Kitabı oku: «Transkulturelle Kommunikation»

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[2][3]Andreas Hepp

Transkulturelle Kommunikation

2., völlig überarbeitete Auflage

UVK Verlagsgesellschaft mbH · Konstanz mit

UVK Lucius · München

[4]Prof. Dr. Andreas Hepp lehrt Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Bremen.

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© UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2014

Einbandgestaltung und -illustration: Atelier Reichert, Stuttgart

Einbandmotiv: © Carlsen Comics, Judith Park

Lektorat: Claudia Hangen, Hamburg

UVK Verlagsgesellschaft mbH

Schützenstr. 24 · 78462 Konstanz“

Tel. 07531-9053-0 · Fax 07531-9053-98

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UTB-Nr. 2746

ISBN(eBook) 978-3-8463-4035-6

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

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[5]Inhalt

Vorwort


1Einleitung
2Zugänge zu transkultureller Kommunikation
2.1Folgen der Globalisierung
2.2Postkoloniale Kritik
2.3Methodologische Reflexion
2.4Integrative Analysen
3Regulation transkultureller Kommunikation
3.1Globale Kommerzialisierung und kommunikative Infrastrukturen
3.2Staatliche Regulation
3.3Vom freien Kommunikationsfluss zur Regulierung der Globalisierung
3.4Global Governance der Medien
4Medienproduktion und deren transkulturelle Kontexte
4.1Produktionskulturen global agierender Medienkonzerne
4.2Transkulturalität in der journalistischen Praxis
4.3Alternative Formen der Medienproduktion
4.4Medienstädte als transkulturelle Orte
5Transkulturalität von Medienprodukten
5.1Hollywood, Bollywood und Nollywood
5.2,Programmimporte und Formatadaptionen
5.3Nachrichtenartikulationen
5.4Medienereignisse
[6]6Medienaneignung und Transkulturation
6.1Medienaneignung als kulturelle Lokalisierung
6.2Medienklüfte in mediatisierten Alltagswelten
6.3Gemeinschaft und Vergemeinschaftungen
6.4Medienidentität und Bürgerschaft
7Perspektiven transkultureller Kommunikation

Literatur

Index

[7]Vorwort

Das vorliegende Buch hat eine längere Geschichte. Es handelt es sich dabei um eine Neufassung des ursprünglich 2006 erschienenen Bandes »Transkulturelle Kommunikation«, dessen Vorläufer wiederum meine 2004 erschienene Habilitationsschrift »Netzwerke der Medien« gewesen ist. Der Begriff der Neufassung erscheint insofern angemessen, als weite Teile vollkommen neu geschrieben wurden. Dies liegt einerseits daran, dass Fragen der transkulturellen Kommunikation seit der Erstauflage nicht weiter an Relevanz verloren, sondern gewonnen haben. Entsprechend gab es verschiedenste empirische Entwicklungen, die es zu berücksichtigen galt, wie auch weitere theoretische Diskurse um transkulturelle Kommunikation und Transkulturation aufzunehmen waren. Hinzu kam andererseits, das dass, was in dem Buch als Mediatisierung bezeichnet wird, seinen Charakter weltweit verändert hat. Verband man noch vor zehn Jahren mit Mediatisierung vor allem das Fernsehen und allenfalls ansatzweise das Internet, haben sich die Vorzeichen geändert: Eine fortschreitende globale Mediatisierung wird fast ausschließlich mit dem »Siegeszug« der digitalen Medien und dem Social Web gleichgesetzt. In dem vorliegenden Buch habe ich aber versucht, einen vermittelnden Weg zu gehen. Dieser nimmt zum einen die sich mit dem Aufkommen der digitalen Medien verändernde technische Grundlage von Medienkommunikation ernst, ohne zum anderen zu vergessen, dass es in vielen Regionen der Welt nach wie vor andere Medien sind – Fernsehen, Zeitung, Radio –, die für transkulturelle Kommunikationsprozesse entscheidend sind.

Weite Teile der Neufassung habe ich während meines durch die Universität Bremen ermöglichten Forschungssemesters in einem sehr inspirierenden Forschungsumfeld am Goldsmiths, University of London, geschrieben. Hierfür danke ich beiden Institutionen, vor allem aber folgenden Personen: Am Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI) der Universität Bremen möchte ich Stefanie Averbeck-Lietz, Friedrich Krotz und allen Mitgliedern meines Fachgebiets – Matthias Berg, Cigdem Bozdag, Monika Elsler, Marco Höhn, Sigrid Kannengießer, Swantje Lingenberg, Anne Mollen, Johanna Möller, Anke Offerhaus, Cindy Roitsch und Laura Suna – sowie unserem Forschungskoordinator Leif Kramp dafür danken, dass sie sich in den sechs Monaten meiner Abwesenheit um alle Belange kümmerten und mir den Freiraum gaben, so das Manuskript zu verfassen. Nick Couldry, David Morley und den Kolleginnen und Kollegen vom Department for Media and Communication des Goldsmiths möchte ich für die große Gastfreundschaft vor Ort und vielfältige Diskussionen danken. Eingeflossen in dieses Buch sind daneben zahlreiche Anregungen von und Diskussionen mit Kolleginnen und Kollegen, die zu viele sind, als dass ich sie hier aufführen könnte. Namentlich danken möchte ich aber meiner Familie – Beate Köhler, Levi Daniel Hepp und Naomi Liv Hepp –, dass sie bereit war, mit mir die Zeit im Ausland zu verbringen und zu tolerieren,[8] dass ich auch in einer Stadt wie London meine Zeit weitgehend am Schreibtisch verbrachte.

Unterstützt haben mich beim Verfassen des Manuskripts daneben vielfältige weitere Personen. So bezieht sich Kap. 4.2 auf gemeinsame Forschung mit Michael Brüggemann, Katharina Kleinen-von Königslöw, Swantje Lingenberg, Johanna Möller und Anke Offerhaus in dem Teilprojekt »Die Transnationalisierung von Öffentlichkeit am Beispiel der EU« des Sonderforschungsbereichs 597 »Staatlichkeit im Wandel« an der Universität Bremen, denen ich für die hier zusammenfassend präsentierte gemeinsame Forschung danken möchte. Darüber hinaus hat der Sonderforschungsbereich insgesamt die wissenschaftliche Arbeit, die in diesem Buch reflektiert wird, finanziell unterstützt. Danken möchte ich auch der Zeitschrift »Medien & Kommunikationswissenschaft« für die Möglichkeit, Kap. 2 des vorliegenden Buchs auf meinem dort in dem Sonderheft »Grenzüberschreitende Medienkommunikation« erschienenen Aufsatz »Transkulturelle Kommunikation als Ansatz der Erforschung grenzüberschreitender und grenzziehender Medienkommunikation« basieren zu können. Bei Literaturrecherchen halfen mir als studentische Hilfskräfte Annika Mahr, Judith Niesel, Philip Hurzlmeier und Ann-Christin Westphal. Die Erstellung vieler Grafiken wäre ohne die Hilfe von Cindy Roitsch nicht möglich gewesen, die von Cornelia Gutsche, Philip Hurzlmeier, Simone Michel und Franziska Römer unterstützt wurde. Vor Ort in London half mir Sebastian Kubitschko mit der mir fremden Bibliothek und vielen weiteren Dingen. Für die sorgfältige Durchsicht des Manuskripts danke ich Annalena Oeffner Ferreira, für dessen Korrekturen Heide Pawlik, für das Lektorat Claudia Hangen bzw. Rüdiger Steiner von der UVK Verlagsgesellschaft.

Widmen möchte ich dieses Buch meiner Großmutter Eugenie Hepp, die im Alter von 100 Jahren gestorben ist, während ich das Manuskript der »Transkulturellen Kommunikation« korrigierte. Ihre Verwurzelung sowohl in der Migration ihrer Familie als auch im Lokalen war immer präsent, wenn ich über transkulturelle Kommunikation schrieb.


Bremen, im Februar 2014Andreas Hepp

Unter www.utb.de ist beim Aufrufen des Titels ein nach Kapiteln geordnetes und kommentiertes Verzeichnis mit weiterführender Literatur einsehbar.


[9]1Einleitung

Fast schon euphorisch hat Marshall T. Poe in seiner breit angelegten Geschichte der Kommunikation die Gegenwart als eine Zeit der medienvermittelten Transkulturalität beschrieben. Während die Zeit des Buchdrucks und der audiovisuellen Medien die Zeit der Toleranz und des Multikulturalismus gewesen seien, bewegen wir uns nun – so sein Argument – hin in eine Zeit, in der Identitäten »jenseits von Kultur« (Poe 2011: 240) lägen. Identitäten sind für ihn zukünftig weniger in historischen (National-)Kulturen verwurzelt, sondern eher eine Mischung verschiedener historischer und auch (neu) erfundener Kulturen. Ein Beispiel dafür sind für ihn die – wie er es nennt – transnationalen Identitäten verschiedener Subkulturen. Während diese zuerst einmal jenseits des Internets gelebt werden, ermöglicht Letzteres doch einen vergleichsweise einfachen Zugang zu ihnen. Der aktuelle Medienwandel befördert damit einen alltagsweltlichen Transkulturalismus. Als Beleg führt Marshall T. Poe den von dem togolesischen Botschaftersohn und Kreativunternehmer Claude Grunitzky herausgegebenen Band »Transculturalism« an. In Letzterem wird Transkulturalismus als eine Form des Lebens beschrieben, bei der »einige Menschen Wege finden, ihre ursprüngliche Kultur zu überschreiten, um fremde Kulturen zu entdecken, zu studieren und zu infiltrieren« (Grunitzky 2004: 25). Mit dem aktuellen Medienwandel verbunden wird also eine ganz neue Welt des Lebens und Erlebens von Kultur, für die der Begriff des Transkulturalismus steht.

Wenn wir aufmerksam die Medien verfolgen, scheint es daneben andere Seiten von Transkulturalität zu geben. Die Rede ist dann von transkulturellen Konflikten, die es in Organisationen zu managen gilt, oder aber von dem transkulturellen Konflikt zwischen dem »Westen« und dem »Rest« der Welt (Hall 1994a: 137–179). Nicht nur wissen wir von solchen transkulturellen Konflikten durch die verschiedenen Medien: neben dem World Wide Web können dabei ebenso traditionelle Massenmedien wie beispielsweise das Fernsehen oder die Zeitung genannt werden. Medien können selbst treibende Kräfte in solchen transkulturellen Konflikten werden. Exemplarisch wurde dies 2006 in dem sogenannten Karikaturenstreit deutlich (Eide et al. 2008): Europäische Karikaturen über den Propheten Mohammed lösten Proteste in der arabischen Welt aus, was in Europa zu einem öffentlichen Diskurs über den Islam und religiöse Werte führte. Produziert wurden die Karikaturen für die dänische Tageszeitung JYLLANDS-POSTEN, durchaus mit dem Ziel, Kontroversen auszulösen. Sie stehen somit für den Blick eines bestimmten Mediums auf »fremde Kulturen«. Erfahren von diesen Karikaturen haben die Menschen in der arabischen Welt wiederum durch die Medien – durch ein kritisches Dossier, das unter islamischen Geistlichen kursierte, Internetseiten und durch Berichte von AL JAZEERA –, was unterschiedliche Proteste auslöste. Über diese Proteste wurde dann in europäischen (Massen-)Medien mit zum Teil sehr distanzierenden Kommentaren berichtet. Die durch die Globalisierung der [10]Medien mögliche transkulturelle Kommunikation führt, wie dieses Beispiel zeigt, ebenfalls zu Konflikten zwischen Kulturen (und Religionen) und bringt diese nicht zwangsläufig zusammen.

Solche wenigen Beispiele machen deutlich, wie komplex und vielfältig das Phänomen der transkulturellen Kommunikation ist. Sie zeigen, wie notwendig ein differenziertes Wissen über die Möglichkeiten und Grenzen transkultureller Medienkommunikationsprozesse ist, wenn man die sich globalisierende Medienkommunikation angemessen einschätzen und beurteilen möchte. Transkulturelle Kommunikation betrifft uns alle, wenn wir im Fernsehen, Kino und in der Presse mit Medienprodukten konfrontiert sind, die über die Grenzen verschiedener Kulturen hinweg »reisen«. Sie betrifft uns, wenn wir über das Internet mit Menschen anderer Kultur in Kontakt stehen. Auf welche Weise und von welchen Unternehmen werden diese transkulturell verfügbaren Medienprodukte hergestellt? Wie verhält sich die Medienpolitik zu den Aktivitäten global agierender Medienkonzerne? Durch was zeichnen sich transkulturelle Medienprodukte aus? Wie werden sie rezipiert und angeeignet? In welcher Beziehung steht all dies zu unserer kulturübergreifenden Kommunikation im Social Web? Und welche Theorien und Ansätze sind es, die uns in diesem Feld bei einer kritischen Betrachtung weiterhelfen? Diese Fragen sind es, auf die ich mit dem vorliegenden Buch zumindest ansatzweise eine Antwort geben möchte. Bevor ich in dieser Einleitung allerdings einen kurzen Überblick über das Buch insgesamt gebe, möchte ich einige Anmerkungen zu dem Begriff der transkulturellen Kommunikation machen.

Wie wir auf den folgenden Seiten noch sehen werden, ist der Begriff der transkulturellen Kommunikation eingebunden in eine weitergehende wissenschaftliche Diskussion um Globalisierung und Mediatisierung. Deswegen ist es sicherlich nicht möglich, ihn erschöpfend in zwei oder drei Sätzen zu definieren. Einleitend kann es also nur um eine erste Orientierung gehen. Bereits die eingangs genannten Beispiele haben deutlich gemacht, dass in diesem Buch medienvermittelte Formen transkultureller Kommunikation Gegenstand der Betrachtung sind, also nicht die direkte Faceto-Face-Kommunikation von Menschen untereinander. Dies hängt damit zusammen, dass transkulturelle Kommunikation insbesondere über Medien erfolgt. Im Gegensatz zu interkultureller und internationaler Kommunikation – also Kommunikation zwischen Menschen oder Gruppen von Menschen, die verschiedenen Kulturen bzw. Nationalstaaten angehören – hebt der Begriff der transkulturellen Kommunikation auf solche Kommunikationsprozesse ab, die »über verschiedene Kulturen hinweg« geschehen. Exemplarisch kann man an die vielen Beispiele der eigenen Internetpraxis denken, das Lesen von Online-Zeitungen anderer Weltregionen (so man die jeweilige Sprache versteht) oder aber das Laden von Bildern und Musik aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Man kann aber auch an einen Hollywood-, Bollywood- oder Nollywood-Film denken, der von Menschen verschiedenster Kulturen rezipiert und angeeignet wird. Dass für solche Zusammenhänge mit transkultureller Kommunikation[11] ein eigener Begriff reserviert wird, hat seinen Sinn darin, dass eine Auseinandersetzung mit diesen Phänomenen einen vielschichtigeren Zugang notwendig macht, als er mit den Begriffen der interkulturellen oder internationalen Kommunikation verbunden ist. Es kann nicht wie bei einer Beschäftigung mit Phänomenen interkultureller oder internationaler Kommunikation (nur) darum gehen, verschiedene nationalkulturelle Kommunikationsmuster miteinander zu vergleichen. Solche Differenzen werden im Forschungsfeld der transkulturellen Kommunikation zwar auch berücksichtigt. Daneben geht es aber ebenso um Muster, die über verschiedene traditionale Kulturen hinweg differenzstiftend sind. Konkret kann man diesbezüglich beispielsweise an bestimmte Darstellungsmuster oder Formate wie »Who wants to be a Millionaire?« denken, die in verschiedenen »nationalen Medienkulturen« zugleich auftreten und über diese hinweg bestimmte Sendungen definieren. Ein Ansatz der transkulturellen Kommunikation will also neben nationalkulturellen Spezifika in kulturübergreifenden Kommunikationsprozessen auch solche Spezifika vergleichend in den Blick bekommen, die verschiedene traditionale Kulturen übergreifen, ohne gleich der These zu verfallen, wir hätten es deshalb mit einer globalen Einheitskultur der Standardisierung oder McDonaldisierung zu tun.

Wie damit deutlich wird, steht der Begriff der transkulturellen Kommunikation in direkter Nähe zu zwei anderen Konzepten, nämlich denen der Mediatisierung und Globalisierung. Beide Konzepte bezeichnen sehr lang anhaltende Wandlungsprozesse. Beginnen wir hier zuerst einmal mit dem Ausdruck der Mediatisierung. Wie ich an anderer Stelle sehr ausführlich dargelegt habe (Hepp 2013a: 27–62), fasst Mediatisierung in einer ersten sehr allgemeinen Annäherung das Wechselverhältnis zwischen medienkommunikativem Wandel einerseits und soziokulturellem Wandel andererseits. Wir können für die gesamte Menschheitsgeschichte sagen, dass nicht nur die Zahl der technischen Kommunikationsmedien über ihren Verlauf hin erheblich zugenommen hat. Auch haben die jeweils bestehenden Kulturen und Gesellschaften erheblich etwas damit zu tun, wie wir miteinander kommunizieren. Einerseits hat Mediatisierung damit so etwas wie quantitative Aspekte in dem Sinne, dass eine wachsende Zahl von Medien immer länger (zeitliche Dimension) an immer mehr Orten (räumliche Dimension) und in immer mehr Situationen (soziale Dimension) zur Verfügung steht. Andererseits können wir von qualitativen Aspekten der Mediatisierung sprechen, d. h. davon, dass Medien unsere Kommunikation prägen und damit auch, wie wir durch unsere Kommunikation unsere Kulturen und Gesellschaften hervorbringen oder konstruieren.

Dieser Zusammenhang klingt in den eingangs zitierten Überlegungen von Marshall T. Poe an, der Transkulturalität in eine enge Beziehung damit setzt, wie internetbasierte Medien unsere heutige Kommunikation prägen. Die Sachlage ist allerdings komplizierter, als das bei ihm anklingt. Dies hängt damit zusammen, dass das »Prägen« der Medien weit vielfältiger ist, als er vermutet. Wir haben nicht einfach ein »Sollen« (Poe 2011: 240) des Internets, das dann eine bestimmte Transkulturalisierung[12] weltweit befördert. Vielmehr verbergen sich hinter dem Ausdruck der »Prägkräfte der Medien« (Hepp 2013a: 49) zwei sehr konkrete Zusammenhänge: Einerseits institutionalisieren Medien die Art und Weise, wie wir kommunizieren. Mit E-Mail, Fernsehen, Internetradio, Mobiltelefon etc. werden nicht einfach nur Apparaturen bezeichnet, sondern mit ihnen sind immer auch bestimmte Formen bzw. Muster der Kommunikation verbunden. Andererseits verdinglichen Medien unsere Kommunikation, indem mit ihnen eben diese Apparate und deren Infrastrukturen aufgebaut werden. Besteht erst einmal eine solche Verdinglichung von Kommunikationsmöglichkeiten, so ist deren Veränderung mit einem großen Aufwand verbunden: Aus dem zentralisierten Kommunikationsnetz des Radios kann man nicht einfach mehr ein dezentrales Kommunikationsnetzwerk machen, auch wenn dies in seinen Anfängen technisch vorstellbar war (Brecht 1932).

Die meisten Menschen leben gegenwärtig in dem, was man als mediatisierte Welten bezeichnen kann (Hepp/Krotz 2012, 2014). Gemeint ist damit, dass für ihre »kleinen Lebens-Welten« (Luckmann 1970) bzw. »sozialen Welten« (Strauss 1978) in der Art und Weise, wie sie bestehen, technische Kommunikationsmedien konstitutiv sind und sie im oben umrissenen Sinne durch diese geprägt werden. Die heutige Welt der Schule kommt beispielsweise nicht ohne Medien aus; das betrifft nicht nur das Schulbuch, sondern zunehmend auch Computer und Internet. Die Welt der Politik ist insofern mediatisiert, als die Form von Demokratie, die wir leben, darauf beruht, in Medien wie dem Fernsehen und dem Social Web für die eigene politische Vorstellung werben, aber ebenso andere kritisieren zu können. In einem solchen Sinne sind die verschiedenen Welten gegenwärtiger Vergemeinschaftung jenseits von Medienkommunikation überhaupt nicht denkbar: Was wäre die Gothic-Szene ohne ihre Musik, oder was wären die Serienfans ohne ihre Fernsehserien? Ähnliches gilt auch für die Welten sozialer Bewegungen. So könnten wir uns beispielsweise die Occupy-Bewegung ohne Social Web kaum vorstellen. Mediatisierte Welten sind also die Ebene, auf der sich Mediatisierung in der gelebten Medienkultur konkretisiert – und dies verstärkt in verschiedenen Regionen der Welt.

Indirekt klingt bei solchen Überlegungen der Wandel der Globalisierung an. Über Globalisierung wird seit den 1990er-Jahren viel diskutiert. Hierbei gilt die Globalisierung der Medienkommunikation als eine zentrale Dimension der Globalisierung überhaupt. Diese Zentralität lässt sich an den globalen Finanzmärkten verdeutlichen, deren Funktionieren die Existenz weltweiter Kommunikationsnetzwerke voraussetzt. Dies ist nicht nur notwendig, um die Finanztransfers selbst zu tätigen, sondern auch, um notwendige Informationen zu erhalten, damit man erfolgreich transnational spekulieren kann.

Wir werden in diesem Buch mit einem eher vorsichtigen Begriff der Globalisierung der Medienkommunikation operieren und darunter so viel verstehen wie die weltweite Zunahme medienvermittelter Konnektivitäten, also die Zunahme von technisch vermittelten Kommunikationsbeziehungen. Eine so verstandene Globalisierung[13] der Medienkommunikation hat viel mit Mediatisierung zu tun: In dem Moment, in dem die Welten, in denen Menschen leben, mediatisierte Welten werden, steigen auch – zumindest dem Potenzial nach – die Möglichkeiten ihrer in verschiedene Regionen der Welt reichenden Kommunikationsbeziehungen erheblich. Dies betrifft sicherlich zuerst einmal die Menschen der sogenannten entwickelten Länder und da wiederum nicht alle. Aber auch in anderen Regionen der Welt ist das Leben der Menschen zunehmend ein Leben in mediatisierten Welten. Auch wenn hier privilegierte Gruppen vorangeschritten sind, betrifft dies – wie wir im weiteren Verlauf dieses Buchs sehen werden – ebenso Menschen in prekären Lebenssituationen. Diese entfalten ebenso transkulturelle, kommunikative Konnektivitäten.

Der Grund für diese vorsichtige Definition von medialer Globalisierung ist bereits mit den eingangs genannten Beispielen angeklungen: Indem die medienvermittelten Kommunikationsbeziehungen sehr Unterschiedliches zur Folge haben können – von der Abgrenzung und Stabilisierung bestehender Kulturgemeinschaften über Konflikte zwischen diesen bis hin zu Annäherungsprozessen –, erscheint zuerst einmal ein analytisches Instrumentarium notwendig, das keine direkten Unterstellungen über die hochkomplexen Folgen der Globalisierung der Medienkommunikation macht. Letzteres ist beispielsweise für Verständnisse der Medienglobalisierung als Homogenisierung oder Amerikanisierung der Fall. Diese können die Widersprüchlichkeit von Medienglobalisierung nicht fassen, weil hier von vornherein eine bestimmte Wirkungsweise unterstellt wird.

Mit diesem Verständnis der Globalisierung der Medienkommunikation sind zwei weitere Konzepte verbunden, die in dem vorliegenden Buch immer wieder Verwendung finden, nämlich erstens das des Netzwerks und zweitens das des Flusses. Wenn man von Konnektivitäten spricht, so will der Ausdruck des Netzwerks die strukturellen Aspekte dieser Konnektivitäten fassen. Es geht hier ganz konkret um die »Verbindungen« zwischen verschiedenen »Knoten«, die in deren Struktur beschrieben werden können. Man denke hier etwa an bestimmte Kommunikationsnetzwerke wie die des Satellitenfernsehens oder des Internets. Der Ausdruck des Flusses hebt dagegen stärker auf Prozesse entlang solcher Netzwerke und über sie hinweg ab. Dies sind beispielsweise die Kommunikationsflüsse, die de facto im Internet oder auch entlang von Satellitennetzwerken verlaufen. Solche Kommunikationsflüsse haben dann unterschiedliche Spezifika und Verdichtungen – sie sind nicht gleichmäßig in einem Netzwerk verteilt.

