Kitabı oku: «Der Fortschritt dieses Sturms»

Yazı tipi:

Andreas Malm

Der Fortschritt dieses Sturms

Natur und Gesellschaft in einer sich erwärmenden Welt

Aus dem Englischen von David Frühauf


Inhalt

Einleitung. Theorie des Erwärmungszustands

1 Über den Bau der Natur. Wider den Konstruktionismus

2 Über kombinierte Entwicklung. Wider den Hybridismus

3 Über das Wirken der Materie. Wider den Neuen Materialismus

4 Über Einhörner und Paviane. Für einen Klimarealismus

5 Über die Gefahren des Eigentums. Entwurf für die Fahndung nach dem Sturm

6 Über den Nutzen der Unterschiede. Lob der Polarisierung

7 Über widerspenstige Natur. Ein ökologischer Autonomismusversuch

8 Schluss. Ein Schritt zurück, zwei Schritte vor

Dank

Anmerkungen

Register

Schon waren beide Köpfe eins geworden, als zwei Gestalten sich in einer Fratze vereinigt zeigten und drin beide schwanden.

[…]

Das ganze frühre Aussehn war vernichtet: zwei und doch keiner schien, was man jetzt sah; mit dieser Uniform ging er langsam weg.

Dante, im achten Kreis der Hölle (25. Gesang)

Die Natur produziert nicht auf der einen Seite Geld- oder Warenbesitzer und auf der andren bloße Besitzer der eignen Arbeitskräfte. Dies Verhältnis ist kein naturgeschichtliches und ebensowenig ein gesellschaftliches, das allen Geschichtsperioden gemein wäre. Es ist offenbar selbst das Resultat einer vorhergegangenen historischen Entwicklung, das Produkt vieler ökonomischischer Umwälzungen, des Untergangs einer ganzen Reihe älterer Formationen der gesellschaftlichen Produktion.

Karl Marx, Das Kapital. Bd. 1

Der Himmel ist im Wandel.

Tosend nähert sich ein Sturm.

Nebel heult,

Platzregen grollt.

[…]

Die Geldmänner, verschließen die Augen und behaupten, dieses Grollen, das sollen Tiefflieger sein.

Kae Tempest, Sollen sie doch Chaos fressen

Einleitung. Theorie des Erwärmungszustands
NIEMALS IN DER HITZE DES MOMENTS

Gibt es noch Zeit in dieser Welt? In einem 2015 in der Zeitschrift New Left Review veröffentlichten Essay formulierte Fredric Jameson von Neuem seinen dreißig Jahre alten Befund der Postmoderne als »Vorherrschaft des Raums über die Zeit«.1 Wir leben nach wie vor in einer Phase, in der es nichts als Gegenwart gibt. Vergangenheit wie Zukunft haben sich in einem fortwährenden Jetzt aufgelöst und halten uns in genau dem Moment gefangen, dessen Verbindungen weder vor noch zurück reichen: Allein die Dimension des Raums erstreckt sich in alle Richtungen, über die nahtlose Oberfläche einer globalisierten Welt, in der durch unzählige Fäden alle mit allen anderen verbunden sind – die Zeit hingegen fließt längst schon nicht mehr. Oder, wie Jameson es ursprünglich in Postmodernism, or The Cultural Logic of Late Capitalism ausdrückte:

Wir bewohnen mittlerweile das Synchrone anstatt des Diachronen, und zumindest empirisch halte ich es für diskutabel, dass unser Alltag, unsere psychische Erfahrung, unsere kulturellen Sprachen heute eher von der Kategorie des Raumes bestimmt werden als – wie in der vorangegangenen Periode der Hochmoderne – von der Kategorie der Zeit.2

Diese Verschiebung der Dimensionen markiert mehr als alles andere den Anbeginn der Postmoderne – und genau an diesem Punkt befinden wir uns nach wie vor.

Der Befund selbst hängt stark von der Ausrottung der Natur ab. Jameson argumentiert in etwa so: In der Neuzeit waren noch vereinzelt Felder der alten Natur zwischen den geschäftigen neuen Zentren von Produktionsstätte und Markt verstreut zu finden. Eine kurze Fahrt brachte die Modernistin stets zurück in das ländliche Dorf, in dem sie geboren worden war; während altertümliche Lebensweisen jedweden Horizont prägten, beschleunigte sich der moderne Modus innerhalb einer an das Natürliche und Unvergängliche geknüpften Landschaft. Es war dieser Kontrast, der die Modernist:innen die Bewegung der Zeit fühlen ließ – vom Alten zum Neuen, in Richtung Zukunft – und ihre Kultur so grundlegend strukturierte. Heute aber mangelt es an dieser Kontrastfigur. Bäuer:innen, Grundeigentümer:innen, Handwerker:innen und Straßenhändler:innen sind aus dem Blickfeld verschwunden, und mit ihnen »ist auch die Natur triumphal ausgemerzt worden«.3 Anstelle von Dörfern gibt es ringsum nur mehr Vorstädte; egal, wie weit die Postmodernistin fährt, sie wird auf Bewohner:innen derselben kulturellen Gegenwart treffen, die dieselben Programme schauen oder – um die Analyse zu aktualisieren –Bilder in denselben Netzwerken posten. Das Neue stellt die einzige Möglichkeit dar, und nach ebendieser Logik verliert es an Bedeutung und Glanz. Anstatt also voranzukommen, scheinen wir auf ewig im automatisierten Markt des unablässig Neuen festzustecken. In diesem Sinne ist die Postmoderne »das, was man hat, wenn der Modernisierungsprozess abgeschlossen ist und die Natur endgültig verschwunden ist«; ohne »die Vorstellung von Natur und dem Natürlichen als einer Art letztgültigem Inhalt oder Referenten« kann es kein Zeitempfinden mehr geben und bleiben wir in den Megastädten gestrandet, worin Glasflächen einander spiegeln, Bilder und Simulacra über Nacht und Tag regieren, wo das freie Spiel der Masken und Rollen ohne irgendeine reale, materielle Substanz pausenlos vonstattengeht.4

Doch ein Sturm bewegt sich längst auf diese Stadt zu.

Die Beschaffenheit von Jamesons Postmoderne gibt sich im Alltagsleben New York Citys zu erkennen, wie es in Ben Lerners bemerkenswertem Roman 22:04 geschildert wird. Erdichtung und äußerer Anschein scheinen jeden Schritt des Protagonisten zu lenken. Er arbeitet an der Fälschung einer Korrespondenz mit renommierten Autor:innen. Eine Freundin bittet ihn, Vater ihres Kindes zu werden, jedoch nicht mittels Geschlechtsverkehr. Vielmehr nimmt er den unwegsameren Prozess auf sich, schaut Pornos, masturbiert und händigt sein Sperma zur künstlichen Befruchtung aus. Ihm schwirrt der Kopf aufgrund einer 24-stündigen Installation mit dem Titel The Clock, einer Montage von Clips aus Tausenden von Filmen, kombiniert zu einer durchgehenden Sequenz, sodass der Einschlag des Blitzes, der in Zurück in die Zukunft um 22:04 Uhr in Szene gesetzt wurde, exakt zum Zeitpunkt der Echtzeit des Publikums abgespielt wird, und immer so weiter, durch Nacht und durch Tag, »den endgültigen Einbruch der fiktiven Zeit in die Echtzeit«5 vorführend.

Und unterdessen befindet sich Lerners New York im Belagerungszustand. Der Roman setzt mit dem Herannahen eines »ungewöhnlich große[n] zyklonische[n] Windsystem[s]« ein und endet mit der kataklystischen Landung des nächsten.

Überall entlang der Küste waren Häuser zerstört und überflutet worden, bald würde ein Stadtviertel in Queens brennen. Rettungskräfte fischten die Leichen derer heraus, die im plötzlich ansteigenden Wasser ertrunken waren; wer wusste, wie viele Obdachlose gestorben waren?

Ein Argument unwiderlegbarer Realität durchdringt die Erzählung und lässt den Protagonisten in einen Strom höchst spürbarer Zeit eintauchen: Er blickt zurück auf »[s]echs Jahre spazieren gehen auf einem sich erwärmenden Planeten«. Als der Union Square »schwer [wird] von Wasser in seinem gasförmigen Zustand, einer für New York untypischen, tropischen Feuchtigkeit, einem ominösen Medium«, wird die gewöhnliche Zeit stillgestellt, und wie »die überwundene Zeit selbst« fällt die Luft »vom Himmel«.6 Der Protagonist versinkt in einer Obsession mit der Zeit, als er über das nachsinnt, was er für den Quell all dieser Stürme hält: den Klimawandel.

Jüngste Bemühungen in »Ereignisattribution« stützen diese Annahme. Jeder einzelne Sturm ist das einmalige Resultat eines chaotischen Gemischs von Wetterkomponenten, jedoch modifiziert die globale Erwärmung die Basis, von der aus diese gebildet werden. »Das Klima verändert sich: Wir haben eine neue Normalität«, lässt ein Forschungsteam wissen: »Die Umwelt, innerhalb derer sich all diese Wetterereignisse ereignen, ist nicht mehr das, was sie einmal war. Alle Stürme sind ausnahmslos verschieden.« Dementsprechend ritt der Supersturm Sandy, der im Oktober 2012 weite Teile New Yorks erschütterte, auf Meeresspiegeln voran, die um etwa 19 Zentimeter erhöht waren, während hohe Meeresoberflächentemperaturen außergewöhnliche Mengen an Wasserdampf als Munition für die Wolken in die Luft beförderten.7 Ähnliche Faktoren verstärkten den Supertaifun Haiyan – der bis dato stärkste je aufgezeichnete und auf Land treffende Sturm –, als er im November 2013 durch die Philippinen fegte, mehr als 6000 Menschen tötete und wochenlang Leichen im Meer auf und ab treiben ließ.8 »Kein singuläres Ereignis lässt sich auf den Klimawandel zurückführen«, lautet ein gebetsmühlenartiger Refrain in den Medien, aber ein Beobachtungs- und Modellierungsschub bekräftigt mittlerweile die weitverbreitete Annahme, dass dieses ganze extreme Wetter ohne einen solchen Wandel nicht eingetreten wäre. Individuelle Ereignisse können sehr wohl dem Temperaturanstieg zugerechnet werden, sogar mit jährlich steigender wissenschaftlicher Genauigkeit. Schon als sich die Erde um gerade mal 0,85 Grad Celsius erwärmt hatte, konnten drei von vier Aufzeichnungen extremer Hitze an Land aus dem allgemeinen Trend abgeleitet werden, und wenn die Temperaturen weiterhin steigen, wird der Klimawandel einen noch größeren Anteil der Kausalität für sich in Anspruch nehmen.9 Er wird geradezu zur universalen Erfahrung: Ein Großteil der menschlichen Bevölkerung ist in den letzten zehn Jahren einem abnormal warmen Wetter ausgesetzt gewesen.10 Doch das von Menschen verursachte Wetter ist niemals ein Produkt der Gegenwart.

Die globale Erwärmung ist das Resultat von Handlungen, die in der Vergangenheit stattgefunden haben. Jedes CO2-Molekül über dem vorindustriellen Niveau befindet sich in der Atmosphäre, gerade weil die Menschen im Laufe der Zeit Bäume und andere Pflanzen, allem voran aber fossile Brennstoffe verbrannt haben. War der Kohlenstoff zu Beginn noch in der Kohle, waren Öl und Erdgas noch innerhalb der Erdkruste eingeschlossen, wurden diese Reserven schließlich irgendwann entdeckt und erschlossen und die Brennstoffe an die Feuerstellen gekarrt, von wo aus der Kohlenstoff als CO2 freigesetzt wurde. Zu jedem beliebigen Zeitpunkt beschreibt der Wärmeüberschuss im Erdsystem somit die Summe all dieser historischen Feuer, der kumulativen Emissionen, der aufeinandergeschichteten CO2-Ausstöße: Der Sturm des Klimawandels bezieht seine Kraft streng genommen aus unzähligen Verbrennungen der letzten beiden Jahrhunderte. Wir können niemals in der Hitze des Moments sein, nur in der Hitze der fortwährenden Vergangenheit. Insofern extreme Wetterereignisse von basaler Erwärmung geprägt werden, handelt es sich bei ihnen um das Vermächtnis dessen, was Menschen getan haben, um die jüngsten Triebe einer schädlichen Saat – in der Tat, die Luft geht schwanger mit der Zeit.11

Als Walter Benjamin in der Zwischenkriegszeit die Städte Europas durchstreifte, notierte er flüchtig einen Wegweiser für weitere Untersuchungen: »Über die Doppelbedeutung von ›temps‹ im Französischen«: temps wie Wetter und Zeit.12 Höchstwahrscheinlich wurzelt die semantische Überlappung in der ursprünglichen Erfahrung des Jahreszeitenzyklus, der den Arbeitskalender früherer Zeiten vorgab, als Sonne, Wolken, Regen und Schnee den Rhythmus des Jagens, Säens, Erntens und vieler anderer Aktivitäten bestimmten. Auf diese Zeit folgte eine Epoche, in der (einige) Menschen lebten, als wären sie vom Wetter abgeschnitten – »unsere Jahreszeiten«, vermerkt Jameson, »gehören der postnatürlichen und postastronomischen Fernseh- und Medienvielfalt an« –, doch allmählich und zugleich wie aus dem Nichts sickert die ursprüngliche Bedeutung wieder in den Alltag ein.13 Dieses Mal jedoch präsentiert sich das Wetter kaum mehr als etwas, wonach die Uhr zu stellen ist. Es neigt vielmehr dazu, Zeitpläne und Routinen kraft des Gewichts, welches ihm aus der Vergangenheit anhaftet, durcheinanderzuwirbeln. Als solch ein Unwetter [tempest] ist ihm eine verquere, multiple Zeitlichkeit zu eigen, wie sich auch Lerners Protagonist eingestehen muss, als er während eines oktoberlichen Spaziergangs zwanghaft von Tagen »unzeitgemäßer Wärme« berichtet:

Die ungewöhnliche Wärme kam einem sommerlich vor, doch das Licht war eindeutig herbstlich, und die Vermischung der Jahreszeiten spiegelte sich in der Kleidung um sie herum wieder […]: zwei zu einem einzigen Bild zusammengefallene Zeitlichkeiten.14

Noch angemessener mag sein Gefühl sein, »er wäre in der Zeit zurückgereist oder verschiedene Zeiten hätten sich übereinandergelegt, Zeitlichkeiten miteinander verflochten«, denn jedwede Folge des Klimawandels ist, physikalisch betrachtet, eine Kommunikation mit einer menschlichen Vergangenheit.15 Doch greifen die Verbindungen nicht bloß auf Vergangenes zurück. Der Schatten des anthropogenen CO2 wirft sich gleichermaßen auf das Absehbare und erstreckt sich bis hinein in die unergründliche Zukunft. Ein Team höchst prominenter Wissenschaftler:innen, das sich mit diesem speziellen Aspekt beschäftigt, weist darauf hin, dass 2100, das Jahr also, in dem die meisten Szenarien und Projektionen abrupt enden – bis 2100 wird es diesen oder jenen Meeresspiegelanstieg geben, diese oder jene extreme Hitze –, keinen wirklich abschließenden Status innehat. Die weitverbreitete Verwendung dieses Bezugspunkts ergibt sich lediglich aus einer computertechnologischen Panne, insofern die ersten Modelle nicht in der Lage waren, Wissenschaftler:innen weiter als bis zu diesem Datum zu führen. Greifbar und bequem ergibt sich daraus, so das Team, die Illusion, die nun in der Schwebe hängende Zukunft würde relativ kurz sein, ein Kopfschmerz für das 21. Jahrhundert, während das Gros des Temperaturanstiegs und praktisch der ganze, durch beliebig vorhandene kumulative Emissionsmengen produzierte Meeresspiegelzuwachs in Wahrheit – sofern es dem Erdsystem überlassen sein wird, die Konsequenzen abzuarbeiten – mindestens die nächsten 10 000 Jahre fortdauern und die Meere unter Umständen auf eine Höhe von rund 50 Metern über dem heutigen Spiegel angestiegen sein werden. Vieles davon kann nach wie vor vermieden werden. Und ebendiese Möglichkeit überfrachtet unseren gegenwärtigen Moment mit Zeit. »Die nächsten Jahrzehnte«, folgert das Team demgemäß, »bieten ein kurzes Zeitfenster, um den großflächigen und potenziell katastrophalen Klimawandel zu mindern, der länger andauern wird als die gesamte bisherige Geschichte der menschlichen Zivilisation«.16 Eine Ewigkeit wird heute schon beschlossen.

Für jedes Jahr, in dem die vollständige Dekarbonisierung der Weltwirtschaft aufgeschoben wird – gar nicht zu sprechen von all den Jahren, in denen die Emissionen gleichbleibend oder steigend sein werden –, dehnt sich der Schatten der gemachten Erwärmung ein Stück weiter in die Zukunft aus.17 Für jedes solches Jahr werden weitere Auswirkungen unausweichlich. Und es hat schon viele solcher Jahre gegeben. Entsprechend deutete eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten aus den Jahren 2014 und 2015 darauf hin, dass der Hauptabschnitt des Westantarktischen Eisschildes seinen Kipppunkt überschritten habe und auf seine irreversible Schmelze zusteuere, während, noch spektakulärer, ein ebenso großer Gletscher auf dem östlichen Teil des Kontinents – von dem man lange Zeit dachte, er sei sicher vor der Erwärmung – womöglich gleichfalls in Richtung Meer abrutschen wird.18 »Was auch immer wir jetzt tun«, verkündete das populäre Magazin New Scientist wohl etwas überspitzt, »die Meere werden um mindestens fünf Meter steigen«.19 Da Gletscherbewegungen sprichwörtlich langsam sind, hielt die wissenschaftliche Meinung lange an dem Glauben fest, dass es mehrere Jahrtausende dauern würde, bis es zu einem Meeresspiegelanstieg dieser Größenordnung kommt, doch eine der aufsehenerregendsten Publikationen der letzten Jahre argumentiert, dass Eis, welches »mehreren Metern« des Wasserspiegels entspricht, im schlimmsten Fall bereits in diesem Jahrhundert in die Ozeane stürzen könnte, ein Großteil davon während der Lebenszeit vieler junger Menschen, die heute in küstennahen Gebieten wohnen.20 Mit all diesen konstant überarbeiteten und aktualisierten Zahlen versuchen Wissenschaftler:innen, den Ansturm eines Fluchs aus der Vergangenheit oder einer Erbschuld zu versinnbildlichen, dem zu entkommen sich als immer schwieriger erweist. Lerners Protagonist stellt sich die Stadt bald unter Wasser vor.21

Etwas Geschichte ist also doch zurückgekehrt: Die Panik, die der Klimawandel so mühelos hervorruft, ist in Wahrheit eine Panik angesichts der Geschichte, eine Reaktion unsererseits, sobald uns dämmert, was diejenigen uns und unseren Kindern angetan haben, die einst die fossilen Feuer entzündeten, sie um sich greifen ließen und weiterhin anschüren. Und hin und wieder macht die Geschichte dann einen Ausfallschritt in die Gegenwart. Im Dezember 2015, zum Abschluss der COP 21 in Paris, erklärten die Delegierten von 195 Nationen mit großem Trara, dass sie den Temperaturanstieg auf »deutlich unter 2 Grad Celsius im Vergleich zu vorindustriellen Levels« begrenzen wollten und »Anstrengungen unternehmen« würden, ihm bei 1,5 Grad Celsius Einhalt zu gebieten.22 Es war das erste Jahr, in dem die Grenzmarkierung von ein Grad Celsius erreicht wurde.23 Kaum hatten die Führungspersönlichkeiten aufgehört, sich selbst zu ihrem Erfolg zu beglückwünschen, und waren aus Paris in ihre jeweilige Heimat geflogen, als die Erwärmung einen plötzlichen Sprung machte: Im Februar 2016 lag die Durchschnittstemperatur auf der Erde um schätzungsweise 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau – genau dort, wo sie laut der zwei Monate zuvor gemachten Zusage nicht sein sollte.24 Es blieb den Wissenschaftler:innen überlassen, sich um Superlative zur Vermittlung des bizarren Wetters zu kümmern. In der nördlichsten Arktis wurden Anomalien von sechs Grad Celsius festgestellt, was den Eindruck verstärkte, das Klimasystem schlittere geradewegs in jene Hitze, die sich die COP 21 zu verhindern verpflichtet hatte.25 Im Juli 2016 veröffentlichte die Zeitschrift Nature eine Studie, die zu beweisen vorgab, dass beide Pariser Ziele voraussichtlich nicht einzuhalten seien. Ein Teil der von einem CO2-Überschuss in der Atmosphäre erzeugten Wärme werde von den Ozeanen aufgenommen und mehrere Jahrzehnte lang in deren Tiefen gelagert, bevor sie in die Luft freigesetzt werde, und aufgrund dieser zeitlichen Verzögerung sei die vollständige Verwirklichung der Erwärmung entsprechend der CO2-Konzentration vertagt. Bei den gegenwärtigen Levels – selbst wenn kein weiteres CO2 jemals wieder freigesetzt werden würde – ist der Planet, gemäß dieser Studie, bereits »zu einer durchschnittlichen Erwärmung über Land von mehr als 1,5 Grad Celsius« und möglicherweise sogar »mehr als zwei Grad Celsius« verdammt.26 Im November, Dezember und zum ersten Jahrestag des Pariser Abkommens lagen die Temperaturen in der Arktis nicht länger 1,5, zwei oder sechs, sondern schwindelerregende zwanzig Grad höher als normalerweise.27 2016 endete als ein weiteres heißestes Jahr in der Geschichte, mit durchschnittlich 1,3 Grad Celsius über vorindustriellen Levels in der einen Schätzung, 1,1 Grad Celsius in einer anderen. 28 Zweifellos hatte die Welt die Schwelle bereits überschritten, die ein Jahr zuvor in Paris festgelegt worden war. Doch stellte keine dieser Entwicklungen auch nur ansatzweise das Produkt dessen dar, was unmittelbar nach der COP 21 geschah. Die verblüffenden Hitzerekorde des Jahres 2016 waren nicht auf Emissionen zurückzuführen, die in der Zwischenzeit emittiert worden waren, sondern die verspätete Detonation von viel früher verheizten Brennstoffen. Wenn also die Vereinbarungen von Paris derart schnell in den Staub getreten waren, wie es im Moment des Schreibens gerade den Anschein macht, dann war es in Wahrheit wohl tatsächlich die Vergangenheit, die zur Gegenwart in einer Weise aufgeschlossen hatte, die der neuen Normalität entsprechen dürfte: Sobald dieses Buch gedruckt sein wird, werden diese Aufzeichnungen aller Wahrscheinlichkeit nach bereits veraltet sein, und immer so fort.

