Kitabı oku: «Maria - Fräulein der Friesen»

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Andreas Scheepker

Maria – Fräulein der Friesen

Historischer Roman


Zum Buch

Friesland 1531 Der Jurist Lübbert Rimberti kommt in kaiserlichem Auftrag nach Jever. Er soll im Konflikt um die Herrschaftsrechte über Jever vermitteln. Dort muss sich Fräulein Maria, die Tochter des letzten Häuptlings von Jever, gegen die Herrschaftsansprüche der machtbewussten Grafen von Ostfriesland zur Wehr setzen und sich gegen Intrigen behaupten, während ihr kleines Land von plündernden Landsknechten überfallen wird.

Als einer von Marias erbitterten Gegnern einem Giftanschlag zum Opfer fällt, beschuldigen die Grafen von Ostfriesland das Fräulein und machen sich bereit, Jever zu besetzen. Schließlich muss Lübbert Rimberti den Fall aufklären, um den Verdacht von Maria abzuwenden. Rimberti gerät schon bald in die Machtkämpfe um das kleine Land und begibt sich in große Gefahr. Gemeinsam mit seinem Freund Ulfert Fockena nimmt er die Spur eines geheimnisvollen Verbrechens auf, das anderthalb Jahre zuvor geschah.

Andreas Scheepker, Jahrgang 1963, ist gebürtiger Ostfriese. Nach dem Abitur am Ulrichsgymnasium in Norden studierte er Evangelische Theologie und später Literaturwissenschaft, Geschichte und Pädagogik. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Aurich, wo er als Schulpastor am Gymnasium Ulricianum als Studienleiter und in der Arbeitsstelle für Evangelische Religionspädagogik tätig ist. Scheepker hat mehrere Kriminalromane und Erzählungen verfasst, die in Ostfriesland spielen. Sein besonderes Interesse gilt der Regionalgeschichte. Darum stehen oft Themen der ostfriesischen Geschichte im Hintergrund seiner Bücher.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung der Bilder von: © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Maria_von_Jever_1572.jpg und https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Atlas_Van_der_Hagen-KW1049B10_073-TYPVS_FRISIAE_ORIENTALIS.jpeg

Das Originalgemälde befindet sich im Schlossmuseum Jever.

ISBN 978-3-8392-6932-9

Vorwort

Den Wunsch, einen Kriminalroman über die Geschichte Fräulein Marias von Jever zu schreiben, habe ich schon seit vielen Jahren. Von 2002 bis 2007 lebten wir als Familie in Asel an der »Goldenen Linie« zwischen Wittmund und Jever. Unzählige Male haben wir in dieser Zeit das Schloss mit dem sehenswerten Museum in Jever besucht. In den vergangenen Jahren habe ich viel über Fräulein Maria und ihre Zeit gelesen und an diesem Krimi geschrieben.

Das vorliegende Buch ist keine Biografie über Fräulein Maria und auch kein Sachbuch über die Geschichte Jevers im 16. Jahrhundert. Dazu gibt es inzwischen etliche Bücher und Aufsätze, die diese Themen auf heutigem wissenschaftlichem Stand anschaulich vermitteln.

Das vorliegende Buch ist ein Kriminalroman. Die Handlung dieser Erzählung entstammt wie die meisten Personen meiner Fantasie. Auch die Romanfiguren, denen eine historische Persönlichkeit zugrunde liegt, habe ich mit Charaktereigenschaften, Gefühlen und Verhaltensweisen ausgestattet, wie ich sie für diese Erzählung einsetzen wollte.

Leserinnen und Lesern, die mit den geschichtlichen Hintergründen vertraut sind, werden bemerken, dass in diesem Roman nicht alle historischen Fakten korrekt wiedergegeben werden. Ich habe zum Beispiel Ereignisse, die sich über mehrere Jahre abgespielt haben, in einem Bild zusammengefasst. Mir war dabei wichtig, die historischen Ereignisse nicht nur als Hintergrundkulisse zu nutzen, sondern in die Handlung einzubeziehen. Auch wenn nicht alles »stimmt«, habe ich mich doch bemüht, ein einigermaßen stimmiges Bild dieser Zeit zu gestalten.

Im Anhang gebe ich einige Informationen über historische Personen, Orte und Stichworte, die in diesem Buch wichtig sind. Danach führe ich Bücher und Aufsätze auf, die mir geholfen haben, Einblicke in die Geschichte Fräulein Marias und Jevers im 16. Jahrhundert zu bekommen. Wenn in Leserinnen und Lesern das Interesse entsteht, sich intensiver mit dieser interessanten Persönlichkeit und ihrer Zeit zu befassen, liegt das durchaus im Sinne des Autors.

Ich danke der Programmleiterin, Frau Claudia Senghaas, und dem Team vom Gmeiner Verlag für die angenehme und verlässliche Zusammenarbeit.

Herzlich danke ich Professorin Antje Sander, Leiterin des Schlossmuseums Jever. Sie konnte mir bei vielen einzelnen Fragen weiterhelfen, und ihre Veröffentlichungen waren genauso wie die Biografie von Doktor Wolfgang Petri ständige gute Wegbegleiter bei der Arbeit an diesem Buch.

Einen besonderen Dank möchte ich meinem lieben Kollegen Doktor Matthias Bollmeyer aussprechen. Er hat mit seinem umfangreichen Fachwissen den Anhang dieses Buches korrigiert, berichtigt und ergänzt und mir noch viele zusätzliche Informationen und Einblicke vermittelt. Diese Hinweise werden vielleicht noch einmal eine Idee für einen weiteren Krimi abgeben.

Widmen möchte ich dieses Buch meinen drei Kolleginnen in der Arbeitsstelle für evangelische Religionspädagogik Ostfriesland (ARO):

Doktor Ute Beyer-Henneberger,

Jutta Renken-Sprick,

Sonja Skoczylas.

Auf diesem Wege möchte ich ihnen für die sehr gute und freundschaftliche Zusammenarbeit danken.

Personenverzeichnis

Am Hof von Königin Maria, Statthalterin des Kaisers

Lübbert Rimberti, Jurist am kaiserlichen Hof in Brüssel

Kobus Temmen, Lübbert Rimbertis Schreiber

Graf Christian von Wittenvelde, Rat am kaiserlichen Hof in Brüssel

Hauptmann Burkert, Offizier im kaiserlichen Dienst

Aus der Herrschaft Jever:

Fräulein Maria, Tochter des letzten Häuptlings von Jever

Fräulein Anna, Tochter des letzten Häuptlings von Jever

Folpt Middens von Sassenhusen, Häuptling und Regent des Jeverlandes

Beeke und Jabina Middens von Sassenhusen, Schwestern von Häuptling Folpt Middens, Nonnen im früheren Kloster Annenwolde

Jelto Middens von Sassenhusen, Sohn von Häuptling Folpt

Keno Middens, Häuptling von Garssum, Neffe von Folpt Middens

Take Middens, Bruder von Häuptling Folpt, lebt verarmt auf seinem Alterssitz

Tjard Middens, Sohn von Take Middens, Vetter von Keno und Jelto Middens

Folkert Hedden, Dorfvorsteher und Kirchenältester in Grootewarden

Remmer von Seediek, Pfarrer von Seediek und Verwalter in Jever

Hinrich Kremer, Pfarrer an der Sankt Marienkirche in Jever

Aimo Herkens, Burgschreiber in Jever

Idbertus aus Eilsum, Ibo Eilers, Neffe des Propstes und neuer Deichrichter

Aus der Grafschaft Ostfriesland:

Enno und Johann Cirksena, Grafen von Ostfriesland und Söhne von Graf Edzard

Ulfert Fockena, Häuptling und Offizier

Boing von Oldersum, Häuptling und ostfriesischer Drost in Jever

Aiko Onninga, Häuptling und Rat bei den ostfriesischen Grafen

Isko Onninga, nachgeborener Sohn von Aiko Onninga, Offizier

Ubbo Scriver, durch die Ostfriesen eingesetzter Verwalter von Jever

Weitere Personen

Junker Balthasar von Esens, Häuptling des Harlingerlandes

Ewert Owelacker, Anführer einer Truppe von Landsknechten

Grit, Novizin

Schwester Katharina, Nonne im Kloster Thedinga, früher im Kloster Annenwolde

Schwester Meta Hallenga, Nonne im Kloster Thedinga

Im Herbst 1529

Am Tag vor Michaelis 1529 trafen Reisende auf der Friedeburg ein. Es waren zwei betagte Nonnen aus dem Kloster Annenwolde in der Nähe von Lübeck, die beiden Schwestern Beeke und Jabina Middens von Sassenhusen. Der Landesherr hatte das Kloster aufgelöst und die ausgedehnten Besitzungen des Klosters eingezogen. Die meisten Nonnen stammten aus wohlhabenden und mächtigen Familien. Die Angehörigen hatten ihren Einfluss geltend gemacht, sodass der Landesherr allen Bewohnerinnen des Klosters eine angemessene Abfindung zahlen musste.

Häuptling Folpt Middens von Sassenhusen hatte seine beiden Schwestern vor einem Jahr besucht und mit ihnen über ihre Zukunft gesprochen. Dann hatte er Erkundigungen über die verbleibenden Klöster auf der ostfriesischen Halbinsel eingeholt und schließlich das angesehene Kloster Thedinga als mögliche Heimstatt für seine Schwestern in Augenschein genommen. Vor einem halben Jahr war Folpt Middens erneut in Annenwolde gewesen, um seinen Schwestern vorzuschlagen, im Kloster Thedinga ihre letzten Lebensjahre zu verbringen. Sie hatten dem Vorschlag zugestimmt, zumal eine ihrer Mitschwestern dort ebenfalls unterkommen würde. Folpt Middens hatte noch einmal Thedinga aufgesucht, um dort die Aufnahme seiner beiden Schwestern zu verhandeln und zu beschließen. Er hatte dann die Reise seiner Schwestern organisiert und ihnen die Einzelheiten in einem Brief mitgeteilt, auf den er einige Wochen später auch Antwort erhalten hatte.

Beeke und Jabina Middens von Sassenhusen führten die stattliche Geldsumme, die der Landesherr ihnen hatte auszahlen lassen, in einem Kästchen bei sich. Das Geld war für das Kloster Thedinga bestimmt.

Auf der letzten großen Reise ihres Lebens wollten die beiden Schwestern einen Umweg machen. Sie hatten den Wunsch, nach mehr als 50 Jahren den Familiensitz in Sassenhusen noch einmal wiederzusehen. Bei dieser Gelegenheit wollten sie ihrem Bruder Folpt für seine Hilfe danken. Und es war ihr Wunsch, ihren Neffen Keno nach dessen Rückkehr in die Heimat auf seinem Hof zu besuchen. Er hatte sie während seiner Dienstzeit auf einem Rittergut in der Nähe des Klosters hin und wieder besuchen können.

Die Familie hatte ihnen einen Reitknecht mit Pferden geschickt, um die beiden Schwestern zu begleiten. Er war schon vorgeritten, um dem Drosten der Friedeburg die Ankunft der Schwestern anzukündigen.

Da Folpt Middens ein angesehener Häuptling und einer der Regenten des Jeverlandes war, tat der Drost sein Möglichstes, um den beiden Schwestern den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Das große Gästezimmer wurde aufs Beste hergerichtet, und zum Nachtmahl lud der Drost die Schwestern in den Speiseraum der Burg, wo ein einfaches, aber gutes Mahl serviert wurde.

Auf alle Versuche des Drosten, höfliche Konversation zu machen, antworteten die Schwestern freundlich, aber reserviert. Mit dem Hinweis auf die anstrengende Reise zogen sie sich gleich nach dem Essen in ihr Quartier zurück. Die Novizin, die sie begleitete und sich um sie kümmerte, übernachtete in der Kammer neben dem Gästezimmer. Der Reitknecht wurde beim Burggesinde untergebracht.

Kurz nach dem Morgengrauen wurde der Drost durch lautes Klopfen geweckt. Eine der Burgmägde sollte die Gäste bei beginnendem Tageslicht wecken. Sie hatte die drei Frauen tot in ihren Betten aufgefunden. Sofort schickte der Drost Männer los, um einen flüchtigen Mörder zu suchen. Der musste sich noch in der Fes-tung verborgen halten, da die Tore noch geschlossen waren. Der Drost verbot den Torwächtern, jemanden aus der Friedeburg herauszulassen. Außerdem ließ er den Reitknecht der beiden Schwestern herbeiholen, der im Stall schon die Pferde für die Weiterreise bereitgemacht hatte.

Bei der Untersuchung der Toten fand man bei keiner der Frauen eine Spur von Gewaltanwendung. Als man sie für die Aufbahrung vorbereiten wollte, entdeckte man, dass die Novizin noch lebte. Mit Mühe gelang es, sie aus einem tiefen Schlaf wieder ins Leben zurückzuholen. Sie bezeugte, dass sie bei ihrer Rückkehr in ihrem Gästezimmer einen Krug mit gewürztem Wein und zwei Becher vorgefunden hatten. Sie waren davon ausgegangen, dass der Drost den Wein hatte bringen lassen. Die Schwestern hatten davon getrunken und sich dann zur Ruhe begeben. Die Novizin hatte danach heimlich den kleinen Rest zu sich genommen.

Das kleine Kästchen mit dem Geld der Schwestern war verschwunden. Von dem Geld konnten außer den beiden Nonnen nur die Novizin und der Knecht wissen. Die Habseligkeiten beider wurden durchsucht, und die beiden Wachsoldaten der Burg bezeugten dass niemand in der Nacht das Gesindehaus verlassen hatte.

Der Drost ließ die Burg durchsuchen. Ein weiterer Reisender, der Rechtsgelehrte Doktor Lübbert Rimberti, war mit seinem Schreiber auf der Friedeburg zu Gast. Er war nach einem Aufenthalt in Ostfriesland und in Jever unterwegs zum Hof der Statthalterin in Flandern. Der Drost befragte ihn, aber Rimberti hatte fest geschlafen und nichts von dem Verbrechen mitbekommen. Der Drost hielt es für wenig wahrscheinlich, dass der Gast mit dem Verbrechen etwas zu tun hatte, zumal er von seiner Kammer aus nicht in die Räumlichkeiten der Schwestern hätte gelangen können, ohne von den Torwachen bemerkt zu werden. Dann sandte er einen Boten mit der Nachricht zu Häuptling Folpt Middens nach Sassenhusen.

Der Häuptling kam am nächsten Tag auf die Friedeburg und ließ sich vom Friedeburger Drosten ausführlich berichten. Der unglückliche Tod seiner Schwestern betrübte ihn. Auch wenn beide inzwischen im siebten Lebensjahrzehnt waren, erfreuten sie sich doch einer guten Gesundheit und hatten ein solch trauriges Ende nicht verdient.

Middens hatte nur anderthalb Jahre zuvor seinen Bruder und dessen Sohn durch die Pest verloren. Er selbst war dem Tod durch diese Krankheit nur knapp entronnen.

Folpt Middens ließ seine Schwestern zum Kloster Thedinga bringen und dort bestatten. Dann kehrte er ins Jeverland zurück. Einige Wochen später erhielt er einen Besuch vom Friedeburger Drosten, der ihm mitteilte, dass alle Befragungen und Untersuchungen zum Tod der Schwestern nichts erbracht hätten. Man müsse davon ausgehen, dass der Mörder auf unerklärliche Weise von der Reise der Schwestern und der mitgeführten großen Geldsumme erfahren haben musste. Er musste unentdeckt in die Burg eingedrungen sein und diese ebenso wieder verlassen haben. Der Drost sprach dem Häuptling noch einmal seine Anteilnahme aus und versicherte, auch weiterhin Untersuchungen zum Tod der beiden Schwestern anzustellen.

Im Frühsommer 1531

1

Lübbert Rimberti stolperte durch das Dickicht. Sein linker Fuß schmerzte. Wie lang irrte er schon im Wald umher? Eine Stunde? Oder noch länger? Er verspürte Durst. Er brauchte eine Rast. Aber er musste weiter.

Was er zum Essen und Trinken brauchte, befand sich in seiner Satteltasche. Und sein Pferd war mitsamt dem Sattel davongelaufen. Vielleicht hatte eine Kreuzotter am Wegesrand es zum Scheuen gebracht. Rimberti wusste es nicht. Sein Sturz vom Pferd war hart gewesen, seine linke Seite schmerzte. Er hoffte, dass sein Fuß nicht ernsthaft verletzt war.

