Kitabı oku: «Wortwechsel»

Yazı tipi:

Andreas Dorschel

Wortwechsel

Zehn philosophische Dialoge

Meiner

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eISBN (ePub) 978-3-7873-4084-2

eISBN (PDF) 978-3-7873-4053-8

Fertiggestellt am Wissenschaftskolleg zu Berlin im Winter 2020/21.

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INHALT

Laut denken

DENKEN

Livre de Prudence · Gespräch in Padua

VERNUNFT

On le forcera · Gespräch in Paris

MYTHOS

Arkona · Gespräch auf Rügen

VORURTEIL

Ratten · Gespräch in Wien

EINBILDUNGSKRAFT

Aufgerissene Augen · Gespräch in Liverpool

CHARAKTER

Wolframus · Gespräch in Erfurt

FORM

Katzengold · Gespräch in Walden

LUST

Anguilla · Gespräch in Lyon

SCHÖNHEIT

Venere d’Urbino · Gespräch in Florenz

SPIEL

Di yu di dee dee · Gespräch in Cambridge

Knoten

Nachweise

Begriffsregister

Für Mitra und Arianna


LAUT DENKEN

1 Dialog und Vorlesung: diese beiden gegensätzlichen Gattungen, unter anderen, verdankt Europa den Griechen.1 Im Dialog Gesagtes soll ein Gegenüber zum Reden bringen, in der Vorlesung Gesagtes den Studenten zum Schweigen. Die griechische Erfindung der Vorlesung wäre unverzeihlich, machte nicht die Erfindung des Dialogs sie wett.

2 Einst war der platonische Dialog »gleichsam der Kahn, auf dem sich die schiffbrüchige ältere Poesie sammt allen ihren Kindern rettete«2. Längst muß sich die Poesie nicht mehr retten. Immer noch eignet sich aber der Kahn des Dialogs in Fällen von Seenot – der über Bord Gegangenen der modernen akademischen Philosophie.

3 Die Schulphilosophie des 21. Jahrhunderts ist verengt in ihren Genres. Beinah ihre einzigen Äußerungsformen sind der Journalartikel sowie die Abhandlung ; von sonstigem, Tagungsberichten etwa, werden nicht einmal ihre Herausgeber erträumen, daß sie das Denken weiten. Die Abhandlung unterscheidet sich vom Artikel nur in der Länge; in der Weise, in der sie abgefaßt ist, gleicht sie ihm. Was nicht in diese Form paßt, fällt ins Wasser. Lernt es schwimmen oder ertrinkt es?

4 Philosophieren heißt: nachdenken und unabhängig bleiben. Unabhängig bleibt das Nachdenken, solange es frei von Furcht vor dem ist, was sich aus ihm ergeben könnte. Die beiden Forderungen sind insofern zwei Seiten der selben Sache. Und zu ihnen paßt Freiheit nicht nur der Inhalte, sondern auch der Formen. Frühere Philosophien, insbesondere jene der Renaissance und der Aufklärung, bedienten sich etwa auch des Briefes, der Erzählung, des Monologs und des Dialogs, um philosophische Positionen einzuführen und dann, in der Entfaltung des Gedankengangs, mittels dramatischer sowie epischer Ironie in unterschiedlichem Maß Abstand von ihnen zu nehmen. Den Veranstaltern des modernen akademischen Exorzismus solcher Formen mag vor Ironie bange gewesen sein. Letzte Sicherheit vor ihr erlangen sie vielleicht nur in der ihnen ganz eigentümlichen Form des Dialogs, der Podiumsdiskussion auf dem Philosophiekongreß.

5 Unter den philosophischen Gattungen, die sich einer Heuristik der Fiktion bedienen (¶ 4), bietet der Dialog die besonderen Gelegenheiten – verknüpft, wie alle Gelegenheiten, mit speziellen Grenzen – eines Schauspiels für Leser: übrigens nicht unbedingt für geneigte (¶ 36). Auf den Dialog kam die Philosophie nicht, um sich aufs Gefälligsein zu verlegen.

6 In den Schauspielen für Hörer und Zuschauer hat man verpaßt, was man verpaßt hat. Es gibt kein Zurück, wie bei den Schauspielen für Leser (¶ 5). Diese erlauben auch Innehalten, Nachdenken. Sie können daher andere Schwierigkeiten zumuten. Das Schauspiel für Leser, das philosophische Dialoge bieten, wird zum Theater des Verstandes. Gespräche dieser Art, Schauspiele ohne Schau und Show, inszenieren Begriffe; diese umkreisend, führen sie vor, wie Bedeutung zwischen Redenden entsteht und vergeht. Im Hinblick auf die Begriffe wird manches gesagt; dies zählt zum Inhalt des Dialogs (¶¶ 34–35). An seiner jeweiligen Form aber zeigt sich etwas, das nicht mehr gesagt wird.

7 Die philosophischen Begriffe (¶ 6) sind zwar »Griffe«3 – aber nicht Griffe der Hand, unmittelbar am Einzelnen, sondern Griffe des Kopfes, abgelöst vom Einzelnen. Diese Selbständigkeit verleihtihnen höhere Verfügung, nämlich allgemeine. Darum sagt man, Herrschaftliches andeutend, das Einzelne sei unter dem Begriff begriffen, subsumiert. Keine Verfügung über den Begriff sucht der ihn umkreisende Dialog; er löst sich seinerseits ab von diesem Element der Ablösung.

8 Wofür die definitionshungrigen Abhandlungen (¶3) anfällig sind, dem müssen Dialoge sich entziehen: in Terminologie zu erstarren.4 Sie sind Wortwechsel nicht nur in dem Sinne, daß das Wort hinüber und herüber wechselt, sondern auch in dem Sinne, daß etwas an den Worten wechselt. Da Dialoge vorführen, wie Bedeutung zwischen Redenden entsteht und vergeht (¶ 6), will ihre Sprache fließen.

9 Ein Schauspiel für Leser (¶¶ 5–6): Imaginiert ist, daß die Figuren laut denken. So macht der Dialog Leser zu Zeugen, statt zu Empfängern eines Berichts.

10 Ein Kind, das eine Puppe in der Hand hält, findet Sätze, die es ohne die Puppe nicht hätte sagen können. Philosophische Dialoge arbeiten diese Situation aus – bis sie erwachsen wird.

11 Nur in und an Widerständen denkt jemand. Wer ganz im Einklang mit sich und anderen wäre, bräuchte nicht mehr zu denken. Die Kunst des philosophischen Dialogs liegt darin, vom Satz zum Gegensatz zu gelangen. Das gilt bis zum Finish: Erst Reibung verleiht Gedanken Politur. Satz und Gegensatz indes reichen nicht; zu Figuren (¶ 9), mit Worten agierenden und reagierenden, muß der dem Denken unentbehrliche Widerstand im Dialog werden. Das Genre fordert vom Autor, ehe er den Gedanken schreibt, erst einen Jemand zu finden, der fähig ist, den Gedanken zu äußern, und –unter Vorbehalt (¶ 46) – andere, die fähig sind, ihn zu begreifen.

12 Des Widerstands halber ist indes Begreifen (¶ 11) nie genug. Wenn Denken sich nicht einfach in einem Denker, sondern zwischen Sprechern ereignet (¶ 8), dann müssen die Figuren eines Dialogs in der Lage sein, einander zu irritieren; nur so bleibt das Gespräch lebendig. Jede einzelne der Figuren zählt, aber nichts zählt so sehr wie ihre Zusammenstellung. Das Bild, das sich aus ihr ergibt, braucht nicht schön auszufallen. Zuweilen ist die Sau nötig, der einer seine Perlen hinwerfen kann; die Sau irritiert den Liebhaber der Perlen durch deren Geringschätzung, die Perlen irritieren die Sau durch Unverdaulichkeit. Lebendig muß das Bild sein, das sich ergibt, und wäre es auch in solchem Falle.

13 Ein Ort, Figuren dieser Qualität (¶¶ 11–12) zu finden, ist die Geschichte. Aber Finden geht hier einher mit Erfinden – »historical fiction«.5 »Der historische Mensch ist gewissermaßen ein Magnet, und um ihn herum ist ein Feld, in dem man sich erfindend bewegt«, sagt Daniel Kehlmann, seinen Roman Die Vermessung der Welt erläuternd; es gilt auch für imaginäre Konversationen in der Nachfolge Walter Savage Landors. Einerseits ist es nicht Sinn der Sache, solche Dialoge nur aus belegten Äußerungen, etwa in Briefen und Tagebüchern, zu montieren. Rückt man andererseits den Gestalten der Geschichte so fern, »daß die Kraft ihres Feldes nicht mehr spürbar ist, so hat man das künstlerische Recht verloren, diese Namen zu verwenden«6 – das künstlerische Recht nämlich im Roman, das philosophische Recht im Dialog.

14 Das Verhältnis von Figur und Gedanke im philosophischen Dialog ist prekär. Um Dialog zu sein, muß er von Personen geführt werden, nicht von Personifikationen; wer eine menschliche Figur lediglich dazu benutzt, eine Abstraktion zu vertreten, behandelt sie unter ihren Möglichkeiten, den literarischen und den philosophischen. Zur Person, und nicht bloß Personifikation, wird eine Figur in dem Maße, in dem sie eine eigene Stimme gewinnt. Nur dann wird es auch zum Ereignis im Dialog, wenn sie diese verliert, nämlich verloren gibt, etwa weil sie sich opportunistisch anpaßt an die, mit denen sie spricht.

15 Jede Stimme sagt mehr als ihre Sätze.

16 Wenn zwei miteinander reden und ein paar Einsichten gewinnen, haben beide gewonnen. Folglich ist es eine Dummheit zu glauben, Gespräche seien Spiele, die der eine gewinnt, sofern der andere sie verliert. Aber diese Dummheit, und nicht nur diese, widersteht Einsichten, besonders der genannten. Und sie kann eigentümlich fruchtbar werden. Das stellt den Dialog unter Wittgensteins landschaftliches Gebot: »Steige immer von den kahlen Höhen der Gescheitheit in die grünenden Täler der Dummheit.«7 Diese können, denn es ist ein metaphorisches Grün, auch in der Stadt liegen, ja sie liegen, was das Dialogische betrifft, fast nur dort.8

17 Statt die Dummheit der Rivalität (¶ 16) in Gestalt eines idealen Gespräches zu unterdrücken, muß der philosophische Dialog das Beste aus ihr machen. Also ist sein Bestes ein Zweitbestes, deuteros plous9.

18 Polizeiliches oder richterliches Ausfragen ergibt keinen Dialog. Und doch: Die dialektischen Figuren (¶¶ 9, 11–12, 14) agieren, im Kräftemessen und über dieses hinaus, wechselseitig als Erkennungsdienst; die sachdienlichen Hinweise, die sie einander geben und von einander entgegennehmen, tragen zur Identifikation der Personen bei. Sie tun es selbst dann, wenn sie über die Person täuschen sollen, denn man täuscht auf die eigene, persönliche Art.

19 Kraft ihrer Figuren (¶¶ 9, 11–12, 14, 18) vergegenwärtigen Dialoge. Wenn sie in der Vergangenheit (¶ 13) spielen, wird auch diese zur vergegenwärtigten – als ereigne sich das Gespräch hier und jetzt. Solch eine Gegenwart kann nur Hokuspokus sein: Geisterbeschwörung. Aber sie taugt als Korrektiv gegen den Trug der Abhandlungen (¶ 3). Diese legen philosophische Fragen ab in einem abstrakten Irgendwo – einem Nirgendwo –; Gespräche haben einen Ort. In ihnen kommt es nicht nur darauf an, was gesagt wird, sondern auch darauf, wo es gesagt wird, wie es gesagt wird und wer es sagt. Sie können, dürfen, sollen vom Gelegentlichen ausgehen. Den Fragen, die das Denken aufwirft, geben Dialoge ihren Sitz im Leben zurück, indem sie bestimmte Personen, mit ihrer je eigenen Stimme (¶¶ 14–15), in Situationen sprechen lassen ; Abhandlungen hingegen reklamieren, jenseits von Raum und Zeit, die eine Stimme der Menschheit, der Vernunft, des Seins oder als wessen Bauchredner Philosophen sonst noch auftreten mögen.

20 Daß der Ort des Dialogs (¶ 19) die Öffentlichkeit sei, ist ein Gerücht. Weil sie alles und nichts ist, gibt Öffentlichkeit nur den Ort ab für sogenannte Dialoge. Deren Teilnehmer bestätigen mittels sprachlicher Fertigteile den einen die Zusammengehörigkeit und bestreiten anderen die Zugehörigkeit zu den Anständigen – etwa durch öffentliches Ausrufen von Skandalen. Wo es ein Publikum gibt – in der Öffentlichkeit – endet das Gespräch und beginnt das Spektakel, die Sabotage am Gespräch.10 Sofern die folgenden Dialoge an öffentlichen Orten stattfinden, etwa in einem Museum, auf der Straße, in einem Kaffeehaus, sind diese so beschaffen, daß sie die Redenden einem Publikum entkommen ließen. Öffentlicher Raum kann am Stand der dialogischen Gnade teilhaben, solange er Nischen aufweist, die vor Öffentlichkeit eben noch verschonen. Fiktive Zeugnisse solcher Gnade zu veröffentlichen ist das Paradox des Genres Dialog (¶¶ 4–9, 12).

21 Zum Publikum (¶ 20) reden Demagogen mit nachtwandlerischer Sicherheit. An aller Sicherheit ist etwas von Nachtwandeln. In dem Maße, in dem das Bewußtsein heller wird, schwindet die Sicherheit, mehrt sich der Zweifel.

22 ›Zweifel‹ (¶ 21) ist etymologisch, was sich zweimal falten läßt, und Dialog ist Zwei-, Drei-, Viergespräch. Der Abstand, den jeder Text als Text zur Welt hält, dehnt sich im Dialog um den Abstand des Autors zu seinen Figuren sowie um den Abstand der Figuren zu einander. In der Form selbst steckt ein Element der Skepsis,11 das freilich durch den Inhalt des Gesagten entfaltet oder, sofern Dogmatiker am Werke sind, vernichtet werden kann. Diese, notorisch nur den eigenen Gedankengängen folgend, hören schlecht zu, ja hören am Ende den anderen überhaupt nicht mehr zu12 und entziehen so dem Dialog die raison d’être, auch wenn tatsächlich noch das Wort hin und her geht. Übrig bleiben dann abwechselnde Monologe.

