Kitabı oku: «Johann Albrecht von Reiswitz (1899–1962)»
Andreas Roth
Johann Albrecht von Reiswitz
(1899–1962)
Vom unbequemen Südosteuropaexperten zum Kunstschützer

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ISBN 978-3-99081-024-8
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Layout: Ecotext-Verlag Mag. G. Schneeweiß-Arnoldstein, 1010 Wien
Inhalt
Vorwort
Einleitung
Forschungsstand
Quellen
Methodik
Aufbau der Arbeit
1. Werdegang zum Wissenschaftler
1.1. Frühe akademische und politische Prägungen
1.2. Die erste Jugoslawienreise 1924 und ihre Folgen
1.3. Ein ganz persönlicher „Balkanismus“
2. Auf dem Weg in die Südosteuropaforschung
2.1. Der Autodidakt
2.2. Die drei „Einbruchstellen“
2.3. Netzwerkbildung und die zweite Jugoslawienreise 1928
3. Der Denkmalschutz und die Ohridgrabungen
3.1. Die Genese des deutsch-jugoslawischen Grabungsabkommens 1929
3.2. Die Gesellschaft zum Schutz der Altertümer
3.3. Die Ohridgrabung 1931
3.4. Die Ohridgrabung 1932
4. Der Versuch der wissenschaftlichen Etablierung
4.1. Die zwei Habilitationsversuche – erst Berlin, dann München
4.2. Der lange Weg zur Hochschuldozentur
4.3. Auf der Suche nach finanzieller Förderung
4.4. Wilhelm Treue – Reiswitz’ Verbindungsmann in Berlin
4.5. Die wissenschaftliche und publizistische Reaktion auf Reiswitz’ Habilitationsschrift
5. Bemühungen um Einflussnahme auf die deutsche Jugoslawienpolitik
5.1. Kontaktpflege
5.2. Der jüdische Freundeskreis
5.3. Inhalt und Wirkung der Jugoslawiendenkschrift 1933
6. Der Kunstschützer (1941–1944)
6.1. Die Anlaufphase des militärischen Kunstschutzes in Serbien
6.1.1. Die Initiativbewerbung für den Kunstschutz
6.1.2. Die Mobilisierung der einheimischen Helfer
6.1.3. Das Sofortmaßnahmenpaket des Kunstschutzes
6.2. Reiswitz und das „Ahnenerbe“
6.2.1. Die Genese der Zusammenarbeit mit dem „Ahnenerbe“
6.2.2. Kunstschutz und ideologische Kriegsführung
6.2.3. Die Spur des Geldes des „Ahnenerbe“
6.3. Aus- und Umformung von Reiswitz’ Engagement in Serbien
6.3.1. Das Alltagsgeschäft des Kunstschutzes
6.3.2. Die Erweiterung des Aufgabenbereiches
6.3.3. Die Abwicklung des Kunstschutzes
Fazit
Bildteil
Quellen und Literatur
1.Quellen
1.1.Archivalische Quellen
1.2.Gedruckte Quellen
2.Forschungsliteratur
2.1.Monographien, Sammelbände
2.2.Aufsätze, Beiträge in Sammelbänden
2.3.Buchbesprechungen
2.4.Internetbeiträge
Anmerkungen
Vorwort
Völlig verblüfft war ich vor einigen Jahren, als mir im Zusammenhang mit einer Internetrecherche zu einem Projekt an meiner Arbeitsstätte, der Deutschen Schule Belgrad, der Bericht eines gewissen Johann Albrecht von Reiswitz über deutsche Kunstschutzaktivitäten in Serbien während des 2. Weltkriegs virtuell in die Hände fiel. Im Jahre 2012 war ich aus dem nordrhein-westfälischen in den Auslandsschuldienst eingetreten und mehr oder minder zufällig auf dem Balkan gelandet. Als Geschichtslehrer zog mich schon bald die Vergangenheit Südosteuropas in ihren Bann. Gerade in Serbien gibt es enorm viele Versionen der Geschichte der Jahre 1941–1944. Je nachdem, ob ich mit einem Verfechter der Partisanenversion, einem Anhänger der königstreuen Tschetniks, einem Fürsprecher der Regierung Nedić oder einem Vertriebenenvertreter sprach. Der Kunstschutzbericht aus dem Netz verwirrte mich noch mehr, da hier ein Angehöriger der deutschen Militärverwaltung, zumindest seinen eigenen Ausführungen nach, seine Tätigkeit offenbar sehr ernst genommen und zum Wohle Serbiens durchgeführt hatte. Wie konnte das möglich sein?
Ich wollte also mehr über diesen Herrn von Reiswitz herausfinden, doch gab es so gut wie keine Literatur über ihn und den Kunstschutz der Wehrmacht im besetzten Serbien zu finden. Allerdings gelang es mir, seine drei Kinder ausfindig zu machen. Zwei davon leben in Bayern. Beide teilten mir zunächst mit, dass sie mir nur wenig über die Arbeit ihres Vaters in Serbien erzählen könnten. Als ich dann aber im Sommer 2016 Bettina von Reiswitz in München besuchte, fanden sich im Keller ihres Wohnhauses nicht nur reichhaltige Aktenbestände aus der Kunstschutzzeit, sondern auch umfangreiche Privatkorrespondenz ihres Vaters. Ich brauchte nicht lange, um eine Entscheidung zu treffen. Diese Dokumente sollten den Grundstock an Primärquellen für ein Buch über den Kunstschutz in Serbien bilden.
Bei der Bearbeitung der Quellen stellte sich schnell heraus, dass Reiswitz bei Beginn seiner Kunstschutztätigkeit bereits auf lange und vielfältige Jugoslawienerfahrung zurückblicken konnte. Zunächst als Reisender und Liebhaber von Land und Leuten – insbesondere eine junge Dame, die er in Dubrovnik traf, spielte ihren nicht unerheblichen Part. Dann als Wissenschaftler und Ausgräber. Schließlich auch als jemand, der aktiv auf die politische Annäherung von Deutschland und Jugoslawien hinarbeitete. Das Buchprojekt nahm folglich immer mehr biographische Züge an.
Da ich als vollzeitbeschäftigter Lehrer nur in beschränktem Umfang über die Muße verfügte, ein solches Buchprojekt durchzuführen, hielt ich es für eine gute Idee, mich dadurch zu disziplinieren, das Thema an der Ludwig-Maximilians-Universität in München als Doktorarbeit unterzubringen. München war schließlich auch die spätere akademische Wirkungsstätte von Reiswitz, der ursprünglich in Philosophie promovierte, aber dann zur Geschichte Südosteuropas wechselte. Seit der Veröffentlichung meiner Biographie des irischen Gesandten in Berlin von 1933–1939, Charles Bewley, im Jahre 2000 hatte ich mich nur peripher dem Universitätsbetrieb gewidmet.
Die nun neu gewonnenen Erfahrungen waren zwiespältig. Ich genoss es zum einen, bei den Doktorandenseminaren wieder in die Schülerrolle zu schlüpfen. Zum anderen aber stellte ich schnell fest, dass meine Herangehensweise an die Thematik nicht den Wünschen meiner Betreuerinnen entsprach. Weder die von mir gewählte Methodik, eine Fallstudie mit einer Biographie zu verbinden, noch meine sich mehr und mehr herauskristallisierenden Befunde stellten die beiden Gutachterinnen zufrieden. Ich hatte allerdings noch sehr lange die wohl naive Vorstellung, meine Vorgehensweise und meine Ergebnisse im Rahmen einer Disputation begründen zu können. Doch dazu sollte es nicht kommen.
Im März 2019 reichte ich die Arbeit ein, im Mai bekam ich die Rückmeldung, dass Änderungsbedarf bestehe. Die Umsetzung der gewünschten Änderungen jedoch hätten, davon war und bin ich fest überzeugt, den Inhalt meines Textes und den Gehalt meiner Befunde in eine Richtung gedrängt, mit der ich mich nicht einverstanden erklären konnte. Mein Ergebnis entsprach aber wohl, meines Erachtens, nicht den Erwartungen der Hüterinnen der derzeitigen historiographischen Deutungshoheit. Ich zog die Arbeit zurück.
Um aber dennoch einem interessierten Lesepublikum die außergewöhnliche Karriere eines zum Südosteuropaexperten mit Professur in München gewandelten preußischen Barons nahezubringen, der von offizieller serbischer Seite heute als „Lichtgestalt in deutscher Uniform“ gepriesen wird, machte ich mich auf die Suche nach einem Verlag.
Mein Dank gilt an erster Stelle den Kindern meiner Hauptfigur, Bettina, Christoph und dem kürzlich verstorbenen Stefan von Reiswitz, die meine Arbeit mit Interesse und Hilfsbereitschaft begleiteten, ohne dabei den Versuch zu unternehmen, redaktionellen Einfluss auszuüben. Ferner stehe ich tief in der Schuld meiner Frau Deirdre Roth, die sich der Arbeit in allen Teilen als kritische Korrektorin widmete und sie durch ihr Verständnis und ihre Geduld erst ermöglichte. Auch bei anderen kritischen Lesern möchte ich mich bedanken, besonders bei Dr. Jelena Volić-Hellbusch, Germanistin und Krimiautorin, und bei Georg Spielmann, geschichtsinteressiertem Buchhändler, an deren Urteil bezogen auf die narrative Stringenz meines Textes mir besonders gelegen war. Für stundenlange und kontroverse Debatten in Belgrader Cafés über das Thema Kunstschutz in Serbien schulde ich Dr. Aleksandar Bandović, Kustos am Belgrader Nationalmuseum, viel Dankbarkeit. Und nicht unerwähnt bleiben sollen die aufmunternden Worte, die mir Prof. Lothar Höbelt und Prof. Jörg Baberowski zukommen ließen, als ich dabei war, die Folgen des Bruches mit meinen Betreuerinnen zu verarbeiten.
Einleitung
In seiner Festrede im Juli 1946 anlässlich der Wiedereröffnung der Ludwig-Maximilians-Universität in München hob der neue Rektor, der Orthopäde Georg Hohmann (1880–1970), hervor, dass die akademische Nachkriegsgeneration zu „historisch-politischem Verständnis des Gewesenen und Gewordenen erzogen“ werden müsse und auszustatten sei mit einem „anderen Geschichtsbild als in der wilhelminischen Zeit, mit einem anderen erst recht als in der alles verfälschenden nationalsozialistischen Zeit“1. Zu diesem Zeitpunkt bemühte sich der Südosteuropahistoriker Johann Albrecht von Reiswitz (1899–1962), der die wilhelminische Zeit als Gymnasiast und Kriegsteilnehmer miterlebt hatte und während der „alles verfälschenden“ Hitlerherrschaft dafür gekämpft hatte, zumindest eine Dozentur zu bekommen, seine Wiedereingliederung in den Münchener Lehrbetrieb zu erreichen. In der bayerischen Hauptstadt hatte er sich vor dem Zweiten Weltkrieg habilitiert, und während des Krieges war ihm eine Dozentur zuerkannt worden. Anfang Dezember 1946 erhielt er seitens des Rektorats die Aufforderung, den „befriedigenden Beweis zu erbringen“, dass er die „positiven politischen, liberalen und sittlichen Eigenschaften“ besitze, die zur „Entwicklung der Demokratie in Deutschland“ beitragen sollten.2
Am 15.12.463 legte er in seiner „Selbstdarstellung hins. politischer Einstellung“ dar, dass er „jede Form der Diktatur“ immer „mit Entschiedenheit“ abgelehnt habe. Seit seinen Kriegserfahrungen 1917/18 sei ihm indes der Sozialismus „als das Notwendige“ erschienen. In den 1930er Jahren habe er den „Rassefanatismus“ abgelehnt und dessen Auswirkungen auf seine zahlreichen jüdischen Bekannten sogar „bekämpft und gemildert“. In seiner Habilitationsschrift befinde sich kein Satz, der „irgendwelche Konzessionen an den Nationalsozialismus“ mache, und letztlich habe er sich der politischen Zensur dadurch entzogen, dass er seine Manuskripte „bei Seite“ legte, auch „auf die Gefahr hin als ‚unproduktiv‘ betrachtet zu werden“. Nie sei er Mitglied einer nationalsozialistischen Organisation gewesen.4
Seine „Balkan-Kenntnisse“, so Reiswitz, hätten ihm 1941 zur Stellung des Leiters des militärischen Kunstschutzes in Serbien verholfen. Zwei Sozialdemokraten seien es gewesen, die ihm bereits 1924 das Tor in die Welt der serbischen Intellektuellen aufgestoßen hätten. Während des Zweiten Weltkriegs habe er diese Beziehungen aufrechterhalten und gepflegt. Zusammenfassend könne er sagen, dass 1941–1944 „nicht ein einziges Objekt aus serbischen Museen verschleppt worden“ sei und dass die „Serben durch die Arbeit des Kunstschutzes überhaupt erst ein Gesetz zum Schutz ihrer Altertümer erhielten, dass die historischen Kirchen, Klöster und Baudenkmäler im Rahmen des überhaupt möglichen [sic] geschützt“ worden seien und dass „kein einziger Mensch“ durch ihn, Reiswitz, „in seiner Freiheit beschränkt“ worden sei, sondern, im Gegenteil, „viele befreit und am Leben erhalten worden sind“.5
Ein preußischer Baron im Majorsrang der Wehrmacht soll im Ersten Weltkrieg mit dem Sozialismus geliebäugelt und während der Hitlerherrschaft Juden geschützt haben? Ein Militärverwaltungsbeamter, der seine Hand über serbisches Kulturgut und serbische Intellektuelle hielt, zu einer Zeit, als „zu große Milde … das Letzte war, was man der Wehrmacht in Serbien vorwerfen konnte.“6? Im heutigen Serbien genießt Reiswitz einen ausgezeichneten Ruf: „His image in the Serbian public is strongly positive“.7 Der serbischsprachige Wikipediabeitrag über ihn beinhaltet die Aussage, dass er während des Krieges mehrfach im Sinne der serbischen Kulturdenkmäler bei deutschen Behörden interveniert habe.8
Die vorliegende Arbeit hat sich zur Aufgabe gemacht, zunächst herauszufinden, welchen wissenschaftlichen und politischen Positionen Johann Albrecht von Reiswitz verschrieben war. Stand er tatsächlich dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüber? Das Hauptanliegen ist es, ein besseres Verständnis dafür zu gewinnen, welche Rolle Reiswitz im Zusammenhang mit dem deutschen Kunstschutz in Serbien in den Jahren 1941 bis 1944 spielte.
Hierbei offenbart sich ein insbesondere für diese Arbeit spezifisches definitorisches und somit auch methodisches Dilemma: Ist der vorliegende Text eine biographische Untersuchung oder letztlich eine Fallstudie zum Kunstschutz in Serbien? Sicherlich war Reiswitz kein wirkungsmächtiger Wissenschaftler. Er publizierte kaum, brachte es lediglich zum außerplanmäßigen Professor und hinterließ kaum Spuren bei seiner akademischen Schülerschaft. Er bekleidete kein herausgehobenes politisches oder militärisches Amt. Von daher erscheint es auf den ersten Blick wenig ertragreich, ihn zum Thema einer wissenschaftlichen Biographie zu machen. Also doch eher eine Fallstudie? Doch liefert der Kunstschutz in Serbien, streng genommen ein Einmannbetrieb, welcher nicht nur personell, sondern auch von seinen sonstigen Ressourcen und der Bedeutsamkeit der von ihm zu schützenden Kulturgüter her von den vergleichbaren Abteilungen in Frankreich, Italien und Griechenland in den Schatten gestellt wurde, überhaupt genug Stoff für eine wissenschaftliche Monographie?
Der Ausweg aus dem definitorischen und methodischen Dilemma tat sich auf, als nach dem Studium der vorhandenen Quellen und der Forschungsliteratur zu Reiswitz und zum Kunstschutz sich ein klarer Befund ergab: Ohne Reiswitz hätte es wohl keinen militärischen Kunstschutz in Serbien während des Zweiten Weltkriegs gegeben, und ohne die Tätigkeit als Kunstschützer in Serbien wäre Reiswitz als im Foucault’schen Sinne „infamer Mensch“ sicherlich „ohne Spur“ geblieben.9 Aus dieser Interdependenz ergibt sich das Spezifische dieser Studie. Auch ohne ihre jeweiligen individuellen Leiter wären in Frankreich, Italien und Griechenland Abteilungen für Kunstschutz innerhalb der Militärverwaltungen eingerichtet worden, insbesondere aufgrund der enormen Quantität und Qualität des vorgefundenen Kulturgutes. Auch ohne ihre Arbeit als Kunstschützer wären die Kunstschutzleiter in Griechenland bzw. Italien, Wilhelm Kraiker (1899–1987) und Hans Gerhard Evers (1900–1943), die zu Beginn des Krieges bereits als Privatdozenten lehrten und, anders als Reiswitz, universitär etabliert waren, biographiewürdige Wissenschaftler.
Reiswitz hingegen wird ausschließlich durch den Kunstschutz wirkungsmächtig und ohne ihn wäre der Kunstschutz in Serbien wohl wirkungslos geblieben.
Aus diesem Grund ist das Forschungsprogramm dieser Arbeit darauf ausgelegt, sich sowohl mit der Person Reiswitz als auch mit dem Thema Kunstschutz in Serbien zu beschäftigen. Es wird versucht zu ergründen, wie es zu dieser spezifischen Verflechtung kommen konnte, zumal zu einem Zeitpunkt, der, wie die nachstehenden Ausführungen zu zeigen versuchen, sowohl für Reiswitz persönlich als auch für kunstschützerische Arbeit in Serbien der denkbar unwahrscheinlichste zu sein schien.
Zunächst sei an dieser Stelle kurz zu klären, worum es sich beim militärischen Kunstschutz definitorisch handelte. Am 05.02.1941 trafen der Leiter des Kunstschutzes beim Oberkommando des Heeres (OKH), Franz Graf Wolff-Metternich zur Gracht, in Begleitung seines Stellvertreters, Bernhard von Tieschowitz, in der Pariser „Galerie nationale du Jeu de Paume“, dem Umschlagort für Raubkunst, auf Hermann Göring. Die beiden obersten Kunstschützer der Wehrmacht erklärten dem „prominentesten Kunsträuber“10 des „Dritten Reiches“, dass sie für die Sicherheit der beschlagnahmten Kunstwerke verantwortlich seien. Irritiert beklagte sich Göring darüber, dass er sich nun noch mit einer weiteren Dienststelle abgeben müsse, und verwies die OKH Vertreter rüde des Saales.11
Diese Anekdote veranschaulicht deutlich das Spannungsverhältnis zwischen Kunstraub und Kunstschutz im Kriege. Vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges waren bereits die völkerrechtlichen Fundamente für den Schutz von Kulturgütern im Kriegsfalle geschaffen worden. Die von Deutschland ratifizierte Haager Landkriegsordnung von 1907 legte in Artikel 27 das Folgende fest: „Bei Belagerungen und Beschiessungen sollen alle erforderlichen Vorkehrungen getroffen werden, um die dem Gottesdienste, der Kunst, der Wissenschaft und der Wohltätigkeit gewidmeten Gebäude, die geschichtlichen Denkmäler, die Hospitäler und Sammelplätze für Kranke und Verwundete so viel wie möglich zu schonen, vorausgesetzt, dass sie nicht gleichzeitig zu einem militärischen Zwecke Verwendung finden.“ Ergänzt wurde dies in Artikel 56: „Das Eigentum der Gemeinden und der dem Gottesdienste, der Wohltätigkeit, dem Unterrichte, der Kunst und der Wissenschaft gewidmeten Anstalten, auch wenn diese dem Staate gehören, ist als Privateigentum zu behandeln. Jede Beschlagnahme, jede absichtliche Zerstörung oder Beschädigung von derartigen Anlagen, von geschichtlichen Denkmälern oder von Werken der Kunst und Wissenschaft ist untersagt und soll geahndet werden.“12 Doch führte, wie es der Historiker Wilhelm Treue, ein guter Freund des Barons Johann Albrecht von Reiswitz, in seiner Monographie über Kunstraub ausdrückte, „keine geradlinige Entwicklung vom Barbarischen zum Humanen, von der Rechtlosigkeit zum Recht“.13
Forschungsstand
Diesen Mangel an Verbindlichkeit und auch an Vergleichbarkeit des deutschen militärischen Kunstschutzes im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg beobachtet auch die neuere Forschung, deren Fragestellungen, Erkenntnisse und Unzulänglichkeiten im Folgenden skizziert werden sollen. Es wird dabei jeweils hervorzuheben sein, welche Forschungslücken die vorliegende Arbeit im Rahmen ihrer Gesamtkonzeption zu schließen beabsichtigt. Dabei wird zunächst die wichtigste Literatur zum Thema Kunstschutz in Serbien und anderen deutsch besetzten Gebieten zu berücksichtigen sein. Danach gilt es, die zentralen Arbeiten über die deutsche Besatzungsherrschaft in Serbien zu präsentieren. Schließlich soll auch die für die vorliegende Arbeit relevante Literatur zu Wissenschaftlerkarrieren im Nationalsozialismus kurz vorgestellt werden. Diese Reihenfolge soll keinesfalls von der Person Reiswitz weg-, sondern, ganz im Gegenteil, zu ihr hinführen. Hinzu kommt, dass von einem „Forschungsstand“ zu Reiswitz nicht gesprochen werden kann, da es, abgesehen von zwei Nachrufen in wissenschaftlichen Publikationen, bislang keine biographische Sekundärliteratur zu ihm gibt.14
Seitens des deutschen Kaiserreiches wurde im Ersten Weltkrieg zwar im besetzten Nordfrankreich und Belgien Kunstschutz betrieben, doch bestand ein Unterschied zwischen den beiden Wirkungsräumen allein schon darin, dass Belgien unter deutscher Zivil-, Nordfrankreich aber unter Militärverwaltung stand. In beiden Gebieten – dies war eine Gemeinsamkeit – fehlte es an einem „programme préalable“ seitens der Besatzer.15
Es wird mit dieser Studie nicht beabsichtigt, einen Vergleich zwischen den Kunstschutzkampagnen der Mittelmächte im Ersten Weltkrieg in Südosteuropa und dem deutschen Kunstschutz in Serbien 1941–1944 zu leisten, zumal, wie zuletzt im Mai 2018 auf einer Tagung in Berlin über Kunstschutz im Ersten Weltkrieg festgestellt wurde, der Kunstschutz im Ersten Weltkrieg auf dem Kriegsschauplatz Balkan bislang „wenig Beachtung“ fand.16 Symptomatisch ist dafür schon der Titel des Aufsatzes von Popović, „The Forgotten Expeditions of the Central Powers in South-East Europe during World War I“.17 Den Forschungsstand zum Kunstschutz auf dem genannten Kriegsschauplatz referieren die Herausgeber im Eingangsaufsatz ihres 2017 erschienenen Sammelbandes.18
Die Abwesenheit einer verbindlichen Richtschnur für den Kunstschutz in den besetzten Gebieten führte im Zweiten Weltkrieg dazu, dass die Kunstschützer vor Ort eher reagierten denn agierten, wie es Fuhrmeister19 schon im Mai 2010 in München auf einer Tagung über den deutschen Kunstschutz in Norditalien im Zweiten Weltkrieg feststellte. Fuhrmeister war es auch, der den übrigen Teilnehmern Folgendes auftrug: „The first major objective of research into German military art protection in Italy is to collect and assemble the widely scattered documents. Furthermore, analyzing private notes and reconstructing the lives of the members of the art protection project as completely as possible are essential to a nuanced evaluation of the measures taken. This is because they could contain information about the frictions between the regime and the executing individuals.“20 Dieser Aufforderung versucht die vorliegende Arbeit nachzukommen, allerdings nicht auf Norditalien bezogen, sondern auf Serbien.
Die Münchener Tagung fand im Gebäude des Zentralinstituts für Kunstgeschichte (ZI) statt, dem ehemaligen Munich Collecting Point.21 In der Bibliothek des ZI entdeckte Fuhrmeister zwei Berichte aus der Feder von Reiswitz, verfasst 1943 bzw. 1944, die er als Grundlage seines Aufsatzes über den Kunstschutz in Serbien nahm.22 Obgleich Fuhrmeister nur für sich beansprucht, „ein Desiderat zu skizzieren“, fällt er dennoch ein dezidiertes Urteil. Der Kunstschutz in Serbien scheine „stets vom Primat einer deutschen Überlegenheit – in kultureller wie in wissenschaftlicher Hinsicht – durchdrungen gewesen zu sein“ und die „wissenschaftliche Dimension der Kunstschutzarbeit“ sei nur „zum bloßen Vorwand“ geworden. Dieses Urteil versucht die vorliegende Arbeit unter Rückgriff auf eine erweiterte Quellenbasis, die u.a. auch die von Fuhrmeister gewünschten „private notes“ umfasst, auf den Prüfstand zu legen.23
Fuhrmeister behauptet, Reiswitz sei im Januar 1940 Mitglied der NSDAP geworden.24 Dies trifft nicht zu, wie eine Nachfrage des Verfassers beim Bundesarchiv in Berlin ergab.25 In einem undatierten Schreiben aus dem Nachlass an den Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität München, den Ägyptologen Alexander Scharff (1892–1950), welches vom Kontext her aus dem Jahre 1946 stammt, legte Reiswitz allerdings dar, dass vom 13.11.40–30.06.41 eine „Parteianwärterschaft“ seinerseits bestand.
Ein von Fuhrmeister 2016 nicht beachteter Beitrag zum Kunstschutz in Serbien stammt von Vujošević aus dem Jahre 2002, der im Freiburger Militärarchiv im Bestand „Territorialbefehlshaber Südost-Europa“ auf weitere drei Reiswitz’sche Kunstschutzberichte, diesmal aus dem Jahre 1941, stieß. Anders als Fuhrmeister enthielt er sich allerdings einer Bewertung der Arbeit des Belgrader Kunstschutzes, sondern bot die Texte lediglich mit einigen erläuternden Bemerkungen in serbischer Übersetzung dar.26 Vujošević schreibt in der Zusammenfassung seines Textes, dass es allerdings an weiteren Quellen mangele.27 Diesen Misstand wird die vorliegende Arbeit versuchen, im Rahmen und als Folge des oben beschriebenen Forschungsprogramms zu beheben.
Die dritte Abhandlung über den Kunstschutz in Serbien wurde von Kott vorgelegt. Sie berücksichtigte die Vorarbeiten von Vujošević und Fuhrmeister, konnte aber zusätzlich auf die Ergebnisse von Bandović eingehen, der sich des sogenannten „Musealkurses“ annimmt, welcher unter der Ägide von Reiswitz zur Schulung des serbischen Wissenschaftlernachwuchses 1942 erstmalig ermöglicht wurde. Ferner befasst sich Bandović mit der Einrichtung eines Amtes für Denkmalschutz seitens des Kunstschutzes und den archäologischen Grabungen auf der Belgrader Burganlage, dem Kalemegdan. Den „Musealkurs“ beurteilt er wie folgt: „The course became the turning point in the history of archaeology, a sort of parallel university in the occupied city“. Aus ihm ging eine „whole generation of post-war archaeologists, art historians and architects“ hervor.28 Der Einfluss von Reiswitz, auch aufgrund der Kalemegdangrabungen, spiegelt sich zudem in der methodologischen Ausrichtung der jugoslawischen Archäologie der Nachkriegszeit wieder: „The symbiosis developed before and during the WWII between German and Serbian archaeology did not disappear during the post-war period.“29
Kott schließt sich dem Urteil von Bandović an, erweitert es sogar noch um andere modernisierende Aspekte der Kunstschutztätigkeit von Reiswitz: „Nicht nur die Nachwuchsausbildung, sondern auch die Interdisziplinarität bzw. das Zusammenwirken unterschiedlicher Behörden und Ebenen sowie der Einsatz weiblicher Wissenschaftler“ sei [von Reiswitz] „gefördert“ worden. Zu diesem Ergebnis kommt Kott durch die Hinzuziehung weiterer Primärquellen, vor allem des mittlerweile erschlossenen Archivbestands zum Thema Kunstschutz im Nachlass Metternich, der sich im Archivdepot der Vereinigten Adelsarchive im Rheinland e.V. auf Schloss Ehreshoven befindet. Ferner hat sie die Akten zur Ausgrabung von Reiswitz und dem Archäologen Wilhelm Unverzagt am Ohridsee im heutigen Nordmazedonien im Archiv des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte teilausgewertet. Sie revidiert das äußerst negative Urteil Fuhrmeisters über die Kunstschutzarbeit von Reiswitz und bescheinigt ihm, „eher ‚zivile‘ Verhaltensweisen verfolgt“ und „seine serbischen Partner durchaus als Partner betrachtet zu haben.“ Sie klassifiziert das Wirken von Reiswitz dann aber dennoch nach Hachtmann30 als „neokolonialistische Praxis wissenschaftlicher Durchdringung unter nationalsozialistischen Vorzeichen“, wobei sie letztere besonders in der Zusammenarbeit Reiswitz’ mit der SS-Forschungseinrichtung „Das Ahnenerbe“ sieht.31
Kott kann bislang sicherlich als die Doyenne der internationalen Kunstschutzforschung bezeichnet werden, nicht nur wegen ihrer Publikationsdichte, sondern auch wegen der zeitraum- und territorial übergreifenden Spannbreite ihrer Arbeit. Sie ist die bislang einzige, die den Versuch unternahm, den deutschen Kunstschutz des Ersten mit dem des Zweiten Weltkriegs am Beispiel des besetzten Frankreichs zu vergleichen und kam zu folgendem Ergebnis: „Von einem Weltkrieg zum anderen hatte sich der ’Kunstschutz’ von einer Abteilung ohne echten Status, Personal und Material zu einer zentralisierten, gut organisierten und materiell abgesicherten militärischen Einrichtung entwickelt. Die Motivationsfaktoren, die in beiden Fällen zu seiner Schaffung seitens der Machthaber führten, waren in erster Linie kulturpolitischer (der Rückführungsplan), wissenschaftlicher (die kunstgeographischen Forschungen und die Fotokampagnen) und kriegswirtschaftlicher Art (die Metallrequirierung). Der Propagandafaktor spielte vor allem im Ersten Weltkrieg eine weitere, wichtige Rolle. Doch in beiden historischen Situationen war der sicherlich authentische Wille der Beteiligten nach Bewahrung des Kunsterbes der besetzten Länder im Rahmen der völkerrechtlichen Verträge und im Namen des Weltkulturerbeschutzes für die Rechtfertigung einer Kunstschutzorganisation nicht ausschlaggebend.“32 Es gilt zu überprüfen, ob dieses Urteil auch auf Serbien zutrifft.
Während Kott 2007 den deutschen Kunstschützern im Zweiten Weltkrieg zumindest noch „authentischen Willen“ zusprach, so hat sich in jüngster Zeit dieses Bild, vorsichtig ausgedrückt, negativiert. Bandović sieht nun in Reiswitz jemanden, der im Sinne von Ian Kershaw lediglich dem „Führer entgegenarbeitete“33. Fuhrmeister geht in seiner jüngsten Publikation sogar noch darüber hinaus und postuliert, das die „wissenschaftliche Dimension der Kunstschutzarbeit“ in Serbien unter Reiswitz „streng genommen zum bloßen Vorwand“34 geworden sei. Auch diese Einschätzungen werden unter die Lupe zu nehmen sein.
Die Kunstschutztätigkeit, die außer in Frankreich und Serbien in der dem OKH unterstehenden institutionalisierten Form auch in Griechenland35 und Norditalien36 stattfand, wurde bislang nur in Aufsatzliteratur untersucht. Eine Monographie von Fuhrmeister dazu ist im September 2019 erschienen, konnte aber aus Zeitgründen hier nicht mehr in Bezug auf Italien ausgewertet werden.37 Für die Universität Trier bereitet Raik Stolzenberg eine Dissertation unter dem Titel „Der ‚Kunstschutz‘ der deutschen Wehrmacht im besetzten Griechenland (1941–1944)“ vor. In Griechenland arbeitete der militärische Kunstschutz eng mit dem Deutschen Archäologischen Institut38 gegen die Bestrebungen des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg39 zusammen. Letztlich setzten sich nach Gaertringen die Kunstschützer durch.40 Kankeleit folgt zum Teil dieser Sichtweise: „Festzuhalten bleibt, dass während der Besatzungszeit kein systematischer Raub oder eine von oben verordnete Zerstörung der Antiken stattgefunden hat.“ Andererseits aber moniert sie die Ignoranz der Archäologen gegenüber den Schattenseiten der Besatzung: „Die in Griechenland tätigen deutschen Archäologen waren Repräsentanten eines gebildeten Großbürgertums philhellenischer Prägung. Sie profitierten von der nationalsozialistischen Ideologie, die ihre ‚geistige und kulturelle Überlegenheit‘ gegenüber anderen Völkern manifestierte. Mit staatlicher Unterstützung konnten sie sich auf ihre archäologischen Aktivitäten konzentrieren und alle Verbrechen, die in der direkten Umgebung stattfanden, ignorieren.“41 Trifft diese Diagnose auch auf Serbien zu?
Floudas Aufsatz ist eine Fallstudie über den auf Kreta tätigen österreichischen Kunstschützer August Schörgendorfer (1914–1976). Methodisch folgt sie, wie auch die vorliegende Arbeit, dem „paradigmatic shift of emphasis from collective to personal narratives“ und besorgt, ähnlich wie die vorliegende Studie, eine „combined study of official and personal archival testimonies“. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass „archaeological research during the Nazi regime was not just dictated from above“, wobei der Fall Schörgendorfer auch zeige, „how military and research institutions in totalitarian regimes prevailed over archaeological ethics, and also how their priorities were filtered through personal academic interests and ambitions.“42 Es wird zu überprüfen sein, in welchem Wechselspiel militärische Interessen und die persönlichen Ambitionen von Reiswitz sich im Falle des Kunstschutzes in Serbien bewegten. Inwieweit war Reiswitz’ Tätigkeit „dictated from above“?43
Gesamtdarstellungen der deutschen Besatzungsherrschaft in Serbien liegen in ausreichender Zahl vor.44 Keines dieser Überblickswerke aber widmet sich der Arbeit des Kunstschutzes. Marjanović, der im Jahre 1963 eine Studie des deutschen Besatzungssystems vorlegte, erwähnt lediglich ein nicht näher bezeichnetes „Command for the Gathering of War Booty“45, womit vermutlich der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg gemeint war.
Gegen Ende seiner 1993 erschienenen Studie über die deutsche Besatzungspolitik in Serbien von 1941 bis 1942 konstatiert der Politikwissenschaftler Manoschek: „Das im NS-System typische institutionelle Chaos gab es auch in Serbien.“46 Obwohl Manoschek in serbokroatischer Sprache verfasste Literatur ignorierte – wie z. B. Kresos ursprünglich 1970 als Magisterarbeit vorgelegte grundlegende Studie über die deutsche Militärverwaltung47 –, so bietet sein Buch doch weiterhin eine hinreichende Einführung in die Struktur der militärischen Besatzung Serbiens. Allerdings befasst sich Manoschek in der Hauptsache nur mit einem der beiden Stäbe des Chefs der Militärverwaltung, dem Kommandostab. Den Verwaltungsstab, innerhalb dessen der Kunstschutz angesiedelt war, behandelt Manoschek nur äußerst kursorisch. Der Nachfolger Harald Turners als Chef der Militärverwaltung, Egon Bönner, wird mit keinem Wort erwähnt. Der Kunstschutz tritt gar nicht in Erscheinung.
Kresos Abhandlung hingegen widmet sich – anders als neun Jahre zuvor Čulinović48 – detailliert auch und gerade der Arbeit des Verwaltungsstabes. Der 2015 verstorbene Kreso erwähnt auch Bönner und dessen Nachfolger Danckwerts – bei beiden Namen gerät die Schreibweise durcheinander49 – doch fehlt die Nennung von Reiswitz. Die Arbeit des Kunstschutzes beschreibt Kreso als lediglich im deutschen Interesse. Allerdings hebt er hervor, dass der Kunstraub keine „offizielle Aufgabe“ des Kunstschutzes gewesen sei. Dafür sei der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg zuständig gewesen, dessen Tätigkeit in Serbien gestreift wird.50 Trifft dies tatsächlich zu? Oder war der militärische Kunstschutz nicht doch in den Kunstraub verwickelt?51
Allen bisherigen Darstellungen des Wirkens der deutschen Militärverwaltung in Serbien ist gemein, dass sie sich sich entweder mit rein militärischen bzw. wirtschaftlichen Fragen befassen, oder aber mit der Judenvernichtung. Bislang fehlt eine Gesamtschau, die über den Gesamtzeitraum der Jahre 1941–1944 alle Abteilungen der Militärverwaltung abdeckt, auch das Bauwesen, die Finanzen, die Justiz, das Arbeitsressort und auch die dem SS-Standartenführer Dengel unterstehende Pferdezucht, so dass es noch nicht möglich ist, den Kunstschutz im Kontext der Militärverwaltung zu beurteilen.
Schlarp gelangte bereits 1986 zu dem Schluss, dass eine „effektive Koordination“ der wirtschaftspolitischen Maßnahmen durch die deutschen Besatzer auch in Serbien an der „Unfähigkeit der nationalsozialistischen Machthaber“ scheiterte. Wie „effektiv“ bzw. „unfähig“ arbeitete der Kunstschutz? Das „Dritte Reich“ konnte nur „marginal“ von der Indienststellung der serbischen Wirtschaft während des Krieges profitieren und erlitt darüber hinaus durch die „ausbeuterische Praxis“ einen erheblichen „Vertrauensverlust“.52 Inwiefern trifft dieses Szenario auch auf den von der Wehrmacht eingerichteten Kunstschutz zu?
Schlarp weist darauf hin, dass innerhalb der Militärverwaltung die Beamten des Verwaltungsstabes, zu denen auch Reiswitz gehörte, nicht nur die serbische Kollaborationsregierung zu kontrollieren hatten, sondern auch versuchen sollten, die serbische „Bevölkerung für die Sache des Reiches zu gewinnen“. Der kulturelle Bereich, zu dem der Kunstschutz gehörte, hatte dabei durchaus Handlungsspielraum, war „sehr viel unabhängiger als etwa das Finanzwesen oder der Bergbau.“53 Konnte der Kunstschutz diese Gelegenheit nutzen?
Auf den Vorarbeiten von Schlarp fußend, befasst sich Ristović in seiner ursprünglich 1991 erschienenen und 2005 wiederaufgelegten Studie insbesondere mit der deutschen Wirtschaftsplanung in Bezug auf Südosteuropa und kommt zu dem Ergebnis, dass Serbien nur eine passive Rolle zugedacht war und es damit zusammen mit Griechenland in der „neofeudal pyramid of conquered and vassal ‘allied’ peoples and states“ in Südosteuropa den Bodensatz bildete. Allerdings ist die Befundlage nicht eindeutig dahingehend, ob Serbien reiner Agrarstaat und Arbeitskräftelieferant sein sollte oder aber zum deutschen Nutzen innerhalb der anvisierten „Großraumwirtschaft“ auch Nutznießer industrieller Modernisierung hätte sein können. Als aktiver Planer oder gar akzentsetzende Stelle jedenfalls tritt die Belgrader Militärverwaltung, anders als bei Schlarp, bei Ristović kaum in Erscheinung. Auch Erpenbeck hatte in seiner Studie, trotz ihres Titels, die „Militärverwaltung“ nur insoweit im Fokus, als es um rein militärisch-operative Belange ging, die Sache des Kommandostabes waren. Der Verwaltungsstab findet nur kurze Erwähnung.54
Abgesehen von Brownings Aufsatz über Turner55 fehlt es völlig an biographischen Studien über die Militärverwaltungschefs Bönner und Danckwerts. Selbst der von Reiswitz als „Arsch mit Ohren“ bezeichnete Generalbevollmächtigte für die Wirtschaft in Serbien, Franz Neuhausen, wurde bislang nicht bedacht. Über untergeordnete Beamte im Range von Oberkriegs- bzw. Militärverwaltungsräten und darunter gibt es ebenfalls keine wissenschaftlichen Arbeiten, abgesehen von wenigen Ausnahmen, die aber in keinem Fall an eine biographische Studie heranreichen.56
Wie an einer Gesamtdarstellung der nichtmilitärischen Arbeit der deutschen Verwaltung im besetzten Serbien fehlt es auch an einem opus magnum zur Politik der Kollaborationsregierung. Überzeugende Vorarbeit hat hier Stojanović geleistet.57
In Abwesenheit struktureller Verbindlichkeit ergeben sich individuelle Handlungsspielräume, da letztlich politische Entscheidungen „nicht von Strukturen, sondern von Menschen getroffen“58 werden. In den Jahren 1941–44 wurden im besetzten Serbien viele der unheilvollsten Entscheidungen von österreichischen Militärs getroffen. Diese Diagnose stellt Manoschek und gibt dabei sogar den „cool tone“ – so Steinberg – des Historikers auf: „Manoschek is particularly angry at his fellow Austrians.“59 Viele dieser österreichischen Offiziere waren bereits im Ersten Weltkrieg in Serbien in Erscheinung getreten und trachteten nun nach Genugtuung für die von ihnen als Schmach empfundene Niederlage.60 Der erste Chef der Militärverwaltung, der aus Hessen stammende Jurist Harald Turner, zeichnete sich allerdings eher durch seine antisemitische denn serbophobe Grundhaltung aus und vermochte schon im August 1942, nachdem die Mordaktionen abgeschlossen waren, Serbien für „judenfrei“ zu erklären.61
Konnte bei dieser Konstellation ein preußischer Baron dienstlich reüssieren, der es als Historiker strikt ablehnte, „eine heranwachsende Generation in den Vorurteilen der Habsburgischen Monarchie … zu erziehen“62, und zu dessen engsten Freunden ein Berliner und ein Belgrader Jude zählten? Konnte ein zu fünfzig Prozent Kriegsversehrter mit nach Aussage des dritten Chefs der Militärverwaltung „fraglicher“63 soldatischer Eignung, dem noch kurze Zeit vor seinem Amtsantritt als Leiter des Kunstschutzes in Serbien der spätere Rektor der Universität München „unmännliche Unentschlossenheit“ attestiert hatte, erfolgreich wirken? Vermochte ein Mann, dem nach seiner Ankunft in Belgrad im Juli 1941 mehrfach nachgesagt wurde, Freimaurer und Serbenfreund zu sein, seine Aufgabe als einziger Kunstschützer im Lande so erfüllen, dass er 2014 in der offiziellen Geschichte des serbischen Militärmuseums als „Lichtgestalt in deutscher Uniform“64 etikettiert wurde? Konnte der schwächliche Serbenfreund und seit mehreren Jahren erfolglos um eine Dozentur kämpfende parteilose Südosteuropahistoriker im Range eines Majors seinen ganz persönlichen Plan der Denkmalspflege, den er siebzehn Jahre zuvor bereits zu konzipieren begonnen hatte, als Angehöriger einer Wehrmacht, die in Belgrad 1941 rund 4.750 Geiseln erschoss,65 im Alleingang in die Tat umsetzen?
Studien, die das Wirken einzelner Wissenschaftler zur Zeit der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland erhellen, sind keine Seltenheit,66 insbesondere nachdem das wissenschaftliche Genre der Biographie in Deutschland wieder verstärkt salonfähig wurde.67 Zunehmend werden einzelne Gelehrte nicht mehr ausschließlich entweder als Opfer, Täter oder Mitläufer gesehen. Es ist erkannt worden, dass viele Forscher versuchten, die nationalsozialistische Wissenschaftspolitik, der ein „Masterplan“68 fehlte, für ihre eigenen Ziele zu nutzen. Diese Ziele konnten sowohl wissenschaftlicher Natur sein als auch persönliche Ambitionen in den Vordergrund stellen. In der Regel handelte es sich aber um ein Wechselspiel bei der Nutzung von Ressourcen.69 Die Minderheit der bislang untersuchten Wissenschaftler war schon fest im Wissenschaftsbetrieb etabliert, sei es in den Universitäten, oder auch in bestehenden oder nach 1933 neu geschaffenen Forschungseinrichtungen. Ein Ziel der vorliegenden Arbeit ist es zu ergründen, wo der Münchener Südosteuropahistoriker Johann Albrecht von Reiswitz in diesem Zusammenhang zu verorten ist. Insofern kann sie auch einen Beitrag leisten zur Erforschung der Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität zur Zeit des „Dritten Reiches“.
Historikerkarrieren im Nationalsozialismus haben ebenfalls das Augenmerk der Forschung auf sich gezogen.70 Eine Vielzahl von Studien widmet sich der Frage nach dem aktiven Beitrag von Geschichtswissenschaftlern bei der Legitimierung und Stabilisierung der nationalsozialistischen Herrschaft.71 Auch die Gruppe der Ost- bzw. Südosteuropahistoriker hat dabei bereits Aufmerksamkeit erfahren72, wobei in der Regel die Tätigkeit der Ordinarien oder aber die Arbeit bestimmter Forschungseinrichtungen unter die Lupe genommen wurde. In ihrer Arbeit über den Osteuropahistoriker Peter Scheibert (1915–1995) kommt die Autorin zu dem Schluss, dass wegen der signifikanten Ambivalenzen, Kontinuitäten und Widersprüche „für die Zeit des ‚Dritten Reiches‘ und auch für die Frage nach der … Motivationsstruktur die Biographie eines Historikers in jedem Einzelfall zu hinterfragen ist.“73 Dieser Aussage schließt sich der Verfasser an.
Quellen
Der private Nachlass – im Folgenden schlicht „Nachlass“ – von Johann Albrecht von Reiswitz, der dem Verfasser durch die Familie des 1962 Verstorbenen zu Studienzwecken übergeben wurde, ist zwar fragmentarisch und ungeordnet, doch umfasst er eine reichhaltige Überlieferung an sowohl privatem als auch dienstlichem Schrifttum, das erstmalig zu Forschungszwecken herangezogen werden konnte und die Quellenbasis der Arbeit bildet. Dokumente aus dem Nachlass werden dergestalt zitiert, dass sie im Fußnotenapparat eindeutig identifizierbar bleiben. Bei Briefen werden z.B. das Datum und die Namen von Absender und Empfänger genannt, ohne allerdings in jedem Einzelfall den Nachlass als Quelle anzugeben.74 Alle Archivalien hingegen, die nicht aus dem Nachlass stammen, werden gemäß der üblichen wissenschaftlichen Verfahrensweise zitiert.
Reiswitz hatte die Gewohnheit, auch von seiner Privatkorrespondenz Durchschläge zurückzubehalten. Mehrere hundert Kopien von Briefen an seine Frau konnten in dieser Form ausgewertet werden. Seine Briefe aus Belgrad in den Jahren 1941–44 beinhalten sowohl private wie dienstliche Komponenten.75 Da die Originale wohl verloren gegangen sind, kann nicht zweifelsfrei festgestellt werden, ob und inwieweit die Briefe an seine Frau und an eine geringere Zahl weiterer privater Empfänger, wie seine Mutter oder eine enge Freundin, der Militärzensur unterlagen. Auffällig ist, dass er durchaus, wenn auch in der Regel nicht zu detailliert und oft in Anspielungen, Kritik an der deutschen Besatzungpolitik bzw. einzelnen Vertretern der Militäradministration übte. Die Briefe an seine Frau Erna Böcks (1906–1988) dienen in dieser Studie weniger einer psychologischen Evaluation von Reiswitz, wozu sie durchaus herangezogen werden könnten, da er in ihnen häufig auf seine Sorgen und Nöte als Besatzer einging. Sie bieten vielmehr eine ausgezeichnete Grundlage dafür, persönliche Schwerpunkte, die er seiner Arbeit als Kunstschützer setzte, zu ermitteln. Sie können damit als Korrektiv zur dienstlichen Korrespondenz dienen. Generell kann von einem hohen Glaubwürdigkeitsgrad der Briefe von Reiswitz an seine Frau ausgegangen werden, die ihm ebenfalls regelmäßig an seine Feldpostadresse schrieb. Die Briefe von Erna von Reiswitz, „Böckschen“, wurden hier aber nicht ausgewertet, da sie inhaltlich fast ausschließlich um rein private Themen kreisten. Von einer Analyse der Beziehung der Eheleute zueinander oder der von Reiswitz zu seinen Kindern ist angesichts der Fragestellungen dieser Arbeit ebenfalls abgesehen worden. Aus der Ehe mit Erna Böcks ging der Sohn Stefan (geb. 1931) hervor. Die Ehe wurde 1948 geschieden. Ein Jahr später heiratete Reiswitz Elisabeth Reichel (1918–1995). Aus dieser zweiten Ehe stammen der Sohn Christoph (geb. 1950) und die Tochter Bettina (geb. 1956).
Hinzu kommen aus dem privaten Nachlass Durchschläge von Briefen an diverse Einzelpersonen, die einerseits häufig aus dem Bereich der Wissenschaft stammen, andererseits aber auch romantische billets doux umfassen. Zum Teil ergänzen sich Reiswitz’ Durchschläge mit den Originalbriefen seiner Korrespondenzpartner, so dass streckenweise ein vollständiger Briefwechsel erhalten geblieben ist. Für die Rekonstruktion der Genese von Reiswitz’ Interesse an Serbien war insbesondere die Auswertung von Reiswitz’ Korrespondenz mit Vida Davidović, einer jungen Serbin aus dem heutigen Zrenjanin, von Bedeutung.
Neben Briefen finden sich im Nachlass auch tagebuchartige Aufzeichnungen. Diese reichen von unvollständig erhaltenen Dienst- und Taschenkalendern hin zu längeren, teilweise sehr intimen Tagebuchnotizen. Den Aussagen seiner Kinder zufolge führte Reiswitz regelmäßig privat Tagebuch, doch sind nur gewisse Jahrgänge und auch diese nicht immer vollständig erhalten.76
Im Laufe der vorliegenden Arbeit wird ganz bewusst aus vielen Primärquellen Reiswitz’scher Provenienz ausführlich zitiert, so dass der Leser ein besseres Gespür dafür entwickelt, der Gedankenwelt und dem „Duktus“77 des Protagonisten zu folgen. Ein vielleicht aus platzökonomischer Sicht zu rechtfertigender Verzicht auf solche längeren Passagen oder ihre Kürzung bzw. Paraphrasierung würden dem gewählten methodischen Zugriff nicht gerecht. Dabei gilt es klar zu konstatieren, dass bei aller Würdigung der Quellen diese damit nicht den argumentativen Diskurs der Arbeit beherrschen. Ein weiteres Argument für die Einbindung längerer Zitate ist dem besonderen Umstand schuldig, dass derzeit die im Privatnachlass befindlichen Quellen der Forschung nur schwer zugänglich sind.
Äußerst ertragreich waren die im Nachlass gefundenen Aktenbestände des Kunstschutzes in Serbien, die Reiswitz im September 1944 nach Deutschland transportieren ließ. In den Folgejahren kam es zu unfreiwilligen und freiwilligen Teilabgaben dieser Bestände an verschiedene Archive. Reiswitz übergab auf Befehl der amerikanischen Besatzungsmacht einen Teil der Akten dem Munich Collecting Point, von wo aus diese viele Jahre später ins Bundesarchiv – Militärarchiv gelangten und vom Verfasser erstmalig ausgewertet werden konnten.78 Ein weiterer Teilbestand gelangte nach seinem Tod auf Umwegen in die Bayerische Staatsbibliothek und wurde dort erstmalig von Kott teilinventarisiert und ausgewertet. Ferner beherbergt der Nachlass Reiswitz im Archiv der Universität München mehr als ein Dutzend Kisten, von denen der Verfasser allerdings nur fünf einsehen durfte. Diese beinhalten ebenfalls dienstliche Vorgänge aus der Kunstschutzzeit in Serbien. Detaillierten Packlisten zufolge, die im Bundesarchiv – Militärarchiv überliefert sind, konnte aber dennoch nicht das gesamte Kunstschutz-Aktenmaterial ausfindig gemacht werden, das Reiswitz 1944 nach Deutschland bringen ließ. Ein Teil ist vielleicht auf dem Weg von Serbien nach Deutschland den Kriegswirren zum Opfer gefallen, oder nach dem Tode von Reiswitz vernichtet worden. Gut möglich ist es auch, dass ein Teil des Materials in Serbien verblieb, da Reiswitz auf eine Fortsetzung seiner Arbeit durch den serbischen Denkmalschutz hoffte. Oder aber die fehlenden Bestände befinden sich in den nicht zugänglichen Kisten des Archivs der Münchener Universität. Es wäre wünschenswert und entspricht auch dem Willen der Nachkommen, wenn der private Nachlass, der sich momentan noch beim Verfasser befindet, und die Nachlässe in der Staatsbibliothek bzw. im Universitätsarchiv zusammengeführt werden könnten.
In Serbien wurde das Archiv der Stadt Belgrad konsultiert, wo Spuren von Reiswitz auszumachen waren, ferner das Archiv Serbiens mit seinen Beständen über die Arbeit des serbischen Unterrichtsministeriums79 in Verbindung mit dem Kunstschutz, der Fond Marambo im Archiv Jugoslawiens, wo sich Dokumente über den Archivschutz finden, das Archiv des Museums in Zrenjanin, wo die Fundstücke der vom Kunstschutz organisierten Grabung von Crna Bara liegen. Das Archiv der Matica Srpska in Novi Sad beherbergt die Kriegstagebücher des Reiswitz-Freundes und Staatsarchivdirektors Milan Jovanović Stojimirović und die Außenstelle des Archivs der Serbischen Akademie der Wissenschaften in Sremski Karlovci den Nachlass des Archäologen Miodrag Grbić.
Ferner wurden diverse Archivalien aus Deutschland ausgewertet. Am reichhaltigsten sind sicherlich die Bestände des Bundesarchivs in Berlin bzw. des Bundesarchivs – Militärarchivs in Freiburg. Ersteres beinhaltet den „Ahnenerbe“-Bestand über die Grabungen in Serbien während des Zweiten Weltkrieges und die Ahnenerbe-Akten der wichtigsten daran beteiligten Wissenschaftler, aber auch die Akten der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu den Reiswitz gewährten Stipendien. In Freiburg ruht die militärische Personalakte von Reiswitz ebenso wie ein Teil seiner Lageberichte und der Kunstschutzakten. Aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes wurde Material zur Auseinandersetzung zwischen Reiswitz und Fritz Valjavec herangezogen und die überschaubaren Bestände zum Kunstschutz in Serbien durchgesehen.
Das Bayerische Hauptstaatsarchiv in München führt die Personalakte von Reiswitz, die schon Fuhrmeister heranzog. Im Archiv der Humboldt-Universität liegen die Bestände von Reiswitz’ Promotions- und Habilitationsverfahren, seine Personalakte und seine Dozentenschaftsakte. In der Bibliothek der Humboldt-Universität fand sich auch Reiswitz’ ungedruckte Dissertationsschrift. Das Archiv des Museums für Vor- und Frühgeschichte bewahrt Akten über Reiswitz’ Ohridausgrabung auf, ebenso das Archiv des Deutschen Archäologischen Instituts, dass auch Akten über die schon vor Kriegsbeginn mit Jugoslawien 1941 geplanten Ausgrabungen am Kalemegdan, ebenso wie auf die Biographica-Mappe des Kunstschutz-Mitarbeiters Friedrich Holste enthält. Um die Ohridgrabung geht es auch in der Korrespondenz von Wilhelm Unverzagt, die im Archiv der Römisch-Germanischen Kommission in Frankurt am Main aufbewahrt wird. Im Berliner Geheimen Staatsarchiv ist das Reiswitz vom preußischen Kultusminister über Jahre hinweg gewährte Stipendium dokumentiert.
Hinzu kommen Archivalien aus dem Archiv des Peabody Museum for Archaeology and Ethnology in Cambridge, USA, über die Reise des Reiswitz-Konkurrenten Fewkes in Mazedonien und ein Hinweis zu Fewkes aus dem Archiv der University of Pennsylvania Museum of Archaeology and Anthropology. Schließlich wurden die Direktionsakten des Österreichischen Haus-, Hof- und Staatsarchivs in Wien konsultiert, welche Auskunft über die Arbeit des Archivschutzes in Belgrad geben.
Über den Privatnachlass Reiswitz und die archivalischen Quellen hinaus wurde für die vorliegenden Studie eine Vielzahl von zeitgenössischen, vornehmlich jugoslawischen Zeitungsartikeln ausgewertet, die in der Bibliographie nicht im Einzelnen nachgewiesen, aber in den Fußnoten dokumentiert sind. Zitate in serbokroatischer Sprache wurden vom Verfasser in der Regel ins Deutsche übertragen.
Methodik
Die vorliegende Untersuchung geht im Wesentlichen biographisch vor. Dieses Genre wird – so zumindest urteilt Ernst Peter Fischer – in Deutschland vernachlässigt: „Wissenschaftshistoriker lassen hierzulande lieber ihre Finger von Würdigungen in Gestalt von Lebensbeschreibungen.“80 Sie versteht sich aber nicht als klassische Biographie eines „großen“ Wissenschaftlers. Reiswitz veröffentlichte zeit seines Lebens lediglich eine Monographie und eine sehr überschaubare Zahl kleinerer Schriften. Als Hochschulprofessor wirkte er in München nur vierzehn Jahre. Auch wird das Leben von Reiswitz weder in allen Einzelheiten noch stringent chronologisch rekonstruiert. So kommt es kapitelbezogen zu thematisch bedingten, zeitlichen Überlappungen.
Doch das biographische Genre bietet durchaus die Gelegenheit, „eklektizistisch“ zu arbeiten: Eine Biographie „vereint ein Sammelsurium von Ansätzen, Methoden, Erkenntnisinteressen, ohne ein einziges ausschließlich und durchgängig zu verfolgen.“81 Das Erkenntnisinteresse der vorliegenden Arbeit ist daraufhin ausgerichtet, anhand der Person Reiswitz die Eigenart des deutschen Kunstschutzes in Serbien im Zweiten Weltkrieg zu verdeutlichen. Dabei versucht, ähnlich wie Abel, auch diese Arbeit „ein Leben, bzw. repräsentative Abschnitte hieraus, innerhalb der Geschichte zu präsentieren“.82 Viele Aspekte der Vita von Reiswitz werden in diesem Zusammenhang ausgeklammert, wie beispielsweise sein Familienleben, beziehungsweise nur gestreift, wie seine Jugend- und Militärzeit oder die Jahre nach 1945. Es wird der Versuch unternommen, Reiswitz’ „äußeren Lebenslauf“, die auf ihn „einwirkenden historischen und gesellschaftlichen Bedingungen, Prozesse und Ereignisse“ in Verbindung zu seinem „inneren Lebenslauf“83 zu setzen. Reiswitz’ Übernahme des Kunstschutzes der Wehrmacht in Serbien im Jahre 1941 stellt in diesem Zusammenhang sicherlich den Zeitpunkt dar, den Pyta unter Hinweis auf Hähner als „Krise“ beschreibt, eine „Zuspitzung“, in der sich „Individuen neuartige Handlungsoperationen“ eröffnen, in denen „das personale Element in geradezu exemplarischer Weise zum Tragen“84 kommt. Für Reiswitz ergab sich bezogen auf den Kunstschutz ein „biographischer Möglichkeitsraum von bislang ungeahnter Weite“.85
Bei aller Fokussierung auf die Genese des Kunstschutzes ist die vorliegende Arbeit aber auch keine bloße Fallstudie über diesen, da sie versucht, sich seiner spezifischen Vorgeschichte und Praxis, soweit wie methodisch möglich, aus dem Blickwinkel des Protagonisten zu nähern, ohne dabei allerdings die unabdingbare „gewisse Distanz zur biographierten Person“86 zu verlieren.
Ein Ansatz, der für die vorliegende Arbeit in Erwägung gezogen wurde, ist die Netzwerktheorie.87 Allerdings reicht die Quellenlage für eine Analyse nach Düring quantitativ nicht aus.
Aufbau der Arbeit
Der Kunstschutz nimmt entsprechend der Schwerpunktsetzung den relativ breitesten Raum der Darstellung ein. Vier von insgesamt 63 Jahren des Lebens von Reiswitz beanspruchen darstellerisch rund zwei Fünftel des Textes. Doch Reiswitz legte schon im Anschluss an seine erste Jugoslawienreise 1924 konzeptionell den Grundstein für seine spätere Arbeit als Kunstschutzbeauftragter und arbeitete in gewisser Weise seither gezielt auf diese Beschäftigung hin.
Von daher wird die Zeit bis 1924 nur knapp referiert, unter besonderer Berücksichtigung von Reiswitz’ Sozialisation als Soldat und junger Intellektueller ohne parteipolitische Bindungen (Kapitel 1.1.). Die folgenden Kapitel (1.2.–2.1.) befassen sich mit der Ausformung seiner besonderen Zuneigung zu Südslawien, einer Leidenschaft, die, von einer persönlichen Liebesbeziehung ausgehend, zu einem wissenschaftlichen Programm wurde. Dieses Programm, das Reiswitz als seine drei „Einbruchstellen“ bezeichnete, wird in Kapitel 2.2. ausgefächert. Die beiden Folgekapitel (2.3.–3.1.) beinhalten eine vertiefte Untersuchung von Reiswitz’ Jugoslawienreisen in den Jahren 1928 und 1929, die seiner Suche nach wissenschaftlichen und politischen Ansprechpartnern dienten. Zudem widmete er sich ersten praktischen Umsetzungsversuchen seines an den drei „Einbruchstellen“ orientierten Programms einer deutsch-jugoslawischen Annäherung vermittels bilateralen Kulturaustausches. In Kapitel 3.2. wird am Beispiel der von Reiswitz unterstützten serbischen Gesellschaft zum Schutz der Altertümer ein exemplarischer Einblick gegeben in die potentielle Tragweite einer Implementierung seines Programms. Kapitel 3.3. und 3.4. dokumentieren im Kontext der multilateralen Kulturbeziehungen die von Reiswitz initiierten deutsch-jugoslawischen archäologischen Ausgrabungen am Ohridsee, die einerseits Ausfluss seiner persönlichen Forschungsinteressen waren, andererseits aber auch einen Schritt hin zum von Reiswitz erstrebten rapprochement der ehemaligen Kriegsgegner darstellten.
