Kitabı oku: «Morgen kommt der Weihnachtsmann»

Yazı tipi:

Andreas Scheepker

Morgen kommt der Weihnachtsmann

Ostfrieslandkirmi


Zum Buch

Andreas Scheepker ist gebürtiger Ostfriese. 1963 wurde er in Hage geboren. Nach dem Abitur am Ulrichsgymnasium in Norden studierte er Evangelische Theologie und später noch Literaturwissenschaft, Geschichte und Pädagogik. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Aurich, wo er als Schulpastor am Gymnasium Ulricianum unterrichtet. Außerdem arbeitet er als Studienleiter in der Arbeitsstelle für Ev. Religionspädagogik. Neben seiner vielfältigen Berufstätigkeit interessiert er sich besonders für historische und regionalhistorische Themen. Scheepker hat mehrere Kriminalromane und Kurzgeschichten verfasst, die in Ostfriesland spielen. Dabei stehen oft Themen der ostfriesischen Geschichte im Hintergrund.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2020

(Originalausgabe erschienen 2006 im Leda-Verlag)

Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer

unter Verwendung eines Fotos von: © artfocus / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6448-5

Vorbemerkung des Autors

Ein Fürstentum Ostfriesland gibt es seit 1744 nicht mehr. Aber mich hat die Idee gereizt, Ostfriesland als Kleinstaat mit einem Fürsten an der Spitze unter heutigen Bedingungen darzustellen. Ein Paralleluniversum ist wohl nicht daraus geworden – höchstens ein Parallel-Ostfriesland. Aber sieht dieses wirklich so ganz anders aus als unser jetziges Ostfriesland?

Neben erfundenen Orten wie Reentshusen kommen natürlich auch wirkliche Orte vor – besonders die Stadt Norden, in der der größte Teil der Romanhandlung spielt. Die Norderinnen und Norder mögen mir gestatten, dass ich an einigen Stellen in das Stadtbild eingegriffen und z. B. historische Gebäude wie das Osterhaus und den Gasthof ›Jerusalem‹ zumindest in diesem Buch vor ihrem Abriss bewahrt habe.

Herzlich danken möchte ich Herrn Pastor Manfred Hurtig aus Nesse und Herrn Dr. Ekkehard Wolter aus Norden für ihre Beratung.

2006 ist dieser Roman zum ersten Mal im Leda-Verlag in Leer erschienen. Herzlich danke ich Maeve Carels für ihr Lektorat sowie Heike und Peter Gerdes vom Leda-Verlag für alle Unterstützung. Ich freue mich, dass dieses Buch nun erneut im Gmeiner-Verlag erscheint. Ich danke Claudia Senghaas und dem Team vom Gmeiner-Verlag für die sehr gute Zusammenarbeit.

Mein besonderer Dank gilt meiner Frau Angelika, die Entstehung dieses Romans mit vielen guten Ratschlägen und Ideen und mit ihrer hilfreichen Kritik begleitet hat.

Die Hauptpersonen und ihre Weihnachtswünsche

Die Ermittelnden:

Gerrit Roolfs, Hauptkommissar, wünscht sich eine Erleuchtung.

Johannes Fabricius, Buchhändler, wünscht sich ein gutes Weihnachtsgeschäft.

Lothar Uphoff, Kriminaldirektor, wünscht sich den Erfolg seines Teams.

Theda van Immen, Kommissarin, wünscht sich eine faire Chance.

Christian Gronewold, Kommissar, kümmert sich selbst um die Erfüllung seiner Wünsche.

Habbo Janssen, Oberinspektor, hat sehr konventionelle Wünsche.

*

Zeugen, mehr oder weniger hilfreiche Personen und die üblichen Verdächtigen:

Fürst Carl Edzard II. wünscht sich Frieden auf Erden, besonders in Ostfriesland.

Uwe Osterloh, Pastor, wünscht sich eine weihnachtsmannfreie Zone.

Tammo Tjarksen, Geschäftsmann und Mordopfer, hätte sich noch mehr Weihnachtsfeste im Jahr gewünscht.

Klaus Tjarksen, Sohn von Tammo Tjarksen, wird sich gerade erst über seine Wünsche klar.

Renate Tjarksen, Witwe von Tammo Tjarksen, wünscht sich eine harmonische Familie.

Onno Erdwiens, pensionierter Lehrer und Schriftsteller, wünscht sich Gerechtigkeit und gute Verkaufszahlen für seine Bücher.

Mareke Meents-Grootekamp, Ehefrau eines Burgbesitzers, wünscht sich eine adventliche Landpartie.

Günther Meents, Unternehmer, Burgbesitzer und Ehemann von Mareke Meents-Grootekamp, erfüllt seiner Frau ihren Wunsch.

Dr. Gerald Oosterhuis, Jurist und Politiker, wünscht sich, angemessen in alles einbezogen zu werden.

Wolfgang Hinrichsen, Prokurist bei Tammo Tjarksen, wünscht nicht, über die Vergangenheit zu sprechen.

Hartwig Rosenboom, Kapitän im Ruhestand, wünscht nicht, über die Vergangenheit zu sprechen.

Irene Sanders, ostfriesische Bischöfin, wünscht sich Advent im Advent.

Fokko Grootekamp, Heimatforscher, lebt mit unerfüllten Wünschen.

Dr. Tido Fischer, pensionierter Historiker, wünscht sich eine Rückkehr zu alten Werten und Traditionen.

Fenna Potthoff, pensionierte Dorfschullehrerin, weiß nicht, was sie sich wünschen soll.

Mittwoch, 09. Oktober 2002

Er blieb neben der Pastorin vor dem Grab stehen. Die Träger stellten den Sarg seiner Schwester auf zwei massive Bretter über der offenen Grube. Sie trugen schwarze Überhemden.

Dann sah er, wie eine Rose sich aus dem Blumengesteck löste und in das Grab hinunterfiel. Die sechs Sargträger nahmen ihre Prinz-Heinrich-Mützen ab und verharrten in regloser Andacht. Vermutlich zählten sie bis zwanzig oder warteten auf ein Zeichen, dass es weiterging. Das schneeweiße Beffchen der Pastorin flatterte im Wind wie ein fröhliches Fähnchen.

Er stand dicht am Grab seiner Schwester und sah hinunter in die Grube. Auf dem Boden hatte sich Grundwasser gesammelt. Einer der Träger verneigte sich vor dem Sarg. Dann setzten die sechs Männer ihre Mützen wieder auf. Die Schwarztöne ihrer Hemden waren unterschiedlich dunkel und intensiv. Eins war schon bis zu einem hellen Grau ausgeblichen. Der Mann, der es trug, musste wohl der Dienstälteste sein. Richtig, dieser Mann gab nun durch sein Kopfnicken ein Zeichen, und die anderen zogen die Bretter weg und ließen den Sarg langsam hinunter. Wieder blieben die Träger einen Moment andachtsvoll stehen, dann stolperten sie über die aufgeschütteten Erdhaufen davon.

Jetzt beobachtete er, wie sie in angemessener Entfernung hinter einem Busch stehen blieben und der Dienstälteste eine Zigarettenschachtel herumreichte, aus der sich jeder bediente.

Die Pastorin begann mit dem Vaterunser. Die Anwesenden stimmten nach und nach ein. Viele waren gekommen. Er achtete gar nicht darauf, wer alles zur Beerdigung seiner Schwester erschienen war. Er erschrak, weil die Trauerfeier fast vorbei war und er auf die Worte am Grab gar nicht gehört, sondern nur die Sargträger beachtet hatte.

Nun sprach die Pastorin den Segen und zeichnete ein Kreuz in die Luft. Wie alt mochte sie sein? Etwas jünger als er? Sie trug keinen Ehering. Vielleicht war sie geschieden. Oder es hatte sich bisher nicht ergeben … Ob er sie wohl mal zum Tee einladen durfte? Nicht als Seelsorgerin, sondern …

Die Pastorin stand plötzlich vor ihm und reichte ihm die Hand. Ihr Händedruck war weich und kräftig zugleich. Er wartete nicht ab, bis die anderen zum Grab gingen, um ihm dann anschließend ihre Anteilnahme auszusprechen. Mit etwas zu raschen Schritten ging er davon.

Auf dem Parkplatz blieb er einen Moment stehen. Sein Herz klopfte. Langsam stieg er in sein Auto und fuhr los. In der Stadt war wenig Verkehr; die Ferien waren längst vorbei, und während der Mittagszeit waren nur wenige Fahrzeuge unterwegs. Er parkte beim Imbiss gegenüber vom Gymnasium und ließ sich zwei Frikadellen und eine Portion Kartoffelauflauf in Alufolie verpacken. Dann fuhr er durch die Innenstadt und bog beim alten Norder Rathaus rechts ein, um in Richtung Westermarsch und Greetsiel nach Haus zu fahren.

Auf der Westermarscher Landstraße überholte er ein weinrotes Auto mit einem polnischen Kennzeichen. Das Auto hatte auch beim Friedhof geparkt. Im Vorbeifahren sah er, dass eine Frau am Steuer saß. Der Mann neben ihr trug eine Sonnenbrille. Das Auto fuhr langsam, als ob die beiden etwas suchten.

Auf einmal hatte er ein mulmiges Gefühl. Zu Hause angekommen, ging er in sein Zimmer und öffnete das kleine Fach im Sekretär. Er holte das abgegriffene Schwarzweißfoto heraus und betrachtete die Gruppe von Menschen, in der Mitte seine Eltern und seine drei Schwestern. Die Jüngste lag als Baby im Arm der Mutter. Er selbst saß als kleiner Junge auf den Schultern seines Vaters. Um die Familie herum standen alle, die damals auf dem Hof gearbeitet hatten, Mägde, Knechte, Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter.

Ganz am Rand des Fotos, an der Stalltür, war der Mann zu sehen, der so viel Kummer über ihn und die Familie gebracht hatte.

Aus dem Fenster heraus sah er, dass ein kleines, weinrotes Auto die Einfahrt heraufkroch. War es der polnische Wagen, den er vorhin überholt hatte?

Es klingelte an der Tür. Er hatte das Gefühl, genau zu wissen, was gleich passieren würde. Er atmete tief aus und ein, sah sich noch einmal im Garderobenspiegel an und öffnete dann die Tür. Er hatte das Foto noch in der Hand.

Vor ihm standen eine Frau, die etwa fünfzig Jahre alt sein mochte, und ein alter Mann. Es war der Mann, der auf dem Foto in seiner Hand abgebildet war.

Sonnabend, 30. November 2002

Weihnachtsmann

In der Woche vor dem ersten Advent hatte eine Supermarktkette lebensgroße Weihnachtsmann-Figuren im Angebot.

In Norden gab es auf der vielbefahrenen Norddeicher Straße ein paar Auffahrunfälle, weil einige Autofahrer erschrocken auf rotgekleidete Gestalten blickten, die auf Dächern saßen, an Balkonen hingen, sich an Dachrinnen festklammerten und an Regenrohren kletterten.

Nachdem die Tageszeitungen im Fürstentum Ostfriesland auf ihren Titelseiten ausführlich über diese Unfälle und ihre Ursache berichtet hatten, gehörten die Weihnachtsmänner zum Alltag, und niemand schenkte ihnen noch besondere Aufmerksamkeit.

Vielleicht achtete Johannes Fabricius an diesem dunklen Morgen deshalb nicht so genau auf den lebensgroßen Weihnachtsmann, der auf dem Norder Marktplatz an einem Baum neben dem Pavillon hing. Vor einigen Tagen war hier ein Weihnachtsmarkt mit Buden, Ständen und beheizbaren Zelten aufgebaut worden.

Johannes Fabricius war unterwegs zu seiner Buchhandlung. Er hatte ein paar Tage wegen einer schweren Erkältung gefehlt und ahnte, dass im Geschäft ein großer Stapel unerledigter Aufgaben auf ihn wartete. Hoffentlich hatten seine Angestellten die Weihnachtsdekoration ordentlich aufgebaut.

Jetzt stutzte Fabricius. Er blieb stehen und drehte sich um. Er betrachtete den Weihnachtsmann, der neben dem Pavillon hing, und ging langsam zu ihm zurück. Je näher er dem Weihnachtsmann kam, umso deutlicher erkannte er, dass dort keine Puppe hing, sondern ein Mann, verkleidet wie ein Weihnachtsmann mit rotem Mantel, weißem Bart und tief ins Gesicht gezogener roter Mütze. Regungslos, mit Raureif überfroren. Tot.

Fabricius sah sich um. Die Weihnachtsbuden auf dem Marktplatz waren um diese Zeit natürlich noch geschlossen. Niemand war in der Nähe.

Da schlug es acht Uhr vom Glockenturm, und im selben Moment gingen im Haus vor ihm die Lichter an. Es war die Praxis von Doktor Ailts.

Die Sprechstundenhilfe füllte gerade die Kaffeemaschine, als Johannes Fabricius eintrat. Er fragte: »Ist Doktor Ailts schon da?«

»Wir haben heute Notdienst, dann kommt der Doktor immer schon früh. Setzen Sie sich doch schon mal ins Wartezimmer, Herr Fabricius. Ich hole Sie gleich herein.«

»Nein, ich bin nicht krank, der Doktor muss mitkommen, schnell – auf dem Markplatz hängt ein toter Weihnachtsmann!«

»Der Tod braucht keine Eile«, brummte Doktor Ailts, der gerade aus seinem Sprechzimmer kam.

Die Polizei, die ihr Dienstgebäude am Marktplatz hatte, war schnell herbeigeholt worden, und Doktor Ailts stellte die Tatsachen fest. Man hatte den toten Weihnachtsmann inzwischen heruntergeholt. Der Arzt kniete neben ihm. Um ihn herum bildeten einige Kriminalbeamte mit dem Team der Spurensicherung einen Ring, der den Kreis von diskret Schaulustigen in angemessener Distanz hielt.

»Tammo Tjarksen«, teilte Doktor Ailts dem Kriminalbeamten Habbo Janssen mit, der die nur noch im Fürstentum gebräuchliche Amtsbezeichnung »Oberinspektor« führte.