23 »In der Form selbst« (¶ 22)? Grenzen hat der Dialog allerdings; sind sie eng gezogen, schadet ihm das nicht. Denn Philosophie fordert Genauigkeit, Deutlichkeit, Sorgfalt. Diesen tut Demarkation keinen Eintrag, im Gegenteil. Um alles zu sagen, braucht der Dialog nicht mehr als zwei Leute in einem Raum; was darüber hinausgeht, ist bereits Luxus.

24 Dialoge, die etwas taugen, sind mit Überlegung gestaltet ; in diesem weiteren Sinne werden sie geformt sein – jedoch zu Formen, entzogen allen einheitlichen Schemata, die gegen die Inhalte der Erörterung gleichgültig wären. Von einer Dialogform in dem engeren Sinne, in dem es etwa (bei allen Varianten) eine Sonettform gibt, kann hingegen keine Rede sein. Auch insofern ist Philosophieren im Dialog fluide (¶ 8). Selbst eine Debatte wie über die Zahl der Akte im Drama wäre mit Blick auf sie – Soll ein guter Dialog drei oder fünf Abschnitte haben? – kaum denkbar.

25 Platon verbrannte seine Tragödien vor dem Dionysostheater zu Athen, ehe er sich dem sokratischen Dialog zuwandte.13 Mit dem Drama (¶ 24) teilen Dialoge die Literarisierung von Mündlichkeit (¶¶ 5–6). Doch jenes ist dazu da, auf der Bühne gespielt und gesprochen zu werden ; diese hingegen eignen sich kaum für eine Aufführung14 – nach üblichen Begriffen des Dramatischen geschieht im Grunde nichts. Aber: »Worte sind auch Taten«15 – die Tat besteht jeweils darin, sie zu äußern. Dem Denken (¶¶ 9, 11) können die Worte, die auch Taten sind, eine neue Richtung geben. Ja selbst der Folge der Worte zuzuhören (wie es denjenigen im Dialog zuzuschreiben ist, die jeweils nicht reden) ist eher ein Akt als ein Zustand, in dem man passiv bleiben könnte. Hören kann unaufmerksam sein; Zuhören entspringt der Aufmerksamkeit.

26 Dialogfiguren sind vor allem durch das, was sie sagen, zu charakterisieren (¶ 18). Entfällt die Aufführung (¶¶ 5–6, 25), dann fehlen die Gebärden, die Sprache des Körpers. Es ist leicht, sich über den Verlust mit der Auskunft zu trösten, die Probleme der Philosophie seien geistige. Tatsächlich gestikuliert ein Mensch ja desto wilder, je schlechter sein Argument und je vitaler sein Verlangen nach dem, wofür er argumentiert, ist. Und doch kann es in bestimmten Partien eines Dialogs entscheidend werden, jenen Verlust ein Stück weit aufzufangen. Die Sätze müssen an solchen Stellen etwas Gestisches annehmen.

27 Die Sprachgebärde des Dialogs (¶ 26) gehört der Sphäre an, in der Begriffe inszeniert werden (¶ 6). Aller Naturalismus verfehlt sie. Auf Papier zu stammeln, zu seufzen und zu stöhnen ist meist unfreiwillig albern. Wert haben Albernheiten im Dialog nur, sofern sie freiwillig begangen werden.

28 Im ersten Wortwechsel seines Coloquio que pasó entre Cipión y Berganza distanziert Cervantes die »términos de naturaleza«16. Die Kunstsprache des Dialogs erzeugt sich aus einer Spannung zwischen Sprechsprache und Schriftsprache. Gelingen werden Dialoge nicht dem, der sie zu Abbildern wirklicher Gespräche macht. Solche werden eben nicht gelesen, sondern geführt. Da gesprochene Worte in dem Moment, in dem man sie ausspricht, verschwinden, stellt oft erst ihre Wiederholung sicher, daß sie ins Ohr gehen. Den weißen Sprachschaum, der Konversationen schmiert, muß ein Dialogautor wegwischen. Wo die Anspielung nicht genügt, erübrigt sich der Dialog. Rutschen Gespräche ins Geplauder, dann reden alle weiter, auch wenn sie nichts mehr zu sagen haben. Derlei Nichtssagendes muß der geschriebene Dialog erst recht abstreifen. Ausnahmen sind nur erlaubt, wenn Begriffsstutzigkeit zur Charakteristik gehört ; denn dann besagt das Nichtssagende nicht nichts, sondern etwas über jemanden.

29 Im Dialog gilt es, Wirkliches und Erfundenes, statt sie zu panschen, genau auf einander zu beziehen (¶ 13). Eine Beziehung dieser Art ergibt sich kaum je von selbst; sie ist nicht natürlich (¶¶ 27–28). Autoren von Dialogen müssen den Mut zur Künstlichkeit aufbringen, und ihre Leser Langmut mit der Künstlichkeit. Das Leben (¶ 19), in dem Dialoge den philosophischen Fragen ihren Sitz verschaffen, ist nicht das Leben, wie es geht und steht. Es herrscht in ihnen zum Beispiel stets Feierabend. Denn wer arbeitet, sagt zwar vielleicht etwas, oder sogar eine Menge, führt aber keine Dialoge. Ihre paradoxe schriftliche Mündlichkeit (¶¶ 5–6, 25, 28) macht Dialoge artifiziell und umständlich – so artifiziell und umständlich wie, aus anderen Gründen, Sonette von Góngora oder Filme von Visconti. Sie sind dies bereits in ihren Anfängen bei Platon,17 und sobald ein Autor sie ins Schlichte zwingen will, wie Heidegger auf dem Feldweg,18 überzieht Monologisieren lähmend die erhaltene äußere Form. Seiner Brechungen beraubt, wird das Zwiegespräch einfältig.

30 In Berlin umkreiste eines Nachts ein Betrunkener eine Litfaßsäule, wankte immer aufs Neue an ihr entlang, tastete sie ab, bis er endlich zu Boden sank und schluchzte: »Hilfe! Man hat mich eingemauert!« Dieser Satz ist zu denken als der vorläufig letzte eines ausgedehnten Selbstgesprächs.

31 Hamlet, Macbeth, Wallenstein: Der Monolog ist die Redeweise des Unseligen. Er redet sich ins Unheil. Wo eine zweite, ein zweiter da sind, die mit sich reden lassen, im Dialog also, ist ein Glück als möglich gesetzt – nicht unbedingt, wie auch das Leben lehrt, als wirklich.

32 Allerdings läßt sich der Gegensatz des Dialogs zum Monolog (¶¶ 22, 29–31) überdehnen. Es gilt vielmehr, das Monologische am Dialog und das Dialogische am Monolog zu sehen. Einerseits spricht in der Unterredung jeder ein Stück weit für sich, und mit sich. Andererseits imaginiert derjenige, der ein Selbstgespräch führt, oft genug den mit, der an seinen Lippen hängt, oder er zerlegt sich selbst in die Rollen eines Redenden und eines Zuhörenden respektive (im Fall des monologischen Tagebuchs) eines Schreibenden und eines Lesenden. Jemandes Zeichen ist immer ein – mögliches – Zeichen für jemand anderen. Wer spricht, will gehört, wer schreibt, will gelesen werden. Zwar schaffen Zuhören und Lesen noch keinen Dialog. Erst mit der geäußerten Antwort entsteht Zwiesprache. Aber Zuhören und Lesen sind bereits unterwegs ins Dialogische.

33 Daß er elliptisch ist (¶ 28), macht den Dialog nicht weniger umständlich. Umständlich ist, wer viele Einzelheiten einer Sache berücksichtigt. Diese aber rückt der Dialog außerdem noch in zwei oder mehr Blickwinkel.19 So wird er nicht nur umständlich, sondern umständlicher. Die Figuren stehen um den Gegenstand herum, sofern sie jeweils ihren Blickwinkel beibehalten, oder sie gehen um ihn herum, sofern sie den Blickwinkel während des Gesprächs wechseln. Sie umschleichen ferner einander sowie das, was die anderen ihnen jeweils sagen: Die Replik auf eine Bemerkung deutet diese, und deutet sie um. Solcher Umgang macht noch mehr Umstände.

34 Philosophische Dialoge sind in ihren Inszenierungen von Begriffen (¶ 6) nicht auf einen durch das Wahre, Gute, Schöne umrissenen Themenkreis festgelegt; aus dem Weizenhandel schlug Galiani Funken des Gedankens.20 Geist hat ein Gespräch nicht, weil Geistiges sein Sujet ist, sondern weil Geist in ihm nicht lockerläßt und den Gedanken weitertreibt. Schlagen muß man, der Funken wegen – selbst so von der Metaphysik verhätschelte Kreaturen wie das Wahre, Gute, Schöne.

35 Man spricht über etwas; ein Dialog hat ein Thema (¶ 34). Das Thema verwandelt der Dialog in eine Frage. Aber das ist noch zu wenig. Ginge es nur um die Sache, sei’s auch fragend, wäre wirklich eher die Sachlichkeit der Abhandlung (¶ 3) angezeigt als das Spiel der Personen eines Dialogs. Wie beim Essay ist der Gegenstand im Dialog, der einerseits anzieht, ebensosehr dazu da, sich von ihm abzustoßen – ihn zum Vorwand zu nehmen. Tricks, Abschweifungen, Ausschweifungen, Paradoxien, Frech- und Albernheiten manövrieren um ihn herum. Denn, noch einmal: Personen sind zu schade dafür, an ihnen logische Schlüsse vorhersehbar durchzuexerzieren (¶ 14). Und, auch dies noch einmal: Dialoge gehören in Gegenden, die nicht kahl sind (¶ 16). Jene Manöver weisen dem Gegenstand seinen Platz an; er mag weniger respektabel sein, als man vor dem Gespräch meinte.

36 Der philosophische Dialog, als Genre, trägt in sich eine Spannung aus zwischen disziplinären, disziplinierenden und disziplinierten Qualitäten wie Progression, Genauigkeit, Deutlichkeit, Sorgfalt (¶¶ 23–24), Beharrlichkeit (¶ 34) und kritischer Schärfe einerseits, undisziplinierten und antidisziplinären Haltungen wie Hang zur Digression, Paradoxie, Frech- und Albernheit (¶ 35) andererseits. Das Resultat kann eine ordentliche Unordnung sein, organisiertes Chaos. Es ist nicht auf die einfache Formel eines Kontrapunkts des Schweren und des Leichten zu bringen. Denn einer Lektüre bequemen Verbrauchs bietet sich der eine Zug so wenig an wie der andere. Unbeschadet dieser Gemeinsamkeit bilden sie einen Gegensatz; George Berkeley21 und Lukian von Samosata22 markieren die Pole, Platons Symposion die glückliche Balance.

37 Sofern Philosophie ein Gespräch der Nachdenklichen ist, läßt sich mit ihr kein Staat machen. Auffallend am auffallendsten Versuch, es doch zu tun, dem Platons, ist sein Scheitern. Im Unterschied zu Militärmusik, Triumphbogen oder Herrscherportrait bildet der Dialog kein repräsentatives Genre. Staaten lieben Löwen in ihren Wappen. Im Leben solcher Raubkatzen wechselt kurze Jagd mit langer Verdauung. Dösend bieten sie den Anblick erhabener Langeweile. In die Not, vor anderen Tieren weglaufen zu müssen, geraten sie nie. Könnte der Dialog sich Heraldik leisten, müßte er Hasen aufs Schild bringen. In Rede und Widerrede vollzieht sich eine Flucht. Sie beginnt zweckmäßig als Flucht nach vorne. Doch nur sofern in jedem Moment eine Wendung nach links, rechts, selbst zurück erfolgen kann, wird Monotonie, die Lähmung des Dialogs, vermieden. Dem Lepus europaeus steckt Ironie in den Läufen. Die Lehre des Hasen lautet: Haken schlagen. Das ist alles. Der Dialog kann und will sich keine Heraldik leisten. Man soll seine Haken nicht auf Schilden ankündigen.

38 Das Gespräch nähert sich der Sache Schritt für Schritt, und dann plötzlich mit einem Sprung, oder es entfernt sich mit Schritt, Sprung und Hakenschlag (¶ 37) von ihr. Es gibt verschiedenen Ansichten der Sache fair play, und dann wieder unfaires. Dialogiker arbeiten gegen das Vorhersehbare, das Chloroform des Dialogs.

39 Reden, das sich in seinen Thesen erschöpft, ist erschöpft. Hinter dem Vordergrund des Gesprächs begibt sich in einem sinnreichen Dialog immer noch etwas anderes. Dieser Hintersinn ist aus den Abschweifungen des Dialogs (¶¶ 33, 35) meist eher zu entziffern als aus seinem logischen roten Faden.

40 Vom Hintersinn (¶ 39) her zerfällt in einem Dialog manchmal bereits, woran im Vordergrund noch gebaut wird. Zwar kommt auch das Umgekehrte vor. Aber wer für das objektive Element des Destruktiven und für das subjektive Element des Boshaften keinen Sinn hat, dem ist mit dem Genre Dialog schlecht gedient. Zu sich selbst gelangt es, dem großen Boëthius zum Trotz, in größtmöglichem Abstand von den Gattungen geistlicher Erbauung, der Trostschrift und der Predigt.

41 Das weltliche Gegenstück zur Predigt (¶ 40), dem Monolog des Pfarrers, ist die Vorlesung (¶ 1), der Monolog des Professors. Beide wollen nicht unterbrochen werden. Vor der Erfindung des Buchdrucks dienten Vorlesungen der Dissemination der Bücher. Der vorlesende Professor redet wie ein Buch, weil er aus seinem Buch liest.