Er humpelte weiter durch das Unterholz. Zweimal hatte er sein Pferd für einen Moment gesehen, bevor es wieder zwischen den Bäumen verschwunden war. Es war keine gute Wahl gewesen, auf den Wirt zu hören und die Abkürzung durch den Wald zu nehmen. Und es war auch keine gute Entscheidung gewesen, seinen Schreiber Kobus Temmen mit dem Packpferd vorauszuschicken, damit er schneller am Ziel eintreffen und vor Ort schon für das Quartier sorgen konnte. Aber Kobus war nun einmal der bessere und schnellere Reiter, und Rimberti liebte es, wenn sein Schreiber bei seinem Eintreffen schon das Quartier vorbereitet hatte.

Rimberti seufzte und setzte sich für einen Moment auf einen Baumstamm, den ein Sturm mitsamt Wurzelwerk umgerissen haben musste. War er nicht vorhin schon einmal hier gewesen?

Vermutlich würde sich auch seine Entscheidung, den Auftrag in Jever anzunehmen, als unglücklich erweisen. Bei seinen letzten Reisen nach Ostfriesland hatte Rimberti es verstanden, sich die ostfriesischen Grafen und ihre Gefolgsleute zu Gegnern zu machen. Auf ein Wiedersehen mit ihnen verspürte er wenig Lust, zumal der Rechtsstreit um Jever eine in jeder Hinsicht schwierige Angelegenheit war.

Plötzlich hörte er das Schnauben eines Pferdes. In einiger Entfernung sah Rimberti zwischen den Bäumen ein helles Grün hervorleuchten. Eine Lichtung. Vorsichtig näherte er sich. Er blieb im Schatten der Bäume. Mitten auf der kleinen Wiese stand sein Pferd und graste friedlich. Vielleicht konnte er hier einfach stehen bleiben und warten, bis sein Pferd zu ihm kommen würde.

Tautropfen funkelten auf dem frischen grünen Gras. Erst jetzt nahm Rimberti das Vogelgezwitscher wahr. Er blinzelte in die Sonne, die ihm hell und warm durch die Blätter ins Gesicht schien. Für einen Moment fiel der ganze Unmut von ihm ab. Der schmerzende Fuß, die missliche Suche nach dem Pferd und die Sorge um die bevorstehenden Aufgaben in Jever schob er einfach beiseite. Für einen Augenblick fühlte er eine Klarheit und eine Frische, die er sonst selten verspürte.

Dann kam der Schlag.

Als Rimberti wieder zu sich kam, zerrten kräftige Hände an ihm. Er konnte nichts sehen, man hatte ihm die Augen verbunden. Ein schneidender Schmerz durchfuhr ihn, als man ihm die Hände fesselte. Er zuckte zurück, aber er konnte sich nicht aus den eisernen Griffen befreien. Dann verspürte er einen kräftigen Stoß, und er wurde mitgezogen.

Unbeholfen stolperte er mit den anderen dahin. Wer waren sie? Hatten sie es auf sein Pferd abgesehen? Dann hätten sie ihn doch einfach liegen lassen können. Hatten sie es auf ihn abgesehen? Warum hatten sie ihn dann nicht gleich an Ort und Stelle getötet, statt ihn durch den Wald zu zerren? Und außerdem, wer wusste überhaupt von ihm und von seinem Auftrag?

Die Schmerzen in seinem Fuß holten ihn aus seinen Gedanken. Gebrochen war er sicher nicht, sonst hätte Rimberti nicht so fest auftreten können. Aber jeder Tritt tat weh. Immerhin hatten sie sein Pferd eingefangen und führten es mit.

Vielleicht waren die Männer, die ihn mitschleppten, nur gewöhnliche Wegelagerer, die ein Lösegeld erpressen wollten. Rimberti hatte davon gehört, dass ein Haufen von Landsknechten aus dem Oldenburgischen die Gegend unsicher machte.

Die Jeverschen Fräulein Maria und Anna hatten die kaiserliche Statthalterin in Brüssel um Vermittlung gebeten. Sie waren die beiden noch lebenden unverheirateten Töchter des letzten Häuptlings von Jever, der vor 20 Jahren verstorben war. Die Ostfriesen hatten Jever besetzt, und Graf Enno ließ das Jeverland durch seinen Drosten verwalten.

Königin Maria, die Schwester Kaiser Karls V., nahm für ihren Bruder die Regierungsgeschäfte im nordwestlichen Teil des Reiches, in dem die Sonne niemals unterging, wahr. Sie hatte einen der Juristen der kaiserlichen Regierung, Lübbert Rimberti, nach Jever geschickt, um die Situation vor Ort rechtlich prüfen zu lassen.

»Nicht so trödeln«, raunzte ihn jemand von der Seite an und gab ihm einen Stoß.

Rimberti stolperte. Reflexartig wollte er mit seinen Händen und Armen den Sturz abfangen. Aber in dem Moment, in dem ihm bewusst wurde, dass er gefesselt war, schlug er schon auf.

Helles Sonnenlicht blendete Rimberti, als man ihm unsanft die Augenbinde vom Kopf riss.

»Sag deinem Grafen Enno, dass er das nächste Mal bessere Spione zu uns schicken soll.«

Der diese Worte zu ihm sprach, stand im Gegenlicht, sodass Rimberti die Augen zukneifen musste, um ihn sehen zu können: ein kleiner, kräftiger Mann mit struppigen blonden Haaren auf dem Kopf und im Gesicht. Er hielt Rimbertis Pferd am Zaum.

»Warum erledigen wir ihn nicht gleich an Ort und Stelle?«, fragte ein schwarzhaariger Mann ungehalten. »Graf Enno hat ihn geschickt, um unser Lager auszukundschaften. Jetzt weiß er Bescheid über uns. Fackelt nicht lange, sonst entkommt er uns noch.«

Rimberti packte die Angst. Sollte dies das Ende seines Lebens werden? Erschlagen von Wegelagerern im Wald? Alle Muskeln spannten sich gleichzeitig an. Hoffentlich merkte niemand, dass er zitterte.

Er versuchte, so ruhig und selbstbewusst wie möglich zu sagen, was er vorbringen konnte. »Schaut in meiner Packtasche nach, und ihr erfahrt, wer ich bin.«

Der Bärtige nickte dem Schwarzhaarigen zu. Der ging zum Pferd. Rimberti sah sich um. Seine Augen hatten sich wieder an das Licht gewöhnt. Sie standen im Wald inmitten einer kleinen Ansammlung geduckter Hütten. Die Wände waren aus Flechtwerk gebaut und mit Lehm verschmiert. Direkt um die Hütten waren Büsche gepflanzt, sodass sie bald vollständig eingewachsen sein würden. Ein seltsames Dorf mitten im Wald, dachte Rimberti. Nur eine Handvoll Männer stand hier mit ihm, Frauen und Kinder sah er nicht.

Der Schwarzhaarige gab dem Bärtigen Rimbertis Packtasche. Umständlich holte der die lederne Schreibmappe hervor und sah konzentriert auf die wenigen Dokumente, die sie enthielt. Darunter war ein Brief des kaiserlichen Staatsrates Christian von Wittenvelde, der ihn im Namen von Königin Maria mit der Reise nach Jever beauftragte.

Der Bärtige war offensichtlich des Lesens kundig, denn er studierte sorgfältig Wittenveldes Brief und die beigelegten Abschriften von Briefen aus Jever. Dann legte er die Papiere aus der Hand und sah Rimberti ins Gesicht. »Ich glaube, wir müssen uns bei Euch entschuldigen, Doktor Rimberti.«

Er verstaute die Unterlagen wieder in der Packtasche und erklärte: »Wir haben allen Grund, misstrauisch zu sein. Überall sind Graf Ennos Männer unterwegs. Sie benehmen sich so, als ob ihnen das Jeverland schon gehörte.«

Rimberti spürte, dass der Bärtige misstrauisch blieb. Offensichtlich handelte es sich bei der Ansammlung von Hütten um das Versteck, von dem vorhin gesprochen worden war. Verbargen sich hier Männer, die von Graf Ennos Leuten gesucht wurden? Wurden hier Waffen und Vorräte für einen Aufstand gegen die ostfriesische Besatzung versteckt?

»Folkert Hedden«, stellte sich der Bärtige vor. »Folkert Hedden aus Grootewarden. Freier Bauer im Jeverland, so, wie die anderen hier es auch noch sind.«

»Noch?«, fragte Rimberti.

»Noch!«, erwiderte Hedden mit Nachdruck. »Graf Ennos Männer haben die Hälfte meiner Kühe und Schweine mitgenommen, weil ich angeblich meine Abgaben nicht bezahlt habe. Sie wollten ein Exempel statuieren. Ich bin Vorsteher und Kirchvogt von Grootewarden und habe meine Abgaben an den Hof von Jever entrichtet. Aber der alte Drost, den Graf Enno eingesetzt hat, hat das verboten. Alle Abgaben soll der ostfriesische Graf bekommen und dafür unser Land beschützen.«

Der Schwarzhaarige, der neben ihnen stand, spuckte aus. »Beschützen? Er nimmt uns aus. Wer seine Abgaben an die Fräulein von Jever gibt, muss dieselben Abgaben noch einmal an Graf Enno zahlen. So wollen die Ostfriesen unsere Fräulein und unser Land ausnehmen.«

»Der neue Drost ist anders«, erklärte Folkert Hedden. »Er bemüht sich, das Land gerecht zu verwalten. Aber für die Kirchspiele in unserer Nachbarschaft hat noch der alte Drost einen Gefolgsmann von Graf Enno eingesetzt, Isko Onninga. Iskos älterer Bruder wird das väterliche Erbe antreten, und nun muss er selbst sich in den Dienst des Grafen begeben. Isko sieht Grootewarden schon als seine eigene Herrschaft: fruchtbares Grünland, Wald mit viel Holz und Wild, sogar ein kleiner Hafen – das ist schon eine Herrlichkeit.«

»Und vor Isko versteckt Ihr …«, begann Rimberti, und hoffte, dass seine Gastgeber den Satz vollenden würden.

»So ist es«, antwortete Hedden kurz. »Genauer wollt Ihr gar nicht wissen, was hier alles verborgen ist. Glaubt mir, so ist es besser für uns und für Euch. Wir werden Euch nun nach Grootewarden geleiten, damit Ihr sicher und gut nach Jever kommt. Vergesst, was Ihr hier gesehen habt. Aber vergesst nicht, was Ihr gehört habt!«

2

Als sie aus dem Wald traten, erblickten sie den aufsteigenden Rauch.

»Isko!«, zischte Folkert Hedden. Er und seine Männer liefen los. Rimberti kletterte auf sein Pferd, das er bisher geführt hatte, und ritt in Richtung Dorf. Zwei Häuser in Grootewarden brannten. Der Rauch wehte durch das Dorf und kündete von Zerstörung und Gewalt. Mehrere bewaffnete Männer standen vor den brennenden Gebäuden und hielten die Dorfbewohner davon ab, das Feuer zu löschen. Inzwischen hatte es sich so ausgebreitet, dass die beiden Häuser nicht mehr zu retten waren.

Rimberti stieg umständlich von seinem Pferd. Da bemerkte er, dass einige Einwohner an den Bewaffneten vorbei drängten. Der Wind hatte gedreht, und die Flammen und Funken bedrohten nun die Nachbarhäuser. Die Leute aus dem Dorf wollten löschen, um ihre Häuser zu retten. Die Soldaten trieben sie zurück.

Als eine Frau einen Bewaffneten zur Seite stieß, gab der ihr einen Hieb mit dem Schaft seiner Hellebarde. Die Frau ging zu Boden. Benommen versuchte sie, wieder aufzustehen, da holte der Soldat erneut aus.

Bisher hatte Rimberti der Szene regungslos zugesehen, unbemerkt von den anderen. Nun packte ihn der Zorn. Das Herz pochte ihm bis zum Hals. Bevor der Soldat ein zweites Mal zuschlagen konnte, stürzte sich Rimberti auf ihn. Der Mann war überrascht von diesem unerwarteten Angriff, und Rimberti warf ihn zu Boden.

Rimberti war kein Kämpfer. Er war noch nicht einmal ein mutiger Mann. Aber der Zorn verlieh ihm so viel Kraft, dass der Soldat sich nicht aus seiner Umklammerung lösen konnte. Mit aller Kraft hielt Rimberti den Mann nieder und entwand ihm die Hellebarde.

Da wurde er von hinten gepackt. Die anderen Soldaten sprangen ihrem Gefährten bei und rissen Rimberti hoch. Zwei hielten ihn fest, die anderen bildeten einen Halbkreis um ihn. Sein Gegner stand vom Boden auf. Er nahm seine Hellebarde und kam grinsend näher.

Im gleichen Moment waren Folkert Hedden und seine Männer zur Stelle und stürzten sich auf die Soldaten. Nach einem kurzen Handgemenge hatten die Männer des Dorfes die Eindringlinge entwaffnet.

»Und was sollen wir mit ihnen machen?«, fragte Hedden.

»Das ist die falsche Frage, Folkert Hedden!« Eine tiefe laute Stimme schnitt durch den Lärm. Im Handgemenge war es unbemerkt geblieben, dass eine Schar bewaffneter Reiter die Dorfbewohner eingekreist hatte.

»Die Frage ist, was wir mit dir machen!« Noch einmal erklang die tiefe Stimme des Anführers. Rimberti hörte, wie die Leute um ihn herum ängstlich den Namen nannten: »Herr Isko.«

Hedden ließ sich nicht einschüchtern. Aufrecht stellte er sich vor den Anführer der Reiterschar. »Isko Onninga, Eure Männer haben unser Dorf überfallen. Sie haben geplündert, sind handgreiflich geworden und haben zwei Häuser in Brand gesteckt. Sich gegen Räuber und Brandschatzer zur Wehr zu setzen, das ist unser gutes friesisches Recht.«

»Was friesisches Recht ist, bestimmt Graf Enno«, erwiderte Isko Onninga.

»Das mag er in seinem Land gern tun, aber wir sind freie Jeverländer. Über uns hat Euer Graf genau so wenig Recht wie Ihr, Onninga.«

»Da täuscht ihr euch gewaltig«, antwortete Isko mit schneidender Stimme. »Graf Enno hat die Schutzherrschaft für euer Land und eure Fräulein übernommen. Darum stehen ihm auch die Abgaben zu. Und wenn ihr nicht kommen und zahlen wollt, dann müssen wir eben kommen und holen, was unserem Grafen zusteht.«

»Wir haben pünktlich unsere Abgaben gezahlt. Ich werde Euch das Schriftstück vorlegen«, sagte Hedden.

»Für mich gilt nur ein Schreiben, das von Graf Ennos Drost oder einem seiner Beauftragten unterzeichnet ist.«

»Wir haben unsere Abgaben in voller Höhe an unsere Fräulein in Jever gezahlt.«

»Graf Enno hat die Fräulein von Jever mitsamt ihrer Herrschaft unter seinen gnädigen und sicheren Schutz genommen. Darum steht ihm die Abgabe zu. Und wenn ihr sie nicht zahlt, dann treiben wir sie ein. Wer uns die Abgabe vorenthält, wird wie ein Dieb behandelt und bestraft. Ich werde ihm und seiner Familie die Habe wegnehmen und sein Haus anzünden. Und ich fange gleich mir dir an, Folkert Hedden.«

»Das steht Euch nicht zu!« Rimberti war erschrocken über die Lautstärke seiner Stimme. Er trat vor, zitternd vor Angst und gleichzeitig fest entschlossen, Onninga in die Schranken zu weisen.

Erst jetzt bemerkte Rimberti den Mann auf dem Pferd neben Onninga. Es war Ulfert Fockena, sein Gefährte, mit dem Rimberti im vorletzten Jahr den Mörder mit der Armbrust gejagt und einen Angriff auf die Insel Bant vereitelt hatte. Fockena sah ihn bedeutungsvoll an, sagte aber nichts und machte auch kein Zeichen des Erkennens. Er wird seine Gründe haben, dachte Rimberti und beließ es dabei.