»Moin, Herr Doktor«, sagte Janssen und hockte sich neben den Arzt. »Wissen Sie, wie lange er schon tot ist?«

»Seit ein paar Stunden. Aber nicht durch dieses Seil hier.« Der Arzt drehte mit Janssens Hilfe den Toten auf den Rücken und öffnete den roten Mantel. Er zeigte auf ein Einschussloch in der Brust. »Wenn mich nicht alles täuscht, ist er erschossen und dann aufgehängt worden.«

»Also Mord?«, fragte der Kriminalbeamte erstaunt.

»Oder es ist der eigenartigste Selbstmord, den ich in meinem dreiunddreißigjährigen Berufsleben untersuchen musste«, bemerkte Doktor Ailts trocken.

Erinnerungen

Er saß in seinem Wagen und beobachtete, wie ein paar Männer um die Leiche im roten Kostüm hockten, während zwei Polizeibeamte in Uniform die neugierigen Passanten zum Weitergehen aufforderten. Er hatte weit genug entfernt geparkt, um unbeachtet zu bleiben.

Er musste die ganze Zeit an ein Weihnachten seiner Kindheit denken. Er mochte damals acht oder neun gewesen sein. Er sah alles auf einmal wieder deutlich vor sich.

Am Tag vor Heiligabend saß er in der Küche und las noch einmal das Gedicht, das er so sauber auf das Blatt Papier geschrieben hatte und das er schon längst auswendig konnte. In einer halben Stunde würde die Weihnachtsfeier in der alten Schule beginnen und er würde sein Gedicht aufsagen. Seine Mutter putzte die guten Schuhe, die er gleich anziehen sollte.

Auf einmal stand der Mann in der Tür.

»Frohe Weihnachten, mein Junge«, sagte der Mann, und sein verschlagener Gesichtsausdruck ließ nichts Gutes ahnen.

»Frohe Weihnachten«, sagte der Junge und sah wieder auf sein Blatt.

»Ich habe eine Weihnachtsüberraschung für dich. Joke muss gleich nach Norderney fliegen, um da Medikamente hinzubringen. Die Fähre kann heute nicht rüber. Wir beide dürfen mitfliegen.« Herausfordernd sah der Mann den Jungen an.

Das Herz des Jungen klopfte. »Das geht nicht. Ich muss doch gleich bei der Weihnachtsfeier …« Er hatte Angst vor dem Fliegen, und er freute sich so auf seine Rolle beim Weihnachtsspiel. Er wusste, dass der Mann das auch wusste.

Drohend machte der Mann einen Schritt auf ihn zu. Er sprach leise und betonte jede Silbe: »Sind dir denn andere Leute wichtiger als unsere Weihnachtsüberraschung? Du bist in einer Minute im Wagen. Keine Widerworte!«

Die Mutter sah einen Augenblick auf, und dann senkte sie wieder ihren Blick. Sie stellte die Schuhe weg.

Seit einiger Zeit meldeten sich viele dieser Erinnerungen wieder, wie unliebsame und aufdringliche Bekannte aus alter Zeit.

Er drehte den Zündschlüssel um und startete den Wagen. Fast geräuschlos fuhr er los. Niemand achtete im Morgenverkehr auf ihn.

»Advent ist im Dezember«

Der Buchhändler Johannes Fabricius hatte heute besonders zeitig in seinem Geschäft sein wollen. Aber da er bei Oberinspektor Janssen zunächst seine Angaben zu Protokoll geben musste, stand er erst wenige Minuten nach neun im Eingang der Hofbuchhandlung. Fabricius ließ seinen Blick prüfend über die weihnachtlich geschmückten Schaufenster gleiten.

Im Fürstentum Ostfriesland galt es als stillos, vor dem Totensonntag weihnachtlich zu dekorieren. In diesem Jahr hatte Fürst Carl Edzard II. sich der Kampagne »Advent ist im Dezember« angeschlossen und allen Geschäften gedroht, sie von der Liste der Hoflieferanten zu streichen, wenn sich bis zum Totensonntag auch nur ein einziger Weihnachtsmann blicken oder ein Takt Jingle Bells hören ließ. Der Fürst hatte es sogar auf einen Eklat ankommen lassen, denn bei Weihnachten hörte für ihn der Spaß auf.

So war der Montag nach dem Totensonntag für viele Geschäftsleute im Fürstentum ein anstrengender Tag, weil innerhalb weniger Stunden unzählige Schaufenster und Läden gestaltet werden mussten, während gleichzeitig die Fußgängerzonen von den Bediensteten der Städte und Gemeinden ihre adventliche Dekoration erhielten.

Johannes Fabricius nickte zufrieden. Seine Angestellten hatten gute Arbeit geleistet. Im großen Schaufenster waren Szenen aus Charles Dickens’ Christmas Carrol mit Puppen dargestellt. Die Niederdeutsche Bühne in Norden würde in der Adventszeit die plattdeutsche Theaterversion dieses Weihnachtsmärchens aufführen.

Das zweite Fenster war Barbara Robinsons Buch Hilfe, die Herdmanns kommen gewidmet, das in der Adventszeit in den Norder Kirchen als Musical aufgeführt werden sollte. Im dritten Fenster schüttete der obligatorische Weihnachtsmann den obligatorischen Sack mit den wunderbarsten Büchern aus.

Skeptisch betrachtete Fabricius die große Weihnachtsmannpuppe. Tanja Becker, die Auszubildende, brachte gerade den Bart in Form.

Fabricius betrat die Buchhandlung und ging zu ihr. »Moin, Tanja. Den Weihnachtsmann nehmen Sie man schnell wieder aus dem Schaufenster, sonst kauft heute bestimmt keiner bei uns.«

Tanja dreht sich überrascht um und sah ihn mit ihren großen, blauen Augen irritiert an.

Verunsichert fragte Fabricius: »Oder wissen Sie noch gar nicht, was passiert ist?«

Adventsgesteck

»Tammo Tjarksen?«, fragte Kriminaldirektor Lothar Uphoff ungläubig und ließ den Tannenzapfen, den er aus dem Adventsgesteck der Dienststelle herausgedreht hatte, auf den Boden fallen. Er kullerte Habbo Janssen vor die Füße.

»Tammo Tjarksen«, bestätigte Janssen. Er bückte sich, tastete nach dem Zapfen und platzierte ihn in aller Gemütsruhe wieder im Gesteck.

»Ach, du lieber Himmel. Weiß der Fürst schon Bescheid?«

»Nee, Lothar, wie denn? Ich komme gerade vom Tatort und bin noch ein Stück mit Doktor Ailts gegangen. Ich habe ihm gesagt, dass unser Gerichtsmediziner sich mit ihm in Verbindung setzen wird. Und nun bin ich wieder hier.«

Habbo Janssen nahm die Streichhölzer vom Tisch und zündete die Kerze auf dem Gesteck an. Dann holte er einen winzigen Notizblock aus seiner Tasche, auf dessen Blättern alles in mikroskopisch kleinen Buchstaben notiert war.

Während Janssen in aller Ausführlichkeit berichtete, drehte Uphoff drei Fliegenpilze aus der Dekoration. Dann öffnete er mit dem abgebrannten Streichholz den Kerzenmantel in Höhe des brennenden Dochtes, und das flüssige Wachs ergoss sich in das Gesteck. Während dieser Prozedur hörte der Kriminaldirektor konzentriert zu und stellte kurze, präzise Fragen, auf die Janssen genau so kurz und präzise antwortete.

»In Ordnung, Habbo. Du schreibst den Bericht, und ich informiere den Fürsten. Gerrit kommt heute Vormittag etwas später. Wenn er da ist, bringst du ihn auf den neuesten Stand. Ihr beide übernehmt den Fall. Auch vor meinem Gespräch mit dem Fürsten kann ich schon eine Ansage machen: Bitte die höchste Beschleunigungsstufe! Sonst ist ein Skandal im Anmarsch.«

Zimtsterne

»Tammo Tjarksen?« Fürst Carl Edzard II. von Ostfriesland war sichtlich erschrocken. Er brauchte einen Moment, um sich zu fassen.

»Ja«, bestätigte Kriminaldirektor Uphoff, »Tammo Tjarksen wurde heute früh gefunden. Tot. Er muss in der Nacht aus nächster Nähe erschossen worden sein. Der Arzt sagte, dass Tjarksen sofort tot gewesen sein muss, und dass ihn sein Mörder oder jemand anders dann an einen Baum neben dem Pavillon gehängt hat. Mehr wissen wir noch nicht.«

»Ich lasse sofort meine Vormittagstermine verschieben und bestelle uns Kaffee«, sagte der Fürst entschieden. »Ich bin gleich wieder da.«

Vermutlich wollte er einen Moment allein sein, um das Gehörte zu verarbeiten. Als Carl Edzard zurückkehrte, hatte die Sekretärin gerade Kaffee und einen Teller mit Zimtsternen gebracht.

Der Fürst stand am Fenster und schaute auf den Schlossvorplatz. »Herr Kriminaldirektor, ich muss Ihnen nicht sagen, dass ich Tjarksen so etwas nie gewünscht hätte, auch wenn er und ich nicht gerade gute Freunde gewesen sind. Ich mochte ihn nicht, das gebe ich ehrlich zu. Er war nicht einfach ein Gegner, er war leider ein unanständiger Gegner.«

Carl Edzard drehte sich zu Lothar Uphoff um. »Zuerst gilt mein Mitgefühl ihm und seiner Familie. Aber ich verhehle Ihnen nicht, dass mich dieser Vorfall in eine recht unangenehme Situation bringt. Es geht dabei nicht nur um mich, sondern auch um die Regierung und einige Persönlichkeiten, die sich in den Auseinandersetzungen der vergangenen Wochen recht weit aus dem Fenster gelehnt haben. Es geht – wenn ich das so sagen darf – um den öffentlichen Frieden.« Jetzt war er wieder ganz der Staatsmann.

Mister Christmas

»Tammo Tjarksen?«, wiederholte Hauptkommissar Gerrit Roolfs erstaunt, während er seine Taschen nach dem Schlüssel für das Schrankfach durchsuchte.

»Nun setz dich erst mal hin, Gerrit«, forderte ihn Habbo Janssen auf. »Du machst mich ganz verrückt mit deinem Gesuche. Der Schrankschlüssel ist in deiner rechten Innentasche, da gibt es noch eine zweite Tasche in der ersten. Da versteckte er sich neulich auch schon mal.«

Roolfs zog den Schlüssel hervor und bestaunte ihn. Dann schloss er sein Fach auf und verstaute seine Jacke. »Mister Christmas ist tot? Das ist ja nicht zu fassen.«

»Komisch, erst jetzt, wo du es sagst, fällt es mir auf.« Verblüfft sah Habbo Janssen seinen Kollegen an und kraulte mit Daumen und Zeigefinger bedeutungsvoll sein Kinn. »Mensch, Gerrit, das ist ja sein Spitzname: Mister Christmas. Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht.«

Ungeduldig trommelte Gerrit Roolfs mit der Hand auf den Tisch. »Los Habbo, erzähl, was passiert ist!«

Janssen berichtete von den Ereignissen des Morgens, und dann stellten sie Informationen über Tammo Tjarksen zusammen.

Tjarksen hatte in letzter Zeit viel von sich reden gemacht. Er hatte sich mit seinen dreiundsiebzig Jahren durchaus noch nicht aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Er besaß mehrere gutgehende Geschäfte mit Geschenkartikeln und Feinkostläden in den Küstenorten und auf den Inseln Ostfrieslands.

Seit zwei Jahren engagierte er sich besonders im Kampf gegen die Ladenschlussgesetze des Fürstentums und tat dies mit aufsehenerregenden Aktionen. Im vergangenen Jahr hatte er eine »Christmas-warm-up-Party« am Totensonntag veranstaltet. Er hatte damals sein Bußgeld bar in der Fürstlichen Landeskasse eingezahlt und sich dabei von Presseleuten fotografieren lassen. Dieses Bild war am nächsten Tag auf den Titelseiten der Tageszeitungen zu sehen gewesen.

Tjarksen genoss den Konflikt mit Gewerkschaften, Kirche und Regierung, und er trug seinen Spitznamen Mister Christmas wie einen Ehrentitel.

In diesem Jahr hatte Tjarksen den Totensonntag zum »Nullten Advent« erklärt und seine Buden mit Glühwein und Würstchen auf dem Markt postiert. Er selbst hatte im Weihnachtsmannkostüm bedient. Zum Eklat war es nach dem Totensonntagsgottesdienst gekommen, in dem der Verstorbenen des vergangenen Kirchenjahres gedacht worden war. Als die Angehörigen beim Verlassen der Ludgerikirche mit Rudolph the Rednosed Reindeer beschallt worden waren, war es zu Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten gekommen. Schließlich hatte jemand die Polizei eingeschaltet.

Der Fürst hatte sich bisher nur sehr zurückhaltend zu diesem Konflikt geäußert. Aber nun musste er handeln. Am Montag war in allen Tageszeitungen ein Appell Carl Edzards an Tjarksen und seinen immer größer werdenden Unterstützerkreis veröffentlicht worden, auf geschmacklose Aktionen dieser Art künftig zu verzichten.

Tammo Tjarksen hatte im Zorn sofort eine Antwort verfasst und umgehend an alle Zeitungen gefaxt. In diesem Brief machte Tjarksen den Fürsten persönlich verantwortlich für die schwierige wirtschaftliche Situation in Ostfriesland und verdächtigte ihn, von Einzelhandelsverbänden aus Niedersachsen und der Provinz Groningen Geld dafür zu bekommen, dass Ostfriesland an strengeren Ladenschlussgesetzen festhalte und im Wettbewerb benachteiligt werde.

Der Regierungspräsident hatte Tjarksen daraufhin wegen Majestätsbeleidigung angezeigt. Die Liberalen hatten sich geschlossen hinter Tjarksen gestellt und forderten die Abschaffung der Gesetze, die Majestätsbeleidigung betrafen.

Schließlich hatte sich Tjarksen überreden lassen, sich für seine Entgleisung öffentlich zu entschuldigen, während der Regierungspräsident seine Anzeige fallen ließ.

»Gehört der Fürst zu den Tatverdächtigen?«, fragte Roolfs seinen Oberinspektor, von dem er wusste, dass er ein überzeugter Monarchist war.