42 Aus einem Dialog oder einer Reihe – vielleicht untergründig verwobener – Dialoge ist seit langem dann und wann ein Buch hervorgegangen (¶ 4). Vom einzelnen Unterredner im Dialog sollte indes besser nicht gelten, er rede wie ein Buch. In diesem Punkt kann die Literatur doch einmal vom Leben lernen. Wie in wirklichen Gesprächen ist auch in der Kunstform des Dialogs die Unterbrechung – der »plaisir de interrompre«23 – ein probates Gegenmittel. Dem professoralen Redestrom in der Vorlesung (¶¶ 1, 41) sind die Studenten ausgeliefert, nur unter widrigen Folgen gibt der Gefreite dem Befehl des Offiziers Kontra, selbst gegen Anwürfe in einem Brief vermag sich der Empfänger nicht auf der Stelle zu verteidigen. Den seltenen Vorzug, sich gleich wehren zu können, eröffnet einem der gesprochene Dialog; der geschriebene hat diesem Vorzug, wenn auch vielleicht nichts anderem auf der Welt, Ehre zu erzeigen.

43 Man kann unterbrochen werden (¶ 42), aber auch sich selbst unterbrechen; in jenem Fall ergreift der andere das Wort, in diesem fällt es ihm zu. Daß die Rede vom einen auf den anderen übergeht, versteht sich nie von selbst. (Sogar eine Frage könnte, wer sie gestellt hat, selbst beantworten.) Wer das Wort ergreift, ortet eine Leerstelle und setzt dazu an, sie zu füllen. Wann und wie die Rede zwischen den Redenden wechselt, kann so bedeutsam sein wie das, was sie besagt.

44 Der Wirklichkeit nach werden Gespräche, dem Leib sei Dank, etwa durch Müdigkeit beendet oder durch Hunger. Das liegt an den Sprechern, nicht am Besprochenen. An irgendeinem Punkt führt jeder Stoff (¶¶ 34–35) ins Unendliche. Ginge es allein nach dem Geist (¶ 34), wären Dialoge der Möglichkeit nach endlos. Sie könnten stets weitergehen, da es keinen Satz gibt, dem sich nichts entgegnen ließe (¶ 11). Die Position birgt in sich bereits ihre Negation: »Il n’y a pas une idée qui ne porte en elle sa réfutation possible, un mot le mot contraire.«24 Darum kann ein Dialog nicht schließen, sondern nur abbrechen. Mit diesem Akt unterbricht nicht mehr eine Figur die andere (¶ 42), sondern, mittels zweitbester (¶ 17) Kunst, der Autor seine Figuren. Er spricht, als letztes Wort, ein seltsames Machtwort; hinter ihm steht nicht, wie in normaler Macht, die Fähigkeit, Sanktionen zu verhängen, sondern allein der Umstand, daß die Figuren seine Figuren sind. Als Fragment gibt der Autor den Dialog frei. Obschon kein Schauspiel für die Bühne (¶ 25), ist dieser – wie man es von einem Drama sagt, das sich nicht zur Dichtung erhebt – ein »Stück«.

45 Wie enden? In der Tragödie, im Heldenepos, im Roman, im Opernlibretto, im Thriller wird häufig gestorben: nicht nur gegen Ende, aber auch. Das ist vage – denn der Tod ist kein bestimmter Gedanke –, doch effektvoll. Mit ein paar Worten ist es leicht bewerkstelligt. Genaugenommen zu leicht. Als genaunehmendes Genre (¶ 23) verzichtet der Dialog auf das Sterben in Worten; hinter der einen berühmten Ausnahme, dem Schluß des Phaidon, könnte jeder weitere Versuch nur zurückbleiben. Wir sind dem Asklepios immer noch einen Hahn schuldig.

46 Tragödien enden mit dem Untergang des Helden, Komödien mit seiner Hochzeit.25 Die Finalpartie von Dialogen, die insbesondere Lukian so entschieden der Komödie annäherte,26 findet in der Heirat ein besseres Pendant als im Tod. Doch nicht die Übereinkunft ist der Zug der Eheschließung, der sie für die letzten Passagen von Dialogen als – wenngleich ferne – Entsprechung anziehend macht. Dialoge in einen Konsens zu führen, ist öde.27 Anziehend am Komödienschluß ist für Dialoge vielmehr der Zug der wechselseitigen Verkennung. Ein Gespräch gilt es abzubrechen, sobald diejenigen, die es führen, sich in aufschlußreichen Mißverständnissen festgeredet haben. Die Fäden, welche die einzelnen verfolgten, sind dann zu einem Knoten festgezurrt, der allen gemeinsam ist und für den sich darum zugleich jeder und keiner mehr verantwortlich fühlt. Darum ist dem philosophischen Dialog weniges so fatal wie die dialogische Philosophie. Entgegen Buber28 ist Dialog weder die Seinsweise, die den anderen zum authentischen Du werden läßt, noch auch ein Prinzip.

47 Knoten (¶ 46) befestigen, verbinden, speichern potentielle Energie. So weit, so nüchtern. Aber Knoten werden erfunden, nicht einfach gefunden. In der Odyssee ist es die Zauberin, Kirke, die Odysseus die Kunst des Knotens lehrt.29 Zeit im Dialog zu gestalten heißt, die Fäden, aus denen er gewebt ist, nicht zu früh und nicht zu spät zu verknoten. Daß der Knoten sich dann nicht mehr lösen läßt, macht seine eigentümliche Perfektion aus30 – die einzige, die mit Skepsis (¶ 22) zu vereinbaren ist.

48 Skepsis (¶¶ 22, 47), sofern sie das Denken weitertreibt, ist nicht satt. Die vorletzte Maxime von Graciáns Oraculo manual gilt auch für Dialogschlüsse: »Dexar con hambre«,31 »Hunger zurücklassen«.

49 Da die Aufführung entfällt (¶ 25), fehlt dem Dialog ein Vorhang, der, indem er sich schließt, die Vorgänge abschließt. Zwar hat in jedem Dialog irgendeiner das letzte Wort. Doch die Gründe, die gegen ein letztes Wort sprechen, wuchern jenseits des Dialogs unaufhaltsam weiter.

50 Vorworte legen Zeugnis ab vom schlechten Gewissen der Verfasser; gut, wenn sie eines haben.

 1 Zur Vorgeschichte des Dialogs Martin L. West, Indo-European Poetry and Myth, Oxford University Press, Oxford 2007, 68–69.

 2 Friedrich Nietzsche, Die Geburt der Tragödie [1872], § 14, Sämtliche Werke, Kritische Studienausgabe, Bd. 1, hg. v. Giorgio Colli u. Mazzino Montinari, 2. Aufl., Deutscher Taschenbuch Verlag – de Gruyter, München – Berlin/New York, NY 1988, 9–156, 93.

 3 Bertolt Brecht, ›Über die Art des Philosophierens‹ [1939/40], Werke, Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 22.1, hg. v. Inge Gellert u. Werner Hecht, Aufbau-Verlag – Suhrkamp, Berlin/Weimar – Frankfurt am Main 1993, 512–513, 513.

 4 Vgl. Salomon Maimon, ›Geschichte seiner philosophischen Autorschaft, in Dialogen‹, Neues Museum der Philosophie und Litteratur 2 (1804), H. 1, 123146. Maimon spricht in seinem Dialog von einer abzulegenden – und von ihm abgelegten – »Definitionswuth« (139).

 5 Mary Margaret McCabe, Plato and his Predecessors: The Dramatisation of Reason, Cambridge University Press, Cambridge 2000, 10–13; vgl. a. 45, 76–77, 90, 134–135, 199.

 6 Daniel Kehlmann, Diese sehr ernsten Scherze. Poetikvorlesungen, Wallstein, Göttingen 2007, 26.

 7 Ludwig Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen [1914–51], hg. v. Georg Henrik von Wright, Werkausgabe, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1989, Bd. 8, 445–573, 557.

 8 Vgl. Platon, Phaidros [c. 370 v. Chr.], 23od, Sämtliche Werke in zehn Bänden, Griechisch – Deutsch, hg. v. Karlheinz Hülser, Insel, Frankfurt am Main/ Leipzig 1991, Bd. VI, 9–149, 20.

 9 Platon, Phaidon [c. 383 v. Chr.], 99d, Sämtliche Werke in zehn Bänden, Griechisch – Deutsch, hg. v. Karlheinz Hülser, Insel, Frankfurt am Main/Leipzig 1991, Bd. IV, 185–347, 298.

 10 Ari Adut, Reign of Appearances: The Misery and Splendor of the Public Sphere, Cambridge University Press, New York, NY 2018, ix–x, 15, 28–29, 41, 121.

 11 Johann Jakob Engel, Über Handlung, Gespräch und Erzählung [1774], hg. v. Ernst Theodor Voss, Metzler, Stuttgart 1964, 38, vgl. 37, sowie 48 zu »Situation«.

 12 Adam Müller, ›Über die dramatische Kunst‹ [1806], Kritische, ästhetische und philosophische Schriften, hg. v. Walter Schroeder u. Werner Siebert, Luchterhand, Neuwied/Berlin 1967, 139–291, 141.

 13 Diogenes Laertius, Lives of the Eminent Philosophers [um 240 n. Chr.], 3.5, hg. v. Tiziano Dorandi, Cambridge University Press, Cambridge 2013, 244–245.

 14 – und dies obschon Platons Dialoge Schauspiele, etwa Strindbergs, Wildes, Shaws und Pirandellos, hervorgerufen haben, die auf dem Theater leben; s. Martin Puchner, The Drama of Ideas: Platonic Provocations in Theater and Philosophy, Oxford University Press, Oxford/New York, NY 2010.

 15 Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen [1951], § 546, Philosophical Investigations, hg. u. übers. v. G.E.M. Anscombe, 2. Aufl., Blackwell, Oxford 1958, 146.

 16 Miguel de Cervantes Saavedra, ›Coloquio que pasó entre Cipión y Berganza‹ [1613], Obras, hg. v. Buenaventura Carlos Aribau, Rivadeneyra & Co., Madrid 1846, 205–220, 205.

 17 Martha C. Nussbaum, The Fragility of Goodness: Luck and Ethics in Greek Tragedy and Philosophy [1986], Cambridge University Press, Cambridge 2001, 130.

 18 Martin Heidegger, Feldweg-Gespräche [1944/45], Gesamtausgabe, Abt. III, Bd. 77, hg. v. Ingrid Schüßler, Klostermann, Frankfurt am Main 1995.

 19 Oscar Wilde, ›The Critic as Artist‹ [1891], The Collected Works of Oscar Wilde, hg. v. Robert Ross, Bd. 8: Intentions, Routledge/Thoemmes, London 1993, 97–224, 193–194 (Gilbert): »By its [sc.: dialogue’s] means he [sc.: the thinker] can exhibit the object from each point of view, and show it to us in the round, as a sculptor shows us things[,] gaining in this manner all the richness and reality of effect that comes from those side issues that are suddenly suggested by the central idea in its progress, and really illumine the idea more completely, or from those felicitous after-thoughts that give a fuller completeness to the central scheme, and yet convey something of the delicate charm of chance.«

 20 Fernando Galiano, Dialogues sur le commerce des bleds, Merlin, London 1770.

 21 Vgl. Tom Stoneham, Berkeley’s World: An Examination of the Three Dialogues, Oxford University Press, Oxford 2002, 16–30.

 22 Vgl. Karin Schlapbach, The logoi of Philosophers in Lucian of Samosata‹, Classical Antiquity 29 (2010), H. 2, 250–277.

 23 Rudolf Hirzel, Der Dialog, 2 Bde., Hirzel, Leipzig 1895, Bd. 2, 428.

 24 Marcel Proust, La Fugitive [1925], À la recherche du temps perdu III, hg. v. Pierre Clarac u. André Ferré, Gallimard, Paris 1954, 602.

 25 George Gordon Byron, Don Juan [1824], III. Gesang, 9. Strophe, The Complete Poetical Works, hg. v. Jerome J. McGann, Bd. V, Clarendon Press, Oxford 1986, 163: »All tragedies are finish’d by a death, | All comedies are ended by a marriage.« Das ist zwar nicht wahr, aber hinreichend für den eng begrenzten Zweck dieser Überlegung.

 26 Lukian von Samosata, ›Pros ton eiponta Prometheus ei en logois‹ | ›An den, der mich einen literarischen Prometheus genannt hat‹ [um 170 n. Chr.], Gegen den ungebildeten Büchernarren. Ausgewählte Werke, übers. v. Peter von Möllendorf, Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 2006, 74–79.

 27 Michael Oakeshott, ›A Conversation‹ [1944], in ders., Notebooks, 1922–86, hg. v. Luke O’Sullivan, Imprint Academic, Exeter 2014, 307–363, 308.

 28 Martin Buber, Das dialogische Prinzip [1954], 10. Aufl., Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2006.

 29 Homer, Odysseia | Odyssee [8. Jh. v. Chr.], Griechisch – Deutsch, hg. u. übers. v. Anton Weiher, 2. Aufl., Heimeran, München 1961, 8.447–448, 216/217.

 30 T. S. Eliot, The Family Reunion, sc. 1, Harcourt, Brace & Co., New York, NY 1939, 21.

 31 Baltasar Gracián, Oraculo manual, hg. v. Vincencio de Lastanosa, Blaev, Amsterdam 1659, 199.

LIVRE DE PRUDENCE
Gespräch in Padua

Auf den friedliebenden Trojanerkönig Antenor, der etwa zwölfhundert Jahre vor der gemeinen Zeitrechnung lebte, führt die Stadt Padua ihren Ursprung zurück. Sie hat freilich wenig Trojanisches an sich. Doch einem Ursprung sollte man, wie das Wort selbst sagt, Sprunghaftigkeit nachsehen. Paduas Entspringen muß nicht logisch, stetig, folgerichtig gewesen sein wie das Denken in der großen Universitätsstadt. Unter ihren Denkern ragte einst Sperone Speroni hervor, geschätzt ob seiner Rede, die mit erstaunlicher Virtuosität durch alle Register lief. Die Accademia degli Infiammati zu Padua ehrte Speroni; die Sancta Inquisitio zu Rom übergab seine Dialoge den Flammen. Letzteres ehrte ihn erst recht. Seine eigene Leidenschaft war entflammbar durch Schwieriges. Sie galt, wie er in einem Brief sagte, dem, was zu verstehen ihn Mühe kostete, den gelehrten Büchern und den Frauen. Er war keiner jener Männer, denen man nachsagt, sie dächten nur an das eine; Speroni dachte auch an das andere, das Denken selbst. Da die Kurtisanen der Renaissance, sofern sie auf sich hielten, belesen waren, gelang es ihm zuweilen, seine beiden Leidenschaften zu verbinden. So geschah es auch eines schönen Frühsommertags – es war um das Fest des Sant’Antonio di Padova herum – bei Speronis Zusammentreffen mit Chiara da Camposampiero, Lucia degli Obizzi und Tullia da Peraga im Innenhof des Palazzo Bò. Von dessen oberer Loggia her war eines der neumodischen Gravicembali zu hören; jemand spielte darauf einen munteren Saltarello. Eine Saite des Instruments mußte gerissen sein, denn immer, wenn eine bestimmte Stelle kam, entstand ein Loch in der Melodie.

