Kitabı oku: «Das Enneagramm»
Richard Rohr & Andreas Ebert

Die 9 Gesichter
der Seele
Claudius
Bildquellen
S. 25, S. 95, S. 132 James Dean, S. 155, S. 211, S. 230 akg-images, Berlin
S. 81 Hände, Katze, S. 103 Skyline, S. 121 Auge, S. 141 Leuchtturm, Bücherstapel, S. 161 Felsen, Fallschirm, Kletterer, S. 179 Sonnenblume, S. 197 Justitia, S. 215 Mann, lesend, Wolken
Erwin Wodicka – BilderBox.com
S. 118, S. 177 KNA-Bild, Bonn
S. 132 Marilyn Monroe_klein Photo Archiv Schweitzer, Hans-Peter Hösl, München
S. 192 Stefan Siegert, Hamburg
S. 197 Martin Luther King Picture-alliance/KPA/TopFoto
S. 289 Archiv Martin Lagois
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46. Pbck.-Auflage, 2010
© Claudius Verlag München 1999
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Umschlaggestaltung: Sibylle Schug, München
Satz: Marktsatz Media GbR, München
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014
ISBN: 978 - 3-532 - 60008-5
Wir sind schon Gottes Kinder,
aber es ist noch nicht erschienen,
was wir sein werden.
Wir wissen aber: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein;
denn wir werden ihn sehen, wie er ist.
1. Johannes 3,2
Ein Affe sah durch das klare Glas einer Flasche eine Kirsche und wollte sie stehlen. Er streckte seine Hand durch den Flaschenhals und schloss die Faust um die Kirsche, aber nun konnte er die Hand nicht mehr zurückziehen. Da tauchte der Jäger auf, der die Falle gestellt hatte. Der Affe war von der Flasche so behindert, dass er nicht davonlaufen konnte, und so wurde er gefangen. „Wenigstens habe ich noch die Kirsche in der Hand“, dachte er. Aber im gleichen Moment gab ihm der Jäger einen festen Klaps auf den Ellenbogen, die Hand des Affen öffnete sich und fuhr aus der Flasche. So hatte der Jäger nun die Frucht, die Flasche und den Affen.
Aus dem Buch vom Amu darja (Sufismus)
Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder küssen
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurückbegeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit wieder gatten
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.
Novalis
Dem Andenken unserer Mütter
ELEANORE DREILING-ROHR † 1994
RENATE APFELGRÜN-MAYR † 1998
INHALT
Cover
Titel
Impressum
Zitate
Widmung
Vorwort: EIN SPIEGEL DER SEELE
Erster Teil: DER SCHLAFENDE RIESE
Eine dynamische Typologie
Das Geheimnis der Zahl 153
Durchbruch zum Ganz Anderen
Ein Kardinal wacht auf
Ernüchterndes Aha-Erlebnis
Begabte Sünder
Die Wahrheit ist einfach und schön
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier
Obsessionen
Der Weg zur eigenen Würde
Irrwege und Auswege
Die drei Zentren: Bauch – Herz – Kopf
Die neun Gesichter der Seele
Zweiter Teil: DIE NEUN MUSTER
Muster EINS
Muster ZWEI
Muster DREI
Muster VIER
Muster FÜNF
Muster SECHS
Muster SIEBEN
Muster ACHT
Muster NEUN
Dritter Teil: TIEFENDIMENSIONEN
Umkehr und Neuorientierung
Fallen und Einladungen
Wurzelsünden und Geistesfrüchte
Untertypen: sexuell – sozial – selbsterhaltend
Idealisiertes Selbstbild und Schuldgefühle
Versuchung – Vermeidung – Abwehr
Unreif – „normal“ – gereift
Die Flügel
Die Pfeile („Misstrost“ und echter Trost)
Wachsen mit dem Enneagramm
Selbststudium
Partnerschaft
Autoritätsbeziehungen und Familie
Exerzitien und geistliche Begleitung
Gemeindearbeit und Gemeindewachstum
Gesprächsgruppen
Jesus und das Enneagramm
Enneagramm und Gebet
Das Ende der Determination
Eine enneagrammatische Weihnachtspredigt
Die Reue, die keinen gereut – Perspektiven der spirituellen Arbeit (Dietrich Koller)
Anhang: Anmerkungen
Literatur in Auswahl
Namensregister
Bibelstellenregister
Enneagrammmerkheft
Vorwort
EIN SPIEGEL DER SEELE
Im Spätsommer 1989 erschienen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt innerhalb weniger Wochen drei Enneagrammbücher. Eines davon war die erste Auflage dieses Buches. Inzwischen ist es mehr als 400 000 Mal über den Ladentisch gegangen und wurde in fast 20 Sprachen übersetzt. Richard Rohr und ich haben seither viele Vorträge und Tagungen zum Enneagramm gehalten. Der deutsche „Ökumenische Arbeitskreis Enneagramm“ (Celle) mit mehr als 500 Mitgliedern hat in fast 20 Jahren ein reges Vereinsleben entfaltet. Wir hatten Gelegenheit, andere bedeutende EnneagrammlehrerInnen kennenzulernen und von ihnen zu lernen. Einige Erkenntnisse sind neu dazu gekommen, die bestimmte Thesen der 1. Auflage revidiert haben. Das betrifft insbesondere die Entstehungsgeschichte des Enneagramms. Wir sind inzwischen überzeugt, dass die Typologie des Enneagramms nicht aus mittelalterlichen islamisch-sufistischen Quellen stammt, sondern auf die Lehre von den acht bzw. neun Leidenschaften zurückgeht, die der christliche Wüstenmönch Evagrius Pontikus (gestorben 399) erstmals formuliert hat. Darüber hinaus wurden einige sprachliche Glättungen vorgenommen.
Wie ist dieses Buch entstanden? Als ich 1985 Richard Rohr besuchte, der damals noch Leiter der Familienkommunität New Jerusalem in Cincinnati/Ohio (USA) war, erzählte er mir erstmals vom Enneagramm. Er hatte es als „Geheimlehre“ von einem Jesuiten übernommen und benutzte es im Rahmen der Seelsorge seiner Gemeinschaft. Literatur zum Enneagramm war zu diesem Zeitpunkt noch nicht erschienen.
Im Sommer 1988 hatte ich Gelegenheit, an Richard Rohrs neuer Wirkungsstätte, dem Zentrum für Aktion und Kontemplation in Albuquerque/New Mexico, an einem mehrtägigen Workshop über das Enneagramm teilzunehmen. Inzwischen waren in den USA erste Enneagrammbücher erschienen; zahlreiche PsychologInnen und TheologInnen gelangten zu der Ansicht, dass das Enneagramm ein ausgezeichnetes Werkzeug sei, um Menschen auf ihrem Weg zu spiritueller und psychischer Reifung zu unterstützen.
Nach meiner Rückkehr aus den USA schwankte ich, ob ich eines der in den USA erschienenen Bücher übersetzen oder lieber Richard Rohrs in freier Rede gehaltenen und auf Band mitgeschnittenen Workshop in ein eigenes Buch umwandeln sollte. Ich entschied mich für den zweiten Weg: Richard Rohr war dem deutschsprachigen Publikum durch seine Bücher „Der wilde Mann“ und „Der nackte Gott“ bereits bekannt. Seine nicht immer systematische, aber desto lebendigere Art des mündlichen Vortrags vermittelte das Enneagramm meines Erachtens angemessener als eine trockene Darstellung mit wissenschaftlichem Anstrich.
Zusätzlich habe ich mich seinerzeit bemüht, die in den USA erschienene Literatur zu sichten und zu verarbeiten. Das betraf vor allem den ersten und dritten Teil des Buches. Darüber hinaus hatte ich bereits eine Reihe von eigenen Erfahrungen mit dem Enneagramm gesammelt. Auch sie sind eingeflossen.
Während der Arbeit an diesem Buch erfuhr ich, dass auch in unserem Sprachraum bereits hier und dort mit dem Enneagramm gearbeitet worden war. Einige Jesuiten und die katholischen „Gemeinschaften christlichen Lebens“ (GCL) verwendeten das typologische Modell bei Exerzitien und für die Ausbildung von geistlichen BegleiterInnen. Vor allem der Begegnung mit Hildegard Ehrtmann, die an dieser Arbeit maßgeblich beteiligt war, hat das „Endprodukt“ wesentliche Impulse zu verdanken.
Schließlich ist das Feedback einer ersten deutschen Enneagrammtagung in das Buch eingeflossen, die vom 1989 in Schloss Craheim/Unterfranken stattfand. Fast 70 TeilnehmerInnen, darunter eine Reihe von PfarrerInnen und TherapeutInnen, unterzogen das Konzept einer kritischen Sichtung und gaben mir wertvolle Rückmeldungen.
Besonderen Dank verdient Marion Küstenmacher, die damalige Lektorin des Claudius Verlages. Sie hat die Entstehung des Buches von Anfang an begleitet und mich mit ihrem Enthusiasmus immer wieder angespornt. Inzwischen ist sie selbst eine international geachtete Enneagrammautorin und -lehrerin.
Ich wünsche dem Buch heute wie damals LeserInnen, die bereit sind, den aufregenden und auch mühevollen Weg der Selbsterkenntnis und Umkehr zu wagen. Ich sehe durchaus die Gefahr, dass ein Modell wie das Enneagramm dazu missbraucht werden kann, sich und andere auf platte Art in eine Schublade zu zwängen und so gerade nicht zu wachsen, sondern zu erstarren. Missbräuchlich angewandt, kann das Enneagramm mehr Fluch als Segen bewirken. Das hat es mit vielen bedeutenden Entdeckungen und Konzepten gemein.
Selbsterkenntnis hat etwas mit innerer Arbeit zu tun, die anspruchsvoll und schmerzhaft ist; Veränderung vollzieht sich unter Geburtswehen. Es gehört Mut dazu, solch einen Weg zu beschreiten. Viele vermeiden den Weg der Selbsterkenntnis, weil sie Angst haben, die eigenen Abgründe könnten sie verschlingen. ChristInnen vertrauen darauf, dass Christus alle Abgründe des Menschseins durchlebt hat und mit uns geht, wenn wir die ehrliche Auseinandersetzung mit uns selbst wagen. Weil Gott uns bedingungslos liebt – samt unserer dunklen Seiten –, brauchen wir uns selbst nicht auszuweichen. Im Licht dieser Liebe kann der Schmerz der Selbsterkenntnis der Beginn unserer Heilung sein.
Die MeisterInnen und SeelenführerInnen aller bedeutenden spirituellen Traditionen des Westens und des Ostens haben gewusst, dass wirkliche Selbsterkenntnis Voraussetzung einer genuinen „inneren Reise“ ist. Teresa von Avila, die große christliche Mystikerin, schreibt in ihrem Hauptwerk „Die innere Burg“:
„Nicht wenig Elend und Verwirrung kommen daher, dass wir durch eigene Schuld uns selber nicht verstehen und nicht wissen, wer wir sind. Erschiene es nicht als eine schreckliche Unwissenheit, wenn jemand keine Antwort wüsste auf die Frage, wer er ist, wer seine Eltern sind und aus welchem Lande er stammt? Wäre dies ein Zeichen viehischen Unverstands, so herrschte in uns ein noch unvergleichlich schlimmerer Stumpfsinn, wenn wir uns nicht darum kümmerten zu erfahren, was wir sind, sondern uns mit diesen Leibern zufriedengäben und folglich nur so obenhin, vom Hörensagen, weil der Glaube es uns lehrt, davon wüssten, dass wir eine Seele haben. Aber welche Güter diese Seele in sich bergen mag, wer in ihr wohnt und welch großen Wert sie hat, das bedenken wir selten, und darum ist man so wenig darauf bedacht, ihre Schönheit mit aller Sorgfalt zu bewahren.“1
Das Enneagramm entspringt einer Sichtweise der menschlichen Seelenstrebungen, deren Wurzeln zumindest bis ins frühe Mönchtum der „Wüstenväter“ zurückreichen, vielleicht sogar in vorchristliche Zeit (Pythagoras). Möglicherweise wurde es später durch die islamische Weisheitstradition des Sufismus mündlich weitertradiert. Beweise dafür gibt es allerdings bis heute nicht. Obwohl es also genuin christlich sein dürfte, speist es sich auch aus vorchristlichen Quellen und hat vermutlich seinerseits außerchristliche mystische Traditionen beeinflusst. Gerade die sogenannten mystischen Strömungen der großen Religionen kommen sich sowohl im Blick auf die religiösen Erfahrungen, die sie vermitteln, als auch im Blick auf die Deutungen und Einsichten, die sie formulieren, erstaunlich nah. Das ist einer der Gründe, weshalb es heute EnneagrammanhängerInnen mit dem unterschiedlichsten weltanschaulich-religiösen Hintergrund gibt. Das Enneagramm scheint ein Instrument zu sein, das eine Verständigungssprache zur Verfügung stellt, die nicht konfessionell vorbelastet ist. Es kann eine Brücke sein, die man von unterschiedlichen Seiten aus begehen und in deren Mitte man sich begegnen kann. Zahlreiche internationale Enneagrammtagungen mit VertreterInnen diverser psychologischer und weltanschaulicher Schulen haben das in den letzten zwei Jahrzehnten eindrücklich bestätigt. So dient das Enneagramm auch dem interkulturellen und interreligiösen Dialog.
Das mystische Menschenbild lässt sich in etwa so formulieren: Der Mensch baut vor allem in seiner ersten Lebenshälfte sein „empirisches Ich“ auf, das auch als die Summe seiner Einstellungen und Verhaltensmechanismen verstanden werden kann. Die Überidentifikation mit solchen Rollen, Angewohnheiten und Charakterzügen ist das Haupthindernis bei der Suche des Menschen nach seinem (wahren) „Selbst“.
Alle mystischen Wege bieten Methoden an, dieses illusionäre, falsche Ich zu entlarven und sich von ihm zu lösen – sei es durch Erkenntnis, Askese, gute Werke oder Meditation. Immer geht es dabei um ein Nicht-Anhaften, um Des-Identifikation und Loslassen. Ein Text des deutschen Mystikers Johannes Tauler bringt es auf den Punkt:
„Wenn der Mensch in der Übung der inneren Einkehr steht, hat das menschliche Ich für sich selbst nichts. Das Ich hätte gerne etwas und es wüsste gerne etwas und es wollte gerne etwas. Bis dieses dreifache, Etwas‘ in ihm stirbt, kommt es den Menschen gar sauer an. Das geht nicht an einem Tag und auch nicht in kurzer Zeit. Sondern man muss sich hineinzwängen und sich daran gewöhnen mit emsigem Fleiß. Man muss dabei aushalten, dann wird es zuletzt leicht und lustvoll.“
Das Neue Testament ruft zur „Prüfung der Geister“ (1. Johannes 4,1) auf. „Prüfet alles und das Gute behaltet“, sagt Paulus (1. Thessalonicher 5,21). Er traut seiner Gemeinde die Fähigkeit zu, zu entscheiden, was sie sich kritisch aneignen kann und was nicht. ChristInnen steht prinzipiell die ganze Welt und alles, was in ihr gut, wahr und schön ist, zur Verfügung: „Alles gehört euch – ihr aber gehört Christus!“ (1. Korinther 3,21 ff.).
Paulus selbst und der Evangelist Johannes haben in ihren Schriften Vorstellungen und Bilder der gängigen griechischen Religionsphilosophie übernommen und „getauft“.2 So beschreibt Johannes Christus als den inkarnierten Logos (Johannes 1). Die Vorstellung vom Logos besagte, dass es eine Art Weltvernunft gibt, die hinter allem Sichtbaren steht und in allem waltet. Logos bezeichnet ziemlich genau das, was Esoteriker „höheres Bewusstsein“ nennen. Johannes scheut sich nicht, diesen damals „esoterisch vorbelasteten“ Begriff zu übernehmen. Er besetzt ihn neu und erklärt so seinen ZeitgenossInnen das Evangelium in sprachlichen Kategorien, die sie verstehen.
Im Christentum wird die Erlösung vom falschen Ich als Gnadengeschenk Gottes verstanden; umstritten ist, inwieweit der Mensch sich selbst vorbereiten, disponieren, öffnen oder auf diese Gnade einstellen kann. Dieses Problem wird meist so gelöst, dass gesagt wird: Der Mensch soll so tun, als hinge alles von ihm ab. Im Nachhinein wird er verstehen, dass Gottes Geist es war und nicht er selbst, der ihn motiviert und befähigt hat zu suchen, zu kämpfen und zu beten („vorlaufende Gnade“). Paulus hat dieses unauflösbare Ineinander und Miteinander von eigenem Kampf und Gottes Gnade formuliert: „Arbeitet an eurer Erlösung mit Furcht und Zittern! Denn Gott ist es, der in seiner Gnade beides in euch bewirkt: das Wollen und das Vollbringen.“ (Philipper 2,12 f.).
In den östlichen Religionen wird der Anteil des Menschen an seiner Erlösung stärker betont, obwohl der Aspekt der Gnade – zum Beispiel im Buddhismus – durchaus vorhanden ist. Die pauschale Behauptung vieler ChristInnen, die östlichen Wege seien nichts als Selbsterlösung, zeugt von grober Unkenntnis. ChristInnen neigen dazu, sehr vollmundig von der allein wirksamen Gnade zu reden, suchenden Menschen aber eine Antwort schuldig zu bleiben, wenn sie nach Wegen fragen, wie sie diese lebensverändernde und erlösende Gnade erfahren können. Heute berichten viele Menschen davon, dass Wege des Ostens ihnen geholfen haben, ihren verschütteten Glauben neu zu entdecken oder ihr Gebetsleben zu vertiefen. Seriöse spirituelle LehrerInnen des Ostens wie der Dalai Lama verweisen ihre Adepten an die eigene christliche Tradition zurück. Viele müssen erst Umwege machen, um dann staunend zu entdecken, dass es auch in der christlichen Tradition all das zu entdecken gibt, was östliche Weisheit lehrt.
Übrigens hat die Kirche zu allen Zeiten außerchristliche Sichtweisen „getauft“: Im 20. Jahrhundert waren es vor allem humanwissenschaftliche Erkenntnisse, die sich zum Verstehen innerseelischer (und gesellschaftlicher) Vorgänge als hilfreich erwiesen haben. Schon 1927 hat der konservative norwegische Theologe Ole Hallesby die Vorstellung des griechischen Arztes und Philosophen Hippokrates von den vier Temperamenten aufgegriffen und für die christliche Seelsorge fruchtbar gemacht.3 In den letzten Jahrzehnten wurden Fritz Riemanns „Grundformen der Angst“4 von der christlichen Seelsorge rezipiert, obwohl Riemanns Beschreibung von vier Angsttypen auf astrologischen Vorstellungen aufbaut. Trotz ihrer nichtchristlichen Herkunft haben sich solche Modelle als hilfreiche Werkzeuge der Seelsorge erwiesen. Umso mehr gilt das für das Enneagramm, das genuin christliche Wurzeln hat.
Am Ende der Bibel malt der Seher Johannes das Bild des neuen Jerusalems, der zukünftigen Gottesstadt. In diesem Zusammenhang schildert er, wie die Völker der Erde ihre Gaben in diese Stadt bringen (Offenbarung 21,26). Dieses Bild besagt, dass alles, was in den Gedanken und Erfahrungen der Völker und Religionen wertvoll ist, dem einen Gott gehört. Wir können diese Gaben dankbar in Anspruch nehmen. Der Weisheitstransfer zwischen den Religionen ist einer der wesentlichsten Beiträge zum Weltfrieden.
Ich glaube, dass uns das Enneagramm helfen kann, zu einer tieferen und echteren Gottesbeziehung zu finden. Wer Augen hat, kann in ihm zugleich das eigene Angesicht, das Angesicht Gottes und – wie auf einer Ikone – das Angesicht Christi entdecken. Paulus schreibt: „Der Herr ist der Geist; und wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Wir aber schauen mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel und werden dadurch in sein Bild verwandelt von einer Herrlichkeit zur andern, wie es vom Herrn des Geistes gegeben wird“ (2. Korinther 3,17 f.).
Als Spiegel der Seele bleibt das Enneagramm ein Werkzeug, das irgendwann beiseitegelegt werden kann. Das Enneagramm ist ein Wegweiser. Wegweiser zeigen den Weg; gehen aber müssen wir selbst. Es freut mich, dass in den letzten 20 Jahren – soweit mir bekannt ist – niemand der Versuchung erlegen ist, das Enneagramm zu einer neuen absoluten Heilslehre hochzustilisieren oder Enneagrammzirkel mit Sektencharakter ins Leben zu rufen. Denn auch das Enneagramm ist nur ein Erkenntnismodell – wenn auch ein erstaunlich umfassendes. Unser Erkennen aber bleibt zeitlebens „Stückwerk“, wie Paulus sagt (1. Korinther 13). Bis Gott uns und die Welt vollendet, ist es ratsam, das zu erkennen und zu tun, was sich erkennen und tun lässt – und den Rest Gott zu überlassen.