Weitere Stürme sind demnach also zu erwarten. Auf dem Umschlag von E. Ann Kaplans sorgfältiger Studie Climate Trauma. Foreseeing the Future in Dystopian Film and Fiction starrt eine rothaarige Frau auf ein großes zyklonales System, das am Horizont heranrollt. Bevor sich Kaplan der Flut an apokalyptischen Filmen zuwendet, welche in den letzten Jahren die Bildschirme geschwemmt haben, erzählt sie davon, wie sie selbst in den Hurrikan Sandy geraten sei und dabei, gerade als sie versuchte, über dunkle Treppen in ihr Apartment zurückzukommen, eine Panikattacke erlitten habe. Diese Erfahrung veranlasste sie, das Symptom des »Prätraumas« zu entwickeln – nicht die gängige Posttraumatische Belastungsstörung, bei der Menschen an früheren Wunden leiden, sondern vielmehr »die Angst vor einem künftigen schrecklichen Ereignis ähnlicher Art«. Unsere Kultur als Ganzes, legt Kaplan nahe, entwickle heute ein Prätrauma. Je mehr Film, Fernsehen, Literatur und Journalismus durch die schleichende Erkenntnis beeinflusst seien, dass ein katastrophaler Klimawandel bevorstehe, desto eher stellten die Verbraucher:innen der Populärkultur »eine prätraumatisierte Bevölkerung dar, die mit dem Gefühl einer unsicheren Zukunft und einer unzuverlässigen natürlichen Umwelt lebt«. Der Protagonist des Films, von dem das Bild auf dem Umschlag stammt, hat eine Reihe an Albträumen und heftigen Halluzinationen von Monsterstürmen, versinkt in einer Angstspirale und geht auf seine Freunde los: »Es wird einen Sturm geben, einen wie ihr ihn noch nie erlebt habt, und nicht einer von euch ist darauf vorbereitet.« Insofern dieses wachsende Genre also von der Zukunft besessen ist, dann allein, so Kaplan, aufgrund eines »Bewusstseins für eine traumatische Vergangenheit«, die uns schon von vornherein mit schlechten Karten für die Zukunft ausgestattet hat.29 Diese Vergangenheit, gegen die per Definition nichts mehr unternommen werden kann, ist der Ursprung des künftigen Sturms.

Vergleichen wir das nun mit Jamesons Diagnose der Postmoderne als Zustand des synchronen Raums ohne Zeit und ohne Natur. Innerhalb des Klimawandels herrscht keinerlei Synchronizität. Mehr als je zuvor bewohnen wir das Diachrone, das Diskordante, das Unvollständige: die Hunderte Millionen von Jahren alten fossilen Energieträger, die über die letzten beiden Jahrhunderte gefertigte Massenverbrennung, das extreme Wetter, das sich daraus bereits entwickelt hat, der Weg in eine Zukunft, die unendlich viel extremer sein wird – es sei denn, es wird genau jetzt etwas dagegen unternommen –, der Schweif gegenwärtiger, sich in die Ferne ausdehnender Emissionen … Die Geschichte steht wieder in voller Blüte, und zwar aufgrund einer Natur, die ebenfalls wieder zu sich findet. Zwar befinden wir uns noch in einem sehr frühen Stadium, doch weisen bereits unser Alltag, unsere psychischen Erfahrungen, unsere kulturellen Reaktionen und selbst unsere Politik Anzeichen auf, dass wir von planetarischen Kräften in das Loch der Zeit zurückgesaugt wurden und die Gegenwart sich gleichermaßen in Vergangenem und Zukünftigem aufzulösen beginnt. Die Postmoderne scheint von ihrer Antithese heimgesucht zu werden: Ein Zeit- und Naturzustand erobert immer mehr Raum. Nennen wir das den Erwärmungszustand.

EIN PAAR AUFGABEN FÜR DIE THEORIE

Die Geschichte, die im Erwärmungszustand wiederkehrt, ist nicht von beschwingter modernistischer Art, kein überquellender Strom an Ereignissen, die durch Zweck und Richtung miteinander verbunden sind, und auch alles andere als ein Zug, auf den man aufspringt: Vielmehr ist sie eingefroren. Und genauso wenig kehrt die Natur als jene intakte Vielfalt wieder, wie sie Jameson in den Zwischenräumen der Moderne ausfindig gemacht hat: Eher noch scheint sie zu schmelzen. Nichtsdestotrotz handelt es sich dabei allem Anschein nach um Geschichte sowie um Natur, und es sieht so aus, als ob die Gesellschaft darunter allmählich zu straucheln beginnt, womit noch lange nicht gesagt sein will, der Erwärmungszustand konstituiere eine totale »kulturelle Logik« in Jamesons Sinne. Denn ungeachtet der Climate Fiction (oder Cli-Fi) in Film und Literatur lässt sich argumentieren, dass ein Großteil der Kultur nach wie vor die Tatsachen globaler Erwärmung ignoriert und dass das eigentliche Kennzeichen der Gegenwart die Leugnung ist, die sich von der alltäglichen Unterdrückung des Wissens darüber, was vor sich geht, über die Topografien des sozialen Lebens bis hin zu jenem Mann erstreckt, der im November 2016, gerade als die arktischen Temperaturen alles in den Schatten stellten, die Präsidentschaftswahl in den USA gewann. Was die Politik in den entwickelten kapitalistischen Ländern anbelangt, so wird der Klimawandel völlig von Fragen der Einwanderung und erstarkendem Nationalismus überschattet. Ein paar Worte zu dieser Prioritätenabfolge wollen wir uns für später aufheben. Was jedoch die Palette an kulturellen Ausdrucksformen angeht, wäre es eine schwierige Aufgabe zu zeigen, dass der Klimawandel die Art, wie wir schreiben, kommunizieren, bauen, planen, schauen und imaginieren, dermaßen grundlegend verändert, wie es laut Jameson die Postmoderne getan hat. Denn die postmoderne Blase platzte nicht einfach, als sie mit den steigenden Temperaturen in Berührung kam – im Gegenteil erweist sie sich als äußerst widerstandsfähig und immer weiter aufblasbar.

Das Zeitalter des allgegenwärtigen Bildschirms kann selbstverständlich als die höchste Stufe der Postmoderne betrachtet werden, als ein stetig wachsendes Spiegelkabinett, in dem sich, frei von jeglichem Außen, Schatten, Gedächtnis und jedweder langfristigen Erwartung, beleuchtete Oberflächen gegenseitig reflektieren. Permanente Konnektivität setzt »die kapitalistische Endzeitvision eines Posthistoire« um, schreibt Jonathan Crary in seinem scharfzüngigen Buch 24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus: Darin zeigt sich die Vollendung einer homogenen Gegenwart, ein Raum, in dem die Vergangenheit ausgelöscht wurde und alles auf Abruf unverzüglich zugänglich ist. Nicht nur negiert dieser Raum natürliche Rhythmen, etwa das Bedürfnis nach Schlaf; er bietet zugleich ein klösterliches Leben abseits der neuen temps. »Je mehr man sich mit den elektronischen Surrogaten des physischen Selbst identifiziert, desto mehr scheint man seine persönliche Freiheit gegenüber dem planetarisch voranschreitenden Biozid zu beschwören.«30 Das heißt, je mehr man sich in den virtuellen Kokon zurückzieht, desto mehr sondert man sich von den Dingen ab, die in der Natur geschehen. Sollte diese Einschätzung zutreffen, und sollten die elektronischen Immersionstechnologien weiterhin Fortschritte machen, was gewiss zu sein scheint, dann wird der postmoderne Zustand durchaus weiterhin in der Lage sein, sein Territorium zu verteidigen und sogar auszuweiten.

Es fällt schwer, die Plage, die im Sommer 2016 auf die westliche Welt niederging, nicht als mustergültigen Beleg dieses Umstands zu verstehen. Es gab Momente, in denen man keinen Abendspaziergang durch einen Park machen konnte, ohne das Gefühl zu bekommen, dass nahezu jede:r – mit ausdruckslosem Gesicht, den Blick aufs Handy geheftet – umherirrte, auf der Jagd nach einem Ziel, das allein im virtuellen Raum existierte. Wie viele Wanderungen wurden auf diesem sich erwärmenden Planeten nun auf der Suche nach Pokémons unternommen, auch in New York und anderen von steigenden Meeren bedrohten Städten? Selten war der Zustand des digitalen Lebens – eine Sphäre ohne Zeit und ohne Natur – so weit in den öffentlichen Raum vorgedrungen, dass selbst Märsche, Massenanstürme, Zusammenkünfte und andere Formen kollektiver Pseudoaktionen losgetreten wurden, nur aus Freude daran, in der Welt zu sein, ohne tatsächlich an ihr teilzuhaben. Unter dem dichten, an Theodor W. Adorno angelehnten und entsprechend düsteren Titel »Media Moralia. Reflections on Damaged Environments and Digital Life« schreibt Andrew McMurry, dass »die neue Medienökologie hereinplatzt, um die Leere zu füllen, die die alte Natur hinterlassen hat«. Indem er dem »Schlafwandeln« neue Bedeutung verleiht, sei der postmoderne Zustand, Schritt haltend mit der Erwärmung, tiefer als je zuvor in das Denken eingesickert. »Die Außenwelt«, also der Ort, an dem die Erwärmung stattfinde, fährt McMurry fort, »ist mittlerweile zweifelhaft, größtenteils irrelevant und, sofern sie überhaupt noch wahrgenommen wird, nur von fern auszumachen«: Zwischen ihr und uns liegen die undurchdringlichen »Schleier« der digitalen Medien.31 Oder in den Worten von Kae Tempest: »Wir starren auf den Bildschirm / so müssen wir nicht sehen, wie unser Planet stirbt.«32

Doch auch wenn der postmoderne Zustand in seinem digitalen Stadium in der Lage ist, Menschen in vergeistigte Kleidung zu stecken, die sie davor schützt, mit dem Biozid in Kontakt zu geraten, entgeht er dennoch nicht dem Kampf mit einem Furcht einflößenden Gegner. Denn dem Erwärmungszustand steht ein ganzes Set an biogeochemischen und physikalischen Gesetzen zur Seite. Diese tragen dazu bei, dass seine Übergriffe immer häufiger und stärker werden; liegt es schließlich in der Naturgewalt des Prozesses, dass dem Klimawandel die Tendenz eingeschrieben ist, so gut wie alles andere zu verschlimmern und zu überschwemmen. Ob auf einem um sechs Grad Celsius wärmeren Planeten jedoch noch viele Menschen Augmented-Reality-Spiele spielen werden? Und ist nicht gerade die Verleugnung, insbesondere in ihrer unterdrückenden und zwanghaften Ausgestaltung, eine gegensinnige Affirmation, in der sich ausdrückt, dass das Ding, um das es geht, vorhanden ist, und zwar überall, nur knapp unterhalb der Oberfläche, eine beunruhigende Präsenz im kollektiven Unterbewusstsein – womöglich ist die Erderwärmung, um einen weiteren Begriff von Jameson zu verwenden, ein politisches Unbewusstes, das die Kultur schon längst durchzieht. Womöglich sind deren unerträgliche Implikationen an sich bereits genügend Anreiz, um sich in so etwas wie eine erweiterte Realität zu flüchten. Was es auch sein mag – und wir werden auf das Phänomen der Leugnung noch zu sprechen kommen –, sobald der Klimawandel ins Bewusstsein sickert, geht damit die Erkenntnis einher, dass mehr und weitaus Schlimmeres noch folgen wird. Denn letztlich richtet der Erwärmungszustand, gleich der Frau auf dem Cover von Climate Trauma, seinen Blick in Richtung Zukunft. Er wird sich bemerkbar machen. Sollte die Postmoderne also ein Missstand aus Amnesie und Verdrängung sein – als wären Zeit und Natur tatsächlich verschwunden –, dann könnten wir den Erwärmungszustand als die Realisation – im doppelten Wortsinn – einer grundlegenderen Krankheit oder eines Unrechts auf Erden betrachten.

Drei mögliche Verläufe konkurrieren derzeit darum, wie diese Realisation aussehen soll. Erstens: Das business as usual läuft weiterhin Amok, die Ziele 1,5 und zwei Grad Celsius werden verfehlt, die Temperaturen steigen innerhalb dieses Jahrhunderts Richtung drei-, vier-, sechsgradiger Erwärmung, und die materiellen Grundlagen für die menschliche Zivilisation zerfallen nach und nach. Zweitens: Die Fossilwirtschaft wird zerschlagen, vorzugsweise innerhalb weniger Jahrzehnte, die Erwärmung verlangsamt sich und lässt schließlich nach, sodass die Zivilisation weiter voranschreiten kann. Oder drittens: Es kommt zum Geo-Engineering. Zwischen- sowie Mischformen sind denkbar – besonders die Kombinationen aus zwei und drei oder eins und drei –, doch die ungeheuren Kräfte, die im Erdsystem freigesetzt wurden, sowie der langfristige Aufschub ernst gemeinter Schadensminderung schließen einen reibungslosen Ablauf hin zu erneuerter Klimastabilität mittlerweile aus. Der Zeitraum für gemäßigte Resultate und halbe Sachen ist kleiner geworden. Für den Fall, dass der zweite Pfad mit maximaler globaler Entschlossenheit eingeschlagen würde und es dadurch gelänge, die schlimmsten Szenarien zu verhindern, müssten die Transformationen technologischer, ökonomischer, politischer sowie kultureller Art derart umfassend sein, dass dem Klima zumindest für einige Zeit all das, was an menschlichem Leben noch vorhanden wäre, unterzuordnen wäre – zumindest so lange, bis die Klimadestabilisierung zur fernen Erinnerung würde. Genau diese Logik steckt hinter Naomi Kleins »Dies ändert alles«-Theorem, ganz gleich, welcher Realisationsverlauf auch eingeschlagen werden mag.

Selbstverständlich stellt die Erderwärmung nur eine der Facetten des Biozids dar, aber unter all den andauernden Umweltkrisen wohnt gerade ihr eine besondere innere Triebkraft und das Potenzial zur allgemeinen Zerstörung inne. Mit ihrer Angewiesenheit auf vergangene und zukünftige Bezüge widerspricht ihre zeitliche Logik geradewegs der hyperspatialen Postmoderne. Sie repräsentiert die auf die Gesellschaft einprasselnde Geschichte und Natur und färbt dadurch die Wahrnehmung. Eine Theorie für die Gegenwart sollte sich daher auf die Erderwärmung als eine sich entfaltende Tendenz einschießen und lernen, der Spur zu folgen, die dieser Sturm zieht. Sie sollte dem sich abzeichnenden Zustand und den grundlegenden Parametern für das Handeln darin gründlich auf den Zahn fühlen: zunächst etwa, indem sie fragt, was diese Natur ist, die da gerade zurückkehrt? Verdient sie diesen Namen überhaupt noch? Ist sie nicht bereits derart mit Kultur vermengt, dass ebendieser Begriff sich nicht mehr länger für sie eignet? Und wenn es sich tatsächlich noch um Natur handelt, was ist passiert, dass sie diese entsetzliche Gestalt annahm? Wer oder was hat dieses Sturmsystem aufgepeitscht – die Kräfte der Materie, der Menschheit oder irgendein Bindeglied, das die beiden verschmolzen beziehungsweise auseinandergerissen hat? Und auf welchem Weg ist die Geschichte bis in etwas wie das Klima des gesamten Planeten vorgedrungen, das doch einst als überzeitlich galt?

Als großer Vermenger und Eindringling fegt der Klimawandel zwischen den beiden traditionellerweise als »Natur« und »Gesellschaft« bezeichneten Bereichen hin und her. Da trifft es sich ganz gut, dass die zeitgenössische Theorie gerade intensiv mit dieser eskalierenden wechselseitigen Durchdringung beschäftigt ist und am laufenden Band Bücher, Artikel, Sonderausgaben produziert und Konferenzen sowie wissenschaftliche Tagungen aller Art veranstaltet zu einigen entscheidenden allgemeinen Fragen: Was in aller Welt ist dieses Ding namens Natur? In welcher Beziehung steht sie zur Gesellschaft? Wer sind die eigentlich mächtigen Akteur:innen in dem Drama, das die beiden miteinander verwebt; wie knüpft der Mensch an materielle Objekte an; sind es Technologien oder Verhältnisse, die die Fäden in den Händen halten; was konstituiert eine ökologische Krise; was können wir jemals über all diese Dinge wissen? Hierbei lassen sich verschiedene Formen des Konstruktionismus, der Akteur-Netzwerk-Theorie, des Neuen Materialismus, des Posthumanismus, der Metabolischen-Riss-Theorie, des Kapitalismus als Weltökologie und eine Unzahl weiterer konzeptioneller Denkansätze ausmachen, die sich mit der Verwicklung von Gesellschaftlichem und Natürlichem auseinanderzusetzen versuchen. Kann aber eine dieser Formen Orientierung bieten für den Weg, den der Sturm nehmen wird? Dieses Buch macht sich daran, ein paar jener Theorien zu überprüfen, die angesichts des Klimawandels am Kreuzungspunkt Natur/ Gesellschaft zirkulieren.

Nun mag Theorie nicht unbedingt als die dringlichste Unternehmung in einer sich erwärmenden Welt erscheinen. Man wird das Gefühl nicht los, dass die einzig sinnvolle Aufgabe momentan darin besteht, alles andere auf sich beruhen zu lassen und die Verbrennung fossiler Energieträger physisch zu unterbinden, die Luft aus den Reifen zu lassen, die Landebahnen zu blockieren, die Plattformen zu belagern und in die Minen vorzudringen. Tatsächlich liegt der einzige Nutzen von Donald Trumps Wahlsieg darin, dass er die letzten noch verbliebenen Illusionen zerstreut hat, etwas anderes als ein organisierter, kollektiver, militanter Widerstand hätte auch nur ansatzweise eine Chance, die Welt irgendwo anders hin als kopfüber, mit maximaler Geschwindigkeit, in den kataklysmischen Klimawandel hineinzustoßen. Denn gesagt wurde doch schon alles; jetzt ist es Zeit für die Konfrontation. Dieses Buch will keine Argumente zur Beschwichtigung derartiger Impulse liefern. Es wurde jedoch in der Überzeugung geschrieben, dass manche Theorien die Situation verständlicher machen können, während andere das Verständnis trüben. Denn dem Handeln ist weiterhin am besten mithilfe konzeptueller Karten gedient, auf denen die kollidierenden Kräfte mit größtmöglicher Genauigkeit verzeichnet sind, nicht mittels verschwommener Diagramme und diffusem Denken, woran, wie wir sehen werden, keinerlei Mangel herrscht. Theorie kann Teil des Problems sein. Wenn in einer sich erwärmenden Welt alles der Reevaluierung preisgegeben ist, muss das zwangsläufig auch für die Theorie gelten: Auch sie wird zur Rechenschaft gezogen, muss ihre Relevanz beweisen und ihre Beteiligung offenlegen, selbst wenn manche ihrer Produzent:innen sowie Konsument:innen nie in Betracht ziehen würden, sich an einer direkten Aktion gegen fossile Brennstoffe zu beteiligen.

Dieses Buch ist nicht das erste, das zu dieser Auseinandersetzung drängt; wie wir sehen werden, kommen die zu betrachtenden Theorien langsam überein, dass die Frage nach dem Klimawandel ihr gemeinsamer Prüfstein sein wird, eine Frage, die jede Theorie beantworten muss, um sich zu bewähren.33 Daran anschließend erst lassen sich ein paar spezifischere Kriterien aufstellen. Eine adäquate Theorie sollte in der Lage sein, das Problem als ein geschichtliches zu begreifen, als eines, das durch den Wandel der Zeit – die Geburt und fortwährende Expansion der fossilen Ökonomie – aufgekommen ist und in deren Verlauf zu Veränderungen beigetragen hat. Sie sollte den Sinn hinter dem Akt des Ausgrabens und Anzündens fossiler Brennstoffe ausmachen können. Selbst eine innerhalb des kapitalistischen Landesinneren formulierte Theorie sollte nicht zuletzt dem Umstand Rechnung tragen, dass die globale Erwärmung eingangs gerade dort vor Anker geht, wo der Modernisierungsprozess noch nicht abgeschlossen ist. Menschen, denen es an den grundlegendsten Annehmlichkeiten fehlt, die es sich nicht leisten können, sich innerhalb eines Spiegelkabinetts einzurichten, die weiterhin von jener Art Natur leben, die Jameson durch die amerikanischen Städte der 1980er ausgetilgt vorfand, stehen als Erstes in der Schusslinie. Die meisten der aus den steigenden Meeren gefischten Leichen sind die ihren.