TULLIA: So steht es um die Lustigkeit der Scholaren. Lachen sie, dann starren einem ihre Zahnlücken entgegen. Sie starren aus ihren Mäulern und aus ihren Witzen. Selbst ihre Tanzweisen sind, wie ich eben vernehme, perforiert.

SPERONE: Und doch, die Universität! Republik der Gelehrten …

CHIARA: Wirklich, sie sind eines Geistes, die Universität und die Republik. Jene verbannt die Frauen aus ihren Hörsälen, diese aus ihren Ratsstuben.

SPERONE: Falls Ihr Euch nach der Monarchie sehnt, tut es flüsternd! Für die Serenissima lauern auch in Padua allerorten Spione.

CHIARA: Sperone, pardon, Messer Speroni, seid Ihr vielleicht auch einer von ihnen?

SPERONE: Agent der Republik bin ich keiner, wenngleich mir Eure weibliche Vorliebe für die Monarchie schlecht begründet vorkommt. Bedenkt, daß auch der Kaiser des heiligen römischen Reiches noch nie eine Frau war.

TULLIA : Weil man ihn wählt. Selbst das ist noch zu republikanisch. Oft regieren Frauen in der rechten Monarchie, der hereditären. Denkt an Eleonore von Aquitanien, Margarethe von Dänemark, Isabella von Kastilien. In wahrer Alleinherrschaft erbt das Blut sich fort, also die Natur, und nur diese, selbst ein Weib, meint es gut mit ihrem Geschlecht.

SPERONE: Sofern man gut nennen möchte, was einen vom Guten abbringt.

TULLIA : Was meint Ihr?

SPERONE: Ach, nichts. Ich gebe mich geschlagen, soweit es die Führung der Staaten betrifft. Doch daß Euch die Universität ihre Hörsäle versperrt, solltet Ihr leichter verschmerzen. Ich überließe Euch ungern dem betreuten Denken der sogenannten Hohen Schule. Sie ist in Wahrheit eine niedrige, kleine, enge Welt, unwürdig solch berühmter und berüchtigter Damen, wie Ihr es seid. Selbst Berüchtigtsein ist ja ein zu großes Ding, als daß Gelehrte es je erreichten. Allenfalls eine Accademia della Fama könnte Euch …

CHIARA (unterbrechend): Infamia! Kaum besitzt ein Mann ein Vorrecht, schon sucht er es als wenig wünschenswert hinzustellen, ja verlästert es. Vor einer Minute noch hattet Ihr wie verklärt von der Republik der Gelehrten gesäuselt.

SPERONE: Ihr wißt vielleicht, daß hier noch vor wenigen Jahren ein feister Wirt sein Gasthaus betrieb, welches das gußeiserne Schild eines Ochsen zierte. Ja, die mittlere Aula dieses finsteren Baus soll einst ein Ochsenstall gewesen sein. Bis heute nennen die Studenten den Palast der Universität ›Il Bò‹. Seit jeher schien es mir ein bedeutsames Zeichen, daß gerade denkfaules Vieh für die Hohe Schule dieser Stadt steht.

CHIARA: Ihr übertreibt es wahrlich nicht mit Eurem Lob der Gelehrtenrepublik.

SPERONE: Die Universität war und ist ein Instrument: erst das der Kirche, dann des Staates, künftig vielleicht einmal des Geschäfts. Nur ihre Platonische Idee vermag ich zu loben. Von der hier wirklichen Anstalt muß ich zugeben, daß in ihr, wie Tullia bereits zart andeutete, ab und an die vierbeinigen Ochsen lediglich durch zweibeinige von schnöder Lustigkeit ersetzt wurden. Ochsen sind dienstbar; Ihr versteht, was ich meine. Übrigens betreibt die Universität eine eigene Vieharzneischule.

LUCIA: Wenn schon Europa sich in einen Stier verliebte, würde ich indes ganz gerne einmal Paduas akademischen Ochsenstall inspizieren.

SPERONE: Sowohl lieben als denken – trügt uns das Wort Philosophie nicht, dann ist beides verwandt –, könnt Ihr, edle Lucia, auch außerhalb der Hörsäle, ja weit besser als drinnen. Wer vermag zu lieben, wenn einer Haare spaltet? Wer vermag zu denken, wenn einer paukt? Sogar schlafen ist unter solchen Umständen leichter, wie ich gerade in unserer Paduaner Universitas scholarium oft genug beobachtete.

CHIARA: Denken tut not. Doch jemand muß es uns lehren. Richtete man nicht eben dazu die Universitäten ein?

SPERONE: In den Universitäten habt Ihr die Lehrer einer Zeit und eines Ortes; doch in den Büchern findet Ihr Lehrer aller Zeiten und aller Orte.

TULLIA : Aldus’ Söhne in Venedig, hört man, bezahlen es Euch in Zechinen, daß Ihr so werbend umherzieht. Ihr Verzeichnis der neuesten Bücher lugt aus Eurer Tasche.

CHIARA: Gewiß vermögen wir uns einzufühlen in die Sorgen eines Denkers von Gewerbe. In seine Geldsorgen jedenfalls. Doch wir kaufen nichts, ehe Ihr uns nicht erklärt habt, wie ein Buch zum Gefäß unseres Denkens wird.

SPERONE: Das weiß ich nicht besser als Ihr Leserinnen. Die Stunde gehört der Dialektik, nicht der Rhetorik. Ich werde Euer Denken nicht betreuen. Aber vielleicht finden wir gemeinsam die rechten Worte für das, wonach Chiara fragt.

LUCIA: Soviel steht fest: Das Buch denkt nicht für die, welche es lesen. Wer es liest, muß mit dem Buch denken.

SPERONE: Als Muster vor Augen stehen sollte uns ein Buch, das einen Gegenstand durchdenkt, kein solches, das zwischen allerlei hin und her springt. Wer unterhalten will, wechselt oft das Thema; varietas delectat. Aber denken wird nur, wer, ausdauernd, geduldig, beharrlich an einer Sache bleibt.

TULLIA : Monarchie ist eben auch im Geist der natürliche Zustand: Eines waltet über dem Mannigfaltigen. Diese Einheit läßt bei Büchern manchmal schon der Titel erkennen, etwa der des Livre de Prudence.

SPERONE: Christine de Pizan? Gerade diese kluge Venezianerin soll ja dem Unterhaltsamen geneigt gewesen sein.

TULLIA : Am Denken hinderte sie das nicht, wie wir bezeugen können. Wir übersetzen gerade ihr Buch von der Klugheit, der fürstlichen Tugend, ins Florentinische.

SPERONE: Dann wißt Ihr in der Tat, wovon Ihr redet. Wie gelingt es, daß das Buch, als in Schrift verkörpertes Denken, einen Gegenstand festhält?

CHIARA: Das Buch und diejenigen, die es lesen.

SPERONE: Allerdings. Vermögen wir das zu erklären?

CHIARA: Wäre das Denken ein Geistesblitz, dann bestünde das Problem nicht. Ein Augenblick fällt nicht in vieles auseinander, sonst wäre er keiner. Das Problem rührt von der Zeit als Dauer her.

TULLIA : Und doch ist, wovon das Problem stammt, zugleich dessen Lösung: Indem die Zeit die Wahrheit streckt, verdünnt sie diese und macht sie so, in Phasen, dem Denken erst verdaulich.

CHIARA: Wie verschieden aber kann Zeit ablaufen: hier in Disparates zerstückelt, dort, in konzentriertem Denken, ins Stetige gebunden.

LUCIA: Sind Bücher nicht seltsame Dinge, weil sie eben dies, Stetigkeit als errungene, vergessen lassen? Alles an ihnen ist gleichzeitig da, jedes Kapitel, jeder Absatz, jedes Wort.

CHIARA: Daß ununterbrochener Zusammenhang der Anstrengung des Denkens bedarf, vermag ein Buch vergessen zu machen, weil in ihm, und nur weil in ihm Zeit zu Raum verwandelt ist. Die Sätze, in denen ein Gedanke artikuliert wird, stehen im Buch ja neben-, über- und untereinander wie irgendein geistfernes Material, wie Blöcke, die einer aufgestapelt hat.

TULLIA : Wir sagen, verräterisch genug: Im Buch ›steht‹ das und das, und wirklich ›steht‹ es da, bewegt sich nicht; doch Denken ist Bewegung.

SPERONE: Ihr habt recht ; die räumlichen Beziehungen, die das Buch zeigt – das Daneben, Darüber, Darunter –, symbolisieren bloß jenen zeitlichen Vorgang, den wir Denken nennen.

TULLIA : Leser müssen kommen: Leute, welche die Symbole entschlüsseln, damit Raum wieder Zeit werde, wie umgekehrt der Autor, der Monograph, Zeit zu Raum machte.

LUCIA: Stellen denkende Leser sich ein, beginnen Bücher zu leben; tot bleiben sie, falls sich keine finden. Die Leichen sind nicht zu zählen.

SPERONE: Wo aber Leben erwacht, machen die Leser die Schrift zur Rede, zur lautlosen Rede der Seele mit sich selbst, wie der göttliche Platon das Denken nannte. Ist nun das Denken ein Sprechen, dann ist es auch Satz. Jeder vollständige Satz aber besteht aus Subjekt und Prädikat. Und nun werdet Ihr verstehen, warum es mir darauf ankam, daß uns ein Buch, das einen einzigen Gegenstand durchdenkt, als Muster vor Augen stehe. Unser gemeinsamer Freund Lattanzio Benucci sagte einmal, ein solches Buch, obschon aus vielen Sätzen bestehend, sei wie ein einziger großer Satz. Sein Gegenstand, zum Beispiel die Klugheit im Fall des Livre der Christine de Pizan, ist das Subjekt dieses großen Satzes. Das ganze Buch aber entfaltet ein höchst verwickeltes, an Facetten und Nuancen reiches Prädikat dieses einen Subjekts. Je reicher das Prädikat, desto besser ist die Monographie, vorausgesetzt, die Unterscheidungen sind keine bloße Wortklauberei, sondern treffen etwas an der Sache.

TULLIA : Als Monarchistin …

SPERONE: Denkt an Venedigs Spitzel und dämpft Eure Stimme!

CHIARA: In unserer Stadt zu leben heißt ohnehin, jederzeit dem Verdacht ausgeliefert zu sein.

LUCIA: Dennoch sollte ein Diplomat wie Messer Speroni niemals von ›Spitzeln‹ reden. Das hören die Spitzel nicht gern. ›Kundschafter‹ zum Beispiel wäre doch ansprechender.

TULLIA (ebenso laut wie zuvor): Als Monarchistin erlaube ich mir darauf hinzuweisen, daß das eine ›Subjekt‹ hier ganz das Gegenteil dessen darstellt, was dieses Wort bedeutet: Untertan. Eher Superstrat als Subjekt, regiert es den Satz. Das Prädikat kommt ihm zu. Seinen Reichtum besitzt das sogenannte Subjekt.

SPERONE: Die wahre Leistung eines Autors, so glaube ich gezeigt zu haben, finden wir allein im Prädikat. Die Subjekte liegen auf der Straße, selbst die höchsten: ›Über die Wahrheit‹, ›Von der Ehre‹, ›De amore‹. Vulgäre Monarchen! Solche Titel braucht man nur aufzulesen. Doch sie zu erfüllen mit einem reichen Prädikat, gelingt nur wenigen, wie allerdings der mit ihrem Geist so generösen Christine. Wobei es, um der Gegenwart die Ehre zu geben, gerade im Verzeichnis von Aldus’ Söhnen …

CHIARA: Nichts mehr von diesen, nur zur Sache! Geht Euer Streit nicht ins Leere, da kein Subjekt ohne Prädikat und kein Prädikat ohne Subjekt etwas sagen würde, das wahr sein könnte?

SPERONE: Allerdings ist eins so nötig wie das andere. Das Subjekt gewährleistet die Einheit des Denkens, das Prädikat seine Fülle.

LUCIA: Doch die Einheit des Denkens des Autors, dann des Gedankens des Buches und endlich wieder des Denkens des Lesers: besteht sie nicht einfach aus vielen Gedanken?

SPERONE: Das wäre republikanisch: Die vielen Stimmen in der Ratsversammlung führen zu einem großen Entschluß.

TULLIA : Etwa zu dem, die Paduaner zu bespitzeln.

LUCIA: Ich denke es mir so: Daß sie alle dazu beitragen, den einen Gegenstand des Buches zu bestimmen, haben die vielen Gedanken allerdings gemeinsam. Und doch trägt jeder einzelne von ihnen Unterschiedliches bei. Bloß Wiederholtes und Überflüssiges lasse ich natürlich aus dem Spiel, wenn ich es so beschreibe. Und je besser ein Autor ist, desto weniger unterläuft ihm Wiederholtes und Überflüssiges. Sehen wir von solcher Spreu ab, dann ist jeder Gedanke ein Weizenkorn für sich, auch wenn man aus allen am Ende eine einzige Ciabatta bäckt.

SPERONE: Ich würde mich bedanken für eine Ciabatta, bei der man noch auf die einzelnen Körner bisse. Damit ein Brot aus ihnen werde, müssen sie beim Mahlen untergehen. Im Buch aber treffen Leser doch, gerade nach Eurer republikanischen Auffassung, Lucia, auf die einzelnen Gedanken.

LUCIA: Wie widrig mir Eure Anspielungen auf die Republik sein müssen, wißt Ihr wohl. Was bedeutet das Wort in unserer Stadt anderes, als daß die Venezianer Padua unterjochen – ›schützen‹ nennen sie es.

SPERONE: Politische Spitzen will ich Euch von nun an ersparen. Soweit ich sie mir verkneifen kann.

LUCIA: Der Diplomat Speroni ist Euer besseres Ich.

