beeinflussbar. Rechts «Kulturfaktoren», blau: mähwiesenspezifisch, grün: weidespezifisch. Nach BOSSHARD (1999), ergänzt.

Auch zu viel Wasser, das heisst eine Wassersättigung des Bodens über längere Zeit, schränkt die Wuchsbedingungen ein und bestimmt das Vorkommen oder Nichtvorkommen vieler Arten. Hauptsächlich verantwortlich für diesen Effekt ist nicht das Wasser selber, sondern die durch das Wasser bewirkte reduzierte Sauerstoffversorgung des Bodens im Wurzelraum.

2.2.2 Nährstoffe und Düngung

Für Ertrag und Artenzusammensetzung des Wieslandes ist das Nährstoffniveau ein ausschlaggebender Faktor. Die Nährstoffe können von der Pflanze allerdings nur unter der Voraussetzung aufgenommen werden, dass die Wasserverfügbarkeit während der Wachstumszeit in geeignetem Masse sichergestellt ist. Ein ausgewogener Wasserhaushalt ist deshalb für eine gute Nährstoffverfügbarkeit ebenso ausschlaggebend wie die im Boden vorhandenen Nährstoffe.

Während bei Extensivwiesen der jährliche Ertrag lediglich aus den im Boden vorhandenen und durch den Niederschlag eingetragenen Ressourcen gebildet wird (Exkurs 3), wird definitionsgemäss ab einer wenig intensiven Nutzung aktiv Dünger zugeführt. Je nach Betriebsorganisation stammt die Nährstoffzufuhr mehr oder weniger aus geschlossenen betrieblichen Kreisläufen, oder aus einem Import auf den Betrieb, sei es in Form von zugekauftem Dünger (Hofdünger, Kunstdünger) oder von zugekauften Futtermitteln, die über die Verfütterung an die Raufutterverzehrer zu zusätzlichem Hofdünger führen.

Düngung, in welcher Form auch immer, ist – von der Herstellung bis zur Ausbringung – immer mit Kosten verbunden. Jede Düngung benötigt zudem Energie zur Herstellung und zum Ausbringen, und je nach Düngerart werden auch nicht erneuerbare Ressourcen wie Phosphor oder Erdöl verbraucht. Schliesslich hat Düngung in den meisten Fällen unvermeidliche negative Auswirkungen auf die Umwelt, z. B. durch Stickstoffemissionen in die Luft, wie sie bei jedem Einsatz von stickstoffhaltigen Düngern resultieren, oder durch den Eintrag von Düngerfrachten in Oberflächengewässer durch Ab- und Ausschwemmung oder durch Versickerung ins Grundwasser.

Sowohl aus wirtschaftlichen wie ökologischen Gründen ist deshalb ein sehr gezielter Einsatz der Düngung bei der Bewirtschaftung des Wieslandes zentral. Der Hofdünger schliesst dabei den Stoffkreislauf zwischen Wiese und Raufutterverzehrer auf dem Hof. Für seine Effizienz im Hinblick auf die Ertragsbildung, aber ebenso zur Minimierung negativer Umweltwirkungen und von Verlusten, sind einerseits die Aufbereitung (z. B. als Mist/Gülle, mit/ohne Zusätze), andererseits die Ausbringung entscheidend. Bei der Ausbringung sind neben den technischen Möglichkeiten (z.B. Einsatz von Schleppschlauchverteiler) vor allem die Form, der Zeitpunkt und die Menge der Hofdüngergaben zu beachten. Ihre Anpassung an den Standort und den Pflanzenbestand gehört zu den wichtigsten Massnahmen des nachhaltigen Naturfutterbaus und ist für den Ertrag und die botanische Zusammensetzung des Wiesenbestandes einer der Hauptfaktoren (s. Kap. 4.1).

Der Einsatz von Handelsdünger ist im Wiesland der Schweiz und den meisten Teilen Mitteleuropas in aller Regel nicht mehr zu rechtfertigen. Die meisten intensiv genutzten Wieslandböden der Schweiz sind heute vor allem in Regionen mit hohen Tierbeständen als Folge der anhaltenden Futtermittelzufuhr und Gülledüngung im Hinblick auf die Ertragsbildung für Jahrzehnte mit Phosphor gut bis übermässig versorgt (Kap. 6.9.2 und 6.9.3). Der nötige P-Gehalt im Boden, der zur Vermeidung von Ertragseinbussen nötig ist, wurde offenbar lange stark überschätzt (BUWAL 2004; BOSSHARD et al. 2010).

Was den mineralischen Stickstoffdünger (Handelsdünger) anbelangt, ist sein Einsatz im Wiesland in energetischer Hinsicht besonders ineffizient, einerseits weil seine Herstellung sehr viel fossile Energie benötigt (BOSSHARD et al. 2010), andererseits weil im Wiesland vielfältige Möglichkeiten einer Förderung der bakteriellen Stickstofffixierung über Leguminosen bestehen, die je nach Leguminosenanteil bis über 300 kg Reinstickstoff pro Hektare und Jahr fixieren können (Übersicht in KLATT 2008). Je mehr Stickstoff gedüngt wird, desto weniger Stickstoff produzieren die Leguminosen (Abb. 7).

Exkurs 3

Ertrag ohne Düngung: Bedeutung und Effekt der natürlichen Nährstoff-Nachlieferung des Wieslandbodens

Wiesland ist ein Ökosystem, das auch ohne Düngung einen massgeblichen, konstanten Ertrag liefert. Ungedüngte Magerwiesen liefern langfristig Erträge von bis zu 4 Tonnen Trockensubstand (TS) pro ha (DIETL 1986). Wird andererseits die Düngung in langjährig gedüngten Beständen ausgesetzt, geht der Ertrag zwar zurück. Die Höhe dieses Rückgangs hängt aber in hohem Masse von den Standortsbedingungen, insbesondere vom Nährstoff-Nachlieferungsvermögen des Bodens und von den klimatischen Bedingungen, aber auch vom Pflanzenbestand selber ab. In einem 20-jährigen Düngungsversuch auf einem guten Boden im Schweizer Jura nahm der TS-Ertrag von 6 bis 8 t/ha (je nach Düngungsvariante) nach Aufgabe der Düngung in wenigen Jahren auf 3,5 t/ha ab und blieb dann über all die Jahre weitgehend konstant. Im Mittel wurden dann pro Jahr und Hektare 12 kg P2O2, 71 kg K2O und 69 kg N im Erntegut abgeführt (THOMET und KOCH 1993). SCHIEFER (1984) stellte im Rahmen ausgedehnter Aushagerungsversuche in Baden-Württemberg unter günstigen Bedingungen hinsichtlich unter anderem des Nährstoff-Nachlieferungsvermögens des Bodens selbst nach 15 Jahren Aushagerung keinen nennenswerten Rückgang des Ertragsniveaus nach Aufgabe der Düngung fest, während unter anderen Bedingungen ein Ertragsabfall unterschiedlicher Stärke und Geschwindigkeit eintrat (SCHIEFER 1984).

Diese Erkenntnisse stellen in Frage, was bis heute in Lehre und Beratung den Landwirten und Studierenden vermittelt wird und worauf die Nährstoffbilanz und Düngungspraxis in vielen Ländern basiert: dass nämlich die aus einer bewirtschafteten Fläche abgeführten Nährstoffe ersetzt werden müssten, um die Ertragsfähigkeit des Wieslandes erhalten zu können. Dieser Ansatz wird auf Justus von LIEBIG (1840) zurückgeführt.

Zahlreiche Versuche der letzten Jahrzehnte zeigten eindrücklich, dass das Konzept der Düngerbilanz auf der Basis des Nährstoffersatzes zwar der Düngerindustrie regelmässigen Absatz sichert und überhöhte, mit importierten Futtermitteln gefütterte Tierbestände auf den Betrieben ermöglicht, aber nicht sachgemäss ist oder zumindest nur einen Teil der Zusammenhänge beschreibt. Unberücksichtigt bleibt dabei vor allem der wesentliche Faktor des Nährstoff-Nachlieferungsvermögens des Bodens (Abb. 7).

Besonders intensiv mit dem wichtigen Aspekt der Nährstoff-Nachlieferungsvermögen befasste sich SCHELLER (1993), der vor allem auf die Bedeutung und das Potenzial der aktiven Nährstoffmobilisierung durch die Pflanzen und ihre Bedeutung für den nachhaltigen, ressourcenschonenden Landbau aufmerksam machte. Pflanzen sind fähig, mittels Wurzelausscheidungen und mit Hilfe von Symbiosepartnern sich ihre Nährstoffe aus dem Boden aktiv zu erschliessen. Die meisten Böden beinhalten im unverwitterten Gestein und in unteren Bodenhorizonten grosse Mengen der benötigten Nährstoffe, die gemäss den üblichen Nährstoffanalysen jedoch als nicht pflanzenverfügbar gelten. Die Pflanzen geben gemäss SCHELLER bis zu 20 Prozent des in der Photosynthese gebundenen Kohlenstoffes in den Boden ab und zersetzen damit quasi aktiv Glimmer und Feldspäte im Schluffanteil des Bodens, um Nährstoffe wie Kalium und Phosphor sowie Spurenelemente freizusetzen. Inwieweit die aktive Nährstoffmobilisierung zur Versorgung der Pflanzen beitragen kann, hängt nach den Versuchen SCHELLERS entscheidend insbesondere von einer intakten Bodenstruktur und einer guten Durchwurzelung ab.

Bodenverbessernde oder bodenschonende Massnahmen können damit oft mehr zur Verbesserung der Ertragsfähigkeit des Wieslandes beitragen als eine Steigerung der Düngergaben. Durch die immer schwereren Maschinen, die bei der heutigen Wieslandnutzung eingesetzt werden, und die zunehmende Nutzungshäufigkeit geht die Entwicklung jedoch in die gegenteilige Richtung. Gemäss einer Studie aus dem Kanton Luzern wird bereits ein Drittel der Innerschweizer Wiesenböden als derart verdichtet und im Wasserhaushalt gestört eingeschätzt, dass irreversible Ertragsverluste selbst bei hohen Düngergaben zu erwarten seien (Umweltamt Luzern 2013). Aktive Nährstoffmobilisation ist unter solchen Bedingungen stark eingeschränkt oder ganz verhindert.

Auch hinsichtlich der Stickstoffbilanz zeigen neuere Versuche, dass selbst ein sehr hohes Ertragsniveau langfristig bei deutlicher Unterbilanz möglich ist (Abb. 7). Wird zusätzlich der aus der Luft deponierte Stickstoff einbezogen, welcher vor allem aus den Emissionen der Landwirtschaft und in deutlich geringerem Umfang vom motorisierten Verkehr stammt und in vielen Regionen der Schweiz selbst die Normdüngung der Fettwiesen der 1950er Jahre übertrifft (Exkurs 4), ist heute ein Grossteil des intensiver genutzten Wieslandes als überdüngt zu bezeichnen. Dies ist nicht nur ökonomisch ineffizient, sondern verschwendet nicht erneuerbare Ressourcen und trägt durch die Stickstoffemission über die Luft oder die Auswaschung in die Gewässer zur Beeinträchtigung anderer Ökosysteme, des Trinkwassers und nicht zuletzt auch des Klimas bei.

Die im Boden passiv oder durch den Pflanzenbestand aktiv freigesetzten Nährstoffmengen sind keine vernachlässigbare Grösse. Hochgerechnet auf das Wiesland der Schweiz dürfte beispielsweise jedes Jahr aus den natürlichen bodenverfügbaren Phosphorvorräten zwischen 2000 und 5000 Tonnen P mobilisiert und pflanzenverfügbar gemacht werden. Das entspricht einem Vielfachen der P-Menge, welche die Schweiz jedes Jahr verlässt durch Exporte von Nahrungsmitteln und tierischen Abfällen.

