Kitabı oku: «Mischpoche»
Andreas Pittler
Mischpoche
14 Wiener Kriminalgeschichten

Zum Buch
WIENER KRIMINALAKTEN Wien im Jahre 1933, das Ende der ersten Österreichischen Republik. Der Polizeibeamte David Bronstein muss weisungsgemäß bei der Ausschaltung des Österreichischen Nationalrats zugegen sein. Er spürt, dass hier etwas zerbricht, und fragt sich unwillkürlich, wie es überhaupt so weit kommen konnte, liegt doch die Aufbruchstimmung nach dem Ersten Weltkrieg noch gar nicht so lange zurück …
In 14 Geschichten ermittelt Bronstein von der Wiener Mordkommission, der Abteilung „Leib und Leben“, in realen Verbrechen aus der Zeit der ersten Österreichischen Republik von 1919 bis 1933. Er und sein Ermittlerteam werden mit illustren Persönlichkeiten konfrontiert, von denen die überwältigende Mehrzahl historisch verbürgte Charaktere sind. Die Palette reicht von Bundeskanzler Johannes Schober über den Schriftsteller Hugo Bettauer bis zu Wiens Bürgermeister Karl Seitz. Verwicklungen in politische Ränkespiele der Zeit bleiben für Bronstein folglich nicht aus.
Andreas Pittler wurde 1964 in Wien geboren und absolvierte dort auch seine Ausbildung. Später wandte er sich dem Journalismus zu. Seit 1985 veröffentlicht er Sachbücher, meist historischen Inhalts, sowie Biographien. Pittler publizierte bislang 23 Romane. Seine Werke wurden bisher in acht Sprachen übersetzt. Der Autor ist als Historiker auch ein gern gesehener Gast in Radio und TV. Von Bundespräsident Heinz Fischer wurde er mit dem Berufstitel Professor und mit dem Silbernen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
1. Neuausgabe 2021
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © ullstein bild - Imagno / Sammlung Hubmann
ISBN 978-3-8392-3740-3
1933: Das Ende
›Der Nationalrat ohne Präsidium. Dramatische Auseinandersetzungen im Parlament.‹ Marktschreierisch verkündete die Titelseite der Reichspost eine weitere Krise in dem ohnehin schon arg vom Schicksal gebeutelten Land. Polizeioberst David Bronstein konnte dennoch nicht anders, als die Zeitung zur Hand zu nehmen, um den Leitartikel zu lesen. Irgendwie lag es wohl im Naturell des Wieners, dass er selbst noch im Untergang das prickelnde Bedürfnis entwickelte, diesen ganz neugierig mitverfolgen zu müssen. Man lebte in der Stadt der ›schönen Leich’‹, in der nichts im Leben wichtiger schien, als möglichst pompös beerdigt zu werden. Wer den größten Trauerzug, die meisten Sargträger und die längsten Ansprachen bei seinem Begräbnis vorweisen konnte, der war Sieger. Posthum zwar, aber gewonnen war gewonnen, und das war die Hauptsache. Und so verwunderte es auch nicht, dass jeder simple Verkehrsunfall sofort für einen gewaltigen Auflauf sorgte, denn man durfte als Einwohner der Wienerstadt keineswegs ein mögliches Remasuri verpassen. Was konnte für einen Wiener schlimmer sein, als wenn alle über eine spektakuläre Bluttat redeten und man selbst war nicht dabei gewesen? Und gerade, weil der Wiener so einen nachhaltigen Hang zum Morbiden hatte, was wohl auch dem Umstand geschuldet war, dass er in einem Land lebte, dessen Exitus schon seit 1740 stets auf’s Neue für die allernächste Zukunft prognostiziert worden war – und immer noch wurde –, und gerade, weil Bronstein ein echter Wiener war, war es alles andere als verwunderlich, dass Bronstein sich mit einem wohligen Schauer von der reißerischen Schlagzeile angezogen fühlte.
Aber natürlich tat er das mit der gebührenden Skepsis. Denn auch wenn jeder Wiener diese archetypische Lust am Verderben gleichsam genetisch in sich trug – nicht umsonst kannte das Wienerische gefühlte 120 Synonyme für das Wort ›sterben‹ –, so gab es kaum einen schlimmeren Fauxpas, als diese beinahe amikale Verbindung zum Thanatos öffentlich zu bekennen. Und wenn es einem auch hundertmal ein inneres Volksfest war, sich an fremdem Elend, gleich welcher Art, zu ergötzen, so durfte man unter gar keinen Umständen zu erkennen geben, dass man dieses Unglück ›leiwand‹ fand. Im Gegenteil: je größer die innere Erregung, umso deutlicher musste die äußerliche Gelassenheit zur Schau getragen werden. Einen Autounfall mit vier Toten hatte man in Wien gefälligst mit »Na, a scho wos!« zu kommentieren, ergänzt bestenfalls um den Hinweis, dass unlängst anderswo gleich fünf Menschen zu Tode gekommen seien, wobei damals dem Fahrer auch noch der Kopf abgetrennt worden war. Ein Brand ohne Personenschaden wurde allgemein schlimmer bewertet als eine verunglückte Burgtheaterpremiere, und recht eigentlich konnte man die Wiener Grundhaltung ganz einfach, auch ohne der Vogeldoktor vom Alsergrund zu sein, auf den simplen Punkt bringen, dass den Wiener jeder Tod deswegen so freudig stimmte, weil man sich darob, selbst trotz aller eigener Misere, so lebendig fühlen durfte. ›I war’s ned, den der Quiqui g’holt hat‹, diese Erkenntnis war des Wieners bedeutendster Triumph. Der aber, wie gesagt, mit vermeintlicher Teilnahmslosigkeit zelebriert werden musste.
Und so mimte an diesem Sonntagmorgen, an dem Bronstein gemeinsam mit seinem Kollegen Cerny Journaldienst hatte, der Herr Oberst auch äußerste Gelassenheit, als er gelangweilt die Schlagzeile der Reichspost kommentierte.
»Im Parlament haben s’ schon wieder g’stritten«, meinte er. Cerny sah auf, grinste schief und replizierte mit leicht falscher Silbenbetonung: »Im Parlament gab es wieder die üblichen hitzigen Debatten.« Bronstein kannte den Witz natürlich, doch da er in dieser Situation passte, verdiente er auch einen ansprechenden Lacher. »Ja, ja, wenn die Fetzen draußen sind, sind die Lumpen drinnen«, schob er gleich noch eine weitere Volksweisheit nach.
Doch Cerny hatte sichtlich das Interesse an den politischen Petitessen verloren und konzentrierte sich wieder auf seinen Bericht, den er am Montag im Präsidium abzugeben hatte. Bronstein sah ihm dabei noch eine Weile zu, doch als Cerny keine Anstalten machte, den Gesprächsfaden wieder aufzugreifen, blieb ihm nichts anderes übrig, als den Artikel doch zu lesen. Er zündete sich eine ›Donau‹, seine neue Leibmarke, an, und widmete sich dann den Zeitungsspalten.
Dreh- und Angelpunkt der jüngsten politischen Kalamitäten war, wie sich Bronstein, bestärkt durch die Lektüre, erinnerte, ein Streik der Eisenbahner gewesen. Die Regierung wollte die Streikführer rechtswidrig sanktionieren – noch gab es ja die Koalitionsfreiheit in diesem Land, wie Bronstein als Vertreter der Exekutive wohl wusste –, die Opposition sah die Dinge naturgemäß gänzlich anders. Und anscheinend hatte die Regierung die Abstimmung am Vorabend verloren, was üblicherweise ihrem politischen Exitus gleichkam. Allerdings, so entnahm Bronstein dem Blatt, hatte sich der rote Hinterbänkler Scheibein vergriffen und irrtümlich einen Stimmzettel seines Banknachbarn eingeworfen, sodass es zwei Stimmen des Abgeordneten Abram, aber keinen des Abgeordneten Scheibein gab. Aus diesem Umstand schöpfte die todgeweihte Regierung neue Hoffnung, da sie die Abstimmung nur mit einer Stimme Mehrheit verloren hatte. Galt also Scheibeins Votum ob des falschen Stimmzettels als obsolet, dann herrschte Stimmengleichheit, dann war der Antrag abgelehnt, dann war die Regierung gerettet.
Nun hatte aber der Parlamentspräsident, welcher der Opposition angehörte, der Abstimmung als rechtskonform den Sanktus erteilt, was die Regierungsmandatare in Wutgeheul ausbrechen ließ. Dadurch wiederum fühlte sich der Präsident beleidigt, weshalb er sein Amt niederlegte. Und da es ihm im Zuge der Debatte seine zwei Stellvertreter gleichgetan hatten, war der Hort der österreichischen Demokratie mit einem Mal führerlos. ›Es ist nun Sache der maßgebenden Parteiführer und des Verfassungsdienstes, die Lösung der schwierigen Frage, was nun zu geschehen habe, zu finden‹, schloss der Artikel.
»Na, a scho wos«, kommentierte Bronstein, »ein weiterer Sturm im Wasserglas! Dass sich diese Wastln andauernd so wichtig nehmen.«
»Na ja, David, unterschätzen tät’ ich das nicht«, bemerkte Cerny, ohne von seinem Akt aufzublicken.
»Ah, ned? Na, was soll schon sein? Im schlimmsten Fall hamma Neuwahlen! Und?«
»Nein, David«, und jetzt legte Cerny seinen Stift weg, um sodann seinem Vorgesetzten direkt in die Augen zu sehen, »im schlimmsten Fall haben wir kein Parlament mehr. Wie seinerzeit in der Monarchie.«
»Ach was«, schnalzte Bronstein mit der Zunge und legte die Zeitung nieder. »Lass dir das von einem alten Hasen erklären, der schon die Zeit des Kurienwahlrechts miterlebt hat. Das ist alles nur Schauspiel! Die machen das absichtlich so dramatisch, damit dann alle nach der gütlichen Regelung der jeweiligen Angelegenheit sagen: ›Na, Gott sei Dank!‹ Als wäre Gott für die jeweilige Regierung und den Unsinn, denn sie anstellt, verantwortlich – oder auch nur für die überaus begrenzte Weisheit der Mandatare.«
»Na, ich weiß nicht …«
»Aber ich weiß. Als anno 97 die fünfte Kurie eingeführt wurde, haben die Politiker geschrien: ›Jetzt geht die Welt unter!‹ Und was ist passiert? Nix. Als zehn Jahre später das allgemeine Männerwahlrecht umgesetzt wurde, haargenau dasselbe. Na, und vor 14 Jahren das Frauenwahlrecht? Wieder: Weltuntergang und dann gar nix. Also glaub’ mir: so ein Parlamentskriserl ist nix als Theaterdonner.«
»Aber wenn man nach Deutschland …«
»Papperlapapp! Deutschland! Die Germanen sind ja ganz anders als wir. Das kannst gar nicht vergleichen. Die machen alles, was sie machen, mit deutscher Gründlichkeit. Entweder sie haben ein Parlament, dann regiert auch nur das. Oder sie haben keins, dann fackeln sie’s gleich ab. Bei uns ist immer alles lauwarm, bei uns heißt’s nicht ›entweder- oder‹, sondern immer ›sowohl als auch‹ oder zumindest ›wenn schon, dann aber‹. Die Deutschen, die haben dieses Marschall-Vorwärts-Denken. Bei uns geht immer alles schön gemütlich. Wirst sehen: gar nix wird passieren. Die setzen sich morgen z’samm, und am Abend werden s’ wieder verkünden, dass gestern eigentlich gar nix passiert ist. Würd’ mich nicht wundern, wenn das sogar der Renner selber sagt, und das nur, damit er wieder Präsident sein darf. Krise! Ha, wenn ich das Wort Krise nur hör’, dann krieg ICH die Krise. Dass ich ned lach’!«
»Du, ich weiß, wir sind Beamte und haben als solche quasi per definitionem unpolitisch zu sein, aber ich sag’ dir, der Dollfuß, der ist ein unguter Patron. Der wird nach Italien und, wer weiß, nach dem heutigen Wahltag in Deutschland auch dorthin schauen, und dann wird er sich sagen, was brauch’ ich ein Parlament. Da haben s’ einen Führer, dort haben s’ einen Führer, also bin ich ab sofort in Österreich der Führer.«
»Und warum, bitte schön, sollt’ der Millimeternich so etwas machen?«
»Weil er Neuwahlen fürchten muss wie der Teufel das Weihwasser. Wenn es jetzt bei uns Neuwahlen gibt, dann zerbröselt’s seine Koalitionspartner und wahrscheinlich auch seine eigene Partei, dann kommen die Nazis ins Parlament, und er kann seine Sachen packen und wieder in Niederösterreich Bauernbunddirektor spielen.«
Bronstein setzte eine skeptische Miene auf. Diese aber spornte Cerny zu weiteren Ausführungen an.
»Erinnere dich, wie das 1914 gewesen ist …«
»Da warst du noch keine …«
»Aber ich kann lesen, David. Auch wenn ich damals noch ein Dreikäsehoch war, so weiß ich doch, was damals alles passiert ist. Die Grund- und Freiheitsrechte wurden außer Kraft gesetzt, die Arbeitszeit auf 13 Stunden verlängert, Arbeitspausen und Sonntagsruhe abgeschafft, das Briefgeheimnis aufgehoben und, und, und. Und das alles unter dem Deckmantel eines vermeintlichen Staatsnotstandes. Was also soll den Dollfuß daran hindern, wieder von einer existenzgefährdenden Krise des Landes zu sprechen, die im Interesse der Sicherheit der Bürger solche Maßnahmen erforderlich mache? Er schwingt sich zum Diktator auf und lässt sich dabei noch als Retter des Vaterlandes feiern. DAS kann passieren, wenn es kein Parlament mehr gibt.«
»Cerny, Cerny! Du bist ein notorischer Schwarz-Seher. Kein Wunder bei deinem Namen übrigens. Aber ich sage dir, so heiß wird nix gegessen, egal, wie’s gekocht wird. Die spielen halt jetzt alle ein bisserl mit den Muskeln, und dann werden sie sich schon wieder beruhigen. Gerade, weil sie wissen, was geschehen kann, wenn man auf Konfrontation statt auf Ausgleich setzt. Damals haben s’ die Monarchie verspielt mit ihrer Starkmeierei. Glaubst du, die riskieren so etwas noch einmal?«
Cerny schwieg. Aber sein Gesichtsausdruck sprach Bände.
»Weißt was, schreib’ lieber deinen Bericht«, trug ihm Bronstein indigniert auf, »ich erfülle in der Zwischenzeit meine staatsbürgerliche Pflicht.«
»Was jetzt genau heißt?«
»Ich geh’ was essen.«
»Ah, und inwiefern ist das Erfüllung staatsbürgerlicher Pflicht?«
»Na, erstens nützt ein verhungerter Beamter niemandem, weil er seine amtlichen Obliegenheiten nicht erledigen kann, und zweitens kurble ich mit meiner Konsumation die Binnennachfrage an und stütze damit die heimische Volkswirtschaft.« Dabei grinste Bronstein breit.
»Das ist dir jetzt wieder peinlich, dass du solch unangenehme Arbeiten übernehmen musst, gell. Wenn’s da keine dienstliche Weisung gäb’ dafür, dann tät’st ja glatt hungern wie dieser indische Fakir da, der sich dauernd mit den Engländern anlegt.«
»Ach ja, der, der da dauernd irgendein Spinnradl dreht. Na, Cerny, keine Sorge, ich spinn’ nicht. Ich sage nur: Mahlzeit!«
»Ja, du mich auch.«
Bronstein war schon fast bei der Tür, als er sich noch einmal umdrehte: »Soll ich dir was mitbringen?«
»Du, nein danke, ich hab’ meine Vesper mit. Augsburger mit G’röste. Das passt schon. Aber danke, dass d’ g’fragt hast.«
Neun Tage später saß Bronstein müde und verspannt an seinem Schreibtisch und blickte auf eine ereignisreiche Woche zurück. Am Dienstag hatte Dollfuß tatsächlich erklärt, das Parlament habe sich selbst ausgeschaltet, weshalb nun die Regierung genötigt sei, alle Kompetenzen an sich zu ziehen, um die Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit zu gewährleisten. Cernys ›Hab ich’s nicht gesagt‹ hatte er an jenem Tag gebraucht wie den sprichwörtlichen Kropf. Er hasste es, wenn sein jüngerer Kollege recht hatte und er nicht. Der Kanzler berief sich dabei auf das sogenannte Kriegswirtschaftliche Ermächtigungsgesetz, das auf wundersame Weise den Untergang der Monarchie überlebt hatte. Diese Tatsache störte Bronstein gleichwohl wesentlich weniger als der Umstand, dass Cerny auf so erdrückende Weise recht behalten hatte.
Doch gar so leicht wollte die Opposition nicht klein beigeben. Der Dritte Präsident widerrief gleichsam seinen Rücktritt und stellte die Wiederaufnahme der Nationalratssitzung für den 15. März in Aussicht. Genau das schien die Regierung verhindern zu wollen, und genau deshalb war Bronstein verspannt. Wie alle anderen leitenden Beamten auch war er vom neuen Polizeipräsidenten Brandl zum Rapport befohlen worden. Was er dort erfahren hatte, schlug sich ihm nachhaltig auf den Magen.