Die Kapitel 4.1–4.3. richten das Augenmerk auf Reiswitz’ akademischen Werdegang im nationalsozialistischen Deutschland und die damit verbundenen wissenschaftlichen, politischen und finanziellen Kalamitäten. Kapitel 4.4. widmet sich einem exemplarischen Exkurs, um am Beispiel seiner Beziehung zu dem Historiker Wilhelm Treue deutlich zu machen, mit welchen Strategien Reiswitz seiner politischen und akademischen Isolierung begegnete, aus der er durch seine Habilitationsschrift, deren Rezeption in Kapitel 4.5. thematisiert wird, auszubrechen versuchte. Nachdem Reiswitz durch die Publikation seiner Habilitationsschrift auf sich aufmerksam gemacht hatte, versuchte er dieses akademische Kapital in politisches umzumünzen, stets mit Blick auf die deutsch-jugoslawische Annäherung. Diesem Unterfangen ist Kapitel 5. gewidmet.
Insgesamt sind die ersten fünf Hauptkapitel dieser Arbeit von ihrer Grundstruktur her vornehmlich chronologisch ausgerichtet, obgleich die jeweilige thematische Schwerpunktsetzung es auch gelegentich erfordert, dass Rückblenden und zeitliche Vorgriffe erfolgen.
Kapitel 6.1.1. beschäftigt sich mit Reiswitz’ schwieriger Lage zu Beginn des Jahres 1941, als der Kriegsausbruch mit Jugoslawien zunächst sein bisheriges wissenschaftliches Lebenswerk zum Einsturz zu bringen drohte, ihm dann aber in nahezu paradoxer Weise gerade durch die Zerstörung Jugoslawiens die Möglichkeit eröffnet wurde, seine jahrelangen Planungen in die Tat umzusetzen.
Die Kunstschutzarbeit in Serbien selbst wird auf zwei Ebenen analysiert. Zunächst geht es in Kapitel 6.1.2. um die Hinüberrettung seiner persönlichen Netzwerkbildung in Jugoslawien aus dem Vorkriegsjahren in die bittere Realität eines militärischen Kunstschutzes in Restserbien unter deutscher Besatzung. In Kapitel 6.1.3. tritt das Programmatische anstelle des Persönlichen in den Vordergrund, indem Reiswitz’ Versuch der Umsetzung seines idiosynkratischen Denkmalschutzplanes dargestellt wird.
Das Kapitel 6.2. ist dem wissenschaftlich innovativsten, aber gleichzeitig auch politisch fragwürdigsten Teil der Arbeit von Reiswitz in Serbien gewidmet, der von ihm in die Wege geleiteten Zusammenarbeit mit der SS-Forschungsgemeinschaft „Das Ahnenerbe“. Das Zustandekommen dieser Allianz wird in Kapitel 6.2.1. beschrieben, in Kapitel 6.2.2. der politische Kontext erhellt und schließlich in Kapitel 6.2.3. die Spur des Ahnenerbe-Geldes verfolgt.
In Kapitel 6.3.1. geht es um das „Routinegeschäft“ des Kunstschutzes unter Reiswitz’ Führung, und in Kapitel 6.3.2. wird der über den reinen Kunstschutz sukzessive erweiterte Aufgabenbereich von Reiswitz eingeführt. Schließlich wird in Kapitel 6.3.3. die Abwicklung des Kunstschutzes erhellt und kurz auf die Nachkriegskarriere von Reiswitz eingegangen.
1. Werdegang zum Wissenschaftler
1.1. Frühe akademische und politische Prägungen
Am 18. Januar 1912, einem Donnerstag, als die Berliner bei klirrender Kälte den anstehenden Stichwahlen zum 13. Reichstag entgegensahen, saßen drei Jugendliche in einer geräumigen Wohnung der Carmerstraße 10 in Charlottenburg.88 Der achtzehnjährige Rudolf, genannt Rolf, und sein sechs Jahre jüngerer Bruder Johann Albrecht, genannt Hans oder Alli/Ally, sowie die schon neunzehnjährige Schwester, Elisabeth. Die Mutter der drei, die vierzigjährige Maria Theresia Baronin von Reiswitz, geborene Kracker von Schwarzenfeld, befand sich zu Besuch bei ihrer erkrankten Schwester in Wetzlar und hatte Berlin tags zuvor verlassen. Ihr Ehemann, der 1863 auf dem Stammsitz der Familie im schlesischen Wendrin geborene Rittmeister a.D. des preußischen Leibkürassierregiments, Albrecht von Reiswitz, war daheim geblieben. Doch ohne die Mutter lief es nicht so richtig. Am Morgen hatten die Kinder bereits verschlafen und wachten erst um 7 Uhr auf, da der Wecker nicht richtig klingelte, sodass die beiden Jungen zu spät zum Unterricht in das 1895 gegründete, altsprachliche Wilmersdorfer Bismarck-Gymnasium kamen. Rolf stand ein Jahr vor dem Abitur. Er beschloss, eine weitere Verspätung zu vermeiden und stellte den Wecker übereifrig auf 5 Uhr. Alli versicherte seiner verreisten Mutter, dass es „schöhn“ [sic] gewesen sei in der Schule und fügte seinem handgeschriebenen Brief, versehen mit dem eingeprägten Familienwappen, stolz Folgendes hinzu: „Rolf treibt mit mir sehr liebevoll ‚La petite chèvre de M. Seguin‘ und wir ochsen brüderlich miteinander.“ Währenddessen besorgte der Vater bei „Sarotti“ süße Geburtstagsgeschenke.89
Die Ziege des Monsieur Seguin spielt die Hauptrolle in einer 1869 erstveröffentlichten Geschichte von Alphonse Daudet (1840–1897) und wird im weiteren Verlauf der Arbeit als Tropus verwendet werden. Blanquette flüchtet aus ihrem sicheren Stall und begibt sich auf Abenteuersuche in die Berge. Dort trifft sie auf eine Herde Gemsen, mit denen sie sich anfreundet, mit einem Böcklein sogar romantisch anbändelt. Als es Abend wird, ruft der besorgte Monsieur Seguin Blanquette, sie solle doch in den Stall zurückkommen. Doch Blanquette hört nicht auf ihn. Sie glaubt, den Gefahren der Nacht gewachsen zu sein und sich alleine gegen den bösen Wolf wehren zu könnnen. Doch da irrt sie. Sie hält ihn zwar lange hin mit ihren kleinen Hörnern, aber am Ende, kurz vor Tagesanbruch, vermag sie sich nicht mehr zu widersetzen: „Le loup se jeta sur la petite chèvre et la mangea.“90 Ob der kleine Alli in späteren Jahren die Moral der Geschichte, sich nicht ohne Not mit den überlegenen Kräften des Bösen auseinanderzusetzen, beherzigen würde?
Zweieinhalb Jahre nach der gemeinsamen Französischlektion trennten sich die Wege der Brüder Reiswitz. Fünf Jahre lang hatten Alli und Rolf, der am 30.11.1893 in Breslau geboren worden war, mit den Eltern in der Schweiz, am Luganer See, gewohnt. Dort war Alli am 08.07.1899 geboren worden. Im Jahre 1904 zog die Familie nach Berlin um. Ab dem Herbst 1909 besuchte Alli dort das Bismarck-Gymnasium. Für das Winterhalbjahr 1913/1914 schickten seine Eltern ihn auf das Alumnat im schlesischen Niesky. Kurz vor Kriegsbeginn 1914 nahm Johann Albrecht vom 04.–09.07. in Dänemark an einem Sommerlager des der Wehrerziehung verpflichteten Jungdeutschland-Bundes teil.91 Nach dem Kriegsausbruch wurde der frischgebackene Abiturient Rolf Soldat und fiel als Leutnant des 1. Garde-Ulanenregiments am 02.05.15 an der Ostfront, nahe dem Dorf Staszkowka, am ersten Tag der Schlacht bei Gorlice-Tarnów. Unter dem Kommando des späteren Generalfeldmarschalls August von Mackensen (1849–1945), welcher viele Jahre später zu Reiswitz als Kunstschützer in Belgrad Kontakt aufnehmen sollte, unternahm hier in Galizien die neuaufgestellte 11. Armee einen erfolgreichen Vorstoß gegen russische Kräfte, der an sich nur geringe deutsche Verluste mit sich brachte: „In großer Zahl warfen die Russen ihre Waffen fort und ergaben sich.“92 Zwei Jahre später starb Allis Vater in der Charlottenburger Wohnung, am 09.04.17, zwei Tage, nachdem er zum dritten Mal einen Schlaganfall erlitten hatte. Doch weder der Tod des Bruders noch der des Vaters, durch welchen seine Mutter und Schwester ohne erwachsenen männlichen Schutz zurückblieben, ließen Alli daran zweifen, dass auch er nun seinen Dienst am Vaterland zu verrichten hatte. Am 02.05.17 kommentierte er den Tod von Rolf mit den Worten: „Heute vor 2 Jahren fiel Rolf in Galizien! … Der glückliche!“
Alli selbst rückte am 30.07.17, drei Wochen nach seinem 18. Geburtstag, als Fahnenjunker in das 1. Garde-Feld-Artillerie-Regiment ein, kaserniert zunächst in Berlin. Am ersten Tag machte er sehr positive Erfahrungen. Er bekam eine nagelneue Ausstattung, das Exerzieren sei „ganz nett“, das Essen „schmeckte herrlich“ und die Unterhaltung auf der Stube drehte sich „unmoralisch über Weiber und Prostituierte“. Die Wanzen im Bett allerdings trübten den Eindruck.93 Zeit seines Lebens sollte Alli großes Interesse am weiblichen Geschlecht haben.94
Doch schnell verblasste das malerische Bild vom Soldatensein, und schon am 02.09.17 stellte der junge Reiswitz fest: „Gott, ich verdumme ja vollkommen! Es ist zum verrückt werden, jeder Tag an dem ich nichts lese, ist ein verlorener Tag.“95 Auch am Sinn des Krieges an sich begann er zu zweifeln: „Was wird das denn für ein Sieg, für den wir kämpfen? Wahnsinn! Verfluchter Wahnsinn einiger überspannter Köpfe ist der Krieg.“ Er stellte fest, dass Deutschland schuldlos, geleitet aber von „Idiotendiplomaten … gegen eine Welt von Feinden seinen Verzweiflungskampf führt“, und sah voraus, dass Deutschland „nie aufhören wird zu siegen“ – aber schließlich „dennoch verlieren wird“.
Nach Beendigung seiner Schießausbildung in der Artillerieschule Jüterbog südlich von Berlin ging es für ihn am 22.01.18 an die Westfront. Nahezu hymnisch beschwingt blickte er seiner Feuertaufe entgegen: „Jetzt fahre ich hinaus, die Frucht zu ernten, trenne mich von der Stätte, wo ich die Kunst suchte und fand. Mit Hilfe der göttlichen Kunst wurden mir meine Inlandssoldatenzeit, meine Lehrjahre leicht.“ Er schien die Absicht gehabt zu haben, den Krieg als Möglichkeit zu nutzen, „das Wesen [m]eines Volkes noch tiefer [zu] ergründen.“ Sein – bis dahin in lateinischer, danach in deutscher Schrift geführtes – „Tagebuch eines Fahnenjunkers“ beendete er mit den Worten: „Sonnenschein liegt über Berlin, ich öffne das Fenster – etwas wie Frühling liegt in der Luft!!!“96
Nach zwei Monaten in der Etappe an der Westfront nahm er ab dem 21.03.18 an der letzten deutschen Großoffensive teil, dem „Unternehmen Michael“. Am 01.04. äußerte er sich noch zuversichtlich. Die Versorgungslage sei wegen der vielen Hals über Kopf von der Zivilbevölkerung verlassenen Dörfer gut und „der Hauptstoß im Westen wird ja auch wohl noch glücken“.97 Einen Tag später fiel seiner Einheit ein englisches Proviantdepot in die Hände: „Wir … trinken den ganzen Tag köstlichen Burgunder … und Bordeaux“.98 Am 05.04. dann aber wurde er bei Hargicourt in der Nähe von St. Quentin schwer durch einen Kopfschuss verwundet. Mit einem Munitionszug erfolgte der Rücktransport in Richtung Heimat. Am 08.04. wurde er in Valenciennes operiert und blieb dort bis zum 19.04. Seit dem 13.04. bekam er bereits keine Schmerzmittel mehr, „es muss und wird auch so gehen“.99 Zwei Tage später beruhigte er seine Mutter, die innerhalb von drei Jahren mit Rolf erst den ältesten Sohn und dann den Ehemann verloren hatte, mit dem Hinweis darauf, dass er „genügend verpflegt“ werde, sogar „Kakao, Keks und andere Herrlichkeiten … in Hülle und Fülle“ bekomme. 100 Dann ging es weiter ins St.-Joseph-Hospital nach Köln-Kalk, wo er bis zu seiner Verlegung ins Berliner Elisabeth-Krankenhaus bis zum 07.05.18 rekonvaleszierte.
Zwar sollte Reiswitz den Rest seines Lebens unter verminderter Sehfähigkeit und häufigen Kopfschmerzen leiden, doch lässt sich der nun fast Neunzehnjährige nicht beirren und erhält schon im Oktober 1918 sein Reifezeugnis im Rahmen der Notabiturregelungen. Dem Tagebuch zufolge entließ ihn die Prüfungskommission mit den Worten: „Denken Sie nicht etwa, dass deswegen, weil wir Ihnen die Reife geben, wir etwa glauben, Sie seien schon reif.“ Selbstkritisch bestätigte Reiswitz im Tagebuch diese Beurteilung: „Bon, man hat es mir geschenkt, ich weiß auch, dass es wahnsinnige Faulheit und großes Glück waren, die mir 1 Jahr vor normaler Zeit das Examen verschafften, aber ich weiß auch ich habe … 6 Wochen unter beschwerendsten Umständen gearbeitet.“101
Für ein Mitglied des deutschen Adels war sein Leben bis zum Ende des Krieges nicht untypisch verlaufen. Ohne besonders wohlhabend zu sein, führte Reiswitz bis zum Ableben seines Vaters ein materiell recht sorgenfreies Leben. Sein Fronteinsatz war kurz, aber dennoch mit lebenslangen gesundheitlichen Beeinträchtigungen verknüpft.
Bevor er sich aber an der Berliner Universität einschreiben konnte, hatte der politische Umsturz in Deutschland begonnen, gefolgt von der deutschen Kapitulation am 11.11.1918. Bereits einen Monat vor Kriegsende zeigte sich Reiswitz desillusioniert, sowohl angesichts der militärischen Lage, als auch mit Blick auf die politischen Zustände in Deutschland: „Endlich, mich völlig kaputt machend, mich zum Wahnsinn bringend, ist die politische Lage. Man bedenke: Nach Westen standen wir auf siegreichem Vormarsch im Feindesland, im Osten haben wir den Feind völlig besiegt und Serbien, Montenegro, Rumänien besetzt. Überall sind wir Sieger. Und da verdirbt uns die veraltete Form unseres Regimes, an dessen Spitze ein völlig unfähiger Kopf als I.M. [Ihre Majestät] steht, unfähige Personen erzeugend alle Siege. Durch den von Wahnsinn grüßenden Größenwahn unseres Kaisers und die völlige Unfähigkeit unserer maßgebenden Politiker fällt Bulgarien ab, rüstet Rumänien von Neuem zum Kriege, fällt in Folge dessen die mazedonische, fällt die Palästinafront, können nicht völlig in unsere Hand gegebene Gegner sich wieder gegen uns rüsten, und beginnt unsere Westfront zu wanken.“ Er stellte sich die Frage: „Wie konnte das kommen?“ und hat auch eine Antwort parat: „Sehr einfach, durch unser veraltetes Regime. Also, fort mit ihm. Über Nacht bekommt Deutschland die parlamentarische Verfassung. Gut, dreimal gut. Es war die einzige noch mögliche Rettung. Hoffen wir, dass es nicht zu spät sei.“102
Zwei Tage zuvor, am 03.10.18, hatte Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) den liberalen Prinzen Max von Baden (1867–1929) zum Reichskanzler ernannt, und es waren Sozialdemokraten ins Kabinett eingetreten. Für Reiswitz war das kaiserliche Regime und das damit verbundene Demokratiedefizit maßgebend verantwortlich für den Kriegsverlauf: „Hätten wir diese Verfassung gehabt, 10 Jahre vor dem Kriege, oder wenigstens zu Beginn dieses Krieges, so würde Friede wieder herrschen und überall wären wir Sieger geblieben.“103
Doch lediglich eine Verfassungsänderung konnte die deutsche Niederlage nun nicht mehr verhindern, da die Waffenstillstandsbedingungen der Alliierten, die der amerikanische Präsident Woodrow Wilson (1856–1924) dem Kabinett Max von Badens unterbreitete, von Erich Ludendorff (1865–1937), dem stellvertretenden Chef der dritten Obersten Heeresleitung und wahrem Herrscher über Deutschland, nicht akzeptiert wurden. Und folglich kam es, den Ausführungen des gerade frischgebackenen Abiturienten Reiswitz zufolge, „wie es kommen musste. In kaum einer Woche hat sich unser Schicksal erfüllt. Die Türkei fiel nach Bulgarien ab. Heute ist der Waffenstillstand unterzeichnet und die Türkei nebst Dardanellen ausgeliefert der Entente. Bulgarien ist Republik. Die Alliierten haben es besetzt. Serbien ist wiedererobert. Die Alliierten nähern sich der Save und Drina. Österreich ist von uns durch den Verrat des Kaisers Karl abgefallen, auseinandergefallen. Ungarn ist selbständig und wird die Alliierten durchmarschieren lassen. … Die Balkanfrage ist für uns verloren … Wilson zieht den Frieden hin, auf den wir bedingungslos einzugehen scheinen … Im Deutschen Reichstag fordert Polen Danzig, will Elsass-Lothringen an Frankreich. Von innen heraus droht die Anarchie durch Polen und Bolschewikis.“
Neben dem von Reiswitz bereits im Oktober ausgemachten Hauptschuldigen an der deutschen Niederlange, dem Kaiser und der dahinter stehenden monarchischen Verfassung, drohte Deutschland also nun auch Ungemach durch die Bestrebungen des polnischen Nationalismus einerseits und durch kommunistische Umsturzversuche andererseits. Doch auch Anfang November war für Reiswitz weiterhin klar, dass die Niederlage programmiert war: „Da nutzt keine Regierung etwas, und sei sie noch so tüchtig, hier rächt sich das ancien régime deren, deren Folge alle diese diplomatischen débacles waren und sind, die unsere Siege verdarben und verderben.“ Doch war er zu diesem Zeitpunkt keinesfalls Befürworter einer bedingungslosen Kapitulation: „[Der SPD-Politiker und Staatsminister ohne Portefeuille unter Max von Baden, Philipp] Scheidemann beantragt Abdankung des Kaisers. S.M. [Seine Majestät] … bei Nacht und Nebel ins Große Hauptquartier, nachdem er vorher dumm genug war, [am 26.10.18] Ludendorff zu entlassen“, welcher die Kriegshandlungen nun doch fortsetzen wollte.
Als die Novemberrevolution Berlin erreichte, verrichtete Reiswitz Dienst in der Kaserne seines Regiments in der Kruppstraße in Moabit, rund vier Kilometer zu Fuß von der Familienwohnung entfernt. Er war von den neuen politischen Gegebenheiten nicht angetan: „Tatsache aber ist seit Donnerstag, dass die Flotte die rote Fahne gehisst hat, dass Offiziere erschossen, erhängt und gefangen gesetzt wurden, dass Hamburg, Bremen, Hannover, Kiel, Swinemünde von Arbeiter- und Soldatenräten regiert werden, kurz an der Küste völlige Anarchie herrscht.“ Am 09.11.18 war er im Begriff, nachmittags nach Dienstschluss die Kaserne zu verlassen und sah sich folgender Situation gegenüber: „Da kamen sie schon jenseits der Straße in die Südkaserne. ‚Brüder, kein Blutvergießen‘ stand auf einem Plakat, das sie voraus trugen, und ich sah, wie die Südkasernenmannschaften die Kokarden abrissen, die Waffen ablieferten, usw. Sah’s von meinem Fenster aus. Jetzt schienen sie auch die Kruppstraße entlang zu kommen. Ich setzte meine freche blaue Offiziersmütze auf, zog mir meinen extra Mantel an, und kenntlich vor allen als preußischer Fähnrich im ersten Garde Feldartillerie Regiment, Albrecht Freiherr von Reiswitz und Kaderžin ging ich, den Revolver in der Tasche hinaus“. Doch alleine konnte der Fahnenjunker nichts gegen die Revolutionäre bewirken. Die Artillerieabteilung des Regiments weigerte sich, auf die Demonstranten zu schießen: „Die Tore wurden geöffnet. 14- und 16-jährigen Bengels in Zivil, Fahnenflüchtigen … mit roter Fahne übergaben die alten Krieger die bis … 4 Jahre im Feuer gestanden hatten, die sich das Eiserne Kreuz erster und zweiter Klasse erworben hatten, die schwere Wunden, unmenschliche Strapazen ertragen hatten, man höre: 14- und 16-jährigen Bengels übergaben sie ihre Waffen!!! Ich sah Offiziere, sah Mannschaften, sah vor allem manchen gebräunten und weißbärtigen Wachtmeister Tränen, heiße Tränen vergießen, und ich selbst: ich habe geheult vor Wut!!“104
In dieser unübersichtlichen Situation hatte Reiswitz zwar kein Verständnis für die Revolution der Straße, jedoch durchaus Respekt vor den neuen Machthabern der Mehrheitssozialdemokratie, die es seines Dafürhaltens nach zumindest schafften, die kommunistische Bedrohung in Schach zu halten. Einen Tag später, am 10.11.18, kam er auf der Tauentzienstraße mit Offizierskameraden zusammen, von denen einer ihn galgenhumorig mit „Genosse Reiswitz“ ansprach. Für Reiswitz war in diesem Moment klar, dass „die Vernunft der Mehrheitssozialdemokratie, gestützt auf den sehr rechts stehenden Soldatenrat siegte und die völlige Anarchie“ bzw. der „Spartakus Wahnsinn“ verhindert wurde. Die Ebertregierung [Friedrich Ebert (1871–1925) stand seit dem 10.11.18 der Interimsregierung, dem Rat der Volksbeauftragten, vor] habe zwar den „schmählichsten Waffenstillstand“ unterzeichnet und auch die Bildung der Arbeiterund Soldatenräte, eine laut Reiswitz „bolschewistische Institution“, konnte nicht ungeschehen gemacht werden. Doch andererseits bescheinigte er Ebert und Scheidemann (1865–1939), den „Ursozialdemokraten“, dass sie für Deutschland „das beste“ wollten. Sein Verständnis für die SPD-Führer mündete aber keinesfalls darin, dass er sich selber als einen Sozialdemokraten sah. Nicht ohne Humor bekundete er: „Ich stehe auf Seiten der deutsch demokratischen Volkspartei. Ein Egoist auf Seiten der reinen Egoisten gegen die größten Egoisten.“ 105
Seine Antipathie gegenüber den linksradikalen Kräften zeigte sich dann besonders während des Spartakusaufstandes im Januar 1919 in Berlin. Am 12.01.19 schrieb er an seine Mutter: „[Karl] Liebknecht ist nach der Schweiz durchgebrannt. Radek, Ledebour106, Rosa Luxemburg sind verhaftet. Schade, dass sie die Kerle nicht gleich an die Wand stellen, sondern verhaften. 400 Tote sind bereits überschritten und über 1000 Verwundete gezählt, und das alles so nahe von einem.“107 Bei der angeblichen Flucht von Liebknecht (1871–1919) in die Schweiz handelte es sich um ein in der Presse kolportiertes Gerücht, ebenso wie bei der Verhaftung von Rosa Luxemburg (1871–1919). Liebknecht und Luxemburg wurden dann allerdings tatsächlich drei Tage später, keine halbe Stunde zu Fuß von Reiswitz’ Wohnung entfernt, in der Mannheimer Str. 43, von Angehörigen einer Wilmersdorfer Bürgerwehr aufgegriffen.
Doch Reiswitz’ deutliche Ablehnung der Spartakisten führte nicht zu seiner Hinwendung zum anderen politischen Extrem.108 Im selben Brief machte er sich lustig über den „deutsch nationalen Sturm“, dem er sich durch gewisse Bekannte nun ausgesetzt sah, weil er das Verteilen von Flugblättern für die „Deutsch Nationale Partei … diplomatisch abgelehnt“ hatte.109 Vor allem war er nicht bereit, sein Leben für das besitzende Bürgertum zu opfern. In einem rückblickenden Tagebucheintrag vom 28.01.19 meinte er sarkastisch: „Es schien, als sollte Spartakus siegen, aber noch einmal gelang es, die Sache ins Reine zu bringen. Bürgerjugend und Offiziere retteten den Kurfürstendamm und in zweiter Linie sich selbst.“ Er erwähnte, dass den „Kämpfern gegen Spartakus“ pro Kopf 18 Mark geboten wurden, woraufhin „die Jugend des Mittelstandes als ‚Gediente‘ kämpfte für die Bourgeoisie des Kurfürstendamm“. Diese „Jugend“ – darunter laut Reiswitz auch viele Juden – identifizierte er als „die guten Elemente, die wieder einmal dumm genug gewesen waren sich für die feiste Bourgeoisie aufzuopfern.“ Er, als jemand, der sich keineswegs als Verfechter der alten, den verlorenen Krieg zu verantwortenden, monarchischen Ordnung ansah, sondern Verständnis für die gemäßigte neue sozialdemokratische Staatsführung aufbrachte, begrüßte zwar die rigorose Niederwerfung der Spartakisten, wollte sich aber andererseits nicht der entstehenden Freikorpsbewegung anschließen, die er als Büttel des Besitzbürgertums betrachtete: „Ich wurde auch oft gefragt, warum ich nicht mitkämpfte. Ich habe geschwiegen.“ Und dies, obwohl Reiswitz eigentlich der Prototyp eines Freikorpsangehörigen war, „who had come of age in a bellicose atmosphere saturated with tales of heroic bloodshed“, der aber wegen seines nur kurzen Frontaufenthaltes „missed out on first-hand experience of the ‚storms of steel‘“.110 Reiswitz erging es nicht wie der Hauptfigur in Joseph Roths Roman „Das Spinnennetz“ aus dem Jahre 1923, Theodor Lohse, dem es seine weiblichen Familienangehörigen übelnahmen, dass er nicht den Heldentod gestorben war und nun als demobilisierter junger Leutnant, als wehrloses Opfer der Revolution seiner Mutter und Schwester zur Last fiel.
Damit ist in mancher Hinsicht sein Weg zum Jungkonservatismus111 vorgezeichnet: „Es wird noch eine furchtbare Auseinandersetzung geben zwischen feister Bourgeoisie und Proletariat, zwischen dem Gelde und der Dummheit. Wir werden wie stets unschuldig mitleiden.“112 Reiswitz’ Distanz gegenüber der ökonomisch dominanten oberen Mittelklasse und seine Offenheit für politisches Gedankengut, welches das Schwergewicht auf die Gemeinschaft – sei es im völkischen oder sozialdemokratischen Sinne – legt, fand ihren Ausdruck im Gedankengut vieler Jungkonservativer. So war auch der später von den Nationalsozialisten ermordete Edgar Jung (1894–1934), streng „antikapitalistisch“113 ausgerichtet.114 Auf den jungen Reiswitz traf ironischerweise genau das zu, was Armin Mohler als gängige Definition eines Jungkonservativen aus marxistischer Sicht anführt: Der Jungkonservative habe „die ehrliche Absicht die bürgerliche Herrschaft zu stürzen.“ Da es sich aber bei den Jungkonservativen, „größtenteils um befehlsgewohnte Frontoffiziere“ – oder Unteroffiziere, wie Reiswitz – handele, vermochten diese es nicht „sich dienend der proletarischen Bewegung einzuordnen“ und ihr „revolutionärer Anstoß mit seinen romantischen Rückständen“ artete schlussendlich in eine „Hilfestellung an den Kapitalismus“ aus.115 Vielleicht noch passender auf Reiswitz ist die Selbstreflexion des jungkonservativen Publizisten Max Hildebert Boehm (1891–1968), der in einem Privatbrief aus dem Jahr 1919 sich folgendermaßen beschrieb: „Ich gehöre zu dem Teil der rechtsstehenden Jugend, die nicht eine Liberalisierung des Konservatismus will, … sondern eine organische Verschmelzung konservativ-aristokratischer und sozialistischer Tendenzen.“116
Nach Beendigung der revolutionären Wirren in Berlin kehrte „Genosse Reiswitz“ schon bald dem Militär den Rücken. Noch vor seiner offiziellen Entlassung am 01.03.19 hatte er bereits am 02.11.18, also nur einen Tag nach der bestandenen Abiturprüfung, einen Gasthörerschein der Universität Berlin ausgestellt bekommen. Von November 1918 bis Februar 1919 konnte er als Externer nun Vorlesungen hören, unter anderem bei den jüdischen Professoren Ludwig Geiger (1848–1919) und Max Dessauer (1867–1947). Geiger, der sich 1873 bei Leopold von Ranke (1775–1886) – derjenige unter den deutschen Historikern, welcher auf Reiswitz selbst den nachhaltigsten Einfluss haben sollte117 – habilitiert hatte, lehrte Reiswitz über den „Deutschen Roman im 19. und 20. Jahrhundert“ und „Deutsche Kriege und Deutsche Dichtung“, Dessauer las eine „Einleitung in die Philosophie“. Ferner hörte Resiwitz bei Alois Riehl (1844–1924) „Nietzsche und seine Umwertung aller Werte“, bei Adolph Goldschmidt (1863–1944) eine Vorlesung über Architekturstile und bei einem gewissen „Dr. Hermann“ über den jungen Goethe.118
Ab dem 29.01.19 war Reiswitz dann als ordentlicher Student in Berlin eingeschrieben und studierte acht Semester – zum Teil handelte es sich um „Zwischensemester“ – lang vornehmlich Philosophie, aber auch Literatur, Kunstgeschichte, Psychologie und Medizin sowie Biologie. In seinem Nachruf auf Reiswitz hält dazu der Historiker und spätere Kollege von Reiswitz, Georg Stadtmüller (1909–1985), fest: „Seine Studien waren nicht von praktischen Berufszielen, sondern ausschließlich von inneren Neigungen bestimmt.“119 Demgemäß reichten Reiswitz’ „Neigungen“ von der Tierphysiologie, über welche er im Wintersemester 1921/22 ein Praktikum bei Wolfgang von Buddebrock-Hettersdorf (1884–1964) absolvierte bis hin zu Veranstaltungen bei Hugo Karl Liepmann (1863–1925) über Sexualpsychologie und die Psychologie der Frau, die er ein Jahr zuvor belegt hatte.120 Sicherlich stellte das Studium für Reiswitz die Fortsetzung seiner vor dem Krieg so herausgestrichenen Beschäftigung mit der „göttlichen Kunst“ dar.
Schon am 06.03.22 reichte er seine Dissertation unter dem Titel „Das A-Historische, das Historische und das Anti-Historische in der Philosophie Arthur Schopenhauers“121 ein. Das A-Historische in der Philosophie Schopenhauers liege darin, dass er die „Welt kritisch transzendental als nur Erscheinung betrachtete“122, „historisch“ sei Schopenhauer „von jenem Blickpunkte aus, der dieselbe Welt als Objektivation eines metaphysischen An sich auch empirisch real wertete.“123
Das „Anti-Historische“ bei Schopenhauer schließlich versuchte Reiswitz dadurch nachzuweisen, dass er darlegte, dass Schopenhauer ein großer Gegner des „Historismus“ gewesen sei. Unter Historismus ist die Konzeption zu verstehen, nach der jedes geschichtliche Ereignis, jede Epoche für sich stehe. Sowohl eine moralische Beurteilung der Vergangenheit aus gegenwärtiger Perspektive sei abzulehnen, als auch die teleologische Extrapolation der Zukunft aus geschichtlichen Befunden. Auf der anderen Seite aber sei das menschliche Bewusstsein historisch determiniert. Jede Epoche sei das Produkt der vorangehenden oder dabei aber einem festen Plan oder Muster zu folgen. Ex-post der Vergangenheit übergestülpte Kategorien wie „Fortschritt“ seien folglich inadäquat. Der Historiker müsse sich mit dem objektiv Greifbaren, das heißt den Quellen befassen, und sich diesen unvoreingenommen aber kritisch nähern. Einer der bekanntesten Vertreter der historistischen Schule war niemand anderes als der Historiker Leopold von Ranke. Reiswitz aber hatte zumindest zum Zeitpunkt der Abfassung seiner Doktorarbeit noch wenig übrig für den Historismus, obwohl er später selbst zu einem großen Bewunderer Leopold von Rankes werden sollte. In seiner Doktorarbeit selbst mokierte er sich: „Vom kommandierenden General bis in die höhere Töchterschule hinein schwimmt alles in flachem, wurzellosen Bildungshistorismus.“124 Nach Reiswitz fanden sowohl Konservative und Liberale, als auch naturwissenschaftliche Materialisten und die „Feinde der bestehenden Staatsformen“125 – also Marxisten –, ihre jeweiligen beliebigen Anknüpfungspunkte in der historistischen Denkweise.
Schopenhauer hingegen sprach der Geschichte überhaupt den Rang einer Wissenschaft ab: „Traum ist die Geschichte!“126 Schopenhauer hatte sogar Skrupel, überhaupt eine „Geschichte der Philosophie“ zu verfassen, da er es vorzog, dass sich potentielle Leser mit den „selbsteigenen Werken“ der Philosophen befassten. Eine „Geschichte der Philosophie“ zu lesen sei, so Schopenhauer, „wie wenn man sich sein Essen von einem Andern kauen lassen wollte.“127
Reiswitz’ Doktorvater Troeltsch teilte diese Kritik Schopenhauers an historisierenden Sichtweisen, insbesondere bezogen auf ein rein kognitives Prinzip beim Weltverständnis. In einem im Juni 1922 erschienenen Aufsatz unter dem Titel „Die Krisis des Historismus“ geißelte er das Alleinstellungsmerkmal des Geschichtlichen: „Staat, Recht, Moral, Religion, Kunst sind in dem Fluß des historischen Werden aufgelöst und uns überall nur als Bestandteil geschichtlicher Entwicklungen verständlich“128 Die Betonung liegt sicherlich auf dem „nur“. Denn, wenn alles menschliche Wirken, so Troeltsch, lediglich als rational fassbarer Teil einer historischen Kette eingestuft werde, festige dies auch in unangemessener Form die „Wurzelung alles Zufälligen und Persönlichen in großen, überindividuellen Zusammenhängen“.129
Doch Reiswitz’ Gesamturteil über Schopenhauers Interpretation der Historie war keinesfalls positiv: „Schopenhauer war seiner Zeit gegenüber ein Gift, ein erst langsam, dann immer rascher sich ausbreitendes Gift“.130 Es wird nicht klar, worin dieses „Gift“, welches Reiswitz schon in seiner „Vorbemerkung“131 erwähnte, bestanden haben soll, zumal er auf jegliches Hinzuziehen von Sekundärliteratur vezichtete und lediglich aus den Werken Schopenhauers zitierte, was er damit – wenig überzeugend – rechtfertigte, dass „diese Untersuchung unter den erschwerendsten physischen Hemmungen aufgenommen und zum Ende geführt wurde, welche ich dadurch positiv zu werten suchte, dass grundsätzlich alle Auslegungen und Darstellungen der Philosophie Schopenhauers unberücksichtigt blieben, um ein vollkommen unbefangenes Ergebnis zu ermöglichen.“132 Vielleicht befand sich Reiswitz ja doch schon gedanklich auf dem Weg in die Schule Rankes.
In ihren jeweiligen Gutachten trugen sowohl Troeltsch (30.04.22) als auch der Gestaltpsychologe Wolfgang Koehler (1887–1967) (20.05.22)133 den „physischen Hemmungen“ Rechnung. Troeltsch erwähnte expressis verbis den „Kopfschuss“ und Koehler wies auf die „schwere Schädigung“ hin, die der Verfasser „zu bekämpfen“ habe. Er schloss sich dem „Laudabile“-Urteil von Troeltsch an.134
Während sich nun Reiswitz in Charlottenburg auf die mündliche Prüfung vorbereitete, wurde am 24.06.22, rund 5 km von der Carmerstraße entfernt, der Reichsaußenminister Walther Rathenau (1867–1922) in Berlin-Grunewald ermordet. Reiswitz war entsetzt: „Himmel! Diese Irrsinnigen! Rathenau und [Hugo] Stinnes, das sind die beiden bedeutendsten Köpfe, die das heutige Deutschland besitzt. Und da schießen so ein paar törichte deutsch-völkische Lümmels Rathenau ab, anstatt auf den Knien dafür zu danken, dass es solche Menschen gibt in Deutschland.“135 Seine Empörung über den Mord an Rathenau, der in rechten politischen Kreisen als Sinnbild des „Erfüllungspolitikers“ galt, zudem als Jude den Hass antisemitischer Kreise auf sich zog, zeigt, dass Reiswitz’ jungkonservative Ausrichtung nicht die oft anzutreffende Komponente des Antisemitismus umfasste.
Reiswitz’ mündliche Prüfung fand einen Monat später, am 20.07.22 statt. Bei Koehler und Troeltsch im Hauptfach Philosophie schloss er mit „gut“ ab, im Nebenfach Botanik erhielt er von Gottlieb Haberlandt (1854–1945) ein „im ganzen genügend“, und der Zoologe Karl Heider (1856–1935) zensierte ihn mit „befriedigend“. Mit dem Datum vom 14.08.22 erhielt Reiswitz seine Promotionsurkunde ausgehändigt. Doch welchen Beruf sollte er nun ergreifen?
1.2. Die erste Jugoslawienreise 1924 und ihre Folgen
Zunächst ging Reiswitz auf Reisen. Von August bis Dezember 1922 hielt er sich in Süddeutschland und Österreich auf. Viel Zeit verbrachte er mit seiner Freundin Auguste Sabine Lepsius (1899–?) und deren Schwester Sibylle (1902–?), den Töchtern des Malerehepaars Reinhold (1856–1922) und Sabine Lepsius (1864–1942). Im Salon der Lepsius’ verkehrten unter anderem der Soziologe Georg Simmel (1858–1918)136 und der Schriftsteller Stefan George (1868–1933). Die Erstausgaben seiner Werke durfte Reiswitz unter den „Bücherschätzen“ der Lepsius’ bewundern.137
Auf weitere Bücher traf er in der Bibliothek von Schloss Zdechovice in Böhmen, wo Reiswitz im August 1923 Hannah von Mettal (1884–1966), Freundin der Familie und Übersetzerin der Werke des irischen Autors James Joyce (1882–1941), einen mehrtätigen Besuch abstattete.138 Für die Reise in die Tschechoslowakei, die ihn auch nach Prag führte, hatte er sich eigens am 28.07.23 einen Reisepass ausstellen lassen. Auf Seite 11 des gegen eine Gebühr von 300 Mark ausgehändigten Dokuments befindet sich ein mit dem Datum des 25.08.1924 versehener Stempeleindruck des Kommissars der Eisenbahnpolizei von Maribor, welcher die erste Einreise von Reiswitz in das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen bezeugt. Sein am 06.08.1924 von der jugoslawischen Gesandtschaft in Berlin ausgestelltes Visum war bis zum 19.10.1924 gültig. Anders als die Tschechoslowakeireise im Jahr zuvor sollte die Jugoslawienfahrt einen Wendepunkt in seinem bis dahin eher unsteten Bohèmeleben bedeuten.
Reiswitz’ Sommerreise begann am 10.08.24 von Berlin aus. Einen Tag vorher hatte er eine zweihundert Seiten starke „hinreißende“ Reisebeschreibung über Dalmatien gekauft, die er mit großem Interesse zu lesen begann.139 Ebenso traf er sich an jenem Tag noch mit seinem Freund Kurt Sternberg (1899–?)140. In seinem Tagebuch schrieb er unter dem 10.08.24 über eine Reise, in die er „hineinwalle mit ganz erfüllter Seele.“
Von Berlin aus ging es zunächst mit dem D-Zug durch das Saaletal und den Thüringer Wald nach Nürnberg. Dort blieb er zwei Tage im Hotel „Roter Hahn“ in der Königstraße. Nürnberg verließ er dann mit einem Personenzug und fuhr acht Stunden durch die Fränkische Schweiz und über Regensburg an der Donau entlang nach Passau, wo er eine weitere Nacht verbrachte. Von Passau aus ging es nach Linz. Dort schiffte er sich flussabwärts ein und machte den nächsten Halt in Spitz an der Donau, nun bereits in Österreich angelangt. Hier nutzte er die Gelegenheit für eine 20km-Wanderung donauabwärts nach Krems. Danach reiste er weiter nach Wien. Er residierte im Zimmer 406 des Hotel Bristol in der Kärntner Straße und war von der Stadt sehr angetan. Er schätzte die großzügige Anlage der Stadt, die im Vergleich mit Berlin mindestens ein Stockwerk höheren Gebäude, und es fiel ihm auch auf, dass viel mehr Autoverkehr herrschte. Mehrere Tage verlebte er in Wien (20.08–26.08.24), während derer er u.a die Schlösser Belvedere und Schönbrunn besichtigte, aber auch einen Heurigenwirt auf dem Kahlenberg aufsuchte. Auch die Hofburg, den Stephansdom – gegen den die Münchener Frauenkirche seiner Ansicht nach in wenig günstigem Licht erschien – und den Prater besichtigte er mit Begeisterung. Dort mißfiel ihm aber – vielleicht in Erinnerung an die Tage des Spartakusaufstandes in Berlin – die verstärkte Anwesenheit von Angehörigen der Unterschicht: „Vielleicht, dass es vor der Revolution anders war, … jedenfalls waren genau dieselben Proletarier wie bei uns etwa ‚Unter den Zelten‘141 zu sehen u. wenig Wiener“. Er schob aber dann ironisch im selben Brief nach, dass dieser negative Eindruck vielleicht aber auch darauf zurückzuführen sein könnte, dass ihm seine zu engen Schuhe Schmerzen bereiteten.
Seine Abreise aus Wien verzögerte sich etwas, weil ihm das Portemonnaie mit „sechs Pfennigen“ und die Kofferschlüssel gestohlen worden waren. Weiter ging es am 26.08. um 8 Uhr morgens mit dem Zug nach Agram, welches er lediglich „sehr interessant“ fand, obwohl die Fahrt dorthin mit der Eisenbahn „herrlich“ war, während derer er die Bekanntschaft eines „Schankwirtes“ aus Esseg machte, eine „Mischung von Jude, Ungar, Serbe“,142 welcher ihm das Hotel „Imperial“ empfahl, anstelle des bereits gebuchten „Palace“. Von Agram aus reiste er am nächsten Tag über Slawonski Brod, wo eine weitere Übernachtung im Hotel „Central“ anstand, in deren Vorfeld er „bei guter Musik und bei gutem Bier“ sein Abendessen einnahm.143 Von Brod aus brach er am 28.08. um früh morgens auf, löste ein Billet II. Klasse und kam nach zwölf Stunden Eisenbahnfahrt in Sarajevo an.
Aus der bosnischen Landeshauptstadt schickte Reiswitz dann mit Poststempel vom 06.09. einen mehrseitigen, mit Bleistift handgeschriebenen Brief, dem er noch zwei Postkarten mit Ansichten aus Sarajevo beilegte, an das „Fräulein Fresenius“, die er mit „Mein geliebtes Herze Kindel“ anredete, wohnhaft in der Burgstr. 9 in Auerbach (Bensheim, Hessen). Darin schilderte er ausführlich seine Eindrücke der ersten vier Tage in Sarajevo.
Vom 02. bis 05.09. war er jeweils für mehrere Stunden allein in der Stadt unterwegs, besuchte das Landesmuseum [Zemaljski Muzej], eine „türkische Kawana“ [Kafana; Kaffeehaus, Gastwirtschaft] und hatte am 05.09. schon Sprachunterricht: seine erste „kroatisch-serbisch-slawische Stunde“. Er war beeindruckt von der geographischen Lage Sarajevos, umrahmt von „1000–1700 m hohen Bergen“, die Stadt „terassenförmig an ihren Abhängen heraufkletternd“. Er erwähnte die „weißglühende“ Hitze und beschrieb die ethnische Vielfalt: „Bosniaken-Serben; Kroaten; Serben; Montenegriner; Herzegowiner; Kurfürstendammfiguren, Spaniolen, Derwische, Türkenfrauen, Slawenfrauen, Türkenmädchen, Slawenmädchen, Kurfürstendammfrauen, Kurfürstendammmädchen. Alle anders gekleidet, nie geschmacklos.“ Mit dem Kurfürstendammepithet meinte Reiswitz vermutlich, dass die so bezeichneten Frauen der von ihm nicht besonders geschätzten Mittel- oder Oberschicht nach westlich-hauptstädtischem Vorbild gekleidet waren.
Als begeistertem Gartenfreund144, der selbst ein Grundstück besaß in Bornim bei Potsdam, wo seit 1912 der ihm gut persönlich bekannte Gärtner und Staudenzüchter Karl Foerster (1874–1970) wirkte, stach ihm besonders die Geomorphologie und Vegetation ins Auge. Detailgetreu zeichnete er in dem Brief die Beschaffenheit des Kalksteins nach, „eine Masse, die sich rasch zersetzt, weiß glüht, braune Flecken bekommt, braun wird und zerfällt. Eine Masse, welche die groteskesten Formen annimmt. Eine Masse, die Schlupfwinkel bietet für alle Möglichkeiten der Vegetation (siehe Försters Steingarten, der aus nichts anderem besteht wie aus Kalkstein).“
Dann wandte er sich den in dieser Landschaft um Sarajevo herum wirtschaftenden Menschen und Tieren zu: „Auf dieser eingekrallten [sic] Kalk-Vegetation weiden unzählige Schafherden mit Hirten, die weite monotone Melodien auf seltsamen Holzflöten spielen. Vollkommene Urvölker in Sitten u. in ihrem Verhältnis zu ihrer Kulturmöglichkeit, die mich um Cigaretten anbetteln u. mit dem weithin schallenden Ruf danken ‚Heil Dir, Du großmütiger Spender‘, in ihrer Sprache“.
In seiner folgenden Beschreibung verließ er dann weiter die eigentliche Stadt: „Wenn Du auf einer Höhe stehst, so sieht das Land ringsum mit seinen Zwerghölzern aus wie eine Relief-Karte aus Gips, so übersichtlich. Die Flußläufe glänzen richtig ‚silbern‘ u. strahlend weiße Linien durchschneiden das Land als Wege.“
Schließlich aber kehrte er imaginär nach Sarajevo zurück. Er erwähnte die an den Berghängen anzutreffenden zahlreichen „Kawanen“, mit „überwältigender Aussicht“, wo „Citronenwasser“ und Kaffee in „in ganz kleinen Tassen“ ausgeschenkt werde, welcher zuvor in „kleinen offenen kupfernen Kannen zubereitet wurde.“ Zur besseren Veranschaulichung für Fräulein Fresenius fügte Reiswitz an dieser Stelle die Skizze eines typisch bosnischen Kaffeekännchens bei, einer „džezva“, mit dem Zusatz „so !“. Gereicht werde der Kaffee ohne Milch und mit viel Zucker, dazu „raucht man zahllose Cigaretten“. Er kam zu dem Schluss, dass „Nikotin und Koffein so stark sind, dass sie sich gegenseitig in Ihrer Wirkung aufheben“.
Es folgte dann eine vergleichende Übersicht über die wichtigsten für Besucher relevanten Preise, welche Kaffee, Melonen, Eier, Butter, Wein, eine Straßenbahnfahrkarte, sowie Enten und Gänse umfassten.
Als nächstes ging Reiswitz auf die Straßen und Häuser in Sarajevo ein. Besonders die Straßen an den Berghängen zeichneten sich durch „Romantik aber auch Schönheit“ aus, vermutlich wegen ihrer abenteuerlichen Führung. Ansonsten aber verglich er seinen Spaziergang mit dem Gang durch eine „einzige große Festung“, da alle Fenster zur Straße hin vergittert seien und zudem keine baulichen Zwischenräume bestünden, sodass man an „Festungsmauern mit stets verschlossenen Türen“ vorbeigehe. Der Straßenbelag bestehe lediglich aus „brauner Erde“, mit Kalksteinen angereichert, „so daß es zum Anfang eine Marter“ sei, sich zu Fuß fortzubewegen.
Die Häuser würden alljährlich weiß gekalkt, nur gelegentlich in „zartem rosa, blau, braun, gelb od. grün“. Reiswitz fertigte dann für seine Freundin Fresenius zwei weitere Skizzen an, um die unterschiedliche Dachform der türkischen und slawischen Häuser zu veranschaulichen. Aus den Skizzen ging hervor, dass die türkischen Dächer flacher und die slawischen deutlich steiler waren.
Steil seien auch die Straßen, deren Anstieg er mit einer weiteren Skizze dokumentierte, auf welchen aber in Ritzen und Fugen überall üppige Vegetation gedeihe.
Nun folgten Bemerkungen über die verschleierten „Türkenfrauen“ und die lange Kopftücher tragenden slawischen Mädchen, „die wir aus den Büchern kennen“. Die Länge der Kopftücher wurde durch eine weitere Bleistiftzeichnung im Brief veranschaulicht. Zahllose Kinder und mit Holz beladene Maultiere komplettierten das „Kommen und Gehen“ auf den Straßen der Stadt.
Gelinge es einem, einen Blick hinter eine geöffnete Tür zu werfen, so sähe man „durch den sekundenlang geöffneten Spalt „stille verwunschene Höfe mit Blumen u. Brunnen u. Frauen, die ängstlich die Schleier fallen lassen.“
Reiswitz beendete dann die Beschreibung seiner Eindrücke der ersten Tage in Sarajevo mit dem Versprechen, dass er im nächsten Brief mehr über die „Türken und Serben“ berichten würde. Ein wenig besorgt fügte er hinzu: „Hoffentlich ist dir das détail [sic] nicht langweilig“.
In den letzen Zeilen des Briefes ging Reiswitz auf seine Gastgeberin in Sarajevo ein. Er wohnte in einem Zimmer des Gebäudes, in welchem unweit vom Fluss Miljacka das deutsche Konsulat untergebracht war. Dies wurde ihm ermöglicht durch seine zehn Jahre ältere Verwandte, Mathilda „Tilla“ Bethusy-Huc, geb. von Zastrow, die Ehefrau des deutschen Konsuls Eugen Graf von Bethusy-Huc.145 Die Konsulsfamilie lebte mit ihren beiden Söhnen Karl-August (1909–?), Heinrich (1911–?) und der Tochter Maria-Elisabeth (1917–?) in einer benachbarten Villa.
Am 30.08.23 hatte Tilla Reiswitz bereits ausdrücklich eingeladen. Doch im Moment hätten sie nur eine kleine Wohnung in Sarajevo, und das Fremdenzimmer des Konsulats sei durch den neuen Kanzler belegt. Reiswitz könne aber ab Oktober kommen, alles hinge nur von seinem „persönlichen Mut“ ab. Man solle sich in Sarajevo nicht von den „hiesigen Spießern“ der deutschen Gemeinde verleiten lassen, die glaubten, man müsse in der bosnischen Landeshauptstadt ein Großstadtleben wie in Berlin führen. Sie versuchte Reiswitz den Besuch schmackhaft zu machen und schrieb in einem undatierten Brief aus dem Frühsommer 1924: „Das Land hat schon Charm [sic], aber er erschliesst sich schwer, wenigstens ging es mir so“. Jetzt habe sie aber nach einer dreitägigen Landtour, als „Zigeuner“, durch „wunderbare Gegenden“, angefangen das Land zu lieben. Es gebe dennoch „sehr viele Extreme“. Sie erwähnte auch den „Gleichmut der Orientalen“. Ihr Urteil über die örtliche Bevölkerung fiel aber insgesamt positiv aus: „An Menschen finde ich hier doch recht viel nettes, einen Katholiken, der Muhamedaner wurde, einen Muhamedaner, der Katholik wurde, die Kustoden des Museums, die das Land in und auswendig kennen“. Endlich, so lässt sie ihren jüngeren Verwandten wissen, habe die Familie auch ein adäquates Haus gefunden, sodass Reiswitz sofort aufbrechen könne.
In einem Brief vom 29.06.24 offerierte Tilla Reiswitz weitere politische und volkskundliche Anreize, Jugoslawien zu besuchen. Er solle die Mentalität der Südslawen kennenzulernen, „auf die wir in Deutschland ob kurz oder lang doch angewiesen sind“. Die Südslawen seien die „unkultiviertesten [von allen Slawen], und darum kann man sie am besten kennen lernen, weil die Unterschiede am meisten ins Auge fallen und die ganzen Charakterzüge sich am klarsten zeigen.“ Sie selbst wiederum war nun stark an Trachten interessiert: „Man kann hier bei den vielen Trachten unendlich viel Anregung haben und lernt Farben, Stoffe und vieles, was eben nur der primitive Mensch sieht, sehen; durch die Art wie er die Natur in seine Dienste stellt, und umarbeitet und braucht zur Anwendung. An den einfachsten Gebrauchsgegenständen lernt man die … Kunst-Natur-Gesetze.“ Aufschlussreich sind ihre Ausführungen über die Begehung des serbischen Nationalfeiertags, des Vidovdan, am 28. Juni, in Erinnerung an die Amselfeldschlacht 1389. Hier, so Tilla, offenbare sich die „Wesenfremdheit der Menschen“, sie sprach sogar von einer „Wesensfeindschaft“, weil zwar „öffentliche Feiern des Mordes [am österreichischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand am 28.06.14]“ verboten seien, aber „ganz geschickt“ als Turnerfest organisiert werden, „von dem Verein, der vor dem Kriege hier die serbische Sache propagierte“. Die Konsulsfamilie hatte eine offizielle Einladung erhalten und auch angenommen, aber Tilla sträubte sich innerlich dagegen: „Wir haben mitfeiern müssen, da es ja nur ein Schauturnen war, und haben mit gelächelt. Lieber hätte ich geheult“.
Zwischen den Zeilen dieser Aussage verbirgt sich Tillas politische Einstellung Jugoslawien gegenüber. Wie die meisten ihrer deutschen Landsleute hatte auch sie die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg nicht verkraftet und sah in Jugoslawien vornehmlich weiterhin den ehemaligen Feindstaat Serbien. An einer anderen Stelle in diesem Brief führte sie aus, dass sie sich Deutschland vorstelle wie eine „ausgepresste Citrone, an der erst jeder drückt, und die dann langsam vertrocknet“.
Einen Monat später, am 24.07.24, schrieb sie erneut an Reiswitz. Er hatte am 19.07.24 sein Kommen in einem „begeisterten Ja-Brief“146 fest zugesagt und nun bat sie ihn, bis spätestens 15.09. anzugelangen, weil bis dahin Bergtouren noch möglich seien. Zudem fände am 20.09. ein Wallfahrtsfest statt, an dem „tausende und mehr Leute in Nationaltracht“ teilnehmen, eine Aussage, die Tillas Interesse an der Nationalkleidung unterstreicht. Dass die Familie Bethusy-Huc viel Freude an Unternehmungen an der frischen Luft hatte, geht auch daraus hervor, dass sie ihm dringend empfahl, sein Fahrrad mitzubringen: „Wir radeln hier alle, zum Entsetzen der Einheimischen“. Dann äußerte sie sich erneut zur religiösen Toleranz in Sarajevo: „Wir vertragen uns hier nämlich konfessionell sehr gut und alle Leute gehen zu allen Heiligen“.
Um Reiswitz’ den Aufbau eines Bekanntenkreises zu ermöglichen, solle er sich Empfehlungen eines Verlags oder einer Zeitung besorgen, „um intellektuelle Kreise leichter kennenzulernen“. Am vorteilhaftesten sei es anzugeben, dass er „hier etwas zu studieren“ habe, „um den Serben zu schmeicheln.“ Im Moment sei es, so Tilla, allerdings zu heiß: In Mostar „tropfen die Bleidächer“.
Auch in seinem Tagebuch beschrieb Reiswitz seine ersten Tage in Sarajevo. Am Tag nach seiner Ankunft erschien Reiswitz das Wetter zunächst „grau.“ Er war in einem Zimmer im deutschen Konsulatsgebäude untergebracht und erkundete direkt am Morgen des 29.08. auf eigene Faust die Stadt, gestand aber seinem Tagebuch, dass er sich ein wenig fürchtete, da er ja die Sprache nicht beherrschte. Tilla holte ihn mittags ab und beide streunten bergauf durch den muslimischen Teil der Stadt. Der orientalische Charakter wirkte auf ihn rätselhaft, aber faszinierend: „Ich sehe, wie meine große Reise vom schönen zum immer schöneren ging und nun ins seltene, zauberhafte übergeht.“ Auch am Folgetag, dem 30.08., war er gebannt von den Eindrücken des Orients. Er besichtigte mit Tilla die Baščaršija, das Geschäftsviertel im Zentrum der Stadt: „So etwas gibt es wirklich!“ Am 31.08. bestieg er zusammen mit den beiden Söhnen Tillas und deren Privatlehrer den 1.627 Meter hohen Berg Trebević südöstlich der Stadt. Einen Tag später besuchte er zum ersten Mal das Landesmuseum und begann dann über die nächsten Tage hinweg mit der von ihm so bezeichneten „Eroberung“ der einzelnen Stadtviertel, teilweise allein, manchmal in Begleitung von Tilla oder des Konsulatsdieners Purgstaller. Am 04.09. besichtigte er den jüdischen Friedhof. Tags darauf war er wieder im Landesmuseum und hatte seine erste Unterrichtsstunde in der Landessprache bei dem Konsulatsbeschäftigten Šober. Zwei Tage später ging es mit dem Hauslehrer und den Bethusy-Huc-Söhnen im Auto über Ilidža und die Bosnaquelle auf den Berg Igman mit anschließender Übernachtung in Veliko Polje.
Die Hitze machte dann auch tatsächlich Reiswitz zu schaffen. Am 12.09. meldete er an Frl. Fresenius, dass es um zehn Uhr morgens bereits 45 Grad habe. Zudem habe er „keine Ruhe zum Schreiben“, da sein Zimmer im Konsulat „zu laut“ sei. Es stinke nach „Zwiebeln, Knoblauch und Hammelfett“ und unmittelbar darunter wohne ein „Böttcher, der andauernd hämmert“. Auch im Hause Bethusy-Huc könne er nicht schreiben, da dort die Kinder „herrschen mit Geräusch“. Doch er trotzte diesen Widrigkeiten der Umstände. Am 08., 09. und 10.09. machte er zwar nur drei- bis vierstündige Exkursionen wegen der Hitze. Doch am 11.09. schwang er sich auf sein mitgebrachtes Rad und fuhr nach Pažarić, hin- und zurück, eine Strecke von insgesamt ca. 60 km.
Es war in ihm nun der Entschluss gereift, seine berufliche Zukunft, die ja nach Abschluss der Promotion 1922 noch völlig ungeklärt war, ebenfalls im auswärtigen Dienst zu finden: „Die Diplomatie ist für mich von der Absicht zum Willen geworden“. Er legte dar, dass „Gen“ – gemeint ist der Konsul Eugen Bethusy-Huc – eintausend Mark für seine Tätigkeit bekomme, und das in einer „relativ niedrigen Stellung“. Seine Dienstpflichten beanspruchten nicht mehr als drei Stunden täglich. Obwohl „Gen“ selber kein Vermögen habe, verfüge er in Sarajevo für seine Familie über einen Hauslehrer, eine Gouvernante und drei Dienstboten. Fräulein Fresenius möge diese vertraulichen Informationen aber für sich behalten, „vor allem nicht diesen“ – nicht weiter benannten – „Demokraten“ oder aber ihrer Mutter darüber berichten.
Aus den Tagebucheintragungen des Jahres 1924 von Reiswitz im Vorfeld der Reise erschließt sich dieser konkrete Berufsswunsch nicht eindeutig. Ein Paradigmenwechsel, was sein Forschungsinteresse anbelangt, ist allerdings erkennbar in einem Eintrag vom 02.04.24: „Ich befand mich in einem seltenen Rausch. Es gibt für mich nichts erschütternderes als das Schauen des Zusammenprallens der Kulturen. Heute wurde mir West-Asien klar! Die Assyrisch-Babylonische; die Medisch-Persische; die Arabische, die Osmanische u. die Indische Kultur. Wie wenig wissen wir doch! Jenes Spiel der Kultur-Giganten! Wie wichtig ist es. Wie unerhört packt mich das Schauspiel ihrer Thesis-Antithesis u. Synthesis. Heute mehr denn je wurde ich in die geistige Lage versetzt wieder das Auswärtige Amt zu besuchen. Ich war in einem Rausch, der fast unerträglich schön war. Stunden hindurch saß ich im Ledersessel u. rauchte u. sah die großen Kulturen u. ihre Zusammenhänge.“
Am 07.04. tat er kund, dass er „jetzt energisch mit … der Kultur beginnen will.“ Sein Lesepensum in der Folgezeit gibt einen gewissen Aufschluss über seine neu entfachten Interessen. So erwähnte er am 14. und 15.04. die Lektüre von „Die Kunst der alten Perser“, wobei es sich wahrscheinlich um das 1922 erschienene „Die Kunst des alten Persien“ des Orientkenners Friedrich Sarre (1865–1945) handelte. Zum anderen erwähnte er untern anderem am 12.06. und 21.06. „Spengler“ als Lesestoff, am 24.06. gab er sogar an, er habe „den ganzen Tag“ damit verbracht „Spengler“ zu lesen, womit er ohne Zweifel „Der Untergang des Abendlandes“ von Oswald Spengler meinte, dessen erster Band 1918 erschienen war. Doch waren die vom ihm im Vorfeld der ersten Jugoslawienreise rezipierten Werke, soweit dies dem Tagebuch entnehmbar ist, nicht nur kunst- und kulturwissenschaftliche Fachliteratur. Am 09. und 10.07. notierte er „Tiere, Menschen, Götter“, die in demselben Jahr frisch erschienenen, hinsichtlich ihrer Authentizität umstrittenen Erinnerungen des Schriftstellers und Forschungsreisenden Ferdynand Antoni Ossendowskis (1876–1945) über seine Zeit an der Seite des sogenannten „weißen Barons“, Roman von Ungern-Sternberg, der 1921 kurzzeitig über die Mongolei herrschte.