Einem Ort wie New York City ist es möglich, sich von einem Sturm zu erholen und den Blick wieder auf die Bildschirme zu richten, wohingegen sich dem Erwärmungszustand auf den Philippinen nur schwerlich die kalte Schulter zeigen lässt. Daher auch die oft vermeldeten Ergebnisse einer Umfrage des Pew Research Center aus dem Jahr 2015: 79 Prozent der Einwohner:innen von Burkina Faso gaben an, hinsichtlich des Klimawandels »sehr besorgt« zu sein, im Vergleich zu lediglich 42 Prozent der Japaner:innen, die sich weitaus größere Sorgen (72 Prozent) hinsichtlich des Islamischen Staats machten.34 Burkina Faso wird in diesem Augenblick vom Klimawandel zerstört, Staub- und Sandstürme – vor Ort als »die roten Winde« bekannt – verschütten, was auf dem von immer unregelmäßigeren Regenfällen verdorrten Land an Nutzpflanzen noch erhalten ist.35 Beharrlich zeigt sich das Motiv größerer Besorgnis in den Entwicklungsländern. Das Bruttoinlandsprodukt korreliert negativ mit diesem Gefühl: Menschen in Ländern wie Brasilien oder Bangladesch neigen in einem viel höheren Maße als ihre Mitmenschen in den USA oder in Großbritannien dazu, das Problem als höchst gravierend einzuschätzen, auch wenn das Unbehagen im Land selbst wiederum bestimmt genauso stratifiziert ist.36 Der Erwärmungszustand als eine doppelte Realisation stellt sich zunächst innerhalb jener Massen ein, die ohnehin über kein nennenswertes Eigentum verfügen und überwiegend an den Peripherien der kapitalistischen Weltwirtschaft zu finden sind. Es handelt sich um eine Binsenweisheit, dass die menschliche Verfassung sich in ihrer konzentriertesten und verhängnisvollsten Form innerhalb der Massen ausdrückt: Gerade deshalb sollte jede Theoretisierung ihre Antennen auf sie ausrichten. Ein Ereignis wie Hurrikan Sandy ist deshalb so bedeutsam, weil es das Signal bis vor die eigene Haustür übermittelt.

Was, außer bloße Verzweiflung, kann dann aber durch eine Theorie für den Erwärmungszustand überhaupt angeregt werden? Anders ausgedrückt: Wenn sowohl die 1,5-Grad-Celsiusals auch die 2-Grad-Celsius-Leitplanken durchbrochen worden sind, sollten wir nicht einfach zu dem Schluss kommen, dass der Sturm unkontrollierbar wütet und wir genauso gut Däumchen drehen könnten? Nein. Zuallererst sollten wir den Schluss daraus ziehen, dass der Bau eines neuen Kohlekraftwerks oder der fortgesetzte Betrieb eines alten, all die Ölbohrungen, der Ausbau eines Flughafens oder die Planung einer Autobahn mittlerweile eine irrationale Gewalttat darstellen. Vieles spricht dafür, dass es sich bei der großflächigen Verbrennung fossiler Energieträger seit jeher um Gewalt gehandelt hat, fügt sie anderen Menschen und Arten schließlich Schaden zu, und dass sie, seitdem die klimawissenschaftlichen Grundlagen weitgehend bekannt sind, jedweder Vernunft zuwiderläuft. Sobald aber die Temperaturen um 1,5 Grad Celsius gestiegen sind oder ein Meeresspiegelanstieg von mehreren Metern in das Erdsystem geschleust worden ist, ist das nie gekannte, wahnwitzige Aggressionsmaß der Verbrennungen schlicht nicht mehr zu leugnen. Fiel die Auflehnung gegen fossile Brennstoffe bisher eher dürftig aus, so sollte sie nun erbittert betrieben werden: Selbst nach all dem gebt ihr nicht auf. Der Kampf besteht darin, die Verluste zu minimieren und die Überlebenschance zu maximieren. Was damit ganz konkret zu erreichen sein wird? Zu dieser Frage werden wir gegen Ende nur ein paar sehr kurze und vorläufige Überlegungen anstellen können. Vorerst aber wollen wir von der Prämisse ausgehen, dass jede sich mit dem Erwärmungszustand befassende Theorie den Kampf um Klimastabilisierung – mit der Zerstörung der Fossilwirtschaft als dem notwendigen ersten Schritt – als ihren praktischen, wenn auch nur ideellen Bezugspunkt festzusetzen hat. Denn erst dadurch wird der Weg frei sein für Handlungen und Widerstand.

KOHLEFUND AUF LABUAN

Um nun aber die Gegenwart zu theoretisieren, bedarf es eines Bilds der auf ihr lastenden Vergangenheit.

Im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts setzte das Britische Imperium Dampfschiffe ein, um seine Gebietshoheit weiter auszudehnen und die Aneignung von Ressourcen aus der ganzen Welt zu beschleunigen. Diese Schiffe benötigten Kohle. Daher wurden Akteure der kaiserlichen Maschinerie – Offiziere, Ingenieure, Kaufleute – angewiesen, überall dort nach Kohleflözen Ausschau zu halten, wo sie auf Land treffen würden, etwa auf Borneo, wo 1837 ein Missionar auf ein paar Ausstriche stieß. Seine Entdeckung löste einen Ansturm auf das schwarze Gold dieser weit abgelegenen, jedoch geradewegs auf der Strecke zwischen Indien und China liegenden Insel aus, die das Potenzial zum Treibstoffdepot für Dampfboote barg, die nun die Küsten ebenjener Länder frequentierten. Die Reserven, die die größte Neugier entfachten, befanden sich auf einer kleinen Insel namens Labuan. Vor der nördlichen Spitze Borneos als besonders gut geeigneter Anlaufhafen gelegen, war Labuan von üppigen Tropenwäldern bedeckt, inmitten derer sich dicke Kohleadern fanden.37


Der Kapitänleutnant der Royal Navy, der die Expedition leitete, stellte die Szene später in einer Lithografie dar. Darauf sind zwei schwächliche weiße Männer abgebildet, die auf ein Kohleflöz deuten, das zwischen hohen Bäumen und einem Fluss hervorragt. Der Mann in der rechten Ecke trägt die Uniform eines Offiziers der Royal Navy: Er repräsentiert die Militärmacht, mit der das Empire in diesem Dschungel gelandet war. In einer eigentümlich aufrechten Haltung, den Blick in Richtung des Offiziers gewandt, gestikuliert der andere Mann an der Fundstelle ungestüm und enthusiastisch; höchstwahrscheinlich malt er sich die Kohle als Quelle des Glücks aus, ein Material, das sein Unternehmen gewinnen und an Dampfschiffe verkaufen kann, nicht zuletzt an die von der Navy betriebenen.38 Die Szene strahlt freudige Erregung aus, begleitet von einem Gefühl der Überlegenheit und des Anspruchs auf Eigentum. Sie erfasst jenen Moment, in dem ausländische Küsten integriert wurden in die fossile Ökonomie – bei der es sich um eine eindeutig britische Erfindung handelt, die am einfachsten als eine Ökonomie des selbsterhaltenden Wachstums definiert werden kann, die auf dem zunehmenden Verbrauch fossiler Brennstoffe und damit einhergehend auf einem anhaltenden Wachstum der CO2-Emissionen beruht.39 Nie zuvor war die Kohle von Labuan mit derartigen Bestrebungen in Verbindung gebracht worden. Die einheimische Bevölkerung wusste zwar von diesem Rohstoff, hatte ihn aber weitgehend unberührt gelassen: Erst mit der Landung der Briten wurde die Kohle in einen Kreislauf eingegliedert, der sich durch ihre Verbrennung immer weiter auszudehnen begann.

Am Anfang ruhten die Brennstoffe still und starr in der Erde; dann trat jemand ins Bild und begann, sie in der Hoffnung auf Profit und Macht abzubauen. In dieser Hinsicht liefert die Lithografie ein Urbild* der Fossilwirtschaft. Es ist, wenn man so will, das Bild des Sündenfalls (und abwärts, gleich einem Sturz in einen Erdschacht hinein, verläuft auch die Bewegung dieser Wirtschaft). Die unzähligen Wiederholungen eines solchen Aktes während der letzten beiden Jahrhunderte prägen die bezwungene Zeit, die jetzt vom Himmel herabregnet. Wie aber lässt sich dieser Prozess verstehen?

* Deutsch im Original (Anm. d. Ü.).

1
Über den Bau der Natur. Wider den Konstruktivismus
EIN GEHÖRIGER FALL VON MISERABLEM HISTORISCHEM TIMING

In Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima stößt Naomi Klein auf ein »miserable[s] historische[s] Timing«: Gerade als das Ausmaß der globalen Erwärmung Wissenschaftler:innen aufschrecken ließ und deren Forderung nach einem drastischen Kurswechsel lauter zu werden begann, verabschiedeten die unter neoliberalem Einfluss stehenden Regierungen die Idee, in den sich selbst regulierenden Markt einzugreifen.1 Dem lässt sich ein weiterer Fall zeitlicher Übereinstimmung zur Seite stellen: Gerade als die Biosphäre anfing, Feuer zu fangen, zog sich die Gesellschaftstheorie immer weiter vor der verstaubten Materie in die ungetrübte Luft ihrer textlichen Welten zurück. Die Einleitung zu einer dem Klimawandel gewidmeten Ausgabe von Theory, Culture and Society verzeichnet daher ein jähes Erwachen: »Die Welt der Kultur und Virtualität hat ihresgleichen gefunden. Die materielle Welt spielt allem Anschein nach doch eine Rolle und kann ›zurückbeißen‹.«2 Eine im Cultural turn verstrickte Gesellschaftstheorie war dem Wandel des Klimas allzu lange schon mit der Weigerung begegnet, dessen Realität außerhalb des Diskurses anzuerkennen – ganz zu schweigen davon einzugreifen –, und erwies sich somit als nicht weniger unvorbereitet als die Regierungen. Kein Wunder also, dass sie die Augen auch weiterhin verschlossen halten wollte.

Als sich die CO2-Konzentration in der Atmosphäre bereits der 400-ppm-Marke näherte, machten sich postmoderne Philosoph:innen gerade für die Ansicht stark, Historiker:innen täten wenig mehr, als Bilder der Vergangenheit zu erfinden. Die wirkliche Vergangenheit, so behauptete etwa Keith Jenkins, »findet nicht tatsächlich, sondern lediglich rhetorisch Eingang in die Geschichtsschreibung«. Sobald die Historikerin vorgebe, Ereignisse zu vermitteln, tue sie nichts anderes, als eine leidenschaftliche, mit ein paar handverlesenen Daten verzierte Rede zu halten. Alle Interpretationen der Vergangenheit seien »fabriziert«, »erfunden«, »metaphorisch«, »selbstreferenziell« – ohne Grundlage außerhalb ihrer selbst – und folglich gleichermaßen valide. Der einzige Grund für die Bevorzugung einer Deutung vor einer anderen liege im persönlichen Geschmack.3 In seiner bereits klassischen Widerlegung einer solchen Geschichtsschreibung, Fakten und Fiktionen. Über die Grundlagen historischer Erkenntnis, führt Richard J. Evans Auschwitz als ein unanfechtbares Exempel an; mutatis mutandis können wir erwarten, von der globalen Erwärmung ähnlich Gebrauch zu machen. Um Evans zu paraphrasieren: Die globale Erwärmung ist kein Diskurs. Sie als Text anzusehen bedeutet, das Leid, das sie hervorbringt, zu verharmlosen. Die erhöhten Temperaturen sind keine rhetorische Figur. Die Erderwärmung an sich ist bereits eine Tragödie und lässt sich weder als Komödie noch als Posse ansehen. Wenn das nun für die globale Erwärmung gilt, dann muss es aber auch für andere Aspekte der Vergangenheit gelten, für andere Ereignisse, Institutionen und Menschen, jedenfalls in einem gewissen Grad.4

Eine unumstößliche Prämisse postmoderner Geschichtsphilosophie lautet: Die Vergangenheit liegt ein für alle Mal hinter uns und lässt sich für die sensuelle Wahrnehmung nicht mehr wiedergewinnen. Historiker:innen haben lediglich Zugang zu Scherben und Fragmenten, die nur rein zufällig den Flammen der Zeit entkommen sind, und ihre Darstellungen der Vergangenheit können nicht für bare Münze genommen werden. Betrachten wir an dieser Stelle noch einmal das Bild der beiden Briten im Regenwald von Labuan. Wie können wir darauf vertrauen, dass die abgebildete Szene, die angeblich irgendwann einmal in der Realität stattgefunden haben soll, korrekt wiedergibt, was einst vorgefallen ist? Aus dieser skeptischen Haltung heraus – das Handwerkszeug der Historiker:innen, wie oftmals betont wurde – ziehen Postmodernist:innen den exzentrischen Schluss, dass Dokumente wie jenes Bild keineswegs als Schlüsselloch in die tatsächliche Vergangenheit dienen, schließlich seien sie durchdrungen von der Macht eines Diskurses, der die Sicht blockiere. Und gewiss, das Bild wird von einer ganzen Reihe diskursiver Konstrukte überlagert: In jungfräulicher Natur nehmen sich weiße Männer heraus, was ihnen zusteht, und beschreiten, gewillt das Chaos zu bändigen, den Pfad des Fortschritts, den »die Wilden« vernachlässigt haben. Gleichzeitig aber scheint es, als beruhe das Bild doch auf einem materiellen Substrat. Zumal wir allen Grund zu der Annahme haben, dass es sich nicht nur auf andere Bilder – von Männern, Natur, Fortschritt, Herrschaft – bezieht, sondern ebenso auf eine tatsächliche Identifizierung der Kohleflöze auf Labuan durch Repräsentanten des Britischen Imperiums.5 Einen dieser Gründe bildet die Erderwärmung selbst. Wenn die Temperatur der Erde steigt, muss es daran liegen, dass sich in der Vergangenheit unzählige Szenen wie jene im labuanischen Wald abgespielt haben, denn: »Die Ursachen realer Wirkungen können nicht unwirklich sein.«6 Die derzeitige Erwärmung legt nahe, dass sich weder Kommandanten der Royal Navy noch neuzeitliche Historiker:innen all die Berge an Beweisen über die vergangenen Verbrennungen fossiler Energieträger ausgedacht haben können. Im Gegenteil – die fossile Ökonomie muss schon lange Zeit vorhanden gewesen sein, bevor sie als historische Entität, unabhängig jeglicher Vorstellungen von ihr, in Erscheinung getreten ist, andernfalls würden wir nicht auf diesem sich erwärmenden Planeten leben. Eine generalisierte Verleugnung der wirklichen Vergangenheit würde bloß sicherstellen, dass sich die Geschichte dieser Wirtschaft nicht oder lediglich als frei flottierende Fiktion schreiben ließe, was uns schwerlich von Nutzen sein dürfte.

So wie die globale Erwärmung lediglich ein weiterer, besonders dringlicher Grund ist, mit dem neoliberalen politischen Paradigma zu brechen, so scheint sie auch nur ein weiterer Nagel im Sarg des Antirealismus zu sein. Denn postmoderne Verleugnung lässt sich schwer totkriegen. Ein Großteil der Gesellschaftstheorie bestreitet nach wie vor nicht nur die Faktizität der Vergangenheit, sondern auch jene der Natur. In dem Buch Making Sense of Nature. Representation, Politics and Democracy etwa, das Forschungsarbeiten mehrerer Jahrzehnte zusammenfasst, schließt sich Noel Castree zunächst der sachlichen Definition an, Natur sei das, was der menschlichen Handlungsmacht vorausgehe und selbst dann noch Bestand habe – wenn auch in veränderter Form –, wenn sich menschliche Akteur:innen an ihr zu schaffen gemacht hätten,7 nur um im nächsten Schritt dazu überzugehen, die Verwerfung ihrer Existenz vehement einzufordern. Da es nämlich dermaßen viele Weisen gebe, über Natur nachzudenken, dermaßen viele verschiedene ihr zugeschriebene Bedeutungen, dermaßen viele einflussreiche »epistemische Gemeinschaften« – einschließlich Geograf:innen wie Castree selbst –, die mit der Repräsentation der Natur ihren Lebensunterhalt verdienten, eine dermaßen lange Tradition, Menschen mittels fadenscheiniger Bezugnahmen auf sie zu regieren, könne Natur letztlich »nicht ›dort draußen‹ existieren (oder ›hier drinnen‹, in uns), darauf wartend, verstanden zu werden«, losgelöst von einem Bewusstsein, bereit, erfahren zu werden. »Dementsprechend halte ich ›Natur‹ für eine besonders wirkmächtige Fiktion.« Oder: »Natur existiert nur, solange wir kollektiv an ihre Existenz glauben« – sie »ist eine Illusion«, »allein das, wofür wir sie halten« – oder schlichtweg: »Es gibt keine Natur«.8 Ihre Wirk lichkeit beziehe sie allein aus ihrer Macht als Ausdruck des Diskurses.

In einer seiner ausgedehnten Fallstudien liest Castree die Broschüren eines Holzunternehmens sowie solche der Umweltschützer:innen, die in den 1980ern gegen die Pläne ebenjenes Unternehmens ankämpften, den Wald von Clayoquot Sound in British-Columbia zu fällen. Erstere schilderten den Wald als eine Ressource, die es zu ernten, Letztere als einen geschützten Lebensraum für Tiere, den es um seiner selbst willen zu verteidigen galt. Ob ihn dabei eine der beiden Seiten adäquater als die andere in Worte gefasst hat? Unmöglich zu sagen. Es gebe schließlich keine »bereits ontologisch vorhandene Entität, die auf verschiedene Weisen neu dargestellt werden konnte«, keine »›äußerliche Natur‹«, keinen Wald an sich vor seiner Beschreibung. Die Frage, ob Clayoquot Sound ein seltenes Ökosystem sei, habe demnach keinerlei Relevanz.9 Jegliche Natur werde innerhalb der sozialen Welt konstruiert, und der eine Handlungsstrang sei genauso fiktiv wie der andere. Man gelange nicht hinter die Filter aus Ideen, hinter Affekte oder Projekte, um Stämme und Moose so zu berühren oder so zu riechen, wie sie wirklich sind.

Was aber heißt das für die globale Erwärmung? Castree bleibt seiner Linie hier treu: »Globaler Klimawandel ist eine Idee« – Hervorhebung im Original – »und nicht bloß eine Reihe an ›realen biophysikalischen Prozessen‹, die sich ungeachtet unserer Repräsentationen davon ereignen.«10 Sprich: Die Erderwärmung verfügt über den ontologischen Status einer Idee. Wenn also die Dörfer in einem Tal Pakistans von einem Hochwasser weggeschwemmt werden, eine Population der Monarchfalter kollabiert oder Städten in Kolumbien aufgrund extremer Dürre das Wasser ausgeht, handelt es sich nicht um einen realen biophysikalischen Prozess, sondern um eine Idee, die Wirkung zeigt. Um den Klimawandel aufzuhalten, müsste diese Idee also lediglich verworfen werden. Vielleicht könnten wir sie sogar einfach gegen globale Abkühlung eintauschen. Wenn wir Castree beim Wort nehmen – Klimawandel stellt keinen Prozess innerhalb der biophysikalischen Realität dar, der ungeachtet unserer Vorstellungen davon stattfindet, sondern eine Erfindung des menschlichen Bewusstseins: Nichts anderes ist Natur –, gelangt man zwangsläufig zu diesen Schlussfolgerungen. Es erscheint unwahrscheinlich, dass er sich dafür starkmachen würde, was nahelegt, dass sein Argument schlicht wenig Sinn ergibt und er einer banalen Form des epistemischen Trugschlusses, des »epistemic fallacy«, aufsitzt, der besagt: Gerade weil wir durch Messungen und Vergleiche, durch Konzepte und Ableitungen Kenntnis von der globalen Erwärmung erhalten, sind es diese Dinge, aus denen sie sich zusammensetzt.11 Sollten wir nicht in der Lage sein, diesen Trugschluss zu verwerfen und zu bekräftigen, dass es auf Labuan tatsächlich Natur gab – nicht im Sinne einer Idee, sondern einer objektiven, außerdiskursiven Realität –, in der die Briten Kohle zur ebenfalls in der Natur stattfindenden Verbrennung fanden, was gleichermaßen reale Konsequenzen in der Zukunft nach sich zog, wären wir in einem schwerwiegenden methodischen Nachteil. Denn um dieses historische Phänomen zu verstehen, bedarf es augenscheinlich eines Realismus der Vergangenheit als auch eines Realismus der Natur.

Nun ist Castree bei Weitem nicht der Erste, der die Ansicht vertritt, Natur sei eine Fiktion. Im Jahr 1992, während der Blütezeit der Postmoderne, verkündete Donna Haraway, Natur sei »eine machtvolle diskursive Konstruktion«. Sie sei »eine Trope. Sie ist Figur, Konstruktion, Artefakt, Bewegung, Verschiebung. Die Natur kann nicht vor ihrer Konstruktion existieren«, ebenso wenig wie Organismen oder Körper, die erst diskursiv entstünden.12 Dieser Gedanke bildete einen Eckpfeiler des Postmodernismus und hält sich – zumindest unter gewissen Akademiker:innen – selbst heute noch beharrlich. So behauptet Paul Wapner etwa in dem Buch Living through the End of Nature. The Future of American Environmentalism, Natur sei »keine selbst erhaltende Entität«, sondern »eine kontextualisierte Vorstellung«, »eine ideelle Leinwand«, »eine Projektion kultureller Übereinkünfte«, »eine soziale Konstruktion« – eine Anschauung, die er für gleichermaßen »solipsistisch« wie »zwingend« hält.13 Wir werden noch über viele solcher Fälle stolpern.