Ein allfälliger Bedarf an Mineraldünger in Wiesland wird mit der Nährstoffbilanz begründet und berechnet. Diese basiert auf dem Prinzip, dass die Menge der Nährstoffe, die der Wiese durch die Ernte entzogen wird, wieder ersetzt werden soll. Die daraus resultierenden Empfehlungen überschätzen aber den tatsächlichen Bedarf des Pflanzenbestandes oft, weil bei den Düngungsplänen die natürliche Nährstoffnachlieferung des Bodens nicht berücksichtigt (Exkurs 3) und der aus der Luft eingetragene Stickstoff unterschätzt oder gar nicht einbezogen wird. Der über die Luft beziehungsweise. den Regen eingetragene Stickstoff, der vor allem aus der Landwirtschaft, aber auch aus Verbrennungsprozessen (Verkehr, Heizungen, Industrie) stammt, beträgt heute in Regionen mit hohen Tierbeständen oft über 60 kg N/ha, was einer Normaldüngung der Fettwiesen der 1950er Jahre entspricht.

In vielen Regionen ist der Einsatz von Handelsdünger heute aber ohnehin kein Thema mehr, weil nämlich zu viele Nährstoffe im Hofdünger anfallen. Grund sind die hohen Futtermittelzukäufe der meisten Landwirtschaftsbetriebe. Die Futtermittelimporte aus dem Ausland haben sich in der Schweiz seit 1990 fast vervierfacht und erreichen heute deutlich über 1 Mio. Tonnen jährlich (Kap. 6.9.3 und Abb. 71).

In den Futterbaugebieten der Schweiz werden heute in Bezug auf den Nährstoffgehalt knapp 20 Prozent des Futters für die Raufutterverzehrer auf die Landwirtschaftsbetriebe importiert (BOSSHARD und SANDERS 2009). Diese Futterimporte führen zu so viel Hofdünger, dass dieser vom Wiesland gar nicht mehr verwertet werden und darüber hinaus zu Schäden am Pflanzenbestand führen kann. Um den Mist und die Gülle los zu werden, wird deshalb in vielen Regionen, vor allem im sogenannten Schweinegürtel (vgl. Abb. 73), auch ohne Zukauf von irgendwelchem Dünger deutlich mehr gedüngt als gemäss Düngungsempfehlungen angezeigt wäre.


Abb. 7. DIEPOLDER und RASCHBACHER (2010) zeigten in einem langjährigen Versuch auf intensiv genutztem, ertragreichem Wiesland, dass auch bei einer stark unterbilanzierten Stickstoffrstoffzufuhr nachhaltig hohe bis sehr hohe Futterqualitäten bei hohen Erträgen in der Grössenordnung von 100 bis 110 t Trockensubstanz (TS) jährlich erzielt werden können. Die Differenz stammt vor allem aus den Leguminosen. Je mehr aber Stickstoff gedüngt wird (Anzahl Gülleiensätze pro Jahr), desto weniger Stickstoff produzieren die Leguminosen selber (kleinere Balken nach unten). Je intensiver die Nutzung (Nutzungsfrequenz), desto grösser fällt die N-Unterbilanz aus, das heisst desto grösser sollte in der Nährstoffbilanz die Differenz zwischen Bedarf und Entzug festgelegt werden.

Der Ökologische Leistungsnachweis (ÖLN) in der Schweiz kommt dieser Situation «entgegen», indem eine maximal zehnprozentige Überdüngung an Stickstoff und Phosphor auf dem Betrieb zugelassen wird. Wenn Wieslanderträge angenommen werden, die über den tatsächlichen Verhältnissen liegen, kann ein weiterer Spielraum für das Ausbringen überschüssiger Nährstoffe auf dem eigenen Betrieb geschaffen werden.

Trotz der dehnbaren Nährstoffbilanz ist auf vielen Betrieben so viel anfallender Hofdünger vorhanden, dass er nicht mehr vollständig auf den eigenen Flächen ausgebracht werden kann. Die überschüssige Gülle und Mist werden dann an Betriebe abgegeben, welche in ihrer Nährstoffbilanz noch Spielräume haben. Dabei bezahlt nicht etwa der Empfänger der Hofdünger für den wertvollen Rohstoff, sondern der Lieferant für die «Entsorgung». Gemäss Schweizerischer Bundesrat (2009) mussten im Jahre 2004 rund 14 500 Höfe und 2008 bereits fast 17 000 Höfe, das ist fast ein Drittel der tierhaltenden Landwirtschaftsbetriebe, überschüssigen Hofdünger mit einem Gehalt von total etwa 8275 Tonnen N und 2023 Tonnen P abgeben. In einigen Regionen stammt ein Grossteil dieser Überschüsse aus der Schweinehaltung.

Der futtermittelimportbedingte Nährstoffüberhang auf den Landwirtschaftsbetrieben verursacht ökologisch vielseitige Probleme und stellt alles andere als eine ressourceneffiziente Produktion dar. Futterbaulich ist die damit einhergehende Überdüngung des Wieslandes in den futterwüchsigen Regionen der tieferen Lagen jedoch weitgehend unproblematisch, da die hier vorherrschenden Grasarten auch ein zu hohes Nährstoffniveau ertragen. Anders ist die Situation in den höheren Lagen. Hier führen die zu hohen Nährstoffgaben zum Verschwinden wertvoller Futtergräser. Diese hinterlassen Lücken und der Bestand verunkrautet mit futterbaulich minderwertigen Wieslandpflanzen (Kap. 3.3.1). In den Bergregionen sind Tausende von Hektaren an Wiesland heute futterbaulich mehr oder weniger stark degeneriert (eigene Abschätzung aufgrund unpubl. Kartierungen). Trotz beziehungsweise wegen der zu hohen Düngergaben sind ihre Erträge niedriger als sie bei einer bestandesgemässen Nutzung mit angemessenen Düngergaben wären (Abb. 8).


Abb. 8. Während in tieferen Lagen verschiedene Wiesengräser mit einer überhöhten Düngung umgehen können und den Bestand stabil halten, schädigt eine nicht angepasste, zu hohe Düngung den Wiesenbestand in höheren Lagen. Im Bild eine überdüngte Goldhaferwiese im Avers (Kanton Graubünden), die fast nur noch aus futterbaulich minderwertigen Kräutern, hier vor allem Schlangenknöterich, besteht. Da eine stabile Grasnarbe fehlt, wird das Befahren an steileren Lagen verunmöglicht oder sehr gefährlich (Abrutschen der Maschinen). Gleichzeitig steigt die Erosions- und Murengefahr stark an. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden Tausende von Hektaren Wiesland im Schweizer Berggebiet futterbaulich durch Überdüngung entwertet; genauere Zahlen dazu gibt es bisher allerdings nicht.

Die hohen Nährstoffimporte über den Zukauf von Futtermitteln sind auch deshalb problematisch, weil damit die Nährstoffkreisläufe in grossem Stil unterbrochen werden. Die Nährstoffe, die auf den Importbetrieben überschüssig sind und die Umwelt belasten, fehlen gleichzeitig dort, wo die Futtermittel produziert werden und müssen dann mittels mineralischem Kunstdünger den Böden wieder zugeführt werden – ein doppelt ineffizientes und umweltschädliches System (BOSSHARD 2011).

Eine geringe Zufuhr von speziellen Futtermitteln auf den Hof kann allerdings für bestimmte Fütterungsphasen sinnvoll sein (Kap. 9.2). Überschreitet der Anteil von zugekauften, nicht lokal produzierten Futtermitteln aber nährstoffbezogen (nicht gewichtbezogen) 2 bis 5 Prozent des auf einem Wieslandbetrieb selber produzierten Futters, ist dies als nicht nachhaltig zu bezeichnen und widerspricht der Erreichung verschiedener Umweltziele Landwirtschaft UZL (BAFU und BLW 2008; BOSSHARD et al. 2010).


Abb. 9. Zusammenhang zwischen Düngung, Düngungseffizienz und Ertrag. Auch ohne Düngung liefern Wieslandökosysteme langfristig, das heisst nachhaltig einen Ertrag bis zu 4 t/ha TS aus dem natürlichen Nährstoff-Nachlieferungsvermögen des Bodens. Mittels Düngung lässt sich der Ertrag darüber hinaus deutlich steigern. Die Effizienz ist bei tiefen Erträgen am höchsten, danach über einen weiten Bereich weitgehend konstant, und nimmt dann bei einer Überintensivierung wieder ab. Vergleiche auch Abbildung 7.

Exkurs 4

Die Phosphor- und Stickstoffbilanz im Schweizer Futterbau: Geringe Effizienz und Nachhaltigkeit

Stickstoff (N) und Phosphor (P) sind Hauptnährstoffe der Pflanzen. Sie sind ausschlaggebend für den erzielbaren Pflanzenertrag im Futterbau. Wird jedoch mehr N oder P gedüngt als die Pflanzen aufnehmen können, gelangen diese Stoffe in die Umwelt und werden zu potenziellen Schadstoffen. Heute werden Dünger zwar effizienter und stärker nach Pflanzenbedarf eingesetzt als noch vor 20 Jahren. Trotz Verbesserungen sind die Bilanzen aber noch bei weitem nicht ausgeglichen. 2012 resultierten im Durchschnitt immer noch jährliche Überschüsse von rund 100 kg Stickstoff pro Hektare gedüngtem Wiesland, die Phosphorüberschüsse betrugen gut 3 kg pro Hektare, und dies, obwohl ein Grossteil der Böden bereits genügend mit P versorgt ist oder P auf Vorrat aufweist. Dabei ist das nicht unerhebliche Boden-Nährstoff-Nachlieferungsvermögen (Exkurs 3) noch gar nicht berücksichtigt.

In der Schweiz trägt der Hofdünger am meisten zum gedüngten Stickstoff und Phosphor bei. 2012 stammten 71 Prozent des Düngerstickstoffs von Hofdüngern, beim Phosphordünger waren es 78 Prozent. Dabei stammte beim P und N rund drei Viertel vom Rindvieh, aus der Schweinehaltung stammten 11 Prozent des N und 16 Prozent des P. 25 Prozent des Stickstoff- und 17 Prozent des Phosphordüngereintrags geht auf den Einsatz von Mineraldüngern zurück. In den 1990er Jahren ging die mineralische Stickstoffdüngung um einen Drittel zurück, seit 1997 stagniert sie.

Im Hinbick auf den Gesamteintrag auf Landwirtschaftsflächen stammen etwas mehr als 50 Prozent des Stickstoffs der insgesamt rund 250000 Tonnen (2012) aus Hofdünger, rund ein Fünftel aus mineralischem Dünger, die Leguminosen trugen 14 Prozent zum N-Input bei, die Deposition aus der Luft rund 10 Prozent (Abb. 10). Insgesamt kommt heute deutlich mehr Stickstoff über den Futtermittelimport in die Schweiz (54000 t/J) als über sämtliche Mineraldüngereinfuhren (44000 t N, 2013) (AGROSCOPE 2015, unveröff.).

Verwertet werden von den Pflanzen nur 155000 Tonnen N. Rund 90000 Tonnen N, das sind 36 Prozent des Stickstoffeintrages beziehungsweise rund 100 kg N/ha LN/Jahr, gehen also verloren: Rund 55000 Tonnen davon entweichen gasförmig als Ammoniak, Stickoxide und Lachgas und belasten die Luft, das Klima und zahlreiche Ökosysteme durch Eutrophierung und Säureeintrag (Abb. 73); 35000 Tonnen gelangen ins Grund- und Oberflächengewässer (Durchschnitt der vergangenen 5 Jahre). Etwa 85 Prozent dieses N-Umsatzes betrifft das Wiesland, nur rund 15 Prozent den Ackerbau.

Beim Phosphor stammen aktuell von den rund 28000 Tonnen, die jährlich über Dünger im Landwirtschaftsland ausgebracht werden, gut 20000 Tonnen aus Hofdünger, wovon gut 6000 Tonnen aus importierten Futtermitteln stammen. Dazu kommen rund 6000 Tonnen aus Handelsdünger. Die Deposition von P aus der Luft ist gering und wird auf knapp 500 Tonnen geschätzt. Damit werden den Landwirtschaftsböden netto jährlich rund 12000 Tonnen P zugeführt. Der Entzug durch tierische und pflanzliche Produkte beträgt dagegen nur gut 8000 Tonnen. Beim Phosphor betreffen rund 80 Prozent des Umsatzes das Wiesland.