»Schauen S’, Herr Kollege. Die Sache ist vertrackt«, war Brandls Beginn gewesen, »die Regierung hat natürlich g’hört, was die Opposition will. Sie steht aber auf dem Standpunkt, dass man einen Rücktritt nicht widerrufen kann, dass es also keine rechtliche Möglichkeit gibt, die Sitzung vom 4. dieses Monats legal fortzusetzen. Wenn sich also morgen irgendwelche Abgeordnete im Parlamentsgebäude treffen, dann ist das, sagt die Regierung, nichts als eine nicht genehmigte Versammlung, die ergo ex lege von der Polizei, also uns, aufgelöst werden muss.«
»Meinen Sie das auch, Herr Präsident?«, hatte Bronstein sanft Widerspruch signalisiert.
»Was ich mein’, ist da leider sekundär, Herr Kollege.« Ein leichtes Zucken umspielte den Mund Brandls. Dann beugte er sich leicht nach vorn und begann zu flüstern: »Ich hab’ mich eh ganz weit aus dem Fenster g’lehnt, als mir der Dollfuß aufgetragen hat, im Parlament Tabula rasa zu machen. Ich hab’ nämlich g’fragt, ob das eine Weisung ist. Da hat er z’erst g’schaut wie ein Maikäfer, wenn’s blitzt, und dann hat er so laut Ja gebrüllt, dass ich glaubt hab’, das Haus fallt z’samm. Und stellen S’ Ihnen vor«, und dabei grinste Brandl schief, »ich hab’ mich nicht umblasen lassen, sondern hab noch g’meint: ›Gut, die hätt’ ich dann aber gern schriftlich.‹ Na, mehr hab’ ich nicht ’braucht.« Er machte eine ebenso bedeutungsschwangere wie verschwörerische Miene und lehnte sich zurück.
»Und haben Sie sie gekriegt?«
»Was?« Brandl zeigte sich verwirrt.
»Na, die schriftliche Weisung.«
»Ach so. Ja. Aber fragen Sie nicht, wie ich jetzt dasteh’. Und darum müssen wir jetzt die Anweisungen der Regierung auch punktgenau befolgen. Und zwar mit Mann und Maus. Da gibt’s jetzt keine Extrawürscht mehr.«
Bronstein begann Übles zu schwanen. »Sie wollen, dass wir an der Verhinderung der Sitzung mitwirken?«
»Wollen? Von Wollen kann keine Rede mehr sein. Wir müssen! Und wie Sie sich vorstellen können, Herr Kollege, kann ich da jetzt nicht mehr den Bezirksinspektor Meier und den Revierinspektor Müller hinschicken, da müssen schon die Prätorianer ausrücken … Also unter anderen Sie, Herr Kollege.«
Bronstein starrte fassungslos auf den Präsidenten: »Herr Präsident, ich bin vom Mord. Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ich für so etwas …, ich mein’, … das geht doch nicht! Da können S’ mich ja gleich den Verkehr an der Opernkreuzung regeln lassen.«
Brandls Lächeln schlug nun ins Sardonische um: »Herr Kollege, das ist eine Weisung. Und die können S’, wenn S’ wollen, gerne schriftlich haben. Sie finden sich morgen um 14 Uhr vor dem Parlamentsgebäude ein. Die Leitung der Aktion hat der Kollege Steinhäusl als Leiter des Sicherheitsbüros. Bei dem melden Sie sich dort… Danke!«
In Brandls Büro waren die Temperaturen merklich gefallen. So frostig war es nicht einmal auf der Straße, und dass der Präsident Bronstein entließ, ohne ihm wenigstens einen guten Tag zu wünschen, ließ darauf schließen, wie verstimmt er war. Doch dieser Umstand bedrückte Bronstein weit weniger als der Hinweis, Steinhäusl würde der Kommandant vor Ort sein. »Ausgerechnet dieser Nazi«, dachte er angewidert, »das hat mir g’rad’ noch gefehlt.«
Aber Brandl, das musste Bronstein eingestehen, hatte recht. Weisung war Weisung, und wenn sie nicht mit der geltenden Gesetzeslage in Widerspruch stand, dann musste sie befolgt werden. Da gab es keinerlei Ermessensspielraum. Ob ihm das privat nun passte oder nicht, das war Nebensache. Er nickte, erhob sich und wünschte dem Präsidenten aufgeräumt einen guten Tag.
»Gleichfalls«, kam es schneidend zurück.
»Der Oasch, der!« Bronstein konnte nicht an sich halten und schimpfte wie ein Rohrspatz, kaum, dass er wieder bei Cerny in seinem Amtsraum war.
»Wer? Der Brandl?«
»Genau der! Macht dem Dollfuß den Stiefelknecht! Wir sollen morgen die Abgeordneten kassieren. So als wären die irgendwelche Schränker oder sonstige Bazi. Glaubt man das? Der Brandl muss narrische Schwammerl gessen haben.«
»Ich tät’ ihn nicht vorschnell verurteilen, den Brandl. Für seine Lage hält er sich ganz wacker«, erklärte Cerny.
»Ganz wacker? Weil er eine schriftliche Weisung verlangt hat? Na, a scho wos!«
»Nein. Weil er die Hahnenschwanzler genauso unter die Lupe nehmen lässt wie die Parlamentarier.«
»Ha?«
»Er hat erfahren, dass morgen der Fey in der böhmischen Hofkanzlei Hof hält. Dorthin sind Hunderte Heimwehrmänner hinbeordert, die offenbar dem Kanzler den Rücken stärken sollen, falls die Sozis sich ihre Demontage nicht schweigend gefallen lassen. Und damit der Ersatz-Mussolini gar nicht erst zum Zug kommt, sollen morgen Abordnungen der Wiener Polizei den Judenplatz und die Wipplingerstraße abriegeln. Das Kommando führt der alte Pamer, den der Präsident extra aus dem Ruhestand zurückgeholt hat… Mich haben sie auch dorthin eingeteilt.«
»Was? Wirklich? Na servas. Ich muss ins Parlament«, stöhnte Bronstein und beneidete Cerny um seine Aufgabe, die wesentlich weniger degoutant wirkte.
»Na ja, im Parlament wird’s wenigstens gefahrlos abgehen. Was am Judenplatz nicht so sicher ist«, gab Cerny zu bedenken.
»Das kann schon sein. Aber der Tag ist mir jedenfalls versaut. Und zwar gründlich.« Bronstein dämpfte energisch seine Zigarette aus und erhob sich. »Mir reicht’s für heute. Ich mach’ Dienstschluss. Sollen sie mich doch suspendieren, wenn’s ihnen nicht passt. Wir seh’n uns in der Früh. Servus.«
»Ja, servus.«
Bronstein mutmaßte eine kleine Weile, der Schweinsbraten liege ihm zu schwer im Magen und deswegen könne er nicht einschlafen. Doch bald gestand er sich ein, dass es die politischen Ereignisse waren, die ihn nicht ruhen ließen. Er konnte sich noch sehr gut an die Tage am Beginn der Republik erinnern, wo es allerorten geheißen hatte, nun werde alles anders. Das war wohl ein vorschneller Schluss gewesen. Oder auch nicht, denn es wurde tatsächlich alles anderes. Nur nicht besser, wie man es vielleicht erhofft haben mochte, sondern noch schlechter. Ob er sich am nächsten Morgen krank melden konnte? Nein, das würde ihm zu Recht als Feigheit ausgelegt werden. Er würde anrücken müssen, es führte kein anderer Weg nach Küßnacht, das stand fest. Und erneut erhob er sich aus seinem Bett, um ein weiteres Glas Wein zu trinken und noch eine Zigarette zu rauchen. Es dämmerte schon fast, ehe er endlich eingeschlafen war.
Dementsprechend verkatert war er am Morgen aufgewacht. Er hatte zwei Tassen Kaffee und fünf Zigaretten gebraucht, ehe er endlich in der Lage gewesen war, sich anzukleiden und die Wohnung zu verlassen. Mit mürrischer Miene bewegte er sich durch die Stadt, und mit einem Ausdruck des extremsten Widerwillens betrat er wenige Minuten nach 9 Uhr morgens das Büro.
Dort saß Cerny schon hinter dem Schreibtisch. »Die Regierung macht Ernst«, begrüßte er Bronstein, »die geben wirklich nicht nach. Die anderen übrigens auch nicht. Vor dem Parlament haben s’ in der Früh schon die Fahnen aufgezogen.«
»Das heißt, die Weisungen von gestern bleiben aufrecht?« Bronsteins letzte Hoffnung zerrann wie ein Schneemann in der Märzsonne.
»Schaut ganz so aus.«
»Na, servas! Ich glaub’, mir wird schlecht.« Bronstein verzog den Mund, als hätte er eben in eine Zitrone gebissen. »Ich brauch’ einen Magenbitter«, sagte er mit matter Stimme, »ich hab’ so ein flaues Gefühl im Magen.«
Nicht, dass er sich Sorgen machte, es könnte in den hehren Hallen für ihn gefährlich werden. Dazu waren die Sozialdemokraten viel zu gesittet. Noch vor einer Woche hatten sie die Muskeln spielen lassen, hatten auf das Versammlungsverbot der Regierung, das diese auf Basis des Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes erlassen hatte, mit 73 Versammlungen in ganz Wien reagiert. Doch dann waren die Sozis ganz brav in ihren Sektionen geblieben und hatten auf ›geschlossene Veranstaltung‹ gemacht, um jeden Konflikt von vornherein zu vermeiden. So würde es wohl auch bei der Sitzung des Nationalrates abgehen. Immer noch appellierten die Roten an die Schwarzen, diese mochten sich doch bitte an die Spielregeln halten. Doch Letztere zeigten mit jedem Tag mehr Entschlossenheit, der Demokratie den Garaus zu machen. Vergeblich beriefen sich die Sozialdemokraten auf die Verfassung, aber die hatte in den Augen ihrer Gegner ihre Schuldigkeit längst getan. Genauso gut hätten sich Renner, Bauer und Konsorten auf das Februarpatent Kaiser Franz Josefs beziehen können. Noch am Samstag hatten sich die Genossen im Arbeiterheim in Favoriten wechselseitig den Schwur abgenommen, die Freiheit und die Verfassung zu verteidigen, aber Bronstein war sich sicher, zuerst würden sie bei der Regierung um Erlaubnis fragen, selbiges tun zu dürfen. Und wenn dann das erwartete Nein kam, dann würde die Wiener Arbeiterschaft einfach mit den Schultern zucken und meinen, es habe eben nicht sein sollen.
Doch berechtigte diese kleinmütige Haltung der parlamentarischen Opposition auch ihn, Bronstein, dazu, auch die Verfassung zu vergessen? Er wusste selbst nicht, weshalb ihm mit einem Mal nach vielen Jahren wieder Jelka einfiel. Die hatte ihm immer wieder gesagt, das eigene Gewissen stehe über allem Recht, und wenn das Recht zweifelhaft sei, dann wäre es die Verpflichtung des einzelnen, es zu ignorieren. Lex dubia non obligat, hatte sie dabei einmal einen Jesuitengeneral zitiert, was ihn, Bronstein, naturgemäß über alle Maßen amüsiert hatte, dass nämlich eine Kommunistin Anleihen bei einem Katholiken nahm. Doch sie hatte damals nur lächelnd gemeint, dass Jesus, würde er heute auf Erden wandeln, das Mitgliedsbuch der Kommunistischen Partei in seiner Tasche trüge.
Quälend langsam vergingen die Stunden bis zum Mittag. Weder Cerny noch Bronstein war nach Reden und so gingen sie beide stumm einer Beschäftigung nach. Cerny arbeitete alte Akten auf, Bronstein rauchte eine Zigarette nach der anderen und starrte dabei zum Fenster hinaus.
Wie hatte es überhaupt so weit kommen können? Gerade einmal eineinhalb Jahrzehnte war es her, dass alle politischen Kräfte voller Enthusiasmus die Republik begrüßt hatten. Mehr noch als Staatsoberhaupt und Regierung war das Parlament die Zierde des neuen Staates. Und jetzt sollte das alles nicht mehr zählen? Hatten denn alle vergessen, wie schwer Rote und auch Schwarze seinerzeit um das Recht gerungen hatten, im Hohen Hause mitwirken zu dürfen, damit dieses eine wahre Volksvertretung werde? Nicht nur die Begründer der Sozialdemokratie, auch ihre heutigen Gegner, die Christlich-Sozialen, waren einst Verfemte gewesen. Sollte diese Erfahrung die beiden Lager nicht weit eher einen als trennen? Und sah man nicht gerade in diesen Tagen in Deutschland, wohin solcher Parteienhader führte? Ob er sich nicht doch besser krank melden sollte?
»Auf geht’s!« Zu Bronsteins großer Überraschung hatte sich Steinhäusl höchstselbst in der Kantine eingefunden, um alle ihm zugeteilten Beamten persönlich einzusammeln. Bronstein rang noch einen kleinen Moment mit sich, ob er sich der Einberufung widersetzen sollte, doch als er sah, wie Dutzende andere Kriminalbeamte wortlos aufstanden und dem Leiter des Sicherheitsbüros willig folgten, da war es auch um seinen Mut geschehen. Umständlich tupfte er seinen Mund mit der Serviette ab, dann nickte er Cerny mit trauriger Miene zu, ehe er sich dem Zug der Steinhäusl-Kompanie anschloss.
Als sie die Treppen zum Ring hinuntermarschierten, überschlug er die Zahl der hier eingesetzten Kollegen und kam auf knapp hundert Mann, die sich nach rechts wandten, um über die Währinger Straße zur Universität zu gelangen. Gleich danach passierte der Trupp den Rathauspark, und schon kam das Parlament ins Blickfeld. Tatsächlich wehten vor den Toren die Fahnen, die das Abhalten einer Sitzung signalisierten, und Bronstein fragte sich, ob sich wirklich Deputierte in den Hallen finden würden. Über die Rampe zog der Zug der Kriminalisten in die Säulenhalle ein und wandte sich dort nach links, um zum Sitzungssaal des Nationalrates zu gelangen. Instinktiv griff Bronstein nach seiner Taschenuhr. Zwei Minuten nach zwei Uhr nachmittags.
Gedämpfter Lärm drang durch den schmalen Gang, und unwillkürlich sah Bronstein auf. Tatsächlich, eine namhafte Gruppe von Mandataren schickte sich eben an, den Plenarraum zu betreten. Steinhäusl hatte in der Zwischenzeit die Hälfte seiner Leute diverse Ausgänge besetzen lassen und befahl einem weiteren Dutzend, in der Säulenhalle Aufstellung zu nehmen. Mit gut 30 Kollegen sah sich Bronstein nun vor der großen Türe zum Präsidium stehen, die weit offen stand. Er schob sich an einigen Beamten vorbei und warf einen Blick in das Plenarrund. Die Reihen der Roten waren fast vollzählig gefüllt, und auch auf der rechten Seite blieb kaum ein Stuhl leer. Steinhäusl gab hektisch diverse Befehle, während sich Bronstein an den Türrahmen lehnte. Direkt unter seinen Augen huschte ein Mann vorbei, in dem er den Abgeordneten Forstner erkannte. Freundlich nickend zwinkerte er ihm zu, wobei er ansatzweise mit den Schultern zuckte. Forster, der seinerseits Bronstein erkannte, erwiderte die Geste und sah zu, dass er zu seinem Sitzplatz kam. Plötzlich öffnete sich die Pforte zum ehemaligen Speisesaal, und Bronstein wurde der Abgeordneten Gabriele Proft ansichtig. Mit einer galanten Bewegung seiner rechten Hand ließ er auch sie durch. Just in diesem Augenblick, die Proft nahm gerade die letzte Stufe hinab zur Rostra, fiel Steinhäusl auf, was hinter seinem Rücken vorgegangen war.
»Sind Sie komplett verblödet, Mann? Wir sollen die Sitzung verhindern, nicht ermöglichen!« Bronstein bemühte sich um einen dämlichen Gesichtsausdruck und zuckte abermals mit den Schultern. Steinhäusl setzte zu einem Schreianfall an, doch Bronstein nickte über dessen Kopf hinweg in Richtung des Ganges. Dort kamen der Wiener Bürgermeister und einer seiner Stadträte herbeigeeilt.
»Halt! Hier gibt es kein Durchkommen!«, belferte Steinhäusl und verhinderte, dass Seitz mit seinem Kompagnon in den Saal gelangte.
»Junger Mann, ich war schon unter dem Kurienwahlrecht Abgeordneter. Da werd’ ich mir jetzt nicht den Zutritt zum Plenum verbieten lassen«, entgegnete Seitz mit nasalem Schönbrunner Deutsch und schickte sich an, Steinhäusl zu passieren. Steinhäusl, der fünf Tage zuvor feuchtfröhlich seinen 54. Geburtstag gefeiert hatte, blieb die Luft weg. »Was … erlauben Sie … sich?« Er trat eilig drei Schritte zurück, um sich Seitz erneut in den Weg stellen zu können. »Das hier ist eine … untersagte Kundgebung. Sie … dürfen nicht …!«
»Wer sagt das?«
Automatisch zückte Steinhäusl die schriftliche Weisung, die Brandl von Dollfuß erhalten und an Steinhäusl weitergereicht hatte. Wie selbstverständlich nahm sie Seitz an sich, betrachtete sie kurz und meinte dann: »Sehr schön. Das geb ich dem Präsidenten! Das wird Folgen haben, mein Lieber. Darauf können S’ Gift nehmen!« Sprach’s und ließ den entgeisterten Steinhäusl stehen. Der brauchte einige Atemzüge, bis er sich wieder gefangen hatte. »Rote … Judensau!«, brüllte er.
»Entschuldigung, Herr Hofrat«, mischte sich Bronstein ein, »der Seitz, der ist kein Jude!«
»Wer a Jud’ ist, bestimm’ i.«
»Lueger.«
»Wos?« Abermals war Steinhäusl verwirrt.
