Kitabı oku: «Klima|x»

Yazı tipi:

Andreas Malm

Klima|x

Aus dem Englischen

von David Frühauf

punctum 017


Inhalt

I.Corona und Klima

II.Chronischer Notstand

III.Kriegskommunismus

Dank

Anmerkungen

I. Corona und Klima

Die dritte Dekade des Jahrtausends begann mit der Unterzeichnung eines weiteren historischen Konjunkturpakets zur Förderung der dystopischen Vorstellungskraft. Buschfeuer fegten über Australien hinweg, äscherten ein Gebiet ein, das größer war als Österreich und Ungarn zusammengenommen, ließen Flammen 70 Meter in den Himmel aufschießen, verbrannten 34 Menschen und mehr als eine Milliarde Tiere, entsandten Rauchfahnen über den Pazifischen Ozean bis nach Argentinien und färbten den Schnee über den neuseeländischen Bergen braun, als ein Virus auf einem Lebensmittelmarkt in der chinesischen Stadt Wuhan ausbrach. Auf dem Markt wurden in der Wildnis gefangene Tiere verkauft. Es gab Wolfswelpen im Angebot, Bambusratten, Singzikaden, Stachelschweine, aber auch Eichhörnchen, Füchse, Zibetkatzen, Schildkröten, Salamander, Krokodile und Schlangen. Als Quelle des Virus nannten erste Studien jedoch Fledermäuse. Von diesem Wirt sei das Virus auf eine andere Spezies übergegangen – Schuppentiere galten als Hauptverdächtige – und dadurch auf den Markt von Wuhan gelangt, wo ihm der Sprung auf einige der an den Geschäften entlang Flanierenden gelungen sei. Schon bald suchten Patient*innen scharenweise die Krankenhäuser auf. Einer der ersten, ein abgesehen davon vollkommen gesunder 41-jähriger Mann, der auf dem Markt arbeitete, hütete eine Woche lang mit Fieber, Engegefühl in der Brust, trockenem Husten und anderweitigen Beschwerden das Bett, bevor er hastig auf die Intensivstation gebracht wurde. Zufälligerweise stiegen während dieser Woche auch die Temperaturen in den betroffenen australischen Bundesstaaten auf über 40 Grad Celsius.

Kurz danach breitete sich das Virus wie ein elektromagnetischer Impuls über die ganze Welt aus. Anfang Februar 2020 starben täglich rund 50 Menschen, meist an akuter Atemnot und -versagen; Anfang März lag die Zahl der Opfer weltweit bei 70 Menschen pro Tag; Anfang April, bei mittlerweile 5000 Toten täglich, stand die exponentielle Wachstumskurve beinahe senkrecht. Mit mindestens einem Infektionsfall in 182 von 202 Ländern hatte der tödliche Impuls jeden Ozean überquert und fegte von Belgien bis Ecuador durch die Straßen. Zur gleichen Zeit überzogen Heuschreckenschwärme – größer und dichter als je zuvor erinnert oder aufgezeichnet – Ostafrika und Westasien, bedeckten das Land, fraßen Pflanzen und Früchte und ließen kaum einen Flecken Grün zurück. Vergeblich versuchten die Bauern, sie von den Feldern zu vertreiben. Heuschreckenwolken verdunkelten den Himmel, und ihre Körper türmten sich in rauen Mengen auf, sobald die Insekten tot zu Boden fielen, dicht genug, dass selbst Züge vor ihnen haltmachen mussten. Ein einzelner lebender Schwarm in Kenia umfasste ein dreimal so großes Gebiet wie New York City; ein üblicheres Aufgebot bestünde aus einem Vierundzwanzigstel dieser Größe, das, bis zu acht Milliarden Lebewesen umfassend, immer noch in der Lage wäre, die gleiche Menge zu verschlingen wie vier Millionen Menschen an einem Tag. Unter normalen Bedingungen kommt es nur äußerst selten zu solch riesigen Schwärmen. Ginge es nach ihr selbst, würde die Heuschrecke an ihrem solitären Lebensstil in der Wüste festhalten. Doch 2018 und 2019 wurden ebendiese Wüsten von außergewöhnlichen Wirbelstürmen und sintflutartigen Regengüssen heimgesucht, die sich in einem derartigen Feuchtigkeitsüberschuss niederschlugen, dass die Zahl der Heuschreckeneier regelrecht explodierte und somit zur Gefahr für die Nahrungsmittelversorgung von zig Millionen Menschen erwuchs – und zwar in genau jenem Moment, in dem das Virus über die Welt hereinbrach.

Kein apokalyptischer Reiter sitzt allein zu Pferd. Seuchen tauchen nicht im Singular auf. Es hat ganz den Anschein, als müssten wir auch noch mit Geschwüren und Viehpest und stinkenden Flüssen und toten Fischen und Fröschen rechnen. Zum Zeitpunkt der Niederschrift, in den ersten Tagen des April 2020, kratzt die Gesamtzahl der während der Corona-Pandemie registrierten Fälle an der Schwelle von einer Million Infizierter, während die Zahl der Toten bereits die 50 000er-Marke überschritten hat, und niemand weiß, wie all das enden wird. Um Lenin zu paraphrasieren: Es ist, als ob Jahrzehnte in Wochen gepfercht worden wären, die Welt dreht sich mit immer größerer Geschwindigkeit, sodass jegliche Prognose Gefahr läuft, sich lächerlich zu machen. Sobald jedoch auch uns ein Teil des Dystopiekonjunkturpakets zufällt, werden wir problemlos in der Lage sein, uns einen fiebrigen Planeten vorzustellen, auf dem Menschen mit Fieber leben: Es wird dort globale Erwärmung und Pandemien geben, Slums, die im Meer versinken, und Menschen, die – beispielsweise in Mumbai – an einer Lungenentzündung sterben. Im Slum Dharavi wurde bereits der erste Fall einer Coronavirusinfektion gemeldet. Eine Million Menschen lebt dort auf engstem Raum, mit minimalem Zugang zu sanitären Einrichtungen; Sturmfluten mit riesigen Wassermassen brechen jedes Jahr über den Slum herein. Zudem wird es Flüchtlingslager geben, in denen sich Krankheitserreger wie an einer Zündschnur entlang durch dicht gedrängte Körper fressen. Es wird viel zu heiß und viel zu ansteckend sein, um nach draußen zu gehen. Felder werden unter der Sonne rissig werden, ohne dass jemand sie bestellt.

Dessen ungeachtet aber ging die Coronakrise von Anfang an mit dem Versprechen einher, man werde zur Normalität zurückkehren, und dieses Versprechen war ungewöhnlich laut und glaubwürdig, zumal dieses Übel dem gesellschaftlichen System weitaus fremder zu sein schien als etwa der Crash einer Investmentbank. Das Virus war der Inbegriff eines exogenen Schocks. Man nahm daher an, dass es schon im nächsten oder übernächsten Monat verpuffen werde. Möglicherweise würde es eine zweite Welle erleben, aber damit hätte sich die Angelegenheit auch erledigt. Spätestens ein Impfstoff würde den Keim der Pandemie ersticken. Insofern wurde jede Maßnahme, die zur Eindämmung des Virus ergriffen wurde, gleich einer Straßenabsperrung der Polizei lediglich als vorübergehend angepriesen, damit wir uns mühelos das Bild eines Planeten ausmalen konnten, der geradewegs in den Status quo ante zurückversetzt wird: Straßen, die sich wieder füllen. Einkäufer*innen, die erleichtert ihre Gesichtsmasken abstreifen und in die Einkaufszentren drängen. Und all jene, die den aufgestauten Drang verspüren, genau dort weiterzumachen, wo sie vor dem Virus die Arbeit niedergelegt hatten – sie werden sich geradezu begeistert diesem Bild hingeben: die Rückkehr der Flugzeuge am Firmament, der geradezu nachwinterlich sprießende Baldachin aus weißen Kondensstreifen. Privater Konsum, womöglich verlockender als je zuvor. Niemand, der sich nach alledem noch in einen vollbesetzten Bus oder Zug zwängen wollte. All die ungenutzten Kapazitäten der Auto-, Stahl- und Kohleindustrie, die sich wieder entfalten, all die Lagerbestände, die sich endlich wieder in die Lieferketten einspeisen lassen würden. Und außer Sichtweite: die Ölbohrungen, zurück in voller Funktion, eifrig hämmernd.

Doch bei genauerer Betrachtung stellen sich diese beiden scheinbar gegensätzlichen Zukunftsszenarien als ein und dasselbe heraus. Besteht also überhaupt noch die Möglichkeit eines Auswegs?

Wenn ein Notfall besteht

Um die Ausbreitung des Virus einzudämmen oder wenigstens zu verlangsamen, ergriffen Staaten auf der ganzen Welt außergewöhnliche Maßnahmen, um ihre Bürger*innen an ihr jeweiliges Zuhause zu ketten. Mit verschiedenen Abstufungen hinsichtlich ihrer Strenge wurden Lockdowns umgesetzt. Die europäischen Restriktionen verboten etwa den Kontakt mit mehr als einer anderen Person (Deutschland), das Verlassen des Hauses ohne Berechtigungsschein (Frankreich), das Verlassen des Hauses ohne Elternteil bei unter 18-Jährigen (Polen), die Ausreise aus der Heimatregion (Italien) oder das Picknicken im Park, Kneipen- und Restaurantbesuche sowie den Empfang von ausländischen Gästen (die meisten Länder). Bis Anfang April hatte sich die Mehrheit der menschlichen Spezies zu der einen oder anderen Variante eines Shutdowns verpflichtet. Und niemals zuvor war das spätkapitalistische business as usual so dermaßen außer Kraft gesetzt.

Alle Bemühungen richteten sich auf die Bekämpfung der Pandemie, wobei zwischen »systemrelevanten« und »nicht systemrelevanten« gesellschaftlichen Funktionen unterschieden wurde. Das palastartige Luxusgeschäft Harrods in London wurde letzterer Kategorie zugerechnet; hatte es selbst während der Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg noch geöffnet gehabt, musste es am 20. März 2020 seine Pforten schließen. »Starbucks ist nicht systemrelevant«, beteuerte währenddessen eine Barista in Philadelphia, die eine Arbeiterpetition zur Schließung aller Läden in den USA unterzeichnete. Italien, ein gepeinigter Vorreiter, befahl, den Betrieb aller »nicht systemrelevanten« Fabriken und Unternehmen einzustellen, und nahm lediglich Verkaufsstellen wie Supermärkte, Apotheken und Postämter davon aus. Noch nie hatte man von einem solchen Prinzip gehört: Während manche Produktions- und Handelsformen menschlichen Grundbedürfnissen zugutekommen, sollen andere über keinen legitimen Anspruch auf ungehinderte Einnahmequellen verfügen und können daher umgehend außer Betrieb gesetzt werden.