Der P-Überschuss beträgt damit jährlich in der Schweizer Landwirtschaft zwischen 3000 und 4000 Tonnen, das sind rund 4 kg P pro Hektare Landwirtschaftliche Nutzfläche, was angesichts der erwähnten bereits vorhandenen Vorräte im Boden auch beim Phosphor eine beträchtliche permanente Überdüngung und eine Verschwendung nicht erneuerbarer Ressourcen darstellt. Mit einem effizienteren P-Management könnte die Schweiz seit vielen Jahren auf jegliche P-Importe verzichten, ohne Ertragseinbussen.

Quellen: BFS 2014; BOSSHARD et al. 2010


Abb. 10. Herkunft des Stickstoffeintrages auf die Landwirtschaftsflächen der Schweiz. Prozentuale Anteile, 2012. Insgesamt betrug der Input 250000 Tonnen Stickstoff. Von den Pflanzen verwertet werden dagegen nur rund 155000 Tonnen, gut 90000 Tonnen gehen jährlich verloren. Datenquelle BFS 2014.

2.2.3 Temperatur und Höhenlage

Das Wachstumsvermögen der Wiesenpflanzen ist stark wärmeabhängig. Deshalb hängen die Ertragsfähigkeit ebenso wie die Verbreitung der einzelnen Wiesenpflanzenarten wesentlich von der Höhenlage, aber auch von lokalklimatischen Eigenschaften eines Standortes ab (z. B. Exposition). Pro 100 m Höhendifferenz nimmt die durchschnittliche Temperatur um rund 0,5 °C ab. Gleichzeitig geht die Länge der Vegetations- und Wachstumsperiode zurück. Umgekehrt beschleunigen höhere Temperaturen – sofern sie noch im physiologisch günstigen Bereich liegen – das Wachstum der Pflanzen (Abb. 11).

Da verschiedene Pflanzenarten unterschiedlich auf die Temperaturverhältnisse reagieren, hat die Jahres- und Sommertemperatur einen grossen Einfluss auf die botanische Zusammensetzung der Wiesen: Die am intensivsten nutzbaren Gräser sind auf milde Lagen mit hohen Jahrestemperaturen angewiesen. Bei sehr intensiver Nutzung sind das Englische und Italienische Raygras bestandesbildend und für gute Erträge ausschlaggebend. Die beiden Arten werden nur in der kollinen und, auf guten Standorten, der unteren und mittleren montanen Stufe bestandesbildend (Ertragsanteil > 20 %), das heisst bis rund 800 m ü. M., das Italienische Raygras meist nur bis 600 m und nur bei genügend und ausgeglichenen Niederschlägen. Regionen und Standorte, wo diese beiden Grasarten vorherrschen können, bezeichnet man als raygrasfähig. Raygrasfähige Lagen sind deutlich intensiver nutzbar als nicht raygrasfähige. Die Beurteilung der Raygrasfähigkeit ist deshalb ein wichtiges Kriterium bei der Planung der optimalen Nutzungsintensität und der differenzierten Wiesennutzung – nicht nur in Mitteleuropa, sondern mit globaler Gültigkeit (PFADENHAUER und KLÖTZLI 2014).

Ähnlich bedeutsam für die Ausbildung von Wiesentypen in der Schweiz ist das relativ hohe Wärmebedürfnis des Fromental, in Deutschland Glatthafer genannt. Fromental ist bei wenig intensiver Nutzung bis in die obere montane Stufe eines der konkurrenzfähigsten Gräser und damit oft bestandesbildend. Zudem ermöglicht es einen höheren Biomassezuwachs als die meisten anderen Gräser. Ab etwa 1000 m ü. M. kann sich das Fromental temperaturbedingt nicht mehr halten und wird vom Goldhafer als bestandesbildende Art abgelöst, welcher für ein gutes Wachstum deutlich tiefere Temperaturen erträgt. Goldhafer ist zwar auch in den unteren Lagen regelmässig in wenig intensiv genutzten Wiesen vorhanden, jedoch ist die Grasart gegenüber dem Fromental und anderen Gräsern weniger konkurrenzfähig und wird deshalb kaum je bestandesbildend.


Abb. 11. Temperaturabhängigkeit von Photosynthese und Atmung, welche hauptsächlich für das Pflanzenwachstum verantwortlich sind. Das Temperatur-Wachstumsoptimum während des Tages (Topt bezogen auf die Nettophotosynthese) liegt für viele Wiesengräser Mitteleuropas zwischen 17 und 21 °C, wobei zwischen den einzelnen Arten deutliche Unterschiede bestehen (Quelle: LACHER 2001). Stark wüchsige Gräser wie Italienisches oder Englisches Raygras oder das Fromental haben relativ hohe Temperaturoptima. Mit zunehmender Höhenlage treten sie deshalb zugunsten von weniger wüchsigen, aber an tiefere Temperaturen angepassten Gräser zurück. Während der Nacht findet nur Atmung und keine Photosynthese statt. Je tiefer die Nachttemperaturen, desto weniger Energie veratmet die Pflanze.

Exkurs 5

Einfluss der Höhenlage auf den Ertrag und die Futterqualität von Wiesen

Mit zunehmender Höhenlage geht die maximal mögliche Nutzungsintensität und das Ertragsmaximum von Wiesen zurück. Inwieweit das der Fall ist, zeigt Abbildung 12 (grüne Kurven). Bei gedüngten Wiesen nimmt in der Schweiz der Ertrag im Durchschnitt um 4 bis 6 Prozent pro 100 Höhenmeter ab, das sind zwischen 0,2 (DIETL 1986; THOMET et al. 1989) und 0,4 t TS/ha (MOSIMANN 2005) pro 100 Höhenmeter oder, auf die Milchproduktion umgerechnet, um etwa 350 bis 700 kg Milch/ha (WINCKLER et al. 2012). Ungenügende oder übermässige Wasserverfügbarkeit, schattige Lagen und andere Standortfaktoren, die sich nicht oder nur begrenzt beeinflussen lassen, können die Ertragsfähigkeit eines Wiesenbestandes innerhalb der klimatischen Grenzen weiter einschränken.

Bei ungedüngten Wiesentypen ist der Ertrag dagegen weniger von der Höhenlage abhängig als von anderen Standortbedingungen, vor allem der Nährstoffverfügbarkeit (THOMET et al. 1989). Der ungedüngte Wiesentyp mit einem der höchsten TS-Erträge liegt in der subalpinen Stufe: die früher oft als Wildheumähder genutzten, meist ausserordentlich artenund blütenreichen subalpinen Hochgrasfluren (eigene Untersuchungen, unveröff.).

Generell nimmt der Gehalt an Eiweiss und Energie ebenso wie die Verdaulichkeit des Futters bei ungedüngten Wiesentypen mit zunehmender Höhenlage auf vergleichbarer geologischer Unterlage deutlich zu. Ein Beispiel sind die ausgedehnten ungedüngten, halbschürigen oder einschürigen Futterwiesen zwischen 1900 und 2200 m ü. M. auf der rechten Talseite des Schanfigg (Kanton Graubünden), also in der oberen subalpinen und unteren alpinen Stufe (Abb. 13). Das nährstoffreiche, gut verdauliche Heu dieser sehr arten- und blumenreichen Wiesen wird bis heute für die Fütterung des Milchviehs auch während der Laktation eingesetzt, genau wie das Futter der intensiv genutzten Wiesen in den tieferen Lagen um die Dörfer.

Die für das Wachstum und die Konkurrenzverhältnisse wichtige Temperatur ist für die Verbreitung nicht nur einzelner Arten, sondern auch der verschiedenen Wiesentypen ein ausschlaggebender Faktor (Kap. 5.5).


Abb. 12. Ertragspotenzial von Wiesland in Abhängigkeit der Nutzungsintensität (Horizontalachse) und der Höhenlage (grüne Kurven A-D). Mit zunehmender Höhenlage nimmt die Nutzungsintensität, welche einen maximalen Ertrag ermöglicht, ab. So sind in den tieferen Lagen (kollin, bis ca. 600 m ü.M., Kurve D) mit einer sehr intensiven Nutzung hohe Erträge möglich, da hier die intensiv nutzbaren Grasarten geeignete Wachstumsbedingungen vorfinden. In der alpinen Stufe (Kurve A) dagegen ist schon eine mittelintensive Nutzung nicht mehr möglich, ohne dass der Pflanzenbestand degeneriert (s. Kap. 5.5). Blau und rosa stellen schematisch den Anteil der wichtigsten Faktoren der Ertragsbildung bei zunehmender Nutzungsintensität unter der Bedingung konstanter Wasserverfügbarkeit dar. Im extensiven, das heisst ungedüngten Bereich hängt der Ertrag lediglich von der Bodenstruktur/Bodenart, der Artenzusammensetzung und der Artenvielfalt ab. Bei zunehmender Nutzungsintensität nimmt die Bedeutung dieser Faktoren ab, und der Ertrag wird zunehmend durch das Düngungsniveau definiert.


Abb. 13. Ausgedehnte, blumen- und artenreiche Heuwiesen prägen die untere alpine Stufe im mittleren Schanfigg ob St. Peter und Peist (Kanton Graubünden). Bereits kleine Standortunterschiede führen zu unterschiedlichen Wiesentypen – links im Bild eine magere Goldhaferwiese auf basischer Unterlage, rechts ein artenreicher, relativ nährstoffreicher Borstgrasrasen mit Arnika auf saurer Unterlage. Obwohl ungedüngt und nur halbschürig bis einschürig genutzt, liefern diese Wiesen Heu mit relativ hohem Eiweissund Energiegehalt. Das Futter wird zusammen mit demjenigen aus den Intensivwiesen im Tal den laktierenden Milchkühen verfüttert.

2.3 Die biotischen Umweltfaktoren

Bei den biotischen Faktoren ist zunächst zu unterscheiden zwischen nicht-anthropogenen («natürlichen») und antrhopogenen. Die anthropogenen, also menschgemachten Faktoren werden hier als Kulturfaktoren oder schlicht «Bewirtschaftung» bezeichnet (Abb. 6). Die wichtigsten (nicht-anthropogenen) biotischen Naturfaktoren umfassen die biologische Bodenaktivität (z.B. Bakterien, Würmer, Mäuse usw.), Symbiosepartner von Wiesenpflanzen (z. B. Nährstoffe erschliessende Mykorrhiza-Pilze, Stickstoff fixierende Knöllchenbakterien, bestäubende Insekten), Konsumenten (Pflanzen oder Ausscheidungen von Pflanzen fressende Tiere) und Destruenten (z.B. Pilze, die absterbende Pflanzenteile abbauen).

Ein wichtiger biotischer Faktor sind auch die vorhandenen Wiesenpflanzen selber. Die Arten und Ökotypen, die in Naturwiesen und -weiden vorkommen, entwickeln sich in aller Regel aus dem Samenvorrat einer Gegend von selbst. Sie können aber durch eingebrachte, züchterisch veränderte Pflanzenarten ergänzt werden. Das gezielte Einbringen von Arten oder Sorten gehört nicht zum Naturfutterbau. Wird es regelmässig praktiziert, um die Ertragsfähigkeit aufrechtzuerhalten, geht die Naturwiese in eine Kunstwiese über (Abb. 3).


Abb. 14. Standort- und Bewirtschaftungsvielfalt resultiert in einer entsprechenden Vielfalt an Wiesentypen. Die Karte zeigt einen Ausschnitt aus der Wiesenkartierung aus dem Gebiet der Aufnahme in der vorhergehenden Abbildung. Die prägendsten Faktoren sind in diesem Fall der Wasserhaushalt und der Säuregehalt (pH) des Bodens, die je nach Unterlage und Topographie oft sehr kleinflächig ändern. Aber auch die Bewirtschaftung hat zu diesem Mosaik beigetragen, insbesondere die (teils weit zurückliegende) stellenweise Mistdüngung und die Mahdzeitpunkte. Die abgebildete Wiesenkartierung mit zusammenfassenden Einheiten diente als Basis für die Nutzungsplanung und zur Festlegung von Biodiversitäts-Förderbeiträgen. Die Breite der Abbildung entspricht etwa 1,5 km. Quelle: trifolium/Ö+L, 2007.