Isko Onninga musterte Rimberti, der in seiner verdreckten und von der Rauferei unordentlichen Kleidung keine sehr eindrucksvolle Erscheinung abgab.

»Hast du hier auch etwas zu sagen?«, antwortete Isko belustigt. »Ich denke, eine gehörige Tracht Prügel wird dich und Hedden wieder zur Vernunft bringen. Los, schnappt euch die beiden, damit hier Ruhe einkehrt.« Er winkte seinen Leuten zu, die Folkert Hedden und Rimberti umgehend packten.

»Wagt es nicht, Hand an mich legen zu lassen«, erwiderte Rimberti. Er bemühte sich, seine Stimme so fest und klar klingen zu lassen, dass niemand seine Angst bemerkte.

»So, wollt ihr beide mir drohen?«, spottete Isko Onninga. »Ihr jeverländischen Bauern hattet in den letzten Jahren wohl zu viele Freiheiten, dass ihr so aufmüpfig geworden seid. Es wird Zeit, euch unter das Joch zu bringen.«

»Wir sind nicht eure Ochsen, sondern freie Bauern!«, rief Hedden.

»Vielleicht müsst ihr erst einmal die Peitsche spüren, damit ihr wisst, wer ihr seid«, erwiderte Isko hämisch.

»Ihr habt kein Recht, das Dorf auszuplündern, Herr Isko«, wies Rimberti ihn zurecht. »Wenn die Abgaben entrichtet worden sind, dann habt Ihr hier nichts zu schaffen.«

»Bevor die beiden hier die übrige Herde noch widerspenstiger machen, sollten wir sie am nächsten Baum aufknüpfen«, antwortete Isko Onninga kühl. »Wenn jemand von euch sich rührt, werde ich euer ganzes Dorf niedermachen!«

Totenstill war es plötzlich. Die Leute von Grootewarden wussten, dass jede Gegenwehr sinnlos war. Onninga lauerte nur darauf, beim geringsten Anzeichen des Widerstandes seine Drohung wahr zu machen.

»Ich bin hier im Auftrag des kaiserlichen Hofes in Brüssel«, erklärte Rimberti. »Königin Maria hat mich beauftragt, Verhandlungen mit Graf Enno und den Fräulein von Jever zu führen. Die Leute hier im Dorf haben mir nach einem Reitunfall beigestanden. Fügt mir oder jemandem aus dem Dorf einen Schaden zu, so wird es Euch schlecht bekommen, Herr Isko.«

Rimberti sah für einen Augenblick Furcht in Iskos Augen flattern. Isko wandte sich Ulfert Fockena zu. »Was sollen wir mit einem solchen Lügner machen?«

»Ich habe den Mann schon einmal gesehen. Er sagt die Wahrheit. Es ist Doktor Rimberti«, sagte Fockena ruhig. »Er hat vor zwei Jahren die Verhandlungen um den Verkauf von Hillersum geführt.«

»Das Alter hat Euch verweichlicht, Fockena«, erwiderte Isko. »Der Graf wird keinen Aufruhr im Jeverland dulden.«

»Krümmt Ihr ihm ein Haar, so wird Königin Maria Euch für vogelfrei erklären«, brummte Fockena. »Ihre Soldaten werden Eure Burg in Schutt und Asche legen. Was sie dann mit Euch machen, bevor sie Euch hinrichten, wollt Ihr sicher nicht hören, Herr Isko. Um Euch ist es nicht schade, aber Euer Vater ist ein Mann von Ehre.«

Isko Onninga warf Rimberti einen hasserfüllten Blick zu. »Los, Leute«, schnauzte er seine Männer an. »Nehmt alles Vieh mit. Wir holen Graf Ennos Steuern. Leistet jemand Widerstand, zündet sein Haus an.« Er schlug sein Pferd mit der Peitsche und ritt davon.

Hilflos mussten die Leute von Grootewarden mit ansehen, wie Onningas Männer ihre Kühe, Schweine und Schafe davontrieben.

»Ich fürchte, Ihr habt einen Todfeind gewonnen«, sagte Folkert Hedden zu Rimberti. »Isko wird nie vergessen, dass Ihr ihn vor allen Leuten in die Schranken gewiesen habt. Ab jetzt müsst Ihr vorsichtig sein!«

3

Folkert Hedden begleitete Rimberti nach Jever, um bei den Fräulein Maria und Anna Beschwerde über Isko Onninga einzulegen und das Vieh der Dorfbewohner zurückzufordern.

Hoch über den Häusern von Jever erhob sich der wuchtige Turm inmitten der Burg wie ein klobiger, starker Riese, der bereit war, jeden Angreifer niederzuzwingen.

Seit gut 100 Jahren stand die Burg in Jever. Immer wieder hatte sich der Ort mit seiner Herrschaft gegen Nachbarn behaupten müssen. Edo Wiemken, der Vater der beiden Schwestern, hatte die Burg mit dem Turm weiter ausbauen und stärker befestigen lassen. Vor 20 Jahren war er verstorben, und für den minderjährigen Sohn Christoph hatten fünf Häuptlinge des Jeverlandes die Regentschaft übernommen. Aber Junker Christoph war seinem Vater schon nach wenigen Jahren in den Tod gefolgt. Graf Edzard von Ostfriesland hatte die Gelegenheit genutzt und sich zum Beschützer Jevers und der drei Töchter Edo Wiemkens erklärt. Er hatte einen Drosten in Jever eingesetzt und Eheverträge zwischen seinen drei Söhnen und den drei Fräulein geschlossen.

Vor vier Jahren hatten die Ostfriesen dann die Burg besetzt und dort Soldaten stationiert. Graf Edzards Sohn war inzwischen eine vorteilhaftere Ehe mit Anna von Oldenburg eingegangen, und von den Eheversprechen war längst nicht mehr die Rede. Auf Seiten der Ostfriesen war man davon ausgegangen, dass Jever ihnen nun auch ohne Einhaltung des Eheversprechens zufallen würde wie ein reifer Apfel.

Das alles hatte Rimberti schon auf seiner letzten Reise nach Jever in Erfahrung gebracht. Von Folkert Hedden ließ er sich unterwegs erzählen, wie die Ostfriesen Jever inzwischen als ihr eigenes Land behandelten und die Töchter Edo Wiemkens mehr oder weniger gefangen hielten, bis man sie an andere Heiratskandidaten oder in ein Kloster vermittelt hätte.

Folkert Hedden brachte Rimberti zur Burg. Dort war man schon durch Rimbertis Schreiber auf seine Ankunft vorbereitet. Der Drost wurde erst am späten Abend zurückerwartet. Man hatte Rimberti eine Schlafkammer und eine Schreibstube für seine Dienstgeschäfte vorbereitet, während sein Schreiber Kobus Temmen beim Dienstpersonal des Hofes untergebracht war. Rimberti kündigte für den nächsten Vormittag seinen Antrittsbesuch bei den Fräulein Maria und Fräulein Anna und beim Drosten an. Dann zog er sich in seine Kammer zurück.

Rimberti fühlte sich nach den Ereignissen dieses Tages erschöpft. Er setzte sich in einen prächtig geschnitzten Holzstuhl mit Armlehnen und Polstern. Sein Fuß schmerzte, und die Striemen an seinen Handgelenken brannten. Im Kampf mit Iskos Männern hatte er einen großen Bluterguss am rechten Oberschenkel sowie Schürfwunden und blaue Flecke davongetragen. Er würde gleich morgen an den kaiserlichen Hof nach Brüssel schreiben und über Isko Onningas Umtriebe berichten.

Es klopfte. Rimberti erhob sich aus dem Stuhl und ging zur Tür. Er öffnete.

Ein Mann trat ein, groß und kräftig, mit sanften Augen und einem rotbraunen Bart, bekleidet mit einem Lederwams und Reitstiefeln. Er war ganz außer Atem, und es gelang ihm nur mit Mühe, seine Erregung zu unterdrücken. Er schloss die Tür hinter sich.

»Doktor Rimberti, Folkert Hedden war soeben bei mir und hat mir berichtet, was Euch widerfahren ist. Fräulein Anna und Fräulein Maria lassen Euch ihre tief empfundene Anteilnahme an diesem Unglück aussprechen. Bitte teilt das, was Euch widerfahren ist, der Regentin mit. Alles. Schonungslos. Die Königin muss alles erfahren. Morgen werden Euch die Fräulein empfangen. Sie sind sehr verstört über die Ereignisse, die sich hier zugetragen haben. Ich …«

Der Mann zögerte. Er stand unter großer Anspannung. Er setzte noch einmal an: »Ich habe mich noch nicht vorgestellt. Boing von Oldersum. Ich bin der neue Drost. Ich werde morgen auch da sein, wenn Ihr mit den Herrinnen sprecht. Ich hoffe, Ihr bringt gute Nachrichten vom Hof der Statthalterin. Fräulein Maria und Fräulein Anna brauchen jetzt mehr denn je die Unterstützung der Königin. Sonst ist Jever verloren.«

Es klopfte wieder an die Tür, und ein Bediensteter stand im Türrahmen. »Junker Boing, der Bote ist gekommen. Es ist dringend.«

Boing wandte sich an Rimberti. »Verzeiht. Ich möchte nicht unhöflich sein. Aber es hat einen Zwischenfall an der Grenze gegeben. Habt Ihr alles, was Ihr benötigt?«

Rimberti bejahte, und Junker Boing folgte dem Bediensteten. Rimberti überlegte einen Moment, ob er noch seinen Schreiber aufsuchen sollte, um mit ihm die Aufgaben der kommenden Tage zu besprechen. Aber er beschloss, dass es für heute genug war. Er setzte sich wieder. Er glaubte nicht, dass er nach den Ereignissen des Tages schlafen konnte. Nur für einen Moment schloss er die Augen.

Rimberti schreckte hoch. Er musste doch eingeschlafen sein, denn es dämmerte schon der graue Morgen. Er hörte Rufe von unten. Pferdegetrappel.

Rimberti trat ans Fenster. Er konnte noch sehen, wie eine Gruppe von Reitern aufbrach und im Morgennebel verschwand. Er legte sich auf sein Bett, aber nun konnte er nicht mehr einschlafen.

»Der Drost ist schon früh nach Esens aufgebrochen«, teilte Rimbertis Schreiber Kobus mit, während er die mit Honig gesüßte Weizengrütze löffelte. Eigentlich war Rimbertis neuer Schreiber äußerst zurückhaltend und im Gespräch oft einsilbig. Nun fuhr er tatsächlich fort: »Gestern gab es hier großen Ärger. Eine Gruppe von Reitern kam, und der Drost stritt sich mit dem Anführer. Dabei fiel auch Euer Name.«

»Mein Name?«, fragte Rimberti erstaunt.

»Ich konnte nicht alles verstehen«, erklärte Kobus. »Wo wart Ihr eigentlich so lang?«

»Dringende Amtsgeschäfte haben mich aufgehalten«, brummte Rimberti, der seinem Schreiber nicht unbedingt auf die Nase binden wollte, was er gestern erlebt hatte.

Die restliche Zeit der Mahlzeit saßen die beiden schweigend nebeneinander. Rimbertis früherer Schreiber liebte das Plaudern. Aber nach seiner Heirat und der Geburt des ersten Kindes im vergangenen Jahr hatte er die Reisetätigkeit aufgegeben und eine Stelle als Schreiber beim Häuptling von Lütetsburg angenommen, um dort mit seiner Familie zu wohnen.

Sein Nachfolger Kobus hatte sich in den letzten Monaten als würdiger Nachfolger erwiesen. Konzentriert konnte er in kurzer Zeit schwierige Texte entziffern und in sauberer Handschrift kopieren. Viele Schreibarbeiten erledigte er mehr oder weniger selbstständig. Und genauso wie sein Vorgänger übernahm er mit dem Amt des Schreibers auch gewisse Aufgaben eines Dieners. Nur gesprächig war er nicht. So wunderte sich Rimberti, als er plötzlich zum dritten Mal das Wort an ihn richtete.

»Ich glaube, Ihr werdet erwartet«, sagte der Schreiber und deutete auf die Tür. Dort stand ein kräftiger Mann, die dunkelblonden Haupthaare kurz geschnitten und den dichten Vollbart sauber gestutzt. Er war bekleidet mit einer Schaube aus feinem dunklem Stoff, die ihm bis zu den Knien reichte. Er musste etwas älter als Rimberti sein, vielleicht Anfang oder Mitte 40.

Rimberti erhob sich, und der Mann richtete das Wort an ihn: »Verehrter Doktor Rimberti, ich darf Euch im Namen von Fräulein Anna und Fräulein Maria begrüßen. Ich bin Keno Middens von Garssum, einer der Regenten des Jeverlandes und Ratgeber unserer beiden Fräulein. Mein Vater war ein treuer Freund von Edo Wiemken, dem Vater unserer Fräulein. Es ist für uns eine große Ehre und Freude, einen Beamten vom Hof unserer Statthalterin, Königin Maria, empfangen zu dürfen. Die Fräulein erwarten Euch.« Er trat einen Schritt beiseite und gab die Tür frei.

Rimberti überlegte, ob er zuerst in sein Quartier gehen und die Tasche mit den Aufzeichnungen und Abschriften der wichtigen Unterlagen holen sollte. Er entschied aber, sich bei dieser Begegnung nur ein erstes Bild von den Fräulein und von der Situation zu machen. Schweigend folgte er dem Mann durch den Gang, bis sie vor einer Doppeltür standen, die von zwei Soldaten in der Tracht Graf Ennos bewacht wurde. Als sie den Mann und Rimberti sahen, traten sie einen Schritt beiseite.

Der Mann legte seine Hand auf Rimbertis Arm, um ihn zurückzuhalten. »Auf ein Wort noch, Doktor Rimberti. Der Drost musste leider schon vor dem Morgengrauen aufbrechen. Ein Zwischenfall. Er versichert Euch seiner Ehrerbietung und bat mich, an seiner Stelle für Euch zur Verfügung zu stehen.«

Rimberti nickte. »Ich danke Euch.« Er machte Anstalten weiterzugehen, aber der Mann blieb stehen.

»Verzeiht«, richtete er das Wort noch einmal an Rimberti, »die beiden Fräulein sind in Regierungsgeschäften gänzlich unerfahren und dadurch leicht zu ängstigen. Alles, was den Fräulein Sorgen machen könnte, mögt Ihr mit Drost Boing oder mit mir bereden. Beunruhigt bitte die Fräulein nicht zu sehr mit diesen Dingen.«

»Ich verstehe. Aber ich kann nicht alles von den Fräulein fernhalten«, antwortete Rimberti. Er wusste noch nicht, was er von diesem Mann halten sollte.

Einer der Soldaten öffnete die Tür. Rimberti folgte Keno Middens in das Empfangszimmer der Burg; ein großer und heller Raum öffnete sich vor ihm. An einem langen Tisch aus schwerem dunklem Holz saßen die beiden Fräulein auf Lehnstühlen. Rimberti wusste, dass sie wenige Jahre jünger waren als er, aber die eine wirkte älter und blickte aus dem Fenster, während sie mit den Fingern nervös an den Bändern ihrer weißen Haube nestelte. Vor sich hatte sie eine kleine Schale mit gezuckerten Mandeln. Sie drehte sich zu Rimberti, nickte und nahm aus der Schale ein paar Mandeln, die sie sich hastig in den Mund stopfte. Dann sah sie wieder aus dem Fenster.

Ihre Schwester sah aus wie ein großes altkluges Kind. Mit weit geöffneten Augen sah sie Rimberti an, und erst als er ihr ein zweites Mal ins Gesicht sah, bemerkte er die leichte Skepsis in ihrem Blick.

Er verbeugte sich und überbrachte die Grüße von Königin Maria. Nun schoss ihm in den Sinn, dass der Brief der Königin und sein Beglaubigungsschreiben noch auf dem Tisch in seinem Quartier lagen.

Das Fräulein am Fenster nickte gedankenverloren, während ihre Schwester seinen Gruß erwiderte: »Verehrter Doktor Rimberti, die Grüße der Königin sind meiner Schwester Anna und mir genauso willkommen wie Euer Besuch.« Sie räusperte sich und schien nach Worten zu suchen. Ihre Stimme klang angestrengt. Sie bedeutete Rimberti und Middens, auf den beiden freien Stühlen Platz zu nehmen. »Euer Besuch ist nicht nur erfreulich«, setzte sie die Begrüßung fort, »Er war dringend erforderlich.«

»Fräulein Maria, es wird sich alles zum Guten wenden«, wandte Keno Middens ein.