Reiswitz’ Hinwendung zum „Osten“ ist auch erkennbar im Tagebucheintrag vom 21.06.24. Dort schilderte er seinen Besuch einer Lehrveranstaltung von Otto Hoetzsch (1876–1946) an der Berliner Universität: „Es wimmelte von Politikern, Candidaten und auswärtigen Schmarotzern“. Er war von Hoetzsch positiv beeindruckt und versprach sich „viel von diesem Seminar“ des Osteuropahistorikers. Ominös fügte er hinzu: „Hoffentlich ist es keine Enttäuschung“. Am 17.07. vermerkte er einen weiteren Besuch im Osteuropäischen Seminar, was auf sein fortgesetztes Interesse schließen lässt.
Während seine Lektüre und die Besuche im Osteuropäischen Seminar noch keine Schlüsse hinsichtlich eines konkreten Berufswunsches zulassen, so verdichteten sich die Anzeichen am 31.07., als Reiswitz seinem Tagebuch anvertraute, dass er an diesem Tag im Auswärtigen Amt war, wo er mit den Legationsräten Dr. Herbert Freiherr von Richthofen (1879–1952) und Otto von Erdmannsdorff (1888–1978) sprach.147 Es schien sich um eine Art Vorstellungsgespräch gehandelt zu haben. Erdmansdorff sei „höflich“ gewesen, habe aber auch bemerkt, dass Reiswitz „sehr jung“ und ohne „dunklen Anzug“ sei und forderte ihn dazu auf, sich nach Abschluss der Jugoslawienreise wieder bei ihm zu melden – vermutlich im Zusammenhang mit dem Bestreben Reiswitz’, eine diplomatische Stelle zu übernehmen, um in die Fußstapfen seines Verwandten zu treten. Einem Brief seines Doktorvaters Ernst Troeltsch vom 29.12.25 ist die Information zu entnehmen, dass Reiswitz wohl eine Aufnahmeprüfung nicht bestanden hatte, da Troeltsch Erkundigungen im Auswärtigen Amt eingezogen hatte, ob Reiswitz einen zweiten Versuch starten könne. Dies sei wohl möglich, doch Reiswitz müsse ein gesondertes Gesuch stellen und eine Bescheinigung beibringen, dass sein „Versagen“ in der Englisch- und Französischprüfung auf eine kurzzeitige – wohl kriegsbedingte – „geistige Indisposition“ zurückzuführen sei.148
Die konsularischen Obliegenheiten Eugen Bethusy-Hucs müssen sich tatsächlich in Grenzen gehalten haben, da er Reiswitz in den folgenden Tagen und Wochen bei mehreren Ausflügen begleitete. Am 07.09. hatten beide zusammen den mehr als 2.000 Meter hohen Bjelasnica-Berg bestiegen. Der Weg zum Gipfel – wahrscheinlich von Ilidža aus – führte durch „richtigen Urwald“, so Reiswitz in einer Postkarte an Fräulein Fresenius vom 09.09.24. Im Tagebucheintrag vom 07.09.beschrieb er detailliert die Pflanzenwelt, die er beim Aufstieg gewahrte. Auf dem Gipfel angekommen packte er dann die mitgebrachte „Vossische Zeitung“ aus: „Ich hatte irgendwie Sehnsucht nach Charlottenburg.“149
Am 12.09. stand ein Familienausflug auf der Tagesordnung. Zunächst fuhr man nach Tarčin, westlich von Sarajevo. Von dort aus begann der Aufstieg nach „Mečkina Luka“150, an dem alle fünf Bethusys nebst Kindermädchen teilnahmen. Man ritt auf Maultieren, erneut durch einen „Urwald“, und übernachtete in einer Berghütte bis Montag, den 15.09.
Drei Tage vorher hatte anscheinend ein Bär der Lokalität einen Besuch abgestattet. Der die Ausflügler beleitende Forstmeister hatte zunächst Schwierigkeiten, ein Pferd zu bekommen, doch schließlich gab ihnen ein reicher Bauer nicht nur ein Pferd, sondern auch noch seinen Sohn als Begleiter. Reiswitz war beeindruckt von der „Stille des Waldes“, dem Alter und der Größe der Bäume. Aber nicht nur die Natur hinterließ bei ihm einen prägenden Eindruck. Die serbischen Bauern, so schrieb er an Fresenius, arbeiteten noch „wie zu Noahs Zeit, od. wie die Wilden Afrikas. Kaum ein einziger kann lesen u. schreiben.“ Ihr Pflug sei aus Holz und „dreschen tun sie, indem sie ein Pferd um einen Holzpflock herum über das Getreide, das darum liegt jagen. Von Dünger weiß man noch gar nichts u. Zeit haben sie immer. Sie führen ein völlig biblisches Leben.“
Ferner notierte er Völkerkundliches: „Bosnien ist bewohnt von Slawen. Aber aus diesen Slawen sind 2 total verschiedene Rassen geworden, die zum Islam übergetreten sind, die sogenannten ‚Türken‘ sind ehrlich, freundlich, kultiviert, wohnen nur an Stellen mit schöner Aussicht, haben die Städte gebaut und bewohnen sie überwiegend, geben z.B. Sarajevo den charakteristischen Stempel, sind in jeder Beziehung angenehme Menschen. Sie sind durch ihre Religion zu einer völlig eigenen Rasse geworden. … Die, die ihrem alten Glauben treu blieben, das sind die ‚Serben‘. Im Zustand unserer Merovinger Zeit … übertüncht europäisch, rasch degenerierend; (weil die Kultur der Slawen ja erst erwacht …) die Eigenart dieser Slawen, welche europäische Kultur und Zivilisation übernehmen, ist so stark, daß sie z.B. die Mode völlig eigen umformen; sie werden aber von den anderen Slawen verachtet u. es bekommt ihnen auch nicht sich in jene anorganische Jacke gezwängt zu haben. Entweder degenerieren sie vollkommen od. die alte Haut bricht wieder durch. Ein ‚Serbe‘ wird nie mit einem ‚Türken‘ zusammen im selben Lokal sitzen“. Bosnische Serben und Muslime seien wie Hund und Katze.
Sofort nach seiner Rückkehr von dem Ausflug nach Tarčin nahm Reiswitz sein Studium der Landessprache wieder auf, las das 1916 erschienene Buch „Die Türkei: Bilder und Skizzen von Land und Volk“ des Offiziers in osmanischen Diensten Franz Carl Endres (1878–1954)151 und notierte am 18.09.24, dass er Leopold von Rankes im Jahre 1829 erschienene „Serbische Revolution. Aus serbischen Papieren und Mittheilungen“ (1829) zum Teil gelesen habe.152 Einen Tag danach gibt das Tagebuch darüber Auskunft, dass er Michail Lermontovs (1814–1841) romantisches Gedicht „Der Dämon“ gelesen hat, dessen Handlung im Kaukasus angesiedelt ist. Am 14.10. wiederum las er über byzantinische Geschichte.
Am 21.09.153 machte Reiwitz dann eine Exkursion nach Taorina, wo es aus einem festlichen Anlass viele Trachten zu sehen gab. Dem „Knes-Dorfschulzen“ mussten alle Frauen des Ortes die Hand küssen. Die Männer trugen alle Pistolen „so groß wie Kanonen“ die sie dann alle „vor Freude in die Luft“ abfeuerten. Das ganze Spektakel wirkte wie ein „Kriegszug“ auf ihn.
Die vielen Eindrücke, die er in den ersten Wochen von Sarajevo und Umgebung gewonnen hatte, gaben ihm schon am 12.09.24 Anlass zu folgendem Vergleich: „Hier ist kein Analogon zu Italien, sondern hier beginnt der Orient. Er setzt mit dem Geruch von Hammelfett ein, zudem sich weiterhin Kameldung in Kleinasien gesellen soll. Ich glaube auch, dass Italien ganz andere Nächte hat, sicher voll von Schönheit, aber nicht so voll von Märchen und Zauber. Sarajevo ist eben eine erste Türkenstadt, während die Dörfer, durch ich gestern mit dem Rade fuhr, slawischer waren; Diese weißen Mauern, Stufen und Stiegen im Mondschein, diese Veranden mit Gittern u. monotoner leiser Musik; diese türkischen Friedhöfe mit weißen Grabsteinen; wirr, ungepflegt u. gespenstisch, wenn der Mond auf jene Wiesen der weißen wirren Steine scheint.“ Vier Tage später fügte er in ähnlich romantisierendem Ton hinzu: „Dieses Land lähmt nicht, aber es versetzt mich in eine bisher nicht gekannte Ruhe der Kontemplation u. erregt die Phantasie bis an ihre Grenzen.“
Am 12.10.24 schilderte er, dann bereits in Dubrovnik angekommen, in einem längeren Brief an seine Freundin in Hessen, zusammenfassend seine bisherigen Erlebnisse in Bosnien. Zunächst berichtete er über eine Radtour mit „Gen“ von Sarajevo in das mehr als hundert Kilometer entfernte Višegrad, welche Reiswitz als „anstrengend“ bezeichnete. Am 01.10. war er nach Jablanica gefahren, um sich dort mit dem Konsul zu treffen zwecks Besteigung des „wilden“ Prenj-Berges. Gänzlich „wild“ wird es wohl nicht gewesen sein, da in der Baedeker-Ausgabe „Dalmatien und die Adria“ aus dem Jahre 1929 bereits Bergtouren im Prenjgebirge beschrieben sind, mit Nennung von Hütten. Allerdings heißt es dort auch: „Bergstock und Bergschuhe angenehm, von Hause mitzubringen; Mundvorrat nötig.“154 Reiswitz jedenfalls war vollauf begeistert und schrieb, dass „diese Tour, im Herzen der Herzegovina, das Grandioseste meiner ganzen Bosnien-Reise war.“
Am 03.10. hatte er Sarajevo nach mehr als einmonatigem Aufenthalt verlassen und war zunächst nach Mostar, „eine Oase mitten im uneigentlichsten trostlosesten Karst“, weitergereist, wo er zwei Tage blieb. Besonders auffällig war für ihn der Kontrast zwischen der unwirtlichen Umgebung der Stadt und der blauen Neretva.
In seinem Brief vom 12.10. lobte er ausdrücklich die „Genialität, mit der die Österreicher Straßen und Eisenbahnen durch diese wilde Welt bauten“. Von seiner Weiterreise am 05.10. um 4 Uhr morgens aus von Mostar nach Dubrovnik mit dem Zug war er besonders begeistert, vor allem, als sich eine Stunde vor Ankunft der Blick auf die „unbeschreiblich blaue Adria“ eröffnete.155 Von Gravosa aus brachte ihn ein Wagen in die eigentliche Stadt, in das von ihm gebuchte Hotel Odak, über welches der Baedeker des Jahres 1929 notiert: „Am Meer, östlich von der Altstadt, 10 Minuten vom Uhrturm, mit Aussicht auf Lokrum. 85 Betten.“
Erst nach einer Woche Dubrovnik, am 12.10., erkannte Reiswitz, „was so schön“ war an diesem Ort: „Bisher hat der Kontrast von Märchen zu Wüste zu Schönheit mich so geblendet, dass … die Begriffe versagten.“
Er setzte den Brief nach einem langen Gedankenstrich fort: „Wo sitze ich? Am offenen Fenster meines Zimmers. Es liegt im zweiten Stock, mit dem Blick auf die Adria u. Lacroma [Lokrum], über denen sich der vollkommende Nachthimmel wölbt; hell vom Mond beschienen. Der Mond scheint so hell, daß ich bei seinem Lichte schreiben könnte.“ Er beschrieb die Terassen und Bänke des Hotels, direkt am Meer, die „üppige Vegetation an Palmen, Kakteen, u. immergrüne Gewächse; an Blumen, Aloe“.
Nach diesen romantischen Bemerkungen wurde er deutlich prosaischer und erwähnte, dass sein Zimmer lediglich 2 Mark und ein Mittagessen „wie im Bristol in Berlin“ nur 1,25 bis 1,75 Mark koste.
Er fügte hinzu, dass er hier „arbeiten kann, als ob alle Arbeit nur ein Bad sei“. Um welche „Arbeit“ es sich handelte, verriet er nicht. Wohl aber berichtete er, dass er bedingt durch die „guten Empfehlungen“, mit denen er nach Dubrovnik gekommen sei, „viele Menschen kennenlerne“.
In Reiswitz’ Briefen und Postkarten an Fräulein Fresenius über die ersten beiden Monate seines Bosnienaufenthaltes zeigt sich ein neugieriger, durchaus aufgeschlossener und genau beobachtender Reisender, dem besonders die Natur und die Menschen ins Auge fielen. Er erwähnte zwar kurz die Besuche im Landesmuseums von Sarajevo, doch schien dieses zunächst keinen größeren Eindruck auf ihn gemacht zu haben, obwohl der auf vier Gebäude verteilte und 1912 fertiggestellte Komplex im Baedeker mit einem Sternchen als „besonders beachtenswert“ versehen war und im linken Flügel des nördlichen Gebäudes eine vorgeschichtliche Sammlung beherbergte. In der hauseigenen Fachzeitschrift erschien zum Zeitpunkt von Reiswitz’ Aufenthalt in Sarajevo der Artikel eines gewissen Georg Wilke mit dem Titel „Über die Bedeutung einiger Symbole an den Bogumilendenkmälern“. Dieses Thema sollte für Reiswitz kurze Zeit später eine besondere Bedeutung erlangen. Wilke nennt als eines der bogumilischen Symbole das Hakenkreuz und deutet es als als indogermanische Repräsentation des Mondes.156
Von den Naturschönheiten beeindruckten Reiswitz besonders die Karstlandschaften und Berge. Doch auch die Stadt Sarajevo hinterließ einen positiven Eindruck. Ganz anders empfand dies ein knappes Jahr später der Journalist Max Fischer (1893–1954), welcher ein guter Bekannter von Reiswitz war. In einem zweiteiligen Bericht über eine Reise nach Dalmatien und Italien urteilte Fischer, der bereits 1913 der Stadt einen Besuch abstattete: „Die einst so gepflegten Straßen sind verwahrlost, die Zahl der Bevölkerung ist zurückgegangen; die Verwahrlosung fast aller Gebäude übertrifft selbst die Berliner Zustände der Inflationszeit; die Verelendung aller Schichten ist offenkundig. … In keinem Ort Jugoslawiens, den ich auf meiner Reise berührte, äußerte sich bei den verschiedenen Schichten der Bevölkerung die Unzufriedenheit so einmütig und unverblümt wie hier in Sarajevo.“157
Wie anders hatte Reiswitz die Stadt wahrgenommen! Allerdings fehlte ihm jegliche Reiseerfahrung, da er bis 1924 außerhalb der deutschen Grenzen lediglich das Land seiner Geburt, die Schweiz, und die Tschechoslowakei bereist hatte. Während die Lektüre der Briefe Reiswitz’ an Fräulein Fresenius den Eindruck erweckt, als herrschte in Sarajevo ein morgenländisches, pastorales Idyll mit scheuen Musliminnen und flötenspielenden Hirten, so ergibt sich in dem 1922 erschienenen Band „Von Belgrad bis Buccari“ des Journalisten und Jugoslawienkenners Hermann Wendel ein anderes Bild. Er schrieb wie folgt über Sarajevo: „Aber die westliche Zivilisation ist fressende Säure; vor ihr löst sich alles Romantische, Mittelalterliche und Orientalische in Nichts auf. Heute geht man durch wohlgepflasterte Straßen mit hohen Häusern und geleckten Ladenscheiben und am Kai der Miljacka mit wuchtigen Amtsgebäuden entlang wie in Agram oder Laibach, wie durch Wien oder Budapest. Nur die verhüllten Frauen wandeln als Gespenster einer versinkenden Zeit über den europäerhaften Hintergrund dieser Stadt“.158 Der Sozialdemokrat Wendel, so sein Biograph, „begrüßte die Gründung des südslawischen Staates“ und „sprach sich für eine enge wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit“159 mit Deutschland aus und erhielt 1928 die Ehrendoktorwürde der Universität Belgrad – im gleichen Jahr, in dem er zusammen mit Reiswitz, den er im Laufe des Jahres 1927 persönlich kennenlernte, in Bosnien unterwegs war. Seine „Belgrad bis Buccari“ Schrift wurde sogar im westlichen Ausland, von einem der herausragendsten Südosteuropakenner, gelobt. Robert William Seton Watson (1879–1951), der 1922 den Lehrstuhl für „Slavonic Studies“ an der Londoner School of Slavonic and Eastern European Studies besetzte, bescheinigte Wendel im Juni desselben Jahres „intimate first hand knowledge of Jugoslav history, politics and literature“.160
Ganz in den Bereich des Sentimental-Romantischen und Klischeehaften zu verbannen sind Reiswitz’ Beobachtungen aber wohl nicht, obwohl ihm die sozialen und wirtschaftlichen Zustände in Sarajevo nicht sofort ins Auge sprangen, zumindest nicht in seinen Briefen an Fräulein Fresenius. Auch Wendel kommentierte anerkennend, wie Reiswitz, das gut ausgebaute Straßen- und Eisenbahnnetz: „So auf der Eisenbahn gemächlich durchs Land schaukelnd, auf glatten Straßen ohne Furcht vor Hals- und Beinbruch im Wagen rollend, … beginnt man etwas wie aufkeimendes Wohlwollen für die Oesterreicher zu empfinden. Sie haben Bahnen gebaut, sie haben Straßen gebaut – alles was recht ist!“161 In der folgenden Passagen tauchen die von Reiswitz beobachteten verschwiegenen Höfe der festungsähnlichen Häuser auf: „Auch kommt man in den Vorstädten an verschlossenen, abweisenden Landhäusern mit geschützten Veranden und verborgenen Gärten vorbei“.162
Wie informierte sich Reiswitz vor Antritt seiner ersten Balkanreise über Südslawien? Konkrete Quellen dazu liegen nicht vor, zumindest nicht aus der Zeit vor Reisebeginn. Folgenreich war aber sein erster direkter Kontakt mit Hermann Wendel im Februar 1927, etwas mehr als zwei Jahre nach Abschluss seiner ersten Fahrt. In einem Brief vom 04.02.27 schrieb Reiswitz: „Herr Horovic, Vertreter der südslawischen Studenten an der Universität Wien, macht mir Mut, endlich einmal an Sie zu schreiben. Wohl alle Ihre Bücher über Südslawien u. die Südslawen habe ich gelesen und verdanke Ihnen unerhört viel. Und so war es schon lange mein Wunsch, mit Ihnen Fühlung zu nehmen; zumal, da ich unter meinen Landsleuten keinen kenne, der wirkliches Wissen von den Südslawen … besäße.“
Bis zum Beginn von Reiswitz’ Jugoslawienreise im August 1924 hatte Wendel, geboren 1884 in Metz, bereits mehrere Ganzschriften über Serbien und Jugoslawien verfasst und den Balkan mehrfach bereist. So schrieb er im Geleitwort seines Buches „Südosteuropäische Fragen“ im September 1918: „Nicht unerwähnt bleibe, daß ich Land und Leute auf dem Balkan nicht nur vom Schreibtisch her kenne. 1909, 1910, 1911, 1912 tat ich mich in Serbien, Bulgarien, Montenegro und der europäischen Türkei um …“163 Während der Balkankriege hatte er als Korrespondent direkt aus Belgrad berichtet.164 Sein zweites Jugoslawienbuch erschien 1920 („Aus und über Südslawien“), ein Jahr später dann „Aus dem südslawischen Risorgimento“ und „Von Marburg bis Monastir“, gefolgt von „Von Belgrad bis Buccari“ im Jahre 1922. Ein Jahr später brachte er die beiden letztgenannten Bücher in einem Sammelband unter dem Titel „Kreuz und quer durch den südslawischen Süden“ heraus. Im Jahre 1924 hätte Reiswitz vor Reiseantritt vielleicht sogar noch die im selben Jahr veröffentlichten Bücher „Südslawische Silhouetten“ und „Die Habsburger und die Südslawenfrage“ studieren können.
Wendel selbst wiederum war, so der 2007 verstorbene serbische Literaturwissenschaftler Zoran Konstantinović165, stark beeinflusst durch den Philologen und Historiker Heinrich Gelzer (1847–1906), welcher im Jahre 1900 eine südslawische Einigung anregte: „Es wirkt unwiderstehlich komisch, wenn man sieht, wie die slawischen Gelehrten sich aufs hitzigste darüber herumstreiten, ob gewisse Kantone Ostmacedoniens serbisch oder bulgarisch seien. Die Bevölkerung selbst weiss es nicht. Man sieht, wie gewaltig diese völkerabsperrenden Schranken sind. Diese nationale Verbitterung, welche die einzelnen Balkanstaaten zerklüftet, ist ein Beweis für die politische Inferiorität der heutigen, in den Einzelstaaten herrschenden Generation. Vielleicht wird aber das neue Jahrhundert ein neues Geschlecht und neue Männer ans Ruder bringen, welche sich nicht in erster Linie als Serben, Bulgaren, Griechen, Rumänen u. s. f. fühlen, sondern welche in der Weise der Vorzeit das alte Banner des orthodoxen Glaubens wieder aufrichten. Wenn es möglich wäre, in diesem so siegreichen Zeichen wieder eine Solidarität der christlichen Balkanvölker zustande zu bringen, so wäre das ein Element von welthistorischer Kraft und würde eine glänzende Zukunft für diese so reichbegabten Völker verbürgen. Wenn sich aber die einzelnen Nationen und Natiönchen immer mehr in den unerquicklichen und geradezu selbstmörderischen Bruderfehden festbeissen, dann ist ihr Schicksal besiegelt“.166 Gelzer berücksichtigte in seinem obigen Ruf nach südslawischer Einigung allerdings nur die christlichen Ethnien, die Muslime in Bosnien zum Beispiel ließ er unberücksichtigt.
Wendel war sehr daran gelegen, dass es zu einem Umdenken in der deutschen politischen Öffentlichkeit kam. Bereits vor Ende der Kampfhandlungen 1918 mahnte er, dass „die saubere und glatte Teilung der Balkanvölker in solche, auf die wir ein Maschinengewehr richten müssen, und solche, mit denen wir einen Zwetschgenschnaps drinken dürfen, in gefährlicher Weise zum ungeschichtlichen Denken verführt“.167 Seiner Ansicht nach waren die „Benennungen wie Serben, Bulgaren, Kroaten, Slowenen in der scharfen Ausprägung von heute erst Bildungen des neunzehnten Jahrhunderts.“ Eine Stadt wie Ohrid werde, so Wendel, noch im 17. Jahrhundert mal Serbien, mal Bulgarien und mal Makedonien zugeordnet.168 Die südslawische Einigung war für Wendel ein Prozess, der letztlich unaufhaltsam sei, und der von Deutschland unterstützt werden solle, da auch Deutschland auf dem Weg zur Reichsgründung 1871 eine ähnliche Entwicklung durchgemacht habe: „Solche Bewegung lässt sich hemmen, aber nicht ersticken, und wie die deutsche Nation die ihr von der Geschichte gestellte Aufgabe trotz der Selbstsucht der eigenen Dynastien und trotz der Eifersucht der fremden Mächte bewältigte, dringen Südslawen und Balkanvölker zu ihrem Ziele durch.“169
An dem Einschub über die „Selbstsucht der eigenen Dynastien“ ist indirekt bereits ein weiteres Merkmal von Wendels Südslawophilie erkennbar, nämlich seine Bewunderung für die demokratische Veranlagung der Südslawen, besonders diejenige der Serben: „Für Wendel war es Serbien, wo man die höchsten Anstrengungen für eine demokratische Gestaltung des Lebens unternahm, wo eine zutiefst entwickelte bürgerliche Courage zum Ausdruck kam und man Zeuge eines praktischen Positivismus werden konnte: in jedem Dorf befand sich eine Schule, in jeder Bauernhand eine Zeitung und in jedem Kopf eine ausgeprägte und klare politische Meinung.“170
Damit hob sich Wendel ab von den übrigen Journalisten, Philologen und Schriftstellern im deutschen Sprachraum der frühen 1920er Jahre, die sich mit Jugoslawien befassten, da in deren Texten – so sie überhaupt Serbien und den Serben positiv zugeneigt waren – oft der Serbe als tapferer Soldat im Vordergrund stand, dessen militärisches Heldentum im Ersten Weltkrieg angesichts der erfolgreichen Landesverteidigung gegen die österreich-ungarische Übermacht in der Anfangsphase der Kampfhandlungen 1914, angesichts der Rückeroberung Belgrads nach der kurzzeitigen Einnahme durch die k.u.k. Truppen, angesichts des opferreichen Marsches der serbischen Streitkräfte über Albanien nach Korfu außer Zweifel stand.
Diese Haltung vertrat auch klar der Publizist Friedrich-Wilhelm von Oertzen (1898–1944), der langjährige Freund und Untermieter von Reiswitz in der Carmerstraße 10 in Berlin-Charlottenburg, in seinem Beitrag „Der große Krieg und der südslawische Soldat“ für den von Franz Thierfelder (1896–1963) in Verbindung mit dem Südost-Ausschuss der zwölf Jahre zuvor gegründeten „Deutschen Akademie zur Wissenschaftlichen Erforschung und Pflege des Deutschtums“,171 kurz „Deutsche Akademie“, 1935 herausgegebenen Sammelband „Das Königreich Südslawien“.172 Sein Beitrag schließt mit den Worten: „Der deutsche Soldat hat in seinem serbischen Kriegsgegner einen Kameraden auf der andern Seite kennengelernt, gegen den zu fechten nicht leicht, und gegen den zu siegen deshalb besonders ehrenvoll war, weil ihm hier ein Gegner gegenüberstand, der ganz Hervorragendes auf militärischem Gebiet leistete.“173
Dieser Meinung schloss sich der Slawist Gerhard Gesemann (1888–1948) an, der ebenfalls im Thierfelder’schen Sammelband vertreten war, dessen selbsterklärtes Ziel es war, eine „Quelle sachlicher Unterrichtung über den südslawischen Staat der Gegenwart“ zu sein.174 Gesemann vertrat diese Meinung auch in seinem im selben Jahr erschienenen, dem serbischen Geographen Jovan Cvijić (1865–1927) gewidmeten Kriegstagebuch „Die Flucht“.175 Der in erster Ehe mit einer Serbin176 vermählte Gesemann war zur Zeit der ersten Balkanreise Reiswitz’ gerade ordentlicher Professor an der Deutschen Universität in Prag geworden. Gesemann gilt für die Zeit zwischen den Weltkriegen als der „beste Kenner der serbischen Volksepik, Sprache und Literatur und der bedeutendste Übersetzer serbischen Schrifttums ins Deutsche.“177 Der Serbe war für Gesemann der Idealtyp des tragischen, heroisch-patriarchalischen Menschen. Im Jahre 1928 unterschied er, auf den Balkan bezogen, in einer „Volkscharaktertypologie“ zwischen der balkano-byzantinischen, der italo-romanischen, der mitteleuropäischen, der mohammedanisch-türkischen und der patriarchalischen Zone. Die letztere umschließe Montenegro und Serbien südlich von Save und Donau. Grundlage der patriarchalischen Ordnung sei die Hausgemeinschaft, die Zadruga. Für Gesemann bestand eine „ausschlaggebende Bedeutung der patriarchalischen Volksmassen für die leibliche und geistige Struktur des serbokroatischen Gesamtvolkes“.178
Gesemann hat seine Studie ausdrücklich ausgerichtet an Jovan Cvijić179, der seit 1893 an der Hochschule und späteren Universität Belgrad lehrte. Cvijić sah den Balkan auf geodeterministischer Grundlage als ein humangeographisch zusammenhängendes Gebilde.180 Gesemann zitierte Cvijić ausführlich in seiner „Volkscharaktertypologie“. Bezogen auf die zivilisatorische Überlegenheit des patriarchalischen, also serbischmontenegrinischen, bzw. „dinarischen“ Typs heißt es: „Das sind die fruchtbarsten und expansivsten Stämme, aus denen fast ununterbrochen die Ströme der Siedlungen fließen und die benachbarten Landschaften überschwemmen. Alle sind zur Hauptsache Viehzüchter, Menschen voll Kraft und Stärke, meistens sehr hochgewachsen …: der schönste Schlag auf der Balkanhalbinsel. … Es gibt unter ihnen kaum degenerierte Typen. Noch mehr … verdienen sie Sympathie durch ihre feste, gebirglerische Moral, durch ihre ritterlichen, oft vornehmen Eigenschaften, durch ihr tiefes Empfinden für die Gemeinschaft und durch ihre Aufopferung, die vor den höchsten Opfern nicht zurückschreckt.“181 Gesemann formulierte hier eng angelehnt an Cvijićs 1918 im Pariser Exil erschienene Schrift „La péninsule balkanique. Géographie humaine“.
Wann genau Reiswitz die Péninsule gelesen hat, ist nicht eindeutig, aber nach seiner ersten Balkanreise, am 16. Oktober 1926, erhielt er von Cvijić die schriftliche Erlaubnis, sein Werk ins Deutsche zu übertragen und zu veröffentlichen.182 Daraufhin wandte sich Reiswitz am 20.11.26 an den Oldenbourg-Verlag, sogar an dessen Leiter persönlich: „Sehr geehrter Herr Oldenbourg! Seit 1918 liegt ein Werk des damaligen Rektors der Belgrader Universität, Prof. Jovan Cvijić, vor. … Dieses Buch enthält nach meinem Urteil die tiefgründigste und aufschlussreichste Zusammenfassung und Erklärung der historischen sowei der akuten Balkanprobleme und verdient darum unbedingt übersetzt zu werden. Ich möchte nun an erster Stelle Ihnen den Verlag … anbieten.“ In seiner Wortwahl folgte Reiswitz nahezu wörtlich den Formulierungsvorschlägen, die ihm sein Freund, der Orientalist Hans Heinrich Schaeder (1896–1957) geliefert hatte.183 Nach einer Vorstellung der Person und akademischen Karriere von Cvijić erläuterte Reiswitz dann den Sinngehalt des Werkes: „Das Buch … behandelt zunächst die so verwickelte Geographie der Balkanhalbinsel; entwirrt dann auf dieser im weitesten Sinne geographischen Grundlage das ethnographische Durcheinander der Balkanhalbinsel und gipfelt dann endlich in einer umfassenden sociologischen und psychologischen Charakterologie der vielen, verwirrend vielen Stämme, die auf der Balkanhalbsinsel neben-, durch- und übereinander leben. Das ganze Werk ist von einer bewunderungswürdigen Objektivität, selbst an den für einen Serben empfindlichsten Punkten, geleitet; und es wird gerade hierdurch zum Standartwerk [sic] jeder historischen Forschung im südöstlichen Europa. – Dass die ‚Péninsule Balkanique‘ noch nicht ins Deutsche übersetzt worden ist, ist nur dem Unglücksjahr 1918 zuzuschreiben. Die südslawische Geschichte, – vor allem in ihrer Vermittlerrolle zwischen byzantinischer Zivilisation und westeuropäischer Kultur im Mittelalter; und in ihren sociologischen Rückbildungen der langen Türkenzeit; – dann aber auch in ihren gegenwärtigen Problemen; tritt immer stärker in den Brennpunkt des historischen und auch politischen Interesses. Die eigentliche südslawische Geschichtsschreibung beginnt erst. Und da wird die ‚Péninsule Balkanique‘, die in ihrer Tiefe und Breite eine Fülle von Aufklärungen und Anregungen vermittelt, weit über die zünftige [sic] Wissenschaft hinaus einem lebhaften Interesse begegnen.“
Reiswitz verband hier also klar zwei Aspekte, die Oldenbourg überzeugen sollten. Einerseits biete die Péninsule dem deutschen Leser die Möglichkeit, die Geschichte Südosteuropas besser im wissenschaftlichen Sinne zu verstehen. Andererseits gelte es aber auch für Deutschland, seit dem Ende des Ersten Weltkriegs politisch Verpasstes aufzuholen, um sich wieder intensiver Südosteuropa zuzuwenden. Zudem sah er den Balkan als Brücke zwischen Ost und West an, als Transmissionsriemen zwischen Rom und Bzyanz, dessen Rolle es zu verstehen und zu würdigen gelte.
Reiswitz’ dem Verleger Oldenbourg gegenüber anvertraute Überlegungen waren durchaus auf der Höhe der Zeit. So wies der deutsche Außenminister Gustav Stresemann (1878–1929) am 22.03.26 im Reichstag auf Folgendes hin: „Die zum Teil von anderen Seiten [Österreich] genährte ganz falsche Vorstellung von den Balkanstaaten, die Deutschland in der Vorkriegszeit immer zum Ausdruck brachte, hat viel dazu beigetragen, dass Nationen, die sich ihrerseits heldenmütig geschlagen haben, in diesem Weltkampf auf der anderen Seite gestanden haben.“184 Der jugoslawische Außenminister Momčilo Ninčić (1876–1949) brachte gegenüber dem deutschen Gesandten in Belgrad, Franz Olshausen (1872–1962), daraufhin seine Genugtuung darüber zum Ausdruck, dass Serbien und der Balkan nun endlich in Deutschland mit anderen Augen wahrgenommen würden als vor dem Weltkrieg.185
Reiswitz wies Oldenbourg auch darauf hin, dass Cvijić sein Autorenrecht an der Übersetzung bereits abgetreten habe, doch teile er das „Copyright“ der französischen Ausgabe mit dem Verlag Armand Colin, mit welchem Oldenbourg dann verhandeln müsse. Schließlich stellte Reiswitz noch seinen Arbeitsplan vor, wonach er beabsichtigte, den ersten Teil bis zum 1. Januar 1927 zu übersetzen. Das Gesamtvorhaben könne bis zum 01.07., vielleicht sogar bis zum 01.05.27 abgeschlossen sein. Bescheiden merkte er an, dass er die Bestimmung seines Honorars dem Verlag überlasse. Eine Antwort Oldenbourgs ist im Nachlass nicht überliefert, allerdings geht aus dem Entwurf bzw. der Kopie eines unvollständig überlieferten, undatierten Briefes, den Reiswitz vom Kontext her zu urteilen zu einem Zeitpunkt um Mitte September 1927 herum an den jugoslawischen Gesandten in Berlin richtete, hervor, dass „die Copyright-Verhandlungen zwischen dem französischen Verleger Armand Colin und R. Oldenbourg zu einer Einigung geführt haben.“
Am 16.01.27 verstarb Cvijić in Belgrad, was Reiswitz’ Bemühungen allerdings keinen Abbruch tat. Zum Zeitpunkt seiner ersten Kontaktaufnahme mit Wendel im Februar 1927 hatte Reiswitz bereits tatsächlich, nach eigenen Angaben, die „Roh-Übersetzung“ des ersten Teil des Buches beendet und versuchte nun, Wendel davon zu überzeugen, ihm bei der Suche nach einem Verleger zu helfen: „Wie Ihnen Herr [Aleksandar] Horovic186 nach Ihrem Vortrage im Herrenhause wohl schon sagte, habe ich im November 1926 mit Cvijićs Erlaubnis u. wärmsten Interesse die Übersetzung seiner „Péninsule Balkanique“ begonnen, da ich dieses Werk für ein – wenn nicht für das Standardwerk halte. Heute abend bin ich nun mit der Roh-Übersetzung des ersten Teiles, den ich in diesem Jahre verlegen lassen möchte, fertig geworden. Was wir an Cvijić verloren haben, brauche ich hier nicht zu sagen. Die deutsche Ausgabe von Cvijićs Werk hat durch seinen Tod ihren Schutzpatron verloren, u. die Bitte meines Briefes soll sein, daß Sie hier an Cvijić’s Stelle treten möchten.“
In seiner Antwort auf Reiswitz’ Anfrage vom 14.02.27 drückte Wendel seine Freude darüber aus, dass Cvijić „den Deutschen zugänglich gemacht werden soll“ und bot „Rat und Tat“ an. Bevor er eine Antwort von Wendel erhielt, wurde Reiswitz selbst tätig und sandte am 26.02.27 einen Brief an den französischen Verleger, Armand Colin: „J’ai l’intention de traduire en allemand ‚La Péninsule balkanique‘“. Einen knappen Monat später, am 19.03.27, schlug Wendel dann vor, dass sich Reiswitz an den Verleger der ergänzten serbokroatischen Ausgabe der Péninsule187 wenden solle, um sich die Übersetzungsrechte zu sichern. Am 06.06.27 erkundigte sich Wendel bei Reiswitz nach dem Stand der Dinge in Sachen Übersetzungsrechte und unterstrich die Wichtigkeit von Reiswitz’ Vorhaben: „Was moderne Studien über Slavica [sic] angeht haben uns die Franzosen, die früher mühsam hinterherkeuchten, längst überholt, weil sie den Wert der Sache begriffen haben. Wir sind dichter dran und begreifen nichts.“
Nach dem Tode Cvijićs bemühte sich Reiswitz, neben Wendel auch den Cvijić-Schüler und Nachfolger als Ordinarius für Geographie an der Universität Belgrad, Borivoje Milojević (1885–1967), für sein Vorhaben einzuspannen. Bereits im Februar 1927 hatte er sich deswegen brieflich an den „Leiter des Instituts für Geographie und Geologie an der Universität Belgrad“ gewendet, wobei er seinen Zeilen als Rückendeckung sogar noch „ein beglaubigtes u. begründendes Schreiben des mir seit Jahren bekannten Vertreters der serbischen Studentenschaft an der Universität Berlin, Herrn Aleksandar Horovic“, beigab. Doch war darauf wohl keine Reaktion erfolgt, denn Reiswitz bat Milojević am 13.08.27, unter Hinweis auf sein Vorhaben, mit der Péninsule Übersetzung „in Deutschland weiteren Kreisen als es bisher möglich gewesen ist, das Verständnis für die südslawische Frage zu erleichtern und damit zugleich das Interesse an Südslawien zu steigern“, dass er ihm mitteilen möge, „wer der wissenschaftliche Nachfolger des Herrn Cvijić geworden ist und wer seinen wissenschaftlichen Nachlass188 verwaltet“. Milojević reagierte im für Reiswitz positiven Sinne bereits am 12.09.27 und bot, wie Wendel, „Rat und Tat“ an.
Am 24.08.27 ließ Reiswitz Wendel wissen, dass er die Roh-Übersetzung des zweiten Teiles der Péninsule nun beendet habe.189 Leider hatte der von ihm angesprochene Oldenbourg-Verlag wohl doch noch keinen Kontakt zu dem französischen Verleger aufgenommen. Reiswitz wollte nun einen anderen möglichen deutschen Verleger für Cvijićs Buch suchen, wusste aber nicht recht, an wen er sich wenden sollte. Am 17.10.27 entschuldigte sich Wendel dafür, dass erst an diesem Tag sein Brief an den jugoslawischen Gesandten in Berlin, Živojin Balugdžić (1868–1941), in die Post gegangen sei, in welchem er seine Unterstützung für das Reiswitz’sche Übersetzungsvorhaben zum Ausruck bringe. Kurz darauf, am 28.10.27, schrieb Resiwitz an Wendel, dass dessen „liebenswürdiges Schreiben an den Gesandten“, die „Carrière“ der Péninsule in deutscher Sprache gesichert habe und erwähnt einen Betrag von 100.000 Dinar. In Reiswitz’ undatiertem Briefentwurf an Balugdžić wurde ein Betrag von 6.000 Mark genannt, was in etwa den 100.000 Dinar entsprach. Hier gab Reiswitz auch einen Hinweis auf die Zielleserschaft in Deutschland: Studenten und „gebildete Laien“. Diese könnten das Buch aber nur zu einem moderaten Kaufpreis erwerben, den man nur durch den Druckkostenzuschuss, „bei Hintansetzung sämtlicher persönlicher Ansprüche meinerseits“, von 24 auf 15 Mark drücken könne. Schließlich meldete Reiswitz am 08.12.27, dass Balugdžić sein Gesuch um finanzielle Unterstützung befürwortend in das jugoslawische Außenministerium nach Belgrad weitergeleitet habe. Doch am 09.01.28 war Reiswitz enttäuscht: „Denken Sie, es ist noch immer keine Antwort aus Belgrad da, ob die Serben mir das Geld zur Péninsule-Herausgabe vorschießen!“ Zwei Monate später, am 06.03.28, war für Reiswitz das „Schicksal „seiner“ Péninsule noch immer ungewiß. Er habe zwar den Gesandten „schon oft“ getroffen, dieser habe auch neben dem offiziellen Gesuch noch zwei Privatbriefe an das Außenministerium in Belgrad geschickt, doch trage die „Dauer-Krise“ in Südslawien wohl zur Verzögerung bei.
Zu der erhofften finanziellen Hilfe ist es wohl nie gekommen, da Reiswitz’ Péninsule-Übertragung nie erschien – es haben sich lediglich im Nachlass Übersetzungsfragmente erhalten.190 In der weiteren im Nachlass erhaltenden Korrespondenz mit Wendel tauchte das Thema auch nicht wieder auf. Während des Zweiten Weltkriegs fragte Reiswitz seine Frau, ob sie daran gedacht habe „den Durchschlag von der Cvijić-Uebersetzung“ aus dem bombengefährdeten Berlin in Sicherheit zu bringen.191 Eine Übersetzung ins Deutsche hätte sicherlich ihren Markt gefunden, da Cvijićs Anthropogeographie der Balkanhalbinsel „für die deutsche Balkanforschung eine außerordentliche Wirkungsgeschichte nachzusagen ist“.192
Es steht außer Frage, dass es in den zwei Jahren nach Abschluss seiner Balkanreise – und womöglich auch schon vorher – die Werke von Cvijić und Wendel waren, die den größten Einfluss auf Reiswitz’ Vorstellung des Balkans und der Südslawen hatten. Beiden war sicherlich ihr vehementes Eintreten für die südslawische Einigungsbewegung gemein193 – Cvijićs Ansehen und Wirken war es 1919 zuzuschreiben, dass Jugoslawien in den Grenzen entstand, wie sie bis 1941 bestehen sollten194 und Wendel unterstützte später sogar, trotz seiner sozialdemokratischen Ausrichtung, die autoritären Bestrebungen König Alexanders, eine jugoslawische Identität weiterzuentwickeln.195 Für beide war Serbien das Piemont der südslawischen Einigung. Sehr unterschiedlich aber beurteilten beide den serbischen Nationalcharakter. Für Wendel stand das Demokratische im Vordergrund, für Cvijić und seinen Gefolgsmann Gesemann das Patriarchalisch-Heroische. Reiswitz sollte zukünftig aus beiden Quellen schöpfen.
1.3. Ein ganz persönlicher „Balkanismus“
Doch Reiswitz’ Jugoslawienbegeisterung wurde nicht nur von Wendel, Cvijić und Gesemann entfacht. In seinem ersten Brief an Wendel vom 04.02.27 gestand er offen: „Für mich ist Südslawien etwa das, was für das Deutschland zu Beginn des 19. Jahrh. einmal Italien war, kurz: ich liebe es!“ Diese romantische Zuneigung zieht sich wie ein roter Faden durch seine Korrespondenz. Sieben Jahre später, in einem Schreiben an einen namentlich nicht genannten Legationsrat im Auswärtigen Amt, welcher „kurze Daten“ über Reiswitz angefordert hatte, schrieb dieser, dass er 1924 Südslawien bereiste, „dessen Eindruck auf mich besonders stark war. Ein Vetter von mir, Graf Bethousy [sic], war damals deutscher Konsul in Sarajevo. Durch ihn und die ‚Planinari‘ lernte ich Bosnien und die Hercegovina kennen. Ein längerer Aufenthalt in Dubrovnik schloss sich daran. Damals entstand in mir der Wunsch, mich der Geschichte des Donauraumes und der Balkan-Halbinsel zuzuwenden. Es ist etwas undefinierbares, eine ‚Passion‘ zu haben. Was vor hundert Jahren für Deutsche oft Italien geworden ist, wurde für mich der Balkan und besonders Südslawien. Ich weiß nicht, ob eine nicht-deutsche Mentalität das versteht, dass man an einer fremden Landschaft, deren Bewohnern und deren Geschichte, den eigenen Beruf erst entdecken kann.“
Es ist hervorzuheben, dass Reiswitz seine Balkanbegeisterung durchaus als etwas typisch Deutsches sah. Zehn Jahre nach dieser Äußerung dem Auswärtigen Amt gegenüber wurde seine Gemütshaltung erneut in amtlichem Kontext bemerkt, ohne aber, wie von Reiswitz selbst so gesehen, ausschließlich positiv konnotiert gewesen zu sein. Am 06.05.44, in der letzten Phase der Tätigkeit Reiswitz’ als Kunstschützer in Serbien, verfasste der Reichsgeschäftsführer des SS-Ahnenerbes einen Aktenvermerk über ein Gespräch mit Herbert Scurla, Oberregierungsrat im Reichserziehungsministerium, welches beide am 26.04.44 geführt hatten, und bei welchem es auch um Reiswitz ging. Laut Sievers „bezeichnete Scurla Reiswitz als Romantiker, der 100 Jahre zu spät geboren sei, aber vielleicht könne er sich gerade deshalb so gut im Serbischen Raum bewegen.“196 Damit befände sich Reiswitz durchaus in eine deutsche Tradition eingebettet: „Romanticism bequeathed a fascination with folklore and language, very much at the center of German academic tradition dealing with the Balkans.“197
Reiswitz’ Romantik in Bezug auf Jugoslawien beruhte allerdings nicht allein auf seinen Gefühlen für Land und Leute im Allgemeinen, obwohl im Jahre 1924 die touristischen Reize insbesondere Dalmatiens genügten, um viele ausländische Besucher zu beeindrucken. So heißt es in einer in der Londoner „Times“ veröffentlichten Reisebeschreibung: „The charms of the Dalmatian Riviera are rapidly becoming known to tourists. Rich vegetation, oranges, fascinating old Roman monuments, excellent roads, and, above all, a rate of exchange which opens the up-to-date hotels for a few guineas weekly, combine to draw English, American, Czech and Scandinavian seeking a place in the sun.“198
Dieser „Platz an der Sonne“ barg für Reiswitz allerdings noch einen „Charme“ anderer Art. Nach seiner Ankunft in Dubrovnik am 05.10.1924 lernte er Vida Davidović kennen. Zwischen den beiden entwickelte sich eine Liebesaffäre, die mindestens bis in den April 1926 reichte, aber noch 1941 Nachwehen hatte.
Frl. Fresenius war sich ihrer Rivalin wohl nicht bewusst. Hatte Reiswitz ihr am 16.09. noch geschrieben, dass er „sehr viel“ an sie und die „schon etwas türkischen Nächte in Charlottenburg“ denke, „mit ihrer schon bis fast an die Spitze getriebenen feinen u. feinsten Sexualität und Erotik“ und den Wunsch geäußert, „daß du hier wärst, … mit all deinen Möglichkeiten u. Fertigkeiten, als Frau, Künstlerin und Maitresse in des Wortes bester Bedeutung.“, so ließ er seine bisherige „Maitresse“ über seinen neuen Schwarm vollkommen im Dunkeln. Am 22.10., das heißt zwölf Tage nach der Abreise Vidas aus Dubrovnik, schrieb Reiswitz an Frl. Fresenius: „Die zweite Woche hier in Ragusa war ein großes Erwachen. Jeden Tag machte ich große Spaziergänge; jeden Abend schrieb ich bis spät in die Nacht hinein.“ Was in der ersten Woche geschah verschwieg er. Er fügte dann aber enigmatisch hinzu: „Ich habe gewusst, daß diese Reise eine große Umwälzung, die sich seit Monaten, ja Jahren zuspitzt, zum Ausdruck bringen würde.“ Offen bleibt, was er genau mit dieser „Umwälzung“ meinte. Frl. Fresenius gegenüber bezog er den Wandel lediglich auf das Berufliche: „Im Brennpunkt dieser Umwälzung steht die Diplomatie.“
Doch die „Umwälzung“ berührte sicherlich auch in noch größerem Umfang sein persönliches Leben. Im Nachlass befinden sich 25 handgeschriebene Briefe von Vida an Reiswitz, den Zeitraum vom 15.10.24 bis zum 14.04.26 umfassend. Einigen der Briefe sind Fotos beigelegt, die wahrscheinlich Vida am Strand zusammen mit wechselnden anderen Feriengästen zeigen. Zugleich haben sich neben Tagebuchaufzeichnungen, auf drei Umschläge verteilt, mehrere in deutscher Schrift handgeschriebene Textfragmente von Reiswitz erhalten, welche wahrscheinlich als Briefvorlagen dienten, da sich Vida in einigen ihrer Briefe auf Passagen aus den Fragmenten bezog. Den Briefen ist zu entnehmen, dass ihre Familie ursprünglich aus der Herzegowina stammte, sie aber seit vier Monaten in Veliki Bečkerek, heute Zrenjanin, wohnte und auf einem Amt arbeitete. Das Ehepaar, welches das Hotel Odak betrieb, in dem auch zunächst Reiswitz in Dubrovnik wohnte, war ihr seit vier Jahren bekannt. Ihr Alter ist nicht klar ersichtlich, sie erwähnte aber, dass sie Waise sei und ältere Schwestern habe, die ihr nur wenige Freiheiten erlauben würden. Von den Fotos her zu urteilen war sie wahrscheinlich Anfang zwanzig Jahre alt.
Sehr aussagekräftig in Bezug auf das Liebesverhältnis von Vida und Reiswitz sind die losen Blätter, die sich im Nachlass in Umschlag 2 befinden. Es handelt sich zunächst um eine kurze Notiz, an Vida gerichtet: „Ich lege Dir diese Zeilen zu Füßen. Sie sagen das Letzte und Feinste, was ich Dir sagen konnte; mehr als viele Briefe. Wie wirst Du antworten? Wie Gott will! Ich weiß nicht [sic] !“ Neben der Notiz befinden sich fünf, mit Bleistift doppelseitig beschriebene Blätter im Umschlag, zwei davon nach seinen Angaben eine Abschrift aus Reiswitz’ Tagebuch vom 10.10.24, die drei übrigen ein Briefentwurf, vom 10.10. bzw. 11.10. datierend.
Aus diesen Seiten geht hervor, dass Reiswitz Vida unmittelbar nach seiner Ankunft in Dubrovnik am 05.10.24 getroffen haben muss, da er einer Stelle von den „drei Abenden“ sprach, die sie gemeinsam an einer bestimmten Stelle der „Chaussée“ standen. Vidas Abreise aus Dubrovnik erfolgte früh am Morgen. Reiswitz hatte seine Hotelzimmertüre am Abend zuvor nur angelehnt, doch bis vier Uhr morgens war sie nicht in sein Zimmer gekommen. Um 4 Uhr in der Frühe verschloss er dann die Türe. Er stellt sich dann Vidas Zugfahrt vor, Richtung Jablanica: „Es ist jetzt genau 9h. Weißt Du noch, dass wir uns auf diese Zeit in Gedanken verabredet haben?“ Er erinnerte sich dann daran, wie nach und nach Vidas „Eis-Panzer“ schmolz, „bis dass die Eisschicht Risse bekam u. endlich am letzten Tage zersprang.“ Der „letzte Tag“ war offensichtlich Donnerstag, 09.10.24. Beide, Reiswitz wie Vida, wiesen in den nächsten Monaten immer wieder auf „Donnerstag“ als den Dreh- und Angeltag ihrer Liaison hin. Reiswitz fuhr fort: „Das war der Augenblick, als Du mich hinter der Kirche von Giacomo [Crkva Svetog Jakova] mit dem befreiten ‚Ja‘ umschlangst. – Und so wurde dieser Tag, u. dieser Nachmittag, u. dieser Abend auf Lacrome möglich.“
Die gemeinsam verbrachte Zeit auf Lokrum hatte nicht nur für Reiswitz eine zentrale Bedeutung. In ihrem ersten Brief an Reiswitz, fünf Tage nach ihrer Abfahrt aus Dubrovnik, schrieb sie: „Grüße mir Lakroma – den schönen Sonnenuntergang – nein, ich will nicht davon sprechen, ich möchte häulen [sic], wenn ich an die Möglichkeit denke, daß alles vielleicht nur ein Traum war, der nimmer wiederkommt.“
Die Liebesbeziehung zu dem deutschen Adeligen muss in der Tat Vida wie ein Traum erschienen sein, umso mehr, wenn man bedenkt, wie wenig Zeit zum gegenseitigen Kennenlernen die beiden hatten. In einer Notiz in Umschlag 3 sprach Reiswitz von vier Tagen, die sie zusammen hatten. Sie wohnten wohl die ganze Zeit über in getrennten Zimmern im Hotel Odak, obwohl Reiswitz in einer Notiz aus Umschlag 3 vermerkte: „Ich ließ mir den Wirt kommen, gab ihm meine Karte u. frug, ob ich jeder Zeit bei vorheriger Anmeldung zwei Einzelzimmer mit gemeinsamen Balkon auf das Meer hinaus haben könnte. Er bejahte sofort!!!“199 Bezeichnend ist auch, dass Reiswitz im Briefentwurf vom 11.10. Vida darauf hinwies: „Sprich ‚Du‘ zu mir, wenigstens im Brief.“ Nicht nur die Frage der Anrede, sondern auch der Klassenunterschied an sich, war ein Hindernis: „Du stösst Dich noch sehr an dem ‚Baron‘. … Glaube mir, Liebes, Du brauchst Dich, weiss Gott, nicht daran zu stossen; Du hast soviel Rasse, wie 10 westeuropäische Aristokratinnen zusammen.“
Vida sagte über sich selbst in einem Brief an Reiswitz vom 18.01.25, dass sie „mit Herz und Seele Kommunist“ sei. Dennoch, von Reiswitz dazu aufgefordert, zog es Vida vor, sich nicht zu politischen Fragen zu äußern. In ihrem Brief vom 18.01.1925 gab sie allerdings an, nicht, wie von Reiswitz vermutet, mit dem Politiker Ljubomir Davidović (1863–1940) verwandt zu sein, welcher als führender Vertreter der liberalen und pro-jugoslawisch ausgerichteten Demokratischen Partei zu einer Zusammenarbeit mit der kroatischen Bauernpartei unter Stjepan Radić (1871–1928) bereit war. Aus ihren Ausführungen wird deutlich, dass sie sowohl Davidović als auch Radić ablehnend gegenüberstand. So überrascht es nicht, dass sie sich im Brief vom 24.02.25 als „tolle Serbin“ bezeichnete. Nur an einer Stelle ging Vida von sich aus auf politisches Geschehen ein – allerdings in Deutschland. Am 04.03.25 legte sie ihrem Brief separat eine kleine Notiz bei: „Sage mal Lieber, ist der Tod [Friedrich] Eberts für Deutschland tatsächlich ein so großer Verlust, wie das unsere Zeitungen betonen?“
Reiswitz Antwort darauf ist nicht überliefert, doch war er zur Zeit der Novemberrevolution in Berlin durchaus kein Gegner Eberts gewesen. Aber in seinem Briefentwurf an Vida vom 02.08.25200 präsentierte er sich kurioserweise als Anhänger von Nikola Pašić (1845–1926), des wohl international bekanntesten serbischen Politikers jener Zeit. Pašić war mehrere Male sowohl vor dem Ersten Weltkrieg serbischer als auch danach jugoslawischer Regierungschef gewesen und führte die nationalistische „Radikale Partei“. Zunächst schrieb Reiswitz, dass er „in letzter Zeit sehr viel mit den Serben zusammen war, die hier [in Berlin] studieren. Alex. Horovic, mein serbischer Lehrer u. Freund, ein Student der Chemie aus Belgrad, (Buchdruckerei) der jetzt hier in Berlin seinen chemischen Doktor macht, ist der Vertreter für alle hiesigen serbischen Studierenden vor den deutschen Behörden. So lerne ich durch ihn viele junge Serben kennen. Er ist Pašić-Anhänger, aber gerade darum wohl vertragen wir beide uns so gut, da ich ja auch Radikal bin!“
In diesem Auszug manifestiert sich nicht nur weiter Reiswitz’ nunmehr aufgenommenes Studium des Serbischen, sondern auch der Beginn einer gewissen Netzwerkbildung.201 Die Freundschaft zu und der Austausch mit Horovic, der bereits schon das Bindeglied zwischen Cvijić und Reiswitz dargestellt hatte, sollte sich bis in die späten dreißiger Jahre hinein fortsetzen. Dass er sich selbst als „Radikal“ bezeichnete, ist Indiz dafür, dass seine Jugoslawienzuneigung einen stark pro-serbischen Zug hatte.
Während Vida also wenig Interesse an Politik an den Tag legte, war sie andererseits durchaus daran interessiert, ihr Deutsch zu verbessern und dankbar für Literaturempfehlungen. So hat ihr Reiswitz offensichtlich George Bernard Shaws (1856–1950) „Heilige Johanna“ empfohlen, wie ihrem Brief vom 04.03.25 zu entnehmen ist. Sie bedauerte, dass „die jugoslawischen Bibliotheken“ leider „die besten deutschen Sachen“ nicht in ihrem Bestand führten.
Aus Vidas Briefen geht nicht hervor, wie sie selbst sich die deutsche Sprache aneignete. Sie schrieb durchweg verständlich, ihre Handschrift ist sehr leserlich, an heutigen Kriterien (Europäischer Referenzrahmen) gemessen bewegt sich sich in ihren Briefen sicherlich auf hohem B2-Niveau.
Reiswitz’ aufkeimendes Interesse an Serbien und Jugoslawien ist nicht nur daran erkennbar, dass er seine neue Freundin zu politischen Stellungnahmen bewegen wollte, welche ihr unangenehm waren. Vida erwähnte sowohl am 23.10.24, also bereits nur wenige Tage nachdem sie ihn in Dubrovnik kennengelernt hatte, und am 04.03.25 seinen ihr gegenüber geäußerten Wunsch, baldmöglichst einen Brief auf Serbisch an sie zu richten. Am 02.05.25 bezog sie sich sogar auf einen „kleinen Vers“ in serbischer Sprache, den er ihr geschickt habe.
Sie selbst war eine stolze Serbin, allerdings hatte sie keine hohe Meinung von den Bewohnern der Hauptstadt Belgrad. In ihrem Brief vom 30.01.25 legte sie dar, dass ihre Landsleute alle früher „Schweinehändler“ gewesen und jetzt die Belgrader Serben „eingebildete Hochstapler“ seien. Sie fügte hinzu, dass in Belgrad mit wenigen Ausnahmen fast jeder an „Größenwahn“ leide. Reiswitz teilte ihre Kritik an der vermeintlichen Mentalitätsverschiebung vieler ihrer Landsleute offenbar nicht, da sie am 18.01.25 schrieb: „Du bist ja gegen Jugoslawien ganz gut aufgelegt, es gefällt Dir hier recht gut.“
Aus Vidas Brief vom 18.01.25 geht auch hervor, dass Reiswitz in einem Brief an sie vom 01.01.25 erwähnte, dass er einen Posten in Belgrad anstrebte.202 Dies deutet darauf hin, dass sein im Brief an Fräulein Fresenius vom 06.09.24 geäußerter Wunsch nach einer diplomatischen Tätigkeit keine Eintagsfliege war. Er schien nun ganz konkret Belgrad ins Auge gefasst zu haben für eine diplomatische Aufgabe. Vida war davon nicht begeistert: „Ich glaube aber, du wärest mit dem Leben in Belgrad gar nicht zufrieden, man lebt hier doch ganz anders als bei euch – überhaupt in Belgrad! Sogar ich – als Serbin, fühle mich in Belgrad ganz schlecht. Ich finde das leben [sic] dort irgendwie unnatürlich – ungesund – fieberig -–unsympathisch.“ Offenbar hatte Reiswitz sogar konkrete Pläne, im Juni 1925 Belgrad einen Besuch abzustatten, worauf Vida am 18.01.25 kurz einging.
Auch am 26.03.25 thematisierte sie die mögliche Beschäftigung Reiswitz’ in Belgrad und sein Bemühen, nun Serbisch zu lernen. Nachdem sie auf seine Begründung für seine nur unregelmäßig bei ihr eintreffenden Briefe einging, eine Nachlässigkeit die er mit hohem Arbeitsaufwand entschuldigte, bezog sie sich erneut auf seine Bemühungen, eine Stellung in Belgrad zu bekommen und äußerte Verständnis, da „die viele Arbeit, die Du hast, von so großer Wichtigkeit ist, da Du vor einer Entscheidung stehst, von der vielleicht deine Existenz abhingt [sic].“
Den Briefen von Vida ist aber schon bald ihre wachsende Unzufriedenheit darüber zu entnehmen, dass Reiswitz ihr nicht so häufig schrieb wie sie ihm. Auf der anderen Seite nahm auch die Frequenz ihrer Briefe an ihn zur Jahresmitte 1925 hin ab. Sein angedeuteter Besuch in Belgrad im Juni 1925 kam nicht zustande, allerdings ergab sich im Laufe dieses Jahres dennoch ein Wiedersehen. Am 30.07.25 tauchte bei Vida die Möglichkeit eines gemeinsamen Treffens in Paris auf. Tatsächlich verbrachten die beiden einige Tage im Frühherbst jenes Jahres in der französischen Hauptstadt, eingebucht im Hotel de Familles, 14 rue Gay Lussac. In einer undatierten Aufzeichnung erwähnte Reiswitz „vier Tage: ein Donnerstag, Freitag, Sonnabend u. ein Sonntag. … Und sie schließen ab mit einem Sonntag-Nachmittag im Jardin de Luxembourg mit dir“.203 Reiswitz musste früher abreisen – die Ursache ist nicht klar ersichtlich. Es scheint jedoch so, als ob der Parisaufenthalt die Beziehung der beiden nicht festigen konnte. In derselben Aufzeichnung vermerkte Reiswitz kryptisch: „Das große Ganze unserer Pariser Tage rundet sich klarer u. klarer als Erlebnis ab. – Das erste Gefühl war Schmerz u. Schrei u. Liebe u. dies alles war namenlos.“
Vida meldete sich in folgenden sechs Monaten nur noch ein halbes Dutzend Mal bei Reiswitz. In ihrem letzten überlieferten Brief vom 14.04.26 ist zweifelsfrei erkennbar, wer das Interesse verloren hatte: „Muss ich mich wirklich mit dieser Tatsache versöhnen, dass Du mich vollständig vergessen hast?“ Doch gänzlich in Vergessenheit geriet Vida nicht. In einem von Reiswitz in Maschinenschrift verfassten und mit Bleistift auf den 18.08.1929 datierten Schriftstück mit der Überschrift „Testament“ heißt es, dass „das Tagebuch von den ersten Oktobertagen 1924 aus Ragusa und meine in einer Kiste zusammengepackten Briefe an Vida Davidović, Veliko [sic] Bečkerek, Cara Dušana 17, mit der kurzen Mitteilung von meinem Tode“ zu schicken seien. Die etwas missverständliche Formulierung „meine Briefe“ ist so zu verstehen, dass es sich um ihre Briefe an ihn handelte, da diese zusammen mit den Tagebuchfragmenten im Nachlass aufgefunden wurden. Im Testament ist zwar von Vidas Briefen und seinem Tagebuch die Rede, aber nicht von Vidas Abschiedsgeschenk an ihn, welches sie ihm zum Abschied in Dubrovnik überreichte: eine bernsteinerne Zigarettenspitze. Er wiederum schickte ihr kurz darauf sein Zigarettenetui nach Bečkerek, dessen Verbleib ebenso unbekannt ist wie das weitere Leben von Vida Davidović. Sie war nicht die Eigentümerin des Hauses in der Cara-Dušana-Straße, sodass sie nicht im Kataster verzeichnet ist. Reiswitz hat es – so zumindest den vorliegenden Quellen gemäß – auch nicht versucht, während seiner späteren Reisen nach Jugoslawien, also 1928, 1929, 1931, 1932 oder 1937 Kontakt zu ihr aufzunehmen. Es hat allerdings den Anschein, dass Reiswitz Vida während des Zweiten Weltkriegs mehrfach in Bečkerek und Wien traf, an in mehreren Notizen in diesem Zusammenhang von einer „Vida“ die Rede ist.