München, Frühjahr 2009
Andreas Ebert
Erster Teil DER SCHLAFENDE RIESE
Eine dynamische Typologie
Das Enneagramm ist eine Typenlehre, die sehr alte Wurzeln hat und neun verschiedene Charaktere beschreibt. Die vergröbernde Reduktion menschlichen Verhaltens auf eine begrenzte Anzahl von Charaktertypen hat es mit vielen anderen Typologien gemeinsam:
Die Astrologie beschreibt zwölf Menschentypen entsprechend dem Tierkreiszeichen, in dem sich die Sonne während der Geburt befindet. Der griechische Arzt Hippokrates (gestorben 377 v. Chr.) hat seine vier Temperamente (sanguinisch, melancholisch, cholerisch, phlegmatisch) auf verschiedene „Körpersäfte“ (Blut, schwarze Galle, Galle, Schleim) zurückgeführt. In unserem Jahrhundert hat Ernst Kretschmer (1888 – 1964) den Zusammenhang zwischen dem Körperbau und der Neigung zu bestimmten seelischen Leiden untersucht. Er unterscheidet 1. pyknische (untersetzte), 2. leptosome (dünne) und 3. athletische Körpertypen und ordnet ihnen 1. zyklothyme (Neigung zu manisch-depressiver Erkrankung), 2. schizothyme (Neigung zur Schizophrenie) und 3. visköse (Neigung zur Epilepsie) Charakterzüge zu. Carl Gustav Jung (1875 – 1961) geht davon aus, dass es drei Funktionspaare gibt, die bei jedem Menschen unterschiedlich akzentuiert sind: Extraversion – Introversion; Empfinden (sinnliche Wahrnehmung) – Intuition; Denken – Fühlen. Jeder Mensch bevorzugt jeweils eine der beiden Möglichkeiten; daraus ergeben sich acht mögliche Kombinationen oder Typen, zum Beispiel der extravertiert-intuitive Denker oder der introvertiert-empfindsame Fühler. Die Amerikanerin Isabel Briggs Myers hat ein weiteres Funktionspaar hinzugefügt (judging – perceiving, das heißt, Neigung zu schnellen, klaren Urteilen und Entscheidungen gegenüber Empfänglichkeit für viele Einflüsse und Informationen) und in Anlehnung an Jung den Myers-Briggs Type Indicator entwickelt, einen Test, der 16 Typen unterscheidet; in den USA ist er sehr verbreitet.1 Karen Horney (1885 – 1952) diagnostizierte ursprünglich drei unterschiedliche Arten, wie Menschen ihre Lebensangst zu bewältigen versuchen: Unterwerfung (Hinwendung zu anderen Menschen); Feindseligkeit (Aggression gegen andere); Rückzug (Isolation von anderen). Später entwickelte sie ein Modell, in dem sie vier Hauptweisen aufzeigte, durch die Menschen versuchen, sich gegen ihre Grundangst zu schützen: Liebe, Unterwürfigkeit, Macht und Distanzierung. Dieses letzte Modell entspricht in etwa dem Schema, das der Psychoanalytiker und Astrologe Fritz Riemann (1902 – 1979) formuliert hat. Er geht von vier menschlichen Grundängsten aus: 1. Angst vor Nähe, 2. Angst vor Distanz, 3. Angst vor Veränderung, 4. Angst vor Beständigkeit. Daraus ergeben sich vier Grundtypen: der schizoide, depressive, zwanghafte und hysterische.2
Alle diese Modelle versuchen – unter verschiedenen Voraussetzungen – der Erfahrung Rechnung zu tragen, dass die Menschen zwar verschieden sind, dass es aber zugleich „Typen“ gibt, die sich auffallend ähneln. Jede der erwähnten Typologien lässt sich mit einer Landkarte vergleichen, die das Ziel hat, den Überblick über das Reich der menschlichen Charaktertendenzen und Verhaltensweisen zu erleichtern. Wie es Landkarten mit geologischem, politischem oder verkehrstechnischem Schwerpunkt gibt, so verfolgt auch jede der genannten Typologien ein besonderes Interesse und hat deshalb ihre besonderen Stärken und Schwächen. Keine von ihnen ist allumfassend; keine von ihnen ist die Sache selbst. Das Studium einer Landkarte ersetzt niemals die „Er-Fahrung“ des Landes selbst.
Alle Typologien haben den Nachteil, dass sie die Einmaligkeit, Originalität und Besonderheit des Individuums notgedrungen vernachlässigen. Deswegen begegnen ihnen viele PsychologInnen mit Vorbehalten. Die Gefahr, sich und andere in die Schublade eines bestimmten Tierkreiszeichens oder eines Enneagrammmusters zu zwängen und auf diese Weise festzulegen, ist unübersehbar. Das biblisch-christliche Menschenbild geht davon aus, dass Gott nur Originale geschaffen hat, keine Abziehbilder oder Schablonen. Niemand ist eine Nummer. Gott hat uns „mit Namen gerufen“. Die Entdeckung von „Gesetzmäßigkeiten“ im menschlichen Verhalten hat nur dann einen Sinn, wenn zugleich die Möglichkeit der Veränderung und der Befreiung vom Zwang der Determiniertheit in den Blick kommt. Diese Möglichkeit eröffnet das Enneagramm in besonderer Weise. Es geht darum, dass die Fixierung in einem „Typus“ gelockert wird, damit das unverwechselbare und einmalige Original ans Licht kommen kann.
Das Enneagramm beschreibt wie andere Typologien unterschiedliche Charaktermuster. Aber das ist nur der Anfang. Über die Beschreibung von Zuständen hinaus enthält das Enneagramm eine innere Dynamik, die auf Veränderung zielt. Es ist eine ausgesprochen anspruchsvolle Einladung zum seelisch-spirituellen Wachsen und Reifen – jedenfalls wenn es angemessen vermittelt wird. Es ist weit mehr als ein unterhaltsames Selbsterfahrungsspiel. Es geht um Veränderung und Umkehr, um das, was einige spirituelle Traditionen Bekehrung oder Buße nennen, andere Erwachen. Es konfrontiert uns mit den Festlegungen und Gesetzen, unter denen wir unbewusst leben, um uns zu ihrer Überwindung und zu Schritten in den weiten Raum der Freiheit einzuladen.
Der Ausgangspunkt des Enneagramms sind die Sackgassen, in die wir Menschen bei unserem Versuch geraten, unser Leben vor inneren und äußeren Bedrohungen zu schützen. Der Mensch, so wie ihn Gott geschaffen hat, ist nach biblischer Auffassung seinem Wesen nach „sehr gut“ (1. Mose/Genesis 1,31). Diese seine Essenz, sein „wahres Selbst“, ist schon während der Schwangerschaft und spätestens vom Augenblick seiner Geburt an dem Ansturm bedrohlicher Kräfte ausgesetzt. Die christliche Lehre von der Erbsünde weist auf diese Tatsache hin, indem sie betont, dass es den unverletzten, freien und „sehr guten“ Menschen zu keinem Zeitpunkt seiner Existenz real gibt. Wir sind von Anfang an destruktiven Einflüssen ausgesetzt und deshalb erlösungsbedürftig. Das genetische Material, aus dem wir zusammengesetzt sind, enthält bereits Programmierungen, die unser Wesen vom Moment der Zeugung an mitbestimmen. Das familiäre System, in das wir hineingeboren werden, legt uns von vornherein Erblasten auf.
Die Außenwelt begegnet dem Kind zunächst vor allem in Gestalt seiner Eltern und Geschwister, später durch Kameraden, Lehrer, die Werte und Normen der Gruppe, Religion und Gesellschaft und den jeweils herrschenden Zeitgeist. Viele unterschiedliche Faktoren kommen zusammen, prägen uns und verdichten sich zu Denk- und Handlungsstrukturen. Sie manifestieren sich als innere „Stimmen“, lassen sich meist in kurze und prägnante Sätze zusammenfassen, begleiten uns – oft unbewusst – durchs ganze Leben und wirken sich maßgeblich auf unser Verhalten und unseren Charakter aus. Manchmal wurden uns diese Stimmen verbal übermittelt („Sag immer schön danke!“); manchmal haben sie sich als Reaktion auf das nonverbale Gesamtverhalten der Umwelt herausgebildet („Komm mir nicht zu nahe!“).
Der heranwachsende Mensch reagiert auf diese Stimmen, indem er bestimmte Ideale internalisiert („Ich bin gut, wenn ich …“), Vermeidungsstrategien entwickelt, um Strafen oder anderen unangenehmen Folgen des „Fehlverhaltens“ zu entgehen, und spezifische Abwehrmechanismen aufbaut. Schuldgefühle treten immer dann auf, wenn man dem eigenen Ideal und Anspruchssystem nicht gerecht wird. Die eigentliche Fehlhaltung, die sich im Enneagramm in neun „Leidenschaften“ oder „Wurzelsünden“ manifestiert, bleibt dagegen meist verborgen. Sie gehören ja gerade zu den Mitteln, die wir bei der Verfolgung unserer falschen Ideale einsetzen. Das Enneagramm deckt diese illusionären Ideale und falschen Schuldgefühle auf und hilft uns, unserem wahren Dilemma ins Auge zu sehen.
Wir gehen davon aus, dass wir zugleich von „ererbten“ Anlagen, von familiären (systemischen) Konstellationen und von Umwelteinflüssen geprägt sind. Wichtiger als die Ursachenforschung (die Frage nach dem „Woher“) ist die Frage nach dem Ziel unseres Lebens („Wohin?“). Als Jesus und seine Jünger einem Blindgeborenen begegnen, fragen sie den Meister: „Wer hat gesündigt, er selbst oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?“ Jesus antwortet: „Weder dieser noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm sichtbar werden!“ (Johannes 9,1 ff.). Das Enneagramm kann uns helfen, einen Blick für unsere Zukunft und Bestimmung zu bekommen, für jenes wahre Angesicht, das wir noch nicht „haben“, das aber bereits in unserer Tiefe schlummert.
Das Enneagramm (von griechisch ennea = neun und gramma = Zeichen oder Figur) wird als Kreissymbol dargestellt. Er symbolisiert die Ganzheit, aber auch eine energetische Bewegung im Uhrzeigersinn. An der Peripherie des Kreises befinden sich im Abstand von jeweils 40 Grad neun Punkte, die von EINS bis NEUN durchnummeriert werden, wobei NEUN der „obere“ Ausgangspunkt ist. Die Punkte DREI, SECHS und NEUN sind durch ein Dreieck miteinander verbunden, die Punkte ZWEI, VIER, EINS, SIEBEN, FÜNF, ACHT (und ZWEI) durch einen unregelmäßigen sechseckigen Stern. Jeder der Enneagrammpunkte bezeichnet einen bestimmten Energiezustand, die Übergänge zwischen den Zuständen sind fließend. Die Verbindungslinien verweisen auf die Dynamik zwischen bestimmten Energiepunkten. Aber bevor wir uns diesen Energien und ihrer Dynamik detailliert zuwenden, sind noch eine Reihe weiterer Vorinformationen nötig, die insbesondere die Entstehungsgeschichte dieses Symbolsystems betreffen.

Figur 1: Das Enneagramm
Das Geheimnis der Zahl 153
Die Ursprünge des Enneagramms lagen lange wie hinter einem Schleier verborgen. Das machte die Sache einerseits besonders geheimnisvoll – andererseits nährte es Spekulation und Skepsis und trug kaum zur Glaubwürdigkeit oder gar zu einer ernsthaften akademisch-wissenschaftlichen Würdigung des Systems bei. Es waren ja keinerlei schriftliche Quellen bekannt, aus denen man hätte nachvollziehen können, dass es sich tatsächlich um eine „uralte Weisheitslehre“ handelt, wie die beiden „Entdecker“ oder „Erfinder“ des Enneagramms behauptet haben. Auch wir mussten 1989, als unser Buch erschien, dieses Manko bekennen. Man wusste zunächst nur, dass das Enneagramm im Abendland erstmals 1916 von George Iwanowitsch Gurdjieff (1866 oder 1872 bis 1949, selbst sein Alter verschleierte er!) vorgestellt wurde – und zwar als umfassendes Symbol der harmonischen Struktur und der Dynamik des Kosmos, als kosmisches Prozessmodell – und nicht als Charaktertypologie. Gurdjieff gab niemals explizit Auskunft über seine Quellen. J. G. Bennett, einer der prominentesten Schüler Gurdjieffs, vertrat die Ansicht, Gurdjieff hätte das Enneagramm von asiatischen Sufis gelernt. Oscar Ichazo, der in den frühen 70er Jahren das „Enneagramm der Fixierungen“ entwickelte, benutzte Gurdjieffs Modell und verwies in mehreren – zum Teil sehr kryptischen – Aussagen ebenfalls auf geheime sufistische Quellen, aber auch auf Engelsvisionen und Ähnliches. Das macht die Sache nicht schlüssiger. Auch Ichazo (geb. 1931) hält seine Quellen bis heute letztlich geheim.
Die gängige Entstehungslegende des Enneagramms, die in der Zeit des ersten Enneagrammbooms in den 70er Jahren kolportiert wurde, lautet in etwa: Die Ursprünge des Enneagramms reichen viele Jahrtausende zurück bis in den Nahen Osten, wo die Wiege der großen Menschheitsreligionen stand. Dieses Wissen, das alle großen Religionen beeinflusst habe, sei im Lauf der Jahrtausende von vielen angereichert und tradiert worden. Bennett nennt in diesem Zusammenhang insbesondere die „Magi“, jene morgenländischen Weisen des ersten vorchristlichen Jahrtausends, die zugleich Priester, Philosophen, Astronomen, Astrologen, Psychologen, Theologen und Magier waren. (Nach Auskunft des Matthäusevangeliums kamen solche Magier nach der Geburt Jesu nach Jerusalem, um dem neugeborenen Heiland zu huldigen!)
In die Schule der Magi war auch Pythagoras eingeweiht, der große Universalgelehrte, Mathematiker und spirituelle Meister aus Samos (ca. 569 – 496 v. Chr.). Er war als junger Mann Priester geworden und hatte lange Jahre in den großen religiösen Zentren seiner Zeit, insbesondere in Ägypten und Babylonien, zugebracht. Am Ende seines langen Lebens gründete er in Süditalien eine Weisheitsschule, die in eine „exoterische“ und eine „esoterische“ Abteilung gegliedert war. In der exoterischen Schule wurde Lebensweisheit für jedermann gelehrt; in der esoterischen Abteilung wurden die Adepten in die geheimen Zusammenhänge des Kosmos eingeweiht, über die sie strengstes Stillschweigen bewahren mussten. Eine entscheidende Rolle im Weltbild des Pythagoras spielten – wie in der späteren jüdischen Kabbala – die Zahlen von eins bis neun, während die Zahl zehn den Kosmos als Ganzen bezeichnete. Diese Zahlen hatten für Pythagoras sowohl eine quantitative Bedeutung als auch einen qualitativen, symbolischen Sinn, der in der Antike weithin Common Sense war, von uns aber mühsam entschlüsselt werden muss.
Nun klafft in der Legende eine Zeitspanne von 1000 Jahren. Es handelt sich immerhin um jene geschichtlich bedeutenden 1000 Jahre, in denen das Römische Reich aufstieg und unterging und in denen das Christentum entstand, zunächst verfolgt wurde und sich schließlich als Staatsreligion etablierte.
Nach dem Entstehen des Islam (etwa 1000 Jahre nach Pythagoras) – so die bisherige Legende weiter – sei das alte Geheimwissen insbesondere durch eine Sufischule aufbewahrt, entwickelt und tradiert worden. Der „Sufismus“ bezeichnet die große mystisch-asketische Bewegung innerhalb des Islam. Die Sufimeister hätten das Enneagramm nie als Ganzes weitergegeben, sondern einer/einem Ratsuchenden jeweils nur diejenigen Teile offenbart, die für die spirituelle Entwicklung dieses Menschen nützlich gewesen seien. In der gesamten sufistischen Literatur findet sich allerdings nicht der leiseste Hinweis auf das Enneagramm. Das wurde von den Anhängern dieser Legende in der Regel damit begründet, dass es sich um Geheimwissen gehandelt habe, das ausschließlich mündlich weitergegeben werden durfte.
1995 stieß ich (Andreas Ebert) auf einen Text des altchristlichen Wüstenvaters Evagrius Pontikus, der mich verblüffte. Auch wenn ich nicht alles verstand, hatte ich sofort das Gefühl, dieser Text müsste etwas mit dem Enneagramm zu tun haben. Handelte es sich womöglich um die erste und einzige alte schriftliche Quelle, die auf die Entstehung des Enneagrammsymbols hindeutete? Im Januar 1996 veröffentlichte ich meine Entdeckung in Heft 11 des „Enneagram Monthly“, einer internationalen Enneagrammzeitschrift („Are the Origins of the Enneagram Christian after all?“). Im April und Mai 1996 folgte in derselben Zeitschrift ein großer Aufsatz von Lynn Quirolo („Pythagoras, Gurdjieff and the Enneagram“), die unabhängig von mir zur selben Zeit dieselbe Entdeckung gemacht hatte. Lynn Quirolo ist eine Absolventin von J.G. Bennetts „International Academy for Continuous Education“ in Sherborne (England). Ihrem Artikel habe ich eine Reihe von zusätzlichen Erkenntnissen zu verdanken, insbesondere die Entschlüsselung der pythagoräischen Zahlensymbolik (siehe unten). Der Text, der uns synchron zugefallen war, enthält allem Anschein nach wesentlich klarere Hinweise auf die Ursprünge des Enneagramms als alle früheren Legenden und Spekulationen.3
Sollten die Ursprünge des Enneagramms doch christlich – und nicht sufistisch – sein? Schon der Jesuit Bob Ochs, einer der ersten Enneagrammschüler Claudio Naranjos, „war überzeugt, dass das Enneagramm zutiefst in der christlichen Mystik verwurzelt war … Ochs erkannte die Tradition der Wüstenväter wieder, einer Gruppe von Mönchen des vierten Jahrhunderts, die die christliche Sicht der sieben kapitalen Leidenschaften entwickelt hatten, die die Typen energetisch aufladen …“4 1992 hat dann auch und unabhängig von Ochs der deutsche Benediktiner Anselm Grün die erstaunlichen Parallelen zwischen dem Enneagramm und der Lehre von den Leidenschaften festgestellt, wie sie Evagrius entwickelt hatte.5
Die Wüstenväter oder „Anachoreten“ waren eine Bewegung des 4. nachchristlichen Jahrhunderts. Als die christliche Kirche nach langen Zeiten der Verfolgung im 4. Jahrhundert allmählich toleriert und schließlich sogar privilegiert und zur Staatsreligion erhoben wurde, ließ der Ernst der Christusnachfolge allenthalben nach. Opportunisten drängten zur Taufe. Bald wurden die heidnischen Tempel geschlossen und manche „Unbekehrbare“ ebenso grausam verfolgt wie seinerzeit die Christen durch die Heiden. Die neue Amtskirche hatte große Angst vor heidnischer Unterwanderung ihrer Lehre und vor „häretischen“ (insbesondere gnostischen) Strömungen. Mit staatlicher Unterstützung setzte sie ihre Version von „Rechtgläubigkeit“ durch. Gleichzeitig bemerkte sie nicht, wie „heidnisch“ sie selbst wurde. Anstelle eines schlichten Christusglaubens und echten Leidensbereitschaft trat immer mehr der Kampf um ein dogmatisches Monopol und um gesellschaftliche Privilegien und Macht.
Zahllose Menschen, Männer und Frauen, die Christus ernsthaft nachfolgen wollten, sahen sich zum Rückzug gezwungen. Sie zogen aus den städtischen Zentren in die Wüste, um in kleinen Gemeinschaften oder als Einsiedler zu leben. Sie verzichteten auf die Ehe, auf weltliche Güter und weltliche Betätigung, um zur Ruhe des Herzens (hesychia) zu finden. Die Lebensgeschichte des ersten großen Wüstenvaters Antonius, die literarisch stark an die Lebensgeschichte des Pythagoras angelehnt ist, hat nicht zuletzt die bildende Kunst immer wieder inspiriert. Beliebt ist etwa die Darstellung der Versuchungen des Hl. Antonius, wie sie zum Beispiel Matthias Grünewald auf dem Isenheimer Altar dargestellt hat.