»Das hat der Lueger g’sagt. Das mit dem Juden.«
Erneut schnappte Steinhäusl nach Luft. Für einige Sekunden wirkte er wie ein Fisch auf dem Trockenen, so hektisch öffnete und schloss sich sein Mund. »Aus meinen Augen … Sie … Missgeburt!«, schrie er so laut, dass die anderen Beamten zusammenzuckten. Bronstein zuckte zum dritten Mal mit den Schultern und begab sich beinahe schlendernd zum Seiteneingang des Plenarsaals. Von seinen Kollegen unbehindert, trat er durch die Pforte und befand sich mit einem Mal unmittelbar hinter den großdeutschen Mandataren. Präsident Straffner begründete, weshalb er sich im Recht wähnte und kündigte sodann, die Weisung des Kanzlers effektvoll durch den Raum schwenkend, an, wegen Versuchs einer gewaltsamen Verhinderung der Sitzung des Nationalrates Anzeige gemäß Paragraph 76 StGB erstatten zu wollen. Unmittelbar danach erklärte er die Sitzung für geschlossen, und beide Ränder des Halbkreises erhoben sich, um mehrmals »Hoch die Verfassung!« zu rufen. Bronstein kam gar nicht mehr dazu, in den Gesichtern der Anwesenden zu lesen, denn in atemberaubender Geschwindigkeit leerte sich die Örtlichkeit, und ehe er es sich versah, war er allein in dem geschichtsträchtigen Gemäuer. Er ließ seinen Blick über die Statuen griechischer Philosophen schweifen, dann zuckte er zum vierten Male mit den Schultern und trat schließlich auch auf den Gang.
Als er zwei Stunden später wieder in seinem Büro eintraf, war von Cerny keine Spur zu finden. Bronstein meinte denn auch, für einen Tag genug getan zu haben, und verließ das Amt umgehend. Der Heimweg erwies sich als erstaunlich lang, denn vom ›Kupferdachl‹ über das ›Central‹ und das ›Herrenhof‹ bis zur ›Bierklinik‹ machte er in jedem Lokal Station, das sich zwischen seiner Arbeits- und seiner Schlafstelle befand. Am nächsten Morgen konnte er sich auch beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, wie er in sein Bett gefunden hatte.
Mit hämmernden Kopfschmerzen sank er auf seinen Bürostuhl.
»Und?«, fragte er Cerny unter Aufbieten aller Kräfte, »wie war’s bei euch?«
»Du glaubst es nicht. Der Brandl hat das wirklich durchgezogen. Wir überbrachten der Heimwehr die Aufforderung, sofort das Gebäude zu räumen, und die haben sich tatsächlich zurückgezogen.«
»Einfach so?«
»Einfach so!«
Bronstein nickte.
»Aber hast schon g’hört, was heute passiert ist?«
»Nein, was denn?«
»Der Brandl ist glatt pensioniert worden. Buchstäblich von heut’ auf morgen. Der Dollfuß hat so einen Haßn auf ihn, dass er ihn via Bundespräsident sofort in den Ruhestand hat versetzen lassen!«
»Der ist doch erst 58!«, entfuhr es Bronstein.
»Weißt eh, wie’s ist. Das Alter ist wurscht, wenn’s um die Politik geht.«
»Na ja, a scho wos!«
»Sag das ned. Wer weiß, wer jetzt kommt… Und vor allem: Wer weiß, was jetzt kommt.«
»Was soll schon kommen? Alles bleibt, wie’s ist.«
Bronstein bemühte sich redlich, Bestimmtheit in seine Stimme zu legen. Doch er wusste genau, dass die letzten beiden Sätze nicht der Wahrheit entsprachen. Aber darüber wollte er nicht nachdenken, denn sonst hätte er sich unweigerlich erneut die Frage stellen müssen, wie es überhaupt so weit hatte kommen können. Diese 14 Jahre, sie waren buchstäblich wie im Flug vergangen, und in der Rückschau wirkte 1919 wie Ostern und Weihnachten gleichzeitig. Damals hatten alle euphorisiert gewirkt, so als hätte der berühmte Onkel aus Amerika ihnen gerade eine Millionenerbschaft vermacht. Selbst er war von der neuen Republik begeistert gewesen – zumindest so lange, bis ihm Jelka abhanden gekommen war. Jelka! Merkwürdig, dass er plötzlich und unvermutet zum zweiten Mal innerhalb von 24 Stunden an sie denken musste. Vielleicht, wenn alles anders gekommen wäre, dann säße er heute gleich Cerny als Familienvater an seinem Schreibtisch, doch so besaß er nichts außer seinen Erinnerungen. Und die waren auch schon reichlich trübe. So trübe wie die Zukunftsaussichten.
»Was hast denn? Du schaust so komisch drein«, fragte Cerny in die entstandene Stille.
»Ach, ich glaub’, ich muss g’rad ein bisserl sentimental werden. Kümmere dich einfach nicht darum.«
1919: Entscheidung
in der Hörlgasse
»Jetzt gehst du aber zu weit!« Bronstein beugte sich über den Tisch und sah Jelka direkt an. »Du kannst doch nicht ernsthaft behaupten, das Heute wäre genauso schlimm wie das Gestern! Kannst du dich nicht mehr daran erinnern, wie das vor dem Kriegsende war?«
Bronstein war des ewigen politischen Zanks eigentlich leid, denn Jelka, so sehr er sie auch liebte, vermieste ihm mit ihren agitatorischen Tiraden ein ums andere Mal den Tag. Hinter allem und jedem sah sie eine Verschwörung wider das Volk, jeder Schritt vorwärts bedeutete für sie einen Rückschritt, weil mindestens zwei oder drei Schritte nach vor hätten gemacht werden müssen, und über all dem thronte die grundlegende Erkenntnis, dass sich ohnehin nichts geändert habe und eine Herrschaft so widerwärtig sei wie die andere.
»Deine eigenen Leute«, begann Bronstein von Neuem, weil er Jelkas Sätze nicht unbeantwortet im Raum stehen lassen wollte, »wären in der Monarchie samt und sonders hinter Kerkermauern verschwunden, wo man, so nebenbei bemerkt, dafür gesorgt hätte, dass sie, wenn sie nicht ohnehin verrotteten, von irgendwelchen gedungenen Schlägern gebrochen werden. Jetzt kann jeder seine Meinung sagen! Jetzt herrscht Demokratie, jetzt sind wir alle gleichermaßen frei.«
»Das glaubst du doch selbst nicht«, schnaubte Jelka, und ihre Wangen glühten in jenem Rot, das auch die Fahnen ihrer Partei zierte. »Dass wir heute demonstrieren dürfen, liegt doch nur daran, dass sich die Bourgeoisie vor uns fürchtet. Nicht vor dir oder mir natürlich, sondern vor der Masse, die sie im Augenblick nicht kontrollieren kann. Aber glaube mir, sobald die Herrschenden wieder Oberhand gewonnen haben, ist es vorbei mit deiner Freiheit und deiner Demokratie.«
»Aber wieso«, Bronstein machte eine Geste, die sein Unverständnis unterstreichen sollte, »das ist doch gerade das Geniale an der Demokratie. Genau solche Tendenzen kann man durch entsprechendes Engagement von vornherein im Keim ersticken.«
»Aber geh«, Jelka winkte ab, »wie soll denn das gehen, bitte schön?«
»Na, indem man sich auf die Hinterbeine stellt«, beharrte Bronstein.
»Ah, du tätst das machen?«
»Wenn ich davon überzeugt wäre, dass etwas falsch läuft, sicher!«
Jelka lächelte milde: »Dann ist also in der Monarchie doch nichts falsch gelaufen?«
»Wie meinst jetzt nachher das?«
»Ich kann mich nicht erinnern, dass du dich vor 1918 auf die Hinterbeine gestellt hättest!«
Bronstein schluckte. Damit hatte Jelka nicht unrecht. Er suchte nach einer Erklärung: »Ja, damals«, fing er umständlich an, »da war ich ja noch dumm und unwissend. Heute würde mir so etwas nicht mehr passieren.«
Jelka legte den Kopf schief und sah Bronstein lange an: »Du glaubst das sogar, gell?!«
»Ja, sicher«, übte er sich in Überzeugung.
»Noch ehe der Hahn dreimal kräht …«
»Was soll das jetzt?« Bronstein spürte, wie er ernsthaft zornig wurde.
»Ich sag’ dir was: wenn es darum geht, ob irgendein Missstand fortbesteht oder deine Karriere, dann wirst du dich immer für Letzteres entscheiden. Und – Moment, lass mich ausreden – das nehme ich dir auch gar nicht übel. Jeder würde so entscheiden. Aber genau deshalb sind Revolutionen bisher immer gescheitert. Man macht ein kleines, scheinbar unbedeutendes Zugeständnis hier, toleriert einen angeblich vernachlässigbaren Missstand da, und ehe man es sich versieht, ist man selbst Teil des Sumpfes, der einst Monarchie gerufen wurde und sich jetzt Demokratie nennt. Und das Faszinierende daran: das geschieht ganz schleichend. Du merkst es selbst gar nicht, hältst dich immer noch für ehrlich und integer. Aber in Wirklichkeit bist du längst schon Teil des Krebsgeschwürs, welches das Volk zerfrisst. Denn das Sein, David, bestimmt das Bewusstsein. Wer der Herrschaft dient, ja, wer ihr auch nur gefallen will, der ist selbst Teil der Herrschaft – und damit ein Übel für das Volk.«
Bronstein schlug mit der flachen Hand auf den Tisch: »Jetzt reicht’s aber. Das muss ich mir nicht sagen lassen. Ich habe noch nie etwas getan, wozu ich nicht stehen konnte.«
»Vielleicht noch nicht. Aber dann kannst du auch nicht wissen, wie du reagieren würdest, wenn du vor eine solche Entscheidung gestellt würdest.«
Bronstein unterdrückte einen Fluch.
»Erinnere dich an den Gründonnerstag«, fuhr Jelka fort, »da haben Arbeitslose vor dem Parlament demonstriert, und deine Kollegen haben die Menge zusammenschießen lassen.«
»Ja, weil sie das Parlament abfackeln wollten, das ist ja etwas völlig anderes«, brauste Bronstein abermals auf, »da muss man natürlich einschreiten. Aber das hat ja auch nichts mehr mit Demokratie zu tun… Die haben sogar die Pferde der berittenen Truppe getötet«, fügte er mit bitterem Ton hinzu.
»Die an Ort und Stelle von Passanten verspeist wurden, weil in deiner Demokratie ja für alle Milch und Honig fließen.«
»Du weißt genau, dass das der Hinterlassenschaft der Monarchie geschuldet …, ach was, das wird mir jetzt zu blöd. Ich stell mich da nicht länger hin!«
Er stand auf und trat in den Flur, um sich ausgehfertig anzukleiden: »Wir sehen uns«, rief er in die Küche, »wennst wieder runtergekommen bist von dem Baum, den du da aufgestellt hast.«
»Ja, aber nur, wenn deine Kollegen mich lassen!«
Bronstein ging noch einmal in die Küche zurück: »Was soll das schon wieder heißen?«
»Das soll heißen, dass wir heute, wie du es nennst, demonstrieren. Und dann werden wir ja sehen, wo du mich sehen wirst: hier, im Kriminal, im Leichenschauhaus …, alles ist möglich!«
»Weißt was? Du kannst mir den Hobel ausblasen mit deinen ewigen Provokationen! Ich geh jetzt ins Büro. Weil, ein ehrlicher Mensch hat eine ehrliche Arbeit. Der hat keine Zeit zum Demonstrieren!« Ohne eine Antwort abzuwarten, trat er in den Gang und knallte die Tür zu.
Wie immer, wenn er sich mit Jelka gestritten hatte, fühlte sich Bronstein den ganzen Tag über hundeelend. Am liebsten hätte er alles liegen und stehen gelassen, um zu ihr zu laufen und sich für seine Worte zu entschuldigen. Aber Dienst war Dienst, und da gab es keinen Gewissensspielraum, der es einem erlaubte, selbigen für private Obliegenheiten zu ignorieren. Ob es da wirklich eine Demonstration gab?
Bronsteins innere Unruhe wuchs mit jeder Minute, die sein Körper an den Schreibtischsessel geschraubt war. Schließlich ertrug er es nicht länger und griff zum Telefon. Er ließ sich mit dem staatspolizeilichen Büro verbinden, wo er nach Hofrat Pataki verlangte, den er von früher gut kannte.
»Sag«, begann er vorsichtig, »weißt du irgendetwas von einer Kommunistendemonstration heute?«
»Da schau her, David. Wer hat dir denn das geflüstert? Bist ja gut informiert!«
»Na, so gut auch wieder nicht, wie du merkst. Sonst müsste ich ja nicht nachfragen.«
Pataki lachte kurz, um sofort wieder ernst zu werden. »Ehrlich, David, die G’schicht’ ist kein Spaß. Wir haben seit dem 12. dieses Monats Hinweise darauf, dass die Kommunisten putschen wollen. Du, ich sag dir’s, wenn die Sozis nicht wären, hätten wir keine Chance gegen die. Aber auf die Roten ist Verlass. Der Bauer und der junge Adler, die haben ihre Leut’ im Griff, und wenn einer von denen sagt: Fass, dann schnappen die nach allem, was sich bewegt. G’rad so, wie’s ihre Parteiführung will. Und um ganz sicher zu gehen, dass auch ja nix g’schieht, haben wir in der Nacht von gestern auf heute die kommunistischen Führer prophylaktisch in Gewahrsam genommen.«
»Ihr habt sie verhaftet?«
»Ja, praktisch die ganze Leitung. Uns ist kaum wer entwischt. Ja, dein Spezi Kisch, der hat sich rar gemacht, und so ein rothaariges Flintenweib ist uns auch durch die Lappen gegangen. Die dürfte was g’wusst haben, denn sie war weder bei sich zu Hause noch sonst wo in einer der bekannten Wohnungen.«
Bronstein fühlte, wie sein Mund trocken wurde.
»Stell dir vor«, lachte Pataki in den Apparat, »der Seidenbast, weißt eh, der alte Schrull vom Koat 1, hat noch g’meint, die hat sich sicher einen Beschützer ang’lacht, bei dem s’ Unterschlupf g’funden hat. Aber so wichtig ist die auch wieder nicht. Welcher Revoluzzer hört schon auf eine Frau? Die wirklich Wichtigen, die haben wir alle eingekastelt!«
»Verhaftet? Einfach so?«, fragte Bronstein, als er seine Sprache endlich wiedergefunden hatte.
»Schau«, sagte Pataki, »das ist ja alles Politik, nicht wahr. Wir machen nur, was die Politiker uns auftragen. Das war schon immer so, und das wird wahrscheinlich auch immer so sein.«
»Ja, ja, das weiß ich eh, aber einfach so, ohne irgendeine Grundlage? Da muss doch zumindest irgendein Verstoß vorliegen. Und zwar ein so gravierender, dass er eine Arretierung rechtfertigt.«
»Da hast schon recht«, pflichtete ihm Pataki bei, »und den gibt es ja auch.«
»Ah so?« In Bronsteins Stimme schwang eine gewisse Skepsis mit, die gleichwohl Pataki nicht zu beeindrucken schien. »Die Kommunisten«, erläuterte dieser, »haben Flugblätter verteilt, in denen sie zum bewaffneten Umsturz aufrufen. Das ist natürlich, wie du nur zu gut weißt, in höchstem Ausmaß illegal. Ein sogenanntes Revolutionäres Soldatenkomitee, hinter dem klarerweise die kommunistische Führung steckt, hat alle Wehrmänner der Volkswehr aufgefordert, samt ihrer Bewaffnung heute auf die Straße zu gehen.«
Heute!
Bronstein wurde blass. Davon musste Jelka gesprochen haben. Es konnte keinen Zweifel geben. Das war die Demonstration, an der sie, zumal sie ja der geplanten Verhaftung entgangen war, teilnehmen wollte. Und offensichtlich waren die Behörden bestens informiert. Jelka und ihre Genossen würden ins offene Messer laufen. Bronstein spürte, wie sein Herz schneller zu schlagen begann.
»Aber wir sind ja auch nicht von gestern, gell«, fuhr Pataki derweilen fort, »der Bauer persönlich hat sich mit dem Präsidenten ins Einvernehmen gesetzt, um alle nötigen Schritte in die Wege zu leiten, damit wir diesmal nicht wieder mit runtergelassenen Hosen erwischt werden wie damals im April.«
Bronstein wusste naturgemäß wie jeder in der Exekutive, dass die Geschichte vom Gründonnerstag die Polizeioberen immer noch wurmte, und nicht wenige sannen buchstäblich Tag und Nacht auf Revanche. Bronsteins Angst um Jelka wurde darob nicht geringer. »Vor allem arbeiten wir diesmal geradezu vorbildlich mit den Sozis zusammen«, unterstrich Pataki das bisher schon Gesagte. »Der Deutsch vom Arbeiterrat hat extra loyale Einheiten auf die 41er angesetzt, damit die auf keinen Fall einen Blödsinn anstellen können.«
Bronstein kannte die ›41er‹. Das war die Truppe von Leo Rothziegel gewesen, bei der sich auch sein Freund Egon Erwin Kisch herumgetrieben hatte, ehe ihm offenbar das Pflaster in Wien zu heiß geworden war.