2.3.1 Schädlinge und Krankheiten

Unter den meisten der genannten biotischen Faktoren gibt es als Schädlinge oder Krankheiten bezeichnete Organismen, welche den Pflanzenbestand in unerwünschter Weise verändern oder schädigen und den Ertrag stark reduzieren können. In der Regel sind es nur diese Schädlinge, die unter der Kategorie der biotischen Umweltfaktoren ins Bewusstsein treten, während die übrigen Organismen ihre für die Artenzusammensetzung und Ertragsfähigkeit eines Wieslandbestandes teils ausschlaggebende positive Rolle meist im Verborgenen ausüben und wenig beachtet werden (Abb. 15). Entsprechend gibt es vor allem über die Schädlinge und Krankheiten in Futterwiesen eine umfangreiche Literatur. Eine zusammenfassende Übersicht über einige wichtige Schadorganismen und Problempflanzen geben beispielsweise DIETL und LEHMANN (2004).

Die meisten Schadorganismen schädigen nur einzelne Pflanzenarten, was im Wiesland dank der Pflanzenartenvielfalt meist nicht stark ins Gewicht fällt und nicht wie bei einer Ackerkultur einen Totalausfall der Ernte verursachen kann. Zu den verbreitet auftretenden und wirtschaftlich bedeutsamen tierischen Schädlingen des Wieslandes zählen nur wenige Arten. Dazu gehören insbesondere Wühl- und Feldmäuse, Wildschweine sowie Engerlinge. Ihr Wirken ist nicht auf einzelne Pflanzenarten beschränkt. Entsprechend können sie in extremen Fällen die Pflanzendecke einer Wiese vorübergehend weitgehend zerstören.

Hartnäckige unerwünschte Effekte können auch von einzelnen Pflanzenarten ausgehen. Dazu zählen in der Schweiz besonders die Blacke und der Klappertopf (Kap. 7.5.7). Im übrigen kann fast jede Wiesenpflanzenart bei übermässigem Auftreten eine unerwünschte Bestandesentwicklung, verminderte Futterqualität oder eine Ertragsreduktion zur Folge haben, bis hin zu Giftwirkungen, die im Extremfall für Raufutterverzehrer tödlich sein können (Details s. Kap. 3.3.2). Es gehört zu den besonderen Herausforderungen des Futterbaus, durch angepasste Nutzung und allenfalls Pflegemassnahmen solche Einseitigkeiten in der Artenzusammensetzung zu verhindern und gleichzeitig die erwünschten Futterpflanzen in ausgewogener Zusammensetzung besonders zu fördern (Kap. 3.3).

2.3.2 Artenvielfalt und weitere biotische Faktoren als Grundlage für den Ertrag

Während Schädlinge und Kranheiten als unerwünschte biotische Faktoren sofort ins Bewusstsein treten, wird leicht übersehen, dass die positven Wirkungen der biotischen Faktoren viel wichtiger sind und auf vielschichtige Weise nichts weniger als die Voraussetzung für einen regelmässigen und guten Ertrag des Wieslandes sind. So erschliessen Mykorrhizapilze schwer verfügbare Nährstoffe für die Pflanzen (Exkurs 3), die Bodenorganismen sorgen für den Boden- und Humusaufbau und schaffen damit die Wachstumsbedingungen der Pflanzen überhaupt; und auch die Pflanzen selber treten untereinander in vielfältige positive Wechselwirkung. Während in der Ökologie lange fast ausschliesslich ihre Konkurrenz untereinander thematisiert worden ist, ist die Tatsache, dass sich die Pflanzen in vielerlei Hinsicht auch positiv beeinflussen, erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten stärker in den Fokus der Forschung getreten. So ermöglichen artenreichere Wiesenbestände unter gleichen Standorts- und Bewirtschaftungsbedingungen höhere Erträge als artenarme. Vor allem im extensiv genutzten Bereich ist dieser Zusammenhang überraschend gross, wie zahlreiche Versuche mittlerweile eindrücklich zeigen können (Abb. 15).


Abb. 15. Artenvielfalt steigert Ertrag: Links: Artenreiche Mischungen mit verschiedenen Gras- und Kleearten (Standardmischungen SM 330 und SM 430) führen zu höheren und stabileren Erträgen als die Ansaat der Hauptkomponenten allein (Englisches Raygras beziehungsweise Weissklee). Verschiedene Pflanzenarten können verschiedene Nischen nutzen und so die vorhandenen Ressourcen besser nutzen, beispielsweise das Sonnenlicht oder den Bodenraum. Bei hoher Nutzungsintensität bringt insbesondere die Kombination von Gräsern und Leguminosen eine Ertragssteigerung. Quelle: HENGARTNER 2011. HNJ = Hauptnutzungsjahr. Rechts: Bei geringer Nutzungsintensität fördert Artenvielfalt generell den Ertrag des Wieslandes: Ein 16-Arten-Gemisch produziert auf gleichem Standort bei gleicher Nutzung durchschnittlich drei Mal mehr oberirdische Biomasse verglichen mit einem 4-Arten-Gemisch. Quelle: TILMAN et al. 2006.

2.4 Wiesland und Biodiversität
2.4.1 Bedeutung des mitteleuropäischen Wieslandes für die Biodiversität

Für mehr als 2000 Pflanzen- und für ein Vielfaches an Tierarten ist das mitteleuropäische Wiesland Lebensraum (Korneck und Sukopp 1988). In vielen Regionen unterhalb der Waldgrenze ist mehr als die Hälfte der Pflanzenarten auf eine standortgemässe Wieslandnutzung angewiesen und kommt nur dank ihr vor (eigene Auswertung aus verschiedenen Vernetzungsprojekten im Kanton Zürich). Im Vergleich dazu ist der andere flächenmässig dominante Lebensraum, der Wald, deutlich artenärmer. Gemäss einer umfangreichen Stichprobe des Biodiversitätsmonitoring Schweiz finden sich auf 10 m2 im Wald durchschnittlich nur rund die Hälfte bis zwei Drittel so viele Arten wie im Wiesland, und dies, obwohl anteilsmässig ein grosser Teil der Stichproben intensiv genutztes, artenarmes Wiesland umfasste (STÖCKLIN et al. 2007, Abb. 16).

Aussagekräftiger als Stichprobenvergleiche auf Kleinflächen sind flächendeckende Kartierungen. In einem über mehrere Jahre intensiv untersuchten repräsentativen Landschaftsausschnitt von 3 ha in der Ostschweiz mit hälftig Wald und Wiesland auf etwa 800 m ü. M. kamen von den 315 festgestellten Pflanzenarten 213 im – extensiv bis intensiv genutzten – Wiesland vor, dagegen nur 90 im Wald einschliesslich Waldrand (unpubl. eigene Daten). Der Landschaftsausschnitt umfasste lediglich trockene und wechseltrockene Standorte. Bei einer Ausweitung des Perimeters auf Gebiete mit Feuchtstandorten wie beispielsweise Streuwiesen verschiebt sich das Verhältnis noch mehr zugunsten des Wieslandes.


Abb. 16. Links: Wiesland ist botanisch deutlich artenreicher als Wald: Vergleich der durchschnittlichen Anzahl Gefässpflanzen auf 10 m2 grossen Flächen aus dem Biodiversitätsmonitoring Schweiz, aufgetrennt nach Höhenstufen. Die absoluten Artenzahlen ebenso wie die Unterschiede zwischen Wiesland und Wald nehmen von der kollinen zur subalpinen Stufe zu. In den roten Balken: Prozentangaben der im Wald gefundenen Arten im Vergleich zum Wiesland. Datenquelle: STÖCKLIN et al. 2007 aus www.biodiversitymonitoring.ch. Rechts: Besonders augenfällig ist der Biodiversitätsunterschied zwischen Wald und Wiesland in der montanen und subalpinen Buchenzone der Alpensüdseite. Der abgebildete Buchenwald im Val Grande (I) weist typischerweise keinerlei Unterwuchs auf und besteht grossflächig aus einer Pflanzenart, der Buche. Dieser Standort war vor 70 Jahren eine artenreiche Bergweide mit Dutzenden von Pflanzenarten pro Quadratmeter.

Nicht nur die Artenzahl, auch die Artendichte von artenreichem Wiesland ist ausserordentlich hoch. Auf einem einzigen Quadratmeter können in Mitteleuropa über 60 Pflanzenarten dauerhaft koexistieren (z. B. KLÖTZLI et al. 2010), global im Extremfall bis 89 Arten (Rekordhalter: Bergwiese in Argentinien, WILSON et al. 2012) – eine Zahl, die weltweit von keinem andern Lebensraum erreicht wird (WILSON et al. 2012) und von dem in Mitteleuropa alle anderen verbreiteten Lebensraumtypen wie Wälder, Auen oder Felsfluren mit Ausnahme vereinzelter, seltener Ruderalgesellschaften weit entfernt sind. Pro Pflanzenart rechnet man, so eine ökologische Faustregel, mit 8 bis 10 vorkommenden Tierarten.

Entsprechend ist auch für viele Tiergruppen das Wiesland der weitaus wichtigste Lebensraum in Mitteleuropa. So sind 80 Prozent der 112 in der Schweiz heimischen Heuschreckenarten (SCHNEIDER und WALTER 2001) und 80 Prozent der gut 200 Tagfalterarten auf das offene Kulturland angewiesen, wovon wiederum gut 80 Prozent auf das eigentliche Wiesland spezialisiert beziehungsweise angewiesen sind (LACHAT et al. 2010). Auch bei den Wanzen, Zikaden oder Kleinschmetterlingen kommt ein grosser Teil der Arten ausschliesslich oder vorwiegend im Wiesland vor (LACHAT et al. 2010).

Allerdings treffen all diese Aussagen nur für den extensiver genutzten, artenreicheren Teil des Wieslandes zu. Intensivwiesland weist dagegen nur noch wenige Pflanzenarten auf und gehört zu den botanisch artenärmsten Lebensräumen der Schweiz. Und für die meisten der oben genannten Tierartengruppen bietet Intensivwiesland keinerlei Lebensraum mehr (Kap. 8.2). Damit wird das enorme Spektrum zwischen artenreichem und artenarmem Wiesland deutlich, und es lässt sich bereits erahnen, welchen Einfluss die fast flächendeckende Intensivierung der Wieslandnutzung in den vergangenen 60 Jahren auf die Biodiversität hatte (Kap. 8).

Tatsächlich spielen die artenreicheren, von der landwirtschaftlichen Nutzung geschaffenen und erhaltenen Wiesen und Weiden bei der Sicherung der Artenvielfalt Mitteleuropas eine Schlüsselrolle, während umgekehrt die fast flächendeckende Ausbreitung des intensiv genutzten Wieslandes in den letzten sechs Jahrzehnten einen Hauptfaktor für die Verarmung der Biodiversität in Mitteleuropa darstellt. Dies spiegelt sich auch in der Gefährdungssituation der Biodiversität deutlich wieder. So sind 149 beziehungweise 39 Prozent der Pflanzenarten des extensiver genutzten Wieslandes gefährdet und 18 Prozent (67 Arten) potenziell gefährdet, während bei den Waldpflanzen lediglich 17 Prozent gefährdet und 13 Prozent potenziell gefährdet sind (MOSER et al. 2002). Bei den eigentlichen Fettwiesenarten sind keine gefährdeten Arten darunter.

Wie und warum entsteht Artenvielfalt im Wiesland? Was ist die Voraussetzung für eine hohe Biodiversität? Welche Faktoren fördern die Artenvielfalt, was ist ihr abträglich? Und welche Beziehungen bestehen zwischen Artenvielfalt und landwirtschaftlicher Produktion beziehungsweise Ertrag? Diesen Fragen wird in den folgenden Kapiteln nachgegangen.