Das Leben in der Wüste diente der Auseinandersetzung mit den Leidenschaften oder „Dämonen“, die sich insbesondere in Gestalt von Fantasien und Gedanken des Eremiten bemächtigten. Sie galt es zu besiegen. In heutiger psychologischer Sprache würde man eher von der „Integration des Schattens“ sprechen. Verdienst der Wüstenväter und -mütter war es, diese Leidenschaften zu identifizieren und gezielte Methoden zu entwickeln, wie man mit ihnen „fertig werden“ könnte.
Evagrius Pontikus wurde im Jahre 345 in Ibora in der Provinz Pontus (im heutigen Georgien) als Sohn eines Bischofs geboren. Mit 34 Jahren wurde er zum Diakon geweiht. 381 ging er nach Konstantinopel, musste aber die Stadt wegen einer Liebesaffäre verlassen. Nach einem Zwischenaufenthalt in Jerusalem begab er sich nach Ägypten, um dort als Mönch zu leben. Bis zu seinem Tode im Jahre 399 blieb er in einer Einsiedelei in der nitrischen Wüste. Dort verfasste er seine wichtigsten Werke. Besonderen geistigen Einfluss übten auf ihn die Werke des Origenes aus, der wiederum von pythagoräischem Denken beeinflusst war und sich für eine allegorische Bibelauslegung einsetzte (das heißt, man suchte zwischen den jedermann zugänglichen Zeilen der biblischen Texte nach einem geheimnisvollen symbolischen Sinn; dabei spielte die Zahlenspekulation eine wesentliche Rolle). Die Origenisten wurden von den „Anthropomorphisten“, die nur die wortwörtliche Bibelauslegung gelten lassen wollten, bekämpft und schließlich verfolgt.
Im Jahre 399, kurz nachdem Evagrius gestorben war, mussten seine Gesinnungsfreunde fliehen. Auf diese Weise fanden seine Werke, die sie mitnahmen, weite Verbreitung. Sie gelangten über die Grenzen des römischen Imperiums hinaus nach Armenien und in die arabische Welt, wo sie später auch die persischen Sufis beeinflussten. In Armenien genießt Evagrius bis heute große Verehrung; zum Teil wurden seine Schriften überhaupt nur in armenischer Übersetzung aufbewahrt. Die Lehre des Evagrius und der Wüstenväter übte und übt vor allem auf die Mönche der Orthodoxie, etwa auf dem Berg Athos, einen gewaltigen Einfluss aus – trotz der einstmaligen Verfolgungen und Verurteilungen. Auf dem Konzil von Konstantinopel (553) nämlich wurde neben Origenes auch Evagrius verurteilt. Drei spätere Konzilien wiederholten diese Verurteilungen.

Versuchung des Hl. Antonius (Matthias Grünewald), Isenheimer Altar
Das Werk des Evagrius berührt sich an zwei Punkten eng mit dem Enneagramm: In seiner Lehre von den Leidenschaften und in der Beschreibung einer auf pythagoräischer Zahlenspekulation beruhenden Figur, die wesentliche Züge des Enneagrammsymbols zeigt.
Evagrius entwickelte erstens eine Liste von acht bzw. neun Lastern bzw. ablenkenden „Gedanken“, die den Weg zu Gott und zu leidenschaftsloser Herzensruhe behindern. Ausgangspunkt war für ihn jenes seltsame Jesuswort Matthäus 12,43 – 45: „Wenn ein böser Geist einen Menschen verlässt, dann schweift er über ödes Land und sucht nach einem Ruheplatz. Wenn es keinen findet, sagt er sich:, Ich will in mein Haus zurückkehren, das ich verlassen habe!‘ Also geht er zurück – und findet das Haus leer, sauber und geordnet vor. Dann geht er und bringt sieben andere böse Geister mit, die noch schlimmer sind als er selbst, und sie kommen und wohnen hier. So befindet sich der Mensch am Ende in einem schlimmeren Zustand als am Anfang.“ Nach Evagrius ist der erste böse Geist die „Völlerei“, die sich schließlich die sieben weiteren Laster „einverleibt“, sodass es zur Achtzahl kommt. In seiner Neunlasterschrift, die in unserem Zusammenhang besonders interessant ist, ordnet er drei Leidenschaften der sinnlich-materiellen Welt zu (bei ihm sind dies Völlerei, Unzucht und Geiz), drei der „erregbaren Seele“ (Traurigkeit, Zorn und „Trägheit“) und drei dem geistigen Bereich, der allein dem Menschen vorbehalten ist (Ehrsucht, Neid und Stolz). Die „Furcht“, die im Enneagramm Typ SECHS zugeordnet wird, fehlt. Papst Gregor I. hat die Liste der acht bzw. neun Leidenschaften später auf die bis heute gängige Liste der sieben klassischen Hauptsünden reduziert (oft fälschlich als die „sieben Todsünden“ bezeichnet). Er fasste Ruhmsucht und Stolz sowie Traurigkeit und Faulheit zusammen. Ergebnis war ein Jahrhunderte lang gültiger Katalog: Stolz, Neid, Zorn, Traurigkeit, Habgier, Völlerei, Unkeuschheit. Im 7. Jahrhundert wurde die Traurigkeit durch die Trägheit ersetzt. Als die sieben Hauptsünden bezeichnet die katholische Kirche gegenwärtig Stolz (superbia), Habsucht (avaritia), Neid (invidia), Zorn (ira), Unkeuschheit (luxuria), Unmäßigkeit (gula, immoderatio), Trägheit oder Überdruss (pigrata oder acedia).
Auch wenn Evagrius neun Laster nennt, ist doch offenkundig, dass er sie noch nicht als jenes „Enneagramm der Fixierungen“ systematisiert hat, das Oscar Ichazo in den 70er Jahren entwickelt hat. Er ordnet sie zum Beispiel nach anderen Gesichtspunkten der physischen, psychischen und geistige Sphäre zu, als es Oscar Ichazo mit den neun Leidenschaften bzw. Fixierungen im Enneagramm getan hat.
Neben der Identifikation von neun Leidenschaften und drei Zentren, denen jeweils drei Leidenschaften zugeordnet werden, beschreibt Evagrius auch ein geometrisches Symbol, das sich nur erschließt, wenn man die Zahlensymbolik des Pythagoras kennt. Dabei geht es um die Darstellung einer geheimnisumrankten biblischen Zahl: Gegen Ende des Johannesevangeliums wird berichtet, wie Jesus nach seiner Auferstehung an Ostern seinen Jüngern gebietet, das Fischernetz im See Genezareth auszuwerfen. Sie gehorchen ihm und fangen 153 große Fische. Warum nennt der Evangelist diese Zahl? Das Johannesevangelium ist voll von hintergründigen und mehrdeutigen Redewendungen mit „doppeltem Boden“. Hinter einer platt wörtlichen Bedeutung steckt immer ein tieferer Sinn. Weil die Menschen – einschließlich der Jünger Jesu – seine Worte allzu buchstäblich deuten, kommt es im Johannesevangelium ständig zu kuriosen Missverständnissen. Es ist offenkundig, dass diese Zahlenangabe nicht willkürlich ist, sondern einen symbolischen Sinn hat. Hieronymus (um 420) deutet die Zahl so: Man hätte seinerzeit angenommen, es gäbe insgesamt 153 Fischarten. Die Zahl sei also ein Hinweis auf die Universalität und Vollständigkeit der Kirche, die alle Völker umfasst. Spekulativer ist bereits Augustinus:
„In der Anzahl der Fische, die unser Herr nach seiner Auferstehung auf der rechten Seite des Schiffes zu fangen befiehlt, um dieses neue Leben zu zeigen, findet sich die Zahl 50 mit drei multipliziert. Wenn man drei hinzuzählt (das Symbol der Trinität), ist das heilige Geheimnis noch offenbarer. Dann (im neuen Leben) soll der neue Mensch, vollendet und zur Ruhe gekommen, durch die lauteren Worte Gottes an Leib und Seele geläutert, die wie entschlacktes Silber sind, das siebenmal gereinigt ist, seinen Lohn erhalten – die Münze. Mit diesem Lohn begegnen sich die Zahlen sieben und zehn in ihm. Denn in dieser Zahl (17) findet sich – wie in anderen Zahlen, die eine Kombination von Symbolen darstellen –, ein wundervolles Geheimnis … Und wann wird der Körper endgültig von allen Feinden befreit sein? Ist es nicht dann, wenn der letzte Feind, der Tod, vernichtet sein wird? Bis zu dieser Zeit also wird die Zahl der 153 Fische reichen. Denn wenn die Zahl 17 als Seite eines gleichseitigen Dreiecks genommen wird … beträgt die Gesamtsumme der Einheiten 153.“6
Diese Deutung ist ein Beispiel für die spekulative Art und Weise, mit Zahlen umzugehen, wie sie in der Antike und in der Frühzeit der Kirche gang und gäbe war.
Auch Evagrius interpretiert die Zahl 153 mit Rückgriff auf die pythagoräische Zahlensymbolik. Seine Interpretation findet sich in der Einleitung zu einem Büchlein mit dem Titel „153 Kapitel über das Gebet“, einem Leitfaden zur Kontemplation. Diese 153 kurzen Kapitel sind auch Teil der „Philokalia“, jener berühmten Sammlung altkirchlicher Anleitungen zum Gebet, die die spirituelle Grundlage ostkirchlicher Mystik ist und die es jetzt endlich auch in einer deutschen Gesamtausgabe gibt. Evagrius schreibt in der Einleitung:
„Ich habe diese Abhandlung über das Gebet in 153 Kapitel eingeteilt. Mit ihnen sende ich dir einen Leckerbissen des Evangeliums, damit du dich an einer symbolischen Zahl erfreuen kannst, die eine dreieckige und ein sechseckige Figur miteinander verbindet. Das Dreieck steht symbolisch für die Trinität, das Sechseck für die geordnete Erschaffung der Welt in sechs Tagen. Die Zahl 100 bezeichnet ein Quadrat, die Zahl 53 ein Dreieck und zugleich einen Kreis. Weshalb? Weil sie die Summe von 25 und 28 ist. 28 ist das Dreieck und 25 der Kreis, da 25 fünf mal fünf ist. So stellt diese Summe eine quadratische Figur da, da sie die vierfache Qualität der (sieben) Tugenden symbolisiert. Der Kreis drückt durch seine runde Form den Fluss der Zeit aus und ist zugleich ein angemessenes Symbol für die wahre Welterkenntnis. Im Fluss der Zeit folgt Woche auf Woche, Monat auf Monat, Jahr auf Jahr und Jahreszeit auf Jahreszeit, wie es die Bewegung von Sonne und Mond, Frühling und Sommer und so weiter zeigen. Das Dreieck, das in der Zahl 28 zum Ausdruck kommt, bezeichnet die Erkenntnis der Heiligen Trinität. Oder wir könnten die ganze Summe von 153 als ein Dreieck deuten, das die asketische Praxis, die Kontemplation der Natur und die Betrachtung des spirituellen Wissens von Gott bedeutet – oder Glaube, Hoffnung und Liebe, oder Gold, Silber und Edelsteine. So viel zu dieser Zahl …“
Diese Interpretation des Evagrius ergibt nur Sinn, wenn man mit der pythagoräischen Zahlensymbolik vertraut ist. Pythagoras unterschied unter anderem Dreieckszahlen, Quadratzahlen, Sechseckzahlen und Kreiszahlen:
Dreieckszahlen: Die Summe aufeinander folgender Zahlen, beginnend mit 1. Beispiele:
3 = 1 + 2; 6 = 1 + 2 + 3; 10 = 1 + 2 + 3 + 4 usw.
2. Quadratzahlen: Die Summe von Zahlen, beginnend mit 1, wobei jeweils eine Zahl ausgelassen wird. Beispiele:
4 = 1 + 3 (2 ausgelassen); 9 = 1 + 3 + 5; 16 = 1 + 3 + 5 + 7 usw.
3. Sechseckzahlen: Die Summe von Zahlen, beginnend mit 1, wobei jeweils drei Zahlen ausgelassen werden. Beispiele:
6 = 1 + 5 (2, 3 und 4 ausgelassen); 15 = 1 + 5 + 9; 28 = 1 + 5 + 9 + 13 usw.
4. Kreiszahlen: Eine Zahl, die Produkt einer Zahl ist, die sich beim Quadrieren an letzter Stelle wiederholt. Beispiele:
25 = 5 x 5; 36 = 6 x 6.
Für die Zahl 153 bedeutet das: Sie ist nach pythagoreischer Interpretation „dreieckig“ (1 + 2 + 3 + … 17) und zugleich „sechseckig“ (1 + 5 + 9 … + 33). Deshalb hat diese Zahl zugleich „dreieckige“ (trinitarische) und „sechseckige“ Qualität; das Dreieck bezeichnet nach Evagrius die göttliche Wirklichkeit und das Sechseck – wie erwähnt – die sechs Schöpfungstage und somit die irdische Welt. Es gäbe mehrere Möglichkeiten, diese Kombination von Dreieck und Sechseck bildlich darzustellen:

153 lässt sich nach Evagrius aber auch als Summe von 100 + 28 + 25 verstehen. 100 ist eine „Quadratzahl“ (1 + 3 + 5 + 7 … + 19). Evagrius deutet 4 x 7 als Hinweis auf die vierfache Qualität der (sieben) klassischen Tugenden. 28 ist ein „Dreieck“ (1 + 2 + 3 + … 7) und bezeichnet die Heilige Trinität. 25 ist ein „Kreis“ (5 x 5). Der Kreis ist für Evagrius ein Hinweis auf den Lauf der Zeit und auf wahre (vollständige) Erkenntnis. Graphisch ließe sich die Kombination von Quadrat, Dreieck und Kreis wiederum auf unterschiedliche Weise darstellen:

Eine dritte Möglichkeit sieht Evagrius darin, die gesamte Zahl 153 als „Dreieck“ zu interpretieren (1 + 2 + 3 + … 17). Das könnte man graphisch als gleichseitiges Dreieck mit der Seitenlänge 17 (Punkte) darstellen:

Zusammenfassend kann man sagen: Evagrius hat eine Charakterpsychologie entwickelt, die auf acht bzw. neun „Gedanken“ oder Leidenschaften basierte. Gleichzeitig hat er eine Kosmologie entworfen, die durch eine Kombination von Kreis, Dreieck, Viereck und Sechseck symbolisch dargestellt werden kann. Es gibt allerdings keinen Hinweis darauf, dass Evagrius selbst seine Leidenschaftslehre und das kosmische Symbol miteinander verquickt hätte. Das Enneagramm der Fixierungen dürfte eine Neuschöpfung Oscar Ichazos aus dem 20. Jahrhundert sein. Es wäre also abwegig zu behaupten, das Enneagramm, so wie wir es kennen, ginge als solches auf die Wüstenväter zurück. Richtig ist jedoch, dass sich die zwei wichtigsten Elemente moderner Enneagrammkunde (kosmisches Prozesssymbol, das – neben dem Quadrat – Dreieck, Kreis und Sechseck enthält, plus eine Charakterlehre, die auf den „Hauptleidenschaften“ basiert und sie den drei Zentren Körper, Seele und Geist zuordnet) unmittelbar auf Evagrius, diesen großen frühchristlichen Welt- und Seelenkenner, zurückführen lassen.
Eine zweite große christliche Gestalt, deren Werk entscheidende Aspekte moderner Enneagrammkunde vorwegnimmt, ist der seliggesprochene Ramon Lull, der 1232 in Palma (Mallorca) geboren wurde.
Ramon, dessen Vater 1229 mit Jakob I. auf die Insel gekommen war, um sie von muslimischer Herrschaft zu befreien, wuchs in einer Umgebung auf, die stark maurisch geprägt war. Er heiratete 1253, wurde Hofpage, führte ein sehr „verweltlichtes“ Leben und unternahm in seiner politischen Funktion zahlreiche Reisen. Im Juni 1263 erlebt der 34-Jährige aufgrund von fünf Erscheinungen des gekreuzigten Christus eine tief greifende Bekehrung. Er wird Mitglied des 3. Ordens der Franziskaner, der für Verheiratete offen ist. Fortan sieht Lull seine Aufgabe darin, Argumente für das Christentum zu sammeln, um so zur Bekehrung von Juden und Muslimen beitragen zu können. Er begibt sich auf Pilgerreisen (Jerusalem und Santiago de Compostela) und entfaltet eine rege literarische Produktivität. Unter anderem regt er die Errichtung von Sprachschulen für das Arabische und Hebräische an, um Grundlagen für einen seriösen interreligiösen Dialog zu schaffen.
Im Gegensatz zu früheren missionarischen Ambitionen der Kirche, die letztlich der Zwangsbekehrung der „Heiden“ dienten, entwickelt Lull Prinzipien eines respektvoll und rational geführten Dialogs, in dessen Verlauf alle Beteiligten dazulernen. Die eigene Identität kann letztlich nicht in Abgrenzung von anderen gefunden werden, sondern nur im Gespräch mit ihnen. Lull nimmt wesentliche Kriterien moderner Kommunikationstheorien und der Friedens- und Konfliktforschung vorweg und entwickelt das, was man heute eine „Hermeneutik des Anderen“ nennen würde: Um mit einem anderen wirklich zu kommunizieren, muss ich seine Sprache und seine Voraussetzungen kennen und achten.
„Das Buch vom Heiden und den drei Weisen“ schildert das Gespräch eines religiös suchenden Heiden mit einem Juden, einem Christen und einem Muslim. Alle tragen ihre Argumente nacheinander vor, ohne einander zu unterbrechen oder anzugreifen. Nur dem Suchenden sind kritische Nachfragen gestattet. Am Ende geht der „Heide“ getröstet davon und es bleibt – wie in Lessings „Ringparabel“ – offen, für welchen der drei Wege er sich letztlich entscheidet.
Lulls Leidenschaft gilt der Suche nach einer neuen Sprache der Spiritualität, die von keiner der bestehenden Religionen besetzt ist. Denn er ist überzeugt davon, dass die interreligiöse Sprachverwirrung eine der Hauptursachen für Kriege und Konflikte ist. Wie Hans Küng in unseren Tagen hält er insbesondere die monotheistischen Religionen für fähig, ein gemeinsames Weltethos zu entwickeln, das dem Frieden dient. Das setzt aber voraus, dass sie im Umgang miteinander jene gewaltfreien Prinzipien praktizieren, die allein Grundlage des Völkerfriedens sein könnten. Insbesondere für die Kirche gilt: Bevor sie die Welt evangelisieren kann, bedarf sie der eigenen Bekehrung und Erneuerung; sie muss das leben, was sie lehrt, und bleibt in diesem Prozess immer auch Lernende.
Ausgangspunkt für die gemeinsame Wahrheitssuche der großen Religionen sind für Lull die neun (!) Namen oder Eigenschaften Gottes, die er auf der Peripherie seiner Kreisfigur „A“ im Uhrzeigersinn anordnet, wobei „A“ für Gottes Wesen steht, während die neun Eigenschaften die Anfangsbuchstaben von B bis K tragen. Sie sind mit der Mitte, dem unaussprechlichen Geheimnis Gottes, und untereinander vernetzt. (Figur A)

Daneben entwickelt Lull eine zweite Figur (T), die neben den absoluten Prinzipien der Figur A „relative“ Prinzipien bezeichnet. Sie sollen „sowohl die Nähe als auch den Unterschied zwischen Gott und den Geschöpfen bezeichnen“. Lull spricht „von Unterschied (differentia), Eintracht (concordia), Gegensätzlichkeit (contrietas). Weil der Vollkommene jenseits eines geschöpflichen Mehr oder Weniger in absoluter Gleichheit existiert, spricht er von Größer-Sein (maioritas), Gleichheit (aequalitas), Kleiner-Sein (minoritas). Und da es nur in der Schöpfung Anfang und Ende gibt, Gott aber die Mitte von allem darstellt, in der Anfang, Mitte und Ende als dreieinige Personen koinzidieren, spricht Lull von Anfang (principium), Mitte (medium) und Ende (finis)“7. Figur T ist ein Kreis, der mit drei Dreiecken ausgefüllt ist, die die relativen Prinzipien bezeichnen. (Figur T)

Lulls Figur T
Die Nähe dieser beiden Figuren zur Enneagrammfigur ist unverkennbar. Ähnlich wie die Figuren des Evagrius könnte man auch Lulls Schemata als „Vor-Enneagramm“ bezeichnen. Lull glaubt ferner, dass nicht nur die Gottesnamen eine gemeinsame Dialoggrundlage zwischen den Religionen sein könnten. Auch das Erkennen der „Tugenden“ und „Laster“ ist gemeinreligiöses Gut. Er bildet die klassischen sieben Tugenden und Todsünden als Bäume ab und meint, diejenige Religion habe Recht, die die überzeugendsten Tugendfrüchte hervorbringt. Damit verlagert sich der Wettstreit von der dogmatischen auf die spirituelle und ethische Ebene und die Toleranzfähigkeit innerhalb des Wettstreits wird zu einem wesentlichen Kriterium der Glaubwürdigkeit und des Wertes einer Glaubensgemeinschaft. Wer Recht hat, muss nicht rechthaberisch sein.