Sicherlich sind Begriffe des Netzwerkes, des Flusses oder der Prägkräfte von Medien Metaphern, d. h. Bilder, mit denen wir uns komplexe soziokulturelle Zusammenhänge vor Augen führen. Vielleicht haben sich diese Konzepte aber gerade wegen ihrer Bildhaftigkeit als Beschreibungsansätze etabliert, um Phänomene der Globalisierung und Mediatisierung zu fassen. Durch solche Begriffe werden diese zuerst einmal abstrakten »Metaprozesse« (Krotz 2007) fassbar und damit auch begreifbar. Der [14]Ausdruck Metaprozess bedeutet hier nicht nur, dass Mediatisierung und Globalisierung sehr lang anhaltende Wandlungsprozesse sind. Zusätzlich ist mit dem Ausdruck der Gedanke verbunden, dass Globalisierung und Mediatisierung nicht auf wenige Untersuchungsvariablen heruntergebrochen werden können, entlang derer sich diese dann als Transformationsprozesse beweisen ließen. Vielmehr eröffnen solche Metaprozesse als Beschreibungskonstrukt ein gewisses »Panorama« (Hepp 2013a: 42–48) der langfristigen Veränderung – ein Panorama, das es dann ermöglicht, bei der Analyse konkreter Einzelphänomene die richtigen Fragen zu stellen und die Phänomene, die man betrachtet, in einen übergreifenden Rahmen einzuordnen.

Mein Ziel im Weiteren ist es, einen Zugang zu dem sich in den letzten Jahren nachhaltig entwickelnden Bereich der transkulturellen Kommunikation zu bieten. Meine Argumentation steht dabei in enger Beziehung zu den Darlegungen in dem Buch »Medienkultur. Die Kultur mediatisierter Welten«. In »Medienkultur« geht es gewissermaßen um einen Blick »in« einzelne Kulturen hinein. Dort habe ich mich damit befasst, was Kulturen charakterisiert, wenn sie mediatisiert sind. In »Transkulturelle Kommunikation« rückt der Kontakt der verschiedenen mediatisierten Kulturen in den Vordergrund. Im Zentrum steht also der Blick auf das Verhältnis »zwischen« Medienkulturen, ein Verhältnis, das durch transkulturelle Kommunikation gekennzeichnet ist.

Diese Betrachtung ist stets mit zwei Problemen konfrontiert: Erstens kann sie in einem Buch nie die gesamte Welt abdecken. Dazu sind die Zusammenhänge, um die es geht, viel zu reichhaltig. Zweitens ist sie stets von einem gewissen Standpunkt aus geschrieben, indem jede derartige Beschreibung eine Beobachterposition hat, die als solche nie vollkommen »neutral« sein kann. Um beide Probleme zumindest ansatzweise zu lösen, argumentiere ich auf den folgenden Seiten exemplarisch. Das heißt, für alle im Weiteren interessierenden Phänomene und Fragen werden solche Beispiele herausgegriffen und beschrieben, die ich zumindest für den aktuellen Zeitpunkt als charakteristisch ansehe. Die Argumentationsgrundlage legen dabei zumeist empirische wissenschaftliche Studien, wobei deren Methodiken vielfältig sind und von umfassenden standardisierten Befragungen und Inhaltsanalysen bis hin zu Fallstudien reichen. Herangezogen werden daneben Überblickswerke anderer Kolleginnen und Kollegen. In manchen Fällen stützt sich meine Argumentation auch auf eher journalistische Arbeiten. Dies ist insbesondere dort der Fall, wo es um sehr aktuelle Entwicklungen geht und keine anderen Datenquellen zu finden gewesen sind.

Zum Standpunkt, von dem aus ich argumentiere, ist zu sagen, dass dieser durch die Sprachen, die ich beherrsche (Deutsch und Englisch), gekennzeichnet ist. Hinzu kommt, dass gerade bei einer Auseinandersetzung mit transkultureller Kommunikation die eigene kulturelle Verortung eine Rolle spielt. In meinem Fall ist dies die eines Europäers, der in erheblichem Maße auch Potenziale transnationaler Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung sieht, wofür die EU ein Beispiel ist. Mit der eigenen kulturellen Positionierung kann man vermutlich nur so umgehen, indem man sie, wie[15] hier geschehen, explizit macht und wo nötig weiter reflektiert. Wirklich umgehen lässt sie sich nicht.

Beides in Kombination – die notgedrungen exemplarische Argumentation und die eigene sprachlich-kulturelle Positionierung – hat dazu geführt, dass verschiedene weitere Beispiele, die für eine vertiefende Betrachtung von Fragen der transkulturellen Kommunikation von großem Interesse wären, in diesem Buch nicht weiter verfolgt werden konnten. Dies betrifft vor allem den afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Raum. Ich habe mir aber große Mühe gegeben, an entsprechenden Stellen auf die Arbeiten von Kolleginnen und Kollegen zu verweisen. Wie gesagt geht es in diesem Buch nicht darum, so etwas wie eine »Weltgeschichte der Globalisierung von Medienkommunikation« zu schreiben. Ein solches Buch wäre ein anderes Projekt, auch wenn erste Ansätze dazu bestehen (beispielsweise Mattelart 1999 oder Tunstall 2007). Es geht mir darum, möglichst konzis den Ansatz der transkulturellen Kommunikation vorzustellen. Dieser wäre meines Erachtens ein wichtiger Bezugspunkt auch für das Schreiben einer solchen Weltgeschichte. Ebenso erscheint er mir wichtig – und das ist möglicherweise noch entscheidender – für ein ganz alltägliches und kritisches Verständnis dessen, was mit fortschreitender Globalisierung und Mediatisierung in unserer Welt so vor sich geht.

Meine weitere Darstellung gliedert sich – neben dieser Einleitung und dem Ausblick – in fünf größere Teile. Das Kapitel »Zugänge zu transkultureller Kommunikation« stellt den Ansatz der transkulturellen Kommunikation aus verschiedenen Perspektiven vor. Es geht darum zu verstehen, dass Transkulturalität nicht einfach eine weitere Vergleichsebene ist, die der der Interkulturalität und Internationalität hinzuzufügen ist. Vielmehr konkretisieren sich im Begriff der transkulturellen Kommunikation ein bestimmtes Verständnis der Folgen der Globalisierung, eine postkoloniale Kritik und eine methodologische Reflexion. Diese drei zusammengenommen machen die originäre Zugangsweise der transkulturellen Kommunikation aus.

Das sich anschließende Kapitel befasst sich mit Regulationen und Infrastrukturen transkultureller Kommunikation. Inwieweit haben politische Agenden die Globalisierung der Medienkommunikation beschleunigt? Wie konnten globalisierte Infrastrukturen der Medienkommunikation entstehen? Für eine Auseinandersetzung damit ist ein vergleichender Blick auf die unterschiedlichen Mediensysteme der Welt von großem Vorteil. Die Beziehung zwischen Fragen transkultureller Kommunikation und Regulation kann aber nicht auf die Frage reduziert werden, wie bestimmte Medienpolitiken die Globalisierung der Medien befördert haben. Umgekehrt ist die Globalisierung der Medienkommunikation selbst für die (Medien-)Politik eine Herausforderung: Früh wurde dies in der medien- und kommunikationspolitischen Diskussion der UNESCO gesehen, wo bereits in den 1970er-Jahren die Forderung nach einer neuen Weltinformations- und Kommunikationsordnung laut wurde. Aktuell wird dieser Rückbezug an Konzepten einer Global Governance der Medien deutlich – also anhand von Versuchen, »globale Medien« durch selbst-»globalisierte Regulationen« zu steuern.

[16]Das Kapitel, »Medienproduktion und deren transkulturelle Kontexte«, setzt sich mit der Produktion transkultureller Kommunikation auseinander. Behandelt wird im weitesten Sinne, welche Unternehmen Medieninhalte anbieten, die »transkulturell verfügbar« sind und durch welche Produktionskulturen sich diese Medienkonzerne auszeichnen. Diskutiert wird weiter das Entstehen von transkulturellen Formen des Journalismus. Daneben interessieren – spätere Überlegungen im sechsten Kapitel vorbereitend – alternative Formen der transkulturellen Medienproduktion. Zum Schluss widmet sich das dritte Kapitel dem Phänomen globaler Medienstädte als herausragende Lokalitäten einer transkulturell orientierten Medienproduktion.

Von der Medienproduktion weg bewegt sich das darauffolgende Kapitel hin zu den Medienprodukten bzw., um konkreter zu sein, zu transkulturellen Medienrepräsentationen. Dabei beginnt das Kapitel mit dem Bereich, der immer wieder stark die Diskussion um transkulturelle Kommunikation gekennzeichnet hat, nämlich dem des Films. Dieser wird anhand der Beispiele Hollywood, Bollywood und Nollywood fokussiert. Dann wechselt der Schwerpunkt zu Produktimporten und Formatadaptionen, durch die im fiktionalen Bereich weitere transkulturelle Kommunikationsbeziehungen geschaffen werden. Anschließend wird die Frage diskutiert, inwieweit transkulturelle Nachrichtenartikulationen und damit auch politische Öffentlichkeiten bestehen. Abgeschlossen wird das Kapitel mit einer Betrachtung von Medienereignissen – vielleicht dem Phänomen auf Repräsentationsebene, das für eine Auseinandersetzung mit Fragen transkultureller Kommunikation die höchste Relevanz hat.

Das folgende Kapitel »Medienaneignung und Transkulturation« beschäftigt sich mit transkultureller Kommunikation aus der Sicht des Medienhandelns von Menschen in deren Alltag. Zuerst wird hier ein Begriff von Medienaneignung als Prozess der kulturellen Lokalisierung erarbeitet. Dieses Verständnis ermöglicht es, die Diskussion um einen »digital divide« in mediatisierten Alltagswelten aus einer anderen Perspektive zu sehen als bisher. Dies führt dann zu sich mit transkultureller Kommunikation verändernden Gemeinschaften und Vergemeinschaftungen, den medienbezogenen Identitäten von Menschen in verschiedenen kulturellen Kontexten und sich hieraus ergebenden Herausforderungen für die (politische) Bürgerschaft.

Den Abschluss des Buchs bildet das Kapitel »Perspektiven transkultureller Kommunikation«. Hier werden die Kernpunkte der vorangegangenen Kapitel aufgegriffen und auf dieser Basis einige Anmerkungen dazu gemacht, welche Perspektiven der transkulturellen Kommunikation bestehen – sowohl im Hinblick auf den Gegenstandsbereich als auch im Hinblick auf die in diesem Buch umrissene wissenschaftliche Zugangsweise.

Verschweigen möchte ich in der Einleitung zu diesem Buch nicht, dass es in einer Haltung geschrieben wurde, die versucht, eine vorschnelle Wertung zu vermeiden. Gleichwohl ist aber allein die Entscheidung dafür, sich mit transkultureller Kommunikation zu beschäftigen, nicht frei von normativen Implikationen. Mir geht es[17] darum, die Möglichkeiten transkultureller Kommunikation auszuloten, weil ich diese für in hohem Maße wichtig halte für menschliche Kooperation in Zeiten fortschreitender Globalisierung. In einem solchen Sinne hat Richard Sennett (2012: x) festgestellt: »Dank moderner Kommunikationsformen haben wir mehr Kanäle zwischen den Menschen, aber verstehen uns immer weniger darin, gut zu kommunizieren.« Meine Hoffnung ist, dass dieses Buch einen kleinen Beitrag dazu leistet, diese Kommunikation, und damit auch die kulturübergreifende Kooperation, zu verbessern.


[18][19]2Zugänge zu transkultureller Kommunikation

Die Beschäftigung mit Medienkommunikation in ihrem globalen Kontext hat in den letzten Jahren einen Boom erfahren: Immer stärker ist ins Bewusstsein der Kommunikations- und Medienwissenschaft gerückt, dass ein Spezifikum medienvermittelter Kommunikation (kulturelle) Grenzüberschreitungen, aber auch neue Grenzziehungen sind. Mit Etablierung der Satellitenkommunikation, des Internets und zunehmend auch einer globalisierten Mobilkommunikation wurde deutlicher, dass viele Momente des aktuellen Medienwandels nicht an nationalstaatlichen oder nationalkulturellen Grenzen haltmachen, sondern per se grenzüberschreitend sein können. Gleichzeitig sind aber auch vielfältige neue Prozesse der Grenzziehung auszumachen. Während eine sich für globale Fragen interessierende Mediengeschichte zeigt, dass manches der Phänomene bei einem näheren Blick dann doch nicht ganz so neu ist (siehe Briggs/Burke 2009; Bösch 2011), kann man allerdings sagen, dass die fortschreitende Globalisierung und Mediatisierung der letzten Jahre den Blick der Kommunikations- und Medienforschung für Fragen grenzüberschreitender Kommunikation geschärft hat.

Parallel zu diesem (empirischen) Relevanzgewinn finden wir eine Begriffsverschiebung in den Publikationen. Manche Studien arbeiten bis heute mit den Begriffen der »internationalen Kommunikation«, der »interkulturellen Kommunikation« und der »Entwicklungskommunikation«, betonen aber in jüngerer Zeit die globale Einbettung derselben. »Internationale Kommunikation« (Thussu 2006) legt dabei den Akzent auf eine die Landesgrenzen übergreifende produzierte Medienkommunikation, verbunden mit dem Gedanken, dass (öffentliche) Massenkommunikation primär nationalstaatlich orientiert ist (Esser/Pfetsch 2004). Bei der »interkulturellen Kommunikation« (Jandt 2012) rücken stärker auch Fragen der personalen, wechselseitigen Medienkommunikation in den Blick, und es gibt deutliche Übergangsbereiche zwischen Kommunikations- und Medienwissenschaft auf der einen Seite und Sprach- und Literaturwissenschaften auf der anderen Seite. Die »Entwicklungskommunikation« (McPhail 2009) befasst sich – durchaus getrieben von konkreten Problemen – zuerst mit der Frage, welchen Beitrag die Medien für eine »Modernisierung« (Lerner 1977) der damals sogenannten »Dritten Welt« leisten können, später mit der Nutzung von Medien als »Hilfe zur Selbsthilfe« (Servaes 1999). Letztlich werden Grenzziehungen und Entgrenzungen in all diesen Fällen aber primär national gedacht.

Mit der fortschreitenden Globalisierung und Mediatisierung haben sich dann weitere Begriffe etabliert, insbesondere die der »transnationalen« und »transkulturellen Kommunikation«. Der Begriff der »transnationalen Kommunikation« trägt hierbei nach wie vor den Bezug zu Nationalstaat und Nationalkultur in sich, betont aber das Bestehen von Phänomenen, die weitergehend sind, als dass man sie im »Inter« von Nationen einordnen könnte (siehe bereits Schiller 1979). Der in diesem Buch im [20]Zentrum stehende Begriff der transkulturellen Kommunikation geht noch einen Schritt weiter. Das Kernargument lautet, dass die Etablierung des Ansatzes der transkulturellen Kommunikation nicht einfach damit verbunden ist, dass es sich bei ihm um eine weitere Analyseebene vergleichender Kommunikations- und Medienforschung handelt. »Transkulturell« fasst also nicht nur das Interesse für kulturübergreifende Kommunikationsprozesse, wie im Englischen der Ausdruck »cross-cultural« in der Medien- und Kommunikationsforschung (Lewis 1999). Letztlich ist mit dem Begriff der transkulturellen Kommunikation eine grundsätzlichere Umorientierung verbunden. Um dies zu verdeutlichen, möchte ich in diesem Kapitel in vier Schritten vorgehen. Zuerst werden die drei primären Diskursfelder, auf die sich der Ansatz der transkulturellen Kommunikation bezieht, rekonstruiert: die kommunikativen Folgen der Globalisierung, die Kritik des Postkolonialismus sowie die methodologische Reflexion bestehender vergleichender Forschungsansätze. Dies macht dann viertens – als integrierendes Fazit und Weiterführung der Diskussion zugleich – das Potenzial des Ansatzes der transkulturellen Kommunikation in einer empirischen Analyse der kommunikativen Figurationen in globalisierten, mediatisierten Welten greifbar.

Damit bei dieser Darstellung keine Missverständnisse entstehen, erscheinen zu Beginn einige Klärungen notwendig. So ist im Weiteren der Begriff des Ansatzes bewusst im Sinne des englischen »approach« gewählt. Dieser Ausdruck soll verdeutlichen, dass es sich bei der transkulturellen Kommunikation nicht um eine geschlossene Theorie handelt (wie beispielsweise die Systemtheorie) oder um eine Schule von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern (wie bei der Frankfurter Schule). Vielmehr hat sich um diesen Begriff herum in einem nun mehrere Jahrzehnte anhaltenden wissenschaftlichen Diskurs eine spezifische Zugangsweise auf Fragen der Medienkommunikation etabliert, die in einem offenen Sinne als ein Ansatz greifbar wird. Entsprechend geht es in diesem Kapitel um Zugänge zu transkultureller Kommunikation.

Dies erklärt auch, warum im Weiteren dieser Ansatz entlang von drei Diskursfeldern dargestellt wird bzw. wie diese in ihrer Beziehung zueinander zu sehen sind. Letztlich handelt es sich hierbei – und dies begründet ihre Auswahl – um die drei in einer rückblickenden Betrachtung greifbar werdenden primären Bereiche der Diskussion: um grenzüberschreitende und grenzziehende Kommunikation, in denen der Begriff der transkulturellen Kommunikation bzw. der Transkulturation Verbreitung fand und in deren Zusammenkommen sich transkulturelle Kommunikation als ein Ansatz konstituiert hat. Hierbei zeichnet sich jedes der drei Diskursfelder als Zugang zu transkultureller Kommunikation durch eine unterschiedliche Akzentsetzung aus, die gleichwohl eine wichtige Komponente des Ansatzes der transkulturellen Kommunikation bedeutet: Dies ist die historisierende Zugangsweise im Diskussionsfeld der transkulturellen Kommunikation als Folge einer fortschreitenden Globalisierung der Medienkommunikation. Im Diskursfeld des Postkolonialismus ist dies das kritische Potenzial des Konzepts der Transkulturalität. Und bei der methodischen Diskussion geht es insbesondere um die Reformulierung des Instrumentariums der kulturübergreifenden[21] und kulturvergleichenden Medien- und Kommunikationsforschung. Solche unterschiedlichen Akzentsetzungen machen deutlich, warum es heuristisch sinnvoll ist, diese Diskursfelder voneinander zu unterscheiden. Gleichzeitig wird aber auch greifbar, inwiefern alle drei in einer Betrachtung von transkultureller Kommunikation zusammengehören: Erst die Gesamtheit der Kernaspekte dieser drei Diskursfelder macht den Ansatz der transkulturellen Kommunikation aus.

Wichtig sind im Rahmen einer solchen Argumentation im Vorfeld aber auch je eine kurze Anmerkung zum Kultur- und Kommunikationsbegriff. Der Kulturbegriff des Ansatzes der transkulturellen Kommunikation ist in der Folge des von Jan Nederveen Pieterse (1998) so bezeichneten translokalen Kulturbegriffs einzuordnen. Diesen translokalen Kulturbegriff hat Nederveen Pieterse von einem territorialen Kulturbegriff abgegrenzt. Territoriale Konzepte von Kultur sind innenorientiert und endogen, fokussiert auf eine Organität, Authentizität und Identität von Kultur. Es geht also um Vorstellungen von Kultur als einem »funktionalen Organismus« – zumeist als Nationalkultur und bezogen auf nationale Gesellschaften. Translokale Konzepte von Kultur hingegen sind außenorientiert und exogen, fokussiert auf Hybridität, Übersetzung und fortlaufende Identifikation. Das Bild von Kultur ist ein anderes, das stärker deren Prozesshaftigkeit und Unabgeschlossenheit betont. In einem solchen Rahmen bewegt sich der Kulturbegriff des Ansatzes der transkulturellen Kommunikation. Deshalb wird hier davor gewarnt, den Begriff der Kultur unhinterfragt mit Vorstellungen von Nationalkulturen territorialer Staaten gleichzusetzen. Kultur hat zuerst einmal immer etwas mit alltagsweltlicher Bedeutungsproduktion zu tun. In Anlehnung an den britischen Sozial- und Kulturforscher Stuart Hall (2002) können wir darunter so viel wie die »Summe« der verschiedenen »Klassifikationssysteme« und »diskursiven Formationen« verstehen, auf die sich unsere alltagsweltliche Bedeutungsproduktion bezieht. Klassifikationssysteme sind letztlich Muster des systematischen Zusammenhangs von Zeichen (wobei der Zeichenbegriff hier in einem sehr weiten Sinne verstanden wird, also nicht nur sprachliche Zeichen meint). Diskursive Formationen sind weitergehende, musterhafte Konstellationen des Gebrauchs dieser Zeichen in sprachlichen und nicht-sprachlichen Praktiken. Es geht bei Kultur also immer auch um die Praxis, das »Doing« der Bedeutungsproduktion.

In einem solchen Sinne werden im Weiteren Kulturen als Verdichtungsphänomene begriffen (siehe Hepp 2013a: 66–68). Damit ist gemeint, dass die vielen kulturellen Muster, die empirisch auftreten, für unterschiedliche Kulturen charakteristisch bzw. in der einen oder anderen Weise bei verschiedenen Kulturen zu finden sind. Entsprechend gehen Kulturen fließend ineinander über bzw. sind an ihren Rändern unscharf. Trotz solcher Unschärfen wird im Kern der Verdichtung einer Kultur greifbar, was diese charakterisiert, wodurch sie sich von anderen Kulturen unterscheidet. Wenn im Folgenden in diesem Zusammenhang dann nicht nur von Kultur sondern von Medienkultur gesprochen wird, bezeichnet dies all solche Kulturen, deren primäre Bedeutungsressourcen mittels technischer Kommunikationsmedien vermittelt werden und[22] die durch diese Prozesse auf unterschiedliche, je zu bestimmende Weisen »geprägt« werden. Medienkulturen sind also im Sinne unserer eingangs formulierten Definition durch Mediatisierung gekennzeichnete Kulturen. Und mediatisierte Welten sind diejenigen Ausschnitte des Sozialen, in denen sich Medienkulturen in der Alltagspraxis konkretisieren.

Bezogen auf den Begriff der Kommunikation ist zu sagen, dass mit dem Ansatz der transkulturellen Kommunikation ein handlungs- bzw. praxistheoretischer Kommunikationsbegriff verbunden ist. Kommunikation bezeichnet entsprechend jede Form der symbolischen Interaktion, bewusst und geplant wie habitualisiert und situativ vollzogen (Reichertz 2009: 94). Das heißt, dass Kommunikation auf den Gebrauch von Zeichen verweist, die Menschen in ihrer Sozialisation erlernen und die als Symbole meist arbiträr sind, d. h., auf sozialen Regeln beruhen: Es gibt keinen natürlichen Grund, warum der Baum »Baum« heißt. Interaktion bezeichnet das wechselseitig aufeinander bezogene soziale Handeln von Menschen. Gemeint ist damit, dass Menschen aneinander orientiert etwas tun. Kommunikation ist grundlegend für die menschliche Wirklichkeitskonstruktion, d. h., wir »erschaffen« uns unsere soziokulturelle Wirklichkeit in vielfältigen kommunikativen Prozessen. Wir werden in eine Welt geboren, in der vor uns Kommunikation besteht, wir erlernen das, was diese Welt (und ihre Kultur) auszeichnet, in dem (kommunikativen) Prozess des Spracherwerbs, und wenn wir dann in dieser Welt handeln, so ist dies immer auch kommunikatives Handeln.


Folgen der Globalisierung

In einem ersten Diskursstrang kommt der Ausdruck der transkulturellen Kommunikation als im weitesten Sinne zu verstehende Folge der Globalisierung (von Medienkommunikation) auf. Exemplarisch kann für den deutschen Sprachraum auf die Arbeiten des Soziologen und Kommunikationsforschers Horst Reimann (1992) verwiesen werden. Dieser versuchte, mit transkultureller Kommunikation die Spezifik der zunehmenden globalen Kommunikationsprozesse in einer »Weltöffentlichkeit« nachzuempfinden. Referenzpunkt ist dabei für ihn die Systemtheorie Niklas Luhmanns, die wegen des zumindest prinzipiell grenzüberschreitenden Charakters heutiger Kommunikation von der Existenz einer Weltgesellschaft ausgeht: Indem »immer weitere Kommunikationsmöglichkeiten […] sich nicht auf regionale Grenzen festlegen lassen« (Luhmann 1997: 150) und die Grenzen einer Gesellschaft in dieser Perspektive durch die Grenzen der anschlussfähigen Kommunikation bestimmt werden, kann von der Existenz einer Weltgesellschaft gesprochen werden. Diese ist durch vielfältige transkulturelle Kommunikationen gekennzeichnet.