Dass eine derart weltfremde Doktrin im Zeitalter der globalen Erwärmung Bestand haben kann, muss als bemerkenswert erachtet werden. Umso mehr, als sie sich verheerenden Gegenargumenten ausgesetzt sieht.14 Der Umstand, dass alle möglichen Ideen über die Natur in dem und um das menschliche Bewusstsein herumwirbeln, rechtfertigt jedoch noch lange nicht den Schluss, diese ließen sich nicht von ihrem Gegenstand unterscheiden: Als Angelegenheit sind Naturkonzeptionen selbstverständlich kulturell bedingt, doch heißt dies nicht, dass der Referent infolgedessen gleichermaßen konstituiert wird. Zehn Hirten können ganz unterschiedliche Porträts derselben Ziege zeichnen, was nicht zur Folge hat, dass die Ziege ein Gemälde ist. Wenn drei Wanderinnen mit voneinander abweichenden Eindrücken einen Berg hinuntersteigen – erstere fand es einen mühelosen Ausflug; die zweite ist hochschwanger und schaffte es nur mit großem Aufwand; die dritte ist vor allem von der Neuartigkeit des Schnees überwältigt –, schließen wir daraus nicht, dass sie drei verschiedene Berge erklommen haben müssen. Wir sind der Meinung, es handle sich um einen einzigen Berg, und dieser besitzt bestimmte Eigenschaften wie Höhe, Steigungsgrad und Schneedeckenmächtigkeit, die an sich existieren, unabhängig davon, wie sie von den Wanderinnen wahrgenommen wurden. Als menschliche Wesen können wir nicht sagen, was ein Sturm ist, ohne Sprache zu verwenden, aber das heißt nicht, dass der Sturm eine linguistische Entität ist oder aus Sprechakten besteht.15

Im Grunde handelt es sich um eine ziemlich banale Auffassung, Naturvorstellungen seien Produkte des sozialen Lebens – ist das doch schließlich bei allen Vorstellungen der Fall –, während die Behauptung, Natur entspräche diesen Vorstellungen und verändere sich ihnen gemäß, äußerst rätselhaft anmutet. Denn damit würde beispielsweise ausgesagt werden, dass die Sonne sich einst um die Erde gedreht und dann den Platz mit ihr getauscht hätte. Entweder der tatsächlich existierende Wald ist reich an wild lebenden Tieren oder nicht; entweder erwärmt sich die Biosphäre, oder sie tut es nicht – wie wir Wildtiere und Erwärmung auffassen, ist jedoch eine ganz andere Frage. Was Castree und andere ihm Gleichgesinnte vertreten, ist eine Form des Konstruktionismus der Natur. Obwohl diese der arglosen Erkenntnis entspringen dürfte, dass wir denken und sprechen, sobald wir über Natur denken und sprechen, versteigt sie sich zu der Behauptung, die Natur würde dadurch überhaupt erst konstruiert, käme durch unsere Vorstellungen in die Welt, und darüber hinaus existierte schlicht keine andere Natur.16 Es handelt sich um einen Konstruktionismus der idealistischen, neu-kantischen, eindeutig postmodernen Sorte.17

Dieser Konstruktionismus scheint jedoch außerstande, zu jener Art von Theorie zu inspirieren, die wir so dringend benötigen. Schließlich steigen die Temperaturen nicht, weil Menschen über Kohle nachgedacht oder sich mentale Bilder von Autobahnen ausgemalt haben: Dadurch kommt es nicht zur Umweltzerstörung. »Kurzum«, um es mit der bemerkenswerten Formulierung Kate Sopers zu sagen, »es ist nicht die Sprache, die ein Loch in ihrer Ozonschicht hat«, kein Text, der sich aufheizt, »und das ›reale‹ Ding wird selbst dann noch verschmutzt und abgetragen werden, wenn wir unsere dekonstruktivistischen Erkenntnisse auf der Ebene des Signifikanten immer weiter verfeinern« – worauf manch Gesellschaftstheorie, sogar wenn sie vorgibt, sich eigentlich mit der Natur zu befassen, nach wie vor geradezu versessen scheint.18 Wie aber würde eine alternative Sicht auf die Natur aussehen? In What Is Nature? Culture, Politics and the Non-Human – mit Abstand die geistreichste Auseinandersetzung mit dieser Frage, die je geschrieben wurde – gibt Soper folgende Antwort: Natur nennt man

jene materiellen Strukturen und Prozesse, die unabhängig von menschlicher Aktivität bestehen (in dem Sinne, dass sie kein von Menschenhand geschaffenes Produkt sind), deren Stärken und kausalen Kräfte die notwendigen Bedingungen jeglicher menschlicher Praxis sind und die darüber entscheiden, welche mögliche Gestalt diese annehmen kann.19

Diese Definition verdient es, erneut gelesen und im Gedächtnis behalten zu werden. Viele andere wurden vorgeschlagen – einige davon werden wir weiter unten eingehender betrachten –, aber wir wollen diese realistische Definition als diejenige behandeln, die bestmöglich einfängt, was wir uns unter dem von uns als Natur bezeichneten Bereich vorstellen. Allein die Existenz dieses so definierten Bereichs ist jedoch bereits heftig umstritten.

DIE PRODUKTION DER NATUR?

Können wir tatsächlich sagen, dass das Klima des Planeten Erde – als eine der wesentlichen Komponenten der Natur – von menschlichen Aktivitäten unabhängig ist, das heißt: nicht von Menschenhand geschaffen? Ist es mittlerweile nicht genau umgekehrt? Dies scheint zumindest für die Theorie »der Produktion der Natur« zu gelten. Von Neil Smith in Uneven Development. Nature, Capital, and the Production of Space dargelegt, besagt sie, dass Natur alles andere als unabhängig sei; in einem lang vergangenen, vormenschlichen Nebel mochte das womöglich sogar noch der Fall gewesen sein, aber mittlerweile sei das eindeutig vorbei. Heutzutage sei die Natur durch und durch gemacht, von innen her und in ihrer Gesamtheit, da die Kräfte des Kapitals die Materie gemäß ihrer jeweiligen Logik umstrukturierten und umarbeiteten. Wann aber die urzeitliche Natur einer solch beeindruckenden sozialen Macht gewichen sein soll? Smith bleibt in diesem Punkt vage. An manchen Stellen wirkt es, als würde er sich dafür aussprechen, dass die Produktion der Natur tatsächlich ein kapitalismusspezifisches Phänomen sei; an anderen deutet er wiederum ein sehr viel früheres Datum menschlicher Vereinnahmung an. Nicht-produzierte Natur erlösche, wo immer eine Spezies Fuß gefasst habe: »Menschen haben jedwede Natur hervorgebracht, die ihnen zugänglich wurde« – nicht erst in den letzten Jahrhunderten, sondern schon seitdem sie sich in Höhlen zusammengerottet und Wälder nach Essen durforstet hätten.20 Der Zweck der Theorie scheint hier nicht darin zu bestehen, eine historische Verschiebung nachzuvollziehen, als vielmehr in dem Versuch, das Natürliche mit dem Sozialen in eins fallen zu lassen, ungeachtet der Daten und Epochen, gewissermaßen a priori. Smith deklariert geradezu »eine gesellschaftliche Priorität der Natur; Natur ist nichts, wenn nicht sozial«.21 Noel Castree, der sich als Geograf oft für Smiths Theorie starkgemacht hat, erklärt, dass diese »beabsichtigt, der Vorstellung einer unabhängigen, nicht-sozialen Natur entgegenzuwirken«, und pocht auf die Vermischung von Gesellschaft und Natur »seit Anbeginn«.22

Worin genau bestehen nun die analytischen Vorteile dieses Schritts? In der Erstausgabe seines 1984 erschienenen Klassikers erwähnt Smith noch den anthropogenen Klimawandel als ein Beispiel für die Produktion von Natur, aber im Nachwort der dritten Auflage von 2008 hat er etwas ganz anderes darüber zu sagen: Wir können nicht wissen, in welchem Maße sich das Klima aufgrund menschlicher Aktivitäten verändert.23 Allein der Versuch würde bereits die irrige Trennung voraussetzen:

Die Bemühung, zwischen dem gesellschaftlichen und dem natürlichen Anteil zu unterscheiden, stellt nicht bloß eine müßige Diskussion dar, sondern entspringt auch einer närrischen Philosophie: Sie belässt die Kluft zwischen Natur und Gesellschaft unangetastet – Natur in der einen Ecke, Gesellschaft in der anderen –, genau jenes Schibboleth modernen westlichen Denkens also, das »die Produktion der Natur«-These zu zerschlagen angetreten war.24

Fast klingt es wie das Zugeständnis, dass dieser Theorie bei der Erforschung der Erderwärmung im Grunde keine sonderlich relevante Rolle zuzugestehen sei. Denn wenn wir darauf verzichten sollten, die Erwärmung als etwas zu beschreiben, das durch soziale und nicht natürliche Faktoren hervorgebracht wurde, wir also auch aufhörten, zwischen den beiden zu unterscheiden – indem wir das eine erwägen und das andere verwerfen –, wie ließe sich dann überhaupt ihre Existenz anerkennen, geschweige denn als Resultat der Geschichte erforschen?

In Alienation and Nature in Environmental Philosophy, der erhellendsten Arbeit, die seit Sopers Buch aus diesem Forschungsgebiet hervorgegangen ist, betont Simon Hailwood, dass gerade die Vorstellung anthropogener Kausalität das Konzept der unabhängigen Natur zwingend erforderlich mache. »Insofern es wichtig ist zu behaupten, dass Menschen das gemacht haben, verursacht haben, dass sie für dies und jenes verantwortlich sind, müssen wir uns auch mit der Vorstellung vertraut machen, dass zumindest manche Vorkommnisse nicht innerhalb unseres Einflussbereichs liegen« – in unserem Fall also das, was der Fossilwirtschaft voranging und ohne sie fortbestanden hätte: das für das Holozän charakteristische Klima.25 Wie Smith selbst einräumt, ließe sich die globale Erwärmung nicht mehr in den Blick nehmen, sobald man den nicht-sozialen Naturhintergrund entfernen würde (und entsprechend seiner Logik würde deshalb nur ein Narr es überhaupt versuchen).26 Offensichtlich folgt daraus, dass irgendeine Form von Unterscheidung zwischen »Gesellschaft« und »Natur« sowohl für die Erforschung der Geschichte der fossilen Ökonomie als auch für die Klimawissenschaft selbst unabdingbar bleibt; nebenbei bemerkt, werden im Bereich der Ereignisattribution Simulationen jüngster Stürme Modellen gegenübergestellt, die zeigen, wie das Wetter in Abwesenheit menschlichen Einflusses verliefe.27 Dadurch werden historische Spuren offengelegt.

Und dennoch: Ist nicht gerade das heutige Klima produziert? Die Erhaltung einer Natur ohne menschlichen Einfluss in kontrafaktischen Computermodellen ist noch lange kein Beweis für ihren tatsächlichen Fortbestand. Könnte sich die Theorie also doch als nützlich erweisen, insofern man sie lediglich auf die letzten beiden Jahrhunderte beschränkte? Um diese Möglichkeit zu untersuchen, müssen wir uns ein paar der anderen Ansätze zuwenden, die behaupten, Natur sei mittlerweile grundlegend sozial.

DAS ENDE DER NATUR?

Im Jahr 1990, ein Jahr nach der Veröffentlichung von Jamesons Postmodernism, verkündete Bill McKibben in dem gleichnamigen, heute als das erste populäre Buch über den Klimawandel geltenden Buch »das Ende der Natur«. Er war einer der Ersten, die das Gefühl hatten, dass die veränderte Zusammensetzung der Atmosphäre alles auf den Kopf stellte, angefangen mit der Bedeutung des Wetters. Denn ein plötzlicher Wolkenbruch ließ sich nicht länger ignorieren und ein Nachsommer nicht mehr als Laune der Natur genießen. Alles Wetter müsse mittlerweile als ein Artefakt »unserer Lebensweise« beargwöhnt werden, selbst noch auf einem Spitzbergener Berggipfel oder auf einer Sanddüne in der Atacama-Wüste, in Gebieten also, die als abgeschiedene Wildnis gälten: Aufgrund des Kohlenstoffdioxids finde sich der menschliche Fingerabdruck überall. »Wir haben das CO2 produziert – wir machen der Natur ein Ende« – oder:

Indem wir das Wetter verändern, machen wir jeden Fleck auf der Erde zu etwas Künstlichem, zu Menschenwerk. Wir haben die Natur ihrer Eigenständigkeit beraubt, und das hat verhängnisvolle Folgen für ihr Wesen. Das Wesen der Natur ist ihre Eigenständigkeit; ohne sie gibt es nur noch uns.28

Innerhalb welcher Definition aber ist die Natur verschwunden? Auf den ersten Blick mag es den Anschein haben, als bediente sich McKibben einer Definition, die derjenigen Sopers nicht unähnlich ist – mit »Eigenständigkeit« bzw. »Unabhängigkeit« als Schlüsselbegriff –, doch geht er noch einen entscheidenden Schritt weiter. Er bezieht sich nicht auf die Natur als eine Reihe an materiellen Strukturen und Prozessen mit eigenen kausalen Kräften, nicht auf das Ende der Fotosynthese, der Atmung oder der Wolkenformation; all diese Dinge, beteuert er, bestünden auch weiterhin. Vielmehr »haben [wir] dem ein Ende gemacht, was zumindest in der Neuzeit Natur für uns definiert hat … ihrer Trennung von der menschlichen Gesellschaft«, das heißt ihre Reinheit, ihr vollkommen ursprünglicher, unberührter, vom Menschen unbeeinträchtigter Zustand.29 Nur unter Anerkennung dieser Definition ließe sich behaupten, die Natur sei an ihr Ende gelangt. Aber handelt es sich dabei überhaupt um eine vernünftige Definition?

Wenn ich Zucker in meinen Kaffee mische, folgere ich daraus nicht, dass der Kaffee sein Ende gefunden hat. Ich nehme eher an, er hat den einen Zustand abgelegt und dafür einen anderen angenommen: Es ist nicht länger nur schwarzer Kaffee, sondern süßer schwarzer Kaffee. Normalerweise, in unserem Alltag und unserer Sprache, bestehen wir nicht darauf, dass, sobald A mit B in Berührung kommt, A aufhört zu existieren – ein privates Unternehmen bleibt während der Verhandlungen mit dem Staat ein privates Unternehmen; ein See bleibt ein See, selbst wenn Tonnen an Sedimenten hineingeschüttet werden. Besonders für jene, die mit der marxistischen Dialektik vertraut sind, sollte es sich hierbei um einen banalen Gedanken handeln – kapitalistische Eigentumsverhältnisse verschwinden nicht in dem Moment, in dem sie mit feudalen oder sozialistischen vermengt werden; Kapital kann sich nur durch ständige Bezugnahme auf seine Erzfeindin Arbeit und dergleichen vermehren, und zwar lediglich innerhalb einer Welt, in der ein Gefüge aus Gegensätzen keinen überraschenden Umstand darstellt. Sollten wir mit der Natur also anders verfahren? Gibt es irgendeinen Grund, eine bestimmte Bedingung – namentlich die Abwesenheit sozialen Einflusses – in die Definition dieser speziellen Sache als Prüfstein gerade ihrer Existenz zu integrieren?

Wir wollen dies die puristische Definition nennen. McKibben präsentiert keinerlei Begründung für sie; er nimmt sie schlichtweg als gegeben hin. Betrachten wir Natur jedoch in einem etwas kleineren Maßstab, erscheint es schwierig, diese Definition aufrechtzuerhalten. Man nehme etwa die Ozeane: Mittlerweile sind sie entstellt – aufgrund des Plastikmülls, der in gigantischen Wirbeln seine Bahnen zieht, aufgrund von Versauerung, Überfischung und anderen menschlichen Einflüssen, die bis in die tiefsten, dunkelsten Winkel hinabreichen. Können wir also sagen, dass Ozeane ipso facto nicht mehr existieren? Wohl kaum. Sie befinden sich in einer anderen Verfassung, aber vorhanden sind sie nach wie vor – und wenn das auf die Ozeane zutrifft, die doch einen ziemlich bedeutenden Teil dessen ausmachen, was wir als »Natur« verstehen, warum dann nicht auch auf die maßgebliche Gesamtheit? Es scheint hierfür zwei mögliche Umgangsweisen zu geben. Entweder speist man Heiligkeit, also eine Art (paradoxerweise) übernatürliche Wertigkeit, in die Definition der Natur ein, oder man hält an einer extremen Form des Dualismus fest, was die Überzeugung erlauben würde, die Essenz der Natur sei ihre vollständige Absonderung von der menschlichen Gesellschaft.30

Wenn wir nun zu Recht zu dem Schluss kommen, dass die puristische Definition analytisch unhaltbar ist, soll damit keineswegs gesagt sein, dass McKibben nicht gut daran tut, das Ende eines bestimmten Zustands der Natur zu beklagen.31 So, wie ich schließlich einen Grund haben könnte, vor Widerwillen aufzuschreien, wenn jemand Zucker in meinen Kaffee kippt, dürften sich noch weitaus überzeugendere Gründe dafür finden lassen, den Verlust eines jeden unberührten Ortes der Welt zu betrauern. Im Hinblick auf unsere Absichten, und darum geht es, gereicht McKibbens traurige Kunde analytisch jedoch zu keinerlei Nutzen. Denn laut der puristischen Definition gehörte die Kohle, die von den Briten an entlegenen Küsten entdeckt wurde, vor deren Ankunft zwar der Natur an, doch als diese Briten (oder vielmehr diejenigen, die für sie arbeiteten) zu graben und die Kohle zu fördern anfingen, fiel das Material irgendwie aus der Natur in die Sphäre des Menschen. Wenn nun aber die Kohle bereits kein Teil der Natur mehr war, wie kann sich das CO2 dann überhaupt noch tödlich auf sie ausgewirkt haben? Die Antinomien des Dualismus würden auf allen Ebenen einer solchen Geschichte erneut zum Vorschein kommen.

IST JEDE UMWELT GEBAUTE UMWELT?

Sollte der Klimawandel tatsächlich das Ende der Natur bedeuten, müssten wir wohl oder übel den Schluss ziehen, dass der postmoderne Zustand damit in Stein gemeißelt ist. Veröffentlicht hatte McKibben sein Buch, um eine weitere zeitliche Markierung zu nennen, ein Jahr, nachdem Francis Fukuyama seinen Essay »Das Ende der Geschichte?« verfasst hatte. Verkam Fukuyamas These seither jedoch zur Lachnummer der Theorie, wird der oben genannten auch weiterhin größtmöglicher Respekt gezollt. Zwar ist McKibben selbst, als der wohl bedeutendste Anführer der globalen Klimabewegung, inzwischen zu aussichtsreicheren Aktivitäten übergegangen, sein Nachruf auf die Natur aber ist im intellektuellen Klima haften geblieben, obwohl die ihm zugrunde liegende Argumentation, wie wir gesehen haben und auch weiterhin sehen werden, mehr als fragwürdig erscheint. So dient der Nachruf nun sowohl als Ausgangspunkt für Wapners Diskussionen über die Dilemmata des Umweltschutzes als auch für die jüngste Variante des philosophisch weit fortgeschrittenen und etwa von Steven Vogel unternommenen Versuchs, den die Natur betreffenden Konstruktionismus zu verteidigen.