Lulls Nähe zur jüdischen Kabbala und zur islamischen Sufimystik ist mit Händen zu greifen. Die Kabbala stellt die Eigenschaften Gottes wie Lull als Lebensbaum dar; der Sufismus meditiert die 99 Namen Gottes, um durch die Meditation dem unaussprechlichen Gott selbst immer näher zu kommen. Lulls besondere Liebe gilt jenen Sufigeschichten, deren Absicht es ist, die Liebe zu Gott anzufachen. Nur eine Philosophie der Liebe, so glaubt Lull, ist allen Menschen zugänglich und ermöglicht eine interreligiöse Ökumene. Umberto Eco meint, Lulls Entwürfe seien neben der jüdischen Kabbala der zweite große europäische Versuch, eine gemeinsame neue spirituelle Sprache zu finden.
Lull ist zutiefst davon überzeugt, dass selbst schwierigste theologische Behauptungen wie die Lehre vom dreieinigen Gott oder der Glaube an die Auferstehung vernünftig begründbar und daher in Freimut diskutierbar sind. Damit nimmt er die europäische Aufklärung des 18. Jahrhunderts vorweg, die der Vernunft einen Vorrang vor der Autorität einräumte.
Es würde sich lohnen, Lulls Bedeutung für die Enneagrammforschung tiefer zu ergründen. Jedenfalls findet sich bei ihm (ebenso wie bei Evagrius) im Kern bereits vieles von dem, was wir im Folgenden entfalten wollen. Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz haben Lull ebenso geschätzt wie Bartolomé de las Casas, der leidenschaftliche Anwalt der amerikanischen Ureinwohner angesichts der Schrecken der „christlichen“ Eroberung, wie Nikolaus von Kues und wie Arthur Schopenhauer, der Lulls Lebenswende unter die „echten Bekehrungen“ einreiht. Es ist damit zu rechnen, dass Lull im Zeitalter des interreligiösen Dialogs neu entdeckt und wertgeschätzt werden wird. Sein franziskanisches Ideal einer demütigen, überzeugenden, machtlosen und lernfähigen Kirche ist bis heute aktuell.8
Gurdjieff und seine Schüler waren nachweislich von der Lehre der Wüstenväter und vom Sufismus beeinflusst. Gurdjieff wurde vermutlich 1877 als Sohn einer armenischen Mutter und eines griechischen Vaters im Grenzgebiet zwischen Armenien und Georgien geboren. Zu dieser Zeit lebten in seinem Umfeld AnhängerInnen vieler großer Religionen zusammen. In diesem Landstrich wird Evagrius bis heute besonders verehrt. Die Lehre der Wüstenväter wird in der orthodoxen Spiritualität, insbesondere in der Mönchsrepublik vom Berg Athos, hochgehalten. Das mantrische „Herzensgebet“ etwa, das auf die Wüstenväter zurückgeht, hat sich dort über die Jahrhunderte erhalten. Gurdjieff ist von dieser Tradition zweifelsohne nachhaltig beeinflusst worden.
Gurdjieff wollte Arzt werden und ließ sich gleichzeitig zum russisch-orthodoxen Priester ausbilden. Die offizielle kirchliche Lehre konnte jedoch seinen Wissensdrang und seine existenzielle Sinnsuche nicht befriedigen. Es ging ihm darum, wie wir Menschen wach werden können für unseren wirklichen Lebenssinn. Lang reiste Gurdjieff nach eigenen Auskünften von einem spirituellen Zentrum des Ostens zum anderen – bis nach Ägypten, Tibet und Indien. In einem Kloster der sufistischen „Sarmoun“-Bruderschaft will er die Überlieferung kennengelernt haben, die dem Enneagramm zugrunde liegt, wenn auch dieses Kloster bis heute unauffindbar bleibt. Zeitlebens bezeichnet Gurdjieff sich selbst als „pythagoräischen Griechen“ und „esoterischen Christen“. Gurdjieff verstand sein Werk als „esoterisches Christentum“. Vielleicht war sein Bewusstsein, „hinter den Schleier“ geschaut zu haben, der Grund, weshalb er die Ursprünge seines Wissens buchstäblich „verschleiert“ hat.
Zusammenfassend zitiere ich Lynn Quirolos Studie:
„In den Schriften des Evagrius Pontikus finden wir eine hoch entwickelte kontemplative Psychologie, wie sie im Westen inzwischen so gut wie ausgelöscht ist. Wir finden ferner eine pythagoräische Interpretation einer wichtigen biblischen Symbolzahl. Fragmente sowohl dieser Psychologie als auch dieser Symbollehre findet man in den Lehren von Gurdjieff und Ouspensky. Da diese Ideen Teil der hellenistischen, Kettfäden‘ im Gewebe der christlichen und islamischen Religionen waren, finden wir erstaunliche Ähnlichkeiten zwischen frühchristlichem Denken und der späteren sufistischen Spiritualität und Kosmologie … Die Schriften des Evagrius und der Wüstenväter … sind eine Inspiration für Suchende in einem technologisch intelligenten, aber spirituell dunklen Zeitalter. Sie können unser Herz und unseren Verstand für jene größeren Möglichkeiten öffnen, die in jedem und jeder von uns schlummern.“
Das mystisch-kontemplative Wissen der Wüstenväter ist auch in die Spiritualität der Sufis eingeflossen. Schon etwa 100 Jahre nach Mohammeds Tod gab es fromme Muslime, die ein einfaches Leben führen wollten. Sie verzichteten oftmals auf jeglichen Besitz und trugen als Zeichen der Askese grobe Wollgewänder (arabisch „suf“). Manche von ihnen zogen als Wanderprediger umher; andere lebten in geistlichen Bruderschaften und Gemeinschaften. Vieles an ihrer Lebensweise erinnerte an die späteren Franziskaner, die vermutlich ihrerseits unter sufistischem Einfluss standen.9 Wie an der christlichen Mystik des Mittelalters waren auch an der Bewegung des Sufismus auffallend viele Frauen beteiligt.
Durch Gebet und Meditation wollten die Sufis der Liebe Gottes gewiss werden. Die Gottesliebe war zentrales Thema der Bewegung, wie das Gebet der Sufi-Meisterin Rabia al-Adawiyya aus dem 8. Jahrhundert zeigt:
„O Gott, wenn ich dich aus Furcht vor der Hölle anbete, so verbrenne mich in der Hölle, und wenn ich dich in Hoffnung auf das Paradies anbete, so gib es mir nicht, doch wenn ich dich um deiner selbst willen anbete, so enthalte mir deine ewige Schönheit nicht vor!“10
Die Sufis wurden vonseiten des offiziellen Islam heftig bekämpft. Beim einfachen Volk wurden sie aber bald als Heilige verehrt. Vielen von ihnen schrieb man Wunderkräfte zu. Legenden rankten sich um das Leben und Wirken großer Sufi-Meister. Zu den sufistischen Bruderschaften gehören auch die Orden der Derwische und die Bewegung der Fakire (faqir = arm). Vor allem in Nordafrika existieren viele von ihnen bis heute.11
Bei den Sufis gab es, ähnlich wie bei den Wüstenvätern, eine Tradition der Seelenführung, die das Ziel verfolgte, Menschen auf dem Weg zu Gott zu begleiten.
Jene Weisheit, deren Essenz sich auch in heutiger Enneagrammkunde wiederfindet, war offenbar eine mündliche Tradition, die über die Jahrhunderte hin vom Meister an den Schüler weitergegeben wurde. Gurdjieff hatte das Enneagramm nach eigenen Angaben in Afghanistan kennengelernt und beschrieb es als ein Perpetuum mobile. Ein Teil der Tanz- und Bewegungsformen, die er entwickelte, basierte auf der Dynamik des Enneagramms. Gurdjieff verglich das Enneagramm mit dem legendären „Stein der Weisen“ und betonte, es sei in der Geheimliteratur „nirgends zu finden … Ihm wurde von Wissenden eine so große Bedeutung verliehen, dass sie es für notwendig erachteten, seine Kenntnis geheim zu halten“.12 Als psychologische Typenlehre hat das Enneagramm bei Gurdjieff keine Rolle gespielt. Er hat niemals eine Beschreibung von neun Persönlichkeitstypen ausgearbeitet. Die heute bekannteste Form des Enneagramms der Fixierungen geht, wie erwähnt, auf Oscar Ichazo zurück. Er behauptet, dieses System von Sufimeistern in Pamir (Afghanistan) gelernt zu haben, und zwar bevor er auf Gurdjieffs Schriften stieß. In den 50er und 60er Jahren lehrte Ichazo in La Paz (Bolivien) und Arica (Chile). 1971 kam er in die USA.13 Der Psychiater Claudio Naranjo vom Esalen-Institut in Big Sur/Kalifornien eignete sich Ichazos Modell an und entwickelte es weiter. Eine Reihe von US-amerikanischen Jesuiten, vor allem Pater Robert Ochs, stießen bei Naranjo auf das Modell. Nach langjähriger Erprobung und theologischer Prüfung entschloss sich der Jesuitenorden, das Enneagramm als ein Mittel der geistlichen Begleitung und als ein Modell für die Exerzitienarbeit zu übernehmen.
Seit Mitte der 80er Jahre ist eine Reihe von Büchern über das Enneagramm erschienen, die zum Teil aus der Arbeit amerikanischer religiöser Orden mit dem Enneagramm erwachsen sind und zum Teil mehr von der Psychoanalyse bzw. der humanistischen Psychologie herkommen.
Es hat sich gezeigt, dass das Enneagramm mit der christlichen Tradition geistlicher Begleitung und Menschenführung ebenso zu vereinbaren ist wie mit diversen psychotherapeutischen Ansätzen. Deshalb kann es eine Brücke zwischen Spiritualität und Psychologie schlagen. Es ist so etwas wie jene „neue Sprache“ der interkulturellen und interreligiösen Verständigung, nach der Ramon Lull gesucht hat. Das Enneagramm ist inzwischen auch „wissenschaftlich“ mehr und mehr erhärtet. Klinische Untersuchungen in den USA haben erstaunliche Ergebnisse gezeitigt. Die renommierte kalifornische Stanford University und ihre psychologische Fakultät waren Schauplatz der Ersten Internationalen Enneagrammkonferenz im Jahre 1994. Seither hat die akademische Enneagrammforschung große Fortschritte gemacht.
Die „Vermischung“ von Psychologie, Spiritualität und Theologie mag jene stören, die auf eine „methodisch saubere“ Trennung dieser scheinbar so unterschiedlichen Zugänge zur Wirklichkeit insistieren. Die Traditionen östlicher und westlicher Weisheit und Seelenführung (die wahren Gurus, Starzen und Meister des Ostens, Ignatius), denen dieses Buch verpflichtet ist, haben dagegen immer die Zusammengehörigkeit seelischcharakterlicher und religiös-spiritueller Reifung betont. Inzwischen haben Forscher wie Ken Wilber eine integrale Spiritualität und Psychologie entwickelt, die von einem ganzheitlichen Menschenbild ausgeht und in der psychologische und spirituelle Aspekte sich ergänzen und bereichern. Einem solch ganzheitlichen Ansatz ist auch unsere Arbeit mit dem Enneagramm verpflichtet.
Durchbruch zum Ganz Anderen
Beim Enneagramm geht es, vereinfacht gesagt, um die Frage: Weshalb stoßen wir Menschen bei unserer Auseinandersetzung mit dem Leben so häufig immer wieder nur auf unser Ego, anstatt durchzustoßen zum Ganzen, zum Ganz Anderen, zu Gott? In unserer heutigen egozentrischen Gesellschaft neigen wir in besonderem Maße dazu, in unseren eigenen Gedanken oder Gefühlen stecken zu bleiben. Deswegen ist Gott heute für viele Menschen des Westens, wenn sie ihn nicht ohnehin abgeschrieben haben, nichts anderes als ein Projektionsbild ihrer selbst: ein Gott, wie wir ihn brauchen, wollen oder gerne hätten. Die Begegnung mit dem Ganz Anderen, mit dem Nicht-Ich, findet nicht statt.
Die alten Meister und Seelenführer wollten, dass die Menschen ihre Blockaden und Vorurteile bzw. ihren „Wahrnehmungsstil“ erkennen, das heißt ihre Angewohnheit, das Leben aus einem fixierten Blickwinkel zu betrachten und zu gestalten. Im frühen Mönchtum nannte man solche Engführungen Passionen oder Leidenschaften. Sie führen dazu, dass ich jenen Teil des Lebens, den ich erkannt habe oder beherrsche, für das Ganze halte. Es geht darum, diese Leidenschaften zu identifizieren und zu überwinden, um zu lernen, die Wirklichkeit objektiv(er) wahrzunehmen. Es geht darum, zu Gott, dem ganz Objektiven, durchzudringen, dem Ganz Anderen, der für ChristInnen zugleich ganz der Unsere ist, indem er sich auf unsere Welt eingelassen hat und Teil von ihr geworden ist. Es geht darum, dass wir fähig werden, auf etwas anderes als auf uns selbst zu stoßen, auf jene „Macht, die größer ist als wir“ (Anonyme Alkoholiker).
Viele Kirchenfunktionäre treten leichtfertig im Namen Gottes auf und meinen, Gott verstanden zu haben. Dabei kann man meist sofort erkennen, dass sie nicht viel mehr ausstrahlen als ihr eigenes Temperament, ihre Vorurteile oder das, was sie sowieso schon wissen. Das ist einer der Gründe, weshalb die christliche Religion so sehr an Glaubwürdigkeit eingebüßt hat. Viele Zeitgenossen können sie nicht mehr ernst nehmen. Sie erleben religiöse Menschen, die nicht authentisch sind und obendrein egozentrisch wirken, weil sie offensichtlich ihre ureigensten Ziele verfolgen, während sie einen frommen Jargon pflegen, als ginge es ihnen um nichts als um Gott und um Gottes Reich.
Das Enneagramm kann uns helfen, unsere Selbstwahrnehmung zu läutern, ehrlicher gegenüber uns selbst zu werden und immer besser zu unterscheiden, wann wir nur unsere eigenen inneren Stimmen und Prägungen hören und Gefangene unserer Vorurteile sind – und wann wir fähig sind, für Neues offen zu sein.
Ignatius von Loyola (1491 – 1556), der Gründer des Jesuitenordens, entwickelte eine geistlich und psychologisch hochsensible Methodik der geistlichen Menschenführung. Seine Exerzitien führen auf einen Übungsweg. Sie decken die Fallen auf, in denen die Seele gefangen ist, und leiten zur „Unterscheidung der Geister“ an, jener inneren und äußeren Stimmen und Impulse, die uns fortwährend beeinflussen. Die Unterscheidung vollzieht sich in drei Schritten: Es geht darum, 1. „die verschiedenen Regungen zu verspüren, die in der Seele verursacht werden“; 2. sie „zu erkennen“, das heißt ihre Herkunft und Zielrichtung zu verstehen und ein Urteil darüber zu fällen, ob sie mich konstruktiv auf das Sinn-Ziel meines Lebens hinlenken oder destruktiv von ihm wegführen; 3. zu diesen Regungen Stellung zu nehmen, das heißt sie anzunehmen oder abzuweisen.14 Ziel der Exerzitien ist es, das eigene Leben zu ordnen und Wege zur christlichen Freiheit zu finden. Sie wird durch eine personale Jesusbeziehung ermöglicht, in der wir fähig sind, den Anruf Christi an unser Leben zu hören, und bereit werden, in seinen Dienst zu treten.
Das Enneagramm ist ein verwandtes Hilfsmittel, um dieses Ziel zu erreichen. Das ist einer der Gründe, weshalb eine Reihe von Exerzitienmeistern begonnen hat, neben den traditionellen ignatianischen Übungen auch das Enneagramm einzusetzen.
Ein Kardinal wacht auf
Ich (Richard Rohr) bin 1970, im Jahr meiner Priesterweihe, durch einen Jesuiten in das System des Enneagramms „eingeweiht“ worden. Damals hat man uns eingeschärft, dass wir es nicht schriftlich weitergeben sollten und dass niemand erfahren dürfte, woher wir es hätten. Ich muss gestehen, dass ich mir dabei seinerzeit manchmal etwas unehrlich vorgekommen bin. Es ist ein paar Mal passiert, dass jemand in meine Sprechstunde gekommen ist und ich nach einer Weile – dank des Enneagramms – die Energie oder den „Wahrnehmungsstil“ dieses Menschen ziemlich genau erfassen konnte. Während ich meine „Geheimkenntnisse“ einsetzte, dachte mein Gegenüber: „Richard Rohr liest in meiner Seele wie in einem offenen Buch und bringt mein Problem genau auf den Punkt! Wo hat er das nur gelernt?“ So erschien ich manchen fast wie ein Hellseher oder so, als hätte ich die Gabe der „Herzensschau“, die einigen Heiligen nachgesagt wird. Auf diese Art ist das Enneagramm angeblich ursprünglich verwendet worden. Es handelte sich der Legende nach um esoterisches Wissen, das die Seelenführer nur innerhalb ihrer Gruppe weitergegeben haben. Als wir Amerikaner es in die Finger bekamen, ist passiert, was passieren musste: Wir haben vor ein paar Jahren angefangen, es aufzuschreiben.
Seither ist eine Flut von Büchern erschienen. Vor allem im katholischen Milieu hat es einen wahren Siegeszug angetreten. Vielleicht liegt es daran, dass wir katholische Ordensleute die Zeit und die Einkehrhäuser haben, um uns intensiv mit solchen Dingen zu befassen. Von dort aus wird es an suchende und interessierte Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten weitergegeben. Jetzt, da es längst nicht mehr geheim ist, möchten wir dazu beitragen, es so darzustellen, dass es angemessen angewendet werden kann und möglichst wenig Schaden anrichtet. Der „schlafende Riese“ ist aufgewacht und seine alte Weisheit ist suchenden Menschen zugänglich!
Wir haben das Enneagramm noch nie einer Gruppe weitervermittelt, die es nicht – aus irgendeinem Grund – interessant fand. Das ist erstaunlich, weil sein Ansatz negativ ist. Das Enneagramm hat nicht die Absicht, dem Ego zu schmeicheln. Es will vielmehr eine Hilfestellung dazu geben, das loszulassen oder unnötig zu machen, was Thomas Merton und andere das „falsche Selbst“ genannt haben. Wir kennen kein anderes Hilfsmittel, das diese Aufgabe auf direkterem Wege leisten kann als das Enneagramm.
Ich habe vor Jahren Exerzitien für 20 Bischöfe gehalten. Am ersten Tag habe ich über das kontemplative Gebet referiert. Die Bischöfe saßen da und hörten zu – schließlich waren es Bischöfe und sie mussten anstandshalber aufpassen, wenn es ums Beten ging. Man konnte sehen, dass sie zwar dabei waren, aber nicht wirklich auf die Sache „angesprungen“ sind. Ich weiß nicht mehr, was ich am zweiten Tag erzählt habe, jedenfalls waren sie schon aufmerksamer. Am dritten Tag haben mich zwei Bischöfe beiseite genommen und gesagt: „Sie müssen dieser Gruppe das Enneagramm beibringen!“ Das hatte ich eigentlich nicht vor. Aber die beiden Bischöfe haben darauf bestanden: „Doch! Das brauchen die!“ So habe ich am nächsten Morgen damit angefangen. Ich konnte miterleben, wie einige Teilnehmer, einschließlich eines frischgebackenen Kardinals, plötzlich hellwach wurden und ganz Ohr waren. Von diesem Zeitpunkt an waren sie bis zum Ende der Exerzitien voll dabei.
Das Enneagramm bringt eine wesentliche Wahrheit unseres Seelenlebens auf den Punkt. Es tut das auf eine Weise, wie es die meisten von uns selten oder nie erlebt haben. Das Enneagramm ist von geradezu bezwingender Weisheit.