»Aber stell dir vor, das hat den Sozis nicht gereicht. Der Eldersch hat unsere Behörde amtswegig angewiesen, alle bekannten Führer der KP zu verhaften. Und du weißt, was das heißt: Weisung ist Weisung, ganz besonders, wenn sie vom Minister kommt.«
Bronstein bezweifelte, dass eine solche Maßnahme mit dem geltenden Recht in Einklang zu bringen war, denn sogar in der Monarchie hatte es eines konkreten Vorwurfs an eine Person bedurft, um diese in Arrest nehmen zu können, doch keinesfalls bezweifelte er, dass ein Minister jederzeit bereit war, das Recht in seinem Sinne zu beugen.
»Wenn die heute also wirklich losmarschieren«, lautete inzwischen Patakis Resümee, »dann sind sie in jedem Fall führerlos, und so sollte es uns ein Leichtes sein, mit ihnen fertig zu werden.«
Ja, damit konnte er recht haben, der Pataki, dachte Bronstein. Instinktiv griff er sich an die Brust und versuchte, seine Atemfrequenz wieder unter Kontrolle zu bringen. Eigentlich wollte er Pataki noch fragen, für wann die Demonstration angesetzt war, doch er fühlte, dass ihm seine Zunge nicht länger gehorchen würde.
»Aha«, lallte er. Er hielt kurz den Hörer zu, sog lange und tief Luft ein, dann zwang er sich noch einmal zur Ruhe. »Ich dank’ dir schön. Das war’s auch schon.« Die letzten Worte hatte er regelrecht zwischen den Zähnen hervorgepresst.
»Na hallo, hallo, ned so gach!«, hörte er Pataki am anderen Ende der Leitung rufen. »Wozu willst denn das alles überhaupt wissen?«
»Ach, nur eine Anfrage von oben. Weißt eh, wie’s ist. Alsdern, danke und servus.«
Noch ehe Pataki abermals reagieren konnte, hängte Bronstein ein.
Er ließ seinen Körper zurück auf die Sessellehne plumpsen und fiel förmlich in sich zusammen. Jelka schwebte in höchster Gefahr, er musste sie unbedingt aus der Schusslinie bekommen. Nur, wie sollte er das bewerkstelligen? Er wusste ja nicht einmal, wo sie war.
Er sah sich zur Tatenlosigkeit verurteilt, und das war jener Zustand, den er am meisten hasste. Jeder Versuch, sich abzulenken, war in solchen Momenten von vornherein zum Scheitern verurteilt. Und dass er das Unabänderliche einfach hingenommen hätte, lag ohnehin jenseits jeder Vorstellung. Den grausamen Wechselfällen des Schicksals wehrlos ausgeliefert zu sein, erschien ihm wie eine schwere Erkrankung, und die einzige Medizin, die ihre Symptome wenigstens teilweise zu lindern vermochte, war hochprozentiger Alkohol.
Bronstein fuhr hoch, verließ fluchtartig sein Büro und stürzte sich förmlich in die Kantine, die ob der Uhrzeit nahezu völlig verwaist war.
»Schani, an Doppelten, aber schnell a no«, keuchte er.
»Ja, was ist denn dir g’scheh’n, dass d’ dich gar so echauffierst?« Verwundert studierte Johann, der Kantinenwirt, Bronsteins Äußeres auf der Suche nach besorgniserregenden Anzeichen.
»Ah, nix, schlecht is’ mir. Ich glaub’, das Beuschel gestern war nimmer ganz astrein«, log Bronstein.
»Wenn’s wirklich ein Beuschel war, dann sicher ned«, replizierte Johann, »wer kriegt heutzutag’ schon ein Beuschel? Wenn, dann haben s’ das irgendwo in Schönbrunn g’funden, wo’s von der Sisi im 97er Jahr z’ruckg’schickt worden ist.« Dabei lachte der Wirt glucksend.
Innerlich musste ihm Bronstein beipflichten. Wie war er nur auf Beuschel gekommen? In den letzten fünf Jahren hatte er derlei nicht einmal mehr in einem Druckwerk gesehen, geschweige denn in natura. Eine blödere Ausrede war ihm wohl nicht eingefallen.
Zu seinem Glück war’s Johann egal, und so stand wenige Sekunden später ein doppelter Slibowitz auf der Schank.
»Dank dir recht«, murmelte Bronstein und steuerte einen der Tische an, um nicht länger mit dem Wirt Konversation machen zu müssen. Umständlich kramte er sein Zigarettenetui aus dem Inneren seines Sakkos, fingerte mit zittriger Hand einen Glimmstängel heraus und steckte ihn an. Der Rauch beruhigte ihn einigermaßen. Gleich danach kippte er den Schnaps in einem Zug hinunter, und erstmals seit dem morgendlichen Streit mit Jelka wich dieses flaue Gefühl in seinen Eingeweiden. Ein Glaserl noch, und er würde direkt in der Lage sein, sich ein klein wenig zu entspannen, der katastrophalen Lage zum Trotz.
»Heute geben wir’s ihnen«, hörte er einen der Uniformierten am Nebentisch sagen.
»Genau! Dieses Mal erwischen wir sie, und nicht sie uns. Und wir erwischen sie mitten zwischen den Augen.«
Und schon war dieses flaue Gefühl wieder da. Möglichst unauffällig drehte er sich nach den Sprechern um. An dem Tisch saßen drei Polizisten, vor ihnen befanden sich drei Bier, was Bronstein ob seines Slibowitz’ nicht verurteilen wollte. Doch schon auf den ersten Blick erkannte er das ungute Flackern in den Augen der Wachmänner. Kein Zweifel, da war jemand auf Rache aus.
»Sechs von uns haben die Hundling am G’wissen. Und das zahlen wir ihnen heute heim«, bestätigte der erste Uniformierte Bronsteins Verdacht.
Er erinnerte sich. Am Gründonnerstag waren an die 30 Demonstranten, aber eben auch sechs Polizisten Opfer der Gewalttätigkeiten rund um das Parlament geworden. Offensichtlich hatte die Sicherheitswache diese Tatsache noch nicht vergessen.
Es ging also um Vergeltung. Schon den großen Krieg hatte man geführt, weil man nach Rache schrie. Und alle Welt hatte gesehen, wohin eine solche Haltung führte. War die Welt denn immer noch nicht klüger geworden?
»Also es bleibt dabei«, schwor der Rädelsführer seine Kollegen ein, »es wird scharf g’schossen, egal, was die Großkopferten sagen.«
Plötzlich blickte er direkt auf und fixierte Bronstein. Offensichtlich war ihm erst jetzt aufgefallen, dass seine kleine Ansprache belauscht worden war.
»Is’ wos?«, fragte er in aggressivem Ton in Bronsteins Richtung.
»Na, eh nix«, wiegelte dieser ab, »haut’s es den Kummerln ane eine?«
Der Polizist traute ihm sichtlich nicht.
»I war damals a dabei«, würgte Bronstein mühsam hervor, »beim Parlament… Volkswehr! Den Wastl, der was mein Habarer is’, haben s’ mir damals z’samm’g’schoss’n. Der kann heut noch nicht g’rad’ geh’n.«
Bronstein war ehrlich überrascht, wie leicht ihm das Lügen neuerdings von der Hand ging. Wenn er so weitermachte, konnte er glatt Politiker werden.
Der Polizist musterte ihn abschätzend. Schließlich schien er zu dem Schluss zu kommen, ihm trauen zu können.
»Bist a Kriminaler, gell?«, fragte er.
»Ja«, entgegnete Bronstein.
»Und? Hast g’rad’ was vor?«
»Na.«
»Na, dann komm mit. Wir geh’n jetzt in die Hörlgassen. Dort rotten sich diese Gfraster z’samm’. Da wirst Gelegenheit bekommen, deinem Wastl die offene Rechnung zu begleichen.«
Bronstein dämpfte die Zigarette aus und stand auf: »Na dann, gemma’s an.«
Die anderen taten es ihm gleich. Gemeinsam verließen sie erst die Kantine, dann das Gebäude, und Bronstein erstaunte die Ruhe, die er dabei an den Tag zu legen vermochte.
Die Sonne heizte, wie es sich für einen 15. Juni gehörte, die Pflastersteine auf, und unwillkürlich kniff Bronstein die Augen zusammen. Sie waren noch keine 50 Meter gegangen, als undefinierbarer Lärm zu ihnen drang. An der nächsten Ecke angekommen, sahen sie sich Tausenden Menschen gegenüber, die für das Getöse verantwortlich waren. Bronstein erkannte vereinzelte Schilder, auf denen Botschaften wie ›Freiheit für Hexmann‹ oder ›Lasst Steinhardt frei‹ zu lesen standen, und fragte sich, wie er in diesem Gewühl Jelka finden sollte.
Vom Ring und vom Kai fluteten Einheiten der sozialdemokratischen Stadtschutzwache herauf, die sich anschickten, die Kommunisten in die Zange zu nehmen. Unwillkürlich musste Bronstein an den November des Vorjahres zurückdenken, als er Jelka gerade noch hatte retten können. Würde ihm das diesmal auch gelingen? Er bezweifelte es.
Wäre er nicht so in Sorge um seine Freundin gewesen, er hätte beinahe lachen mögen. Die Historie bewies doch beachtlichen Sinn für Ironie: just jene, die noch vor zehn Jahren von den Repräsentanten der Monarchie niederkartätscht worden waren, schickten sich nun an, ihrerseits Andersdenkende gewaltsam zu unterdrücken. Vielleicht hatte Jelka mit ihrem Sprüchlein ja doch recht, wonach das Sein das Bewusstsein bestimmte. Kaum waren diese Bauers, Renners und Elderschs an der Macht, verhielten sie sich nicht anders wie zuvor die Stürgkh, Auersperg oder Schwarzenberg. Er sehnte sich zurück in jene jungfräulichen Tage seiner Polizeikarriere, da er, noch vollkommen unangekränkelt von jedem Zweifel, alle seine Aufträge aus innerster Überzeugung hatte erledigen können, wo Gut noch Gut und Böse noch Böse gewesen zu sein schien.
Der November 18 war ihm wie ein Aufbruch in eine neue Zeit gewesen, in der endlich alle vor dem Gesetz gleich sein würden, wo es sich niemand mehr richten konnte, sondern wo jeder sein Recht fand, ohne Ansehen der Person. Jetzt aber schien es ihm tatsächlich so, wie Jelka immer behauptete: das Staatsgebäude war nicht erneuert worden, man hatte nur die Tapeten von Schwarzgold auf Blassrot geändert.
Bronstein schüttelte sich. Was machte er da? Er war Polizist und kein kommunistischer Agitator! Solche Gedanken standen ihm gar nicht zu. Er wurde dafür bezahlt, dass er Ruhe und Ordnung aufrecht erhielt, ungeachtet, ob seine Befehle von einem adeligen Burgherrn, einem sozialdemokratischen Bibliothekar oder gegebenenfalls von einem kommunistischen Bergarbeiter kamen. Solange die jeweilige Macht ordnungsgemäß legitimiert war, hatte er ihre Weisungen entgegenzunehmen, und wenn Jelka hundertmal meinte, er müsse zuerst sein eigenes Gewissen befragen, ehe er eine Order ausführte. Der Dienstweg eines Beamten sah eine schier unüberschaubare Zahl an Instanzen vor – aber ein Gewissen befand sich nicht darunter!
»Alsdern, schauts euch um, wer am lautesten krakeelt. Auf den legt’s dann an!«
Bronstein fuhr entsetzt herum. Der Uniformierte hatte offensichtlich tatsächlich einen Tötungsbefehl gegeben. So etwas war, soweit er sich erinnern konnte, nicht einmal in der Monarchie vorgekommen. Doch noch ehe er reagieren konnte, fuhr der Wachmann fort: »Und verteilt euch unter die Stadtwachler. Es schaut besser aus, wenn die Kummerln glauben, die Sozis haben sie z’samm’g’schossen. Da sind wir dann fein raus.«
Bronsteins Verlangen, Jelka aus dem ganzen Schlamassel herauszuholen, wurde immer stärker. Verzweifelt spähte er in die Menge der Demonstranten, und allenthalben meinte er, ihren charakteristischen Rotschopf zu entdecken. Doch nur allzu schnell musste er sich eingestehen, dass er sich getäuscht hatte. Der Ring der Exekutive zog sich allmählich um die Demonstranten zusammen, sodass diese nun wirklich umzingelt waren. Ihre letzte Chance, das erkannte auch Bronstein, bestand darin, den schwächsten Punkt der Polizeikette auszumachen und dort durchzubrechen. Bronstein sah sich nach seinen Begleitern um, doch die waren zwischenzeitlich verschwunden. Er fürchtete, sie könnten die übrigen Wachorgane zu einer unüberlegten Handlung provozieren, und überlegte fieberhaft, wie er auf den Gang der Ereignisse Einfluss nehmen konnte. Tatsächlich schien es, als beratschlagten die in der Falle sitzenden Kommunisten, wie sie sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien vermochten, und wie es Bronstein vorausgesehen hatte, wählten sie die Schutzorgane der Stadt Wien als Ziel ihres Befreiungsschlages. Im Laufschritt näherten sich Protestierer der Absperrung und schickten sich sichtlich an, unmittelbar vor der gegnerischen Kette nochmals Fahrt aufzunehmen, um sie allein durch die Wucht ihrer Geschwindigkeit niederzureißen. Womit sie allerdings ebenso wenig wie Bronstein gerechnet hatten, war der Umstand, dass die städtischen Ordnungshüter angesichts der heranstürmenden Menge zu den Waffen griffen. Bronstein, der die Szene atemlos beobachtete, bezweifelte, dass eine Salve über die Köpfe der Demonstranten hinweg die Lage deeskalieren würde. Im Gegenteil, viel eher käme die Menge dadurch erst recht in Rage. Doch der Kommandant der Stadtwache hieß seine Männer anlegen, und Sekundenbruchteile später ertönte die Order zum Abfeuern der Gewehre. Fassungslos sah Bronstein, wie die Uniformierten direkt in die Menge zielten. Schon nach der ersten Salve blieben Dutzende Menschen im Straßenstaub liegen. Gleich danach erhob sich ein infernalisches Heulen und Wehklagen. Bronstein suchte an einer Hausmauer Halt und kämpfte mit seinen Innereien, um sich nicht übergeben zu müssen. Das, so erkannte er, war schlimmer als die Ereignisse im November. Die Menge wogte in nackter Panik hin und her und fand keinen Ausweg. Menschen trampelten über Tote und Verwundete, wurden selbst niedergerissen und verschwanden unter den Füßen anderer, die gleich den Gestrauchelten ihr Heil in der Flucht suchten. Und der Befehlshaber der Stadtwache befahl seinen Leuten nachzuladen.
Bronstein hielt nichts mehr an seinem Platz. Die eben noch aufgekommene Übelkeit war schrankenlosem Zorn gewichen. Nicht einmal im Tierreich biss der Sieger dem Unterlegenen auch noch in die dargebotene Gurgel. In bemerkenswerter Geschwindigkeit erreichte Bronstein den Befehlsstand der sozialdemokratischen Wachorgane.
»Ja, sagen Sie, sind Sie vollkommen wahnsinnig?!«, fauchte er den Offizier an, nachdem er halbwegs zu Atem gekommen war.
Der Mann würdigte ihn keines Blickes. »Bringts mir das Seicherl da weg!«, wies er einige der ihn umstehenden Unteroffiziere an, die sogleich Bronstein unsanft in ihre Mitte nahmen und in Richtung Ring schleiften. Sein Protestgeschrei ging im Lärm und im Chaos unter. Erst etwa 100 Meter vom Platz ihres Kommandanten entfernt warfen dessen Schergen Bronstein auf das Trottoir. Seit Kindheitstagen war er nicht mehr so demütigend behandelt worden, empfand Bronstein. Er rappelte sich auf und setzte den Stadtwächtern nach. Kaum war er an sie herangekommen, drehte sich einer von ihnen blitzschnell um und schlug Bronstein mit dem Lauf seiner Pistole gegen die Schläfe. Bronstein wurde gegen eine Hauswand geschleudert, drehte sich sodann um seine eigene Achse und sank tonlos zu Boden.
Enervierende Kopfschmerzen waren das Erste, das Bronstein registrierte, als er erwachte. Er benötigte eine gewisse Weile, ehe er seine Umgebung genauer in den Blick nehmen konnte. Über ihm befand sich eine weiße Stuckdecke, ihm gegenüber ein hohes, vergittertes Fenster. Links neben ihm stöhnte jemand leise, von der rechten Seite kam ein penetrantes Schnarchen. Bronstein realisierte, dass er sich in einem Krankenhaus befand. Er versuchte, den Kopf zu heben, doch rasende Schmerzen ließen ihn sofort von diesem Vorhaben Abstand nehmen.
»Ah, wer kommt denn da wieder zu sich? Guten Morgen, Herr Oberleutnant.«
Guten Morgen? Wie lange lag er schon da?
»Sie waren ganz schön lange weg! Gestern um 4 hat man Sie eingeliefert. Jetzt ist es schon bald wieder Mittag. Aber bitte, diese Kommunisten haben Sie auch ganz schön zugerichtet. Sie können von Glück reden, dass nichts gebrochen ist. So kommen S’ mit einer mittleren Gehirnerschütterung davon. In zwei, drei Tagen sind S’ wieder auf dem Damm.«
Das waren nicht die Kommunisten gewesen, schoss es ihm durch den Kopf, doch er schaffte es nicht, diesen Gedanken zu verbalisieren. Ein kaum hörbares Röcheln war der einzige Laut, den er zustande brachte. Die Krankenschwester tätschelte behutsam seinen Unterarm: »Jetzt gehen wir es einmal ruhig an, gelt, Herr Oberleutnant? Schlafen S’ Ihnen nur ordentlich aus, dann wird alles wieder gut.«
Alles wieder gut? Wie konnte alles wieder gut werden, wenn er hier ans Bett gefesselt war, während er immer noch nicht wusste, wo sich Jelka befand und wie es ihr ging? Er durfte keine Zeit verschwenden, musste sofort das Spital verlassen, um sich … auf die Suche … nach Jelka … zu machen.