Mit ihrem Bezug zu den Cultural Studies und der europäischen Kulturphilosophie theoretisch ganz anders verortet sind die Veröffentlichungen der Kommunikationsund [23]Medienwissenschaftler Kurt Luger und Rudi Renger (1994), die ebenfalls mit dem Konzept der transkulturellen Kommunikation arbeiten (Luger 1994). In ihrer sich stark an den Philosophen Wolfgang Welsch anlehnenden Argumentation werden gleichwohl ebenfalls die Bezüge zur Globalisierungstheorie deutlich. Die Kernüberlegung ist, dass mit der Globalisierung an die Stelle von »Kulturen alten Zuschnitts« – also National- oder Regionalkulturen – diverse (neue) »Lebensformen« (Welsch 1992: 5) getreten sind: u. a. durch Markenkommunikation, globalisierte populäre Medieninhalte oder Werbung-gestützte Lebensstile. Transkulturalität ist dann ein Konzept, um solche Phänomene zu analysieren.

Aber auch im englischsprachigen Raum ist der Begriff des Transkulturellen bereits früh stark mit Fragen der Globalisierung verbunden. Neben Ansätzen einer »transkulturellen Psychologie« (Kiev 1972) stehen hierfür sich auf praktische Fragen des Managements beziehende Publikationen. In diesen wird beispielsweise transkulturelle Kommunikation als Teil einer »transkulturellen Führung« (Simons et al. 1993) behandelt, die in durch Globalisierung gekennzeichneten Unternehmen notwendig wird. Transkulturell wird dabei definiert als »Verankert-Sein in der eigenen Kultur bei gleichzeitigen allgemein-kulturellen wie kultur-spezifischen Fähigkeiten, um effektiv in multikulturellen Umgebungen zu leben, zu interagieren und zu arbeiten« (Simons et al. 1993: 245). Noch deutlicher werden solche Bezüge in kommunikations- und medienwissenschaftlichen Publikationen. So macht der amerikanische Kommunikations- und Medienforscher James Lull – Bezug nehmend auf Néstor García Canclini (1995) – mit fortschreitender Globalisierung der Medienkommunikation eine Transkulturalisierung aus (Lull 2000: 242). Und auch der Kommunikations- und Medienwissenschaftler Marwan M. Kraidy (2005: 38–44) entwickelt sein Verständnis transkultureller Kommunikation in Auseinandersetzung mit der Globalisierung der Medien.

Textbox 1: Verständnisse von Transkulturalität und Transkulturation

Transkulturalität in philosophischer Perspektive:

»›Transkulturalität‹ will beides anzeigen: dass wir uns heute jenseits der klassischen Kulturverfassung befinden und dass die neuen Kultur- bzw. Lebensformen durch diese alten Formationen wie selbstverständlich hindurchgehen.« (Welsch 1992: 5)

Transkulturalität in anthropologischer Perspektive:

»[…] das Wort Transkulturation beschreibt besser die unterschiedlichen Phasen des Übergangsprozesses von einer Kultur in eine andere, da es nicht lediglich das Erwerben einer anderen Kultur umfasst, was das englische Wort der Akkulturation impliziert; im Gegensatz schließt dieser Prozess notwendigerweise auch den Verlust von oder das Entwurzeln aus einer vorherigen Kultur mit ein, was man als Dekulturation definieren könnte. Zusätzlich trägt Transkulturation die Vorstellung[24] einer sich in der Folge ergebenden Herstellung neuer kultureller Phänomene in sich, die man Neokulturation nennen könnte.« (Ortiz 1970: 102 f.; Herv. i. O.)

Transkulturalität in wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive:

»›Transkulturelle Führung‹ füllt eine Lücke in der Managemententwicklung. Es geht bei ihr darum, wie Vielfalt unsere alltäglichen Handlungen beeinflusst. Es geht um Gespräche, Sitzungen, Unterredungen, das Treffen von Entscheidungen ebenso wie um das Erlangen von Einvernehmen, das Lösen von Streit, angemessenes Training und Leistungseinschätzungen. Das Konzept sagt uns, wie wir mit Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund umgehen, ob bei der Planung, Arbeit oder dem gemeinsamen Essen.« (Simons et al. 1993: xv)

Transkulturalität in kommunikations- und medienwissenschaftlicher Perspektive:

»Im Gegensatz zur interkulturellen Kommunikation, die dazu tendiert, Kontakte zwischen Individuen unterschiedlicher, als einzelne Entitäten gedachter Kulturen zu studieren, geht transkulturelle Kommunikation davon aus, dass alle Kulturen grundsätzlich gemischt sind. [Das Konzept] versucht die Tiefe, Reichweite und Ausrichtung verschiedener Ebenen von Hybridität in sozialer – und nicht individueller – Hinsicht zu verstehen. Kritischer Transkulturalismus integriert sowohl diskursive als auch politisch-ökonomische Analysen in die Untersuchung von internationaler Kommunikation und Kultur.« (Kraidy 2005: 149)

Die Etablierung des Begriffs der transkulturellen Kommunikation verweist demnach auf eine spezifische Reflexion von medialer Globalisierung (siehe die Beiträge in Hepp/Löffelholz 2002): Wenn wir von einer Globalisierung der Medienkommunikation ausgehen können, so müssen wir in der Konsequenz anders über grenzüberschreitende Kommunikation nachdenken, als dies mit klassischen Paradigmen der internationalen und interkulturellen Kommunikation der Fall war. An dieser Stelle treffen sich bemerkenswerterweise so unterschiedliche Theorietraditionen wie die der Systemtheorie, der Cultural Studies und der Medienanthropologie.

Für ein angemessenes Verständnis der Globalisierung der Medienkommunikation erscheint es hilfreich, sich zuerst einmal die Genese dieses Konzepts zu vergegenwärtigen. So wird hierunter nicht einfach in einer ökonomischen Konzeptionalisierung das Entstehen von global agierenden Medienkonzernen und deren sich steigernde weltweite Macht gefasst. Das Konzept ist ungleich komplexer. Zu sehen ist es erst einmal in der Kritik des Ansatzes des Kulturimperialismus, wonach eine zunehmende weltweite Verbreitung von Medienkommunikation letztlich mit der (kulturellen) Machtausübung einer Nation im Zentrum über eine Nation in der Peripherie gleichzusetzen wäre (Galtung 1972: 35), was gerne als Amerikanisierung gedacht[25] wird. So endet der britische Kultursoziologe John Tomlinson (1991: 175) seine umfassende Darstellung der Entwicklung dieses Ansatzes des Kulturimperialismus mit dem Satz: »Was Imperialismus ersetzt, ist Globalisierung.« Diese zugespitzte Aussage verdeutlicht, dass zum Zeitpunkt ihrer Äußerung die weltweite grenzüberschreitende Kommunikation ein Maß an Komplexität erreicht hat, mit der diese nicht (mehr) hinreichend mit Vorstellungen national-imperialer Strukturen gefasst werden kann: Das Hollywood-Studio COLUMBIA PICTURES ENTERTAINMENT INC. wurde mit SONY von einem japanischen Unternehmen übernommen, aber auch lateinamerikanische bzw. indische Medienunternehmen begannen in den Westen »zurückzukommunizieren« (siehe überblickend zu dieser Thematik Boyd-Barrett/Thussu 1992; Tomlinson 2002). Das Konzept der Globalisierung der Medienkommunikation versprach eine größere Komplexität der Theoriebildung als das des Kulturimperialismus.

Hiermit fügte sich die Kommunikations- und Medienwissenschaft in den allgemeinen Diskurs der Sozialwissenschaften ein. Verschiedene sozialwissenschaftliche Theoretiker forderten, den bestehenden sozialwissenschaftlichen Begriffsapparat im Hinblick auf die fortschreitende Globalisierung zu überdenken (siehe beispielsweise Appadurai 1996; Beck 1997; Giddens 1996; Hannerz 1996). Solche Überlegungen aufgreifend argumentiert insbesondere John Tomlinson (1999) dafür, im kulturellen Bereich Globalisierung nicht mit der Homogenisierung einer »globalen Kultur« (Featherstone 1990) gleichzusetzen. Umgekehrt kann aber auch nicht davon ausgegangen werden, dass Globalisierung kulturell folgenlos wäre. Globalisierung bezeichnet in einer solchen Perspektive – wie bereits in der Einleitung formuliert – die Zunahme einer »komplexen Konnektivität« nicht nur von Eliten, sondern ebenso auf der Ebene des Alltagslebens einer großen Zahl von Menschen. Diese Konnektivität hat verschiedene Dimensionen. Entsprechend ist es möglich, die Globalisierung der Medienkommunikation als die weltweite Zunahme einer kommunikativen Konnektivität zu begreifen (Hepp 2004: 125–135; siehe auch Hepp et al. 2005). Mit dieser geht als Kulturwandel eine Deterritorialisierung einher, d. h. ein Aufweichen der scheinbar natürlichen Beziehung zwischen Kultur und geografischen bzw. sozialen Territorien (García Canclini 1995: 229). Konkret wird dies an Beispielen von Kulturprodukten wie (Welt-)Musiktiteln, die durch die Konnektivität des Internets an fast allen Orten verfügbar sind, an Fernsehformaten wie »Idol«, die in verschiedensten Ländern Verbreitung finden, an Bollywood-Filmen, die weit über den indischen Kontinent hinaus Zuschauerinnen und Zuschauer haben, oder an Kontakten vieler Reisender und Migrantinnen bzw. Migranten, die sich über Internet und Social Web managen und aufrechterhalten lassen. Dies darf aber nicht zu verkürzenden Vorstellungen verleiten, die Globalisierung der Medienkommunikation mit einer Grenzenlosigkeit derselben gleichsetzen (Hafez 2005). Wir haben es beispielsweise in Bezug auf die arabische Welt mit einer Reterritorialisierung einer panarabischen Öffentlichkeit zu tun. Gleichwohl bedeutet die Globalisierung der Medienkommunikation, dass wir diese[26] nicht in einer rein westlichen Perspektive erfassen können. Ein »De-Westernizing« der Kommunikations- und Medienforschung erscheint notwendig (Curran/Park 2000; Gunaratne 2010; Nyamnjoh 2011; Ray 2012; Thussu 2009). Gemeint ist damit, dass hinterfragt werden sollte, inwieweit die anhand westlicher Medienkulturen und Mediensysteme entwickelten Begrifflichkeiten hinreichend sind, um Medienphänomene in der gesamten Welt zu erfassen.

In einer solchen allgemeinen Diskussion wurde verstärkt der historische Charakter der Globalisierung von Medienkommunikation betont. An dieser Stelle ist auf die Arbeiten des französischen Kommunikations- und Informationswissenschaftlers Armand Mattelart zu verweisen. Dieser verortet die Anfänge der gegenwärtigen »globalen Vernetzung« im Aufbau der ersten Telegrafenleitungen des 19. Jahrhunderts (Mattelart 1999: 15–36). Ebenso zeigt er, dass heutige Vorstellungen der Informationsgesellschaft ihre Wurzeln in Utopien des 17. und 18. Jahrhunderts haben (Mattelart 2003: 9–26). Wir müssen gegenwärtige Schübe der Globalisierung der Medienkommunikation also in ihrem weiteren historischen Kontext sehen, der letztlich auf eine – wenn auch nicht linear – fortschreitende Mediatisierung von Kultur und Gesellschaft verweist (Krotz 2005): Umfassende Kommunikationsbeziehungen zwischen verschiedenen Regionen der Welt bestanden auch früher. Mit der technischen, sich mehr und mehr vervielfältigenden Vermittlung dieser Kommunikationsbeziehungen besteht die Differenz allerdings einerseits in der alltagsweltlichen Reichweite der heutigen kommunikativen Konnektivität. Andererseits besteht die Differenz darin, dass diese kommunikative Konnektivität in Echtzeit möglich ist und so eine umfangreiche medienvermittelte Synchronität gestattet. In einer solchen Einordnung ist die Globalisierung der Medienkommunikation kein vollkommen neues Phänomen des 20. und 21. Jahrhunderts. Allerdings findet in diesem Zeitraum eine umfassende »Radikalisierung« derselben statt: Wir haben es mit einer durch die elektronischen Medien sprunghaft steigenden Zunahme der alltagsweltlichen Relevanz und Synchronität von kommunikativer Konnektivität zu tun.

Insgesamt können wir damit ein ambivalentes Verhältnis zwischen den Konzepten der Globalisierung der Medienkommunikation und dem der transkulturellen Kommunikation ausmachen: So ist die umrissene Diskussion um die Globalisierung der Medienkommunikation der weitergehende Horizont eines Diskursstrangs, in dem sich das Konzept der transkulturellen Kommunikation etablierte und zu einem Ansatz entwickelte. Gleichzeitig allerdings versucht Letzterer die Diskussion um die Globalisierung der Medienkommunikation fortzuführen und zu konkretisieren. Mit der Beschäftigung mit transkultureller Kommunikation ist der Versuch verbunden, die in der Diskussion um die Globalisierung der Medienkommunikation allgemein konstatierte, zunehmende weltweite kommunikative Konnektivität genauer zu fassen. Wodurch zeichnet sich Medienkommunikation aus, wenn diese kulturübergreifend geschieht? Wie ist transkulturelle Medienkommunikation empirisch adäquat zu beschreiben? Es sind solche, auf eine empirische Kommunikations- und Medienforschung [27] zielende Fragen, die mit dem Begriff der transkulturellen Kommunikation verbunden sind.


Postkoloniale Kritik

Ein zweites Diskursfeld des Ansatzes der transkulturellen Kommunikation ist das der postkolonialen Kritik. Wie der Begriff schon verdeutlicht, handelt es sich dabei um ein interdisziplinäres Feld, zu dem neben Arbeiten der Kommunikations- und Medienforschung auch die der Ethnologie bzw. Kulturanthropologie und literaturwissenschaftliche Untersuchungen gehören. In diesem Feld ist allerdings weniger der Ausdruck der transkulturellen Kommunikation verbreitet, als der der Transkulturalisierung (engl. »transculturation«) etabliert. Dieser geht insbesondere auf eine Studie des kubanischen Kulturanthropologen Fernando Ortiz aus dem Jahr 1940 zurück. In seiner Untersuchung mit dem englischen Publikationstitel »Cuban Counterpoint« (orig. 1940: »Contrapunteo cubano del tabaco y el azúcar«) befasst sich Ortiz damit, wie das Wechselverhältnis der Produktionskulturen von Tabak und Zucker in Kuba zu verschiedenen neuen Kulturformen beiträgt. In dieser Analyse steht »Zucker« für das mit der Kolonialisierung importierte industrielle System mit Disziplinierung, maschineller Produktion und mechanisierter Zeit. »Tabak« steht für die indigenen Produktionsweisen mit einheimischer Kontrolle des Produktionsprozesses, individueller handwerklicher Kompetenz und jahreszeitlich bestimmten Arbeitsrhythmen (Mackenthun 2011: 134). Das Zusammenkommen dieser beiden Produktionsweisen ist ein komplexer dialektischer Prozess. Um diesen zu fassen, entwickelt Ortiz den Begriff der Transkulturation, den er gegen den der Akkulturation im Sinne des Hineinwachsens in eine Kultur stellt (siehe hierzu das Zitat in der Textbox 1).

Mit diesem früh von dem Sozialanthropologen Bronislaw Malinowski (1970) gewürdigten Konzept der Transkulturation entwickelt Fernando Ortiz einen zuvor in dieser Form nicht ausformulierten Blick auf kulturelle Prozesse in Lateinamerika. Aus seiner Sicht ist die »wirkliche Geschichte Kubas die Geschichte von miteinander verzahnten Transkulturationen« (Ortiz 1970: 98): Bereits mit der Kolonialisierung war es nicht so, dass eine (nationale) spanische Kultur in Kuba Fuß fasste. Kulturen von Menschen unterschiedlicher romanischer Länder Europas fanden ihren Weg dorthin. Sie traten von Beginn an in Kontakt mit indigenen Kulturen, was zu einem »neuen Synkretismus von Kulturen« (Ortiz 1970: 98) führte. Vielfältige weitere Prozesse der Transkulturation schlossen sich an, u. a. durch den Sklavenhandel. Hier betont Ortiz Jahrzehnte vor den Arbeiten des Kulturanalytikers Paul Gilroy (1993) den Status der Überfahrt in Sklavenschiffen: Afrikaner sehr unterschiedlicher Kulturen wurden »wahllos in die Sklavenschiffe geworfen und durch das System der Sklaverei sozial gleichgemacht« (Ortiz 1970: 101). Dieser selbst schon transkulturelle Sklavenhandel stieß in Kuba dann weitere Prozesse der [28]Transkulturalisierung an. Transkulturation fasst demnach einerseits, dass koloniale Macht- und Produktionsverhältnisse nicht das Durchsetzen einer Kultur bedeuten (siehe Hermann 2007: 257 f.; Koch 2008: 12). Andererseits verdeutlicht der Begriff in seiner Prozesshaftigkeit, dass es hierbei um einen fortlaufenden Vorgang des Entstehens neuer synkreter – oder, wie man heute sagen würde: hybrider – Formen von Kultur geht.

Teils in explizitem Verweis auf Ortiz, später ohne Referenz auf ihn, fand der Begriff der »Transkulturation« Verbreitung in der postkolonialen Forschung. Detailliert wurde dies von Diana Taylor (1991) nachgezeichnet. Sie verweist insbesondere auf die Arbeiten des peruanischen Ethnografen und Literaten José María Arguedas (1982). Aus seiner Sicht ist die indigene Kultur, wie wir sie kennen, das Produkt von Transkulturationen – des langjährigen Kontakts zwischen früheren peruanischen Kulturen und denen der Kolonialisierenden. Entsprechend gibt es für ihn keine »reine« indigene oder spanische Kultur unter den Einwohnern Perus, sondern nur vielfältige »Mestizo«-Kulturen. Eurozentrische Konzeptionalisierungen von Kultur erscheinen ihm nicht hinreichend, um den hybriden Charakter der Kulturen Lateinamerikas zu fassen.

Die hierauf aufbauende Diskussion gewann an Breite (siehe beispielsweise die Beiträge in Bekers et al. 2009; Davis et al. 2002; Kalogeras et al. 2006). Spätere Arbeiten lateinamerikanischer Kultur- und Kommunikationswissenschaftler wie beispielsweise die des bereits zitierten Néstor García Canclini, die den unweigerlich hybriden Charakter lateinamerikanischer Kulturen betonen, müssen in der direkten Folge dieser Beschäftigung mit Transkulturalität gesehen werden (siehe García Canclini 1995; Hepp 2009b; Lull 1998). Dabei fasst der Ausdruck der Transkulturalisierung generell das Entstehen neuer Kulturformen aus ehemals differenten kulturellen Kontexten in einem Prozess der durchaus machtgeprägten Hybridisierung. Hybridität bezeichnet – ähnlich wie der von Ortiz verwendete Ausdruck des Synkretismus – die Vermischung von Ressourcen unterschiedlicher kultureller Kontexte, deren Verbindung, Fusion und Melange (Hepp 2010: 216; 274). Ein solcher Prozess wird in diesem Diskursfeld vor allem in Bezug auf die »subalterne« Aneignung des Kolonialismus analysiert, wobei insbesondere die Kontaktzonen einer solchen Hybridisierung von unten interessieren. So konstatiert Mary Louise Pratt (1992) in ihrer Studie zum kolonialen Reisejournalismus, dass Transkulturation sich in bestimmten Kontaktzonen ergibt, die sie wie folgt beschreibt:

»Kontaktzonen [sind] soziale Räume, in denen sich disparate Kulturen treffen, aufeinander stoßen und miteinander auseinandersetzen, oftmals in hochgradig asymmetrischen Beziehungen der Über- und Unterordnung – wie Kolonialismus, Sklaverei oder deren Nachwirkungen, die heutzutage über den Globus hinweg gelebt werden.« (Pratt 1992: 4).

Wie dieses Zitat deutlich macht, rückt damit der Begriff der Transkulturation in eine große Nähe zu dem des »dritten Raums«. Als »third space« hat Homi Bhabha [29](1994: 55) – einer der zentralen Theoretiker des Postkolonialismus – kulturelle Zwischenräume der Begegnung charakterisiert. In diesen haben »die Bedeutungen und Symbole der Kultur keine ursprüngliche Einheit oder Beständigkeit« (Bhabha 1994: 55). Entsprechend können Prozesse der Übersetzung und Rehistorisierung stattfinden, wobei Bhabha neben dem Ort der Literatur an konkrete Lokalitäten wie beispielsweise das Treppenhaus als Ort der Begegnung (kulturell) sehr unterschiedlicher Menschen denkt. Der Begriff der Transkulturalität fügt sich damit umfassend als »Schlüsselkonzept« (Ashcroft et al. 2009) in die analytischen Konzepte des Postkolonialismus ein. Diesen geht es darum, »ein kritisches Potential zur Beschreibung komplexer historischer Verhältnisse sowie ein utopisches Potential für die Durchführung des unabgeschlossenen Projekts der mentalen Dekolonisierung« (Mackenthun 2011: 123) zu entwickeln.

Eine auf das Diskursfeld des Postkolonialismus ausgerichtete Beschäftigung mit transkultureller Kommunikation reicht von theoretischen Reflexionen der eigenen Arbeit durch Medienpraktiker (MacDougall 1998), über wissenschaftliche Studien zu Filmen als transkulturelle Begegnungsräume (Kramer 2006) bis hin zur Erforschung von Prozessen medienvermittelter Transkulturation in Zeiten der Globalisierung von Medienkommunikation (Kraidy 2005; Lull 2002). Letztlich geht es in solchen Analysen darum, gegenwärtige Transkulturationen zu erfassen, die sich in grenzüberschreitender und grenzziehender Medienkommunikation konkretisieren. Hiermit werden die Problematiken und Phänomene der Transkulturation, die ursprünglich einmal als Ausdruck postkolonialer Situationen gegolten haben, als ein generelles Phänomen der gegenwärtigen Medienkommunikation angesehen. Transkulturelle Begegnungen spielen sich nicht mehr nur an (post-)kolonialen Begegnungsorten ab, sondern sind zum Normalfall grenzüberschreitender Medienkommunikation geworden, so die Überlegung. Wie es James Lull zugespitzt formuliert: »Prozesse der Transkulturation synthetisieren neue kulturelle Genres, während sie traditionelle kulturelle Kategorien einreißen« (Lull 2000: 242).

Die bisher differenzierteste kommunikations- und medienwissenschaftliche Theorieentwicklung in einem solchen Rahmen hat Marwan M. Kraidy (2005) vorgelegt (siehe zu seinem Verständnis der transkulturellen Kommunikation Textbox 1). Sein Ansatz eines »kritischen Transkulturalismus« betont den konstruierten und gleichzeitig machtgeprägten Charakter von Kultur und rückt eine (zunehmende) globale Transkulturalität in den Blick. Es geht darum, nicht von einer Determination transkultureller Kommunikationsbeziehungen durch die bestehenden Strukturen einer politischen Ökonomie der Medien auszugehen, sondern Transkulturationen als sich in bestimmten Ökonomien konkretisierende Interaktionsbeziehungen zu analysieren. Zentral ist dabei die Betonung einer »translokalen Perspektive« (Kraidy 2005: 155). Diese zielt darauf, die vielfältigen Kommunikationsbeziehungen zwischen sehr unterschiedlichen Orten und auf sehr verschiedenen Ebenen in den Blick zu rücken und solche Beziehungen nicht vorschnell in nationalen Totalitäten aufgehen zu lassen. [30]Zusammenfassend charakterisiert Kraidy den von ihm umrissenen Ansatz mit folgenden Worten: »Kritischer Transkulturalismus […] verweigert das, was der Anthropologe George Marcus die ›Fiktion des Ganzen‹ genannt hat, betont aber zur gleichen Zeit, dass interkulturelle Beziehungen ungleich sind« (Kraidy 2005: 153).