2.4.2 Bewirtschaftungsintensität und Artenvielfalt

Der britische Ökologe J. Philip Grime postulierte, dass die Artenvielfalt wesentlich von der Produktivität eines bestimmten Lebensraums abhängt, welche eine Funktion von abnehmendem Stress und abnehmenden Störungen sei. Tatsächlich folgt die Artenvielfalt in den vielen Ökosystemen der «Grime’schen Buckelkurve» (GRIME 1979; Abb. 17). Gemäss dieser von zahlreichen Studien vor allem in Wiesenökosystemen bestätigten Theorie steigt die Artenzahl ausgehend von extremen Standorten zunächst an, weil mit den geringen Nährstoffen oder den starken Störungen (z. B. Bodenverdichtung, starker Verbiss usw.) viele Arten nicht zurecht kommen, das heisst nur wenige, spezialisierte sich etablieren können. Mit zunehmender Wüchsigkeit des Standortes – sei es durch die Verfügbarkeit von Nährstoffen, sei es durch abnehmende Störungen – eignet sich der Lebensraum für immer mehr Pflanzenarten. Ab einem bestimmten Punkt nimmt dann aber die Konkurrenz vor allem um Licht so stark zu, dass sich immer mehr Arten nicht mehr halten können, weil sie zum Beispiel zu wenig hoch oder zu wenig rasch wachsen, so dass die Artenzahl wieder zurück geht.

In der Realität ist dieser Zusammenhang komplexer. Beispielsweise kann es sich bei «Stress» oder «Störung» um sehr unterschiedliche Faktoren handeln, die teils gegenläufig wirken und die zudem nicht immer leicht zu quantifizieren sind. Aber gerade für das Wiesland Mitteleuropas bietet Grimes Arten-Produktivitätskurve eine nützliche und in den grossen Zügen breit bestätigte Erklärung für die riesige Spanne, innerhalb der sich Wiesen in ihrer Artenvielfalt und Artendichte unterscheiden.

Die Glockenkurve weist für das Ökosystem des Wieslandes eine deutliche Linkslastigkeit auf. Dies hängt insbesondere damit zusammen, dass mit zunehmender Nutzungsintensität ab einem bestimmten Punkt nicht die Lichtkonkurrenz weiter zunimmt, sondern der mechanische Faktor der Schnitthäufigkeit die dominierende Rolle zu spielen beginnt, indem nur noch wenige Pflanzen damit umgehen können. Dieser Effekt kann auch evolutionsbiologisch gedeutet werden: Häufige Mähnutzungen sind eine sehr junge Erscheinung, so dass sich noch keine grössere Zahl an Arten daran anpassen konnte.

Die Grime’sche Artenvielfaltskurve macht auch deutlich, dass es zwischen Artenvielfalt und Ertrag je nach Ertragsniveau entweder Synergien oder Zielkonflikte geben kann. So korrelieren Artenzahl und Ertrag links des Buckels, während sie rechts davon gegenläufig sind. Dabei gibt es nicht nur eine Korrelation, sondern der Ertrag kann auch direkt von der Artenvielfalt positiv beeinflusst werden, da jede zusätzliche Art zu einer besseren Ausnutzung der Ressourcen, beispielsweise in unterschiedlichen Bodenschichten, beitragen kann (Kap. 2.3.2).

Abbildung 18 differenziert den Zusammenhang zwischen Naturschutz- und Ertragsleistungen im Wiesland-Ökosystem und zeigt die Bedeutung der unterschiedlichen Intensitätsniveaus für die Artenvielfalt beziehungsweise Artendichte im mitteleuropäischen Wiesland. Generell gilt: Je stärker die Düngung, insbesondere von Stickstoff, und je besser die Bodenqualität, desto geringer die Artenzahl des Wieslandes (KLIMEK et al. 2007).


Abb. 17. Zusammenhang zwischen Artenvielfalt (Artendichte) und Produktivität (Biomasse) nach GRIME (1979). Schwarz: spezialisierte Arten. Schraffiert: Generalisten. Weiss: Arten mit starker Lichtkompetitivität (starkwachsend oder schattentolerant).


Abb. 18. Zusammenhang zwischen Nutzungsintensität, Ertrag und Vielfalt (Artendichte) an Pflanzenarten im Wiesland, schematisch; Orientierungswerte für Wiesen trockener und mesischer Standorte der kollinen bis montanen Stufe der Schweiz. Nach Vegetationsaufnahmen des Autors, von KLÖTZLI et al. 2010 und weiterer Literatur. Im ganz mageren Bereich verlaufen Ertrag und Artenvielfalt parallel (Abb. 17). Bei zunehmender Nutzungsintensität nehmen dann der Ertrag zu und die Artenvielfalt ab. Seltene und gefährdete Arten kommen nur im extensiver genutzten Bereich vor. Der sehr intensive Bereich ist oft geprägt durch eine Zunahme von Lückenfüllern und futterbaulichen Unkräutern.


Abb. 19. In Weiden ist die Artenvielfalt bei vergleichbarem Niveau der Nutzungsintensität beziehungsweise bei gleichem Biomasseertrag höher als in Mähwiesen. Die Ursachen liegen unter anderem in der meist höheren Strukturvielfalt durch Gehölze, Treien oder stehen bleibende Pflanzenreste.


Abb. 20. Die Wachstumsbedingungen werden von der Beweidung in komplexer Weise beeinflusst. Bestossungszeitpunkt, Besatzstärke, Länge der Bestossung, Zahl der Umtriebe, aber vor allem auch die Art der Weidetiere selber (Art, Rasse, Alter, Genetik innerhalb der Rasse, individuelle Gewohnheiten) wirken sich auf Flora und Fauna einer Weide aus.

2.4.3 Mahd oder Beweidung und Artenvielfalt

Mahd beziehungsweise Beweidung wirken in vielerlei Hinsicht unterschiedlich auf Flora und Fauna des Wieslandes (Abb. 19 und 20). Die für die Artenvielfalt wichtigsten Unterschiede sind in Tabelle 1 zusammengestellt. Bei gleicher Nutzungsintensität und bei jeweils guter fachlicher Praxis sind Weiden tendenziell artenreicher als Mähwiesen. Dies gilt insbesondere für den mittelintensiv genutzten Bereich (Abb. 21). Die Ursachen liegen unter anderem darin, dass durch Beweidung die Vegetation niedriger gehalten wird aufgrund der höheren Nutzungsfrequenz verglichen mit der Mahd, und so mehr Licht in die tieferen Vegetationsschichten gelangt (BORER et al. 2014). In dieselbe Richtung wirkt der Tritt der Herbivoren und ihr selektiver Frass, die auf engem Raum unterschiedliche Bedingungen schaffen im Gegensatz zur homogenen Mahd (SCHMID et al. 2001; KLIMEK et al. 2007). Auch können seltenere Arten bei mittelintensiver Nutzung eher in Weiden überdauern als in Wiesen (Abb. 21). Die höhere Artenvielfalt in Weiden zeigt sich sowohl auf der Ebene einzelner Weideschläge als auch für die Summe der auf Weiden beziehungsweise Wiesen einer Region vorkommenden Arten (SCHMID et al. 2001). Der Hauptgrund liegt darin, dass die Beweidung über Tritt, punktuelle Kot- und Urinabgabe und ungleichmässigen und teilweise selektiven Frass lokal unterschiedliche Nischen schafft, während die Mahd flächig einheitlich wirkt.

Die Wachstumsbedingungen und damit die Artenzusammensetzung und Artenvielfalt werden von zahlreichen Faktoren der Beweidung beeinflusst. Die Zahl dieser Faktoren ist wesentlich grösser als bei Mähwiesen. Was das Weidemanagement anbelangt sind Bestossungszeitpunkt, Besatzstärke, Länge der Bestossung und Zahl der Umtriebe die wichtigsten Faktoren. Einen grossen Einfluss übt auch die Art der Weidetiere aus. Art, Rasse, Alter, Genetik innerhalb der Rasse, individuelle Gewohnheiten können sehr unterschiedliche Auswirkungen auf Flora und Fauna einer Weide haben, wobei insbesondere Unterschiede im Frassverhalten, im Verbiss, in der Präferenz beziehungsweise Selektion einzelner Pflanzenarten eine wichtige Rolle spielen. Schafe, aber auch Pferde, reduzieren insbesondere in Standweiden durch ihren «scharfen Biss» die Artenvielfalt. Doch auch mit diesen Tierarten können bei guter Beweidungsführung sehr artenreiche Weiden erhalten werden oder entstehen. Wichtig sind genügend lange Regenerationsphasen zwischen den Bestossungen sowie eine nicht zu starke Abweidung des Pflanzenbestandes.


Abb. 21. Pflanzenartenvielfalt – ein Vergleich zwischen Wiesen und Weiden bei mittelintensiver Nutzung in Nordrhein-Westfalen. N=60 (30 Wiesen/30 Weiden). Während bei den gewöhnlichen Wieslandarten sich zwischen Wiesen und Weiden kein Unterschied in den durchschnittlichen Artenzahlen zeigt, weisen Weiden insgesamt mehr Arten auf, insbesondere mehr seltene Arten. Quelle: KLIMEK et al. 2007.

Tab. 1. Für die Artenvielfalt besonders relevante Wirkungen von Mahd im Vergleich zur Beweidung. + wirkt im Vergleich positiv, – wirkt im Vergleich negativ. ++/—: Besonders bedeutsame Interaktionen.


Sowohl Wiesen wie Weiden sind Lebensräume, die zudem je ihre spezifisch angepassten Arten von Pflanzen, Tieren, Pilzen und niederen Organismengruppen aufweisen. Wichtig ist deshalb im Hinblick auf die Erhaltung der Biodiversität, einerseits ein Mosaik beider Nutzungsformen zu erhalten und zu fördern, aber ebenso, langjährige Mähwiesen beziehungsweise Weiden nicht in die jeweils andere Nutzungsform umzuwandeln, weil ein Wechsel immer mit einem Artenverlust einhergeht.

2.4.4 Bewirtschaftungsfaktoren und Artenvielfalt

Bei Weiden ist eine dem Standort angepasste Weideführung und -pflege ausschlaggebend für die Erhaltung und Förderung der Biodiversität artenreicher Flächen. Wichtige Faktoren sind insbesondere Besatzstärke, Weidetiere (Art, Rasse, Genetik innerhalb der Rasse, Alter, individuelle Gewohnheiten), Bestossungszeitpunkte und Bestossungsdauer (Synthese in DIACON et al. 2011). Bei Mähwiesen beeinflussen insbesondere folgende Bewirtschaftungsfaktoren die Artenvielfalt (aus GAUJOUR et al. 2012; HUMBERT et al. 2010; VAN DE POEL und ZEHM 2014 u. a.):

– Nutzungszeitpunkte und Artenvielfalt

Diese spielen v.a. bei der Mahd eine grosse Rolle. Sie entscheiden über das Vorkommen zahlreicher Pflanzen- und Tierarten. So kann ein (zu) früher Schnitt das Aussamen von Pflanzenarten verhindern (BRIMLE und ELLENBERG 1994) oder Tiere in einer empfindlichen Entwicklungsphase röten (z. B. Junghasen, bodenbrütende Vögel, Schmetterlingsraupen) und so zum regionalen Aussterben der betreffenden Arten führen (z. B. MÜLLER et al. 2012). Der Nutzungszeitpunkt bei Weiden ist dagegen aufgrund der viel geringeren mechanischen Wirkungen (Tab. 1 und 2) ökologisch weniger bedeutsam.

– Nutzungshäufigkeit

Jede Nutzung ist ein Eingriff in den Lebensraum des Wieslandes. Die Nutzungsfrequenz sollte aus ökologischen wie ökonomischen Gründen nie höher sein als nötig.

– Verwendete Maschinen / Geräte

Der Mähprozess hat vielfältige Auswirkungen auf die Flora und vor allem auch die Fauna. So kann die Mahd die Populationen beispielsweise von Insekten oder Amphibien massiv reduzieren. Die grössten Verluste gehen einerseits von Futteraufbereitern/Mulchgeräten und andererseits vom Befahren des Wieslandes, also den physikalischen Wirkungen der Reifen aus. Eine Übersicht über die bedeutendsten Beeinträchtigungen durch die eingesetzten Geräte und Prozesse bei Ernte und Pflege des Wieslandes gibt Tabelle 2. Der gesamte Mäh- und Futterwerbeprozess kann je nach Maschineneinsatz Verluste von bis zu 84 Prozent der Anzahl Wirbellosen verursachen.