»Ihr hattet eine gute Anreise, Doktor Rimberti?«, fragte Fräulein Maria.

Sicher hatte sie von dem gestrigen Zwischenfall gehört. Rimberti wollte die Männer von Grootewarden nicht gefährden und ihr Versteck im Wald nicht preisgeben. »Ich hatte eine unerfreuliche Begegnung mit Isko Onninga«, erklärte er. »Er wollte das Dorf Grootewarden plündern, und dabei ist es zu Handgreiflichkeiten gekommen. Glücklicherweise konnte einer der Offiziere Graf Ennos das Missverständnis klären, aber Isko hat den Dorfbewohner sämtliches Vieh genommen.«

Marias Augen weiteten sich vor Schreck. Ängstlich sah sie Middens an. »Davon habt Ihr mir nichts berichtet.«

»Kein Grund zur Sorge.« Keno Middens legte seine Hand beruhigend auf ihre. »Isko Onninga ist ein Hitzkopf. Ich habe schon veranlasst, dass er einbehält, was an Steuern gezahlt werden muss, und alles andere den Bewohnern von Grootewarden wieder zurückgibt.«

»In Grootewarden ist man der Meinung, man hätte die Steuern schon bezahlt«, wandte Rimberti ein.

»Alle sind immer der Meinung, sie hätten die Abgaben bezahlt«, erklärte Middens. »Sie schicken ab und zu einen Schlachtochsen in die Burg oder ein Fass mit Salzbutter, zwischendurch dann eine Tonne Bier oder vielleicht eine Wagenladung Brennholz. Und damit haben sie ihrer Meinung nach ihren Teil erfüllt. Das genügt nicht. Unser Land braucht die Abgaben. Junker Balthasar von Esens rüstet zum Krieg. Sein Verbündeter, Herzog Karl von Geldern, stellt ein Expeditionsheer auf, um sich einen friesischen Hafen zu erobern. Im Oldenburgischen tummelt sich ein Haufen von Landsknechten unter dem Kommando von Ewert Owelacker. Sie haben schon drei Gehöfte in Rüstringen geplündert und angezündet. Nur mit knapper Not konnten die Bewohner ihr Leben retten. Allein Graf Ennos Soldaten können dem Einhalt gebieten. Darum brauchen wir die Abgaben und können uns nicht mit gelegentlichen Aufmerksamkeiten zufriedengeben.«

Maria wollte etwas einwenden, aber Middens deutete ein Kopfschütteln an. Maria behielt ihren Einwurf für sich.

»Das entschuldigt nicht Iskos beleidigendes Verhalten gegenüber einem Beamten des kaiserlichen Hofes in Brüssel«, erklärte Keno Middens. »Der Drost hat ihn gestern dafür zur Rechenschaft gezogen. Isko Onninga entschuldigt sich für sein grobes Benehmen. Der Drost hat ihn mit seinen Männern zurück nach Ostfriesland geschickt. Damit ist alles in Ordnung.«

Rimberti zögerte. Wollte er Folkert Hedden und seine Männer nicht in Gefahr bringen, durfte er nicht von den Einzelheiten seiner verzögerten Reise berichten.

Er sah die beiden Schwestern an. »Fräulein Anna, Fräulein Maria, Ihr habt an die Königin appelliert. Ich bin hier, um zu prüfen, ob Graf Ennos Schutzherrschaft über Jever und seine Ansprüche auf die Regentschaft zu Recht bestehen. Ferner muss ich mir ein Bild von den Eheversprechen machen, die Euer Vater Graf Edzard gemacht hat. Mit Eurer Erlaubnis werde ich in Eurer Kanzlei alle Dokumente und Urkunden studieren. Königin Maria hat den Staatsrat von Wittenvelde mit den Angelegenheiten beauftragt. Der Staatsrat will umfassend informiert werden und erwartet meinen Bericht. Sofern es ihm möglich ist, wird er noch in diesem Jahr hier eintreffen. Darum ist es vermutlich unerlässlich, Personen zu befragen und mir vor Ort einen Einblick in die Verhältnisse in Eurer Herrschaft zu verschaffen. Dazu brauche ich Eure Erlaubnis.«

»Der Drost wird Euch im Namen Graf Ennos eine solche Genehmigung ausstellen«, stellte Keno Middens fest. »Ihr werdet feststellen, dass die freundschaftliche Umarmung durch die ostfriesischen Grafen in den vergangenen Monaten vielleicht etwas bedrückend gewesen sein mag, aber unsere Heimat ist in großer Gefahr. Das Jeverland ist wohlhabend genug, um sich Freunde zu machen. Aber es ist zu klein, um sich seiner Feinde zu erwehren. Solche unschönen Zwischenfälle wie der in Grootewarden dürft Ihr nicht überbewerten. Anders führen sich auch viele Beamte nicht auf, die in ihrem eigenen Land für den Fürsten die Abgaben einfordern. Isko wird sich in Zukunft zurückhalten. Es wäre jedoch schade, wenn die Erwähnung dieses Vorfalls ein ungünstiges Licht auf die Regentschaft unserer Fräulein würfe.«

Fräulein Maria sah Rimberti für einen Moment an und schlug dann die Augen nieder. Sie betrachtete ihre gefalteten Hände. Vom Hof waren Pferdegetrappel und laute Stimmen zu hören.

Middens erhob sich und trat ans Fenster. Er sah eine Weile nach unten und drehte sich wieder um. »Vielleicht können wir unsere Erörterungen ein anderes Mal fortsetzen. Mit Eurer Erlaubnis will ich nachsehen, was los ist.«

Bevor Middens den Raum verlassen konnte, wurde die Tür geöffnet, und ein verschwitzter Mann mit verschmutzen Kleidern stolperte hinein. »Grootewarden …«, stieß er hervor, »sie waren in Grootewarden.«

»Wer war in Grootewarden?«, herrschte Keno Middens ihn an. »Sprich nicht in Rätseln, erstatte deiner Herrin Bericht!«

»Ewert Owelacker und seine Landsknechte sind über Grootewarden hergefallen.«

Keno Middens verschränkte die Arme vor der Brust und sah Rimberti mit einem vorwurfsvollen Blick an. »Hätten wir Herrn Isko und seine Männer nicht fortgeschickt, so hätten sie diesen Überfall abgewehrt.«

4

Rimberti stand vor der rußgeschwärzten Ruine, die einmal ein stattliches Bauernhaus mit großem Scheunenanbau gewesen war. An der Stelle der Nebengebäude waren nur noch verkohlte Holzreste zu sehen, die trübsinnig vor sich hin qualmten. Ewert Owelacker und seine Männer hatten ganze Arbeit geleistet. Noch schlimmer. Vor dem Hof hatte man die Leichen von zwei Knechten gefunden. Sie waren so töricht gewesen umzukehren und ihre wenige Habe retten zu wollen.

Zornig und ohnmächtig fühlte sich Rimberti. Er sah sich um. Warmes und helles Sonnenlicht schien auf das weite Land. Leuchtend gelbe Getreidefelder, Wiesen und Weiden in sattem Grün, und darin ein qualmender, rußiger Haufen. Das war die Welt, die Gott geschaffen hatte, und mitten darin befand sich, was die Menschen schufen: Mord und Zerstörung.

Ein Offizier und Keno Middens standen abseits und sprachen mit dem Bauern. Zur Sicherheit hatten sie bewaffnete Reiter mitgebracht, obwohl nicht damit zu rechnen war, dass Owelacker und seine Männer noch einmal an diesen verwüsteten Ort zurückkehren würden.

Rimberti hatte seine Zweifel, ob Isko Onninga und seine Männer wirklich bereit gewesen wären, gegen die Landsknechte zu kämpfen. Ein Mann kam auf sie zu. Folkert Hedden.

»Wir waren bereit, als sie kamen«, sagte er. »Wir haben Tag und Nacht jemanden auf dem Kirchturm postiert. Gut zwei Dutzend Mann kamen. Sie dachten, sie kämen in ein leeres Dorf, dessen Einwohner davongelaufen wären, und dann schlugen wir los. Wir waren doppelt so viele wie sie, und wir haben sie völlig überrumpelt. Fünf von uns sind verletzt worden, einer wird es vielleicht nicht überleben. Dafür haben wir acht von ihnen erschlagen, und drei Verletzte mussten sie zurücklassen. Aber hier konnten wir nichts mehr tun. Bartels Hof ging in Flammen auf, und die beiden Knechte hier wollten ihre Sachen retten. Wir konnten sie nicht aufhalten. Und als Owelackers Männer vertrieben waren, war es zu spät. Wir konnten das Feuer nicht mehr löschen, und die beiden fanden wir hier tot. Wir werden alle helfen, wenn hier wieder aufgebaut wird. Das ist das Mindeste.«

Hedden zeigte mit der Hand in die Ferne. »Steffens und seine Familie auf dem Hof da draußen haben nicht so viel Glück gehabt. Er wollte ihnen nicht verraten, wo er sein Geld versteckt hat. Ihn und seine Frau haben sie umgebracht, nur die Kinder ließen sie am Leben.«

Hedden ballte die Faust, bis sie weiß wurde. »Ich weiß, was ich mit den drei Gefangenen machen werde. Ihre Köpfe werde ich in der Brandruine aufspießen.«

»Das werdet Ihr nicht tun«, brummte plötzlich eine Bassstimme. Sie drehten sich um. Häuptling Fockena stand hinter ihnen.

»Daran werdet Ihr uns nicht hindern«, erwiderte Hedden.

»Und wie ich das werde«, antwortete Fockena angriffslustig. »Gleich neben den drei Halunken werde ich persönlich noch einen vierten Pfahl aufstellen. Und ratet mal, welches hübsche Köpfchen dort aufgespießt wird. Aber bitte lasst Euch vorher noch Euren Bart stutzen.«

Hedden wollte sich auf den Häuptling stürzen, aber er sah plötzlich einen Dolch auf sich gerichtet. »Der gefällt mir gut, der Mann hier«, sagte Fockena gut gelaunt und wandte sich an Rimberti. »Der ist mir vorgestern schon aufgefallen. Es war übrigens klug von Euch, unsere Bekanntschaft verborgen zu halten. So war es mir ein wenig leichter, wieder einmal Euer Leben zu retten, mein lieber Rimberti.«

»Ihr kennt …?«, stieß Hedden hervor.

»Sehr gut sogar«, antwortete Rimberti. »Ihm würde ich mein Leben blind anvertrauen, und das Eure noch gleich mit dazu.«

Fockena grinste Hedden an.

»Frieden?«, fragte er und steckte den Dolch wieder weg. Hedden nickte. »Ich gönne Euch die Rache gern, aber lebendig nützen uns die drei vielleicht mehr. Wir wissen nicht, wo die Landsknechte ihr Lager haben. Dies wird nicht der letzte Überfall gewesen sein. Ich gratuliere Euch übrigens zu Eurem Sieg, Hedden. Viel besser hätte ich das vermutlich auch nicht hinbekommen. Wie viele Leute hatte Owelacker bei sich? Was schätzt Ihr?«

»Es waren etwa zwei Dutzend, jetzt natürlich weniger«, antwortete Hedden.

»Keine Sorge, die wachsen von selbst wieder nach. Bestimmt waren nicht alle dabei. Es ist das erste Mal, dass Owelacker mit seinen Männern ein Dorf überfallen wollte.«

»Es wird ihm eine Lehre sein«, erwiderte Hedden.

»Das wird es«, stimmte Fockena zu. »Das nächste Mal wird er es geschickter anstellen und mehr Männer mitbringen. Wo haben sie ihr Lager? So viele Männer können sich nicht einfach verstecken. Und so groß ist der Wald auch nicht, dass für mehr als ein Versteck Platz wäre.« Er sah Hedden durchdringend an.

Bestürzt starrte Hedden den Häuptling an. »Ihr wisst …?«

»Ich bin vorgestern Eurer Spur nachgeritten. Geht das nächste Mal getrennte Wege. Sonst macht Euch sogar ein Trottel wie Isko Onninga irgendwann ausfindig.«

»Habt Ihr nun endlich Euren Willen, Hedden?« Keno Middens’ schneidende Stimmte tönte zu ihnen herüber. Schnellen Schrittes kam er auf die drei Männer zu. Mit zornigem Blick starrte er auf Folkert Hedden. »Ist es das, was Ihr wollt? Die Männer, die gekommen sind, Euch zu schützen, jagt Ihr davon, und so ist alles den Plünderern preisgegeben. Dies ist allein Euer Werk, Folkert Hedden. Andere mussten mit ihrem Leben und ihrem Gut bezahlen, was Ihr angerichtet habt. Seid Ihr nun zufrieden?«

»Nur ruhig Blut!« Fockena sah ihn durchdringend an. »Isko Onninga wäre hier kein Schutz gewesen. Er kann nur wehrlose Dörfler überrumpeln und ausplündern. Ihr glaubt doch wohl nicht, dass Onninga den Mut gehabt hätte, gegen Owelacker und seine Männer zu kämpfen.«

Keno Middens war verunsichert. »Nun«, erwiderte er, »als Mann in Graf Ennos Diensten scheint Ihr ja keine hohe Meinung von seinen Offizieren zu haben. Ich werde das bei nächster Gelegenheit ansprechen, wenn ich mit Graf Enno zusammentreffe.«

»Das müsst Ihr nicht, das werde ich mit Vergnügen selber tun. Organisiert Ihr lieber Hilfe für die Unglücklichen hier vor Ort.«

»Zunächst werden wir die drei Männer von Owelacker hängen«, entschied Middens. »In dieser Sache werden wir uns ja wohl einig sein.«

»Ich kann dazu nichts sagen«, bemerkte Fockena. »Hedden und seine Leute haben die drei gefangen genommen. Er soll entscheiden, wie wir mit ihnen verfahren sollen.«

»Das steht ihm nicht zu«, stellte Middens gereizt fest.

»Euch steht es auch nicht zu«, erwiderte Hedden. »Wir bringen sie zur Burg nach Jever. Dort sollen sie eingesperrt werden, und der Drost soll gemeinsam mit den Fräulein entscheiden, was aus ihnen wird.«

»Gut.« Middens schien beruhigt zu sein. Er nickte und ging davon.

»Stimmt es, Hedden, dass Euer Haus und Hof verschont geblieben sind?«, erkundigte sich Fockena.

Hedden nickte. »So ist es. Dem Himmel sei Dank.«

»Dann spricht sicher nichts dagegen, dass Ihr meinen Freund Rimberti und mich zu einem anständigen Essen einladet.«

Es war schon Abend, als sie nach Jever zurückkehrten. Die Fräulein hatten sich bereits zurückgezogen, und der Drost war noch nicht wieder zurück. Fockena gab Anweisung, die Gefangenen gut zu bewachen. Rimberti suchte unterdessen die Kanzlei auf, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen.

Der Burgschreiber war ein schmaler, übellauniger Mann, der Rimberti für einen Moment misstrauisch beäugte. Augen und Mund waren verkniffen und seine Schultern hochgezogen, als Rimberti sein Anliegen vorbrachte. Er antwortete mit einem kurzen Kopfnicken und führte seinen Besucher in die Kanzlei.

Vor den beiden bleiverglasten Fenstern stand ein großer Tisch mit einem wackeligen Stuhl davor. Die Tischplatte war leer. An der hinteren Wand waren zwei große Truhen aufgestellt, an den anderen beiden Wänden standen riesige Schränke aus schwerem dunklem Holz. Sonst befand sich nichts in diesem Raum.

Rimberti forderte den Burgschreiber auf, die Schränke aufzuschließen, aber der hob die Achseln noch höher und bemerkte kurz: »Das geht nicht.«

»Warum geht das nicht?«, fragte Rimberti nach und gab seiner Stimme einen ungeduldigen Ton.

»Der Rentmeister hat die Schlüssel«, antwortete der Burgschreiber kurz.