Nachdem Vida am 10.10.24 Dubrovnik verlassen hatte, blieb Reiswitz noch bis November in der Stadt, bevor er seine Rückreise nach Deutschland über Italien und die Schweiz antrat.
Am 13.10. lernte er den im selben Jahr neu berufenen deutschen Gesandten in Belgrad, Franz Olshausen, kennen, der mit Frau, Sohn und Tochter in Dubrovnik weilte, und den er auch an den beiden Folgetagen wieder aufsuchte. Vermutlich haben die Unterredungen mit Olshausen Reiswitz’ Wunsch weiter bestärkt, eine diplomatische Karriere zu beginnen. Am 19.10. machte er eine Aufstellung im Tagebuch beginnend mit dem Jahr 1922, welches er mit dem Eintrag „Dr. phil.“ markierte. Bei 1925 steht „Habilitations-Schrift. Attachée [sic]“, bei 1929 „Dr. jur. et rer. Pol. Vizekonsul“ und bei 1932 „Konsul“. An jenem Tag hatte er wieder eine Zusammenkunft mit Olshausen. Reiswitz stand noch ganz unter dem Eindruck seiner Begegnung mit Vida. Olshausen, sei ein „sehr angenehmer Mensch“, habe aber „wenig Sinn“ für die „Romantik“, die in den „kleinen Gäßchen und Gassen“ lag. Am 22.10. schließlich verabschiedete sich Reiswitz von Olshausen, der ihm mitteilte: „Lassen Sie es mich wissen, falls Sie Schwierigkeiten betreffs Ihrer Annahme haben sollten.“ 204 Der spezifische Charakter dieses Hilfsangebots lässt sich aus dem Kontext nicht eindeutig ablesen.
Aus einem Brief an Frl. Fresenius vom 01.11.24 geht hervor, dass er noch eine Autotour nach Boche di Cattaro [Kotor]205, Lovcen und Cetinje in Begleitung des „Schokoladen Hildebrandt206 mit Frau“ zusammen mit einem weiteren Ehepaar unternahm. Die Bucht von Kotor erschien Reiswitz wie „norwegische Fjorde in der Adria“. Auf dem Weg nach Cetinje standen „alle 1000 Meter Doppelposten der Montenegriner; so eine Banditen-Gefahr ist dort!“. Am 06.11. reiste er per Schiff an Lissa und Korčula vorbei über Split nach Triest, war dann vom 07.–10.11. in Venedig, um von dort über Padua und Bologna nach Florenz weiterzufahren. Vor seiner Ankunft in Berlin am Anfang Dezember 1924 hielt er sich in der angemieteten Familienvilla am Luganer See in der Schweiz auf.
Dass sein erster Aufenthalt in Jugoslawien eine Bruchstelle in seinem persönlichen und beruflich-wissenschaftlichen Leben markierte, deutete sich bereits in einer Tagebucheintragung vom 01.12.24 an: „Irgendwo war das zweite Leben abgerissen u. hatte ein drittes begonnen.“ Dies wird er auch Vida mitgeteilt haben, was aus einem kurzen Hinweis in ihrem Brief vom 03.12.24 hervorgeht: „Du sagst … ‚Diese große Reise steht an der Wende zu meinem dritten Leben.‘“
Die Wichtigkeit des Jahres 1924 für die Ausrichtung seines Lebens Richtung Südosten wird zusätzlich dadurch unterstrichen, dass er zwei Tage nach seiner Ankunft als Kunstschützer in Belgrad, am 05.07.41, an seine langjährige Freundin Elisabeth Maria Domenica Heckelmann (1905–1959)207 von der „endlich gegebenen Möglichkeit“ schrieb, „das durchzusetzen und zu tun, was ich seit … 17 [1924] Jahren will.“ Bereits am 08.12.24 sprach er im Auswärtigen Amt vor, ebenso am 11. und 15.12., als man ihm dort mitteilte, er solle im Februar „drei Lebensläufe“ einreichen.208
Es ist sicherlich nachvollziehbar, dass sich Reiswitz nach dem Abschluss seiner Promotion und seiner wissenschaftlichen Hinwendung weg von der Philosophie und hin zur Geschichte und Kultur in ein dauerhaftes Beschäftigungsverhältnis begeben wollte, welches ihm ein unabhängiges Einkommen sichern würde. Die Kontakte zu Richthofen, Erdmannsdorff und Olshausen vor und während der Jugoslawienreise konnten ihn sicherlich darin bestärken, dass das Auswärtige Amt der geeignete Arbeitgeber war. Die für eine diplomatische Karriere notwendigen Kenntisse des Englischen und Französischen begann er sich unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Berlin im Dezember 1924 anzueignen. Auch seine bereits in Sarajevo begonnenen Serbokroatisch-Studien setzte er fort, doch hatte seine Bewerbung beim Auswärtigen Amt nicht den erhoffen Erfolg. So arbeitete er von Januar bis Juni 1925 als „wissenschaftlicher Hilfsarbeiter“ bei der Berliner Industrie- und Handelskammer, „Monate, denen ich ganz besonders wichtige Eindrücke und Anregungen verdanke.“209 Seinem Zeugnis zufolge nahm er an diversen Sitzungen teil und wurde zu den Arbeiten der „volkswirtschaftlichen und juristischen Syndici“ herangezogen. Er ließ „Fleiß und Eifer“ erkennen. Insbesondere widmete er sich Fragen des Außenhandels und der Zollpolitik.210
Seinen Tagebuchaufzeichnungen und Briefen an Frl. Fresenius zufolge war Reiswitz zudem wohl auch von einer Spielart des Balkanismus gepackt. Anders als der Orientalismus „imaginierte der ‚Balkanismus‘ das Objekt seiner Fantasie nicht als absoluten Gegensatz zum europäischen Selbst, sondern aufgrund seiner überwiegend christlichen Prägung eher als eine Übergangszone von West nach Ost.“211 Diese „Übergangszone“ erschloss sich für Reiswitz sehr deutlich in Sarajevo, wo er Orient und Okzident beim täglichen Miteinander erlebte. Wenn er mittwochs über den türkischen Markt schlenderte, oder die mit einem Serben verheiratete kroatische Bildhauerin Iva Despić in ihrem Atelier vor den Toren der Stadt besuchte, oder den in Tracht gewandeten Dorfschulzen aus Taorina bestaunte. Der Karst wirkte auf ihn durchaus wie eine „heroische Landschaft“212 in seiner Unwirtlichkeit. Ähnlich wie der von ihm rezipierte Lermontov in seinem Gedicht „Dämon“ bezogen auf Georgien empfand auch Reiswitz bei seinen Wanderungen und Fahrradtouren die Natur Bosniens als hochromantisch: „Ein Ländchen paradiesisch schön / Ruinen auf den wald’gen Höh’n.“213 Er könnte sich selbst als der rastlose Dämon zu Beginn des Versepos gesehen haben: „Im wüsten Raum irrt lange Zeit / Er ohne Ziel und Zufluchtstätte“.214 Seine eigene Zuflucht war für Reiswitz die immer wieder als „rassig“ beschriebene Vida Davidović. In seiner Tagebucheintragung vom 07.10., am zweiten Tag ihrer Bekanntschaft, warf er, bezogen auf die große Anziehungskraft, die Vida auf ihn ausübte, die Frage auf: „Sollte dies der Ausdruck der Synthesis zweier Kulturexponenten sein. Dass rassigste letzte abendländische Kultur und rassigste letzte slawische Kultur, so starke Affinität zu einander zeigen, dass sie ineinander übergehen mit solcher Gewißheit?“215 Man könnte sich die Frage stellen, ob Reiswitz hier die Verschmelzung des Germanisch-Abendländischen mit dem Slawisch-Balkanischen anregte, um im Spenglerschen Sinne den Untergang des Abendlandes zu verhindern. Jedenfalls beflügelten ihn die Ereignisse der Jugoslawienreise und nachdem er in der Silvesternacht 1924/25 von einer Feier in Berlin zurückgekehrt war, schloss er sein Tagebuch für dieses Jahr mit den Worten: „Es war ein guter Abschluss eines guten Jahres.“216
Im Sommer 1925 reiste er nach Großbritannien, um seine Englischkenntnisse weiter zu verbessern. Im August und September wohnte er privat untergebracht in Oxford. Dort lernte er die gleichaltrige Lehrerin und Amateur-Schauspielerin217 Dorothy Jeannie Doe (1899–1967), vom ihm Jeanne genannt, kennen. Es entwickelte sich auch hier eine Liebesaffäre, die sich parallel entspann zu seinem Briefwechsel mit Vida Davidović. Belegt ist diese durch den im Nachlass überlieferten, in englischer Sprache verfassten Briefverkehr zwischen Jeanne und Reiswitz, welcher bis in den Dezember 1925 reicht. Am 11.11.25 schrieb Jeanne kokett: „Today is Armistice Day! Do I observe it? I smiled today in school when our sweet [ironisch gemeint] headmistress proceeded to explain to the children the significance of the day and enlarged upon the Germans as our enemy! I pictured her consternation has she realised my feelings for those people.“218 Während die Beziehung zu Vida offensichtlich auf Seitens Reiswitz’ erkaltete, bis dass er schließlich im ersten Quartal 1926 gar nicht mehr auf ihre Briefe reagierte, so war es in diesem Fall Jeanne, welche sich ihm nach und nach entfremdete. Sie erwähnte schließlich am 12.12.25, dass sie sich regelmäßig mit einem anderen Mann namens Harry treffe, tröstete Reiswitz aber: „I shall always remember you, your dear happy face and laughing eyes that I have kissed.“219 Für das letzte Quartal des Jahres 1926 ist tatsächlich die Eheschließung Jeannes mit einem Harry Collier belegt.
Reiswitz’ Briefe geben einen guten Hinweis auf den Stand seiner damaligen Englischkenntnisse, welche nach heutigen Maßstäben wohl mit B2 beurteilt werden können. Er bat Jeanne immer wieder, seine Fehler zu korrigieren und die Korrekturen ihm zu übersenden. Jeanne kam dieser Bitte oft auch nach. Da zeitgleich die Beziehung zu Vida Davidović bestand, ist vielleicht nicht ganz von der Hand zu weisen, dass Reiswitz’ Korrespondenz mit Jeanne Doe nicht ohne eigennützige Hintergedanken war.
In Oxford lernte Reiswitz noch eine weitere junge Dame kennen, über die nur wenig bekannt ist. Ihr Name ist Helen Yee bzw. Yii. Dass sie ebenfalls eine romantische Beziehung zu Reiswitz unterhielt, geht daraus hervor, dass sie ihn bat, ihre Briefe an ihn zu verbrennen: „I have decided that we should never [dreimal unterstrichen] meet again. I am not staying at Paris at all. It is dangerous and it will mean a lot of harm to both of us.“220 Es war aber dennoch Helen Yee, welche Reiswitz das Hotel de Familles in Paris empfahl, welches er im Oktober 1925 mit Vida Davidović belegte.221
In Paris hielt sich Reiswitz im September und Oktober 1925 auf, ebenfalls, um seine Sprachkenntnisse zu erweitern. Seiner „landlady“ diente er dabei gelegentlich als kulturdiplomatischer Vermittler: „It is very comical how many times I am asked to arrange German-English-French differences and difficulties. There was yesterday an [sic] German who ‚has taken a lady with up stairs’; ‚certainly a German old-officer’; she was so excited (my landlady). She has asked me to arrange; and to tell the ‚German’ that it is not allowed in her house to bringe strange ‚ladies’ from the street. I have spoken to the ‚German’ but – the German was nothing less than a German but an Austrian-Jew, a dreadful durty [sic] Austrian Jew. I was so glad to percieve [sic] it and after I have said to my landlady: that never a German would do ‚such things’. Now she loves me.“222 Ganz aufrichtig war Reiswitz hier wohl nicht gegenüber Jeanne Doe, da er selbst ja ebenfalls eine Dame „upstairs“ brachte – Vida Davidović.
Im Jahre 1925, als Reiswitz sowohl zu Vida Davidović, Jeanne Doe, Helen Yee, Paula Fresenius und Sabine Lepisus romantische Beziehungen unterhielt, lernte er auch seine Ehefrau kennen. Erna Bocks (1906–1988) war die Tochter des Fabrikanten Rudolf Bocks (1875–1942), der in München-Pasing wohnte und die „Peco-Schweißmaschinenfabrik“ betrieb.223 Ihre Mutter, Ella Leitz (1876–1965), war die Tochter des Gründers der Wetzlarer Leitz-Werke. 224 Die Hochzeit von Johann Albrecht von Reiswitz und Erna Bocks fand am 28.08.1926 statt. Die anschließende Hochzeitsreise führte die beiden in die Schweiz. Am 08.09.26 begann Reiswitz nach längerer Pause wieder mit der Tagebuchführung, im Schlafzimmer der Ferienvilla in Vico Morcote am offenen Fenster sitzend, zum Luganer See hinausschauend: „Ja, ich bin also verheiratet. Und meine Frau heißt Erna, geb. Bocks-Leitz. Eben wacht das Böckschen auf und macht große, runde, schwarze Pechschusterkugelaugen.“225 Am 12.09.26 war er wieder in Berlin.
Das Interesse von Reiswitz am Balkan war von Beginn an sowohl ein wissenschaftliches, als auch ein sehr persönliches. Zentral war dabei seine Liebesbeziehung zu Vida Davidović. Nachdem Reiswitz sie in Dubrovnik kennengelernt hatte, arbeitete er zielstrebig, aber letzten Endes erfolglos daran, Diplomat zu werden, wobei im Vorbereitungsprozess die Erweiterung seiner Sprachkenntnisse im Vordergrund standen. Wenn also nicht über das Auswärtige Amt – wie sonst konnte er seine berufliche Zukunft auf den Balkan abstellen?
2. Auf dem Weg in die Südosteuropaforschung
2.1. Der Autodidakt
Reiswitz’ Angaben im Briefentwurf an den Historiker und Russlandexperten Otto Hoetzsch (1876–1946) vom 10.01.34 zufolge, welcher zu diesem Zeitpunkt als außerordentlicher Professor für Osteuropäische Geschichte in Berlin lehrte, begann zwei Jahre nach seiner ersten Jugoslawienreise sein vornehmlich autodidaktisch betriebenes Zweitstudium: „Oktober 1926 bis März 1928 erarbeitete ich mir die wissenschaftlichen Grundlagen meines Studiums der Geschichte des so widerspruchsvollen Donauraumes und der Balkan-Halbinsel“. Der Anlass für Reiswitz’ Schreiben an Hoetzsch stand wohl im Zusammenhang mit dem Abschluss seiner Habilitationsschrift über die preußisch-serbischen Beziehungen 1867 bis 1871, für die er am 16.07.34 einen Druckkostenzuschuss von der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, der Vorgängerorganisation der Deutschen Forschungsgemeinschaft, beantragen sollte.226 Der zuständige Fachausschussvorsitzende der Notgemeinschaft, Professor Albert Brackmann (1871–1952)227 hatte Hoetzsch gebeten, ein Gutachten im Zusammenhang mit Reiswitz’ Antrag anzufertigen. Hoetzschs Antwortschreiben auf diese Bitte hin bestätigte Reiswitz’ autodidaktische Vorgehensweise: „Herr v. Reiswitz hat … jahrelang diese Arbeit durchgeführt, die er aus eigener Initiative begonnen und angelegt hatte. Da er mein Seminar besucht hatte, kannte er mich und hat mich in gelegentlichen Besuchen über die Arbeit und ihren Fortgang orientiert, ohne dass damit ein Verhältnis wie zwischen Lehrer und Schüler vorhanden gewesen wäre.“228 Wahrscheinlich war es für Reiswitz nicht nachteilig, dass Hoetzsch ihn nicht als seinen Schüler ansah, da es nach der Zwangsemeritierung von Hoetzsch am 14.05.35 „für die Schüler und Mitarbeiter in seinem Umkreis keine Arbeits-, bald auch keine Lebensmöglichkeit mehr gab“229. Hoetzschs Zwangsemeritierung erfolgte nach § 5 des sogenannten Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, wonach „zur Vereinfachung der Verwaltung Beamte in den Ruhestand versetzt werden können.“230 Die neuen Machthaber warfen ihm vor, dass er dem „deutschen Salonbolschewismus, Kulturbolschewismus und Nationalbolschewismus … Tür und Tor geöffnet“231 habe. Ganz abgebrochen hat Reiswitz den Kontakt zu Hoetzsch in der Folgezeit nicht. Noch am 03.04.41 besuchte er Hoetzsch in Berlin und schrieb darüber am selben Tag, dass Hoetzsch nicht an „den Russlandkrieg glaubt, von dem hier jeder kleinste Mann etwas wissen will. Hoffentlich hat er Recht.“232 Hier irrte Hoetzsch. Am 22.06.1941 griff Hitler die Sowjetunion an.
Welche „wissenschaftlichen Grundlagen“ aber eignete sich Reiswitz an? Seiner Monatsübersicht zufolge verbrachte Reiswitz gut die Hälfte die Zeit seines Selbststudiums in Berlin, fünf Monate in Lugano, zwei in München und den Rest der Zeit in St. Anton, Genua und im Engadin. Einen hilfreichen Einblick in diese achtzehn Monate gewährt die Korrespondenz Reiswitz’ mit Hermann Wendel aus dem Nachlass, welche 21 Briefe umfasst, zehn von Reiswitz an Wendel und 11 in umgekehrter Richtung. Sie umfasst den Zeitraum vom 04.02.27 bis zum 22.03.1930. Am 24.08.27 bedankte sich Reiswitz für „Ihren Dragutin Dimitrijewitsch“, der ihn „sehr interessiert“ habe. Mit „Dragutin Dimitrijevitsch“ ist Apis gemeint, der umstrittene serbische Offizier, welcher mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers, des Erzherzogs Franz Ferdinand, am 18.06.14 in Sarajevo in Verbindung gebracht wird. Es ist allerdings nicht klar, welchen Text genau Reiswitz hier meinte, da Wendel bis zu diesem Zeitpunkt mehrere Bücher veröffentlicht hatte, die diese Thematik berührten. Es könnte sich um „Das Attentat von Sarajevo. Eine historisch-kritische Untersuchung von Hermann Wendel“, erschienen 1925, handeln oder aber auch um „Die Habsburger und die Südslawenfrage“ aus dem Jahre 1924. Die letztere Schrift ist das Sachverständigengutachten Wendels, das er am 11. und 12.05.1923 vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss des deutschen Reichstages zur Erforschung der Kriegsursachen ablieferte. Das nur knapp 130 Seiten umfassende Buch erschien im Verlag von Geza Kohn [Geca Kon] in Belgrad und Leipzig. Das ein Jahr später erschienene Werk über das Sarajevo-Attentat ist nur 21 Seiten stark und stellt einen Sonderabdruck von vier Artikeln Wendels in der in Leipzig erscheinenden sozialdemokratischen Tageszeitung „Volkstimme“ dar.233
Als dritte Möglichkeit bietet sich noch an, dass mit dem „Dragutin Dimitrijewitsch“ Wendels 66-seitige Übersetzung des Bändchens „Die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand: ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte des Weltkriegs“ des serbischen Historikers Stanoje Stanojević (1874–1937) gemeint war, welches 1923 in Frankfurt erschienen war.234 Das Interesse an Apis sollte während Reiswitz’ Kunstschutzzeit in Belgrad wieder virulent werden, als deutscherseits alles daran gesetzt wurde, die Akten des sogenanntenn Saloniki-Prozesses aufzuspüren und auszuwerten, in welchem Apis 1917 durch ein serbisches Militärgericht zum Tode verurteilt worden war wegen seiner Einbindung in ein Mordkomplott gegen den späteren König Aleksandar Karađorđević.235
Im selben Brief vom 24.08.27 teilte Reiswitz mit, dass er seine Jugoslawienreise für dieses Jahr zu seiner „großen Trauer“ ausfallen lassen musste, da er „nicht mehr genug Geld übrig habe.“ Er wollte aber „mit 90% Gewissheit“ von April bis Oktober 1928 „nach dem Balkan gehen“. Darüber hinaus ersuchte er Wendel um dessen Rat hinsichtlich der geplanten Fahrt. Am 25.08.27 lud Wendel Reiswitz zu sich nach Frankfurt ein, er möge ihn nur drei Tage vor Ankunft informieren. Zu dieser ersten persönlichen Zusammenkunft sollte es dann im Oktober 1927 in Frankfurt kommen.
In seinem Brief vom 08.12.27 sprach Reiswitz zum ersten Mal zwei Themen an, welche ihm in den Folgejahren keine Ruhe lassen sollten: Zum einen sind dies die Bogumilen, zum anderen die preußisch-serbischen Beziehungen in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Er suchte nach einem geeigneten Stoff für seine Habilitation und vertraute Wendel an, dass „das Thema der bosnischen Bogumilen mich sehr lockt“ und bat ihn darum, die ihm bei dem Treffen in Frankfurt in Aussicht gestellten Quellenhinweise zu schicken. Gleichzeitig aber wollte Reiswitz, dass Wendel ihm nochmal das „andere Thema“ nannte, welches er ihm in Frankfurt gegenüber empfohlen hatte, das sich „auf diplomatische Akten“ beziehe. Er gab zu, dass es ihm „entfallen“ sei.
Es steht vom Kontext her außer Frage, um welche „Akten“ es sich hier handelte. Wendel hatte 1927 seine Monographie „Bismarck und Serbien im Jahre 1866. Auf Grund der Akten des Auswärtigen Amts zu Berlin, des Haus- Hof- und Staatsarchivs zu Wien und des Serbischen Staatsarchivs zu Belgrad“ herausgebracht, welches eine gemischte Aufnahme in der Kritik fand. Wendels Mikrostudie belegte, dass Bismarck kurzzeitig den Gedanken erwog, in der drohenden Auseinandersetzung mit den Österreichern diesen nicht nur – so Wendel – „mit einem ungarischen Feuerchen einzuheizen“236, sondern auch Serbien auf die preußische Seite zu ziehen. Letztlich kam dieser Destabilisierungsplan aber nicht zustande. Während R.W. Seton-Watson das Buch als „admirable little monograph“ und „valuable footnote to his [Wendel] studies of Jugoslav history“237 lobte, nahm Erdmann Hanisch (1876–1953), seit 1927 Professor für Slawistik in Breslau, Anstoß daran, dass Wendel Bismarck als „Revolutionär“ bezeichnete. Für Hanisch „leuchtet … auch hier … die Tendenz“ – gemeint ist wohl auch Wendels Zugehörigkeit zum sozialdemokratischen Lager – des Verfassers durch, den er etwas geringschätzig als „bekannten serbophilen Schriftsteller“ abtat. Lob gebührte allerdings laut Hanisch Wendel dafür, dass er die von ihm untersuchten Archivalien beilegte, die serbischen davon sogar im Original und in Übersetzung.238 Die Quellenbeigabe macht in der Tat rund die Hälfte des 134-Seiten-Bandes aus. Wendel bedankte sich im Vorwort ausdrücklich für den ihm gewährten Archivzugang. Er hob dabei Slobodan Jovanović (1869–1958) hervor, „Professor an der Belgrader Universität, der sich um die Beschaffung der Schriftstücke aus dem Serbischen Staatsarchiv verdient machte und aus seiner tiefgründigen Kenntnis jenes Geschichtsabschnitts manches Licht aufsetzen half.“239 Es sollte nicht lange dauern, bevor auch Reiswitz Grund haben würde, in Jovanovićs Schuld zu stehen im Zusammenhang mit der Zugänglichmachung von Akten.
Reiswitz’ eigene 1936 erschienene Studie „Belgrad – Berlin. Berlin – Belgrad 1866–1871“ sollte in vieler Hinsicht die Fortsetzung der Arbeit Wendels über Bismarck und Serben werden. Noch war bei Reiswitz der Entschluss dazu, die preußisch-serbischen Beziehungen nach 1866 bis zur Reichsgründung hin zu untersuchen, nicht ganz ausgereift, aber am 06.03.28 erwähnte er schon Wendel gegenüber, dass Professor Hoetzsch ihm zu „Milan u. serbischen Akten“ rate. Gemeint ist Milan Obrenović, welcher als Fürst und später König von Serbien ab 1868 herrschte.
Reiswitz äußerte am Ende des Briefes vom 08.12.27 den Wunsch, Wendel bald wieder in Frankfurt zu besuchen, wo es das letzte Mal „sehr gemütlich“ gewesen sei. Es sollte sich herausstellen, dass das gemütliche Beisammensein im Oktober 1927 viel größere Tragweite haben sollte als vielleicht angenommen. Denn auch das zweite Thema, dessen sich Reiswitz in den Folgejahren annehmen sollte, tritt zu Tage in jenem Brief, die Bogumilenfrage.
Bei den Bogumien handelt es sich um eine im 10. Jahrhundert entstandene, ursprünglich aus Bulgarien stammende, dualistische Glaubensrichtung: „Gott herrsche über die himmlische Sphäre“, so predigte der Priester Bogumil, „wohingegen Satan der Schöpfer alles Irdischen und somit auch des Menschen sei.“240
Dieses Thema muss in der Tat lockend gewesen sein, da „die jugoslawische Geschichtswissenschaft … kaum ein Problem kennt, das in fast allen seinen Aspekten derart konträr beurteilt wird“241. Es wird für Reiswitz im Jahre 1927 so gut wie unmöglich gewesen sein, sich dem Thema ohne Kenntnisse des Serbokroatischen wissenschaftlich zu nähern. Die Kontroverse nahm ihren Ausgang damit, dass der kroatische Theologe, Historiker und später auch Politiker Franjo Rački (1828 oder 1829–1894) im Jahre 1870 die auf jahrelanger Archivrecherche in Rom aufbauende These vorlegte, dass die Bogumilen weder dem katholischen noch dem orthodoxen Kirchenkreis zuzuordnen, sondern Anhänger einer aus Bulgarien stammenden, dualistischen und aus Sicht der beiden genannten christlichen Kirchen häretischen Glaubenslehre seien.242 Diese Interpretation gefiel besonders muslimischen Bosniern, die so ihre vorislamische Geschichte aus einem nicht-christlichen Kern herzuleiten vermochten.243
Damit widersprach Rački den Thesen von Božidar Petranović (1809–1874), welche dieser promovierte Anwalt aus Zadar und Mitherausgeber mehrerer Zeitschriften im Jahre 1867 veröffentlichte.244 Er stützte seine Arbeit, anders als Rački, nicht auf lateinische Quellen päpstlicher Provenienz, sondern auf lokale Überlieferung des Balkans und schlussfolgerte, dass der bosnischen Kirche nichts Häretisches anhafte, sondern das sie schlicht eine regionale Spielart der serbisch-orthodoxen Kirche sei. Die eigentlichen Bogumilen seien nur eine kleine Gruppe von Häretikern aus dem Ausland gewesen, die sich nur kurz und in geringer Zahl in bosnischen Klöstern aufhielten. Diese Sichtweise wiederum fand großen Anklang bei serbischen Intellektuellen.
Weder die Werke dieser beiden Hauptkontrahenten waren ins Deutsche übersetzt worden, noch die ihrer jeweiligen Epigonen, die bis zu diesem Zeitpunkt, vornehmlich in südslawischen Zeitschriften, erschienen waren. Unklar ist, woher Wendels Interesse an den Bogumilen rührte, da sie in seiner Reiseliteratur bis 1927 keinen Niederschlag gefunden haben.
Dennoch erinnerte ihn am 09.01.28 Reiswitz brieflich daran, ihm „jene Bogumilenliteraturangabe“ zukommen zu lassen. Am 06.03.28 dann ließ Reiswitz Wendel wissen, dass die Bogumilen „für eine Habilitations-Arbeit ausgeschaltet worden“ seien. Das Thema zog ihn allerdings weiterhin in seinen Bann. In einem Brief vom 25.07.29 an seine Frau beschrieb Reiswitz ein Abendessen bei dem Historiker und Orientalisten Franz Babinger (1891–1967)245, welcher zu dieser Zeit an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin lehrte. Dort lernte er einen „netten ganz verdrehten eingetrockneten schiefen schielenden bemähnten krummen lustigen und total vom Wissen zerfressenen Professor aus Athen“ kennen, bei dem es sich um Nikos Athanasiou Bees handelte. Bees sei „Spezialist für griechisch-slawische Kulturbeziehungen246. Infolgedessen kennt er eine Unmenge unbekannte Literatur über die Bogumilen.“
An verschiedenen Stellen im Nachlass ist erwähnt, dass Reiswitz sich mit der Zusammenstellung von Material über die Bogumilen, vornehmlich in Form einer Bibliographie, befasste, so in dem Brief an den namentlich nicht spezifizierten „Legationsrat“ im Auswärtigen Amt vom 17.06.34: „Seit 1929 stelle ich eine kritisch-systematische Sammlung aller erreichbarer Quellen über das Problem des Bogumilismus und seiner Auswirkungen auf West- und Mitteleuropa zusammen.“
In seinem Briefentwurf an Otto Hoetzsch vom 10.01.34 widmete sich Reiswitz ausführlich dieser Thematik: „Im Vordergrund steht für mich die soziale Bedeutung dieser Bewegung. Erst durch eine planmäßige Erforschung des Bogumilismus nicht nur in seiner schwer zu fassenden Dogmatik, sondern auch in seiner sozialen Auswirkung erscheint mir die mittelalterliche Geschichte der Balkanvölker verständlich. Die unendlich schwierigen sprachlichen Voraussetzungen und die ungemein verzweigten geistesgeschichtlichen Kenntnisse, die hierzu Voraussetzung sind, haben mich bewogen, zunächst nur alles erreichbare Material zu sammeln, während ich mir inzwischen jene Voraussetzungen anzueignen versuche. In etwa zwei Jahren glaube ich in der Lage zu sein, meine erste Veröffentlichung über die soziale Rolle des Bogumilismus in Bosnien um die Mitte des 15. Jahrhunderts herausgeben zu lassen.“
Zu dieser Publikation ist es allerdings nie gekommen. Reiswitz wäre mit einer derartigen Studie sicherlich seiner Zeit voraus gewesen, da die „soziale Rolle“ des Bogumilismus erst im sozialistischen Jugoslawien ernsthaft studiert wurde. Deutungen gingen dann soweit, die Bogumilen als eine „Klassenbewegung“ zu sehen, die „zum Vorreiter einer neuen Epoche der Bauernrevolutionen im mittelalterlichen Europa“ gerierte.247
Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass Reiswitz eine derart marxistische Sichtweise vertrat. Möglich ist es allerdings, dass er sich zu den Bogumilen hingezogen fühlte als einer Bewegung, die aufgrund ihrer Alleinstellungsmerkmale gegenüber dem Katholizismus, der Orthodoxie und dem Islam einen transzendenten Anknüpfungspunkt bieten konnte zur Festigung einer jugoslawischen Identität. Dies wäre einer Erweiterung der Versuche des ehemalischen österreichisch-ungarischen Gouverneurs in Bosnien-Herzegowina, Benjamin Kallay (1839–1903) gleichgekommen, welcher die Bogumilen zur Schaffung einer „überkonfessionell konzipierten bosnischen Nation“248 instrumentalisieren wollte.249
Reiswitz’ Bogumileninteresse wies allerdings noch eine weitere Komponente auf. Neun Jahre nach dem Hoetzsch-Brief, in einer Kunstschutz-Aktennotiz vom 20.07.43, legte Reiswitz dar, dass er sich schon seit 1924 mit dem Bogumilismus befasse. In dieser Aktennotiz strich Reiswitz eine vermeintliche Verbindung zwischen Bogumilen und Goten heraus: „Ein Zusammenhang zwischen der Sekte der Bogumilen und der gotischen Besiedlung besteht insofern, als die Religion der Bogumilen überall dort auftauchte, wo einmal gotische Besiedlung stattgefunden hat. Diese Verbindung besteht aber auch schon in prähistorischer Zeit, sodass das Auftauchen gleicher Motive bei den Goten und auf den Bogumilengrabsteinen nur ein Glied in der Kette der Verbindungen zwischen Schweden und der Sar [Šar] Planina darstellt.“ Offenbar war während des Zweiten Weltkriegs das SS-Ahnenerbe und die Division „Prinz Eugen“ an einer Erforschung der Beziehungen von Goten und Bogumilen interessiert.250
Auch wird es kein Zufall sein, dass Reiswitz’ engste Mitarbeiterin – und Geliebte – in Belgrad während des Zweiten Weltkriegs, Sabine Lauterbach (geb. 1919), ihre Dissertation über einen Teilaspekt des Bogumilismus bzw. der „Bosnischen Kirche“ schrieb.251 Lauterbach unternahm im ersten Teil der Dissertation eine sprachliche Analyse des 1446 erstmalig niedergeschriebenen Testaments, welches ein seltenes Beispiel eines bogumilischen Selbstzeugnisses ist. Wiederentdeckt worden war der Text von Ćiro Truhelka (1865–1962) im Archiv von Dubrovnik. Im zweiten Teil der Arbeit analysierte Lauterbach die Rolle der Bogumilen auf dem Balkan und die sogenannte „Bosnische Kirche“, die sie als Ausprägung des Bogumilismus einordnete und in ihr den „spiritus agens“252 der bosnischen Staatsbildung im Mittelalter sah. Für Lauterbach stellte die „Bosnische Kirche“ eine eigenständige Häresie dar, und keine lokale Spielart etwa des Katholizismus oder der Orthodoxie.
Am 01.07.44 gratulierte Reiswitz ihr brieflich zum am 28.06.44 mit magna cum laude bestandenen Examen.253 Sein eigener Beitrag zur Recherche von Lauterbach ist indirekt ablesbar an einer Bemerkung, die Reiswitz in einem Brief an Elisabeth Heckelmann („Hindukind“) aus dem Juli 1944 fallen ließ, als er mit Blick auf Lauterbachs bestandene mündliche Prüfung von „ihrem-meinem Doktor“ sprach.254 Auch seiner Frau hatte er über Lauterbachs Vorankommen berichtet, wie zum Beispiel am 20.03.43: „Sabinchen arbeitet fleißig an Dissertation.“ Reiswitz unterstützte sie dabei, wo er konnte. Am 13.06.43 teilte er brieflich dem Direktor des Deutschen Wissenschaftlichen Instituts (DWI) in Belgrad, Alois Schmaus (1901–1970), mit, dass Lauterbach weiter die Bibliothek des DWI benutzen dürfen soll.255 Kurioserweise war es dann Schmaus, der Reiswitz’ Projekt einer Bogumilenbiographie in die Tat umsetzten sollte, allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Ob Reiswitz’ Vorarbeiten Schmaus vonnutzen waren, ist unklar. Dessen Dank gilt lediglich den Historikern Franz Babinger und Franz Dölger (1891–1961).256 Auch eine Monographie über die Bogumilen schrieb Reiswitz nicht. Hier liefen ihm zwei englischsprachige Historiker den Rang ab – sowohl der russische Emigrant Dmitri Obolensky (1918–2001) als auch der für seine „History of the Crusades“ bekannt gewordene Steven Runciman (1903–2000) legen kurz nach dem Krieg Monographien über die Bogumilen vor.257
In der oben erwähnten Kunstschutz-Aktennotiz vom 20.07.44 sah Reiswitz die Bogumilen als „ein Glied in der Kette der Verbindungen zwischen Schweden und der Šar Planina“.258 Hier ist – neben den Bogumilen und der Geschichte der preußischserbischen Beziehungen – eindeutig Reiswitz’ drittes auf den Balkan bezogenes Interessensgebiet erkennbar, die Archäologie. Sein ganz konkretes Engagement dafür sollte sich erst im Laufe des mehrmonatigen Jugoslawienaufenthaltes von April bis Dezember 1928 herausbilden. Doch bereits kurz vor Antritt der Fahrt weisen die in seinem Brief an Wendel vom 06.03.28 verwendeten Metaphern auf sein zukünftiges Hauptinteressensfeld hin. Im Hinblick auf die – aus Reiswitz’ Sicht bedauerliche – Ausrichtung deutschen wissenschaftlichen Interesses am ehemaligen Weltkriegsverbündeten Bulgarien, dessen territoriale Ansprüche auf Mazedonien die deutsche hohe Politik unterstütze, beklagte er, dass „in der reinen Wissenschaft [in Deutschland] nach wie vor noch die kühle Luft der Eiszeit“ herrsche und, dass aus „paläolithischen Gründen“ die Bulgaren weiterhin unsere „alten Verbündeten“ seien.
Im selben Brief zog Reiswitz eine Zwischenbilanz seines bisherigen Selbststudiums. Den Winter 1926/27 habe er „Ungarische, Rumänische, Bulgarische, Griechische, Kroatische, Bosnische, Albanische und Venezianische Geschichte … bis ins Einzelne sehr ausführlich durchgearbeitet, denn es fehlte mir noch jede gründliche Fundamentierung.“ Lediglich die serbische Sprache beherrsche er noch nicht ausreichend. Abhilfe sollte der Aufenthalt in situ schaffen: „Ich will möglichst 6 Monate in Südslawien sein u. nicht eher fortgehen, als bis ich serbisch lesen und möglichst auch sprechen kann“.
Eineinhalb Jahre später hatte er sein Ziel erreicht. In einem „Politika“ Artikel über seinen Aufenthalt in Belgrad heißt es unter der Überschrift „Reise des deutschen Wissenschaftlers“: „Baron Dr. Reiswitz [im Original: „Рајслиц“], ein junger deutscher Wissenschaftler, der sich mit der Erforschung der jugoslawischen Geschichte befasst, hält sich einige Tage in Belgrad auf. Er hat einige Male mit seiner Gattin unser Land bereist und unsere Sprache erlernt“. Wie aus einem Brief an seine Frau vom 15.09.29 hervorgeht, wurde der in Druckform nicht signierte Beitrag von dem Journalisten und späteren Schriftsteller und Diplomaten Milan Jovanović Stojimirović verfasst (1898–1968) und erschien auch wortgleich am selben Tag in der Tageszeitung „Vreme“. Jovanović Stojimirović sollte 1941 mit Reiswitz’ Hilfe zum Direktor des serbischen Staatsarchivs ernannt werden.
Seinen Artikel setzte Jovanović Stojimirović wie folgt fort: „Im Moment erforscht er die bogumilische Bewegung in unserer Geschichte. Er hat einen Teil von Jovan Cvijićs ‚Péninsule` Balkanique‘ ins Deutsche übersetzt. Er bewirbt sich für einen Lehrauftrag an der Universität Berlin. Baron Dr. Reiswitz [Рајслиц] reist nun ab, um wissenschaftliche Untersuchungen im Süden Serbiens [Mazedonien] durchzuführen.“259
Kaum zwei Jahre nach seinem Entschluss, sich voll und ganz der Balkangeschichte zuzuwenden, schien seine Mission insofern von Erfolg gekrönt zu sein, als dass sein Aufenthalt in Belgrad zwei der wichtigsten Presseorgane zumindest eine vierzehnzeilige Notiz wert war. Wie war ihm dies im „Selbststudium“ so schnell gelungen?
2.2. Die drei „Einbruchstellen“
Vor seiner Abreise nach Jugoslawien im April 1928 stattete Reiswitz zur Osterzeit (07./08.04.) Wendel einen zweiten persönlichen Besuch ab. Am 15.04. bedankte er sich bei Wendel für den „abendlichen Osterspaziergang u. den so freundlichen Empfang in Ihrem so liebenswürdigen Kreise“, zu welchem auch der Sozialdemokrat und später im Auftrag des englischen Geheimdienstes tätige Jakob Altmeier (1889–1963) gehörte.260
Einen Monat später schrieb Reiswitz dann enthusiastisch an Wendel aus Belgrad, vierzehn Tage nach seiner dortigen Ankunft. Zunächst bedankte er sich für Wendels „Empfehlungen“, die ihm „vom ersten Tage an alle Türen geöffnet“ hätten. Weiterer Dank, so Reiswitz, gebührte dem jugoslawischen Gesandten Živojin Balugdžic. Binnen kürzester Zeit hatte Reiswitz begonnen, durch Wendels Mittlerrolle ein Netzwerk aufzubauen, welches er in den Folgejahren pflegen und erweitern sollte: „An der Spitze Slobodan Jovanović’s unglaublich geistvoller u. feiner Diplomaten-Gelehrtenkopf, dann Stanoje Stanojević, bei dem ich dann auch die erste Slawa mitmachte … von den Museen [Direktor des Belgrader Nationalmuseums Vladimir] Petković [(1871–1956)] u. seine Assistenten, die Direktoren des Staats-Archivs und des Archivs des Auswärtigen – das sind nun alles Bekannte geworden, u. es eröffnet sich ein Arbeitsfeld von solcher Weite, dass man sich nur immerfort selbst beruhigen muss, um zu einem richtigen und ruhigen Anfang zu kommen.“261
Viele Details des zweiten Jugoslawienaufenthaltes von Reiswitz sind aus dem Nachlass nur indirekt zu erschließen. Dieses Mal reiste er nicht allein – seine Ehefrau begleitete ihn. Die Anreise erfolgte von Berlin aus über München und Laibach. Am 01.05.28 traf er in Belgrad ein. Nachdem er seine ersten Kontakte geknüpft hatte, reiste er am 14.05. in Richtung Mazedonien ab, um vor allem Ohrid einen Besuch abzustatten. Im Brief an Wendel vom 14./15.05.28 gab Reiswitz an, dass er für diese Fahrt mit einem Empfehlungsschreiben des „Veliki Župan“ ausgestattet worden sei. Der „Veliki Župan“ war von 1922 bis 1929 der höchste Regierungsvertreter in einem der 33 Bezirke Jugoslawiens. Reiswitz hat an dieser Stelle vermutlich den Župan Budimir Borisavljević (1883–1953) gemeint, in dessen Bereich Ohrid fiel. Reiswitz fügte hinzu, dass er denke, dass er „nicht lange in Makedonien bleiben werde, sondern bald wieder zurückkehren werde“. Am 12.08. ließ Reiswitz aber Wendel wissen, dass er fünf Wochen in Mazedonien war. Worin war diese Planänderung begründet?
Dass Ohrid überhaupt Ziel sein sollte, geht aus dem bereits mehrfach erwähnten Brief an Hoetzsch vom 10.01.34 hervor. Reiswitz spach hier von drei sogenannten „Einbruchsstellen“ [sic].262 Die erste der beiden „Einbruchstellen“ ist für ihn die „Darstellung jener Jahre, in denen die deutsche und die südslawische Einigungsbewegung aneinander vorüberglitten und in denen sich alle Ansatzpunkte zu den späteren Ressentiments und Vorurteilen bildeten, welche schließlich den Ausbruch des Weltkrieges möglich machten“. Diese „Einbruchstelle“ würde er mit seiner Habilitationsschrift füllen. Die zweite „Einbruchstelle“ sei „auf dem Gebiet der mittelalterlichen Geschichte der Bogumilen“, ein Thema, zu dessen finaler Bearbeitung in gewisser Hinsicht die von Reiswitz begleitete Dissertation von Sabine Lauterbach beitragen würde.263
Die dritte „Einbruchstelle“ schließlich „liegt in der Initiative, die jenseits des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts noch völlig dunkle Geschichte des nordwestlichen Balkans durch gründliche Erforschung des Ohrid-Gebietes mit dem Spaten anzugreifen. Nach Ohrid brachte mich die Einsicht meiner Berliner Winterarbeit 1927/28.“ Wendel hatte er im Vorfeld der Balkanreise 1928 über seine archäologischen Ambitionen im Allgemeinen und über Ohrid im Besonderen nichts mitgeteilt, zumindest nicht in der überlieferten Korrespondenz.
Worin genau könnten diese „Einsichten“ bestanden haben, die ihn an den Ohridsee führten und die dazu führten, dass er am 09.10.33 seinem Tagebuch anvertraute, dass er „jetzt ein Buch schreiben sollte: Ohrid, die Geschichte einer Passion“? Zum Zeitpunkt von Reiswitz’ zweiter Balkanreise gehörte Ohrid faktisch erst knapp zehn Jahre zum Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. Archäologen gehen heute davon aus, dass die früheste Besiedlung für das Neolithikum nachweisbar ist (3.000–2.000 v. Chr.). Bei Strabo (64/63 v.Chr.–24 n.Chr.), der sich wiederum auf Polybios (200–118 v. Chr.) beruft, taucht die Ortsbezeichnung „Lychnidos“ für den Ort auf, der in späterer, slawischer Zeit als „Ohrid“ bekannt werden sollte: „From Apollonia [Pojani im heutigen Albanien] to Macedonia is the Egnatian Way [Via Egnatia]; its direction is towards the east, and the distance is measured by pillars at every mile (…) The first part of it is called the road to Candavia, which is an Illyrian mountain. It passes through Lychnidus, a city, and Pylon, a place which separates Illyria from Macedonia. Thence its direction is beside Barnus through Heracleia, the Lyncestæ, and the Eordi, to Edessa [Vodina] and Pella, as far as Thessalonica. Polybius says, that this is a distance of 267 miles.“264 In diesem Auszug taucht der Reiswitz antreibende Begriff „Illyrer“ auf – welche Lauterbach als die ersten „bekannten Einwohner der westbalkanischen Zone“ identifizierte.265
Wofür genau die „Illyrer“ stehen, ist ebenso vage und umstritten wie die Frage nach den Bogumilen: „There is nothing new in claiming that ancient Illyrians are a construct developed in Greco-Roman antiquity and perpetuated in different contexts from early modern times to the most recent history.“266 Aus Sicht des klassischen Griechenlands wurde Illyrien zum geographischen Begriff für die nicht-griechischen Völker im „illyrischen Dreieck“ zwischen den Alpen, der Adria und der Donau. Diese Vorstellung tauchte auch bei dem österreichischen Südslawienreisenden Felix Kanitz (1829–1904) auf, der vom „kleinen Serbenstaat im illyrischen Dreieck“267 sprach. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden die Illyrer wiederentdeckt: „Partially preserved knowledge from antiquity was ‘melted down’ and cast into new and cohesive narratives of the past“.268 Zum einen versuchte sich die südslawische Nationalbewegung als Erbe der Illyrer zu definieren. Reiswitz, der ja mit den Werken Wendels vertraut war, konnte so in dessen Monographie „Südosteuropäische Fragen“ Folgendes lesen: „Das Gefühl aber von Blutsverwandtschaft und Schicksalsgleichheit mit den Nachbarn drängte [Ludwig] Gaj und die Seinen von der kroatischen Ausschließlichkeit zum südslawischen, zum illyrischen Gedanken. In seinem berühmten Aufsatz verglich er Illyrien, das Dreieck zwischen Villach, Skutari und Varna, einer Leier im Arm der Jungfrau Europa und mahnte, die verstimmten und disharmonischen Saiten des Spiels, Kärnten, Görz, Ragusa, Bosnien, Montenegro, Hercegovina, Serbien, Bulgarien … wieder zu starkem Zusammenklang zu stimmen.“269 Ludwig oder auch Ljudevit Gaj (1809–1872) war auch der Begründer der kroatischen Schriftsprache. Wendel sah in seinem 1918 erschienenen Buch ebenso die Serben als „illyrische Nation“270, obwohl die illyrische Bewegung durchweg vornehmlich kroatisch konnotiert war. Auf dem Markusplatz [Markov Trg] in Agram stehend sinnierte er drei Jahre später: „In jeder Richtung von hier aus stößt du auf die Spuren des Illyrismus; zwischen Juli- [1830] und Märzrevolution [1848] baute diese Poetenbewegung im Luftreich des Gedanken ein Illyrien, nennen wir es beim Namen: ein Südslawien auf.“271 Nach 1848 tauchte der Begriff „Illyrien“ in der Tat seltener auf im Zusammenhang mit den südslawischen Einigungsbemühungen.
Dafür übernahm die albanische Nationalbewegung das Illyrertum in ihr politisches Vokabular zur ihrerseitigen Konstruktion eines territorialen wie auch ethnischen und linguistischen Nexus. Einen nicht unwesentlichen Beitrag dazu leistete der englische Offizier und Archäologe William Martin Leake (1777–1860), der 1814 zu dem Schluss kam, dass die Albaner „remnant of this ancient stock“ seien, „a fact confirmed by the whole tenor of their history.“272 Zehn Jahre vorher hatte Leake fast einen Teil der „Elgin Marbles“ für immer verloren, als sein mit Lord Elgins (1766–1841) Schätzen beladenes Schiff, die HMS Mentor, südlich des Peloponnes sank.273 Leakes Landsmann Arthur J. Evans (1851–1941), der bekannt wurde durch die Ausgrabung des minoischen Palastes von Knossos, bereiste den Balkan in den 1870er Jahren und „acknowledges that the Albanians are true descendents [sic] of Illyrians“274. Gleichzeitig aber identifizierte er auch die Bevölkerung Süddalmatiens, der Herzegowina und Montenegros als direkte Nachfahren der Illyrer. Dubrovnik war für ihn „the fountain-head of Illyrian culture. … This is the sweet interpreter between the wisdom of the ancients and the rude Sclavonic [sic] mind“.275
Doch die beiden von der Romantik beeinflussten Interpretationen der Illyrer als Ahnen der Südslawen bzw. der Albaner waren nicht die einzigen Reiswitz im Winter 1926/27 verfügbaren Sichtweisen. Im Jahre 1902 hatte der Archäologe und Begründer der „Siedlungsarchäologie“, Gustaf Kossinna (1858–1931), den Aufsatz „Die indogermanische Frage archäologisch beantwortet“ veröffentlicht. Im gleichen Jahr war für ihn eine außerordentliche Professur an der Universität Berlin für „Deutsche Archäologie“ eingerichtet worden.276 Damit wurde er belohnt für seine Theorie, dass „Kulturgebiete“ immer „Volksgebiete“ seien.277 Er stellte die seinerzeit vielfach beachtete und anerkannte Hypothese auf, dass sich „scharf umgrenzte Kulturprovinzen zu allen Zeiten mit ganz bestimmten Völkern oder Völkerstämmen decken“.278 Wenn ein geschulter Archäologe die materielle Überlieferung eines eindeutig definierten Raumes als ein zusammenhängendes Ganzes ansah, so folgte daraus, dass die dort siedelnden Menschen einer bestimmten Volksgemeinschaft oder Ethnie angehörten. Kossinna deutete die archäologische Befundlage der Vor- und Frühgeschichte Europas so, dass um 1.800 bis 1.700 v. Chr. aus Skandinavien einwandernde Germanen die einheimische indoeuropäische Bevölkerung vertrieben, welche dadurch wiederum zu einer umfänglichen Wanderungsbewegung Richtung Südosteuropa genötigt wurde. Zu diesen einheimischen Stämmen gehörten seiner Anschauung nach die Illyrer: „Wir können, glaube ich, vermuthen, dass die Aunjetitzer Gräber [Funde der Aunjetitzer Kultur sind für die frühe Bronzezeit von Sachsen-Anhalt bis Niederösterreich dokumentiert] … auf die Anfänge der illyrisch-griechischen Stämme zurückgehen, die bald die Donau insgesammt überschritten und im ferneren Verlauf der Bronzezeit sich immer weiter südlich ausdehnten.“279 Diese These fiel naturgemäß bei all jenen auf fruchtbaren Boden, die die bis dahin vorherrschende Theorie, dass sich die vor- und frühgeschichtliche Kulturprogession in Europa von Osten nach Westen vollzogen habe – ex oriente lux – nicht teilten und im Gegensatz dazu zu belegen versuchten, dass es Völker aus dem Norden Europas waren, die den Süden, insbesondere Griechenland, kulturell befruchteten – ex septentrione lux.280 In Kossinnas Worten: „Um 2000 [v.Chr.] verbreiteten sich von der Saale und Elbe her Stämme nach Böhmen, Mähren, Niederösterreich (Aunjetitzer Typus), aus denen unmittelbar die Illyrer und Griechen hervorgingen.“281
Etwas anders akzentuierte der Archäologe Carl Schuchhardt (1859–1943) die Vorstellung, dass die Illyrer ihre Wurzeln in Mitteleuropa hätten. Schuchhardt wurde 1908 zum Direktor der Vorgeschichtlichen Abteilung des Museums für Völkerkunde in Berlin bestellt und bekleidete diesen Posten bis zu seiner Pensionierung 1925. Sein Nachfolger wurde Wilhelm Unverzagt (1892–1971), den Reiswitz einige Zeit später persönlich kennenlernen sollte und mit welchem er 1931 mit den Grabungen am Ohridsee beginnen würde, im selben Jahr, als das Völkerkundemuseum sich als Staatliches Museum für Vor- und Frühgeschichte neu konstituierte. Unverzagt hatte eine „besondere Nähe“282 zu Schuchhardt, welcher ihn beruflich gefördert hatte. Schuchhardt betrieb, anders als sein Kollege und Kontrahent Kossinna, keine politisch motivierte „völkische Vorgeschichtsforschung“283. Er vertrat – veröffentlicht allerdings erst 1937 – die Meinung, dass die Illyrer aus einer Vermischung von Germanen der Lausitz-Kultur hervorgegangen seien, welche sich auf ihrer Südwanderung mit neolithischen Völkern im Donauraum (den „Urillyrern“) vermischten, um dann ihren Weg gen Süden als Illyrer fortzusetzen.284
Nach seiner Rückkehr von der zweiten (1928) und dann dritten Balkanreise (1929) begann Reiswitz mit seinem intensiven Studium des Schuchhardt’schen Opus, auf dessen Wichtigkeit für sein eigenes archäologisches Verständnis er im Mai 1933 in einem Brief an Unverzagt einging: „Die ungestörte Zeit hier benutze ich auch dazu, Schuchhardts sämtliche Werke eingehend durchzulesen und durchzuarbeiten. Nie hätte ich gedacht, dass man so viel davon als Historiker brauchen kann.“ Am 19.06.33 vermerkte er in seinem Tagebuch, dass er Schuchhardts 1928 in Erstauflage erschienene „Vorgeschichte von Deutschland“285 seit dem 24.04. „zwei Male sorgfältig durchgearbeitet“ habe. Ab dem 12.07.33 las er Schuchhardts „Alteuropa“, welches 1919 zum ersten Mal erschienen war.286 In dieser Ausgabe geht Schuchhardt bereits auf die Wanderungsproblematik der Indogermanen ein: „Mit unserer ganzen archäologischen Grundlage gewinnen wir ein etwas anderes und vor allem bestimmteres Bild von der Indogermansierung Europas als es bisher gezeichnet oder vermutet wurde. An eine Heimat der Indogermanen in Zentralasien kann ein und für allemal nicht mehr gedacht werden.“287 Reiswitz hatte bereits die zweite Auflage von 1926 zur Hand, welche sich, reich mit Anstreichungen versehen und mit präzisen Datierungen, aus denen hervorgeht, wann Resiwitz welche Kapitel gelesen hat, im Nachlass befindet.288 In dieser hatte Schuchhardt neueste Forschungsergebnisse eingearbeitet und diese „zu runderen Bildern“ zusammengeschlossen. In den Kapiteln 6 bis 9 widmete er sich der „nord- und mitteleuropäischen“ Stein- und Bronzezeit, sprach von der „indogermanischen“ Entwicklung und verfolgte diese „in ihrer Ausbreitung gegen Südosten, bis nach Asien hinein.“ In den Kapiteln 10 bis 12 schließlich stellte er dar, wie die „west- und südeuropäische Entwicklung, die vorindogermanische“, die er in den Kapiteln 1 bis 5 behandelt hatte, und die „indogermanische“ sich „auf dem Balkan treffen und das Griechentum erzeugen und wie aus dessen früheren und späteren Phasen ein Rückstrom der Kultur donauaufwärts sich entwickelt – jener Rückstrom, aus dem die Wissenschaft so lange den Glauben gesogen hat, als ob dieser Einfluß auch in den früheren dunkleren Perioden schon vorhanden gewesen wäre und das ‚ex oriente lux‘ überall zu gelten hätte.“289 Nach Schuchhardts Interpretation des archäologischen Befundes war der Kultureinfluss von Osten in Richtung Westen also lediglich eine Art Reflux eines früheren Kulturtransfers ex septentrione, aus dem indogermanischen Norden.
Am 13.07.33 vermerkte Reiswitz: „Um das illyrische Problem: Jetzt Schuchhardts Alteuropa in 12 Wochen nebenher bewältigen.“ Danach beabsichtigte er, sich Schuchhardts „Burgenbuch“ vornehmen.290 Am 01.08. hat er „Alteuropa“ ebenfalls zweimal gelesen und resümierte: „Was ich an Schuchhardt gelernt habe ist gar nicht zu sagen“. Am 02.08. kaufte er das „Burgenbuch“ und verbrachte bis zum 10.08. die meiste ihm zur Verfügung stehende Zeit – er wohnte im Sommer 1933 auf dem 1932 erworbenen Oedhof in Eisenärzt im Chiemgau – mit dessen Lektüre. Dass für Reiswitz eine Verbindung bestand zwischen der Beschäftigung mit den Illyrern und deren vermeintlicher Wanderung in Richtung Balkanhalbinsel und dem Gebiet um Ohrid geht – wenn auch nicht kristallklar – aus seinem Tagebucheintrag rückblickend auf die Zeit vom 14.07. bis 01.08.33 hervor: „Ich stehe seit etwa drei Wochen unter einem inneren Zwang, der dauernd und fortgesetzt an Ohrid denkt, der mich treibt meine Vorarbeiten für Ohrid zu beschleunigen und in mir eine unbestimmbare Gewissheit erzeugt, in Ohrid sei etwas los, man komme mir dort in die Quere. Wissenschaftlich sind diese 19 Tage eine einzige rasche Vorbereitung der Abwehr und der Abwehr durch Offensive auf dem illyrischen Kriegsschauplatz.“
Doch wer wollte ihm 1933 auf dem „illyrischen Kriegsschauplatz“ in Ohrid „in die Quere“ kommen? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir uns nochmals mit Reiswitz’ usprünglicher Motivation in Bezug auf Ohrid befassen, „die jenseits des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts noch völlig dunkle Geschichte des nordwestlichen Balkans durch gründliche Erforschung des Ohrid-Gebietes mit dem Spaten anzugreifen“.
Am 20.05.1918 stießen bulgarische Soldaten bei Straßenausbesserungsarbeiten auf ein Grab mit verschiedenen Beigaben, zu denen neben Gefäßen auch zwei Helme und eine goldene Maske gehörten. In den nächsten Tagen wurden in der unmittelbaren Umgebung noch vier weitere derartige Gräber ausgegraben, in denen jeweils ein Krieger beigesetzt war. Das Nationalmuseum in Sofia wurde benachrichtigt und sämtliche Funde dorthin verbracht. Im Jahre 1927 erst wurden die Funde von Bogdan Filow (1883–1945), Professor an der Universität Sofia und damaliger Direktor des Bulgarischen Archäologischen Instituts, zusammen mit Kar[e]l Schkorpil (1859–1944), Gymnasialprofessor und Direktor des Archäologischen Museums in Varna am Schwarzen Meer, der als erster Fachmann im Auftrag des Nationalmuseums die Funde sichtete und im Juli 1918 noch zwei weitere Gräber ausmachte, auf Vermittlung des Präsidenten des Deutschen Archäologischen Instituts, Gerhart Rodenwaldt (1886–1945), in deutscher Sprache publiziert.291
Die Fundstelle liegt rund neun Kilometer nordwestlich von Ohrid, und ca. dreieinhalb Kilometer nördlich der am Seeufer verlaufenden, bereits von Strabo bzw. Polybios erwähnten Via Egnatia. Insgesamt handelt es sich um 258 Gegenstände, wobei die in Grab I und Grab V gefundenen goldenen Masken, 46,7 bzw. 15,9 Gramm schwer, sicherlich die bedeutendsten Fundstücke darstellen, da sie in Form und Größe an die von Heinrich Schliemann (1822–1890) im Mykene entdeckten Masken erinnerten, die allerdings fast 1.000 Jahre älter sind als die von Trebenište. Die Errichtung der Nekropolis am Ohridsee wurde von Filow auf das 7.–5. Jahrhundert v. Chr. datiert. Da die Siedlungsgeschichte des Gebietes um Ohrid, abgesehen von den Aussagen antiker Autoren, die es den Illyrern zuschrieben, unbekannt war, kam Filow aufgrund der griechischen Provenienz der Grabbeigaben zu folgendem Schluss: „Am wahrscheinlichsten scheint mir die Annahme, daß die Gräber von Trebenischte vornehmen griechischen Söldnern angehörten, die ihre Kriegskunst in den Dienst eines einheimischen Fürsten gestellt haben.“292
Reiswitz erwähnt in einem nicht datierten längeren Brief an Unverzagt, der aber aus dem März 1932 stammen muss, dass er das 1927 erschienene Buch von Filow zum Zeitpunkt seiner Balkanreise 1928 noch nicht gelesen hatte.293 Fest steht aber, dass er am 25.07.29, kurz vor Antritt seiner dritten Balkanreise, anlässlich eines Empfangs des Deutsch-Bulgarischen Clubs in Berlin Filow persönlich kennenlernte, der „das große Buch über den Ohrid See“ schrieb, wie Reiswitz seiner Frau berichtete. In einer sechsseitigen Aufzeichnung, datiert vom April 1929, erwähnte Reiswitz sein „sorgfältiges Studium der Veröffentlichungen Filows“.