»Niemals!«, empörte sich Habbo Janssen und erläuterte verständnisvoll: »Aber das ist für den Fürsten ja jetzt eine schwierige Situation. Bestimmt macht man ihn mitverantwortlich. Oder was denkst du, Gerrit? Jedenfalls hat der Mörder Tjarksen in einem Weihnachtskostüm erhängt. Da muss es doch einen Zusammenhang geben.«

»Na denn, fröhliche Weihnachten!«

Der Weihnachtskodex

»Der Weihnachtskodex?« Johannes Fabricius runzelte die Stirn und sah den Verlagsvertreter fragend an.

Der Verlagsvertreter roch durchdringend nach Schweiß. Und er hatte – was Johannes Fabricius noch unangenehmer fand – schlechte Manieren. Während er sprach, fingerte er ständig an Johannes’ Sakko herum.

»Also, Herr Fabricius, so was haben Sie noch nicht gelesen. Das ist der echte Wahnsinn! Das ist ein Thriller, in dem alle Register gezogen werden. Es geht um geheime Papiere, die wiederentdeckten Tagebücher des Zimmermanns Joseph von Nazareth. Da steht drin, dass Jesus gar nicht Gottes Sohn, sondern …«

»… Inhaber einer Herrenboutique in Wuppertal ist«, unterbrach Fabricius.

»Nee, er hat an das Gute im Menschen geglaubt, und daraus haben seine Anhänger dann eine Religion gemacht. Eine Forscherin hat auf der Suche nach dem Heiligen Gral diese geheimen Tagebücher entdeckt, und nun machen alle Jagd auf sie – besonders die Kirche, die das natürlich unterdrücken will.«

»Na klar. Und CIA und Mossad sicher auch?«, fragte Fabricius.

»Sie kennen das Buch ja schon«, lächelte der Vertreter.

»Ja, so ungefähr. Könnte man in die Handlung nicht auch noch das Verschwinden des Bernsteinzimmers reinbringen?«

Glücklicherweise unterbrach seine Mitarbeiterin Tanja das Gespräch. »Chef, Telefon für Sie. Der Fürst.« Ehrfurchtsvoll reichte sie Fabricius das Handy.

»Vielen Dank, Tanja, ich telefoniere hinten in meinem Büro.«

»Und was ist mit meinem Weihnachtskodex?«, fragte der Vertreter.

»Geben Sie mir ein Dutzend davon. Tanja, stellen Sie die Bücher zu den Promi-Autobiografien.«

Lametta

Mit ein paar Schritten hatte Johannes Fabricius sein kleines Büro in den hinteren Räumen der Buchhandlung erreicht und schloss die Tür hinter sich.

»Hallo, hier ist Johannes. Jetzt können wir reden.«

»Johannes, das nützt nun alles nichts, du musst mir helfen!« Der Fürst klang sehr aufgeregt.

»Entschuldige bitte, so schnell komme ich da nicht mit. Was nützt nichts und wobei soll ich dir helfen?«

»Tammo Tjarksen wurde ermordet. Der Mörder muss so schnell wie möglich gefunden werden. Sonst wird die Sache zu einem Politikum. Das ist sie im Grund jetzt schon.«

»Aber darum kümmert sich doch die Polizei.« Johannes Fabricius versuchte, seinen fürstlichen Patenonkel zu beruhigen.

»Der Kriminaldirektor war schon hier, um mir die Nachricht zu überbringen«, bestätigte der Fürst. »Er setzt Hauptkommissar Roolfs und Oberinspektor Janssen auf den Fall an.«

Johannes beschlich eine dunkle Ahnung, was Carl Edzard von ihm wollte. Er sagte: »Das ist das beste Team, das Uphoff hat. Je ungestörter sie arbeiten können, umso schneller werden sie die Sache aufklären. Du gehörst doch nicht wirklich zu den Verdächtigen, oder?«

Der Fürst ignorierte Johannes Fabricius’ Versuch, den eigentlichen Grund seines Anrufes abzuwimmeln. Er kam gleich zur Sache. »Morgen wird der Hofrat zu einer Sondersitzung einberufen. Dabei werde ich dich als beratendes Mitglied der Sonderkommission vorschlagen.«

»Gerrit Roolfs wird mich zu Lametta verarbeiten, wenn er davon erfährt. Das mache ich auf keinen Fall noch einmal mit. Hast du vergessen, wie das im vergangenen Jahr gelaufen ist?«

Auf einmal klang der Fürst sehr viel entspannter. »Keine Sorge, mein Lieber, darum habe ich mich schon gekümmert. Du, ich muss Schluss machen, wir sehen uns morgen!« Er hatte aufgelegt.

Johannes Fabricius hatte gerade Zeit, einmal zu seufzen, dann klopfte es an der Tür. Tanja schaute herein: »Sind Sie fertig mit Telefonieren? Herr Roolfs will Sie dringend sprechen. Kann ich ihn …«

In diesem Moment wurde Tanja von Hauptkommissar Gerrit Roolfs beiseite gedrängt. Er war außer sich. »Entschuldigen Sie bitte, Tanja. Es ist enorm wichtig. Würden Sie uns für einen Moment allein lassen?«

Johannes Fabricius wurde es mit einem Mal mulmig. Er dachte an ihren Streit im letzten Jahr, als Fabricius auf eigene Faust ermittelt hatte und als Mitglied des Hofrates vom Fürsten in die Sonderkommission berufen worden war. Gerrit Roolfs hatte sich damals übergangen gefühlt. Ihre Freundschaft war durch diese Ereignisse auf die Probe gestellt worden.*

Gerrit Roolfs setzte sich seinem Freund gegenüber, legte die Hände auf der Tischplatte übereinander und schloss für einen Moment die Augen. »Johannes, der Fürst hat bei mir angerufen. Es ist absolut unglaublich. Er wird morgen eine Sonderkommission nach fürstlichem Recht für den Tjarksen-Fall einberufen.«

Johannes Fabricius schluckte. »Also, ich …«

»Johannes, tu mir einen großen Gefallen. Ruf bitte sofort beim Fürsten an und bitte ihn, dass du der Sonderkommission zugeordnet wirst!«

* siehe: Tote brauchen keine Bücher

Überraschung

»Was soll ich?«, fragte Fabricius erstaunt.

»Johannes, kannst du nicht irgendwie versuchen, in diese Sonderkommission hineinzukommen? Der Fürst ist doch dein Patenonkel. Ich bitte dich inständig: Erzähl ihm einfach, dass du gern dabei sein möchtest.«

»Ich verstehe nicht ganz.«

»Ja, im letzten Jahr, da ist das etwas unglücklich gelaufen. Ich gebe dir auch gar nicht die Schuld, und zusammen haben wir das ja auch prima hingekriegt. Aber diesmal ist es ganz anders. Ich brauche deine Hilfe.« Gerrit Roolfs sah seinen Freund flehend an.

Johannes Fabricius begann etwas zu ahnen. Er setzte sich aufrecht und entspannt hin. »Es gibt doch bestimmt einen Grund, warum ich da mitmachen soll.«

»Ich sage nur einen Namen: Gerald Oosterhuis. Er soll das beigeordnete Mitglied des Hofrates für diesen Fall sein. Der Fürst hält die Sache innenpolitisch für so brisant, dass er von Anfang an jemanden von außen dabei haben will. Er sagte, dass er da an den Oppositionsführer denkt, damit die Sache politisch ausgewogen ist. Johannes, du kannst mich jetzt nicht einfach hängen lassen.«

Fabricius genoss die Situation noch einen Moment und lehnte sich zurück. »Du meinst, du würdest dann doch lieber mit mir zusammenarbeiten als mit Oosterhuis.«

Roolfs grinste: »Du liegst knapp vor ihm in Führung. Aber du bist gerade dabei, deinen Vorsprung zu verlieren.«

»Ich überleg mir die Sache.«

»Nein, diese Sache habe ich mir schon überlegt. Du tust jetzt, was ich sage. Einmal in deinem Leben. Du musst CE anrufen. Unbedingt. Er hat schon morgen ein Treffen mit Oosterhuis.«

»CE?«

»Carl Edzard.«

Fabricius seufzte. »Okay, ich rufe ihn an. Versprochen.«

»Du hast etwas gut bei mir, Johannes.«

»Ich werde das auszunutzen wissen, Gerrit.«

Sonntag, 1. Dezember

Moral

Am Sonntag um halb zwölf tagte der Hofrat im Auricher Schloss. Dieses Gremium hatte den Fürsten in seinen Amtsgeschäften zu beraten. Vertreten waren die beiden größten Landtagsparteien – in der Regel waren das Regierungs- und Oppositionspartei – sowie Vertreter und Vertreterinnen des öffentlichen Lebens. Dazu kamen vier berufene Mitglieder, zu denen auch Johannes Fabricius zählte.

Wie immer empfing der Fürst alle elf Mitglieder mit Handschlag und wartete mit der Begrüßung, bis alle die erste Tasse Tee ausgetrunken und die wichtigsten Neuigkeiten ausgetauscht hatten, damit dann die volle Aufmerksamkeit sichergestellt war.

Fürst Carl Edzard hatte als Gast Kriminaldirektor Uphoff eingeladen, der kurz von den ersten Ermittlungen berichtete. Tjarksen musste etwa zwischen halb drei und vier Uhr morgens erschossen worden sein. Die Blutuntersuchung hatte ergeben, dass er stark alkoholisiert gewesen war. Nicht lange nach dem Eintritt des Todes musste er dann erhängt worden sein.

Es gab viele mögliche Hinweise, aber keine wirkliche Spur. Auch das erste Gespräch mit seiner Familie hatte nichts Konkretes ergeben.

»Wissen Sie, mit welcher Waffe Tjarksen erschossen worden ist?«, fragte Fürst Carl Edzard.

»Jetzt kommt’s: Mit einer Walther PPK, Kaliber sieben Komma fünfundsechzig. Ein modifiziertes Modell der berühmten Walther PP«, erläuterte Gerrit Roolfs. »Beide Pistolen waren im Zweiten Weltkrieg unter deutschen Offizieren verbreitet. Die Walther PPK ist noch kleiner als die Walther PP und kann verdeckt getragen werden.«

»Konnten Sie die Waffe sicherstellen?«, fragte der Fürst nach.

»Nein«, antwortete Kriminaldirektor Uphoff.

»Herr Doktor Oosterhuis«, rief der Fürst den Vorsitzenden der Oppositionspartei auf, der sich schon während des Berichtes von Uphoff mehrfach zu Wort gemeldet hatte.

Wie immer, wenn Gerald Oosterhuis redete, lehnte sich Landesbischöfin Irene Sanders, die als Vertreterin der evangelischen Landeskirche Ostfrieslands in diesem Gremium saß, besonders aufmerksam nach vorn. Zwischen ihr und Oosterhuis herrschte ein hohes Maß an gegenseitiger Abneigung.

»Das ist ja nicht nur ein persönlich sehr, sehr trauriger …«, begann Oosterhuis und nickte seinen eigenen Worten zu.

»… Fall«, ergänzte die Bischöfin. »Herr Doktor Oosterhuis, es ist ein Zeichen von Höflichkeit, seine Sätze zu Ende zu sprechen.«

»Gewiss, verehrte Frau Bischöfin, Sie werden sicher … Aber worauf ich hinaus will, ist, dass der Fall ja auch eine innenpolitische Dimension … hat. Auch Ihre Kirche hat ja Herrn Tjarksen in der Vergangenheit nicht gerade christlich behandelt, Frau Bischöfin.«

»Vielleicht nicht nach einem Verständnis von christlicher Moral, wie es in Ihrer Partei zum Maßstab gemacht wird. Aber für uns ist auch ein ehrlicher Streit …«

»Immerhin haben auch Sie öffentlich Stellung genommen gegen Tjarksen und seine Aktionen«, unterbrach Oosterhuis sie empört. »Und Ihre Pastoren … Da ist auch so manches gepredigt und geschrieben … Da stehen Sie nicht weit zurück hinter den Gewerkschaften!«

»Bitte, bitte«, unterbrach der Fürst. »So kommen wir jetzt nicht weiter. Wir wissen überhaupt nicht, ob der Mord an Herrn Tjarksen etwas mit seinem Engagement in der vergangenen Zeit und den damit verbundenen Kontroversen zu tun hat. Es könnten ja auch durchaus private Motive dahinterstecken, oder ein ganz anderer Hintergrund.«

Angriffslustig fuchtelte Oosterhuis mit dem Zeigefinger in der Luft. »Gewerkschaften, Kirche und Regierung haben Stimmung gegen einen verdienten Pionier des Einzelhandels gemacht, der über siebzig Arbeitsplätze in unserem Fürstentum … Und nun sollen auf einmal persönliche Motive herhalten?«

Die Runde schwieg betreten. Der Fürst erhob sich schließlich. »Herr Doktor Oosterhuis, glauben Sie wirklich, die Bischöfin oder ich hätten Tammo Tjarksen persönlich auf dem Gewissen?«

Weihnachtsstern

Oosterhuis wurde etwas unsicher. »Ich will unseren Fürsten nicht persönlich … Ich will nur zum Ausdruck bringen, dass in der Bevölkerung vielleicht eine gewisse Irritation …«

Kreislandwirt Diekena schlug mit der Faust auf den Tisch. »Das geht nun ja wohl zu weit. Unsere Bevölkerung steht voll hinter unserem Fürstenhaus. Wenn das bekannt wird, was Sie hier für Verdächtigungen ausbreiten, dann können Sie die nächste Wahl schon jetzt abhaken.«

Carl Edzard nahm wieder Platz. »Ich schlage vor, dass wir einen Gedanken aufnehmen, der im vergangenen Jahr aus diesem Gremium kam, als ein Mordfall für viel Verunsicherung in der Bevölkerung sorgte. Ihren Vorschlag von damals, dass jemand aus unserer Runde dem Polizeiteam als beratendes Mitglied zur Verfügung steht, würde ich auch in diesem Fall für sinnvoll halten.«

Der Fürst wartete einen Moment, ob jemand richtig stellen würde, dass dieser Vorschlag damals sein persönlicher Überraschungs-Coup gewesen war. »Herr Kriminaldirektor Uphoff, hat sich die Zusammenarbeit mit Herrn Fabricius bewährt?«

»Auf ganzer Linie, Durchlaucht.«

»Gut. Herr Fabricius, wären Sie bereit, für unsere Runde diesen schweren Dienst noch einmal anzutreten? Die Tatsache, dass Sie ebenfalls im Einzelhandel tätig sind, spricht in diesem Fall ja auch noch einmal besonders für Sie.«

Johannes Fabricius, der sich bisher völlig zurückgehalten hatte, nickte zögerlich. »In Ordnung. Ich bin bereit, diese Aufgabe noch einmal zu übernehmen.«

»Wenn ich dazu noch etwas …«.