In Panik riss er die Augen auf. Er konnte rein gar nichts erkennen. Erst allmählich registrierte er ein paar Kontraste. Endlich konstatierte er, dass im Raum nur eine einzelne Funzel brannte, die gegen die Dunkelheit der Nacht keine Chance besaß. Wenigstens waren seine Kopfschmerzen deutlich geringer geworden. Er schaffte es, sich aufzurichten, und saß eine kleine Weile aufrecht im Bett, ehe ihm bewusst wurde, dass er zu einer solchen Stunde ohnehin nichts ausrichten konnte. Also legte er sich wieder hin und beschloss, bis zum nächsten Morgen zu warten.
Die Wanduhr am Ende des Zimmers zeigte fünf Minuten nach sieben Uhr, als er erneut erwachte. Er fühlte sich merklich besser und riskierte es, sich aus dem Bett zu erheben. Wie er war, begab er sich auf den Flur und hielt nach einer Toilette Ausschau. Dann ging er zum Schwesternzimmer und verlangte seine Effekten.
»Aber Sie können nicht gehen, Herr Oberleutnant. Sie brauchen noch Ruhe!«
»Ach was, mir geht’s gut. Ich hab’ schon genug Zeit verplempert mit dem Blödsinn da. Geben S’mir einfach mein G’wand, und ich entlass’ mich selbst.«
Die Schwester hatte seinem fordernden Ton nichts entgegenzusetzen, und so hielt sie ihm einfach wortlos den Revers unter die Nase, den Bronstein unterschrieb, ohne den Text des Dokuments zu lesen. Zehn Minuten später stand er auf der Straße und ließ sich von einer Mietdroschke ins Präsidium fahren.
»Ja, Oberleutnant! Dich gibt’s noch! So eine Freud’!« Pokorny schien ehrlich begeistert, seinen Vorgesetzten vor sich zu sehen. »Wir haben schon g’laubt, du schwimmst die Donau abwärts, und die Rumäner fischen dich beim Eisernen Tor aus dem Wasser.«
»Weißt eh, Unkraut vergeht ned«, replizierte Bronstein knapp, um dann sofort zur Sache zu kommen. »Vorgestern. Diese Demonstration da. Hörlgasse und so. Was wissen wir d’rüber?«
»Ned viel eigentlich«, maulte Pokorny, »20 Tote, 80 Verletzte auf Seiten der Kommunisten, keinerlei Verluste auf unserer Seite. Die Demokratie hat auf der ganzen Linie gewonnen. Ich sag’ dir, jetzt geht’s nur mehr aufwärts, wo wir die Extremisten von rechts und links … Sag’, warst du da vielleicht auch dabei?« Pokorny realisierte erst jetzt, warum sein Chef einen ganzen Tag abgängig gewesen war. Doch Bronstein verspürte nicht die geringste Lust, seinem Mitarbeiter die ganze lange Geschichte zu erzählen. Die Information, es seien 20 Menschen getötet worden, ließ ihn erneut in Panik ausbrechen.
»20 Tote? Weiß man auch, wer das ist?«
»Ja, klar, die liegen alle in der Sensengasse. Da …«
Bronstein hörte nicht mehr hin. Er stürzte zum Telefon und ließ sich mit Ferdinand Strakosch, der Institution der Wiener Gerichtsmedizin, verbinden. »Servus, Ferdl. Du, ich hab’ eine ganz wichtige Frage an dich: bei den Toten von vorgestern, ist da eine junge Rothaarige dabei?«
Strakosch verzichtete darauf, die Frage Bronsteins einer inhaltlichen Bewertung zu unterziehen, denn der gehetzte Tonfall seines Gesprächspartners überzeugte ihn davon, dass diesem an der Beantwortung seiner Frage mehr gelegen war als an allfälligen verbalen Geplänkeln. »Ich kann dich beruhigen, so eine ist nicht darunter. Und jung waren überhaupt nur zwei Männer …«
»Und die Verwundeten? Wohin wurden die gebracht?«
»Du, das weiß ich jetzt aber wirklich nicht. Die werden s’ wahrscheinlich auf die diversen Spitäler aufgeteilt haben, nehme ich an. Aber warum …«
»Du, Ferdinand, keine Zeit für Erklärungen. Ich sag’ dir alles, wenn ich wieder einen Überblick hab’. Bis dahin sag’ ich einfach nur danke.«
In den nächsten Stunden hätten Mörder gute Chancen gehabt, mit ihren Verbrechen davonzukommen, denn Bronstein tat nichts anderes, als in sämtlichen Wiener Krankenhäusern nach der Identität der dort eingelieferten Verletzten zu fahnden. Gegen 8 Uhr abends wusste er die Namen von 72 Demonstranten, die sich immer noch in der Obhut eines Spitals befanden. Die übrigen, hieß es, seien nicht so schwer verletzt gewesen, sodass sie in der Zwischenzeit entlassen werden konnten. In polizeilichem Gewahrsam, so hatte er weiter in Erfahrung gebracht, befand sich niemand von denjenigen, die an den Aktionen rund um den 15. Juni teilgenommen hatten. Doch angesichts der Bilanz konnte man wohl davon ausgehen, dass die Sicherheitskräfte von Anfang an die Order ›Keine Gefangenen‹ ausgegeben hatten. Bronstein wusste nicht, ob er nun aufatmen sollte oder nicht. Jelka war weder unter den amtlich festgestellten Toten noch unter den Verwundeten. Allerdings war anzunehmen, dass sie nach einem solchen Massaker kaum nach Hause gegangen war. Wo also sollte er sie suchen?
»Ich weiß, Chef, warum du so dreinschaust«, hörte er plötzlich Pokorny sagen, der, ungeachtet der späten Stunde, noch einmal ins Büro gekommen war. »Aber keine neue Welt wird ohne Schmerzen geboren. Solche Eruptionen gehören halt dazu. Wirst sehen, das wird sich alles einspielen, und dann geht keiner mehr auf den anderen los, dann verläuft wieder alles in geordneten Bahnen.«
Bronstein war nahe dran, Pokorny sein Herz auszuschütten und ihm zu gestehen, dass es ihm nicht um die fragwürdigen Geburtswehen der Republik, sondern nur um seine Jelka ging, doch er schreckte schließlich doch davor zurück.
»Na siehst«, deutete Pokorny Bronsteins Schweigen als Zustimmung zu seinen Thesen, »es wird wieder aufwärts gehen. Jetzt kommen andere Zeiten, in die wir mit Optimismus schreiten.«
»Pokorny, deine Reime überzeugen mich nicht unbedingt. Aber schreiten werd’ ich jetzt auch, und zwar nach Haus’.«
Die ganze Nacht über machte Bronstein kein Auge zu. Unentwegt dachte er an Jelka. Es mochte ja sein, dass die neue Zeit endlich Frieden, Wohlstand und Freiheit brachte, doch ihm wäre es weit wichtiger gewesen, sie hätte ihm Jelka gebracht. In den folgenden Tagen recherchierte er während der Dienstzeit eifrig alle Berichte, die zum vermeintlichen Kommunistenputsch eingelangt waren, stets auf der Suche nach einem Hinweis auf Jelka, während er nach Dienstschluss jeden Ort aufsuchte, an dem Jelka schon einmal gewesen war. Beide Tätigkeiten brachten ihn seinem Ziel keinen Millimeter näher. Und während sich die Kollegen in Elogen auf die Republik ergingen, wurde Bronstein mit jeder Stunde, die ergebnislos verstrich, mutloser.
1920: Jung und Alt
Bronstein malte mit Hingabe einige Schnörkel rund um seine Unterschrift und schloss sodann lächelnd den Aktendeckel. Es war ein befriedigendes Gefühl, einen Fall als gelöst ins Archiv befördern zu können. Denn ein Fall war nicht bloß ein Bündel Papier. Das waren ganz konkrete menschliche Schicksale, die auf tragische Art miteinander verwoben waren. Löste man also einen Fall, dann brachte man immerhin einen Hauch Gerechtigkeit in die Welt, wenn man schon nicht für Wiedergutmachung sorgen konnte. Ein Ermordeter wurde zwar nicht mehr lebendig, aber der Bösewicht, der ihm das Leben genommen hatte, wurde wenigstens seines eigenen Lebens auch nicht mehr froh, was für die Angehörigen des Opfers vielleicht ein kleiner Trost sein mochte. Und als Polizist hatte man leidenschaftslos an die Sache heranzugehen. Die Tatsachen allein zählten. Es oblag den Geschworenen, die Fakten einer Bewertung zu unterziehen. Natürlich hatte man auch als Ermittler eine Meinung zu den Dingen, doch die war privater Luxus und hatte auch privat zu bleiben. Mitunter kam es vor, dass eigentlich das Opfer der Böse war und seinen Mörder durch beständiges Schikanieren zu einer Verzweiflungstat aufgestachelt hatte. Gleichfalls geschah es immer wieder, dass der Verbrecher einfach schwachsinnig war und die Tragweite seines Tuns gedanklich gar nicht erfassen konnte. Doch Gewalttat blieb Gewalttat, vor der Polizei waren tatsächlich alle, die das Gesetz brachen, gleich. Und daher hatten eben auch allfällige Emotionen seitens der Behörde zu unterbleiben. Im Strafrecht gab es eben nur Schwarz oder Weiß, da war kein Platz für Grautöne. Entweder, jemand hatte eine Untat begangen, oder er hatte sie nicht begangen. Und wenn er sie begangen hatte, dann war er schuldig. In welchem Ausmaß er das war, hatte den Polizisten nicht mehr zu interessieren. Das musste das Gericht entscheiden.
Bronstein war ehrlich überrascht über seinen philosophischen Gedankenflug. Er hätte ihn gleich mitschreiben sollen, denn das wäre ein hervorragender Vortrag für die Polizeischule gewesen.
Und Vorträge zu halten hatte er wahrlich genug. Jede Woche trafen – immer noch – neue Polizeiangehörige aus allen Ecken und Enden der ehemaligen Monarchie in Wien ein, die auf ihren unkündbaren Beamtenstatus beim Ministerium des Inneren pochten. Als die Regierung Renner damals zugesichert hatte, jeden Staatsdiener, der es wünschte, weiterhin in Dienst zu halten, mochte niemand damit gerechnet haben, dass die Betroffenen dieses Versprechen ernst nahmen. Doch mittlerweile arbeiteten in den Reihen der Wiener Polizei mehr Provinzler als Wiener. Allesamt waren sie stramm deutschnational, schmetterten bei jeder Gelegenheit ›Lieb Vaterland magst ruhig sein‹, und alle hießen sie Kapuszczak, Narutinsky, Woprschalek oder Szentszerenyi. Und sie redeten so, wie sie hießen. Selbst Pokorny vermochte aus ihnen nicht schlau zu werden. »Doch, doch«, pflegte er dann immer zu sagen, »ich glaub ihnen schon, Herr Kollege, dass Sie Deutsch reden. Es ist halt nur nicht das Deutsch, das ich verstehe.« Bronstein hatte da schon weit weniger Geduld mit Germanias Zier: »Die wollen die Wacht am Rhein singen?«, hieß es von seiner Seite, »denen sing ich sie. Aber gach a no!«
Und als wäre ihre seltsame Sprache und ihre protzige Deutschtümelei noch nicht schlimm genug, war Bronstein Woche für Woche gezwungen, sich mit diesem von der Weltgeschichte vergessenen Haufen im Wege der Ausbildungskurse auseinanderzusetzen. Vergeblich appellierte er immer und immer wieder an seine Vorgesetzten, diese verkrachten Dorfgendarmen bloß nicht in den Außendienst zu lassen, doch deren Replik, was sollten diese Kollegen im Innendienst, da müssten sie Akten lesen, und das sei bei Weitem das größere Problem, hatte zu Bronsteins Bedauern sehr viel für sich.
Seitdem waren also die Kapuszczaks, Narutinskys, Woprschaleks und Szentszerenyis der Stolz der Wiener Sicherheitsdirektion. Und so kam es, dass einer von ihnen, Siegfried Kapuszczak aus Stanislau, bei Bronstein vorstellig wurde.
»Härr Leitnont, Oberleitnont, Härr! Bin gangen von Revier zu Tatort, weil gerufen dort zu gehen. Opfer lebt, aber verletzt schwer.«
»Sagen S’ einmal, wollen S’ mich pflanzen?«
»Pflanzen? Bitte, nicht verstehe, was meint!«
Bronstein atmete tief durch. »Welches Revier, welcher Tatort? Wer hat was gerufen?«
In Kapuszczak schienen die richtigen Zahnräder ineinanderzugreifen.
»No, Bezirk Chitzing. Tatort Zechetna Ulic… Gosse. Gerufen hat, bitte schen, Telefon.«
»Aha«, Bronstein rekapitulierte, dass es sich um die Zehetnergasse im 13. Wiener Gemeindebezirk handeln musste. Und das Bezirkskommissariat Hietzing war offensichtlich benachrichtigt worden, dass es dort zu einer Gewalttat gekommen war. Weshalb ihn dies etwas angehen sollte, wo das Opfer doch offensichtlich lebte, verstand er allerdings nicht. Die Mordkommission kontaktierte man, im wahrsten Sinne des Wortes, wenn ein Mord vorlag. Und das schien ja wohl nicht der Fall zu sein. Wenn bei jeder Wirtshausschlägerei mit Verletzten die Abteilung Leib und Leben ausrücken würde, dann käme er nie mehr dazu, einen Aktendeckel zu schließen.
»Und was geht uns das an?«, bellte er ins Telefon.
»Bitte schen, ist versuchte Mord.«
»Sagt wer?«
»Sagt Opfr!«
Bronstein verdrehte die Augen und flehte zu Gott, er möge ihn mit Geduld segnen. Dann blickte er auf die Uhr. In wenigen Minuten war es vier. Den gemütlichen Nachmittag im Schweizerhaus konnte er vergessen. Dabei war es so ein schöner Tag!
»Pokorny!« Bronsteins Stimme donnerte durch den Raum.
»Was liegt an, Chef?« Pokorny, bereits fix und fertig angekleidet, stand in der Zimmertür.
»Da schau her, hast das g’rochen oder was?«
»G’rochen? Was?«
»Dass wir zu einem Fall ausrücken müssen!«
»Nein! Ned sag, dass das wahr ist. Ich hab’ glaubt, wir fahren jetzt ins Schweizerhaus.« Auf Pokornys Gesicht machte sich grenzenlose Enttäuschung breit.
»Tja, Pokorny, in diesem Fall ist Bier Bier und Dienst Dienst.«
Bronstein orderte über die Vermittlung einen Einsatzwagen und versuchte, Pokornys Gemaule bestmöglich zu ignorieren. »Immer dasselbe! Können diese Trottel ihre Taten ned in der Dienstzeit begehen? Das ist doch wirklich eine Frotzelei sondergleichen.«
»Du, ich werd’ eine Interpellation ans Parlament schreiben. Morde, bitteschön, ab sofort nur noch zwischen 8 und 16 Uhr.«
Pokorny verzog seine Miene zu einem schiefen Grinsen: »Wahnsinnig lustig. Ich lach’ mich krank… Ha, das ist die Lösung! Kranklachen! Krankenstand! … Wiederschaun.«
»Du bleibst schön da. Nibelungentreue ist angesagt.«
»Komm mir nicht du auch noch mit diesem teutonischen Geschwafel. Das halt’ ich schon bei unsere Ostler ned aus.«
»Siehst, jetzt geht’s erst einmal in den Westen.«
Sie waren bei dem Wagen angelangt, und Bronstein nannte dem Fahrer die Adresse. Am Anfang der Zehetnergasse verlangsamte der Chauffeur das Tempo und hielt nach einem uniformierten Beamten Ausschau, der das Auto stoppen würde. Tatsächlich ruderte vor dem Haus Nummer 14 ein Polizist hektisch mit den Armen.
»Bitte schen, hier ist Tatort.«
Bronstein kletterte aus dem Automobil und sah angewidert auf den Mann aus Galizien. Mit einer leichten Drehung des Kopfes wandte er sich an Pokorny: »Mach du das, sonst vergesse ich mich.« Ohne Kapuszczak weiter zu beachten, betrat er das Haus.
In der Wohnung einer Frau Hellebrand sah es aus wie nach einem Granateneinschlag. Der Kleiderkasten lag umgestürzt und schwer beschädigt mitten im Raum und befand sich dabei in merkwürdiger Schräglage, da er teilweise auf dem Bett der alten Dame ruhte. Die Frau selbst war auf eine Decke gelegt worden und wimmerte in einem fort, während der herbeigeholte Arzt sich darum bemühte, sie medizinisch zu versorgen. »Na, Herr Doktor«, sagte Bronstein, während er mit seiner Kokarde wedelte, »wie schau’n wir aus?«
»Wer immer das g’macht hat, er war ein Wahnsinniger«, antwortete der Arzt, »aber ein vertrottelter Wahnsinniger. Mit so einer Anzahl an Hieben einen Menschen nicht zu töten, das ist fast auch schon wieder eine Kunst. Die Frau da hat ein Mordstrum Massl, dass s’ ned ermordet ist.«
Kurz fragte sich Bronstein, ob der Doktor ob des Wortspiels hatte witzig sein wollen, doch er fand, dies tat eigentlich nichts zur Sache. »Wie viele?«, fragte er nur.