Ernüchterndes Aha-Erlebnis
Als ich (Richard Rohr) das Enneagramm 1970 kennenlernte, war das eine der drei großen umwälzenden spirituellen Erfahrungen meines Lebens. Ich konnte buchstäblich miterleben, wie es mir wie Schuppen von den Augen fiel und mir mit einem Schlag klar wurde, was ich bisher getrieben hatte: Ich hatte immer das Richtige gemacht (das ist für uns EINSer ein Hauptanliegen!) – aber aus falschen Beweggründen. Es ist ziemlich beschämend, das zu erkennen und zuzugeben! Deswegen gilt als Faustregel: Wer das Ganze nicht irgendwie als demütigend empfindet, hat seine oder ihre „Nummer“ noch nicht gefunden! Je demütigender es ist, desto mehr sieht man der Sache ins Auge. Wer sagt: „Es ist wunderbar, dass ich eine DREI bin“, ist entweder keine DREI oder hat nicht wirklich verstanden, wie verhängnisvoll dieses Muster ist. Das Enneagramm deckt die Spiele auf, in die wir verstrickt sind. Wäre ich beispielsweise bei jenen Bischofsexerzitien aufgestanden und hätte zu einem der Bischöfe gesagt: „Sie sind rechthaberisch und dogmatisch!“, wäre der Mann wahrscheinlich hochgegangen. Keiner lässt sich gern „rechthaberisch und dogmatisch“ nennen. Wenn ich aber sage: „EINSer – wie ich – sind rechthaberisch und dogmatisch“, ziehe ich mir den Schuh erst einmal selbst an und kann dann mein Publikum einladen, dasselbe zu tun. Aus irgendeinem Grund geht es auf diese Weise viel leichter. Wir verfolgen diesen Ansatz, weil er so durchschlagend ist, und wir sind überzeugt, dass das Enneagramm der geistlichen Bereicherung dienen und uns zur höchsten Form des spirituellen Bewusstseins führen kann, die wir kennen: dass wir unser falsches Selbst beiseite räumen (lassen), weil wir es nicht mehr brauchen. Wir hoffen, dass alle, die ihrer „dunklen Seite“ oder „Wurzelsünde“ ins Auge sehen, etwas von jener Freiheit erleben, die wir erlebt haben, als wir begannen, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass wir eine EINS (Richard Rohr) bzw. eine ZWEI (Andreas Ebert) sind. Weil wir uns der eigenen Lebenslüge stellen mussten, wagen wir es, dies auch anderen zuzumuten: Wenn andere uns aushalten, dann haben wir eigentlich keinen Grund, sie nicht auch auszuhalten. Wir wissen jedenfalls, dass wir seither nicht mehr so viele und schnelle Urteile über andere fällen. Viele Leute haben Angst, dass solche Systeme dazu führen, sich gegenseitig in Schubladen zu stecken und festzulegen. Um ehrlich zu sein: Genau das geschieht unweigerlich, wenn man das Enneagramm kennenlernt. Wer sich das Enneagramm angeeignet hat, wird eine Weile durch die Welt gehen und alles unter dem Aspekt EINS, ZWEI, DREI, VIER, FÜNF, SECHS, SIEBEN, ACHT, NEUN wahrnehmen. Bei drei Vierteln der Fälle wird man allerdings zunächst daneben tippen, weil einem anfangs nur gewisse äußere Merkmale eines Typs ins Auge springen. Man muss eine Weile mit dem Enneagramm leben und umgehen, bis man über diese äußeren Züge zur „Energie“ des Musters vordringt. Ein Hilfsmittel dabei ist der Humor. Über sich selbst lachen zu können, das kann genauso befreiend sein wie über sich selbst zu weinen. Wir haben bei der Arbeit mit dem Enneagramm beides erlebt. Wenn wir zu dieser Tiefe der Selbsterkenntnis gelangt sind, dann können wir ein Werkzeug wie das Enneagramm getrost aus der Hand legen.
Wir hoffen vor allem, dass uns das Enneagramm hilft, liebevoller zu werden. Wenn das geschieht, ist das Ziel erreicht, zu dem wir geschaffen sind. Wir hoffen, es macht uns fähiger, andere Menschen zu lieben, uns selbst zu lieben – und Gott zu lieben. Das war für mich selbst (Richard Rohr) eine ernüchternde und zugleich sehr schöne Erfahrung: Gott hat das alles längst gewusst! Er wusste, dass ich eine EINS bin. Er wusste, dass ich immer wieder das Richtige aus dem falschen Beweggrund oder zumindest aus sehr gemischten Motiven mache. Er wusste, dass ich aus sehr gemischten Motiven Priester geworden bin, mich auf den Zölibat eingelassen habe, die New-Jerusalem-Kommunität gegründet habe, nach Albuquerque gegangen bin – aber das ist in Ordnung! Es ist demütigend und zugleich befreiend zu wissen, dass Gott es weiß und dass Gott sogar unsere Sünde für seine Ziele benutzt. Wer die Kraft und die Wahrheit des Enneagramms entdeckt, kommt unweigerlich an diesen Punkt: Gott benutzt unsere Sünde! (Wir verwenden bewusst das Wort Sünde, obwohl wir wissen, dass dieses Wort für viele Ohren moralisierend und wertend klingt! Wir kommen noch darauf zurück.) Das ist beschämend und befreiend zugleich. Denn es ist eine Erfahrung bedingungsloser Liebe, wie wir sie wahrscheinlich nie zuvor erlebt haben. Es ist vor allem für perfektionistische EINSer wie mich (Richard Rohr) eine umwerfende Erfahrung, wenn uns klar wird: Gott liebt etwas Unvollkommenes – nämlich mich!
Wenn Gott fähig ist, etwas Unvollkommenes zu lieben und zu gebrauchen – etwas anderes bekommt Gott sowieso nie, denn es gibt nichts Perfektes auf dieser Welt –, dann eröffnet das einen ungeheuren Freiheitsraum.
Es geht beim Enneagramm um jene innere Arbeit, die unserem geistlichen Weg Echtheit verleihen kann. Zugleich schafft sie neue Schwierigkeiten. Viele unserer unhinterfragten Voraussetzungen und vordergründigen Lösungen werden nicht mehr funktionieren wie bisher. Denn das Enneagramm zeigt uns unter anderem die dunkle Seite unserer Begabung.
Begabte Sünder
Die Wüstenväter und auch die Sufis waren der Ansicht – obwohl das zunächst nicht sehr einleuchtend klingt –, dass Menschen durch ihre Begabungen und Talente zerstört werden. Wir werden von unseren Gaben zerstört, weil wir uns zu sehr mit dem identifizieren, was wir gut können. Man hat uns einst beigebracht, wir würden durch unsere „Sünde“ zerstört. Aber die Sache ist subtiler. In fast allen spirituellen Traditionen wird vor dem „Anhaften“ gewarnt. Wir kleben zu sehr an dem, was uns natürlich zufällt. Wir haben ein „natürliches“ Vorurteil und „natürliche“ Verhaltensmuster, einen „natürlichen“ Blickwinkel, eine „natürliche“ Leidenschaft. Das alles entwickeln wir während der ersten 30 Jahre unseres Lebens. Wir leben es aus und kassieren womöglich Applaus dafür. Deshalb ist es nicht sehr sinnvoll, sich bereits in dieser Zeit mit dem Enneagramm zu beschäftigen. In jungen Jahren spielt man mit bei dem großen Spiel. Das ist richtig und wichtig. Das Enneagramm könnte zu früh zum Spielverderber werden. Jesus sagte einmal – ohne jeden Vorwurf – zu Petrus: „Als du jünger warst, da hast du dir selbst den Gürtel umgeschnallt und bist deine eigenen Wege gegangen!“ (Johannes 21,18). In jungen Jahren muss das Ego aufgebaut und gestärkt werden, man muss sich von jener Energie leiten lassen, die natürlich zu sein scheint.
Aber irgendwann in den Dreißigern, spätestens, wenn man vierzig ist, wird dieses Spiel immer fader. Das alles hat bisher so gut funktioniert, man konnte damit Eindruck machen bei den Leuten, man war „der Coole“ oder „die Witzige“ oder „der ernste, nachdenkliche Student“. Auf dieses Selbstbild hat man sich bisher fixiert und fixieren lassen. Es war eine Hilfe, um das eigene Ich von der Umwelt abzugrenzen. Aber je mehr sich solche Ich-Grenzen verhärten und je mehr sich jemand mit solch einem Selbstbild identifiziert und es um jeden Preis aufrechterhalten will, desto deutlicher zeigt sich auch die Kehrseite der Medaille. Wenn jemand bis zum vierzigsten Lebensjahr damit beschäftigt war, dieses Bild zu kultivieren, wird es für ihn sehr schwierig, sich zu verändern. Gleichzeitig wird immer klarer: Das stimmt alles nicht mehr. Was Lust war, wird zur Last. Dieser Zeitpunkt in der Lebensmitte birgt deshalb – so schwierig es ist – die große Chance in sich, das bisher Erreichte kritisch zu reflektieren und sich zu verändern; reifer, weiser und tiefer zu werden. Nun wird die Fortsetzung der Worte Jesu an Petrus aktuell: „Jetzt, da du älter wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst!“ (ebenda).
Nach vielen Jahren in der Seelsorge sind wir beide davon überzeugt, dass es nichts gibt, worauf Menschen so fixiert sind wie auf ihr Selbstbild. Wir sind buchstäblich bereit, durch die Hölle zu gehen, bloß um das nicht aufgeben zu müssen. Es determiniert das meiste von dem, was wir tun oder lassen, sagen oder verschweigen, mit wem wir uns abgeben und mit wem nicht. Wir alle sind davon betroffen. Die Frage lautet: Habe ich die Freiheit, etwas anderes zu sein als diese Rolle und dieses Bild?
Wenn wir es mit Gott, dem Großen Liebhaber zu tun bekommen, dann müssen wir uns verändern. Denn der Große Liebhaber öffnet uns auf seine fantasievolle Weise die Augen dafür, wie reich und vielfältig unser Leben sein könnte und ist, sodass unser bisheriges Spiel plötzlich sehr fade wird. Solche Spiele limitieren die Möglichkeiten der Liebe. Sie verhindern, dass die Große Liebe uns erreicht. Das Enneagramm kann Menschen helfen, sich von ihrem Selbstbild zu lösen: „Lass los! Du brauchst das nicht! Du musst dich nicht selbst einsperren in das beschränkte Bild, das du von dir hast. Es ist nicht wichtig, ob du dieses bist oder jenes. Du bist Gottes lieber Sohn, Gottes liebe Tochter – das ist entscheidend.“ Unsere Identität wird primär durch diese Beziehung gestiftet und ist nicht etwas, was wir schützen, definieren und verteidigen müssen.15 Das Enneagramm kann uns helfen, innerlich abzurüsten, die Verteidigung jenes Selbstbildes aufzugeben, das wir selbst geschaffen haben. In diesem Sinne sind es gerade unsere Gaben, die uns zum Verhängnis werden können. Wir identifizieren uns übermäßig mit dem, was wir gut können. Wir alle spielen diese Rollen; wir können sie genauso fieberhaft daheim in unserer kleinen Welt verteidigen wie auf der öffentlichen Bühne.
So wird jede Gabe, auf die wir uns übermäßig fixieren, paradoxerweise zu unserer Sünde. Unsere Gabe und unsere Sünde sind zwei Seiten derselben Medaille. Um deiner Gabe zu begegnen, musst du deine Sünde gleichsam kauen, essen, dir einverleiben. Iss sie, schmeck sie, fühl sie, lass dich von ihr demütigen! Das ist sehr traditionelle kirchliche Lehre. Jeder Gottesdienst beginnt damit, dass die Sünde beim Namen genannt wird. In der Liturgie heißt das Confiteor (Sündenbekenntnis) oder Allgemeines Schuldbekenntnis (Bußakt); es wird relativ formalistisch vollzogen. Im Zusammenhang mit dem Enneagramm kommt „Butter an die Fische“. Wir werden unsere konkrete Sünde fühlen, erkennen und sehen, wie übertrieben, exzessiv und absurd das alles ist. Wenn wir unsere Dunkelheit schmecken und kauen, wenn wir fühlen, wie sie mich und andere Menschen verletzt hat, wie sie mir erlaubt hat, nicht zu lieben und mich nicht wirklich lieben zu lassen – wenn wir das tun, werden wir wach für die andere Seite, für unsere echte Begabung oder besser: für die eigentliche Tiefe und den Sinn unserer spezifischen Gabe.
Damit das möglich ist, müssen wir geläutert und gereinigt werden. Unser altes Selbst, unser alter Adam, unsere alte Eva muss sterben. Das fühlt sich wirklich wie Tod an. Da gibt es nichts romantisch zu verbrämen, das macht auch keinen Spaß. Es tut weh. Man wird sich fühlen, als ob einen alle anderen auslachen. Man wird das Gefühl haben, viele Beziehungen verhunzt und kaputtgemacht zu haben, wenn einem klar wird, wie viele Menschen man ausschließlich dazu benutzt hat, das eigene Selbstbild aufzubauen und aufrechtzuerhalten.
Das ist der Grund, weshalb im geistlichen Leben unsere Feinde unsere besten Freunde sind. Deswegen ist das Gebot Jesu so wichtig: „Liebt eure Feinde!“ Wenn wir dem Feind dort draußen vor der Tür, diesem Nicht-Ich, nicht gestatten, unsere Welt zu betreten, werden wir niemals fähig sein, unserer Sünde oder unserer dunklen Seite ins Gesicht zu sehen. Menschen, die mir auf den Wecker gehen, die mich bedrohen und die mir Angst machen, müssen zwar nicht unbedingt meine Busenfreunde werden, aber sie haben eine wichtige Botschaft für mich. Das Enneagramm kann dazu verhelfen, für diese Botschaft empfänglicher zu werden. Wir werden sehen, dass es bestimmte Typen gibt, die von Haus aus bedrohlich für uns sind, weil sie unser Spiel aufdecken – oder weil sie unser Spiel nicht brauchen. Das ist der Grund, warum wir die Kirche als „Leib Christi“ verstehen. Das bedeutet unter anderem, dass wir die Wahrheit von bestimmten Leuten nur zu bestimmten Zeiten verkraften. Es gibt Leute, für die bin ich mit meiner Art in ihrer momentanen Situation geradezu Gift.
Die Wahrheit ist einfach und schön
Einstein war ständig auf der Suche nach einer universellen Energietheorie. Er war überzeugt, dass die Erklärung der Welt und ihrer Ursachen letztlich einfach und schön sein müsste. Er war ferner der Meinung, dass eine „Weltformel“, die nicht einfach und schön ist, auch nicht wahr sein kann. Das lässt sich aufs Enneagramm übertragen: Es vermittelt eine Erfahrung, die uns erschreckt und herausfordert, die aber zugleich einfach und schön ist. Das Enneagramm ist schön, weil es uns als kleine, partielle und gebrochene Menschen zeigt. Es ist schön, wenn wir endlich nicht mehr so tun müssen, als seien wir mehr als das – und wenn wir merken, dass wir alle im selben Boot sitzen. Wir spielen alle unsere Spiele, kultivieren unsere Vorurteile und unsere unerlöste Sicht der Welt.
Deshalb müssen wir unsere Gabe annehmen, um unsere Sünde zu sehen – und wir müssen unsere Sünde annehmen, um zu erkennen, wie begabt wir sind. Wir müssen unsere Gabe begrenzen, sonst wird unsere Sünde zur Falle – während wir sie „Tugend“ nennen. Auch das ist traditionelle kirchliche Lehre. Thomas von Aquin und viele Scholastiker haben bereits gesagt, dass alle Menschen etwas wählen, was gut aussieht. Niemand tut willentlich Böses. Jeder von uns hat sich sein System zurechtgelegt, mit dessen Hilfe wir erklären, weshalb das, was wir tun, richtig und gut ist. Deshalb ist es so nötig, die „Geister zu unterscheiden“, wie es in der Bibel heißt. Wir brauchen eine Hilfestellung, um unser falsches Selbst zu entlarven und uns von unseren Illusionen zu distanzieren. Dazu ist es nötig, dass wir eine Art „inneren Beobachter“ installieren; manche reden auch von einem „fairen Zeugen“. Zunächst klingt das recht kompliziert, aber nach einer Weile wird es ganz natürlich. Es geht im Grunde um jenen Teil von uns selbst, der ehrlich ist – nicht nur im negativen Sinne, sondern auch im positiven. Er sagt uns zum Beispiel: „Du liebst Gott wirklich und sehnst dich nach ihm. Du bist gut. Hör auf, dich selbst so brutal niederzumachen! Du bist eine Tochter Gottes! Du kannst mitfühlen!“ Er hilft uns, Moralismus von echter Moral zu unterscheiden, Schuldgefühle von wirklicher Schuld, falschen Stolz von echter Stärke. Bei der Selbsterkenntnis, die das Enneagramm vermittelt, geht es nicht nur um Sündenerkenntnis. Es geht auch, und am Ende vor allem darum, alles, was nur scheinbar gut ist, loszulassen, damit wir das an uns entdecken, was wirklich gut ist.
Vor allem für diejenigen, die in einer religiösen Umgebung aufgewachsen sind, dauert es meist eine Weile, bis sie diese positiven Stimmen hören können. Da sind all die negativen Stimmen im Inneren, die ständig Urteile fällen: „Gut, besser, am besten, richtig, falsch, heilig, Todsünde, lässliche Sünde, verdienstlich, unwürdig, verdammenswert“ – und alle Stufen dazwischen. In gewisser Weise gibt es nichts Schwierigeres, als mit religiösen Menschen zu arbeiten. Sie haben solch einen Hang zum Moralisieren, dass sie unfähig sind, die Wirklichkeit anzunehmen und ihr direkt zu begegnen. Deshalb können wir so viel von der Schöpfungsspiritualität, von der indianischen Spiritualität und von echter franziskanischer Spiritualität lernen. Sie alle lassen die Schöpfung, die Natur, die Erde – also all das, was ist – zu uns sprechen. Religiöse Menschen hingegen neigen dazu, mit vorgefertigten Schlussfolgerungen, Bibelzitaten und Dogmen daherzukommen, sodass sie es gar nicht mehr nötig haben, die Realität und den gegenwärtigen Augenblick wahrzunehmen. Wir hoffen, dass das Enneagramm dabei hilft, diese moralistischen Werturteile aus dem Weg zu räumen, weil es zeigt, wie übertrieben sie sind. Es zeigt die Vorurteile, die uns daran hindern, die ganze Wirklichkeit zu erfahren.
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier
Unsere Sünde („unerlöste“ Weltwahrnehmung) ist paradoxerweise auch die Methode, die uns hilft, an unsere Antriebskraft zu kommen. Wenn wir unsere „Lieblingssünde“ begehen, sind wir „voll da“. Deswegen können wir sie nicht einfach „aufgeben“. Sie gehört ja zur Art und Weise, wie wir unserem Leben Ziel und Richtung geben. Sie gehört zur Überlebensstrategie, die wir uns als Kind zugelegt haben, sie gehört zu dem Raum, in dem wir daheim sind. Wir alle sind „Gewohnheitstiere“. Wir ziehen uns immer wieder dorthin zurück, wo wir uns zu Hause fühlen. Deshalb ist dort, wo unsere Sünde daheim ist, auch unsere Gabe zu finden.