Folglich hieß das, dass manche Dinge zu produzieren wichtiger war als andere. Eine jener Branchen, die zu diesem Zeitpunkt am offensichtlichsten systemirrelevant war, war die Automobilindustrie, und zwar nicht zuletzt, da jedwede Fabrik Gefahr lief, dem Virus als Treibhaus zu dienen. Mitte März schalteten deshalb die Autogiganten der Welt, von Volkswagen über Honda bis zu Fiat Chrysler, ihre regulären Fertigungsstrecken ab und schickten die Arbeiter*innen nach Hause. Die Just-in-Time-Produktion war ohnehin bereits unterbrochen. Dabei sollte man nicht vergessen, dass die Automobilherstellung mit ihrer unübertroffenen Fähigkeit, Robotertechnik, Maschinenbau und Fertigungskompetenzen zugunsten der Ausführung neuer Aufgaben zu mobilisieren, Bauelemente in alternativer Kombination zu montieren und in kürzester Zeit modernste Handelswaren zu produzieren, ein Wunder technologischer Gewandtheit darstellt – man erinnere sich etwa an die Umrüstungen während des Zweiten Weltkriegs. Und so ging es dieses Mal zwar nicht um Panzer und Bombenflugzeuge, sondern um Dinge wie Beatmungsgeräte: Maschinen, die Luft in die Lungen pumpen und Sekrete absaugen, um lebensbedrohlich erkrankte Patient*innen mit Sauerstoff zu versorgen. Dem US-Präsidenten Donald Trump gefiel diese Idee zunächst keineswegs – »wir sind kein Land, das auf der Verstaatlichung seiner Unternehmen beruht«, erklärte er –, und auch die U.S. Chamber of Commerce sprach sich vehement dagegen aus. Schlussendlich aber sah sich selbst Trump dazu gezwungen, den Defense Production Act in Anspruch zu nehmen, der es dem Präsidenten erlaubt, privaten Unternehmen zu gebieten, während einer Krise essenzielle Güter bereitzustellen. GM und Ford fingen an, stillliegende Betriebsanlagen von überflüssigen Gerätschaften zu befreien, die benötigten Bauteile herbeizuschaffen und herauszufinden, wie man Beatmungsgeräte en masse produzieren könne, und zwar in einem Tempo, das jenem der explodieren Pandemie gleichkam. GM gelobte sogar, Profit nicht mehr als oberste Maxime zu verfolgen.

Nachdem sie ebenfalls in das Loch der systemischen Irrelevanz gefallen waren, stellten Modemarken wie Prada, Armani, Yves Saint Laurent und H&M einen Teil ihrer Produktionskapazitäten auf Güter um, nach denen der Gesundheitssektor ausdrücklich verlangte: medizinische Overalls, Gesichtsmasken, Schutzanzüge. Keine kurz geschnittenen Bolerojäckchen oder Wildlederstiefel mit Leopardenmuster mehr. Von Kalifornien bis Dänemark rüsteten Branntweinbrennereien ihre Wodka- und Whiskyproduktion auf die Herstellung von Handdesinfektionsmittel um. Es kam zu wohldurchdachten Verlagerungen der Arbeitskraft: In Schweden wurden Flugbegleiter*innen der mit einem Startverbot belegten Scandinavian Airlines zu Pfleger*innen umgeschult und in die Krankenhäuser gekarrt, was Berichten zufolge zu landesweiten Begeisterungsstürmen führte. Nicht länger zollfreies Parfüm und regalweise Schmuck – jetzt ging es primär darum, Leben zu retten.

In der Notfallsituation wurden die Grenzen des Privateigentums eingerissen, als handelte es sich bei ihnen um Strohhütten während eines Hurrikans: Spanien verstaatlichte auf einen Schlag alle privaten Gesundheitseinrichtungen und wies Unternehmen mit potenzieller Kapazität zur Herstellung medizinischer Ausstattung an, sich den Staatsvorhaben anzupassen, während Großbritannien beinahe so weit ging, sein Eisenbahnsystem zu nationalisieren. Italien wiederum übernahm die nationale Fluggesellschaft Alitalia, schließlich stürzte kein anderer Bereich der Kapitalakkumulation mit einem dermaßen ohrenbetäubenden Krach zu Boden wie die Luftfahrt. Bis Anfang April war die Hälfte aller Flugzeuge weltweit in den Hangars verstaut, London Heathrow schloss eine seiner Start- und Landebahnen und Boeing seine Fabriken, der Massenflugverkehr wurde ins Zeitalter v. C., vor Corona, verbannt. Auch die rücksichtslos verschwenderischste aller Sportarten, die Formel 1, lag brach. Der Autosalon Genf wurde abgesagt. Das alljährlich stattfindende riesige CERAWeek-Treffen der Öl- und Gasmanager in Houston fiel aus: Plötzlich wies das fossile Kapital Lähmungserscheinungen auf. Als dann die Nachfrage einbrach, stellten Ölproduzenten den Betrieb ihrer Bohrinseln und Bohrlöcher ein, da die Preise nicht einmal mehr die Kosten insbesondere der nicht konventionellen Produktion deckten. Fracking näherte sich dem Stillstand. ExxonMobil kündigte an, seine Erschließungen im Permbecken im Südwesten der USA, dem Eldorado des Schieferöls und -gases, zu verlangsamen; insgesamt wurden zwei Drittel der für das Jahr 2020 geplanten Investitionen in eine neue Infrastruktur für die weltweite Öl- und Gasförderung auf Eis gelegt. »Nicht nur ist dies der größte wirtschaftliche Schock unseres Lebens, sondern auch kohlenstoffbasierte Branchen wie etwa die Ölindustrie stehen im Fadenkreuz«, kommentierte Goldman Sachs die Lage. »Dementsprechend ist Öl unverhältnismäßig stark betroffen.« Andere Analyst*innen sprachen davon, dass der Ölsektor mit der schwersten Krise seit einem Jahrhundert konfrontiert sei, was praktisch nichts anderes hieß als die schlimmste Krise seiner Geschichte.

Und dementsprechend stark gingen die Emissionen zurück. China, Ursprung des Ausbruchs und Schauplatz der größten Kohlendioxidschwaden der Welt, war das erste Land, in dem der Himmel aufklarte. Im Februar 2020 ging die Verbrennung von Kohle dort um mehr als ein Drittel zurück, diejenige von raffinierten Ölprodukten geringfügig weniger; ein Unternehmen vermeldete den Rückgang des Benzinabsatzes um 60 Prozent und jenen der Dieselverkäufe um 40. Inlandsflüge brachen innerhalb von zwei Wochen um 70 Prozent ein. Als Ganzes betrachtet, nahmen Chinas CO2-Emissionen in einem einzigen Monat um ein Viertel ab, ein rasanterer Rückgang als alles, was je zuvor beobachtet worden war – wobei das letztliche Ausmaß der Senkung gleich allem anderen auch nach wie vor im Ungewissen liegt –, jedoch einer, der sich zwangsläufig wiederholen würde, solange die Pandemie und die Gegenmaßnahmen ihre Bahnen um den Globus zogen.

All das war beherrscht von einer Rhetorik des Krieges. Staatsoberhäupter führten sich auf wie Oberbefehlshaber*innen auf einem Kriegspfad – »Wir befinden uns im Krieg«, verkündete Emmanuel Macron; »Wir befinden uns im Krieg und kämpfen gegen einen unsichtbaren Feind«, so Donald Trump; »Wir befinden uns im Krieg, und Beatmungsgeräte sind unsere Munition«, so Bill de Blasio, Bürgermeister des US-amerikanischen Epidemie-Epizentrums New York. Parallelen zum Zweiten Weltkrieg drängten sich unwillkürlich auf: »Nennen wir es Kriegsmobilisierung«, schrieb die Los Angeles Times anlässlich der einsetzenden Produktionsumstellung. Die Zeit normaler Politik war abgelaufen, da nun selbst die Unwilligsten dazu verdammt schienen, sich der Situation zu fügen. »Wenn ein Notfall besteht und es wirklich wichtig ist, dass wir zum Kern der Sache vordringen, und zwar unverzüglich, werden wir tun, was zu tun ist«, räumte Trump ein. Zehn Tage, bevor er selbst positiv auf das Coronavirus getestet wurde und sich in die Selbstisolation sowie schließlich ins Krankenhaus zurückzog, berief der britische Premierminister Boris Johnson eine Pressekonferenz ein, auf der er feierlich verkündete: »Gleich jeder Regierung in Kriegszeiten müssen auch wir handeln«, und zwar mit »einem tief empfundenen Gefühl der Dringlichkeit«. Dem Schicksal ins Auge blickend, bekannte er: »Ja, dieser Feind kann tödlich sein, aber er ist ebenso besiegbar. Und wir wissen, dass wir ihn, insofern wir den wissenschaftlichen Ratschlägen Folge leisten, die man uns nun erteilt, besiegen werden.« Manch eine glaubte, sich plötzlich in einem mittelmäßigen, kaum realistischen Fernsehdrama wiederzufinden.

Wir haben einen Feind da draußen

»Ich will, dass ihr in Panik geratet«, mahnte Greta Thunberg wieder und wieder, als sie 2019 durch die Hallen der Weltpolitik tingelte. Führende Persönlichkeiten verschiedener Couleur – aber keineswegs alle – sonnten sich im Glanz ihrer Rechtschaffenheit und versuchten, sie für ein gemeinsames Selfie zu gewinnen. Das eine aber, was sie unter keinen Umständen taten, war, in Panik zu geraten. Und genauso wenig beherzigten sie die Aussage, die Klimakrise stelle eine dem Krieg vergleichbare Notlage dar. Seit Jahren schon handelt es sich hierbei um einen Eckpfeiler der klimawissenschaftlichen und -aktivistischen Agitation, welche die Kriegsanstrengungen der Alliierten gerne als einen faktischen Beleg für eine Gesellschaft anführt, die dem Tode ins Auge geblickt, ihre Überlebenskräfte gebündelt, sich ausschließlich einem Ziel gewidmet und es so geschafft hat, den Feind unter extremem Zeitdruck zu besiegen. Der meistzitierte Aufsatz darüber, wie die US-amerikanische Wirtschaft fossile Brennstoffe zu hundert Prozent durch erneuerbare Energien ersetzen könne, verwies auf die Hundertausenden Flugzeuge, die während des Zweiten Weltkriegs von GMs und Fords Fabriken bereitgestellt wurden. Warum also nicht auch Windturbinen und Solarkollektoren? 2011, das heißt in jenem Jahr, in dem dieser Aufsatz publiziert wurde, drängten NGOs aus allen Bereichen der Umweltschutzbewegung die Führungskräfte der Vereinigten Staaten und Chinas dazu, endlich den Kriegszustand auszurufen – schließlich bezifferte die WHO, die höchste Behörde in Fragen menschlicher Gesundheit, die Zahl der durch die Erwärmung Getöteten auf mehr als 150 000 Menschen pro Jahr.