In seinem ersten Buch Against Nature. The Concept of Nature in Critical Theory entspinnt Steven Vogel ein aus einer eigenwilligen Lektüre des Kanons der Frankfurter Schule gespeistes konstruktionistisches Programm. Dabei zeigt er vier Einsichten auf, aufgrund derer Natur als »eine soziale Kategorie« zu verstehen sei: Man könne niemals in eine Natur außerhalb des menschlichen Vorverständnisses treten; die Natur, die Forscher:innen zu untersuchen vorgeben, sei ein Produkt ihrer eigenen Praktiken – so weit alles postmoderner Grundstock –; natürliche Objekte seien in das Gesellschaftsleben integriert; und würden durch Arbeit hergestellt.32 Nur die letzte Auffassung, die originellste der vier, wird auch in Thinking like a Mall. Environmental Philosophy after the End of Nature beibehalten. Darin vertritt Vogel, obwohl er ein wenig von seinem früheren Idealismus zurückrudert, den Konstruktionismus stärker denn je. Als Ausgangspunkt dafür dient ihm die Annahme, dass McKibben recht hatte: Die Natur sei tatsächlich an ihr Ende gelangt, am offensichtlichsten aufgrund der steigenden Temperaturen. Die puristische Definition bejahend, hebt Vogel McKibbens These jedoch auf die nächste Stufe und behauptet, dass, wenn die Natur in dem Moment erlösche, in dem der Mensch mit ihr in Berührung komme, sie schon tot und begraben gewesen sein müsse, lange bevor irgendwelches CO2 aus Schornsteinen gebauscht gekommen sei.33 Ohne eine ausdrückliche Verbindung zur globalen Erwärmung zu ziehen, heißt es bei ihm, dass es sich bei dem »Ende der Natur um etwas handeln könnte, das in der Formulierung Heideggers, die hier relevant erscheint, immer schon geschehen ist.« Kraft axiomatischer Notwendigkeit habe die Natur »in dem Moment aufgehört zu existieren, als der erste Mensch in Erscheinung trat« – »vor so langer Zeit, dass wir außerstande sind, dafür ein Datum zu ermitteln«.34

Was also ist es, was uns heute zu umgeben scheint? Keinesfalls Diskurse oder der Schlamm epistemischer Gemeinschaften; auf dergleichen hat es Vogel längst nicht mehr abgesehen. Umgeben seien wir vielmehr von einer soliden realen Umwelt, bei der es sich jedoch um eine gebaute Umwelt handele, eine, die der Mensch buchstäblich von Grunde auf physisch konstruiert habe. Da es für den Menschen keine Möglichkeit gebe, »auf irgendeine Landschaft zu stoßen, ohne sie zu verändern«, müsse jedwede mit Menschen in Berührung gekommene Landschaft als gebaut klassifiziert werden, entlegene Inseln genauso wie Ballungsräume, die Wüsten ebenso wie Autobahnen und – hierin liegt der Kern des Buches – die Atmosphäre mindestens genauso wie das Einkaufszentrum.35 Nicht unbedingt die Schlussfolgerung, die McKibben vorgeschwebt sein dürfte, folgt sie dennoch einer kompromisslosen, wenn auch verschrobenen Logik. In Anlehnung an Aldo Leopolds zeitlose Aufforderung, »wie ein Berg zu denken«, um dem Land so näherzukommen, empfiehlt Vogel Umweltschützer:innen, vermehrt wie ein Einkaufszentrum zu denken, da ein Kaufhaus schließlich genauso Teil der Umwelt sei wie ein Berg und nicht weniger Schutz und Ehrfurcht verdiene.36

Die Variante des hier herausgearbeiteten Konstruktivismus weicht offenbar vom Idealtypus ab: Wie Vogel mehrfach betont, verwendet er das Wort »Konstruktion« im wörtlichen Sinn, nicht anders also, als er es angesichts der Pyramiden gebrauchen würde. Folglich können wir zwischen einem idealistischen und einem buchstäblichen Konstruktionismus der Natur unterscheiden; Vogel und Smith sind beide von ersterem zu letzterem übergegangen, wohingegen Castree sich in die entgegengesetzte Richtung hat treiben lassen.37 Wichtig dabei ist es anzumerken, dass keiner von ihnen als Strohmann fungiert. Vogel meint wirklich, was er sagt. »In unserer Umwelt gibt es nichts, bei dessen Produktion wir nicht auf die eine oder andere Weise unsere Finger im Spiel hatten«, nichts Physikalisches oder Chemisches rings um uns, das fernab der Arbeit entstanden sei, »keine Rohstoffe, keine ›natürlichen Ressourcen‹, die nicht bereits selbst Gegenstand vorangegangener Konstruktionspraktiken gewesen« seien – Äußerungen, die sich in Dauerschleife durch sein aktuellstes Werk ziehen.38 Und alle Anzeichen deuten darauf hin, dass Vogel wirklich will, dass wir das ernst nehmen. Tun wir das also. Wahr wird, was er sagt, dadurch dennoch nicht, wie sich an Kohle als hinreichendem Gegenbeweis zeigt: Wir wissen, dass sie sich gebildet hat, als Vegetation in Sümpfen absank, deren Wasser die Vegetation vor der Oxidation bewahrte. Als die abgestorbenen Pflanzen tiefer sanken, stiegen der Druck und die Temperaturen an; langsam und graduell verhärtete sich das Material zu Kohle, überwiegend während des Karbons vor etwa 286 bis 360 Millionen Jahren, als noch kein Mensch bei dem Prozess überhaupt hätte behilflich sein können. Kohle in einem Dschungel Borneos zu entdecken bedeutet also, eine Passage zu dieser Vergangenheit zu öffnen und das in unsere Zeit zu holen, was nicht von Menschenhand geschaffen wurde. Das Gleiche gilt für die Gewinnung jedes bisschen aus den Eingeweiden unseres Planeten geborgenen fossilen Brennstoffs.39

Dermaßen einfach – so einfach, dass sich der Spott geradezu aufdrängt, aber so ist sie nun mal, die Beschaffenheit dieser Theorie – lässt sich zeigen, dass der buchstäbliche Konstruktionismus empirisch falsch ist. Fossile Brennstoffe stellen in unserer Umwelt keine Kleinigkeit dar; ebenso wenig die Sonne, die Erdkruste, der Sauerstoff, das Element des Feuers … Man müsste schon einiges an Wortklauberei auffahren, um zu beweisen, dass etwas davon in irgendeinem Sinne vom Menschen »konstruiert« oder »gebaut« wurde, konstituieren doch gerade diese Dinge die Mise en Scène und Conditio sine qua non und was weiß ich noch alles der sich erwärmenden Welt. Die einzige Möglichkeit, den Konstruktionismus davor in Schutz zu nehmen, wäre es, auf eine Extremvariante der puristischen Definition zu bestehen: Bei jeglichem Kontakt mit den Menschen – sei es, auf sie zu fallen, sie zu tragen oder ihre Lungen zu durchströmen – würden dann Sonneneinstrahlung und Sedimentgesteine, Luft und alles andere auf magische Weise zu deren Produkten. Und wenn Vogel von »Bauten« und »Konstruktion« spricht, wirkt es, als setzte er eine derartige Metamorphose tatsächlich voraus. Etwas zu affizieren hieße dann, es zu bauen. »Es gibt nichts, was wir tun, das die Umwelt nicht irgendwie verändert und also baut«, behauptet Vogel in einer großzügigen Ausdehnung des Begriffs.40 So verwendet, wäre es mir möglich, rechtmäßig zu behaupten, eine Pyramide in Gizeh allein mittels Skalierung und schwarzer Farbe gebaut zu haben.

Sobald der Mensch mit einer Landschaft in Berührung komme, verändere er diese zwangsläufig; indem er sie verändere, baue er sie; insofern habe der Mensch jedwede Landschaften gebaut (und logischerweise sollte das auch für den Mond und den Mars und alle weiteren Himmelskörper gelten). Der offensichtliche Schwachpunkt dieses Syllogismus, der doch das ganze Argument stützt, besteht in dem Gebrauch des Wortes »Bauen« als Synonym für »Affekt« oder »Veränderung«. Vogel verteidigt die Gleichsetzung dieser Wörter, indem er beteuert, »etwas zu bauen heißt, ein Material ›zu affizieren‹ und es dadurch in etwas Neues umzuwandeln – Holz in ein Bücherregal, Ton in ein Gefäß, Silikon in einen Speicherchip«.41 Gewiss, wobei gerade das keineswegs auf dem Spiel steht. Schneide ich Holz zurecht und gestalte damit ein Bücherregal, habe ich dieses Bücherregal zweifellos gebaut – wenn ich jedoch einen Zweig vom Baum absäge, habe ich diesen Baum dann ebenso gebaut? Darauf läuft Vogels Argumentation hinaus: Nicht indem man etwas baue, affiziere man Materie, sondern indem man Materie affiziere, baue man sie. Im allgemeinen Sprachgebrauch meint man mit diesem Wort etwas anderes. Würden wir uns Vogels vorgeschlagener Neudefinition anschließen, hätte dies enorme Konsequenzen: Schauen Sie sich die Markierung an, die ich in meiner Wohnung hinterlassen habe – sehen Sie, ich bin es, der diese Eigentumswohnung gebaut hat. Oder wie Val Plumwood angemerkt hat: Ich affiziere die mir nahestehenden Personen, verändere ihre Leben tatsächlich durch und durch; folglich könnte ich behaupten, sie gebaut, produziert oder konstruiert zu haben.42 An dieser Stelle läuft der Konstruktionismus wahrlich völlig aus dem Ruder.

Was bedeutet es also, etwas gebaut oder produziert – buchstäblich konstruiert – zu haben? Auch diesmal liefert Kate Soper die überzeugendste Antwort: Das ausschlaggebende Kriterium bestehe darin, »ein Produkt einzuführen, das zuvor noch nicht existiert hat«.43 Wenn wir davon sprechen, dass der Pharao Cheops die Große Pyramide von Gizeh erbaut hat, wollen wir damit ausdrücken, dass es sie zunächst nicht gab und es dieser Mann war, der vor etwa 4600 Jahren einen Konstruktionsprozess in die Wege leitete, der das Bauwerk an genau jener Stelle hervorbrachte, an der es auch heute noch steht. Es ist die menschliche Erbauerin, die eine Entität hervorbringt. So etwas wie eine Uhr oder ein Computer werden durchaus gebaut oder produziert, schließlich verdanken sie ihre Existenz menschlichen Handlungen – indem sie ausgewählte Materialien auf eine bestimmte Art affizieren, erschaffen die Menschen diese Dinge de novo –, Kohle und Ozeane und der Kohlenstoffzyklus fallen jedoch in eine andere Kategorie. Und mit dem Klima verhält es sich allem Anschein nach ähnlich. Denn die Erde wies ein Klima auf, lange bevor sie überhaupt Menschen aufwies.

WAS KONSTRUIERT IST UND WAS NICHT

In der Tat sollte die Konstruktionsmetapher beim Wort genommen werden: Wenn man etwas baut, verändert oder affiziert man es nicht nur, sondern man ruft das Bauwerk ins Leben.44 Paradoxerweise stellt Bauen jedoch genau jene menschliche Praxis dar, um die herum Vogel seine Argumentation errichtet, ohne sie auch nur im Ansatz zu begreifen. Besser wäre es also, sich William H. Sewell zuzuwenden, der den wahren Nutzen der Metapher in seinem Buch Logics of History. Social Theory and Social Transformation präzise schildert. Im Gegensatz zu dem für die Postmoderne so charakteristischen synchronen Denken

impliziert die Konstruktionsmetapher eine ganz andere, durchaus diachrone Zeitlichkeit. Konstruktion ist ein Substantiv, das aus einem Verb gebildet wird; es bezeichnet einen Prozess des Bauens, der von menschlichen Akteuren vollzogen wird und sich über einen Zeitraum erstreckt. (Rom, wie das Sprichwort besagt, wurde nicht an einem Tag erbaut.) Die gesellschaftliche oder kulturelle Konstruktion von Bedeutung ist implizit also auch ein zeitlich ausgedehnter Prozess, der die kontinuierliche Arbeit menschlicher Akteure erfordert. Zudem setzt soziale Konstruktion voraus, dass, sobald eine Bedeutung aufgebaut worden ist, sie stark dazu tendiert, auf Dauer bestehen zu bleiben: Sozial konstruierte Geschlechterverhältnisse oder wissenschaftliche Wahrheiten werden oftmals naturalisiert, akzeptiert und zu beständigen Eigenschaften der Welt, im gleichen Maße wie einmal gebaute Gebäude als beständige Eigenschaften der physischen Umwelt fortbestehen.45

In keinem Sinn würde das Klima die Voraussetzung für diese Art von Metapher erfüllen – die fossile Ökonomie hingegen mit Bravour.46

Soll der Begriff »soziale Konstruktion« sinntragend sein, muss er laut Ian Hackings Was heißt »soziale Konstruktion«? auf ein X Bezug nehmen, das »infolge einer Reihe sozialer Ereignisse« entstanden ist. Eine Konstruktionistin nimmt normalerweise an, das fragliche X »hätte nicht existieren müssen«, wären diese Ereignisse nicht eingetreten.47 Überträgt man diese Überzeugung auf den Bereich der Natur, erscheint sie in höchstem Maß absurd. Drei Erzählstränge verfügen jedoch über das Potenzial, den buchstäblichen Konstruktionismus in intelligible Aussagen zu transformieren. Erstens: Die Menschen wurden auf einen leeren Planeten (oder in ein leeres Universum) gebeamt, wo sie in der Rolle der göttlichen, nicht-produzierten Produzent:innen die Natur von Grund auf konstruierten. In diesem Fall würde es tatsächlich den Anschein haben, dass das X mittels sozialer Ereignisse entstanden ist. (Die Frage, woher die Rohstoffe stammen sollten, bliebe freilich unbeantwortet.) Zweitens: Die Menschen gingen aus einer bereits vorhandenen Natur hervor, doch in dem Moment, da sie auftauchten und anfingen, auf dem Planeten umherzustreifen, annullierten sie sie. Von dieser Glanzleistung beflügelt, gingen sie dazu über, jedwede Umwelt auf der Erde zu bauen. Dies entspricht Vogels Logik, die ein paar Fragen aufwirft, etwa, wie die Menschen zugleich direkte Nachkommen als auch augenblickliche Beseitiger:innen der Natur sein könnten (ein allein auf Basis der puristischen Definition nachvollziehbarer Handlungsstrang). Oder drittens: Lange Zeit lebten die Menschen inmitten der bereits vorhandenen Natur, und erst in den letzten Jahren haben sie einen dermaßen schädlichen und tiefgreifenden Einfluss darauf ausgeübt, dass die Natur nicht mehr als das gelten kann, was sie einst war. Das gleicht eher einer der Konstruktion gegenläufigen Aktivität – der Destruktion –, jedoch lässt diese Erzählung die Erde und alles auf ihr zumindest zum Ergebnis sozialer Ereignisse werden. Sogleich tauchen aber andere Fragen auf. Wenn die Natur durch den jüngsten menschlichen Einfluss – sprich: anthropogener Klimawandel – an ihr Ende gelangt ist, welche Mächte und kausalen Kräfte bestimmen dann die möglichen Formen, die dieser Einfluss annehmen kann? Woher stammen sie? Wurden die Kanäle, in welche die CO2-Emissionen eingespeist werden, soeben erst von den Menschen erbaut?

Die Absurdität erstreckt sich auf beide Varianten des Natur-Konstruktionismus.48 Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb dessen Befürworter:innen – die keineswegs auf den Kopf gefallen sind – immer wieder Schnitzer unterlaufen. So erwähnt Castree etwa aus heiterem Himmel »eine biophysikalische Welt, die auf irgendeiner Ebene existiert« und »nichts weiß von den Werten und Zielen, denen zufolge wir diskutieren, auf sie reagieren und in sie eingreifen«.49 Smith wiederum gibt gerade jene Unterscheidung preis, die er aufzulösen angetreten war: »Anders als die Gravitation weist das Wertgesetz nichts Natürliches auf; keine Gesellschaft hat je gelebt, ohne das Wirken der Gravitation zu erfahren, wohingegen viele auch ohne das Wertgesetz existiert haben« – Natur auf der einen Seite, Gesellschaft auf der anderen.50 Und Vogel, der doch vorgibt, der unerbittlichste Feind jedweder Verwendung des Naturbegriffs zu sein, gibt Äußerungen von sich wie »wir Menschen sind selbst natürlich«. De facto bringt er in der Mitte seines Buches sogar ein ganzes Kapital damit zu, über das Schicksal jener Artefakte nachzudenken, die der Natur ausgeliefert sind. Jedes Gebäude sei dem Niederschlag und der Oxidation, der Entropie und der Hitze sowie anderen »Prozessen ausgesetzt, deren grundlegender Charakter – ich wäre sogar versucht zu sagen, deren Natur – uns nicht in vollem Maße bekannt ist und es auch nicht sein kann«, da sie »momentan [sic] von den Menschen unabhängig agieren« und »nichts sind, was wir produzieren«.51 Aussagen wie diese können dazu dienen, Argumentationen eine nuancierte Stoßrichtung zu verleihen, an der es sonst vollends mangeln würde. Tatsächlich aber fördern sie bloß erdrückende Inkonsistenzen zutage.52 Und an manchen Stellen scheinen Konstruktionist:innen sie sogar als Vorbehalte des allgemeinen Menschenverstandes einzusetzen, um sich dadurch geflissentlich die Hände von den Implikationen ihrer eigenen Argumentationen reinzuwaschen – aber selbstverständlich glauben wir nicht, die Erde sei lediglich ein Märchen! Wer käme auf so eine verrückte Idee? Vor und nach solch kurzen Einschüben – seien sie nun absichtlich oder aus Versehen abgefasst – beharren die Autor:innen in ihren Darstellungen der Weltgeschehnisse weiterhin darauf, die Natur auszuklammern, auszuschließen, zu verleugnen und zu verwerfen.53 Bis sie an irgendeinem Punkt unweigerlich in ebendiese Welt hinaustreten und das Eingeständnis, dass es die Natur doch gibt, von Neuem machen müssen. Nicht einmal die militantesten Vertreter:innen schaffen es, sich der Kategorie der Natur zu entledigen, was wohl daran liegen mag, dass dazu wirklich niemand in der Lage ist.

Ähnlich ergeht es jenen, die das Ende der Natur betrauern: McKibben kann nicht anders, als über eine »neue« Natur zu sprechen, die sich abweichend verhalte, aber immer noch das zu sein scheint, was doch eigentlich bereits zu Ende gegangen sein soll.54 In dem Buch After Nature. A Politics for the Anthropocene offeriert Jedediah Purdy noch eine zusätzliche Version der McKibben’schen Nekrologie und verkündet, dass die Natur endgültig verschwunden sei – »in jeglicher Hinsicht wird die Welt, die wir bewohnen, fortan die Welt sein, die wir gemacht haben« (in jeglicher Hinsicht!) –, und fügt sicherheitshalber noch an, dass die Natur »nicht die Art Ding ist, der Bedeutung zukommt«. 55 Anschließend aber, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein, bringt er Seite um Seite damit zu, Aussagen zu treffen wie »unsere Kontrolle über die Natur gleicht einer prekären Fantasie«, »man kann den Menschen nicht von der ökologischen Natur trennen«, »wir sind weniger vom Rest der Natur unterschieden, als wir uns häufig einbilden«, »sich darum zu bemühen, eine friedliche und humane Welt zu gestalten, bedeutet, einen Weg zu finden, mit der Natur in Einklang zu leben«.56 Nach der Natur? Danach klingt das jedenfalls nicht. Offensichtlich schaffen es nicht einmal die Nekrolog:innen, die Leiche zu beschreiben, ohne an ihre Bewegungen zu erinnern, was wohl daran liegen muss, dass sie immer noch am Leben ist.57

Die Kategorie der Natur lässt sich nicht aus dem menschlichen Vokabular tilgen. Sie bezieht sich auf jenen Teil der bewohnten Welt, auf den die Menschen zwar stoßen, den sie aber nicht mittels ihrer Vorstellungskraft konstruiert, geschaffen, gebaut oder hervorgezaubert haben – und dieser Teil ist wahrlich nicht zu unterschätzen.58 Die Natur ging uns voraus, umgibt uns und wird auf uns folgen; sie wurde, ist und wird auch ohne uns, von sich aus, hervorgebracht; mag sie auch allen möglichen Einflüssen ausgesetzt sein, setzt ihr das dennoch keineswegs ein Ende, genauso wenig wie ein Kontinent zu sein aufhört, bloß weil Wolkenkratzer auf ihm stehen. Als die Briten sich auf den Weg durch den Dschungel von Labuan machten, produzierten sie nicht Natur, sondern sie stießen geradewegs auf sie. Der in der Lithografie festgehaltene Moment stellt nicht den Moment dar, in dem sie das Sonnenlicht und das Wasser, die Pflanzen und die Kohle erzeugten: All diese Dinge waren schon vor ihnen da und gehörten jenem Teil der Welt an, in dem es ihnen kaum möglich gewesen sein dürfte, anwesend zu sein, wenn es ihn nicht schon vorher gegeben hätte. Allein, was sie mit dieser Natur zu tun beabsichtigten, oblag ihrem Ermessen. Erst an diesem Punkt setzte das Moment der Konstruktion ein: Sie fingen an, die Kohle als Material ihrer fossilen Ökonomie zu kartografieren, zu testen, zu kaufen und zu verkaufen, als Material ihres Roms, das nicht an einem Tag, sondern im Laufe des 19. Jahrhunderts gebaut wurde. Wir sollten uns das Gerede über »Konstruktion« für genau solch eine Unternehmung aufsparen und sie vom Klima entschieden abgrenzen – den Konstruktionismusball gewissermaßen also der Gesellschaft zurückspielen und die Natur als Kategorie sui generis akzeptieren. Wobei das selbstverständlich voraussetzt, dass sich die beiden wirklich voneinander unterscheiden lassen.

2
Über kombinierte Entwicklung. Wider den Hybridismus
DAS HYBRIDISTISCHE GEFLECHT

Ein großer Teil der zeitgenössischen Theorie wird nicht müde zu verlautbaren, dass es unmöglich geworden sei, Gesellschaft und Natur auseinanderzuhalten, seien die beiden im Grunde genommen doch ein und dasselbe. Und die wichtigste Inspirationsquelle für diese Art zu denken ist sicherlich Bruno Latour. Ein quantitativer Indikator seines Einflusses zeigte sich etwa, als das Magazin Times Higher Education die in den Geisteswissenschaften am häufigsten zitierten Autor:innen des Jahres 2007 auflistete: Angeführt von Michel Foucault, landete Latour auf Platz zehn der Liste, einen Rang vor Sigmund Freud, sechzehn vor Benjamin und ganze sechsundzwanzig Plätze vor Karl Marx.1 Zehn Jahre später verkündete einer seiner größten Fans, dass »es langsam so aussieht, als träte Latour Michel Foucaults mögliche Nachfolge als Standardzitation in den Geisteswissenschaften an – in den Sozialwissenschaften nähert er sich diesem Punkt bereits mit großen Schritten«.2 Und tatsächlich steht die Bedeutung Latours für das zeitgenössische Nachdenken über die Beziehung zwischen Gesellschaft und Natur wohl außer Konkurrenz. Im Folgenden wird er daher einen zentralen Platz einnehmen.

Sein für dieses Denken grundlegender Text heißt Wir sind nie modern gewesen und beginnt damit, dass Bruno Latour eines Morgens aufwacht, die Zeitung liest und dabei vom Verschwimmen der Grenzen zwischen dem Sozialen und dem Natürlichen überrascht wird: Zunächst entdeckt er einen Bericht über die Ozonschicht (geschrieben wurde das Buch 1991). Atmosphärenwissenschaftler:innen warnen darin, dass sich das Loch vergrößere, während Industrielle und Politiker:innen den stufenweisen Abbau der schädlichen Stoffe vorschützten. »Ein und derselbe Artikel vermischt chemische und politische Reaktionen«: eine wirklich bemerkenswerte Vermengung.3 Beim Weiterlesen stößt der Autor auf einen Artikel über die Entwicklung der AIDS-Epidemie und das Zögern der pharmazeutischen Industrie; auf einen weiteren über einen Waldbrand, bei dem seltene Arten vernichtet würden; sowie auf einen über Embryos in Reagenzgläsern und immer so fort – die ganze Zeitung scheint eine einzige Gemengelage. Wohin Latour seinen Blick auch wendet, überall sieht er Hybride. Es gebe keine Möglichkeit mehr festzustellen, wo die Gesellschaft aufhöre, wo die Natur beginne, und umgekehrt; alles spiele sich jenseits ihrer Wirkungsbereiche oder im Niemandsland dazwischen ab; die Welt bestehe aus Mischlingszüchtungen, und sie zu entzweien – hier gesellschaftlich, dort natürlich –, könnte nur mit einem Schwert gelingen, das wir im Wissen um die Vergeblichkeit wieder in die Scheide steckten.