»Insgesamt neun«, entgegnete der Mediziner, »die meisten sind so dilettantisch ausgeführt, dass sie jeweils seitwärts am Kopf abglitten. Dadurch ist dann nur minimaler Schaden entstanden.«
Schaden! Als handelte es sich um eine Sache. Aber so waren die Jünger Äskulaps ja immer. Für sie waren Patienten irgendwelche Werkstücke. Nicht umsonst sprach man von ›Behandlung‹.
»Also, wie schwer ist der Grad der Verletzungen?« In Bronsteins Stimme klang deutlich Missfallen mit.
»Sie ist nicht in Lebensgefahr, wenn S’ das wissen wollen. Aber so, wie die Hiebe ausgeführt wurden, liegt eindeutig Tötungsabsicht vor. Dass die Frau noch lebt, ist nur der Unfähigkeit des Täters zuzuschreiben. Aber ins Krankenhaus muss sie auf jeden Fall sofort, weil diese ganzen Wunden, die müssen ganz dringend gereinigt und ordnungsgemäß versorgt werden, sonst erreicht der Unhold schließlich doch noch sein Ziel.«
Bronstein nickte. »Kann ich sie trotzdem befragen?«
Als ob die Hellebrand der Unterhaltung gefolgt wäre, ließ sie just an dieser Stelle ihr Wimmern anschwellen. »Die Rosl«, stöhnte sie. Dann begann ihr Blick zu flackern, und sie wurde sichtlich ohnmächtig.
In der Zwischenzeit betrat auch Pokorny die Wohnung und verdrehte demonstrativ die Augen nach oben. »Diese Ostler! Chef, ich sag’s dir, mit denen machst ’was mit. So gebrochen sie Deutsch reden, so geschwätzig sind sie. Du kannst dir das gar nicht vorstellen: da stellst du ihnen eine ganz einfache Frage, und sie erzählen dir etwas, von dem du nur vermuten kannst, dass es ihre Lebensgeschichte ist. Wenn da unten jetzt nicht die Hausmeisterin dazugekommen wär’, ich wissert jetzt noch nicht, was mir der Simpel da mitteilen wollt’.«
»Ach ja«, schnarrte Bronstein, dessen Ungeduld abermals wuchs, »und was wollte er uns nun an Erkenntnissen übermitteln?«
Pokorny zog eine Schnute, sichtlich enttäuscht darüber, dass der Chef ihm gegenüber ebenso wenig Langmut an den Tag legte wie er selbst zuvor mit Kapuszczak.
»Die Hausmeisterin hat g’rad die Stiegen aufwaschen wollen, sagt sie, und da hat s’ hinter der Tür von der Hellebrand ein Stöhnen g’hört. Sie hat durch die Tür gerufen, ob der Alten was ist, doch die hat nicht geantwortet, sondern einfach nur weitergestöhnt. Da hat die Hausmeisterin g’schaut, ob die Tür offen ist, und das war sie nicht. Sie hat also ihren Generalschlüssel g’holt und aufg’sperrt. Das ist gegangen, weil kein Schlüssel g’steckt ist, ned wahr.«
»Und weiter?«, belferte Bronstein in dem Bemühen zu verhindern, dass Pokorny sich in nebensächlichen Details verlor.
»Na, nix weiter. Sie ist rein in die Wohnung, hat die Hellebrand in ihrem Blut liegen g’seh’n und sofort g’wusst, da hat’s was. Also ist sie rüber zum Doktor Bernecker, Zehetnergasse 9, weil der ein Telefon hat. Dort hat sie das Koat verständigt, und der Doktor ist gleich mit ihr mit, weil man ja nicht sagen hat können, wie’s um die Hellebrand steht.«
Bronstein sah den Arzt an: »Sie sind der Herr Doktor Bernecker?«
»Jawohl. Und die Frau Hellebrand ist normal ohnehin eine meiner Patienten.«
Na servus, dachte sich Bronstein. Ein praktischer Arzt! Kein Wunder, dass der so aufgeblasen ist. Seine Routine bestand darin, Kopfwehtabletten und Fußsalben zu verschreiben, da musste ein solcher Auftritt für ihn wie Ostern und Weihnachten an einem Tag sein.
»Schlüssel gibt’s übrigens keinen«, hörte Bronstein in der Zwischenzeit Pokorny fortfahren.
»Was soll das heißen?«
»Na, dass der Täter den Schlüssel mitg’nommen hat. Er hat von außen zugesperrt und gehofft, damit ein bissl Zeit zu gewinnen.« Na bitte, mitunter hatte sogar Pokorny seine hellen Momente.
»Die Hausmeisterin hat übrigens auch schon einen konkreten Verdacht«, sonnte sich Pokorny in der ihm zuteil gewordenen Aufmerksamkeit.
»Ah so?«
»Ja. Die Hellebrand hatte eine Aftermieterin. Ein junges Mensch namens Rosa Pichler. Und die soll einen ganz unguten Patron als Gspusi g’habt haben. Irgendeinen Karl. Die Hausmeisterin meint, die zwei seien notorische Neger gewesen, weil sie jeder ehrlichen Arbeit ausgewichen seien.«
»Und die Frau Hellebrand? Hat die ein Gerstl?«
»Na ja, laut Hausmeisterin ist sie nicht gerade arm. Ob’s aber für einen versuchten Raubmord reicht, das weiß die Hausmeisterin natürlich nicht.«
»Natürlich nicht«, schob Bronstein ironisierend nach. In Wien war es gleichsam amtsbekannt, dass Hausbesorger stets besser über den Besitzstand eines Mieters Bescheid wussten als dieser selbst. Doch er beschloss, es vorerst dabei zu belassen, denn entscheidend in dieser Angelegenheit war die Aussage der Hellebrand selbst. Und die wurde, immer noch bewusstlos, eben von den Sanitätern abgeholt.
Bronstein vergewisserte sich, dass die beigezogenen Kollegen den Tatort penibel aufgenommen hatten, dann verkündete er Pokorny eine wichtige Erkenntnis: »Das Schweizerhaus schaffen wir doch noch!«
»Und was machen wir mit dem Christkindl da draußen?«, fragte Pokorny und deutete mit dem Daumen über die Schulter in die Richtung, in der er Kapuszczak vermutete.
»Am besten nix.« Bronstein nickte den anwesenden Beamten zu und verließ, nachdem er sich noch einmal umgesehen hatte, die Wohnung. Pokorny folgte ihm auf dem Fuß.
Am nächsten Morgen war die Hellebrand so weit wieder hergestellt, dass sie Bronstein im Spital Rede und Antwort stehen konnte. Doch die Unterredung erwies sich rasch als recht einseitig. Beim circa siebzehnten Fluch wider das flüchtige Paar gab Bronstein den Versuch, Näheres über den Tathergang zu erfahren, erst einmal auf, zumal als Interludium zwischen den Flüchen gebetsartig die Wortfolge »Mein Schmuck! Mein ganzer schöner Schmuck!« kam. Und er überlegte, sich Baldriantee bringen zu lassen.
Immerhin amüsierte ihn angesichts der Ausführungen der Alten der Bericht, der am Vortag in der Abendzeitung erschienen war. Die ›mittellose Frau‹, die um ihrer ›wenigen Habseligkeiten willen‹ fast ermordet worden wäre, vermisste eine stattliche Zahl an Pretiosen. Der Reihe nach zählte sie eine goldene und eine silberne Herrenuhr, eine Uhrkette, zwei Paar goldene Ohrgehänge, drei Ringe, eine goldene Halskette und ein Paar goldene Manschettenknöpfe auf. Zudem beklagte sie den Verlust eines Überziehers und eines Paars ihrer Schuhe. Den ersten Teil der Nachricht vermochte Bronstein ja noch nachzuvollziehen. Die Kollegen hatten kein einziges Schmuckstück vorgefunden, sodass jemand, der seine Juwelen üblicherweise wie seinen Augapfel hütete, auch ohne näheres Nachdenken wissen mochte, was ihm geraubt worden war. Aber dass die Frau aus dem Stand sagen konnte, es fehle ein Mantel und ein Paar Frauenschuhe, das verwunderte ihn dann doch.
»Woher wissen S’ das mit dem Mantel und den Schuhen?«, fragte er daher.
»Weil das Luder damit ab’pascht ist«, kam es postwendend retour.
Nach leidlich zwei Stunden hatte Bronstein endlich einen Überblick über das Vorgefallene. Offensichtlich hatte sich die 20jährige Rosa Pichler bei der Hellebrand eingeschlichen, um festzustellen, ob es bei der Dame etwas zu holen gab. Und da dies der Fall gewesen war, schmiedete sie mit ihrem Geliebten den Plan, die Alte zu berauben. Hellebrand sagte aus, sie habe eben Bier holen wollen, und als sie zurückgekommen sei, habe sie den Liebhaber der Pichler gesehen, wie dieser mit einem Hackebeil ihren Kasten zertrümmerte. »Dort hab’ ich ja meinen Schmuck aufbewahrt, ned?!« Als das Pärchen erkannte, dass die Hellebrand früher als erwartet wieder eingetroffen war, beschloss es, die Zeugin zu beseitigen.
»Der ist mit dem Hackl auf mi losgangen, als wollt’ er mich schlachtigen. Ich hab mich natürlich g’wehrt mit Händ’ und Füß’, und g’schrien hab ich wie am Spieß. Dann hab’ ich mir denkt, solang’ ich mich noch beweg’, hören die ned auf, mich zu malträtieren, und so hab’ ich demonstrativ g’röchelt, die Augen verdreht und mich nimmer g’rührt. Dann haben s’ wirklich aufg’hört. Ich hab’ noch mitg’kriegt, wie das ausgschamte Mensch mein Mantel anzieht und meine Schuh, und dann sinds’ raus. Wohin, das weiß ich nicht.«
Ja, das wusste auch Bronstein nicht. Noch nicht. Doch andererseits mochte es nicht sonderlich schwer sein, den beiden auf die Schliche zu kommen, denn sie wirkten alles andere als professionell. Man brauchte nur ein Auge auf die amtsbekannten Hehler zu werfen, dort würden die beiden früher oder später auftauchen, da sie, nach allem, was bislang über sie bekannt war, über keinerlei Barmittel verfügten, die Sore daher schnellstmöglich versilbern mussten.
Zudem war die Pichler keine Unbekannte. Obwohl erst 20 Jahre alt, hatte sie bereits hinlänglich unter Beweis gestellt, was für ein Früchtchen sie war. Mit 13 war sie aus dem Heim ausgebüchst, und seitdem pendelte sie ohne Unterlass zwischen Häfen und Kriminal. Auch diesmal, so war Bronstein überzeugt, würde es nicht lange dauern, bis die Pichler wieder gesiebte Luft atmen würde.
Zwischenzeitlich hatte Pokorny auch in Erfahrung gebracht, um wen es sich bei Pichlers Geliebtem handelte. Der Mann hieß Karl Matauschek und war 22 Jahre alt. Im April des Vorjahres war er aus der Volkswehr entlassen worden und seitdem ohne Arbeitsverhältnis geblieben. Wie die beiden bislang ihren Lebensunterhalt bestritten hatten, konnte nicht eruiert werden, aber für Bronstein lag der Verdacht nahe, dass die beiden sich darauf spezialisiert hatten, arglosen Vermietern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Offenbar verlief diese Tour eine Zeit lang ganz erfolgreich, doch jede Serie kam einmal an ihr Ende. Diesmal erwies sich der Bogen als überspannt. Matauschek und Pichler würden keinesfalls weit kommen, aber sie würden für ihre Untaten fraglos lange sitzen.
Tatsächlich begann das Netz um die beiden immer enger zu werden. Alle Beherbergungsunternehmen waren angewiesen, sofort Meldung zu erstatten, falls ein junges Pärchen bei ihnen ein Zimmer begehrte. Die Bahnhöfe wurden ebenso überwacht wie alle Hehler und Pfandleihanstalten. Und Bronstein hatte in der Galerie verbreiten lassen, dass es für Hinweise auf die beiden ein namhaftes Sümmchen geben würde. In der Tat kam am Donnerstag ein Kleinganove in das Präsidium und verlangte Bronstein persönlich zu sprechen. Nachdem dieser ihm versichert hatte, dass seine Information, so sie sich als stichhaltig erweisen würde, dem Staat tatsächlich eine ansprechende Remuneration wert sein würde, erklärte der Mann, jemand, auf den die Beschreibung Matauscheks passe, sei vor einer guten Stunde in der Leopoldstadt bei einem jüdischen Pfandleiher gewesen. Bronstein wiederholte, sollte sich diese Aussage als richtig herausstellen, werde man sich erkenntlich zeigen, und ließ den Mann stehen. Mit einem Dienstwagen fuhr er an die angegebene Adresse. Dort befand sich ein abgetakeltes Geschäft, auf dem groß der Name Mordechai Tajtelbaum geschrieben stand. Bronstein betrat den Laden, und eine Erscheinung wie aus einem antisemitischen Flugblatt tauchte unter dem Ladentisch hervor. Ein schier endloser weißer Rauschebart hing dem Mann fast bis zum Bauchnabel und verdeckte die untere Hälfte des Gesichts, während die obere durch ein schieres Wagenrad von Hut unsichtbar blieb. Die Gestalt schleppte sich mühsam auf Bronstein zu und linste den Kriminalisten unsicher an. Dabei gab sie einige Worte von sich, deren Bedeutung Bronstein verschlossen blieb. »Herr Tajtelbaum?«, fragte Bronstein.
Die Person nickte und schickte eine neuerliche Wortfolge auf die Reise, die nun freilich anders klang. Offenbar hatte Tajtelbaum, nachdem er mit seinem ersten Versuch keinen Erfolg gehabt hatte, eine andere Sprache ausprobiert.
»Wie wäre es mit Deutsch?«, schlug Bronstein vor.
»Oj, Deitsch hot mar dar Barscheffer nit gegeben«, radebrechte Tajtelbaum. »Gavaritje Ruski? Ukrajnski?«
Auch ohne zu wissen, was »gavaritje« bedeuten mochte, ahnte Bronstein, dass hier Russisch- oder Ukrainischkenntnisse gefragt waren. Dieser Kapu-irgendwas aus Hietzing, der kam doch aus der Ukraine. Vielleicht vermochte der sich mit dem Manne zu verständigen. »Bin gleich wieder da«, raunte Bronstein und verließ das Geschäft, einen »was fir a Goj«murmelnden Tajtelbaum zurücklassend.
Leidlich eine Stunde später war Kapuszczak endlich aus Hietzing in der Leopoldstadt eingetroffen. Zuvor hatte er Bronstein am Telefon versichert, des Ruthenischen mächtig zu sein. In der Tat erhellte sich Tajtelbaums Miene, nachdem Kapuszczak sich in dieser Sprache bei ihm vorgestellt hatte. Auf die simple Frage des Uniformierten nach Karl Matauschek kam ein halber Roman aus Tajtelbaums Mund, den Kapuszczak penibel übersetzte. Fazit der Darlegungen war, dass Matauschek tatsächlich den gesamten Schmuck der Hellebrand bei Tajtelbaum habe versetzen wollen. Dieser hatte dem Geschäft auch zugestimmt, allerdings einschränkend gemeint, nicht über genügend Barmittel zu verfügen, um Matauschek sofort zufriedenstellen zu können. Daher sei vereinbart worden, dass Matauschek in drei Stunden wiederkomme, zu welchem Zeitpunkt man das Geschäft abschließen könne.
Kapuszczak hatte eben seine Übersetzung beendet, als die Tür aufging und ein 22jähriges Milchgesicht in die Runde blickte. Eine Schrecksekunde lang bewegte sich Matauschek nicht, dann sprang er auf die Straße, warf die Tür zu und suchte sein Heil in der Flucht. Kapuszczak setzte ihm nach und riss ihn achtzig Meter vom Geschäft nieder. Dabei platzte Matauscheks Manteltasche auf und einige Ringe und Ohrgehänge kollerten über das Trottoir. Kapuszczak fixierte den Ganoven, dieweilen Bronstein, der nun auch herangekommen war, das Diebesgut aufhob. Er sah Matauschek lange an, dann schüttelte er nur den Kopf. »Was für ein Trottel«, murmelte er.
Während sie auf den Gefangenenwagen warteten, fragte Bronstein unvermittelt: »Wieso können Sie eigentlich Ruthenisch?«
»Weil bin aufwachsen dort.«
»Ich hab’ geglaubt, Sie sind so ein strammer Deutschnationaler! Wenn Sie Ruthenisch besser sprechen als Deutsch – und das tun Sie –, warum sind Sie dann überhaupt hierhergekommen?«
Kapuszczak zögerte eine Weile, als müsse er jedes seiner Worte sorgfältig abwägen. Dann erst antwortete er. »20 Jahre ich war Österreich dort. Nach Ende Monarchie und Anfang Republika, war Feind, obwohl immer bin Ruthene gewesen. Niemand mehr redete mit mir. Blieb nur Emigracija.«
So war das also mit den Kapuszczaks, Narutinskys, Woprschaleks und Szentszerenyis. Sie hatten, historisch gesehen, auf das falsche Pferd gesetzt und eine Rechnung bezahlen müssen, für die jemand anderer verantwortlich zeichnete. Und jetzt gerierten sich diese Männer als Deutschnationale, in der Hoffnung, diesmal auf das richtige Pferd zu setzen. In Wirklichkeit, so wusste Bronstein, hatten diese Menschen ihre Heimat schon verloren, als sie sich bereit erklärt hatten, einem Herrn zu dienen, der von den Landsleuten als Fremdkörper empfunden worden war. Und so waren sie selbst zu Fremdkörpern geworden – dort wie hier. Bronstein bemühte sich um ein mitfühlendes Lächeln und klopfte Kapuszczak auf die Schulter. »Das haben S’ eben sehr gut g’macht. Gratulation, Herr Kollege.«
Es ging hart auf 6 Uhr abends, als Bronstein den Verhörraum betrat. Matauschek saß da wie das sprichwörtliche Häuflein Elend und versuchte verzweifelt, ein Zittern seiner Hände zu unterdrücken.