Nur den wenigsten Minister*innen und hochrangingen »politischen Entscheidungsträger*innen« im Globalen Norden dürfte es gelungen sein, nichts über die Parallele zwischen Klimakrise und Krieg zu vernehmen. In der bis dato detailliertesten Gegenüberstellung Strategies for Rapid Climate Mitigation. Wartime mobilisation as a model for action? analysiert Laurence Delina, ein mittlerweile in Hongkong lebender Nachhaltigkeitsforscher, wie Staaten ihre Ressourcen – Geld, Arbeit, Technologie – bündeln und fossile Treibstoffe mit der erforderlichen Geschwindigkeit abwickeln könnten. Ein Leser dieses Buches, der vor Greta Thunbergs Streik wohl berühmteste Klimaaktivist, Bill McKibben, verbreitete in seinem 2016 erschienenen Essay »A World at War« auf glanzvolle Weise diese Analogie, indem er die jüngste Saison der arktischen Eisschmelze als eine verheerende feindliche Offensive sowie die Feuerstürme und Dürren, über die damals in den Nachrichten berichtet wurde, als überwältigende Attacken beschrieb, nur um im nächsten Moment die Metapher in sich selbst einstürzen zu lassen: »Es ist nicht so, dass die Erderwärmung wie ein Weltkrieg ist. Sie ist ein Weltkrieg. Zu ihren ersten Opfern zählen paradoxerweise diejenigen, die am wenigsten zu der Krise beigetragen haben. Und dennoch muss man von einem Weltkrieg sprechen, der gegen uns alle gerichtet ist«, schrieb er, um im gleichen Atemzug dafür zu plädieren, wie auch im vorangegangenen Weltkrieg den Produktionsapparat umzurüsten.

McKibben war ein wichtiger Unterstützer der Kampagne von Bernie Sanders im Präsidentschaftswahlkampf 2016, der vorschlug, die USA solle die Klimakrise »so angehen, als befänden wir uns im Krieg« – »Wir haben einen Feind da draußen« –, und obwohl er an der Nominierung zum Kandidaten scheiterte, adoptierte die demokratische Partei vor der Wahl offiziell seine Forderung nach einer kriegsähnlichen Mobilisierung. Hillary Clinton versprach, im Weißen Haus einen »Kontrollraum ausschließlich für den Klimawandel« einzurichten, der dem Kartenraum von Franklin D. Roosevelt nachempfunden sein sollte, von dem aus er den Kriegsfeldzug leitete. Ein Ableger der US-Klimaschutzbewegung entwickelte einen »Siegesplan« mit der ikonischen Silhouette amerikanischer Soldaten, die statt einer Flagge eine Windturbine hissten; Demonstrationszüge waren zu sehen, die Frontbanner mit der Aufschrift »Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, CO2-Weltkrieg« und dem ernsten Gesicht von Uncle Sam trugen. Jene Aktivist*innengeneration – darunter Alexandria Ocasio-Cortez –, die 2019 vermehrt auf der Bildfläche erschien, hielt weiterhin an dieser Trope fest und sorgte wiederum auch dafür, dass etablierte Persönlichkeiten wie Joseph Stiglitz und Ed Miliband noch im gleichen Jahr eine kriegszeitenähnliche Reaktion forderten. Und tatsächlich galten der Klimanotstand und das Bedürfnis, in Panik zu geraten, als die Leitmotive des Jahres 2019, dem letzten Jahr v. C., wie sich spätestens bestätigte, als das Time Magazine Greta Thunberg zur »Person des Jahres« kürte und sie auf dem Cover der Ausgabe vom 23. Dezember auf einer von Wellen umbrandeten Klippe stehend porträtierte. An diesem Tag lag der 41-jährige Mann, der auf dem Markt in Wuhan arbeitete, bereits fiebrig und hustend zu Hause.

Unterschiede zwischen Corona und Klima: erster Schnitt

Innerhalb dieser Echo- und Analogiekammer musste eine Frage unweigerlich zutage treten: Wie kam es, dass die Staaten des Globalen Nordens auf das Coronavirus reagiert haben, nicht aber auf die Klimakrise? Oder genauer gesagt: Warum legten sie hinsichtlich des Ideals, etwas gegen die Emissionen zu tun, allenfalls Lippenbekenntnisse ab, während sie im nächsten Moment keinerlei Maßnahme scheuten – nicht einmal ihre Bevölkerungen unter Hausarrest zu stellen –, um der von der WHO offiziell als Covid-19 bezeichneten und mit dem Coronavirus einhergehenden Krankheit Einhalt zu gebieten? Diese Frage wurde in den Onlineforen, auf die sich die Menschheit im März beschränkt fand, eingehend diskutiert. Reihenweise Erklärungen hinsichtlich dieses Missverhältnisses wurden gepostet. Sie alle aber – die Unwirklichkeit der Klimakrise, ihr vergleichsweise ungefährlicher Charakter oder ihre Ungewissheit, Nichtgreifbarkeit, Komplexität, ihre Verstiegenheit oder ihr Mangel an Frontlinien – sollten in der Rubrik Ideologie verbucht werden. Sie beziehen sich nicht auf die faktischen Eigenschaften des Phänomens, sondern auf dessen verzerrte Wahrnehmung. Ihr Wahrheitsgehalt besteht darin, Facetten jener Ideologie zur Sprache zu bringen, die bereits an sich jegliche Aktion wider den Klimanotstand erschwert: Es ist keineswegs so, dass es keinen Feind gibt, doch der Glaube an seine Abwesenheit trägt zur Passivität bei. Gleiches gilt für die Ansicht, »die Zukunft wird übel sein, unabhängig davon, welche Schritte wir nun unternehmen, um den Klimawandel anzugehen. Dies kann Gefühle der Hilflosigkeit hervorrufen. Beim Coronavirus fühlt es sich hingegen so an, als zeitigten die heutigen Maßnahmen reale und nachweisbare Konsequenzen« – ganz offensichtlich handelt es sich hier um das Resultat der Maßnahmenergreifung, nicht um ihre Ursache. Denn hätten die Regierungen zugunsten des Klimas entschlossener gehandelt, wäre die Hoffnung noch groß; hätten sie das Virus Amok laufen lassen, wäre mit Sicherheit Verzweiflung eingetreten. Die aus der historischen Abdankung von Staaten im Angesicht der Gefahr resultierende Hoffnungslosigkeit speist sich dann aus sich selbst und muss sich ihrem Schicksal fügen – jedoch nur, wenn immer wieder aktiv bejaht und bekräftigt wird, dass man nichts tun könne. Jahrzehnte harter Arbeit der gegnerischen Seite haben zu diesen Eindrücken geführt.

Dann wiederum finden sich aber auch Hypothesen, die es wert sind, einer näheren Betrachtung unterzogen zu werden, etwa jene, dass der Klimawandel graduell sei, wohingegen sich Covid-19 gleich einer überraschenden Explosion vollzogen habe, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Diese Erklärung zählte zu den populäreren im März 2020, dem Monat der großen Divergenz. An dieser Stelle sei eine faktische Eigenschaft der globalen Erwärmung angemerkt: Sie erscheint nicht aus heiterem Himmel, um sich anschließend wieder still und heimlich in irgendein Loch zurückzuziehen, wie es von Covid-19 zunächst zumindest erwartet wurde. Gradualität mag sich für dieses Charakteristikum jedoch nicht unbedingt als geeigneter Begriff erweisen. Eher ließe sich der Klimakollaps als ein Erdrutsch begreifen, der durch das gesamte Erdsystem rollt, Material aufwirbelt und an Geschwindigkeit gewinnt, und jedes Mal, wenn er auf Menschen trifft, die ihm im Weg stehen, sind seine Auswirkungen alles andere als graduell – sofern wir unter »graduell« eine langsame, stufenweise Zunahme von Faktoren verstehen, die es erschweren, auf einer Zeitachse den Moment X vom Moment Y zu unterscheiden. Folgt man dieser Definition, dann hat ein Hurrikan, der die gesamte Infrastruktur einer Insel niederwalzt, nichts Graduelles an sich. Und auch ein australisches Feuerinferno oder der Angriff von Heuschrecken in Kenia fühlen sich nicht so oder so ähnlich wie jeder andere Tag an. Die Unvermitteltheit kann regelrecht erschütternd sein. Und auch wenn manche Aspekte der Erderwärmung, etwa der Anstieg des Meeresspiegels, im oben dargelegten Sinn häufig als graduell erscheinen mögen, machen sie sich nicht selten gleich einer Wasserbombe bemerkbar. So wurde beispielsweise im November 2019 Venedig von einem fast zwei Meter hohen Hochwasser heimgesucht, das sich in Szenen »apokalyptischer Verheerung« durch Marmor und Ziegelstein, Piazzas und Basiliken fraß, was der Bürgermeister der Stadt – wie jede andere Person, die sich nicht der Leugnung verschrieben hat – auf den Klimawandel zurückzuführen wusste. Dementsprechend scheint die allgemeine Gestalt des Prozesses folgendermaßen auszusehen: eine Lawine an Sprengstoff, die sich von einem singulären Ereignis wie Covid-19 nicht dadurch unterscheidet, dass sie graduell auf uns zurollt, sondern dadurch, dass sie einen lang anhaltenden Trend konstituiert, der über Jahrzehnte und Jahrhunderte andauert, sofern ihm kein Einhalt geboten wird.

Gradualismus – die Erwartung, die globale Erwärmung folge den Gesetzen linearer Kausalität, ticke gleichmäßig wie ein Uhrwerk, reihe, gemäß dem steinalten Dogma des natura non facit saltum, einen infinitesimalen Stressor an den nächsten – war lange Zeit eine schädliche ideologische Brille, die Wissenschaftler*innen längst schon abgelegt haben. Diese Entwicklungen überschlagen sich mittlerweile dermaßen rasch, dass allein innerhalb weniger Tage im März 2020 mehrere neue Entdeckungen veröffentlicht wurden: Beispielsweise stellte sich heraus, dass die Rekordhitze des letzten Sommers in nur zwei Monaten 600 Milliarden Tonnen des grönländischen Eises in den Ozean hat brechen lassen. Diese eine Ladung führte zu einem Anstieg des globalen Meeresspiegels um 2,2 Millimeter – so viel mehr Munition für die nächsten Sturmfluten. Eine andere Untersuchung ergab, dass die polaren Eiskappen mittlerweile um ein Siebenfaches schneller schmelzen als noch in den 1990er-Jahren. Und am 10. März präsentierte die Zeitschrift Nature Communications mit einer empirischen Modellstudie einen weiteren Nagel im Sarg des Gradualismus: Darin wurde gezeigt, wie rapide der Zusammenbruch regionaler Ökosysteme, etwa der Amazonas-Regenwald oder die karibischen Korallenriffe, vonstattengehen könnte – über wahrnehmbare menschliche Zeiträume von Jahren und Jahrzehnten hinweg –, und dazu aufgerufen, sich auf Veränderungen einzustellen, die »sich schneller ereignen, als bisher durch unser traditionelles lineares Verständnis der Welt angenommen«. Dies wirkt, gelinde gesagt, eher wie das Gegenteil von graduell: vielmehr wie eine kaskadenartige Reihe abrupter Zerstörungen.