»Und? Wo ist der Rentmeister?«

Der Burgschreiber schien sich vor jeder Antwort zu sträuben. Er räusperte sich und sagte dann: »Rentmeister Scriver ist nach Hause gegangen. Wann er morgen wiederkommt, weiß ich nicht.«

Für einen Moment überlegte Rimberti, ob er den Gefangenen einen Besuch abstatten sollte. Aber er wollte nicht hinter dem Rücken des Drosten handeln.

Er hob ein Buch auf, das unter einem der Schränke lag und beschloss, es mit in sein Quartier zu nehmen.

In dem Moment, in dem er sich in sein Bett legte, schlief er auch schon und wurde erst wach, als es schon heller Morgen war.

5

»Unser lieber und verehrter Doktor Rimberti, der Rechtsgelehrte der kaiserlichen Statthalterin. Welche Ehre und Freude, Euch wiederzusehen!«

Lübbert Rimberti erstarrte, als er den Speiseraum der Burg betreten wollte. Er blieb im Türrahmen stehen. Zwischen Fräulein Anna und Fräulein Maria saß niemand anders als Graf Enno von Ostfriesland. Zwei Offiziere Ennos saßen mit ihnen an der Tafel. Neben Fräulein Maria saß ein griesgrämig blickender älterer Mann, den seine schlichte, aber teure Kleidung als Persönlichkeit von Rang auszeichnete. Trotz seines Alters wirkte er kraftvoll. Er warf einen kurzen misstrauischen Blick auf Rimberti und wandte sich dann wieder den Fräulein zu.

Rimberti verneigte sich und überbrachte seine Ehrerbietung und die Grüße von Königin Maria. Diese ritualisierte Begrüßung verschaffte ihm den Augenblick, den er benötigte, um klar zu denken.

Mit ausladender Geste forderte Enno ihn auf, Platz zu nehmen. Die Tafel war reich gedeckt mit frisch gebackenem Brot, Bratenfleisch, Schüsseln mit Grütze, Käselaiben, Kuchen und Obst. Dazu standen Kannen mit Wein und Bier auf dem Tisch.

»Ihr seht, lieber Rimberti, Ihr seid hier bei Freunden, und auch Ihr dürft Euch in dieser Runde als ein solcher fühlen«, sagte Graf Enno. »Auch wenn wir nicht immer eines Sinnes sind, so vergesse ich Euch nicht, dass Ihr mein Leben gerettet habt, als der Mörder mit der Armbrust auf mich schoss. Und den Verkauf der Herrlichkeit Hillersum an meine Widersacher habt Ihr ebenfalls verhindert. Das bisschen Ungemach, das Ihr mir bereitet habt, soll darüber vergessen sein. Ich bin kein nachtragender Mensch.«

Rimberti antwortete nicht und nahm ihm gegenüber Platz. Das Gesicht des älteren Mannes neben Fräulein Maria verfinsterte sich noch mehr.

Graf Enno fuhr fort: »Jetzt müssen wir beide, Ihr und ich, gute Freunde für unsere beiden Fräulein sein. Von Westen droht Junker Balthasar mit Krieg, und aus dem Oldenburgischen kommen Plünderer, ohne dass ihnen dort Einhalt geboten wird. Nun, ich habe Soldaten mitgebracht, die die Burg Jever beschützen. Und mein treuer Diener Isko Onninga wird morgen mit seiner Reitertruppe eintreffen, um die Landgemeinden zu schützen.«

Enno hielt seinen leeren Weinpokal einem Diener hin, der ihn auffüllte. »Gieß er gefälligst mehr ein! Sei er nicht so geizig!«, herrschte der Graf den Diener an. »Ich habe alles aus eigener Tasche bezahlt, was wir hier essen und trinken.« Fräulein Maria sah auf ihre gefalteten Hände. Der ältere Mann neben ihr schaute noch finsterer drein. Ihre Schwester Anna kaute gedankenverloren und schaute in den Raum, ohne dass Rimberti feststellen konnte, wohin ihr Blick schweifte. Auf dem Teller hatte sie kandierte Ingwerstücken. Enno trank den Pokal in einem Zug leer und stieß heftig auf.

»Ich hörte, es gab Ärger?«, fragte Graf Enno und taxierte dabei Rimberti.

»Grootewarden wurde angegriffen«, antwortete Fräulein Maria mit leiser, aber fester Stimme.

»Gestern wurde das Dorf von Owelackers Landsknechten geplündert, und vorgestern wurde es von Isko Onninga und seinen Leuten überfallen«, erklärte Rimberti und bemühte sich, dabei ruhig zu bleiben.

Graf Enno warf ihm einen ungehaltenen Blick zu. »Wie ich hörte, habt Ihr dafür gesorgt, dass Isko sich mit meinen Männern zurückziehen musste. Hättet Ihr ihn nicht in seinen Aufgaben behindert, hätte er die Plünderer vertrieben.«

»Ich glaube nicht, dass Isko Onninga den Schneid gehabt hätte, gegen Owelacker und dessen Leute anzutreten. Das sind gut ausgebildete Kämpfer. Männer wie Isko kämpfen nur gegen Schwächere.« Rimberti sah Enno herausfordernd an.

Graf Enno hielt seinem Blick stand. »Doktor Rimberti, Ihr seid nicht von der Königin geschickt worden, um Euch in die Geschicke unseres Landes einzumischen. Eure Aufgabe ist es, Papiere zu lesen, Paragrafen zu reiten und mit Tinte zu klecksen. Verseht Ihr Euren Dienst und lasst uns das Unsrige tun.«

Graf Enno winkte mit der Hand, um Rimberti zu entlassen. Der jedoch tat, als hätte er die beiläufige Geste nicht bemerkt und erklärte: »Die Statthalterin persönlich schickt mich, um die Urkunden und die Situation vor Ort zu prüfen. Ihr werdet erstaunt sein, wie genau die junge Königin alles und alle im Blick hat. Es ist noch nicht lange her, da hat Herzog Karl die Reichsacht gegen Euch gefordert. Hätte er es durchgesetzt, würde er selbst statt Eurer vermutlich als neuer Herr von Ostfriesland regieren oder Junker Balthasar. Ich habe die Königin beruhigt und ihr versichert, dass sie auf Euch als treuen Lehensmann setzen kann, und dass ich hier alles in wohlgeordneten Verhältnissen vorfinden werde.«

Für einen Moment war Enno verunsichert. Dann grinste er und hielt dem Diener seinen Pokal hin. Als der nicht sofort einschenkte, funkelte Enno ihn wütend an und zischte: »Will Er hier Maulaffen feilhalten? Schenk Er ein!«

Der Alte neben Fräulein Maria sah Rimberti aufmerksam an. Er kniff die Augen zusammen, als könne er nicht mehr gut sehen.

Nachdem der Diener rasch vorgetreten und den Pokal aufs Neue gefüllt hatte, stürzte Graf Enno den Wein hinunter. »Bestellt der Statthalterin, dass wir hier alles im Griff haben. Plünderer gibt es überall, und Isko Onninga wird sie aus dem Verkehr ziehen, sobald ihr Versteck gefunden ist.«

Rimberti wollte die Gefangenen erwähnen, entschied sich aber anders. Die Befragung der drei Männer würde er selber vornehmen.

»Ich hörte, wir haben drei von den Plünderern gefangen genommen«, erklärte Fräulein Maria und sah dabei auf den Tisch. »Sie befinden sich unten im Verlies. Wir werden sie verhören und erfahren, wo sich ihr Lager befindet.«

»Bestens«, erwiderte Graf Enno und stopfte sich ein Stück Weißbrot in den Mund. »Isko soll sich die drei vornehmen. Stellt eine Wache auf und sorgt dafür, dass niemand mit den Männern spricht. Und mit niemand meine ich genau, was ich gesagt habe.«

Auf seinen Wink erhob sich einer der Offiziere diensteifrig und verließ den Raum.

»Ist es nicht klüger …«, wollte Fräulein Maria einwenden.

Graf Enno unterbrach sie: »Ihr zweifelt nicht im Ernst an meiner Klugheit?« Er räkelte sich in seinem Stuhl mit den ausladenden Armlehnen und drehte sich wieder Rimberti zu.

»Seht, Rimberti, die Sache ist doch sehr einfach«, erklärte er. »Vor 20 Jahren verstarb Häuptling Edo Wiemken. Einige Jahre später erfolgte dann der unglückliche Tod seines Sohnes, Junker Christoph. Im gleichen Jahr haben die fünf Regenten, die noch von Häuptling Edo ernannt worden waren, meinem Vater die Treue geschworen und ihn als Bewahrer des Jeverlandes und als Beschützer der Fräulein von Jever anerkannt.«

Fräulein Anna steckte sich ein großes Stück von dem kandierten Ingwer in den Mund, während Maria den Grafen mit großen Augen ansah.

»Nun«, fuhr Enno fort, »seitdem haben mein Vater, mein Bruder Johann und ich unser Bestes getan, um diesem Amt gerecht zu werden. Wir lassen das Land durch unseren Drosten verwalten und durch unsere Soldaten beschützen. Und ich werde nicht aufhören, nach einer passenden Partie für unsere Fräulein Anna und Maria zu suchen. Rimberti, Ihr verfügt doch über so glänzende Verbindungen zum kaiserlichen Hof. Könnt Ihr da nicht etwas in die Wege leiten?«

Fräulein Anna sah zuerst den Grafen und dann Rimberti an. Dann senkte sie den Blick und sagte, während sie auf dem Ingwer kaute: »Habt Ihr da nicht etwas vergessen?«

Graf Enno brummte. »Nach dem Willen meines Vaters würden Maria und ich heute Morgen nicht als gute Freunde, sondern als Mann und Frau am Tisch sitzen. Aber es hat sich anders ergeben. Das ändert jedoch nichts an der engen Verbindung zwischen Eurem und unserem Haus.«

»Gibt es darüber einen Vertrag?«, erkundigte sich Rimberti.

Enno schüttelte den Kopf. »Nein!«

»Ja!«, hielt Fräulein Maria dagegen. »Graf Edzard hatte drei Söhne, und wir waren drei Schwestern. So sollten die beiden ältesten Kinder verheiratet werden. Würde aus dieser Ehe nichts, so sollten, dann …«

»Die Wünsche der Eltern werden nicht immer erfüllt«, unterbrach Enno. »Vor allem war es der Wunsch unserer Väter, Ostfriesland und Jever zu vereinigen, damit daraus ein einiges Friesland wird.«

»Ich glaube nicht, dass mein Vater derartige Pläne hatte.«

»Ihr wart noch ein Kind, als Euer Vater starb. Unsere Väter waren sich einig, und mein seliger Vater war immer ein treuer Freund und Beschützer des Jeverlandes.«

»Gibt es eine schriftliche Vereinbarung?«, hakte Rimberti noch einmal nach.

»Graf Edzard hat uns ein schriftliches Eheversprechen gegeben«, erklärte Fräulein Maria. »Darin ist alles genau geregelt.«

»Könnt Ihr es vorlegen?«, fragte Graf Enno lauernd.

»Natürlich nicht«, antwortete Maria mit leiser, aber klarer Stimme. »Euer Vater hat uns das Dokument vor einigen Jahren weggenommen.«

»Es war eher ein Brief«, wollte Enno richtigstellen und wandte sich wieder an Rimberti. »Ein Brief, in dem mein Vater seine Wünsche für eine gemeinsame Zukunft unserer Familien formuliert. Er wollte nicht, dass er in falsche Hände gerät und gegen ihn verwendet wird.«

Enno fasste Fräulein Anna in den Blick, die so damit beschäftigt war, mit einem kleinen Messer zu großes Stück Ingwer in winzige Stücke zu zerschneiden, dass es den Anschein hatte, dass sie von dem Gespräch nicht viel mitbekam. »Das wollt Ihr doch auch nicht, oder Fräulein Anna?«, fragte er mit Nachdruck.

»Maria und Ihr sollt ein Paar werden«, sagte Fräulein Anna, ohne ihren Blick von dem Teller vor sich zu nehmen. »Ihr beide seid die zweitältesten Geschwister. Ihr seid füreinander bestimmt. Enno, Ihr seid Marias rechtmäßig versprochener Ehemann.«

Für einen Moment wurde es still. Ennos Offizier sah betreten auf seinen Teller.

Enno sah Fräulein Anna scharf an. Dann drehte er sich zu Fräulein Maria hin. »Das schwere Essen und der süße Wein am frühen Morgen bekommen Eurer Schwester nicht. Ihre Rede ist genauso wirr wie ihr Blick. Lasst sie in ihre Räume begleiten.«

»Ich finde meinen Weg allein«, sagte Anna. Sie nahm ihren kleinen Teller mit den Ingwerstücken und verließ den Raum.

»War das nötig?«, fragte Maria verhalten.

»War das nötig?«, polterte Enno und fegte mit einer Handbewegung seinen Pokal und die Reste seiner Mahlzeit von Tisch. »Muss ich mich von dieser Irren beleidigen lassen?« Er sah beiläufig zu Rimberti. »Das könnt Ihr auch Eurer Königin melden, was ich mir hier bieten lassen muss.«

Der ältere Mann neben Maria schnappte nach Luft und wollte sich erheben, aber Maria umfasste sein Handgelenk, und er blieb auf seinem Platz.

Rimberti saß weiter unbeweglich aufrecht. »Euer Durchlaucht, ich werde der Stellvertreterin Eures Kaisers und Lehensherrn alles berichten, was ich höre und sehe. Die Sache mit dem Eheversprechen lässt sich ja überaus leicht klären.«

Enno sah ihn misstrauisch an, und aus Marias Blick war alle Skepsis verschwunden.

»Nun«, fuhr Rimberti fort, »wenn ich die Sache richtig verstanden habe, ist es etwa 14 Jahre her, dass Euer Vater dieses Heiratsversprechen …«

»Dieses vorgebliche Heiratsversprechen!«, unterbrach ihn der Graf.

»Umso besser«, erwiderte Rimberti. »Dann steht ja nichts zu befürchten. 14 Jahre sind eine lange Zeit, aber auch nicht so lang, dass sich niemand mehr finden lassen würde, der diese Ereignisse miterlebt und bezeugen kann. Es muss doch eine ganze Reihe von Personen geben, die dieses Schriftstück gesehen haben oder dabei waren, als alles so abgesprochen wurde. Diese Zeugen werde ich finden und befragen. Und dann werden alle Missverständnisse aus dem Weg geräumt sein.«

Graf Enno sah ihn verdutzt an, und der finstere Blick des älteren Mannes neben Maria erhellte sich für einen Moment.

»Verzeiht mir«, sagte Rimberti, »nun muss ich mich an meine Geschäfte begeben.«

Maria schenkte ihm die Andeutung eines sanften Lächelns.

6

»Der Rentmeister ist heute nicht mehr zu sprechen«, teilte der Schreiber der Burg kurz mit, als Rimberti zum zweiten Mal im Vorzimmer des Rentamtes stand. Diesmal hatte er seinen Schreiber Kobus dabei. Der Burgschreiber wandte sich gleich wieder einem Stoß Papiere zu, der vor ihm auf dem Tisch lag.

»Das bedeutet immerhin, dass er heute da ist«, antwortete Rimberti und bemühte sich, höflich zu bleiben.

»Gewiss«, erwiderte der Burgschreiber etwas herablassend, »der Herr Rentmeister ist wohl da. Aber er ist nicht für Euch da, wenn Ihr versteht, was ich meine.«

»Das ist wohl ein großer Unterschied«, entgegnete Rimberti. »Aber das Beste wird sein, wenn der Herr Rentmeister mir diese Entscheidung selber mitteilt.«

Der Schreiber blickte nicht von seinen Papieren auf. »Der Herr Rentmeister weiß das durchaus. Darum hat er schon heute früh entschieden, dass dieser Tag seinen Amtsgeschäften gehört und nicht Besuchern oder Bittstellern.«

Rimberti war für einen Moment sprachlos. Als er noch in gräflichen Diensten gestanden hatte, war es durchaus vorgekommen, dass er von Adeligen oder reichen Bürgern wie ein Hausbedienter behandelt worden war. Aber dass ein Schreiber so mit ihm redete, verunsicherte ihn für einen Augenblick.

»Er lügt«, stellte Kobus lakonisch fest.