Ansonsten war er von den Bulgaren wenig begeistert: „Sie lachen nicht, sie sind alle unschön, unbeholfen in den Manieren, fanatisch, verschlossen – jedenfalls und sicherlich nicht ein Volk, das man liebet.“294 Mit dem „großen Buch“ kann nur der Trebenište-Band gemeint sein, da Filow vor 1927 keine Monographien über den Ohridsee veröffentlicht hatte.
Nach Veröffentlichung des Filow-Bandes begann 1930 einer der bekanntesten serbischen Archäologen, Nikola Vulić (1872–1945)295 mit seinen Grabungen am Ohridsee. Im Jahre 1930 entdeckte er ein weiteres Grab, 1932 und 1933 jeweils noch vier. Reiswitz teilte am 15.08.33 Unverzagt mit, dass Vulić „ein weiteres Grab“ in Trebenište entdeckt habe. Wegen eines neuen Fundes in der Steiermark ergebe sich nun, dass die „Bronzemasken [sic] und -handschuhe“ aus Trebenište Illyrergräber bezeugen.
In der Tat fanden sich wieder goldene Masken, zwei an der Zahl. Vulić datierte die Gräber auf das Ende des 6. Jahrhundert vor Christus. Anders als Filow stand für ihn aber außer Frage, dass es sich bei den Toten um einheimische Illyrer, nicht um griechische Söldner handelte: „Denn das Söldner oder auch Söldnerführer auf einem Kriegszug mit solchem Reichtum bestattet worden wären, ist nicht anzunehmen“.296. Diese These war Reiswitz vor seiner zweiten Balkareise 1928 natürlich noch nicht bekannt, aber in den Folgejahren sollte die Erkenntnis, dass es sich bei den insgesamt sechzehn Gräbern bei Trebenište um ansässige Illyrerfürsten handelte, elektrisierend wirken. Der Nachweis schien führbar zu sein, dass die Nord-Südwanderung, die Kossinna bereits 1902 postulierte und die später von dem von Reiswitz hochgeschätzten Schuchhardt in modifizierter Form aufgenommen wurde, archäologisch belegbar war.
Wenn die Gräber von Trebenište mit ihren kostbaren Beigaben also die einheimischer Illyrer waren, so stellte sich die Frage nach ihrem Wohnort. Es war zu vermuten, dass irgendwo in der Nähe der Nekropole, wahrscheinlich in Höhenlage, eine Burganlage bestanden haben musste. Es war die Suche nach einer solchen, die Reiswitz dann nach seiner zweiten Balkanreise 1929 den Kontakt zum Deutschen Archäologischen Institut und den zuständigen serbischen Instanzen aufnehmen ließ, um selbst in situ, „auf dem illyrischen Kriegsschauplatz“ mit dem Spaten auf die Suche zu gehen. In „die Quere kommen“ konnte ihm dabei lediglich Nikola Vulić, der dieselbe Intention hatte: „On se demande où se trouvait l`habitat de ces Illyriens, – disons de ses princes, car ils furent fort riches, pour avoir été enterrés avec tant d’objets précieux.“297 Doch keiner der beiden konnte den Wettstreit um die Auffindung der Illyrerburg zunächst für sich entscheiden.298
Die Suche nach Belegen für die illyrische Wanderung hingegen schien sich einem erfolgreichen Ende zuzuneigen. Der österreichische Archäologe Fritz Schachermeyr (1895–1987), der 1943 und 1944 Reiswitz in Belgrad besuchen würde, schrieb 1939: „In der Wanderungszeit zwischen 1200 und 1000 [v. Chr.] werden dann weitere nichtgriechische Indogermanen nach Hellas gekommen sein, vor allem Illyrer …“299
Und kaum vier Monate nach Aufnahme seiner Kunstschutztätigkeit in Serbien, die auch die Auswertung bisheriger archäologischer Grabungen und Inventarisierung von Fundstücken umfassen sollte, schrieb der Geschäftsführer des SS-Ahnenerbe Wolfram Sievers (1905–1948) an seinen Vorgesetzten, den Reichsführer SS Heinrich Himmler (1900–1945), die bisherigen Arbeiten Reiswitz’ lobend kommentierend: „Soweit sich bisher überblicken lasse, seien die hier gemachten Funde von entscheidender Bedeutung für den Nachweis der Nord-Süd-Wanderung der Griechen und Illyrer und für die Klärung der ursprünglichen Besiedlung des Balkans überhaupt.“300
Reiswitz frühe Hinwendung zum Ohridsee ist also zurückzuführen auf sein Interesse an der Frage, ob die These des ex septentrione lux zutraf. Bei der Beweisführung spielten die Illyrer eine zentrale Rolle, deren Zug von Mitteleuropa nach dem Balkan nachzuweisen war. Reiswitz gab in diesem Zusammenhang den politisch weniger vorbelasteten Thesen Schuchhardts klar den Vorzug – Kossinna wurde von ihm mit keinem Wort erwähnt, weder in seiner späteren dienstlichen, noch der privaten Korrespondenz. Seine nach der dritten Balkanreise begonnene, aber nie vollendete, auf mehrere Bände angelegte Geschichte des Balkans nannte er intern stets sein „Illyrikon“. Und in Belgrad sollte er dann schließlich einem leibhaftigen Illyrer begegnen. Am 24.07.42 kam er von einer Dienstreise zurück und suchte am Schiffsanleger in Belgrad nach einem Kofferträger, der sein Gepäck in Richtung Terazije [Straße im Stadtzentrum] bringen sollte. Seiner Frau schrieb er einen Tag später, wer diesen Dienst für ihn verrichtete: „ein strohblonder Bub mit blauen Augen, dessen Eltern die lieben Kroaten umgebracht hatten und der zu Fuß hierher geflüchtet ist, … ein echter kleiner Illyrer aus Dalmatien.“
2.3. Netzwerkbildung und die zweite Jugoslawienreise 1928
Von April bis Dezember 1928 hielt sich Reiswitz in Jugoslawien auf. Kurz vor seiner Abreise eröffnete sich allerdings die Gelegenheit, seine seit 1924 vornehmlich autodidaktisch erworbenen Südslawienkenntisse in ein konkretes Beschäftigungsverhältnis umzumünzen. Eine Bekannte seiner Mutter aus Schlesien, die Baronin Ruth von Rother, wies Reiswitz am 15.04.1928 auf eine frei gewordene Assistentenstelle am zehn Jahre zuvor gegründeten Breslauer Osteuropa-Institut hin.301 Die Baronin, eine geborene von Schweinitz und Ehefrau des Rittergutsbesitzers und Verwaltungsbeamten Willy von Rother, hatte bereits mit dem Wirtschaftswissenschaftler Albert Hermann Hesse (1876–1965) gesprochen, der das dortige Institut von 1921 bis 1933 leitete.302 Die Stellung sei zwar „nicht glänzend dotiert“, doch könne sie Reiswitz als „Sprungbrett für die Zukunft“ dienen.
Zehn Tage später bewarb sich Reiswitz dann tatsächlich bei Hesse. Er verwies auf seine 1922 „mit 23 Jahren“ abgeschlossene Promotion und seinen Wunsch, sich mit einer Arbeit über südslawische Geschichte „möglichst bald“ zu habilitieren. Um seine Vorkenntnisse in Sachen Nationalökonomie hervorzustreichen, erwähnte er seine sechsmonatige Handelskammertätigkeit. Die hilfreiche Baronin hatte Reiswitz bereits wissen lassen, dass er „eine der slawischen Sprachen vollkommen beherrschen müsse.“ Diesen wunden Punkt ging er in seinem Bewerbungsbrief recht geschickt an. „Was die slawischen Sprachen betrifft, so befinde ich mich z.Z. auf einer für mehrere Monate berechneten Reise nach Südslawien, um in erster Linie Serbo-Kroatisch fliessend sprechen zu lernen. Da mir das Erlernen von Sprachen nicht schwer fällt, glaube ich, jede slawische Sprache, auf die das Ost-Europa-Institut wert legt, in relativ kurzer Zeit bewältigen zu können.“ Er kündigte schließlich noch an, von Belgrad aus, wo er am 01.05. eintreffen würde, einen ausführlichen Lebenslauf zu schicken, falls er für die Stelle in Frage kommen sollte. Offensichtlich jedoch hatte die Bewerbung keinen Erfolg.
Um die Reisekosten niedrig zu halten hatte sich Reiswitz bemüht, einen Freifahrtschein zu erhalten. Am 14.04.28 machte ihm aber die jugoslawische Gesandtschaft in Berlin wenig Hoffnung auf einen positiven Bescheid, woraufhin Reiswitz sich einen Tag später launig, aber resigniert dem „dankenswerten Pessimismus“ anschloss, aber angab, noch bis zum 22.04. in München erreichbar zu sein.
Aus einem Brief an „Onkel Ernst“303, den Onkel mütterlicherseits seiner Ehefrau, vom 13.05.28 geht hervor, dass Reiswitz um den 30.04. in Belgrad ankam: „Es ist hier unglaublich interessant. Belgrad ist eigentlich noch gar nicht da, sondern es wird noch gebaut. Ein großes türkisches Dorf erhält Asphalt und Zement-Straßen … Gearbeitet wird fleißig und man hat durchaus das Gefühl in einem aufsteigenden Staate zu sein.“ Nebenher versuchte er, größere Aufträge für die Firma Leitz zu akquirieren, was er „neben Archeologie [sic] u. Historie … als kleinen Ausgleich gegen Töpfe und Urkunden“ betrachtete.
Am 26.05.28 antwortete Reiswitz nicht „Onkel Ernst“, sondern Henri Dumur, der erste Prokurist der Ernst-Leitz-Werke und Großneffe des Firmengründers Ernst Leitz I. (1843–1920). Er begrüßte Reiswitz’ geschäftliches Engagement und erwähnte seine eigene Balkanerfahrung: „Es tut einem als Westeuropäer nur leid zu sehen, wie sehr diese Bevölkerungen durch die wiederholten Kriege heruntergekommen sind; es wird lange dauern, bis sie sich wieder erholt haben, und beim Anblick dieser Verhältnisse empfindet man erst, wie schwer es sein wird, auch nur ein wenig in der Vereinheitlichung von Europa vorwärts zu kommen, denn die Unterschiede sind auf jedem Gebiet doch zu krass.“
Beobachtungen dieser Art, besonders bezogen auf die Denkmalpflege, sollte Reiswitz bald selber machen. Zunächst aber logierte er in Belgrad im Hotel Moskau und war bester Laune: „… in gerade 14 Tagen Belgrad habe ich für meine Arbeiten so viel gewonnen, dass ich jetzt schon eine kleine Reise nach Makedonien machen kann. Morgen geht es los.“ Um welche „Arbeiten“ handelte es sich?
Im Jahre 1925 hatte Reiswitz in Berlin Aleksandar Horovic kennengelernt, der dort Chemie studierte und als Vertreter der serbischen Studenten fungierte304. Zunächst war Horovic lediglich Reiswitz’ Serbischlehrer und half ihm, Kontakte unter den in Berlin studierenden Jugoslawen zu knüpfen. Am 13.03.28 informierte Horovic, aus Belgrad schreibend, Reiswitz darüber, dass er in Sachen der „Obrenović Akten“ schlechte Neuigkeiten habe. Offensichtlich hatte Reiswitz Horovic gebeten herauszufinden, ob und wie man Zugang zu Archivalien bekommen könne, die die Regierungsjahre des Fürsten und späteren Königs Milan Obrenović betreffen, welcher von 1868 bis 1889 herrschte. Reiswitz’ Interesse an Milan fokussierte sich natürlich auf die preußischserbischen Beziehungen in jenen Jahren. Horovic ließ Reiswitz wissen, dass die serbischen Archive nach dem Weltkrieg generell „in ziemlicher Unordnung“ seien, dass das serbische Außenministerium „kein Interesse“ daran habe, „die Obrenović-Akten in Ordnung zu bringen“ und kam schließlich auf das besonders „Unangenehme“ zu sprechen, nämlich, dass „niemand die Erlaubnis bekommt Akten des Archivs“ einzusehen. Er warnte Reiswitz auch, dass die Akten ausschließlich in serbischer Sprache abgefasst seien.
Doch neun Tage später hatte sich die Lage gewandelt. Am 22.03.28 schrieb Horovic, dass er mittlerweile von „ganz zuverlässiger Stelle“ erfahren habe, dass lediglich ein Bittgesuch zu stellen sei, dann könnten die Akten eingesehen werden. Die Akten ab 1870 befänden sich im Außenministerium, die älteren Bestände im Staatsarchiv. Reiswitz konnte also zuversichtlich sein, zumal die Direktoren beider Einrichtungen ja bereits „Bekannte“ geworden waren.
Und so schrieb er auch am 14./15.05.28 an Wendel, dass es bald „an die Arbeit in den serbischen Büchern und Archiven gehen“ könne, „bei der Slobodan Jovanović und Stanoje Stanojević mich besonders unterstützen wollen. Ich denke, dass ich über die Außenpolitik König Milans arbeiten werde, so haben Slobodan Jovanović und ich uns jedenfalls bisher besprochen.“
Über Niš, wo er sich lediglich einen Tag aufhielt, reiste Reiswitz zunächst nach Skopje, wo er immerhin 36 Stunden veweilte305 und durch Vermittlung des „Politika“-Journalisten Budimir Grahovac den Direktor des dortigen Hygienischen Instituts, Dr. Milivoj Rankov, kennenlernte. Bis Skopje war Reiswitz mit der Bahn gefahren, nun ging es im Auto weiter, zusammen mit „fünf Geschäftsreisenden, in Shell-Oil, Garn, Papier und Bürsten“, wie er am 02.06.28 an Dumur schrieb.
Die Hauptaufgabe des Hygienischen Instituts bestand im Kampf gegen die Malaria. Zu diesem Zweck wurden in Makedonien seit 1925 Gesundheitszentren (zdravstvene stanice) eingerichtet, von denen sich unter anderem eine in Ohrid und eine im benachbarten Struga befand.306 Dort hielt sich Reiswitz vom 19.05. bis 24.06.1928 auf. Seine Frau Erna, „Böckschen“, traf am 25.05. ein, nach langer und umständlicher Anreise aus Wien, die letzte Etappe mit der „kleinen und wackeligen Feldbahn“ zurücklegend, welche Ohrid als „einziger Strang mit der Kultur-Welt verbindet.“307 Bereits am 21.05. bedankte er sich bei Rankov, dass er nach den „Wanzen-Nächten“, die er in Niš und Skopje verbrachte, nun „wohlversorgt u. wohlgeborgen in Ihrer Malaria Station“308 aufgenommen worden sei. So werde es ihm ermöglicht, „viel mehr von Makedonien zu haben u. weit besser arbeiten zu können“.
Die „Arbeit“ bestand zunächst vornehmlich aus dem Erlernen der Landessprache in örtlichen Cafés, wobei auf Familienfotos mehrfach die Kafana „Jugoslavija“ abgebildet ist.309
Einen Monat später, am 21.06.28, wandte sich Reiswitz erneut an Rankov und hob hervor, dass er statt zwei bis drei Wochen, wie ursprünglich vorgesehen, nun ganze fünf Wochen in Ohrid verbracht habe. Als Grund gab er an, dass ihn die „Pazifizierung Makedoniens durch die Hygiene“ eingehend interessiere. Doch dies war sicherlich nicht der Hauptgrund für seinen verlängerten Aufenthalt in Ohrid. In einem undatierten Briefentwurf an den Vater seines Freundes Horovic legte Reiswitz dar, dass ihn „in diesen ersten 14 Tagen“ seines Ohridaufenthaltes „die vielen archeologischen [sic] Fundstellen u. die Pazifierung Makedoniens durch die Hygiene“ am meisten interessiert haben. Mittlerweile war auch Böckschen eingetroffen, sodass ihn seine „tapfere junge Frau“ nun auf die für die nächsten zwei Wochen geplanten vier „größeren Exkursionen“ begleiten konnte.
An Dumur schrieb Reiswitz am 02.06.28 über die „unglaubliche Menge alter Kulturdenkmäler, deren Ursprung auf bulgarisch oder serbisch zu prüfen ist.“ Dies sei ihm wichtig für die Einleitung zu seiner Übersetzung des „schrecklich dicken geographisch-ethnischen“ Buches, welches nun endlich erscheinen solle. Gemeint ist natürlich die Péninsule Balkanique.
In einer dreiseitigen, handschriftlich verfassten chronologischen „Zusammenschau“ seines Ohridengagements, die von 1928 bis 1931 reicht, äußerte sich Reiswitz zu Beginn, bezogen auf 1928, wie folgt: „Ich bereise Südslawien. Finde überall Denkmäler u. keine Denkmalforschung. Will der Geschichte dies Material zugänglich machen und erhalten. Will unseren Deutschen diese Möglichkeiten erschließen. Am besten gefällt mir Gradište“.310
Mit „unseren Deutschen“ meinte er das Deutsche Archäologische Institut. Klar zu erkennen ist seine Zielsetzung. Die Altertümer sollten für alle Zukunft gesichert werden, die wissenschaftlich praktische Arbeit sollte in Zusammenarbeit mit deutschen Experten erfolgen, sodass sich ein gemeinsamer deutsch-südslawischer Nutzen ergab.
Im Mai 1928 hatte Reiswitz in Belgrad auf Vermittlung Wendels Vladimir Petković kennengelernt, den Direktor des seit 1923 der Öffentlichkeit zugänglichen Nationalmuseums in Belgrad. Ein knappes Jahr später begegnete Reiswitz Petković erneut, diesmal in Berlin, wo dieser an der Hundertjahrfeier des Deutschen Archäologischen Instituts vom 21.–25.04.29 teilnahm.311 Reiswitz fasste sein Gespräch später in einem sechsseitigen „Mündlichen Bericht an die Adresse des Herrn Professor Dr. Vl. Petković“ zusammen. Dort heißt es: „Etwa 3 km westlich von Ohrid, nördlich der Straße von Ohrid nach Struga, befindet sich ein Berg, im Volk ‚Gradište‘ genannt. Dieser Name fiel mir auf. Ich erfuhr von meinem Freunde Jovančić, Professor312 am Gymnasium in Ohrida, dass die Sage gehe, hier habe das alte Ohrid gestanden.“313 Da das Gebiet von Ohrid in der Antike von Illyrern besiedelt war, könnte es sich also bei Gradište um eine Illyrerstätte handeln? Reiswitz fuhr fort: „Er [Jovančić] selbst sei wohl einmal mit seinen Schüler da gewesen und sie hätten versucht die Steine aus einem Brunnen der sich auf der Kuppe dieses Berges befinde, herauszunehmen, da die Sage ginge, in diesem Brunne läge ein Schatz, – aber außer einigen belanglosen Mauerresten sei nichts zu entdecken gewesen.“ Wer war dieser Gymnasiallehrer, welcher Reiswitz den Hinweis auf Gradište gab?
Jovančić wurde 1893 im Banater Dorf Izbischte unweit der Stadt Werschetz314 geboren, wo er auch die Grundschule besuchte. Seine Reifeprüfung bestand er in Neusatz im Jahre 1912. Nachdem er ein Jahr in Budapest Medizin studiert hatte, schrieb er sich 1914 in Wien im Fach Philosophie ein. Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde er wegen großserbischer Propaganda, „to jest zbog pevanja pesama koje slave srpski narod i podstiču ga na borbu protiv Austrougara“315 („das heißt wegen des Absingens von Liedern, die das serbische Volk feiern und es zum Kampf gegen die Österreich-Ungarn auffordern“), in Haft genommen, aus welcher er erst im September 1915 entlassen wurde. Kurz danach wurde er zur ungarischen Armee eingezogen und kam in Galizien zum Einsatz. Im Frühjahr 1916 geriet er in russische Gefangenschaft und wurde nach Kiew verbracht. Im Juni desselben Jahres wechselte er die Seiten und trat einer in Odessa aufgestellten serbischen Freiwilligenformation bei, mit der er bis 1919 unter anderem in der Dobrudscha zum Einsatz kam. Nach der Oktoberrevolution gelangte er über Sibirien und die Mandschurei nach Korfu. Nach Kriegsende ging Jovančić auf Kosten der serbischen Regierung nach Frankreich, wo er in Grenoble 1922 sein erstes Staatsexamen in den Fächern Chemie, Botanik und Zoologie ablegte. Nach seiner Rückkehr auf den Balkan im selben Jahr arbeitete er zunächst als Referendar und nach dem Bestehen der Staatsprüfung im September 1928 als Lehrer am Ohrider Gymnasium. In Ohrid gründete er ein Jahr später den Gesangsverein „Biljana“, für welchen er auch eigene Stücke komponierte. Auch seine Frau Bosiljka unterrichte am Ohrider Gymnasium die Fächer Zeichnen und Schönschrift. Sie wurde allerdings 1928 von ihrem Direktor getadelt „zbog nedovoličnog ponašanja“ („wegen unangemessenen Verhaltens“). Auch Jovančić selbst fiel in Ungnade, weswegen er 1929 nach Belgrad wechselte, um an einer Jungenschule zu arbeiten.316 Im Jahre 1933 veröffentlichte er eine Monographie über die Urgeschichte des Menschen.317 Nach dem deutschen Angriff auf Jugoslawien wurde Jovančić eingezogen, geriet aber am 13. April 1941 in italienische Kriegsgefangenschaft.318 Erst im Juni 1945 kehrte er nach Belgrad zurück, wo er seine schulische und später auch universitäre Lehrtätigkeit wiederaufnahm. Im Jahre 1960 promovierte er im Fach Biologie und wurde im selben Jahr pensioniert. Er verstarb kinderlos 1977 in Belgrad.
Zurück ins Jahr 1928. Reiswitz ließ sich von Jovančić Gradište persönlich zeigen und machte mehrere Fotos. Diese Fotos zeigen Mauerreste, die Reiswitz „mit 90%tiger Sicherheit [auf] eine archaische Siedlung mit Resten von Zyklopenmauern“ schließen ließen. Die Lage des Ortes in Zusammenhang mit den Arbeiten von Filow brachten ihn dazu, den Schluss zu ziehen, dass „ein systhematisches Nachgraben … zu sehr interessanten und wichtigen Ergebnissen führen müsste.“
Doch wies Reiswitz Petković darauf hin, dass dieses Fazit vertraulich zu behandeln sein: „Denn Sie und ich haben uns darüber geeinigt, dass die Durchforschung der Umgebung des Ohrid Sees … für eine Deutsche Koncession nach Möglichkeit gewonnen werden soll.“
Neben Gradište hatte Reiswitz 1928, so ist dem „Mündlichen Bericht“ zu entnehmen, bereits andere Altertümer in und um Ohrid „durchforscht“. Zunächst war ihm aufgefallen, dass es keinerlei Inventar der geistlichen Bauwerke am Ohridsee gab. Auch der Reiseschriftstellerin Rebecca West (1892–1983) war der schlechte Zustand der Sakralbauten in Ohrid aufgefallen: „Almost every Orthodox church looks as if the removal men have been at work on it, and that they have been inefficient.“319 Dies hatte, so Reiswitz, zur Folge, dass immer mehr Kunstwerke „durch Barbarei der Geistlichkeit oder Unachtsamkeit zerstört werden.“ Und für Ersteres bot er Petković auch ein konkretes Beispiel.
In der Nähe der Bahnstation Podmolje, nördlich von Ohrid, befand sich laut Reiswitz nicht weit von einem kleinen Bauernhof ein im Juni 1928 „frisch eingefasster“ Brunnen. Bei den Ausschachtungsarbeiten hatten die Bauern fast zwei Meter hohe Mauerreste entdeckt, dazu Dachziegel und einen „noch gut erhaltenen Altar“, ferner Scherben, Nägel, Brandschutt und ein „unbestattetes Skelett“. Reiswitz schloss daraus, dass es sich um eine Kapelle gehandelt haben musste, die vielleicht bei einem plötzlichen Überfall niedergebrannt worden war. Wäre ein Fachmann hinzugezogen worden, hätte man bestimmt auf weitere „Überraschungen“ stoßen können. Aber niemand anderes als der „Erzbischof“ selbst hatte für „eine rasche Zerstörung der Reste gesorgt“. Bei diesem Kleriker handelte es sich um Nikolaj Velimirović (1881–1956), der seit 1921 sein Amt in Ohrid bekleidete. Er hatte in der Schweiz und in England studiert, wandte sich aber nach dem Ersten Weltkrieg vom Westen ab. Einige Jahre nach Reiswitz lernte auch Rebecca West Bischof Nikolaj kennen: „He struck me … as the most remarkable human being I have ever met, not because he was wise or good … but because he was the supreme magician.“320 Bis heute ist Nikolaj unter anderem wegen vermeintlicher antisemitischer Äußerungen und seiner Nähe zu autoritären Regimen sehr umstritten: „In his post-1920 literary output, Velimirovic frequently invoked the image of Jews as murderers of Christ and a satanic people who betrayed God.“321
Für Reiswitz war der Bischof allerdings weniger ein Verräter Gottes als ein Verräter am Denkmalschutz. Nikolaj, so Reiswitz, „fände diese Sorge überflüssig, denn es gäbe um Ochrida herum noch so viele Kapellen und Kirchen, dass es auf eine mehr oder weniger nicht ankäme. Im übrigen wisse er, was seine Bauern wollten und das wäre: eine neue Kirche an Stelle der alten.“
Und so geschah es laut Reiswitz, dass die alte Kirche vollends dem Brunnenbau zum Opfer fiel, sodass nunmehr eine Ziegenherde allabendlich „fröhlich über die letzte Mauerreste“ setzte, während die Bauern begonnen hatten „oben am Berge“ eine neue Kapelle zu bauen, „um vom Bischof belobt zu werden“.322
Ein historisches Denkmal war für immer verloren gegangen, ohne jegliche Dokumentation. Lediglich in der mündlichen Überlieferung lebte die Kapelle fort. Eine alte Frau erzählte Reiswitz, dass die Kapelle „Sveti Nikola“ hieße und durch die Türken zerstört worden sei. Ihre Großmutter wiederum habe ihr erzählt, dass die Umgebung der Kapelle einst so dicht besiedelt gewesen sei, dass „an einem Tage 99 Hochzeiten gefeiert wurden.“ Natürlich war sich Reiswitz im Klaren, dass dieses wohl übetriebene Zahlen waren, doch betonte er, dass auch bei einem Wahrheitsgehalt von nur zehn Prozent solche oralen Überlieferungen „eine Fülle von Aufschlüssen und Fingerzeigen zu geben vermögen.“ Derartige Hinweise aus der Bevölkerung müssten systematisch verfolgt und dokumentiert werden, da sonst in wenigen Jahren alles „versiegt“ sein würde.
Mit dieser hellsichtigen Bemerkung kann Reiswitz als Vordenker des klassischen Philologen Milman Parry (1902–1935) gelten, der von 1933 bis zu seinem tragischen Unfalltod323 Jugoslawien bereiste und dort die Texte von fast 13.000 Volksliedern in achthundert Notizbüchern sammelte, welche er später der Harvard Universität hinterließ.324
Doch Reiswitz’ Bericht über die den Ziegen überlassene Kirche blieb nicht ohne Wirkung. Am 01.02.1930 berichtete die Zeitung „Vreme“ über die von der orthodoxen Kirche mitverursachte Vernichtung von Kulturdenkmälern am Ohridsee. Dazu zitiert wurde ausführlich Petković, der mit einigen konkreten Beispielen aufwartete. Er erwähnte eine persönliche Zusammenkunft mit einem „angesehenen Deutschen“ in Berlin, welcher ihn auf eine „zufällig gefundene Kirche bei Podmolje“ hingewiesen habe, welche von Bauern ausgegraben wurde, die die Genehmigung dazu von ihrem Bischof bekommen hätten. Obwohl Petković Reiswitz namentlich nicht erwähnt, steht außer Frage, dass er sich hier auf eben diesen berief.325 Daraufhin wandte sich am 06.02. das Büro des Bischofs an die Redaktion von „Vreme“ mit einer Richtigstellung, welche das Blatt in seiner Ausgabe vm 10.02.30 veröffentlichte. Darin hieß es, dass der Bischof keineswegs seine Erlaubnis zur Ausgrabung der Kapelle gegeben habe, sondern dass die Bauern beim Brunnenbau zufällig auf deren Mauern gestoßen seien und dann weitergegraben hätten.326
Neben der Kapelle Sveti Nikola erwähnte der besorgte Reiswitz dann Petković gegenüber noch zwei Marmorreliefs, die herrenlos im Glockenturm der Sveti-Kliment-Kirche herumstünden,327 und ein großes Fußbodenmosaik, welches neben einer Kirche im Ort Veleste, „unter dem Mist“ eines Bauerhofes, dem Verfall preisgegeben sei. Ferner wies er darauf hin, dass die Befestigungsmauern von Ohrid und die darin eingelassenen Einzelbauwerke weitgehend unerforscht seien und sich in großer Gefahr befänden, da einerseits bereits die Besitzer von fast hundert Wohnhäusern sich mit Steinen der Samuelsfestung als willkommenes Baumaterial eingedeckt hätten. Andererseits drohe durch die seitens der Ohrider Stadtverwaltung geplante Anlegung einer weitläufigen Parkanlage die Zerstörung vieler Altertümer. In diesem Zusammenhang verwies er auf das Beispiel der altmakedonischen Stadt Heracleia Lynkestis bei Bitola, wo ein Park mit „Restaurationsbetrieb … und mit Psevaptici [sic]“ eine „der wichtigsten Siedlungen der ausgehenden Antike … ohne jede Durchforschung zum weitaus größten Teil restlos vernichtet“ wurde.
Ende Juni 1928 verließ das Ehepaar Reiswitz Ohrid und blieb zunächst drei Tage in Bitola. Vom 28.–30.06. besuchten die beiden zusammen Thessaloniki, und vom 02.–05.07. stand Athen auf dem Programm. Dort trennten sich die Wege, da Böckschen direkt über Dubrovnik nach Sarajevo reiste, während Reiswitz erst nach Belgrad zurückkehrte, um dann Mitte August selbst in Sarajevo einzutreffen.
Der Reiswitz’sche Jugoslawienaufenthalt 1928 ist im Nachlass reich mit Fotos belegt. Den Motiven und vereinzelt auf der Rückseite angebrachten Angaben ist zu entnehmen, dass u.a. Dubrovnik, Trebinje, Kotor und Mostar – nebst der nahe gelegenen Bunaquelle in Blagaj mit dem dort befindlichen Derwisch-Kloster – besucht wurden. Auf einigen der Ablichtungen sind Bogumilengräber erkennbar. Die meisten Bilder zeigen aber Szenen aus Sarajevo, so zum Beispiel Menschen beim Straßenfest zu Anlass des orthodoxen Kirchenfestes Mariä Geburt im September.
Kurz zuvor hatte ein gemeinsamer Autoausflug mit Wendel stattgefunden, welcher auch auf einigen der Fotos abgelichtet ist. Am 22.08.1928, aus Sarajevo schreibend, bedankte sich Reiswitz bei Wendel für die „Auto-Einladung“, die „mitten in der Sarajevo-Zeit als die grosse und angenehme Unterbrechung sitzt.“ Reiswitz sprach von einer „unglaublich schönen Fahrt“ und kündigte an, dass er Wendel „ein paar recht gut geglückte Aufnahmen zuschicken“ werde.
Im selben Brief erwähnte Reiswitz, dass ihn auch der pensionierte General Friedrich von Taysen (1866–1940) in Sarajevo besucht habe: „Wir tranken einen Abend lang kernigen Rotwein“. Taysen hatte ein Jahr zuvor eine Schrift unter dem Titel „Das jugoslawische Problem“ herausgebracht, in welcher er auch Wendel nannte, genauer gesagt dessen Übersetzung des Buches von Stanojević über das Attentat von Sarajevo.328 Taysens 120 Seiten schmaler Band wurde positiv besprochen von Kurt von Regenauer (1888–1945), der zu dieser Zeit als Archivrat (höherer Dienst) im Reichsarchiv in Potsdam tätig war und als Balkanexperte galt, und von Mai 1941 bis Dezember 1943 in Belgrad als Beauftragter des Chefs der Heeresarchive für den Südosten329 dienstlichen Kontakt mit Reiswitz als Kunstschützer pflegen sollte: „Das für weitere Kreise bestimmte Buch ist von überragender neutraler Warte geschrieben“.330 Taysen meldete sich bei Reiswitz am 09.10.28, von Belgrad aus postlagernd an das deutsche Konsulat in Sarajevo schreibend. Er teilte Reiswitz mit, dass seine Frau und er von Sarajevo aus nicht wie geplant nach Ohrid gefahren waren, sondern zunächst Skopje besuchten, wo sie „wanzenfrei“ auf Reiswitz’ Empfehlung im Hotel Bristol übernachteten, um dann das Amselfeld zu besichtigen, wo der General a.D. „die Bataille von 1389 studierte“.
In Sarajevo ist davon auszugehen, dass sich Böckschen und Reiswitz mit der bekannten Bildhauerin Iva Despić (1890–1961) trafen. Reiswitz selbst hatte Despić bereits 1924 in ihrem Atelier kennengelernt.331 Sie war die Tochter des österreich-ungarischen Generals Julius Simonović und in Agram aufgewachsen. Einem Brief Reiswitz’ an Böckschen nach aus dem Jahre 1929 hatte Iva als „ganz junges Mädchen jahrelang dem gefangenen Pribicevic332 Essen ins Gefängnis geschmuggelt“. Im Jahr 1920 heiratete sie den Sarajever Unternehmer Aca Despić und zog nach Sarajevo.333 Aus zwei Briefen Reiswitz’ nach der Beendigung seines Sarajevoaufenthaltes 1928 an Iva Despić geht die enge Beziehung hervor. Er erkundigte sich nach ihren Kindern, ihrem Ehemann und der Katze und dachte mit Freuden an die „letzten Besuche abends, während der Corso-Zeit“ zurück, als man gemeinsam „auf eine Cigarette, einen Café“ ging. In diesem Brief erwähnte Reiswitz auch einen gemeinsamen Freund: Slobodan Jovanović, „für mich den liebenswürdigsten aller Südslawen“, dessen Grüße er Despić übermittelte. Anfang Januar 1930 schrieb Reiswitz erneut an Despić, diesmal von Pasing aus, „mitten im schönsten Weihnachtsschnee“. Er führte an, dass er in Belgrad alles erreichte, was er sich vorgenommen hatte, und teilte ihr mit, dass er „in Südslawien heute einige wirklich gute Freunde“ habe.
Die Freundschaft zwischen Iva Despić und dem Ehepaar Reiswitz blieb erhalten. Am 13.05.1932 schrieb sie an Reiswitz und bat ihn, sie doch in Sarajevo zu besuchen, wo sie sich im Stadtteil Vasin Han „ein kleines Häuschen“ gebaut habe „mit einem ziemlich großen Atelier.“ Auf ihrer Jugoslawienreise 1928 wohnte das Ehepaar Reiswitz in der osmanischen Villa der Despić, mitten im Herzen Sarajevos. Heute ist in dem Anwesen das bosnische Literatur- und Theatermuseum untergebracht. Auf einer zeitgenössischen Fotografie des Hauses im Nachlass hat Reiswitz „unser Apartement“ mit einem Kreuz gekennzeichnet. Ein Jahr später, am 11.12.33, schlug Reiswitz in einem Brief an seine Frau vor, Iva über Weihnachten auf den Oedhof ins Chiemgau einzuladen.
Kurz vor Kriegsausbruch mit Jugoslawien dann änderte sich die Lage. Im Frühjahr 1941 war Reiswitz besorgt um Iva: „Wenn wir blos nicht über Südslawien herfallen.“ Am 14.07.41 schrieb er, dass er „viel an Iva“ denken musste. Zwei Wochen später war er immer noch ohne Nachricht aus Sarajevo. Am 22.09.41 richtete Iva Despić ein Hilfeersuchen an Böckschen. Sie erwähnte das „grosse Unglück“, das sie heimgesucht habe. Unter anderem nannte sie den Krieg, der für sie ein „vollkommenes Debakel“ sei. In ihrem Haus seien 70 Evakuierte. „Wir sind nicht sicher für unser Leben, die Serben sind dauernd verfolgt, maltretiert wie die Juden.“ Dieser Brief erreichte Reiswitz in Belgrad und er entschied, sofort zu handeln. Am 20.12.41 bat er den SS-Sturmbannführer und Zahnarzt Dr. Ernst Weinmann (1907–1947334) herauszufinden, ob die Freundin noch am Leben ist und ob die „Möglichkeit besteht, sie aus Kroatien herauszubringen. Und weiter ob besser ins Reich oder nach Serbien“. Weinmann antwortete am 12.01.42 und teilte Reiswitz mit, dass sich Despić in Sarajevo aufhielte, allerdings „wenig Lust“ zeige, Sarajevo zu verlassen. Darüber war Reiswitz etwas pikiert und schrieb am 25.03.42 an Böckschen, dass er nichts weiter unternehmen könne, „wenn sie selbst nichts tun will, sondern gottergeben jammert“. Am 29.06.42 informierte er Iva Despić dann aber darüber, dass sie jederzeit zu seiner Frau in den Chiemgau kommen könne. Er bot auch die Hilfe seiner Dienststelle für eine Übersiedlung an. Am 31.03.43 teilte er Böckschen wieder mit, dass er „an Iva Despić in Sarajevo denke … aber bisher noch niemanden finden konnte, der hinfuhr.“ Zwei Monate später erreichte ihn dann endlich ein Brief von Iva vom 28.05.1943, den ihm ein Gefreiter Horst Reuther, der Despić in Sarajevo kennengelernt hatte, überbrachte. Sie äußerte darin lediglich knapp ihre Sorge um das Wohl von Böckschen, Reiswitz’ Sohn und Tilla Bethusy-Huc und ließ Reiswitz wissen, dass sie „am Lande“ lebe.
Dort hielt sie auch bis Kriegsende aus. Allerdings wurde sie im Juni 1945 als Royalistin verhaftet. Darauf hatte ironischerweise bereits Reiswitz in seiner Bitte an Weinmann hingewiesen, allerdings in diesem Fall, um seinen Einsatz für sie zu rechtfertigen: „Sie stand der königlichen Familie sehr nahe und hat ihren Einfluss stets im deutschfreundlichen Sinne geltend gemacht.“ Tatsächlich pflegte Iva Despić enge Beziehungen zum Königshaus, fertigte zum Beispiel eine Büste König Aleksandar Karađorđevićs an und erhielt von dessen Frau Marija einst eine Waggonladung Blumen für den Garten ihres 1931 errichteten „kleinen Häuschen“. Nach ihrer Entlassung aus der Untersuchungshaft arbeitete sie weiter, fertigte unter anderem eine Büste von Aleksa Šantić für die Stadt Mostar an, verstarb aber letzlich vergessen und verarmt in ihrem Atelier im Jahre 1961.335
In seinem ersten Brief an Iva Despić hatte Reiswitz die Zeit in Sarajevo von August bis November 1928 allerdings insgesamt negativ beurteilt: „In 14 Tagen Belgrad habe ich mehr erreicht und gelernt als in 2 Monaten Sarajevo“. In der Tat sind über diese Monate kaum Quellen im Nachlass vorhanden. Aus einem kurzen Briefwechsel mit dem Orientalisten Franz Babinger aus dem Dezember 1928 geht allerdings eine unangenehme Begebenheit hervor, die Reiswitz auf seine Tage in Sarajevo mit wenig Freude zurückschauen ließ. Kurz nach seiner Ankunft lernte er den Historiker und Schullehrer Hamdija Krešeljaković336 kennen, den er in einem Brief an den damaligen deutschen Konsul in Sararevo, Ernst von Druffel (1887–1961), der 1924 die Nachfolge Bethusy-Hucs angetreten hatte und bis 1932 in Bosnien wirkte, als einen „Bruder“ bezeichnete, dem er große Dankbarkeit schulde. Zur selben Zeit weilte Babinger kurzzeitig in Sarajevo, wo dessen Ehefrau mit Baron und Baronin von Reiswitz auf einem Familienfoto zu sehen ist.337 Scheinbar hatte Krešeljaković Bedenken, was ein Buch Babingers anbelangt. Er äußerte Reiswitz gegenüber den Verdacht, dass einige Passagen daraus aus einem türkischsprachigen Werk338 plagiiert worden seien. Reiswitz berichtete darüber wohl Babinger, welcher wiederum dafür sorgte, dass Krešeljaković Unannehmlichkeiten bekam, was wiederum Reiswitz verärgerte, da er selbst nun in den örtlichen Gelehrtenkreisen als nicht vertrauenswürdig galt. Dem Brief an Druffel ist aber zu entnehmen, dass sich die Wogen zunächst wieder glätteten.
Allerdings ist der Reiswitz-Babinger-Korrespondenz noch ein weiterer Vorgang zu entnehmen, der Anlass dazu geben konnte, dass Reiswitz seine Zeit in Sarajevo 1928 nicht in guter Erinnerung behielt. So übersandte Babinger am 19.12.28 Reiswitz die Abschrift eines Briefes, welchen Krešeljaković am 02.12.28 an den Präsidenten der kroatischen Akademie der Wissenschaften und Künste („Südslawische Akademie“), den Historiker und Byzantologen Gavro Manojlović (1856–1939), expediert hatte. Aus diesem Schreiben, welches offensichtlich Manojlović an Babinger in deutscher Übersetzung weitergeleitet hatte, reagierte Krešeljaković auf gewisse Vorwürfe, die Babinger in Korrespondenz mit Manojlović gegenüber Krešeljaković erhoben hatte. Manojlović hatte sich damit wohl an Krešeljaković gewandt. Diesen Vorwürfen zufolge habe Krešeljaković behauptet, „die südslawische Akademie sammle orientalische Handschriften nur scheinbar für sich, tatsächlich aber für Berlin.“ In diese Machenschaften sei Babinger verwickelt, da er die Handschriften unter Preis in Sarajevo erwerbe und mit Gewinn für sich selbst an die Akademie weiterveräußere, welche sie dann nach „Berlin“ abgebe. Welche deutsche Einrichtung sich hinter „Berlin“ versteckte, wird aus dem Brief nicht klar.
Krešeljaković gab gegenüber Manojlović an, dass der einzige, dem er über Babingers vermeintliche Machenschaften erzählt hatte, niemand anderes war als die Person, der er auch über Babingers angebliches Plagiat339 berichtete: Reiswitz.
Allerdings, so Krešeljaković, habe er Reiswitz gegenüber lediglich gesagt, dass Babinger die Schriften „billig erhalten“ habe, da der Anbieter sich „in sehr schwierigen materiellen Verhältnissen“ befinde. Er habe keineswegs Reiswitz gesagt, dass Babinger die Ware mit Profit weiterverkaufe: „Ein Universitätsprofessor ist darauf nicht angewiesen.“
Von wem aber hatte Babinger die Handschriften ursprünglich erworben? Es überrascht zunächst, dass es sich dabei laut Krešeljaković um den hochangesehenen und bibliophilen Orientalisten Safvet-beg Bašagić (1870–1934) handelte, welcher bis zu seiner Pensionierung 1927 als Kustos im Landesmuseum in Sarajevo gearbeitet hatte. Doch bereits 1926 verließ er – so zumindest schrieb Krešeljaković selbst in einem Nachruf auf den 1934 verstorbenen Bašagić340 – sein Bett nicht mehr, was wiederum eine Erklärung für dessen materielle Notlage sein könnte. Seine persönliche Bibliothek, welche sein Vater begonnen hatte, hatte er bereits an die Universität in Pressburg verkauft, wobei allein die Zahl der wertvollen Handschriften 266 betrug.341
Doch sei der Verkauf an Babinger – den „Handschriften-Acquisiteuer“342 – laut Krešeljaković nur ein Einzelfall gewesen, ohne dass System dahinterstecke, bosnisches Kulturerbe nach Deutschland zu schmuggeln. Dies könnten neben Bašagić selbst zwei weitere bekannte Intellektuelle aus Sarajevo bezeugen, der Büchersammler und Direktor der Zemaljska Banka, Aleksandar Poljanić (?–1948) und Vejsil Ćurčić, der bis 1924 auch als Kustos im Landesmuseum angestellt war, zehn Jahre später die Museumsleitung übernahm und bis 1945 ausübte.
Die Reiswitz gegenüber privatissime gemachten Anschuldigungen Krešeljakovićs an die Adresse Babingers, die letzterer, nachdem Reiswitz ihm davon unbedacht berichtet hatte, an Manojlović herangetragen hatte, führten bei Manojlović dazu, ein Exempel an Krešeljaković zu statuieren. 1929 wurde Krešeljaković an die bulgarische Grenze versetzt und ging 1932 aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand. Der Schlusssatz seines Briefes an Manojlović vom 02.12.28 hatte Krešeljaković also nicht retten können: „Die südslawische Akademie und die Agramer Universität sind für mich als Kroaten Heiligtum, denen gegenüber ich … mich nicht versündigt habe.“343
Reiswitz, auf der anderen Seite, war zunächst äußerst verstimmt wegen Babingers Indiskretion. Am 19.12.28 teilte er ihm brieflich mit, „dass Sie die Sache Kr. nun doch vor Manojlović brachten war nicht schön von Ihnen. Ich sagte Ihnen schon in Sarajevo, dass Sie mir damit riesig schaden würden“. Doch aus dem bereits erwähnten Brief Reiswitz’ an den Konsul von Druffel aus dem Jahre 1930 geht hervor, dass Babinger und Reiswitz sich schlussendlich versöhnten: „Babinger und ich haben uns in diesem Jahr seit Sarajevo oft gesehen, eigentlich sind wir sogar jetzt befreundet und jetzt, wo ich ihn besser kenne, weiss ich auch, dass er nicht der grobe Egoist ist, für den ich ihn früher gehalten habe“.
Ebenso wenig wie es die Quellenlage zulässt, die Verdachtsmomente in Bezug auf Babinger abschließend aufzuhellen, ebenso wenig Klarheit gibt es hinsichtlich einer möglichen Nebenerwerbsquelle für Reiswitz selbst im Zusammenhang mit dem Transfer von Kulturgut. In einem Briefentwurf an seinen Vetter Hans Kurd Freiherr von Reiswitz und Kaderžin (1878–1949)344 vom 10.12.28 erläuterte Reiswitz sein Vorhaben. So habe er einen Tag vor seiner Abreise nach Deutschland mit dem Kustos Miodrag Grbić die Vereinbarung getroffen, dass dieser dem Vetter Hans „alle Antiquitäten, die das Museum selbst nicht kaufen kann, da es nicht viel Geld hat“ zum „Einkaufpreise“ anbieten werde. Monatlich habe Grbić ursprünglich sogar zehn Kleinplastiken offeriert, doch Reiswitz hielt drei für realistischer. Was die „Gewinnbeteiligung“ anbelangt, so möge Hans Kurd darüber befinden. Im weiteren Verlauf des Briefes betonte Reiswitz, dass er darauf bestanden habe, dass der zweite Kustos des Museums, Jozo Petrović, dieser Vereinbarung zustimmen müsse. Inwieweit diese angedachte Geschäftsidee in die Tat umgesetzt wurde, ist fraglich, ebenso wie die Legalität des Vorhabens. Es ist jedoch mehr als unwahrscheinlich, dass Reiswitz etwas Derartiges eruiert hätte, wenn es, in welcher Form auch immer, juristisch fragwürdig gewesen wäre.
Neben Krešeljaković lernte Reiswitz auch Derviš M. Korkut (1888–1969) in Sarajevo kennen. Korkut sollte im Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle spielen im Zusammenhang mit der Rettung der mehr als 700 Jahre alten Haggadah von Sarajevo, einer ursprünglich aus Spanien stammenden jüdischen Handschrift, die Korkut 1942 dem deutschen Zugriff entzog, in dem er sie buchstäblich in letzter Minute aus dem Landesmuseum schmuggelte und bei einem Imam bis zum Kriegsende versteckte. Doch der muslimische Korkut rettete nicht nur ein jüdisches Buch, sondern auch ein jüdisches Mädchen, die Tochter eines verstorbenen Kollegen, Donkica Papo, die er in seinem eigenen Haus versteckte und als muslimisches Dienstmädchen ausgab.345 Für diese Tat wurde er 1994 zusammen mit seiner Ehefrau Servet von der Gedenkstätte Yad Vashem als einer der „Righteous Among the Nations“ anerkannt.346
Korkut übernahm 1921 die Funktion des Sektionschefs im jugoslawischen Kultusministerium, kündigte aber 1923, um in die Politik zu gehen als Generalsekretär der Muslimischen Partei (Jugoslovenska Muslimanska Narodna Organizacija). Doch am 05.03.1927 wechselte er wieder in den Staatsdienst als Bibliothekar am Landesmuseum.347
Reiswitz konsultierte Korkut offensichtlich im Kontext seiner Bogumilenrecherche. In einem Brief an Babinger vom 15.11.28 findet sich eine äußerst kryptische Passage: „Das Hasen-fell-Buch der Herren Korkut Vukovic Petronic348 stellte sich als eine der beliebten Wichtigkeitsblähungen heraus und hätte uns überdies beinahe einen noch einen Schwanz von Unannehmlichkeiten gebracht. Mit den Bogomilen hat es überhaupt nichts zu tun. Näheres mündlich.“ Einen Monat später erwähnte auch Babinger dieses mysteriöse Hasenfellbuch in seinem Brief an Reiswitz vom 11.12.28: „Ich bin mächtig gespannt, was Sie alles erzählen werden über das Hasenfell“.
Die zweite Erwähnung Korkuts erfolgte in Reiswitz’ Brief an Babinger vom 19.12.28. Augenscheinlich hatten Reiswitz und Korkut einen kameradschaftlichen Disput über die Erfindung des Luftschiffes: „Korkut behauptete mir gegenüber einmal, Graf Zeppelin hätte seine Erfindung von einem Kroaten namens Schwarz349. Ich erwiderte daraufhin, dass ich um Beweise bäte und ehe ich diese nicht hätte, nicht daran glauben würde.“
Schließlich erwähnte Reiswitz Korkut beiläufig noch einmal in einem Brief an Böckschen vom 25.07.29. Korkuts Visitenkarte hat sich im Nachlass erhalten, auf welcher sein Titel „Sektionschef “ durchgestrichen ist und handschriftlich „Kustos des bosn.-herz. Landesmuseums Sarajewo“ hinzugefügt wurde.
Während das Hasenfellbuch Reiswitz nicht weiterbrachte bei der Erforschung der Bogumilen, so lernte er 1928 zumindest eine weitere bedeutsame Person kennen, die ihm helfen konnte: Vladimir Ćorović (1885–1941). Der Historiker und „the last polyhistor“350 Ćorović stammte aus Mostar und hatte vor dem Ersten Weltkrieg im Landesmuseum von Sarajevo gearbeitet. Als Reiswitz seine Bekanntschaft machte, war er bereits Lehrstuhlinhaber in Belgrad. In seinem Brief an Babinger vom 15.11.28 urteilte Reiswitz wie folgt: „Was die Bogomilen betrifft, so habe ich in Corovic wirklich den Mann gefunden, den Sie schilderten und den ich brauche. Strotzend vor Lust an seiner Arbeit und in allem positiv … kommt er gleich in medias res und wird – überzeugt von der Wichtigkeit einer … Bogomilenbibliographie… alles tun, um mir Umwege zu ersparen.“ Ćorović ging in der Tat – allerdings erst in seinem opus magnum zwölf Jahre später – auf die Bogumilen in Bosnien ein.351
Wie sich die Bekanntschaft mit Ćorović entwickelte, ist nur bruchstückhaft überliefert. Am 29.03.36 schrieb Reiswitz an Böckschen, dass der Oldenbourg-Verlag seinen gerade veröffentlichten „Fahrplan“ – so der familieninterne Terminus für Reiswitz’ als Buch erschienene Habilitationsschrift – zur Rezension in Politika an Ćorović geschickt habe, obwohl Reiswitz als Politikarezensenten eigentlich seinen Freund, den Journalisten Predrag Milojević (1901–1999)352 vorgesehen hatte. Kurz darauf, am 30.04.36, meldete sich Ćorović in einem persönlichen, handgeschriebenen Brief bei Reiswitz: „Ich habe Ihr schönes Buch mit Dankbarkeit bekommen und schon gelesen. Das Buch ist höchst interessant und sehr gut. … Es wird uns sehr freuen, wenn Sie die nützliche Arbeit fortsetzen möchten; für weitere Ausgestaltung der deutsch-jugoslawischen Beziehungen werden solche Beiträge eine überaus fördernde Wirkung haben.“ Ćorovićs eigene historiographische Arbeit wurde allerdings im Jahre 1936 als für die Förderung der deutsch-jugoslawischen Beziehungen nicht unbedingt vorteilhaft angesehen. Woran lag das?
Sechs Jahre später, am 30.12.42, schrieb Reiswitz aus Belgrad, im 5. Stock des Deutschen Wissenschaftlichen Instituts (DWI) sitzend, an seine Mutter. Direkt vor ihm an der Wand waren Regale mit dem Bibliotheksbeständen von Ćorović angebracht. Nach seiner Flucht aus Belgrad und seinem fatalen Flugzeugabsturz über dem Berg Athos am 12.04.41 war Ćorovićs Buchbesitz konfisziert und ins DWI verbracht worden.353 Ćorović hatte sich, so Reiswitz, „leider als hochgradiger Freimaurer“ entpuppt, der „ins Ausland floh und dessen schöne Bibliothek wir infolgedessen als Feind-Bibliothek sichergestellt haben“.354 Allerdings ging es den deutschen Besatzern nicht vornehmlich um Ćorovićs bibliophile Schätze, sondern um sein 1936 fertiggestelltes Buch über die serbisch-österreichischen Beziehungen im 20. Jahrhundert355 und die dazugehörige Quellen- und Materialsammlung. In diesem Buch, dessen Auslieferung kurzfristig durch den jugoslawischen Ministerpräsidenten und Außenminister Milan Stojadinović (1888–1961) unterbunden worden war, identifizierte Ćorović Österreich-Ungarn als die alleinig schuldige Macht am Ersten Weltkrieg. Obwohl es sich bei Ćorovićs Werk um eine Auftragsarbeit der jugoslawischen Regierung aus dem Jahre 1930 handelte, mit der ursprünglichen Absicht zu belegen, dass Serbien unschuldig am Kriegsausbruch war, vermutete Stojadinović, dass diese Hauptthese Hitler vor den Kopf stoßen könnte. Die gesamte bereits gedruckte Auflage wurde einbehalten – was den jugoslawischen Steuerzahler 226.000 Dinar kostete.356
Reiswitz’ Brief an Babinger vom 15.11.28 gibt neben der Bogumilenthematik noch Aufschluss über eine Idee Reiswitz’ hinsichtlich der Verstärkung der zukünftigen deutsch-jugoslawischen wissenschaftlichen Zusammenarbeit. So schrieb er: „Endlich die Instituts Pläne. Hier habe ich gleichzeitig bei Slobodan Jovanović, Stanoje Stanojević und unserem Gesandten Köster357 die Fragen berührt; dasselbe will ich auch bei Šisić358 und Manojlović in Agram tun. Bisher waren alle sehr für den Gedanken eingenommen, hielten aber die Zeit noch nicht für reif. Näheres mündlich.“ In einem späteren Brief an Babinger vom 09.12.28 bezeichnete Reiswitz das für Berlin angeregte Institut als „Balkan-Institut“, ohne allerdings auf Einzelheiten einzugehen.
Der gewählte Terminus „Balkan-Institut“ erinnnert an das 1919 gegründete interdisziplinär arbeitende „Oriental Institute“ der Universität von Chicago. Für dieses Institut führte seit 1926 der deutsche Archäologe Hans Henning von der Osten (1899–1960) eine archäologische Bestandsaufnahme Anatoliens durch, bestehend aus vier großen Forschungsreisen in die Türkei, insbesondere, um das Volk der Hethiter zu erforschen: „A thousand questions arose … one of the most important being that of the racial connections of the groups of peoples commonly called ‘Hittites’. The fact that at least one of their languages was Indo-European in character connects them with our own ancestry and invests them with a peculiar interest for us“.359 Konnten die Hethiter in einer ähnlichen Rolle als Kulturbringer von West nach Ost gesehen werden, wie Schuchhardt die indogermanischen Illyrer als Brücke zwischen Nordeuropa und dem Balkan ansah?
In Reiswitz’ Tagebucheintrag vom 08.05.1929 ist ein Treffen von Reiswitz mit von der Osten in Berlin belegt. Doch wird dies nicht die einzige Zusammenkunft der beiden gewesen sein, was jedoch nicht verifizierbar ist, da die Tagebuchaufzeichnungen von Reiswitz vom 01.04. bis 03.05. fehlen. Am 06.05. befasste sich Reiswitz laut Tagebuch mehrere Stunden lang mit den „Kulturzusammenhängen im alten Orient“ und schickte einen Brief an den amerikanischen Archäologen Carl Blegen (1887–1971), der zu diesem Zeitpunkt seit zwei Jahren den Lehrstuhl für klasssische Archäologie an der Universität von Cincinnati innehatte. Dort heißt es in etwas holprigem Englisch – seine Oxfordstudien mit Jeanne Doe lagen immerhin schon vier Jahre zurück: „Dr. v. d. Osten … to whom I showed a plan for a systematic archeological [sic] survey of the Balkan-peninsula, told me that I should adress [you] on this behalf. I am already working several years on problem … The project which I have is similary [sic] to the survey of Anatolia now conducted by the Oriental Institute.“ Er bittet dann Blegen um ein persönliches Treffen, zumal Blegen ein „expert especially for the earlier pottery of the Balkan“ sei.360 Eine Antwort Blegens ist leider nicht überliefert. Der Brief und das Treffen mit von der Osten zeigen jedoch deutlich Reiswitz’ fortgeführtes Interesse nicht nur an den Bogumilen, sondern auch an der Vorgeschichte der Beziehungen des Balkans mit dem Rest Europas.
Woher aber stammte die Idee der Gründung eines „Instituts“ für Balkanstudien? Offenbar hatte Babinger in einem vorausgegangen Brief eine „Arbeits-Gemeinschaft“ als Vorläufer einer solchen Institutsgründung angeregt, eine Idee, die Reiswitz für „glänzend“ hielt. Involviert darin sollte Babingers Ansicht nach auch Konrad Schünemann (1900–1940) sein. Der in Berlin geborene Schünemann hatte dort 1922 – zur gleichen Zeit wie Reiswitz – seine Promotion über „Die Deutschen in Ungarn bis zum 12. Jahrhundert“ abgeschlossen. Während der Wirren 1918/1919 hatte er als Zeitfreiwilliger in der Berliner-Garde-Kavallerie-Schützen-Division im Kampf gegen Spartakisten gedient.361 Anders als dem gleichaltrigen Reiswitz war es Schünemann aber schon frühzeitig gelungen, akademisch Fuß zu fassen. Seit 1927 war er in Berlin Privatdozent für Geschichte. Ein Jahr zuvor hatte Reiswitz zu Schünemann Kontakt aufgenommen, welcher ihm von dem Historiker Otto Hintze als jemand empfohlen worden war, der sich in Berlin mit Balkangeschichte befasste.362
Die Beteiligung von Schünemann hielt Reiswitz zumindest in der Gründungsphase der Arbeitsgemeinschaft bzw. des Instituts für keine gute Idee – Babinger habe ihn „mit Schünemann … einen kräftigen Schrecken eingejagt“, da Schünemann den Gedanken verfolge, ein „ungarisches Institut als Urzelle“ eines Balkan-Instituts zu wählen, was laut Reiswitz bei den Südslawen für „wenig Sympathien“ sorgen würde. In der Tat stand zu dieser Zeit Schünemann dem Deutsch-Ungarischen Institut in Berlin vor. Auf der anderen Seite begrüße Reiswitz aber durchaus einen friedlichen wissenschaftlichen Wettbewerb zwischen Schünemann und ihm selbst, wozu ihm auch bereits im Februar 1928 Hoetzsch geraten habe. Bei einem solchen Wettbewerb, soviel scheint klar, war aus der Sicht des Jahres 1928 Schünemann allein aufgrund der Tatsache im Vorteil, dass er sich 1927 bereits habilitiert hatte.
Babinger hingegen dämpfte unmittelbar darauf Reiswitz’ Aktionismus. Am 11.12.28 erklärte er klipp und klar in einem Brief an den letzteren: „Von einer Gründung der Arbeitsgemeinschaft kann gar keine Rede sein in der nächsten Zeit. So wenigstens beurteile ich die Sachlage.“ Doch mit diesem Urteil lag Babinger falsch.
Etwas mehr als ein halbes Jahr später erwähnte Reiswitz Ende Juli 1929 in einem Brief an Böckschen363, dass er sich mit Schünemann im Romanischen Café in Berlin, einem von Reiswitz häufig frequentierten, beliebten Intellektuellentreffpunkt in unmitelbarer Nähe der Gedächtniskirche, zu einer langen Unterredung getroffen habe. Schünemann habe soeben ein Buch herausgebracht als erste Veröffentlichung einer „Arbeitsgemeinschaft für Südosteuropaforschung an der Universität Berlin“. Es handelte sich um seine Habilitationsschrift, „Die Entstehung des Städtewesens in Südosteuropa“. Dies werde für „großes Aufsehen“ sorgen, wenn nicht sogar einen „Krach“ und eine „Explosion“ hervorrufen, weil niemand über Schünemanns Vorhaben im Bilde war. Laut Reiswitz habe Schünemann die vom Ministerium noch gar nicht bestätigte Arbeitsgemeinschaft in Eigenregie in das offizielle Verzeichnis der Institute des Deutschen Reiches eintragen lassen. Schünemanns Monographie sollte die erste und einzige Veröffentlichung der omninösen „Arbeitsgemeinschaft für Südosteuropaforschung“ bleiben.364 Konrad Schünemann selbst fiel als Feldwebel am 10.06.40 in Frankreich. Zu diesem Zeitpunkt war er als außerordentlicher Professor in Kiel tätig geworden. In einem kurzen Nachruf wurde er als „gründlicher Kenner der ungarischen Geschichte und der Geschichte des Deutschtums in Südosteuropa“365 bezeichnet.