»… bemerken darf«, ergänzte die Bischöfin den Oppositionsführer und rollte mit den Augen.

»Ergebensten Dank, hochverehrte Frau Bischöfin. Ich wage doch zu bezweifeln, dass Herr Fabricius in diesem Fall der richtige … Ich meine, dass bei ihm als dem Fürstenhaus nahestehender Person doch eine gewisse Voreingenommenheit …«

Kriminaldirektor Uphoffs Gesichtsfarbe ähnelte auf einmal der des Weihnachtssterns vor ihm auf dem Tisch. »Herr Oosterhuis, wie können Sie es wagen, so etwas zu behaupten? Im vergangenen Jahr haben Sie sich während eines laufenden Verfahrens illegal vertrauliche Informationen verschafft und einen jungen Beamten dazu gebracht, seine Schweigepflicht zu verletzen. Nur die Fürsprache des Fürsten hat mich davon abgehalten, eine Strafanzeige gegen Sie zu erstatten. Ich verbiete Ihnen …«

»Herr Uphoff«, unterbrach ihn Carl Edzard. »Wären Sie damit einverstanden, zusätzlich zu Herrn Fabricius auch Herrn Doktor Oosterhuis als beratendes Mitglied in Ihrem Team zu akzeptieren? Ich ernenne ihn hiermit dazu.«

Gerald Oosterhuis erstarrte.

»Wenn Sie das wollen, geht es in Ordnung«, stimmte Uphoff zu und warf einen drohenden Blick auf Oosterhuis.

Der Fürst schaute kurz in die Runde. »Sind alle mit Fabricius und Oosterhuis einverstanden?«

Alle nickten. »Dann ist es beschlossen«, verkündete der Fürst.

Oosterhuis räusperte sich: »Durchlaucht, ich bin nicht sicher …«

»Aber wir sind uns sicher, dass Sie bei der Lösung des Falles hilfreich sein werden. Damit ist die Angelegenheit für heute beendet, in ein paar Tagen lade ich wieder ein. Vielen Dank.«

Carl Edzard II. erhob sich und gab damit allen zu verstehen, dass die Sitzung beendet war. Während die anderen nach und nach von ihren Plätzen aufstanden und ihre Papiere zusammenlegten, lächelte die Bischöfin ihm zu und hielt für einen Augenblick den Daumen hoch, aber so, dass nur der Fürst es sehen konnte.

Hohoo, hohoo

»Hohoo, hohoo«, klang es aus der Fußmatte mit dem Weihnachtsmanngesicht, als Hauptkommissar Gerrit Roolfs darauf trat und an der Haustür von Familie Tjarksen die Klingel drückte. Für ein Trauerhaus fand er diesen Willkommensgruß etwas unpassend, aber vermutlich hatte Frau Tjarksen in den vergangenen Stunden anderes zu tun gehabt, als sich um den Abbau der Weihnachtsdekoration zu kümmern.

Die Familie hatte ihr Domizil am Stadtrand von Norden, ein riesiges Backsteinhaus mit Reetdach. Die Garage mit den drei Toren war wie das Nebengebäude reetgedeckt. Um die Gebäude herum lag ein Naturgarten mit kleinen Teichen, die Wege waren mit Pflastersteinen angelegt. Gerrit Roolfs vermutete, dass die Familie einen Architekten für seinen guten Geschmack angemessen bezahlt hatte.

Ein großer, schlanker Mann um die vierzig mit grauer Zopfmusterstrickjacke und schwarzer Krawatte öffnete. Er begrüßte Roolfs mit einem geräusperten »Moin«. Nachdem Roolfs sich kurz vorgestellt hatte, murmelte der Mann: »Klaus Tjarksen. Ich bin der Sohn.«

Roolfs nickte, und der Mann führte ihn in ein riesiges Wohnzimmer. Am Fenster stand eine kleine Frau in einem schwarzen Hosenanzug und rauchte.

»Mutti, da ist der Herr Hauptkommissar«, stellte Klaus Tjarksen vor.

Renate Tjarksen drückte die Zigarette aus und reichte Gerrit Roolfs ihre Hand. Roolfs schätzte sie auf Mitte bis Ende sechzig. Alle Finger waren mit Ringen bestückt, die Fingernägel leuchteten in adventlichem Rot. Mit rauchiger, dunkler Stimme begrüßte sie ihn: »Moin, Herr Roolfs, nehmen Sie Platz.« Sie deutete auf den Sessel, dann wies sie ihren Sohn an: »Klaus, kannst du uns noch mal Kaffee machen?«

Roolfs ließ sich in einem schweren Ledersessel nieder.

Renate Tjarksen setzte sich auf die Couch. Wenn sie sich bewegte, klimperten die Ketten und Armbänder an ihren Gelenken. Um den Hals trug sie ein aufdringlich teuer wirkendes Collier, und sie war gebräunt, als hätte sie mehrere Wochen Tropenurlaub hinter sich. Roolfs tippte eher auf den regelmäßigen Gebrauch einer Sonnenbank. Sie war stark geschminkt, die Haare blondiert.

»Wenn Sie es noch nicht von anderen erfahren haben, kann ich es Ihnen auch erzählen«, begann die Witwe das Gespräch, ohne dass Roolfs überhaupt eine Frage gestellt hatte. »Unsere Ehe war nicht in herkömmlichem Sinne glücklich. Wir haben uns oft gefetzt, mein Mann und ich. Tammo war kein einfacher Mann. Er suchte immer die Reibung. Das war seine Art, mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Aber trotzdem haben wir uns geliebt, und in all unseren Jahren haben wir uns nie richtig gestritten. So etwas gab es nicht. Wir waren dreiundvierzig Jahre verheiratet.« Sie sprach, als ob ihr Mann schon lange tot sei.

Klaus Tjarksen kam mit einem Tablett herein und stellte zwei Kaffeebecher, Zuckerdose und Sahnekännchen auf den Tisch.

»Trinkst du nicht mit uns Kaffee?«, fragte seine Mutter.

»Ich gehe nach oben, Mutti. Ich wollte noch ein paar Papiere durchsehen.«

»Herr Tjarksen«, sagte Gerrit Roolfs, »ich habe da auch noch ein paar Fragen an Sie. Sind Sie nachher noch hier?«

»Klaus wohnt hier bei uns«, belehrte ihn Renate Tjarksen. »Er hat oben eine kleine Wohnung.«

»Ich stehe Ihnen gern zur Verfügung, Herr Hauptkommissar«, sagte ihr Sohn. »Ich glaube, der Kaffee müsste gleich durch sein.« Er ging wieder in die Küche.

»Er hat ja noch keine Frau«, erklärte Renate Tjarksen. »Warum soll er dann allein irgendwo eine Wohnung nehmen? Das kostet ja nur unnötig Geld. Manchmal übernachtet er in seinem Zimmer in Oldenburg. Da arbeitet er für ein paar Tage im Monat. Aber zu Hause ist er hier bei uns.« Sie zündete sich eine neue Zigarette an. »Wir haben ein super Verhältnis. Sehr harmonisch.«

Klaus brachte eine Thermoskanne mit Kaffee und einen Teller mit Keksen. »So, ich gehe jetzt nach oben.«

Betriebsweihnachtsfeier

»Ich weiß, das ist jetzt sehr schwer für Sie. Wenn Sie das Gefühl haben, dass unser Gespräch zu anstrengend ist, sagen Sie mir das bitte«, bat Roolfs die Witwe, nachdem Klaus Tjarksen gegangen war. »Aber je eher und schneller wir mit unseren Ermittlungen anfangen, umso wahrscheinlicher ist es, dass wir den Mörder fassen.«

»Sie müssen sich nicht entschuldigen. Sie machen Ihren Job. Ich hoffe, dass Sie das Schwein kriegen, das meinen Mann auf dem Gewissen hat.« Renate Tjarksen führte ihre Kaffeetasse zum Mund, setzte sie aber gleich wieder ab, ohne zu trinken. »Im Fernsehen wird immer als Erstes die Ehefrau nach ihrem Alibi gefragt. Wir drei, also Tammo, Klaus und ich, waren auf einer Adventsfeier in unserem Stammgeschäft in Norden. Wir machen mit den Belegschaften aus jedem größeren Geschäft eine eigene kleine Feier, und die Mitarbeiter aus den kleineren Filialen holen wir dann mit dazu. Das sind vier bis fünf Feiern pro Jahr. Tammo wollte das immer so, das ist ein bisschen persönlicher.« Sie trank einen Schluck Kaffee. »Klaus und ich sind gegen Mitternacht nach Hause gefahren. Tammo bleibt als Chef immer bis zuletzt.«

»Und Sie haben Ihren Mann gar nicht vermisst?«

»Nein. Wenn Tammo spät nach Hause kommt, dann schläft er im Zimmer neben seinem Büro, damit er mich nicht stört.«

»Und am Sonnabendmorgen?«, fragte Roolfs.

»Sonnabends schlafe ich immer aus. Ich bin so gegen halb zehn nach unten gekommen, und da stand schon Ihr Kollege vor der Tür und klingelte.«

»Oberinspektor Janssen«, erklärte Roolfs.

»Ja, richtig. Er war auch gestern Nachmittag hier, aber ich war ihm sicher keine große Hilfe. Ich war fix und alle. Das bin ich jetzt auch noch, ehrlich gesagt.« Tränen traten in ihre Augen, und schnell zündete sie die nächste Zigarette an. »Also, ein richtiges Alibi habe ich nicht. In der Nacht habe ich geschlafen, und da mein Mann nicht da war, kann das niemand bezeugen. Ich habe allein in meinem Bett gelegen.«

Zum ersten Mal lächelte sie. »Aber Klaus hat sein Schlafzimmer genau über unserem. Und wenn ich in der Nacht das Garagentor geöffnet hätte und mit dem Auto weggefahren wäre, hätte er das sicher gehört. Er hat einen leichten Schlaf. Das hat der Junge von mir.«

»Dann ist Klaus so eine Art Alibi für Sie?«, fragte Roolfs.

»Wenn Sie so wollen. Möchten Sie noch eine Tasse Kaffee?«

Spekulatius

»Nehmen Sie auch einen Keks!«, forderte Renate Tjarksen den Hauptkommissar auf, nachdem sie Kaffee nachgeschenkt hatte. Sie hielt ihm einen Teller mit Spekulatiusgebäck hin.

Roolfs winkte ab. »Vielen Dank, es wird zu viel gegessen in diesen Tagen. – Die Tatwaffe ist eine Pistole, wie sie im Krieg viele deutsche Offiziere besaßen. Eine Walther PPK. Gibt es eine solche Waffe im Haus?«

»In diesem Haus gibt es überhaupt keine Waffen. So etwas würde ich niemals dulden!«

»Hatte Ihr Mann Feinde? Können Sie sich vorstellen, wer ihm so etwas angetan haben könnte?«

Renate Tjarksen spielte mit dem Feuerzeug. »Wenn Sie mich so fragen, weiß ich gar nicht, was ich antworten soll. Mein Mann hatte viele Gegner. Er war ein knallharter Geschäftsmann. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Konkurrent ihn umgebracht hätte. Er war hart, aber fair.«

»Und einer von seinen Angestellten?«

Renate Tjarksen schüttelte den Kopf. »Er war als Chef nicht immer einfach, er hat von seinen Leuten viel verlangt. Aber er hat gute Arbeit auch gut bezahlt.«

»Bitte denken Sie noch einmal darüber nach, ob es irgendwelche Anrufe oder Briefe gab. Ist etwas Außergewöhnliches passiert? Hat er sich irgendwie bedroht gefühlt? Hatte er Angst?«

»Tammo und Angst? Angst kannte der nicht. Der ist immer auf alles losgegangen. Der ist keinem Streit aus dem Weg gegangen, dieser Sturkopf.« Renate Tjarksen konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie betupfte ihre Augen mit einem Taschentuch, um die Wimperntusche nicht zu verschmieren. »Ich glaube, ich möchte jetzt einen Moment allein sein. Ich rufe Sie an, wenn mir noch etwas einfällt.«

Roolfs nickte. Er gab ihr seine Karte und dachte darüber nach, wie oft er diesen Satz in all seinen Dienstjahren schon gehört hatte.

Licht

Gerrit Roolfs tastete sich im dunklen Flur die Treppe hoch und ging auf eine Tür zu, unter der ein Streifen Helligkeit durchschimmerte. Er stolperte. Die Tür wurde geöffnet.

»Machen Sie sich doch Licht, Herr Hauptkommissar.« Klaus Tjarksen drückte einen Wandschalter. »Sie kommen ja noch zu Fall.« Er machte eine einladende Handbewegung, und Gerrit Roolfs trat ein.

Der Raum war eine Mischung aus Jugendzimmer und Seniorenappartement, die Möbel in Eiche rustikal gehalten, über dem Sofa das unvermeidliche Stickbild vom pfeiferauchenden Seemann im Ölzeug mit Kappe. In der Schrankwand waren Gläser, Sammeltassen und die ebenfalls unvermeidlichen noch eingeschweißten Pflichtexemplare aus dem Bücherklub versammelt.

Auf dem Schreibtisch stand ein riesiger Computermonitor, und ein Bücherregal war vollgestopft mit DVDs und Computerspielen. An den fast zwei Quadratmeter großen Fernseher war eine Playstation angeschlossen, wie Gerrit Roolfs sie von seinen beiden Neffen kannte. Die Tür an der gegenüberliegenden Wand schien ins Schlafzimmer zu führen. Diesen Raum hätte Gerrit Roolfs gern inspiziert.