Rimberti sah ihn fragend an, und sein Schreiber erklärte lakonisch: »Wäre sein Dienstherr anwesend, würde er sich als Schreiber so etwas nie herausnehmen. Also lügt er, vermutlich sogar im Auftrag seines Vorgesetzten.«

Rimberti war verblüfft über die Ausführlichkeit, in der sich sein Schreiber ausgelassen hat, noch mehr aber über den Inhalt.

»Stimmt das?«, fragte er nun den Burgschreiber unwirsch.

Der wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen, da stockte er.

Der ältere Mann, der vorhin an der Tafel neben Fräulein Maria gesessen hatte, stand plötzlich in der Tür. »Was fällt dir ein, Aimo Herkens?«, fragte er mit harscher, befehlsgewohnte Stimme.

Der Burgschreiber Herkens sprang auf, als er den Mann sah. »Verzeiht, Herr, ich habe …«, stotterte er, aber der Alte war mit wenigen schnellen Schritte schon bei ihm und packte ihn am Kragen.

»Weißt du, dass du einen Hofrat des Kaisers vor dir hast?«, sprach der Alte auf einmal mit bebender Stimme. Dann ließ er ihn plötzlich los, und der Burgschreiber taumelte zurück.

»Ich will jetzt sofort wissen, was hier los ist. Wo ist Rentmeister Scriver?« Die Stimme des Alten klang bedrohlich.

Der Burgschreiber sah zu Boden. »Es stimmt. Scriver ist nicht hier. Er ist schon im Morgengrauen aufgebrochen. Ich sollte alle hinhalten, bis es zu spät ist, ihm zu folgen. Er hat mir diesen Befehl im Auftrag von Graf Enno gegeben.«

»Graf Enno hat hier nichts zu befehlen!«, herrschte ihn der Mann an.

Der Schreiber wich noch einen Schritt zurück.

Die Stimme des Alten wurde wieder ruhig. »Du führst uns jetzt sofort in Scrivers Amtsstube. Und du erzählst alles, was hier passiert ist. Und mit ›alles‹ meine ich auch ›alles‹. Wenn du nur ein Wort zurückhältst, wirst du das bereuen.«

Der Burgschreiber nickte. Er öffnete ein Schubfach, holte einen schweren Schlüssel heraus und öffnete die Tür zur Amtsstube des Rentmeisters. Der Alte schob Rimberti vor und folgte ihm mit dem Schreiber. Am Fenster stand ein großer Tisch. Darauf befanden sich nur Schreibfeder, Tintenfass, ein sorgfältig gestapelter Stoß Papier und zwei Bücher. Zwei Schränke waren verschlossen, und in einem Regal lagen ebenso sorgfältig geordnet Stapel von Urkunden und Papieren.

Der ältere Mann nickte ihm zu.

»Der Rentmeister schickte mich gestern Abend fort«, entschuldigte sich der Burgschreiber. »Er gab mir frei. Im Morgengrauen weckten mich meine Wirtsleute. Rentmeister Scriver wartete vor der Tür und wollte mich sprechen. Er hatte zwei Satteltaschen mit Akten gepackt. Ich konnte nicht erkennen, was er mitnehmen wollte. Es war schon alles verpackt. Er sagte, dass er im Auftrag von Graf Enno und den Fräulein diese Unterlagen unbedingt wegbringen müsse. Und dass niemand wissen dürfe, dass er fort sei. Ich sollte allen Besuchern sagen, dass er heute ungestört arbeiten müsse. Das tat ich auch auf seinen Befehl. Verzeiht mir …«

Der Alte schnitt ihm das Wort ab. »Was hast du noch zu erzählen?«

»Ich sah mir den Schreibtisch des Rentmeisters an. Und ich warf auch einen Blick in die Schränke. Ich kann sie aufschließen, die Schlüssel sind hier.«

»Und du weißt, was er mitgenommen hat?«, erkundigte sich Rimberti.

»Ja, Herr. Die meisten Papiere und Urkunden hier in der Kanzlei habe ich sortiert und geordnet.«

»Nun? Was fehlt«, fragte der ältere Mann ungeduldig.

»Alle Aufzeichnungen über Steuereinnahmen und Zahlungen an den Hof. Alles, was Graf Enno und seine Männer im Namen der Fräulein eingezogen und konfisziert haben, ist hier aktenkundig. Außerdem gibt es Besitzurkunden über die Länder und Güter, die der Vater von Fräulein Maria und Fräulein Anna seinen Töchtern hinterlassen hat. Die fehlen auch.«

»Kennst du den Inhalt der fehlenden Dokumente?«, fragte Rimberti.

Der Burgschreiber zögerte. »Ich kenne den Inhalt vieler Vorgänge, aber bei Weitem nicht aller, die hier fehlen.«

»Gut«, fuhr Rimberti fort. »Deine Aufgabe in den kommenden Tagen ist, dass du über jede Urkunde, jeden Brief, jeden Vertrag, jedes Verzeichnis und was auch immer Scriver alles mitgenommen hat, ein Blatt anlegst. Und dort schreibst du auf, woran du dich erinnerst, und auch, woran du dich nicht mehr genau erinnerst. Aber notiere das dazu, damit wir das eine vom anderen unterscheiden können. Verstehst du, was ich will?«

Der Schreiber nickte.

Der alte Mann sagte: »Herkens, du weißt, ich kenne dich. Fast von Kind an. Und ich weiß, dass dein Vetter mit seiner Familie in Westrum lebt. Wenn du wegläufst und deine Herrschaft verrätst, bringst du Schande über ihn. Verstehst du das auch?«

Der Burgschreiber nickte stumm.

»Und jetzt lass uns allein und schließe die Tür.«

Eine kurze Zeit blieben die beiden Männer in der Amtsstube des Rentmeisters stehen. Dann knurrte der ältere: »Ubbo Scriver ist eine Kreatur, eingesetzt von den ostfriesischen Grafen. Ich habe ihm von Anfang an misstraut, aber die anderen Regenten wollten von meinen Verdächtigungen nichts wissen. Verzeiht.«

Er zögerte einen Moment und wandte sich Rimberti zu. »Ich weiß wohl, wer Ihr seid, aber Ihr kennt mich nicht. Ich bin Folpt Middens, Häuptling auf Sassenhusen. Ich bin einer der fünf Regenten des Jeverlandes. Edo Wiemken selbst hat mich noch in dieses Amt eingesetzt, und vermutlich bin ich der Einzige, der darauf noch etwas gibt. Sogar mein Neffe Keno ist den Schmeicheleien des Grafen erlegen. Sein Vater, mein älterer Bruder, stand noch treu zu Jever. Aber sein Sohn scheint ganz aus der Art geraten.«

»Ich bin ihm schon begegnet«, erwiderte Rimberti. »Er scheint sich viel von der ostfriesischen Herrschaft zu versprechen.«

»Eine Schande ist das. Aber ich kenne ihn kaum. Vor mehr als 25 Jahren ist er in auswärtige Dienste getreten. Seinem älteren Bruder sollte die Herrschaft zufallen, und sein Vater zahlte Keno eine großzügige Erbschaft schon zu Lebzeiten aus. Damit konnte er sich ein kleines Anwesen im Mecklenburgischen kaufen und in die Dienste des dortigen Hofes treten. Seinen Vetter Tjard, den Sohn unseres dritten Bruders, nahm er als Schreiber mit. Das ist eine lange Geschichte. Ich habe Keno in all den Jahren nicht wiedergesehen. Aber es war des Herrn Wille, dass mein älterer Bruder und sein erster Sohn vor über zwei Jahren an der Pest starben, und nun musste und durfte Keno doch sein Erbe antreten. Ich hatte gehofft, in ihm einen Verbündeten für die jeversche Sache zu finden. Aber ich habe ihn seit seiner Rückkehr nur zweimal flüchtig gesehen. Ich komme nur noch selten von Sassenhusen weg. Das Reisen fällt mir schwer, und ich sehe nicht mehr gut. Ich habe die Verantwortung für alles längst an meinen Sohn Jelto übergeben.«

Folpt Middens atmete schwer aus. Er zauderte einen Moment. Hatte er zu viel gesagt? Er war nicht ein Mann vieler Worte, aber nun galt es, dem Beauftragten des kaiserlichen Hofes einen Einblick in die verworrene Situation der Herrschaft Jever zu geben, an der seine eigene Familie nun einmal maßgeblichen Anteil hatte.

»Verzeiht, wenn ich zu viel geredet habe«, begann er.

»Ohne Euch stünde ich vermutlich immer noch in der Schreibstube des Sekretärs«, erwiderte Rimberti. »Alles, was Ihr mir zu sagen habt, hilft mir, einen Einblick zu bekommen. Ich kann Eure Hilfe gut gebrauchen – zumal uns jetzt der Verwalter abhandengekommen ist, mitsamt seinen Büchern und Unterlagen.«

»Ich werde mich jetzt zurückziehen, denn der Vormittag war anstrengend für mich. Wir haben ein Haus hier in Jever. Ihr seid dort jederzeit herzlich willkommen, Doktor Rimberti.«

Folpt Middens nickte ihm zu und verabschiedete sich dann.

Rimberti sah ihm hinterher. Vielleicht war die Sache der Fräulein Anna und Maria doch nicht ganz hoffnungslos, dachte er. Und dann war da noch etwas. Eine schemenhafte Erinnerung, die er im Moment nicht greifen konnte. In dem Moment, in dem er ihr nachspüren wollte, war sie auch schon weg.

Rimberti beschloss, den Vorfall dennoch mit Fräulein Maria zu besprechen. Aber auf halbem Wege kehrte er um. Das Fräulein saß vermutlich noch mit Graf Enno am Tisch, und ihre Schwester machte einen verwirrten Eindruck auf ihn, sodass er Anna nicht mit diesen Problemen behelligen wollte. Er machte sich auf den Weg in sein Quartier.

Als Rimberti in seine Stube kam, wartete schon jemand auf ihn: Keno Middens. Er hatte am Tisch Platz genommen, während Rimbertis Sekretär Kobus eine Abschrift des Buches anfertigte, in dem alle Besitzrechte und die jeweils zu erbringenden Leistungen im Jeverland verzeichnet waren.

Keno Middens erhob sich. »Wenn ihr diese Bücher nicht gestern schon an Euch genommen hättet, wären sie vermutlich auch mit dem Rentmeister verschwunden«, stellte er fest.

»Vermutlich«, erwiderte Rimberti.

»Herkens, der Burgschreiber, hat mir alles erzählt.«

»Da war er bei Euch gesprächiger als in meiner Gesellschaft. Ihr habt Euren Onkel gerade verpasst. Er ist eben in sein Haus zurückgekehrt.«

»Ich würde eher sagen, ich habe es genau abgepasst. Ich verspüre nicht den Wunsch nach einer Begegnung mit ihm.«

»Das wundert mich«, antwortete Rimberti, »er sprach sehr gut von Eurem Vater. Mir schien, er hat den Wunsch, auch mit Euch in einer herzlichen Verbundenheit zu sein.«

»Herzlich?« In Middens Stimme lag Häme. »Aus seiner Sicht mag das sicher so sein. Er hat gut für sich gesorgt mit dem Familienbesitz. Fast alles wurde von unserem Großvater, Häuptling Tjardo Middens, auf ihn überschrieben. Mein Vater wurde mit dem Gut Garssum abgespeist, das wir von einem kinderlosen entfernten Verwandten erbten. Und der jüngste Bruder wurde mit einem kleinen Gut abgefunden. Er war kein Landwirt und hat alles heruntergewirtschaftet. Jetzt fristet er in einer kleinen Kate vor sich hin. Unwürdig.«

»Ihr habt viele Jahre im Mecklenburgischen gelebt?«

»Mein älterer Bruder sollte Garssum übernehmen. Für zwei Familien hätte es nicht gereicht. Immerhin konnte mir meine Familie so viel Geld mitgeben, dass ich dort nicht mittellos anfangen musste. Ich konnte Grund und Boden erwerben und habe im Auftrage eines Grafen ein großes Rittergut verwaltet. Dann kam die Nachricht, dass mein Vater und mein Bruder nur wenige Tage nacheinander verstorben sind. Ich habe mein Leben dort aufgegeben und bin wieder in die Heimat zurückgekehrt. Nur meinen treuen Vetter Tjard habe ich zurücklassen müssen. Er hat mir die ganzen Jahre treu gedient und sollte mit mir zurückkehren. Auf der Rückreise ist er zu Tode gekommen. Ihn hätte ich als zuverlässigen Freund gebrauchen können in diesem Sumpf.«

»Nun«, antwortete Rimberti, »wir werden anfangen, den Sumpf trockenzulegen.«

»Damit werden die Frösche aber nicht einverstanden sein«, entgegnete Keno Middens grimmig. »Und als Erster gehört mein Onkel Folpt dazu. Als junger Mann habe ich den alten Hero Wiemken noch erlebt. Ein kraftvoller Mann. Schon er hat gespürt, dass die Zeit der Häuptlinge zu Ende geht. Während unsere Häuptlingsfamilien untereinander heirateten oder ihre Männer sich gegenseitig totschlagen ließen, entstanden um uns herum große Herrschaften. Wir bluteten uns gegenseitig aus, während in Oldenburg, in Ostfriesland, Braunschweig und Lüneburg mächtige Grafschaften und Herzogtümer entstanden. Unsere Häuptlinge sind wie Kinder, die sich balgen. Die Großen bauen derweil ihre Herrschaften aus mit Städten, Kriegsheeren, Steuern, Eindeichungen und gelehrten Schulen. Und wenn sie damit fertig sind, werden sie uns schlucken. Ihr wisst, dass es so ist.«

Rimberti nickte. »Ihr habt einen Verdacht, was hinter der Flucht des Rentmeisters steckt?«

»Was wirklich in Ubbo Scriver vorgegangen ist, weiß ich nicht. Ich glaube, dass es kein Zufall ist, dass mein Onkel gerade jetzt der Burg und den Fräulein seinen Besuch abstattet.«

»Was wollt Ihr damit andeuten?«

»In den Unterlagen, die Scriver entwendet hat, sind viele Verträge und Besitzurkunden enthalten. Und man kann gewiss auch ersehen, welche Steuern und Dienste die Häuptlinge ihrer Herrschaft schuldig geblieben sind in über 20 Jahren. Die Deiche sind nicht wieder aufgebaut worden nach der großen Antoniflut, und die wenigen Flächen, die wiederhergestellt wurden, hat man untereinander aufgeteilt. Vielleicht hätte es dem neuen Drosten nicht gefallen, diese Dinge zu lesen.«

»Ihr betreibt den Zusammenschluss Eurer Herrschaft mit den ostfriesischen Grafen?«

»Eigentlich wäre er schon erfolgt, wenn nur Enno Cirksena und seine Brüder die Eheversprechen erfüllt hätten. Nur einer von ihnen hätte das tun müssen. So hätten wir eine große Herrschaft begründet. Aber Männer wie mein Onkel wollen das verhindern. Bis zum letzten Atemzug.«

Spät am Abend stolperte der Burgschreiber Aimo Herkens ins Haus. Er bemühte sich, leise zu sein. Das alte Ehepaar, das ihm die beiden oberen Kammern vermietete, hatte sich schon öfter darüber beklagt, dass er zu laut sei, wenn er so spät und so angetrunken nach Hause kam.

So leise wie möglich schloss er die Tür hinter sich. Als Schreiber verdiente er, genauso wie sein Vorgesetzter, nicht schlecht für das, was er tat, und besonders für das, was er nicht tat. So konnte er sich zwei große möblierte Kammern in einem Haus in der Nähe des Marktplatzes leisten. Vorsichtig trat er auf, als er die Treppe nach oben stieg. Sie schien ihm heute noch steiler als sonst.

Vielleicht hätte er weniger trinken und ausgeben sollen in der Schänke. Aber die meisten Münzen, die Scriver ihm vor seiner plötzlichen Abreise zugesteckt hatte, waren oben sicher verwahrt.

Oben angekommen, tastete er nach seiner Tür. Plötzlich trat jemand aus dem Dunkel und stand dicht vor ihm. Er stieß ihn heftig vor die Brust. Herkens taumelte zurück. Seine Füße traten ins Nichts. Er ruderte mit seinen Armen, und seine Hände griffen ins Leere.