Als Herzstück von Latours Projekt und Prestige bedarf dieses Argument einer etwas genaueren Betrachtung.4 Zunächst einmal besitzt es eine quantitativ geschichtliche Komponente. Diese besagt, dass sich die Bündnisse neuerdings in solch einem Maße vermehrt hätten, dass das Soziale und das Natürliche nicht mehr auseinandergehalten werden könnten. Habe es in den Anfangstagen der Moderne vielleicht noch die eine oder andere Leerstelle gegeben, füllten die Hybride mittlerweile die gesamte Bildfläche aus:

Aber wo läßt sich die Geschichte mit dem Ozonloch einordnen, die Erwärmung der Erdatmosphäre oder das Wald sterben? Wo soll man die Hybriden unterbringen? Sie sind unser Werk. Sind sie also menschlich? Aber sie sind nicht unser Tun. Sind sie also natürlich? […] Die Hybriden sind so zahlreich geworden, daß nicht mehr zu sehen ist, wie sie alle noch im alten gelobten Land der Moderne unterkommen können.5

Dem Anschein nach das Eingeständnis intellektueller Verwirrung – ich habe keine Ahnung, wie man etwas, das zugleich das Produkt menschlicher Arbeit als auch dessen Gegenteil ist, begreifen soll –, handelt es sich im Grunde wohl eher um das rhetorische Verfahren, die moderne Illusion einer fest umrissenen Grenzziehung zwischen Natur und Gesellschaft platzen zu lassen. Latour nimmt freilich an, dass die beiden in keiner Weise, Gestalt oder Form je voneinander getrennt waren: Folglich »sind [wir] nie modern gewesen«. Neu jedoch sei die schiere Allgegenwart der Kreuzungen beziehungsweise der »Quasi-Objekte« oder »Kollektive«, die es unmöglich mache, die Fantasie einer Grenze aufrechtzuerhalten: Und hätten wir das erst einmal realisiert, begriffen wir schlussendlich auch, dass »Natur und Gesellschaft nicht mehr und nicht weniger als Ost und West« existierten.6 Die Begriffe bezeichnen Latour zufolge »keine Wesen der Welt oder Bezirke der Realität«. Es seien vielmehr vollkommen willkürliche Pole auf einer mentalen Karte, nichts weiter. »Wir dagegen behaupten«, erklärt Latour in Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie, dass »die Grenzen zwischen Natur und Gesellschaft ein für allemal verwischt sind und man niemals mehr zu zwei unterschiedlichen Ensembles zurückkehren kann«.7 Lasst die Kategorien sich im Realen verflüssigen.

Wir können das als das Kardinalprinzip des Hybridismus betrachten, als den allgemeinen Rahmen für die Auseinandersetzung mit dem Spinnennetz aus Gesellschaft und Natur, indem man jegliche innere Polarität oder Dualität verleugnet. Der Hybridismus besagt, dass die Wirklichkeit aus gesellschaftlichen und natürlichen Hybriden bestehe und dass die beiden Begriffe demnach keinen Referenten mehr besäßen – sofern das denn überhaupt je der Fall gewesen sein sollte. In seinem Buch Bruno Latour. Reassembling the Political bekräftigt Latours treuer Knappe Graham Harman ein weiteres Mal den Zusammenbruch der »Differenz« von Gesellschaft und Natur als Kern seines Denkens und unterstreicht diese Position nachdrücklich: »Wir müssen endlich anfangen, alle Entitäten in exakt der gleichen Art und Weise zu betrachten.« 8 Wie wir noch sehen werden, taucht der Hybridismus auch in anderen Formen auf, mit abweichenden Schwerpunkten und Absichten, doch in der Überzeugung, dass »Gesellschaft« und »Natur« zwei Worte ein und derselben Identität darstellten und also überflüssige (sowie schädliche) Signifikaten seien, stimmen sie alle überein – und Latour lugt stets um die Ecke. In Environments, Natures and Social Theory, einer neueren Übersicht der hybridistischen Ansätze, wärmen Damian F. White und weitere Autoren die Grundprinzipien von Latours 1991 erschienenem Manifest ein weiteres Mal auf:

Und während dieser ganzen Debatte wird uns zunehmend bewusst, dass wir in Welten aus multiplen hybriden Objekten leben. Immer mehr davon tauchen auf: von Ozonschichten über gentechnisch veränderte Nutzpflanzen, prothetischen Implantaten bis hin zu Geschichten modifizierter Landschaften. Sind sie gesellschaftlich? Sind sie natürlich? Alle Versuche, diese hybride Welt mittels der Aufbereitung von Objekten und Subjekten in Schubladen mit der Aufschrift »Gesellschaft« oder »Natur« zu verstehen, sind nur bedingt von Nutzen.9

Man beachte hier eine für den Hybridismus grundlegende Behauptung: Gerade weil die natürlichen und sozialen Phänomene Verbindungen eingegangen sind, lassen sich die beiden nicht mehr anders als mittels Gewalt voneinander unterscheiden. Vermischt zu sein heißt, ein und dasselbe zu sein.

Als eine Art theoretischer Zeitgeist* findet sich diese Behauptung wiederholt in den Schriften all jener Denker:innen, die wir bisher unter die Lupe genommen haben. Um nur zwei Beispiele herauszugreifen: Aufgrund der anthropogenen, im Klimawandel gipfelnden Transformation der Erde »ist es unmöglich geworden, noch zu differenzieren, wo die Menschheit aufhört und die Natur beginnt«, schreibt Wapner; und mit einer ähnlichen, vom Klima angeführten Aufzählung resümiert Purdy, dass »der Kontrast zwischen dem, was Natur ist, und dem, was sie nicht ist, keinen Sinn mehr ergibt«.10 Es handelt sich um die gleiche Epiphanie, wie sie schon McKibben widerfahren ist, dieses Mal jedoch in zwei verschiedenen Versionen: Erstens, da sie so dermaßen miteinander vermischt seien, existierten Gesellschaft und Natur nicht (nennen wir das den ontologischen Hybridismus); und aufgrund dieses Vermischungsgrades bestehe zweitens keine Notwendigkeit, liege kein Nutzen, keine Weisheit mehr darin, das eine vom anderen abzugrenzen (nennen wir das den methodologischen Hybridismus). Sich häufig überlappend, sind ihnen einige signifikante Probleme gemein.

DER HYBRIDISMUS ALS KARTESIANISMUS

Beobachter:innen unserer Welt stoßen häufig unvermittelt auf Verbindungen. Denken wir etwa an Theologiestudierende: Ein weitverbreitetes Phänomen in der Glaubensgeschichte ist der Synkretismus, der sich in den Tiefen der meisten Glaubensrichtungen versteckt und schließlich hin und wieder an die Oberfläche tritt, beispielsweise in Gestalt des Glaubenssystems der Drusen, in dem hinduistische, schiitische, platonische, gnostische, christliche, pythagoreische, jüdische und Lehren anderer Provenienzen miteinander verbunden sind. Nun wird eine Studentin, die den drusischen Glauben erforscht, verblüfft sein von der unverwechselbaren Einheit, die diese Religionsgemeinschaft aus derart unvorstellbar disparaten Elementen hervorgebracht hat. Sie wird genau untersuchen, wie die einzelnen Elemente zu einer neuen Gesamtheit zusammengesetzt wurden; wie sie dabei miteinander in Beziehung stehen; wie sie im Laufe der Zeit Eingang in den Glauben gefunden haben; auf welchen Ursprung ein bestimmter Drusen-Glaube zurückgeführt werden kann und so weiter. Folgendes aber wird sie wahrscheinlich eher nicht behaupten: Der Glaube der Drusen ist eine hybride Form, weshalb wir nicht versuchen sollten, die platonischen Bestandteile von den schiitischen abzusondern, deren Spuren innerhalb dieser Vermischung verloren gegangen sind; es ist unmöglich zu sagen, wo die einen aufhören und die anderen beginnen; es handelt sich hierbei um einen ganz gewöhnlichen Vorgang innerhalb der Welt der Religionen, lasst uns also die Kategorien Platonismus, Schiismus und wie sie alle heißen gänzlich verwerfen. Eine derartige Behauptung würde keineswegs als Versuch gewertet werden, den drusischen Glauben zu verstehen. Es wäre wohl eher eine Kapitulation vor der Aufgabe.

In der Medizin untersucht man die Wirkungsweisen von Substanzen auf den menschlichen Körper, beispielsweise von Tabak auf die Lunge. Worauf wäre die Forschung hinausgelaufen, wenn behauptet worden wäre, dass, da der Tabak und die Lunge im Körper des Rauchers miteinander vermengt seien, auch ihre Kategorisierung obsolet geworden sei (sofern sie denn überhaupt jemals relevant gewesen sein sollte) und die Auswirkungen folglich nicht sinnvoll voneinander unterschieden werden könnten? Oder sehen wir uns an, wie die Etymologie Sprachen erforscht: Hebt Spanisch Arabisch und Latein auf? Oder im Bereich der internationalen Beziehungen: Vermischt die Europäische Union Deutschland mit Griechenland?

Hybridismus als Orientierungshilfe innerhalb der Welt hätte bestimmt einige interessante politische Konsequenzen zur Folge. Als Leo Trotzki das zaristische Russland durchforstete und »das Gesetz der kombinierten Entwicklung […] im Sinne der Annäherung verschiedener Wegetappen, Verquickung einzelner Stadien, des Amalgams archaischer und neuzeitiger Formen« herausdestillierte, hätte er damit womöglich zu dem Schluss kommen können, dass der Kapitalismus mittlerweile dermaßen grundlegend mit dem Zarismus verstrickt sei, dass es sinnlos wäre, den daraus hervorgegangenen Teilen der russischen Sozialdynamiken nachzuspüren, geschweige denn, sie für eine Sonderbehandlung herauszugreifen. 11 Die antikapitalistische Revolution wäre dadurch sicherlich zu einem müßigen Unterfangen geworden. Oder jemand könnte darauf hinweisen, dass die physische Beschaffenheit der im Jahr 1967 besetzten Gebiete durch die Vermischung zionistischer sowie palästinensischer Materie strukturiert werde – schließlich sei die Luft in Gaza erfüllt vom Geräusch der Drohnen und Muezzins; in den Häusern Hebrons wohnten Siedler:innen Tür an Tür mit einheimischen Familien; Giftmüll aus den Siedlungen durchmische sich mit Wasser in den Tälern der West Bank – und dass diese Situation in Kisten mit der Aufschrift »das zionistische Projekt« und »das palästinensische Volk« anzuordnen daher nur eingeschränkt von Nutzen sei, zumal die Gegenüberstellung der beiden nicht mehr länger sinnvoll sei.

Nun würde eine Hybridistin vielleicht einwenden, diese Analogien seien ungerecht. Platonismus und Schiismus sind nun mal in etwa das Gleiche. Bei durch Zigarettenrauch verschmutzter Luft und bei sauberer Luft handelt es sich um Modalitäten derselben Substanz. Deutschland und Griechenland sind lediglich zwei Nationen, Kapitalismus und Zarismus zwei Gesellschaftsformen, Zionist:innen und Palästinenser:innen zwei Menschengruppen – ihre Kombinationen sollten keine Verwunderung hervorrufen. Sie erforderten nicht die Überarbeitung unserer Ontologien oder Methoden; sie deuteten nicht an, dass die Wirklichkeit in einem Ausmaß bastardiert worden sei, wie es sich nur die wenigsten vorstellen könnten; die Vereinigung von ähnlich gelagerten Komponenten hebe deren Unterschiedlichkeit nicht auf. Aber ein solcher Einwand würde bloß das Problem an der Wurzel des Hybridismus offenlegen. Nur wenn man Natur und Gesellschaft als in unterschiedlichen Universen situierte Kategorien auffasste, würde ihre Kombination ihren vollständigen Zusammenbruch garantieren. Nur mit einer impliziten Vorstellung der beiden als einander wesensfremder als alle sonstigen Dinge könnte man zu dem Schluss gelangen, dass ihre Beimengung, im Gegensatz zu so vielen stumpfsinnigen Gemischen, ihre Existenz widerlegen würde. Die Offenbarung fiele sich so selber in den Rücken – ach, Natur und Gesellschaft waren also doch überhaupt nie in sich abgeschlossene Galaxien! Dann können wir auch nicht länger über sie reden!

Im Hintergrund lauert wiederum das Erbe einer Extremform des Dualismus. Latour bezeichnet diese gern als »die Verfassung der Moderne«; eine gebräuchlichere Genealogie leitet sie jedoch aus der Philosophie René Descartes’ ab. Dieser war der Meinung, dass Geist und Körper zwei »unterschiedene Substanzen« seien. Der Körper erstrecke sich im Raum und bestehe aus Teilen, die wie Zahnräder aus dem Getriebe geschnitten und entfernt werden könnten – im größtmöglichen Gegensatz zum denkenden Geist. Denn wenn ein Herz aus dem Körper herausgeschnitten werde, verliere dieser Körper eine vitale Komponente und höre auf zu sein – wo aber sei das Herz des Geistes? Wo seien dessen Arme, dessen Beine, dessen möglicherweise voneinander getrennt konstituierende Bestandteile? Sie seien nirgendwo, argumentierte Descartes, da der Geist ein Ding sei, ein Ganzes, unteilbar, unzerstörbar; er besitze keine materielle Gestalt. Der Körper besitze eine physische Substanz, doch der Geist sei eine Art ätherisches, spirituelles Ding. Aus diesem Grund könne der Geist auch ohne den Körper weiterleben und gedeihen; nach Tod und Verwesung bleibe er weiterhin bestehen, weil er aus gänzlich anderem Material gemacht sei. »Zwei Substanzen werden real unterschieden genannt«, legt Descartes sein zentrales Kriterium fest, »wenn jede der beiden ohne die jeweils andere existieren kann«: Und von daher ist sich Descartes hier »sicher, daß ich von meinem Körper tatsächlich unterschieden bin, und ohne ihn existieren kann«.12 Seine Philosophie ist diejenige des Substanzdualismus.

In der Debatte über Natur und Gesellschaft haben Kritiker:innen des Kartesianismus die Angewohnheit, seine Philosophie als Kennzeichen des nämlichen Paars anzusehen.13 Descartes selbst äußerte sich zwar nie in Bezug auf diese Kategorien – sein Anliegen galt dem Problem von Körper und Geist, nicht demjenigen von Natur und Gesellschaft –, jedoch erkannten viele Beobachter:innen den Fingerabdruck dieses Philosophen innerhalb der westlichen Weltanschauungen und sahen sein dualistisches Modell gewissermaßen aus Bequemlichkeit auf analoge Bereiche erweitert. Und tatsächlich lässt sich die allzu gebräuchliche konzeptuelle Trennung von Natur und Gesellschaft als die logische Fortführung des kartesianischen Denkens verstehen. Wenn auch eher mangels Alternative denn aufgrund einer expliziten Ausrichtung an Descartes, behandelt eine typisch kartesianische Auffassung von Natur und Gesellschaft die beiden nämlich als eindeutig voneinander getrennte Substanzen, zwischen denen es zwar durch die winzige Zirbeldrüse gelegentlich zu einem Austausch kommen könne, doch ihre Essenzen seien gegensätzlicher Art und bewegten sich in gesonderten Bahnen.

Nun springt dem Kartesianismus die Feindseligkeit des Hybridismus entgegen, wo immer sich ihre Wege kreuzen. Der Hybridismus gebart sich als die absolute Negation dieser missliebigen Philosophie, zumal er sich weigert, noch den kleinsten Unterschied zwischen Natur und Gesellschaft zu billigen, und teilweise sogar ihre jeweiligen Existenzen leugnet. Dieser letztgenannte Schritt – diese Eile, mit der die Kategorien, sobald das Ausmaß ihrer Verstrickungen aufblitzt, über Bord geworfen werden – ist bei genauerer Betrachtung jedoch lediglich die Kehrseite des Substanzdualismus. Descartes selbst zeigte dessen logische Konsequenz klar auf: »Denn die Vereinigung von zwei Sachen begreifen bedeutet, beide als eine einzige Sache zu begreifen.«14 Wer immer der Meinung sei, Körper und Geist bildeten eine Gemeinschaft, argumentierte er, sei gezwungen, sie als undifferenzierte Einheit anzuerkennen. Indem nun die Beobachtung ihrer Kombination als Anlass genommen wird, Natur und Gesellschaft von der Weltkarte zu tilgen, bereitet der Hybridismus Descartes’ Logik für unsere Zeit neu auf. Mehr noch, er bezieht all seine rhetorische Kraft aus Jahrhunderten kartesianischen Denkens, zu dem die quantitative historische Komponente in direktem Verhältnis steht und die Verwunderung über die wuchernden Kombinationen dem Vermächtnis des extremen Dualismus entspringt: Angesichts dieses Gedankens stellt der Hybridismus weniger eine Ablehnung des Kartesianismus als vielmehr dessen Konsequenz dar. Um eine Negation handelt es sich bei ihm lediglich in jener Art und Weise, wie ein Kater die Negation des Besäufnisses darstellt. Und postkartesianisch ist der Hybridismus allein in dem Sinn, in dem manche Wissenschaftler:innen postkeynesianisch oder postkantisch sind: Sie tragen den Kodex des ursprünglichen Glaubens in sich, wenn auch nur in abgeschwächter Form. Hybridismus ist für den Kartesianismus, was E-Zigaretten für Zigaretten sind.

HISTORISCHER MATERIALISMUS ALS EIGENSCHAFTSDUALISMUS

Descartes zufolge ist der Geist nirgendwo. Er nehme keinerlei Position im Raum ein. Die Substanz, aus der er bestehe, sei nicht von solcher Art, die auf einem Stuhl sitze, ein Gewicht stemme oder einen Stein schmeiße; definiert werde er gerade dadurch, dass er keine Ausdehnung besitze, gänzlich außerweltlich und von sterblichem Fleisch abgeschnitten sei. Diese Philosophie führt zu einem altbekannten Problem: dem der kausalen Interaktion. Wenn ein Stein einen Pfad entlangrollt, liegt das daran, dass er an einem bestimmten Ort mit einem Fuß in Kontakt gekommen ist. Der Fuß hat Bewegungsenergie an den Stein weitergegeben, wodurch er über den Boden rollen konnte; die beiden Objekte haben am Ort des Aufpralls miteinander interagiert, und so kommt es gemeinhin zur Kausalität. Um das Verhalten einer Sache herbeizuführen, muss diese an einem gemeinsamen Standort von einer anderen Sache gestoßen, gestreichelt, angerempelt, gekitzelt oder auf eine andere Weise berührt werden. Wenn sich aber der Geist nirgendwo oder bloß auf seiner numinosen Ebene befindet, wo kann er dann seinen Einfluss auf den Körper geltend machen? Wenn die Seele keine räumliche Position einnimmt, wie soll es ihr möglich sein, mit etwas Physischem in Kontakt zu treten? Wie begegnen die beiden einander jemals? Erscheint ein solches Aufeinandertreffen nicht sogar noch übersinnlicher als ein Gedanke, der eine Billardkugel anstößt? Weder Descartes noch irgendeine andere Verfechterin des Substanzdualismus haben bisher auch nur ansatzweise eine zufriedenstellende Lösung für dieses Problem gefunden. Und da eines der hervorstechendsten Merkmale der Beziehung zwischen Geist und Körper doch gerade darin liegt, dass die beiden aufeinander einwirken, hat die moderne Philosophie diesen Standpunkt als nicht haltbar abschreiben müssen.15

Doch in der konventionellen Wahrnehmung von Gesellschaft und Natur ist der kognatische Substanzdualismus nach wie vor lebendig und wohlauf. Er macht sich bemerkbar, wo immer jemand das Gefühl hat oder so auftritt, als ob die Gesellschaft sich nicht weiter darum zu kümmern bräuchte, was in der Natur vor sich geht, sosehr der Körper der Natur auch bluten mag – als ob die Gesellschaft auch ohne einen solchen existieren könnte. Vorbehaltlos können wir daher die von Val Plumwood in ihren beiden Büchern Feminism and the Mastery of Nature und Environmental Culture. The Ecological Crisis of Reason entwickelte Kritik an dieser Version des kartesianischen Dualismus übernehmen: Ein derartiger Dualismus ist immer dann gegeben, wenn Menschen sich in den Kopf setzen, in einer Gegend zu leben, die irgendwo jenseits der Biosphäre schwebt, davon unabhängig und ungebunden, und in der Lage sind, die Natur als ein minderwertiges, in keiner Beziehung außer der eines Vorratslagers von auf Dauer zu verbrauchenden Rohstoffen stehendes System auszuklammern.16 Nicht unbedingt ein philosophisches, von strebsamen Prediger:innen verkündetes Programm, mehr Syndrom denn Credo, findet sich dieser Dualismus überall, angefangen bei der neoklassischen Ökonomie über die Leugnung des Klimawandels bis hin zur völligen Gleichgültigkeit gegenüber Aspekten der Ökologie. Zugunsten grober Fahrlässigkeit entwickelt, ist diesem Dualismus daher ein kausales Interaktionsproblem zu eigen: Er besitzt keinerlei Vorstellung davon, wie die Gesellschaft eine Krise innerhalb der Natur verursachen kann, geschweige denn andersrum.