»Sie leben noch bei Ihren Eltern?«

»Ja, ich habe keine eigene Familie. Hier ist es ja viel praktischer, und das Geld kann ich sparen. Nehmen Sie doch Platz, Herr Hauptkommissar.«

Roolfs setzte sich. »Haben Sie noch Geschwister?«

»Ja, einen Bruder, Heiko. Der ist ein paar Jahre jünger als ich. Aber der will nichts mehr von uns wissen. Der kommt schon seit über zehn Jahren nicht mehr. Ich bin mal gespannt, ob der sich bei Vaters Beerdigung überhaupt blicken lässt. Am besten, man ruft ihn gar nicht erst an.«

»Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie das doch täten«, sagte Roolfs bedächtig. »Sicher muss ich in den kommenden Tagen auch mit ihm einmal reden.«

»Da gibt es nichts zu reden, Herr Roolfs«, erregte sich Tjarksen. »Der schießt doch nur quer. Das hat er immer schon gemacht. Wir könnten eine so harmonische Familie sein …!«

Familienharmonie

»Und was hat die Familienharmonie gestört?«, fragte Roolfs.

»Ach, Heiko hatte immer Streit mit Papa. Unser Vater ist kein einfacher Mann, aber er hat nur das Beste für alle gewollt. ›Halt dich doch still‹, hat Mutti immer zu Heiko gesagt. Aber er musste dauernd gegen Papa aneseln. Und dann, Weihnachten vor zehn Jahren, da ist Papa die Hand ausgerutscht und er hat Heiko eine gescheuert und ihn rausgeschmissen. Das war vielleicht auch nicht ganz richtig, aber der Heiko hat immer provoziert, der wollte immer mit Papa diskutieren!«

»Wie alt war Ihr Bruder, als das passierte?«, bohrte Gerrit Roolfs weiter.

»Fünfundzwanzig. Er hatte gerade sein erstes Examen als Lehrer gemacht. Aber das hat ja jetzt mit der Sache nichts zu tun, oder? Verdächtigen Sie Heiko?«

»Ich verdächtige noch niemanden. Aber alle Einzelheiten sind hilfreich, damit ich mir ein Bild von Ihrem Vater machen kann.«

»Da haben Sie mich ja gut ausgehorcht, Herr Hauptkommissar.« Klaus Tjarksen lächelte.

»Tja, das ist nun mal mein Beruf. Das habe ich gelernt«, antwortete Gerrit Roolfs trocken. »Und was machen Sie beruflich?«

»Ich habe BWL studiert. In Oldenburg. Dort arbeite ich für zwei Tage in der Woche bei einem Wirtschaftsförderungs-Projekt mit. Bisher hatte ich ja Zeit dazu, weil mein Vater noch viel in unserer Firma gemacht hat. Das wird sich nun wohl ändern.«

Klaus Tjarksen zögerte einen Moment. »Aber dass Sie mir daraus kein Mordmotiv machen! Vater wollte sich in zwei oder drei Jahren sowieso zur Ruhe setzen. Und seine Hilfe hätte ich noch dringend gebraucht.«

»Und wer hilft Ihnen jetzt?«

»Wolfgang Hinrichsen, unser Prokurist. Aber der scheidet auch als Täter aus. Der arbeitet schon so viele Jahre bei uns, der gehört richtig mit zur Familie.«

»Meinen Sie, dass der Hinweis auf die Verbundenheit mit Ihrer Familie ihn entlastet?«

»Mein Vater hatte viele Gegner. Er hat ein paar kleine Geschäfte kaputtgemacht. Und er hat sich mit dem Fürsten angelegt, und mit der Gewerkschaft. Und zuletzt wegen dieser Weihnachtssache auch noch mit der Kirche. Aber ich will nichts gesagt haben.«

»Wurde Ihr Vater bedroht?«, fragte Roolfs. »Hatte er jemals das Gefühl, in Gefahr zu sein? Bekam er Briefe oder Anrufe, vor denen er sich fürchtete? Haben Sie davon mal etwas mitbekommen?«

»Nee, davon habe ich nie etwas bemerkt. Vater redete auch nicht über so etwas.«

»Was war Ihr Vater eigentlich für ein Mensch?«

Klaus Tjarksen sah Roolfs mit großen Augen an und antwortete erst nach einem Moment des Schweigens. »Also, er war irgendwie ganz normal.«

Montag, 2. Dezember

Rührung

»Wieso lebt einer mit vierzig Jahren noch bei Mama und Papa? Kann mir das einer von euch erklären?« Gerrit klopfte mit seinem Teelöffel auf die Tischkante.

Lothar Uphoff und Habbo Janssen schauten ihn erstaunt an und rührten in ihren Teetassen.

In aller Ruhe trank Janssen seine Tasse aus. Dann antwortete er gutmütig: »Wenn er noch keine eigene Familie hat, warum soll er …«

»Ja ja«, unterbrach ihn Roolfs, »ich weiß, was du sagen willst. Warum soll er dann Geld für ein Haus ausgeben, in dem er einsam auf dem Stuhl sitzt und traurig aus dem Fenster guckt? Aber irgendwie ist das doch nicht ganz normal, oder? Was meinst du, Lothar?«

»Irgendwie komisch ist es schon«, räumte Uphoff ein.

»Aber so selten ist das doch gar nicht«, protestierte Habbo Janssen zaghaft. »Der Sohn meiner Schwester wohnt mit einunddreißig Jahren auch noch zu Hause, und in unserem Bekanntenkreis …«

»Habbo!«, unterbrach ihn Roolfs. »Das ist wie bei der Bausparkassenwerbung. ›Ich wohne oben bei Mutti.‹ Da kann ich nur sagen: ›Wie uncool‹!«

»Ich kenne den Werbespot auch«, erwiderte Habbo Janssen beleidigt. »Ich will dir mal was sagen: So uncool ist der Thomas in der Fernsehwerbung doch gar nicht. Der sieht noch sehr jugendlich aus, während sein ehemaliger Mitkonfirmand mit seinem Superhaus mindestens zehn Jahre älter wirkt, vor allem in so einem komischen Cordanzug.«

Genervt ging Kriminaldirektor Uphoff dazwischen: »Fakt ist: Tammo Tjarksen wurde in den frühen Morgenstunden erschossen und dann erhängt. Das hat die Obduktion klar ergeben. Die Gerichtsmedizin hat vorhin angerufen, der Bericht wird uns gleich gefaxt. Die genaue Uhrzeit haben wir nicht, aber es muss zwischen zwei und halb vier gewesen sein. Präziser geht es nicht. Niemand auf der Weihnachtsfeier weiß, mit wem Tjarksen nach Hause gefahren ist. Und bisher haben wir noch niemanden gefunden, der etwas von dem mitbekommen hat, was auf dem Weihnachtsmarkt passiert ist. Wir haben nichts Konkretes. Auch nicht gegen Klaus. Wir müssen uns in alle Richtungen vorarbeiten.«

»Trotzdem habe ich da so ein komisches Gefühl«, bemerkte Roolfs.

Uphoff überging den Einwurf. »Gerrit, ihr klappert heute die leitenden Angestellten von Tjarksen ab. Fangt in der Norder Filiale an. Da war ja auch die Adventsfeier. Und dann müssen die Anwohner des Marktplatzes befragt werden. Übrigens: Morgen fängt die neue Kollegin an. Seid ein bisschen nett zu ihr. Sie ist uns für ein halbes Jahr überstellt. Die Stelle von Hauptkommissarin Wessels wird nicht wieder besetzt, aber als Überbrückung macht die neue Kollegin ein paar Monate bei uns mit, und dann wird man etwas für sie finden.«

»Geht klar«, antwortete Roolfs.

»In Ordnung«, brummt Uphoff und räusperte sich. »So, Leute, ich muss wohl nicht sagen, dass dieser Fall so schnell und so sauber wie möglich geklärt werden sollte. Ich werde euch Oosterhuis vom Hals halten, aber dafür will ich Ergebnisse sehen. Es geht schließlich um das Fürstenhaus!«

»Und um eine schöne Adventszeit!«, ergänzte Janssen mit gutmütigem Lächeln.

»Und um das Weihnachtsgeschäft«, sagte Roolfs.

Klischee

Nadine Becker, die Geschäftsführerin von Tammo Tjarksens Norder Hauptgeschäft, residierte in ihrem Büro, das mit einer futuristischen Schreibtischlandschaft und nach Feng-Shui-Regeln platzierten Sitzmöbeln ausgestattet war. Für sich selbst hatte Tjarksen das ganze obere Stockwerk als Chefetage ausbauen lassen.

Vor drei Jahren hatte Nadine Becker ihr BWL-Studium abgebrochen und war wieder nach Norden gekommen. Ihr Vater hatte ihr damals eine Stelle bei Tammo Tjarksen besorgt. Inzwischen leitete sie das Norder Stammhaus von Tjarksens Ladenkette Koop in! mit zwölf Angestellten. Auch wenn sie ihr Studium nur bis vor die Diplom-Vorprüfung absolviert hatte, inszenierte sich Nadine gern als akademisch gebildete Managerin und erfolgreiche Geschäftsfrau.

Nadine Becker sah durchs Fenster, wie Gerrit Roolfs aus einem Auto stieg und auf das Geschäft zukam. Das Kommissariat hatte ihr vor einer Stunde telefonisch den Besuch von Hauptkommissar Gerrit Roolfs als »reine Routinesache« angekündigt, aber sie ließ sich nicht so leicht Sand in die Augen streuen. Wenn ein Hauptkommissar zu ihr kam, um über Tammo Tjarksen zu reden, dann musste er einen Verdacht haben. Aber wie viel konnte er wissen? Nadine beschloss, genau das in diesem Gespräch herauszufinden.

Als es an die Tür klopfte, griff sie sich schnell ein Handy aus der Schublade und rief »Herein«. Als Roolfs ins Zimmer trat, sprach sie in das Telefon: »Das müssen wir jetzt knallhart durchziehen, Herr de Boer. Das nützt nichts.«

Nadine Becker winkte Roolfs herablassend zum Zeichen, dass er sich setzen dürfe, und nahm ihr gespieltes Telefonat wieder auf: »Hören Sie, de Boer, ich lass mir von Ihnen nichts vormachen. Ich bin ein Profi. Bei mir können Sie mit solchen Ausreden nicht landen, verstehen wir uns?«

Roolfs fixierte sie mit seinem Blick. Nadine Becker drehte sich zur Seite und gab vor, ihrem fiktiven Gesprächspartner zuzuhören. »Ob ich so einverstanden bin?«, fragte sie schließlich wie zur Antwort. »Aber hallo. Ich sehe, wir verstehen uns. Wenn Sie nicht klarkommen, rufen Sie mich einfach an. Okay!« Sie legte das Handy beiseite und strahlte Gerrit Roolfs mit einem liebreizenden Lächeln an. »Und was kann ich für Sie tun, Herr Hauptkommissar?«

Gerrit Roolfs nahm Nadines Handy und betrachtete es einen Moment. Dann sagte er schlecht gelaunt: »Verraten Sie mir doch einfach, wer Tammo Tjarksen ermordet hat. Dann können Sie sich in Ruhe weiter mit Ihrem leeren Handy unterhalten.«

Schneemann-Lichterketten

»Chefin, die Schneemann-Lichterketten sind gerade gekommen. Wo soll ich die hintun?« Eine junge, dicke Frau in Jeanshemd und Leggins stand plötzlich in der Tür.

»Jacqueline, ich möchte, dass du anklopfst, bevor du hier reinkommst«, sagte Nadine Becker überbetont freundlich. »Verstehen wir uns?«

»Schon klar, und was iss nu’ mit die Schneemänner?«, fragte die Angestellte mürrisch.

»Gleich in die Regale damit. Morgen läuft die Sonderaktion, und da sind die Lichterketten mit dabei. So, und jetzt will ich nicht mehr gestört werden. Einen kurzen Moment müsst ihr auch mal alleine klarkommen!«

Den letzten Satz sagte sie mehr zu Roolfs hin, dessen schlechte Laune sich dadurch noch steigerte und der sie gleich belehrte: »Ob unser Gespräch wirklich nur einen ›kurzen Moment‹ dauert, das hängt davon ab, welche Informationen Sie mir liefern.«

Das maulige Gesicht der Angestellten in der Tür verzog sich zu einem breiten Grinsen. Erst als Nadine sie böse anfunkelte, verließ sie das Büro.

»Frau Becker, Sie haben eng mit Herrn Tjarksen zusammengearbeitet. Hatte er Feinde?«, fragte Roolfs.

»Ja.« Die Geschäftsführerin sah ihn herausfordernd an. »Wer Erfolg hat, macht sich Feinde. Und manchmal muss man sich auch Feinde machen, um Erfolg zu haben.« Nadine Becker schlug die Beine übereinander, die in ihrem knappen, dunkelgrauen Kostüm gut zur Geltung kamen. Sie rollte mit ihrem Schreibtischstuhl ein wenig zurück, offenbar, damit Roolfs sie gut im Blick hatte.

Roolfs warf einen übertrieben bewundernden Blick auf ihre Beine und bemerkte trocken: »Manchmal führen auch andere Wege zum Erfolg. Sie sind erst sechsundzwanzig und leiten die Norder Traditionsfiliale.«

»Was erlauben Sie sich?« Nadine rollte ganz an ihren Schreibtisch und richtete sich angriffslustig auf. Roolfs merkte, dass er mit dieser Anspielung zu weit gegangen war, aber er musste sie aus der Reserve locken, um etwas zu erfahren. Und inzwischen spürte er, dass sie etwas verbarg.

»Ich muss Ihre Fragen überhaupt nicht beantworten«, sagte sie mit schlecht gespielter Selbstsicherheit. »Ich rufe am besten den Anwalt unserer Firma an.«

»Tun Sie das bitte sofort, wenn Sie Ihrer Meinung nach zu den Verdächtigen gehören«, erwiderte Roolfs. »Ansonsten schlage ich vor, dass Sie meine Fragen beantworten, ohne hier Fisimatenten zu machen. Ich befrage Sie nur als Zeugin, nicht als Verdächtige.« Er wartete einen Moment. »Und? Wie sieht’s aus?«

Nadine Becker nickte. »In Ordnung. Ich arbeite hier seit etwa drei Jahren. Ich habe vor fünfeinhalb Jahren hier in Norden Abi gemacht und ein paar Semester Betriebswirtschaftslehre studiert. Aber das war nichts für mich. Zu viel Theorie-Kram, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Roolfs nickte wissend und dachte daran, dass er vor etwa zwanzig Jahren aus ähnlichen Gründen sein Jurastudium abgebrochen hatte.