Und dennoch scheint den jeweiligen zeitlichen Profilen von Covid-19 und Klimawandel etwas innezuwohnen, was die antithetischen Reaktionen einigermaßen erklärt. Doch was genau? Wenn man über diese Frage nachdenkt, sollte man keinesfalls vergessen, dass es sich beim Explanandum nicht um die unterschiedlichen von der Bevölkerung ausgehenden Reaktionen handelt: Es waren weder die Französ*innen, Brit*innen oder Australier*innen, die sich zusammenfanden und den Lockdown beschlossen – dieser ereignete sich viel zu schnell, als dass demokratisch darüber beratschlagt hätte werden können –, noch waren sie es, die die Entscheidungen getroffen hatten, wesentliche Emissionssenkungen in eine nichtssagende Zukunft hinauszuzögern, eine politische Entscheidung, die nebenbei bemerkt für Massenproteste in etwa so empfänglich ist wie diejenige der Austerität. Wie also konnte es dazu kommen, dass die Staaten in den entwickelten kapitalistischen Ländern durch das Virus derart übermäßig in Aufruhr versetzt wurden? Indem – wie ein Beobachter nahelegte – zumindest zu Beginn der Pandemie die Opfer von Covid-19 tendenziell der Kernwählerschaft der im Aufstieg begriffenen Rechten anzugehören schienen: alte »weiße« Menschen. »Anders als die Klimakrise bedroht das Virus vorwiegend ältere Menschen – den Kern der Unterstützer*innen rechter Parteien – und weniger Millennials«, und keine Regierung würde die nächste Wahl überleben, wenn sie gerade diese ins offene Messer laufen ließe. Dies zumindest scheint ein Teil der Geschichte zu sein.

Doch natürlich ist es komplizierter, schließlich sind auch alte »weiße« Menschen bisher keineswegs von der globalen Erwärmung verschont geblieben. So kochte Europa im Jahr 2003 regelrecht im bis dahin heißesten Sommer; auf dem Höhepunkt der Hitzewelle kamen schätzungsweise 30 000 Menschen ums Leben, die Hälfte davon in Frankreich. Im Laufe von zwanzig Augusttagen fiel ihr ein bestimmter Teil der französischen Bevölkerung geradezu scharenweise zum Opfer – nämlich die über 65-Jährigen mit Vorerkrankungen, die zu den Opfern eines Mortalitätsvorgangs wurden, der eindeutig auf den zugrunde liegenden Trend zurückzuführen ist. Im Sommer 2019 wiederum beendeten zwei Hitzewellen das Leben von rund 1500 Französ*innen, ebenfalls hauptsächlich ältere Menschen. In ganz Ostaustralien drang der Rauch von den Buschbränden in die Lungen; innerhalb von 19 Wochen tötete er in den vier am schlimmsten betroffenen Bundesstaaten mehr als 400 Menschen, viele davon im Seniorenalter mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die nicht mehr in der Lage waren zu atmen. Und dann ist da noch die Sache mit dem gesundheitsschädlichen Feinstaub, der anderen Ursprungs ist. Als sich im Februar 2020 die Schadstoffdecke über Städten wie Wuhan und Shanghai lichtete, wurde es in einem solchen Maße leichter, die Luft zu atmen, dass nach den Berechnungen eines Wissenschaftlers der Universität Stanford das Leben von 4000 Kindern unter fünf Jahren sowie von 73 000 erwachsenen Personen über 70 Jahren verschont blieb. Im Vergleich hieße das, dass in etwa zwanzig Mal mehr Leben durch die Luftverbesserung gerettet wurden, als bis zum aktuellen Stand Menschen in diesen Städten an Covid-19 starben. Bei dem unbeabsichtigten Nebeneffekt handelte es sich also um die weitaus größere Rettungsaktion. Streng darauf bedacht, der Interpretation zuvorzukommen, Pandemien seien Allheilmittel, wollte der Forscher lediglich »die oftmals verborgenen gesundheitlichen Folgen des Status quo« aufzeigen – »unsere normale Art, Dinge zu tun, bedarf womöglich einer Störung«. Und auf ein gewisses Maß an Absurdität wiesen manche hin, als sie die gleiche Ausgewogenheit – mehr gerettete Leben aufgrund der Vermeidung von Luftverschmutzung als durch die Vermeidung von Infektionen – innerhalb der europäischen Länder voraussagten, darunter Frankreich, wo ein Wissenschaftler nüchtern feststellte, dass »dies ziemlich faszinierende Zeiten« seien.

Aber gerade auch die Eindämmung der Pandemie hielt die Sterblichkeitsrate niedrig. Selbstverständlich wusste niemand, wie tödlich sie noch werden konnte. Eine Schätzung von Ende März ging davon aus, dass Covid-19 ohne Interventionen allein 2020 40 Millionen Menschen das Leben kosten würde – wahrlich eine erschreckende Zahl (mehr als fünfmal so hoch wie die jährliche Anzahl an Todesopfern aufgrund von Luftverschmutzung). Die Regierungen sahen sich mit der Aussicht konfrontiert, dass Hundertausende, wenn nicht sogar Millionen Menschen in ihren Betten dahinsiechen und verenden würden. Anfang April war es schließlich offensichtlich geworden, dass das Potenzial für solch ein Massensterben am größten im Globalen Süden war – an Orten wie Dharavi –, wo das volle Ausmaß von Covid-19 erst noch bevorstand. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits mehrere Tausende in Italien, Spanien, Großbritannien und den USA gestorben. Und genau hierin könnte ein Schlüssel für die Divergenz liegen, nämlich in dem, was wir die Zeitachse der Betroffenheit nennen wollen. Wie Bill McKibben bereits bemerkte, fordert der vom fossilen Kapital geführte Krieg, der mithilfe der Atmosphäre als Medium tötet, seine ersten Opfer unter denjenigen, »die am wenigsten zur Krise beigetragen haben« – also unter den Armen im Globalen Süden. Zwar mag es sich dabei letztlich um »einen Weltkrieg [handeln], der gegen uns alle gerichtet ist«, doch werden die Reichen die Letzten sein, die ihr Leben lassen müssen. Für Covid-19 verlief die Zeitachse zumindest anfangs weitgehend in die genau entgegengesetzte Richtung: Die Ersten, die nicht nur vereinzelt durch das Virus zu Tode kamen, waren Menschen im reicheren Norden. So können wir etwa den Zeitpunkt mit großer Genauigkeit bestimmen, an dem das Virus zu einer wirklich globalen Krise mutierte – und es war nicht, als es durch den Iran fegte: Es geschah, als in Italien, genauer gesagt in der wohlhabenden nördlichen Region Lombardei, Hunderte Menschen zu sterben begannen. Das war der Moment, in dem die westlichen Regierungen in Panik gerieten. Und zu allem Überfluss erkrankte auch noch eine Reihe an Prominenten und Politiker*innen – Tom Hanks und seine Frau, Plácido Domingo, Kristofer Hivju, Patrick Devedjian, Rand Paul, Harvey Weinstein, Prinz Charles, Prinz Albert II. von Monaco, der Generalsekretär der rechtsextremen spanischen Partei Vox und, selbstredend, der Premierminister des Vereinigten Königreichs –, nicht zu vergessen die Luxuskreuzfahrtschiffe, deren Passagieren und Crews ein besonders fiebriges Plätzchen in der Hölle vorbehalten war. Keine dieser Personen oder Instanzen war durch die Klimakrise einem hohen Risiko ausgesetzt. Und ebenso wenig hatte der IPCC Europa je zu ihrem »Epizentrum« erklärt, wie es die WHO Mitte März in Bezug auf Corona tat. Nun gibt es einen ganz bestimmten Grund dafür, weshalb Covid-19 unter anderem Mitglieder der Führungsschicht und Einwohner*innen der entwickelten kapitalistischen Länder zu ihren ersten Opfern erkoren hatte, und wir werden darauf noch zu sprechen kommen. Die Frage, die sich an diesem Punkt stellt, ist jedoch eine andere: Welchen Unterschied machte es?

Ziehen wir eine kontrafaktische Zeitachse der Betroffenheit in Betracht, die jener der Klimakrise näherkommen würde. Stellen wir uns vor, Covid-19 wäre im Februar 2020 vom Iran in den Irak gehüpft, hätte ein paar Tausende in Basra und Bagdad getötet, wäre dann nach Haiti übergesprungen, wo es 5000 weiteren Menschen das Leben gekostet hätte, bevor es dann nach Bolivien und Mosambik abgebogen wäre und ein paar zusätzliche Trupps der gleichen Größenordnung aus dem Weg geräumt hätte, während in London, Paris und New York die Zahl der Patient*innen in den unteren Hunderten verblieben wäre. Es stellt keine sonderlich abwegige Vermutung dar, dass die Regierungen des Globalen Nordens das Virus in diesem Fall schlichtweg hätten gären lassen. Sie hätten vielleicht Hilfspakete geschickt, womöglich sogar einen an Bedingungen geknüpften Schuldenerlass angeboten, doch den Kapitalismus hätten sie nicht unter Quarantäne gestellt, selbst wenn eine Fortführung in gewohntem Gang die weitere Übertragung begünstigt hätte – und weshalb sollten sie? Es wäre nicht ihre Bevölkerung gewesen, die stirbt, zumindest nicht am Anfang. Hinsichtlich des Klimas hatte der Norden Jahrzehnte, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass er zwar hin und wieder von extremen Wetterereignissen heimgesucht werde und es wahrscheinlich sei, dass die Beeinträchtigung sich zuspitze, es sich vorerst jedoch primär um ein Problem auf der anderen Hälfte des Planeten handle, von dem vornehmlich das ständige Hintergrundrauschen der jüngsten Nachrichten über eine Katastrophe irgendwo an der armseligen Peripherie berichten würde. Solch ein Gedanke bringt wahrlich andere Prioritäten mit sich.