Sich einzugestehen, es gebe eine ökologische Krise, die das große Potenzial besitzt, den Menschen zu schaden, heißt also, mit dem Substanzdualismus zu brechen. Denn wir bestehen, wie sich herausgestellt hat, aus exakt derselben Substanz wie die Natur, bewohnen dieselbe Erde und berühren einander ständig, und zwar überall. Bezogen nun auf die Philosophie des Geistes bedeutet das eine Verpflichtung zum Substanzmonismus. Hier tun sich jedoch zwei Wege auf, zwischen denen es zu wählen gilt. Entweder man argumentiert weiterhin dafür, dass das Soziale und das Natürliche nicht nur die Substanz teilen, sondern dass sie auch keinerlei signifikante Eigenschaft besitzen, die sie irgendwie voneinander abheben würde – ein Substanz- sowie Eigenschaftsmonismus. Das entspricht der Position der Hybridist:innen, von Bruno Latour bis hin zu Val Plumwood: Es gibt nur eine Substanz, und alles, was aus ihr gemacht wird, verfügt über dieselben grundlegenden Merkmale (was genau diese sind, werden wir bald sehen). Daneben gibt es noch die Ansicht, dass die Gesellschaft zwar aus der gleichen Substanz wie die Natur besteht, jedoch ein paar sich deutlich unterscheidende Eigenschaften aufweist – worunter man in der Philosophie des Geistes den substanzmonistischen Eigenschaftsdualismus versteht.17 Um diese Position ein wenig mehr zu erhellen, wenden wir uns zunächst Dale Jacquettes The Philosophy of Mind. The Metaphysics of Consciousness zu, einer meisterhaften Verteidigung ebendieser Position.

Das Dilemma von Körper und Geist, mit dem sich Descartes mit derart unzufriedenstellendem Ergebnis abmühte, hat sich nicht einfach in Luft aufgelöst. Denn mein Gehirn ist eine physikalische Entität. Es beinhaltet Zellen, Gewebe, Flüssigkeiten, Neuronen, Synapsen, Blutgefäße, Weiße, Schwarze und Graue Substanz. Aber machen diese Dinge auch meinen Geist aus? »Mein Geist«, schreibt Jacquette,

setzt sich bei zwangloser Betrachtung aus Erinnerungen, Wünschen, Erwartungen, unmittelbaren Empfindungen, Peinlichkeiten, Vorlieben und Abneigungen zusammen. Mein Gehirn hingegen umfasst bei flüchtiger Betrachtung keines dieser Dinge.18

Ereignisse im Gehirn haben Gewicht und Farbe, aber Gedanken verfügen offensichtlich über nichts dergleichen. Welche Farbe trägt mein Gedanke, dass Donald Trump ein Rassist ist? Wie schwer wiegt er? Macht er einen Schlenker, sobald ich mit meinem Auto scharf nach rechts abbiege? Wie könnte die Körperlichkeit dieses Gedankens als Gedanke lokalisiert und gemessen werden? Angenommen, ich würde ein Konzert von Run the Jewels besuchen, und angenommen, die Intensität der Performance steigerte sich noch durch den eben erfolgten Freispruch eines weißen Polizisten, der einen Schwarzen angeschossen und getötet hat, und nun mal angenommen, eine Neurowissenschaftlerin käme in ebendiesem Augenblick vorbei, um mein Gehirn einer Beobachtung zu unterziehen: Sie würde Neuronen sehen, die wie Feuerwerkskörper aufloderten und entbrannten, doch wäre es ihr nicht möglich, meine bewusste Erfahrung als solche in Augenschein zu nehmen oder die Beschaffenheit dessen zu erfassen, wie sich der musikalische Furor in mir auswirkt, oder das Gefühl gemeinsam empfundener Wut. Subjektive Zustände wie diese treten schlichtweg nicht wie Eigenschaften eines materiellen Objekts in Erscheinung. Als solche sind sie für die Beobachtung durch Dritte weder gleich einem Mikrofon oder einem T-Shirt zugänglich, noch lassen sie sich von neurowissenschaftlichen Instrumenten ablesen oder in einer streng physikalischen Sprache beschreiben.19

Auf den ersten, nach innen gerichteten Blick könnte man also tatsächlich versucht sein, anzunehmen, der Geist sei etwas vom Körper Grundverschiedenes. Andererseits aber verfügen wir über keine handfesten Beweise für körperlose Gedanken, keine Kenntnis über von Gehirnen unabhängige Geister, keine Daten, die nahelegen würden, dass manche Arten von Seelen auch nach dem Verfall ihrer körperlichen Stätte weiterleben. Stattdessen besitzen wir ein Übermaß an Erfahrungen, die bezeugen, dass der Geist den Körper dahingehend lenkt, verschiedene Handlungen auszuführen, und dass der Körper sich in die Funktionsweisen des Geistes einmischt; was letzteren kausalen Verlauf angeht, so kann jeder, der einmal unter dem Einfluss von Alkohol oder psychoaktiven Drogen gestanden hat, dessen Existenz bestätigen, und der Angriff auf die Sinne während eines Konzerts kommt bestimmt der Entzündung eines mentalen Feuerwerks gleich. Die Beziehung scheint also von Abhängigkeit und Differenz geprägt zu sein. Doch wie lassen sich die beiden miteinander versöhnen?

Die Lösung des substanzmonistischen Eigenschaftsdualismus – oder schlicht und einfach »Eigenschaftsdualismus« – setzt an bei der Anerkennung des Gehirns als Sitz aller mentalen Vorgänge. Diese müssen zu einem absoluten und unüberwindbaren Ende kommen, sobald die Gehirnfunktionen nachlassen. Das legt jedoch nahe, dass die physische Einheit des Gehirns – als auch der menschliche Körper als Ganzes – Träger mentaler Eigenschaften ist, die ihrerseits nicht auf bloße Materialität reduziert oder mit physischen Komponenten gleichgesetzt werden können. Sie sind im Körper verankert und nicht von ihm ablösbar: Folglich zählen sie zu genau derselben Substanz wie dieser. Es handelt sich bei ihnen um nicht-physische Eigenschaften des Körpers, deren Summe den Geist konstituieren.20 Ihr Erkennungsmerkmal ist das, was Jacquette und andere Philosoph:innen als »Intentionalität« bezeichnen. Ein Gedanke hat immer einen Inhalt, ist immer über etwas. Er weist auf ein anvisiertes Objekt hin, sei es die Tochter, die ich vermisse, das Essen, nach dem ich lechze, das Argument, das ich entwickle, der Gott, den ich bezweifle, der Sturm, den ich erwarte, der Bauchschmerz, der mich heimsucht, oder die Faschisierung der Gesellschaft, die mir Angst macht. In diesem Zusammenhang bezieht sich »Intentionalität« auf eine abstrakte Beziehung zwischen einem Geisteszustand und einem Objekt, auf eine Verbindung, mit der Ersterer auf Letzteres verweist. Es handelt sich demnach also um einen Aspekt des Denkens selbst – es ist nicht dieses oder jenes Kapillargefäß, dieser oder jener Kortex, der einen Inhalt hat; als rein materielle Entität verstanden, ist das Gehirn nicht zu einer Tochter oder einem Abendessen hingewendet. Es bringt die mentale Eigenschaft des intentionalen Denkens hervor, die sich von jeglicher physischen Ausformung des Gehirns unterscheidet und sich in der Sprache, die dieser zugrunde liegenden Ebene angemessen wäre, nicht ausdrücken lässt. Bisher hat niemand dargelegt, wie man das Gehirn möglicherweise durchleuchten und so die neurochemische Verfasstheit ermitteln könnte, die Donald Trump und nicht Daenerys Targaryen anvisiert.21

Wenn ich darüber hinaus über Daenerys Targaryen nachdenke und mir ihren nächsten Schritt im Kampf um die Eroberung Westeros’ überlege, dreht sich mein Denken um eine Person, die nicht existiert. Da es sich bei ihr um eine fiktive Figur handelt, kann sie physisch nicht mit den materiellen Objekten verbunden sein, aus denen mein Gehirn besteht. Hierbei genügt es keineswegs zu sagen, dass ich eigentlich an das Buch von George R. R. Martin oder an die HBO-Serie denke, schließlich bezieht sich mein Denken weder auf das eine noch das andere davon, sondern eben auf Targaryen selbst und auf ihr nächstes taktisches Manöver. Mir fallen noch viele andere Dinge ein, die im Hier und Jetzt nicht existieren, unter anderem etwa eine Welt, die sechs Grad wärmer ist. Diese Fähigkeit, sich mit Dingen zu beschäftigen, die es (noch) nicht gibt – etwas, wozu das Gehirn und das Nervensystem streng genommen an sich nie in der Lage sein dürften –, begründet eine eigentümliche Ausrichtung auf die Zukunft, eine Aufgeschlossenheit gegenüber unterschiedlichen Möglichkeiten, die Fertigkeit, sich ein Ziel zu stecken, Fähigkeiten wie Vorstellungskraft, Kreativität und Raffinesse. Daraus folgt, dass »der Geist eine neue Kategorie des Seienden in der materiellen Welt darstellt«.22 Eigenschaftsdualist:innen wie Jacquette beharren darauf, dass dieser Erscheinungsform nichts Übernatürliches zu eigen sei – lehre uns doch bereits die Wissenschaft, dass sich das Leben mit all seinen erstaunlichen Merkmalen spontan herausgebildet habe, nachdem sich die Materie selbst in hinlänglich komplexen Strukturen angeordnet habe.23 Warum also sollte es dem Leben ab einem bestimmten Stadium seiner Entwicklung verwehrt sein, das Wunder des Geistes hervorzubringen? Intentionalität stellt eine emergente Eigenschaft dar, die sich nicht auf das Fundament reduzieren lässt, dem sie sich beigesellt und ohne das sie nicht existieren kann. Jeder Gedanke wird durch Ereignisse im Gehirn realisiert, und jeder Gedanke besitzt wenigstens eine Eigenschaft, über die die Hirnsubstanz sensu stricto nicht verfügt.24

Der Eigenschaftsdualismus lässt demnach nur eine Substanz gelten – Materie –, betrachtet den menschlichen Körper dabei jedoch als eine besondere, im Besitz einzigartiger mentaler Eigenschaften seiende Gattung dieser Substanz. Das Schöne an dieser Lösung ist nun, dass damit die kartesianische Ohnmacht angesichts des Interaktionsproblems umgangen und gleichzeitig die Unterscheidung zwischen Körper und Geist aufrechterhalten wird. Versagt nämlich der Substanzdualismus in Bezug auf ersteren Punkt, scheitert der Substanz- und Eigenschaftsmonismus – beziehungsweise doppelte Monismus – hinsichtlich des letzteren. Jacquette untermauert seine Argumentation mit einem besonders eindrücklichen Beispiel:

Was wäre, wenn eine Chronik des Watergate-Skandals in einem Buch veröffentlicht werden würde, die nur aus chemischen Formeln bestünde, die das Gehirn und andere während dieser Zeit stattfindende physikalische Ereignisse der an dem Einbruch, der Abhörung und der Vertuschung Beteiligten beschrieben? […] Würde eine solche chemische Geschichte die soziopolitischen Vorfälle erklären, selbst dem Neurophysiologen, der versiert ist im Verständnis chemischer Symbolik? Wenn überhaupt scheint es, als wären die eigenschaftsmonistischen Erklärungen im Vergleich zu den eigenschaftsdualistischen Darstellungen der sozialen und psychologischen Phänomene im Erklärungsnachteil.25

Und schon sind wir wieder bei unserem Ausgangspunkt angelangt, bei dem Verhältnis von Gesellschaft und Natur.

Während die Kartesianer:innen ihr intellektuelles Gift verspritzten, gab es noch einen alternativen Standpunkt: Natur und Gesellschaft seien materielle Substanzen schlechthin, wobei die eine nicht mit der anderen gleichgesetzt werden könne. Uns hätte also nie gesagt werden müssen, dass wir nie modern gewesen seien, sofern damit die Erkenntnis gemeint sei, dass Gesellschaft und Natur nicht voneinander loskommen könnten.26 Genau das hat die Gemeinschaft der Historischen Materialist:innen immerzu gepredigt – nicht zuletzt ist das Beharren darauf, dass der Mensch aus Materie besteht, ihrem Namen bereits eingeschrieben, während das Adjektiv »historisch« besagt, dass sich daraus keine sozialen Verhältnisse ableiten lassen, sind diese doch gleichermaßen materiell in ihrer Substanz als auch vollkommen undenkbar außerhalb der Natur, gleichwohl sie emergente Eigenschaften an den Tag legen, die sich von ebendieser Natur unterscheiden. Stellen wir uns hierfür einen Baum vor. Er wächst aus dem Boden, bezieht Nahrung daraus, stirbt ab, sobald er davon abgeschnitten wird: Und dennoch lässt er sich nicht darauf reduzieren. Die Natur ist der Boden für die Gesellschaft, der Schoß, aus dem sie hervorgesprossen ist, die Hülle, aus der sie niemals ausbrechen wird, doch genauso wie der Baum von seinem Boden abgesondert werden kann, kann auch die Gesellschaft von der Natur unterschieden werden, schließlich ist sie aus der Erde geschossen und hat sich im Laufe dessen, was wir mit Historie bezeichnen, in unzählige Richtungen verzweigt.27

Wenn das jemand weiß, dann Bruno Latour. Er ist sich darüber bewusst, dass sich der Historische Materialismus in permanenter Opposition zum Kartesianismus befindet, und dennoch hält er ihn für die fürchterlichste Abscheulichkeit von allen – die »Marxisten, [diese] Modernisierer par excellence« –, behalte der Historische Materialismus doch die Idee der Gesellschaft und Natur als Paar bei. Der Irrtum bestehe Latour zufolge darin, einen Gegensatz wahrzunehmen, wo gar keiner sei. »Auch die dialektische Interpretation ändert hier nichts, denn sie behält die beiden Pole bei und begnügt sich damit, sie durch die Dynamik des Widerspruchs in Bewegung zu bringen« – schlimmer noch, sie lasse die Nichtbeachtung der Hybridität »noch unkenntlicher als im dualistischen Paradigma [werden]. Denn sie täuscht vor, [diese] durch Schleifen und Spiralen und andere komplizierte akrobatische Figuren zu überwinden. Sie redet wortwörtlich um den heißen Brei herum.« 28 Dabei gebe es doch nur den heißen Brei, das verfängliche Netz aller Dinge. Man muss Latour hier zugutehalten, dass er den Unterschied zwischen seinem Ansatz und dem des Historischen Materialismus korrekt festmacht: Ja, die Dialektik ist der Tanz der Gegensätze und bedarf mindestens einer Dyade. Der absolute Monismus schließt die Dialektik aus. Allein der Eigenschaftsdualismus kann eine Dialektik von Gesellschaft und Natur miteinkalkulieren.

Von welcher »Gesellschaft« aber sprechen wir? Über eine vorläufige Definition von »Natur« verfügen wir bereits; nun fehlt noch eine für ihr Gegenstück. Eine prägnante und vernünftige Entsprechung lässt sich bequem den Grundrissen entnehmen: »Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen, sondern drückt die Summe der Beziehungen, Verhältnisse aus, worin diese Individuen zueinander stehn.«29 Dieses Ding namens Gesellschaft hat Eigenschaften entwickelt, die innerhalb der Natur per se nicht auffindbar sind. Und damit sollte nun auch klar sein, wie sich die Matrix der Positionen innerhalb der Philosophie des Geistes auf den Nexus von Natur und Gesellschaft auswirkt: Der Historische Materialismus ist ein substanzmonistischer Eigenschaftsdualismus. Er steht sowohl dem kartesianischen Substanzdualismus als auch dem hybridistischen Doppelmonismus (sofern man die beiden als zwei Seiten derselben Medaille versteht) entgegen.30 Wir werden seine Position weiter unten noch detaillierter abstecken; fürs Erste wollen wir lediglich ein weiteres Mal bekräftigen, dass es keineswegs merkwürdig ist, wenn zwei Dinge aus derselben Substanz bestehen und dennoch unterschiedliche Eigenschaften besitzen. Gerade als Material bewohnen der Baum und die Kettensäge den gleichen Wald: Deshalb kann die eine den anderen fällen. Zugleich folgen sie jedoch unterschiedlichen Bewegungsgesetzen. Auch deshalb kann die eine den anderen fällen.

Und so erweist sich nun, dass der Doppelmonismus ein ganz eigenes, höchst bedenkliches kausales Interaktionsproblem hat: Denn wenn die Gesellschaft über keine Eigenschaften verfügt, die sie vom Rest der Welt abgrenzen – also von dem, was wir beharrlich als Natur bezeichnen wollen –, wie ist ein derart erschreckendes Ausmaß an Umweltzerstörung dann überhaupt möglich?

DIE DRINGLICHKEIT DES EIGENSCHAFTSDUALISMUS

Der die Gesellschaft und Natur betreffende substanzmonistisch-materialistische Eigenschaftsdualismus – oder schlicht »Eigenschaftsdualismus« – legt nahe, dass nichts an der Kombination der beiden Bereiche überraschen sollte. Vielmehr sollte genau sie als Norm vorausgesetzt werden. Denn im Anschluss an Hailwood können wir sagen, dass die Verstrickung der gesellschaftlichen und natürlichen Beziehungen nicht nur möglich, sondern auch unvermeidlich ist, wenn man bedenkt, dass die beiden fortwährende Bestandteile der materiellen Welt sind »und nicht vollkommen unterschiedliche Seinsordnungen«.31 Die Frage also lautet, wie sich die Kombinationen überhaupt entwickelt haben. Mögen manche auch unverfänglich und irrelevant sein, andere milde und produktiv, und wiederum andere bösartig und destruktiv – geben wird es sie nun so lange, wie es den Menschen und dessen Gesellschaften geben wird. Und insofern es nur so strotzen dürfte vor Kombinationen, gilt es herauszufinden, durch welches Verfahren sich ihre Komponenten herausfiltern ließen. Fangen wir damit an, das Ganze einem groben Test zu unterziehen: Haben Menschen die Komponente konstruiert oder nicht? Sollte sie sozial sein, ist sie aus den Beziehungen zwischen den Menschen hervorgegangen, die sich im Laufe der Zeit verändert haben, und kann im Prinzip also durch deren Handlungen zerlegt werden; ist die Komponente jedoch natürlich, handelt es sich bei ihr um kein von Menschenhand erschaffenes Produkt, sondern vielmehr um eine Reihe an Energien und von ihrer Handlungsmacht losgelösten Kausalkräften und kann demnach nicht auseinandergenommen werden (genau jene Unterscheidung also, die Latour beseitigen will: die Distinktion zwischen einer Gesellschaft, »die durch und durch unser Werk ist«, und einer Natur, »die nicht unser Werk ist«).32 Diesen Test durchzuführen, erweist sich nebenbei bemerkt als meistens ziemlich einfach.

Nehmen wir etwa das Loch in der Ozonschicht, eines von Latours bevorzugten Beispielen.33 Eine offenkundig soziale Komponente dieser Einheit ist (oder war) die Herstellung von Fluorchlorkohlenwasserstoffen für Kühlschränke, Spraydosen und andere von Unternehmen wie DuPont vertriebene Produkte. Um eine nicht minder offenkundig natürliche Komponente handelt es sich bei jener Art und Weise, wie die Chloratome dieser Substanzen mit den Ozonmolekülen in der Stratosphäre reagieren: Sie spalten sie ins Zehntausendfache auf. Die eine Komponente ist genauso materiell wie die andere, weshalb es ihnen überhaupt erst möglich war, miteinander zu interagieren. Als Einheit von Gegensätzen lässt sich der Prozess des Ozonabbaus noch weiter in seinen zusätzlichen, mit unseren einfachen Kriterien identifizierten sozialen und natürlichen Komponenten analysieren – und zufälligerweise liegt genau darin die unabdingbare Prämisse jeglicher Lösung eines solchen kombinierten Problems. Erst nach einem Isolierungsverfahren des Sozialen vom Natürlichen, kurz nach der Entdeckung ihrer gefahrbringenden materiellen Verknüpfung, konnte das Montreal-Protokoll den Unternehmen verbieten, weitere Fluorchlorkohlenwasserstoffe zu produzieren. In dieser Hinsicht glich es ein wenig dem Trotzkismus oder dem palästinensischen Widerstand. Indem es die hybridistische Paralyse in ihre Schranken wies, griff es die Kombination direkt an der Gefahrenquelle an.

Gerade entgegen der Botschaft des Hybridismus folgt daraus, dass je häufiger wir Umweltzerstörungsproblemen gegenüberstehen, desto notwendiger ist es, die Einheiten an ihren jeweiligen Polen anzugreifen. Denn anstatt für nichtig erklärt zu werden, erweisen sich die Unterschiede zwischen dem Gesellschaftlichen und dem Natürlichen aufgrund ökologischer Krisen essenzieller denn je. Denken wir nur an eine Ölpest. Ein Unternehmen setzt die Flüssigkeit in einem Flussdelta frei. Es kommt zu einer neuartigen Einheit – Öl und Wasser wurden miteinander vermengt –, was uns aber nicht veranlasst, die beiden Elemente dieser Situation als identisch zu behandeln oder (was aufs Gleiche hinausliefe) zu verkünden, dass das eine das andere aufgezehrt hat. Vielmehr würden wir Genaueres über ihre spezifischen Eigenschaften erfahren wollen. Einerseits stießen wir so auf die biologische Vielfalt des Deltas, die Geburtszeit der Delfine, das Zugverhalten der Vögel, die Nahrungskette, den Wellenschlag und andererseits auf die Betriebsabläufe des Konzerns, die Profitmotivmechanismen, den Wettbewerbsgrad der Ölindustrie, die Funktion des Erdöls innerhalb der Gesamtwirtschaft. Es mag verheerende Auswirkungen haben, dass nach einem bestimmten Ereignis diese beiden Flüssigkeiten nun an derselben Küste angespült werden. Der Frage nach ihrer Differenz-in-Einheit [difference-in-unity] verleiht dies aber energisch Gewicht – wir müssen herausfinden, wie sie miteinander agieren, welche Art von Schaden der eine Stoff dem anderen zufügt, und vor allem, wie die Zerstörung beendet werden kann. Wie Alf Hornborg kürzlich angemerkt hat, besteht darin die wirklich entscheidende theoretische Aufgabe: die analytische Distinktion beizubehalten, um herauszukitzeln, wie sich die Eigenschaften der Gesellschaft mit jenen der Natur durchmischen.34 Nur so können wir uns die Möglichkeit bewahren, die Quellen des ökologischen Ruins zu beseitigen.