»Mein Opa und Tammo Tjarksen sind alte Freunde. Und mit meinem Vater hat Tammo öfter geschäftlich zusammengearbeitet. Wenn Sie so wollen, habe ich den Job durch Beziehungen bekommen. Aber inzwischen habe ich mir meine Position selbst erarbeitet. Geschenkt bekommen habe ich nur die Chance, genutzt habe ich sie selber. Dafür habe ich hart gearbeitet.«

»Und wie wird es jetzt weitergehen mit dem Geschäft?«

»Renate und Klaus werden die Firma übernehmen und Wolfgang Hinrichsen zum Geschäftsführer machen. Alles andere wird weiterlaufen wie bisher. Davon gehe ich jedenfalls aus. Oder haben Sie etwas anderes gehört?« Nadine blickte Roolfs fragend an.

»Wie standen Sie zu Tammo Tjarksen?«

Er bemerkte, dass diese Frage sie verlegen machte. Sie schaute einen Moment zu lange auf ihre Hände, die sie betont ruhig auf eine Mappe auf der Schreibtischplatte gelegt hatte.

Dann schaute sie Roolfs an und beschloss offenbar, zumindest einen Teil der Wahrheit zu sagen. »Da lief nicht wirklich etwas. Tammo ist dreiundsiebzig … war dreiundsiebzig«, verbesserte sie sich und fuhr fort: »Ich bin fünfundzwanzig. Er war kein unattraktiver Mann, auch mit über Siebzig. Er war sportlich, kreativ, hatte Durchsetzungsvermögen und eine unerschöpfliche Energie. Er mochte mich ganz gern. Wir sind auch schon mal zusammen ausgegangen. Aber mehr als ein bisschen Flirten und Händchenhalten war da nicht. Höchstens mal ein Küsschen auf die Wange … allerhöchstens!«

»Und was lief auf der Adventsfeier?«, wollte Roolfs wissen.

Weihnachtsschnaps

»Das Übliche«, sagte Nadine gelangweilt. »Zuerst die großen Worte, dann das große Fressen und am Ende das große Besäufnis.«

Gerrit Roolfs sah sie fragend an, und sie erklärte: »Zuerst hält Tammo Tjarksen immer seine Dankesrede, dass die ganze Firma wie eine Familie ist, eine große Familie, in der alle zusammenhalten und alle ihr Bestes geben. Und dann kommt das Festessen. Da lässt sich Tammo immer was einfallen. Diesmal gab es ein schwedisches Weihnachtsbüfett mit Weihnachtsschinken, Rentierfilet, Kartoffelklößen. Sogar Weihnachtsbrei war dabei. Kennen Sie das? Das ist ein Brei aus Milchreis mit einer Mandel …« Nadine sah ihn plötzlich mit großen Augen an.

»Und was geschah dann?«, fragte Roolfs.

»Dann kam das Besäufnis. Aber mit Stil, sage ich Ihnen. Skandinavischer Punsch, schwedisches Bier, Weihnachtsschnaps …«

»Weihnachtsschnaps?«

»Ja, herrlich süß. Schmeckt nach Bratapfel und Orange«, schwärmte Nadine. »Aber wenn man danach draußen an die kalte Luft kommt … hui!« Sie wedelte mit der rechten Hand und warf Roolfs einen bedeutungsvollen Blick zu.

»Wann ging Tammo Tjarksen nach Hause? War er betrunken? Ging er allein?«

»Irgendwann so zwischen zwei und halb drei. Er war total besoffen. Wie immer. Er liebte es, sich im Kreis seiner Angestellten zu besaufen.«

»Schließlich ist Ihre Firma ja eine harmonische Familie«, bemerkte Roolfs.

»Werden Sie doch nicht gleich zynisch. Man wird ja wohl noch ein bisschen feiern dürfen. Ich habe ein Taxi für ihn gerufen, und er ist dann nach draußen gegangen, um auf das Taxi zu warten. Das hat er jedes Jahr so gemacht. Seine Frau und Klausi sind ja schon eher gefahren, wie immer.«

»Und Sie?«, fragte Gerrit Roolfs.

»Ich? Was soll das denn? Ich habe doch gar kein Motiv! Ich bin als eine der Letzten gegangen. Dafür gibt es Zeugen. Warum sollte ich Tammo überhaupt so etwas antun?«

»Und wer würde Tammo Tjarksen Ihrer Meinung nach so etwas antun?«

»Ich sagte vorhin schon, dass er nicht nur Freunde hatte. Er hat mir mal etwas von Drohbriefen erzählt. Das muss aber schon ein paar Jahre her sein. Mehr weiß ich auch nicht. Tammo machte mal so eine Bemerkung, und als ich nachfragte, wich er aus.«

»In Ordnung.« Gerrit erhob sich. »Das wär’s. Für’s Erste jedenfalls. Ich werde mich noch mal melden. Schreiben Sie mir eine Liste von allen, die auf der Feier dabei gewesen sind, und schreiben Sie dazu, wann wer gegangen ist – ungefähr. Ach ja, und geben Sie mir noch die Nummer vom Taxi-Unternehmen.«

Als Roolfs das Büro verließ, stieß er mit der dicken Angestellten im Jeanshemd zusammen, die vor der Tür gestanden hatte.

»Oh, Tschulligung, Herr Kommissar«, sagte sie verlegen. »Ich muss da nur eben durch und die Lichterketten einsortieren. Wollen Sie auch eine?« Sie steckte ihm eine Lichterkette mit Schneemännern aus Kunststoff in die Manteltasche. »Schöne Weihnachten!«

Schneeweiß

Wolfgang Hinrichsen, Tjarksens Prokurist, wohnte in einer Siedlung, die in den neunziger Jahren entstanden war. Auf den knapp bemessenen Grundstücken nahmen sich die Häuser aus, als wären sie etwas zu groß gewachsen und würden mit den Nachbarhäusern wetteifern, wer die aufwändigsten Wintergärten, die originellsten Erker und die stilvollsten Wetterfahnen hatte.

Gerrit Roolfs parkte sein Auto bei einem Spielplatz. Zwei Männer saßen auf der Bank. Ihre mit Zigarettenqualm vermischten Atemwolken stiegen wie Sprechblasen über ihnen auf. Sie tranken Bier aus Dosen und sahen den Kindern beim Spielen zu.

In Hinrichsens Einfahrt stand ein schneeweißer Mercedes mit dem Hufeisen am Kühlergrill, das genauso wenig fehlen durfte wie das metallene Wandbild vom pflügenden Bauern neben dem Hauseingang und die bemalte Dachpfanne vor der Haustür.

»Moin, Herr Roolfs!« Ein großer, schlanker Mann im Jogging­anzug stand in der Durchgangstür zwischen Haus und Garage. »Kommen Sie man hier lang. Ich habe hier hinten mein kleines Reich.«

Gerrit Roolfs folgte Hinrichsen in ein Holzhaus im Garten und setzte sich in einen der drei Korbsessel.

»Ich weiß genau, was Sie mich fragen wollen«, sagte Hinrichsen. »Wie ich das im Winter in so einem Holzhaus aushalte und ob ich Tammo Tjarksen auf dem Gewissen habe. Die Antworten lauten: Das Holzhaus hat eine super Isolierung, viel besser als die meisten richtigen Häuser. Da muss ich den Garten nicht gleich mitheizen. Und Tammo Tjarksen habe ich nicht ermordet. Ich profitiere auch nicht von seinem Tod. Ich war bei Tammo der zweite Mann, und bei Klausi und Renate werde ich es auch bleiben. Ich bin der geborene zweite Mann. Auf dieser Position spiele ich am besten. Tasse Kaffee?« Hinrichsen schwenkte eine Thermoskanne.

»Ja, mit viel Milch bitte«, entgegnete Roolfs. »Sie werden jetzt eine deutlich stärkere Position in der Firma haben, als Einziger mit Durchblick.«

»Ach, der Klausi, der braucht vielleicht noch ein paar Jahre, und dann wird er das besser machen als sein Vater. Wir werden gut miteinander auskommen, so wie ich mit Tammo eigentlich auch ganz gut klargekommen bin. In den letzten Jahren habe ich sowieso die wichtigen Entscheidungen getroffen, Tammo hat vor allem Öffentlichkeitsarbeit gemacht. Aber damit hat er dem Unternehmen nicht nur Vorteile gebracht, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Und mit Renate Tjarksen kommen Sie auch gut aus?«

Wolfgang Hinrichsen lachte. »Besonders gut, Herr Hauptkommissar. Renate und ich sind uns nicht gerade unsympathisch. Ab und zu fahren wir auch mal ein Wochenende weg, aber das hat Tammo gewusst.«

»Und nun steht er Ihnen nicht mehr im Weg«, provozierte Roolfs, dem Hinrichsens selbstgefällige Art langsam auf die Nerven ging.

»Das tat er auch vorher nicht. Es lief alles super. Es war so eine Art agreement unter guten Freunden.« Hinrichsen war anscheinend nicht aus der Form zu bringen.

Gerrit Roolfs hatte sich angewöhnt, besonders wachsam zu sein, wenn menschliche Beziehungen mit dem Wort ›super‹ beschrieben wurden. »Was heißt ›super‹, Herr Hinrichsen?«

Hinrichsen schmunzelt vielsagend. »Wir verstanden uns ganz wunderbar.«

Richtig nett

Plötzlich packte Gerrit Roolfs die Wut. »Sagt mal, für wie blöd haltet ihr mich eigentlich?«, brüllte er Hinrichsen an. »Der Chef macht mit seiner Angestellten rum, die fast fünfzig Jahre jünger als er ist, seine Frau fährt mit dem Geschäftsführer in den Urlaub, sein Sohn wohnt mit über vierzig Jahren noch bei Mama und Papa. Der andere Sohn hat den Kontakt zur Familie abgebrochen, weil er sich als erwachsener Mann nicht mehr von Papi durchprügeln lässt. Und alles ist super und harmonisch. Alle sind wie die nette Familie von nebenan aus der Vorabendserie. Und zum ersten Advent wird Mister Christmas über den Haufen geschossen und auf dem Marktplatz aufgehängt. Superharmonisch mit Weihnachtsbeleuchtung. Ich will jetzt wissen, was hier los ist!«

Wolfgang Hinrichsen wurde verlegen. »Aber das ist doch normal, Herr Hauptkommissar. Es funktionierte irgendwie.«

»Nein! Es funktionierte eben nicht, verdammt noch mal!« Gerrit Roolfs schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Tammo Tjarksen wurde ermordet. Er wurde nicht ausgeraubt. Irgendjemand hat ihn dermaßen gehasst, dass er ihn nicht nur ermordet, sondern ihn in seinem Tod auch noch lächerlich gemacht hat. Wer?«

Wie versteinert saß Hinrichsen in seinem Korbsessel. Seine Hände umklammerten die Lehnen. »Ich weiß es wirklich nicht. Mit Renate hatte er eine Vereinbarung. Die Vereinbarung schloss mich ein. Tammo war viel zu sehr von sich überzeugt, als dass er mich als Konkurrenz gesehen hätte. Mit Nadine hat er geflirtet, aber mehr lief da sicher nicht. Sie hat einen festen Freund. Und Klaus würde so etwas nie tun. Es ist ja sein Vater.«

»Das ist ja so richtig nett.« Gerrit Roolfs konnte kaum an sich halten. »Können Sie mich nicht adoptieren? Ich möchte auch gern zu einer so harmonischen Familie gehören. Wir wissen, dass Tjarksen Drohbriefe erhalten hat. Was können Sie uns dazu sagen?«

Hinrichsen schüttelte den Kopf. »Ich habe absolut keine Ahnung.«

»Herr Hinrichsen, Sie haben jahrelang mit Tammo Tjarksen eng zusammengearbeitet. Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass Sie so wenig von ihm wissen!«

Wolfgang Hinrichsen zuckte mit den Schultern.

Gerrit Roolfs stand aus seinem Sessel auf. »Das reicht mir nicht. Ich melde mich morgen früh noch mal bei Ihnen. Dann will ich die Namen von allen, mit denen Tjarksen sich damals angelegt hat. Von allen! Verstehen wir uns?«

Hinrichsen saß mit verschränkten Armen in seinem Korbsessel und nickte sichtbar widerwillig.

Gerrit Roolfs baute sich in voller Größe vor ihm auf und sagte mit gefährlich leiser Stimme: »Herr Hinrichsen, Sie können mir nichts vormachen. Ich werde so oder so herausfinden, was Sie vor mir verbergen wollen. Wenn Sie mir etwas verschweigen, dann muss ich wichtige Gründe hinter Ihrem Verhalten vermuten.«

Wolfgang Hinrichsens Stimme zitterte. »Tammo konnte großzügig sein, ausgelassen, freundlich, unendlich hilfsbereit. Und dann konnte er dich anlächeln und dir im selben Moment eine in die Fresse hauen. Tammo war ein Schwein. Er hat gekriegt, was er kriegen wollte. Geschäftlich und privat. Und was er nicht bekommen konnte, das hat er sich einfach genommen. Vielleicht hat er jetzt gekriegt, was er verdient hat. Ich weiß es nicht.«

»Und was hat er Ihnen genommen?«

Hinrichsen starrte ins Leere.

Dienstag, 3. Dezember

Rentiere

Kriminaldirektor Lothar Uphoff hatte sich eine weihnachtliche Krawatte mit kleinen Rentieren umgebunden. Wie immer wirkte er unbeholfen, wenn er feierlich sein wollte. Im Sitzungszimmer der Norder Kripo hatte sich das ganze Team zusammen mit der Staatsanwältin eingefunden.