Letztlich zielt eine solche Forschung darauf, auf kritische Weise die Hybriditäten zu erfassen, die durch kommunikative Praxis translokal und verschiedene kulturelle Kontexte übergreifend geschaffen werden. An dieser Stelle rekurriert Marwan M. Kraidy (2005: 152) auf den Begriff der Hybridität bei Mikhail Bakhtin (1981), der zwischen organischer und intentionaler Hybridität unterscheidet. Organische Hybridität bezeichnet das Ergebnis der von Ortiz konstatierten Prozesse der Transkulturation als einen unbewussten Vorgang: »Unbewusste Hybride […] gehen schwanger mit potenziellen neuen Weltsichten, mit neuen ›internen Formen‹ der Wahrnehmung der Welt in Worten« (Bakhtin 1981: 360). Die intentionale Hybridität hingegen ist eine bewusste Konstruktion durch die gezielte Kombination unterschiedlicher kultureller Elemente. Kraidy weist darauf hin, dass die Hybriditäten transkultureller Kommunikation zumindest in Teilen gezielt hergestellt sind, weswegen man Fragen der Macht im Blick haben muss:

»Intentionale Hybridität ist entsprechend primär ein kommunikatives Phänomen. […] Kommunikation ist zentral für die Formierung von Hybriditäten, weil sie die Handlungsfähigkeit derjenigen stärkt, die die Mittel zur Übersetzung und Benennung der Welt haben, während die Handlungsfähigkeit anderer Teilnehmer geschwächt wird. Mit anderen Worten ist es primär ein kommunikativer Prozess, ob Hybridität eine Selbstbeschreibung oder eine Zuschreibung durch andere ist. Das Mittel und die Fähigkeit zu kommunizieren sind entsprechend eine wichtige Determinante der Handlungsfähigkeit in interkulturellen Beziehungen, die den Schmelztiegel der Hybridität bilden.« (Kraidy 2005: 152)

In der Zugangsweise dieses kritischen Transkulturalismus’ ist Hybridität also keine per se positive Eigenschaft, sondern die »kulturelle Logik« der Globalisierung, die es kritisch zu analysieren gilt. Exemplarisch macht dies Kraidy am »unternehmerischen Transkulturalismus« der Gegenwart fest. Dieser versucht, Hybridisierung zu nutzen, um Unternehmen profitabler und Kunden zufriedener zu machen (Kraidy 2005: 95). Hier liegt eine strategische Instrumentalisierung von Hybridität vor, die den Reichtum Einzelner fördert – und die weit entfernt ist von emanzipatorischen Vorstellungen des »dritten Raums«. Dies heißt auch, dass man sich – wie Annabelle Sreberny und Gholam Khiabany (Sreberny/Khiabany 2011: 31) zu Recht anmahnen – davor hüten muss, »die Dichotomie von Tradition und Moderne einfach umzukehren, indem wir alles ›Traditionelle‹ überbewerten und den kommerziellen, entwurzelten, banalen und fertig abgepackten ›westlichen‹ Produkten die ›authentischen‹, ›organisch gewachsenen‹ und ›tief verwurzelten Kulturen‹ […] gegenüberstellen«.

[31]Insgesamt wird in dem Diskursfeld der postkolonialen Kritik so ein weiterer Aspekt von transkultureller Kommunikation greifbar: Es geht nicht nur darum, transkulturelle Kommunikation empirisch gesehen als eine mit der Globalisierung an Relevanz gewinnende Form von (Medien-)Kommunikation zu begreifen. Viel grundlegender hebt der Begriff auf Prozesse der Transkulturation ab, die als kennzeichnend für den kulturellen Wandel in Zeiten des Kolonialismus und den sich anschließenden verschiedenen Modernen gesehen wurden. Diese Transkulturation wird als ein kommunikativer Prozess verstanden, der nicht nur für einzelne Orte kultureller Begegnung und Melange kennzeichnend ist. Mit der Zunahme von (weltweiten) Kommunikationsbeziehungen ist Transkulturation zu einem Alltagsphänomen geworden, das es in seiner Widersprüchlichkeit kritisch zu analysieren gilt.


Methodologische Reflexion

Ein drittes Diskursfeld um transkulturelle Kommunikation ist methodologisch ausgerichtet. In diesem werden zwar Überlegungen der zuvor behandelten beiden Diskursstränge aufgegriffen, weswegen man dieses als nachgelagert begreifen kann. Dabei gilt es – so die Argumentation –, grundlegend die methodischen Herausforderungen zu behandeln, die mit zunehmender Globalisierung der Medienkommunikation bzw. kommunikativer Transkulturation bestehen. Hiermit hat dieses Diskursfeld eine sehr große Nähe zu der Kritik an einem methodologischen Nationalismus, weswegen es diese zuerst zu rekonstruieren gilt.

Der Begriff des methodologischen Nationalismus geht insbesondere auf den Nationalismusforscher Anthony D. Smith (1979) zurück. Im Kern wird damit die Annahme gefasst, dass sich nationale Gesellschaften und der Territorialstaat eins zu eins entsprächen. Weiter ausformuliert hat die Kritik an einer solchen Annahme der Soziologe Ulrich Beck, indem er generell die »Axiomatik einer nationalstaatlich eingestellten Soziologie« (Beck 1997: 51) problematisiert. Dieser wirft er vor, methodologisch mit einer »Container-Theorie der Gesellschaft« (Beck 1997: 49) zu operieren, die Gesellschaften (National-)Staaten definitorisch unterordnet. Die Folge ist, dass Gesellschaften als Staatsgesellschaften begriffen werden und Gesellschaftsordnung so viel meint wie Staatsordnung.

Mit einer solchen Container-Theorie der Gesellschaft haben die Sozialwissenschaften die historische Verknüpfung von entstehender Soziologie und politisch gewolltem Aufbau von (europäischen) Nationalstaaten im 19. Jahrhundert mehr oder weniger unreflektiert als Grundmodell der Beschreibung des Sozialen übernommen. Das hierbei bestehende Problem ist, dass die mit Globalisierung an Relevanz gewinnenden Sozialformen wie beispielsweise Diasporas, soziale Bewegungen, supranationale Organisationen usw. in ihrer Spezifik nicht hinreichend erfasst werden. Vor diesem Hintergrund fordert Beck einen methodologischen Kosmopolitismus ein. Letzterer[32] grenzt sich sowohl in der Raum- als auch der Zeitdimension vom methodologischen Nationalismus ab. Räumlich treten »an die Stelle von national-nationalen Beziehungen trans-lokale, lokal-globale, trans-nationale, national-globale und global-globale Beziehungsmuster« (Beck 2004: 118). In der Zeitdimension geht es darum, einerseits die global geteilte Vergangenheit beispielsweise des Kolonialismus analytisch zu berücksichtigen, andererseits die gegenwärtig global erfahrenen Zukunftsbedrohungen beispielsweise im Bereich der Umweltverschmutzung (Beck 2004: 121). Im Kern zielt der methodologische Kosmopolitismus also darauf, dem Paradigma des Containerstaats als Bezugsgröße von Forschung das der räumlichen und zeitlichen Komplexität von translokalen Beziehungsmustern gegenüberzustellen.

Eine solche Diskussion um die Kritik an einem methodologischen Nationalismus prägte umfassend die sozialwissenschaftliche Diskussion der letzten beiden Jahrzehnte. So unterscheiden beispielsweise die Migrationsforscher Andreas Wimmer und Nina Glick Schiller (Wimmer/Glick Schiller 2002: 302–308) drei Modi des methodologischen Nationalismus: Der erste Modus ist bereits durch die von Beck erwähnten Klassiker der Soziologie benannt. Er zeichnet sich dadurch aus, dass Nation zwar eine implizite Zentralität für die entwickelten Konzepte des Sozialen hat (»die Gesellschaft des Nationalstaats«), dies gleichzeitig aber nicht reflektiert wird und so ein »blinder Fleck« der eigenen Betrachtung entsteht. Der zweite Modus ist der der »Naturalisierung des Nationalstaats«. Bei diesem wird der Nationalstaat nicht weiter problematisiert und zum Bezugspunkt jeglicher Forschung gemacht. Ein dritter Modus des methodologischen Nationalismus ist der des generellen »Fokus auf die Grenzen des Nationalstaats«. Bei sozialwissenschaftlichen Analysen geht es dann um die Beschreibung von nationalstaatlichen Prozessen »innerhalb« von Nationalstaaten in Abgrenzung zu Phänomenen »außerhalb«. Folgt man Wimmer und Glick Schiller, gehen diese drei Modi im Diskurs des methodologischen Nationalismus ineinander über und kennzeichnen ihn so insgesamt.

Im Diskursfeld um transkulturelle Kommunikation als methodologische Reflexion finden sich vielfache Bezüge auf die Kritik des methodologischen Nationalismus. Dass dabei allerdings nicht von Transnationalismus sondern von Transkulturalismus gesprochen wird, verweist darauf, dass das Konzept des Nationalen selbst aus kulturanalytischer Perspektive problematisiert wird. Ein wichtiger Bezugsautor ist hierbei der Kulturgeograf und Kommunikationswissenschaftler Kevin Robins. Dieser hat seine Überlegungen zu Transkulturalität und transkultureller Kommunikation im Rahmen seiner empirischen Forschung zu Medien und Migration entwickelt. Dabei weist Robins darauf hin, dass ein Transnationalismus, der Diasporas mit den identischen Konzepten beschreibt wie Nationen bzw. Nationalstaaten, dieser Sozialform nicht hinreichend gerecht wird (vgl. Robins 2003).

Der von Kevin Robins umrissene Zugang postuliert jedoch nicht das Ende des Nationalstaats. Vielmehr geht es ihm darum, das Wechselverhältnis von nationalen und transnationalen Dynamiken in einem weitergehenden transkulturellen Rahmen[33] zu fassen. An dieser Stelle führt er den Begriff der »transkulturellen Vielfalt« (Robins 2006a: 31; siehe auch Robins 2006b: 276) ein, um die Kritik des methodologischen Nationalismus um eine Kritik an Vorstellungen von Kultur als homogener Nationalkultur (im Sinne der eingangs erwähnten territorialen Kulturvorstellung) zu erweitern. Er weist darauf hin, dass gerade Debatten um Vielfalt in Europa letztlich im nationalen Rahmen erfolgen, indem Kultur mit Nationalkultur gleichgesetzt wird und Vielfalt in Europa entsprechend die Vielfalt unterschiedlicher Nationalkulturen bedeutet. Problematisch dabei ist jedoch nicht nur die Nationalisierung von Kultur, sondern darüber hinaus der damit verbundene Kulturbegriff als solcher:

»Letzten Endes ist die Konzeption von Kultur problematisch, wie sie in einer solchen Agenda mobilisiert wird, in der sich der scheinbar neutrale Ausdruck ›Kultur‹ tatsächlich als Kultur in einer nationalen Vorstellung herausstellt. Folglich wird eine Kultur als eine einheitliche und umgrenzte Entität angesehen, als der Besitz einer bestimmten ethnischen oder nationalen Gruppe, als unterschiedlich von den Kulturen anderer Gruppen und als über die Zeit hinweg festgelegt und konstant.« (Robins 2006a: 31)

Betrachtet man jedoch Europa mit seinen vielfältigen Kommunikationsbeziehungen genauer, ist es – wie andere Regionen der Welt – sowohl historisch als auch gegenwärtig durch umfassende transkulturelle (Kommunikations-)Prozesse gekennzeichnet, die es vergleichend in einem komplexeren methodischen Rahmen zu analysieren gilt. Für die Gegenwart lässt sich auf die vielfältigen (Trans-)Migrantinnen und Migranten verweisen, die jenseits der »umgrenzten« Vielfalt nationaler Kulturen in Europa transkulturelle Kommunikation eröffnen. Ein transkultureller Blickwinkel bricht also methodologisch insofern mit Fragen des Nationalen und Transnationalen, als er die Möglichkeit der Verfasstheit von Kultur jenseits von Nationalität untersucht: »Transkulturalismus […] war ursprünglich vor-national und entsprechend vor-transnational« (Robins 2006a: 31).

In diesem Sinne können wir die mit dem Ansatz der transkulturellen Kommunikation verbundene methodologische Reflexion als Zuspitzung der Kritik des empirischen Nationalismus verstehen: Es geht nicht nur darum, die unhinterfragte Anwendung national-territorialer Konstruktionen von Gesellschaft auf jegliche soziale Phänomene zu problematisieren. Diese Kritik des methodologischen Nationalismus wird gesteigert, indem sein impliziter Kulturbegriff in Frage gestellt wird, um die Möglichkeit überhaupt (wieder) zu eröffnen, Kultur jenseits implizit nationaler Konzeptionalisierungen empirisch zu erforschen.

Für einen solchen Zugang stehen neben Kevin Robins auch andere Kommunikations- und Medienwissenschaftlerinnen bzw. -wissenschaftler. Neben den bereits Genannten wie beispielsweise James Lull oder Marwan Kraidy lässt sich auf Ulrike Hanna Meinhof und Anna Triandafyllidou (2006) verweisen. Diese argumentieren,[34] dass traditionelle Ansätze der Beschreibung von Kulturpolitik, die beim Nationalstaat ansetzen, nicht hinreichend sind, um aktuelle Kulturpolitiken in Europa zu erfassen. Notwendig sei vielmehr ein methodisches Ansetzen aus einer »urbanen und metropolen Perspektive« (Meinhof/Triandafyllidou 2006: 6). Ein solcher Zugang zu einem »transkulturellen Europa« eröffnet eine Möglichkeit der Analyse bestehender kultureller Prozesse, die weder auf die Perspektive einer europäischen Kultur im Sinne des kleinsten gemeinsamen Nenners aller Nationalkulturen verkürzt noch auf die Perspektive von Europa als Ansammlung von Nationalkulturen. Joseph Chan und Eric Ma (2002) schlagen einen transkulturellen Ansatz der Medienforschung vor, der einfache Dichotomien wie Mikro vs. Makro oder (in Bezug auf Asien) Staat/Partei vs. Markt/Leute überwindet und komplexere Modelle der (vergleichenden) Medienkulturanalyse entwickelt. Paula Chakravartty und Yuezhi Zhao (2008) fordern eine transkulturelle politische Ökonomie der Medien ein, die jenseits der einfachen Dichotomien (nationalkultureller) politischer Systeme und einem darüber gelagerten supranationalen System operiert, um die globale Verbreitung eines Medienkapitalismus angemessen beschreiben zu können.

Im Kern verweisen solche Argumentationen darauf, in einer komparativen Medienund Kommunikationsforschung einfache Vergleichsmodelle zugunsten komplexerer Ansätze zu überwinden (vgl. zum Folgenden ausführlich Couldry/Hepp 2012; Hepp/Couldry 2009). Methodologisch steht die Zugangsweise der transkulturellen Kommunikation dann für eine bestimmte Vergleichssemantik.

Die internationale und interkulturelle Vergleichssemantik ist dadurch gekennzeichnet, dass der (National-)Staat als ein territorialer Container begriffen wird und als einziger Referenzpunkt von Vergleich fungiert. Konkret heißt dies, dass Mediensysteme, Medienmärkte und Medienkulturen unhintergfragt in Bezug auf (National-) Staaten konstruiert werden und der Staat so von vornherein als Bezugsrahmen einer Auseinandersetzung mit Prozessen der grenzüberschreitenden und grenzziehenden Kommunikation genommen wird. Man kann von einer in ihrer Grundstruktur binären Vergleichssemantik sprechen, weil sie zumindest zwei (National-)Staaten komparativ gegenüberstellt. Dabei kann diese Semantik des Vergleichs auch mit einer größeren Zahl von Staaten weiter gedacht werden. Vor dem Hintergrund der bisherigen Argumentation sollte deutlich geworden sein, dass eine solche Form des Vergleichs auf nicht unerhebliche Probleme stößt. Diese können vor allem an drei Punkten festgemacht werden:

Abbildung 1: Internationale und interkulturelle Vergleichssemantik


Quelle: eigene Darstellung

 [35]Erstens wird eine solche Vergleichssemantik nicht der bestehenden Komplexität der kommunikativen Konnektivitäten gerecht, wie sie mit der Globalisierung der Medienkommunikation in heutigen mediatisierten Welten besteht. Deren Kommunikationsbeziehungen sind durch die Etablierung von Satellitentechnologien und dem Internet bzw. digitalen Medien wesentlich vielfältiger und nicht einfach in Bezug auf Staatsgrenzen konstruierbar.

 Zweitens geht eine solche Vergleichssemantik von einer Abgeschlossenheit von Kultur aus. Diese wird in aktuellen kulturanalytischen Studien in Frage gestellt, weil sie nicht angemessen erscheint, gegenwärtige kulturelle Komplexitäten zu erfassen.

 Und drittens schließlich erlaubt es eine solche Vergleichssemantik nicht, neu entstehende kulturelle Phänomene bzw. den Wandel von Kultur zu beschreiben. Dies ist insbesondere der Fall, wenn sich diese nicht in einen nationalen Funktionalismus fügen.

Abbildung 2: Transkulturelle Vergleichssemantik


Quelle: eigene Darstellung

[36]Solche Probleme versucht eine transkulturelle Vergleichssemantik zu vermeiden. In ihr wird eine globale Kommerzialisierung der Medien als Gesamtrahmen von gegenwärtigen, (staatliche) Grenzen überschreitenden kommunikativen Konnektivitäten betrachtet (siehe dazu im Detail Kap. 3.1). Diese globale Kommerzialisierung bildet – wie in der oben stehenden Abbildung 2 visualisiert – den Rahmen, in dem es Nationalstaaten und deren Mediensysteme wie auch die verschiedenen (medien-)kulturellen Verdichtungen zu sehen gilt. Gemeint ist damit nicht, dass die Art und Weise der Produktion von Medien überall identisch wäre. Der Begriff der globalen Medienkommerzialisierung hebt an dieser Stelle vielmehr darauf ab, dass in verschiedensten Regionen der Welt Medienkommunikation zunehmend als Austausch ökonomischer Waren angesehen wird. Dies betrifft nicht nur die sogenannte westliche Welt (Herman/McChesney 1997; Hesmondhalgh 2007), sondern ebenfalls andere Weltregionen (siehe für China beispielsweise Ma 2000 und Zhao 2009). Und auch in Bezug auf das Internet kann gesagt werden, dass dessen rasante Verbreitung in den 1990er-Jahren mit einer Kommerzialisierung Hand in Hand ging (Castells 2005: 19–44). Nichtsdestotrotz muss man im Blick haben, dass diese globale Medienkommerzialisierung nicht zu einer weltweiten Standardisierung der Bedeutung von Medienprodukten führt. Dies hängt u.a. mit der »Unbestimmtheit« (Ang 1996: 172) des globalen Medienkapitalismus zusammen, dem es gerade um das Finden neuer, vermarktbarer (kultureller) Unterschiede geht. Sehr oft scheint damit der globale Medienkapitalismus eher eine Quelle fortschreitender kultureller Fragmentierungen, Auseinandersetzungen und Missverständnisse zu sein – nicht nur zwischen Nationalkulturen, sondern auch quer durch diese hindurch.

Innerhalb dieser globalen Medienkommerzialisierung sind politische Mediensysteme aufgrund ihrer Staatsbezogenheit die bis heute am umfassendsten territorial bezogenen Gegenstandsbereiche (Hepp/Wessler 2009). Rücken jedoch stärker Fragen von (Medien-)Kultur ins Zentrum der Betrachtung, fällt auf, dass einzelne kulturelle Verdichtungen nach wie vor staatsbezogen sind (bspw. nationale politische Diskurskulturen), andere – und für Zeiten der Globalisierung von Medienkommunikation besonders Charakteristische – jedoch über Staatsgrenzen hinweg erkennbar werden. Beispiele für solche kulturellen Verdichtungen sind Diasporagemeinschaften, populärkulturelle Gemeinschaften wie beispielsweise Jugend- und Freizeitkulturen, politische Vergemeinschaftungen von sozialen Bewegungen oder Religionsgemeinschaften. Die Artikulation solcher Vergemeinschaftungen verweist letztlich auf deterritorial bestehende, transmediale kommunikative Räume (siehe dazu im Detail die Darstellung in Kap. 6.3).

Auf komparativer Ebene versucht eine transkulturelle Perspektive damit, eine einfache Inter-Vergleichssemantik zu überwinden, ohne den Staat bzw. die Nationalkultur als eine mögliche Referenzgröße auszuschließen. Konkret bedeutet dies, dass eine transkulturelle Vergleichssemantik nicht mit der Vorstellung von in Bezug auf Staaten abgeschlossenen Medienkulturen, Medienmärkten und Mediensystemen operiert, sondern mit der Vorstellung der Verdichtung solcher Phänomene im Rahmen übergreifender[37] kommunikativer Konnektivitäten. Eine solche Vergleichssemantik versucht, die Spezifik dieser Verdichtungen ebenso zu berücksichtigen wie die vielschichtigen Beziehungen zwischen ihnen. Letztlich zielt in einem solchen methodologischen Blickwinkel das vorliegende Buch also darauf, einen konzeptionellen Rahmen für ein vielschichtiges vergleichendes Vorgehen zu entwickeln.


Integrative Analysen

Ausgangspunkt dieses Kapitels war die Überlegung, dass sich im Ansatz der transkulturellen Kommunikation drei sich überlappende, gleichwohl sinnvoll zu unterscheidende Diskursfelder treffen: Erstens das der Auseinandersetzung mit transkultureller Kommunikation als Folge der Globalisierung, zweitens das der Betrachtung transkultureller Kommunikation als Teilaspekt der postkolonialen Kritik und drittens eine Konzeptionalisierung von transkultureller Kommunikation als methodologischer Reflexion. Betrachtet man diese drei Diskursfelder zusammenfassend, stellt man fest, dass diese – auch wenn ihre Referenzautoren jeweils unterschiedlich verortet sind – argumentativ in einer Beziehung zueinander stehen: So wird aus der Zunahme von kulturübergreifenden Kommunikationsbeziehungen mit fortschreitender Globalisierung der Medienkommunikation gefolgert, dass transkulturelle Kommunikationsprozesse auf alltagsweltlicher Ebene zunehmen (können), und dabei unterstellt, dass damit verschiedene Hybridisierungsprozesse ein Alltagsphänomen geworden sind. Gerade vor diesem Hintergrund erscheinen Inter-Vergleichssemantiken nicht hinreichend, und man benötigt für eine komparative Forschung komplexere Designs. Diese sollten Nationalstaaten und Nationalkulturen als Referenzgrößen nicht ausschließen, aber vermeiden, Letztere unproblematisiert zum containerhaften Ausgangspunkt von Forschung zu machen. Entsprechend kann man die unterschiedenen Diskursfelder wie folgt systematisieren:

Tabelle 1: Diskursfelder transkultureller Kommunikation


DiskursfeldForschungsfokusForschungsagenda
Folgen der Globalisierungtranskulturelle KonnektivitätKommunikationsbeziehungen
Postkoloniale KritikTranskulturalisierungHybridisierungsprozesse
methodologische Reflexiontranskultureller VergleichMehrebenen-Untersuchungen

Quelle: eigene Darstellung

Sieht man eine transkulturelle Kommunikationsforschung in einem solchen Gesamtrahmen, wird deutlich, dass es sich hier um einen Ansatz handelt, der die Analyse der [38]Komplexität von Kommunikationsbeziehungen, ihrer Grenzüberschreitungen und Grenzziehungen in einer globalisierten Welt einfordert. Doch wie ist ein solches Unterfangen praktisch zu realisieren?

Geht man von den Kernpunkten der bisherigen Argumentation aus, sollte eine Antwort auf diese Frage eine Systematisierung der in der obenstehenden Tabelle gefassten drei Forschungsfoki und -agenden leisten: Sie sollte eine Vorgehensweise umreißen, die in der Lage ist, die Komplexität von Kommunikationsbeziehungen in durch die Globalisierung gekennzeichneten, mediatisierten Welten zu fassen. Gleichzeitig sollte diese Vorgehensweise die hiermit einhergehende Hybridisierung verschiedenster Phänomene kritisch beschreiben können. Und sie sollte dies in vielschichtigen Mehrebenen-Untersuchungen realisieren. Genau dies leistet das Konzept der »kommunikativen Figuration« (Hepp 2013a: 84–90; Hepp/Hasebrink 2014), wie es im Weiteren als heuristischer Ansatzpunkt für eine transkulturelle Medien- und Kommunikationsforschung beschrieben werden soll.

Der Begriff der Figuration ist in den Sozialwissenschaften durchaus etabliert, häufig allerdings ohne weitere begriffliche Ausarbeitung. So spricht beispielsweise die Soziologin Saskia Sassen (2008: 29) in ihrer breit angelegten Untersuchung zur politischen »Etablierung« und »Demontage« des Nationalstaates davon, dass hierzu die Analyse »bestimmter historischer Konfigurationen« notwendig wäre. Hiermit betont sie, dass es nicht um die Betrachtung von Einzelphänomenen geht, sondern um deren Interaktionsgefüge. Der Wissens- und Techniksoziologe Bruno Latour spricht von der »Figuration« (Latour 2007: 93 f.) im Sinne einer konkreten sozialen Gestalt, die Bezugspunkt sozialwissenschaftlicher Erklärungen sein sollte. Es finden sich aber auch Verwendungsweisen des Konzepts der Figuration in der Kommunikations- und Medienforschung. Ein Beispiel hierfür wären die »Figurationen des Klatsches« (Leach 1997), in denen sich feministischer Gegendiskurs konkretisiere. Allgemein wird daneben von »kommunikativen Figurationen« gesprochen, die es historisch kontextualisierend zu erfassen gilt (Burkhardt/Werkstetter 2005: 430). Trotz ihrer je unterschiedlichen Akzentsetzungen treffen sich solche verschiedenen Verwendungsweisen des Ausdrucks »Figuration« darin, dass sie die Notwendigkeit der Analyse von Gesamtkonstellationen betonen: Beschreibung, Erklärung und Kritik soziokultureller Phänomene werden dann möglich, wenn man diese in dem ihnen jeweils spezifischen Gesamtzusammenhang erfasst.