Die zehn Länder mit den meisten Todesfällen durch Covid-19 in den letzten Märztagen waren – in absteigender Reihenfolge – die USA, Italien, China, Spanien, Deutschland, Frankreich, der Iran, Großbritannien, die Schweiz und die Niederlande. Zufälligerweise schafften es – mit Ausnahme des Irans und der Schweiz – alle diese Länder auf die Top-Ten-Liste der für den größten Anteil an kumulativen CO2-Emissionen seit 1751 verantwortlichen Gebietseinheiten. Jene Länder, die im März 2020 am schlimmsten von der Pandemie betroffen zu sein schienen, waren somit dieselben Länder – allen voran die USA –, die am stärksten zum Klimanotstand beigetragen hatten: Und es scheint, als näherten wir uns damit einer möglichen Erklärung. Ein deutscher Liberaler drückte es folgendermaßen aus:

Dass Intensivstationen aus den Nähten platzen und keine hinreichende Zahl von Beatmungsgeräten verfügbar sein könnte [!], kam in unserer Vorstellungswelt nicht vor. Die Fantasie, mit hohem Fieber und Atemnot auf dem Flur einer überfüllten Klinik zu landen, ist der Horror. Bisher dachten wir: Das mag Alltag in Entwicklungsländern sein, vielleicht auch in Russland, aber doch nicht bei uns!

Und das änderte sozusagen alles. In Bezug auf Corona und Klima stellte die Zeitachse der Betroffenheit Reich und Arm an entgegengesetzte Enden: Im ersteren Fall veranlasste sie die Regierungen des Nordens, das Richtige zu tun; in letzterem, sich in einer Weise zu verhalten, die man wohl nur als bösartig bezeichnen kann. Vielleicht sollte die Menschheit Covid-19 dankbar sein, dass es sich seine Bahn zuerst durch Europa geschlagen hat.

Dies macht jedoch nur einen Teil der Erklärung aus, schließlich zeitigten die unterschiedlichen Zeitlichkeiten auch Konsequenzen für die Schuldtragenden. Als Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre die Parameter der Klimakrise festgelegt wurden – also zu jenem Zeitpunkt, da die Wissenschaft den Kinderschuhen entwachsen war, die Vereinten Nationen ihre Mitgliedstaaten anwiesen, die Emissionen zu senken, das Problem im öffentlichen Bewusstsein des Nordens verankert wurde und die ersten extremen Wetterereignisse, insbesondere die Hitzewelle 1988 in den USA, mit dieser Tendenz in Verbindung gebracht wurden –, setzte das fossile Kapital einen Präventivkrieg in Gang. Es scheute keine Mühen, die Mitigation zu sabotieren. Gleich, ob es schlichtweg an buchstäblicher Leugnung festhielt oder sich auf allerlei beschwichtigende Formen des grünen Kapitalismus verlagerte, begegnete es jedweder Initiative zugunsten einer tatsächlichen Reduktion mit Widerwillen. Seither wurden Maßnahmen zur bedarfsgerechten Emissionssenkung fehlgeleitet, zurückgewiesen, wurden durch unzählige Weisen nachjustiert, verloren ihren Fokus oder erschienen zunehmend als aussichtslose, bald schon wieder versandende Unterfangen – ja, ein Labyrinth voller vom Feind aufgestellter Fallgruben und -stricke.

Da es sich bei der globalen Erwärmung um einen lang andauernden Trend handelt, boten sich den Täter*innen nebst einer zunächst die Ärmsten treffenden Zeitachse der Betroffenheit ausgedehnte Möglichkeiten zur Obstruktion. Covid-19 erlaubte nichts dergleichen. Dermaßen überraschend trat das Virus auf den Plan, dass kein kapitalistisches Interesse zeitlich in der Lage war, Apparaturen ins Werk zu setzen, um der Aussetzung des business as usual entgegenzuwirken. Die Verbreitung des Virus erfolgte über den Reiseverkehr, und insofern ließe sich leicht vorstellen, dass von Ölgesellschaften gestützte Fluggesellschaften, Kreuzfahrtunternehmen und die Autoindustrien – die im Übrigen einen großen Anteil am fossilen Kapital besitzen – sich dazu bewogen gesehen hätten, den Stilllegungen zuvorzukommen oder sie zumindest abzumildern, so wie sie es bereits zuvor an der Klimafront getan hatten. Doch der Überraschungsangriff des Virus überwältigte selbst sie. Anstelle eigener Maßnahmen verbarrikadierten sie sich im Ausnahmezustand und warteten darauf, dass die Pandemie endlich besiegt würde, damit alles wieder zur alten Ordnung zurückkehren könnte. Zugegeben, es gab ein paar müde Versuche aus dieser Ecke, der Wirtschaft neuerlich Vorrang vor der Gesundheit einzuräumen, doch zumindest in der Anfangsphase wurden diese geflissentlich beiseitegewischt – eine Lektion in Sachen Politik als Kunst des Erstschlags oder, wenn man so will, des Manöverkriegs.

Covid-19 trat als eine allumfassende, augenblickliche und vollständige Sättigung aller Bereiche zutage. Wie ein Windstoß, der die getönten Scheiben eines Wolkenkratzers sprengt, entblößte es den Staat bis auf seine schmuckloseste, relative Autonomie. Die Regierungen im Norden waren in der seltenen Position, das Wohlergehen der kapitalistischen Volkswirtschaften zugunsten des Lebens ihrer älteren und allenfalls auch jüngeren Kohorten zu opfern. Dieser Moment brachte womöglich das Beste des modernen bürgerlichen Staates zum Vorschein – die Achtung vor dem Leben, die die Achtung vor dem Eigentum übertrumpft: ein Sieg für die egalitäre Prämisse, zu der sich die Demokratie verpflichtet (um der Selbstgefälligkeit nördlicher Demokratien jedoch den Wind ein wenig aus den Segeln zu nehmen, muss gesagt werden, dass China und der Iran schon weitaus früher ähnlich reagierten).

Wohin auch immer wir also blicken, stoßen wir stets auf zeitliche Differenzen: globale Erwärmung als lang andauerndes und stetiges Ereignis, Covid-19 als Schock. Das aber wirft zugleich die Möglichkeit auf, die Frage sei von Anfang an völlig falsch gestellt. Lassen sich die beiden denn überhaupt vergleichen? Ist das nicht ein bisschen so, als stellte man einer Stunde im Leben eines Menschen die gesamte Biografie eines anderen gegenüber? Wir werden in Kürze wieder auf dieses Problem zu sprechen kommen, wollen das Ganze zunächst jedoch noch um die räumliche Dimension ergänzen. Schließlich fügt sich die Zurückdrängung von Covid-19 in das übergeordnete Paradigma, welches die Politik des Nordens in den letzten Jahren erfasst hat: den Nationalismus. Dieser ließe sich durch Grenzschließungen, die Entsendung des Militärs zum Schutz vor Übertritten (Dänemark ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen), durch Förderung der Autarkie und die Abschottung vom Rest der Welt umsetzen. Die Vorteile solcher Maßnahmen kämen, soweit sie sich als effektiv erweisen würden, unmittelbar der nationalen Bevölkerung zugute. Ginge es jedoch um Emissionssenkungen, würden sich die Vorzüge über den ganzen Globus verbreiten – Kenianer*innen würden von starken Einschnitten in Deutschland genauso profitieren wie die Deutschen und noch einige andere. Die Suppression von CO2 ist nicht von Natur aus im Regelwerk des Nationalstaats enthalten. Der Krieg gegen Covid-19 ließe sich demnach gewissermaßen als klassischer Krieg begreifen, der sich all der Paraphernalien des patriotischen Stolzes bedient – eine Nation, die sich wie in früheren Zeiten der Gefahr selbst schützt; ein Volk, das sich im Rücken des staatlichen Bollwerks versteckt –, wohingegen ein Krieg gegen CO2 solch einen Rahmen tendenziell zu sprengen drohte. Es wäre ein Krieg zum Nutzen der eigenen und fremder Bevölkerungen. Doch zuallererst wäre es ein Krieg zugunsten der Armen.

Wechselnde Schattierungen des Extremismus

Corona und Klima teilen eine strukturelle Eigenschaft, die zum Vergleich einlädt: Die Summe der Todesopfer ist eine Funktion der Summe des Handelns oder Nichthandelns seitens der Staaten. Unbehandelt intensivieren sich beide Übel von selbst – je mehr Menschen infiziert sind, desto mehr werden sich infizieren; je heißer der Planet ist, desto mehr Rückkopplungsmechanismen heizen ihn weiter auf –, und haben sie erst einmal richtig Fahrt aufgenommen, besteht die einzige Möglichkeit, solch um sich greifende Brände abzublocken, darin, den Stecker zu ziehen. Staaten im Globalen Norden haben gerade den Beweis erbracht, dass dies möglich ist. Es wird nicht einfach sein, die Erinnerung daran wieder aus dem Gedächtnis zu tilgen.

Als Klimaaktivist*innen und Wissenschaftler*innen die Reduktion der Emissionen forderten, wurde ihnen gesagt, dass es zu teuer sei: Schließlich könnte es zu einer Verringerung des BIP um 0,1 oder 0,2 Prozent führen. (Die Klimakrise »rechtfertigt keine politischen Verfahren, die mehr als 0,1 Prozentpunkte des Wachstums kosten«, dozierte das Wall Street Journal 2017 in typischer Manier.) Einige Menschen könnten ihre Arbeit verlieren. Konkurse würden angemeldet. Die Menschen würden niemals die Beeinträchtigung ihres wohlvertrauten Lebens akzeptieren, und überhaupt, selbst wenn einige Länder Abstriche bei ihren Emissionen machten, gäbe es immer noch andere – Trittbrettfahrer*innen –, die sich an den Freuden des Kohlendioxids laben würden.

Wie sich herausstellte, waren im März 2020 all diese und noch weitere Bedenken plötzlich nicht mehr der Rede wert. Niemals sah ein Plan für den Ausstieg aus der Nutzung fossiler Energien je die in diesem Monat bewusst ausgelösten Akzentverschiebungen vor: Kein einziger schlug vor, den Weltkapitalismus über Nacht anzuhalten, um das Klima zu retten. Kein einziger empfahl, die Emissionen innerhalb von dreißig Tagen um ein Viertel zu senken – selbst die Forderung nach fünf oder zehn Prozent pro Jahr wurde als völlig inakzeptabler Extremismus abgetan. Kein einziger behauptete, dass eine Ausgangssperre über die Menschheit verhängt werden sollte. Kein Fahrplan, kein Manifest, keine Vision der Klimabewegung – und auch sie hat ihren Anteil an Radikalen – skizzierte jemals etwas Derartiges wie den Meteoritenschauer von Staatsinterventionen, der im März 2020 auf unserem Planeten eingeschlagen hat. Und dennoch wird uns immer und immer wieder gesagt, wir seien unrealistisch, unpragmatisch, Träumer*innen oder Panikmacher*innen. Niemals wieder sollten derartige Lügen Gehör finden.