Ich (Richard Rohr) gehe dabei von mir selbst aus: EINSer sind idealistisch und perfektionistisch. Sie wollen die Welt vervollkommnen. Sie ärgern sich – meist heimlich –, weil die Welt nicht vollkommen ist. Gleichzeitig sind sie Genies der Wahrnehmung: Deutlicher als andere sehen sie, was tatsächlich nicht in Ordnung ist. Es kann für sie selbst und andere die Hölle sein, mit dieser Gabe zu leben. Wenn EINSer in ihrer Fixierung bleiben, werden sie hyperkritische Nörgler, Leute, deren Gegenwart anderen mit der Zeit auf den Geist geht. Denn zu viel des Guten wird automatisch etwas Schlechtes. Das gilt für alle neun Typen: Das Zuviel des Guten macht jede Gabe zum Fluch. Deshalb geht es um die Frage: Wie können wir unsere jeweilige Energie so freisetzen, dass sie dem Leben und der Wahrheit dient? Als EINSer weiß ich nicht, wie ich an meine eigene Energie herankomme, es sei denn dadurch, dass ich mich darüber aufrege, wie dumm und absurd diese Welt ist. Durch den Zorn (meine Hauptsünde!) zapfe ich tatsächlich meine beste Energiequelle an. Aber gleich im Anschluss muss ich genügend Freiheit besitzen, um mir zu sagen: „Jetzt reicht’s wieder!“ Ich muss mich von mir selbst lösen können: „Ja – aber … Ja, das alles stimmt schon, aber du übertreibst! Du hast Recht – aber du liegst auch falsch.“ Das ist die Funktion des „objektiven Beobachters“: Ich kann etwas wahrnehmen, aber auch wieder loslassen. Bindung und Freiheit arbeiten auf diese Weise konstruktiv zusammen. Nur wenige Menschen haben diese Freiheit. Vor allem in religiösen Kreisen begegnen einem häufig Ideologen: Rechte, Linke, Liberale, Konservative. Sie alle kontrollieren das Leben von einem imaginären Kontrollturm aus, der sich in ihrem Kopf befindet. Irgendwann wird das ermüdend. Solange alle an ihren Vorurteilen kleben und sich mit ihren vorgefassten Ansichten und Gefühlen identifizieren, ist echte Gemeinschaft unter Menschen unmöglich. Du musst an den Punkt kommen, wo du dich auch von deinen Gefühlen lösen kannst, sonst hast du am Ende keine Gefühle mehr, sondern die Gefühle haben dich. Manchmal begegnet man Menschen, die frei sind von sich selbst: Sie drücken aus, was sie bewegt – und können dann gleichsam einen Schritt zurücktreten. Sie bringen sich ein, aber man merkt ihnen an, dass sie nicht meinen, die Wahrheit gepachtet zu haben. Ohne diese Art von innerer Arbeit, die darin besteht, dass ich mich zugleich einbringen und relativieren kann, ist Gemeinschaft zum Scheitern verurteilt. Wie viele Kirchengemeinden scheitern zum Beispiel an der Unfähigkeit ihrer Kirchenvorstände und Pfarrgemeinderäte, so miteinander umzugehen! Das zu lernen bedeutet harte Arbeit! Das ist weit mehr als ein unterhaltsames Gesellschaftsspiel.
Obsessionen
Wenn wir mithilfe des Enneagramms unsere eigene Falle oder Sünde entdecken, werden wir merken, dass sie ähnlich „funktioniert“ wie eine sexuelle Obsession. Junge Männer haben angeblich alle zehn Minuten sexuelle Impulse. Mit der Enneagrammenergie verhält es sich genauso. Sie bestimmt uns mindestens alle zehn Minuten. Sie ist wie eine Sucht. Vielleicht wird sie deshalb Leidenschaft genannt. Ich bin alle zehn Minuten eine EINS oder eine ZWEI, wahrscheinlich sogar alle fünf oder alle drei Minuten. Mein Muster steckt in meinen Gliedern, in meinen Knochen, es liegt mir im Blut, ist meine Haut, mein Atem, meine Denkweise, meine Mimik, meine Gestik.
Manche wollen eine wirkliche Umkehr vermeiden, indem sie sagen: „Ich bin ein bisschen VIER, ein bisschen SECHS und ein bisschen ZWEI.“ Das stimmt natürlich. Wir haben alle ein bisschen von allem in uns. Wir alle nehmen an den gängigen Gesellschaftsspielen teil und begehen alle neun Hauptsünden. Aber es gibt ein Hauptdilemma, eine Hauptwurzel des Übels, ein Lieblingslaster bei jeder und jedem von uns, das allen Bereichen unseres Lebens Farbe und Geschmack gibt. Diese eine Falle ist so allgegenwärtig in unserem Leben, dass wir sie selbst nicht erkennen. Wir waren schon immer so. Deswegen müssen wir versuchen, sie gleichsam mit List zu fangen. Wenn das gelingt, ist das in der Regel mit einem großen Aha-Erlebnis verbunden. Mit einem Schlag wird klar, warum ich all das gemacht habe, was ich gemacht habe. Ich sehe, dass ich dasselbe Verhaltensmuster schon als kleiner Junge oder als kleines Mädchen „drauf hatte“. Es ist der rote Faden in meinem Leben. Es erklärt alles: warum ich bestimmte Freunde gewählt habe, warum ich eine bestimmte Sportart ausgeübt habe usw. Überall verläuft der rote Faden. Das zu erkennen und zuzugeben ist tatsächlich mehr als ernüchternd.
Wenn wir in der Falle unserer „Nummer“ und unserer Energie sitzen, sind wir nicht frei – das ist offensichtlich. Dann erlauben wir äußeren Ereignissen und anderen Menschen, unsere Energie zu determinieren. Sie bestimmen, ob sie uns für unser Verhalten belohnen oder bestrafen. Wir leben nicht wirklich aus uns selbst heraus.
Der Weg zur eigenen Würde
Die bedingungslose Liebe Gottes befreit Menschen dazu, sich selbst als wirklich stark zu erleben. „Stärke“ verwenden wir in diesem Zusammenhang im spirituellen Wortsinn. Eine biblische Definition für den Heiligen Geist ist dynamis, was so viel heißt wie „Kraft“ oder „Stärke“. Es geht um jene Kraft, die uns die Gewissheit schenkt, dass Gott uns zu sich zieht und dass wir mit dem heiligen Gott Gemeinschaft haben. Der oder das Böse ist daran interessiert, uns diese Erfahrung unserer Vollmacht und Würde zu nehmen. Vielleicht sollten wir am besten von Würde reden, weil alles, was mit Macht, Stärke und Kraft zusammenhängt, oft missbraucht wurde und deshalb missverständlich ist.
Das Enneagramm kann uns zu dieser inneren Erfahrung von Würde und Kraft führen. Es zeigt uns schonungslos unsere Fehler! Wir machen das Richtige allzu oft aus den falschen Motiven. Aber wenn wir uns durch unsere Falle „hindurcharbeiten“ und auf der anderen Seite wieder auftauchen, dann stehen wir vor der Tiefe unseres Selbst. Dort finden wir eine gereinigte Leidenschaft, eine geläuterte Kraft, unser bestes und wahres Selbst. Die Tradition hat diesen Ort die „Seele“ genannt, jenen Punkt, wo Mensch und Gott sich begegnen, wo Einheit möglich ist und wo Religion nicht in erster Linie aus Worten, Appellen, Normen, Dogmen, Ritualen und Gottesdienstbesuchen besteht, sondern zur Begegnungserfahrung wird. Wir geben das Enneagramm nach wie vor gerne weiter, weil es zu den wenigen Dingen gehört, bei denen wir mit eigenen Augen gesehen haben, wie sich Menschen in diesem Sinne verändert haben.
Irrwege und Auswege
Das Enneagramm definiert seine neun Menschentypen von neun „Fallen“, „Leidenschaften“ oder „Hauptsünden“ her. Man kann diese Sünden als Notlösungen verstehen, die in der frühkindlichen Entwicklung eines Menschen gebraucht wurden, um mit der Umwelt zurechtzukommen. Sie waren nötig, um zu überleben. Aber je älter wir werden, desto deutlicher werden diese Lösungen ihrerseits zur Not, von der wir erlöst werden müssen, um wirklich wir selbst zu sein.16 Erstaunlich ist, dass es sich bei den neun Sünden des Enneagramms erstens um die „klassischen“ sieben Hauptsünden der katholischen Tradition handelt (Stolz, Neid, Zorn, Trägheit, Geiz, Maßlosigkeit bzw. Völlerei, Unkeuschheit) und dass zweitens zwei weitere „Sünden“ dazukommen (Lüge und Furcht), die in der traditionellen Kirchenlehre fehlen. Auf diese auffällige Fehlanzeige und ihren Hintergrund werden wir weiter unten noch zurückkommen.
Die ältesten Listen von „Wurzelsünden“, aus denen die „aktuellen“ Sünden und Laster wie die Äste aus einem Baum entsprießen, gehen – wie erwähnt – auf die Wüstenväter zurück. Evagrius Pontikus und sein Schüler Johannes Cassian nennen wie erwähnt acht bzw. einmal neun Leidenschaften. Gregor der Große sieht den Stolz als eigentliche Ursünde, der in sieben andere Sünden mündet. Schließlich wurde in der Kirche die „heilige“ Siebenzahl verbindlich. In der mittelalterlichen Literatur und Malerei spielten die sieben Hauptsünden eine wichtige Rolle („Purgatorium“ in Dantes „Göttlicher Komödie“; „Erzählung des Pfarrers“ in Chaucers „Canterbury Tales“; Hieronymus Boschs allegorische Darstellung).
Interessant ist der Begriffswandel von „Wurzelsünde“ zu „Todsünde“. Die ursprüngliche Vorstellung von „Wurzelsünden“ geht davon aus, dass der „Sündenbaum“ einige Hauptwurzeln hat, von denen alle anderen Sünden abzweigen. Die scholastische Auffassung von den „Todsünden“ befasst sich dagegen mehr mit den Folgen der Sünde. Schon Paulus bezeichnet den Tod als „Sold der Sünde“ (Römer 6,23). Im Jakobusbrief wird der Weg von der Versuchung über die Sünde in den Tod nachvollzogen: „Keiner, der in Versuchung gerät, soll behaupten: Ich werde von Gott versucht. Gott kommt weder selbst in Versuchung, Böses zu tun, noch führt er die Menschen in Versuchung. Die Menschen werden von ihrer eigenen Begehrlichkeit in Versuchung geführt, die sie lockt und schließlich einfängt. Wenn die Begierde schwanger geworden ist, bringt sie die Sünde zur Welt; ist die Sünde reif geworden, bringt sie den Tod hervor“ (Jakobus 1,13 – 15).
Im 1. Johannesbrief schließlich wird zwischen Sünden unterschieden, die zum Tod führen, und solchen, die nicht zum Tod führen: „Wer sieht, dass sein Bruder eine Sünde begeht, die nicht zum Tode führt, soll für ihn bitten. Gott wird allen denen das Leben schenken, deren Sünde nicht zum Tod führt …“ (1. Johannes 5,16). Diese Unterscheidung trägt der Tatsache Rechnung, dass es kleinere Charaktermängel und Fehler gibt, die tolerabel sind, und grobe Formen des Fehlverhaltens bzw. einer grundlegenden Zielverfehlung, die für die Seele eines Menschen und für das zwischenmenschliche Zusammenleben hochgradig destruktiv, ja tödlich sind.
Die Gefahr dieser Sündenlehre besteht darin, dass nur nachweisliche Normverstöße „Sünde“ genannt werden, während die Tiefendimension der Sünde weitgehend unbeachtet bleibt. Die Reformatoren verzichteten deshalb auf die Unterscheidung zwischen „lässlichen“ und „tödlichen“ Sünden. Das Problem sind ihrer Ansicht nach nicht die Einzelsünden, sondern es ist der sündige Mensch selbst. Die Wurzelsünde ist bei Luther der Unglaube, der Mangel an Vertrauen, die Weigerung, sich lieben und beschenken zu lassen. Die aktuellen, konkreten Sünden sind die faulen Früchte dieses Urmangels. Die berechtigte Kritik am römisch-katholischen Sündenverständnis hatte in der protestantischen Praxis ihrerseits problematische Folgen: Protestanten verstanden sich zwar ganz allgemein als „Sünder“, aber dieser Begriff verlor den konkreten Inhalt. Die persönliche Beichte ging fast völlig verloren. Nicht nur die Tatsache, dass wir Sünder sind, ist tödlich. In unseren aktuellen Fehlhaltungen wird der Tod konkret: Sie zerstören unsere Psyche, unsere Gottesbeziehung, unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, die Natur und die Welt. Deswegen müssen sie entlarvt und mit Namen genannt werden. Dass die Sünde „den Tod gebiert“, wie es im Jakobusbrief heißt, ist mehr als ein Bild. Unsere Maßlosigkeit beispielsweise tötet Tiere und Wälder, unsere Aggressivität und Furcht hat zu riesigen Waffenarsenalen geführt, Neid und Habgier der Industrienationen und der Spekulanten an den Börsen werden von den Armen mit dem Leben bezahlt. In unser aller Trägheit lassen wir das alles zu, als ginge es uns nichts an. Wir verwenden in diesem Buch den alten Begriff der „Wurzelsünde“, um zu betonen, dass wir eine radikale Erneuerung nötig haben (radikal von lat. radix = Wurzel).
Der Begriff der „Sünde“ ist für viele Menschen heute schwer verständlich geworden; schon das Wort löst Abwehr aus. Die kirchliche Sündenlehre wurde oft genug dazu missbraucht, Menschen einzuschüchtern. Vor allem die kirchliche Sexualmoral wurde jahrhundertelang in einer Weise verkündigt, die neurotische Ängste, Verklemmtheit und Schuldgefühle begünstigt hat. Das alles könnte es nahe legen, auf diesen Begriff überhaupt zu verzichten. Aber dadurch entsteht ein Vakuum, das nicht zu füllen ist. Sinnvoller erscheint es uns, den Begriff neu verstehen zu lernen. Das griechische Wort für „Sünde“, hamartia, stammt aus der Kunst des Bogenschießens und bedeutet eigentlich „Zielverfehlung“. Sündigen heißt in diesem Sinne daneben treffen. Ich visiere zwar das richtige und gute Ziel an, aber ich bin nicht gesammelt und ausgerichtet genug, um es tatsächlich zu erreichen. In diesem Sinne ist der Ausspruch des Kirchenvaters Augustinus gemeint: „Suche, was du suchst – aber suche es nicht da, wo du es suchst!“ Im deutschen Wort Sünde steckt die Wurzel sund, was so viel wie „Kluft“ oder „Trennung“ bedeutet. Das Wort „Sünde“ bedeutet unsere Trennung von Gott, aber auch von unseren Mitmenschen und von uns selbst. Sünden sind Fixierungen, die die Energie des Lebens, Gottes Liebe, daran hindern, frei zu fließen. Das lässt sich beispielsweise an der Furcht verdeutlichen, der „Wurzelsünde“ von Muster SECHS. Furcht ist keine moralische Kategorie; aber sie kann zwischen uns und Gott stehen und so die Liebe und das Leben verhindern. Wir verstehen unter „Sünde“ in diesem Buch jene selbst errichteten Blockaden und Hindernisse, die uns von Gott und damit von der Fülle des Lebens und unseren eigenen echten Potenzialen abschneiden. Sünde sind Versuche der Lebensbewältigung oder Lebenssteigerung mit untauglichen Mitteln. Sünden sind Mogelpackungen; sie versprechen etwas, was sie nicht halten können. Obwohl unsere Sünde zum Teil Reaktion auf fremde Schuld und frühkindliche Verletzungen ist, haben wir sie „gewählt“, halten hartnäckig an ihr fest und sind für sie verantwortlich. Solange wir uns selbst nur als Opfer definieren, andere beschuldigen und für unser Leben nicht selbst Verantwortung übernehmen, kann die Trennung nicht überwunden werden.
Es gibt neben den Zusammenstellungen der Hauptsünden von jeher auch „Tugendkataloge“, einige davon bereits in der Bibel. Die Zusammenstellung der sieben messianischen Gaben des Geistes, die auf Jesaja 11,2 zurückgeht (Gottesfurcht, Frömmigkeit, Wissenschaft, Stärke, Rat, Einsicht, Weisheit)17, und die Aufzählung der neun Früchte des Geistes bei Paulus (Galater 5,22: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung) gehören dazu. Die bekannteste und „klassische“ Tugendliste ist die Kombination der vier „Kardinaltugenden“ des Aristoteles (Gerechtigkeit, Klugheit, Mäßigung und Tapferkeit) mit den drei „theologischen“ Tugenden aus 1. Korinther 13,13 (Glaube, Hoffnung und Liebe). Das sind die „sieben Tugenden“, die in der Kunst oftmals allegorisch dargestellt wurden (zum Beispiel am „Tugendbrunnen“ vor der Nürnberger Lorenzkirche). Geoffrey Chaucer (um 1340 – 1400), der größte englische Dichter vor Shakespeare, bietet in der „Erzählung des Pfarrers“ aus seinen Canterbury Tales eine besonders interessante Liste an: Er geht davon aus, dass es als Gegenmittel gegen jede Hauptsünde zumindest eine spezifische Tugend gibt. Damit befinden wir uns in großer Nähe zum Enneagramm, zumal die jeweiligen Entsprechungspaare bei Chaucer und im Enneagramm nahezu identisch sind.
Die „Erzählung des Pfarrers“ in Chaucers Canterbury Tales ist eine Art Beichtspiegel. Gott möchte, dass alle Menschen gerettet werden, aber es gibt viele Wege zur himmlischen Stadt. Einer davon ist die Reue, das Beweinen der eigenen Sünden und der Vorsatz, nicht mehr zu sündigen. Es gibt lässliche Sünden und tödliche Sünden. Die tödliche Sünde besteht darin, ein Geschöpf mehr zu lieben als Gott. Für jede dieser Sünden gibt es ein Heilmittel, eine heilsame Tugend. Gegen Stolz hilft Demut, gegen Neid wahre Gottesliebe, das Kraut gegen den Zorn heißt Geduld, Trägheit wird durch Tapferkeit überwunden, Geiz durch Barmherzigkeit, Völlerei durch Nüchternheit und Mäßigung, Buhlerei durch Keuschheit. Die Beichte und die Wiedergutmachung der Schuld durch Almosen, Fasten und körperliche Schmerzen führen zu ewigen Himmelsfreuden.18
Wir sprechen im Folgenden von den „Geistesfrüchten“, wenn wir die spezifischen Gaben oder „Tugenden“ der neun Enneagrammmuster beschreiben. Dieser biblische Begriff (Galater 5,22) knüpft wie der Begriff der Wurzelsünde am Bild des Lebensbaumes an. Jesus sagt: „Ein guter Baum bringt gute Früchte“ (Matthäus 7,17).
Die drei Zentren: Bauch – Herz – Kopf
Die neun Typen des Enneagramms werden – wie gesagt – im Uhrzeigersinn auf der Kreislinie eingezeichnet. Jeweils drei Typen werden zu einer Gruppe zusammengefasst.

Figur 2: Das Enneagramm und die drei Zentren
Die Gruppe, die ACHT, NEUN und EINS umfasst, heißt die Gruppe der „Bauchmenschen“. Ihr Gravitationszentrum liegt im Unterleib, wo das „Rohmaterial“ unserer Existenz angesiedelt ist: der Machtinstinkt, unsere Sexualität, die Triebe. In diesem Sinne spricht man auch von der Gruppe der sexuellen Typen. Sie reagieren unmittelbar und spontan auf das, was ihnen begegnet, und filtern die Wirklichkeit nicht erst durchs Hirn. ZWEI, DREI und VIER sind die „Herzmenschen“ oder die „sozialen Typen“. FÜNF, SECHS und SIEBEN schließlich bilden die Gruppe der Kopfmenschen bzw. der selbsterhaltenden Typen.
Die deutsch-amerikanische Psychoanalytikerin Karen Horney ging ursprünglich davon aus, dass es drei Menschentypen beziehungsweise drei „neurotische Lösungen“ von Lebenskonflikten gibt: Eine Gruppe wendet sich von anderen Menschen ab, die zweite Gruppe entwickelt eine feindselige Einstellung gegen die Menschen, die dritte Gruppe wendet sich anderen Menschen zu.19 Gurdjieff unterschied drei Körperbereiche: Kopf, Herz und Bauch und ordnete ihnen unterschiedliche Arten von „Intelligenz“ zu: dem Kopf das mentale Zentrum, dem Herz das emotionale Zentrum, dem Bauch das sexuelle, instinktive und das Bewegungszentrum.20 Bei jedem Menschen dominiert einer der drei Körperbereiche. Es folgt ein erster grober Überblick über die drei Zentren. Schon an diesem Punkt wird sichtbar, dass Angehörige dieser unterschiedlichen Menschengruppen zu ihrer Ganzwerdung unterschiedliche Impulse brauchen. Wir geben deshalb schon hier erste Anregungen, welche Form von Spiritualität VertreterInnen der unterschiedlichen Gruppen helfen kann, die jeweilige Einseitigkeit zu überwinden.
Bauchzentrum
Die Bauchtypen21 entsprechen den „feindseligen Typen“ Horneys. Das Leibzentrum, das sie vorzugsweise regiert, ist der Verdauungstrakt und das Sonnengeflecht. Bauchmenschen reagieren instinktiv. Ohr und Nase sind ihre ausgeprägten Sinnesorgane. In einer neuen Situation sagen sie zunächst: „Hier bin ich, geht mit mir um“ – oder sie fragen: „Wie bin ich hier?“ Das Leben ist für sie eine Art Kampfplatz. Unbewusst geht es ihnen häufig um Macht und um Gerechtigkeit. Sie müssen wissen, wer das Sagen hat, sind meist direkt, offen oder versteckt aggressiv und beanspruchen ihr eigenes „Revier“. Bauchmenschen leben in der Gegenwart, hängen häufig an der Vergangenheit und erhoffen sich manches von der Zukunft. Sie tun sich aber schwer, einem klaren Plan zu folgen und ihm treu zu bleiben. Wenn es ihnen schlecht geht, geben sie sich meist selbst die Schuld: „Ich habe alles falsch gemacht. Ich bin böse.“ Bauchmenschen werden – bewusst oder unbewusst – von Aggressionen regiert. Zu ihrer Angst dagegen haben sie nur wenig Zugang. Sie wird hinter einer Fassade von Selbstbehauptung versteckt. Nach außen wirken sie meist selbstsicher und stark, während sie innerlich von moralischen Selbstzweifeln gequält werden können. Ihr erster Zugang zu Gott ist oft der Vater. Meditationspraktiken, bei denen sie ganz bei sich und in ihrem Körper sind (zum Beispiel Zen), fallen ihnen leicht. Da sie vielen „instinktiven“ Impulsen folgen, gehört zu ihrer Lebensaufgabe, dass aus dem „vielerlei lieben“ echte Liebe wird.