2.4.5 Unternutzung und Nutzungsaufgabe

Ebenso wie eine Nutzungsintensivierung oder Übernutzung reduziert in der Regel auch die Unternutzung oder Nutzungsaufgabe die Artenvielfalt in Wiesen. Kurzfristig führen Unternutzung oder Nutzungsaufgabe zu sogenannten Verbrachungserscheinungen, mittelfristig kann eine Verbuschung und Einwaldung eintreten. Zwar fällt bei der Unternutzung beziehungsweise Nutzungsaufgabe zunächst die schädigende mechanische Wirkung von Mahd oder Beweidung auf die Pflanzen teilweise oder ganz weg. Doch weil die sich entwickelnde Biomasse nicht abgeführt wird, tritt im Laufe der Jahre oder bereits ab dem ersten Jahr zunehmend Lichtmangel auf, und die Erwärmung des Bodens wird reduziert. Der Lichtentzug durch die Biomasseakkumulation ist dabei oft weniger vertikal über den ganzen Bestand verteilt, sondern konzentriert sich auf eine dünne, teppichartige, aber umso dichtere bodennahe Schicht, den «Streuefilz». Arten, denen es nicht gelingt, mit ihren Blättern diesen Filz zu durchdringen – vor allem Rosettenpflanzen und niederwüchsige Arten –, können innerhalb einiger weniger Jahre verschwinden. Andere Arten dagegen, beispielsweise die Fiederzwenke und weitere sich klonal ausbreitende Grasarten, im Berggebiet auch Zwergsträucher und Arten aus lichten Wäldern, können vom ausbleibenden Schnitt profitieren und zusätzlich zur Verdrängung der lichtbedürftigen Arten beitragen (Abb. 26). Gerade seltene und gefährdete Arten verschwinden oft zuerst und werden durch Generalisten ersetzt, bevor die Bewaldung einsetzt (SPIEGELBERGER et al. 2006). Eine Untersuchung im Schweizer Berggebiet zeigte, dass in Brachflächen ungedüngter Wiesen über 70 Prozent der typischen Wieslandarten deutlich seltener oder nicht mehr vorkamen verglichen mit ungedüngten, regelmässig gemähten Wiesen, und die Artenzahl ging deutlich zurück im Vergleich mit regelmässig genutzten Flächen (MAURER 2005).

Tab. 2. Die für die Artenvielfalt im Wiesland wichtigsten direkten Wirkungen verschiedener Nutzungsund Pflegemassnahmen. * – = geringe, ––– = gravierende Schädigung, V = für die Vegetation, F für die Fauna. Quellen: siehe Text sowie eigene Zusammenstellung.


Gerät/ProzessWirkung / Bedeutung*Erläuterungen
Futteraufbereiter––– FDieser zerschlägt das Erntegut, damit es rascher trocknet, und wird vom Traktor hinter dem Mähwerk mitgeführt. Futteraufbereiter töten praktisch alle Kleintiere, welche sich in der Vegetationsschicht aufhalten.
Anzahl und Art der Überfahrten––– F (V)Je häufiger, mit je schwereren Maschinen und mit je breiteren Pneus das Wiesland befahren wird, desto stärker sind die meist tödlichen Folgen für eine Vielzahl von Tierarten. Das Befahren gilt als der wichtigste negativ wirkende Faktor der Wieslandnutzung insbesondere auf die Fauna.
Mulchgeräte––– FDiese werden vor allem in Weiden zur Weidepflege eingesetzt. Sie zerschlagen das überständige Gras und sind, ähnlich wie die Futteraufbereiter, für Kleintiere, die sich in der Vegetation aufhalten, zu fast 100% tödlich.
Mähwerk–– FRotierende Mähgeräte führen zu deutlich höheren Schäden an der Fauna als Messerbalken.
Schnitthöhe–– F, (V)Je tiefer, desto grösser die Schäden an der Fauna. Aus futterbaulicher Sicht ideal und für die Fauna akzeptabel sind 7 cm.
Art der Futterwerbung (Gras-, Silage- oder Heuwerbung)– F, VSilage ist sowohl für die Fauna wie für die Vegetation ungünstiger als Heubereitung, weil die Ernte weniger Zeit in Anspruch nimmt und weil das Mähgut noch teilweise grün in Folien verpackt oder vom Feld abgeführt wird (geringere Fluchtmöglichkeiten, geringeres Absamen der Pflanzen).
Tageszeit der Mahd– FAm frühen Morgen sind viele wechselwarme Tierarten in ihrer Mobilität und damit in ihren Fluchtmöglichkeiten stark eingeschränkt (Tau, tiefere Temperaturen). Die Mahd sollte deshalb nicht vor 10 Uhr am Morgen durchgeführt werden.
Pestizide–– FAbgesehen von der Einzelstockbehandlung von Blacken ist der Einsatz von Pestiziden im Naturwiesland heute noch die Ausnahme. Der flächendeckende Einsatz von selektiv wirkenden Herbiziden wird durch die Beratung zur Bestandeslenkung oder Sanierung falsch bewirtschafteter Wiesen aktiv gefördert. Aus ökologischen und wirtschaftlichen Gründen ist diese Entwicklung problematisch und abzulehnen, da es Alternativen gibt. Für die Biodiversität problematisch ist zudem der Einsatz von Giftködern zur Mäusebekämpfung.

Wenn die Nutzungsaufgabe dagegen an Standorten erfolgt, an denen die Wüchsigkeit nicht ausreicht für den Aufbau eines Streuefilzes, oder an denen der Streuefilz sehr rasch abgebaut wird zum Beispiel durch Windeinwirkung – also dann, wenn sich die Vegetation links des Buckels der Grime-Kurve befindet (Abb. 17) –, dann resultiert meist nur ein geringer Einfluss auf die Pflanzenartenzusammensetzung. Zum Beispiel in sehr magerem Wiesland führt die Nutzungsaufgabe und Verbrachung also nicht zu einem Artenverlust.

Mittelfristig geht der Verbrachungsprozess auf waldfähigen Standorten in eine Verbuschung und Bewaldung über, was zu einer vollständigen Verdrängung der Wieslandarten durch Waldarten und generell zu einer starken Artenverarmung führt. Wie lange dieser Prozess dauert, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Bei hohem Sameneintrag entsprechender Gehölze, beim Vorhandensein von Wurzelbruten (Espe, Schwarzdorn), bei günstigen Wuchsbedingungen und bei einer nicht zu hohen Biomasseproduktion des Wieslandbestandes kann eine Wiese oder Weide bereits nach wenigen Jahren verbuschen und einwalden. Sind die Voraussetzungen dagegen für die Etablierung von Gehölzen ungünstig, kann dieser Prozess unter Umständen Jahrzehnte dauern (SCHREIBER et al. 2009; ZOLLER et al. 1984).

Begrenzte Flächenanteile verschiedener Sukzessionsstadien können die Artenvielfalt von Wiesen und Weiden zwar erhöhen. Höhere Anteile führen jedoch immer zu einem Rückgang der Artenvielfalt, teilweise auch zu einer erhöhten Erosionsanfälligkeit (Kap. 2.6 und 3.3; Abb. 26).

Rund 80 Prozent der floristisch wertvollen Wieslandflächen liegen im Sömmerungsgebiet und in den Bergzonen III und IV (STöCKLIN et al. 2007). Diese Flächen sind durch die Nutzungsaufgabe und die Wiederbewaldung besonders stark gefährdet (Kap. 6.10).

2.4.6 Bewässerung beziehungsweise Entwässerung und Artenvielfalt

Die höchste Artenvielfalt und die meisten selteneren Arten kommen entweder an trockenen beziehungsweise wechseltrockenen oder an feuchten beziehungsweise vernässten Standorten vor. Eine Nivellierung der Standortbedingungen durch Ent- oder Bewässerung erhöht zwar das Ertragspotenzial der betreffenden Fläche, wirkt sich aber fast immer stark negativ auf die Biodiversität im Wiesland aus. Die Entwässerungen von artenreichem Wiesland, zum Beispiel von Streuwiesen oder Mooren, ist heute in der Schweiz weit fortgeschritten und wird heute aus gesetzlichen Gründen so gut wie nicht mehr praktiziert. Gut 90 Prozent der ehemaligen Feuchtgebiete der Schweiz sind heute entwässert (LACHAT et al. 2010; GIMMI et al. 2011) und in ertragreiches, intensiv genutztes Wiesland oder Ackerland überführt worden. Darüber hinaus sind Tausende von Hektaren ehemals wechselfeuchtes Wiesland drainiert worden.

Die Bewässerung ist demgegenüber in Mitteleuropa von untergeordneter Bedeutung im Hinblick auf die Erhaltung der Biodiversität, hat aber in jüngster Zeit in trockeneren Regionen des Berggebietes stark zugenommen und die Artenvielfalt des Wieslandes beispielsweise im Unterengadin breits wesentlich beeinträchtigt (GRAF und KORNER 2011; GRAF et al. 2014). Dennoch wird in diesen Regionen weiterhin mit einer Zunahme von Bewässerungsprojekten mit Sprinkleranlagen gerechnet.

2.4.7 Strukturvielfalt als zentraler Faktor für die faunistische Biodiversität

Während für die Pflanzenbiodiversität vor allem die Standort- und Nutzungsvielfalt von grosser Bedeutung ist, gilt dies bei der Fauna vor allem für die Strukturvielfalt. Dabei ist zu unterscheiden zwischen den Strukturen innerhalb einer Nutzungseinheit (Parzellenebene) und der Nutzungsvielfalt zwischen den Parzellen (Landschaftsebene; Abb. 22). Auf beiden Ebenen von Strukturvielfalt spielen die Art, die Vielfalt und die räumliche Verteilung der Strukturen eine grosse Rolle. Je kleinräumiger diese Parameter ausgebildet sind, desto attraktiver ist ein Landschaftsausschnitt in der Regel für die Fauna. Vor allem bei Mähwiesen ist Stukturvielfalt oft mit einem beträchtlichen Mehraufwand verbunden, vor allem dort, wo grosse Maschinen zum Einsatz kommen. In Weiden entsteht Strukturvielfalt dagegen oft von selbst.


Abb. 22. Links: Strukturen und Kleinräumigkeit der Wieslandnutzung sind ein zentraler Faktor für die Artenvielfalt. Nutzungsmosaik mit Stufenrainen bei Tschlin im Engadin (CH). Rechts: Zur Strukturvielfalt gehört auch die Vielfalt der Wiesennutzung. Je höher die Anzahl Nutzungstypen – beispielsweise verschiedene Intensitätsstufen, Mahd, Beweidung usw. (Abb. 3–6) – desto höher die Anzahl Pflanzenarten des Wieslandes – nicht nur auf Landschaftsebene (Grafik), sondern auch innerhalb der Parzellen. Die Daten stammen von 12 Gemeinden der Schweizer Alpen. Quelle: MAURER et al. 2006.

2.4.8 Vielfalt auf Lebensraumebene

Ein ausschlaggebender Faktor für die Biodiversität im Wiesland ist auch die Vielfalt und Verteilung unterschiedlicher Wiesentypen (Abb. 22). Je nach Standort und Bewirtschaftung entwickeln sich andere Wiesentypen, die je ihre unterschiedliche, charakteristische Flora und Fauna aufweisen (Kap. 5). Die Schweiz beherbergt im internationalen Vergleich eine ausgesprochen grosse Vielfalt verschiedener Wiesentypen, von denen einige zu den weltweit artenreichsten gehören (PFADENHAUER und KLÖTZLI 2014; eigene unveröff. Aufnahmen). Die Vielfalt der Wiesentypen hat über viele Jahrhunderte aufgrund der Kleinstrukturierung der Kulturlandschaft mosaikartig vielfältig gewechselt. Durch die Vergrösserung der Schläge, die Drainierung und Meliorierung immer grösserer Teile des Wieslandes und der damit einhergehenden Uniformierung der Standortbedingungen, aber auch durch die Vereinheitlichung der Bewirtschaftung, hat sich diese sogenannte Beta-Diversität in den vergangenen Jahrzehnten stark reduziert (vgl. Kap. 6.8.3).