»Wo ist s’, die Deinige?«
Matauschek schüttelte heftig den Kopf. »Die Rosa, die kriegts ihr ned a no!«
»Sei ned dumm, Bua. Ohne die Klunker kummt die ja eh ned weit. Und wenn wir s’ jetzt kassieren, dann macht s’ wenigstens ned noch einen Blödsinn.«
Matauschek bemühte sich um eine Steher-Pose.
»Hörst, Bürscherl. Du hättest die Alte fast umbracht, ist dir das klar? Jetzt hast noch eine Chance, dass d’ mit Raub und Körperverletzung im Affekt davonkommst. Das sind, na, drei bis vier Jahr, und des vielleicht ned amoi am Felsen. Aber wennst bockig bist, dann machen wir ganz schnell einen versuchten Mord mit schwerem Raub draus. Das sind dann 15 Jahr Stein. Mindestens. Also überleg’ dir gut, ob du parierst oder ned.«
Matauschek entglitten die Züge: »15 Jahr’?«
Bronstein nickte gewichtig.
»Taborstraßen 2. Im Hinterhaus. Da is’ so eine verlassene Schupf’n, da hamma übernachtet. Und dort wartet sie auf mich.« Die letzten Worte waren fast tonlos aus Matauschek herausgekommen. Gleich danach vergrub er sein Gesicht in seinen Händen und fing tatsächlich zu schluchzen an.
»Ich hab das alles ned wollen«, greinte er, »ich wollt’ doch nur das Geld. Die Rosl hat g’sagt, mit dem Gerstl von der Alten können wir wieder ein halbes Jahr gscheid leben. Ich hab ja ned g’wusst, dass die alte Vettel ihr’n depperten Kasten zusperrt. Ich hab g’rüttelt wie ein Wilder, aber der is einfach ned aufgangen. Also hab i des Hackl g’nommen, mit dem das Holz für’n Ofen g’macht wird. Und dann war’s auf einmal wieder da, und i hab ned g’wusst, was i jetzt machen soll. In meiner Angst hab’ i aufg’rieben. Ich hab’ g’hofft, die fallt uns in Ohnmacht. Aber na, die hat zum Schreien ang’fangen, und da wollt ich nur, dass sie ruhig ist. Des war alles.«
»Na servas, ein Gemütsmensch«, resümierte Bronstein angewidert. Dann fuhr er fort: »Und wie bist auf den Tajtelbaum kommen?«
»Den kenn ich noch vom Krieg. Der hat in Galizien eine illegale Schnapsbrennerei g’habt, bei der die Armee aus und eingangen ist. Und im 18er Jahr ist er mit uns in den Westen g’flüchtet, weil er Angst g’habt hat, die Polen hängen ihn am nächsten Baum auf. Und seitdem lebt der da in der Leopoldstadt. Der stellt keine Fragen, wenn man ihm was vorbeibringt.«
Eigentlich musste er diesem Vorwurf nachgehen, dachte Bronstein, aber jemand wie Tajtelbaum war ohnehin gestraft genug vom Leben, also konnte man diesen Hinweis getrost außer Acht lassen. Auch mit Matauschek war er eigentlich fertig.
»In Ordnung, bringt ihn in die Zelle. Jetzt holen wir uns seine Eva.«
Die Pichler leistete keinerlei Widerstand, als die Beamten kurz vor 7 Uhr den halbverfallenen Schuppen stürmten. »Na ja«, zuckte sie mit den Schultern, »wieder einmal Logis auf Staatskosten. Was wird’s denn werden? Wiener Neustadt? Für’n Mittersteig geht’s sich ja wahrscheinlich ned aus, was?«
»Wohl kaum. Unter drei Jahr geht’s dermalen ned ab.«
»Das hab’ ich mir gleich denkt. Der Trottel! Was geht der auch mit dem Hackl auf die Alte los? Ohne den Blödsinn wär’n wir im Frühling wieder draußen.«
»Na ja«, grinste Bronstein, »Frühling wird schon passen. Im 24er Jahr dann.«
»Oaschloch!«
»Nein, Drecksloch. So heißt das, wo du jetzt hinkommst, du faule Frucht.«
Die Pichler wollte noch etwas erwidern, doch Bronstein wandte sich ab und hieß die Uniformierten, die Pichler auf die Elisabethpromenade zu bringen. Er erinnerte sich an die Aktendeckel. Bald würde er wieder einen schließen können. Und mit dem weinerlichen Matauschek und der stahlharten Pichler mochten sich die Geschworenen herumplagen.
Es verging eine halbe Ewigkeit, ehe Bronstein wieder über den Fall Pichler/Matauschek stolperte. Ende Oktober bekam er eine Vorladung für den Schwurgerichtssaal, wo am 5. November gegen die beiden verhandelt werden würde, weshalb er, wie im Übrigen auch Pokorny und Kapuszczak, seine Aussage würde machen müssen. Unwillkürlich ertappte er sich bei der Frage, ob Letzterer überhaupt in der Lage sein würde, einem Verhör in deutscher Sprache folgen zu können. Wäre doch zu peinlich, wenn ein Staatsbeamter einen Dolmetscher für die Staatssprache benötigen würde.
Unvermittelt wurde er aus seinen Gedanken gerissen. »Da ist jemand für Sie, Herr Oberleutnant«, sagte der Bürodiener. Bronstein bedeutete ihm, die betreffende Person vorzulassen. Ein unscheinbares Ding von leidlich 20 Jahren kam in devoter Haltung auf ihn zu. Die Frau wartete, bis sie mit Bronstein allein im Raum war. Dann kramte sie in ihrem Korb herum und zog ein abgewetztes Stück Papier hervor. »Das soll ich Ihnen bringen«, flüsterte sie und reichte es ihm über den Tisch.
Bronstein schlug das Kuvert auf und registrierte, dass er einem Schlaganfall näher war als einem geregelten Herzschlag. Seine Augen blickten auf eine Korrespondenzkarte, die vor über einem Jahr im ukrainischen Tarnopol abgestempelt worden war. Mit zittrigen Fingern, für die ihn selbst Matauschek auf der Liesl bedauerte hätte, las er die wenigen Worte, die dort geschrieben standen.
»Lieber David. Es geht mir gut. Mach Dir keine Gedanken. Sobald die Stürme sich gelegt haben, sehen wir uns wieder. Wir leben in spannenden Zeiten. Nutzen wir sie. Ich liebe Dich! Deine stets an Dich denkende Jelka.«
Er schloss die Augen und spürte, wie sich zwei dünne Bäche ihren Weg über seine Wangen bahnten. »Ich hab das alles ned wollen«, dachte er.
1921: Tödlicher Mulatság
»Kollege, gut, dass ich Sie treff’! Ich wollte g’rade zu Ihnen.«
Bronstein sah verwirrt auf. Er war, bewaffnet mit einem Bündel Akten unter dem Arm, eben im Begriff, die zuletzt aufgearbeiteten Fälle ins Archiv zu bringen, und hatte nicht im Traum daran gedacht, dass der Leiter des Staatspolizeilichen Büros ihn ansprechen würde. Ja, er hätte nicht einmal gedacht, dass dieser ihn überhaupt kannte. Umso verwunderlicher war die Anrede gewesen.
Bronstein blieb abrupt stehen und sah den Spitzenbeamten möglichst devot an. »Herr Hofrat, ich muss zugeben, das ist, nun, ein wenig überraschend.«
»Gell«, lachte Bronsteins Gegenüber, »aber wir haben einen sehr heiklen Auftrag zu erledigen, und man sagte mir, dafür wären genau Sie der Richtige.«
»Na, wenn das so ist, Herr Hofrat …, die Akten können warten. Wenn ich Sie bitten dürfte, mir zu folgen.« Bronstein machte kehrt und geleitete den obersten Staatspolizisten in sein kleines Büro am Ende des Korridors. Umständlich, er hatte ja immer noch das Dokumentenkonvolut unter dem Arm, öffnete er die Tür und bat seinen hohen Gast hinein. Drinnen sah Pokorny erschrocken auf, doch eine kaum merkliche Bewegung des staatspolizeilichen Hauptes signalisierte ihm, er solle sich schleunigst rarmachen. Eine Aufforderung, der Pokorny nur allzu gerne nachkam.
Einen Augenblick später saß Bronstein an seinem Schreibtisch und sah seinen Besucher erwartungsvoll an.
»Was wissen Sie, Kollege, über Ödenburg?«, begann dieser vorsichtig.
»Na ja«, antwortete Bronstein nicht minder verhalten, »es gehört endlich wieder uns.«
»Wollen wir es hoffen«, seufzte Bronsteins Visavis, und Bronstein wusste selbstverständlich, worauf dieser Satz anspielte. Zwar hatten die Venediger Protokolle im vergangenen Oktober das gesamte ehemalige Westungarn Österreich zugesprochen, welches das Gebiet auch Anfang des Monats in Besitz genommen hatte, doch just in der vorgesehenen Hauptstadt Ödenburg stand noch eine Volksabstimmung aus, deren Ausgang darüber zu entscheiden hatte, ob Ödenburg bei Österreich verblieb oder aber an Ungarn übergeben werden musste. »Wie auch immer«, fuhr Bronsteins Gast fort, »derzeit verwalten wir dieses nette Städtchen. Und wir mussten feststellen, dass offenbar nicht alle in diesem Städtchen nett sind. Gestern gab es einen Mord. Einen ziemlich üblen sogar, wie es scheint.«
»Aha«, machte Bronstein und fragte sich dabei, was ihn diese Tatsache angehen sollte.
»Nun, wie Sie sich vorstellen können, Kollege, sind wir auf so etwas ganz und gar nicht vorbereitet dort unten. Wir sind ja erst vor einer Woche in Ödenburg eingerückt, und derzeit haben wir dort nur ein Regiment Soldaten und eine Handvoll Landgendarmen stationiert. Von denen weiß kein einziger, wie er mit einem Mordfall umgehen soll.«
Allmählich begann Bronstein zu dämmern, weshalb er aufgesucht worden war.
»Sie meinen also, Herr Hofrat …«
»Ich hab’s doch gewusst, Braunstein, dass Sie Ihr Vaterland nicht im Stich lassen.« Bronsteins Wange zuckte irritiert, und er überlegte einen Augenblick, ob er auf der richtigen Form seines Namens bestehen sollte, doch der Leiter der Staatspolizei fuhr ohne Umschweife in seiner Rede fort. »Ich habe hier schon alles für Sie bereitstellen lassen.« Er zog ein Päckchen Papiere aus seiner Tasche. »Hier ist eine Bahnkarte Zweiter Klasse, hier ein Anweisungsschein für ein Zimmer im Hotel Bauer, das, wie man mir versichert hat, direkt am Hauptplatz steht, und da haben wir auch noch eine Bestallungsurkunde, die Sie zum einzig verantwortlichen Beamten in dieser Sache macht, dem alle zur Verfügung stehenden Kräfte weisungsunterworfen sind.«
Obwohl sich Bronstein eingestehen musste, dass ihm vor allem die zuletzt gefallene Formulierung enorm schmeichelte, kam er dennoch nicht umhin, die entscheidende Frage zu stellen: »Warum, bitte schön, ich?«
»Weil wir, wie gesagt, keine zuständigen Behörden vor Ort haben. Wir brauchen jemanden, der auf dem Gebiet von Leib und Leben ein ausgewiesener Fachmann ist, und der …«
Bronstein wartete einen Augenblick, doch sein Gegenüber kratzte sich nur verlegen am Hinterkopf.
»… der?«
»Nun ja, was soll ich da lange um den heißen Brei herumreden, Kollege! Sie wissen selbst, in zwei Wochen ist Weihnachten, und wer kann schon sagen, ob der Fall so schnell gelöst werden kann. Wir brauchen da unten jemanden, der ungebunden ist und nicht wegen der Feiertage um Urlaub einkommt.«
Na bestens, dachte Bronstein verbittert. Nicht nur, dass er nach wie vor von der holden Weiblichkeit samt und sonders verschmäht wurde, jetzt richtete sich dieser ohnehin schon furchtbare Tatbestand noch zusätzlich gegen ihn. Anstatt unter dem Baum mit der Liebsten Franz Xaver Gruber zu würdigen, würde er am Weihnachtsabend in einem trostlosen Provinznest in einer abgetakelten Absteige mit irgendeinem Fusel mit sich selbst anstoßen. Was für eine Perspektive!
»Es täte sich für Sie natürlich lohnen«, fuhr der Spitzenbeamte in der Zwischenzeit fort, da er Bronsteins Schweigen als ein Zögern wertete. »Sie bekämen nach Abschluss Ihrer Mission Sonderurlaub, und im Erfolgsfall natürlich eine entsprechende Belohnung.«
Bronstein seufzte. »Wann soll ich fahren?«
Sein Gegenüber strahlte. »Der Zug geht um 14 Uhr. Sie haben noch genügend Zeit für ein ansprechendes Mittagessen.«
»Na dann«, sagte Bronstein mit einem Hauch Sarkasmus in der Stimme, auf den sein Besucher jedoch nicht näher einging. Vielmehr erhob sich dieser, legte die Unterlagen Bronstein vor die Nase und meinte, bereits zur Tür gewandt: »Sie sind in dieser Sache allein mir persönlich berichtspflichtig. Ich habe Ihnen meine Fernsprechnummern notieren lassen, unter denen Sie mich Tag und Nacht erreichen können. In Ödenburg selbst wird Ihnen von der Armee ein Feldtelefon zur Verfügung gestellt. Außerdem unterstehen Ihnen dort fünf Gendarmen und zwei Soldaten. Wenn Sie mit dieser Truppe nicht das Auslangen finden, dann können Sie jederzeit mehr Mannschaften beantragen. Wie gesagt, in dieser Causa sind Sie in Ödenburg Kaiser und Gott.«
»Na, das möge Letzterer abhüten«, erging sich Bronstein in einem Anflug von Galgenhumor, »ich glaube nicht, dass ein Kaiser dort im Augenblick sehr populär wär’.«
»Auch wieder wahr«, grinste der Staatspolizist und griff nach der Türschnalle. »Alsdern, ich erwarte morgen früh Ihren ersten fernmündlichen Bericht.«
»Sehr wohl, Herr Hofrat.«
Doch diesen Satz hatte der Mann wohl nicht mehr gehört. In erstaunlicher Eile war dieser auf den Gang getreten und hatte die Tür hinter sich geschlossen. Bronstein kam jedoch kaum zum Durchatmen, als sich die Pforte neuerlich öffnete. Pokorny grinste erwartungsvoll: »Na, was hat er wollen, der Oberhäuptling?«
»Dass ich jetzt essen geh’«, replizierte Bronstein lakonisch und verließ spornstreichs den Raum.
Wenige Minuten vor zwei Uhr nachmittags traf er am Südbahnhof ein. Ein kurzer Blick auf die Anzeigetafel verriet ihm, auf welchen Bahnsteig er sich zu begeben hatte. Als er des Zugs ansichtig wurde, war wieder einmal ein Seufzer angesagt. Natürlich bestand dieser Zeiserlwagen lediglich aus ein paar verkommenen Waggons, die sämtlich drittklassig waren. Seine Fahrkarte war nichts als ein übler Scherz der Bahndirektion. Ebenso gut hätte man ihm ein Ticket erster Klasse ausstellen können, ihm blieb es dennoch nicht erspart, sich mit Bauern, Viehhirten und gestrandeten Existenzen auf einer der harten Holzbänke niederzulassen und darauf zu hoffen, die Fahrt möge nicht allzu lange dauern.
Missmutig zündete er sich eine Zigarette an und hoffte, es würde ihn wenigstens niemand behelligen.
Keine Minute später saß ein feister Mittfünfziger mit kahlem Schädel, ungesunder Gesichtsfarbe und der leuchtend roten Nase eines Alkoholikers auf der Sitzbank gegenüber. »Wohin fahren wir denn, Euer Gnaden?«
Bronstein überlegte kurz, ob er vorwitzig mit »Das weiß ich nicht, wohin WIR fahren« antworten sollte, doch ahnte er, eine derartige Replik hätte den Fahrgast intellektuell überfordert und damit möglicherweise bloß aggressiv gemacht. Und einen Streithandel konnte Bronstein wahrlich nicht brauchen. Also sagte er bloß: »Ödenburg.«
»Na servus, da haben S’ ja eine wahre Odyssee vor sich, Euer Gnaden«, plauderte der Glatzkopf munter drauflos. »Zuerst einmal geht’s da jetzt ewig lang die Pottendorfer Linie entlang, nicht wahr. Meidling, Inzersdorf, Hennersdorf, Achau, Münchendorf, Ebreichsdorf. Dann kommen Weigelsdorf, Grammat Neusiedl, Reisenberg. Dann Unterwaltersdorf, Wampersdorf …«
Bronstein dachte sich, er hätte zu Mittag doch nicht so üppig zulangen sollen. Allein die Auflistung all dieser trostlosen Dorfnamen brachte seine Peristaltik nachhaltig in Wallung. Er wollte abwinken und dem ungebetenen Reisegefährten signalisieren, so genau wolle er es gar nicht wissen, doch der Mann war ohnehin nicht zu bremsen.