7

Als Rimberti die Augen öffnete, stand ein Mann mit einer brennenden Kerze vor seinem Bett. Junker Boing.

»Verzeiht, dass ich Euch störe«, begann dieser. »Aber ich glaube, Ihr solltet mitkommen.«

Kurze Zeit später standen die beiden im Flur eines Hauses unweit des Marktplatzes. Am Fuß der Treppe lag der Burgschreiber. Arme und Beine lagen verdreht am Körper. Eine kleine Blutlache hatte sich neben dem Kopf gebildet.

»Das musste ja so kommen«, stellte die Frau des Hauses fest. Neben ihr stand ihr Mann und nickte.

»Mein Mann hat Herkens so oft gesagt, dass er das mit dem vielen Trinken lassen sollte«, fuhr sie fort. »Das konnte ja nicht gut gehen.« Ihr Mann schüttelte den Kopf.

»Wir müssen die beiden Kammern oben vermieten«, erklärte die Frau weiter. »Die Geschäfte meines Mannes gehen nicht gut. Wir brauchen das Geld.« Der Mann nickte verhalten.

»Wir hörten nur, wie er nach Hause kam. Es war schon nach dem Läuten. Wenn man so besoffen ist, kann man nicht leise sein.« Ihr Mann schüttelte wieder den Kopf.

»Und dann kam lautes Gepolter. Darauf war es ruhig. Wir warteten einen Moment, ob er die Treppe wieder hochgehen würde. Aber es war ganz still. Da wussten wir, dass er nicht wieder aufstehen würde. Und dann sind wir sofort aufgestanden, um ihm zu helfen.« Ihr Mann nickte.

»Mausetot!«, fuhr die Frau fort. »Ihr seht ja selbst, wie er hier liegt. Sicher hat er alle Knochen und auch noch das Genick gebrochen. Das sahen wir gleich, dass wir nicht mehr helfen konnten. Darum habe ich meinen Mann geschickt, dass er die Wache holt.«

Bevor ihr Mann nicken konnte, zeigte Rimberti auf dessen Schuhe. »Die muss ich mir einmal ansehen.« Der Mann nickte und zog seine Schuhe aus.

»Kein Blut«, stellte Rimberti fest. Er wies Boing auf die Türschwelle hin. »Dort ist ein Teil eines blutigen Schuhabdrucks. Aber diese Schuhe waren es nicht.« Er wandte sich wieder an das Paar. »Stand die Tür auf?«

»Ja«, erklärte die Frau. »Die muss mit einem tüchtigen Ruck geschlossen werden. Und der als Letzter nach Hause kommt, muss den Balken einlegen, damit man die Tür nicht von außen öffnen kann. Vielleicht hat er, Gott sei ihm gnädig, in seinem Zustand vergessen, die Tür zu schließen. So ist es wohl gewesen.«

»Habt ihr sonst etwas Ungewöhnliches mitbekommen? Geräusche?«, fragte Rimberti weiter.

»Nein«, sagte die Frau.

Der Mann aber nickte. »Ja. Wir legen uns immer früh hin. Einmal bin ich aufgewacht, weil ich dachte, dass der Schreiber gerade die Treppe in seine Wohnung geht. Ich muss mich wohl verhört haben.« Seine Frau nickte.

»Ihr denkt auch, was ich denke«, stellte Boing von Oldersum fest, als er mit Rimberti im Wohnraum des toten Burgschreibers stand. Beide hielten eine brennende Kerze in der Hand, um den Raum durchsuchen zu können.

»Entweder hat der Einbrecher etwas gesucht und wurde überrascht …«, überlegte Rimberti.

»… oder es war ein Mörder, und der unglückliche Herkens wurde überrascht«, beendete Boing den Satz.

»Was aber nicht ausschließt, dass man bei dem Burgschreiber wirklich etwas gesucht hat. Vielleicht hängt es mit der Flucht des Rentmeisters zusammen?«

»Scriver?« Boing lacht grimmig. »Das war wohl eher Verrat. Keno Middens hat mir vertraulich erzählt, dass die Fräulein Maria und Anna den Rentmeister überredet hätten, vertrauliche Dokumente außer Landes zu bringen.«

»Mir hat er verraten, dass sein Onkel und die alten Häuptlinge Scriver angestiftet hätten. Er sollte alle Verträge und Dokumente verschwinden lassen, die ihre Rechte und Besitzungen zugunsten der Landesherrschaft beeinträchtigen.«

»Vielleicht steckt noch etwas anderes dahinter. Doktor Rimberti, wo würdet Ihr hier etwas Wertvolles verbergen?«

»Ich schlage vor, dass wir erst einmal alle Schränke und Schubladen durchsuchen, bevor wir uns entlegeneren Verstecken zuwenden.«

Unter einem Stapel Kleidung fand Boing einen Beutel mit einigen Münzen, auf die das Porträt von Graf Enno von Ostfriesland eingeprägt war. Das war vermutlich das Geld, das der unglückliche Herkens von Scriver erhalten hatte, um dessen Flucht möglichst lange zu verschweigen.

Rimberti entdeckte auf dem Fußboden bei der Tür einen winzigen Rest verschmiertes Blut. Rückwärts stieg er mit einer Kerze die Treppe hinunter und nahm jede Stufe konzentriert in Augenschein. Auf einer Stufe in der Mitte entdeckte er einen weiteren Blutspritzer. Der Gast von Burgschreiber Herkens musste nach seiner Bluttat noch einmal nach oben gekommen sein. Vielleicht hatte er seine Suche fortgesetzt.

Boing und Rimberti suchten den Schrank nach Geheimfächern ab und betasteten den Fußboden, ob unter einer Diele noch etwas versteckt war. Ein Dielenbrett unter Herkens’ Bett war locker. Der Drost nahm seinen Dolch und schob ihn vorsichtig in die kleine Spalte. Mühelos hob er das Brett an und zog es heraus. Auch das daneben liegende Brett konnte man nun wegnehmen.

Die beiden Männer schoben das Bett beiseite. Das Fach war leer.

»Hier hat jemand gefunden, was er gesucht hat«, bemerkte der Drost. Sie setzten ihre Suche fort. Eine weitere Diele war etwas locker, aber der Drost konnte sie nicht weiter bewegen.

Rimberti sah, dass über dem Bett ein kleines holzgeschnitztes Kruzifix hing. Er nahm es vorsichtig ab und drehte es um. Auf der Rückseite war mit Wachs ein Schlüssel befestigt.

Rimberti vergewisserte sich, dass der Drost noch mit den Fußbodenbrettern beschäftigt war, und steckte den Schlüssel ein. Er hatte einen guten Eindruck von Junker Boing, aber er war immerhin der von den ostfriesischen Grafen eingesetzte Drost, der seinen Herren gegenüber loyal sein musste. Er entschied, den Fund des Schlüssels erst einmal für sich zu behalten.

»Wir verständigen uns darauf, dass es ein Unfall war«, stellte der Drost fest.

»Das ist sicher am besten«, stimmte Rimberti zu. »Vorerst.«

»Vorerst«, bestätigte Boing.

8

Den Rest der Nacht lag Rimberti wach. Hatte der Mord an dem Sekretär etwas mit dem Verschwinden von Rentmeister Scriver zu tun? Oder hütete er ein anderes dunkles Geheimnis, das er mit ins Grab nehmen sollte? Erst gegen Morgen fiel Rimberti in einen unruhigen Schlaf, aus dem er mit lautem Klopfen geweckt wurde.

Noch ehe er sich aufrichten konnte, stand Fockena mit einer Waschschüssel vor ihm. »Macht Euch fertig«, ordnete er an. »Ihr werdet gleich Besuch bekommen.«

In Windeseile wusch Rimberti sich und kleidete sich an, als es schon zaghaft an die Tür klopfte.

»Ich setze unseren Gast in Eure Schreibstube, beeilt Euch«, wies Fockena ihn an.

Als Rimberti und Fockena kurze Zeit später in seine kleine Schreibstube traten, saß Fräulein Maria auf seinem Stuhl, während Junker Boing auf dem Stuhl von Rimbertis Schreiber Platz genommen hatte.

Maria sah ihn einen Moment konzentriert an und richtete dann das Wort an Rimberti: »Ich glaube, dass ich Euch vertrauen kann.«

Rimberti nickte. »Das könnt Ihr. Uns beiden.« Er deutete auf Fockena, der sich im Hintergrund hielt.

»Wir möchten nicht, dass die Grafen etwas von unserem Gespräch erfahren. Und ich weiß nicht, wer von meinen Bediensteten für sie arbeitet. Darum treffen wir uns hier«, erläuterte der Drost und nickte Maria zu.

Maria begann zaghaft: »Der Drost berichtete mir von den Ereignissen in der Nacht. Ihr wollt, dass die Sache als Unfall behandelt wird. Aber Ihr vermutet etwas anderes.«

»Junker Boing und ich wissen, dass noch jemand in der Nacht im Haus war. Er hat das Haus nach dem Sturz des Sekretärs verlassen. Er ist mit dem Schuh in das Blut des Sekretärs getreten und hat mehrere Abdrücke hinterlassen. Das waren nicht die Schuhe der Hausbesitzer.«

»Was vermutet Ihr?«

»Entweder hat jemand etwas in der Kammer des Sekretärs gesucht und ist dabei von ihm gestört worden, oder man wollte ihn zum Schweigen bringen.«

»Ich glaube, das Letztere trifft zu.« Fräulein Maria sah ihn unglücklich an. »Und ich glaube, dass wir beide, Ihr, lieber Doktor Rimberti, und ich mitschuldig sind am Tod dieses unglücklichen Mannes. Wir haben gestern über den Vertrag gesprochen, und viele Ohren haben zugehört. Aimo Herkens war damals der Schreiber, der das Bündnis zwischen Jever und Ostfriesland verfasst hat. Und das Eheversprechen. Er hat beide Schreiben aufgesetzt. Meine Schwestern und ich waren dabei.«

Sie bemerkte Rimbertis fragenden Blick. »Meine Schwester Dorothea ist vor einigen Jahren verstorben. Nun leben von uns Vieren nur noch Anna und ich. Die Umstände von Christophs Tod habt Ihr sicher schon erfahren. Wenn er noch lebte, wären wir nicht hier. Ich würde dann vermutlich auf einer Burg residieren, hübsche Blumenmuster sticken und Süßigkeiten essen, genauso wie meine Schwester Anna.«

»Habe ich schlafende Hunde geweckt?«, fragte Rimberti.

»Ich weiß nicht«, erwiderte Fräulein Maria kleinlaut. »Ihr habt so deutlich von diesem Vertrag gesprochen, den uns der Graf damals weggenommen hat, damit wir nichts in der Hand haben. Wenn Königin Maria hier Nachforschungen anstellen lässt, könnten die Zeugen von damals auf einmal sehr wichtig sein.«

Rimberti hatte das Fräulein bei den bisherigen Begegnungen nie so viel reden gehört. Er nickte. »Besonders derjenige, der den genauen Wortlaut vielleicht noch in Erinnerung hat.«

»Mag sein«, knurrte Fockena. »Aber dann seid dennoch nicht Ihr am Tod des unglücklichen Mannes schuld, sondern der, der ihn von der Treppe gestoßen hat. Niemand anders.«

Maria schwieg. Dann begann sie mit bedachtsam gewählten Worten zu erzählen: »Meine beiden Schwestern und ich haben die meiste Zeit unseres Lebens wie Kinder gelebt. Wie Kinder, die sich schlecht behandelt fühlen. Immer haben andere für uns gedacht und entschieden.«

Sie warf Boing einen unschlüssigen Blick zu. Der nickte.

Maria fuhr fort: »Unsere Kindheit war eine unruhige Zeit. Fehden und Kriege. Unser Vater hat trotzdem gut für uns gesorgt. Aber er starb, als wir noch sehr jung waren. Die Regenten haben die Zeit nach Vaters Tod gut für ihre eigenen Interessen genutzt. Aber sie hatten nichts Schlechtes mit uns im Sinn und sorgten dafür, dass wir hier sorglos leben konnten. Graf Edzard war für uns wie ein Onkel. Nach dem Tod unseres Bruders Christoph besuchte er uns. Er wollte, dass die Cirksenas und die Wiemkens eine Familie mit einem Land werden. Meine Schwestern und ich waren naiv genug, das zu glauben.«

Sie schluckte. Das viele Sprechen schien sie anzustrengen. »Als die Grafen vor vier Jahren unsere Burg besetzten, wachten wir aus unserem Traum auf. Die Grafen haben uns hier in unserem eigenen Zuhause festgesetzt. Unsere Bediensteten und die Regenten mussten ihnen Treue schwören. Oben feierten sie das mit ihren Männern und den Regenten. Anna und ich mussten unten bleiben. Ihr Grölen und Trampeln höre ich heute noch. In dieser Nacht sind wir aufgewacht, zumindest ich. Aber da war es zu spät.«

»Es ist nicht zu spät, Fräulein Maria«, sagte Junker Boing.

»Doch. Es ist zu spät. Meine Schwester Anna lebt wieder in ihren Träumen. Nur zwischendurch wacht sie auf wie ein Kind aus einem unruhigen Schlaf. Dann trösten wir sie, und sie träumt weiter.«

»Jetzt ist es Zeit aufzustehen!« Auf einmal trat Fockena vor. »Verzeiht, ich bin nicht so ein gelehrter Mann wie Doktor Rimberti. Aber ich habe das Buch gelesen, das er mir geschickt hat. Doktor Luther hat es über Eure Namensmutter, die gelobte Jungfrau Maria, und ihren Lobgesang geschrieben. Die Gewaltigen stößt der Herr von ihren Thronen, auch wenn das mitunter lange dauert. Vier Jahre habt ihr nun gewartet, nun ist es Zeit. Aufgewacht seid Ihr schon vor vier Jahren. Jetzt müsst Ihr aufstehen.«

Verblüfft sah Maria ihn an. »Es ist zu spät. Ich bin allein. Ich muss es so annehmen, wie Gott es gibt.«

»Ja«, herrschte Fockena sie an und schlug mit der flachen Faust auf den Schreibtisch. »Gott gibt Euch das Amt, Regentin über dieses kleine Land zu sein. Dieses Amt müsst Ihr annehmen. Das ist Eure Bestimmung. Steht auf, und gewiss wird Hilfe nicht fern sein.«

Fockena atmete schwer aus.

Maria sah ihn jetzt wieder an wie ein großes Kind. »Ich habe Eure Worte gehört«, flüsterte sie. »Es … es ist zu viel für mich. Zu große Worte. Ich danke Euch für Eure Offenheit. Ich muss jetzt zu meiner Schwester …«

Langsam erhob sie sich aus dem Stuhl und ging zur Tür. Boing sprang auf und wollte sie begleiten, doch sie machte ihm ein Handzeichen. »Bitte lasst mich einen Moment allein und besprecht, was zu tun ist.«

»Es ist Eure Schuld«, schimpfte Fockena. »Ich habe keine Universität besucht wie Ihr. Aber was Luther schreibt, da ist Saft und Kraft darin, auch für ein schlichtes Gemüt wie mich.«

»In Euren Zornesausbrüchen steht Ihr Luther nur wenig nach«, antwortete Rimberti. »Er hätte wahrscheinlich nicht nur auf den Tisch geschlagen, sondern Fräulein Maria gepackt und durchgeschüttelt.«

»Den Mann muss ich kennenlernen«, erwiderte Fockena begeistert. »Ich gebe ihr darin recht, dass der Burgschreiber wohl sein Leben lassen musste, weil er den Ehevertrag geschrieben hat.«

»Aber es wird ja noch etliche andere geben, die den Vertrag zu Gesicht bekommen haben«, wandte Rimberti ein.