SPERONE: Mein angenehmeres jedenfalls.

LUCIA: Zuweilen ist das Angenehmere das Bessere, zuweilen nicht. Das Bild, das ich gebrauchte, gab mir mein Appetit ein, dieser Diversant des Denkens. Es war schief und ich wähle ein anderes, nicht vom niederen Appetit eingeflüstert, sondern vom hohen Geist des

LUKREZ: Die einzelnen Gedanken sind Atome der Wahrheit – einfach, in sich geschlossen, selbständig. Was immer das Buch zu sagen hat, etwas sehr Schwieriges vielleicht, wird aus diesen Bausteinen gebildet. Ein Haus ist es eher denn ein Brot.

SPERONE: Nun ist in sich folgerichtig, was Ihr sagt; aber es stimmt nicht, will mir scheinen. Denn jeder einzelne Gedanke wäre dann den anderen äußerlich. Sie hängen jedoch in ihrem Inneren zusammen. Wie sie zusammenhängen, darüber instruieren uns die Logiker, mit ihrer Lehre von der Implikation, Konsequenz, Kontradiktion, Kontrarietät und so weiter.

LUCIA: Wir müßten also doch in den Ochsenstall, in den man uns nicht läßt.

SPERONE: Es wäre schön, wenn Ihr für jetzt mit mir vorlieb nähmet. Zumal wir gerade dem Ochsenstall so nah sind.

TULLIA : In seinem Dunstkreis gewissermaßen. Ich rieche ihn förmlich.

SPERONE: So kommt die Sinnlichkeit der Logik zuhilfe. Dann bedarf es, scheint mir, gar nicht mehr der Logiker der Schule, und der gemeine Menschenverstand kann die Sache richten.

CHIARA: Wenn nur nicht der Männerverstand gemeint wäre …

SPERONE: Der Verstand ist kein Geschlechtsorgan.

CHIARA: Wie merkwürdig, daß dann Einrichtungen, die der Pflege des Verstandes gewidmet sind, wie Universitäten und Akademien, sich unserem Geschlecht verschließen.

LUCIA: Das läßt wohl den Schluß zu, sie seien noch ganz anderen Zwecken gewidmet als der Pflege des Verstandes. Daran ist indes nicht Messer Speroni schuld. Gönnen wir ihm und uns, daß er für eine kurze Weile den Universitätsdozenten für Damen spielt.

SPERONE: Wie kurz- oder langweilig mein Privatissimum wird, dafür verbürge ich mich nicht. Zuweilen greife ich mir an den Schädel, um zu erfühlen, ob mir Hörner gewachsen sind – so ochsenhaft komme ich selbst mir an manchen Tagen vor.

LUCIA: Das erhebt Euch über den Verdacht. Kein wirklicher Ochse greift sich an den Schädel.

SPERONE: Gesteht Ihr mir soviel zu, Lucia, dann halte ich meine Belehrung nicht länger zurück. Die Gedanken eines größeren Ganzen, etwa eines Buches, laßt Ihr nur vom Thema, das gleichsam über ihnen steht, verbinden. Sonst erklärt Ihr sie entweder als bloße Wiederholungen für überflüssig oder für in sich geschlossen und selbständig. Alles eigentlich Bemerkenswerte am Leben der Gedanken findet aber zwischen Wiederholung und Isolation statt, in den Momenten, in denen sie in einander verschlungen sind. Das Sujet ist bedeutsam; das einzige Band zwischen den Gedanken ist es nicht.

CHIARA: Auf ein Neues! Ich will versuchen, die Vorgänge anders zu erklären. Es wird nun allerdings verwickelter. Zunächst: Wer eine Sache durchdenkt, also durch bis zum Ende denkt, der arbeitet sich zu dem Ziel vor, sie vollständig zu bestimmen.

TULLIA : Was hieße hier ›vollständig‹? Als die kluge Christine den letzten Federstrich unter ihr Buch von der Klugheit setzte, vergaß sie gewiß keinen Augenblick, daß immer noch Weiteres über die Klugheit zu sagen wäre. Und man hat selbstverständlich immer noch Weiteres über die Klugheit gesagt in den hundert Jahren, seit Christine schrieb.

CHIARA: Das ist wahr. Ich meine indes nicht Vollständigkeit schlechthin. Sie kann kein Mensch erreichen. Verhältnismäßig meine ich das Komplette. Der bestimmten Argumentation, welche das Buch ausmacht – jenseits blumiger Vorreden und sonstigem schmückenden Beiwerk –, darf kein Glied fehlen. Eine Kette nämlich bilden die Gedanken einer wirklichen Abhandlung.

SPERONE: Und ich dachte: Die Gedanken sind frei.

CHIARA: Ihr selbst bemerktet eben, sie seien ineinander verschlungen; ich möchte sagen, daß sie ineinander greifen. Auf kein Glied kann eine Kette aus Eisen verzichten. Würde auch nur eines zerschlagen, wäre die ganze Kette gerissen. Den Zweck, das eine Ende an das andere zu binden, machte der Riß zunichte. Wer von einem Argument den ersten Gedanken in der Hand hat, der hat auch wirklich nur den ersten in der Hand; aber wer den siebzehnten in der Hand hat, der muß auch den ersten, den zweiten, den dritten und so fort tragen bis zum siebzehnten.

SPERONE: Euch, Tullia, in Eurer Abneigung gegen Zahnlücken, sollte das zusagen. Sind diese nicht wie fehlende Glieder einer Kette?

TULLIA : So leicht lasse ich mir die Freuden des Besserwissens nicht nehmen.

SPERONE: Meinem Einwand gegen Lucias Atome trug Chiara jedenfalls Rechnung.

CHIARA: So wärt Ihr zufrieden mit meiner Erklärung?

SPERONE: Das nicht; ich habe einen anderen Einwand.

TULLIA : Der Übereifer meiner beiden Freundinnen verhilft Euch zur bequemen Rolle des Schiedsrichters.

SPERONE: Ich werde mich redlich mühen, Euch, Tullia, Recht zu geben, sobald Ihr eine dritte Erklärung der Verhältnisse vorbringt. Und zwar dann, wenn Ihr Recht habt.

TULLIA : Bevor wir zu diesem krönenden Abschluß schreiten, erst Euer Einwand gegen Chiara.

SPERONE (zu Chiara gewandt): Wie Ihr, Chiara, es auffaßt, akkumulieren die Gedanken.

CHIARA: Falls das Wort dafür sich so gelehrt spreizen muß – meinethalben.

SPERONE: Wer, sagt Ihr, beim siebzehnten Gedanken einer Argumentation angekommen ist, dem müßten auch die sechzehn vorangehenden, von denen er abhängt, gegenwärtig sein.

CHIARA: Wem sie es nicht sind, den nennen wir zerstreut.

SPERONE: Aber schaut näher zu, was Euer Anspruch mit sich brächte. Die Last, die einer zu schleppen hat, würde mit jedem Absatz, den er liest, schwerer. Wer dem Gedankengang einer Schrift folgte, wühlte sich dann in einen Zustand der Erschöpfung hinein; am Ende des Buches wäre er total. Aber so erfahren wir die Lektüre ja nicht. Im Gegenteil benötigt man eher am meisten Energie, um in eine Argumentation hineinzukommen, also nah dem Anfang des Buches; ist man einmal hineingelangt, wird die Sache minder schwer.

TULLIA (in die Runde): Die Bürde, zu der Chiara die Gedanken macht, ist erratisch. Aus dem Blick geriet ihr, daß Denken Bewegung ist.

CHIARA (zu Tullia): Ich vermutete gleich, du würdest dir die Sache leicht machen.

TULLIA : Nicht mir, sondern uns. Und auch weniger leicht als lebendig. Wir sprechen doch von einem Gedankengang und von Schritten einer Argumentation.

LUCIA: Manche fahren lieber, als zu Fuß zu gehen.

TULLIA : So oder so: Ihre Bewegung folgt einer Richtung. Ohne Unterbrechung bewegt sie sich auf ein Ziel hin, den Schluß. Bei jeder Bewegung auf ein Ziel wird etwas vorangebracht, etwa die Passagiere und die Ladung eines Schiffes. Bewegung zu einem Ziel hin ist aber auch wirklicher Übergang, das heißt, ein Weg wird zurückgelegt. Man läßt etwas hinter sich. Weil letzteres der Fall ist, sind wir am Ende nicht erschlagen, wie es der Fall sein müßte, hätte Chiara recht. Zugleich ist die ununterbrochene Folge der Gedanken als solche geordnet, statt daß von allen Seiten die Gedankenatome herschössen, wie du, Lucia, meintest, geeint nur durch das übergeordnete Thema, zu dem sie etwas beisteuern.

LUCIA (spitz): Wie tief!

SPERONE: Und doch wie einfach!

TULLIA : Ja, tief und einfach wie alles Wahre.

CHIARA: An deinem Selbstlob fehlt allein der Hinweis, du habest die goldene Mitte zwischen Lucia und mir getroffen.

SPERONE: Ob sie so golden ist, möchte ich gern erwägen. Würde ich in einem Boot von der Gegend nördlich Vicenzas zur Adria fahren, dann bewegte ich mich auf ein Ziel hin. Der Brenta führte mich von Tezze über Valgadena, San Nazario, Campolongo sur Brenta, Bassano del Grappa und Bocchiero nach Rosara – in eben dieser Reihenfolge; ich kann sie nicht drehen und wenden. Doch solch eine Bewegung ist selbst das genaueste Durchdenken einer Sache nicht. Es ist stets freier. Daß es von vorne anfangen solle, sagt ihm nichts; es bestimmt selber erst, was vorne ist. Jede Sache hat unbestimmt viele Aspekte, und selbst wenn manche als Ausgangspunkt der Überlegung wenig taugten, blieben genügend viele andere, die geeignet wären. Und ist der Ausgangspunkt verschieden, wird es auch der Weg sein, den man dann nimmt.

TULLIA : Die bequeme Rolle des Schiedsrichters, sagte ich vorhin, habt Ihr Euch zugeschanzt. Ich hätte mir nicht träumen lassen, welche Beschönigung darin lag. Ihr tretet vielmehr als ein Grobian auf, der jedes zarte Pflänzchen einer Theorie des Denkens, das wir gesät haben, mit dem Stiefelabsatz zerstampft. Vermutlich sind wir nach Eurem Plan nur zusammengekommen, Euch diese rohe Freude zu bereiten.

SPERONE: Die Zerstörung Trojas, sagt Christine im Buch vom Wechsel des Glücks, war eine List der Götter ; nur weil die Trojaner gezwungen waren auszuwandern, kam es zur Gründung so herrlicher Städte wie Padua. Auch in unserem Fall liegt, wo Ihr nur Zerstörung seht, ein Fund.

TULLIA : Heil dem Finder.

SPERONE: Der Fund ist in Wahrheit eher der Eure als der meine. Entzieht sich das Denken einer einzigen, es gleichsam monarchisch regierenden Formel, dann ist es offenbar etwas Freieres, als wir bei unserer Suche nach einer solchen Formel unterstellten; und etwas kann durchaus in dem Maße besser sein, in dem es freier ist.

CHIARA: Es muß ja nicht die sogenannte republikanische Freiheit sein.

SPERONE: Frei jedenfalls beuge ich mich vor Euch, Ihr Seherinnen und Hetären, als vor einer dreifachen Diotima, wie Sokrates vor seiner einzigen im Gastmahl des ihn verklärenden Platon. Denn an jedem Eurer Bilder – Atome, Kette, Fahrt – ist, scheint mir, etwas Wahres. Manche Sätze, die ein Autor sagt, sind ja wirklich voneinander unabhängig. Man kann sie herausnehmen und möglicherweise in anderem Zusammenhang wieder verwenden. Die selbständigen Elemente trifft, Lucia, Euer Bild der Atome.

CHIARA: Habe ich recht gehört, dann winkt auch mir das Almosen von Kompliment, ein wenig Recht zu haben.

SPERONE: Von Almosen aus meiner Hand kann hier keine Rede sein, da ich nun nicht – nicht mehr – mit eigener Stimme rede. Die Wahrheit der Sache selbst spricht aus mir. Was ein Autor sagt, muß zusammenpassen – dies Wort liberaliter verstanden, da es auch manch andere Weise gibt, in der sich eins zum anderen fügt, als die eines Syllogismus. Doch aneinander schließen müssen sich die einzelnen Gedanken. Das Ergebnis einer Untersuchung resultiert nicht aus der vorletzten Behauptung, die der Autor aufstellte, sondern, in einer durchdachten Abhandlung ohne nutzlosen Aufputz, aus allem, was er sagte. Das ist, Chiara, deine Kette, die sich hindurchzieht. Wir dürfen sie nur dem Leser nicht mit ihrem ganzen Gewicht aufbürden; er würde erdrückt, ehe er das Ende erreicht. Kein Mensch vermag jegliches im Gedächtnis zu behalten, das in einem Buch steht; dessen Schluß kann man auch verstehen, ohne sich alles Vorhergehende gemerkt zu haben. Die Kette ist da – im Text –; im Bewußtsein vollzieht sich nur mit, wie jeweils ein Kettenglied ins andere greift. Bloß in diesem Mitvollziehen haben Leser genau zu sein. Der Überblick über das Ganze, der dabei nach und nach entsteht, ist befreit von der Zumutung an die Leser, sich der Einzelheiten zu entsinnen; denn es gibt keinen Überblick ohne ein Maß an Ungenauigkeit.

TULLIA : Ob es sich nun um eine milde Gabe aus Eurem Schatz handelt, Messer Speroni, oder um den Richtspruch der Wahrheit selbst: Bang erwarte auch ich ein paar gute Worte über das Scherflein, das ich zur Erkenntnis dessen, was das Denken eigentlich sei, beizutragen vermochte. Es wird wohl doch nur ein Atom sein.

SPERONE: Treibt Eure Sarkasmen mir gegenüber nicht zu weit, sonst werde ich wirklich noch zu jenem Grobian – und diesmal wäre es inniger am Herzen Liegendes als bloße Theorie-Pfiänzchen, das mir unter die Absätze geriete.

CHIARA: Es fällt mir schwer zu erraten, was das sein könnte. Nicht vergreifen solltet Ihr Euch an unserer Würde, als diplomatischer Autor des Buches Della dignità delle donne, übrigens bei Aldus’ Söhnen erschienen. Töchter hatte Aldus wohl keine.