Und nur so können wir die fossile Ökonomie als historisches Phänomen begreifen. Jemanden wie Neil Smith ins Gegenteil wendend, schreibt Hornborg:

Es ist prinzipiell möglich, der Wechselwirkung von aus der Natur und Gesellschaft stammenden Faktoren nachzuspüren. So sollte es beispielsweise machbar sein, abzuschätzen, wie hoch die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre heute sein würde, wenn es nicht zu den aus menschlichen Gesellschaftsprozessen stammenden Zusätzen gekommen wäre [was durchaus ohne Weiteres machbar ist: Die Konzentration läge bei rund 280 ppm, anstelle der derzeitigen 400+, Anm. des Autors]. Menschliche Gesellschaften haben zwar die planetaren Kohlenstoffzyklen verändert, nicht aber die Kohlenstoffatome selbst. Wenn die Kategorien Natur und Gesellschaft also hinfällig sein sollten, wie momentan gerne behauptet wird, betrifft das lediglich die Vorstellungen der Natur und Gesellschaft als gebundene, distinkte Bereiche der Realität.35

Substanzdualismus führt dazu, dass die Umweltzerstörung, die der Gesellschaft entspringt und auf sie zurückfällt, unerklärlich wird. Dasselbe gilt für den Doppelmonismus. Die Überwindung des kartesianischen Vermächtnisses erfordert einen Verzicht auf dessen Philosophie, keineswegs aber eine Befürwortung des ontologischen oder methodologischen Hybridismus, bei dem die dynamische Durchdringung des Gesellschaftlichen und des Natürlichen erneut unsichtbar und infolgedessen unveränderlich wird. Erreichen lässt sich das durch die Entwicklung eines Eigenschaftsdualismus, der anerkennt, dass alles mit allem anderen in Verbindung steht (das Alpha der ökologischen Wissenschaft) und sich manche Teile innerhalb dieses Netzes störend verhalten (das Omega).

Dementsprechend sind Produktionsverhältnisse materiell und sozial, nicht aber natürlich. Der Kohlenstoffzyklus ist materiell und natürlich, nicht aber sozial. Aufgrund so mancher Ereignisse im Laufe der Zeit verlagerten sich die Ersteren, um sich in Letzterem niederzulassen (gleich einer Kettensäge im Wald) – der in der Lithografie von Labuan festgehaltene historische Moment. Erst wenn wir die britischen Imperialisten als Handlungsträger einer sehr, sehr speziellen Mission betrachten, die sich ihren Pfad durch eine Natur bahnten, deren Gepflogenheiten ihnen unbekannt waren, lassen sich die Ursachen und die Tragweite ihrer Handlungen verstehen. Die Natur stachelte sie nicht dazu auf, nach Kohle zu suchen; die Gesellschaft konstituierte keineswegs die Atmosphäre. Die Konsequenzen haben sich an der Schnittstelle der beiden materialisiert.

EINIGE PROBLEME INNERHALB DES EIGENSCHAFTSDUALISMUS

Es liegt etwas Unvorteilhaftes in der Tatsache, dass Descartes und die Philosophie des Geistes die Konditionen für diese Debatte festgelegt haben. Die bloße, dem Geist analoge Positionierung der Gesellschaft weist auf einen idealistischen Ballast hin. Zudem verbraucht ein Gedanke keine Synapsen oder neuronalen Netzwerke, um bestehen zu bleiben. Man hat wohl noch nie von einer Person gehört, die ihren Verstand so weitreichend und exzessiv benutzt hätte, dass eine Hälfte des Gehirns schlicht aufgebraucht worden wäre – wie es etwa menschlichen Gemeinschaften durchaus möglich ist, einen Ackerboden durch übermäßige Landwirtschaft auszuzehren. Gedanken sind keine metabolisierenden Kreaturen; ihr Verhältnis zum Gehirn ist nicht aufsaugend, umwandelnd, potenziell erschöpfend wie das zwischen dem Menschen und dem Rest der Natur. Folglich besteht das Risiko darin, entlang der Parallele in die Irre zu gehen, was aufgrund gewisser Probleme innerhalb des Eigenschaftsdualismus als einer Philosophie des Geistes noch verstärkt wird, auf die ihre Kritiker:innen mit besonderer Härte einprügeln. Selbstverständlich ist es nicht leicht, sich auszumalen, wie eine mentale Substanz und eine physische Substanz miteinander interagieren können. Warum sollte es also einfacher sein, sich vorzustellen, wie das mentalen und physischen Eigenschaften gelingt? Wenn etwas einen nicht-physischen Charakter besitzt – ein Gedanke beispielsweise –, wie könnte es auf etwas so entschieden Physisches wie die Bewegungen eines Körpers Einfluss ausüben? Der Eigenschaftsdualismus, behaupten dessen Kritiker:innen, halte sich selbst zugute, Descartes’ kausales Interaktionsproblem abgestoßen zu haben, nur um es anschließend durch die Hintertür wieder hereinzubitten. Indem man dem Verhalten physischer Objekte – insbesondere menschlicher Körper – irgendeine Art von mentaler Kausalität unterstelle, formuliere man das unlösbare Rätsel lediglich auf einer anderen Ebene neu.36

Entgegen dieser kränkenden Anklage haben die Eigenschaftsdualist:innen verschiedene Verteidigungsstrategien entwickelt. Manche wenden ein, dass in dieser speziellen Kausalitätsform physische und mentale Eigenschaften miteinander verknüpft seien, die beiden Positionen einander folglich nicht ausschlössen, sondern eher ineinandergriffen und gemeinschaftlich wirkten. Manch andere schlagen wiederum vor, dass bestimmte physische Ereignisse durch Bewusstseinszustände »ermöglicht« würden, wohingegen wiederum andere die Existenz »psychophysischer Gesetze« postulieren, hinter deren innere Mechanismen wir erst noch kommen müssten, auf deren Spuren wir jedoch unentwegt stießen.37 Auch wenn das Rätsel bis heute keine zufriedenstellende und allgemein akzeptierte Lösung gefunden hat, besteht ein äußerst zwingender Grund zu der Annahme, dass es irgendeine Art von Lösung geben muss: namentlich das Phänomen der menschlichen Handlung, Gegenstand des nächsten Kapitels. Wenn ich meinen Arm zum Gruß heben will, tue ich das. Wenn ich einem elektrischen Schlag oder einem epileptischen Anfall ausgesetzt bin, schwingt mein Arm möglicherweise mit der gleichen Bewegung nach oben, doch nur der erstgenannte Vorgang wird als Handlung gewertet. Die unschwer feststellbare Tatsache, dass sich in dieser Welt Handlungen vollziehen, verweist nachdrücklich darauf, dass mentale Eigenschaften eine kausale Wirkung auf Körper haben können, selbst wenn wir noch nicht genau wissen, wie sie das anstellen. Der Preis, den man zu zahlen hätte, um eine der beiden zuvor genannten Alternativen zu akzeptieren – Substanzdualismus, der die gegenseitige Beeinflussung ganz eindeutig ausschließt, oder Physikalismus, der alles Mentale beseitigt –, scheint untragbar, was uns mit dem Eigenschaftsdualismus als Leitstern mit den größten Aussichten auf weitere Untersuchungen zurücklässt.38

An dieser Stelle sollten wir jedoch innehalten und uns nicht weiter in das Labyrinth der Philosophie des Geistes vorwagen. Stattdessen wollen wir den Eigenschaftsdualismus als eine spezifische Haltung gegenüber der Natur und Gesellschaft reformulieren. Der einfachste Weg dabei, die Kategorie der Substanz für unsere Zwecke zu begreifen, besteht darin, sich eine Antwort vorzustellen auf die Frage: »Um was für ein Ding handelt es sich?« Demgegenüber ist eine Eigenschaft das, was durch eine Antwort auf die Frage »Wie ist dieses Ding beschaffen?« beschrieben werden kann. Entsprechend können wir sagen, dass eine Flagge ein physisches Ding ist, bestehend aus Atomen und anderen Teilchen, und der Stein ebenso. Aber die Flagge ist rot und flattert im Wind, wohingegen der Stein grau ist und rasch wieder zu Boden fällt, sobald er einmal geworfen wurde. Die beiden Gegenstände bestehen aus der gleichen Substanz, besitzen jedoch verschiedene Eigenschaften in Bezug auf Farbe, Form, Masse und Gewicht, und das stellt uns vor keinerlei Rätsel.

Bis hierhin lassen sich vier Grundsätze unseres Eigenschaftsdualismus spezifizieren, erstens: Natürliche und soziale Eigenschaften sind verschiedene Arten von Eigenschaften. Zweitens: Natürliche und soziale Eigenschaften heften sich an materielle Entitäten ein und derselben Substanz. Drittens: Eine Entität kann sowohl natürliche als auch soziale Eigenschaften besitzen, sodass es sich bei ihr um eine Kombination der beiden handelt. Und viertens: Soziale Eigenschaften hängen letztlich von natürlichen Eigenschaften ab, nicht aber umgekehrt.

Diese Unterscheidung beruht auf der Realität, ist also keine bloße Laune der Klassifizierung. Das lässt sich, in Übereinstimmung mit dem obigen Test, durch eine Frage belegen, die zwangsläufig ätiologisch zu sein hat: Ist diese Eigenschaft das Resultat der Beziehungen zwischen den Menschen oder dasjenige von Strukturen und Prozessen, die unabhängig von menschlichem Handeln geschehen? Darüber hinaus lässt sich jetzt ohne Weiteres feststellen, dass die kausale Interaktion kein dem der Philosophie des Geistes entsprechendes Problem darstellt, da soziale Eigenschaften genauso wenig immateriell oder mental sind wie natürliche.39 Der Verkehr zwischen den beiden erfordert keinen Übergang zwischen dem Nicht-Physischen und dem Physischen. Sollten Menschen über Geist verfügen, so muss das daran liegen, dass ihre komplexen körperlichen Verfassungen diesen hervorgerufen haben, was bedeutet, dass sie von Natur aus über Geist verfügen; folglich sind mentale Eigenschaften sowohl auf der natürlichen als auch auf der sozialen Seite der Medaille eingeprägt. Dementsprechend stellt auch die soziale Verhaltenskausalität von physischen Objekten kein ontologisches Rätsel dar.

An diesem Punkt müssen wir jedoch noch einer anderen Definition der Natur Beachtung schenken: nämlich Natur als all das, was ist. Manche würden behaupten, die Natur sei der Kosmos als Ganzes, die grenzenlose Totalität, in der alles existiere, das Universum des Physischen (und vielleicht auch des Göttlichen). Dieser Ansicht nach ist die Gentrifizierung einer Nachbarschaft genauso natürlich wie die Rotation eines Planeten, schließlich findet beides innerhalb von all dem statt, was ist. »Natur« aber in diesem eher trivialen Sinn zu gebrauchen, würde außer Acht lassen, was in der hier behandelten Debatte auf dem Spiel steht; niemand bis auf die eingefleischtesten Transzendentalist:innen würde es wagen, den Kosmos in Zweifel zu ziehen, und niemand stellt das Kosmische dem Gesellschaftlichen gegenüber. Denn laut der realistischen Definition ist es die Natur, die beide Positionen einnimmt. Keineswegs aber deutet diese Definition an, dass das Gesellschaftliche neben, parallel oder schwankend über dem Natürlichen steht: ganz im Gegenteil. Eben weil es aus materieller Substanz besteht und eben weil die materielle Welt im Grunde natürlich ist – bis die Gesellschaft aus ihrer Mitte emporgeschossen kam, war die Natur auf sich allein gestellt –, muss alles Soziale etwas Natürliches als sein Substrat haben. Materiell zu sein bedeutet, mit der Natur zusammenzuhängen. Insofern Produktionsverhältnisse materiell sind, sind sie definitionsgemäß auf dem Natürlichen begründet und dadurch bewahrt. Es ist das Materielle, das Natur und Gesellschaft innerhalb dieses Dreiecksverhältnisses verbindet, jedoch keineswegs als eine symmetrische oder neutrale Basislinie, schließlich muss sich Materie den Naturgesetzen grundlegend unterwerfen.40 Weder innerhalb der realistischen noch innerhalb der kosmischen Definition gibt es ein Außerhalb der Natur. Wenn das paradox klingt, liegt das daran, dass es paradox ist, wie Soper eloquent zum Ausdruck gebracht hat:

Natur ist das, was die Menschheit in sich selbst vorfindet und zu dem sie in gewissem Sinne gehört, aber auch das, von dem sie ausgeschlossen zu sein scheint, sobald sie entweder über ihre Andersartigkeit oder ihre Zugehörigkeit reflektiert.41

Wir werden versuchen, diese prekäre Position ausführlicher zu bestimmen und insbesondere auf den Begriff des »Substrats« zurückkommen. Vorerst dürfte all das aber ein wenig verständlicher werden, wenn wir uns dem Konzept der Emergenz zuwenden.

Das klassische Beispiel für Emergenz ist Wasser. Obwohl ein Bestandteil davon (Wasserstoff) für sich allein genommen leicht entzündlich ist und der andere (Sauerstoff) dafür sorgt, dass Dinge schneller brennen, ist diese Flüssigkeit in der Lage, Flammen zu löschen. Bei null Grad gefriert dieses H2O, wohingegen H und O bei solchen Temperaturen bereits Gase wären. Indem die Atome auf der Ebene des Moleküls in einer bestimmten Anordnung fixiert werden, tritt auf dieser Ebene etwas Neuartiges auf, und das Gleiche gilt für etliche andere Moleküle, wie etwa CO2, das die Fähigkeit besitzt, in einer Weise hin und her zu schwingen, sodass Infrarotlicht blockiert und dorthin zurückgestrahlt wird, wo es hergekommen ist, vornehmlich auf die Erde, und so die Hitze im Inneren des Systems einschließt. Für sich genommen wäre ein C- oder O-Atom außerstande, desgleichen zu leisten. Zu weiteren bekannten Beispielen zählen Bienenstöcke und Ameisenhügel: Die individuelle Biene oder Ameise verfügt über ein begrenztes Repertoire und verhält sich, auf sich allein gestellt, oftmals unberechenbar, während sich das kollektive System durch eine erstaunlich komplexe Arbeitsteilung auszeichnet, die jedem Mitglied eine Aufgabe zuweist.42 Formeller ausgedrückt, handelt es sich bei einer emergenten Eigenschaft also um eine Eigenschaft des Systems, die sich aus der Organisation von dessen Teilen ergibt. Laut den jüngsten Fortschritten innerhalb des Studiums der Emergenz – die von Dave Elder-Vass in der Soziologie entwickelte »relationale« Theorie, Carl Gilletts »mutuale« in der Wissenschaftstheorie – liegt der Ursprung der Neuartigkeit gerade in den komplexen Zusammenhängen zwischen den Komponenten einer Entität, seien es Atome innerhalb eines Moleküls, Neuronen im Gehirn oder einzelne Menschen innerhalb der Gesellschaft.43 Die spezifische Art und Weise, in der das Kollektiv zusammengesetzt ist, prägt die Rolle, die von den Komponenten ausgefüllt wird. Es ist mehr als ein bloßes Klischee, zu sagen, dass »sich Teile in Ganzheiten unterschiedlich verhalten« oder dass »Ganzheiten mehr als die Summe ihrer Teile sind«.44

Abermals findet sich, entgegen dem Vorurteil, kein Fünkchen Magie in solch einer Emergenz, keine wohlriechende Substanz oder eine aus dem Hut springende Vitalkraft.45 Es handelt sich allein um die trockene Angelegenheit der Konfigurierung von Teilen zur Erzeugung neuartiger Eigenschaften, wie etwa des Treibhauseffekts im Falle von Kohlenstoff und Wasserstoff. Mit dieser Eigenschaft ausgestattet, kann das Ganze – das CO2-Molekül – für sich genommen schließlich eine kausale Wirkung auf den Rest der materiellen Welt erzielen. Die Eigenschaft selbst ist eine genuine Neuheit, kein vorübergehendes Versagen der Wissenschaftler:innen, sie innerhalb ihrer Einzelteile aufzuspüren; zwar lässt sich die Neuheit durch das Zusammenspiel der Bestandteile erklären, doch existiert sie nicht in ihnen. Allein in der Gesamtheit ist sie als solches vorhanden.46 Eine überzeugte Reduktionistin würde einwenden, dass, wenn wir nur fest genug an der Oberfläche kratzten, wir schlussendlich einsehen würden, dass es nichts außer den Teilen innerhalb eines Systems gebe. Und deren gesammelte Eigenschaften ließen sich in der Sprache der niederschwelligsten Physik beschreiben. Wenn überhaupt generierte also die kontinuierliche Anhäufung von Komponenten – so und so viele Exemplare des Partikel X, plus so und so viel von Z und Y – bestimmte Muster, die im Grunde dann jeweils wissenschaftlich zerlegt werden könnten.47 Ein solcher Reduktionismus hat in den Naturwissenschaften zwar mäßige empirische Erfolge gegenüber manch übertriebenen Visionen der Emergenz erzielt, doch gibt es ein Gebiet, in das es ihm unmöglich scheint, einzudringen: das der Gesellschaft. Die Eigenschaften der Gesellschaft können nicht aus der atomistischen Aggregation ihrer Mitglieder abgeleitet werden. Etwas wie kapitalistische Eigentumsverhältnisse entsteht schließlich nicht aus der gleichmäßigen Anhäufung eines Körpers auf den anderen.

Denken wir an Rex Tillerson. Als menschliches Individuum stellt er das niedrigste Teilchen, wenn man das so sagen kann, in seiner Gesellschaft dar. Gleichzeitig handelt es sich bei ihm um einen eminent natürlichen Körper. Nackt und allein verfügt er über keinerlei Macht, aber als der Paterfamilias seiner reproduktiven Einheit genießt er mit vier Kindern gewisse Privilegien; als CEO von ExxonMobil trug er zu deren begründender Macht von beachtenswerter Reichweite bei; und als Außenminister des Trump-Regimes war er mit gewissen Befugnissen ausgestattet und es wurde von ihm erwartet, sich der einen oder anderen Etikette entsprechend zu verhalten. Innerhalb der Familie, des Unternehmens und des Staatswesens übertragen die charakteristischen Prinzipien der wechselseitigen Beziehungen ein festgelegtes Repertoire von wahrhaft wirkmächtigem Verhalten auf den Körper (sowie den Geist) von Rex Tillerson. Im Gegenzug beeinflusst er selbst diese Wechselbeziehungen – hierin liegt die Essenz von Gilletts »mutualer« Theorie, laut der die Komponenten und die Zusammensetzung einander wechselseitig bedingen, wie auch jene von Marx’ Diktum, Geschichte werde unter unmittelbar gegebenen Umständen gemacht –, aber für sich genommen ist Tillersons Körper ohnmächtig. Die Macht ist keine ihm innewohnende Funktion, die sich wahllos, ordnungsgemäß oder kumulativ auf andere Personen übertragen ließe. Ohne Verweis auf den komplizierten Aufbau der Beziehungen ist diese Macht nicht nachvollziehbar, denn wäre Rex Tillersons Körper in ein anderes Setting verfrachtet – in ein Flüchtlingslager etwa oder an ein Fließband –, würde er seine gegenwärtige Befehlsgewalt über die körperlichen Regungen anderer unmittelbar einbüßen. Der Versuch, zu erklären, was in diesen Arenen vor sich geht, indem man bis zur niedrigsten Stufe vordringt – Tillersons physischer Körper, dessen Metabolismus und sein Zusammenstoß mit desgleichen anderen –, wäre ein Kategorienfehler.

Die Gesellschaft besitzt laut der Grundrisse-Definition in der allerletzten Instanz natürliche Komponenten. Diese sind aber in Verhältnisse gegliedert, aus denen eine Gesellschaft hervorgeht, zu einem System mit neuartigen Eigenschaften, die in der Natur nirgendwo zu entdecken sind – das betrifft auch Bewegungsgesetze, über die kein menschlicher Körper, nicht einmal die räumlichen Verhältnisse zwischen zweien oder dreien davon, an und für sich verfügen. Um welche handelt es sich genau? Als Gefüge von Beziehungen strotzt die Gesellschaft bloß so vor emergenten Eigenschaften. Es wäre unsinnig, zu versuchen, sie hier aufzulisten. Im Folgenden sollen deshalb bloß einige wenige erwähnt werden. Sie können dabei alle möglichen kausalen Auswirkungen auf den Rest der Welt haben, insbesondere auf die Natur.48 Wie jede mit emergenten Eigenschaften ausgestattete Ebene kann auch die Gesellschaft eine abwärts gerichtete Kausalität auf ihre einzelnen Bestandteile und elementaren Grundlagen ausüben. Sie ist aus der Natur hervorgegangen – genauer gesagt aus den biologischen Körpern der Angehörigen unserer Spezies – und muss, ähnlich wie Wasser, das ausschließlich auf einem Planeten mit Sauerstoff existieren kann, innerhalb dieser Bettstatt verbleiben. Gleichzeitig aber besitzt die Gesellschaft die einzigartige Fähigkeit, Aspekte der Natur in solchem Maße zu affizieren, dass eine Krise ausgelöst werden kann.

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19 eylül 2025
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9783751803489
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