Ob es die Unstimmigkeiten mit Babinger in Bezug auf die Krešeljaković-Affäre waren, oder Babingers Zurückhaltung in Bezug auf das von Reiswitz anvisierte Balkan-Institut, oder eventuelle weitere Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden: Reiswitz jedenfalls entwickelte eine immer stärkere Abneigung gegenüber Babinger.
„Nie hat ein Mensch mich derart vergiften können“, so schrieb er am 25.07.29 an Böckschen über Babinger. Nur wenig später, am 13.09.29 verglich Reiswitz Gerhard Gesemann, dem er am selben Tage in Prag zum ersten Mal persönlich begegnete, in einem weiteren Brief an seine Gattin mit Babinger: „Dieser Mann [Gesemann] ist tatsächlich der erste wirklich brauchbare Professor, Babinger ohne Egoismus.“366 Bei der Prager Zusammenkunft offenbarte Reiswitz Gesemann seine „Pläne“ und erhielt von Gesemann „manchen streng befolgten Rat“.367
Darüber hinaus befindet sich im Nachlass ein undatierter, unbeendeter handgeschriebener Briefentwurf Reiswitz’, welcher vom Kontext her, obgleich die Anrede nur „Sehr geehrter Herr Professor“ lautet, an Babinger gerichtet sein musste. Darin erwähnte Reiswitz die „schmerzlichen und bitteren“ Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre – sodass zu vermuten ist, dass die Zeilen aus dem Jahre 1930 stammen, welche darin bestanden, dass Babinger, so Reiswitz, „Verleumdung“ begangen habe und durch „unverantwortliches Geschwätz“ aufgefallen sei. Reiswitz teilte Babinger mit, dass er sich nun „definitiv“ von ihm zurückziehe.
Am 06.11.33 bemerkte Reiswitz dann nicht ohne Genugtuung gegenüber Böckschen, dass Babinger „wegen Arierparagraph und wegen seiner dauernden Stänkereien“ entlassen werden solle. Er sei sehr froh, dass Babinger „verduftet“ sei. Babingers Großmutter mütterlicherseits war eine geborene Jüdin. Babinger selbst versuchte seine Entpflichtung zu verhindern unter Hinweis auf seine Freikorpstätigkeit in München und seine persönliche Freundschaft mit dem SA-Chef Ernst Röhm (1884–1934).368
Mindestens einmal jedoch noch kreuzten sich Reiswitz’ und Babingers Pfade. Am 27.03.34 stand Reiswitz auf dem Weg zum Oedhof zufällig neben Babinger auf dem Bahnsteig in Berlin. Reiswitz teilt seiner Frau allerdings nur knapp mit, dass Babinger unterwegs nach Jugoslawien sei. Vermutlich war Babinger allerdings auf dem Weg ins Exil nach Rumänien. Am 12.12.34 informierte Reiswitz Böckschen über Schwierigkeiten im Zusammenhang mit seiner Zulassung zur Probevorlesung an der Berliner Universität, hatte aber diesmal nicht das Gefühl wie in „Babingersache vor vier Jahren“, dass ein Haus in ihm einstürze.
Doch sollen die Erfahrungen von Reiswitz mit Babinger in Sarajevo und danach nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Jugoslawienaufenthalt von Reiswitz 1928 insgesamt ein Erfolg war. Am 04.12.28 schrieb ihm der Germanist Dr. Momčilo Selesković (1890–1950), der bis 1939 als Lektor für die serbische Sprache an der Universität Berlin angestellt war und vorher in Dubrovnik deutsche Literatur gelehrt hatte.369 Er drückte seine Freude darüber aus, dass der „jugoslawische Aufenthalt“ von Reiswitz „positive Früchte“ getragen hatte, bedauerte allerdings ironisch Reiswitz’ „Frau Gemahlin“, da sie einen Mann habe, „der sich in den Kopf gesetzt hat, monatelang auf dem Balkan herumzukutschieren“. Im selben Brief fragte Selesković, ob Reiswitz bereits den Ethnologen und Historiker Professor Tihomir Đorđević (1868–1944) kennengelernt habe, der ihm bei seinem weiteren Netzwerkaufbau nützlich sein könne, da dieser „eine Masse Verbindungen“ habe. Bereits vor Antritt seiner Jugoslawienreise hatte Reiswitz den Lektor um Hilfe gebeten. Am 29.02.28 schickte Selesković ihm ein Empfehlungsschreiben für den Geographieprofessor Milojević in Belgrad, der „alles tun wird“, um Reiswitz „der Lösung näher zu bringen“. Offensichtlich war Milojević noch nicht dazu gekommen, Rat und Tat, wie am 12.09.27 gegenüber Reiswitz versprochen, zur Verfügung zu stellen, um die Veröffentlichung von Reiswitz’ Cvijić-Übersetzung zu begeben.
Reiswitz jedenfalls hielt den Kontakt mit Selesković aufrecht. Aus einem Brief an Böckschen vom 15.09.29, verfasst während seines dritten Jugoslawienaufenthaltes, geht hervor, dass er sich mit Selesković im Belgrader Nobelhotel Srpski Kralj zum Abendessen verabredet hatte. Auch sechs Jahre später noch tauchte Selesković auf, als am 15.12.35 Reiswitz Böckschen darüber ins Bild setzte, dass er gerade Selesković im Beliner „Jugoslawischen Klub“ getroffen habe, wo er „die Bescheinigung, dass ich bereits September 1929 fließend serbisch gesprochen habe“, von eben diesem „Lektor für Serbisch an der Berliner Universität“ erhalten habe.
Ein weiterer Dinergast im Srpski Kralj an jenem 15.09.29 war Vladimir Šifer, Generalsekretär der Apothekerkammer des Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen. Bei Šifer, so zumindest schrieb ihm Reiswitz am 20.12.28, hatte die Jugoslawienreise 1928 begonnen und auch geendet: „Dass ich heute so ungetrübt und gern an diese 7 Monate SHS denken kann, danke ich an erster Stelle Ihnen“. In seiner Antwort vom 26.12.28 sprach Šifer darüber, dass er – als kroatischer Katholik – den Weihnachtsabend bei den „Gavrilovićs“ verbracht habe, die Reiswitz „herzlich“ für dessen „Grüße danken“. Auch Reiswitz erwähnte in seinem Brief an Böckschen vom 15.09.29 den Besuch bei der Familie Gavrilović im Belgrader Stadtteil Topčider. Bei diesem Ehepaar handelte es sich höchstwahrscheinlich um Milan (1882–1976) und Jelena (1895–1976) Gavrilović, die in der Straße Andre Nikolića Nr. 12 in besagtem Stadteil wohnten.370 Letzterer war von 1924 bis 1930 der Chefredakteur von „Politika“ und hatte noch 1922 als Erster Sekretär der jugoslawischen Gesandtschaft in Berlin gewirkt. Als Chefredakteur machte er „Politika“ zu einer qualitativ hochwertigen Tageszeitung, „poput londonskog Tajmsa, pariskog Figaroa I frankfurtskog Frankfurter cajtunga“ („wie die Londoner Times, der Pariser Figaro und die Frankfurter Zeitung aus Frankfurt“).371
Während Gavrilović nach dem deutschen Angriff auf Jugoslawien nicht von seinem Posten als jugoslawischer Gesandter in Moskau nach Belgrad zurückkehrte, sondern im Dezember 1941 nach London ging und als Justizminister in die Exilregierung von Slobodan Jovanović eintrat, blieb Šifer in Serbien. Mitte September 1941 traf Reiswitz ihn im Restaurant „Mali Pariz“ in der Dečanska-Straße Nr. 25. Reiswitz berichtete Böckschen darüber, dass Šifer nun in „seinem ehedem so beschimpften Serbien“ bleiben will, anstatt „in seinen ja nun unabhängigen Staat Kroatien“ zurückzukehren.372 In der Tat hatte Šifer früher kein Hehl daraus gemacht, was er von der offiziellen serbischen Politik hielt. Am 26.12.28 schrieb er an Reiswitz: „Die Serben haben für die Einigung aller Südslawen viel gemacht, aber sie sind wohl nicht mit reinen Gefühlen und Zielen in diese Einigung eingetreten. Wir [die Kroaten] haben schon vor 25 Jahren eine südslawische Ideologie vertig [sic] gehabt und die Serben können noch heute vom grosserbischen Standpunkte nicht einen Schritt weiter machen.“ Offensichtlich hatten sich die Vorzeichen der Zeitläufte gewandelt. Während Šifer 1928 mit den großserbischen Ambitionen unzufrieden war, so befürwortete er 1941 die großkroatischen ebensowenig, da er nicht im Unabhängigen Staat Kroatien leben wollte.
Nachdem es Reiswitz bei seinem zweiten Aufenthalt dank der vorbereitenden Mithilfe von Wendel und Horovic gelungen war, einerseits ein Netzwerk von Bekannten aus dem akademischen Bereich aufzubauen – die „Arbeiten“, von den zu Beginn des Kapitels die Rede war –, zu welchen vor allem Historiker und Publizisten zählten, galt es nun, konkret an die Arbeit zu gehen. Zunächst aber benötige er dazu finanzielle Mittel.
3. Der Denkmalschutz und die Ohridgrabungen
3.1. Die Genese des deutsch-jugoslawischen Grabungsabkommens 1929
Durch die Vermittlung von Babinger373 nahm Reiswitz im Januar 1929 in Berlin Kontakt auf zu dem damaligen preußischen Kultusminister und Orientalisten Carl Heinrich Becker (1876–1933), welcher Reiswitz für die Weiterführung seiner in Belgrad begonnenen Studien über die preußisch-serbischen Beziehungen ab dem Frühjahr ein Privatdozenten-Stipendium in Höhe von 175 Reichsmark monatlich gewährte. Diese Information befindet sich in einem Briefentwurf Reiswitz’ an einen namentlich nicht erwähnten „Professor“ vom 04.03.1931. Aus dem Kontext geht aber hervor, dass dieser ein Mitglied der Historischen Reichskommission (HRK) gewesen sein muss. Mögliche Kandidaten könnten der Präsident der Reichskommission selbst, Friedrich Meinecke, aber auch andere Professoren gewesen sein, so z.B. auch Otto Hoetzsch oder Karl Stählin.374 In diesem Schreiben erläuterte Reiswitz seinen Antrag auf weitere Fördermittel, da die von Becker bereitgestellten Gelder zwar eine „sehr große Hilfe“ darstellten, aber ihm nicht ermöglichten „ganz davon zu leben.“ Der Antrag auf ein Privatdozenten-Stipendium war vehement durch Stählin unterstützt worden. In dessen Gutachten hieß es, dass er Reiswitz bereits seit 1926 kenne. Reiswitz habe im positiven Sinne einen „ungewöhnlichen Eindruck“ auf ihn gemacht und mit ihm „über große Pläne, die sich auf die Erforschung der religionsgeschichtlichen Zusammenhänge der Bogomilen erstrecken“, geredet. Zudem erwähnte Stählin Reiswitz’ Jugoslawienreise von 1928, die jener zum „Aktenstudium“ nutzte, aber auch um „Land und Leute gründlich“ kennenzulernen. Ganz besonders sei es Reiswitz dabei aufgefallen, dass sich der „große Denkmalsreichtum dieser Gebiete … in völlig verwahrlostem Zustand befindet“. Reiswitz habe darüber hinaus Cvijić ins Deutsche übersetzt und besitze eine „frische, für die Wissenschaft begeisterte Persönlichkeit“. Den Stipendienantrag unterstütze er „auf das Wärmste“.375 Auch in Folgejahren wurde Stählin für Reiswitz gutachterlich tätig, was jedesmal zur Verlängerung des Privatdozenten-Stipendiums führte. Über die Umstände, wie sich Reiswitz und Stählin 1926 kennenlernten, ist nichts weiter bekannt. Stählin war ein Schulkamerad von Ernst Troeltsch und, wie Reiswitz, erst in späteren Jahren zum Historiker geworden, nachdem er von 1886–1897 Berufssoldat war. Um das Jahr 1914 hatte er begonnen, sich intensiv mit Balkanforschung zu befassen.376
Ebenfalls im Januar 1929 verfasste Reiswitz ein Dokument377, das neben dem „Mündlichen Bericht“ an Petković vier Monate später zu den ganz zentralen Bausteinen im Entstehungsprozess seiner Idee einer Denkmalschutzgesetzgebung für Jugoslawien gehört. Bislang hatte es in dieser Hinsicht lediglich die Vorarbeiten des Archäologen Mihailo Valtrović (1839–1915) gegeben, der – Milinković zufolge – im Jahre 1884 der Serbischen Archäologischen Gesellschaft den „Entwurf für ein Denkmalschutzgesetz“ vorgelegt hatte.378 Mehr war allerdings seither nicht geschehen.
In einer kurzen Präambel stellte Reiswitz nunmehr drei Thesen auf. Erstens, dass es im Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen kaum „handschriftliche“ Überlieferung der eigenen Geschichte gebe, was ihn implizit zu dem Schluss kommen ließ, dass die Bewahrung der nicht-schriftlichen Tradition umso wichtiger sei. Zweitens konstatierte er, dass es in der jugoslawischen Öffentlichkeit nur einen geringen Vetrautheitsgrad mit der eigenen Vergangenheit gebe. Dies lege die Schlussfolgerung nahe, dass ein organisierter Denkmalschutz großes didaktisches Potential enthalte. Schließlich legte er dar, dass in kaum einem anderen Staat „West-Europas“ [sic] die vorhandenen Denkmäler einer größeren Gefahr der endgültigen Vernichtung ausgesetzt seien als in Jugoslawien.
Im ersten Hauptteil seiner Denkschrift erläuterte er dann die Ursachen für diese Bedrohung. Hauptverantwortlich sei die rasante wirtschaftliche Entwickung. Der Ausbau der Infrastruktur, die Landreform, die Urbarmachung bisher ungenutzter Anbauflächen und der Wohnungsbau, den er ja in Belgrad eindringlich beschrieben hatte, gefährdeten die noch unausgegrabenen Altertümer. Vielleicht noch bedrohlicher für die Bodenfunde sei die Tatsache, dass es keine verbindlichen Regelungen darüber gebe, was das weitere Schicksal eines Fundstückes anbelangte.
Neben dieser zufälligen und unabsichtlichen Gefahrensituation gebe es aber dazu das „Verlangen“ der jeweiligen Kommunen, ihre öffentlichen Anlagen zu „verschönern“, wodurch viele potentielle archäologische Bodenfunde einem fachmännischen Zugriff durch zum Beispiel Überbauung unerforschbar würden. Er erwähnte das konkrete Beispiel der Errichtung einer Parkanlage auf dem Hügel einer Stadt, wo sich eine antike Siedlung befand, deren „Schichtenfolge“ nun nicht mehr ergraben werden könne. Hier handelte es sich vermutlich um das von ihm selbst zuvor besuchte Bitola.
In diesem Fall allerdings sollte sich Reiswitz’ Pessimismus wohl als unbegründet erweisen. Im Jahre 1936 und 1937 wurden vom Prinz-Paul-Museum in Belgrad unter der Leitung von Miodrag Grbić Grabungen in Bitola durchgeführt, die die Reste von Herakleia Lynkestis freilegten, wozu eine Basilika und Mosaike zählten.379
Aus den genannten Gefährdungszenarien leitete Reiswitz dann zwei Forderungen ab: Erstens der „Schutz und die Sammlung“ der zufällig entdeckten Funde, und zweitens der „Schutz des Staates“ für diejenigen Areale, an denen aus wissenschaftlich begründeter Sicht mit Funden gerechnet werden könne. Für beide Maßnahmen sei ein Schutzgesetz, Geld und eine organisatorische Verankerung erforderlich.
Im zweiten Hauptteil des Memorandums führte Reiswitz dann aus, wie sein Forderungspaket konkret in die Tat umgesetzt werden könne. So sollten in jeder jugoslawischen Gespannschaft historisch, archäologisch und volkskundlich geschulte Konservatoren eingesetzt werden, welche wiederum innerhalb ihrer Amtsbezirke fachlich interessierte Laien über Fragebögen zu ständiger Berichtspflicht anzuhalten hätten. Ferner solle der jeweilige Konservator für die Zahlung von Finderlohn und die Sicherstellung der Funde verantwortlich sein.
Die Finanzmittel für diese neu zu schaffenden Organisationstruktur seien über den „Propaganda“-Etat des Außenministeriums, freiwillige Spenden, vor allem der im Ausland lebenden „opferfreudigen“ Südslawen, und im Bedarfsfalle zusätzlich noch durch eine „leichte“ indirekte Steuer aufzubringen.
Das Außenministerium solle deshalb als Geldgeber fungieren, da eine erfolgreiche archäologische Forschungstätigkeit beste „Reklamemöglichkeiten“ für Südslawien in Drittstaaten darstelle, die Spendenaktion müsse durch die Medien und die orthodoxe Kirche unterstützt werden – von letzter erwartete er aber Widerstand, vermutlich, weil er davon ausging, dass die kirchlichen Institutionen eine staatlich oktroyierte Denkmalpflege als Eingriff in ihre eigene Verfügungshoheit über kirchliches Kulturgut ansehen würden.
Reiswitz’ Ausführungen nach sei nicht die Beschaffung der finanziellen Mittel das größte Probem, sondern die Rekrutierung einer ausreichenden Zahl ausgebildeter Kuratoren, wobei er aber beteuerte, dass dies „für einen jungen Staat“ nicht als „Vorwurf“ zu interpretieren sei. Die Lösung hier sah er in der Beschäftigung ausländischer Gelehrter. Dies wiederum würde die gesteigerte Aufmerksamkeit der internationalen Fachwelt zu Folge haben und die zukünftige, grenzüberschreitende Drittmittelbeschaffung erleichtern. Es ist nicht auszuschließen, dass er sich zu diesem Zeitpunkt selbst als einer dieser im Ausland rekrutierten Konservatoren sah.
Drei Vorschläge schließlich machte er hinsichtlich des Schutzes potentieller Fundstellen. Erstens forderte er ein gesetzlich verankertes Verbot wilder Grabungen. „Schatzgräberei“ müsse streng bestraft werden. Zweitens müsse die Konzessionserteilung für Ausgrabungen insgesamt erleichtert werden, auch an ausländische Antragsteller. Auch hier hatte er wohl sich selbst mit im Blick. Drittens schließlich müsse es „scharf formulierte Leitsätze“ für jede Ausgrabung geben, deren Einhaltung auch stringent staatlicherseits zu überwachen sei.
Er beendete seine Denkschrift mit der ermunternden Bemerkung, dass Südslawien einen großen Vorteil habe, was die von ihm angeregte Organisation der archäologischen Denkmalpflege anbelangte: Da es noch keinerlei bestehende Regelungen gebe, müsse nicht auf überlieferte Strukturen Rücksicht genommen werden. Denkmalpflege sei gewissermaßen Pionierarbeit im eigenen Lande.
Dass diese Pionierarbeit bereits anderswo Früchte getragen habe, sei für ihn ablesbar an den Beispielen von Griechenland und Italien.380 Apodiktisch schloss er mit der Frage: „Wann beginnt Südslawien?“
Reiswitz hatte von dem „Vernunftrepublikaner“ Becker381 im Februar 1929 eine Visitenkarte von Gerhart Rodenwaldt bekommen, der seit 1922 Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts war. Doch erst im Mai nutzte Reiswitz diese zur Kontaktanbahnung und wurde bei dem der Zentrumspartei zugeneigten, nationalkonservativ eingestellten Rodenwaldt382 vorstellig, um ihm einerseits seinen „Vorschlag einer Organisation der Denkmalforschung“ zu unterbreiten, andererseits eine konkrete Offerte hinsichtlich deutsch-jugoslawischer Grabungen bei dem von Reiswitz ausgemachten Gradište am Ohridsee zu machen. Im Vorfeld hatte Reiswitz sich der Unterstützung von Petković für sein Projekt versichert, welcher ihm 04.05.29 aus Belgrad geschrieben hatte, dass „wenn Sie noch immer das Interesse an Ohrid haben, ich Ihnen sehr gern zur Verfügung stehen werde.“383 Etwas konspirativ fügte er hinzu: „Das Geheimnis darüber will ich nicht verraten.“
Vermutlich ging es darum, dass Nikola Vulić nicht zu früh von der geplanten Unternehmung erfuhr. Reiswitz Vorschlag fiel bei Rodenwaldt nicht auf taube Ohren. Kurz vor Reiswitz’ Aufbruch zu seiner dritten Jugoslawienreise im September 1929 übertrug ihm Rodenwaldt „die Aufgabe Gradište als Konzession f. d. Arch. Inst. zu bekommen“.384 Kurz zuvor hatte Reiswitz seine Vorschläge für eine Organisation der Denkmalforschung in Jugoslawien nochmals gründlich „überarbeitet“385 und eine Liste dessen angefertigt, was er dieses Mal in Serbien erreichen wollte, abgesehen von der Erringung einer Grabungskozession für Gradište. Dazu gehörte das weitere Erlernen der Landessprache und die Pflege der Kontakte, die er 1924 und 1928 geknüpft hatte. Doch hatte er auch ein politisches Ziel. Er wollte „das Land unter der berühmten Diktatur einmal auf seine Stimmung prüfen“.386 König Aleksandar I. hatte im Januar 1929 das Parlament aufgelöst, die Verfassung suspendiert und die „Šestojanuarska Diktatura“, die Diktatur des 6. Januars, ausgerufen. Im Oktober sollte das Land umbenannt werden in „Königreich Jugoslawien“. Doch auch die Bogumilen interessierten Reiswitz weiter, ebenso wie die preußisch-serbischen Beziehungen zur Zeit des Berliner Kongresses 1878.387
Nach seiner Ankunft in Belgrad nahm Reiswitz im Nationalmuseum sofort Kontakt mit den Kustoden Grbić und Petrović auf. Der Direktor der Einrichtung, Petković, die sich zu jenem Zeitpunkt in der Fürst-Miloš-Straße Nr. 58 befand und erst 1935 nach der Zusammenlegung mit dem Museum für Zeitgenössische Kunst in den sogenannten „Neuen Palast“ in der Fürst-Milan-Straße umzog, war „verfluchterweise“ nicht anwesend,388 sondern hielt sich in Paris auf. Er lud Reiswitz brieflich ein, ihn nach seiner Rückkehr nach Belgrad am 28.09. im Museum zu besuchen oder am Abend zuvor vom Bahnhof abholen.389 Reiswitz war deshalb so aufgebracht darüber, Petković nicht angetroffen zu haben, weil er befürchtete, dass ihm entweder Vulić oder ausländische Archäologen in Gradište zuvorkommen könnten. Er erhielt vom Kustos Petrović Petkovićs Adresse in Paris und ließ ihn wissen, dass er ihn unbedingt sehen müsse, da er von Rodenwaldt die Erlaubnis bekommen habe, „konkret und direkt“ mit Petković in Sachen Ohrid zu verhandeln.390 Doch die Anwesenheit nicht-südslawischer Experten konnte auch von Vorteil sein: „Übrigens graben die Engländer schon in der Nähe von Belgrad, sodass der Precedenzfall [sic] schon geschaffen wurde, was für uns die Sache erleichtern wird“. Um welchen Präzendenzfall handelte es sich?
Im Jahre 1928 hatte Sir Charles Hyde (1876–1942), ein englischer Philanthrop und Eigentümer der „Birmingham Post“, eine Anzeige in der Londoner „Times“ aufgegeben, um nach förderungswürdigen archäologischen Projekten zu suchen. Der seit 1920 in Belgrad lebende Schriftsteller und Englischlektor Alec Brown (1900–1962)391, welcher wiederum befreundet war mit dem englischen Archäologen und Oxfordprofessor John Linton Myres (1869–1954), sah diese Annonce und informierte den Lehrstuhlinhaber für Archäologie an der Belgrader Universität, Miloje Vasić (1869–1956), darüber. Vasić bewarb sich erfolgreich für die von Hyde in Aussicht gestellten 500 Pfund Fördermittel, um die Grabungen in dem von ihm 1908 entdeckten Vinča an der Donau fortzusetzen. Diese Grabungen hatten am 10.08.29, also rund einen Monat vor Reiswitz’ Eintreffen in Belgrad begonnen, und am 07.09. hatte die Tageszeitung „Vreme“ ausführlich über sie berichtet. Die Funde wurden von Vasić demnach auf rund 1.200 v.Chr. datiert und belegten, so Vasić in einem Interview mit „Vreme“, die wichtige Funktion Vinčas als Handelszentrum für das in einem Bergwerk am rund fünf Kilometer entfernten Berg Avala abgebaute Zinnober. Der Handel mit diesem begehrten Farbstoff verband nach Vasić die Vinčakultur mit der Ägäis und dem Orient, aber auch mit dem Norden Europas.392 Ein Satz wie der folgende, welcher in der Londoner „Times“ erschien unter der Überschrift „Early Man in the Balkans. The Finds at Vinča“ musste hinsichtlich der Frage ex septentrione oder ex oriente lux elektrisierend auf Reiswitz gewirkt haben: „The finds … prove beyond question the spread of the Aegean civilisation of about 1400 B.C. to the valley of the Danube, probably by way of the Black Sea“.393
Von einem Präzedenzfall kann allerdings rein rechtlich gesehen nicht die Rede sein, da die Grabungen von Vasić nicht durch ein zwischenstaatliches Abkommen ermöglicht und finanziert wurden, wie es Reiswitz auf Gradište bezogen anstrebte, sondern die Geldmittel aus privater Hand stammten.
Am 15.09. verließ Reiswitz Belgrad mit Ziel Mazedonien. Der Bürgermeister von Skopje, Josif Mihajlović (1887–1941), und der „Politika“-Redakteur Grahovac waren vorab informiert.394 Es ist nicht auszuschließen, dass Reiswitz’ Fahrt in den Süden vom offiziellen jugoslawischen Pressebüro begleitete wurde, dessen Aufgabe es war, ausländischen Besuchern ein proserbisches Bild zu vermitteln. Grahovac trat zum Beispiel im September 1932 in Erscheinung im Zusammenhang mit dem Besuch von zwei Abgeordneten der britischen Labour-Partei. Milan Jovanović, der damalige Leiter des Pressebüros in Skopje, war zufrieden mit Grahovac, den er als „großen Nationalisten“ im serbischen Sinne bezeichnete.395 Gerade das Hygiene-Institut, dessen Direktor Rankov Reiswitz 1928 kennengelernt hatte, zählte zu den gerne gezeigten Errungenschaften, die die zivilisatorische Mission Serbiens im Süden belegen sollten.396 Wahrscheinlich war von Reiswitz auch 1928 erwartet worden, dass die Gastfreundschaft, die ihm Rankow in der Hygienestation am Ohridsee gewährt hatte, publizistisch-propagandistischen Niederschlag finden sollte. Doch dazu kam es nicht.
Eigentlich wäre es gar nicht nötig gewesen, Reiswitz von offizieller Seite im proserbischen Sinne zu bearbeiten. In einem Brief an den Direktor des Gymnasiums von Prizren im Kosovo, Milorad Šoškić, vom 29.10.29 bedankte sich Reiswitz für die Gastfreundschaft, die er „mitten in Südserbien“ in dessen Haus gefunden hatte. Offenbar hatte Šoškić, welcher 1921 in Jena über die Kulturgeschichte Montenegros promoviert hatte397, seinen deutschen Gast gebeten, bei dem deutschen Gesandten in Belgrad, Adolf Köster, vorzusprechen, um „Stipendien für südslawische Studenten in möglichst großem Ausmass“ zu bewilligen. Reiswitz teilte Šoškić mit, dass er dessen Anliegen Köster vorgetragen habe, welcher alles in seinen Kräften Stehende tun werde, um es zu unterstützen. Zudem wisse er sich „gern mit allen in Fühlung“, die, wie Šoškić, ihre „Studien in Deutschland gemacht haben“, sodass sich bei seinem im nächsten Jahr anstehenden Besuch in Prizren sicherlich die Möglichkeit einer persönlichen Unterredung ergeben werde.
Im selben Brief bot Reiswitz an, dass Šoškić seine Dissertation doch in der Reihe „Süd-Ost Europäische Bibliothek“ veröffentlichen könne, welche von der „Arbeitsgemeinschaft für Süd-Ost Europa Forschung“ an der Berliner Universität herausgegeben werde. Bei dieser Arbeitsgemeinschaft muss es sich um dieselbe gehandelt haben, deren vorschnelle Inauguration Reiswitz im Juli noch Schünemann vorgeworfen hatte. Augenscheinlich hatte sich die Arbeitsgemeinschaft nun doch stabilisiert. Reiswitz legte dar, dass „ein Freund von mir, der schon Dozent an der Berliner Universität“ sei, zusammen mit ihm selbst diese gegründet habe. Sie stünde unter dem wechselnden Vorsitz „der namhaftesten Berliner Professoren“ und nach Schünemanns Buch zum Städtewesen in Südosteuropa könnte Šoškićs „Kulturgeschichte Montenegros bis zum Aufgehen Montenegros im südslawischen Reich“ der zweite Band in der Reihe „Süd-Ost Europäische Bibliothek“ werden, vorausgesetzt, der derzeitige Vorsitzende, Professor Karl Stählin, akzeptiere es. Obwohl sich Reiswitz „riesig“ gefreut hätte, „einen Südslawen als nächsten schon in dieser Bibliothek zu sehen“, kam es nicht zu der geplanten Veröffentlichung. Ein zweiter Band in der Reihe ist nie erschienen, und über die Arbeitsgemeinschaft selbst ist auch keine Überlieferung zu Tage getreten.
Danach ließ Reiswitz Šoškić von dem gemeinsamen Freund Max Fischer grüßen, den Reiswitz „neulich abend“ traf und der auch „gerne und oft“ an Prizren denke. Im Tagebuch vom 19.10.29 findet sich der Hinweis, dass Reiswitz mit Fischer bis 1.30 Uhr morgens im Romanischen Café zusammen war, der Abend sei sehr „lustig und gemütlich“ gewesen.398 In einem Brief der Ehefrau von Šoškić an Reiswitz vom 19.03.30 tauchte ebenfalls Fischer auf. Agnes Šoškić bedankte sich für die von Fischer über Reiswitz ausgerichteten Grüße und fuhr fort: „Auch ihm [Fischer] muss man so sehr dankbar sein, wie [sic, was] er gerade durch die letzte Reise für die Verständigung zwischen deutschen [sic] und Südslawen getan hat.“ Sie erwähnte zudem einen Radiovortrag Fischers, in welchem die Šoškićs selber zu Wort gekommen seien.399
Neben Skopje und Prizren steuerte Reiswitz in der zweiten Septemberhälfte 1929 noch Tetovo, Bitola und Stobi an.400 Am 26.09. war er wieder in Belgrad, wo er noch bis zum 01.10. blieb.401 Einer seiner ersten Wege führte ihn in die deutsche Gesandtschaft, wo alle „lieb“ zu ihm gewesen seien.402 Mit dem Gesandten Köster kam er am 27.09. in einer Weinstube zusammen. Am nächsten Vormittag, dem 28.09., sah er zunächst endlich Petković, dann traf er sich mit Slobodan Jovanović und schließlich noch mit Friedrich Hüter (1897–1967), dem Belgrader Korrespondenten des zum Hugenbergkonzern gehörenden Scherl-Verlages. Zudem verfasste er das „Bewerbungsschreiben“ für die Ohrid-Konzession.403
In diesem Brief an die Direktion des Nationalmuseums bat er Petković, bei den „zuständigen Regierungsstellen“ die Genehmigung für die Gradište-Grabungen zu erwirken, im Rahmen eines Abkommens zwischen dem „Deutschen Reichsinstitut für Archäologie“ und dem Belgrader Nationalmuseum. Die Genehmigung möge sich auf „den Berg, der zwischen Ochrid und Struga liegt“ erstrecken, die finanziellen Mittel würden deutscherseits aufgebracht und die Arbeiten von deutschen und südslawischen Gelehrten ausgeführt werden. Eigentümer der Funde bleibe der südslawische Staat, doch solle bald ein Abkommen geschlossen werden, um die Anfertigung von Dubletten für deutsche Zwecke zu regeln. Das alleinige Veröffentlichungsrecht erhalte das deutsche Reichsinstitut. Der Vertrag solle fünf Jahre laufen, mit einjähriger Kündigungsfrist zum Ende der Geltungsdauer.404 Bereits einen Tag später wurde Reiswitz’ Vorschlag vom Unterrichtsminister Božidar Maksimović (1886–1969) genehmigt, was darauf schließen lässt, dass die entscheidenden Vorgespräche mit Petković schon im Vorfeld zu einem in Reiswitz’ Sinne erfolgreichen Abschluss gebracht worden waren. Die geplante Übereinkunft war ohnehin im Einklang mit der „ideology of Europeanization“, die die „driving force“ der jugoslawischen Museumspolitik der 1930er Jahre bildete.405 Petković schickte Reiswitz am 05.10. den Ministerbeschluss in deutscher Übersetzung nach Berlin.406 Reiswitz leitete diesen am 15.10. sofort an Rodenwaldt weiter mit dem Hinweis, dass er, Reiswitz, sich nun an Köster wenden werde, um diesen dazu zu bringen, dem Auswärtigen Amt die Dringlichkeit der in Angriff zu nehmenden Grabungen zu dokumentieren im Zusammenhang mit der deutschen auswärtigen Kulturpolitik.407
Diesen Schritt unternahm Reiswitz am 31.10.29 mit einem vierseitigen Schreiben an Köster. Er berichtete über den „guten Ausgang“ seiner Bemühungen, die Grabungskonzession zu erwirken und strich heraus, dass nun die finanziellen Mittel für den ersten, für das Frühjahr 1930 angepeilten Grabungsgang zu besorgen seien. Klar sei, wie wichtig Gradište dabei sein konnte, der deutschen Archäologie den Zugang zu den jugoslawischen Fundstellen zu sichern: „Ganz egal, ob Gradište das hält, was ich verspreche, oder nicht … in jedem Falle sind unsere Archäologen einmal unten und werden, wenn Gradište enttäuschen sollte, auf Grund der ersten Genehmigung bestimmt auch eine zweite erhalten“. Um die Gelder beim Auswärtigen Amt zu bewilligen, bat Reiswitz Köster darum, sich direkt an die Wilhelmstraße zu wenden und formulierte dem Gesandten diesen „Bericht“ sogar vor, wonach es „kulturpolitisch … ganz besonders wichtig sei“, dass sich Deutschland in Südserbien für wissenschaftliche Forschung einsetze.408 Reiswitz’ zusammenfassender, handschriftlicher dreiseitiger Übersicht seiner Ohridaktivitäten von 1918–1930 aus dem Nachlass zufolge ist Köster seiner Bitte nachgekommen.
In dem Schreiben vom 31.10. ging Reiswitz noch auf andere Felder deutsch-jugoslawischer Kulturbeziehungen ein. Er riet Köster, dass deutsche Kunsthistoriker, die sich mit Kirchen und Klöstern in Südslawien befassten, sich unmittelbar zwecks der Erteilung möglicher Genehmigungen an Petković wenden sollten, „der ein aufrichtiger Deutschenfreund“ sei, den Köster unbedingt kennenlernen müsse, da er nicht nur „die wichtigste Instanz für alle archäol. und kunsthistor. Unternehmungen“ sondern auch ein „ganz besonders sympathischer Mensch“ sei.
Dann legte er Köster Milorad Šoškić ans Herz, der Köster bald in Belgrad besuchen wolle und erwähnte ferner die geplante Veröffentlichung von Šoškićs Jenaer Dissertation in der „neuen Südosteuropäischen Bibliothek“, was natürlich auch Werbung in eigener Sache für Reiswitz gleichkam. Ebenso machte er Köster auf Professor Mirko Jovanović aufmerksam, welcher am Seminar für zukünftige orthodoxe Priester in Prizren (Srpska Pravoslavna Bogoslovija Sv. Kirila I Metodija) lehrte, und ein Stipendum suche für einen seiner 1930 das Studium beendenden Schüler, der beabsichtige, in Deutschland Germanistik zu studieren.
Ein wesentlich sensibleres Thema, welches Reiswitz danach ansprach, war das deutsche Schulwesen in Jugoslawien.409 Im Zusammenhang mit einer neu erlassenen Schulverordnung410, welche „für die Minoritäten“ sehr ungünstige Bestimmungen in sich trage, habe Reiswitz der seit Juli 1929 im Amt befindliche Presseattaché der jugoslawischen Gesandtschaft in Berlin, Omer Kajmaković (1890–1969)411, mitgeteilt, dass der Gesandte selbst, Živojin Balugdžić, die Regierung in Belgrad ersucht habe, die neuen Bestimmungen „bei den Deutschen durch administratives weitgehendes Entgegenkommen stillschweigend zu annulieren.“
Wie Köster auf Reiswitz’ Auskunft aus zweiter Hand reagierte, und ob ihm Reiswitz’ Mitteilung von Nutzen war, ist nicht überliefert. Das deutsche Schulwesen und die Stellung der deutschen Volksgruppe waren für Köster, der zuvor deutscher Gesandter in Riga war, sicherlich keine gänzlich neue Problematik. Er setzte sich in der Tat auch für die „Verbesserung der Schulgesetzgebung“ ein und hatte „erste Erfolge“.412 Reiswitz hatte sicherlich Bedenken, dass er mit seinen möglicherweise als indiskret oder anmaßend verstandenden Ratschlägen den Gesandten verstimmt haben könnte. Einerseits ließ er Köster wissen, dass er weitere Details zu der pikanten Schulgesetzproblematik ihm lieber persönlich mitteilen wolle, andererseits erläuterte er am Ende des Schreibens etwas verschwurbelt, dass er sich keinesfalls „hineinmischen“ oder „wichtig tun“ wolle, sondern dass er „allein aus dem Bedürfnis heraus“ handele, „in dieser letzten Endes doch so egozentrischen wissenschaftlichen Tätigkeit einmal auch praktisch durch und bei meiner Arbeit wirken zu können.“ Unverkennbar ist, wie Reiswitz einerseits Kösters Ressourcen in Anspruch nehmen wollte, andererseits aber auch bereitwillig eine kleine Gegenleistung erbrachte.
Reiswitz’ Rolle als Initiator der Gradište-Konzession und als Mittler zwischen den beteiligten jugoslawischen und deutschen Instanzen kam nun vorerst zu Ende. Der eigentliche Vertrag liegt als Entwurf im Archv der Serbischen Akademie der Kunst und Wissenschaft in Sremski Karlovci und ist undatiert. Als vertragsschließende Parteien waren das DAI, vertreten durch Unverzagt und Reiswitz, und das Belgrader Nationalmuseum, vertreten durch Petković, vorgesehen. In einigen Punkten ging das Abkommen noch über die von Reiswitz Ende September 1929 Petković gegenüber gemachten Vorschläge hinaus. So verpflichtete sich das DAI, bei den Grabungen jugoslawische Arbeiter zu beschäftigen. Andererseits erhielt das DAI das Recht, von der Ausgrabung zurückzutreten, falls die im Jahre 1930 durchzuführende Probegrabung nicht zu einem „befriedigenden Ergebnis“ führte. Als Laufzeit wurden nun nicht fünf Jahre festgelegt, sondern der Zeitraum „bis zur Erledigung des von den deutschen Sachverständigen geplanten wissenschaftlichen Zieles“, welcher aber im Vertragsentwurf nicht genauer spezifiziert wurde. Die Konzession erstreckte sich „auf die Untersuchung des Gradište bei Ohrid“.413
Am 05.12. schrieb er an Petković, um ihn darauf hinzuweisen, dass sich die Mittelbeschaffung für die erste Grabungskampagne, die im April oder Mai 1930 stattfinden sollte, „in einem so armen Lande, wie es Deutschland jetzt geworden ist“ noch eine Woche verzögere, und dass „nur ein Archäologe“ und er selbst die erste „kleine Schürfung“ vornehmen werden. Er kündigte an, dass sich Rodenwaldt bald an Petković wegen der „Einzelheiten“ wenden werde. Zudem ließ er Petković wissen, dass er selbst im Moment „sehr viel“ arbeite und „sehr still“ lebe.
Rodenwaldt trat dann tatsächlich am 09.12. in Aktion, mit einem Schreiben an Petković. Dieser antwortete Rodenwaldt am 22.12.29 und setzte den Direktor des DAI darüber in Kenntnis, dass „die Zusammenarbeit der deutschen und jugoslawischen Wissenschaft von der ganzen Welt aufrichtig begrüßt“ werde. Zudem nannte er Miodrag Grbić als seitens des Nationalmuseums zu bestellenden Vertreter bei den Grabungen. Kurz danach, vermutlich Anfang Januar 1930, wandte sich dann der vom DAI für das Gradište-Projekt benannte Archäologe Wilhelm Unverzagt an Petrović und teilte ihm mit, dass eine Probegrabung im Frühjahr 1930 das Alter von Gradište und die weiteren „Untersuchungsmöglichkeiten“ feststellen solle.414 In einem zur gleichen Zeit verfassten Schreiben von Unverzagt an die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft beantragte er 5.000 Reichsmark für die Probegrabung. Während Petković davon sprach, dass die ganze Welt die deutsch-jugoslawische Zusammenarbeit begrüße, machte Unverzagt gegenüber der Notgemeinschaft kein Hehl daraus, dass die „Gefahr“ bestünde, dass „eine für dieses Gebiet bereits angebotene amerikanische Hilfe der deutschen Mitwirkung“ zuvor komme könne, wenn nicht bald mit den Arbeiten vor Ort begonnen würde. Als Begründung für seinen Antrag führte Unverzagt auch an, dass bei Gradište die dem im Ersten Weltkrieg von Filow entdeckten Gräberfeld zugehörige Siedlung vermutet werde. Da durch das Ohrider Gebiet „die grosse Völker- und Kulturstraße, die Nord-Griechenland und Macedonien einerseits mit der Adria, andererseits mit den Donauländern und dem Bosporus verbindet“ verlaufe, seien die Grabungen „von ganz großer Bedeutung für die offenbar sehr engen Beziehungen zwischen der griechisch-ägäischen Welt und dem thrakisch-illyrischen Hinterlande“. Um die von Reiswitz so genannte „kleine Schürfung“ mit der großen Schuchardt’schen Frage des ex oriente oder ex septentrione lux zu verknüpfen, ergänzte Unverzagt noch, dass diese Nord-Süd und West-Ost-Verbindungen im Ohrider Gebiet schon zu einer Zeit bestanden hätten, „die für den Norden noch völlig im Dunklen liegt.“ Die Klärung der Frage dieser Nord-Süd-Verbindungen – in welcher Richtung der Kultur- und Menschenfluss sich auch immer bewegt habe – sei „grundlegend“ für die Vorgeschichtswissenschaft.415 Der Bezug auf Filow war direkter noch als man vermuten mag, da Unverzagt die obigen Passagen wörtlich aus Filows 1927 veröffentlichter Schrift übernahm – gewissermaßen ein Plagiat anfertigte.416
In Sachen Gradište ging es dann allerdings nicht so schnell voran, wie von Reiswitz und Unverzagt erwartet. Am 28.01.1930 wurde das Vorhaben dem „Engeren Ausschuss“ des DAI vorgestellt. Bei der Sitzung war auch Rodenwaldt zugegen. Lediglich unter „Verschiedenes“ im Protokoll, unter Punkt 4, heißt es: „Serbische Ausgrabungserlaubnis in Gradište bei Trebenište. Vorexpedition Unverzagts. … Verständigung zwischen Athen u. Konstantinopel über Abgrenzung der Balkanbeziehungen geboten, desgl. mit Herrn Unverzagt.“417
Warum genau es im Jahre 1930 nicht zu der Probegrabung kam, ist nicht eindeutig nachvollziehbar. Die im Privatnachlass zu den Ohridgrabungen befindliche und von Reiswitz chronologisch durchnummerierte Korrespondenz beginnt mit der Seite 11 (04.05.20) und endet vorläufig mit der Seite 23 (22.12.29). Dann klafft eine Lücke in der Überlieferung. Es geht weiter mit Seite 59 (22.03.31) bis 141 (28.07.32). In seiner handschriftlichen Übersicht des Ohridengagements von 1928–1930 meinte Reiswitz, dass sich zunächst die Vertragsunterzeichnung verzögert habe wegen „Bummelei“ des Auswärtigen Amtes und „Unverzagts Reise nach Algier“. Dennoch kann klar von einem Erfolg der Bemühungen von Reiswitz gesprochen werden, dem es binnen kurzer Zeit gelungen war, das DAI und das Belgrader Nationalmuseum zum Abschluss eines bilateralen Grabungsvertrages zu mobilisieren.
3.2. Die Gesellschaft zum Schutz der Altertümer
Reiswitz lebte dann aber 1930 doch nicht ganz so „still“, wie er es Petković gegenüber angedeutet hatte. Am 08.04.30 erschien ein Artikel in „Vreme“ unter dem Titel „Die Gründung der Gesellschaft der Freunde der Altertümer hat auch im Ausland Interesse hervorgerufen“ („Osnivanje ‘Društva prijatelja starina’ izazvalo interesovanje i u inostranstvu“). Dort wird im Wortlaut der Inhalt eines Briefes von Reiswitz an Petković wiedergegeben, in welchem sich ersterer nach Lektüre eines „Vreme“-Artikels erkundigt, ob auch Deutsche Mitglied der Gesellschaft werden können. Reiswitz wird vom Verfasser des Artikels als „deutscher Archäologe“ vorgestellt, der „sich für unsere mittelalterliche Kunst interessiert und der ganze sechs Monate in Ohrid zugebracht hat“. Der Hinweis auf sein Interesse an der mittelalterlichen Kunst lässt sich auf die Bogumilen beziehen, hinsichtlich des sechsmonatigen Ohridaufenthaltes ist es seitens des Schreibers wahrscheinlich zu einer Verwechslung mit Reiswitz’ Gesamtaufenthalt in Jugoslawien im Jahre 1928 gekommen. Am Ende des zweispaltigen Textes wird Reiswitz noch als „großer Freund“ bezeichnet und als „entschlossener Kämpfer für jugoslawisch-deutsche Annäherung“.418
Es war sicherlich kein Zufall, dass „Vreme“ den privaten Brief von Reiswitz an Petković im Wortlaut veröffenlichte. Zwei Monate vorher, am 09.02.30, hatte in den Redaktionsräumen dieser Zeitung eine Versammlung von Freunden des Denkmalschutzes stattgefunden, über welche „Vreme“ ausführlichst und in großer Aufmachung auf der Titelseite und Seite drei berichtete. Zum Versammlungsleiter wurde der Juraprofessor Dragoljub Aranđelović (1873–1950) gewählt. Er hob hervor, dass besonders die mittelalterlichen Kunstschätze des Landes der Zerstörung anheimzufallen drohen. Es enstpann sich dann eine Diskussion darüber, wer für die drohende Vernichtung des Kulturerbes verantwortlich sei. Für viele der Redner war die orthodoxe Kirche der Hauptschuldige, die sich nicht für die Erhaltung alter Fresken oder Mosaiken in ihren Liegenschaften interessiere. Im Zentrum der Kritik stand der Ohrider Bischof Nikolaj, welcher besonders von Stanislav Krakov (1895–1968), der zu diesem Zeitpunkt der Chefredakteur von „Vreme“ war, angegriffen wurde. Vor einigen Jahren habe ihm Nikolaj in Ohrid erläutert, dass er beabsichtige die Kirche Sv. Sofija durch russische Maler in Ölfarbe neu anstreichen lassen zu wollen. Krakov sei entsetzt gewesen und habe den Bischof daran erinnert, dass dadurch die wertvollen Fresken im Innenraum ausgelöscht würden. Doch Nikolaj sei ungerührt geblieben und hätte hinzugefügt, dass die Gemeindemitglieder „eine schöne, helle, neue Kirche“ sehen wollten und dass „alte Fresken, die schon seit langer Zeit beschädigt seien“ keinen guten Eindruck hinterließen.
Auch der Geschichtsprofessor Viktor Novak (1889–1977) griff die Kirche und ihr mangelndes Interesse an der Denkmalpflege an – allerdings war seiner Ansicht nach die katholische ebenso schuldig wie die orthodoxe. Er wies darauf hin, dass in Agram bereits auf Anregung des Führers der südslawisch-illyrischen Bewegung, Ivan Kukuljević Sakcinskis (1816–1889), im Jahre 1850 eine „Gesellschaft zum Schutz der Altertümer“ – gemeint war die „Družtvo za povestnicu jugoslavensku“ – gegründet worden sei.
Zur Verteidigung der orthodoxen Kirche brachte ein Militärgeistlicher namens Božidar Lukić vor, dass er wisse, dass einige der Anwesenden sich selbst durch den Verkauf von Ikonen ins Ausland bereicherten. Die Kirche akzeptiere gerne Hilfe, aber wolle sich nicht auf der Anklagebank sehen. Auch der ehemalige Religionsminister und Parlamentsabgeordnete, der promovierte Theologe Dr. Vojislav Ranić (1889–1944), welcher 1921 in englischer Sprache eine Hagiographie serbischer Heiliger herausgebracht hatte419, nahm den Anwesenden gegenüber die Kirche in Schutz. Diese habe als Instititution bis 1912 gänzlich dem Kultusministerium unterstanden, also keinen eigenständigen Handlungsspielraum in Sachen Denkmalschutz gehabt. Seither aber genieße sie rechtliche Autonomie, und die Kirchenleitung sei durchaus willens, ein dem Patriarchat zuarbeitendes Gremium bestehend aus der neuzugründenden Gesellschaft zu akzeptieren, ohne dessen Anhörung keine baulichen Veränderungen in den orthodoxen Klöstern erfolgen würden. Voraussetzung sei allerdings eine einvernehmliche Zusammenarbeit. Dieser Ansicht schloß sich am Ende auch Aranđelović an, der in seinem Schlusswort betonte, dass man keinen Krieg mit der Kirche wünsche.
Die auf der Versammlung konkret gemachten Vorschläge zur Förderung der Denkmalpflege in Jugoslawien waren vielfältig. Der ebenfalls anwesende Direktor des Nationalmuseums, Petković, riet, dass man vor allem flächendeckend Lehrer mobilisieren sollte, die dann Meldung machen sollten an die Zentrale der zu gründenden „Gesellschaft der Freunde der Altertümer“. Er wollte generell Priester als Freiwillige vor Ort ausschließen, während dies Branko Popović (1882–1944), Professor für Architekturgeschichte an der Technischen Fakultät in Belgrad, durchaus befürwortete. Novak war für die Einbeziehung von Priestern, Lehrern und Professoren als ehrenamtliche Helfer, zudem müssten Konservatoren geschult werden und eine parallel zur Regierung arbeitende Instititution geschaffen werden mit beratender Funktion. Dies wiederum ging Popović nicht weit genug, der ein Institut für Denkmalpflege mit weitreichenderen Vollmachten forderte, welches auch als Kontrollinstanz fungieren sollte, nur aus Fachleuten bestehend. Dieses sollte dann eine „künstlerische Topographie“ des gesamten Landes erarbeiten, von lokalen „Stationen“ zusammengestellt. Die finanziellen Mittel müssten vom Staat und der Kirche bereitgestellt werden. Der frischgebackene Direktor des vom Prinzen Paul von Jugoslawien eingerichteten Museums für zeitgenössische Kunst, welches sich im Konak Knegine Ljubice befand, Milan Kašanin (1895–1981), der 1928 seine Doktorarbeit bei Petković verteidigt hatte, forderte ein Denkmalschutzgesetz. Dafür sollte sich die neue Gesellschaft einsetzen, 50.000 Mitglieder anwerben, eine Zeitschrift ins Leben rufen und ein Forschungs- und Ausbildungsinstitut für Restauratoren aus der Taufe heben, zudem in den Schulen Werbung für die Denkmalspflege betreiben und eine Kommission schaffen, die Denkmäler vor Ort auf ihre Schutzbedürftigkeit untersucht. Nach der Abfassung eines Grußtelegramms an den König wurde eine Kommission zur Ausarbeitung der Satzung der neuen Gesellschaft bestimmt. Dieser gehörten neben zwölf weiteren Mitgliedern auch Vladimir Ćorović, Stanoje Stanojević420 und Vladimir Petković an, mit denen Reiswitz bereits bekannt war. Ein weiteres Kommissionsmitglied war der Architekt Aleksandar Deroko (1894–1988), welcher ab 1941 von Reiswitz für den Kunstschutz geworben werden sollte.
Es ist nicht klar, ob und inwieweit Reiswitz über den weiteren Verlauf der Geschichte der „Gesellschaft der Freunde der Altertümer“ informiert war. Es befinden sich im Nachlass keine Zeitungsausschnitte dazu, die Tagebuchblätter und die überlieferte Korrespondenz schweigen auch dazu. Die weitere Berichterstattung erfolgte zunächst fast ausschließlich in „Vreme“. So erfuhren die Leser am 21.03.30, dass Aranđelović, Novak, Kašanin, Đurđe Bošković (1904–1990), welcher 1928 sein Architekturstudium in Belgrad beendet hatte und ab 1930 als Kustos im Nationalmuseum arbeiten sollte, der Militärgeistliche Lukić, der Architekt Bogdan Nestorović (1901–1975) und der Direktor des Volkskundemuseums, Borivoje Drobnjaković (1890–1961) in den Vorstand berufen wurden, ebenso wie Deroko und ein weiterer Bekannter von Reiswitz: Miodrag Grbić. Am 10.05. berichtete dann „Vreme“ über das nunmehr fixierte Programm der Gesellschaft.421 Man wollte die Liebe zu jeder Art Altertümer verbreiten, die Öffentichkeit über deren religiöse, kulturelle, nationale und künstlerische Bedeutung informieren, die von Popović angeregte „topographische Karte“ aller Altertümer erstellen, Aufklärung betreiben über die Pflege der Denkmäler, Vorschläge unterbreiten hinsichtlich der Denkmalspflege seitens ausländischer Experten, Ausflüge und Vorlesungen organisieren, eine Zeitschrift herausgeben – wie von Kašanin angemahnt –, und nicht zuletzt intensive Gespräche mit der Kirche über die Erhaltung von Kulturgütern führen. Um für alle Bürger Jugoslawiens offen zu sein, wurde der Jahresbeitrag auf 30 Dinar festgelegt. Vom Ziel der Einführung einer Denkmalschutzgesetzgebung ist im Zielkatalog nicht die Rede, dafür aber wurde dem Wunsch Ausdruck verliehen, dass im ganzen Land Zweigstellen entstehen sollen.
In den nächsten Monaten berichtete „Vreme“ regelmäßig über Ausflüge und Vorlesungen der Gesellschaft, auch außerhalb Belgrads. Unter dem Hinweis, dass die Gesellschaftsgründung von „Vreme“ initiiert wurde, schrieb das Blatt auf der Titelseite am 23.02.31 über die tags zuvor abgehaltene erste Jahreshauptversammlung nach der Gründung. Hier wurde allerdings erwähnt, dass die Gesellschaft den Kultusminister gebeten habe, ein Denkmalschutzgesetz zu veranlassen. Als ersten großen Erfolg wird feierte man, dass das orthodoxe Patriarchat sich zur Renovierung des Klosters Dečani entschlossen habe. Als ein neues Projekt tauchte die Restauration der Stadtfestung Belgrads, des Kalemegdan auf. Auf sich aufmerksam machte der Kustos am Nationalmuseum, Đorđe Mano-Zisi (1901–1995), der anregte, dass die Gesellschaft sich auch der Pflege und Erhaltung des einheimischen Brauchtums annehme. Er warnte zudem davor, sich in Jugoslawien zu sehr an westlichen Vorbildern in Sachen Industrialisierung, Architektur und Kunst zu orientieren. Er rief dazu auf, mehr Museen zu gründen und die Aufklärungsarbeit in den Schulen zu intensivieren. 422 Danach brach die Berichterstattung über die Gesellschaft aus ungeklärten Gründen ab. Lediglich im August 1931 wurde noch einmal auf die Gesellschaft Bezug genommen bei namentlicher Nennung von Deroko in Zusammenhang mit deren Einsatz für die Rettung bedrohter Kirchen.423
„Pravda“ berichtete dann am 06.03.33 über die „zweite“ Jahreshauptversammlung, woraus hervorgeht, dass 1932 keine stattgefunden hatte. Referiert wurde, dass ein Gesetz über Museen und Altertümer auf die Initiative von Aranđelović vor den „gesetzgebenden Ausschuss“ gebracht worden sei. Ein anderes Mitglied der Gesellschaft, der Senator Emil Gavrila (1861–1933), habe sich dafür eingesetzt, dass das Gesetz dem Senat vorgelegt wurde. Zu einer Verabschiedung einer solchen gesetzlichen Regelung aber sollte es bis zum Kriegsausbruch 1941 nicht mehr kommen. Ein Grund dafür könnte die ablehnende Haltung der serbisch-orthodoxen Kirche gegenüber dem Denkmalschutz sein, wie sie sich in der Person des Ohrider Bischofs Nikolaj Velimirović manifestierte.424
Noch am 14.09.40 forderte auch der Autor eines Artikels in „Vreme“ ein Denkmalschutzgesetz ein. Anlass war die Entdeckung einer römischen Büste bei Straßenbauarbeiten in der Takovksa-Straße in Belgrad. Zwar wurde darüber sofort das Nationalmuseum – zu diesem Zeitpunkt firmierend als Prinz-Paul-Museum – informiert, und der Kustos Jozo Petrović, den Reiswitz 1928 kennenlernte, versuchte eine erste Datierung. Eine Sicherstellung der kopflosen Marmorskulptur konne allerdings nicht erfolgen, da unsicher war, wer der Eigentümer des Fundes war. Sowohl die Straßenbauarbeiter als auch der Stadtbezirk erhoben Ansprüche, sodass letztlich das Fundstück vor Ort gelassen werden musste, nur notdürftig geschützt – so der aufgebrachte Journalist – vor dem zerstörerischen Zugriff vorbeiziehender Trunkenbolde.425
Schließlich grüßte bei der zweiten Hauptversammlung der Gesellschaft noch als Gastredner und Regierungsvertreter Dr. Josip Barić, Vizepräsident des Obersten Verfassungsgerichts (Državni Savet), mit unverbindlichen Worten die Anwesenden. Der Student Konstantin Končar-Đurđević rief dazu, dass sich die Gesellschaft bei der sichtbaren Kennzeichnungen von Altertümern einbringen sollte.
Der Vorstand unter seinem Vorsitzenden Aranđelović bestand fast unververändert fort. Mano-Zisi wurde nach seinen aufrüttelnden Bemerkungen bei der letzten Hauptversammlung nun in den Vorstand berufen. Neben Mano-Zisi und Grbić wurde noch ein dritter Kustos in den Vorstand gewählt: Zorka Simić-Milovanović (1901–1973), die seit 1930 als erster weiblicher Kustos im Nationalmuseum arbeitete. Eine weitere Frau wurde in den Aufsichtsrat gewählt.
Am 15.09.33 veröffentlichte „Pravda“ einen längeren Artikel über die Denkmalpflege und lobte die Rolle der „Gesellschaft der Freunde der Altertümer“, deren Aufgabe es auch sei, gerade bei der sich voll im Gang befindlichen Modernisierung Belgrads dafür einzusetzen, dass die Standorte der dem Fortschritt weichenden, aber historisch wichtigen Bauten zumindest markiert werden. Wann werde sonst, so der Autor „Mil. A. Kostić“, noch überhaupt jemand wissen, wo sich der Palast des Prinzen Eugen von Savoyen befand, der 1717 Belgrad einnahm? Somit war die Gesellschaft dem Aufruf des Studenten Končar gefolgt.
Neben Mano-Zisi, den Reiswitz 1931 kennenlernte426, tauchte am 02.09.1933 noch ein weiterer späterer Kunstschutz-Mitarbeiter Reiswitz’ auf als Mitglied der Gesellschaft: Graf Adam Oršić-Slavetić (1895–1968), der „tüchtige und energische Kustos“427 des am 01.04. desselben Jahres gegründeten Musems in Niš.428
Zum letzten Mal fand die „Gesellschaft der Freunde der Altertümer“ Presseniederschlag am 23.04.1934 in einer kurzen Notiz in „Pravda“ über die offensichtlich dritte Jahreshauptversammlung, weiterhin unter dem Vorsitz von Aranđelović und dessen Stellvertreter Milan Kostić, einem pensionierten Gymnasialdirekor, welcher wohl auch der Autor des „Pravda“-Artikels vom 15.09.33 war. Hervorgehoben wurde im Jahresbericht der im vergangenenen Jahr durchgeführte Kurs für 17 Lehrer, die über die Wichtigkeit der Altertümer informiert wurden, um diese Botschaft in die Schulen weiterzutragen. Erwähnt wurden auch die beiden Kloster-Publikationen der Gesellschaft, die von Đurđe Bošković aus dem Jahre 1930/31 zu Gračanica (14 Seiten) und die von Mano-Zisi über Dečani (24 Seiten), die 1934 publiziert wurde. Zwei Anträge wurden angenommen, zum einen rief man auf zur Gründung eines „Rats zur Pflege der Altertümer“ (Savez za čuvanje starina), an welchem alle Gesellschaften zur Altertumspflege und alle neuen Museen beteiligt sein sollten, und zum anderen bot man allen Bezirksämtern (opštine) des Landes, aber insbesondere denen in der Hauptstadt, die Mithilfe bei der Kennzeichnung historischer Bauwerke an. In den Vorstand gewählt wurden wieder der Jurist Aranđelović, der Schulleiter Kostić, der Architekt Popović, der Priester Lukić, die Kustoden Bošković, Gbrić und Mano-Zisi sowie der pensionierte General Aleksandar Daskalović, (1880–1942). Hinzu kam wieder eine Frau in das Leitungsgremium der Gesellschaft, die Leiterin der Belgrader Stadtbibliotek und Mitbegründerin des dortigen Stadtmuseums, Dr. Marija Ilić-Agapova (1895–1984), welche Zora Simić ersetzte. Ein Jahr zuvor hatte eine Abgesandte der „Frauengesellschaft“ (Žensko Društvo) der Hauptversammlung persönlich Grüße ausgerichtet und in einer kurzen Ansprache hervorgehoben, wie wichtig es sei, die Klöster instand zu setzen und gemeinschaftliche Exkursionen durchzuführen.