Sträubten sich die Bürger*innen der Welt gegen die Notfallregelungen? Eine Ende März durchgeführte weltweite Umfrage legte massiven Zuspruch für die Maßnahmen nahe – Unzufriedenheit bestand, wenn überhaupt, darin, dass sie nicht weit genug gingen: Fast die Hälfte der Menschheit, beziehungsweise 43 Prozent davon, war der Meinung, ihre Regierungen würden zu wenig unternehmen, um die Pandemie zu bekämpfen. Lediglich acht der 45 befragten Länder verzeichneten signifikante Minderheiten – rund ein Viertel der Bevölkerung –, die unglücklich über die von ihnen als übertrieben empfundene Reaktion ihrer Regierungen waren (dazu zählten die USA, Heimat des Laisser-faire-Klimaschutzes, wo der Anteil bei 19 Prozent lag). Offensichtlich war es nicht allzu schwierig, der Öffentlichkeit die Idee schmackhaft zu machen, dass manches Bedürfnis zurückgestellt werden muss, sobald viele Leben auf dem Spiel stehen.

Haben Trittbrettfahrer*innen die Maßnahmen untergraben? Sowohl Corona als auch das Klima ließen sich hinsichtlich der von Spieltheoretiker*innen geliebten »Probleme kollektiven Handelns« in den Blick nehmen: Zwar würden alle von den Früchten der Kooperation zehren – eine überwundene Pandemie, ein stabilisiertes Klima –, doch könnte jeder Einzelne ausscheren und an einem Hotspot Urlaub machen, sich nicht mehr die Hände waschen, fünf Zentimeter vom Gesicht seiner Gesprächspartnerin entfernt sprechen oder sich extravaganten Emissionen hingeben, und er stünde damit doppelt so gut da. Er müsste auf keine lieb gewonnene Gewohnheit verzichten und würde dennoch den gleichen Nutzen aus den vereinten Bemühungen ziehen wie alle anderen auch. Würden jedoch alle so handeln, wäre alles vergebens – wie es diejenigen, die hinsichtlich der Klimamitigation zögerten, bereits geahnt haben, würde das kollektive Handeln ins Wanken geraten. Im Fall von Corona jedoch durchschlugen die Staaten den gordischen Knoten, indem sie schlichtweg Regeln verordneten, an die sich die Bürger*innen zu halten hatten. Zwar waren sie weder in der Lage, jedwedes drückebergerische und trittbrettfahrerische Verhalten aus der Welt zu schaffen, noch brachten die Schuldzuweisungen und Repressionen nicht auch eigene Probleme mit sich, aber im Großen und Ganzen erwies sich das von höherer Stelle vorgegebene kollektive Vorgehen angesichts der weitreichenden Anforderungen, die an die Menschen gestellt wurden, als bemerkenswert für seinen Zusammenhalt. Ganz offensichtlich ist das Dilemma also nicht unlösbar.

Und zudem sollte man noch einmal daran erinnern, dass keine Verfechterin radikaler Emissionssenkungen jemals von den Menschen verlangt hat, sich etwas derart Unangenehmem zu unterwerfen wie einem Lockdown. Klimaschutz verlangte von den Menschen niemals, sie müssten zu Eremit*innen in den eigenen vier Wänden werden. Genau genommen käme ein geselliges Leben dieser Unternehmung regelrecht zugute: Mit dem Bus zu fahren, eine Mahlzeit zu teilen, ausgelassene Straßenfeste zu feiern, Zeit mit den Liebsten im Altersheim zu verbringen oder sich anstelle des neuesten technischen Geräts von Amazon ein Konzertticket zu gönnen, stünde im Einklang mit dem Bestreben, ohne fossile Brennstoffe zu leben. Ein Klimanotstandsprogramm wäre nicht nur imstande, die aufgrund rudimentärer Mobilität in den eigenen Räumlichkeiten entstandenen Beeinträchtigungen zu umgehen, es könnte auch zur Steigerung der Lebensqualität beitragen, wie die Klimagerechtigkeitsbewegung mittels jahrelanger Propaganda und Praxis auf subnationaler Ebene gezeigt hat. Solche beidseitigen Gewinne haben, wenn überhaupt, lediglich gegnerische Verluste zur Bedingung.

Als sich das Covid-19 verursachende Coronavirus im Frühjahr 2020 verbreitete, handelte es sich dabei nicht per se um ein Abfallprodukt des Profitstrebens. Es entsprang nicht unmittelbar den Schloten der Akkumulation. CO2 hingegen ist das Abgas des materiellen Substrats der Mehrwertproduktion – der fossilen Energie – und insofern ein Koeffizient der Macht. Es besteht ein Interesse an seiner kontinuierlichen Freisetzung in die Atmosphäre. Und dementsprechend haben Teile des fossilen Kapitals sowie dessen Verbündete Jahrzehnte damit zugebracht, zu predigen, höhere CO2-Konzentrationen seien in Wahrheit gut für die Menschheit – im Namen des Coronavirus hingegen hat bisher niemand ein derartiges Plädoyer gehalten. Das Klima scheint bereits in das nächste Level des Antagonismus aufgestiegen zu sein. Dort gilt es, einen Feind höherer Ordnung zu überwinden, und zwar nicht bloß einen Monat lang oder ein, zwei Jahre: Die Stilllegung des fossilen Kapitals müsste für alle Zeiten erfolgen. Der Notstand selbst wäre selbstverständlich keineswegs ewig; es würde sich um eine Übergangszeit handeln, deren Auswirkungen fortbestehen müssten, um nicht zu scheitern. Der Zeitraum könnte länger sein als bei Covid-19 – auch wenn zum Zeitpunkt der Niederschrift niemand absehen kann, wie lange dieser überhaupt noch andauern wird –, wäre demgegenüber jedoch wahrscheinlich auch wesentlich weniger schmerzhaft. Er würde eine kompromisslose Verteilung des Privateigentums nach sich ziehen. Er würde bestimmte Formen des Kapitals für immer zu Grabe tragen. Er gliche am ehesten dem Kriegskommunismus.

II. Chronischer Notstand

Bei genauerer Betrachtung stellt sich das Bild eines energischen Vorgehens gegen die Pandemie jedoch als nichts als ein fauler Zauber heraus. Der Gegensatz zwischen der Coronavirus-Wachsamkeit und klimatischer Selbstgefälligkeit ist illusorisch. Seit Jahren schon steht die Möglichkeit eines zoonotischen Spillover im Raum, und die Staaten haben ebenso viel getan, um sich mit dieser Gefahr auseinanderzusetzen, wie damit, den anthropogenen Klimawandel zu bekämpfen: nichts. Der bis vor Kurzem kaum geläufige Begriff »zoonotischer Spillover« verweist auf eine Infektion, die zunächst in einem Tier auftritt und dann auf einen Menschen überspringt. Ein Krankheitserreger schwappt sozusagen über, über die Artengrenzen hinaus. Es kann sich dabei um einen Wurm, einen Pilz, eine Bakterie, eine Amöbe oder um ein Virus handeln; doch welcher Form er auch sein mag, letztendlich ist der Erreger eine winzige Kreatur, die ihre Beute von innen her auffrisst. Als Inbegriff des Parasitären infiltriert das Pathogen einen Körper, in dem es sein Dasein fristet, sich ernährt, vermehrt und dabei dem Wirt Schaden zufügt.

Das »Coronavirus« bezeichnet eine Familie von Viren mit diesbezüglich besonderen Fertigkeiten. Und wie so viele andere seiner Familie entwich auch dieses spezielle Coronavirus, das von der WHO offiziell den Namen SARS-CoV-2 erhielt, seinen ursprünglichen Wirten, zu denen Fledermäuse zählen. Weshalb aber sollte es das überhaupt je tun?

Unter normalen Bedingungen fristen Coronaviren und andere zoonotische Erreger ein unauffälliges Dasein in der freien Wildbahn. Zug um Zug rücken sie von einem auf den nächsten ihrer natürlichen bzw. »Reservoir«-wirte voran – einem Tier, das den Parasiten beherbergt, ihn erträgt und kaum oder gar nicht erkrankt. Über Millionen von Jahren haben sich die Viren mit diesen Wirten gemeinschaftlich entwickelt und einen Modus Vivendi mit ihnen erreicht, der es ihnen erlaubt, deren Körper dauerhaft zu bewohnen, ohne Gefahr zu laufen, sich durch dessen Tötung selbst das Leben zu nehmen. Mitunter kann es auch dazu kommen, dass ein paar Affen oder Mäuse erkranken und auf dem Waldboden verenden, doch bevor der Mensch überhaupt Gelegenheit hätte, dies zu bemerken, wären ihre Kadaver bereits von der üppigen Vegetation überwuchert.

Tropische Regenwälder beheimaten die größte Artenvielfalt, deren Reihen sich zu den Polen hin lichten. In den hohen Breiten, dort, wo es zu geringer Sonneneinstrahlung kommt, setzten Eiszeiten die Zeiger der Evolution phasenweise zurück auf null. Demgegenüber blieben rund um den Äquator Flora und Fauna von der Vergletscherung verschont und gediehen in der von der Sonne her strömenden Energie geradezu prächtig, sodass die Tropenwälder zu Horten von erstaunlichem biotischem Überschwang werden konnten. Zugleich bilden sie jedoch auch die reichhaltigsten pathogenen Sammelbecken. Je näher am Äquator, desto größer die Anzahl der Wirte und unsichtbaren Treiber, von denen sich manche gelegentlich auf neues Terrain vorwagen. Damit ihnen dies gelingt, müssen eine Reihe von Bedingungen erfüllt sein: Die Reservoirwirte müssen – etwa indem sie Niesen, Husten oder Bluten – den Erreger auf einen anderen besonders infektionsempfänglichen Wirt abstreifen. Hat der Erreger Glück, handelt es sich dabei um einen »Verstärkerwirt«, in dessen Schoß sich der Krankheitserreger in hohem Maße vermehren, neue Genkombinationen ausprobieren, Eigendynamik entwickeln und sich auf den nächsten Schritt vorbereiten kann, der von ähnlich großem Erfolg gekrönt sein muss. Die meisten Übertragungswege stoßen dabei rasch an ihre Grenzen. Von Zeit zu Zeit aber tun sich Öffnungen auf, und die Pathogene finden ihren Weg bis zur menschlichen Population. Dabei gilt, je kürzer die Distanz, desto geringer der hierfür notwendige Kraftakt.