»Liebe Frau Kollegin van Immen!«, begann er seine Ansprache und lächelte die versammelten Kollegen an. »Wir freuen uns, dass Sie …, dass wir durch Sie, nachdem Frau Wessels in den verdienten Ruhestand gegangen ist, wieder voll sind … also, dass unser Team wieder voll ist …, vollzählig ist, meine ich, zumindest für eine gewisse Zeit. Wir hoffen, dass Sie sich bei uns wohlfühlen, und wenn Sie etwas auf dem Herzen haben, dann können Sie mich gern ansprechen.«

»Vielen Dank für die netten Worte.« Theda van Immen hatte sich erhoben. Sie war etwa einsachtzig groß und hatte kurze dunkelblonde Haare, trug eine cremefarbene Jeans und einen dazu passenden Pullover aus Kaschmirwolle. Ihre Stimme klang angestrengt geschäftsmäßig. »Ich bin nicht hier, um mich wohlzufühlen, sondern um zu arbeiten. Ihre Freude, mich hier zu sehen, wird sich etwas legen, wenn Sie erfahren, warum ich hier bin. In ein paar Wochen werden Sie es sowieso wissen, wenn Sie nicht ohnehin schon im Bilde sind. In meiner vorigen Dienststelle wurde mir nahegelegt, mich wieder nach Ostfriesland zurückzubewerben. Man hat mir vorgeworfen, ich störe die gedeihliche Zusammenarbeit und sei nicht in der Lage, mit den Kollegen zu kooperieren.«

Alle schwiegen betreten.

»Meine mangelnde Kooperation bestand darin«, fuhr sie fort, »dass ich einen Staatsanwalt angezeigt habe, der mehrere Verfahren gegen Freunde aus seinem Golfclub blockiert hatte. Außerdem wollte ich nicht akzeptieren, dass zwei Kollegen fast immer angetrunken ihren Dienst machten.«

Sie wandte sich an Uphoff. »Es ist schön, wenn Sie mir anbieten, dass ich mich an Sie wenden darf, wenn es Probleme gibt. Aber diese Versprechen habe ich in meiner letzten Dienststelle etwas zu oft von Vorgesetzten gehört.«

Sie schluckte. »Und jetzt habe ich auch noch meinen Einstand verdorben. Entschuldigen Sie, Sie haben es sicher gut gemeint.«

Einige Sekunden herrschte verlegenes Schweigen. Man hörte das Ticken der Uhr über der Tür. Dann ging die Staatsanwältin auf die Kriminalbeamtin zu und reichte ihr die Hand. »Mein Name ist Gesine Ackermann. Ich bin zwar Staatsanwältin, aber ich spiele nicht Golf. Ich habe ein wenig mitbekommen von Ihrem Fall. Sie haben viel Rückgrat bewiesen. Herzlich willkommen!«

Habbo Janssen drückte ihr die Hand. »Ich spiele höchstens mal Minigolf mit meinen Kindern, aber da habe ich bisher noch keine einflussreichen Freundschaften schließen können. Sie werden gut mit uns klarkommen.«

Gerrit Roolfs sah, dass Christian Gronewold sich während des anschließenden allgemeinen Händeschüttelns verdrücken wollte. »Willst du unsere Neue nicht eben begrüßen?«, fragte er.

Gronewold zog verächtlich die Mundwinkel nach unten und zischte: »Kein Bedarf. Auf sogenannte Kolleginnen, die andere anschwärzen, habe ich so was von keinen Bock, wie du dir das kaum vorstellen kannst.«

Warten

Bei der anschließenden Dienstbesprechung führte Kriminaldirektor Lothar Uphoff die neue Kollegin in den Stand der Ermittlungen ein. »Wir haben viele mögliche Hinweise«, fasste er das Ergebnis zusammen, »aber wir haben keine echte Spur.«

Christian Gronewold berichtete von den Befragungen der Einwohner rund um den Marktplatz. Sie waren genau so ergebnislos verlaufen wie Habbo Janssens Gespräche mit den Nachbarn von Tjarksens Geschäftshaus.

»Ich möchte an ein paar Punkten mal nachbohren«, sagte Roolfs. »Tammo Tjarksen hat noch einen zweiten Sohn, der sich vor ein paar Jahren von der Familie getrennt hat. Außerdem hatte Tjarksen etwas mit seiner Norder Filialleiterin. Die soll aber auch einen Freund haben. Dann ist da noch der Taxifahrer, der Tjarksen nach Hause bringen sollte.«

»Ich habe mit dem Taxi-Unternehmen telefoniert«, sagte Habbo Janssen. »Der Fahrer hat ein paar Minuten draußen vor dem Geschäft gewartet und ist dann reingegangen, um Tjarksen zu holen. Aber da war er schon weg und niemand wusste, mit wem er gefahren war.«

»Ist dem Taxifahrer irgendetwas aufgefallen? Hat er etwas beobachtet?«, hakte Roolfs nach.

»Er ist heute mit dem Bus unterwegs. Er fährt einen Kegelklub ins Sauerland. Kommt übermorgen wieder.«

»Da müssen wir also auch noch mal ran. Noch etwas«, fuhr Gerrit Roolfs fort, »vor ein paar Jahren hat Tjarksen Drohbriefe bekommen. Ich habe Wolfgang Hinrichsen, den Prokuristen, gebeten, mir alle Informationen dazu zusammenzustellen. Tjarksen hatte ein Verhältnis mit Hinrichsens Frau. Und als sie die Scheidung eingereicht hat, hat Tjarksen sie im Regen stehen lassen.«

»Kann sie sich gerächt haben? Was denkst du, Gerrit?«, fragte Uphoff.

»Sie ist vor vier Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Ich glaube auch nicht, dass Hinrichsen Tammo Tjarksen auf dem Gewissen hat. Die Sache ist etwa acht Jahre her. Er hat sich in das Unvermeidbare gefügt. Die Ehe war wohl nicht so …«, Roolfs räusperte sich, »… harmonisch. Ich will lieber den Drohbriefen nachgehen.«

»In Ordnung«, schloss Uphoff die Erörterung. »Frau van Immen kümmert sich übermorgen um den Taxifahrer, für heute und morgen habe ich andere Aufgaben für sie. Habbo erkundigt sich nach dem Freund von Nadine Becker, Gerrit übernimmt die Drohbriefe und Christian versucht weiter, den anderen Sohn von Tjarksen zu erreichen.«

»Da habe ich schon tausendmal angerufen. Da läuft immer nur das Band«, wollte sich Gronewold rechtfertigen.

»Dann hinterlassen Sie doch einfach eine Nachricht, dass er sich melden soll«, schlug Theda van Immen freundlich vor.

Gronewolds Gesicht verzog sich. Zum Glück klingelte das Telefon, bevor er etwas sagen konnte.

Roolfs murmelte einen Laut, der eine gewisse Ähnlichkeit mit seinem in Lichtgeschwindigkeit ausgesprochenen Namen hatte, in den Hörer. »Nein, wir haben ihn noch nicht … Nein, im Moment kommen wir gut klar, wir haben ja auch eine neue … Jaha, das ist ein guter Vorschlag … Na klar, wenn wir Sie brauchen, melden wir – … Vielen Dank für Ihre Hilfsbereitschaft. Auf Wiederhören, Herr Doktor Oosterhuis.«

Geheimnis

»Drohbriefe?« Renate Tjarksen drückte die Zigarette, die sie gerade angesteckt hatte, im Aschenbecher wieder aus. »Ich weiß nichts von Drohbriefen. Davon hat Tammo nie etwas erzählt. Wir haben immer alles offen besprochen. Wir hatten keine Geheimnisse voreinander.«

»Ich nehme an«, beruhigte Gerrit Roolfs sie, »Ihr Mann wollte Sie damit nicht belasten. Wenn er sie aufbewahrt hat, wo könnten sie dann sein?«

»Im Tresor ist nichts«, sagte eine Stimme von hinten. Klaus Tjarksen stand in der Tür. »Den habe ich schon durchgesehen.«

Renate Tjarksen drehte sich um, und ihre Ketten und Armbänder klirrten. »Klausi, du hast doch wohl nicht …«

»Keine Sorge, Mutti. Ich habe nur nachgesehen, ob da ein Hinweis ist, wer Papa auf dem Gewissen hat. Aber da waren nur Geschäftsunterlagen und ein paar tausend Euro.«

»Wir haben immer ein bisschen Geld im Haus«, erklärte Renate Tjarksen. »Zur Sicherheit. Wenn mal was ist.«

»In Ordnung«, sagte Roolfs. »Wenn Ihr Mann etwas aufbewahren wollte, das niemand finden durfte, wo hat er das versteckt?«

»Er hat einen großen, alten Schreibtisch in seinem Büro. Wo der Schlüssel ist, weiß nur er.«

»Der Schlüssel liegt in dem Brillenetui in der Schublade«, erklärte Klaus mit gelangweilter Stimme. »Den Schreibtisch wollte ich mir heute Nachmittag vornehmen.«

»Klaus, ich weiß gar nicht, was ich dazu noch sagen soll …« Renate Tjarksen legte ihre Fingerspitzen auf die Schläfen, schloss die Augen und verzog schmerzerfüllt das Gesicht.

»Mutti, jetzt sind wir an der Reihe. Jetzt müssen wir die Verantwortung für alles übernehmen. Papa hätte das auch so gewollt.«

»Das kann doch alles Wolfgang machen. Der weiß doch über alles Bescheid.«

»Aber uns gehört die Firma. Und darum müssen wir auch über alles Bescheid wissen.«

»Ich weiß nicht, ob das richtig ist. Papa ist ja noch nicht mal unter der Erde.« Renate Tjarksen zündete sich wieder eine Zigarette an.

»Frau Tjarksen«, griff Hauptkommissar Roolfs in das Gespräch ein, »vielleicht können wir die Briefe finden und erhalten so einen wichtigen Hinweis darauf, wer Ihren Mann getötet hat. Das wollen Sie doch auch.«

Renate Tjarksen nickte und hatte Mühe, ihre Tränen zurückzuhalten. »Kommen Sie bitte mit, Herr Hauptkommissar. Und du bitte auch, Klaus.«

Eine halbe Stunde später hatten Klaus Tjarksen und Gerrit Roolfs alle Schubladen und Fächer des großen Schreibtisches in Tammo Tjarksens Arbeitszimmer durchsucht. Sie fanden einige Geschäftsunterlagen, vier leere und zwei halbvolle Cognacflaschen und ein paar Männermagazine.

»Na so was«, spottete Klaus Tjarksen. »Der knallharte Geschäftsmann hält sich mit Pornoheften und teurem Cognac bei Laune.«

»Klaus, wie kannst du nur so über deinen Vater reden?«, fauchte Renate Tjarksen.

»Siehst du hier auch, was ich sehe, Mutti?«, sagte Klaus provozierend und tippte mit der Fußspitze gegen eine leere Cognacflasche.

Gerrit Roolfs sah sich den Schreibtisch schweigend an, zog die leeren Schubladen auf und fühlte hinein, tastete mit den Fingern auf der Oberfläche und an den Seiten entlang und ging einen Schritt zurück.

»Entschuldigen Sie, ich muss mal meinen Kollegen anrufen«, sagte er und tippte die Nummer von Habbo Janssen in sein Handy. »Habbo, wie weit bist du? … Hmmm … aha … Kannst du hierher kommen, zu Tjarksens? Und kannst du bei Wilhelm Adomeit vorbeifahren und ihn mitbringen? Er wohnt in der Neustadt. Königsberger Straße. Die Hausnummer musst du dir aus dem Telefonbuch heraussuchen. Ja, wir brauchen seine Hilfe. Ich rufe ihn gleich an, damit er Bescheid weiß.«

»Ist das ein Privatdetektiv, den Ihr Kollege mitbringt?«, fragte Klaus Tjarksen.

»Nee, das ist ein alter Möbeltischler.«

Versteck

»Adomeit, Tischlermeister Wilhelm Adomeit«, stellte sich der ältere Herr mit vollem, weißem Haar vor, klein und beleibt in Jeans, Flanellhemd und Wolljacke.

»Herr Adomeit, wir haben eine Spezialaufgabe für Sie. Sie müssen ein Geheimfach in diesem Schreibtisch finden«, erklärte Roolfs.

»Jehäimfach? Das krijen wirr schon. Was fier ein scheenes Stick!«, bewunderte Adomeit den Schreibtisch. Er rollte beim Sprechen das ›R‹. Auch nach fast sechzig Jahren Ostfriesland hatte sein Akzent die ostpreußische Färbung nicht verloren.

Adomeit inspizierte das Möbelstück von allen Seiten, streichelte hier und da liebevoll die Oberfläche und befühlte die Schubladen von außen und innen. Dann legte er sich auf den Rücken und betastete den Schreibtisch von unten. Dabei summte er eine schwermütige Melodie.

Renate Tjarksens Armbänder und Ketten klirrten. »Aber da kann doch nichts sein. Tammo hat doch nichts vor uns versteckt.«

»Sein Se jefällichst ruhig, bitte, ich muss mich konzentrieren«, brummte Adomeit von unten und begann mit der Hand verschiedene Stellen abzuklopfen.

»Also, dass Sie mir da nix kaputtmachen. Das ist ein altes Erbstück. Der ist wertvoll«, ermahnte Renate Tjarksen den Tischlermeister. Ihr Schmuck klimperte, ihr Feuerzeug flammte auf, und eine Wolke aus Zigarettenqualm hüllte den Schreibtisch ein. Ihr Handy piepte die Melodie des ABBA-Hits Mamma mia.

»Hallo, Sonni, das ist ja lieb, dass du mich anrufst«, rief Renate Tjarksen. »Ich dachte, du wärst noch auf Fuerto …«

Wilhelm Adomeit krabbelte unter dem Schreibtisch hervor. »Also näi, so kann ich hier nich arbeiten. So wird das nuscht. Lassen Se mich hier mal alläine machen«, sagte er und winkte die anderen mit der Hand aus dem Raum.

»Ich lass mich doch nicht in meinem eigenen Haus …«, wollte Renate Tjarksen protestieren, aber Adomeit entgegnete gemütvoll: »Also, es jibt hier nur zwäi Meechlichkeiten: Entweder Sie bläiben hier im Zimmer oder ich. Bäides jeht nich.«

Habbo Janssen schob Klaus und Renate Tjarksen mit beruhigenden Worten hinaus.

Adomeit wartete, bis die Tür verschlossen war, und flüsterte Roolfs dann zu: »In Ordnung, Herr Hauptkommissar, ich hab das Fach schon längst jefunden. Ich wäiß nur nicht, ob Sie vielleicht zuerst ohne die bäiden räinschauen wollen. Hier, bitte.« Er zog die unterste Schublade auf und öffnete einen doppelten Boden.