»Und wenn S’ einmal in Wampersdorf sind, dann ist Ihre Fahrt ja noch lange nicht zu Ende, ned wahr. Da kommen S’ dann erst nach Pottendorf, nach dem die Linie ja heißt, und vier Kilometer später sind S’ dann in Ebenfurth.«
Bronstein wünschte sich, der redselige Geselle wäre auch ›eben furt‹, und doch wusste er, der Vortrag würde ungebremst weitergehen. Er ahnte, was jetzt kam. In der Tat erläuterte die Schnapsnase wortreich, dass Bronstein in Ebenfurth aussteigen müsse, um die Linie zu wechseln. Mit der Raaber Bahn müsse er sodann nach Neufeld an der Leitha fahren, von dort ginge es nach Wulkaprodersdorf und Baumgarten, ehe endlich, nach Myriaden von Äonen, wie der feiste Mensch mit zweideutigem Grinsen verlauten ließ, Ödenburg erreicht sei. Natürlich hatte sich Bronstein am Fahrplan kundig gemacht, und die ganze Reise war objektiv kaum der Erwähnung wert. Von Wien bis Ebenfurth waren es 38 Kilometer, für welche der Zug 47 Minuten benötigte. Punkt 15 Uhr ging der Anschlusszug nach Raab, wobei dieser 32 Kilometer bis Ödenburg zurückzulegen hatte, wo er planmäßig um 15.45 Uhr eintreffen sollte. Lauschte man jedoch den Emanationen des Kahlkopfs, dann war der Vergleich mit den Irrfahrten des Odysseus gar nicht so abwegig. Und wieder einmal seufzte Bronstein. Laut und deutlich.
»Na ja«, hörte er den anderen resümieren, »mir kann’s wurscht sein. Ich steig in Hennersdorf aus.«
Bronstein atmete auf. Der Zug hielt eben in Inzersdorf. Schon an der nächsten Haltestelle würde er von seinem unfreiwilligen Kumpan befreit sein. »Wollen S’ wissen, was ich in Hennersdorf mach’?«, fragte der einstweilen.
»Eher ned«, entgegnete Bronstein und verschränkte die Arme vor dem Bauch. Er lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück und ließ sein Gegenüber schmollend zurück. Fünf Minuten später war Hennersdorf erreicht, und Bronstein hatte das Abteil für sich allein.
Beinahe wäre er eingeschlafen, doch der Schaffner wies ihn noch rechtzeitig darauf hin, dass er in Ebenfurth umsteigen müsse, und so befand sich Bronstein alsbald auf einem verödeten Bahnsteig, neben dem scheinbar sinnlos eine verrostete Dampflok vor sich hin schmauchte. Bronstein war sich bei ihrem Anblick sicher, dass sie Kaiser Ferdinand schon nach Budweis gebracht hatte, doch ihm blieb keine andere Wahl, als sich diesem alten Schlachtross anzuvertrauen. Wieder zündete er sich eine Zigarette an, dann setzte sich die Lokomotive samt den beiden Waggons, die an sie angekoppelt waren, auch schon in Bewegung.
Sie hatte kaum Fahrt aufgenommen, als der Lokomotivführer schon wieder ein Bremsmanöver einleiten musste, da sich der Bahnhof von Neufeld kaum zwei Kilometer von Ebenfurth entfernt befand.
Danach kamen zwei kleine Weiler, ehe sich endlich der Bahnhof von Ödenburg in Bronsteins Gesichtsfeld drängte. Dieser sah aus wie unzählige andere auf dem Gebiet der einstigen Monarchie, und wie in den meisten Fällen musste man ein gutes Stück Weges zurücklegen, ehe man ins eigentliche Ortszentrum kam. Bronstein dachte kurz darüber nach, sich eine Droschke zu nehmen, doch da man ihm versicherte, es seien keine zehn Fußminuten in die Stadt, und er praktisch kein Gepäck mit sich führte, beschloss er, sich Schusters Rappen anzuvertrauen.
Ödenburg selbst ließ noch recht genau die alte Stadtmauer erkennen, und mit seinen knapp 30.000 Einwohnern war es auch noch nicht sonderlich über diese hinausgewachsen. Das Ensemble prägten eine gotische Kirche, ein Gebäude, das Bronstein für ein Kloster hielt, und einige barocke Bürgerhäuser. Tatsächlich fand sich in unmittelbarer Nähe des Gotteshauses ein kleines Palais, auf dem ein Schild davon kündete, dass hier das ›Hotel Bauer‹ untergebracht war. Bronstein hielt darauf zu und betrat das Haus.
»Guten Tag zu wünschen. Major Bronstein. Ich müsste avisiert sein«, begrüßte er den Mann, der gelangweilt an der Rezeption lümmelte.
Dieser schnellte wie eine Feder hoch und mimte sofort rege Geschäftigkeit.
»Aber selbstverständlich, Herr Major! Herr Major sind uns schon ave …, avi …, sind uns schon angekündigt worden. Zimmer 1. Das allerbeste des ganzen Hauses. Mit direktem Blick auf St. Ursula. Herr Major werden zufrieden sein.« Dann wandte sich der Portier ab und rief in den hinteren Teil des Hauses laut und vernehmlich: »Ferenc!« Mit entschuldigender Miene richtete er sodann seine Aufmerksamkeit wieder auf Bronstein aus: »Wenn wir in irgendeiner Weise behilflich sein können, dann zögern Sie bitte nicht, es uns wissen zu lassen.«
»Schon recht«, brummte Bronstein und legte eine passende Summe auf den Tresen, welche der Mann eilfertig einstreifte. »Ich werd’ mich erst ein bisserl frischmachen, dann werde ich diese Grabenrunde absolvieren, von der hier jeder spricht, und dann wünsche ich zu speisen.«
»Das können Herr Major getrost hier erledigen. Wir sind auch im Hinblick auf unsere Küche das beste Haus am Platz.«
»Na, wenn das so ist, dann sagen Sie dem Koch, ich bin um 6 gestellt. Und wahrscheinlich diniere ich nicht allein, denn Ihre Aufgabe, guter Mann, wird es sein, mir den Postenkommandanten und den Kommandierenden des hierortigen Regiments einzubestellen.«
»Keine Sorge, Herr Major, Ferenc wird sich darum kümmern.«
Wie auf’s Stichwort kam ein kleiner Junge von etwa 12, 13 Jahren angeschossen, begierig, Bronsteins Gepäck aufzunehmen. Als er aber nirgendwo Koffer sah, blickte er verwirrt um sich, und seine Arme hingen schlaff vom Körper.
Bronstein lächelte. »Ist schon gut, ich hab’ gar kein Gepäck bei mir. Aber da hast für deinen guten Willen, und dafür, dass du danach machst, was dir der Herr Portier anschafft.«
Ferenc blickte auf die Kronen, dann auf Bronstein und nickte dankbar. Bronstein lächelte und ließ sich dann den Weg zu seinem Quartier weisen. Ehe er in den ersten Stock hochstieg, fragte er noch nach den vorhandenen Zeitungen, doch außer dem ›Pester Lloyd‹ war, wie sich zeigte, kein Blatt vorrätig. Resigniert nahm er selbiges an sich und anschließend die Treppe.
»Na servus«, dachte er sich, nachdem er die Zimmertür geöffnet hatte, »wenn das das beste Haus am Platz ist, dann möcht’ ich nicht wissen, wie die anderen ausschauen.« Tatsächlich war der Raum beengend klein und wies gerade ein schmales Bett samt Nachtkästchen auf. An der gegenüberliegenden Wand stand ein einfacher Holztisch samt Sessel, daneben fand noch ein ebenso hölzerner Spind Platz. Das einzige Fenster wies zwar tatsächlich in Richtung Kirche, doch war es so klein, dass es kaum Licht ins Innere ließ. Was Bronstein umso mehr auffiel, als es nun bereits merklich dunkelte, sodass er sich die Frage stellte, ob er wirklich noch einen Spaziergang unternehmen sollte.
Die diesbezügliche Entscheidung war rasch gefällt. Er ließ sich auf das Bett fallen und begann, im ›Lloyd‹ zu schmökern. Ein erster Blick überzeugte ihn davon, dass es sich um die Ausgabe des 7. Dezember handelte, also tatsächlich vom Tage war. Mit etwas Glück, so dachte er, würde er bereits eine Notiz über den Mordfall finden, sodass er bei seinem Treffen mit den örtlichen Behörden nicht mehr vollkommen ahnungslos war. Doch seine Suche schien nicht von Erfolg gekrönt. Ihn erstaunte der umfassende auslandspolitische Teil, der ihm sogar mitteilte, dass in Jugoslawien der Achtstundentag eingeführt, dass in London Engländer und Iren über einen Ausweg aus dem Unabhängigkeitskrieg verhandelten und in der Schweiz ein Sozialist namens Klöti Parlamentspräsident geworden war, er erfuhr zudem alles über die Liquidation der Besitztümer des Königs, wie man Kaiser Karl im ehemaligen ungarischen Reichsteil beharrlich titulierte, und über die komplizierten Verhandlungen der Koalitionsparteien in der Budapester Zentralregierung, doch zum Mordfall in Ödenburg war keine Zeile zu finden. Mehr noch, obwohl es bis zur Volksabstimmung nur noch wenige Tage waren, vermied das Blatt überhaupt jeden Hinweis auf die umstrittene Stadt.
Dachte er jedenfalls.
Umso erstaunter war er, als die politische Propaganda zum Thema auf der dritten Seite voll einsetzte. Warum hatte er auch von hinten zu lesen begonnen, schalt er sich. Wie einen doch das Wort ›Lokalnachrichten‹ in die Irre führen konnte! Doch nach der Lektüre der vier Artikel, die sich des Themas Ödenburg angenommen hatten, war er auch nicht klüger. Die ungarische Seite beklagte unfaire Einmischung der Österreicher, welche die Abstimmung in ihrem Sinne mittels Flugzetteln zu beeinflussen trachteten. Bronstein kannte diese politischen Spielchen, und sie ermüdeten ihn schon in Wien. Da brauchte er nicht auch noch derartige Aufführungen auf anderen Schmierentheatern über sich ergehen zu lassen.
Mittlerweile hatte die Dunkelheit endgültig über den Tag obsiegt, und Bronstein beschloss, sich noch ein wenig die Beine zu vertreten, ehe er die beiden Männer im Restaurant zu empfangen gedachte. Die empfindliche Kälte trieb ihn jedoch rasch in sein Hotel zurück, und so verkürzte er sich die Wartezeit mit einem Schnaps und einigen Zigaretten.
Eine Stunde später waren die beiden Amtsträger, um deren Erscheinen er ersucht hatte, bereits in voller Fahrt. Der Armeeoffizier beschränkte sich auf eine allgemeine Einschätzung der Lage, die Ausführungen zum eigentlichen Grund von Bronsteins Anwesenheit überließ er dem Gendarmen.
»Also, wir haben den Toten gestern gegen 10 Uhr abends gefunden«, begann dieser. »Hermann Bürkl, 45, ein örtlicher Tabakverschleißer und Kurzwarenhändler.«
»Kurzwarenhändler?«, fragte Bronstein.
»Na ja, er hat Knöpfe, Nadeln, Zwirn und solche Sachen verkauft. Dazu hat er aber eben eine Trafikkonzession besessen.« Bronstein nickte.
»Wir glauben natürlich, dass Bürkls Ermordung etwas mit der Volksabstimmung zu tun hat, denn der Bürkl hat sich sehr für einen Verbleib von Ödenburg bei Österreich eingesetzt. Dementsprechend verhasst war er der ungarischen Seite.«
Bronstein nickte abermals: »Und wie ist er jetzt genau umgebracht worden?«
»Ich habe mir schon gedacht, Herr Major, dass Sie das fragen werden. Darum habe ich gleich heute Vormittag den Bericht zusammengestellt.« Der Gendarm übergab Bronstein einen Pappendeckel, in dem sich zwei Seiten beschriebenen Papiers befanden. Bronstein begann sofort, deren Inhalt zu studieren.
Demnach war Bürkl hinterrücks mit einem spitzen, scharfen Gegenstand erstochen worden. Die Tatwaffe war links unterhalb der Rippen in den Körper eingedrungen und dabei steil nach oben direkt ins Herz vorgestoßen. Der Mann war wohl verhältnismäßig schnell verblutet. Anhand der Wunde könne man aber nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es sich nun um ein Messer, ein Bajonett oder einen sonstigen Gegenstand handelte, der Bürkls Lebensfaden jäh durchtrennt hatte. »Wahrscheinlich war’s eine Stricknadel«, gab Bronstein glucksend von sich. Die beiden anderen sahen ihn verwundert an. »Na ja«, erklärte er, »weil der Mann doch Kurzwarenhändler war.«
Er war sichtlich der Einzige, der dieses Bonmot belustigend fand.
»Nun gut«, fuhr er daher aufgeräumt fort, »was muss ich über ihn wissen?«
»Äh, wie meinen S’ das jetzt?«
Bronstein beeilte sich, die Scharte mit der Stricknadel wieder auszuwetzen: »Na, war er verheiratet, hatte er Kinder, betrieb er sein Geschäft allein oder gibt’s da Angestellte. Sein Umfeld, meine Herren! Sein Umfeld. Das ist fast immer der Dreh- und Angelpunkt eines Verbrechens! Haben Sie sich da noch nicht umgetan?«
Der Gendarm und der Offizier sahen sich an und zuckten gleichzeitig mit den Schultern. Dann wendeten sie sich synchron Bronstein zu: »Wozu? Den haben sowieso die Ungarn g’macht!«
Bronstein mimte den Erstaunten. »Ah so? Und wie kommen Sie zu dieser Erkenntnis?«
»Na, das haben wir Ihnen doch schon g’sagt. Der Bürkl war der Leiter des hiesigen Agitationsbüros.«
»Und das heißt jetzt nachher was?«
»Na, er hat die Aktivitäten der österreichischen Seite koordiniert, die was auf die Beibehaltung des gegenwärtigen Status Ödenburgs abzielen.«
Bronstein machte ein ratloses Gesicht.
»Der Kollege meint, er wollt’ dafür sorgen, dass Ödenburg bei Österreich bleibt«, übersetzte der Offizier die Ausführungen des Gendarmen.
»Ah, und deswegen meinen S’ gleich, dass die Ungarn ihn aus dem Weg geräumt haben? Ich glaub das, meine Herren, mit Verlaub eher nicht. Dann hätten s’ ihn nämlich erschossen – und nicht hinterrücks erstochen. Bei politisch motivierten Mordtaten treten die Akteure nicht so verstohlen auf«, dozierte er.
»Weiß das die Sisi auch?«
»Ah«, Bronstein verzog seinen Mund zu einem schiefen Grinsen, »der Herr Gendarm ist Historiker.« Er fingerte nach einer Zigarette und versuchte dabei, seinen Ärger auf sich selbst zu kaschieren. Tatsächlich war die Kaiserin seinerzeit mit einer Feile von einem Anarchisten erstochen worden, und der Fall Bürkl sah der damaligen Tat frappant ähnlich.
»Nein, nein, meine Herren, glauben S’ einem alten Hasen«, bemühte er sich um Contenance, »dieser Mord geschah aus anderen Motiven. Und ich werde sie enthüllen.« Er sah demonstrativ auf die Uhr. »Heute können wir eh nichts mehr machen. Holen Sie mich morgen um 9 Uhr hier ab, dann zeigen Sie mir den Tatort, sein Geschäft und sein Umfeld.«
»Morgen?«
»Ja, was spricht dagegen?«
»Aber morgen ist ein Feiertag«, erklärten beide wie aus einem Munde.
»Ah so? Welcher denn, um Himmels willen?« Bronstein war nicht klar, weshalb ein Donnerstag ein Feiertag sein sollte.
»Na, Mariä Empfängnis! Da geht hier einmal gar nichts. Zuerst ist die heilige Messe, dann der Frühschoppen, und ab Mittag ist sowieso Feiertagsruhe.«
Bronstein versenkte seinen Blick in die Augen seiner Gesprächspartner. Nach einer Weile brach er das Schweigen: »Sie meinen das wirklich ernst, oder?«
Beide nickten.
»Sagen S’ einmal, sind Sie vollkommen wahnsinnig!« Bronstein brauste auf und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Glauben Sie ernsthaft, das Verbrechen hält sich an Feiertage? Was«, äffte er theatralisch einen subalternen Beamten nach, »einen Mord haben wir? Aber doch nicht heute! Heute ist St. Fidibus!« Durchdringend fixierte er die beiden Männer und schob mit schneidender Stimme nach: »So können S’ vielleicht eine öde Burg verwalten, aber nicht die Abteilung Leib und Leben! Die Messe lasse ich Ihnen durchgehen, aber unmittelbar danach sind S’ bei mir g’stellt. Verstanden!«
Die beiden Männer raunten missmutig Zustimmung.
»So, jetzt, wo das geklärt ist, sagen Sie mir noch: hatte der Mann Familie und Angestellte oder nicht?«
»Ja und nein.«
»Was heißt das jetzt schon wieder?« Bronsteins Zorn wurde allmählich heftiger.
»Ja, er hatte Familie, und nein, er hatte keine Angestellten«, bemühte sich der Offizier um Konzilianz. Bronstein zeigte sich versöhnt.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.