Über eine solche allgemeine Verwendungsweise hinaus wurde der Begriff Figuration insbesondere vom Soziologen Norbert Elias theoretisiert (siehe Textbox 2). Dessen Begriff der Figuration durchschreitet die häufig statischen Analyseebenen von Mikro, Meso und Makro, indem man ihn »auf relativ kleine Gruppen ebenso wie auf Gesellschaften« (Elias 1993: 143) beziehen kann. Folgt man der Argumentation von Elias, sind Figurationen »Netzwerke von Individuen« (Elias 1993: 12), die in wechselseitiger Interaktion – wie beispielsweise im gemeinsamen Spiel oder gemeinsamen Tanz – ein größeres soziales Gebilde konstituieren. Dieses kann die Familie sein, die [39]Gruppe, der Staat oder die Gesellschaft: In all diesen Fällen lassen sich solche sozialen Gebilde als unterschiedlich komplexe Netzwerke von Individuen beschreiben. Mit diesem Zugang möchte Elias die Vorstellung vermeiden, »dass die ›Gesellschaft‹ aus Gebilden außerhalb des »Ichs«, des einzelnen Individuums bestehe und dass das einzelne Individuum zugleich von der Gesellschaft umgeben und von ihr durch eine unsichtbare Wand getrennt« (Elias 1993: 11 f.) sei. Für Elias gehören »Individuum« und »Gesellschaft« eng zusammen und können nicht voneinander separiert werden. Sie fassen eher zwei Aspekte eines Gesamts, das er mit dem Begriff der Figuration zu bezeichnen sucht. Figuration ist damit »ein einfaches begriffliches Werkzeug« (Elias 1993: 141), um soziokulturelle Phänomene in einem »Verflechtungsmodell« (Elias 1993: 141) interdependenter Handlungen zu fassen. Es geht – wenn man das Spiel als Beispiel für eine Figuration nimmt – darum, »das sich wandelnde Muster, das die Spieler als Ganzes miteinander bilden« (Elias 1993: 142), insgesamt zu beschreiben. Hierbei ist der Begriff der Figuration skalierbar, d. h., auf sehr unterschiedlichen Ebenen operationalisierbar. Der Begriff der Figuration zielt demnach darauf ab, soziale Entitäten als prozesshafte Verflechtungszusammenhänge einer empirischen Analyse zugänglich zu machen. Dabei geht es auch darum, zu klären, »was Menschen eigentlich in Figurationen zusammenbindet« (Elias 1993: 144).

Textbox 2: Norbert Elias zum Konzept der Figuration

»Der Begriff der ›Figuration‹ dient dazu, ein einfaches begriffliches Werkzeug zu schaffen, mit dessen Hilfe man den gesellschaftlichen Zwang, so zu sprechen und zu denken, als ob ›Individuum‹ und ›Gesellschaft‹ zwei verschiedene und überdies auch noch antagonistische Figuren seien, zu lockern. […] Man kann ihn auf relativ kleine Gruppen ebenso wie auf Gesellschaften, die Tausende oder Millionen interdependenter Menschen miteinander bilden, beziehen. Lehrer und Schüler in einer Klasse, Arzt und Patienten in einer therapeutischen Gruppe, Wirtshausgäste am Stammtisch, Kinder im Kindergarten, sie alle bilden relativ überschaubare Figurationen miteinander, aber Figurationen bilden auch Bewohner eines Dorfes, einer Großstadt oder einer Nation, obgleich in diesem Fall die Figuration deswegen nicht direkt wahrnehmbar ist, weil die Interdependenzketten, die die Menschen hier aneinander binden, sehr viel länger und differenzierter sind. Man versucht dann, die Eigentümlichkeiten solcher komplexer Figurationen indirekt, durch die Analyse der Interdependenzketten, dem eigenen Verständnis näherzubringen.« (Elias 1993: 141; 143)

Auf Grundlage solcher Überlegungen sind kommunikative Figurationen musterhafte (transmediale) Interdependenzgeflechte von Kommunikation. Um einige Beispiele zu nennen: Familien bilden auch eine kommunikative Figuration, für die – gerade in ihrer translokalen Zerstreuung – Kommunikation mittels (Mobil-)Telefon ebenso[40] zentral ist wie das Social Web, (digitale) Fotoalben, Briefe, Postkarten oder das gemeinsame Fernsehen. Begreift man (nationale oder transnationale) Öffentlichkeiten als normativ spezifisch aufgeladene kommunikative Figurationen, so bestehen diese ebenfalls über unterschiedliche Medien, deren Produktion und Aneignung hinweg. Dies betrifft nicht nur klassische Medien der Massenkommunikation, sondern mit WIKILEAKS, TWITTER und Blogs ebenso Medien des Social Webs. Wir haben es aber auch mit kommunikativen Figurationen von global agierenden sozialen Bewegungen zu tun, die sich über das Internet und Mobiltelefon organisieren und gleichzeitig traditionelle Massenmedien zu nutzen wissen, um zum Beispiel ihre politischen Ziele als Teil globaler Medienevents zu inszenieren.

Mit fortschreitender Globalisierung der Medienkommunikation sind gegenwärtige kommunikative Figurationen in hohem Maße vielfältig. Manche – wie beispielsweise die kommunikativen Figurationen, die eine nationale Medienöffentlichkeit ausmachen – sind territorial bezogen. Sie bewegen sich nicht einfach nur (weitgehend) in den Grenzen von Nationalstaaten, sondern artikulieren diese mit. Andere kommunikative Figurationen wiederum sind konstitutiv für Phänomene, die gerade nicht in einem solchen Rahmen fassbar sind: kommunikative Figurationen der bereits erwähnten Diasporas, populärkulturellen Vergemeinschaftungen, sozialen Bewegungen usw. Zu denken ist in diesem Zusammenhang aber auch an die kommunikativen Figurationen, die für einzelne Orte kennzeichnend sind wie beispielsweise den der globalisierten Stadt. Hier werden weitere kulturelle Bezüglichkeiten geschaffen, wie auch kulturelle Hybridisierungen entstehen, die empirisch durch zum Teil sehr eigene Spezifika gekennzeichnet sind.

Solche Beispiele machen deutlich, dass sich das Konzept der kommunikativen Figuration in hohem Maße eignet, die in diesem Aufsatz für die betrachteten drei Diskursfelder umrissenen Forschungsfoki und -agenden der transkulturellen Kommunikation in eine praktische Kommunikations- und Medienforschung umzusetzen. Bezogen auf die in Tabelle 1 (S. 37) dargestellten Punkte lässt sich dies wie folgt zuspitzen:

 Transkulturelle Konnektivität und Kommunikationsbeziehungen: Das Konzept der kommunikativen Figuration bezieht sich nicht auf Fragen einzelner Medien, sondern setzt seinen Akzent auf die (medienvermittelte) kommunikative Artikulation verschiedener soziokultureller Entitäten. Hierdurch eignet es sich in hohem Maße zum Erfassen vielschichtiger kulturspezifischer wie transkultureller Konnektivitäten bzw. Kommunikationsbeziehungen sowie von deren Relevanz für die kommunikative Konstruktion von Wirklichkeit.

 Transkulturalisierung und Hybridisierungsprozesse: Das Konzept der kommunikativen Figuration eignet sich dazu, Hybridisierungsprozesse auf handhabbarer Ebene zu erfassen. Auch »dritte Räume« und »Kontaktzonen« konstituieren sich in bestimmbaren kommunikativen Figurationen, ebenso wie Prozesse der »Transkulturation« in kommunikativen Figurationen greifbar werden.

 [41]Transkulturelle Vergleiche und Mehrebenen-Untersuchungen: Das Konzept der kommunikativen Figuration ist skalierbar, d. h., auf Phänomene sehr unterschiedlicher Ebenen beziehbar, und liegt damit jenseits eines in der transkulturellen Medienund Kommunikationsforschung immer wieder kritisierten impliziten Ansatzpunkts national-territorialer Vergleiche und Bezugsgrößen. Hierdurch eignet es sich auch für komplexe vergleichende Mehrebenen-Untersuchungen.

Durch eine Betrachtung von kommunikativen Figurationen erreicht man also eine weitere empirische Konkretisierung des Ansatzes der transkulturellen Kommunikation, nämlich im Hinblick auf die Analyse der Gesamtheit von für die kommunikative Artikulation einer Entität (Familie, Diaspora, Öffentlichkeit usw.) relevanten Muster von Kommunikation, die es in einer vergleichenden Analyse zu erfassen gilt. In der Erhebungs- und Auswertungsmethode kann eine Analyse kommunikativer Figurationen sehr unterschiedlich angelegt sein, je nachdem, um welche Art von Entität es sich handelt. Um hier nochmals die genannten Beispiele zu verwenden: Für die Analyse der kommunikativen Figuration einer Öffentlichkeit bietet sich beispielsweise die Kombination von Inhaltsanalysen, Befragungen von Medienschaffenden und Rezipierenden an, für die Analyse der kommunikativen Beziehungen einer Diaspora bieten sich Kommunikationsnetzwerkanalysen an oder für die Auseinandersetzung mit den kommunikativen Figurationen von Familien (virtuelle) Ethnografie und teilnehmende Beobachtung. Der Kernpunkt einer Figurationsanalyse ist also nicht das Erhebungs- und Auswertungsinstrument, sondern die Erschließung der grundlegenden Muster dieser kommunikativen Artikulation in ihrer Gesamtheit. Zu einer transkulturellen Medien- und Kommunikationsforschung wird eine solche Figurationsanalyse dann, wenn sie die Dialektik der kulturellen Grenzüberschreitungen und Grenzziehungen auf spezifische Weise erfassbar macht.

An dieser Stelle ist es gleichwohl wichtig, im Blick zu haben, dass kulturelle Phänomene Mehrebenen-Phänomene sind. Eindrücklich zeigt sich dies in Kreislaufvorstellungen von Kultur, wie sie sich mit den Cultural Studies in der kulturanalytischen Medien- und Kommunikationsforschung verbreitet haben. Wichtig war hierbei das Encoding/Decoding-Modell von Stuart Hall (1980; 1994b; 1999), mit dem dieser – u. a. angeregt durch den Kreislauf des Warenkapitals von Karl Marx – das Phänomen des Fernsehens im Spannungsverhältnis von Encoding und Decoding verortet. Weiter ausdifferenziert wurde eine solche Perspektive dann durch Richard Johnson (1986), der den Kreislauf der Kultur durch vier Instanzen vermittelt sah: erstens die Produktion einzelner Kulturprodukte, zweitens diese selbst als Texte betrachtet, drittens deren Interpretation und viertens schließlich die Kultur als Lebensweise. In ganz ähnlichem Sinne haben auch Paul du Gay et al. (1997: 3) Kultur im Rahmen eines Kreislaufs beschrieben. Als zentrale kulturelle Prozesse dieses Kreislaufs haben sie die Repräsentation, die Identität, die Produktion, den Konsum und die Regulation von Kultur begriffen.

[42]Abbildung 3: Kreislauf der Medienkultur


Quelle: eigene Darstellung

Solche Überlegungen aufgreifend können wir sagen, dass sich in einem Kreislaufzusammenhang Artikulationsebenen von Medienkultur ausmachen lassen. Dies ist erstens die der Produktion, die die Strukturen, Praktiken und Prozesse der »Hervorbringung« von Kulturprodukten beschreibt. Zweitens ist dies die der Repräsentation, d. h. der »Darstellung« von Kultur in Kulturprodukten. Eine dritte Artikulationsebene ist die der Aneignung, also des Prozesses des aktiven »Sich-Zu-Eigen-Machens« von Kultur als Lokalisierung im Alltag. Diese drei Ebenen bilden insofern den Kern von Medienkultur, als es sich hierbei um diejenigen handelt, die in einem klassischen Verständnis den Kommunikationsprozess als solchen ausmachen. Daneben erscheint es aber noch wichtig, zumindest zwei weitere Ebenen im Blick zu haben, nämlich die der Identifikation und Regulation. Bei der Identifikation handelt es sich um die Artikulationsebene von Kultur, die den (fortlaufenden) Prozess der Artikulation von Identität auf Basis vermittelter kultureller Muster und Diskurse beschreibt. Regulation hingegen bezeichnet die Einflussnahme nichtproduzierender Institutionen und Formationen (bspw. Politik) auf Kultur.

Bezieht man solche Überlegungen zurück auf den Begriff der kommunikativen Figuration, geht es darum, entlang dieser Artikulationsebenen und der sich in ihnen konkretisierenden Machtverhältnisse die kommunikativen Figurationen transkultureller Kommunikation zu erfassen. Gemäß unserer bisherigen Argumente heißt dies für die Beschäftigung mit transkultureller Kommunikation zweierlei: Einerseits interessiert entlang der unterschiedenen Artikulationsebenen die kommunikative Beziehung[43] zwischen den verschiedenen Medienkulturen. Welche kommunikativen Figurationen der Produktion aber auch Regulation bestehen zwischen verschiedenen Medienkulturen? Inwiefern schaffen verschiedene Medienprodukte oder herausgehobene Medienereignisse eine transkulturelle Beziehung zwischen ihnen? Welche alltagsweltlichen Kulturbeziehungen werden in den kommunikativen Figurationen der Medienaneignung geschaffen?

Haben wir aber im Blick, dass eine Beschäftigung mit transkultureller Kommunikation auch bedeutet, sich mit dem Prozess der Transkulturation innerhalb von nur scheinbar stabilen Kulturen auseinanderzusetzen, geht es auch um eine Auseinandersetzung mit kommunikativen Figurationen in den verschiedenen Medienkulturen. Hier mögen dann andere Fragen interessieren: Inwieweit wird Transkulturation in den Praktiken der Medienproduktion greifbar? Wie ist in der kommunikativen Figuration von scheinbar nationalen medialen Repräsentationen Transkulturalität eingeschrieben? Was zeichnet die kommunikative Figuration einer Diaspora bezogen auf Transkulturalitäts-Erfahrungen aus?

Solche Fragen verdeutlichen, dass die Figurationen transkultureller Kommunikation hochgradig komplexe und auch widersprüchliche Zusammenhänge sind. Eine Hilfe ist es deshalb, diese kommunikativen Figurationen entlang der unterschiedlichen Artikulationsebenen des Kreislaufs der Medienkultur zu betrachten, wie es in den folgenden Kapiteln dieses Buchs geschehen soll. Auf diese Weise wird es möglich, Anregungen zu geben, was wir im Blick haben müssen, wenn wir die kommunikativen Figurationen unserer heutigen mediatisierten Welten in ihrer Transkulturalität erfassen wollen.


[44][45]3Regulation transkultureller Kommunikation

Wie bereits im letzten Kapitel angedeutet, findet transkulturelle Kommunikation nicht in einem luftleeren Raum statt: Sie wird als Medienkommunikation gestützt durch eine entsprechende kommunikative Infrastruktur, deren Aufbau wiederum (auch) ein politisches Projekt gewesen ist. Wir sind also bei einer Beschäftigung mit den kommunikativen Figurationen transkultureller Kommunikation zwangsläufig mit Fragen der politischen Regulation konfrontiert. Deutlich vor Augen geführt haben dies die Kommunikations- und Medienwissenschaftlerinnen Paula Chakravartty und Yuezhi Zhao (2008) bei ihrem bereits erwähnten Entwurf einer »transkulturellen politischen Ökonomie der globalen Kommunikation«. Dieser zielt darauf, »institutionelle und kulturelle Analysen zu integrieren und dabei drängende Fragen zu stellen in Bezug auf die globale Kommunikation im Kontext der ökonomischen Integration, der Bildung von Imperien und der Spannungen, die mit der Adaption neuer privatisierter Technologien, neoliberalisierter und globalisierter institutioneller Strukturen und hybrider kultureller Formen und Praktiken verbunden sind« (Chakravartty/Zhao 2008: 10). Nun ist es naheliegend, dass ein einzelnes Kapitel wie das Folgende nicht eine solch umfassende Darstellung bieten kann. Jedoch geht es mir darum, den Grundgedanken von Paula Chakravartty und Yuezhi Zhao aufzugreifen und nachzuzeichnen, wie die gegenwärtigen kommunikativen Figurationen transkultureller Kommunikation auf spezifische Prozesse politischer Regulation verweisen. Durch diese konnten letztendlich erst die heutigen kommunikativen Infrastrukturen entstehen, die eine solche kulturüberschreitende Kommunikation medienvermittelt ermöglichen.

Hierbei gilt es, den Begriff der Regulation nicht auf einfache Weise dem der Deregulation gegenüberzustellen. Gerne wird unter Deregulation oder Deregulierung alltagssprachlich der Verzicht auf Maßnahmen verstanden, mit denen der Staat versucht, Marktversagen zu korrigieren bzw. politische Zielsetzungen im und gegen den Markt durchzusetzen. Insbesondere im Neoliberalismus wird Deregulation in der Tendenz damit gleichgesetzt, der Staat ziehe sich zurück und es fände keine Regulation mehr statt. Wie es Stuart Hall (1997a: 229) formelhaft gefasst hat: Staat = Regulation, Markt = Freiheit.

Diesen (neoliberalen) Diskurs von Deregulation als Freiheit und Fehlen von Regulation aufgreifend, weist Hall darauf hin, dass solche Überlegungen zu kurz greifen. Dafür führt er zwei Argumente an. Erstens operieren Märkte nicht von alleine, sondern müssen vorbereitet, kontrolliert und geschützt werden. Sie sind abhängig von kulturellen und sozialen Existenzbedingungen, die sie selbst nicht sicherstellen können. Man denke daran, dass heutige Märkte einer Besitz- und Einkommenssicherheit bedürfen (Märkte funktionieren nur, wenn auch über sie erworbener Besitz als solcher anerkannt wird und unstrittig ist), aber auch einer allgemeinen Akzeptanz gegenüber kapitalistischen Werten und Orientierungen als solchen. Diese Existenzbedingungen[46] werden wiederum von (staatlicher) Politik sichergestellt. Zweitens sind Märkte selbst Instanzen der Regulation. Sie teilen bestimmte Ressourcen zu, belohnen Effizienz und Innovation, schaffen Gewinner und Verlierer bzw. erfordern bestimmte Management- und Organisationskulturen. Ausgehend von diesen Überlegungen argumentiert Stuart Hall, dass es entsprechend nicht um eine Dichotomie von Regulation vs. Deregulation in dem Sinne gehen kann, dass in dem einen Fall reguliert wird, im anderen nicht. Vielmehr sollte das Wie von Regulation im Vordergrund der Betrachtung stehen. Relevant werden damit die »unterschiedliche[n] Modi der Regulation, von denen jeder eine Kombination von Freiheiten und Zwängen darstellt. […] Es kommt im sozialen Leben nur sehr selten, wenn überhaupt, ein Zustand ›jenseits von Regulation‹ vor.« (Hall 1997a: 230; Herv. i. O.)

Letztlich kennzeichnet dieser Blickwinkel auf Regulation auch die Argumentation auf den folgenden Seiten. Regulation wird als nicht hintergehbar in dem Sinne begriffen, dass komplexere kommunikative Figurationen stets wie auch immer regulierte Phänomene sind. Entscheidend ist folglich eine Analyse, auf welche Weise diese Regulation stattfindet. Hierbei operiert man unweigerlich mit einem weiten Begriff von Regulation. Folgt man an dieser Stelle den Überlegungen von Peter Lunt und Sonia Livingstone, fasst der Ausdruck »Regulation« dann »die Beziehungen zwischen Macht und der Ordnung sozialen Verhaltens auf allen Ebenen der Gesellschaft, vom Nationalstaat hoch zur transnationalen Organisation und herunter zur subnationalen Organisation oder Gemeinschaft und selbst dem Individuum« (Lunt/Livingstone 2012: 5). Diese Definition von Lunt und Livingstone ist insofern zielführend, als sie zweierlei verdeutlicht: Einerseits gilt der Staat seit der Neuzeit als der Hauptakteur von (Medien-)Regulation, weswegen er zu Recht im Zentrum dieser Definition steht. Andererseits hat sich die regulative Rolle des Staates aber in den letzten Jahrzehnten nachhaltig gewandelt, weswegen weitere regulative Instanzen unter- wie oberhalb des Staates zu berücksichtigen sind. Gegenstand von Regulation sind dabei nicht nur die Medienmärkte, sondern auch die Organisationsformen von Medienunternehmen bzw. -institutionen sowie Medieninhalte und der Zugang zu diesen.

Dies ist die Stelle, an der der Begriff des Politischen an Bedeutung gewinnt. Die Diskussion um den Charakter dessen, was das Politische ausmacht, ist vielfältig. Deshalb brauchen wir zumindest einen für die weitere Analyse praktikablen Begriff des Politischen. Tendenziell wird in der Forschung zu internationaler Kommunikation »politisch« für staatliche Formen der Politik verwendet. Im Weiteren ist allerdings ein breiterer Begriff von Politik notwendig. Wird im Folgenden von Medien- und Kommunikationspolitik gesprochen, so ist dasjenige politisch motivierte Handeln gemeint, das sich auf die Organisation, Funktion, Ausgestaltung und Ausstattung der Medien bezieht (vgl. Kleinsteuber 2005: 102). Die begriffliche Erweiterung von Medien- hin zur Kommunikationspolitik macht insofern Sinn, als die klassischerweise nur auf Fragen der produzierten Medienkommunikation bzw. Massenmedien bezogene Medienpolitik mit fortschreitender Digitalisierung in eine auch die wechselseitige [47]Medienkommunikation (beispielsweise Internet, Telefon) einbeziehende, allgemeine Kommunikationspolitik übergeht. Hierbei sollten, gerade bei einer Betrachtung von transkultureller Kommunikation, auch zivilgesellschaftliche Akteure einbezogen werden. So hat Ulrich Beck (1993) bei seiner Auseinandersetzung mit dem Politischen im Kontext einer voranschreitenden Globalisierung darauf hingewiesen, dass es verkürzend sei, diesen Begriff zu eng an staatliche Akteure zu binden: Wir haben es ebenso mit vielfältigen Formen des alltagsweltlichen politischen Handelns zu tun, die sich nicht unbedingt auf den Staat beziehen, aber viel zum politischen Wandel beitragen. Beck spricht hier von der »Subpolitik«, zu der neben zivilgesellschaftlichem Engagement die politische Dimension alltäglichen Handelns zählt. Dies ist beispielsweise der kommunikativ abgestimmte Boykott bestimmter Unternehmen und ihrer Angebote, um deren Handlungsänderung zu erzwingen. Dass dieses subpolitische Handeln auch im Bereich von Medienkommunikation von nachhaltiger Bedeutung ist, zeigen öffentliche Boykott-Aufrufe gegenüber der Firma APPLE im Jahr 2012 wegen menschenunwürdiger Produktionsweisen in China.

Solche Überlegungen decken sich mit dem Argument Manuel Castells (2002: 75), der in »sozialen Bewegungen gegen die neue globale Ordnung« ein großes Veränderungspotenzial in einer globalisierten Netzwerkgesellschaft sieht (siehe dazu detaillierter Kap. 6.4). Auch er argumentiert, Fragen der Kommunikationsmacht – und damit ebenfalls: der Regulation von Kommunikation – sollten nicht auf staatliche Macht reduziert werden, sondern die komplexen Machtnetzwerke heutiger Gesellschaften im Blick haben (Castells 2009: 11–19). Diese sind nicht nur in hohem Maße vielfältig, sondern schließen auch verschiedene zivilgesellschaftliche Akteure mit ein. Umgekehrt heißt dies aber nicht, der Staat wäre als regulativer Akteur unwichtig geworden (siehe hierzu für das Internet beispielsweise Mueller 2010). Wir werden auf diesen komplexen Zusammenhang mehrfach zu sprechen kommen.

Deswegen gilt es, bei einer Betrachtung der Regulation transkultureller Kommunikationsmöglichkeiten zumindest drei Arten von regulativen Akteuren zu berücksichtigen. Dies sind zum einen gouvernementale Akteure, eine Gruppe, zu der Staaten, Staatenbünde und Internationale Gouvernementale Organisationen (IGOs) zählen. Zum anderen sind nichtgouvernementale Akteure zu nennen, worunter (Internationale) Nicht-Gouvernemantale Organisationen ([I]NGOs) zu fassen sind, aber auch losere Netzwerke sozialer Bewegungen. Drittens sind privatwirtschaftliche Akteure zu nennen, also (Medien-)Unternehmen, die einerseits diejenigen sind, deren Handeln reguliert werden soll, die andererseits aber – wie wir sehen werden – selbst versuchen, auf Prozesse der Regulation Einfluss zu nehmen bzw. in neuere Konzepte von Regulation als Akteure einbezogen zu werden.