Im Januar 1929 hatte Reiswitz in seinem „Vorschlag einer Organisation der Denkmalforschung“ gefragt, wann Südslawien damit begönne. Ein Jahr später war seitens der „Gesellschaft der Freunde der Altertümer“ zumindest der Versuch gemacht worden, wenngleich das wichtigste Ziel, die Verabschiedung eines Gesetzes zum Denkmalschutz, nicht erreicht werden konnte. Viele von Reiswitz’ Beobachtungen vor Ort, insbesondere die Zustände in Ohrid betreffend, wurden von der Gesellschaft geteilt, viele der Arbeitsschwerpunkte glichen den von Reiswitz vorgeschlagenen, wie zum Beispiel die Einbindung von Laien zur Bestandserhebung der Altertümer und die Miteinbeziehung ausländischer Ressourcen. Allerdings hatte die Gesellschaft in ihrer nach außen vorgetragenen Programmatik nie an eine Bezuschussung aus Steuermitteln gedacht, wie Reiswitz es zumindest in Erwägung gezogen hatte. Bei der Gesellschaft stand sicherlich die Schärfung des Bewußtseins der heimischen Öffentlichkeit im Vordergrund, was sie durch ihre Lesungen, Exkursionen und Schulung der Lehrerschaft bewirken wollte. Für Reiswitz hingegen war die Schaffung einer „fachmännischen Organisation“ sehr wichtig, die die Arbeit vor Ort koordinieren und kontrollieren konnte. Die Gesellschaft verfolgte also gewissermaßen einen „Bottom-up“-Ansatz, wohingegen Reiswitz die „Top-down“-Variante bevorzugte. Dazu gehörte natürlich auch die auf Regierungsebene erwirkte Grabungskonzession für das DAI.
3.3. Die Ohridgrabung 1931
Nachdem Reiswitz’ zweijährige Bemühungen, eine gemeinsame jugoslawisch-deutsche Grabung am Ohridsee in die Wege zu leiten, durch das Grabungsabkommen zwischen dem DAI und dem Belgrader Nationalmuseum von Erfolg gekrönt waren, ging es als nächstes darum, die Arbeiten auch tatsächlich vor Ort durchzuführen. Würde es aber zudem gelingen, die archäologische Arbeit auch zur nachhaltigen Harmonisierung des bilateralen Konnexes zu instrumentalisieren?
Am 04. und 05.07.1930 kam in Berlin die siebzehnköpfige Zentraldirektion des DAI zusammen. Unter dem Tagesordnungspunkt „Vertiefung der Beziehungen zu den Balkanländern“ referierte Rodenwaldt persönlich – in Anwesenheit auch von Schuchardt – zunächst über einen neuen Grabfund von Filow, der vom DAI publiziert werde. Danach sprach er kurz über Jugoslawien: „Ausgrabung am Ohrida-See durch Herrn Unverzagt geplant. Dazu soll Langsdorff von Athen entsandt werden.“429 Alexander Langsdorff (1898–1946) hatte in Marburg Archäologie studiert, im Jahre 1927 promoviert430 und sollte von Februar 1944 bis Mai 1945 den deutschen Kunstschutz in Italien leiten.431 Im Frühsommer 1930 hielt er sich in Griechenland auf in Zusammenhang mit dem Reisestipendium des DAI, welches ihm für 1929/30 gewährt worden war. Saalmann zufolge war es im Jahre 1938 Langsdorff, der 1932 als Kustos im Museum für Völkerkunde bei Unverzagt arbeitete, der seinen früheren Chef dazu bewegen sollte, Mitglied der NSDSAP zu werden.432
Zwei Wochen später kam es zu einer überraschenden Wende. Vulić war noch nicht einmal einen Kilometer von den Gräbern entfernt, die 1918 die bulgarischen Soldaten entdeckt hatten, beim Dorf Gorenci, welches unmittelbar südlich des Dorfes Trebenište liegt, auf ein weiteres Grab gestoßen, reich ausgestattet mit Beigaben, unter anderem einer goldenen Maske. Seither werden die Gräberfunde von 1918 und 1930 mal Gorenci und mal Trebenište zugeordnet.433 Darüber äußerte Vulić sich in einem Interview mit „Politika“ am 21.07.30. Er erwähnte in diesem Zusammenhang auch den bulgarischen Archäologen Filow, kurioserweise allerdings nicht namentlich, kritisierte aber bereits dessen These, dass es sich bei der von Filow untersuchten Nekropole um Söldnergräber handele. Er hingegen sprach von indigenen Fürstengräbern, da das neue Grab, welches offensichtlich im gleichen Zusammenhang wie die 1918 geöffneten entstanden sei, nicht so aussehe, als sei es „auf die Schnelle“434 angelegt worden.
Zudem hatte er in der Nähe steinerne Feldeinfassungen ausgemacht, die auf eine bedeutende vorchristliche Siedlung (naselje) schließen ließen. Er glaubte ferner, die der Siedlung zugehörige Burganlage (utvrđenje) ausgemacht zu haben, welche er als „Gradište“ bezeichnet. Diese sei nördlich von Gorenci gelegen und habe einen unregelmäßig angeordneten Umfang von rund 200 x 400 Meter.
Es sei hier daran erinnert, dass Reiswitz’ Gradište jedoch nicht nördlich von Gorenci, sondern mehrere Kilometer südlich davon liegt. Die Erwähnung des Stichwortes „Gradište“ wirkte indessen elektrisierend auf Petković, der sich noch am Erscheinungstag des Artikels brieflich an Reiswitz wandte und um Klarstellung bat, da er augenscheinlich befürchtete, dass Vulić an einer Stelle zu graben begonnen hatte, die unter die Bestimmungen der Grabungskonzession für das DAI fiel. Konnte es sein, dass Vulić schlicht in Unkenntnis dieser Vereinbarung vorgegangen war?
In seiner Antwort an Petković vom 28.07.30 versuchte Reiswitz Klarheit zu schaffen. Er meinte – wie sich herausstellen sollte zu Unrecht –, dass es sich bei Vulićs „Gradište“ tatsächlich um das von Reiswitz selbst 1928 in Augenschein genommene handelte. Doch sei dies nur ein „bedauerlicher Zufall“, und er glaubte nicht, dass „irgendwelche Unannehmlichkeiten“ daraus entstünden, da die geplanten „Ausgrabungen am Ohridsee ja in erster Linie dazu dienen sollten, eine deutsch-südslawische wissenschaftliche Zusammenarbeit zu fördern.“435 Mit anderen Worten, Vulić werde der force majeure des internationalen Abkommens wohl nicht im Wege stehen.
Reiswitz hatte offensichtlich nicht auf die Details der Fundortbeschreibung von Vulić geachtet, weil sonst gerade er hätte merken müssen, dass die Burganlage „Gradište“ von Vulić bei Gorenci bzw. Trebenište gar nicht mit „seiner“ oberhalb des Klosters des Heiligen Erasmus identisch war.
Kurz darauf gab auch Rodenwaldt „Politika“ ein Interview.436 In Berlin befragte ihn Predrag Milojević zu dem Grabfund, den Nikola Vulić am Ohridsee in der unmittelbaren Umgebung der von den Bulgaren 1918 zufällig entdeckten und 1927 von Filow beschriebenen Trebenište-Gräber gemacht hatte. Zu diesem Zeitpunkt war Milojević wahrscheinlich schon mit Reiswitz bekannt, da Reiswitz ihn in einem Brief an Böckschen vom 04.11.33 als „alten Freund“ bezeichnete. Einleitend sprach Milojević von einem „Gefühl der Freundschaft gegenüber unserem Volk und unseren Wissenschaftlern“, welches er in den Darlegungen Rodenwaldts erkenne.
Im folgenden Textteil drückte Rodenwaldt seine „große Freude“ über Vulićs Entdeckung aus. Vulić sei der deutschen Fachöffentlichkeit bereits seit längerem bekannt, und seine Funde stünden in unmittelbarem Zusammenhang mit der geplanten DAI Grabung, die lediglich aufgrund der momentan schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland zurückgestellt worden sei. So war erst zehn Tage vor Erscheinen des Interviews der Reichstag aufgelöst worden, weil SPD, KPD und NSDAP zwei Notverordnungen der Regierung Brüning, mit welchen die Finanzlage der öffentlichen Kassen hätte stabilisiert werden sollen, abgelehnt hatten.437 Im Interview erwähnte dann Rodenwaldt einen „jungen deutschen Historiker“ – Reiswitz –, welcher im Mai und Juni 1928 unweit der Stelle, an der nun Vulić fündig geworden war, einen Hügel namens „Gradište“ ausgemacht habe, „mit interessanten Überresten einer archaischen Festungsanlage, die aus der ersten Hälfte des ersten Jahrtausends vor Christus stammen müsse“. Der weiterhin namentlich nicht ausdrücklich als Reiswitz identifizierte Historiker habe dann seinen Freund Petković kontaktiert, sodass zu guter Letzt am 30.09.1929 der Konzessionsvertrag abgeschlossen wurde, welcher am 17.06.30 nochmals ausdrücklich in Bezug auf „Gradište“ vom jugoslawischen Kultusministerium bestätigt worden sei. Im übrigen, so Rodenwaldt, handele es sich bei diesem „Gradište“ nicht um die Überreste der „Siedlung“ (naseobina), die Vulić in der Umgebung von Trebenište, also in unmittelbarer Nähe des neuen Grabfundes, erforschte. Er erläuterte dann – endlich – zutreffend, dass „sein“ Gradište eine Festung sei, gelegen an der Hauptverkehrsader zwischen Ohrid und Struga, also direkt am Ohridsee. Er fügte bescheiden hinzu, dass das DAI keine sensationellen Funde erwarte. Die Grabungskonzession sei nicht zuletzt zurückzuführen auf die Arbeit des kürzlich verstorbenen Gesandten Köster, der wärmstens an der deutsch-jugoslawischen archäologischen Zusammenarbeit interessiert gewesen sei und sich für die entsprechende Mittelbeschaffung engagiert habe.438
Zum Schluss erwähnte er dann Reiswitz und Unverzagt als auf deutscher Seite bei der „bald“ stattfindenden Grabung Beteiligte und drückte seine Hoffnung aus, dass die archäologische Zusammenarbeit am Ohridsee einem weiteren Schritt in Richtung noch engerer und freundschaftlicherer Tuchfühlung der deutschen und jugoslawischen Wissenschaft gleichkommen werde.
In Reiswitz’ zusammenfassender Übersicht seiner Ohrid-Aktivitäten von 1928 bis 1930 im Nachlass erscheint allerdings er selbst als die treibende Kraft der Schlichtung um Gradište. Zunächst habe er in der ersten Julitagen davon gehört, dass Vulić zu Grabungen nach Ohrid gehe. Da das Grabungsabkommen zu diesem Zeitpunkt noch nicht unterzeichnet war, wandte er sich an Unverzagt, um die Paraphierung zu beschleunigen. Unverzagt jedoch habe nicht reagiert. Dann habe Vulić tatsächlich „unglaubliche Dinge“ gefunden und sich „das Primat von Ohrid“ genommen. Dazu habe Vulić seinerseits nun auch „ein Gradište auf einmal entdeckt“. Um den drohenden Konflikt zu lösen, hätten sich nun Rodenwaldt und er selbst, Reiswitz, eingeschaltet und durch das Rodenwaldt-Interview mit „Politika“ und durch einen von Reiswitz initiierten Brief von Balugdžić an den Unterrichtsminister Maksimović die Kuh vom Eis geholt.
Allerdings, wenn man den Ausführungen Reiswitz’ folgt, gab es dann im August und September noch eine weitere Komplikation, durch niemanden sonst als den Reiswitz ohnehin wenig genehmen Babinger. Die geplante deutsch-jugoslawische Grabung am Ohridsee sei durch dessen „unverantwortliches Gewäsch“ auf einem Byzantinistenkongress in „Unordnung gebracht“ worden. Diesmal sei es der deutsche Archäologe Georg Karo (1872–1963), welcher von 1910–1919 und dann wieder ab 1930 Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Athen war, der schließlich die Unterzeichnung des Abkommens im September 1930 erreichte.
Es sollte dann allerdings trotz allem noch bis zum Frühjahr 1931 dauern, bevor Reiswitz und Unverzagt endlich nach Ohrid reisen konnten. Laut Unverzagt lag es daran, dass der für die Grabung als Helfer in Aussicht genommene Langsdorff an Malaria erkrankt war.439 Als dieser wieder genesen war, nahm er aber an einer wohl prestigeträchtigeren Grabung mit seinem Freund, dem Bauforscher Hans Schleif, in Ägypten teil.440 An Langsdorffs Stelle brachte Unverzagt dann noch Kurt Bittel (1907–1991) ins Gespräch, der allerdings auch ausfiel, da er in Ägypten grub.441 Letztlich mussten Unverzagt und Reiswitz auf einen dritten Mann verzichten.
Doch selbst unmittelbar vor Beginn der Arbeiten am Ohridsee waren die Ungereimtheiten in Bezug auf die exakte Lokalisierung des unter die deutsche Konzession fallenden Gradište – zumindest was Unverzagt anbelangt – nicht ganz ausgeräumt. In einem Brief an Bersu vom 23.03.31 schrieb Unverzagt, nachdem er seinen Abreisetag in Richtung Jugoslawien auf den 09.04. festgelegt hatte: „Zu einer Grabung wird es diesmal noch nicht kommen, da sich inzwischen herausgestellt hat, dass es mehrere Gradista [sic] am Ochrida-See gibt und der Boden Privateigentum ist. Eine Mitwirkung Bittels kommt daher einstweilen noch nicht in Frage. Ich fahre bloss hinunter, um an Ort und Stelle alles so vorzubereiten, dass im gegebenen Augenblick sofort mit der Grabung begonnen werden kann.“442 Es ist erstaunlich, dass Unverzagt offenbar erst zu diesem späten Zeitpunkt vom Verwirrspiel hinsichtlich der mehreren „Gradista“ erfuhr, zu einem Zeitpunkt, als die Lokalisierungsfrage eigentlich schon geklärt war. Auch ist es unzutreffend, dass sich das von Reiswitz entdeckte „Gradista“ auf privatem Grund befand. Hier scheint es sowohl ein erhebliches Kommunikationsproblem zwischen allen Beteiligten gegeben zu haben, ebenso ein gerüttelt’ Maß an Unprofessionalität bei Unverzagt.
Der spätere Zeitpunkt des Grabungs- bzw. Prospektionsbeginns sollte sich dann aber als durchaus günstig erweisen, da es in jenem Jahr ohnehin zu einem „bedeutsamen Anstieg der Aktivitäten im Zusammenhang mit der deutsch-jugoslawischen Annäherung“ kam: „Im Laufe dieses Jahres hat Deutschland große Anstrengungen unternommen, den Markt für seine Produkte zu sichern und im Allgemeinen seinen Einfluss [in Jugoslawien] zu steigern“.443 So eröffnete am 01.04. Prinz Paul im Pavillon Cvijeta Zuzorić auf dem Kalemegdan die erste Ausstellung deutscher Kunst in Belgrad – die Rede des deutschen Gesandten Ulrich von Hassell (1881–1944) wurde sogar im Radio übertragen.444 Am 23.04. verabredeten diverse Industrie- und Handelsvertreter die Gründung einer Deutsch-Jugoslawischen Gesellschaft in Berlin445, während zeitgleich in Belgrad die „Jugoslovensko-Nemačko Društvo“ aus der Taufe gehoben wurde.446 Am Ende des Monats trat zum ersten Mal seit dem Ersten Weltkrieg die Berliner Oper im Belgrader Nationaltheater auf. Zeitgleich war eine Delegation deutscher Handelskammervertreter in Jugoslawien zu Besuch.
Reiswitz selbst hielt sich laut seiner Reisekostenabrechnung vom 10.04. bis 08.05.1931 in Jugoslawien auf.447 Am 25.04.31 erschien in „Politika“ ein kurzer Artikel mit der Überschrift „Deutsche Archäologen entdeckten bei Ohrid drei prähistorische Anlagen“.448 Unter Nennung von sowohl Reiswitz und Unverzagt als auch von Grbić449, dem jugoslawischen Vertreter, dessen Reisespesen deutscherseits getragen wurden, heißt es weiter: „In den letzten Tagen ist es der Expedition geglückt, in dem Bergmassiv drei sehr wichtige prähistorische Anlagen zu finden, die schon in vorgeschichtlicher Zeit den Zugang nach Ohrid verteidigten“. Die Bedeutsamkeit der Anlagen sei so immens, dass im Herbst desselben Jahres bereits mit der Freilegung der Anlage oberhalb des Klosters des Heiligen Erasmus begonnen werden soll. Hierbei handelt es sich ohne Zweifel um Reiswitz’ Gradište. Unklar ist allerdings, um welche zwei weiteren Anlagen es gehen könnte.
Am 06.05.31 setzte „Politika“ die Geschichte fort mit einem fast halbseitigen, ausführlichen Artikel mit ähnlicher Überschrift wie eine Woche zuvor: „In der Umgebung von Ohrid sind drei prähistorische Anlagen entdeckt worden“.450 Nun wurden die Lokalitäten präzisiert. Die erste Anlage befinde sich oberhalb von Sveti Erazmo, die zweite bei dem Dorf Lakočerej, welches landeinwärts nördlich von Ohrid liege und die dritte bei Trebenište, wo im vergangenen Jahr Vulić der neueste Grabfund gelungen sei.
Die Anlage unfern des Klosters des Heiligen Erasmus sei bedeutsam aufgrund der gewaltigen Mauerreste, was umso auffälliger sei, da die Anlage aus vorgeschichtlicher Zeit stamme. Diesen Befund habe auch der vor einigen Tagen angereiste Georg Karo geteilt – der im übrigen auch an der Sitzung der Zentraldirektion des DAI am 04. und 05.07.30 teilgenommen hatte, also über das Ohridengagement im Vorfeld informiert war.451 Karo war sich im übrigen mit dem Staatsekretär der Auswärtigen Amtes, Bernhard Wilhelm von Bülow (1885–1936), darin einig, dass die „Zukunftsmöglichkeiten Deutschlands“ – auch archäologisch – in Südosteuropa lägen.452
Die zweite Anlage bei Lakočerej sei eine „natürliche“ und fast ausschließlich vorgeschichtliche Anlage, ohne spätere Ein- und Umbauten, wohingegen die dritte Anlage bei Trebenište – die Vulić in seinem Interview vom 21.07.30 mit „Politika“ erwähnt hatte – zwar vorgeschichtliche Mauerreste aufweise, aber durchmischt sei mit römischen Bauteilen.
Nach genauer Inaugenscheinnahme aller drei Anlagen haben, so „Politika“, die drei Archäologen entschieden, dass im Herbst die interessanteste der drei Anlagen bei Sveti Erazmo ausgegraben werden solle. Dieser Passus klingt etwas rätselhaft, da bis zum Beginn der Ausgrabungen eigentlich schon längst hätte klar sein sollen, was genau gemeint war mit der im Vertragsentwurf zwischen dem Nationalmuseum und dem DAI aufgeführten Anlage „Gradište“ bei Ohrid. Schließlich hatte genau darum ja Petković in seinem Brief an Unverzagt vom 18.03.31 gebeten. Eine wirkliche Auswahl hatte das DAI ohnehin nicht, da Vulićs Burganlage Gradište nördlich bei Gorenci und auch Lakočerej nicht unter die Bestimmungen der Grabungskonzession fielen. Somit stand auch keine Entscheidung seitens Reiswitz oder Unverzagt an.
In den letzten zwei Dritteln änderte der Politika-Artikel aber dann überraschend sein Schwergewicht. Der Verfasser beschrieb, dass Unverzagt und Reiswitz nach Abschluss der archäologischen Sondierungen sich den übrigen Sehenswürdigkeiten in und um Ohrid widmeten. Sie seien beeindruckt von der Schönheit Südserbiens und seiner christlichen Altertümer und lobten den hohen kulturpolitischen Einsatz des jugoslawischen Staates, ablesbar an der Beobachtung, dass es eine Schule in jedem Dorf gebe. Auch seien die deutschen Besucher fasziniert von den mittelalterlichen Kirchen und Klöstern der Region. Hervorgehoben wurde die Kirche der Heiligen Sofia – deren Zustand noch von Krakov bei der Gründungsversammlung der „Gesellschaft der Freunde der Altertümer“ am 09.02.30 als bedrohlich angesehen worden war wegen der geplanten Übermalung der Fresken durch Bischof Nikolaj. Weiter meinten Reiswitz und Unverzagt, dass Südserbien sicher sei, es gebe keine Kriminalität – und damit, soviel ist zwischen den Zeilen zu lesen, auch keinen makedonischen Separatismus, geschweige denn Terrorismus. Unverzagt wurde darüber hinaus dergestalt zitiert, dass überhaupt zum ersten Mal seit der Römerzeit in Makedonien wieder Frieden herrsche.
Es ist klar, dass hier der Besuch der beiden deutschen Forscher für politische Zwecke im Sinne der Pazifizierung der nach den Balkankriegen hinzugewonnen „südserbischen“ bzw. makedonischen Territorien instrumentalisiert wurde. Auch die positive Arbeit der Malariastationen des Skopjer Hygieneinstituts des Reiswitzfreundes Rankov fand Erwähnung. Alle Voraussetzungen lägen nun vor, so ließen es laut „Politika“ die Entsandten des DAI verlauten, dass die natürliche Schönheit, die kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten ersten Ranges und die gewährleistete innere Sicherheit Südserbien zu einem Ziel für ausländische Besucher machen könnten.
So ganz rosig wird die Lage nicht gewesen sein, denn Reiswitz hatte noch in seinen undatierten Empfehlungen an Unverzagt vor dessen Reiseantritt nach Jugoslawien im März 1931 diesen vor den verwanzten Hotelbetten in Skopje gewarnt. Auf der anderen Seite wird Reiswitz dieser Artikel durchaus zugesagt haben, da er ja selbst durchaus aufrichtig an Jugoslawien und dessen Zukunft glaubte und gerne mit dazu beitrug, auch andere Wissenschaftler davon zu überzeugen. Folglich schrieb er am 22.03.1932 zufrieden an Petković, dass „Herr Unverzagt nun auch ein begeisterter Freund Jugoslawiens geworden ist“.453
Der „Politika“-Artikel vom 06.05.31 beschrieb dann im letzten Teil den Besuch von Reiswitz und Unverzagt im makedonischen Stobi. Im Jahre 1858 hatte dort der in Frankfurt am Main geborene Philologe und spätere österreichische Konsul Johann Georg von Hahn (1811–1869) Spuren einer antiken Siedlung entdeckt. Im Ersten Weltkrieg hatten deutsche Offiziere erste Bauwerke gefunden, wie zum Beispiel die dann 1916 ausgegrabene Basilica Palicura aus dem 5./6. Jahrhundert.454 Petković hatte bereits 1929 in Stobi gegraben und einen spätantiken Palast freigelegt,455 in dessen unmittelbarer Nähe er 1931 weitergrub und unter anderem hoffte, zwei inschriftlich belegte Reiterstandbilder zu lokalisieren. Die deutschen Besucher, aus Ohrid kommend, waren, so der Verfasser des „Politika“-Artikels vom 06.05.31, höchst angetan von der Fachkunst und dem Erfolg der Grabung in Stobi. Betont wurde auch erneut, wie sehr sich Petković um die deutsch-jugoslawische kulturelle Zusammenarbeit bemühte. Ganz am Ende wurde – durch Fettdruck hervorgehoben – Unverzagt persönlich das Wort erteilt. Er brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass die für den September 1931 terminierte Fortführung bzw. der eigentliche Beginn der Grabung bei Gradište wichtige neue Erkenntnisse vermitteln könne über die Vorgeschichte Südserbiens. Er fügte dann vollmundig hinzu: „Ich gehe nach Ohrid auch als jemand, der verliebt in dessen Schönheiten ist, welche in der Lage sind, die Aufmerksamkeit der allerkultiviertesten Besucher auf sich zu ziehen. Mein Aufenthalt unter den fleißigen und tüchtigen Südslawen hat bei mir bereits einen tiefen Eindruck hinterlassen.“
Eine Woche zuvor hatte Unverzagt sich in einem Privatbrief gegenüber Bersu noch etwas anders geäußert. Dort hieß es, dass er in Ohrid seit nunmehr „drei Wochen von der Welt abgeschnitten“ sei: „Ein nicht gerade erfreulicher Zustand. Die Tage hier waren voll unerhörter Strapazen und Entbehrungen“. Wissenschaftlich gesehen sei der Aufenthalt dennoch ein voller Erfolg und habe ihn „sehr befriedigt“. Nun endlich schien sich auch Unverzagt im Klaren zu sein über die Topographie: „Unsere Konzession umfasst das wichtigste Gebiet des Ochrida-Sees, ein dreieckiges Gebirgsmassiv, dass die Gegend weithin beherrscht.“ Das Ergebnis der Prospektion und Probegrabung beschrieb er folgendermaßen: „Wir haben drei frühe Burgen darin festgestellt, eine mit prähistorischen und römischen Scherben, eine mit der Trockenmauer aus roh zugehauenen Blöcken mit Türmen und zwei Toren und eine in der Art des Lochensteins456 mit … anscheinend neolithischer Keramik.“ In der folgenden Briefpassage gestand Unverzagt ein, dass er wohl nicht beabsichtigte, sich an das deutsch-jugoslawische Abkommen zu halten, wonach Grabungsfunde im Lande zu verbleiben hatten: „Die Keramikproben bringe ich mit nach Berlin, um sie dort näher zu bestimmen.“ Er hatte auch einen Grund dafür parat: „Da … die Serben darin nicht bewandert sind.“ Schlussendlich gab er sich optimistisch: „Alle Vorfragen sind jetzt geklärt, sodass wir noch in diesem Herbst Ende September … mit der ersten Grabung beginnen wollen … Bei 30 Arbeitern in vier Wochen stelle sich die Kosten alles in allem auf 4000 Reichsmark. Das ist nicht zuviel.“457
An seiner gegenüber „Politika“ gemachten Äußerung über die „Schönheiten“ von Ohrid lässt sich ablesen, dass auch Unverzagt bereit war, durch die Ohridgrabung der deutschen Wissenschaft eine vorteilhalfte Position zu verschaffen gegenüber dritten grabungsinteressierten ausländischen Archäologen und Institutionen. Gewissermaßen als Gegenleistung ließ er sich bereitwillig im Sinne der politischen Stabilisierung Südserbiens und zur Förderung des dortigen Fremdenverkehrs zitieren. Am auschlussreichsten war seine Schlussbemerkung: „Diese unsere gemeinsame Arbeit wird auch in Deutschland einen Widerhall haben und einen großen Beitrag leisten bei der Zerstörung von irrigen Vorstellungen in Bezug auf Jugoslawien, welche den Deutschen leider aufgezwungen wurden durch fremde Brillen.“
Um welche „irrigen“ Ansichten es sich genau handelte, erwähnte Unverzagt nicht. Es liegt jedoch nahe anzunehmen, dass damit diejenigen Standpunkte derjenigen gemeint waren, die Jugoslawien immer noch vornehmlich als den Feind aus den Jahren 1914–1919 wahrnahmen und somit österreichischer Provenienz waren und von denen sich Unverzagt – sicherlich ganz im Sinne von Reiswitz – hier öffentlich abgrenzte.
Politisch gesehen war die Grabungskonzession am Ohridsee im wissenschaftlichen Wettstreit von Nutzen. Während 1930 Vulić bei Trebenište noch medienwirksam fündig wurde, blieb dieser Erfolg 1931 aus. In zwei langen Artikeln für „Politika“, in denen Vulić viel Spannung versuchte aufzubauen hinsichtlich der Erwartung, ein weiteres Grab bei Trebenište zu finden, musste er am Ende antiklimaktisch konzedieren, dass er dieses Jahr leer ausgegangen war. Dies sei aber dennoch ein Erfolg, so Vulić, da nun definitv feststünde, dass nicht mehr als acht Gräber – sieben von den Bulgaren 1918 freigelegte und das von Vulić 1930 entdeckte – vorhanden seien.458 Ein Jahr später sollte sich diese vermeintliche Gewissheit als verfrüht herausstellen, da Vulić selbst dann auf vier neue Gräber an derselben Lokalität stoßen würde.
Doch neben der durch Vulić bestand für die deutsche Archäologie in Jugoslawien eine weitere Rivalität: diejenige anglo-amerikanischer Forscher und Institutionen. Neben Sir Charles Hyde, der 1929 die Vinča-Grabung von Vasić ermöglichte, ging die Konkurrenz vor allem von einem 1921 im Alter von zwanzig Jahren ohne Englischkenntnisse in die USA eingewanderten mittellosen Tschechen aus: Vladimir Fewkes (1901–1941). Sechs Jahre später machte er an der Universität von Pennsylvania seinen Bachelorabschluss in Wirtschaftswissenschaft. Danach wandte er sich der Anthropologie zu und erwarb in diesem Fach 1928 seinen Master, bevor er 1930 darin promovierte. Von 1926–1927 arbeitete er als Assistent an der Universität von Pennsylvania, von 1930–31 als „Instructor“. 1932 wurde er Stellvertretender Leiter der „American School of Prehistoric Research“.459
In der Tat galt sein Hauptinteresse der mitteleuropäischen Archäologie, wobei ihm seine Landeskunde- und Sprachkenntnisse zu gute kamen.460 Am 22.07.32 teilte er „Vreme“ mit, dass er bereits mehr als zehn Mal in Jugoslawien gewesen sei, während ihm der interviewende Journalist bescheinigte, die Landessprache fehlerfrei zu beherrschen.461 Während die Aussage über Fewkes’ Sprachkenntnise wohl zutrifft, scheint die von ihm angegebene Zahl der bisherigen Jugoslawienreisen völlig übertrieben zu sein. Erste Erwähnung fand Fewkes in der jugoslawischen Presse im Jahre 1931 im Zusammenhang mit einer Erkundungsreise amerikanischer Archäologen unter der Ägide von George Grant MacCurdy (1863–1947), der in jenem Jahr die Leitung der „American School of Prehistoric Research“ übernommen hatte. Er erwähnte in einem Interview mit „Vreme“ vom 26.08.31 Fewkes als einen seiner „fähigsten Schüler“, was allerdings nicht zutraf, da Fewkes nie universitär von MacCurdy ausgebildet worden war.
Am 27.07.30 hatte die „New York Times“ in einem mehrseitigen Artikel, welcher unter anderem auf das weltumfassende Engagement amerikanischer Archäologen einging, bereits angekündigt, dass auch Jugoslawien bald Ziel sein würde: „From the University of Pennsylvania a party headed by Vladimir J. Fewkes will search for Neolithic man in the valley of the Danube.“462
Im Jahre 1932 war Fewkes dann wieder im Lande, diesmal selbst in leitender Funktion. Er stand einer gemeinschaftlichen Exkursion des „Peabody Museums for Achaeology and Ethnology“, des „Fogg Museum of Art“ – beide Einrichtungen der Harvard-Universität angeschlossen – und der „American School of Prehistoric Research“ vor. Neben Fewkes nahmen an der Fahrt noch Robert W. Ehrich (1908–1992) und Hetty Goldman463 teil. Das wichtigste Ziel der Reise, wie es Fewkes am 04.05.32 „Vreme“ mitteilte, sei diesmal das Gebiet um den Ohridsee. Am folgenden Tag bereits würde die US-Delegation Belgrad verlassen, um sich mit einer „deutschen wissenschaftlichen Gruppe, die Grabungen in Südserbien“ durchführe, zu treffen.464 Bei dieser Gruppe handelte es sich um Reiswitz und Unverzagt, die ein Jahr nach der Prospektion und Probegrabung und wieder mit rund halbjähriger Verzögerung ihre Ohrid-Unternehmung fortsetzten.
In seinem Logbuch der Expedition von 1932 widmete Fewkes tatsächlich einige Seiten dem Aufenthalt der Amerikaner am Ohridsee. Aus Skopje kommend erreichte die Delegation am 08.05.32 erschöpft Ohrid465 und speiste sofort am Tag der Ankunft mit den deutschen Kollegen: „Put up Hotel Tourist, on the lake. Dinner with Unverzagt, Keller466 and Raisewitz [sic].“467
Fewkes war erwartungsfroh: „We know from the work of Vulić and the German Expedition that this is a promising region for us.“468 Ungemach bereitete Fewkes allerdings die Art und Weise, wie der ebenfalls anwesende Grbić mit dem Fahrzeug umgegangen war, welches die Amerikaner am 10.04. erworben hatten. Fewkes zufolge war Grbić damit ohne Erlaubnis nach Ohrid gefahren und hatte es dort sogar den Deutschen unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Nun seien nach mehr als 900 gefahrenen Kilometern diverse Reparaturen nötig. Von Fewkes auf die Reparaturkosten angesprochen, meinte Grbić, dass „the Germans are not to pay for the use of the car.“ Fewkes war wütend: „They’re going to pay“ und drohte Grbić: „Or else it comes out of [your] own pocket.“469 Leider ist nicht überliefert, wer nun am Ende die Rechnung begleichen musste.470
Darüber hinaus war Fewkes unzufrieden damit, dass Grbić der amerikanischen Delegation nicht so viele Tage zur Verfügung stand, wie ursprünglich vorgesehen. Wieder lag es an den Deutschen, so Fewkes. Er erwartete eine Zurechtweisung von Grbić: „This all will have to be explained in full. Grbić is little too lighthearted and irresponsible about the whole matter.“471
Fewkes war allerdings nicht nur von Grbić wenig begeistert. Am Tag nach ihrer Ankunft in Ohrid besuchten die Amerikaner die Trebenište/Gorenci-Gräber: „What a lousy job has been done here, by the Bulgars and Vulić as well.“ In der „Field Card“ von Fewkes zu Gorenci hieß es knapp: „Awful methods visible“.472 Fewkes bezifferte die Kosten für eine Enteignung des Geländes, um nach weiteren Gräbern zu suchen, auf 300 Dollar. Seine Laune verbesserte sich auch an diesem Abend nicht wirklich: „Excellent fish dinner in unpleasant German surroundings.“473 Fewkes war also von Anfang an nicht angetan von Reiswitz, Unverzagt und Keller.
Am 10.05. schließlich erfolgte seitens der amerikanischen Besucher die persönliche Inaugenscheinnahme der deutschen Grabung. Fewkes erschien nun durchaus beeindruckt: „Visited the German dig – Gradište Sveti Erazmo. Late Macedonian fortress, beautiful walls, buttresses, gates, etc. Well done. Underneath this [sic] remnants of a burned ‚Burg’ and still lower they hope to find Bronze Age deposits.“ Der letzte Satz lässt darauf schließen, dass Fewkes wohl nicht uninformiert war über die mögliche Illyrerverbindung von Gradište, wie sie, zumindest von Reiswitz, erhofft wurde. Auf der anderen Seite waren die Deutschen weniger offen, was das Herzeigen von Grabungsdokumentation anbelangt: „Would not show us a single photograph or plan and would not reveal any of their reconnaissance work in this region.“474 Diese Aussage erhellt klar die Konkurrenzsituation, in der sich beide Archäologengruppen befanden.475 Zumindest gelang es den Amerikanern an diesem dritten Tag ihres Ohridbesuches, den Deutschen am Abend aus dem Weg zu gehen: „Returned to Ohrid by 7:30, just late enough to have a table to ourselves, the Germans in the meantime having just about finished their meal.“ Fewkes erwähnte in diesem Zusammenhang, dass die Amerikaner den serbischen Grabungsassistenten Branimir Bugarčić (1902–?) in ihre Runde mit einluden, „which is something the Germans would not stand for in spite of the fact that he is the backbone of their technical activities.“476 Bugarčić arbeitete hauptamtlich als Fotograf für das Belgrader Nationalmuseum und sollte 1941–44 unter Reiswitz für den deutschen Kunstschutz tätig werden, zum Beispiel bei der fotographischen Dokumentation der Objekte im Werschetzer Museum. Mit der Qualität seiner Arbeit war Reiswitz zufrieden, obgleich Bugarčić gelegentlich recht großzügig abrechnete, zu Lasten des Geldgebers „Ahnenerbe“. Reiswitz bezeichnete Bugarčić an einer Stelle als „liebenswürdigen Gauner“.477 Für die Amerikaner verdingte er sich in Ohrid nach Abreise der Deutschen dann auch als Fahrer des mittlerweile instandgesetzten Automobils.478
Am nächsten Tag, 11.05.32, stand auch Grbić den Amerikanern dann endlich voll zur Verfügung. Fewkes beschloss, in den nächsten Tagen mehrere „Gradište“ in der Umgebung zu inspizieren. Am besten wäre es, laut Fewkes, immer nur von einem Tag auf den nächsten zu planen, „because we are operating in an archaeological terra incognita and never know what’s before us next“.479 Und so besuchten Fewkes und Goldman, hoch zu Ross, am 12.05.32 die Burganlange bei Trebenište, die Reiswitz ein Jahr zuvor entdeckt hatte. Fewkes fand dort „an entirely different situation from the description of the site given us by the Germans“. Fewkes zufolge stammte die Anlage aus der Bronzezeit, aber es gebe auch griechische und römische Spuren. Nichts Anderes allerdings hatte indes bereits am 06.05.1931 „Politika“ berichtet, sodass es unklar ist, welche angeblich unrichtigen Angaben Reiswitz und Unverzagt den Amerikanern gegenüber über die Burg von Trebenište gemacht haben sollen. Fewkes’ Appetit aber war geweckt: „This place ought to be done – would take a few seasons, but it’s most promising.“480 Am Abend desselben Tages mussten die Amerikaner dann nochmals auf ihren serbischen Begleiter verzichten: „Grbić had to see the Germans for their final clearance“. Das heißt, die Amerikaner waren zur deutschen Abschiedspartie nicht eingeladen.
Die Folgetage verbrachten Fewkes, Ehrich und Goldman mit weiteren Prospektionen in der Umgebung. Am 15.05. besuchten sie schließlich eine bereits 1931 von Reiswitz entdeckte Burg, das „Gradište“ oberhalb des heutigen Dorfes Lakočerej gelegen. Fewkes kam hinsichtlich der Datierung zu demselben Ergebnis wie Reiswitz: „The material looks uniformly Bronze Age, rather early.“ In seinem Logbucheintrag bezeichnete er dieses „Gradište“ als „the most promising prehistoric site we have seen yet.“ Seine Befürchtung war, dass es schon den Deutschen zugesprochen worden war und erhoffte sich Aufklärung durch Petković. Sollte Lakočerej noch zu vergeben sein, so Fewkes, sollten die Amerikaner alles daransetzen, um „an option on the site“ zu bekommen.481 Auf seiner „Field Card“ zu Lakočerej notierte Ehrich unter der Überschrift „CONFIDENTIAL“, dass Unverzagt Fewkes mitgeteilt habe, dass die Deutschen planten, Lakočerej im Laufe des Jahres 1934 auszugraben.482 Da sich dieser Plan in den deutschen Quellen nicht nachweisen lässt, kann davon ausgegangen werden, dass Unverzagt Fewkes wohl allenfalls glauben lassen wollte, Lakočerej falle unter die deutsche Grabungskonzession.
Aus prähistorischer Sicht bot sich für Fewkes, was Ohrid und Umgebung anbelangt, dann neben Lakočerej und dem „Gradište“ von Trebenište, noch die Suche nach weiteren Gräbern bei Gorenci an, wo wenige Monate später Vulić tatsächlich vier weitere Gräber entdecken sollte, inklusive einer weiteren goldenen Maske. Ein Aufkauf des gesamten die Nekropole einschließenden Weinberges sollte ja laut Fewkes nicht mehr als 300 Dollar kosten.483 Allerdings war auch hier, wie bei Lakočerej, nicht geklärt, wer genau das Recht hatte, zu graben. Während die Amerikaner im Glauben waren, dass bei Lakočerej die deutschen Interessen mit im Spiel waren, so war bei Trebenište/Gorenci ebenfalls unklar, wer Hand an den Spaten legen durfte: „Professor Vulić of Beograd seems to have a monopoly on them [die Gorenci-Gräber], unless the Skoplje Museum obtains a legal, exclusive archaeological control in Southern Jugoslavia“.484
In seinem Resumé des Ohridaufenthaltes widmete sich Fewkes weiteren praktischen Fragen. Im Sommer sei die Gegend malariaverseucht – weshalb Reiswitz bereits 1928 den Aufenthalt in der Malariastation gewählt hatte – Arbeitskräfte stünden reichlich und günstig zur Verfügung für 50 Cents pro Tag, Antiserum müsse besorgt werden wegen der vielen Schlangen, und am besten sei die Errichtung eines eigenen Hauses „in local style“, um direkt an der Ausgrabungsstätte wohnen zu können und um dort Funde und Gerätschaften unterzubringen. Dieses Haus könne für 500 Dollar gebaut und nach Abschluss der Arbeiten wiederverkauft werden. Von einer nachhaltigen Entwicklung und Ausnutzung des archäologischen Potentials des Gebietes, wie sie Reiswitz vorschwebte, beispielsweise mittels der Einrichtung eines örtlichen Museums, ist bei bei Fewkes nicht die Rede. Die Früchte der amerikanischen Bemühungen sollten ausschließlich der amerikanischen Wissenschaft zugutekommen.485
Am 16.05.32 brach die amerikanische Delegation nach Bitolj auf, das von den Deutschen zurücküberstellte Automobil so voll beladen, dass eine Kiste mit Grabungsscherben per Zug nach Belgrad auf den Weg gebracht werden musste. Doch das von Reiswitz und Unverzagt reichlich in Anspruch genommene Fahrzeug machte, in Bitolj angekommen, schlapp: „Our car needs a lot of attention – taking it to a garage tomorrow“. Fewkes war erneut wütend, da die Reparaturkosten sich auf fünfundzwanzig Dollars belaufen könnten – fünfzig Grabungstage einer lokalen Hilfskraft.486
Noch in demselben Jahr kehrte Fewkes nach Jugoslawien zurück, diesmal mit vierzehn Studenten der „American School of Prehistoric Research“, um vor Ort, bei der ihm schon aus dem Vorjahr bekannten Ausgrabung in Starčevo, praktische Hand anzulegen. Die Expedition war laut „Vreme“ mit einem Budget von $ 120.000 Dollar ausgestattet487 – ein Betrag, von dem Reiswitz nur träumen konnte, dessen Reisekostenabrechnung für die Sondierung am Ohridsee 1931 durch Unverzagt, Grbić und ihn selbst sich auf ganze RM 1.901,80 belief. Der Gesamtetat des DAI belief sich für das Haushaltsjahr 1932 auf 740.000 Reichsmark, für „eigene wissenschaftliche Unternehmungen“ waren lediglich 83.000 Reichsmark eingestellt.488 Bei einem Umrechungskurs von ca. 4,20 Reichsmark pro Dollar hatte die Fewkes-Expedition nach Jugoslawien allein also rund sechsmal mehr Mittel zur Verfügung als das DAI für alle archäologischen Unternehmungen zusammen.
Fewkes weilte bis Mitte September 1932 in Starčevo. Am 12.09., kurz vor seiner Abreise, wurde die Ausgrabungsstätte bei Pančevo von einer fünfzigköpfigen Rotariergruppe aus Belgrad besucht, geleitet von Petković. Alle, auch die von den Amerikanern ausgegrabenen Fundstücke aus den beiden gerade erst freigelegten jungsteinzeitlichen Brunnen, sollten in das Petković unterstehende Nationalmuseum verbracht werden. Die ausführlichen Fundbeschreibungen würden in den USA veröffentlicht – wozu es ein Jahr später auch kam.489
Im Jahre 1938 tauchte Fewkes dann wieder in Jugoslawien auf, als er mit Studenten eine Ausgrabungsstätte des Museums in Niš, in der Nähe des Dorfes Brzi Brod, besuchte.490 Dort wird Fewkes mit Sicherheit Adam Oršić-Slavetić begegnet sein. Der Besuch von Fewkes in Starčevo und Niš sollte deutscherseits nicht in Vergessenheit geraten.
Im selben Jahr, als Fewkes in Niš erschien, legte ein junger deutscher Ur- und Frühgeschichtler und Bekannter von Reiswitz, der 1934 in Marburg promoviert hatte und für 1936/37 das Reisestipendium des DAI zuerkannt bekommen hatte, namens Friedrich Holste (1908–1942) seinen Abschlussbericht vor.491 Als Resumé seiner Zeit auf dem Balkan und in Italien regte er die Eröffnung einer Zweigstelle des DAI in Südosteuropa an, nicht nur, um Archäologie zu betreiben, sondern auch um „deutsche Kulturarbeit in Gebieten fördern“ zu können, die „immer noch unter stärksten Einfluss französisch-romanischer Gedankenwelt stehen“. Als gutes Beispiel gelungener Kulturarbeit erlaubte er sich „auf das amerikanisch-tschechische Institut“ hinzuweisen, „dass [sic] durch Herrn Fewkes-Fuchs ins Leben gerufen ist.“492 Auch Holste war in Niš gewesen, im Februar 1937, und stellte fest, dass der dortige Museumsleiter, Rudolf Bratanić493, ihm gegenüber „mehrfach“ den Wunsch geäußert habe, dass „in Zusammenarbeit mit deutschen Fachleuten durch wenige systematische Grabungen viele wichtige offene Fragen geklärt werden könnten“. Holste schloss sich dieser Auffassung an und konstatierte, dass „mit geringen Mitteln von deutscher Seite hier Pionierarbeit geleistet werden könnte, ehe von anderen ausländischen Instituten die sich bietenden Gelegenheiten ergriffen werden.“494
Weitere drei Jahre später sollte Holste sich erneut in Serbien umtun, als Sonderbeauftragter des Reiswitz’schen Kunstschutzes für die „Untersuchung der vorgeschichtlichen Denkmäler und Fundbestände“. Vom 18.08. bis 08.09.41 hielt er sich zum zweiten Male in Niš auf. Auf der zweiten Seite seines Abschlussberichtes schon kam er auf Fewkes zu sprechen, der ihm deutlich ein Dorn im Auge war: „Wiederholte, von den maßgebenden jugoslawischen Stellen zuvorkommend unterstützte Reisen einer amerikanischen Gesellschaft (American School of Prehistoric Research) unter der Führung eines in Amerika naturalisierten (wahrscheinlich jüdischen)495 Tschechen [Vladimir Fewkes] bilden den Hauptanteil der von ausländischer Seite unternommenen Bemühungen“ auf dem Gebiet der Archäologie in Jugoslawien.496
Holste hatte als eines seiner „Ziele der vor- und frühgeschichtlichen Untersuchung“ in Niš angegeben, die Bedeutung der Vardar-Morava-Linie im Rahmen der prähistorischen Völkerbewegungen auf dem Balkan zu klären. Für das Mittelalter ist belegt, dass die Hauptreiseroute über den Balkan in Richtung Thessaloniki zunächst entlang der Donau nach Belgrad führte. Von dort aus „erreichte [man] nach einigen Tagesreisen durch das Morava-Tal den Verkehrsknotenpunkt von Niš.“497 Noch weiter südlich musste dann in der Umgebung von Skopje eine Landbrücke hin zum Vardar-Fluss überwunden werden, welcher schließlich in die Ägäis fließt. Holste und andere gingen davon aus, dass diese natürliche Verkehrsverbindung schon „an den Völkerwanderungen … um 2000 v.Chr.“ und „um und nach 1200 v.Chr.“ ihren Anteil hatte. Beide Wanderungsbewegungen verliefen – gemäß der ex-septentrione-lux-Theorie – von Norden nach Süden. Die frühere der beiden habe zur „Begründung der sogenannten indo-germanischen Völkerfamilie“ geführt, die spätere bezeichnete Holste als die „ägäische“. Ursache dafür sei – ganz im Sinne Schuchhardts – „großräumige Bewegungen in Zentraleuropa gewesen“, die eine Völkerverdrängung in Nord-Süd Richtung zur Folge gehabt hätten, was u.a. die Zerstörung Trojas und des Hethiterreiches in Kleinasien bewirkt hätte. Eine Untersuchung der Fundplätze um Niš könne darüber Klarheit verschaffen. Die Fewkes-Expeditionen hätten bereits „nützliche Geländearbeit“498 geleistet, welche jedoch noch nicht wissenschaftlich ausgewertet sei.
Doch waren die Fewkes-Aufzeichnungen über Fundstellen im Morava-Gebiet auch deshalb interessant, weil Fewkes zu denjenigen gehörte, die die Morava-Vardar Wanderungsströme der Vorgeschichte für unwahrscheinlich hielten: „Was the Vardar valley really such an important avenue of early cultural movements from the Aegean to the Morava Valley and hence to the Danube as many authorities maintain?“499 Fewkes kam unter Hinweis auf die gebirgige Topographie der Landbrücke zwischen Morava und Vardar zu folgendem Schluss: „The geographic situation suggests that the theory of the Vardar-Morava culture route is invalid.“ Somit ist es verständlich, dass die Anhänger der entgegengesetzten Hypothese, so wie Holste, umso interessierter daran gewesen sein müssen, die Erkenntnisse Fewkes’ vor Ort zu überprüfen, am besten mit Hilfe von Fewkes’ eigenen Aufzeichnungen.
Zeitgleich erwähnte Reiswitz den unliebsamen Amerikaner. Kurz nach dem 25.08.41 war in einem Brief an Böckschen vom „Fall Fewkes“500 die Rede. Die Wiederholung eines solchen sollte durch eine entsprechende von der deutsche Besatzung anzustoßende Denkmalschutzregelung – wodurch deutschen Archäologen das „droit du seigneur“ garantiert wäre – verhindert werden.
Der „Fall Fewkes“ zieht sich dann weiter durch die Kunstschutzakten. In einem Aktenvermerk vom 17.08.42 strich Reiswitz die Wichtigkeit der Begehung von Fundplätzen im besetzten Serbien heraus. In diesem Zusammenhang erwähnte er, dass Fewkes unter anderen auch im Ohridgebiet schon eine gewisse Vorarbeit geleistet habe: „Die Reisen von Fewkes sind zwar sehr rasch durchgeführt worden und das Scherbenmaterial ist nur oberflächlich gesammelt“501, doch meinte Reiswitz dennoch, dass Fewkes’ Befunde eine erneute Begehung dieses Gebietes nicht dringlich machten. Vorausgesetzt natürlich, es gelänge dem Kunstschutz, in den Besitz der Fewkes’schen Erkenntnisse zu gelangen.
Vom 12. bis 22.11.42 war in Niš, gewissermaßen als Nachfolger des am 22.05.42 in der Sowjetunion gefallenen Holste, der österreichische Prähistoriker Kurt Willvonseder (1903–1968) tätig. Zwei Tage nach Abschluss seiner Tätigkeit dort erstattete er Bericht und meldete, dass er die Abschrift gewisser Aufzeichnungen von Fewkes aus den Jahren 1932/33 besorgt habe, aus denen bislang unbekannte Fundstellen hervorgehen.502 Dies wurde von Reiswitz am 14.12.42 gegenüber dem Geschäftsführer des „Ahnenerbe“, Wolfram Sievers, bestätigt. Auch Reiswitz sprach hier von Fewkes als einem „jüdisch-tschechisch-amerikanischen“ Professor.503 In seinem mehrseitigen „Bericht über vorgeschichtliche Forschungen in Nisch“ erläuterte Willvonseder, dass ihm der Verwalter des Museums in Niš Fewkes’ „Aufzeichnungen aus den Jahren 1932 und 1933 … zum Abschreiben“ und zur Mitnahme nach Belgrad geliehen habe: „Fewkes verzeichnet eine Reihe von Fundstätten, die in Schriften noch nicht erscheinen. Er gibt auch vielfach genaue Hinweise auf Lage und Alter von Fundplätzen.“ Diese Informationen – es handelt sich wohl um die den Jugoslawen überlassenen Abschriften des Logbuchs und der „Field Cards“, deren Originale im Archiv des Harvarder Peabody Museums verwahrt werden – sollten nun „der achäologischen Landesaufnahme nutzbar gemacht werden.“504 Am 17.01.43 konnte Willvonseder dann Reiswitz mitteilen, dass der „erste Fewkes Band“ bereits vollständig abgeschrieben sei.505 Die Fewkes-Papiere erwiesen sich als so wertvoll, dass eine speziell vom „Ahnenerbe“ geschaffene und bezahlte Stelle sich als „besondere Aufgabe“ mit ihnen befassen sollte, wie aus dem Anstellungsvertrag von Sabine Lauterbach, der diese Aufgabe übertragen wurde, hervorgeht.506 Und am 25.03.43 waren die Fewkes-Papiere aus Niš dann bereits in Wien, wo ihnen neue Erkenntnisse über Wanderungsbewegungen in Mittel- und Südosteuropa entnommen werden sollten.507
Damit ist der „Fewkes-Fall“ aber noch nicht ganz geklärt. Eine Aktennotiz Willvonseders vom 19.05.43 lässt nämlich erkennen, dass sich auch im Belgrader Prinz-Paul-Museum Fewkes-Unterlagen befunden haben, und zwar im Zusammenhang mit der Starčevo-Grabung.508
Der deutsche Umgang mit Fewkes und seinen Unternehmungen in Jugoslawien zeigt, dass die amerikanische Archäologie der deutschen gegenüber sicherlich im Vorteil war in Bezug auf Jugoslawien. Vor allem standen ihr deutlich mehr finanzielle Mittel zur Verfügung, um sogar regelmäßig mit mehr als einem Dutzend Studenten der „American School of Prehistoric Research“ durchs Land ziehen zu können. Dies musste auch bei den von ihrer Ausbildung her deutschfreundlichen jugoslawischen Archäologen wie Petković nicht ohne Folgen bleiben, da letztlich finanzielle Erwägungen eine Zusammenarbeit mit den Amerikanern trotz aller angestrebter „Europeanisation“ lukrativer machen mussten. Eine bewusst gesteuerte Politik oder ein ausformuliertes Konzept der jugoslawischen Institutionen in Bezug auf die archäologische Zusammenarbeit mit ausländischen Einrichtungen gab es allerdings dem bisherigen Erkenntnisstand nach nicht. Der zwischen dem DAI und dem Belgrader Nationalmuseum abgeschlossene Grabungsvertrag war zwar das erste Beispiel für eine institutionalisierte und langfristig angelegte wissenschafliche Zusammenarbeit Jugoslawiens mit einem anderen Staat.509 Doch die Tätigkeit von Fewkes zeigt, dass letztlich das Fehlen ausreichender finanzieller Mittel fatale Folgen haben konnte. Nur der Kriegsausbruch 1941 verhinderte es, dass die deutsche Archäologie in Jugoslawien nicht ins Hintertreffen gegenüber den Amerikanern geriet.
Fewkes selbst sollte die Jagd nach seinen Papieren durch die deutschen Besatzer nicht mehr miterleben. Er verstarb im Alter von nur 40 Jahren am 11.12.41 nach längerer Krankheit, zurückzuführen auf seinen barocken Lebenswandel: „His days of revelry took quite a toll on his liver and other vital organs“.510
So kam es zwar trotz vor allem finanzieller, aber auch personeller Nöte 1931 zur von Reiswitz seit seinem Ohridbesuch 1928 in die Wege geleiteten Probegrabung, in einem Jahr, in welchem das DAI die Mittel für Grabungen um 22% gekürzt hatte.511 Sowohl die deutsche als auch die jugoslawische Seite instrumentalisierte diese für ihre jeweils eigenen politischen Zwecke. Für das DAI war es wichtig, auf dem Balkan die wissenschaftliche Konkurrenz aus den USA in Schach zu halten. Belgrad hingegen nutzte die Gelegenheit, Makedonien in der Presse als integralen und gefestigten, auch von ausländischen Wissenschaftlern anerkannten Bestandteil Serbiens darzustellen. Reiswitz’ persönliches Hauptziel, Deutschland und Jugoslawien einander wissenschaftspolitisch näherzubringen, gelang nur zum Teil, obwohl er immerhin Unverzagt zu einem „Freund“ Südslawiens machen konnte.
3.4. Die Ohridgrabung 1932
Die Tatsache, dass Unverzagt zum „Freund“ Südslawiens geworden war, sollte einer auf die deutsch-jugoslawischen Kulturbeziehungen insgesamt förderlichen Longuedurée-Wirkung des zweiten Grabungsgangs in Ohrid den Weg ebnen können.
Nachdem im Jahre 1931 die geplante Septembergrabung in Ohrid, vermutlich aus finanziellen Gründen, nicht stattgefunden hatte512, fand der zweite Durchgang erst vom 17.04.–12.05.1932 statt.513 Während seines Aufenthaltes in Ohrid nahm sich Reiswitz einer privaten Angelegenheit des im Ohrider Krankenhaus tätigen Chirurgen Jovo Kašiković, welcher zugleich im Ohrider Stadtrat vertreten war, an. Dieser beabsichtigte, „zur Auffrischung seiner Kenntnisse“514 nach zu Deutschland kommen, um bei keinem geringeren als Prof. Ferdinand Sauerbruch (1875–1951) an der Berliner Charité zu assistieren. Reiswitz setzte nach seiner Rückkehr nach Berlin alle Hebel in Bewegung, um dem serbischen Chirurgen zu helfen. Er wandte sich an den jugoslawischen Gesandten Balugdžić, mit der Bitte, an Sauerbruch zu schreiben. Zudem nahm er direkt Kontakt mit der Schwester Sauerbruchs auf, die ihm mitteilte, dass ihr Bruder sehr gerne Kašiković ausbilden würde.515 Am 20.07.32 ließ Reiswitz Kašiković wissen, dass alles nun bereit sei für seine Ankunft. Er selbst und Böckschen würden ihm ein Zimmer besorgen und „alles tun, damit Sie einen recht guten Eindruck von Berlin bekommen“. Zudem bat er Kašiković, ihm doch bitte auf Serbisch zu schreiben, während Reiswitz selbst sich der deutschen Sprache bedienen würde: „Ich habe diese Art der Korrespondenz mit allen serbischen Freunden eingeführt, weil es so das praktischste ist.“516 Praktisch und natürlich auch seinem eigenen Spracherwerb förderlich. So antwortete dann auch der Ohrider Chirurg in serbischer Sprache – allerdings sich der lateinischen Schrift bedienend, um Reiswitz darüber zu informieren, dass er vom zuständigen Ministerium keine Reiseerlaubnis bekommen habe und somit der Schulungsaufenthalt bei Sauerbruch ins Wasser fiele. So war dieser Versuch der deutsch-jugoslawischen Vernetzung leider fehlgeschlagen.
Anders sah es aus bei den Grabungen auf Reiswitz’ Gradište. Am 18.08.1932 erschien dazu in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ unter der vielsagenden Überschrift „Auf den Spuren der Illyrer“ ein längerer Artikel, namentlich gekennzeichnet mit „A.v.R.“.517 Dass es sich dabei um Reiswitz selbst handelte, geht klar hervor aus den im Nachlass befindlichen maschinenschriftlichen Vorentwürfen mit seinen handschriftlichen Korrekturen. Er begann damit, hervorzuheben, dass die Grabungen am Ohridsee in beiden Ländern ein „starkes Interesse“ gefunden hätten. Dann beschrieb er in einer längeren Passage die „geographische Lage“ Ohrids als notwendige Voraussetzung für „das beste Verständnis für die Aufgaben der Wissenschaft“ und offenbarte sich damit ganz als Schüler Jovan Cvijićs. Der Ohridsee sei als einer der letzten in Europa noch „ungestört und ungetrübt – ein See um seiner selbst willen.“ Hier ist ein romantisierender Zug in der Wortwahl unverkennbar. Er konzentriert den Blick dann auf Gradište, welches über eine der „wichtigsten Verkehrsstraßen der Alten Welt“ wache, „die Straße von Dyrrhacium-Durazzo nach Byzantium-Konstantinopel, die große Querstraße Adria-Aegeis-Bosporus, jahrhundertelang unter dem Namen Via Egnatia bekannt.“
Pathetisch fuhr er fort mit dem aus der mittigen Fadenkreuzlage Ohrids abgeleiteten „Lockendsten“ an der „Durchforschung“ der Ohridgebietes. Es müssten sich genau in dieser Mittellage, „von allen Wellen des historischen Geschehens auf der Balkan-Halbinsel überspült“, „von seltener Geschlossenheit … die Spuren der Jahrtausende erhalten haben.“
Im nächsten Abschnitt fasste er die bisherigen Grabungen der Bulgaren im Jahre 1918 und die von Vulić zusammen, bevor er auf das „seit 1928“, d.h. seit seinem ersten Ohridbesuch, in Arbeit befindliche Abkommen zwischen dem DAI und dem Nationalmuseum in Belgrad einging. Er erwähnte die vor kurzem abgeschlossene zweite Grabungskampagne und nannte Unverzagt und dessen Grabungsgehilfen Keller als auf deutscher Seite Beteiligte.518 Sich selbst erwähnte er nur ganz beiläufig, ohne jedwede erklärenden Hinweise. Als jugoslawischen Delegierten führte er Grbić an, aber besonders hervorgehoben wurde Petković, der in jenem Jahr auch dem Rektorat der Belgrader Universität vorstand, weil „dessen Hilfe das Unternehmen in ganz besonderem Maße sein Entstehen und Zustandekommen verdankt“.
Nun fasste er die wichtigsten Funde von Gradište zusammen, „die von dichtem Gebüsch überwucherten Reste uralter Mauern, zentnerschwere Blöcke, ohne Mörtel aufeinander getürmt, an drei Meter stark – die von Wind und Wetter vieler Jahrhunderte zugewehten Umrisse einer großen Wehranlage“.
Bei Unverzagt liest sich dieser Befund deutlich prosaischer. Er sprach in seinem erst nach dem Zweiten Weltkrieg 1954 erschienenen Aufsatz über Gradište von „auf einer isolierten Bergkuppe gelegenem polygonalen Kernwerk, das von einer ringsum laufenden 2 m dicken Trockenmauer aus Felsgestein gebildet wird“.519
Reiswitz ging als nächstes auf die „mächtigen, bastionsartig vorspringenden Türme“ dieses „Wehrbaues“ ein, „der sich auf dem strategisch wichtigsten Punkte des ganzen Ohrida-Gebietes befand“. Leider hätten die Grabungen nicht zu Ende gebracht werden können – hier spielten wieder die weltwirtschaftskrisenbedingten finanziellen Faktoren eine Rolle, aber es handele sich wohl „wahrscheinlich“ um die Hauptburg der in diesem Gebiet wohnhaften illyrischen „Dessareten, die zuletzt in den makedonischen Kriegen Roms eine große Rolle spielten“. Auch Unverzagt beschrieb die Mauern, ohne aber auf Illyrer einzugehen. Er war auch sehr vorsichtig, was eine Datierung der Anlage anbelangte, da die Sachüberlieferung dazu keine hinreichenden Befunde lieferte.