Herzzentrum
Die Energie der sogenannten Herzmenschen (Horneys „Hinwendungstypen“) bewegt sich auf andere zu. Die Welt der subjektiven Gefühle ist ihre Domäne; ihr Thema sind zwischenmenschliche Beziehungen. Suzanne Zuercher kritisiert die Bezeichnung „Herztypen“, weil diese Menschen zu den eigenen Gefühlen gerade keinen echten Zugang haben. Sie erleben sich in Reaktion auf Gefühle oder Verhaltensweisen anderer. Sie können nicht bei sich selbst sein und entfalten unaufhörlich Aktivitäten, um sich die Zuwendung oder Aufmerksamkeit anderer Menschen zu sichern. Herz und Kreislaufsystem sind ihr Leibzentrum. Bei ihnen sind Tastsinn und Geschmack besonders ausgeprägt. So wie es bei den Bauchmenschen um die Macht geht, geht es bei ihnen um das Für-Sein. In einer neuen Situation fragen sie zunächst: „Werdet ihr mich mögen?“ oder: „Mit wem bin ich zusammen?“ Sie sehen das Leben als Aufgabe, die bewältigt werden muss, was einen unaufhörlichen Aktivismus zeitigt. Dabei geht es ihnen (unbewusst) um Prestige und Image; die positive Seite davon ist, dass sie meist ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl haben. Sie neigen dazu, sich anzupassen, Aufmerksamkeit und Platz zu beanspruchen und besserwisserisch zu sein. Sie werden von dem beherrscht, was andere über sie denken, und meinen oft zu wissen, was für andere gut ist. Während sie ihre Besorgtheit übertrieben ausleben, unterdrücken sie ihre Aggressionen und verstecken sich hinter der Fassade von Güte und Aktivität. Nach außen wirken sie oft selbstsicher, fröhlich und harmonisch, innerlich erleben sie sich aber oft als leer, unfähig, traurig und beschämt.
Frömmigkeitsformen, die mit sozialer Wärme und Geborgenheit verbunden sind (zum Beispiel Gebetsgemeinschaften), ziehen diese Gruppe besonders an. Sie müssen aber vor allem lernen, allein zu sein und in einer Weise zu beten, die von ihren Mitmenschen weder bemerkt noch belohnt wird. Das Jesuswort „Wenn du betest, dann geh in dein Kämmerlein, schließ die Tür ab und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist“ (Matthäus 6,6) gilt ihnen ganz besonders. Ihr Zugang zu Gott geschieht oft über eine Gemeinschaftserfahrung (Heiliger Geist). Irgendwann muss aber der Schritt in die Stille und ins Alleinsein folgen, damit das Gebetsleben nicht zum Selbstbetrug wird. Dietrich Bonhoeffer sagt: „Wer nicht allein sein kann, der hüte sich vor der Gemeinschaft.“22 Der beste Lehrmeister für „Herzmenschen“ ist der eigene Körper, zu dem sie oft ein gespaltenes Verhältnis haben. Wenn sie lernen, den eigenen Körper wahrzunehmen und wertzuschätzen, kommen sie allmählich zu sich selbst. Da Herzmenschen alles selbst zu können meinen, fällt es ihnen schwer, die Erlösung als reines Geschenk anzunehmen. Ihre Lebensaufgabe besteht darin, dass aus dem vielen, was sie ständig erhoffen und selbst produzieren wollen, wirkliche Hoffnung wird.
Kopfzentrum
Die Gruppe, die FÜNF, SECHS und SIEBEN umfasst, ist „kopflastig“. Es handelt sich um Horneys „Abkehrtypen“. Ihr Kontrollturm ist das Hirn. Die Kopfenergie ist nach Horney eine Energie, die sich zurückzieht von anderen. Die Angehörigen dieser Gruppe machen in jeder Situation erst einmal einen Schritt nach hinten, um nachzudenken. Sie werden vom zentralen Nervensystem regiert und sind in erster Linie Augenmenschen. In einer neuen Situation wollen sie sich erst einmal zurechtfinden: „Wo bin ich?“ bzw. „Wie passt das alles zusammen?“ Sie sehen das Leben in erster Linie als Rätsel und Geheimnis. Sie haben einen Sinn für Ordnung und für Pflicht. Ihre Haltung ist in der Regel eher unbetroffen und sachlich („Es stimmt!“). Sie scheinen wenige Bedürfnisse zu haben und können anderen Raum lassen. Kopfmenschen fragen sich oft: „Bin ich abhängig? Bin ich unabhängig?“ Sie handeln erst, nachdem sie nachgedacht haben, und gehen dabei methodisch vor. In Notsituationen werfen sie sich vor, dumm und unwürdig zu sein. Während ihre Furcht übertrieben ist, verstecken sie besonders ihre zärtlichen Gefühle oft hinter einer Fassade von Sachlichkeit und Unbetroffenheit. Nach außen wirken sie oft klar, überzeugt und klug, innerlich erleben sie sich aber häufig als isoliert, verwirrt und mit einem Gefühl der Sinnlosigkeit.23
Ihr Zugang zu Gott ist oft der Sohn, in dem sich Gott offenbart hat und in Kontakt getreten ist mit den Menschen. Ihr Gebetsleben kann für Außenstehende trocken, abstrakt und wie bloße Pflichterfüllung wirken, aber Kopfmenschen können tatsächlich auf dem Umweg über klare Gedanken warme Gefühle entwickeln. Auch gegenständliche Formen der Meditation (zum Beispiel Bildbetrachtung), bei denen sie etwas aufnehmen können, liegen diesen Menschen. Kopfmenschen müssen vor allem den Schritt vom Denken zum Tun und den Schritt von der Isolation zur Gemeinschaft schaffen. Ihnen gilt der zweite Teil des oben zitierten Bonhoeffer-Wortes: „Wer nicht in der Gemeinschaft steht, der hüte sich vor dem Alleinsein.“24 Ihre Lebensaufgabe besteht darin, dass aus den vielen Zweifeln und Teilwahrheiten Glaube wird, der nicht im Kopf bleibt, sondern ein Sich-Anvertrauen der ganzen Person ist.
Die neun Gesichter der Seele
Den Hauptteil dieses Buches bilden die Profile der neun Enneagrammmuster. Es handelt sich dabei um Grobskizzen und manchmal um Karikaturen. Die Übertreibung dient dazu, die Konturen holzschnittartig hervortreten zu lassen. Nicht alle Merkmale treffen auf alle VertreterInnen eines bestimmten Musters zu. Es geht um das Angebot, sich im Spiegel dieser Darstellungen selbst zu prüfen. Dasselbe Ziel wird mit der Darstellung bestimmter Symbole verfolgt: Jedem Muster werden traditionellerweise eine Reihe von Tieren zugeordnet. Wirkliche oder allgemein anerkannte Wesenszüge dieser Tiere haben ihre Entsprechung im Wesen des jeweiligen Musters (bei den pubertären Initiationsriten der Indianer spielt die Suche nach dem „Totemtier“ eine entscheidende Rolle!). Auch bestimmte Nationen stehen für einzelne Typenmerkmale. Damit sollen keine ethnischen Vorurteile geschürt werden; es geht eher um eine spielerische Annäherung an die jeweilige Energie, und die entsprechenden Vorstellungen sollten daher mit einer Prise Humor aufgenommen werden. Symbolfarben, biblische Gestalten, Heilige und Persönlichkeiten aus Geschichte, Literatur und Weltöffentlichkeit werden ebenfalls erwähnt, damit das Bild farbiger wird und „Fleisch“ bekommt. Diese Beispiele entsprechen zum Teil der subjektiven Einschätzung der Autoren und beanspruchen keinerlei Verbindlichkeit. Im Gegenteil: Wir möchten die Fantasie der LeserInnen anregen, im vieldeutigen Reich der Symbole auf eigene Entdeckungsreisen zu gehen und eigenes Anschauungsmaterial für die jeweilige Energie zu finden. Es wäre zum Beispiel reizvoll, die Kräfte, die in Märchen walten, mithilfe des Enneagramms zu benennen oder den neun Energien bestimmte Musikstile oder Tanzarten zuzuordnen.
Wir wandern im Folgenden von Muster EINS ausgehend – man könnte auch irgendwo anders anfangen – um den gesamten Kreis herum und merken dabei, wie sich die Charaktere und ihre Merkmale in einem kontinuierlichen Fluss verändern. Das führt dazu, dass jedes Muster auch Merkmale seiner beiden Nachbarn in sich hat, die sogenannten „Flügel“. Wir werden dieses wichtige Phänomen gelegentlich streifen. Im Anschluss an die neun Skizzen kommen wir ausführlicher darauf zu sprechen.
Inzwischen gibt es eine Reihe von Tests, mit denen man herausfinden kann, zu welchem Enneagrammmuster man möglicherweise gehört. Dennoch empfehlen wir zunächst einen anderen Weg: Es ist sinnvoll, zunächst alle neun Beschreibungen dieses Buches durchzulesen. Manchen wird sofort klar sein, wo sie „zu Hause“ sind. Andere werden dazu eine Weile brauchen. Ein gutes Kriterium ist folgendes: Wenn mir bei einer Typenbeschreibung „mulmig“ wird, könnte es sein, dass ich mich auf heimatlicher Scholle befinde. Die eigentliche Erkenntnis ist oft mit einem Aha-Erlebnis verbunden, das sich aber manchmal erst nach Wochen und Monaten und nach Gesprächen mit anderen einstellt. Um dem eigenen Muster auf die Spur zu kommen, ist jedenfalls zunächst die Selbsterforschung und -einschätzung durch nichts zu ersetzen. Danach kann man sich mit Menschen austauschen, die einem nahe stehen und einen gut kennen. Als dritte Priorität wäre der Austausch mit einer Person zu nennen, die das Enneagramm gut kennt. Erst dann wäre ein Kontrolltest sinnvoll.
Jedes der neun Muster umfasst eine große Bandbreite, die wir uns wie eine kontinuierliche Skala vorstellen können, die zwischen den Extrempolen „unreif“ und „gereift“ verläuft. Ein unreifer Mensch – gleichgültig, welchem der Muster er angehört – ist in sich selbst gefangen. Martin Luther sprach vom „homo incurvatus in se ipsum“, vom „in sich selbst verkrümmten Menschen“. Solche Personen nehmen sich selbst zu ernst und meinen, ihr Blickwinkel sei das Ganze. Die Sufis nannten das Enneagramm der Legende nach das „Antlitz Gottes“. Sie stellten sich den Erlösungsweg des Menschen so vor, dass er immer fähiger wird, den eigenen Standort zu verlassen, um das Leben von einer anderen Warte aus zu betrachten als von der antrainierten und fixierten eigenen Verengung. Der Schritt über den eigenen Standort hinaus lässt sich relativ leicht zu den „Flügeln“ oder Nachbarnummern hin vollziehen. Je weiter man sich aber von der eigenen Zahl entfernt, desto schwieriger wird es. Die Energien, die auf der anderen Seite des Kreises angesiedelt sind, erscheinen uns zunächst fremd und fern zu sein. Aber wie bereichernd könnte es sein, wenn wir innerlich dorthin gelangen könnten! Wenn wir fähig wären, uns alle neun Paar Schuhe anzuziehen und die Wirklichkeit von allen neun Seiten anzusehen, dann würden wir die Welt gleichsam mit den Augen Gottes betrachten. Die in sich selbst gefangene, unreife Person ist dazu nicht fähig.
Am anderen Ende des Spektrums finden wir die gereifte Persönlichkeit. Keiner von uns ist dort bereits angelangt. Wir alle befinden uns irgendwo zwischen den beiden Polen. Je älter und reifer wir werden und je näher wir Gott, dem Zentrum, kommen, desto mehr bewegen wir uns auf die erlöste Seite zu. Um das zu tun, braucht man übrigens nicht das Enneagramm zu kennen. Wir sind nicht die neuen Übermenschen, weil wir es haben. Das Enneagramm artikuliert etwas, was spirituell gereifte Menschen schon immer intuitiv erfasst und praktiziert haben.
Man spürt sofort, wenn man solch einem befreiten, ganzen Menschen begegnet. Wir alle sind fähig und berufen, diesen Weg zu gehen. Eine große Hilfe ist die Gemeinschaft. Ein Eigenbrödler wird selten wirklich bekehrt werden, denn er isoliert sich von jenen anderen Stimmen und Wahrheiten, die die eigene Wahrnehmung herausfordern und ergänzen.
Erlösung ist das Werk der Gnade Gottes, das sich ohne unser Zutun ereignet, wenn wir loslassen und uns einer größeren Wirklichkeit aussetzen, wenn wir uns ins Zentrum fallen lassen: in Gott. Wenn das geschehen ist, werden wir merken, dass selbst das Loslassen und Sich-Öffnen für Gott nicht unser Werk war, sondern Gottes Liebeswerben um uns zu verdanken ist.
Anders als andere Autoren verzichten wir darauf, den neun Typen zu den Zahlen auch noch festlegende Namen zu geben. Die Klassifizierung durch Nummern verdeutlicht, dass es nicht um Wertungen geht. Alle neun Typen sind „gefallene Menschen“ und bedürfen der Erlösung, um immer mehr die zu werden, die sie vor Gott bereits sind. Kein Typ ist besser oder schlechter als die anderen. Alle neun sind erlösungsbedürftig und alle neun haben einmalige Gaben, die nur sie auf diese Weise in die Gemeinschaft einbringen können.
Es wurde bereits gesagt, dass die Auseinandersetzung mit dem Enneagramm vor allem in den Jahren der Lebensmitte und danach sinnvoll ist. In dieser Zeit haben einige bereits so viel „innere Arbeit“ hinter sich, dass vieles von dem, was in den Typenbeschreibungen gesagt wird, nicht mehr im vollen Umfang auf sie zutrifft. In der Zeit um 20 herum leben wir in der Regel am unmittelbarsten aus unserer Hauptenergie. Deshalb ist es ratsam, sich bei der Lektüre der Beschreibungen ab und zu fragen: „Wie war ich, als ich 20 war?“
Jede der Beschreibungen ist in vier Abschnitte gegliedert: Nach einem ausführlichen Überblick über den jeweiligen Typ stellen wir sein spezifisches Dilemma dar. Das umfasst die typenspezifische Versuchung, auf eine ganz bestimmte Weise mit den Konflikten des Lebens umzugehen; die jeweiligen Wurzelsünden (= Leidenschaften), Vermeidungen und Abwehrmechanismen werden beschrieben. Erste Hinweise auf die Gabe oder Geistesfrucht, die ja die Kehrseite der Wurzelsünde darstellt, finden sich ebenfalls in diesem Teil. Schließlich wird die Falle oder Fixierung des jeweiligen Typs erläutert. Damit ist sein eingefahrenes Wahrnehmungs- und Handlungsmuster gemeint, das unbewusste Lebensprogramm. In einem dritten Schritt folgen Symbole (Tiere, Länder, Farben) und Beispiele aus Literatur, Geschichte und Bibel. Am Ende stehen Hinweise auf das, was zur jeweiligen Umkehr und Reifung beitragen kann: die spezifische Berufung oder Einladung zur Veränderung, besondere Lebensaufgaben und Anregungen für den Umgang mit sich selbst. Die Darstellung eines oder einer Heiligen, das heißt einer Person, die – ohne ihren Typ zu verleugnen – ihre Gabe schöpferisch in den Dienst des Lebens gestellt hat, rundet diesen letzten Teil jeweils ab. Am Ende dieses Buches finden Sie auf vier Seiten alle Begriffe in einer Tabelle zusammengefasst. Sie können diese Seiten heraustrennen und – zu einem kleinen Merkheft gefaltet – als Hilfsmittel bei der Lektüre des Buches, aber auch bei Gesprächsgruppen zum Enneagramm verwenden.
Zweiter Teil DIE NEUN MUSTER
Muster EINS

Überblick 1
EINSer sind IdealistInnen, die von der Sehnsucht nach einer wahrhaftigen, gerechten und moralischen Welt motiviert und angetrieben werden. Sie sind ehrlich und fair und können andere anspornen, an sich zu arbeiten, um zu reifen und zu wachsen. Oft sind EINSer begnadete LeiterInnen und LehrerInnen, die bemüht sind, mit gutem Beispiel voranzugehen. Schwer tun sie sich, fremde und vor allem eigene Unvollkommenheiten anzunehmen. Nur wenn sie bei sich selbst sind und in sich ruhen, können sie akzeptieren, in einer (noch) unvollkommenen Gegenwart zu leben und auf das allmähliche Wachstum des Guten (christlich: des Reiches Gottes) zu vertrauen.
Von klein auf versuchen EINSer, Musterkinder zu sein. Schon in sehr jungen Jahren haben sie jene Stimmen internalisiert, die gefordert haben: „Sei brav! Benimm dich! Streng dich an! Sei nicht kindisch! Mach es besser!“ Damals haben sie gleichsam beschlossen, die Liebe ihrer Umwelt zu verdienen, indem sie solche Erwartungen erfüllen und „gut“ sind. Sie haben versucht, Kriterien herauszufinden, zu entwickeln und einzuhalten, nach denen man beurteilen kann, was „gut“ und „schlecht“, „richtig“ und „falsch“ ist. Die urteilenden Stimmen im Inneren verstummen nie.
Oft ist einer der beiden Elternteile einer EINS moralistisch, perfektionistisch oder ewig unzufrieden; mit Lob wird gegeizt, überdurchschnittliche Leistungen werden als selbstverständlich vorausgesetzt. Schon die kleinen EINSer erbrachten diese Leistungen, weil sie die Liebe ihrer wichtigsten Bezugsperson nicht verlieren wollten.
Alice Miller hat in ihrem gleichnamigen Buch das „Drama des begabten Kindes“ beschrieben.2 Viele Eltern kompensieren ihre Mangelerlebnisse und eigene unerfüllte Lebensträume dadurch, dass sie das, was ihnen fehlt, in ihren Kindern nachholen und verwirklichen wollen. Um die Liebe der Eltern nicht zu verlieren, lernt das Kind, die Bedürfnisse und Erwartungen von Vater und Mutter zu erfüllen, verliert dabei aber den Zugang zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen und zu seinem wahren Selbst. EINSer sind solche „begabten Kinder“.
Nach Sigmund Freuds Auffassung spielt in diesem Zusammenhang die Reinlichkeitserziehung eine wichtige Rolle. Das Musterkind ist frühzeitig „sauber“. Don R. Riso versucht, die Enneagrammtypen mit den Kategorien Freuds in Einklang zu bringen und beschreibt Typenmuster EINS als „anal-retentiv“3. Damit ist auf der physiologischen Ebene die Weigerung gemeint, Stuhlgang zu produzieren. Diese Weigerung signalisiert eine Blockade gegen die Verursachung von Schmutz.
Ich (Richard Rohr) war der Liebling meiner Mutter. Diese Vorzugsstellung wollte ich nicht verlieren. Um mir die Zuwendung meiner Mutter zu erhalten, habe ich ihre Erwartungen erfüllt. Irgendwann machen EINSer aus der Not eine Tugend. Ihre Selbstkontrolle und vermeintliche moralische Überlegenheit wird zum Ersatz für den Verzicht auf „niedere Genüsse“, die sie sich versagen. Ich kann mich daran erinnern, dass meine Mutter eines Tages gesagt hat: „Wäre es nicht wunderbar, einen Sohn zu haben, der Priester ist?“ Weil ich ein guter Junge bin, habe ich gemacht, was sie sich gewünscht hat. Wenn man im vorkonziliaren Katholizismus der 50er Jahre beweisen wollte, dass man mit Ernst und Konsequenz den Weg des Glaubens geht, wurde man Priester!