Geht es um die politische Regulation transkultureller Kommunikationsmöglichkeiten, ist diese häufig nicht nur weniger auf einzelne Inhalte oder das Urheberrecht ausgerichtet, sondern ebenso auf die zugrunde liegenden Infrastrukturen: zum Beispiel Satelliten- und Kabelnetzwerke, Übertragungs- und Adressierungsstandards. Gerade[48] für eine kritische Betrachtung der Möglichkeiten und Grenzen von transkultureller Kommunikation erscheint es zielführend, diese Infrastrukturen nicht aus dem Blick zu verlieren. Der Hintergrund hierfür ist, dass, sobald solche Infrastrukturen aufgebaut sind, diese die Möglichkeiten und Grenzen von Kommunikation dauerhaft mitprägen (siehe Hepp 2013a: 49–62). Einmal geschaffene Kabelnetzwerke, Satellitenverbindungen und Übertragungsstandards sind nicht mehr so schnell zu ändern. Der Begriff der Infrastruktur, wie er hier gebraucht werden soll, ist entsprechend breit. Als Infrastruktur wird im ursprünglichen Sinne des lateinischen Begriffs die technische Materialität bezeichnet, die transkulturelle Kommunikation erst ermöglicht und auf die sich vielfältige weitere Institutionalisierungen von transkultureller Kommunikation beziehen. Es handelt sich bei dem, was wir Infrastruktur nennen, um einen wichtigen Aspekt der »Verdinglichung« von Medien, die mit dem Einschreiben von Macht verbunden ist (Latour 2007: 142–149). Mit dem Aufbau einer Infrastruktur – beispielsweise eines Satelliten- oder Kabelnetzwerks – werden Machtbeziehungen materialisiert, die nicht mehr so einfach veränderbar sind.

Solche Zusammenhänge sollen auf den folgenden Seiten dieses Kapitels näher betrachtet werden. Hierzu wird in einem ersten Teilkapitel die Beziehung zwischen der fortschreitenden Kommerzialisierung der Medien und dem Aufbau von kommunikativen Infrastrukturen näher beleuchtet. Das zweite Teilkapitel kontextualisiert in diesem Ganzen die Regulation verschiedener Staaten im Vergleich. Ein drittes Teilkapitel befasst sich mit der medien- und kommunikationspolitischen Diskussion der UNESCO, in der bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren die Möglichkeiten grenzüberschreitender Medienkommunikation diskutiert wurden. Im vierten Teilkapitel geht es dann darum zu fragen, inwieweit eine Global Governance der Medien eine angemessene Regulation transkultureller Kommunikation sein kann. Bei all diesen Analysen rückt ein ganz bestimmter Blickwinkel auf transkulturelle Kommunikation in den Vordergrund: Wir können die Regulation transkultureller Kommunikationsmöglichkeiten selbst als etwas begreifen, das auf bestimmten kommunikativen Figurationen des politischen Verhandelns und Aushandelns beruht – wobei sich diese Figurationen über die letzten Jahrzehnte nachhaltig verändert haben.


Globale Kommerzialisierung und kommunikative Infrastrukturen

Man kann davon sprechen, dass sich der Globalisierungsprozess u. a. in einer globalen Kommerzialisierung manifestiert, die die Medien einschließt. Dass diese globale Kommerzialisierung der Medien ihre eigene Dynamik hat, haben in den letzten Jahren eine Reihe von Fusionen und die Expansion verschiedener Unternehmen hin zu global agierenden Medienkonzernen gezeigt. Dabei sind mit der Digitalisierung erhebliche Umbrüche auszumachen (siehe dazu Kap. 4). So war der SONY-Konzern,[49] der sich von einem japanischen Elektronikhersteller durch Übernahmen zu einem weltweiten Multimedia-Unternehmen entwickelte, vor wenigen Jahren noch einer der zentralen Akteure, ist dann aber mit dem Durchsetzen einer digitalen Musik- und Filmdistribution bzw. von digitalen mobilen Endgeräten in die Krise geraten. Für ähnliche Umbrüche steht auch CNN, das sich zum globalen Nachrichtenanbieter entwickelte und mit der Fusion von TIME WARNER und später AOL in dem Content-Anbieter AOL TIME WARNER aufging, wobei sich TIME WARNER zuerst wieder vom Namen AOL und 2009 dann von AOL selbst trennte, nachdem die mit dieser Fusion erhofften Synergien nicht aufgingen. Dem entspricht, dass momentan andere Unternehmen als die dominanten Akteure im Bereich des Internets und seiner Inhalte zählen, beispielsweise APPLE oder GOOGLE. Beide nutzen ihre Stellung als Computer-, Software- und Dienstleitungsanbieter, um sich bei Medieninhalten, zumindest, was deren digitale Distribution betrifft, zu positionieren.

Wir können also nicht davon ausgehen, dass ein einzelnes global agierendes Unternehmen unangefochten und dauerhaft eine bestimmte Positionierung innehat. Gleichzeitig verweisen die genannten Beispiele auf eine globale Kommerzialisierung der Medien, die durch eine gewisse Dynamik hin zur Oligopolbildung gekennzeichnet ist. Kevin Robins (1997: 22) hat hier von einer aufkommenden »globalen Informations-Ökonomie« gesprochen. Hiermit fasst er zwei von Martin Carnoy, Stephen Cohen, Manuel Castells und Fernando Henrique Cardoso herausgearbeitete Prozesse, nämlich zum einen das Entstehen der globalen Echtzeit-Ökonomie und zum anderen die Entwicklung weg von einer primär auf industrielle Produkte orientierten Ökonomie hin zu einer Ökonomie der Information, Medien und kulturellen Bedeutungen (vgl. Carnoy et al. 1993; Castells 1994).

Es ist diese Entwicklung, die im Weiteren als globale Medienkommerzialisierung bezeichnet werden soll. In Abgrenzung zum Begriff der globalen Informationsökonomie soll dieser Ausdruck verdeutlichen, dass wir trotz aller Globalisierung nicht mit einer weltweit homogenen Ökonomie konfrontiert sind. Die Sachlage ist wesentlich komplexer: Einerseits können wir ausmachen, dass global in dem Sinne eine Kommerzialisierung der Medien stattgefunden hat, dass diese in verschiedensten Kontexten (auch) als ökonomische Ware gelten. Entsprechend lässt sich von einem Prozess der Kommerzialisierung sprechen, der sich langfristig global durchzusetzen scheint. Damit verbunden ist aber anderseits nicht die Etablierung eines einheitlichen globalen Kapitalismus, wenn man darunter ein homogenes System versteht, das auf der Basis (neo)liberaler Werte der »Selbstregulation der Märkte« basiert und sich überall auf identische Weise durchsetzen würde. Die Gegenbeispiele sind vielfältig; exemplarisch kann die Kommerzialisierung der Medien in Ländern wie China oder Russland genannt werden. Bemerkenswert ist jedoch, dass es auch in diesen Ländern um eine Kommerzialisierung der Medien in dem Sinne geht, dass deren Charakter als Kulturwaren in den Vordergrund rückt.

[50]Trotz solcher Einschränkungen erscheinen jedoch einige Überlegungen aus der Diskussion um eine globale Informationsökonomie hilfreich für unser Verständnis der globalen Kommerzialisierung der Medien. Nach Carnoy et al. ist für den Wandel der letzten Jahrzehnte weniger spezifisch, dass die Welt als Gesamt Handelsmarkt nationaler Ökonomien ist. Spezifisch ist vielmehr, dass nationale Ökonomien jetzt als »Einheiten einer weltweiten Skala in Echtzeit« (Carnoy et al. 1993: 6) arbeiten. In diesem globalen Interdependenzgeflecht fließen Kapital, bestehen Arbeits- und Warenmärkte, sind Management und Organisationen umfassend und wechselseitig aufeinander bezogen institutionalisiert. Wir können also sagen, dass mit der globalen Kommerzialisierung der Medien eine weitere Ebene von Ökonomie in den verschiedenen Medienlandschaften entstanden ist. Medien sind allerdings nicht nur wichtig, wo sie selbst Gegenstand der Ökonomie sind. Darüber hinaus wird es für die einzelnen Unternehmen zentral, Informationen und Wissen zu empfangen, aufzubewahren und zu verarbeiten, wenn sie erfolgreich in globalisierten Märkten handeln wollen (Castells 1994: 21). Medien werden so wichtig für die wirtschaftliche Globalisierung überhaupt. Dafür ist der Finanzkapitalismus ein anschauliches Beispiel. Wie die Wissenssoziologin Karin Knorr-Cetina (2012) herausgearbeitet hat, basiert der globale Finanzhandel auf dem, was sie »skopische Medien« nennt, den fließenden visuellen Repräsentationen auf den Computersystemen der Börsen. Diese machen erst globale Finanzmärkte und ihre Angebote als solche erfahrbar. Der globale Finanzkapitalismus ist demnach selbst ein umfassend mediatisiertes Phänomen, und gerade das wirtschaftliche Interesse von global agierenden Finanzkonzernen hat die erheblichen Finanzinvestitionen in den Aufbau entsprechender Kommunikationsinfrastrukturen mitgetragen.

Gleichzeitig hat sich das, was global gehandelt wird, nachhaltig geändert. Neben den genannten Finanzdienstleistungen spielen sicherlich traditionelle Industrieprodukte nach wie vor eine wichtige Rolle. Betrachtet man jedoch die expandierenden Bereiche, so lässt sich ein erheblicher Relevanzgewinn von Informations-, Medienund Kulturprodukten ausmachen. Folgt man hier dem »Creative Economy Report 2010« der United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD 2010: 126), betrugen im Jahr 2008 die Weltexporte aller Kreativindustrien über 592 Milliarden US-Dollar, wobei knapp 407 Milliarden auf Güter und 185 Milliarden auf Dienste entfielen. Legt man an dieser Stelle einen engeren Begriff der Kommunikationsprodukte der »alten« und »neuen« Medien inklusive der Werbung an und schließt damit beispielsweise Designprodukte und visuelle Kunst aus, betrugen die Exporte im selben Jahr noch über 131 Milliarden US-Dollar. Dahinter stehen im Vergleich 2003 bis 2008 Gesamtwachstumsraten von 14,4 Prozent. Und auch da, wo es um die Produktion von klassischen Industrieprodukten wie beispielsweise Autos geht, steht in Forschung und Entwicklung neben der Funktionalität und Effizienz des Produkts das Design im Vordergrund (vgl. Lash/Urry 1994: 4; nach UNCTAD 2010: 15 betrug im Jahr 2008 der Weltexport im Bereich von Designprodukten knapp 242 Milliarden [51]US-Dollar). Bedeutungsaspekte von Design werden wiederum transkulturell durch Medien kommuniziert.

In einem solchen Sinne lässt sich argumentieren, dass die heutige globale Kommerzialisierung der Medien von den Vorstellungen abweicht, wie sie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer (1988) als Begründer der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule mit der »Kulturindustrie« in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbanden (siehe Lash/Lury 2007: 4–15): Gehandelt werden weniger einzelne Waren, sondern »Marken«. In Bezug auf diese können sehr unterschiedliche (und auch kulturell angepasste) Angebote entstehen, was wiederum neue Differenzen schafft, die kommerziell gesehen zusätzliche Wertschöpfungen ermöglichen. Damit hängt zusammen, dass im Fokus der gegenwärtigen Produktion weniger singuläre Repräsentationen (der einzelne Film, das einzelne Buch usw.) stehen, sondern eine Ansammlung von Angeboten und Diensten, die sich um die jeweilige »Marke« herum gruppieren und die auch als materielle Medienobjekte (Spielzeugfiguren, Modeartikel usw.) unser Alltagsleben durchziehen.

Pointiert formuliert fasst der Ausdruck der globalen Medienkommerzialisierung, dass sich in verschiedenen Regionen der Welt ein Verständnis von Medien etabliert, wonach diese (auch) kommerzielle Waren sind. Auf dieser Basis werden Medien als Inhalte und Technologien nationale Grenzen überschreitend gehandelt. Im Rahmen dieses basalen Grundverständnisses bestehen allerdings erhebliche Unterschiede, wie sich eine solche globale Kommerzialisierung der Medien jeweils konkretisiert. Dies macht eine exemplarische Betrachtung von China und Russland deutlich. Beide Länder sind insofern interessante Beispiele, als in ihnen Medien lange Zeit nicht als Ware, sondern als »Sprachrohr der Partei« galten, und sich spätestens seit den 1990er-Jahren auch dort eine Kommerzialisierung abzeichnet, die gleichwohl sehr unterschiedlich verläuft.

Bezogen auf China hat der Kommunikationsforscher Dan Schiller argumentiert, dass wir die dortigen Veränderungen in einem weitergehenden Rahmen sehen müssen. Wir sind mit einer »strukturellen Rekonfiguration des transnationalen Kapitalismus konfrontiert, mit dem Chinas Aufstieg hochgradig verflochten ist« (Schiller 2005: 86). Diese Formulierung weist darauf hin, dass die Etablierung einer heutigen Kommerzialisierung der Medien einerseits die Möglichkeiten günstiger Produktion in China einschließt. Andererseits müssen wir die Veränderungen in China selbst in diesem Zusammenhang einordnen. Detailliert wurde dies von Yuezhi Zhao aufgearbeitet. Hierbei kann sie zeigen, dass die chinesische Regierung seit den 1970er-Jahren in sehr unterschiedlichen Bereichen von Medien und Kommunikation Marktmodelle eingeführt hat, um so an der globalen Kommerzialisierung und den dabei erwarteten Gewinnen partizipieren zu können. In diesem Zusammenhang sind die Kooperationen mit der International Data Group oder der News Corporation und anderen global agierenden Medienkonzernen zu nennen. Zhao geht an dieser Stelle so weit zu argumentieren, dass selbst in China neoliberale Ideen und Vorstellungen des Marktes [52]Referenzpunkt der Diskussion gewesen sind (Zhao 2008: 26). Dies heißt umgekehrt aber nicht, dass der Staat bzw. die chinesische kommunistische Partei ihre Rolle als regulativer Akteur aufgegeben hätte. Im Gegenteil: Seit den Protesten auf dem Tiananmen-Platz bzw. dem Zusammenbruch der UdSSR nahmen die regulativen Anstrengungen weiter zu, weswegen Yuezhi Zhao von einer »parteikontrollierten Medienkommerzialisierung« (Zhao 2012: 158) spricht. Diese Parteikontrolle wird über medienbezogene moralische Paniken legitimiert. Die Beispiele, die Zhao hier anführt, sind die Legitimation der Regulation von Internetcafés und von Internetinhalten über moralische Paniken nach einem tödlichen Brand in einem nicht registrierten Pekinger Internetcafé sowie in Bezug auf Glücksspiel und Pornografie im Internet (Zhao 2008: 32 f.). Das Argumentationsmuster dabei ist, dass der Staat bzw. die Partei als Regulator notwendig ist, um problematische Seiten der Kommerzialisierung zu verhindern. Dabei stehen die kommerziellen Interessen global agierender Medienkonzerne dieser Form der Regulation von Inhalten nicht im Wege. Beide vertragen sich vielmehr: Um in China aktiv zu werden, akzeptieren selbst Unternehmen wie die News Corporation die bestehenden Zensurinteressen (Zhao 2008: 42). Eine Ausnahme war in Teilen allenfalls GOOGLE, das zwar über Jahre die eigene Suchmaschine selbst zensierte, um in China Fuß fassen zu können. Im Jahr 2010 zog sich das Unternehmen dann aber aufgrund eines der chinesischen Regierung zugeschriebenen Hackerangriffs aus dem chinesischen Suchmaschinenmarkt zurück. In anderen Bereichen wie Kartendiensten hat GOOGLE aber nach wie vor eine wichtige Stellung in China (Levy 2012: 398–400) – und die weitere Zurückhaltung wird bereits 2012 wieder in Frage gestellt (Efrati/Chao 2012).

Anders gelagert, aber im Hinblick auf die globale Medienkommerzialisierung ebenso charakteristisch, ist der Fall der ehemaligen UdSSR bzw. des heutigen Russlands. Aufschlussreich sind diesbezüglich die Analysen von Olessia Koltsova (2006, 2008). Sie zeigt detailliert auf, dass wir bezogen auf Medien und Kommunikation den Wandel im postsozialistischen Russland in zwei Phasen einordnen können. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR gab es eine Phase geringer staatlicher Regulation, in der sich von ihr so bezeichnete »Institutionen-übergreifende Gruppen« (Koltsova 2008: 58) als zentrale Akteure etablierten. Diese zum Teil nicht-legalen Gruppen um einzelne Oligarchen unterhielten eigene Medienkonglomerate, von denen das bekannteste Media-MOST mit der ersten und erfolgreichsten nicht-staatlichen, gesamtrussischen Fernsehanstalt NTV gewesen ist. In Abgrenzung zu den vorherigen sowjetischen Medien agierten diese Medienkonglomerate als kommerzielle Unternehmungen, wobei deren Finanzressourcen allerdings nur zu 30 Prozent aus »legitimen Quellen« (Koltsova 2008: 60) stammten, die anderen 70 Prozent von »versteckten Machtakteuren, die Medien zum Führen politischer Auseinandersetzungen nutzen« (Koltsova 2008: 60). In dieser Zeit der »sogenannten Medienkriege« (Roudakova 2012: 260) gab es einen staatlich nicht weiter regulierten Fluss verschiedenster Medienprodukte nach Russland, gleichzeitig aber keine weitergehenden ausländischen Investitionen[53] im Bereich der Medien. Seit 1999 mit dem Machtantritt Putins – erst als Ministerpräsident (1999 bis 2000), dann als Präsident (2000 bis 2004) – agierte der Staat wieder direktiver, bis hin zu einer Quasi-Verstaatlichung der nationalen Fernsehsender von Media-MOST. Die aktuelle staatliche Position wird vor allem durch drei Maßnahmen gesichert, nämlich erstens durch eine Zentralisierung, zweitens eine Standardisierung der Organisationsstruktur und drittens eine selektive Isolation vor globalen Einflüssen (Koltsova 2008: 62). Auch wenn so die regulative Stellung des russischen Staates wieder zugenommen hat, gibt es an einem Punkt keine Veränderung: Es dominiert die Auffassung, dass Medien in ihrem umfassenden Sinne kommerzielle Güter sind.

Diese beiden Beispiele führen uns plastisch vor Augen, was unter der eingangs formulierten Aussage zu verstehen ist, dass wir die globale Kommerzialisierung der Medien nicht als eine zufällige Entwicklung beschreiben können. Vielmehr ist sie das Ergebnis des Ineinandergreifens verschiedener staatlicher wie nicht-staatlicher Akteure. Historisch reicht die Kommerzialisierung weit ins 19. Jahrhundert zurück, die Zeit eines rasanten Ausbaus von Verkehrs- und Kommunikationsnetzen (Osterhammel 2011: 1012–1028; siehe auch Mattelart 1999). Beschleunigt hat sich die globale Kommerzialisierung der Medien gleichwohl seit den 1990er-Jahren, wobei sie von global agierenden Medienkonzernen gefordert und insbesondere von den USA vorangetrieben wurde. Wir haben es hier mit einem komplexen Prozess der politischen Transformation von Regulation zu tun, dessen Vision eine primäre Regulation über Märkte ist: »Free trade in communication« (Thussu 2006: 67) wurde mit der Open-skies-Politik seit der Reagan-Administration zum erklärten Ziel medien- und kommunikationspolitischen Agierens vor allem der USA. Nach einem solchen Verständnis sind Medien im weitesten Sinne des Wortes als Waren wie andere auch zu begreifen. Sie sollten keinen spezifischen Beschränkungen unterliegen. Dies widerspricht beispielsweise europäischen Vorstellungen, wonach Medien nicht nur »Waren«, sondern ebenso (im Interesse einer kulturellen Vielfalt zu fördernde) »Kulturprodukte« sind.

Solche Auseinandersetzungen um die Form der Regulation von Medien- und Kommunikation können anhand der Kontroversen um GATT, GATS, TRIPS (siehe hierzu Grant 2011: 341–343, auf den im Weiteren Bezug genommen wird) und jüngst ACTA festgemacht werden. Der im Jahr 1947 unterschriebene GATT-Vertrag (General Agreement on Tariffs and Trade, dt. Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen) ist ein Abkommen zur Regelung des internationalen Handels von Waren. Hierbei wurden vor allem drei Prinzipien festgeschrieben: erstens das Prinzip der Zollreduktion (»tariff reduction«, Reduktion von Einfuhrzöllen auf den Import von Gütern), zweitens das Meistbegünstigungsprinzip (»most favoured nation«, Handelsvorteile, die einem Vertragspartner gewährt werden, müssen für alle anderen Vertragspartner gelten) und drittens das Prinzip der Inländerbehandlung (»national treatment«, ausländische Anbieter dürfen nicht anders behandelt werden als inländische). [54]Hinter diesen Prinzipien stand die Theorie des »komparativen Vorteils« im Weltwirtschaftssystem (Grant 2011: 341). Danach sollte sich jedes Land auf die Produktion und den Export bestimmter Güter spezialisieren, die es im Vergleich zu anderen Ländern besser und günstiger produzieren kann, um durch den Erlös die Güter zu importieren, deren Eigenproduktion im Vergleich zu anderen Ländern weniger konkurrenzfähig wäre. Die Vorstellung war, dass durch eine solche Spezialisierung der Vorteil für alle Länder der Größte sein würde – »free trade« also allen zu einem besseren Lebensstandard verhilft. Aus Sicht der US-amerikanischen Regierung sind diese Vorstellungen uneingeschränkt auf Medien anzuwenden. Bereits bei der ursprünglichen Formulierung des GATS-Vertrags gab es aber auch davon abweichende Positionen. Auf Betreiben europäischer Staaten wurden in Einschränkung des Prinzips der Inländerbehandlung Quoten für inländische Filme zugelassen (Artikel IV, »special provisions relating to cinematograph films«). Fragen von Kultur spielten daneben dahingehend eine Rolle, dass Ausnahmen von den Prinzipien des Vertrags zum Schutz der öffentlichen Moral und bei nationalen Kunstschätzen möglich sind (Artikel XX, »necessary to protect public morals«, »imposed for the protection of national treasures of artistic, historic or archaeological value«). Dieser GATT-Vertrag gilt bis heute als Grundlage des freien Handels mit kulturellen Waren wie Büchern, Zeitschriften, Musikaufnahmen oder Filmen.

Eine solche Position wurde in den 1990er-Jahren weiter durch die Uruguay-Runde der GATT-Verhandlungen gefestigt. An deren Ende stand die Schaffung der World Trade Organisation (WTO) am 1. Januar 1995 als Dachorganisation der Verträge GATT, GATS und TRIPS. Erklärtes Ziel der WTO ist die Privatisierung und Liberalisierung auf nahezu allen Ebenen des Handels – auch des Handels mit Medienprodukten (vgl. WTO 1998: 38 f.). Während der erste GATT-Vertrag von 1947 ausschließlich ein multilaterales Abkommen der Regelung des internationalen Handels war, ist die WTO eine intergouvernementale Organisation mit einem eigenen Sekretariat. Ein Ziel dabei ist nicht nur der durch einen zweiten GATT-Vertrag (GATT 1994) bestätigte und durch Erläuterungen weiter konkretisierte freie Handel mit Waren, wie er bereits im ersten GATT-Vertrag (GATT 1947) formuliert war. Hinzu kommt als zweiter Baustein des Vertragswerks der WTO das »General Agreement on Trade and Services« (GATS, dt. »Allgemeines Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen«). Kernprinzipien des GATS sind wiederum die Meistbegünstigung und die Inländerbehandlung, die nun aber auf den Handel mit Dienstleistungen übertragen werden. Aufgrund von unüberbrückbaren Positionsunterschieden zwischen Europa (das eine Ausnahme im kulturellen Bereich einforderte) und den USA macht der GATS keine Aussage zu kulturellen Dienstleistungen. Gleichwohl können nach diesem Vertragswerk die WTO-Mitgliedsstaaten selbst bestimmen, welche Dienstleistungsbereiche sie wann für den Markt öffnen. Als dritter WTO-Baustein ist das »Agreement on Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights« (TRIPS, dt. »Übereinkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte am geistigen[55] Eigentum«) anzusehen. Dieses regelt den Handel bezogen auf Urheberrecht, Markenrecht und Patente. Wiederum sind Inländerbehandlung und Meistbegünstigungsklausel die zentralen Prinzipien des Vertragswerks. Von besonderer Aktualität ist TRIPS durch die Diskussion um das »Anti-Counterfeiting Trade Agreement« (ACTA, dt. »Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen«). Dessen Zweck ist die Spezifizierung der im TRIPS-Abkommen beschlossenen Vereinbarungen, womit sich die Vertragsparteien zusätzlich verpflichten sollen, diese auch durchzusetzen. Vorgespräche zu diesem Abkommen begannen 2006, die eigentlichen Verhandlungen fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit zwischen 2008 und 2010 in zwölf Verhandlungsrunden statt. Beteiligt waren an diesen neben der EU u. a. Australien, Japan, Jordanien, Kanada, Marokko, Mexiko, Neuseeland, die Schweiz, Singapur, Südkorea, die USA sowie die Vereinigten Arabischen Emirate. Bei dem Abkommen geht es u. a. um die Definition von Standards zur Sicherung des geistigen Eigentums im Internet. Dies schließt beispielsweise die Möglichkeit ein, dass Behörden Onlineanbieter dazu zwingen können, Informationen zur Verfügung zu stellen, anhand derer Rechteverletzer identifiziert werden können. In der Folge kam es insbesondere in Europa 2011 bzw. 2012 zu erheblichen, von verschiedenen zivilgesellschaftlichen Akteuren getragenen Protesten gegen ACTA, was im Juli 2012 zu einer Ablehnung von ACTA durch das europäische Parlament führte.