2.4.9 Einfluss der Fragmentierung auf die Biodiversität

Fragmentierung bezeichnet in ökologischer Hinsicht eine Entwicklung, bei der die Grösse eines zusammenhängenden Lebensraums abnimmt und gleichzeitig dessen räumliche (Distanz zum nächsten ähnlichen Lebensraum) oder funktionale Isolation (z. B. durch Barrieren wie Autobahnen) zunimmt. Dadurch entstehen «Inseln», zwischen denen sich die Populationen von Tieren und Pflanzen nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr genetisch austauschen können. Die Auswirkungen der Fragmentierung können zu lokalem Aussterben von Arten führen (FISCHER und STÖCKLIN 1997), weil auf kleinen, isolierten Flächen die Wahrscheinlichkeit, dass Arten aussterben, höher ist als auf grösseren, vernetzten Flächen. Denn kleine Flächen beherbergen kleinere Populationen. Je kleiner diese sind, desto eher ist ein Aussterben infolge eines Extremereignisses möglich. Wenn zugleich die Isolation zunimmt, können lokal ausgestorbene Arten nicht oder nur noch erschwert aus noch bevölkerten Lebensräumen der Umgebung wieder besiedelt werden (BULLOCK 2011). Zudem sind kleine, isolierte Populationen genetisch oft deutlich weniger divers und dadurch von geringerer Vitalität (KERY et al. 2001; HENSEN und WESCHE 2006).

Kleine Wieslandflächen sind zudem oft besonders empfindlich gegenüber negativen Randeffekten (z. B. Eindringen anderer Arten oder Nährstoffeintrag aus benachbarten intensiv genutzten Parzellen). Wenn die Distanzen dazwischen grösser sind als die Ausbreitungsdistanzen der Arten, ist eine Wiederbesiedlung ohne unterstützende Massnahmen unwahrscheinlich (BOSSHARD 1999).

Die verbliebenen Bestände von artenreichen Wiesen wie Trockenwiesen und -weiden (TWW-Inventar) oder Fromentalwiesen (Kap. 7) sind heute oft nur noch sehr klein und isoliert. 1900 gab es etwa 6559 TWW mit einer Fläche von mehr als zehn Hektaren. Heute sind es nur noch 766 (LACHAT et al. 2010).

Bis Fragmentierung und Randeffekte zum Verlust von Arten führen, kann es Jahrzehnte dauern. Denn das Aussterben von Populationen als Folge dieser Prozesse erfolgt immer mit einer Zeitverzögerung. Man spricht deshalb von der Aussterbeschuld (BUTAYE et al. 2005; SANG et al. 2010; COUSINS und VANHOENACKER 2011): Viele Arten sind immer noch vorhanden als Relikte früherer Landschaftszustände, doch sie sind aufgrund der gegenwärtigen Landschaftssituation aus den genannten Gründen früher oder später dem Aussterben geschuldet. Die Artenzahlen zeichnen in solchen Situationen also aufgrund der Zeitverzögerung des Aussterbens ein zu positives Bild.

2.4.10 Fazit

Die Intensivierung der Bewirtschaftung einerseits und die Nutzungsaufgabe andererseits sind heute die Hauptgefährdungsursachen der Biodiversität des Wieslandes unterhalb der Waldgrenze.

Da artenreiches Wiesland eine besonders hohe Biodiversität aufweist im Vergleich mit fast allen anderen Lebensräumen Mitteleuropas, und weil Wiesland der dominierende Lebensraum der Schweiz und anderer niederschlagsreicher und gebirgiger Regionen der Erde darstellt, kommt der Erhaltung des artenreichen Wieslandes und damit der Landwirtschaft beziehungsweise eines standortgemässen, ressourcenschonenden Futterbaus in solchen Regionen eine Schlüsselrolle zu bei der Erhaltung der Artenvielfalt.

Doch auch ausserlandwirtschaftliche Einflüsse beeinflussen die Biodiversität des Wieslandes und sind mitzuberücksichtigen, so die Überbauung oder die Stickstoffdeposition über die Luft, die erheblich zur Nährstoffbelastung (Überschreitung der «critical loads», Abb. 73) des Wieslandes und damit zur Gefährdung der Artenvielfalt des artenreichen, extensiv genutzten Teils des Wieslandes beiträgt.

Massnahmen und Empfehlungen für die Erhaltung der Artenvielfalt im produktiven Wiesland werden ausführlich im Kapitel 9 behandelt.

2.5 Standort- und Konkurrenzbedingungen: Warum kommt welche Pflanzenart wo vor?

Die meisten Wiesenpflanzenarten haben physiologisch ähnliche Vorlieben: zum Beispiel eine gleichbleibende mittlere Wasserversorgung und eine gute Nährstoffversorgung. Sie wachsen unter diesen Bedingungen schneller und werden grösser. Trotzdem kommt nur ein kleiner Teil der Arten in diesem sogenannten «physiologischen Optimum» vor. Die meisten Wiesenpflanzen werden durch die Konkurrenzbedingungen und weitere Faktoren mehr oder weniger an den Rand ihrer physiologischen Präferenz gedrängt – in das «ökologische Optimum». Als heute klassisches Beispiel hat dies WALTER 1960) im Hohenheimer Grundwasserversuch gezeigt. Wiesenfuchsschwanz, Fromental und Aufrechte Trespe sind in Mitteleuropa drei wichtige Wiesengräser, von denen das erste in feuchteren, das zweite in mittleren (frischen) und das dritte auf trockenen Wiesen verbreitet ist oder zur Vorherrschaft gelangt. In Reinsaat wachsen jedoch alle drei Gräser bei mittleren Wasserverhältnissen am besten. Das ökologische Optimum unterscheidet sich insbesondere bei weniger konkurrenzstarken Arten von ihrem physiologischen Optimum.

2.6 Der unterirdische Teil des Wiesenökosystems

Obwohl viel weniger darüber bekannt ist, ist der Wurzelraum für die vielfältigen Funktionen des Wieslandes ebenso wichtig wie der oberirdische Teil der Vegetation. Der Wurzelraum ist ausschlaggebend für den Erosionsschutz, die Wasenstabilität und damit Bewirtschaftbarkeit (Befahren und Beweiden) einer Fläche, für die Ertragsfähigkeit und die CO2-Bindung des Wieslandes. Vor allem in nicht intensiv genutztem Wiesland kann die unterirdische Biomasse die oberirdische um ein Mehrfaches übersteigen, während in stark gedüngtem Wiesland die Wurzelbiomasse nur geringfügig grösser ist.

2.6.1 Einfluss von Bewirtschaftung und Pflanzenbestand auf den Wurzelraum

Jede Bewirtschaftungsmassnahme beeinflusst auch den Wurzelraum. Die stärksten Auswirkungen haben die Düngung, die eine flache Durchwurzelung fördert, und der Einsatz schwerer Maschinen. Das zunehmende Gewicht der Bewirtschaftungsgeräte und die häufigen Überfahrten führen zunehmend zu Verdichtungsschäden (Umweltamt Luzern 2013).

Die Koexistenz von Flach-, Mitteltief- und Tiefwurzlern ermöglicht eine vollständige Durchwurzelung des Bodenraums (KUTSCHERA et al. 1992) und damit eine entprechend optimale Erschliessung der Nährstoffe und des Bodenwassers.

SCHNEIDER (1954) betont die Bedeutung einer guten Durchlüftung des Bodens und bezeichnet sie «als besondere Eigenschaft der Fettmattenstandorte. … Das beim Betreten der (Fromental- beziehungsweise Fettwiesen-)Matte leicht wahrnehmbare elastische Nachgeben der Unterlage ist der Lockerheit des Bodengefüges zuzuschreiben, welches die unerlässliche Voraussetzung einer ausgezeichneten Bodendurchlüftung darstellt» und Voraussetzung für das gute Wachstum der Fettwiesen und ihre Nährstoffaufnahme sei.

Für einen gut befahrbaren, stabilen, erosionssicheren Wasen entscheidend ist vor allem ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Rasen- und Horstgräsern; viele Kräuter – insbesondere Korbblütler und Umbelliferen, aber auch Ampferarten – sorgen auf der anderen Seite in quasi komplementärer Weise mit ihren langen, dicken Pfahlwurzeln für eine wirksame «Tiefenverankerung». Zur Ausbildung von tiefgehenden Wurzeln sind auch Leguminosen befähigt, zum Beispiel Rotklee, Hornklee, Esparsette oder Luzerne (KUTSCHERA et al. 1992; Abb. 23 und 24).


Abb. 23. Vielfältige Durchwurzelung eines Wiesenbodens durch Koexistenz verschiedener Wieslandarten, schematisch. Quelle: KUTSCHERA et al. 1992 / www.biolandhofbraun.de/html/durchwurzelung.html


Abb. 24. Pflanzenartenvielfalt ist Erosionsschutz. Links: jeder Nagel- und Schraubentyp symbolisiert eine Pflanzenart beziehungsweise eine funktionielle Gruppe. Eine vielfältige Vegetation mit standortangepassten Arten umfasst zahlreiche verschiedene Durchwurzelungstypen (mitte). Abbildung aus KÖRNER 2004. Rechts: Je mehr Pflanzenarten, desto höher ist die bodenkrümelstabilität. Quelle: POHL et al. 2009.

2.6.2 Wieslandböden als wichtige CO2-Speicher

Boden unter Dauerwiesland speichert aufgrund des höheren Humusgehaltes rund doppelt so viel CO2 wie bei ackerbaulicher Nutzung. Bei extensiver Nutzung und zunehmender Höhenlage nimmt das Speichervermögen zu (Abb. 25). Gegenüber einer Nutzung als Ackerland und Kunstwiesen können Naturwiesen pro Hektare mehrere Dutzend Tonnen mehr CO2 binden und so in hohem Ausmass die CO2-Bilanz einer Region beeinflussen.


Abb. 25. Nachhaltig bewirtschaftetes Wiesland leistet durch seinen erhöhten Humusgehalt einen wichtigen Beitrag zur CO2-Speicherung im Boden. Links: Anstieg des Boden-CO2-Gehaltes bei Umwandlung von Kunstwiesen beziehungsweise Ackerland in Dauerwiesland (gestrichelte Kurve). Die Speicherung kann pro Hektare mehrere Tonnen CO2 jährlich betragen (LEIFELD et al. 2007). Rechts: Dauerwiesland kann 50 bis über 200 Prozent mehr CO2 binden als Ackerland; Kunstwiesen liegen dazwischen (LEIFELD et al. 2003).

3 Beurteilung von Pflanzenbestand und Standort im Hinblick auf Ertrag, Nutzungsmöglichkeiten und Artenvielfalt
3.1 Pflanzenbestand als integraler Indikator

Der Pflanzenbestand ist integraler Ausdruck des komplexen Wirkgefüges von Standort und Bewirtschaftung. Die Artenzusammensetzung in Kombination mit der Physiognomie der Vegetation – Wasendichte, Bestandeshöhe, Lückigkeit usw. – erlaubt vielfältige Rückschlüsse auf die Natur- und Kulturfaktoren, welche die betreffende Wiese oder Weide prägen beziehungsweise die vergangenen Jahre prägten. Vor allem aber ermöglicht der Pflanzenbestand die Abschätzung von Ertrag und Futterwert einer Wiese oder Weide und die Identifikation von Entwicklungspotenzialen – beispielsweise im Hinblick auf den Ertrag oder die Artenvielfalt –, aber auch von Bewirtschaftungsfehlern. Die Beurteilung des Pflanzenbestandes ist deshalb in praktischer Hinsicht für die Landwirtschaft und die übergeordnete Planung der Bewirtschaftung, beispielsweise im Rahmen von Meliorationen, von Vernetzungsprojekten oder Betriebs- und Alpplanungen, von zentraler und weitreichender Bedeutung.

Besonders drei Methoden haben sich bewährt, um die Standortbedingungen und die Bewirtschaftung anhand des Pflanzenbestandes einschätzen und beurteilen zu können: Die Verwendung von Zeigerwerten (Kap. 3.2), die Analyse der funktionellen Gruppen (Kap. 3.3) und die Identifikation des Wiesentyps (Kap. 5). Bei der Beurteilung des Wieslandes ist die Qualität und Quantität des Futters oft der wichtigste Gesichtspunkt. Doch das Wiesland hat zahlreiche weitere Funktionen, die je nach Aufgabenstellung und Kontext mehr oder weniger zentral in die Beurteilung miteinbezogen werden müssen (Kap. 1.3). So wird bei zunehmender Steilheit die Befahrbarkeit und damit die Qualität der Grasnarbe zunehmend wichtiger. Oder im extensiver genutzten Bereich ist die Artenvielfalt von besonderer Bedeutung, kommen hier doch oft seltene und gefährdete Arten vor, deren Erhaltung gesetzliche Pflicht ist.