LUCIA: Euch, padre severo, so weit zu enragieren, daß Tullia bei der Verteilung der Anteile an der Wahrheit leer ausgeht, wollen wir uns indes hüten.

CHIARA: Wir wollen, denn wir müssen. Uns Kurtisanen, die jeden Tag so viel Zeit in der Schönheitskonkurrenz verschwenden, bietet Wahrheitskonkurrenz eine willkommene Abwechslung. Ja, weit mehr als Abwechslung. Eine schöne Frau empfindet, sich im Spiegel betrachtend, zugleich die Schmach, ihr Selbst, dies unendliche Wesen, das alles bedenkt, sogar das Denken selbst, auf eine so enge Fläche beschränkt zu sehen. Über die Ränder des Spiegels, die Schranken der Schönheit, führt nur die Wahrheit hinaus. Sagt Diotima es nicht so ähnlich im Symposion?

SPERONE: Für Diotima stand dem Platon Aspasia Modell, die in Athen eine Rolle spielte wie Ihr in Padua.

TULLIA : Von Athen nach Padua ist ein weiter Weg.

SPERONE: Es ist doch auch wahr – ein Teil der Wahrheit –, daß wir denkend unterwegs sind. Reichen die Überlegungen weit, dann befinden wir uns auf Reisen; manchmal war das nicht geplant, sondern passierte uns. Dabei kommen wir in die Nähe mancher Dinge und entfernen uns von ihnen, wenn wir weiterfahren. Beim Entferntsein muß es nicht bleiben, wir können auf schon Berührtes zurückkommen, wie auf Reisen manchmal die schönste Route der Rundweg ist. Und wie auf Rundwegen der Reisenden sieht man auch denkend etwas zumeist in anderem Licht, erblickt man es zum zweiten Mal. Ich bleibe dabei, die Bewegung des Denkens sei freier, weniger an Vorgegebenes gebunden als eine Bootsfahrt; aber das ist lediglich ein Unterschied des Grades. Wer beliebig abspringt von einem zum nächsten, der denkt nicht, sondern spinnt ; nur wer bei der Sache bleibt, also auf der Route, vermag sie zu durchdenken.

CHIARA: Was es heißt, eine Sache zu durchdenken, rätselten wir. Wir drei, Amateurinnen der Philosophie, Liebhaberinnen dieser seltsamen Liebe, gerieten, indem wir des Rätsels Lösung suchten, auf drei Bilder: Atome, Kette, Reise.

TULLIA : Christine hätte ganze Allegorien aus ihnen gesponnen.

CHIARA: Von unseren Bildern hat sich herausgestellt, daß sie sowohl falsch als auch wahr sind; vielleicht sogar eher falsch als wahr. Ihr aber, Messer Speroni, geltet als Meister des Faches und könnt uns nun sicher jene Frage ohne Umschweife beantworten, indem Ihr statt halbwahrer Bilder den richtigen Begriff angebt: Was heißt es, eine Sache zu durchdenken?

SPERONE: Eure Frage ist obszön.

CHIARA: Erstaunlicher Vorwurf! Sucht Ihr am Ende unser so ungewohnt ernsthaftes Gespräch ins Lächerliche zu ziehen? Oder gar in den Schmutz?

SPERONE: ›Obszön‹ rührt, wie Varro erklärt, von ›scaena‹, der Bühne, her, nicht etwa von ›caenum‹, Kot, wie viele meinen. Ihr zerrt mich auf die Szene. Gerade hier, im Hof der Universität, sieht man mich nackt und bloß vor Eurer Frage. Über keinen Begriff, der das Denken erklärt, verfügt die Philosophie, obschon, oder vielleicht gerade weil Denken, als Nachdenken, ihr eigenes Tun ausmacht. Sie steht da, ohne irgend Besseres im Angebot zu haben als Eure Bilder. Diese kleiden zwar die Wahrheit nur ein, aber niemand gelangt unter die Kleider. Nicht Gefangene eines einzigen Bildes für das Denken zu sein, wie manche Metaphysiker früherer Zeiten, sondern mehrere zur Hand zu haben, wie wir, gewahr dessen, was sie jeweils treffen und wo sie jeweils versagen, ist nichts Geringes. Möglicherweise ergänzen diese Bilder einander sogar, indem jeweils das eine trifft, wo das andere versagt.

CHIARA: Die Cité des Dames genügt sich selbst. Daß uns die Artistenfakultät der Universität verschlossen bleibt, schadet uns offenbar wirklich nicht. Was sie dort zustande bringen, können wir schon lange.

LUCIA: In eine der höheren Fakultäten würde ich jedoch gerne schleichen.

TULLIA : In welche?

LUCIA: Die theologische sicherlich. Denn wissen die Menschen nicht, was Denken ist, so wird Gott es wohl wissen.

CHIARA: Alles zu wissen ist in der Tat sein Beruf. In der theologischen Fakultät lehrt allerdings nicht Gott, sondern Theologen.

LUCIA: Er sollte sie zum Teufel schicken und selbst die Lehrkanzel einnehmen. Und die Juristen sind erst recht keine Hilfe. Den süßen Geschmack der Wissenschaft – »le doulx goust de science«, wie Christine schreibt – verheißen uns wohl allein Paduas Mediziner. Sie finden gewiß einmal das Denken, wenn sie eines Menschen Schädel aufsägen und sein Hirn sezieren.

SPERONE: Schade, daß Ihr nicht das eigene anbieten könnt. Ich hätte den sägenden Kollegen gern bescheinigt, daß es vorzüglich denkt. Aber man kann eben nicht denken und das eigene Denken beobachten.

TULLIA : Auch daß ein totes Hirn nicht denkt, ist mißlich.

LUCIA: Wie man ein lebendiges Hirn beim Denken beobachtet, wird eines glorreichen Tages der beste Paduaner Physikus entdekken und uns vorführen. Sobald dies gelingt, haben wir das Denken unmittelbar zu fassen bekommen. All die Worte um es herum, deren wir heute so viele wechselten, werden dann von uns abfallen.

SPERONE: In einem Tempel, fern von hier, bewahrte man lange Zeit ein Gefäß mit einem wunderbaren Fluidum. Eines Tages trat ein schlauer Mann auf und wies die Verehrer des Grals zurecht: »Ihr Blinden! Götzendiener! Weshalb küßt ihr die Schale? Bloß ihr Inhalt, nicht das Gefäß, ist kostbar. Zerschlagt das Glas! Dann erst wird Euch das Fluidum unmittelbar Leben spenden.« Der Scharfsinn des Mannes war nicht zu bestreiten; man schritt zur Tat. Doch die Flüssigkeit rann zwischen den Scherben zu Boden und verdunstete auf der Stelle. Jenes Fluidum ist das Denken. Sein kostbares Gefäß aber ist die Sprache.

Eine Stadt, in der Sperone Speroni die Sprachen und, ein Jahrhundert später, Galileo Galilei die Bewegungen der Himmelskörper auf neue Art begreifen lehrten, sollte es entbehrlich finden, ihren Ruhm auf Uraltes zu stützen. Von Antenor ist ohnehin keine Spur auszumachen als die schiere Behauptung seiner Gründungstat. Denn daß im sogenannten Grabmal des Antenor bei San Lorenzo die sterblichen Überreste von Priamos’ Bruder und Aeneas’ Gefährten ruhen, glaubten bereits zu Speronis Zeiten nicht einmal mehr die treuherzigeren unter den damals zahlreichen Verehrern des Altertums. Etwas Trojanisches, freilich nur aufs schlimme Ende der Stadt hindeutend, findet sich indes ausgerechnet im Palazzo della Ragione – letztere bedeutet hier Recht (juris Basilica, meldet die Inschrift), darf aber auch den Philosophen als Grund, Verstand, Vernunft lieb und teuer sein. Auf das hölzerne Modell eines Pferdes, welches eine Nachbildung des trojanischen für einen Karnevalsscherz sein soll, trifft man im großen Saal des Palastes. Die Tollheit unter das Dach der Ragione geholt zu haben, wäre allerdings tiefsinnig. Doch neuerdings heißt es, die Sache verhalte sich ganz anders; in dem Holztier sei lediglich das Pferd der Reiterstatue Erasmo da Narnis auf der Piazza del Santo vergrößert nachgebildet, dieses Unheiligen – Gattamelata, gefleckte Katze, nannte man den venezianischen General und Diktator von Padua seiner Verschlagenheit halber. So oder so erinnert der Gaul daran, daß die Dinge nicht sind, was sie scheinen. Ob zu Padua oder anderswo, stets sind es solche gefleckten Verhältnisse, in denen Philosophen ihr Metier finden.

ON LE FORCERA
Gespräch in Paris

Im Jahr der Schreckensherrschaft, l’an I de la République française, 1793 gemäß dem Gregorianischen Kalender, hatten sie eines Morgens den Bürger Schlabrendorf, ehemals Gustav Graf von Schlabrendorf, mit Schlägen an die Tür geweckt. Um 5 Uhr früh drangen sie in sein Zimmer ein; Laken und Decken rissen sie von seinem Bett. Zum Ankleiden blieben ihm drei Minuten. Der Anführer des Trupps war einbeinig, einäugig; stolz trug er seine Verstümmelung, gewiß ein Abzeichen der Revolutionskämpfe. »Du bist verhaftet, Bürger. Lang lebe die Vernunft!« herrschte er den Halbwachen an. Dieser wollte etwas erwidern, war jedoch zu matt, den Gegengedanken zu fassen; wie abwesend hatte er den Blick in die Ferne gerichtet, aus der keine Hilfe kam. Man führte ihn ab. Was war denn Vernunft, grübelte Schlabrendorf seitdem, in den Gefängnissen, in die sie ihn nacheinander schleiften, im Kerker der Abbaye, dann in Sainte-Pélagie, schließlich, im Jahr II, zu Beginn des Thermidor, in der Conciergerie. Hier hatte ihn, im siebzehnten Monat seiner Gefangenschaft, die englische Freundin ausfindig gemacht, Mary Wollstonecraft. Ein Rest Freiheit, ein Rest Vernunft: Er durfte sie sprechen.

SCHLABRENDORF: Sie saufen und pissen, sie fressen und scheißen, sie schlafen und schnarchen. Sie fiebern. Sie schwitzen. Sie paaren sich. Sie kommen schreiend zur Welt und krepieren mit aufgerissenen Augen. Tiere! Menschen sind Tiere. Aber, sagen die Denker, der Mensch erhebt sich über das Tier. Was erhebt ihn? Ich sagte es. Er erhebt sich. Doch wodurch? Die Sprache? Haben andere Tiere auch, nach ihrer Art. Die Seele? Ungreifbar. La raison! Sie, wenn irgend etwas, stellt die Menschen höher. Keine andere Kreatur besitzt Vernunft. Und was stellt die einzigartige Kreatur mit ihr an? Sie steckt ihre Mitmenschen zum Verfaulen in ein drekkiges Loch und sagt dazu: »Lang lebe die Vernunft!« Und muß die Vernunft so nicht länger leben als der in ihrem Namen ins Loch Geworfene? Fortdauern bis zum Erbrechen?

WOLLSTONECRAFT: Man kotzt die Welt an, die einen ankotzt.

SCHLABRENDORF: Das verwundert dich?

WOLLSTONECRAFT : Überhaupt nicht. In der Gefangenschaft kommen sich alle Lebewesen abhanden: die Löwen im gräflichen Tiergarten, die Grafen im republikanischen Kerker. Sie verunstalten. Du bist zynisch geworden im Arrest.

SCHLABRENDORF: Eher kynisch.

WOLLSTONECRAFT: Erklär’ dich näher.

SCHLABRENDORF: Ganz einfach: Ich habe eine glänzende Zukunft hinter mir.

WOLLSTONECRAFT: Das Kynische wird mir dadurch nicht klarer.

SCHLABRENDORF: Als Diogenes von Sinope gefragt wurde, wie man ihn begraben solle, sagte er: »Auf dem Gesicht liegend.« Gefragt, weshalb er dies begehre, antwortete er: »Weil in kurzer Zeit das Unterste zuoberst gekehrt werden wird.«

WOLLSTONECRAFT: Ein Wort der Hoffnung?

SCHLABRENDORF: Hoffnung? Für Todgeweihte? Für Tote?

WOLLSTONECRAFT: Die Anekdote ist aus dem sechsten Buch des Diogenes Laërtios; lerntest du sie im Gymnasium?

SCHLABRENDORF: Früher, auf Schulen und in der Stube, hörte und las ich wohl auch Philosophie, aber gelernt habe ich sie erst in den Gefängnissen der Republik. Und die Methode in dieser Hochschule der Weisheitsliebe war in der Tat so ungemein zweckmäßig, daß es mir und meinen Mitgefangenen, oder Schulkameraden, schwergefallen wäre, nichts zu lernen.

WOLLSTONECRAFT: So vor den Kopf gestoßen kann nur sein, wer denselben lange sehr hoch trug. Denn das ist die Malaise der Deutschen, sobald ihnen ›die Vernunft‹ zu Kopfe steigt. Ratio, ragione, razón, raison, reason – das war und ist in Rom, Madrid, Paris, London eine nüchterne Sache. Etwas Handliches. Das Drehen und Wenden des Gegenstandes, bis alle seine Seiten erkannt sind, das Folgern aus Beobachtetem, das Hin und Her von Argument und Einwand – nur darum geht es, wo räsonniert wird. So denkt Europas Westen. Und die Deutschen? Wen man in ihren Ländern ›zur Raison bringt‹, der hört keine Überlegungen. Wer unter Teutonen ›endlich Vernunft annehmen‹ soll, vernimmt in diesem Ausdruck die Drohung. Ein Schritt weiter, und es geht bereits um Leben und Tod.

SCHLABRENDORF: Eben das, beim heiligen Jakob, dem Schutzpatron der Kettenschmiede, scheint eher mein französisches Schicksal zu sein als mein deutsches.

WOLLSTONECRAFT: In deutschen Landen gelangt der Fortschritt immer etwas später an als anderswo, dann aber desto gründlicher.