Es besteht an dieser Stelle nicht der Raum, die Rolle der WTO, ihrer Vertragswerke und der Auseinandersetzung um diese detailliert zu analysieren (siehe allgemein in Bezug auf die Transformation von Nationalstaaten Sassen 2008, speziell bezogen auf Fragen von Medienkommunikation Voon 2011). Was die wenigen hier angerissenen Aspekte allerdings deutlich gemacht haben, ist die Ambivalenz eines »free trade in communication«: Auf der einen Seite geht es darum, durch entsprechende Abkommen und Organisationen die Handelsbarrieren abzubauen. Hier wird Regulation als Auflösung von Handelshemmnissen greifbar. Entscheidend dafür ist die Durchsetzung eines Verständnisses von Medienprodukten und -diensten als Handelswaren. Auf der anderen Seite wird aber wiederum staatliche Regulation bis hin zu weitreichenden Eingriffen in die Privatsphäre eingefordert, wenn sie darauf zielt, Urheberrecht im Hinblick auf seine ökonomischen Verwertungsmöglichkeiten durchzusetzen. Dieser Widerspruch löst sich auf, wenn man im Blick hat, dass die WTO und ihre Vertragswerke dort, wo sie Medien und Kommunikation betreffen, darauf zielen, die globale Kommerzialisierung voranzutreiben. Auffallend ist dabei die kommunikative Figuration, in der die Verhandlungen geschehen: Es handelt sich um Treffen zwischen staatlichen Vertretern zum Gutteil unter dem Ausschluss von Öffentlichkeit. Unternehmensinteressen fließen als staatliche Wirtschaftsinteressen vermittelt in die Verhandlungen ein. Für weitere Akteursgruppen bleibt diese kommunikative Figuration aber geschlossen. Auch dies thematisieren jüngere Anti-WTO-Proteste.

Die globale Kommerzialisierung der Medien lässt sich neben den Vertragswerken der WTO (und den Auseinandersetzungen um diese) auch daran festmachen, in welchem[56] Maße der Aufbau einer globalen Kommunikationsinfrastruktur mit deren Kommerzialisierung verbunden war. Dies lässt sich an den Beispielen der Satellitenund Internetinfrastrukturen zeigen.

Auf basaler Ebene kann der Aufbau einer Satelliteninfrastruktur an den Starts von geostationären Kommunikationssatelliten festgemacht werden. Deren technische Übertragungsmöglichkeiten nahmen zugleich über die Jahrzehnte erheblich zu: Nach einer geringen Zahl von Starts bis Anfang der 1980er-Jahre erreichte im Jahr 2000 die Zahl der Starts geostationärer Kommunikationssatelliten ihren bisherigen Höhepunkt (siehe hierzu Abbildung 4, S. 57). Parallel hierzu wurde die Satelliteninfrastruktur privatisiert und kommerzialisiert. Die ersten Satelliten waren staatliche Projekte bzw. Kooperationen zwischen Nationalstaaten mit dem Ziel einer entsprechenden (öffentlichen) Kommunikationsversorgung. Seit den 1980er-Jahren wurde Satellitenkommunikation mehr und mehr eine privatwirtschaftliche Angelegenheit. Was in den Vordergrund rückte, waren neben den nationalstaatlichen politischen Interessen die wirtschaftlichen Interessen einzelner Konzerne an verschiedenen Kommunikationsmärkten. Dies wird exemplarisch an der Entwicklung des größten Akteurs im Bereich der Satellitenkommunikation deutlich, nämlich INTELSAT (siehe hierzu die Fallstudie in Thussu 2006: 78–81; zur Entwicklung der Satelliteninfrastruktur im Allgemeinen vgl. die Beiträge in Parks/Schwoch 2012). Gegründet wurde INTELSAT 1964 als »International Telecommunications Satellite Consortium« durch einen zwischenstaatlichen Vertrag von 18 Nationen auf Anregung und unter Führerschaft der USA. Nach zehn Jahren beteiligten sich an INTELSAT 86 Länder, im Jahr 2001 waren es rund 150. Ziel der Organisation war es, ihren Mitgliedsstaaten fortgeschrittene Satelliten-Kommunikationsdienste zur Verfügung zu stellen. Trotz dieser allgemeinen Ziele blieb die Organisation bis Ende des Kalten Kriegs unter der Kontrolle der westlichen Länder, die die Hauptinvestoren gewesen sind. Bis in die 1990er-Jahre war INTELSAT mit seinem globalen System von 19 Satelliten in einer Vielzahl von Ländern als Anbieter von Satelliteninfrastruktur Monopolist. Mitglied von INTELSAT konnten nur (National-)Staaten werden – der Infrastruktur der scheinbar grenzenlosen Satellitenkommunikation lag also ein territoriales Konzept vom Zugang zu dieser zugrunde. Vor dem Hintergrund des zunehmenden kommerziellen Interesses an Satellitentechnologie und der fortschreitenden Kommerzialisierung der verschiedensten Medienlandschaften überhaupt wurde am 18. Juli 2001 auch INTELSAT in ein Privatunternehmen gewandelt und ist seit 2005 Eigentum einer internationalen Gruppe von Aktienbesitzern.

Parallel zu dieser exemplarisch anhand von INTELSAT greifbar werdenden Kommerzialisierung der Satellitenkommunikation begann deren zunehmende Ablösung vom »Westen«. Intersputnik wurde bereits 1971 als Pendant zum westlichen INTELSAT per Staatsvertrag durch die sozialistischen Staaten des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe in Moskau gegründet. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR bzw. des Ostblocks ist die Organisation nach wie vor und seit 2005 über ihre kommerzielle Verwertungsgesellschaft »Intersputnik Holding Ltd.« im Satellitengeschäft aktiv.

[57]Abbildung 4: Kommerzialisierung der Satelliteninfrastruktur, 1962–2010


Quelle: eigene Darstellung1

Daneben haben sich seit Ende der 1970er-Jahre regionale Satellitenanbieter etabliert. Solche regionalen Satellitendienste trugen dazu bei, dass Alternativen zu INTELSAT bzw. ein regional differenziertes und größeres Angebot an Satellitenkommunikationsmöglichkeiten entstehen konnten. Zu nennen sind neben dem europäischen Eutelsat (1982 als zwischenstaatliche Regierungsorganisation nach dem Vorbild von INTELSAT gegründet) beispielsweise das ebenfalls europäische, private Astra-Konsortium (im Besitz des 1985 gegründeten, ersten privaten europäischen Satellitenbetreibers Société Européenne des Satellites – SES), der lateinamerikanische Panamsat (1984 von Rene Anselmo gegründet, um den ersten internationalen Satelliten in Privatbesitz zu starten, im Juni 2006 von INTELSAT dann aufgekauft), AsiaSat (1988 als erster privater regionaler Satellitenanbieter Asiens gegründet; Hauptaktionäre China International Trust and Investment Corporation, CITIC und SES; AsiaSat 1 begann1990 zu senden) und der von den Mitgliedern der Arabischen Liga etablierte Arabsat (1976 gegründet; der Arabsat 1a nahm 1985 den Betrieb auf).

[58]Abbildung 5: Kommerzialisierung der Internet-Infrastruktur 1989–2000


Quelle: eigene Darstellung2

Die bisherige Betrachtung macht deutlich, dass mit einer Kommerzialisierung der Satellitenkommunikation zumindest in einem dreifachen Sinne eine Abkopplung derselben von einer national-territorialen Bezüglichkeit einherging: Erstens stellen Satelliten Kommunikationsinfrastrukturen zur Verfügung, die als solche Territorien übergreifen. Bis heute sind Satelliten ein zentraler Aspekt der technischen Möglichkeiten transkultureller Kommunikation – ob als wechselseitige Medienkommunikation des Telefongesprächs oder aber als produzierte Medienkommunikation des Satellitenfernsehens (und auch für die virtualisierte Medienkommunikation eines globalisiertierten Computerspielens ist die Satellitenverbindung wichtig). Zweitens wurden im Bereich der Satellitenkommunikation Kompetenzen von Nationalstaaten auf privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen übertragen. Drittens haben sich schließlich die Verfügungsmöglichkeiten über Satellitentechnologie von westlichen Ländern – allen voran den USA – gelöst. Auch im arabischen bzw. asiatischen Raum besteht mittlerweile Verfügungsgewalt über »eigene« Satelliten. Aus dem ehemals als internationale Organisation[59] zum Austausch von Programmen zwischen arabischen Ländern gegründeten ARABSAT ist ein Anbieter von Infrastruktur für eine transnationale arabische Fernsehindustrie geworden (Kraidy/Khalil 2009: 17). Trotz aller dabei nach wie vor bestehenden Ungleichheiten weisen solche Entwicklungen darauf hin, wie weit die Globalisierung von Medienkommunikation vorangeschritten ist: Die Satellitentechnologie bietet zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein die gesamte Welt umschließendes Netzwerk an Übertragungsmöglichkeiten, wobei die Zahl der zur Verfügung stehenden Transponder ein fragmentiertes Angebot unterschiedlicher (digitaler) Medien möglich macht. Dies gestattet auch kleineren Anbietern einen Zugriff auf Satellitentechnologie.

Neben der Satellitentechnologie bildet das Internet eine Infrastruktur transkultureller Kommunikation, die durch eine Kommerzialisierung gekennzeichnet ist (siehe Abbildung 5, S. 58). Bemerkenswert dabei erscheint, dass die rasante Entwicklung des Internets wiederum mit dessen fortschreitender Privatisierung und Kommerzialisierung einherging und sich auch diese Infrastruktur zumindest in Teilen von den USA entkoppelte (siehe Castells 2005: 19–45; Curran et al. 2012): Seit seinem Vorläufer ARPANET – ein Computernetzwerk, das von der Advanced Research Projects Agency des Verteidigungsministeriums der USA im September 1969 geschaffen wurde – war die Entwicklung der Infrastruktur des Internets bis Mitte der 1990er-Jahre fest mit US-amerikanischen Regierungsorganisationen verbunden (vgl. Castells 2005: 20 f.). Auch nach der Übernahme des ARPANET 1983 durch die National Science Foundation (NSF) hatte eine US-amerikanische, wenn auch wissenschaftliche, Institution die Kontrolle über das sich langsam entwickelnde »Netzwerk der Netzwerke«, wobei die NSF finanziell nach wie vor vom amerikanischen Militär unterstützt wurde. Seit Mitte der 1990er-Jahre zeichnete sich aber eine umfassende Privatisierung und Kommerzialisierung des Internets ab. Stimulierend hierfür war die Entwicklung des HTML-basierten World Wide Web (WWW) in den Jahren 1989 und 1990 durch Tim Berners-Lee, einem Programmierer am CERN, dem europäischen Kernforschungszentrum in Genf, und dessen Vorstellung des ersten Browsers 1991. Unter den verschiedenen öffentlichen Weiterentwicklungen des Browsers befand sich Mosaic (1993), auf dessen Basis mit Netscape der erste kommerzielle Browser entwickelt wurde, dem bald der Internet Explorer und der erste sogenannte Browser-Krieg folgte. Die WWW-Standards werden seit 1994 vom World Wide Web Consortium (W 3C) verwaltet, einem unter dem Gründer und Vorsitzenden Tim Berners-Lee am MIT lokalisierten Gremium. Es handelt sich hierbei also um keine zwischenstaatlich anerkannte Kommission, weswegen die W 3C-Vorgaben letztlich Empfehlungen darstellen. Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Erwartungen an das Internet, die sich die Clinton-Regierung zu eigen machte, bzw. dem wachsenden wirtschaftlichen Interesse privater Unternehmen wurde im April 1995 der letzte von der Regierung betriebene »backbone« des Internets geschlossen (vgl. Castells 2001: 50). Die Annahme eines Standardprotokolls für Kreditkartentransaktionen im Jahr 1997 gab den Erwartungen an die Möglichkeiten von Online-Verkäufen einen[60] starken Auftrieb (Curran et al. 2012: 42). Auf der Basis des etablierten TCP/IP-Protokolls expandierte das Internet bald weltweit in großer Geschwindigkeit, und die Kontrolle über die Vergabe von IP-Adressen übernahm im Jahr 2000 mit der 1998 gegründeten »Internet Corporation for Assigned Names and Numbers« (ICANN) eine auf Betreiben der amerikanischen Regierung geschaffene private Organisation. Die Infrastruktur des Internets wird seit diesem Zeitpunkt weitgehend von privatwirtschaftlichen Organisationen und Unternehmen getragen. Der aktuelle Höhepunkt einer solchen Privatisierung und Kommerzialisierung der Internetinfrastruktur ist, dass mit den seit 2003 geplanten und seit 2005 ausgebauten eigenen Datenzentren durch GOOGLE nicht nur dessen Verzeichnisse der Internetsuche in »privater Hand« sind. Im Jahr 2009 waren es 24 große Einrichtungen, ebenso ist GOOGLE nach Selbstauskunft der weltweit größte Besitzer von Glasfaserkabeln (siehe Levy 2012: 234, 243 sowie die Abbildung 9, S. 105). Mit der Etablierung des ebenfalls von GOOGLE vorangetriebenen Cloud-Computing werden zusätzlich erhebliche Datenmengen von privaten Anwendern, Kleinunternehmen und öffentlichen Institutionen in eine rein private Infrastruktur verlagert.

Dies darf aber nicht zu der Fehlannahme verleiten, dass eine solche Kommerzialisierung der Internet-Infrastruktur ein Vorgang gewesen wäre, der jenseits staatlichen Einflusses stattgefunden hätte bzw. in dessen Folge Staaten in der Regulation irrelevant geworden wären. Dies trifft hier ebenso wenig zu wie bei der Satelliteninfrastruktur. Die bisherige Darstellung sollte bereits deutlich gemacht haben, dass dieser Prozess der Kommerzialisierung des Internets selbst von Seiten der amerikanischen Politik vorangetrieben wurde. So traf die Entscheidung zur Privatisierung und Kommerzialisierung des Internets die Clinton-Regierung, die sich davon eine positive wirtschaftliche Entwicklung erhoffte. Letztlich entsprach die Form der Privatisierung und Kommerzialisierung der Internet-Infrastruktur der Vorstellung eines »free trade of communication«, wie er in den USA sowohl von Seiten der Politik als auch der privaten Medienunternehmen generell vorherrschend war. In gewissem Sinne lässt sich argumentieren, dass die technologische Konvergenz als Rechtfertigung der Liberalisierung von Medienmärkten diente (Mansell/Raboy 2011: 3). Ebenso bedeutet die Kommerzialisierung des Internets nicht, dass dieses ein staatlich unkontrollierter Raum wäre, wie auch die Beispiele von autoritären Regimen wie beispielsweise in China oder im Iran zeigen. In diesen wird die Internet-Infrastruktur nicht nur bezogen auf die Nutzungsmöglichkeiten kontrolliert, sondern das Internet wird auch für Propagandazwecke verwendet (Curran et al. 2012: 49–51; Morozov 2012: 85–112; Sreberny/Khiabany 2011: 101–136). In diesem Sinne spricht Des Freedman auch von einem »Outsourcing« der Internetregulation, das letztlich als ein spezifischer staatlicher Regulationsmechanismus anzusehen ist: »Mit anderen Worten, Intermediäre bieten effektivere Regulationsmechanismen an, um sichere und betriebsfähige Netzwerke aufzubauen anstatt direkte Zwangsmaßnahmen. Die Lösung für Regierungen ist es, die richtige regulative Balance zwischen einer Stimulation von ökonomisch[61] gewünschten Aktivitäten und dem Schutz individueller Rechte von Privatheit und Sicherheit zu finden« (Freedman 2012: 104). In einem solchen Sinne ist die ICANN auch keine von der amerikanischen Regierung wirklich unabhängige Organisation, sondern ein Instrument der Regulation u. a. der Adressvergabe im Internet unter Einfluss der amerikanischen Regierung (Mueller 2010: 230–251).

Auch hat der Prism-Skandal – d. h. die Aufdeckung der breiten Überwachung der Internetkommunikation durch die US-amerikanische National Security Agency (NSA) in Kooperation mit verschiedenen anderen Ländern, allen voran Großbritannien – deutlich gemacht, dass die Kommerzialisierung der Internet-Infrastruktur ebenfalls nicht bedeutet, der Staat hätte keinen Zugriff mehr auf entsprechende Daten. Im Gegenteil: Gerade die Kommerzialisierung des Internets ermöglichte es dem amerikanischen Geheimdienst, länderübergreifend auf Daten von Menschen unterschiedlichster kultureller Herkunft zuzugreifen. Die Datenzentren von Unternehmen wie FACEBOOK oder GOOGLE gestatten es der amerikanischen Regierung, selbst an sensible Daten von Privatpersonen zu gelangen. Hier zeichnen sich gänzlich neue Möglichkeiten einer transkulturellen Überwachung von Kommunikation ab.

Die in diesem Teilkapitel entwickelten Überlegungen können wie folgt zusammengefasst werden: Grundlegend lässt sich argumentieren, dass die fortschreitende globale Kommerzialisierung der Medien kein von selbst stattfindender Vorgang ist. Er wurde von verschiedenen staatlichen Akteuren und deren Politiken vorangetrieben – insbesondere den USA, die auf einen »free trade of communication« zielten. Wichtige Instrumente, um dies durchzusetzen, waren die WTO und ihre Vertragswerke. Aber bereits in der kommunikativen Figuration ihrer Verhandlung zeichnen sich gegenläufige Interessen ab, wonach Medien auch als kulturelle Produkte anzusehen und entsprechend zu schützen sind. Allerdings zeigt eine Betrachtung der Fallbeispiele von China und Russland, dass selbst in diesen (ehemals) sozialistischen Ländern eine fortschreitende Kommerzialisierung der Medien an der Tagesordnung ist. Diese verläuft dort gleichwohl nach anderen Mustern als beispielsweise in Westeuropa oder den USA. Dennoch lässt sich insgesamt festhalten: Der Aufbau einer breiten Infrastruktur transkultureller Kommunikationsmöglichkeiten geht einher mit einem widersprüchlichen Prozess der Kommerzialisierung.


Staatliche Regulation

Wie wir im letzten Abschnitt gesehen haben, bleibt der Staat auch bei der globalen Kommerzialisierung der Medien ein wichtiger Akteur. Doch wie lässt sich dieser im Hinblick auf grundlegende Prinzipien der Regulation im globalen Vergleich erfassen? Wirft man diese Frage auf, tritt man in das Zentrum einer Diskussion, die in den letzten Jahren bezogen auf die Möglichkeiten einer vergleichenden Betrachtung von Mediensystemen geführt worden ist (siehe überblickend Hardy 2008 und Davis [62]2010: 1–17). Wichtiger Referenzpunkt dieser Diskussion ist eine umfassende, von Daniel Hallin und Paolo Mancini vorgelegte synoptische Studie mit dem Titel »Comparing Media Systems. Three Models of Media and Politics«. Beide Autoren sind Experten im Bereich der politischen Kommunikation. Sie stellen ihre Argumentation kritisch in »das Erbe der ›Four Theories of the Press‹« (Hallin/Mancini 2004: 7), einem von Fred Siebert, Theodore Peterson und Wilbur Schramm (1956) verfassten Klassiker der vergleichenden Betrachtung von Mediensystemen (zu dessen kritischer Diskussion siehe Nordenstreng 1997 und Nerone 2004). Allerdings grenzen sich Hallin und Mancini insbesondere von dem normativen Charakter der »Four Theories of the Press« ab, die das (amerikanische) liberale Modell zur Bewertungsrichtlinie anderer Mediensysteme erhoben hatten.

Ausgehend von dieser Kritik setzen sich Hallin und Mancini auf Basis bisheriger, zum Teil eigener Studien mit den Mediensystemen von 18 Ländern des »Westens« und deren Bezug zum jeweiligen politischen System auseinander. Die Idealtypologie, die sie konstruieren, geht von drei Modellen von Mediensystemen aus: erstens dem »polarisiert-pluralistischen Modell« (»polarized pluralist model«), zweitens dem »demokratisch-körperschaftlichen Modell« (»democratic corporatist model«) und drittens dem »liberalen Modell« (»liberal model«). Bei allen drei Typen wird eine enge Beziehung von politischem System und Mediensystem unterstellt.

Der Begriff des Systems ist dabei deskriptiv angelegt und fasst letztlich die Gesamtheit der auf öffentliche Belange bezogenen Strukturen und Institutionen in einem Staat. Hallin und Mancini begreifen diese drei »Modelle« als Idealtypen, die sie anhand der Analyse der Staaten Westeuropas und Nordamerikas entwickelt haben. Ein solcher Rückbezug zu ihrem empirischen Feld wird darin deutlich, wie sie die Mediensysteme verschiedener Staaten diesen einzelnen Typen zuordnen.

Im Kern entspricht das polarisiert-pluralistische Modell Staaten des südlichen Europas (Frankreich, Griechenland, Italien, Portugal, Spanien). In diesen haben sich eine kleine, auf Eliten orientierte Presse und eine Zentralisierung der elektronischen Medien entwickelt. Die Regierungen haben traditionell starken Einfluss auf die Medien und versuchen, sie bis in die Gegenwart zu instrumentalisieren. Dies geht so weit, dass der Staat teilweise die Rolle des Besitzes von Medienorganisationen innehat. Gleichzeitig sind staatliche Medienregulationen mitunter sehr ineffektiv. Prozesse der sich auch in diesen Ländern abzeichnenden »Deregulation« laufen entsprechend hin und wieder unkontrolliert ab. Hallin und Mancini machen hier einen »politischen Parallelismus« aus, womit sie umfassende Beziehungen zwischen Medieninstitutionen einerseits und politischen Parteien bzw. organisierten sozialen Gruppen andererseits bezeichnen.

Dem demokratisch-körperschaftlichen Modell lassen sich insbesondere die Länder Mittel- und Nordeuropas zuordnen (Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Niederlande, Norwegen, Österreich, Schweden, Schweiz). Hier wurde früh Pressefreiheit erkämpft, und Zeitungen haben bis heute eine vergleichsweise breite Leserschaft. [63]Im Bereich des Rundfunks dominiert ein Nebeneinander von öffentlichen und privaten Rundfunkanstalten, wobei historisch der Rundfunk staatlich oder öffentlich gewesen ist. In die öffentlichen Rundfunkorganisationen sind die zentralen politischen Interessensvertretungen der jeweiligen Staaten einbezogen. Trotz staatlicher Regulationen besteht ein klares Bekenntnis zur Pressefreiheit und ein hoher Professionalisierungsgrad.

Das liberale Modell schließlich ist in der nord-/transatlantischen Region zu finden (Großbritannien, Irland, Kanada, USA). Es ist gekennzeichnet durch eine frühe Massenpresse mit kommerzieller Orientierung, wobei diese das Mediensystem generell ausmacht: Grenzen der Pressefreiheit bestehen eher in wirtschaftlichen Zwängen denn in staatlichen Eingriffen. Sowohl öffentlicher Rundfunk als auch staatliche Medienregulation sind durch das Prinzip der (kommerziell orientierten) Professionalität geleitet, weniger der politisch-inhaltlichen Einflussnahme.