Es ist eine alte Geschichte: Beulenpest und Tollwut etwa sind zwei berüchtigte Beispiele zoonotischer Spillovers. Sie wirken nicht unbedingt wie besonders moderne Viruserkrankungen, die zwischen nach Parfüm riechenden Spültoiletten hausen, weshalb die von ihnen ausgehende Gefahr erst vor Kurzem als Problem der Vergangenheit abgetan wurde. Im goldensten Zeitalter des Kapitalismus, den auf den Zweiten Weltkrieg folgenden Dekaden, konnte man vernehmen, dass »die westliche Welt den Tod durch Infektionskrankheiten praktisch eliminiert« habe. Solch überschwänglich optimistische Diagnosen wurden auf die eine oder andere Weise noch bis ins letzte Jahr des zweiten Jahrzehnts des Jahrtausends beibehalten. In seinem 2018 erschienenen Bahnhofsbuchhandlungsbestseller Aufklärung jetzt ergötzte sich Steven Pinker, die tonangebende Stimme im Chor des kleinbürgerlichen Optimismus, am »Sieg über Infektionskrankheiten« auf der ganzen Welt – Europa, Amerika, allem voran jedoch die Entwicklungsländer –, der den Beweis darstellen sollte, dass »eine reichere Welt […] eine gesündere Welt« oder, weniger umständlich ausgedrückt, dass eine fest im Griff des Kapitals stehende Welt die beste aller möglichen Welten sei. »›Die Pocken [smallpox] waren eine Infektionskrankheit‹«, las Pinker auf Wikipedia – »genau: ›smallpox was‹«; sie existieren nicht mehr, und die noch nicht ausgerotteten Krankheiten werden genauso rasant dezimiert. Pinker schloss das Buch zu diesem Thema mit der zuversichtlichen Vorhersage, dass die Welt in absehbarer Zukunft von keiner Pandemie heimgesucht würde. Hätte er sich die Mühe gemacht, die wissenschaftlichen Aufsätze darüber zu lesen, hätte er gewusst, dass die Wellen einer steigenden Flut bereits damals gegen jene Festung brandeten, die er von ganzem Herzen zu verteidigen suchte.

Beispielsweise hätte er jene Seiten der Zeitschrift Nature aufschlagen können, auf denen ein Team von Wissenschaftler*innen im Jahr 2008 335 Ausbrüche »neu auftretender Infektionskrankheiten« seit 1940 untersuchte und dabei feststellte, dass ihre Zahl »im Laufe der Zeit erheblich angestiegen« sei. In den meisten Fällen handelte es sich um zoonotische Spillovers, deren Ursprung größtenteils in freier Wildbahn lag. Eine sechs Jahre später veröffentlichte Studie nahm den gleichen Trend zur Kenntnis, registrierte jedoch einen Zuwachs in den 1980ern, dem Jahrzehnt von HIV, des bekanntesten von Tieren übertragenen modernen Virus vor SARS-CoV-2. Seitdem hat sich die Liste der aus anderen Spezies eingeschleppten Erreger gleich einem fortlaufenden Kassenbon immer weiter verlängert: das Nipah-Virus, das 1998 erstmals in Malaysia nachgewiesen wurde; das West-Nil-Virus, das 1999 nach New York gelangte; Ebola, das sich 2014 mit verheerenden Folgen über Westafrika hermachte; das Zika-Virus, das 2015 durch Lateinamerika und die Karibik fegte; jenes Coronavirus, das SARS verursachte und 2002 die Welt erschütterte; jenes, das Auslöser von MERS ist und 2012 im Nahen Osten kursierte; ein Haufen alte Krankheiten, die bisweilen mit neuen Stämmen ihr Comeback feiern – Milzbrand, Lyme-Borreliose, Lassafieber –, und eine Reihe von Influenzaviren, die mit der Regelmäßigkeit von Wirbelstürmen auftreten, aber eher gesichtslose Namen tragen: H1N1, H1N2v, H3N2v, H5N2, H5Nx und so fort. 2019 wies die wissenschaftliche Literatur in regelmäßigen Abständen auf die Tatsache hin, dass »Infektionskrankheiten weltweit mit einer nie dagewesenen Geschwindigkeit auftreten« würden, wobei der geschätzte Anteil von Zoonosen daran zwischen zwei Drittel und drei Viertel liege und bei Pandemien auf fast hundert Prozent ansteigen würde. Für sich genommen handelt es sich also bereits um einen lang andauernden Trend.

Dass seltsame neue Krankheiten aus der freien Natur hervortreten, ist in gewisser Hinsicht logisch: Jenseits des menschlichen Herrschaftsgebiets lauern unbekannte Pathogene. Doch könnte dieses Gebiet auch weitgehend in Ruhe gelassen werden. Ohne die von Menschen betriebene Wirtschaft, die konstant auf die Wildnis einstürmt, sich auf sie stürzt, in sie eingreift, sie zerstückelt und mit einem Eifer zerstört, der an Ausrottungslust grenzt, würden diese Dinge nicht geschehen. Die Krankheitserreger würden nicht auf den Gedanken kommen, auf uns überzuspringen, sie wären bei ihren natürlichen Wirten sicher. Werden ebendiese Wirte jedoch in die Enge getrieben, gestresst, vertrieben oder getötet, bleiben den Erregern zwei Optionen: aussterben oder springen. In seinem momentan unbedingt lesenswerten, 2012 veröffentlichten Buch Spillover. Der tierische Ursprung weltweiter Seuchen vergleicht David Quammen diesen Effekt mit dem Abriss eines Lagerhauses. »Wenn Bäume gefällt und die darin lebenden Tiere abgeschlachtet werden, fliegen die zugehörigen Erreger davon wie der Staub«, der durch die Bulldozer aufgewirbelt wird. Die Wissenschaft ist sich einig: Der fortdauernde Trend hat eine sehr allgemeine Ursache in der Ökonomie, die von menschlicher Seite her immer weiter in die Wildnis vordringt. Es führt daher zunächst kein Weg daran vorbei, einen weiteren Umweg über die nichtmenschliche Welt zu machen. Und dieser nimmt seinen Ausgang mit der Ordnung der Chiroptera.

Von Fledermäusen und Kapitalist*innen

Die Welt beheimatet mehr als 1200 Fledertierarten (Stand 2020). Mit einer seit mindestens 65 Millionen Jahren andauernden Speziation stellen sie eine der ältesten Säugetierordnungen dar, insgesamt die zweitvielfältigste – lediglich Nagetiere weisen eine größere Varietät auf –, verantwortlich für ein Fünftel aller rezenten Säugetierarten. Fledertiere sind zugleich die ungeschlagenen Überträger von Krankheitserregern. Während Nagetiere aufgrund ihrer schieren Menge in absoluten Zahlen eine etwas größere Anzahl an Viren fassen dürften, beherbergen Fledertiere weitaus mehr solcher Gäste pro Spezies – und doch scheint es ihnen nichts auszumachen. Sie sind unentwegt infiziert, ohne Anzeichen von Beschwerden. Es liegen keine Berichte über massenhaftes Sterben kranker Kolonien vor. Infolgedessen haben Chiropterolog*innen postuliert, dass Fledertiere über eine einzigartige Toleranz gegenüber Viren, über ein außergewöhnlich starkes Immunsystem verfügten, das aus einem aufgrund der Millionen von Jahren ihrer Evolution erwachsenen gemeinsamen Merkmal entsprungen sei. Worum könnte es sich dabei handeln?

Allen Fledertieren ist eine charakteristische Fähigkeit zu eigen: Sie können fliegen. Während manche Eichhörnchen und Lemuren in der Lage sind, kurze Strecken segelnd oder gleitend zu bewältigen, stellen Fledertiere die einzigen Säugetiere dar, die es mittels frenetischen Flügelschlags zu einem anhaltenden Flug bringen. Derlei Aktivität ist jedoch nicht ohne Einschränkungen zu haben. Um in der Luft zu bleiben, müssen Fledertiere ungeheure Mengen an Energie aufwenden, wodurch ihre Stoffwechselraten an jenen Punkt gelangen, an dem ihre Körpertemperatur mehrere Stunden lang 40 Grad Celsius erreicht – vergleichbar Marathonläufer*innen. Weniger rüstige Säugetiere würden diesen Zustand als Fieber erleben. Wie man weiß, handelt es sich bei Fieber vorrangig um einen Abwehrmechanismus krankheitsgeplagter Körper, was darauf hinzudeuten scheint, dass Fledertiere – für die dies vielmehr einen natürlichen Zustand darstellt – eigentlich dazu imstande wären, ein Fieber auszubilden, um einen Erreger abzuschütteln. Umgekehrt bedeutete es aber auch, dass sich Viren, die sich auf Fledertieren ansiedeln, den fieberähnlichen Temperaturen anpassen müssen. Die Theorie besagt also, dass Fledertiere zu Trägern von Krankheitserregern geworden sind, die zwar ihre körperliche Verfassung nicht beeinträchtigen, dafür aber das schwächere Immunsystem anderer Säugetiere überwältigen können. Die Fähigkeit zu fliegen zeitigt aber auch noch andere Dinge: Sie erlaubt es Fledertieren, weite Strecken zurückzulegen – Dutzende Kilometer pro Nacht zur Nahrungsbeschaffung, Hunderte zwischen Schlafplätzen, mehr als eintausend Kilometer zwischen Sommer- und Winterquartieren – und dabei Pathogene aufzunehmen und zu verbreiten. Fledertiere verbringen wenig Zeit auf dem Boden und dafür aber viel in der Luft, auf Bäumen, unter Dächern, in Positionen, von denen aus sie Speichel und Kot auf alles fallen lassen können, was sich unter ihnen befindet. Wenn Anlass dazu besteht, schrecken sie auch nicht davor zurück, sich Menschen zu nähern, in ihre Obstgärten, Häuser und Ställe, auf ihre Felder vorzudringen.

Darüber hinaus weisen Fledertiere eine zweite wesentliche Eigenschaft auf. Sie drängen sich in ungewöhnlich dichten und diversen Clustern zusammen. Manche Fledertiere pferchen sich zu 3000 Individuen auf einen Quadratmeter und zu mehreren Millionen pro Schlafplatz; einige tummeln sich in Ensembles multipler Spezies und tauschen Viren untereinander aus – ein Paradies für Krankheitserreger und deren Entwicklung sowie ein ideales Rezept für Herdenimmunität. Mit anderen Worten leben Fledertiere, indem sie gegen die beiden wichtigsten Regeln der Lockdowns 2020 verstoßen: nicht zu reisen und keine Zusammenkünfte zu bilden. Dies würde auch erklären, warum sie so überaus kompetente Reservoirwirte sind und weshalb ihre Viren in anderen Umgebungen dermaßen virulent werden können, wie die Welt wiederholt feststellen musste.