Die Multifunktionalität des Wieslandes ist heute bei allen ganzheitlich orientierten Betriebsplanungen, Nutzungsplanungen und Bestandesbeurteilungen ein integraler Bestandteil.

3.2 Zeigerarten und Zeigerwerte zur Standortindikation

Die Artenzusammensetzung kann mithilfe der ökologischen Zeigerwerte wichtige Hinweise auf die Standortbedingungen geben (ELLENBERG 1974). Für die Schweizer Flora hat diese Zeigerwerte vor allem LANDOLT (1977 und folgende) entwickelt. Zeigerwerte beruhen weitgehend auf der Erfahrung und auf Beobachtungen von Feldbotanikern und beinhalten bei jeder Art einen kleineren oder grösseren Unschärfebereich. Die Aussagekraft der Zeigerwerte in Bezug auf die Standortbedingungen, insbesondere den Wasser- und Nährstoffhaushalt sowie das Mikroklima, haben unzählige Studien und praktische Anwendungen immer wieder bestätigt. Um zuverlässige Aussagen machen zu können, sind die Werte möglichst vieler am Standort vorkommender Pflanzenarten zu mitteln, gegebenenfalls unter Berücksichtigung ihrer Mengenanteile. Einzelne Arten weisen zudem bessere Indikatoreigenschaften auf als andere. So gibt es typische Feuchte-, Nährstoff- oder Säurezeiger, deren Vorkommen ausreicht, um mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die betreffende Standorteigenschaft zu schliessen (Tab. 3).

3.3 Die funktionellen Gruppen Gräser, Kräuter und Leguminosen als Indikatoren für Stabilität, Ertrag und Artenvielfalt

Die Ausprägung der drei funktionellen Gruppen Gräser, Kräuter und Leguminosen ist einer der wichtigsten Gesichtspunkte für die Beurteilung einer Naturwiese im Hinblick auf ihre Ertragsfähigkeit und Stabilität.

3.3.1 Gräser

Ausdauernde Gräser bilden das Grundgerüst der Naturwiesen Mitteleuropas und sind damit hauptsächlichen für den Ertrag und die Stabilität des Bestandes verantwortlich. Nur Gräser sind fähig, einen dichten, stabilen Wasen zu bilden, und dieser wiederum ist in steileren Lagen für die Befahrbarkeit und den Erosionsschutz entscheidend.

Aus futterbaulicher Sicht wird in produktionsorientiert genutztem Naturwiesland ein Anteil ausdauernder Gräser von 50 bis 75 Massenprozent angestrebt. Sofern dagegen Artenreichtum oder Ästhetik im Vordergrund stehen, ist ein geringerer Gräseranteil erwünscht, weil die Gräser viel weniger Arten aufweisen als die Kräuter, Kräuter zudem für mehr Insektenarten Nahrung bieten (z. B. Nektar), und ein starker Graswuchs, vor allem von rasenbildenden Arten, die Kräuter konkurrenzieren und ihre Vielfalt unter Umständen stark vermindern kann. Auch aus ästhetischer Warte ist ein höherer Kräuteranteil attraktiver, sind doch solche Bestände blütenreicher, farbiger und von den Wuchs- und Blattformen her vielfältiger.

Besonders deutlich zeigt sich die Wirkung einer Übermacht der Gräser in vielen Wiesentypen beim Brachfallen. Durch die ausbleibende Nutzung nehmen einige Grasarten stark überhand, je nach Standort beispielsweise die Fiederzwenke oder der Rotschwingel. Diese Gräser können innerhalb von wenigen Jahren einen dichten Filz bilden, welcher kaum mehr weitere Arten aufkommen lässt (Abb. 26).

Umfangreiche Ansaatversuche haben gezeigt, dass auf der anderen Seite das Fehlen von mehr oder weniger konkurrenzfähigen Grasarten den Pflanzenbestand instabil werden lässt. Wurden nämlich in blumenreichen Ansaatmischungen wüchsigere Gräser ganz weggelassen, konnten sich die Wiesenblumen anfänglich tatsächlich besonders üppig entfalten. Bereits nach wenigen Jahren brachen ihre Massenanteile und Artenzahlen aber ein und gingen deutlich unter die Werte einer ausgewogenen Ansaatmischung mit einem geeigneten Gräseranteil zurück (BOSSHARD 1999). Auch aus Naturschutzsicht ist deshalb ein minimaler Gräseranteil von mindestens 30 Massenprozent wichtig, um die Stabilität des Bestandes sicherzustellen.

In funktioneller Hinsicht trägt die Unterscheidung zwischen Horst- und Rasengräsern viel zum Verständnis des Ökosystems Wiese bei (z. B. DIETL und LEHMANN 2006), eine Einteilung, die auf eine alte englische Futterbautradition zurückgeht (THAER 1801). Horstgräser bilden kräftige Horstbüschel, aber keine Ausläufer. Sie durchwurzeln den Boden kräftig und eher tief und wachsen tendenziell rasch in die Höhe. Dadurch bilden sie relativ rasch viel Biomasse und Ertrag. Horstgräser werden in der Regel nur wenige Jahre alt und müssen regelmässig absamen können, um sich im Bestand zu halten.

Rasengräser dagegen vermehren sich vor allem über – oberirdische oder unterirdische – Ausläufer. Sie sind entsprechend nicht auf eine Vermehrung über Samen angewiesen und ertragen damit häufigen Schnitt meist problemlos oder werden durch diesen sogar noch gefördert. Viele Rasengräser bilden einen stabilen, mitunter dichten Wasen («Rasen»), wurzeln aber nur oberflächlich. Der Ertrag vieler Rasengräser ist deutlich geringer als von Horstgräsern. Die ertragreichsten Rasengräser sind das Englische Raygras, das Wiesen-Rispengras und der Wiesenfuchsschwanz; futterbaulich geringwertig sind das Gewöhnliche Rispengras oder verschiedene Straussgrasarten.

Während Horstgräser vor allem andere Horstgräser konkurrenzieren, lassen sie zwischen den Horsten relativ viel Platz für zahlreiche weitere Arten, insbesondere Kräuter, aber auch Rasengräser. Rasengräser neigen dagegen zu Monokulturen (Abb. 26), wobei es je nach Standort, Bewirtschaftung und Grasart grosse Unterschiede gibt.

Die von der Artenzusammensetzung wie bezüglich mechanischer Belastbarkeit stabilsten Wasen entstehen bei einem ausgewogenen Anteil sowohl an Horst- wie Rasengräsern. Fehlen stabile Rasengräser, weist eine Wiese nach der Mahd viele (Tab. 3) offene Bodenstellen auf, welche beispielsweise die Befahrbarkeit in steilem Gelände oder nach Regen gefährlich mindern können (Abb. 8). Solche Lücken lassen aber auch Platz für die Besiedlung des Bestandes mit «Lückenbüssern» – Pflanzen also, die futterbaulich minderwertig, wertlos oder in seltenen Fällen sogar giftig sind, beispielsweise Fadenehrenpreis, kriechender und scharfer Hahnenfuss oder Kerbelarten. Dominieren dagegen Rasengräser zu stark, nimmt die Artenvielfalt ab und Horstgräser können sich nicht mehr genügend etablieren durch Versamung. Dadurch kann der Ertrag einer Wiese deutlich zurückgehen, und in steileren Flächen kann infolge der nur flachen Durchwurzelung die Erosionsgefährdung ebenfalls zunehmen (Abb. 26 rechts).

Einige Rasengräser, vor allem solche, die in intensiver genutzten Wiesen vorkommen, wie das Gemeine Rispengras, bilden nur ein sehr schütteres, oberflächliches Rasengeflecht und können diese stabilisierende Funktion nicht übernehmen.


Abb. 26. Auf mesischen Standorten (nicht allzu nährstoffreich und nicht allzu feucht) kann sich die Fiederzwenke (Brachypodium pinnatum) nach Aufgabe der Mahd durch klonales Wachstum rasch ausbreiten. Sie bildet einen dichten Filz, den schon bald nur noch die Grasart selber durchdringen kann (Bild links). Viele Arten, vor allem Rosettenpflanzen, werden verdrängt, die Artenvielfalt kann dadurch schon nach wenigen Jahren stark zurückgehen. Da die Fiederzwenke nur oberflächlich wurzelt und andere Arten zunehmend fehlen, die je ein unterschiedliches Wurzelssystem bilden (vgl. Abb 23 und 24), sind Fiederzwenken-Monokulturen deutlich erhöht erosionsanfällig. Im Bild rechts eine abrutschende Wegböschung, deren regelmässige Mahd vor einigen Jahren aufgegeben wurde und an der sich seither ein Reinbestand von Fiederzwenke breit gemacht hat. Zürcher Oberland (CH), 900 m ü.M.

Tab. 3. Vorkommen und Eigenschaften der wichtigsten Gräser der mitteleuropäischen Naturwiesen unterhalb der alpinen Stufe. Quelle der Zuordnungen: DIETL 1986 u.a.; LAUBER und WAGNER 2007; sowie zahlreiche eigene Vegetationsaufnahmen.


Da Rasengräser typischerweise den Grossteil ihrer Assimilationsorgane nahe am Boden haben, können sie sich nur in einem relativ lichtdurchlässigen oder niedrigen Pflanzenbestand gut etablieren. Dagegen können viele Horstgräser ihre Blätter in einem dichten Bestand in den lichten, oberen Bereich verlagern und damit auch in massenwüchsigen Beständen sich gut halten. Rasengräser kommen deshalb zum einen in relativ nährstoffarmen, extensiver genutzten Beständen vor, bei denen das Pflanzenwachstum keine sich rasch schliessenden Bestände bildet.

Die Grenze ist im mittelintensiven Bereich, also bei der Knaulgraswiese erreicht: Während die wenig intensiv genutzten Fromentalwiesen durch Rotschwingel und weitere wertvolle Rasengräser charakterisiert sind, fehlen – mit Ausnahme von Lückenfüllern in schütteren Beständen – kräftige, eigentliche Rasengräser in den nährstoffreicheren Knaulgraswiesen und den gut gedüngten oder überdüngten Goldhaferwiesen weitgehend. In noch intensiver genutzten Wiesentypen kommen sie dann – insbesondere in Form des Englisch Raygras und des Wiesenrispengras – wieder zu grösseren Masseanteilen, vorausgesetzt, es sind Gräser vorhanden, welche die intensive Nutzung ertragen. Dies ist nur in den tieferen Lagen auf guten Böden der Fall. Der Grund liegt darin, dass die hohe Nutzungsfrequenz in solch intensiv genutzten Beständen ein hohes und dichtes Aufwachsen des Bestandes verhindert und immer wieder Licht in die bodennahen Schichten bringt. Insbesondere eine intensive Beweidung fördert Rasengräser, weil der Bestand dadurch permanent kurz gehalten wird und Licht immer bis in die unteren Schichten dringen kann.

Infolge des Fehlens konkurrenzkräftiger Rasengräser sind die mittelintensiv genutzten Wiesen die labilsten Wiesentypen – sowohl was die Wasen- wie die Bestandesstabilität anbelangt.

Für jeden Standort und jede Nutzungsintensität sind die geeigneten Grasarten und -ökotypen in der Samenbank des Bodens oder der Umgebung in Mitteleuropa in der Regel vorhanden (Tab. 3). Sie müssen oder müssten deshalb nur in Ausnahmefällen gezielt mittels Samenmischungen eingeführt werden (Übersaaten). Die Samenproduktion eines reifen Wiesenaufwuchses übersteigt die Saatmenge, welche normalerweise bei Neuansaaten oder Übersaaten eingebracht wird, in aller Regel deutlich (KIRMER et al. 2012). Bei richtiger Bestandeslenkung (Kap. 4.2) können Arten, sofern sie in kleinen Anteilen im Bestand vorhanden sind, also meist innerhalb weniger Jahre wieder etabliert werden.

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
504 s. 125 illüstrasyon
ISBN:
9783258479736
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Bookwire
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