Geht man davon aus, dass die Fähigkeit zur Regulation immer auch auf das Vorhandensein von Macht hindeutet, so lassen sich die drei Modelle als Systematisierung von verschiedenen Formen politischer Macht der Regulation verstehen (vgl. Hallin/Mancini 2004: 83–85). Um dies anschaulich zu machen, greifen die beiden Autoren die Unterscheidung von instrumenteller und struktureller Macht auf. Als instrumentell werden solche Formen der Machtausübung bezeichnet, die auf die direkte Einflussnahme einzelner benennbarer Akteure bzw. Akteursgruppen zurückgeführt werden können (bspw. einer Partei oder einer Person). Strukturell sind solche Formen der Machtausübung, die über bestimmte, akteursübergreifende »Logiken« (Klassengegensätze, Besitzverhältnisse, Gender-Diskurse etc.) erfolgen. Diese Unterscheidung lässt sich auf die verschiedenen Typen von Mediensystemen und die in ihnen erfolgende Regulation beziehen: Während im polarisiert-pluralistischen Modell Formen instrumenteller Machtausübung dominieren (direkte Einflussnahmen einzelner Personen oder Parteien), ist die Machtausübung in dem demokratisch-körperschaftlichen und liberalen Modell eher struktureller Natur. Auch wenn im liberalen Modell die Presse »freier« erscheint als im polarisiert-pluralistischen, ist sie durch kommerzielle Strukturen in Machtzusammenhänge eingebunden, welche den Journalistinnen und Journalisten in ihrer Berufspraxis deutliche Grenzen setzen. Und im demokratisch-körperschaftlichen Modell sind Machtverhältnisse in erheblichem Maße durch Kontrollstrukturen einzelner Eliten vermittelt.

Zwar haben Hallin und Mancini diese drei »Modelle« für die betrachteten Länder entwickelt. Jedoch legen sie selbst nahe, damit ein generelles Beschreibungsinstrument entwickelt zu haben. So sprechen sie auf der einen Seite davon, dass mit der fortschreitenden Kommerzialisierung und Professionalisierung in den betrachteten Ländern eine zunehmende »Konvergenz« (Hallin/Mancini 2004: 295) in Richtung des »liberalen Modells« auszumachen sei. Auf der anderen Seite argumentieren sie, dass es jenseits dieser Länder »vielleicht das polarisiert-pluralistische Modell ist […], das am weitesten anwendbar ist« (Hallin/Mancini 2004: 306). Sie zählen hierbei nicht nur Osteuropa und die frühere UdSSR auf, sondern auch Lateinamerika, den Nahen Osten, die Mittelmeerregion und Asien, deren Mediensysteme alle dem pluralistischen Modell entsprächen. Liegt also mit diesen drei Modellen eine Grundlage dafür vor, auf globaler Ebene Staaten als regulative Akteure in Prozessen transkultureller Kommunikation zu fassen?

[64]Abbildung 6: Westliche Mediensysteme im Schema von Hallin und Mancini


Quelle: Hallin/Mancini 2004: 70, erweitert nach Dobek-Ostrowska 2012: 50

Spitzt man die Frage in dieser Form zu, ist trotz der großen Leistung, die die Systematisierung von Hallin und Mancini bedeutet, einige Vorsicht geboten. Eine solche Vorsicht ist doppelt begründet, einerseits in der Form der vorgelegten Theoriebildung, andererseits im Hinblick auf empirische Evidenzen.

Bezogen auf die Form der Theoriebildung ist zu sagen, dass die Art und Weise der Bildung der Idealtypen als zu vereinheitlichend erscheint (Couldry 2012: 157–158). So werden beispielsweise dem »demokratisch-körperschaftlichen Modell« sehr unterschiedliche Mediensysteme zugesprochen. Aber auch die politische Regulation in den USA, Kanada, Irland und Großbritannien – die alle dem »liberalen Modell« entsprechen sollen – ist sehr different. Ebenso erscheint die These einer Konvergenz hin zum »liberalen Modell« viel zu allgemein (siehe Hardy 2008: 19; Nord 2008: 108 f.). Hinzu kommt, dass Hallin und Mancini in ihren Darlegungen nur bestimmte Ausschnitte[65] von Medienkommunikation berücksichtigen (Hardy 2008: 20). So setzen sie sich primär mit produzierter politischer Medienkommunikation auseinander und berücksichtigen andere Bereiche von Medienkommunikation nicht. Es muss also zumindest als offen gelten, ob die für die Beschreibung des Mediensystems herangezogenen Kategorien – Entwicklung des Medienmarktes, politischer Parallelismus, Professionalisierung und Rolle des Staates – für alle Bereiche von Medienkommunikation und deren Regulierung zentral sind. Insbesondere kann argumentiert werden, dass ihr In-Eins-Setzen von Staat, Mediensystem und Medienkultur, wie es als unhinterfragtes Paradigma im Rahmen der transkulturellen Kommunikationsforschung kritisiert wird (siehe Kap. 2.3), letztlich darin begründet ist, dass sie primär politische Kommunikation betrachten.

Eine Skepsis gegenüber dieser Systematisierung wird weiter gesteigert, wenn wir den Blickwinkel über die von den beiden Autoren betrachteten 18 westlichen Staaten hinaus ausweiten. Es geht dann um die empirischen Evidenzen einer möglichen Übertragbarkeit der drei Modelle auf andere Weltregionen. Diesbezüglich ist die Diskussion von Interesse, die der Entwurf von Hallin und Mancini selbst ausgelöst hat. Hierunter finden sich zum einen Arbeiten, die darauf abzielen, die Lücke ihrer Betrachtung bezogen auf die »westliche Welt« zu schließen, nämlich über Osteuropa. Das dabei bereits bei Hallin und Mancini anklingende Argument ist, dass die Mediensysteme in osteuropäischen Ländern viel mit dem »polarisiert-pluralistischen Modell« teilen, gleichzeitig aber auch Abweichungen auszumachen sind (Jakubowicz 2008: 47; Wyka 2008: 66). Letztere bestehen in der zum Teil weit fortgeschrittenen Kommerzialisierung, durch die die Mediensysteme der osteuropäischen Länder näher an das »liberale Modell« rücken. Vor dem Hintergrund solcher Analysen geht Boguslawa Dobek-Ostrowska (2012) so weit zu argumentieren, dass sich das polnische Mediensystem als Hybrid des »polarisiert-pluralistischen Modells« und »liberalen Modells« mit einigen Momenten des »demokratisch-körperschaftlichen Modells« in die Systematisierung von Hallin und Mancini einfügen lässt: Das dortige System sei gekennzeichnet durch eine geringe Zirkulation der Tagespresse und eine zentrale Position der elektronischen Medien. Die Medien fokussierten stark das politische Leben, und ein externer Pluralismus wie auch die Tradition des kommentierenden Journalismus seien wichtig. Gleichzeitig fällt die Instrumentalisierung des öffentlichen Rundfunks durch die Regierung und Parteien auf, die journalistische Professionalität ist eher gering, und die Beziehung zwischen Medien und politischen Eliten ist durch Konflikte über die Autonomie des Journalismus gekennzeichnet. In einem solchen Blickwinkel fällt das polnische Mediensystem in den leeren Bereich zwischen dem »polarisiert-pluralistischen« und »liberalen Modell« innerhalb des Beschreibungsdreiecks von Hallin und Mancini (siehe Abbildung 6, S. 64).

Unabhängig davon, dass mit einer solchen Erweiterungsargumentation die oben beschriebenen konzeptionellen Probleme der Modelle nicht aus der Welt geräumt sind, lässt sie sich nicht einfach auf andere osteuropäische Länder übertragen. Differenziert[66] hat dies Natalia Roudakova (2012) für den Fall Russlands gezeigt. Gerade vor dem Hintergrund des auch im letzten Abschnitt angesprochenen historischen Wandels von Medienregulation in Russland weist Roudakova darauf hin, dass es ihr sinnvoller erscheint, die Prozesse der Regulation statt der (mehr oder weniger als statisch gedachten) Mediensysteme miteinander zu vergleichen. Hierbei sollten zumindest zwei Prozesse berücksichtigt werden, nämlich erstens der des »Aufrechterhaltens von Ordnung« (Roudakova 2012: 249) und zweitens der der »situativen Anpassung« (Moore 1978: 50; Roudakova 2012: 249). Wichtig bei einer solchen Prozessbetrachtung ist es, Medienorganisationen nicht einfach als Einheiten zu sehen, die dem Staat gegenübergestellt sind, d. h., die dieser zu regulieren habe. Sie sind als Akteure ebenfalls in das Hervorbringen von Staatlichkeit eingebunden. Bezogen auf Russland nennt Roudakova hier das Beispiel der bereits erwähnten »Medienkriege«, also der Auseinandersetzungen von verschiedenen Machtgruppierungen und ihrer Medienkonglomerate im Russland der Nach-Jelzin-Zeit. Dies macht deutlich, inwieweit einzelne Medienkonglomerate selbst Teil des Prozesses der Herstellung staatlicher Macht sind bzw. inwieweit umgekehrt »das Wiedererlangen von staatlicher Kontrolle über die Medienressourcen der Oligarchen« (Roudakova 2012: 261) geschehen ist. Roudakova verallgemeinert dies dahingehend, dass Medienunternehmen insbesondere in »seit kurzem postkolonialen, postsozialistischen, postdiktatorischen und postkriegerischen Kontexten« (Roudakova 2012: 271) umfassend in den Prozess der Herstellung von Staatlichkeit eingebunden sind. Eine einfache Dichotomie – hier (regulierende) staatliche Akteure und dort die Akteure der Medien – funktioniert also nicht.

In solche Überlegungen zur Prozesshaftigkeit von Staatlichkeit und Regulation fügen sich weitere Arbeiten, die die Systematik von Hallin und Mancini aus der Sicht postkolonialer Staaten kritisch diskutieren. Afonso de Albuquerque (2012) hat als Lateinamerika-Experte mit Bezug auf Brasilien darauf aufmerksam gemacht, dass Hallin und Mancinis breiter Gebrauch des »polarisiert-pluralistischen Modells« zur Beschreibung der Mediensysteme verschiedenster südlicher Länder unscharf bleibt. Gerade bei postkolonialen Ländern sollte man zusätzlich Prozesse der Adaption von Mediensystemen im Blick haben. So sind nämlich die Modelle von Hallin und Mancini nicht nur als Instrumente der Beschreibung von empirischen Mediensystemen anzusehen (»model from«, Albuquerque 2012: 72), sondern sie haben im Prozess der Transformation von Mediensystemen auch einen normativ-orientierenden Charakter (als »model to«, Albuquerque 2012: 72; siehe auch Zhao 2012: 146). Es gibt demnach so etwas wie »zentrale Mediensysteme« (Albuquerque 2012: 87), die als Orientierungsmodelle »peripherer Mediensysteme« (Albuquerque 2012: 87) gedient haben und dienen. Eine solche Orientierung kann allerdings nicht mit der Beziehung von (ehemaligen) Kolonialstaaten und (ehemaligen) Kolonien gleichgesetzt werden, da es auch in diesen Gruppen untereinander Orientierungsbeziehungen gibt. Rückt man solche Orientierungen in Prozessen der Regulation in den Blick, wird es wichtig, [67]Abweichungen zwischen »zentralen« und »peripheren« Mediensystemen nicht einfach als Misadaption anzusehen. Vielmehr geht es hierbei auch um Entwicklungen von eigenständigen »politischen Kulturen« (Albuquerque 2012: 89).

Wir haben es in dem Prozess der Regulation also auch mit Transkulturation zu tun, die als (ggf. wechselseitige) Orientierung greifbar wird. Eine Beziehung zwischen Staat und Medienunternehmen kann dabei in Ländern wie Brasilien kaum als europäischer »politischer Parallelismus« beschrieben werden. Spezifisch für Brasilien sieht Albuquerque an, dass dort »starke, politisch aktive Medien bestehen« (Albuquerque 2012: 93), die »Parteigrenzen« aber nicht wie beim polarisierten Modell »klar«, sondern »unscharf« sind – der Übergang zwischen Parteien und Medienunternehmen also fließend ist. Dies hängt damit zusammen, dass den Medienunternehmen selbst im politischen Prozess eine »moderierende Rolle« zukommt, die Albuquerque im Zusammenhang mit dem Präsidialsystem Brasiliens und der damit einhergehenden schwachen Stellung von politischen Parteien überhaupt sieht.

In ähnlicher Hinsicht, aber mit anderen Argumenten problematisiert Duncan McCargo (2012) eine Übertragung des »politischen Parallelismus« auf asiatische Länder. Auch er weist auf kulturelle Differenzen hin. Zuerst einmal verdeutlicht er, dass sich europäische Konzepte von Medienbesitz nicht so einfach auf Medien beispielsweise in Thailand übertragen lassen, wo informelle Anteile am Besitz von Medienunternehmen bestehen, Eigentumsverhältnisse an bestimmten Zeitungskolumnen und ein »Vorrang der Vetternwirtschaft vor Professionalisierung« (McCargo 2012: 211) auszumachen ist. Das investigative »Sammeln« politischer Nachrichten ist deshalb nicht ein Teil einer professionellen Arbeitskultur, sondern es dominieren »traditionale« Aktivitäten des »Austauschs« von Informationen. Dabei argumentiert McCargo, dass das »thailändische Modell« vielleicht eher auf aktuelle Prozesse der Nachrichtenproduktion in der (auch westlichen) Blogosphäre verweist als auf die normativen Implikationen von Professionalisierung, die Hallin und Mancini bei ihrem »liberalen Modell« im Blick haben (McCargo 2012: 215–217).

Andere kulturelle Besonderheiten sieht Adrian Hadland für Afrika. Er argumentiert, dass sich für die Staaten in Subsahara-Afrika spezifische Zusammenhänge der Beziehungen zwischen Medien und Staat herausgebildet haben. So lassen sich im Sinne von Mahmood Mamdani (1996) zumindest Ansätze eines »postkolonialen afrikanischen Modells« (Hadland 2012: 115) ausmachen. Hierzu zählt er historisch den »doppelten Charakter« (»bifurcated nature«, Hadland 2012: 114) afrikanischer Staatlichkeit. Dieser besteht darin, dass der Staat auf der einen Seite in städtischen Gebieten über Bürgerrechte Macht ausübt. Auf der anderen Seite geschieht die Machtausübung in ländlichen Gebieten mittels Gewohnheitsrechten. Entsprechend groß ist die Kluft zwischen urbanen und ländlichen Gebieten, was ganz eigene »Modelle« von Mediensystemen zur Folge hat. Zur Beschreibung dieser Mediensysteme sich wandelnder postkolonialer Staaten Afrikas bieten die Modelle von Hallin und Mancini keinen hinreichenden Anhaltspunkt, indem sie beispielsweise Fragen von Religion, [68]Sprachenvielfalt, Ethnizität, Pluri-Nationalismus oder hohen migrantischen Bevölkerungsanteilen nicht berücksichtigen (siehe Hadland 2012: 116).

Noch vielschichtiger werden die Argumente, wenn man die Vorstellung des nationalen Territorialstaats als alleinigem regulativen Akteur bei Hallin und Mancini hinterfragt. In eine solche Richtung argumentiert Marwan Kraidy. Bezogen auf den panarabischen Kommunikationsraum macht er das Entstehen eines »transnationalen Mediensystems« (Kraidy 2012a: 177) aus. Hintergrund ist, dass sich die panarabische Satellitenkommunikation und deren Regulation nicht aus Sicht eines einzelnen Staates fassen lässt, sondern nur, wenn man das komplementäre Verhältnis von Saudi-Arabien und dem Libanon im Blick hat: Libanesische Medien, die im Libanon kein hinreichendes Publikum hätten, »stellen eine Plattform für ›reformistische‹ Prinzen und ›liberale‹ Aktivisten zur Verfügung, um saudische Publika zu erreichen« (Kraidy 2012a: 198). Regulation wird damit zu einer transnationalen Angelegenheit. Dabei kann die Kommerzialisierung der arabischen Medienindustrie (und dort bestehende Momente der Regulation) nicht mittels des »liberalen Modells« von Hallin und Mancini gefasst werden, da im arabischen Raum »eine zunehmende Kommerzialisierung Hand in Hand geht mit autokratischen politischen Praktiken« (Kraidy/Khalil 2009: 2).

Auch für Europa lässt sich argumentieren, dass die EU ein wichtiger Akteur der Medienregulation ist, von dem man die Mediensysteme der EU-Staaten nicht losgelöst betrachten kann (Sarikakis 2007). So sind die nationalen Regulationen im Bereich von Medien und Kommunikation in den verschiedenen europäischen Staaten im Kontext der EU-Leitlinien beispielsweise zum Umbau nationaler Telekommunikationsmonopole hin zu (auch für andere Akteure als den ehemals nationalstaatlichen Telekommunikationsunternehmen zugänglichen) Telekommunikationsmärkten zu sehen. Ähnlich wurden Vorstellungen eines europäischen Rundfunkmarktes – der sich als solcher global besser als nationale Märkte positionieren kann – in Richtlinien wie der des »Television without Frontiers« (Rat der Europäischen Union 1989) formuliert und dann jeweils national umgesetzt. Hinzu kommt, dass die regulative Instanz der EU nicht nur für die EU-Staaten selbst zu berücksichtigen ist. Wie wir bereits gesehen haben, ist die EU auch nach außen ein zentraler Akteur. Beispielsweise wäre die (von den europäischen Nationalstaaten weitgehend geteilte) Vorstellung, dass Medienprodukte neben Wirtschafts- auch Kulturgüter sind und entsprechend eines besonderen Schutzes bedürfen, in den GATT- bzw. GATS-Verhandlungen ohne die EU so nicht durchsetzbar gewesen (Sarikakis 2008: 97). Und die ACTA-Verhandlungen 2008–2012 wurden für die EU-Staaten ebenfalls von der EU-Kommission geführt und das Abkommen dann 2012 vom europäischen Parlament abgelehnt.

Was lässt sich nun insgesamt aus solchen Studien folgern? Zuerst einmal sollte offensichtlich geworden sein, dass wir mit der Beschreibung von staatlicher Regulation entlang einer feststehenden Systematik von Mediensystemen vorsichtig sein müssen. So ist die von Hallin und Mancini vorlegte Typologie allenfalls zur Beschreibung der Systeme derjenigen westlichen Staaten hinreichend, auf deren Basis sie entwickelt[69] wurde. Aber auch für diese Staaten erscheint die Modellierung doch sehr statisch: Sie ist wenig prozessorientiert und berücksichtigt kaum, dass gerade in Europa mit der EU ein supranationaler Akteur besteht, ohne dessen Einbezug staatliche Regulation nicht angemessen gefasst werden kann. Argumentiert man hier in transkultureller Perspektive weiter und hat auch die verschiedenen postkolonialen und postsozialistischen Staaten im Blick, fällt zusätzlich die globale Vielfalt von Staatlichkeit auf, die diese Typologie nicht ansatzweise berücksichtigt. Will man die unterschiedlichen Prozesse von Regulation durch Staaten bzw. die Einflussnahmen von medienbezogenen Akteuren auf den Staat in transkultureller Perspektive fassen, ist es kaum angemessen, solche Analysen von vornherein durch das Korsett einzelner »Modelle« einzuschränken. Vielmehr gilt es, je kontextuell spezifisch diese Prozesse in ihrem Wandel zu beschreiben und hierfür je angemessene Beschreibungskategorien zu entwickeln. Dabei können die Begrifflichkeiten von Hallin und Mancini Anregungen sein. Als feststehendes Schema sind sie aber, wie wir gesehen haben, nicht hinreichend.

Bei einer transkulturellen Betrachtung staatlicher Regulation ist es demnach wichtig, im Blick zu haben, dass das, was als Staatlichkeit gilt, selbst in komplexen kommunikativen Figurationen konstruiert wird. Der Staat ist also nicht etwas, das als regulativer Akteur einfach gegeben ist. Vielmehr wird dieser Akteur selbst in komplexen kommunikativen Figurationen geschaffen. Medien sind dabei immer auch Instanzen der Vermittlung, was Staat ist und was nicht (bis hin zu deren Einbezug in staatliche bzw. staatstragende Institutionen). Hierbei sind Fragen von Kultur in zumindest doppelter Hinsicht von Relevanz. Einerseits bestehen kulturelle Differenzen bei den Mustern solcher kommunikativen Figurationen der Produktion regulierender Staatlichkeit. Dies wurde in den bisherigen Betrachtungen greifbar, wenn beispielsweise auf die »brasilianische politische Kultur« (Albuquerque 2012: 89), den »einzigartigen Charakter der russischen Gesellschaft und Kultur« (Vartanova 2012: 140) oder die »Wichtigkeit der kulturellen Tradition« (Zhao 2012: 151) in China verwiesen wurde. In einem solchen Sinne hat auch Staatlichkeit eine kulturelle Dimension. Andererseits zeichnen sich bezogen auf Regulation vielfältige Prozesse der Transkulturation ab. Beispiele, die genannt wurden, sind Hybridisierungen von Formen der Medienregulation der Kolonialmächte mit traditionellen Formen von Regulation in ehemaligen Kolonien oder transkulturelle Orientierungen an Modellen von Regulation. Transkulturationen kennzeichnen die Regulation in einzelnen Ländern aber auch dann, wenn beispielsweise ein sich über verschiedene Kulturen verbreitender Diskurs des Neoliberalismus (zustimmend, kritisch oder auch ablehnend) im eigenen Regulationsdiskurs aufgegriffen wird.

Entsprechend kann es hilfreich sein, auf globaler Ebene ein Argument aufzugreifen, das Andrew Chadwick (2013) kürzlich formuliert hat, nämlich dass alle Mediensysteme als »hybrid« zu verstehen sind. Chadwick hatte insbesondere Technologien und Infrastrukturen im Blick, als er mit Bezug auf das britische und amerikanische Mediensystem schrieb: »hybride Mediensysteme basieren auf Konflikt und Konkurrenz[70] zwischen alten und neuen Medienlogiken und sind durch bemerkenswerte Interdependenzen zwischen diesen Logiken gekennzeichnet« (Chadwick 2013: 207). Diese Überlegung im Blick habend können wir hinzufügen: Die Transkulturation von Regulation führt einen weiteren Moment der Hybridität hinzu, nämlich die kulturelle Hybridität. In diesem Sinne ist ein »hybrides Mediensystem« auch ein transkulturelles.


Vom freien Kommunikationsfluss zur Regulation der Globalisierung

Jenseits von einzelnen Staaten ist über Jahrzehnte vor allem ein supranationaler Akteur von Relevanz gewesen für die Diskussion um eine Regulation transkultureller Kommunikationsprozesse, nämlich die UN bzw. eine ihrer Sonderorganisationen, die UNESCO (»United Nations Educational, Scientific and Cultural Organisation«). Letztere ist – wie es Hans Kleinsteuber als langjähriger Forscher zu Fragen der Medienpolitik formuliert – in den 1970er- und 1980er-Jahren »zum Ort spektakulärer Auseinandersetzungen um die Prinzipien globaler Medienpolitik« (Kleinsteuber 2005: 96) geworden. Entsprechend war die UNESCO ein »heißes Thema in der internationalen Kommunikation wie auch der internationalen Politik« (Leye 2009: 939), so Veva Leye, eine andere Expertin in diesem Feld. Wie wir noch sehen werden, haben sich die Auseinandersetzungen seit dieser Zeit verändert und sind in ihrer Außenwirkung nicht mehr so spektakulär, wie sie es in dem angesprochenen Zeitraum waren. Weniger wichtig sind sie damit aber nicht. Der Kernpunkt, um den es mir in diesem Teilkapitel geht, ist, dass sich anhand der UNESCO eine Veränderung der kommunikativen Figuration der Regulation transkultureller Kommunikation festmachen lässt, die bereits in den letzten Teilkapiteln angesprochen wurde. Im Kern handelt es sich dabei um die Verschiebung von einer rein auf wenige staatliche Akteure bezogenen kommunikativen Figuration der Verhandlung von Regulation hin zu einer eine breitere Anzahl unterschiedlicher Akteure einbeziehenden kommunikativen Figuration. Dies lässt sich an den drei Phasen der medienpolitischen Regulationsdiskussion in der UNESCO festmachen: von der Phase des freien Kommunikationsflusses über die Suche nach einer Weltinformations- und Kommunikationsordnung hin zur Regulation der kulturellen Vielfalt. Wir können an der UNSECO als transnationaler Organisation damit eine veränderte globale Umgangsweise mit transkultureller Kommunikation insgesamt beschreiben.

Die ersten Jahrzehnte einer Medien- und Kommunikationspolitik der UNESCO kann man als Phase des »freien Kommunikationsflusses« (1945–1978) charakterisieren. Diese Phase ist dabei in enger Beziehung zu sehen zu den GATT-Vereinbarungen und dem Aufbau eines entsprechenden Welthandels. Rückblickend erscheinen dabei die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs wie auch die mit ihm verbundenen Propagandakriege[71] als wichtige Faktoren (Hamelink 2012: 29). So wurde die Sicherung des »free flow of communication« in der UNESCO-Charta von 1945 als eine ihrer Aufgaben festgeschrieben. Getragen war dies von der Vorstellung, damit einer Behinderung des Zugangs zu Informationen entgegenzutreten, wie er mit der Propaganda während des Zweiten Weltkriegs verbunden war (vgl. UNESCO-Charta, Art. I, 2a).

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524 s. 24 illüstrasyon
ISBN:
9783846340356
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