Reiswitz hingegen wusste sie nicht nur den Dessareten520 zuzuordnen, sondern stellte auch eine Beziehung her zum „Problem der Illyrer“ im Allgemeinen. Er sah in Gradište „einen, wenn nicht den südöstlichsten Punkt, bis zu welchem illyrische Stämme ihre Festen anlegten.“ Und woher stammten diese Illyrer? Auch dazu hatte er eine Antwort parat. Es sei der „gegenwärtige Stand der Forschung“ – womit er klar, aber unausgesprochen auf die Thesen Schuchhardts verwies, dass die „Illyrer vor ihrer Abwanderung nach dem Süden, die etwa um die Wende vom zweiten zum ersten vorchristlichen Jahrtausend erfolgt sein mag, im Osten und Südosten Deutschlands, in Pommern wie in der Lausitz siedelten“. Somit wäre die Verteidiger der Anlage sowohl Vorfahren der heutigen Deutschen als auch der Südslawen, ein Nexus, der Reiswitz sehr attraktiv erscheinen musste. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Reiswitz sich im Juli 1932, kurz vor der Veröffentlichung des Artikels in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ am 05.07., mit Schuchhardt traf und sich für dieses Treffen einen Tag zuvor entsprechend präparierte. Im Tagebuch heißt es: „Vorbereitung auf Schuchhardt“.521
In einem Brief an seinen alten Ohrid-Bekannten, den Gymnasiallehrer Jovančić, vom 28.05.32, also unmittelbar nach Beendigung der Grabung, ist Reiswitz’ Enthusiasmus noch deutlicher erkennbar: „Immer deutlicher wird der Sieg meiner These, dass es sich bei unserem Gradište um die alte Hauptburg der Dessareten, eines berühmten illyrischen Stammes, handeln muss.“ Er fügte hinzu, dass diese These auch von Prof. Mihovil Abramić, dem Leiter (seit 1926) des Archäologischen Museums in Split unterstützt werde, „der als bester Kenner illyrischer Burgen“ gelte und den er in Split besucht habe.522
Die Betonung, die Reiswitz auf die Illyrer als Herren von Gradište setzte und in dieser Form von Unverzagt wohl nicht geteilt wurde, geht auch aus einem Brief an Böckschen hervor, den er am 12.06.32 zu Papier brachte. Zunächst schilderte er seine Teilnahme an einer Vorlesung Unverzagts tags zuvor an der Berliner Universität, während derer Unverzagt auf die Bronzezeit einging. Reiswitz war entsetzt: „Was er [Unverzagt] da gestern als Einleitung verzapfte ist finsterer historischer Dilettentantismus, weit schlimmer als ich es je gewagt hätte über Prähistorie zu dilettieren!“ Sicherlich nicht nur dieser Einzelfall ließ Reiswitz an Unverzagts Expertise zweifeln. In demselben Brief jedenfalls überlegte Reiswitz, sich deutlicher von Unverzagt, auch gegenüber dem DAI, abzusetzen: „Wie lange es noch ohne Bruch geht weiss der Himmel, soweit es an mir liegt, will ich es vermeiden, zu brechen und erst allerwenigstens meinen eigenen wissenschaftlichen Bericht über das Ohrid Problem machen und an den Mann Rodenwald [sic] bringen.“523 Dazu ist es dann wohl nicht gekommen, aber die Missstimmung zwischen Reiswitz und Unverzagt blieb bestehen.
Sehr deutlich zeigt sich dies zehn Jahre später. Anlass war diesmal ein Brief Unverzagts vom 25.07.42, in welchem Unverzagt dem Kustos Grbić Unfähigkeit vorwarf und verlangte, dass Grbić nicht weiter beschäftigt werden sollte. Grbić hatte zu diesem Zeitpunkt im Auftrag des Kunstschutzes vom Ahnenerbe finanzierte Aufräumarbeiten am Kalemegdan in Belgrad durchgeführt. Unverzagt war allerdings wenig beeindruckt: „Nach meiner Ansicht ist es von der deutschen Aufsichtsbehörde mehr als nachlässig, wenn sie einen Mann wie Grbić, der, wie sie [sic] ja auch in Ohrid gesehen haben, von moderner Ausgrabungstechnik nicht die geringsten Vorstellungen besitzt und sich auch niemals bemüht hat, Kenntnisse auf diesem Gebiete zu erwerben, auf ein so wichtiges Bodendenkmal loslässt. Tun Sie doch bitte alles, dass dieser Zerstörung, die jede spätere wissenschaftliche Nachprüfung unmöglich macht, ein Ende bereitet wird.“524 Reiswitz reagierte darauf geharschnischt, zunächst am 02.08. gegenüber Unverzagt selbst, dem er mitteilte, dass die Aufräumarbeiten keinen weiteren Aufschub duldeten, sodass er Grbić, der der einzige gelernte Prähistoriker Serbiens sei, einstellen musste, da ihn die „Heimat“, mit anderen Worten Unverzagt, „im Stich“ gelassen habe.525 Einen Tag später wandte sich Reiswitz an den Ahnenerbe-Geschäftsführer Sievers und wies Unverzagts Unterstellungen zu Grbić „mit aller Entschiedenheit“ als maßlos überzogen zurück.526 Vier Tage später ging Reiswitz zum Angriff über und teilte Sievers mit, dass „wenn das wissenschaftliche Geltungsbedürfnis auf dem Spiele steht, leider auch die scheinbar besten Freundschaften versagen“.
Reiswitz kramte dann in der Mottenkiste der Unstimmigkeiten mit Unverzagt: „Ich habe mit Unverzagt in den Jahren 1930/32 gelegentlich meiner Grabungskonzession am Ohridsee an das Archäologische Institut des Deutschen Reiches und der Beauftragung Unverzagts, die gebotenen Möglichkeiten nun auszuwerten, Erfahrungen gemacht, die enttäuschend und wahrhaft bitter waren. Jedenfalls ist damals allein durch Unverzagts umkameradschaftliches und, wie ich meine auch unwissenschaftliches Verhalten eine ganz große Gelegenheit für das Reich verdorben worden“. Doch Deutschland habe nicht nur wissenschaftlichen Schaden durch Unverzagt genommen. Er warf ihm auch gegenüber Sievers „Unkenntnis der südeuropäischen Psyche“ vor.527
Sievers wandte sich daraufhin schlichtend an die Kontrahenten. Reiswitz ließ er mitteilen, dass, da „die Zahl der Vorgeschichtsforscher nun einmal so dünn ist, man versuchen muss, miteinander auszukommen.“528 Unverzagt beruhigte er durch den Hinweis darauf, dass alles ein „Missverständnis“ sei und rügte die „unnötige Schärfe“ im Ton des Streits. Er erinnerte Unverzagt an die eigentliche Aufgabe in Zusammenhang mit den Kalemegdan-Grabungen: „Herr von Reiswitz hat, wie ich mich überzeugen konnte, in der Zeit seiner Tätigkeit in Serbien wirklich alles getan, was nur möglich war, um das grösste Unheil vom Kalemegdan abzuwenden und aus dem Verlauf der Aufräumungsarbeiten der Propaganda-Abteilung viel für die Forschung herauszuholen“. Zudem mahnte er Unverzagt – und schloss sich damit der Position Reiswitz’ an –, dass Unverzagt in der Tat schon „vor längerer Zeit“ vom Denkmalschutz aufgefordert wurde, die Arbeiten in Belgrad in die Hand zu nehmen.529
In ähnlicher Weise wie gegenüber Sievers hatte Reiswitz auch gegenüber seiner Frau seinem Zorn freien Lauf gelassen. Er habe auf Unverzagts Brief über die vemeintliche Inkompetenz von Grbić hin „geschäumt“ und wolle am liebsten die geplante Grabung mit ihm am Kalemegdan, in dessen Vorfeld die umstrittenen Aufräumarbeiten durch Grbić stattgefunden hatten, sofort „abblasen“. Er werde Unverzagt „auf Grund meiner Ohrider Erfahrungen“ so antworten, dass ihm „hören und sehen vergehen soll“. Seit Oktober 1941 habe er auf Unverzagts Kommen gedrängt, welcher „immer neue Ausflüchte“ finde. „Wie ein Ozean“ sei in ihm „die Erinnerung an Ohrid ausgebrochen und an all das, worüber ich habe dann Gras wachsen lassen“. Reiswitz fragte seine Frau, ob sie sich noch erinnere, „was für eine Unsumme an Selbstüberwindung es mich gekostet hat, damals zurückzuhalten und wie zuletzt nur der alte Wiegand530 helfen konnte, einen Pfundskrach zu vermeiden?“ Auch Böckschen gegenüber erwähnte er Unverzagts Mangel an interkultureller Empathie und sprach von „der ihm eigenen völligen Verständnislosigkeit für die Psyche anderer Völker“.531 Die obigen Ausführungen zeigen, dass es sicherlich falsch ist, die Beziehung von Reiswitz und Unverzagt pauschal als „langjährige Freundschaft“ zu bezeichnen.532
Mehr Verständnis in dieser Beziehung zeigte hingegen Reiswitz. In seinem Brief an Jovančić erwähnt Reiswitz, dass der Vertrag zwischen dem DAI und dem Nationalmuseum vorgesehen hatte, dass bei den Ohrid-Grabungen nur jugoslawische Arbeiter zu beschäftigen seien. Dieser Vorgabe kam Reiswitz nach: „Unsere Arbeiter – 15 Bauern aus Lakoceri, 2 Bauern aus Pestani, 3 Städter aus Ohrid – arbeiteten so gut und waren so begeistert bei der Sache, dass ich sie gar nicht genug loben kann.“533
Fünf Tage bevor Reiswitz an Jovančić schrieb, schickte ihm der später von Unverzagt so gescholtene Grbić, der sich zu diesem Zeitpunkt bereits in Stobi befand, einen „Politika“-Artikel mit Datum vom 18.05.32 zu, welcher auch den Schlusspunkt der jugoslawischen Berichterstattung zu Gradište in diesem Jahre setzte.534 Darin schilderte der Verfasser zunächst, dass während des feierlichen Abschiedsmahls für die Delegation der Ohrider Gemeindevorsteher Avramović gerade auch den touristischen – und damit wirtschaftlichen – Nutzen der deutsch-jugoslawischen Grabung hervorhob. Dann kam Unverzagt zu Wort, der erläuterte, dass Gradište deshalb so bedeutsam sei, weil dort heftige Kämpfe während der römischen Eroberung Makedoniens stattgefunden hätten.
Er listete dann auf, dass „Teile von Pfeilen und Pfeilspitzen und andere eiserne Waffen“ gefunden worden seien. Unklar ist, warum diese Fundstücke in seinem Aufsatz von 1954 nicht vorkommen, sondern nur „Bruchstücke von Vorratsgefäßen“ aus dem Inneren der Anlage. Reiswitz hingegen notierte in einem Vorentwurf für seinen Artikel in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ vom 18.08.32, dass „Massen von Brandschutt, eiserne Pfeilspitzen und eine grosse Steinkugel von einem Wurfgeschütz“ gefunden worden seien, die „auf erbitterte Kämpfe schließen“ ließen.
Unverzagt deutete dann an, dass man sich bei der Folgegrabung der Zisterne und dem Bergfried zuwenden werde. Er datierte die Anlage auf das dritte bis zweite Jahrhundert vor Christus. Diese Datierung, welche er 1954 nicht erneut erwähnte, stiftete Verwirrung. Wenn die ältesten Funde Gradište im dritten vorchristlichen Jahrhundert verorten lassen, wie kann es dann ein Beweis für die Illyrerthese sein, da die Illyrer nach Schuchhardt bzw. Reiswitz schon mindestens siebenhundert Jahre früher eine Festung auf Gradište errichteten? Und wer genau kämpfte hier gegen wen? In seinem Vorentwurf vom Mai 1932 schrieb Reiswitz: Gradište „scheint in den Kämpfen zwischen Römern und Makedoniern eine hervorragende Rolle gespielt zu haben, da sie der westlichste Eckpfeiler der makedonischen Verteidigungsstellung gegen Illyrer und Römer gewesen sein wird“. Dieser Passus liest sich nun so, als sei Gradište eine makedonische Festung gewesen, gegen Illyrer und Römer. Das Gebiet um Ohrid wurde vom makedonischen König Philipp II. im Jahre 358 v. Chr. erobert, die römische Eroberung Mazedoniens erstreckte sich von 214–148 v. Chr. Über Philipps Eroberungszug schrieb Polybios: „Philip then advancing with his army recovered the cities, took Creonium and Gerus in the Dassaratis, Enchelanae, Cerax, Sation and Boi in the region of Lake Lychnidos“.535 Hier tauchen Reiswitz’ Dessareten als „Dassaratis“ auf, womit Gradište eine illyrische Festung gewesen sein könnte, die von Makedonen erobert wurde, um später als Bollwerk gegen die Römer zu dienen. Diese Hypothese wurde auch in einem „Politika“-Artikel vom 05.05.32 aufgestellt, vermutlich unter Berufung auf einen oder mehrere der Grabungsexperten. Dort wurde auch eingeworfen, dass die Auffindung von „kleinen Keramikfragmenten“536 unterhalb des heute sichtbaren Mauerwerks darauf hindeute, „dass diese Anlage als natürliche Festung bereits zur Bronzezeit und in vorgeschichtlicher Zeit, zweitausend Jahre vor Christus, diente.“ Träfe dies zu, so könnte ein noch direkterer Bezug zu den Schuchhardt’schen Illyrern hergestellt werden.
Reiswitz kündigte zwar in seinem Brief an Jovančić vom 28.05.32 an, dass er selbst bald in „Politika“ alle Missverständnisse klären wolle, und um „endlich nach all dem Unfug und Unsinn, den die Journalisten schon in bestem Willen geschrieben haben, alles zusammenfassend zu sagen“, doch scheint es dazu nicht gekommen zu sein.
Eine weitere Frage noch ergibt sich aus den Datierungen der Trebenište-Nekropole. Wenn diese Gräber, wie heute noch angegeben wird, aus dem 7. bis 4. Jahrhundert vor Christus stammen, wie kann dann behauptet werden, dass Gradište die der Nekropole zugehörige Burganlage war, wenn diese tatsächlich erst mindestens rund zweihundert Jahre später entstand?
Im Reiswitz von Grbić zugeschickten „Politika“-Artikel wurde Unverzagt weiter zitiert. Er würde sich freuen, wenn bald in Ohrid ein Museum zur Unterbringung der örtlichen Funde errichtet werden könnte. Dies indes war ein Plan Reiswitz’ bereits aus dem Jahre 1928 gewesen, der nun scheinbar kurz vor der Vollendung stand. In seinem Brief an Jovančić vom 28.05.32 schrieb Reiswitz, dass „der allererste Anfang eines Ohrida-Museums, indem der Direktor des Gymnasiums uns für unsere Funde einen extra-Raum zur Verfügung stellte“ zu seinen Erfolgen gehörte.537
Zum Schluss wurde noch herausgestellt, dass Gradište auch die Aufmerksamkeit der das Land bereisenden amerikansichen Delegation bestehend aus den Vertretern des „Peabody Museums for Achaeology and Ethnology“, des „Fogg Museum of Art“ und der „American School of Prehistoric Research“ unter Leitung von Fewkes auf sich gezogen habe, wie es bereits im „Vreme“-Artikel vom 04.05.32 angekündigt war. Anfang Juli 1932 kam es dann zu einer weiteren Begegnung von Fewkes und Reiswitz, diesmal in Berlin. Am 02.07.32 schrieb Reiswitz darüber an Böckschen: „Die Amerikaner, die uns in Ohrid beunruhigten, sind seit gestern in Berlin und Unverzagt zeigt ihnen Museum und bei 50 Grad Hitze draussen die Römerschanze.“538 Reiswitz fuhr dann fort mit den folgenden spitzen Bemerkungen: „Da ihm [Unverzagt] selbst die Hitze nicht mehr sehr viel ausmacht, macht es seiner Schadenfreude einen diebischen Spass, den dicken Mister Fweks [sic, Fewkes] und seine Amerikanerinnen zu hetzen.“ Doch Reiswitz und Unverzagt hatten noch weitergehende Absichten: „Dabei wollen wir es so drehen, dass eine grosse Deutsch-Amerikanische Liebe herauskommt und wir bei den sehr interessanten Amerikanischen Grabungen in Starčevo im nächsten Jahr mitmachen können, wofür wir vielleicht Missis Goldmann das Gradište bei Trebenište, das uns nicht interessiert, zum Ausgraben überlassen werden.“539 Aus diesem erhofften Kuhhandel wurde allerdings nichts.
Unverzagt hatte aber schon bad wieder Gelegenheit, seine Englischkenntnisse anzuwenden. Vom 01.–06.08.32 nahm er als einer von mehr als 600 Delegierten am ersten „International Congress of Prehistoric and Protohistoric Sciences“ in London teil, wo er, laut „Times“, die die Vorreiterrolle der britischen Prähistorie betonte, zu den „visitors from the Continent“ gehörte, denen „a … widening of knowledge both in discussion and through personal inspection“ zuteil wurde.540
Vielleicht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Besuch der Amerikaner schrieb Grbić dann in seinem Begleitbrief zu dem „Politika“-Artikel vom 18.05.32 beruhigend an Reiswitz: „Ich kann Ihnen wider [sic] ehrlich bestätigen, dass in Ohrida-Umgebung niemand etwas achaeologisch tun wird.“541 Während Grbić also Ohrid betreffend das Monopol der Deutschen bestätigte, legte Vasić auf dem „International Congress of Prehistoric and Protohistoric Sciences“ einen anderen Schwerpunkt. In seinem Beitrag „Die Organisation der prähistorischen Forschung im unteren Donautale“, den er am 02.08.32 in der „Sub-Section C – Central and Mediterranean Europe“ in deutscher Sprache und im Beisein von Unverzagt ablieferte, fasste er zunächst die Wichtigkeit der Vinča-Grabungen zusammen, die durch seinen „edlen Mäzen“, Sir Charles Hyde, ermöglicht worden waren. Daraus leitete er die Notwendigkeit der gründlichen und baldigen Erforschung des Gebietes an der unteren Donau ab. Jugoslawien könne dies logistisch, personell und vor allem finanziell aber nicht ohne Hilfe bewältigen. Also rief er zur „Ökonomie der Kräfte, der Mittel und der Zeit“ auf. Der Kongress möge einen Beschluss fassen, in welchem die „Regierungen und wissenschaftlichen Institutionen“ der Donauanrainerstaaten aufgefordert werden, sich dementsprechend zu engagieren. Sollte dies ohne Widerhall bleiben, solle der Kongressvorstand sich auch an andere – gemeint waren wohl vor allem die anglo-amerikanischen – wissenschaftlichen „Institute und Private“ wenden, „die für unsere Wissenschaft Interesse haben“. Die Archäologie des Donauraumes sollte also internationalisiert und gegebenenfalls sogar privatisiert werden. Dem Resolutionsentwurf von Vasić stimmte der Kongress am 06.08.32 zu. Ein Komitee wurde mit seiner Implementierung beauftragt, welchem unter anderem der Amerikaner Blegen angehörte, dem Reiswitz 1929 seine Pläne einer archäologischen Gesamtaufnahme der Balkanhalbinsel unterbreitet hatte. Großbritannien war durch Walter Heurtley, den stellvertretenden Leiter der „British School of Archaeology“ in Athen vertreten. Dieser hatte dem Kongress in seinem Vortrag vom 04.08. über „Prehistoric Western Macedonia“ sich als Schuchhardt-Anhänger zu erkennen gegeben, da er die bisherige Fundlage im Sinne einer möglichen bronzezeitlichen „Aryanization of Macedonia“ deutete. Er sprach sogar von einer „Lausitz invasion of the Vardár valley“. Somit also wäre die Ex-septentrione-lux-Theorie zutreffend. Heurtley zufolge waren die nach Süden wandernden Lausitz-Stämme entweder „Aryans“oder „Illyrians“.542
Ferner waren in dem Organisationskomitee zur Internationalsierung der prähistorischen Donauländerarchäologie Grbić, Unverzagt, Vasić selbst und – wohl kaum eine Überraschung – Vladimir Fewkes mit von der Partie. Ob der Resolutionsentwurf von Vasić im Vorfeld in Belgrad politisch autorisiert worden war, ist nicht klar. Seine Umsetzung jedenfalls hätte sicherlich bedeutet, dass der Einfluss der amerikanischen Archäologie in und auf Jugoslawien weiter zugenommen hätte, wohl zum Nachteil der finanziell wenig manövrierfähigen deutschen Prähistoriker.
Neben den Amerikanern543 besuchte auch noch ein Journalist für „Vreme“, „Lj. Živanović“, die Ohrid-Ausgrabung am 11. Arbeitstag, also am 28.04.32.544 Sein ausführlicher Bericht darüber erschien mit einem Foto der Bergkuppe von Gradište am 15.05.32.545 Da Fewkes erst am 04.05.32 angekündigt hatte, Ohrid zu besuchen, muss der „Vreme“-Journalist rund eine Woche vor der amerikanischen Gruppe auf Gradište gewesen sein. Er beschrieb den beschwerlichen Aufstieg und den freundlichen Empfang durch Reiswitz, den er schmeichelhaft als „Archäologen“ bezeichnete. Unverzagt erklärte dem Besucher dann unter anderem, dass der innere Teil der Festung deutlich älter sei als der äußere Ring und auch als Zufluchtstätte für die umliegende Bevölkerung gedient habe, worauf die Reste großer Vorratsgefäße schließen ließen, sogenannter pithoi. Diese Scherben wurden tatsächlich an demselben Tag erst gefunden, wie aus einem Brief von Reiswitz an Petković vom 29.04.32 hervorgeht. In demselben Schreiben gab Reiswitz an, dass es sich bei Gradište um „eine alte Makedonische Festung halten muss, die vor allem in den Kämpfen gegen Rom eine große Rolle gespielt haben muss.“ Von Illyrern ist an dieser Stelle keine Rede. Er erwähnte zudem, dass die deutsche Delegation im „Hotel Turist“ vor Ort wohne und fügte noch etwas hinzu, was bestimmt auch dem Epikureer Fewkes gefallen hätte: „Wir essen und trinken viel und gut.“546
Weiter gab Unverzagt an, dass die Festung die meisten Kriegshandlungen wohl zur Zeit der römisch-makedonischen Kriege erlebt habe. Er fügte hinzu, dass die Römer nach ihrem Sieg über Philipp II. dann wohl die ältere Festung geschleift hätten, um später den äußeren Mauerring ganz neu zu errichten. Über diese Schlussfolgerungen, die den Journalisten dazu brachten, eine Zeitlang das Kriegsgeschehen in seiner Phantasie sich vorzustellen, erfährt der Leser von Unverzagts Aufsatz aus dem Jahre 1954 nichts. Živanović beschrieb den Ausgrabungsort recht detailliert, erwähnte die zwei Zelte und die hölzernen Bänke und einen hölzernen Tisch und sogar drei getötete Schlangen, die während der Ausgrabungsarbeiten aufgestöbert wurden und deren Überreste Grbić in einem Tiegel aufbewahrte. Von Illyrern war in diesem Text keine Rede. Am Ende seiner Visite begleitete Reiswitz den Journalisten auf dem halben Weg hinunter ins Tal. Insgesamt bringt der Text dem Lesepublikum eher das Abenteuerliche einer Grabungskampagne näher, ohne politische Akzente zu setzen.
Etwas mehr Politik ins Spiel kam in einem Schreiben von Reiswitz an Balugdžić in Berlin vom 29.04.32, verfasst am Ende des zwölften Ausgrabungstages.547 Er lobte darin die Unterkunft in Ohrid und auch die „vorzüglich“ bei der Grabung arbeitenden Bauern. Dann allerdings erfolgte ein Seitenhieb auf Unverzagt, dessen „Interview“ wohl „unangenehme Folgen hatte“.
Mit diesem Interview können nur die wörtlich zitierten Aussagen Unverzagts in einem „Politika“-Artikel vom 01.04.32 gemeint sein, den der Deutschlandkorrespondent von „Politika“, Predrag Milojević, direkt einen Tag nach Erscheinen an Reiswitz geschickt hatte mit der euphemistischen Bemerkung, dass sich darin „eine Erklärung von Dr. Unverzagt“ befinde, die Reiswitz „interessieren“ werde. Was war aber nun das „Unangenehme“ an den Äußerungen Unverzagts? Unverzagt führte aus, dass trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage in Deutschland die Regierung die deutsch-jugoslawische Grabungskooperation finanziell unterstützt habe, dass Jugoslawiens Vorgeschichte von großem Interesse sei, da sich auf seinem Boden konfliktträchtige Einflüsse von allen Seiten zunächst „vom Norden aus …, dann vom Osten her“ manifestierten, dass es mit Ausnahme der Grabungen von Vasić und Vulić bislang nur wenige Ausgrabungen gebe, dass Ohrid besonders aufschlussreich für die deutsche Forschung sei wegen des Illyrerfaktors, da Illyrer auch in der Lausitz belegt seien, und dass die Ausgrabung in Gradište bis zum 25. Mai dauern werde, an welcher Keller und der am Deutschen Archäologischen Institut in Athen arbeitende Emil Kunze teilnehmen würden (1901–1994).548 „Unangenehm“ konnte für Reiswitz lediglich sein, dass Unverzagt Reiswitz mit keinem Wort erwähnte, oder das Unverzagt sich eventuell im Datum geirrt hatte, da die Grabungen nur bis zum 12.05. projektiert waren. Allerdings erwähnte Unverzagt an anderer Stelle, dass die Funde von Vulić in Trebenište der „Hauptgrund“ gewesen seien für die deutsche Entscheidung, in Ohrid zu graben. Dies muss Reiswitz natürlich einen Stich versetzt haben, da die von ihm persönlich initiierte Grabungskonzession auf seine Entdeckung von Gradište im Jahre 1928 zurückging, also lange bevor Vulić selbst in Trebenište/Gorenci tätig und fündig wurde. So unterschlug Unverzagt also nicht nur Reiswitz’ Namen, sondern auch dessen gesamte Rolle als spiritus rector der deutsch-jugoslawischen Grabungen am Ohridsee. Einem Briefentwurf an Böckschen zufolge übersetzte Reiswitz diesen Artikel für Rodenwaldt und brachte ihn ihm persönlich vorbei. Rodenwaldt, so Reiswitz, sei „100 %“ für ihn. Reiswitz fügte hinzu, dass sich herausgestellt habe, dass Unverzagt ihn „absichtlich isoliert“ habe.549
Gleichzeitig war Reiswitz aber versöhnlich gestimmt und ließ Balugdžić wissen, dass ein „Artikel in der Politika, von dem ich noch nicht weiß, wem ich ihn zu verdanken habe“, alle misslichen Folgen des Unverzagt-Interviews beseitigt habe.
Bei diesem Text wiederum muss es sich um einen halbspaltigen Beitrag der Ausgabe vom 13.04.32 handeln, dem ein Porträtfoto Reiswitz’ vorangestellt war, mit der Überschrift: „Die Ankunft des Barons von Reiswitz und Dr. Kellers aus Berlin.“550 Unter direktem Bezug auf den zwölf Tage vorher veröffentlichten Text mit dem Unverzagt-Interview stand hier nun Reiswitz im Vordergrund: „Herr Dr. Reiswitz ist Historiker und Freund unseres Volkes. Im Zuge seiner historischen Recherchen über Ohrid ist er zufällig auf eine Burganlage (gradište) bei dem Heiligen Erasmus gestoßen, welche ihm sofort interessant erschien. So kam es dann zu den Arbeiten des Deutschen Archäologischen Museums in Berlin [gemeint ist wohl das DAI] und des Nationalmuseums in Belgrad an dieser Anlage.“ Der Autor des Beitrags war vermutlich Predrag Milojević. In einem posthum veröffentlichten Gespräch mit seinem Neffen, dem Journalisten Kosta Dimitrijević, aus dem Jahre 2002 beschrieb Milojević ausführlich seine Bekanntschaft mit „Baron Aleksandar fon Rajsfirc“. „Rajsfirc“ habe 1926/27, „aber vielleicht auch später“, an einer archäologischen „Expedition der Münchener Archäologischen Fakultät“ teilgenommen, die die „Spuren irgendeines Weges von Byzanz nach Raszien“ zu erkunden. Der Leiter sei ein „Professor Untercajg“ [Unverzagt] gewesen, der „Sekretär“ aber der besagte „Rajsfirc“. Dieser sei in München Dozent gewesen. Über die Ankunft von „Untercajg“ und „Rajsfirc“ in Belgrad sei kurz in der Presse berichtet worden und kurz darauf habe Milojević Reiswitz in dessen Hotel besucht, wo Reiswitz dem „Politika“-Journalisten die Details des Unterfangens unterbreitet habe. Schließlich habe Milojević einen umfangreichen Artikel darüber veröffentlicht. Reiswitz, so Milojević im Gespräch mit Dimitrijević, habe sich besonders über das von Milojević von ihm gemachte Foto gefreut, welches mitpubliziert wurde.551 Obwohl dem bereits hochbetagten Milojević einige Details durcheinadergerieten, stimmen die Angaben im Wesentlichen.
In seinen Aufzeichnungen über seine Ohrid-Aktivitäten von 1928–1930 hatte Reiswitz die Grabungen von Gradište als „Mittel zum Zweck“ bezeichnet. Sein eigentliches Ziel war nicht die Gewinnung archäologischer Erkenntnis über Wanderungsbewegungen in welcher Richtung auch immer, sondern die „Anknüpfung von Beziehungen“, welche Jugoslawien und Deutschland einander dauerhaft näherbringen sollten. Dieses Ziel hatte er zweifelsohne erreicht.
Für Unverzagt stand hingegen ausschließlich die Wissenschaft im Vordergrund. Dies kommt auch in seinem persönlichen Schreiben an Bersu, welches er zu Beginn der zweiten Grabungswoche von Ohrid aus schickte, zum Audruck. Zunächst ging er, wie schon in Jahr zuvor, auf die widrigen Umstände ein: „Auch hier ist es noch sehr kalt mit wüsten Winden und Regenschauer. Wir werden auf unserer Burg aufs Übelste durchgepustet. Es ist viel schlimmer als auf dem Goldgebirge552“. Aber nicht nur das Wetter stellte eine Belastung dar: „Seit rund acht Tagen ist die Grabung im Gange. Bis es soweit war, konnte man graue Haare kriegen. Sie können es sich nicht vorstellen, was es heißt in einer so primitiven Gegend auf einem einsamen Berg eine größere Grabung auf die Beine zu stellen. Und dazu die völlig ungeübte Mannschaft.“ Dennoch aber machte man das Beste draus: „Doch nun kann das Unternehmen sogar nach deutschen Begriffen passabel gelten. Wir werden mit dem Geld und der Zeit auskommen.“ Allerdings waren die Resultate offenbar nicht so, wie es gegenüber der Presse offenbart wurde: „Das Ergebnis entspricht allerdings nicht ganz meinen Erwartungen. Die Anlage an sich ist auf alle Fälle ein großartiges Stück früher Befestigungsbaukunst. Es lohnte sich wohl den Grundriss zu ermitteln. Aber in den beiden bisher angelegten Schnitten zeigt sich, dass die alte Oberfläche und damit auch die datierenden Funde verschwunden sind. Die paar Scherben, die wir antrafen, reichen nicht aus. Sie können hellenistisch sein. Nun, vielleicht kommen in dem dritten Schnitt noch Funde.“ Tatsächlich sollte sich ja dann zwei Tage später die Bilanz dramatisch ändern durch die Funde der pithoi. Unverzagt schloss dann seinen Brief mit dem Hinweis darauf, dass in der kommenden Woche mit „viel Besuch“ zu rechnen sei: „Die höchsten Würdenträger haben sich angemeldet. Unter Umständen kommt auch der deutsche Gesandte.“553 Belegt sind an Besuchern der Grabung nach dem 26.04.32 allerdings nur die des „Vreme“-Journalisten am 28.04. und der Amerikaner um Fewkes am 12.05., die wohl nicht als „Würdenträger“ gelten können. Über einen Besuch des deutschen Gesandten in Ohrid ist nichts bekannt.
Reiswitz’ Bemühungen der Jahre 1928 bis 1932, eine deutsch-jugoslawische Annäherung zum beiderseitigen Nutzen herbeizuführen, hatten durchaus ihr Pendant auf südslawischer Seite. Ein Beispiel dafür ist der Beitrag des Kunsthistorikers Božidar Nikolajević554 (1877–1947) auf der Titelseite von „Pravda“ am 20.08.1929. In Form eines Briefes unter der Überschrift „Deutsche Bemühungen Jugoslawien kennenzulernen“ legte Nikolajević dar, dass Deutschland nun bereit sei, die habsburgische Brille abzunehmen, die bislang den deutschen Blick auf Südslawien verdunkelt habe. In gewisser Hinsicht kehre man in Berlin zur Bismarckschen Politik zurück, welcher bereits 1854 davor gewarnt hatte, die preußische „schmucke und seefeste Fregatte an das wurmstichige alte Oorlogschiff von Österreich“ zu koppeln. Bismarck fuhr in diesem Brief aus seiner Zeit als preußischer Vertreter beim Deutschen Bund in Frankfurt an den Ministerpräsidenten Manteuffel fort: „Wir sind die besseren Schwimmer von beiden und jedem ein willkommener Bundesgenosse.“555 Nichts anderes als eine deutschjugoslawische Bundesgenossenschaft schwebte wohl auch Nikolajević vor, der darauf hinwies, dass von einem bislang immer unterstellten deutschen „Drang nach Osten“ nunmehr nicht mehr die Rede sein könne. Er ging dann dazu über, zahlreiche Beispiele aus der deutschen Wirtschafts-, Tages- und Fachpresse zu zitieren, die das wachsende Interesse Deutschlands an partnerschaftlichen Verbindugen zu Jugoslawien belegen sollten. So erwähnte er auch den „berühmten Orientalisten“ Franz Babinger, der 1928 mehrere Arbeiten zu Bosnien veröffentlicht habe, den Slawisten Gerhard Gesemann und Hermann Wendel, dessen „Spezialgebiet“ Jugoslawien sei.556
In ähnlichem Sinne äußerte sich am 27.02.1931 Jovan T. Marković, der Anfang der 1920er Jahre die jugoslawische Gesandtschaft in Berlin leitete. Er begann seinen ebenfalls auf der Titelseite – in diesem Falle allerdings von „Vreme“ – platzierten Autorentext „Deutsch-jugoslawische Freundschaft“ mit der Feststellung, dass sich in der letzten Zeit in der jugoslawischen Öffentlichkeit eine starke Bewegung hin zu einer Annäherung an Deutschland bemerkbar mache. Grund dafür sei nicht nur die momentane wirtschaftliche Opportunität, obwohl seiner Ansicht nach landreformerische Bestrebungen in Jugoslawien durchaus von deutscher Erfahrung und Expertise profitieren könnten. Nein, wiederentdeckt würden aktuell die weit in die Vergangenheit zurückreichenden kulturellen Berührungspunkte beider Völker. Bereits in den 1830er Jahren hätte starkes deutsches Interesse an Serbien bestanden, welches er am Publikumserfolg Leopold von Rankes Buch über den ersten serbischen Aufstand festmachte.
Reiswitz hatte das Buch bereits 1924 gelesen und seit Ende der 1930er Jahre war er offenbar an einer Neuausgabe des Werkes beteiligt. So erwähnte er Ende März 1941 in einem Brief an Böckschen, dass ein Teil seines „Feldzugplans“ in Berlin derweilen sei, die „Rankeeinleitung“ fertigzustellen.557 Am 01.04.41 lässt er seine Frau wissen, dass die Einleitung zu Rankes „Serbischer Revolution“558 und die Auswahl von Illustrationen zu der Neuauflage im Moment angesichts der angespannten politischen Lage nicht besprochen werden könne, „weil natürlich die südslawische Gesandtschaft anderes zu tun hat.“559 Ferner schrieb Reiswitz in einem Brief an seinen unmittelbaren Kunstschutz-Vorgesetzten am 30.05.41, die Ergebnisse einer Besprechung der beiden am 26.05.41 in Bonn zusammenfassend, dass er sich ausbedungen habe, auch während seiner Tätigkeit in Belgrad weiter an der Neuherausgabe von Ranke arbeiten zu können.560 Diese Ausgabe wurde allerdings dann nie begeben.
Im folgenden Teil seines Artikels thematisierte Marković die serbische Politikausrichtung unter dem Fürsten Mihailo. Im Zusammenhang mit dem deutsch-österreichischen Krieg 1866 habe wohl die Möglichkeit eines serbisch-preußischen Bündnisses bestanden, welches, wenn es zustande gekommen wäre, vielleicht die südserbische Einigung hätte beschleunigen können. Mit dieser Thematik setzte sich 1931 zur Zeit der Abfassung von Markovićs Artikel Reiswitz bereits durch Archivstudien auseinander, die dann im Ergebnis in sein 1936 publiziertes Buch „Berlin-Belgrad-Berlin“ einfließen sollten. Die verpasste Gelegenheit einer preußisch-serbischen Allianz mit antiösterreichischer Prägung hatte bereits Wendel 1927 monographisch behandelt.561
Als Beleg für das deutsch-südslawische Beziehungsgeflecht aus neuester Zeit erwähnte Marković dann lobend die Gründung des „Deutsch-Jugoslawischen Clubs in Belgrad“. Gemeint ist wohl die „Jugoslawisch-Deutsche Gesellschaft“ (Jugoslovensko-Nemačko Društvo), die ursprünglich auf eine Idee Adolf Kösters zurückging und dann von seinem Nachfolger als deutscher Gesandter in Belgrad, Ulrich von Hassell (1881–1944), ins Leben gerufen wurde. Vorsitzender bis 1937 war Stanoje Stanojević, den Reiswitz drei Jahre zuvor persönlich kennengelernt hatte. Die Mitglieder der Gesellschaft waren zumeist Intellektuelle, wie Geca Kon, der jüdische Verleger Wendels, und nur wenige Vertreter der Wirtschaft, der Politik oder des Militärs.562
Als nächstes widmete sich Marković der 1928 erschienenen Schrift „Großdeutschland – Großsüdslawien“ des slowenischen Arztes Camillo Morocutti (1893–?), welcher sich für den nationalen Minderheitenschutz europaweit stark machte und sich insbesondere für die deutsche Minderheit in Jugoslawien engagierte. Für Marković war Morocutti wegweisend, da dieser sowohl einen deutsch-österreichischen als auch einen jugoslawisch-bulgarischen staatlichen Zusammenschluss prognostizierte. Laut Morocutti müsse Jugoslawien allein schon deshalb an freundschaftlichen Beziehungen mit dem antizipierten neuen Nachbarn interessiert sein.
Dann leitet Marković über zu dem Reiswitz-Freund Max Fischer, den Marković Gelegenheit hatte persönlich kennenzulernen, und der in seiner publizistischen Tätigkeit in Deutschland und Südslawien stets seiner Zufriedenheit mit der Lage der deutschen Minderheit in Jugoslawien Ausdruck verleihe.
Neben Fischer lobte dann Marković besonders das Wirken Wendels in höchsten Tönen, der herausgestellt habe, in welch parallelen Bahnen sich die deutsche und südslawische Einigung vollzogen habe.
Marković beendete seine Ausführungen dann mit dem Hinweis, dass die deutsche Öffentlichkeit heute, nach anfänglicher Skepsis, dem jugoslawischen Staatswesen wohlgesonnen und auch bereit dazu sei, industrielle und technische Aufbauhilfe zu leisten. Deutschlands Lehrer wirkten bereits überall im Lande.563 Dazu wären dann sicherlich auch die beiden archäologischen Aufbauhelfer Reiswitz und Unverzagt zu rechnen.
Ein weiterer „Lehrer“ aus Deutschland war der Nachwuchsarchäologe Werner Buttler (1907–1940). Reiswitz selbst bezeichnete ihn als „einen ganz besonders begabten jüngeren Vor-Geschichtler, der als erster seines Faches [es] endlich einmal mit Grabungen auf dem Balkan wirklich ernst gemacht hat“.564 Buttler hatte 1930 bei Gero von Merhart (1886–1959) promoviert, ebenso wie vier Jahre später Friedrich Holste. Auch Buttler kam in den Genuss des Reisestipendiums des Deutschen Archäologischen Instituts, welches ihm 1932 unter anderem auch einen Jugoslawienaufenthalt ermöglichte. Nachdem Reiswitz und Unverzagt – den Buttler nach Abschluss der Ohridgrabung im dalmatinischen Knin persönlich traf – in Mazedonien Reiswitz’ Gradište erforscht hatten, kartierte Buttler in Norddalmatien ebenfalls Höhenburgen, die hier „gradine“ hießen. Diese schrieb er den Illyrern zu: „Da die meisten unserer Burgen der Latenezeit und der vorausgehenden Hallstattperiode angehören, dürfen wir sie mit einiger Sicherheit für illyrische Stämme in Anspruch nehmen.“565 Auch er stellte, wie Kossinna und Schuchhardt, eine Verbindung her zur Lausitzer Kultur: So sei „die Lösung der Frage nach der völkischen Zugehörigkeit der Träger der Lausitzer Kultur im weitesten Sinne, an der gerade jetzt von den verschiedensten Seiten gearbeitet wird, nur durch Ausgrabungen im alten Heimatland der Illyrier, auf dem Balkan, zu erbringen. Es handelt sich dabei darum, dort den Ablauf der illyrischen Kulturen schärfer, als wir es bisher können, festzulegen und von der Grundlage dieser neuen Erkenntnisse aus die Verbindung nach Mitteleuropa zu suchen.“566 Auch im Belgrader Nationalmuseum verbrachte er im Dezember 1932 zwei Tage. Zudem inspizierte er die an der Universität Belgrad aufbewahrte Vinča-Sammlung. Vinča war für Buttler „mit seinen klar greifbaren Beziehungen zur Ägäis vielleicht der wichtigste neolithische Fundplatz des Balkans“.567 Von Jugoslawien an sich war er recht angetan: „Die Jugoslawen scheinen ihren Staat jetzt ganz gut in Schuß zu haben.“ Er verstand sich durchaus aber nicht nur als Archäologe, sondern vertrat auch politische Absichten. In Slowenien, so schrieb er seinen Eltern am 12.05.32, „verzapfte“ er den Einwohnern von Gottschee (Kočevje) die „Mitteleuropaidee und versuchte ihnen klarzumachen, welch wichtige Rolle sie in einem deutsch beeinflussten Donauraum zu spielen hätten, machte dabei natürlich gegen Frankreich Stimmung.“568 Am dritten Tag des Frankreichfeldzuges sollte Buttler in Luxemburg fallen, nachdem er ab 1936 als Referent für Bodendenkmalpflege im Reichserziehungsministerium am Entwurf eines reichsweiten „Gesetzes zum Schutz der Kulturdenkmale“ gearbeitet hatte.569 Nach Jugoslawien kehrte er nur noch einmal, Ende 1933 zurück, ohne allerdings weiter die illyrischen „gradine“ zu studieren.570
Auch die Ohrid-Grabung von Reiswitz und Unverzagt sollte keine weitere Fortsetzung erfahren.571 Zunächst herrschte noch Optimismus vor, am 11.10.32 teilte Reiswitz seiner Frau mit, dass er einen Rundfunkvortrag über Ohrid halten werde, Unverzagt habe bereits zugestimmt.572 Am 16.10. dann ließ er sie wissen, dass er nunmehr plane, im Frühjahr 1933 wieder nach Ohrid zu gehen.573 Doch daraus wurde nichts, wohl auch wegen der neuen politischen Verhältnisse in Deutschland nach der Bildung der Regierung Hitler. Am 22.03., unmittelbar nach dem sogenannten „Tag von Potsdam“, welcher zur Beruhigung der alten Eliten dienen sollte, besuchte Unverzagt Reiswitz in Berlin. Reiswitz war desillusioniert: „Er [Unverzagt] hat Angst nach Ohrid zu gehen, weil hier dauernd Umsturz in den Ministerien ist und weil so viel gegen ihn intrigiert wird.“ Eine erneute Ohridexkursion wurde also immer unwahrscheinlicher. Am 09.04. erhielt er dann einen Anruf von Unverzagt: Ohrid sollte nun im Herbst des Jahres starten.574 Reiswitz wurde zunehmend ungeduldig. Seinem Tagebuch vertraute er an: „Ich stehe seit etwa drei Wochen unter einem inneren Zwang, der dauernd und fortgesetzt an Ohrid denkt, der mich treibt meine Vorarbeiten für Ohrid zu beschleunigen und in mir eine unbestimmbare Gewissheit erzeugt, in Ohrid sei etwas los, man komme mir dort in die Quere. Wissenschaftlich sind diese 19 Tage eine einzige rasche Vorbereitung der Abwehr und der Abwehr durch Offensive auf dem illyrischen Kriegsschauplatz.“575 In jenen Tagen wollte er von Grbić wissen: „Was macht Vulić? War er in diesem Jahre schon in Ohrid?“576 Den „illyrischen Kriegsschauplatz“ würde er selbst aber in jenem Jahr nicht mehr betreten. Unverzagt gab dem DAI als Grund dafür an, dass seine Grabung in Zantoch vordringlicher gewesen sei.577 Grbić versuchte Reiswitz etwas zu beruhigen: „Sie können ganz überzeugt sein, dass unsere gemeinsame Arbeit in Ohrid wird gut geprissen [gepriesen]“.
Reiswitz aber wurde weiter tief von Ohrid bewegt. Hinzu kam, dass er entgegen seiner Erwartungen nicht an der 5. Studienfahrt deutscher und donauländischer Bodenforscher teilnehmen konnte, die von der Römisch-Germanischen Kommission organisiert wurde, und vom 21.09. bis 01.10.1933 unter anderem nach Vučedol, Belgrad, Vinča, Pančevo, Starčevo, Werschetz und Viminacium führte. Reiswitz fehlte für die Teilnahme – laut Tagebuch – der „finanzielle Mut“578, wobei er Grbić gegenüber angab, dass er in Berlin eingebunden sei.579 Hier zeigte sich, dass es für ihn als Nichtarchäologen schwierig war, Anschluss zu finden, da er offensichtlich die finanziellen Mittel für die Reise nicht aufbringen konnte. Somit entging ihm der „große Nutzen … schwer erreichbare Fundstellen unter sachkundiger Führung zu besichtigen und die Probleme der Forschung an Ort und Stelle in regem Gedankenaustausch unter Mitwirkung von Fachgenossen der verschiedensten Disziplinen zu erörtern“.580 Was ihm blieb vom wissenschaftlichen Diskurs, war eine von Unverzagt, Stanoje Stanojević, Grbić und Abramić geschickte Postkarte: „Belgrad mit allen seinen Genüssen ist jetzt herrlich.“581 Diese von Unverzagt hingekrakelte Nachricht wird auf Reiswitz wohl kaum stimmungsaufhellend gewirkt haben. Doch sollte das neue Jahr ihm vielleicht endlich die Gelegenheit bieten, Ohrid wiederzusehen?
Am 10.11.33 wandte sich Grbić aufmunternd an Reiswitz und brachte seine Zuversicht zum Ausdruck, dass 1934 Reiswitz in Ohrid mit von der Partie sein würde. Man könne sogar mit einer „Weltsensation“ rechnen: „Die Vorgeschichte Südserbiens ist völlig unbekannt, aber besonders wichtig wegen Südserbiens besonderer Lage zwischen Süd- und Mitteleuropa.“582 Auch ohne die Illyrer zu erwähnen, mussten diese Zeilen anregend auf Reiswitz wirken.
Am 10.02.34 berichtete Reiswitz hoffnungsfroh über ein Treffen mit Unverzagt. Dieser beabsichtigte nun, im August „unbedingt“ nach Ochrid zu reisen.583 Zwei Monate später bestätigte sich dieser Plan in einem Brief Unverzagts an Reiswitz. Ohrid sei „auf den Herbst vertagt“, so Unverzagt, und Reiswitz möge über seinen Kontakt zum Bürgermeister von Ohrid dafür sorgen, dass ein Raum des dortigen Gymnasiums für die zu erwartenden „Scherben“ bereitgestellt werde. Doch erneut wurde nichts aus dem Plan.
Wenn Reiswitz schon nicht nach Serbien kommen konnte, so kam zumindest Grbić zu ihm nach Berlin. Vom 24.–26.03.35 weilte dieser in der Reichshauptstadt und traf sich mit Reiswitz und Unverzagt. Reiswitz nutzte die Gelegenheit, auch andere Bekanntschaften wiederaufleben zu lassen: „Endlich haben die letzten drei Tage … wieder das alte solide Band mit den Südslawen straffer gespannt und gefestigt. Das war lange schon nötig und unsere Einladung an [Predrag] Milojević und unser Besuch bei Balugdžić waren die ersten Ansätze. Jetzt aber durch einen Besuch bei Balugdžić am Samstag und durch Grbić ist alles wieder wie früher.“ Auch die Ohridpläne wurden erörtert und Reiswitz ging davon aus, dass im Herbst „bestimmt“ gegraben werden würde.584 Nach Grbićs Abreise schrieb Reiswitz seiner Frau, dass die Zusammenkünfte mit Unverzagt und Grbić „urgemütlich“ gewesen seien, alles sei „wieder beim alten … als wären wir nicht vor drei!! Jahren sondern erst gestern von Belgrad abgefahren.“ Etwas bitter fügte Reiswitz hinzu, dass die Verköstigung Grbićs ihn 25 Reichsmark gekostet habe.585
Seine gute Laune hielt allerdings nicht an. Am 17.08.35 klagte Reiswitz in einem Brief an Unverzagt über sein „Fernweh nach Ohrid“586, welches aber auch in diesem Jahr nicht erfüllt werden sollte, wie ihm Unverzagt am 21.08. mitteilte.587
Doch am selben Tag witterte Reiswitz noch eine weitere Möglichkeit, Ohrid zumindest etwas näher zu kommen. Er fragte bei Grbić an, ob es nicht möglich sei, an der „Studienreise Donauländischer Forscher“ vom 03.–14.09.35 nach Slowenien teilzunehmen, da er nun schon drei Jahre nicht in seinem „lieben Jugoslavien“ gewesen sei, und er als „Historiker die Verbindung mit der Frühgeschichte unseres Spezialraumes unbedingt aufrecht erhalten“ müsse.588 Grbić nannte ihm daraufhin Balduin Saria (1893–1974) als Ansprechpartner, welcher als außerordentlicher Professor für Altertumskunde an der Universität in Laibach wirkte.589 Reiswitz setzte sich sofort mit Saria in Verbindung und fragte an, ob eine kurzfristige Teilnahme noch möglich sei. Er sei zwar „nur Historiker, doch … seit Jahren an der Vor- und Frühgeschichtsforschung innerhalb meines speziellen Studiengebietes, des Donau Raumes und der Balkan-Halbinsel“ interessiert. Erläuternd fügte Reiswitz hinzu: „Vielleicht ist Ihnen mein Name schon von den Grabungen auf ‚Gradište’ … am Ohrida-See bekannt.“590 Saria scheint ihm eine positive Antwort gesendet zu haben, doch musste Reiswitz am 02.09. einen Rückzieher machen, da er die für die Auslandsreise nötigen Devisen nicht beschaffen konnte.591 Einen Tag später schon wandte Reiswitz sich an Grbić mit einem Plan B. Er teilte ihm mit, dass er beabsichtige, nun im Herbst des Jahres nach Jugoslawien zu reisen, um „nicht alle Verbindungen mit der lebendigen Wissenschaft“ zu verlieren. Namentlich hob er Slobodan Jovanović, Vladimir Ćorović und Petković hervor, mit denen er „ausführlich“ sprechen wolle. Wäre es möglich, so Reiswitz, dass er sich zur Devisenabdeckung seines Jugoslawienbesuches von Grbić in Belgrad 6.000 Dinar leihen könnte? Im Gegenzug würde Reiswitz ihm diesen Betrag in Reichsmark zurückgeben, wann auch immer Grbić das nächste Mal in Berlin sein würde.592 Grbić lehnte dies dann allerdings ab, da er bei seinem nächsten Berlinaufenthalt ein deutsches Stipendium erhalten sollte, sodass er den Reichsmark-Gegenwert der 6.000 Dinar nicht benötigen würde.593
Nach diesen Enttäuschungen erhielt Reiswitz im Dezember 1935 von Unverzagt zumindest die Zusicherung, dass „er [Unverzagt] bestimmt nicht ohne mich jemals nach Ohrid“ fahren würde. Unverzagt teilte ihm ebenfalls mit, dass der DAI-Präsident auf dem Tandem Reiswitz-Unverzagt bestehe und dass der nächste Grabungsgang im April 1936 stattfinden werde.594
Doch erst im Dezember 1936 stellte Unverzagt beim DAI den Antrag, die Ohridgrabung im Frühjahr 1937 fortzusetzen, bislang sei er durch aufgrund „dringender Untersuchungen auf deutschem Boden verhindert gewesen“. Er unterstrich sein Begehren am Ende mit dem Hinweis, dass es den „schlechtesten Eindrück“ machen würde, „und die in so glücklicherweise [sic] begonnene Zusammenarbeit zwischen der deutschen und jugoslawischen Vorgeschichtswissenschaft gefährden“ würde, „wenn wir die Burg [Gradište] in halbausgegrabenem Zustande liegen lassen würden.“595 Der Brief lässt darauf schließen, dass Unverzagt tatsächlich bis zu diesem Zeitpunkt untätig geblieben war und Reiswitz lediglich hingehalten hatte. In seinem Antrag erwähnte er Reiswitz mit keinem Wort, was sein Versprechen, nicht ohne Reiswitz nach Ohrid zu fahren, wenig glaubwürdig erscheinen lässt.
Am 17.01.1937 leitete der nach dem Tode Wiegands am 19.12.1936 frischgebackene Präsident des DAI, Martin Schede (1883–1947), den Antrag Unverzagts befürwortend an das Auswärtige Amt weiter.596 Einen Monat später äußerte sich der deutsche Gesandte in Belgrad, Viktor von Heeren, ebenso in positivem Sinne und pflichtete dem DAI bei, dass „die Beendigung der einmal begonnenen Ausgrabungen und Untersuchungen im Interesse des Ansehens der deutschen Wissenschaft und zur Förderung enger Zusammenarbeit mit der jugoslavischen Wissenschaft dringend erwünscht erscheint.“ Er habe zudem festgestellt, dass die Grabungsfortsetzung „auch von den jugoslawischen Stellen begrüßt werde“.597 Hier allerdings irrte der deutsche Diplomat. Am 20.07.37 schrieb der neue Direktor des Nationalmuseums, Milan Kašanin, an Unverzagt, dankte für die deutsche Bereitschaft, den Jugoslawen behilflich zu sein, bat hingegen um Verständnis dafür, dass 1937 keine Ohrid-Grabung stattfinden werde, da das Museum mit „einer Menge von inneren Arbeiten“ überhäuft sei, und keinen der Kustoden entbehren könne.598
Dies konnten die deutschen Stellen natürlich nicht ahnen, und so zog sich der Antragsvorgang in Berlin über mehrere Stellen und Monate hin, bis am 24.07., als die Absage aus Belgrad vielleicht noch auf dem Postweg war, die Reichsstelle für Devisenbewirtschaftung nun auch deutscherseits einen Schlusstrich setzte. Der „Kontostand im deutsch-jugoslawischen Verrechnungsverkehr“ sei zur Zeit „außerordentlich ungünstig“ und von daher müssten die „Ausgrabungen im Gebiete des Ochrida-Sees“, für die Unverzagt bereits seine Urlaubsgenehmigung bei voller Weiterzahlung seiner Dienstbezüge für den September und Oktober des Jahres bekommen hatte,599 um mindestens sechs Monate verschoben werden.600
Am 07.02.1938 startete Unverzagt einen weiteren Versuch und fragte Kašanin, ob Grbić im April und Mai freigestellt werden könnte für Ohrid.601 In seiner Antwort verneinte Kašanin dies mit Blick auf eine „grosse Ausstellung ital. Porträts“602, für welche Grbić in dieser Zeit benötigt werde, woraufhin am 12.03.38 Unverzagt nun darum bat, Grbić im September und Oktober abzustellen.603 Erst im Juli erhielt Unverzagt dann eine Antwort. Über Grbić könne nicht verfügt werden, aber Unverzagt könne gerne einen der „zwei Herren aus Beograd Novaković und Stojković“604 haben, die sich im Moment in Berlin „auf archäologischen Studien“ befänden und über Ausgrabungserfahrung unter Anleitung von Grbić verfügten.605
Während 1937 beide Seiten nicht in der Lage waren, die Grabungen fortzuführen, so lag es 1938 an der deutschen Vertragspartei. Am 18.07. musste Unverzagt Kašanin mitteilen, dass die herbstliche Zusammenarbeit nun doch nicht zustande kömmen könne, da einerseits eigene Grabungen an der mittleren Oder und andererseits die für September anvisierte Sitzung des „Permanenten Ausschuss des Intenationalen Kongresses für Vor- und Frühgeschichte“ im Wege stünden.606 Im neuen Jahr sei man aber gerne bereit, auf die Herren Novaković und Stojković zurückzugreifen, falls Grbić erneut unabkömmlich sei. Beide hätten bis dahin die Gelegenheit, bei Grabungen in Deutschland – vor allem in der von Unverzagt betreuten in Lebus – die „deutschen Ausgrabungsmethoden eingehend“ kennenzulernen. Die terminlichen Gründe erscheinen etwas vorgeschoben, da es es fraglich ist, ob Unverzagt über für den Sommer 1938 in Lebus geplante Grabungen tatsächlich erst im Juli erfahren hatte. Zu vermuten ist eher, dass wieder die Devisenknappheit der ausschlaggebende Grund war, man dies den Jugoslawen gegenüber aber nicht zwei Jahre in Folge zugeben wollte. Diese Vermutung wird gestützt durch den Antrag des Präsidenten des DAI unmittelbar an den Reichswirtschaftsminister vom 11.11.38, die nun für das Frühjahr 1939 erwünschten Ohridgrabungen finanziell zu ermöglichen: „Es besteht die Gefahr, dass dieser wertvolle Außenposten deutscher Wissenschaft dem Reich verloren geht, wenn die Fortführung der Grabungen … nicht sicher gestellt ist.“607
Doch wiederum gab es kein Geld608, trotz der Behandlung der Ohridgrabung als „Chefsache“ durch Schede, und so musste dieser am 02.12. Kašanin erneut eine Absage erteilen: „Wir wollen uns der Hoffnung hingeben, daß sich im nächsten Jahr die Devisenlage so verbessert hat, dass einem neuen Antrag Erfolg beschieden ist.“609
Am 28.04.1939 endlich aber sollte es soweit sein. Die Devisen im Gegenwert von 4.500 Reichsmark waren dem DAI gegenüber offiziell bewilligt worden!610 Unverzagt hatte diese gute Nachricht bereits am 18.03. vom zuständigen Mitarbeiter im Reichswirtschaftsministerium erfahren611 und am 19.04.39 Reiswitz mitgeteilt. Anfang Mai sollte es losgehen.612
Diesmal sollten es Faktoren außerhalb des Einflussbereichs der unmittelbar Beteiligten sein, die die Grabung verhinderten. Am 07.04. waren italienische Truppen in Albanien einmarschiert und durch die anschließende Annexion des Landes wurden Italien und Jugoslawien zu unmittelbaren Nachbarn am Ochridsee. Diese neue Lage machte es einem deutsch-jugoslawischen Grabungsteam unmöglich, die Arbeiten auf Gradište in unmittelbarer Nähe der militärischen Demarkationslinie wiederaufzunehmen.
Nachdem sich die Lage etwas stabilisiert hatte, begann nun Unverzagt am 28.04., Reiswitz gegenüber wieder Bedenken anzumelden. So würde ihnen kein Auto zur Verfügung stehen, man sei „auf Esel angewiesen“, zudem beabsichtige der dritte deutsche Grabungsteilnehmer, Max Muth613, seine Ehefrau mitzunehmen, was Unverzagt nicht recht war. Hinzu kam das Schweigen in Belgrad: „Wenn die Serben nicht bald schreiben, bin ich auf alle Fälle für Verschiebung der Reise“.614 Am 17.06.39 dann aber erfuhr Reiswitz von Unverzagt, dass Kašanin von seinem Ministerium die Genehmigung bekommen habe, die Grabung Anfang September durchzuführen.615 Nie standen die Zeichen günstiger, zumal Anfang Juni 1939 der jugoslawische Prinzregent Paul Deutschland einen Besuch abgestattet hatte, dessen harmonischer Verlauf sowohl in der deutschen wie in der jugoslawischen Presse gefeiert wurde. Der zuständige Kultusminister Stevan Ćirić hatte Prinz Paul begleitet und laut Reiswitz war Ćirićs „Zustimmung … nach dessen Besuch in Berlin abzusehen.“ Optimistisch fügte Reiswitz Unverzagt gegenüber hinzu: „Man wird unter den gegenwärtigen Verhältnissen sogar mehr denn je in Südslawien bemüht sein, uns alle erdenklichen Erleichterungen zu verschaffen.“616 Was konnte nun noch dazwischenkommen?
In der Korrespondenz zwischen Unverzagt und Reiswitz aus dem Nachlass machte sich erstes Unbehagen breit am 17.08.39, als Unverzagt Reiswitz Folgendes mitteilte: „Hoffentlich macht uns die hohe Politik nicht wieder einen Strich durch die Rechnung. Die Lage ist doch ausserordentlich gespannt und man kann ständig mit Überraschungen rechnen.“617 Am 26.08. fügte Unverzagt hinzu, dass sich wiederum „düstere Wolken über unserer Ochrid-Reise zusammenzuziehen scheinen. Trotzdem bin ich noch immer optimistisch.“618
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