SCHLABRENDORF: Die Sache in die Zukunft zu verlegen, da du eben noch von Gegenwärtigem sprachst, ist ein schlauer Dreh. Aber ich glaube dir deine unberauschten Franzosen nicht. War es denn nüchternes Volk, das wir rasen sahen auf den Straßen von Paris? War es nicht vielmehr, wie wir mit Verwunderung und Grausen erlebten, trunken vor Vernunft?

WOLLSTONECRAFT: Zugestanden. Massen sind sich selten darüber im Klaren, wofür sie sich einsetzen – oder einsetzen lassen. Doch du wirst einräumen müssen, daß ihr Deutschen Vernunft weit über das erhebt, was Briten und Franzosen das Räsonnieren nennen. Eure Sprache verbucht ja auch den Verstand als ein etwas inferiores Vermögen, um der Vernunft auf den Sockel zu helfen. Daher eure hohen Erwartungen an sie, daher eure tiefen Enttäuschungen. Enttäuschungen bis zum Ekel.

SCHLABRENDORF: Der Ekel weicht dem aus, wovor er sich ekelt. Ich weiche der Vernunft nicht aus. Ich will ihr ja auf die Spur kommen.

WOLLSTONECRAFT: Dann wärest du im Verhältnis zu ihr immer noch in der ersten deutschen Phase: hohe Erwartungen.

SCHLABRENDORF: In London belehrtest du mich, die Emanzipation der Weiber, für dich ein Gebot der Vernunft, könne zur Perfektion des Menschengeschlechts beitragen. Vervollkommnung – gibt es eine höhere Erwartung? Eine gefährlichere? Denn nichts ist gefährlicher, als das graue Ungeheuer der Volksansicht anzugreifen.

WOLLSTONECRAFT: Das allerdings habe ich früh geübt. Vater und Mutter forderten, ich solle mich ihren Befehlen ohne Wenn, ohne Aber unterwerfen – Befehlen, die oft genug miteinander unverträglich waren. Etwas in mir lehnte sich von Anfang an dagegen auf. Das Wort ›Vernunft‹ kannte ich noch gar nicht, aber sie selbst lernte ich in diesem Widerstand kennen. Sie wuchs durch den nötigen Kraftaufwand, dehnte sich gegen die Eltern aus und rieb sich dann an dem, was du die Volksansicht nennst. Ich bin aus diesen Reibereien immer nur gestärkt, ohne Enttäuschungen hervorgegangen.

SCHLABRENDORF: Deinen Frohsinn bewundere ich. Als rundum zufriedenen Insassen dieser Anstalt kann ich mich nicht präsentieren. Meine Stimmung hier pflegt eher flau zu sein. Und das, obschon wir Deutschen im Westen Europas auch als besonders gemütliches Volk gelten. Einer solchen Eigenschaft sollte zwar bloße Haft kaum etwas anhaben können, …

WOLLSTONECRAFT: … aber sie hat, wie ich sehe, dein Gemüt arg strapaziert. Ein strapaziertes Gemüt wird ungemütlich. Schmerz und Vernunft sind füreinander Gift. Und da ein Gefangener im Bezirk des Schmerzes steht, selbst wenn man ihn nicht foltert, bist du der Vernunft gegenüber vermutlich befangen.

SCHLABRENDORF: Im Gegenteil. Wenn wir die Vernunft nicht länger parteiisch sehen wollen, wie es die Kalten, die Indifferenten, die Bureaucraten der Rationalität tun, müssen wir durch den Schmerz hindurch. Du auch. Wir bemerken dann, die Vernunft betreffend, einen Widerstreit, der mir jedenfalls keine Ruhe mehr läßt.

WOLLSTONECRAFT: Und der wäre?

SCHLABRENDORF: Als vernünftig, sagten die philosophes, sollte gelten, wohin man auf vernünftigem Wege gelangte, durch freies Erörtern und öffentliche Kritik. Jetzt haben wir eine politische Ordnung, die sich auf die Vernunft der philosophes beruft, und nichts gefährdet einem so sehr den Kopf wie freies Erörtern und öffentliche Kritik. Kannst du dir einen Reim auf diese ungereimte Wirklichkeit machen?

WOLLSTONECRAFT: Ça ira. Es gibt keine klarere Sache auf der Welt als die Vernunft.

SCHLABRENDORF: Mich verwirrt keine Sache mehr als sie.

WOLLSTONECRAFT: Sie wird es nicht mehr, wenn du selbst mit Vernunft zur Sache – der Vernunft nämlich – schreitest.

SCHLABRENDORF: Gern; ich habe mich hier in der Conciergerie ja spezialisiert auf aussichtslose Angelegenheiten.

WOLLSTONECRAFT: Dann schreite.

SCHLABRENDORF: Wie macht man das?

WOLLSTONECRAFT: Erster Schritt: Was wird der Mensch im natürlichen Zustand wollen?

SCHLABRENDORF: Welchen Menschen meinst du?

WOLLSTONECRAFT: Den Menschen an sich.

SCHLABRENDORF: Hat sich mir bisher noch nicht vorgestellt.

WOLLSTONECRAFT: Man muß ihn sich vorstellen.

SCHLABRENDORF: Und warum gerade im natürlichen Zustand?

WOLLSTONECRAFT: Weil, wenn man die Sache so angeht, alle Vorurteile aus dem Spiel bleiben. Auf diese Weise gelangt man zu vernünftigen Resultaten. Was also wird er wollen?

SCHLABRENDORF: Da er sich mir nicht vorstellt, vielmehr ich ihn mir vorstellen soll, muß ich von mir selber ausgehen. Dann lautet die Antwort: gebratene Wachteleier. Sie waren schon mit zwei Jahren, damals in Schlesien, meine entschiedene Vorliebe.

WOLLSTONECRAFT: Vorlieben sind für den Willen, was Vorurteile für den Verstand sind.

SCHLABRENDORF: Also etwas Unvermeidliches.

WOLLSTONECRAFT: Diogenes verachtete Delikatessen.

SCHLABRENDORF: Idiosynkrasien sind wichtiger als Idole.

WOLLSTONECRAFT: Du wirst allmählich seltsam.

SCHLABRENDORF: Ich bin seltsam.

WOLLSTONECRAFT: Vernunft ist das Vermögen des Allgemeinen. Um meine Frage zu beantworten, mußt du von dir selber abstrahieren.

SCHLABRENDORF: Soviel beginne ich jetzt von der Vernunft zu ahnen: Sie kratzt.

WOLLSTONECRAFT: Ich muß mir also selbst die Antwort auf meine Frage geben: Im natürlichen Zustand will jeder sich selbst erhalten.

SCHLABRENDORF: Das kann nicht ewig gutgehen.

WOLLSTONECRAFT: In der Tat nicht. Denn ewig lebt kein Mensch, sondern, wenn es hoch kommt, neunzig Jahre.

SCHLABRENDORF: Wenn es hoch kommt.

WOLLSTONECRAFT: Darum – zweiter Schritt – will der Mensch im natürlichen Zustand noch etwas anderes als sich selbst erhalten.

SCHLABRENDORF: Jetzt vielleicht die Wachteleier?

WOLLSTONECRAFT: Du scheinst nicht sehr geübt darin, dir Gedanken über das menschliche Zusammenleben zu machen.

SCHLABRENDORF: Ich war ein einsames Kind und habe mir ständig Gedanken über das menschliche Zusammenleben gemacht. Schau dir an, wohin mich das gebracht hat.

WOLLSTONECRAFT: Jetzt redest du immer noch wie ein Kind. Oder wieder.

SCHLABRENDORF: Oft wird kindisch, wem der Tod nahe tritt.

WOLLSTONECRAFT: Der Tod sei fern. Doch mit so wenig Vernunft, wie du sie bisher, das menschliche Zusammenleben bedenkend, an den Tag gelegt hast, kommst du nie mit der Vernunft ins Reine.

SCHLABRENDORF: Daß sie etwas Unreines sei, war schon eine Weile mein Verdacht. Höre etwa Sarastros Verse von der Vernunft: »Wen diese Lehren nicht erfreu’n, | Verdienet nicht ein Mensch zu sein.« Ein unreiner Reim. Für einen reinen müßte es entweder »erfrei’n« oder »seun« heißen.

WOLLSTONECRAFT: Von einem Baß gesungen klingt »seun« besser als »erfrei’n«. Bässe singen die schönsten Us, sogar im Diphthong. Was macht man übrigens mit denen, die ein Mensch zu seun nicht verdienen?

SCHLABRENDORF: Zauberflöte, letzter Auftritt, Königin, Mohr: »Wir alle gestürzet in ewige Nacht.« Sie versinken. Die Opernbühne hat zu diesem Zweck ein Loch. Sarastro besaß noch kein Fallbeil. Die Guillotine versieht das Geschäft ohne Melodrama.

WOLLSTONECRAFT: Aber mit Vernunft?

SCHLABRENDORF: Ich denke, also bin ich, lehrte der Denker der Vernunft im vorigen Jahrhundert. Im jetzigen muß es heißen: Ich denke, und schon bin ich nicht mehr.

WOLLSTONECRAFT: Hat nicht auch die Revolution ihren Denker?

SCHLABRENDORF: Ihr Kopfarbeiter nickt mit dem Kopf dem Köpfen zu. Mit den Worten, die er spricht, kriecht er sodann in den Arsch der Taten.

WOLLSTONECRAFT: Dann wird man sie schlecht vertonen können.

SCHLABRENDORF: Wir leben in einer Zeit, die für die Oper wenig hergibt. Und wir sterben auch in einer solchen Zeit. Es ist der kälteste, platteste Tod, ohne mehr Bedeutung als das Durchhauen eines Kohlhaupts oder ein Schluck Wassers. Doch wir schweifen ab.

WOLLSTONECRAFT: Nicht ganz; sterben muß man sowieso, auch im Naturzustand. Da die Natur der Selbsterhaltung die Grenze setzt, die man Tod nennt, will der Mensch im natürlichen Zustand ferner noch sich vermehren.

SCHLABRENDORF: Wie schön, daß es den Menschen an sich als Mann und Frau gibt. So kann ich ihn mir besser vorstellen. Ihn oder sie.

WOLLSTONECRAFT: Schön ist dieser Umstand besonders für den Mann, denn die Lasten der menschlichen Vermehrung hat die Natur recht ungleich auf die beiden Geschlechter verteilt.

SCHLABRENDORF: Die Natur hat versäumt, den Diskurs über die Gleichheit zu lesen. Sehr unvernünftig von ihr.

WOLLSTONECRAFT: Die Tatsache der Ungleichheit und das Recht der Gleichheit gehören zusammen. Wäre die Gleichheit Tatsache, dann hätte ein Recht der Gleichheit keinen Sinn.

SCHLABRENDORF: Mann und Frau, unterschiedlich involviert, erhalten und vermehren sich also. Könnte das nicht ewig so weitergehen?

WOLLSTONECRAFT: Diese Frage führt uns zum dritten Schritt. Aus den Trieben, sich zu erhalten und sich zu verbinden, ergibt sich nur ein enger Kreis: die Familie. Zur Frage, wie es nun weitergeht, weiß ich meinen Locke auswendig: »The only way whereby any one devests himself of his Natural Liberty, and puts on the bonds of Civil Society is by agreeing with other men to joyn and unite into a community, for their comfortable, safe, and peacable living one amongst another.« Der größere Zusammenhang, Gesellschaft und Staat, bedarf eines neuen Arrangements zwischen den Menschen.

SCHLABRENDORF: Und nun kann selbst ich mir zusammenreimen, es werde ein vernünftiges Arrangement sein müssen.

WOLLSTONECRAFT: Die Individuen werden einen Vertrag schließen.

SCHLABRENDORF: Gibt es nicht auch unvernünftige Verträge?

WOLLSTONECRAFT: Alle, in denen man übervorteilt wird. Und so wird jeder nur einem Vertrag zustimmen, der ihm selbst die Rechte erteilt, die alle anderen genießen.

SCHLABRENDORF: Gleiche Rechte. Ich sehe: égalité. Das Prinzip der Revolution.

WOLLSTONECRAFT: Vernünftig ist, was sich rechtfertigen läßt. Ein Prärogativ kann man nicht rechtfertigen, man kann es nur mit Gewalt behaupten gegen all die, welche nicht in seinen Genuß kommen. Warum sollte jemand Vorrechten zustimmen, etwa jenen, deren sich der alte Adel erfreute?

SCHLABRENDORF: Die von Schlabrendorfs zum Beispiel. Ich empfing eine privilegierte Erziehung. Sonst wäre ich kaum in der Lage, deiner Vorlesung über gleiche Rechte zu folgen. Es fällt mir selbst mit diesem Vorzug schwer genug.

WOLLSTONECRAFT: Manches geht uns schwer ein, nicht, weil wir es kaum verstehen können, sondern weil wir es kaum verstehen wollen.

SCHLABRENDORF: Für die wahre Einsicht in die Beschaffenheit der Vernunft würde ich sogar auf Wachteleier nach schlesischer Art verzichten.

WOLLSTONECRAFT: Da sie auf dem Speiseplan dieser Anstalt fehlen, wird deine waghalsige Behauptung nicht auf die Probe gestellt.

SCHLABRENDORF: So glaubst auch du nicht mehr an ein Leben nach der Conciergerie?

WOLLSTONECRAFT: Verzeih mir. Aber dein Zynismus steckt an.

SCHLABRENDORF: Kynismus. Und er hat dich bislang nicht genügend angesteckt.

WOLLSTONECRAFT: Die Diagnose macht sich woran noch gleich fest?

SCHLABRENDORF: Nach deiner Beweisführung verwirklicht die Revolution, die unter anderem auch diese Stätte jenseits jedes »comfortable living« betreibt, die Vernunft. Und da sind wir eben bei meiner Schwierigkeit zu verstehen. Vernünftig ist die Ordnung der Gleichheit. Allerdings darf der Einbeinige mich Zweibeiner verhaften, nicht aber ich ihn. Kyniker räumen allenfalls Vierbeinern Vorrechte ein. Wenn sie danach bellen.

WOLLSTONECRAFT: Der Einbeinige würde dir sicher antworten, daß zwar alle gleich seien, du aber etwas gegen die Ordnung der Gleichheit unternahmst oder sagtest oder jedenfalls dachtest; deshalb müsse er dich ungleich behandeln und ins Gefängnis werfen. Es geschehe ja alles nur, um die Ordnung der Gleichheit zu retten.