»Es ist 14 Jahre her«, erwiderte Fockena. »Und etliche, die davon wissen, sind am Ende damit einverstanden, dass das Jeverland von den Grafen übernommen wird. Wir müssen Zeit gewinnen.«

Boing von Oldersum seufzte und erklärte dann feierlich: »Die Zeit läuft ab, Ihr Herren. Wir können diese Sorgen nicht von den Fräulein fernhalten. Wir haben Kunde, dass Junker Balthasar, der Herr von Esens, einen Krieg gegen Jever vorbereitet. Und die Überfälle der Landsknechte Owelackers werden immer dreister. Keno Middens wird für die kommende Woche die Regenten auf die Burg einladen. Dann soll beschlossen werden, wie es weitergeht. Er wird vorschlagen, dass die Regenten und Häuptlinge den Eid auf die Grafen schwören und sie mit der Regentschaft über Jever beauftragen. Offiziell und für immer.«

Rimberti konnte sich gut an seinen kurzen Aufenthalt bei Junker Balthasar erinnern. Rimberti war als sein Gefangener großzügig bewirtet worden, war ihm dann aber doch in die Falle gegangen. Nur mit Hilfe von Ulfert Fockena war es ihm gelungen, einen Angriff von Balthasars Männern auf die Insel Bant zu verhindern. Gleichzeitig hatte er aber Balthasar vor einer Intrige der ostfriesischen Grafen bewahrt. Die kaltblütige Gewalt des Herrn von Esens schreckte ihn ab, aber gleichzeitig hatte er Respekt vor diesem Junker, der mit aller Kraft und allen Listen seine kleine Herrschaft vor den Angriffen der Grafen verteidigte.

Besorgt fragte er: »Und was wird aus den beiden Fräulein?«

»Fräulein Anna wird in ein Damenstift eingekauft«, erklärte Boing. »Und Maria wird einem Landjunker vermählt.«

»So einem wie Ihr und ich?«, fragte Fockena.

»Oder noch schlimmer«, schloss Boing.

9

Kurze Zeit später saßen Rimberti und Fockena bei einem Frühstück aus Brot, Butter, Käse und Dünnbier.

Entschlossen sagte Rimberti, ohne dabei den Blick von seinem Teller zu heben: »Wir müssen uns die drei Gefangenen vornehmen. Warum will Graf Enno nicht, dass wir sie hier verhören?«

»Vielleicht will er sie selber befragen«, antwortete Fockena kurz und biss herzhaft in ein Stück Brot.

»Aber dazu hatte er ja längst die Gelegenheit gehabt. Inzwischen ist er abgereist.«

Fockena erhob sich und wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab. »Ihr gebt ja doch keine Ruhe. Kommt.«

»Und der Wachtposten?«

»Ich möchte den Wachtposten sehen, an dem ich nicht vorbeikomme.«

Mit einem Ruck ging Fockena kos, und Rimberti folgte ihm über den Burghof bis zum Burgverlies. Hier war kein Wächter. Rimberti sah durch die kleine Luke in der Tür zum Kerker, aber er konnte niemanden darin erkennen.

»Herr, was sucht Ihr?«, fragte plötzlich jemand. Ein junger Soldat stand hinter ihnen. Er japste nach Luft und war vermutlich schnell hinter ihnen hergelaufen. Die Krümel und Flecke auf seinem Wams verrieten, dass er wohl in der Küche gewesen war.

»Die drei Gefangenen. Wo sind sie?«

»Herr Isko Onninga war vorhin hier und hat sie abgeholt. Er kam im Auftrag von Graf Enno.«

»Hatte er ein Schreiben bei sich?«, knurrte Fockena.

»Das nicht«, antwortete der Soldat verlegen. »Aber jeder weiß doch, dass er als Offizier im Dienst der Grafen steht. Ich stand auch schon unter seinem Kommando.«

»Wohin will er sie bringen?«

»Danach habe ich nicht gefragt.«

»Hat nicht Graf Enno selbst verfügt, dass niemand zu den Gefangenen darf?«, fragte Fockena scharf nach.

»Herr Isko stand mit sechs Männern vor mir und verlangte die Herausgabe der Gefangenen. Im Auftrag der Grafen.« Der Wachsoldat schluckte.

Fockena wollte gerade zu einem Wutausbruch ansetzen, da legte Rimberti die Hand auf seinen Arm. »Lasst gut sein. Er kann nichts dafür.«

»Nur ein einziger Mann kann hier solche Anordnungen geben«, presste Fockena mit kalter Wut hervor, »und das ist euer Drost. Sonst niemand. Weder Herr Isko noch sonst jemand. Geht das in deinen Schädel?«

»Wann sind sie aufgebrochen?«, fragte Rimberti den Soldaten.

»Das ist noch keine Stunde her. Isko Onninga hat seine Männer und die drei Gefangenen mitgenommen. Er wollte mit ihnen zur Friedeburg. Sie haben den Dreien die Hände auf dem Rücken gefesselt und sie auf die Pferde gesetzt«, erklärte der Wächter sichtlich froh, wenigstens durch detaillierte Auskünfte hilfreich sein zu können.

Rimberti sagte: »Das hast du gut beobachtet. Denke daran, dass es hier nur einen Befehlshaber für dich gibt, und das ist der Drost. Wenn du das noch einmal vergisst, wird man dich bestrafen.«

Der Soldat nickte verlegen.

Drost Boing war über einen Brief gebeugt, als Rimberti und Fockena in seine Amtsstube kamen.

»Schlechte Nachrichten«, brummte er.

»Wir bringen noch schlechtere«, entgegnete Fockena. »Isko Onninga hat heute früh die drei Gefangenen aus dem Kerker geholt und mitgenommen.«

Der Drost sprang auf. »Isko …«, stieß er hervor. »Wir müssen ihnen hinterher. Wir müssen die drei Gefangenen verhören. Sonst werden wir nie erfahren, wo Ewert Owelacker und seine Strauchdiebe sich verstecken. Sie erscheinen wie aus dem Nichts und schlagen zu. Dann sind sie blitzschnell wieder verschwunden. Kommt, vielleicht können wir sie noch einholen.«

»Das glaube ich zwar nicht«, bemerkte Rimberti, »aber reitet lieber ohne mich.«

»Es ist mir wichtig, dass Ihr dabei seid, wenn ich die drei verhöre«, antwortete der Drost.

Fockena nickte. »Vielleicht nehmen wir noch ein paar Männer mit.«

»Besser nicht. Ich möchte nicht, dass die Fräulein etwas mitbekommen. Und wenn wir hier mit einer Truppe aufbrechen, werden sie merken, dass etwas nicht stimmt. Außerdem bin ich ihm im Rang übergeordnet. Er wird nicht wagen, mir zu widersprechen.«

»Da bin ich nicht so sicher«, antwortete Fockena trocken. »Aber er wird sicher nicht mit Gewalt gegen Euch vorgehen. Wenn Ihr dafür sorgt, dass drei Pferde für uns bereitstehen, werden Doktor Rimberti und ich noch einmal den Wächter im Kerker besuchen und ihm einschärfen, dass er den Mund hält.«

»Das muss er, denn ich …«, wollte Boing erklären.

»Das wird er«, bestätigte Fockena mit Nachdruck. »Dafür werde ich persönlich sorgen.«

Eine Viertelstunde später hatten die drei Männer Jever verlassen. Mit ihnen war ein junger Reitknecht aufgebrochen, der aus einem der Dörfer südlich von Jever stammte. Der Drost hatte ihn mitgenommen, weil der Junge wusste, wie man fernab von der üblichen Wegstrecke zur Friedeburg reiten und dabei den Weg abkürzen konnte.

Auch wenn es noch früher Vormittag war, brannte die Sonne schon heiß aus dem wolkenlosen Himmel auf die Reisenden herab. Die drei Männer hingen schweigend ihren düsteren Gedanken nach.

Als sie nach einer guten Stunde in eine Ansiedlung kamen, hielt der Junge kurz an und wechselte mit einem alten Mann ein paar Worte.

Dann wandte er sich an den Drosten: »Herr, er sagt, wir sind nicht die ersten Reiter, die heute diesen Weg nehmen. Sieben Mann zu Pferde mit drei Packpferden sind hier vor weniger als eine Stunde vorbeigekommen. Sie haben sich bewirten lassen, ohne etwas zu zahlen, und sind dann weitergeritten.«

»Dann hat er die Gefangenen freigelassen«, knurrte Fockena. »Sie sind vielleicht schon wieder unterwegs zu Owelacker.«

»Ich denke, wir sollten den Weg zurückreiten und die Augen offen halten«, schlug Rimberti vor. »Es hat wenig Sinn, Isko und seine Männer zu verfolgen. Vielleicht kommen wir den drei Gefangenen auf die Spur und finden heraus, wo sie ihr Lager haben.«

»Aber zuerst brauche ich etwas zu essen«, sagte Fockena bestimmt. »Mein Magen knurrt. Seit dem Stück Brot und einem Becher mit verdünntem Bier heute früh habe ich noch nichts zu mir genommen.«

»Das muss warten, Herr Ulfert«, stellte der Drost fest. »Wir dürfen jetzt keine Zeit verlieren.«

Fockena brummte etwas vor sich hin, aber er wusste, dass Boing recht hatte.

Der junge Reitknecht stand auf einmal mit dem alten Mann und zwei Frauen vor ihnen. »Jürnohm ist der Bruder meines Großvaters. Er ist der Meinung, Ihr solltet Euch kurz stärken, bevor wir wieder zurückreiten.« Sie reichten dem Drosten, Fockena und Rimberti Becher mit verdünntem Met, frisch gebackenes Brot und Käse.

Nachdem sie sich gestärkt und dem Verwandten des Jungen eine großzügige Bezahlung gegeben hatten, machten sie sich wieder auf den Weg. Sie suchten nach Spuren am Wegesrand, aber keiner von ihnen war in der Fährtensuche geübt. So ritten sie den Weg genauso schweigend zurück, wie sie ihn vorhin gekommen waren. Die Sonne stand jetzt hoch am Himmel. Sie waren erleichtert, endlich durch eine waldige Gegend zu kommen, die etwas Schatten bot.

Fockena hielt sein Pferd an und hob die Hand. »Seht hier. Das kann sogar ich erkennen.«

Hufspuren führten vom schmalen Weg durch den Wald ins Dickicht.

Boing wandte sich an den jungen Reitknecht. »Du wartest hier mit den Pferden. Ich weiß nicht, was uns dort im Wald erwartet. Aber ich möchte nicht, dass jemand die Tiere hört und auf uns aufmerksam wird.«

Der Junge nickte, ging ein Stück mit ihnen und leinte die Pferde dann an niedrigen Ästen an.

»Seid Ihr bewaffnet?«, fragte Drost Boing.

Fockena klopfte mit der Hand auf den Griff des Schwertes, das er an der Seite trug. Rimberti fasste nach seiner kurzen Klinge, die er bei Ausflügen dieser Art bei sich trug. Der Graf, bei dem er nach dem Studium als Jurist im Dienst gewesen war, hatte Wert darauf gelegt, dass all seine Beamten eine gute Ausbildung im Umgang mit einer Waffe erhielten. Der Fechtmeister wiederum hatte eine eiserne Disziplin bei der Ausbildung seiner Schüler an den Tag gelegt, sodass Rimberti eigentlich gegen seine Neigung doch ein guter Kämpfer mit der Klinge war.

Boing nickte, und sie folgten den Spuren.

Einen Weg konnte Rimberti nicht erkennen, aber die Reiter waren hintereinander geritten, sodass die Spuren im weichen Waldboden gut zu sehen waren. Jemand hatte genau gewusst, wohin er wollte. Machte am Ende Isko Onninga mit Owelacker und seinen Landsknechten gemeinsame Sache? Vielleicht gab er ihnen nützliche Ratschläge, wo sie ohne großes Risiko reiche Beute machen konnten. Und sie gaben ihm dafür einen Anteil an ihrem Raub. Und die Ängste, die durch ihre Überfälle geschürt wurden, spielten den ostfriesischen Grafen in die Hände.

Plötzlich blieb Boing stehen und hob die Hand. Auf einer kleinen Lichtung mussten Isko und seine Männer eine kurze Rast gemacht haben. Man sah, dass Gras und unten hängende Zweige von den Pferden abgefressen waren. Die Spuren führten nicht weiter.

»Sie sind umgekehrt«, sagte Fockena. »Und dann sind sie ihren Weg weiter geritten zur Friedeburg. »Darum waren sie so kurz vor uns bei den Häusern.«

»Und ihre drei Gefangenen haben sie hier freigelassen«, stellte der Drost fest.

»Aber warum?«, wollte Rimberti wissen. »Warum haben sie sie nicht einfach dort hinten am Weg freigelassen? Warum sind sie mit ihren Pferden diesen beschwerlichen Weg geritten?«

Seine beiden Begleiter sahen ihn ratlos an.

»Sie haben sich hier verborgen«, erklärte Rimberti mit gedämpfter Stimme. »Hier muss ein Versteck sein, und einer von Iskos Männern kannte sich hier aus.«

»Das ist gut möglich«, antwortete Drost Boing leise. »Einige von Iskos Männern stammen aus dem Jeverland. Sie sehen für sich hier keine Zukunft und dienen sich den neuen Herren an.«

»Ich denke, wir suchen, ob wir hier Spuren von den drei Gefangenen finden. Aber wir bleiben zusammen.«

Sie gingen vorsichtig in einem Bogen um die kleine Lichtung. Ewert Owelackers Männer waren erfahrene Soldaten. Sie würden jedes Geräusch, das nicht zum Wald gehörte, sofort wahrnehmen. Die drei mussten Owelackers Lager auf jeden Fall finden, bevor man sie entdeckte.

Fast gleichzeitig sahen Rimberti, Fockena und Drost Boing, was sie eigentlich nicht erwartet hatten. Im Dickicht stand eine Holzhütte. Sie stand umgeben von dichtem Gebüsch, und das Strohdach war schon mit Moos überwachsen und eingesunken.

Fockena zog seine Waffe.

»Sollen wir nicht Verstärkung aus Jever holen?«, fragte Rimberti kaum hörbar. »Die Männer da drin sind erfahrene Kämpfer.«

»Nicht so erfahren wie wir«, flüsterte Boing und zog ebenfalls geräuschlos sein Schwert. »Wenn möglich, sollten wir einen von ihnen am Leben lassen, damit wir ihn befragen können.«

Auch Rimberti zog seine kurze scharf geschliffene Klinge, die ihm in der engen Hütte vermutlich bessere Dienste leisten würden als ein langes Schwert.

Fast geräuschlos näherten sich die drei der Hütte. Fast. In dem Augenblick, in dem Fockena den vertrockneten Ast unter seinem Fuß bemerkte, war es schon zu spät. Das Knacken war nicht laut, aber hörbar.

Im gleichen Moment sprang Boing von Oldersum auf und warf sich gegen die Tür. Das brüchige Holz brach sofort in Stücke, und Boing stolperte in den dunklen Raum. Im gleichen Moment waren Fockena und Rimberti über ihm und hielte ihre Waffen in die düstere Leere.

Ihre Augen brauchten einen Augenblick, um sich an den dunklen fensterlosen Raum zu gewöhnen, in den auch durch die kleine Tür wenig Licht kam. Nichts. Niemand regte sich dort. Sie verharrten kurz, während Boing sich wieder aufrichtete. Und dann sahen sie sie. Im hinteren Teil der Hütte lagen drei Männer. Regungslos.

Fockena beugte sich zu ihnen hinunter und drehte den ersten um. Er hatte immer noch die Hände auf dem Rücken gefesselt. Jemand hatte ihm die Kehle durchgeschnitten. Mit einem Blick sah Fockena, dass die beiden anderen Männer das gleiche Schicksal erlitten hatten.

Rimberti blieb der Atem weg. Er wusste, dass diese drei ein Dorf überfallen und unschuldige Einwohner umgebracht hatten, vermutlich ohne zu zögern. Und doch lagen hier drei Menschen vor ihm, die man einfach getötet hatte, um sie zum Schweigen zu bringen. Für immer. Ein jammervoller Anblick.

»Die werden niemanden mehr überfallen«, brummte Fockena.

»Isko Onninga«, zischte der Drost. »Irgendwann wirst du für all das bezahlen.«

»Hier hat es zumindest nicht die Falschen getroffen«, bemerkte Fockena. »Warum holt er die drei aus ihrem Verlies, um sie dann hier umzubringen?«

»Damit sie nicht mehr reden können«, antwortete Boing.

»Doch, sie werden reden, auf ihre Weise«, entgegnete Rimberti. »Wir müssen schweigen über das, was wir hier vorgefunden haben. Dann werden andere uns sagen, was wir über diese drei wissen müssen.«

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
323 s. 6 illüstrasyon
ISBN:
9783839269329
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