EINSer versuchen gut zu sein, um nicht bestraft werden. Sie wollen um jeden Preis verhindern, dass sie vom eigenen „Gewissen“ verdammt werden. Eines Tages ist es nicht mehr die reale Mutter, die diese Rolle übernimmt. Die Forderungen der Mutter sind internalisiert und zu den eigenen unerbittlichen Ansprüchen geworden. Es sind die eigenen strafenden Stimmen, die jetzt anklagen, wenn die EINS nicht edel, hilfreich und gut genug ist. Dabei geht es nicht unbedingt um objektive Opferbereitschaft oder Güte, sondern um das eigene subjektive Konzept dieser Tugenden. Im Inneren von EINSern wird andauernd Gericht gehalten; sie sind ihr eigener Ankläger, Verteidiger und Richter. Die streitenden Stimmen reden permanent auf sie ein, fallen sich gegenseitig ins Wort, widersprechen sich, korrigieren sich. Wer keine EINS ist, kann sich kaum vorstellen, wie anstrengend es ist, diesen endlosen inneren Strafprozess durchzustehen.
An dieser Stelle muss der „objektive Prozessbeobachter“ ins Spiel kommen und sagen: „Hör auf damit! Lass dich nicht von deinen eigenen überzogenen Ansprüchen und moralischen Prinzipien verrückt machen. Und denk daran, dass das deine subjektiven Maßstäbe sind und nicht die objektive Wahrheit!“
Das EINSer-Kind hat auf die Entwicklung seines wahren Selbst verzichtet, um anderen zu gefallen und die Liebe der Menschen zu verdienen, die signalisiert haben: „Du bist nur o. k., wenn du perfekt bist!“ Dem EINSer-Kind wurde die Kindheit ausgetrieben; es musste zu früh wie ein Erwachsener handeln. Oft musste es Verantwortung für eine Familie übernehmen, in der ein Elternteil ausgefallen war, oder es musste als ältestes Kind Vorbild für die jüngeren Geschwister sein.
Der Schriftsteller Erich Kästner (1899 – 1974), Sohn einer allein erziehenden Mutter, „Musterknabe“ und „Moralist“, wie er sich selber nannte, war solch ein begabtes Kind. Er hat nie geheiratet und bis zu ihrem Tod seiner Mutter täglich (!) zumindest eine Postkarte geschrieben. Seine Kinderbücher wurden weltberühmt. Zwar fordert Kästner seine jungen Leserinnen und Leser auf: „Lasst euch die Kindheit nicht austreiben!“; gleichzeitig aber agieren die Helden seiner Kinderbücher („Emil und die Detektive“, „Das fliegende Klassenzimmer“, „Pünktchen und Anton“) wie kleine Erwachsene und sind ungemein reif, moralisch hoch stehend und vernünftig.
Kästners Gedicht „Zur Photographie eines Konfirmanden“ merkt man jene Trauer um die nicht gelebte und verlorene Kindheit an, die EINSer in sich tragen:
Da steht er nun, als Mann verkleidet,
und kommt sich nicht geheuer vor.
Fast sieht er aus, als ob er leidet.
Er ahnt vielleicht, was er verlor.
Er trägt die erste lange Hose.
Er spürt das erste steife Hemd.
Er macht die erste falsche Pose.
Zum ersten Mal ist er sich fremd.
Er hört sein Herz mit Hämmern pochen.
Er steht und fühlt, dass gar nichts sitzt.
Die Zukunft liegt ihm in den Knochen.
Er sieht so aus, als hätts geblitzt.
Womöglich kann man noch genauer
erklären, was den Jungen quält:
Die Kindheit starb; nun trägt er Trauer
und hat den Anzug schwarz gewählt.
Er steht dazwischen und daneben.
Er ist nicht groß. Er ist nicht klein.
Was nun beginnt, nennt man das Leben.
Und morgen früh tritt er hinein.4
Das, was bisher geschildert wurde, betrifft viele Menschen. Zumindest ein bisschen von diesem Idealismus, Moralismus und Perfektionismus steckt in den meisten von uns, vor allem aber in religiös erzogenen Menschen. Durch eine ausgeprägte religiöse Erziehung werden in der Regel moralisierende Stimmen verinnerlicht und verstärkt.
Ich (Richard Rohr) schneide beispielsweise leidenschaftlich gern Coupons für Sonderangebote aus der Zeitung aus, weil meine Mutter das auch getan hat. Ich bin ständig hinter Preisnachlässen her und würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich mich dabei unwohl fühle. Es ist ein gutes Gefühl, Geld zu sparen! Aber welche Wertmaßstäbe liegen diesem Zwang zugrunde? Das Ganze hätte einen gewissen Sinn, wenn ich das gesparte Geld den Armen geben würde. Aber ich, der Franziskaner, trage es auf die Bank – was ist daran eigentlich „gut“? Trotzdem fühle ich mich wohler, wenn ich sparen kann. Die frühkindliche Prägung meines Gewissens sagt mir, es sei besser, richtiger und heiliger, Geld zu sparen als Geld auszugeben. Meine Mutter war eine gute deutsche Hausfrau. Reinlichkeit kam bei ihr gleich nach Heiligkeit. In meiner Wohnung spiegelt sich diese Haltung wider: Bei mir ist es blitzsauber, vom Eingang bis zur Hintertür und selbst in verborgensten Winkeln und Ecken. Bei mir kann man vom Fußboden essen. Ich putze jedes Mal, bevor ich die Stadt verlasse. Falls ich unterwegs sterbe und jemand mein Haus betritt, sollen alle wissen, dass ich sauber und ordentlich war! Ich könnte natürlich sagen: „Das ist doch egal!“ Aber ich fühle mich wohler, wenn alles reinlich ist. Die Stimmen in mir sind überzeugt davon, dass Sauberkeit gut ist und Dreck schlecht.
Ich bin ein Ordnungsfanatiker und sehe sofort, wenn etwas am falschen Platz liegt. Und ich fühle mich wohler, wenn alles da ist, wo es hingehört. Immerhin kann ich inzwischen darüber lachen. Ich nehme es nicht mehr so ernst und weiß, dass es mein Problem ist. Wenn andere den Aschenbecher nicht ausleeren, dann halte ich keine Moralpredigten mehr, weil ich mittlerweile weiß, dass ich diesbezüglich überkandidelt bin.
Dilemma
Die Suche nach Vollkommenheit beherrscht das Leben der EINS und ist ihre eigentliche Versuchung. Im Kampf gegen die Unvollkommenheit kann sich eine EINS zu einem Don Quijote entwickeln, der gegen Windmühlen kämpft und den „unmöglichen Traum“ träumt. Wenn sie etwas sehen, was in etwa ihrem Ideal entspricht, können EINSer vor Freude aus dem Häuschen geraten. Es kann sich dabei um ein Natur- oder Kunsterlebnis handeln (ein vollkommener Sonnenuntergang, ein vollkommenes Bild, ein vollkommenes Musikstück) oder um die Begegnung mit einem Menschen, den wir einen Augenblick lang für „vollkommen“ halten. Sobald die EINS entdeckt, dass auch dieser Mensch Fehler und Schwächen hat, ist sie enttäuscht. EINSer sind fortwährend frustriert, weil das Leben und die Leute nicht so sind, wie sie sein sollten. Vor allem aber sind EINSer von der eigenen Unvollkommenheit enttäuscht. Deswegen ist für sie der religiöse Weg sehr attraktiv: Zumindest Gott scheint „vollkommen“ zu sein!
EINSer sind verantwortungs- und pflichtbewusst und oft zwanghaft pünktlich. Sie stehen meist unter Zeitdruck, führen einen genauen Terminkalender und oft auch ein minutiöses Tagebuch.
EINSer sind ernsthafte Menschen und erzählen selten Witze – oder vergessen die Pointe. Sie erlauben sich Entspannung und Erholung nur, wenn sie alle Aufgaben gründlich und gewissenhaft erledigt haben. Aber das ist selten der Fall. Es gibt immer irgendetwas, was sich noch verbessern ließe. Im Kampf um das Bessere gibt es keine Ferien! Wenn EINSer ein Hobby haben, dann meist ein praktisches, das anderen nützt oder Freude macht.
EINSer haben die Neigung, sich selbst zu verleugnen und zu bestrafen, und können ihre Gefühle und Bedürfnisse verdrängen oder gar abtöten. Sie sind Asketen und Puritaner und hoffen letztlich, sie könnten sich selbst erlösen, indem sie zumindest versuchen, das Ideal zu erreichen. „Wer ewig strebend sich bemüht, den können wir erlösen“ (Goethe) – das leuchtet der EINS unmittelbar ein. Deshalb tun sie sich schwer, fünf gerade sein zu lassen und das Leben zu genießen. Die amerikanischen Puritaner haben einst Tanz und Spiel zur Sünde erklärt. Johannes Calvin, der Vater des Puritanismus, war sicher eine EINS. Die meisten EINSer haben eine puritanische Schlagseite.
Ohne die Hilfe von Meditation und Gebet können EINSer widerwärtige Nörgler werden. Gerade das kontemplative Gebet, das absichtslos ist und nichts verändern will, das pure Dasein vor Gott, kann ein Weg für EINSer sein, sich und andere immer mehr anzunehmen. EINSer müssen allerdings einige Hindernisse überwinden, um zur Ruhe zu kommen. Wenn sie still werden wollen, fangen die inneren Stimmen umso lauter zu reden an. Helen Palmer zitiert eine Frau, die im Muster der EINS fixiert ist, und schildert, wie es ihr bei der Meditation ergeht:
Ich sitze da und meditiere und merke sofort, wie laut der Kritiker in mir redet. Kaum habe ich einen kleinen Zipfel innerer Stille entdeckt, höre ich ihn: „Nicht tief genug!“ oder: „Letztes Mal war es tiefer!“ Dann beginne ich mit der Stimme zu streiten: „Sitz gerade!“, sagt sie oder: „Du strengst dich nicht an.“ Und die Gegenstimme sagt: „Ich bemühe mich doch!“5
Obwohl es zunächst nicht einfach ist, müssen EINSer lernen, zur Ruhe zu kommen, um die Unvollkommenheit der Welt wahrzunehmen (das fällt ihnen nicht schwer) und anzunehmen (das ist die eigentliche Crux und Aufgabe).
EINSer sind zornig, weil die Welt so unvollkommen ist. Noch aggressiver macht sie all das, was sie in sich selbst finden. Der Zorn ist die Wurzelsünde der EINS. Paradoxerweise aber tun sich EINSer sehr schwer, diesen tief sitzenden Aggressionen ins Auge zu sehen oder sie gar zuzugeben. EINSer schämen sich ihres Zorns! Ihre Sünde und ihre Vermeidung fallen in eins. Sie vermeiden es, den Groll, der sie motiviert und antreibt, zuzulassen. Denn auch Ärger ist für sie etwas Unvollkommenes – und darf deshalb nicht sein. Musterkinder sind nicht wütend. Das ist ihr Hauptdilemma. Innerlich kochen sie vor Wut, weil die Welt so verdammt unvollkommen ist. Aber sie artikulieren diese Aggressionen nicht als solche. Sie können sie ja selbst kaum wahrnehmen. Schon wenn ein Mitmensch den Verdacht äußert, eine EINS könnte wütend sein, fühlt sich die EINS zutiefst ertappt und sie wehrt diesen Vorwurf sofort ab. Aber unsere Mitmenschen erkennen unsere Sünde meistens viel klarer als wir selbst – ein Grund, weshalb wir Menschen auf verbindliche Gemeinschaft angewiesen sind. Wenn wir allein sind, können wir uns leicht der Illusion hingeben, Heilige zu sein. Gott hat uns andere Menschen gegeben, damit sie uns immer wieder auf den Boden der Realität holen. EINSer schämen sich ihrer Wut, zwingen sich, „sachlich“ zu argumentieren, selbst wenn sie innerlich kochen: „Ich bin zwar nicht ärgerlich auf dich, aber eigentlich hätte ich aus den und den Gründen ein Recht, auf dich ärgerlich zu sein.“ Die Wut manifestiert sich als Rechthaberei.
Der Abwehrmechanismus, den EINSer entwickeln, um ihren Ärger nicht zeigen zu müssen, heißt Reaktionskontrolle. Anstatt unmittelbar und direkt zu reagieren, findet in ihrem Inneren in Bruchteilen von Sekunden ein Prozess der Zensur statt, der darüber entscheidet, was sie äußern – und in welcher Form.
Die Tatsache, dass sie Aggressionen nicht zulassen können, erzeugt in EINSern bisweilen einen ungeheuren Druck. Sie können wandelnde Dampfkochtöpfe sein. In ihnen kocht der verdrängte Groll, der gegen die Stimmen anstürmt, die ihnen einhämmern: „Du bist ein guter Junge, ein braves Mädchen. Ein liebes Kind ist nicht wütend!“ Die Arbeitswut der EINSer ist einer der Versuche, Dampf abzulassen und Energie abzubauen.
Der Drang, „gute Werke“ zu tun, der Martin Luther schließlich in die Verzweiflung getrieben hat, steckt in allen EINSern.
Bei mir (Richard Rohr) hat das dazu geführt, dass ich zum notorischen Weltverbesserer geworden bin. Als wenn es nicht gereicht hätte, in Cincinnati eine eigene Kommunität zu gründen (die herkömmliche Kirche war nicht gut genug!), mussten wir sie auch noch „New Jerusalem“ nennen, das Neue Jerusalem! Das ist gleichsam die Perfektion der Perfektion. Trotzdem sind wir nie mit dem zufrieden, was wir bereits verbessern konnten. Unsere innere Stimme hinterfragt fortwährend unsere Motive: „Was steckt denn hinter deinen guten Werken? Du machst das doch nur, um vor dir, vor anderen und vor Gott gut dazustehen!“ Das ist der Teufelskreis der Selbsterlösung!
Unreife EINSer versuchen unter Umständen, ihr Dilemma anders zu lösen. Sie können an den Punkt gelangen, wo sie ein Doppelleben führen. In der Öffentlichkeit und da, wo sie bekannt sind und beobachtet werden, verhalten sie sich stets korrekt, moralisch sauber und untadelig. Aber wenn sie sich unbeobachtet fühlen oder in einer fremden Umgebung sind, kann es passieren, dass sie heimlich all das ausleben, was sie sich (und anderen) sonst versagen. Das gilt insbesondere für ihre unterdrückten sexuellen Wünsche. Neurotische EINSer können Moral predigen und Unmoral leben, wie die Skandale um puritanische Fernsehprediger in den USA gezeigt haben. Unreife EINSer sind Pharisäer und Heuchler. Zu Pharisäern, die eine „Sünderin“ steinigen wollen, die sie auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt haben, sagt Jesus: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ (Johannes 8,7).
Die besondere Gabe oder Geistesfrucht, die gereifte VertreterInnen des jeweiligen Typs auszeichnet, ist jeweils die Kehrseite der spezifischen Wurzelsünde. Die Geistesfrucht der EINS ist heitere Gelassenheit. Wie gelangt man von der Wurzelsünde zu dieser Gabe? Die EINS hat von Kindesbeinen an mit ihrem unerkannten und unterdrückten Ärger gelebt. Wenn sie ihn entdeckt und es gut geht, wird sie seiner irgendwann so überdrüssig, dass sie schließlich lernt, besser und konstruktiver mit ihm umzugehen als alle anderen Typen. Er steckt nach wie vor in der EINS und wird immer da sein. Aber er muss nicht mehr so ernst genommen werden. Viele integrierte EINSer sagen, ihnen helfe dreierlei, um an dieses Ziel zu gelangen: das Gebet, die Liebe und die Natur.
Wenn ich (Richard Rohr) bete, kann ich die Stimmen der Pflicht und Verantwortung mehr und mehr loslassen und mich in Gott, den großen Liebhaber, hineinfallen lassen. Das führt mich unmittelbar zur Liebe. Die Liebe ist das eigentliche „Band der Vollkommenheit“, wie Paulus sagt (Kolosser 3,14). Deswegen muss ich jeden Tag dafür sorgen, dass ich mich in jemanden oder in etwas verliebe, und wenn es nur ein Baum ist oder der wunderbare türkisfarbene Himmel über New Mexico. Wenn ich nicht liebe, gewinnen die negativen Stimmen sofort die Oberhand. Schließlich hilft mir die Natur, denn Gott, die Liebe und die Natur sind vollkommen.
Deswegen sind fast alle EINSer Naturfreunde. Es gibt selten eine EINS, die nicht gerne Blumen züchtet, im Garten arbeitet oder im Wald spazieren geht. In der ökologischen Bewegung fühlen sich viele EINSer daheim. Die EINS hat ein Faible für alles, was grünt, wächst und blüht. Ohne Natur, ohne die Liebe und ohne Gott gelangen EINSer kaum in den Raum heiterer Gelassenheit und Geduld, sondern bleiben aggressive Idealisten und Ideologen, die andere verurteilen und von ihnen fordern, sich im Sinne der EINSer-Ansprüche zu „bessern“.
Neben der Gelassenheit der erlösten EINS haben EINSer auch noch andere Gaben, wenn sie einen gewissen Grad von innerer Reife erlangt haben. Sie sind vernünftig, gerecht und ausgewogen. Deshalb sind sie gute Lehrer. EINSer werden gerne Lehrer oder Pfarrer, wenn sie ihre Ordnungsliebe nicht in Berufen wie Buchhalter verwirklichen. EINSer können notorisch ausgewogen sein. Sie wollen fair sein und sehen deshalb immer auch die andere Seite. Das ist Fluch und Segen zugleich. Es lässt sich dadurch erklären, dass so viele unterschiedliche Stimmen auf ihrer inneren Gerichtsbühne im Dauerprozess liegen. Einigermaßen gereifte EINSer geben fast immer wohldurchdachte und vernünftige Antworten. Ihre Meinung ist bereits durchs Feuer der inneren Kritik gegangen, jedes Wenn und Aber wurde schon abgeklärt, bevor etwas geäußert wird. Deshalb ist es schwierig, EINSer zu widerlegen.
Unreife EINSer sind leicht moralinsäuerlich, reden ständig mit erhobenem Zeigefinger und kritisieren alle Welt. Sie halten sich und ihre Ideale für identisch und können sehr arrogant und selbstgerecht wirken. Alle EINSer leben ständig am Rande der Selbstgerechtigkeit.
EINSer tun sich schwer, wichtige Entscheidungen zu treffen, weil sie dabei einen Fehler machen könnten. So neigen sie dazu, zu zögern und zu zaudern. Sie kommen oft auch deshalb nicht vorwärts, weil sie mit alten Fehlern beschäftigt sind. Sie können nicht zur Tagesordnung übergehen, wenn die Vergangenheit nicht bereinigt ist. So werden sie zum schlechten Gewissen einer Familie oder eines Volkes. Sie halten die Erinnerung an vergangene Schuld wach und sind Propheten der Umkehr und Erneuerung. Das ist eine ihrer größten Stärken, kann aber auch penetrant wirken. Die Falle, aus der unerlöste EINSer befreit werden müssen, ist ihre Empfindlichkeit. Sie müssen lernen, sich und andere anzunehmen, anstatt über alles und jedes Urteile zu fällen. Sie müssen lernen, den Balken im eigenen Auge zu sehen, bevor sie sich mit dem Splitter im Auge anderer befassen, der ihnen sofort auffällt (vgl. Matthäus 7,3 – 5). Unreife und zwanghafte EINSer wirken abstoßend. Ihre Mitmenschen fühlen sich von ihnen ständig kritisiert, selbst wenn die EINS kein Wort sagt. Andere spüren diesen negativen Energiestrom.
Ich (Richard Rohr) habe bei seelsorgerlichen Begegnungen bisweilen erlebt, dass Menschen zu mir gesagt haben: „Ich habe Schwierigkeiten, mich vor dir zu öffnen, weil ich Angst habe, dass du mich insgeheim verurteilst.“ Obwohl ich es nicht will, scheine ich diese Energie mitunter auszustrahlen. Wie kann ich davon loskommen? Ganz werde ich das wahrscheinlich nie schaffen. Aber ich kann versuchen, mit der betreffenden Person eine Vertrauensbeziehung aufzubauen, die es erlaubt, dass gerade meine Kritikfähigkeit der Erleuchtung, Befreiung und Freude des anderen dient, anstatt ihn zu bedrücken und niederzumachen. Ohne solch eine Beziehung sind meine Urteile nicht hilfreich und können letztlich destruktiv wirken.
Die EINS neigt dazu, sich als der Weiße Ritter zu verstehen, der in die Welt hinauszieht, um sie zu retten. EINSer kennen die heimliche Lust, das Böse mit Stumpf und Stiel auszurotten. St. Georg oder der Erzengel Michael, die Drachentöter der christlichen Tradition, sind Patrone dieser Seite der EINS.
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