Das Nipah-Virus übertrug sich in einem Waldgebiet im Norden Malaysias auf den Menschen, als Fledermäuse von den Obstbäumen rund um eine Schweinefarm angelockt wurden. Die Tiere koteten oder entleerten sich anderweitig auf die Schweine, die wiederum als Verstärkerwirte dienten und das Virus an den Menschen weiterreichten; es verursachte Fieber, Husten und Atemnot, was sich, bei einer Mortalitätsrate von nahezu 40 Prozent, zu Verwirrtheit, Koma und Gehirnentzündung ausweiten konnte. Ungefähr 110 Menschen starben, bevor der erste Ausbruch des Virus eingedämmt werden konnte. Auch Tollwut lagert sich in Fledertierreservoiren ab. Und Gleiches gilt für Dutzende anderer Erreger von gut dokumentierter Malignität, einschließlich, vermutlich, Ebola.

Spezialisiert haben sich die Chiroptera jedoch im Wesentlichen scheinbar auf Corona. SARS war das erste Coronavirus, das im neuen Jahrtausend eine Pandemie auslöste und die überrumpelten Wissenschaftler*innen in die Höhlen Südchinas reisen ließ, um Hufeisennasen als Reservoirwirte zu identifizieren, von denen aus das Virus auf Zibetkatzen als Verstärker überwechselte, bevor es schließlich den Menschen erfasste. Die Entdeckung von Corona in Fledertieren geht auf die ersten Jahre des Jahrtausends zurück, und kaum war sie gemacht, da schlug das Virus bereits erstmals zu: MERS sprang von Fledermäusen über Kamele auf den Menschen über. Mit solch Massensterben konfrontiert, schwärmten weitere Wissenschaftler*innen aus, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was die Tropen noch für sie bereithielten. Ein mit dem treffend benannten PREDICT-Projekt affiliiertes Team – das größte seiner Art – fing in zwanzig tropischen Ländern rund 12 000 Fledertiere, sammelte Tupferproben, bevor es die Tiere wieder in die Wildnis entließ, und fand heraus, dass die Anzahl der Coronaviren pro Spezies annähernd bei drei lag. (Tausende von Nagetieren und Primaten wurden ebenfalls getestet, wobei mehr als 98 Prozent der positiv getesteten Individuen Fledertiere waren.) Dies veranlasste das Team, die wahrscheinliche Zahl eigenständiger, innerhalb der gesamten Welt der Chiroptera zirkulierender Coronaviren auf 3000 zu schätzen. Zwar wären bei Weitem nicht alle in der Lage, Menschen zu infizieren – so warf 2016 etwa eine Fledermauskolonie in Südchina ein Coronavirus auf Schweine ab, das diese an akutem Durchfall sterben ließ, jedoch nicht bis zum Menschen vordrang –, jedoch verfügen mehrere Hundert über ein solches Potenzial, und viele weitere sind möglicherweise bereits auf dem Weg.

Sobald es eine Zelle gekapert hat, verhält sich das Coronavirus wie ein Lebewesen, und tatsächlich unterliegen Coronaviren der natürlichen Selektion. Sie sind bestrebt, sich ihrer jeweiligen Umgebung anzupassen – sich am Wirt zu weiden, Angriffe zu überleben, den Wirt zu wechseln, sich zu vermehren, ihr Fortbestehen zu sichern –, und haben einzig Bestand, insofern sie diese Aufgaben ordentlich bewältigen. Darüber hinaus können sich Coronaviren schneller als die meisten anderen entwickeln. Ihre genetische Information ist nicht innerhalb der komplexen Doppelhelix der DNA gespeichert, sondern innerhalb der einfacheren RNA, einem Molekül mit einem Einzelstrang, das in fantastischem Tempo zu mutieren imstande ist – man denke an Staffelläufer*innen, die einen schweren Wagen überholen – und beständig neue genetische Kombinationen produziert, um sie gegen die Umwelt in Stellung zu bringen.

SARS-CoV-2 war ein ganz besonders brillanter Vorteil zu eigen: Es konnte von Wirt zu Wirt springen, noch bevor es Schaden anrichtete. Ein Mensch gab es an den nächsten weiter, bevor dieser Symptome entwickelte. Infolgedessen erstreckte sich die Übertragungskette weitaus effektiver über die Kontinente hinweg als bei SARS, welches das gegenläufige Erscheinungsbild aufwies – zuerst Symptome, dann maximale Infektiosität – und relativ leicht eingegrenzt werden konnte. Wieder einmal stammte das Virus von Fledertieren ab, und sicherlich brüten sie bereits weitere Coronavirus-Stämme aus. Weshalb also töten wir sie nicht einfach alle? Der Ausbruch von Covid-19 in China führte zu der Forderung, die Fledermaus-populationen gänzlich auszurotten. Dies stellt eine häufige und scheinbar sinnvolle Reaktion auf Spillover dar – Nipah, um nur ein minderschweres Beispiel zu nennen, hatte die Schlachtung von mehr als einer Million Schweinen nahe dem Ursprung zur Folge. Es ließen sich aber auch noch absurdere Schlüsse ziehen: Warum pflastern wir nicht den ganzen Rest an freier Natur zu? Sähe der ganze Planet aus wie Manhattan, gäbe es mit Sicherheit nicht so viele uns belästigende Parasiten.

So verrückt die Idee auch klingen mag, entbehrt sie doch nicht einer gewissen Logik. Die allgemeine Biodiversität dürfte in etwa mit der Vielfalt der Krankheitserreger korrelieren. Wenn Erstere drastisch reduziert würde, sollte man davon ausgehen können, dass ganze monophyletische Gruppen von Reservoiren, Verstärkern und Parasiten ausgeschaltet würden. Doch kann es auch die entgegengesetzte Wirkung zeitigen. Biolog*innen haben die Hypothese eines »Verwässerungseffekts« aufgestellt, wonach der Artenreichtum ipso facto einen Spillover hemmt. Ist innerhalb eines Ökosystems – etwa einem Wald – eine Fülle an Tieren vorhanden, werden sich manche davon als ungeeignete Wirte erweisen, in denen die Parasiten kaum auf Nahrung und Replikationsgelegenheit stoßen; werden die Tiere also gebissen, laufen die Übertragungsversuche ins Leere. Gibt es in einem Wald beispielsweise viele Eichhörnchen, bekommen diese einen Teil der Zeckenbisse ab, die andernfalls Menschen gegolten hätten. Die unangenehme, mitunter kräftezehrende Lyme-Borreliose – die im schlimmsten Fall chronische Müdigkeit und kognitive Störungen verursacht – wird von Zecken weitergegeben, die nachweislich viele ihrer Bisse an eine in den artenreichen Wäldern Nordamerikas vorkommende Opossumart vergeuden. Das Opossum tötet die Zecken. Aber in durch Degradation verschlechterten Wäldern verschwindet es, wohingegen die Weißfußmaus, ein äußerst qualifizierter und duldsamer Zeckenwirt, weiterhin gedeiht – und zwar mehr denn je, zumal sie ihrer Konkurrenz entledigt ist. Der Biodiversitätsschwund beseitigt die Puffer.

Auch wenn der Verwässerungseffekt nach wie vor primär Gegenstand theoretischer Kontroverse ist, liegt mittlerweile doch auch ein allgemeiner empirischer Beleg über seine Gesetzmäßigkeit vor: Eine höhere Artenvielfalt bedeutet ein geringeres Risiko eines zoonotischen Spillover. Bei denjenigen Spezies, die Angriffe auf ihre natürlichen Lebensräume überstehen, handelt es sich in der Regel um Opportunisten und Generalisten – man denke an Mäuse oder Unkraut –, die Krankheitserreger problemlos beherbergen können, sich schnell vermehren und sich in den Zwischenräumen menschlicher Siedlungen zu Hause fühlen. Das Lagerhaus kann abgerissen werden, der Staub aber wird sich deshalb nicht verflüchtigen. Noch während der Zerstörung wird er geradewegs in unsere Richtung geweht werden.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Menschen auf eine Infektion reagierten, indem sie ihren Unmut an Fledertieren ausließen. So wurden in Australien Flughunde von verärgerten, grimmigen Männern drangsaliert und gejagt (»Die scheißen auf die Leute! Das ist völlig falsch – lasst doch die Leute auf sie scheißen!«, zitiert Quammen einen Befürworter der Jagd. »Die Fledermäuse verursachen die Krankheit und sind sonst zu nichts nütze. Wir müssen sie beseitigen! Warum passiert das nicht? Weil die sentimentalen Grünen dagegen sind!«). In Brasilien wiederum wurden Fledermausquartiere systematisch mit Sprengstoff in die Luft gejagt. Doch in allen untersuchten Fällen, bei denen es zur Erlegung der Tiere kam, entsprach das Resultat dem genauen Gegenteil der Intention: Die Unmengen an Pathogenen verstreuten sich bloß in immer größerem Umkreis. Die Ausrottung von Fledertieren wäre lediglich eine weitere Möglichkeit, die Artenvielfalt zu schmälern, schließlich übernehmen sie wichtige Funktionen bei der Pflanzenbestäubung, indem sie deren Samen verbreiten und Schadinsekten in Schach halten. Bislang stellt der Wunsch, Pandemien zu rächen, jedoch ohnehin eine vernachlässigbare Bedrohung dar. Weitaus ratsamer scheint es daher, sich zunächst mit der Entwaldung zu beschäftigen.

Bei der Entwaldung handelt es sich nicht nur um einen Motor des Biodiversitätsschwunds, sondern auch des zoonotischen Spillover selbst. Werden Schneisen durch tropische Wälder geschlagen, Flächen gerodet, Außenposten tiefer und tiefer ins Landesinnere verlegt, kommt der Mensch mit all den wimmelnden Lebensformen in Kontakt, die bisher unbeeinträchtigt ihr Dasein fristeten. Menschen besetzen oder fallen in Gebiete ein, in denen sich Krankheitserreger in Hülle und Fülle tummeln. Die häufigsten Zusammenstöße tragen die beiden Parteien an den Rändern fragmentierter Wälder aus, wo das Innere des Waldes entschlüpfen und auf die äußersten Ränder menschlicher Ökonomie treffen kann; und wie es der Zufall so will, neigen Generalisten wie Mäuse und Moskitos, die es verstehen, sich als »Brückenwirte« anzubieten, dazu, sich in diesen Zonen prächtig zu entwickeln.

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Litres'teki yayın tarihi:
19 eylül 2025
Hacim:
212 s. 5 illüstrasyon
ISBN:
9783751803106
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