SCHLABRENDORF: Die Beseitigung alter Ungleichheit schafft Platz für neue.

WOLLSTONECRAFT: So würde es der Einbeinige nicht sagen.

SCHLABRENDORF: Nein, so würde er es nicht sagen. So sage ich es. Er würde vermutlich sagen, aus Liebe zur Menschheit müsse er gegen deren Feind vorgehen.

WOLLSTONECRAFT: Das würde er vermutlich sagen.

SCHLABRENDORF: Glaubst du es auch?

WOLLSTONECRAFT: Ich glaube es nicht, aber die Logik ist zwingend.

SCHLABRENDORF: Ja, zwingend. »Ce qui ne signifie autre chose sinon qu’on le forcera d’être libre.« Robespierre hat stets ein Exemplar des Contrat social auf seinem Tisch. Und es bezeichnet den Verlauf der Revolution, daß der Gerechte, der Mann der Phrase, seine elf Kollegen im Wohlfahrtsausschuß, vorwiegend Männer der Tat, in den Schatten stellt. Keine Tat ist so schlecht, daß man nicht gute Gründe für sie auftreiben könnte. Sie aufzutreiben ist die unverzichtbare Gabe und Aufgabe des Manns der Phrase, pardon, des Anwalts der Vernunft.

WOLLSTONECRAFT: Nun bin ich etwas verwirrt. Wo stehen wir mit unserer Erörterung?

SCHLABRENDORF: Das Zwischenergebnis scheint mir, daß die Vernunft zu unvernünftigen Resultaten führen kann. Und zwar zwingend. Ganz so, wie die Freiheit exekutiert wird von einem Mechanismus, der machine politique, wie Lazare Carnot die Revolutionsregierung nannte, und wie der Comité de Salut public, dem Carnot angehört, die Plagen mehrt, damit die allgemeine Wohlfahrt gedeihe. In deiner Sprache, mit Hamlet: »This was sometime a paradox, but now the time gives it proof.« Das zeitgemäße corpus delicti der vernünftigen Beweisführung bin, unfrei und geplagt, ich selber.

WOLLSTONECRAFT: Deine Darlegung wäre, falls sie denn bündig ist, wert, sie der Menschheit zu überliefern. Gerade ein Deutscher sollte, wie Luther, sein Tintenfaß auf den Leibhaftigen werfen, sonst verschwindet er nie.

SCHLABRENDORF: Den Teufel regten Luthers hundert Bücher nur zu hundert neuen Teufeleien an. Die protestantischen ergänzen seither die katholischen. Von mir sind keine papierenen Werke zu erwarten. Sie kämen auch niemals an gegen jene, die machine politique, Comité de Salut public usw. erzeugen. Verwaltung ist erstarrte Politik: zu Akten erstarrte.

WOLLSTONECRAFT: Dabei wüßte ich bereits einen originellen Titel für dein zu schreibendes Buch: Dialektik der Aufklärung. Oder, wenn es etwas populärer ausfallen soll: Logik für Teufel.

SCHLABRENDORF: Falls das originelle Vorschläge sind, bedanke ich mich, aber meine Werke sind meine Gespräche. In ihnen verschenke ich mich.

WOLLSTONECRAFT: Der Aristokrat schenkt und raubt. Keinesfalls rafft er sich, wie der Bürger, dazu auf, zu arbeiten, zu kaufen und zu verkaufen. Das ist ihm zu vernünftig.

SCHLABRENDORF: Wohl wahr. Weder raffe ich, noch raffe ich mich auf. Ich kenne meine Schwächen.

WOLLSTONECRAFT: Und willst damit sagen, sie seien Stärken. Reden wir uns also weiter durch diese Bescherung hindurch: Haben wir den paradoxen Vorgang mit dem Gesagten schon erklärt?

SCHLABRENDORF: Die Vernunft wäre nicht, was sie ist, ohne den Anspruch auf Zustimmung. Ein Mensch, der die Vernunft auf seiner Seite hat, wie jener Einäugige, kann sich kaum vorstellen, daß man ihm nicht zustimmt, es sei denn aus Dummheit oder Bosheit ; gegen beide hat er Maßnahmen parat: Erziehung oder Strafe.

WOLLSTONECRAFT: Nun abstrahierst du zu resolut. Wie verwirklicht sich solche Vernunft in dem, der dich bestraft?

SCHLABRENDORF: Nicht schwer zu erschließen. Daß er ein Krüppel an seinem Leib ist, macht ihm keine Schande ; Schande liegt darin, daß er sich zu einem Krüppel des Geistes gemacht hat. Er findet seinen furchtbaren Trost darin, immer mehr Tote um sich zu sehen. Denn der Krüppel besitzt etwas, das der Tote nicht mehr hat: Leben. Dieser Trost ist die Vernunft des Einäugigen, eine einäugige Vernunft. Je mehr Tote sich häufen, desto weniger Stimmen widersprechen ihr, und ihm. Darum bricht er aus in sein Totschlagwort: »Lang lebe die Vernunft!« Du verstehst: Die Extreme – Tod und Leben – berühren einander; doch diese Berührung ist Schlag, ein Anschlag des Todes auf das Leben.

WOLLSTONECRAFT: Das Motiv des Fanatikers wäre also Rache am Leben?

SCHLABRENDORF: Des Fanatikers der Vernunft, ja. Aber dies Motiv bliebe ohne Folgen, würden keine Konditionen walten, die dem Mann Gelegenheit bieten, es auszuleben. Er, die andern der Dummheit oder der Bosheit verdächtigend, mag selber dumm sein, er mag böse sein oder auch nicht – das spielt kaum eine Rolle. Ist die Situation nicht danach, vermag Dummheit oder Bosheit wenig auszurichten. Das Verkehrte auf der Welt geschieht, weil die Situation verkehrt ist. Und ist sie es, dann geschieht es notwendig.

WOLLSTONECRAFT: Strenge Konsequenz: Da es dem Einäugigen nicht gelang, dich für dumm zu halten, traf dich seine Strafe.

SCHLABRENDORF: Sie erspart mir seine Erziehung.

WOLLSTONECRAFT: Zwei Weisen, den Dissens auszuräumen.

SCHLABRENDORF: Mit einem Haufen einander mehr oder minder widerstreitender Leute, wie man sie an jeder Straßenecke findet, oder vor dem Terror fand, begnügt Vernunft sich nicht. Sie will nicht weniger als: sie umfassen. Gemeinschaft ist ihr Ideal.

WOLLSTONECRAFT: Wäre das aber in Wahrheit nicht etwas Gutes: einem Ideal zu folgen, statt das Reale nur so hinzunehmen?

SCHLABRENDORF: In jeder Revolution gibt es noch etwas Fürchterlicheres als den Kampf, der ihr Ideal zu realisieren sucht, und das ist ihr Sieg, der es realisiert. Ich fürchte, der Schrecken, inmitten dessen wir uns wiederfinden, ist eben das real gewordene Ideal der Revolution.

WOLLSTONECRAFT: Gibst du Vernunft als Prinzip der Politik auf, welches willst du dann an seine Stelle setzen ? Etwa Unvernunft? Absurdität? Wahnsinn?

SCHLABRENDORF: Mit der Realität der Vernunft hat es eine eigentümliche Bewandtnis. Ihre Ideale, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, sind nicht Zustände, die, wie der Wasserstand an der Marke des Meßbechers, irgendwann erreicht wären. Man kann ihnen nie Genüge tun. Deshalb läßt sich immer mehr von ihnen fordern, und es findet sich, wie die Revolution zeigt, auch immer eine Schar, die Nutzen daraus zieht, mehr von ihnen zu fordern – mehr bis zur Absurdität, auch zur gewaltsamen. Ihre Ansprüche zehren von innen jedes Verhältnis auf, in das sie eingeführt werden. Es handelt sich nicht um Absurdität statt Vernunft, sondern um jene als Konsequenz dieser.

WOLLSTONECRAFT: Weißt du ein Korrektiv gegen einen Fanatismus der Vernunft?

SCHLABRENDORF: Die Vernunft ist wenig wert ohne etwas, das nicht Vernunft ist; sie muß auch lachen können, wie in Sokrates’ Ironie den Sophisten gegenüber. Und, wichtiger noch: wie in Sokrates’ Ironie sich selbst gegenüber.

WOLLSTONECRAFT: An diesen Gefängnisinsassen wirst du nicht herankommen.

SCHLABRENDORF: Ich weiß. Darf ich aber, statt auf deine Fragen geradewegs zu antworten und statt, gleich dir, etwas aus Begriffen zu konstruieren, eine Geschichte erzählen?

WOLLSTONECRAFT: Gerne, falls sie gut ausgeht. Es wäre zu traurig, im Kerker zu sitzen, wo so vieles schlecht ausgeht, und dann auch noch eine Geschichte zu erzählen oder zu hören, mit der es sich ebenso verhält.

SCHLABRENDORF: John Locke zu lesen gewöhnt einen ja an Optimismus. Für den guten Ausgang werde ich also sorgen.

WOLLSTONECRAFT: Das klingt verheißungsvoll.

SCHLABRENDORF: So klang vor kurzem auch das Wort ›Revolution‹

WOLLSTONECRAFT: Ich bin der Verheißung noch nicht ganz entwöhnt. Man kann auf dem rechten Wege irren und auf dem falschen recht gehen. Beginne!

SCHLABRENDORF: Des Adlers und der Schlange war Sarastro überdrüssig geworden. Er war nun bequemer als früher, gemütlicher, auch beleibter. Eines Tages aber überfiel ihn noch einmal, vielleicht zum letzten Mal, der alte Tatendrang. Oder war es gar ein neuer? Wie auch immer – er begab sich an diesem Tag in die Ortschaft Hébécrevon, von der die Geschichte der Menschheit bislang wenig Aufhebens gemacht hatte, und verkündete den Dörflern: »Von jetzt an soll dieses Dorf Communauté de Raison heißen.«

WOLLSTONECRAFT: Spielst du auf den Benennungseifer der Pariser revolutionären Comités an, die sogar die Monate tauften?

SCHLABRENDORF: Fünf Sätze habe ich erzählt und du suchst bereits eine Absicht hinter der Erzählung, um über sie verstimmt sein zu können.

WOLLSTONECRAFT: Weil ich dich kenne.

SCHLABRENDORF: Etwas verdächtig hat noch jeder Tragödiendichter seinen Helden gemacht.

WOLLSTONECRAFT: Es wird eine Tragödie?

SCHLABRENDORF: Ja, aber mit gutem Ausgang.

WOLLSTONECRAFT: Trotz eines verdächtigen Helden?

SCHLABRENDORF: Vielleicht trotz, vielleicht wegen.

WOLLSTONECRAFT: Woran genau würdest du den Verdacht festmachen, den du geweckt hast?

SCHLABRENDORF: Etwas verdächtig ist es doch, daß einer an einen Ort kommt, den er nicht kennt, und als erstes sagt, was dieser ist.

WOLLSTONECRAFT: Es ist des Menschen Vorrecht auf Erden, daß er die Dinge beim Namen nennt. Dann schlagen sie die Augen vor ihm nieder, wenn er sie anruft. Name ist Macht.

SCHLABRENDORF: Nichts anderes wollte ich sagen mit dem Anfang meiner Erzählung.

WOLLSTONECRAFT: Nun kenne ich deine Absicht. Fahr also fort.

SCHLABRENDORF: In der Communauté de Raison zu leben statt in Hébécrevon gefiel den Dörflern; edler als der alte klang der neue Name. Doch der Erleuchtete rief aus: »Ihr müßt euch diesen Namen erst verdienen. Sonst seid ihr seiner nicht würdig.« Die Leute fragten ihn: »Wird es schwierig sein, ihn sich zu verdienen?« Die Frage verschwindet von selbst, wenn ihr sie nicht stellt, dachte Sarastro. Aber er sprach: »Folgt ihr der Vernunft, wird es leicht sein für euch. Ihr dürft nicht meinen, die Vernunft sei etwas im Kopf des einzelnen. Das glaubten die Meister des Denkens früher, doch sie haben sich getäuscht. Die Vernunft ist gleichsam zwischen euch. Logos, das Wort, nannten die Griechen die Vernunft, und das Wort ist euch allen gemeinsam zu eigen. Bindet es euch aber kraft der Vernunft, die in ihm waltet, dann folgt, daß ihr nicht jeder einzeln für sich in den Himmel zu kommen vermögt, wie ihr bisher glaubtet, sondern nur alle gemeinsam. Begeht dein Nachbar Unrecht, so wirst du nicht ins Paradies eingehen.« Der Blick des Mahners schlug durch sie hindurch. Ersichtlich war dies nicht der Zeitpunkt für weitere Erkundigungen. Die Leute sagten: »Wir wollen es glauben um des edlen Namens willen.« Sie boten Sarastro Wein an, um den feierlichen Anlaß zu begehen. Doch er lehnte den Trank ab.

WOLLSTONECRAFT: Es ist wirklich die Geschichte einer Revolution. Vermutlich war Sarastro trunken vor Vernunft.

SCHLABRENDORF: Ich fürchte, er war von gar nichts trunken. Den Wein lehnte er übrigens nur anfangs ab.

WOLLSTONECRAFT: Immerhin. Wie weiter?

SCHLABRENDORF: Seitdem lebte man im Einklang miteinander in Hébécrevon, das nun Communauté de Raison hieß. Jeder der Dörfler fühlte sich verantwortlich für jeden anderen. »Alle für einen, einer für alle«, skandierten die Kinder morgens in der Schule. Die Lehrer, die Eltern, ja zuweilen Sarastro, der Künder, selbst erklärten ihnen, was das bedeutete: »Wenn einer stiehlt, falsch schwört, betrügt, mordet oder den Herrn lästert, tragen die anderen die Schuld mit. Die Vernunft will nichts Halbes, und jeder ist Teil des Ganzen. Das Ganze aber ist nicht besser als sein kleinster Teil. Wie könnte es anders sein? Wie dürfte es anders sein?« Jeder, was immer er gerade tat, mußte an die Gemeinschaft denken. So schien es vernünftig. Und die Gemeinschaft mußte an jeden denken, was immer er tat. Dies allerdings wurde manchen, je länger, desto stärker, unheimlich.

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