Roolfs entnahm dem Geheimfach zwei große Umschläge und einen Schnellhefter. Er setzte sich an den Schreibtisch. Der erste Umschlag enthielt Tammo Tjarksens Testament, das seine Frau und seinen Sohn zu gleichen Teilen als Erben einsetzte. Ein beiliegender Brief wies darauf hin, dass die zweite Ausfertigung des Testamentes beim Notar hinterlegt worden sei.

Im zweiten Umschlag lagen vier Briefe. Roolfs sah sie durch. Es waren die gesuchten Drohbriefe. Im Schnellhefter fand er Gutachten und Expertisen für geschäftliche Projekte.

»Saubere Arbeit, Herr Adomeit. Sie haben was gut bei mir.«

»Da komm ich bäi Jeleejenhäit drauf zurick. Den Rest müssen Se nu ohne mich machen. Sehn Se zu, dass Se bis Wäihnachten damit durch sind, Herr Hauptkommissar.« Adomeit klopfte Roolfs auf die Schulter und ging.

Post

Du Schwein hast mich kaputtgemacht, jetzt mach ich Dich kaputt.

Gerrit Roolfs starrte auf den Satz, der auf einer Schreibmaschine mit einem schon stark verbrauchten Farbband getippt worden war.

Er nahm den nächsten an Tammo Tjarksen adressierten Umschlag, fingerte vorsichtig den zusammengefalteten Brief heraus und las: Tammo Tjarksen, ich treffe dich da, wo es dir richtig weh tut! Im dritten Schreiben stand, getippt mit derselben Maschine, die für die beiden anderen benutzt worden war: Tammo Tjarksen, Du bist es nicht wert, das Du lebst! Der vierte Brief war mit der Hand geschrieben: Tammo Tjarksen, ich beobachte Dich, und irgendwann schlage ich zu!

Vorsichtig tütete Roolfs die vier Briefe für die Spurensicherung in Klarsichthüllen ein. Er schaltete den kleinen Fotokopierer in Tjarksens Büro an.

Während das Gerät warmlief, schaute er sich noch einmal Briefe und Umschläge an. Tjarksens Name und Anschrift waren anscheinend mit derselben Maschine getippt wie die Briefe. Auf dem Umschlag des handgeschriebenen Briefes waren Name und Adresse mit Filzstift und Buchstabenschablone geschrieben. Ein Absender fehlte auf allen Umschlägen. Sie waren in einem Briefzentrum abgestempelt worden.

Gerrit Roolfs seufzte. Früher hatte man anhand des Poststempels herausfinden können, wo ein Brief eingeworfen worden war. Aber die Integration der »Fürstlich-Ostfriesischen Post« in die Bundespost vor etwa fünfzehn Jahren hatte dem ein Ende gemacht.

Die Überschaubarkeit und Abgegrenztheit des ostfriesischen Fürstentums hatte Vorteile für die Ermittlungsarbeit. Roolfs hatte allerdings in den vergangenen Jahren den Eindruck gewonnen, dass Ostfriesland immer mehr Eigenständigkeit aufgab, und dass Fürst Carl Edzard diese Entwicklung sogar unterstützte.

Der Kopierer begann zu brummen. Er war betriebsbereit.

»Dürfen wir wieder reinkommen?« Klaus Tjarksen hatte fast unhörbar die Tür geöffnet und stand unbeholfen im Türrahmen.

»Ja, bitte. Holen Sie Ihre Mutter auch dazu. Nehmen Sie bitte Platz.« Roolfs kopierte die Briefe und die Umschläge. Dann packte er die Klarsichthüllen mit den Originalen in seine Tasche.

»Frau Tjarksen, wer hat diese Briefe an Ihren Mann geschrieben?«, fragte er und legte die Kopien vor sie auf den Tisch.

Renate Tjarksen überflog die Briefe und schlug dann die Hände vors Gesicht. »Ich kann mir das gar nicht vorstellen, also, ich weiß wirklich nicht … Wer könnte so etwas tun?«

Das Feuerzeug flammte vor ihrem Gesicht auf, und sie inhalierte den Rauch tief, um ihn dann geräuschvoll seufzend auszuatmen. »Mein Mann war ein Geschäftsmann. Der ging mit dem Kopf durch die Wand. Sie wissen ja, wie er war.«

»Was wollen Sie uns damit sagen?«, fragte Roolfs.

»Das Geschäftsleben ist ein harter Konkurrenzkampf«, schaltete sich Klaus Tjarksen ein. »Da müssen Sie kämpfen oder untergehen. Mein Vater war ein Kämpfer. Und manchmal ist er sehr weit gegangen, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Ehrlich gesagt: nein. Das müssen Sie mir schon näher erklären«, antwortete Roolfs.

»Mein Vater hatte viele Verbindungen zu Banken, zu Großhändlern, zu Leuten in Gemeinderäten und Verwaltung. Und er scheute sich auch nicht, das auszunutzen – in einem gewissen Rahmen natürlich, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Wieso muss ich immer verstehen, was Sie meinen?«, fragte Roolfs gereizt. »Sagen Sie es mir doch! Hat Ihr Vater Schmiergelder bezahlt und Konkurrenten bei Großlieferanten und Banken verleumdet? Soll ich das so verstehen, was Sie meinen?«

Klaus Tjarksen zuckte zusammen und verzog das Gesicht wie bei einem plötzlichen, starken Schmerz. Er atmete geräuschvoll durch die Zähne ein. »Nein, nein, Herr Kommissar, das habe ich nicht gesagt. Es gibt da so einen Zwischenbereich …«

»Hören Sie!« Hauptkommissar Roolfs’ Stimme klang bedrohlich. »Ihr Vater liegt im Leichenschauhaus. Und wir wollen wissen, wer daran schuld ist. Sie machen mir bis morgen früh eine Liste mit allen Namen von Geschäftsleuten, die Ihr Vater fertig gemacht hat. Und dann unterhalten wir uns mal in aller Ruhe über seine Geschäftspraktiken.«

Mittwoch, 4. Dezember

Geschenkpapier

Buchhändler Johannes Fabricius knallte den Hörer auf. Er war verärgert. Am dritten Adventswochenende sollte eine adventliche Landpartie auf der Dornumer Westerburg stattfinden. Nach dem großen Erfolg der Landpartien auf Schloss Gödens wollte Mareke Meents-Grootekamp, die neue Besitzerin der Westerburg, diese Idee auch in Dornum umsetzen.

Leider, so hatte sie Fabricius mitgeteilt, war die Buchhandlung, die sie ursprünglich für das Event ausgesucht hatte, kurzfristig abgesprungen. Aber auf ein Buchangebot wollte Mareke Meents-Grootekamp bei ihrer Landpartie auf keinen Fall verzichten. »Bücher gehören doch irgendwie mit dazu. Ein bisschen was lesen, das ist doch auch was Schönes. Ein schönes Buch mit einem Glas Wein und ein bisschen Musik … Das ist doch Kultur, Herr Fabricius.«

Natürlich hatte Fabricius zugesagt. Er sah es zwar als Affront an, dass er als Fürstlicher Hofbuchhändler nicht als Erster gefragt worden war. Aber er wusste auch, dass er auf immer draußen wäre bei den Landpartien, wenn er jetzt nicht zugriff. Und er hatte ihr zusagen müssen, dass er am Sonnabend Lesungen organisieren würde.

Fabricius ärgerte sich über sich selbst und darüber, dass er in diesem Telefonat außer ›Ja‹, ›Das kriegen wir schon irgendwie hin‹ und ›Aber klar doch‹ kaum etwas gesagt hatte. Auch mit Ende vierzig war er in manchen Situationen nicht in der Lage, seine Meinung klar zu äußern und seine Interessen zu vertreten Stattdessen ließ er sich von Leuten wie Mareke Meents-Grootekamp unterbuttern. Es war nicht zu fassen!

»Herr Erdwiens ist gerade gekommen, er wartet oben auf Sie«, sagte Tanja, die Auszubildende, und störte seinen Gedankenkreisel.

Fabricius brummte und ging nach oben, in den Bereich der Buchhandlung, der wie eine große Bibliothek aussah. Mit vollgepackten Regalen und Bücherstapeln, die zum Stöbern, Suchen und Finden verführten, und mit Sesseln, die zum Sitzen und Lesen einluden – eben so, wie nach Fabricius’ Meinung eine richtige Buchhandlung sein sollte.

Aber er wusste auch, dass er zur Finanzierung dieser Traumbuchhandlung die untere Etage brauchte, in der Kochbücher, Reiseführer, Bestseller, Krimis und Bücher für Hobby und Garten in den üblichen Wandregalen präsentiert und verkauft wurden – in jeder Buchhandlung das ewig gleiche Angebot der ewig gleichen Titel aus der kleinen Auswahl der ewig gleichen Verlage. Im Unterschied zu einigen anderen Buchhandlungen verzichtete er allerdings darauf, zusätzlich Plüschtiere, Schreibwaren und Mitbringsel in sein Sortiment aufzunehmen.

»Herr Erdwiens, was kann ich für Sie tun?« Johannes Fabricius ging auf den älteren Herrn zu, der sich im Nu aus dem Sessel erhob, wie immer tadellos gekleidet im grauen Anzug mit Weste und leuchtend bunter, modischer Krawatte. Onno Erdwiens breitete die Arme aus, seine Wangen leuchteten wie rotbackige Äpfel, sein schlohweißes Haar und seine funkelnde Brille ließen ihn wie einen Weihnachtsmann aussehen.

Erdwiens’ Stimme donnerte durch den Laden. »Gerechtigkeit für Marenholz! Ich will nichts als Gerechtigkeit für Marenholz!«

Erdwiens schrieb, seitdem er als Leiter des Norder Gymnasiums pensioniert war, historische Romane über Ostfriesland, die sich mit gutem Erfolg in der Region verkauften. Er war belesen, talentiert und äußerst liebenswürdig. Im Gleichgewicht wurden diese guten Gaben durch sein stark ausgeprägtes Bedürfnis nach Öffentlichkeit und Anerkennung gehalten, sowie durch seine Unfähigkeit, in einem Gespräch, in dem es nicht um ihn oder seine Lieblingsthemen ging, länger als eine Minute zuzuhören.

»Herr Erdwiens, ich glaube, ich verstehe nicht ganz«, antwortete Fabricius irritiert.

»Das ist mein neues Buch: Gerechtigkeit für Marenholz! Ich habe einen Roman über den unglücklichen Geheimrat Marenholz geschrieben. Mit einem Justizmord hat ihn der Sohn von Gräfin Juliane beseitigen lassen. Und ich möchte das Buch nirgendwo anders vorstellen als hier bei Ihnen. Nun, was sagen Sie? Sagen Sie ›Ja‹, und Sie machen einen alten Schriftsteller glücklich!« Onno Erdwiens umfasste Fabricius’ Schultern. Sein Aftershave roch durchdringend.

Der Buchhändler hatte auf einmal eine Eingebung. »Herr Erdwiens, ich mache Ihnen noch ein viel besseres Angebot: In zehn Tagen ist die Landpartie auf der Dornumer Westerburg. Ich bin für die literarische Begleitung dieses Ereignisses zuständig und darf den Schriftsteller vorschlagen, der die Lesungen gestaltet. Ich möchte Sie vorschlagen.«

Onno Erdwiens drückte Johannes Fabricius an sich. »Johannes, von heute an sind wir Freunde! Jetzt kann es Weihnachten werden!«

Zucker

Gerrit Roolfs fuhr den Westlinteler Weg hoch. Er dachte darüber nach, wie lange es wohl dauern mochte, bis die Baulücke zwischen Norden und Norddeich geschlossen würde. Er nahm die Linkskurve in den Hollanderweg, fuhr noch ein Stück und hielt dann vor einem Einfamilienhaus.

Mit wenigen Schritten war er an der Tür. Er drückte auf den Klingelknopf und vergewisserte sich, dass ein Summton im Flur zu hören war. Er sah noch einmal auf die Namensliste, die Klaus Tjarksen ihm heute früh gefaxt hatte. Fünf Personen standen darauf, die den Geschäftspraktiken von Tammo Tjarksen zum Opfer gefallen waren oder zumindest erheblichen Schaden durch ihn erlitten hatten.

Zwei Namen hatte Roolfs schon abgehakt, weil einer der Genannten wegen einer Gallenoperation im Krankenhaus lag und der andere vor zwei Wochen in den Urlaub nach Tansania geflogen war.

Durch die Glasscheibe sah Roolfs, dass im dunklen Flur Licht eingeschaltet wurde, und gleich darauf hörte er, wie ein Schlüssel in das Türschloss gesteckt und nach einigen Versuchen erfolgreich umgedreht wurde.

Ein schlanker Mann um die sechzig stand in der Tür, unrasiert, mit fettigen, grauen Haaren. Er trug eine hellblaue Jeans und ein schmuddeliges, graues Sweatshirt.

Das ist also ein Opfer unseres geschäftstüchtigen Weihnachtsmannes, dachte Gerrit Roolfs. »Herr Ulrich Siemers?«, fragte er.

Der Mann verschränkte die Arme vor der Brust. »Ja, der bin ich. Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?«

»Moin, Herr Siemers, ich bin Hauptkommissar Gerrit Roolfs. Wir ermitteln im Mordfall Tammo Tjarksen. Wir wissen, dass Sie Ihren Laden an ihn verloren haben. Ich habe ein paar Fragen an Sie.«

Wortlos trat Siemers beiseite und ließ den Hauptkommissar hereinkommen. Er schloss die Tür wieder ab und bat ihn in sein Wohnzimmer.

Gerrit Roolfs setzte sich in den großen Sessel. Die lederne Sitzgarnitur sah teuer aus, aber das Material war stumpf und fleckig geworden. Eine große, aufwändig gearbeitete Schrankwand aus Kirschholz beherrschte den Raum. Die Fächer waren mit Fotoalben, zerknautschten Taschenbüchern und Videokassetten vollgestopft. Auf der Fensterbank standen Plastikblumen.

Im Fernsehen lief gerade eine Talkshow. Als Thema wurde im Untertitel Dick und glücklich? eingeblendet. Ein ungeheuer dicker junger Mann ächzte die paar Stufen zum Moderator hoch und verkündete nach Luft jappend ins Mikrofon, dass er sich rundum gut fühlte. Siemers drehte den Ton ab und setzte sich auf die Couch.

Auf dem Tisch lagen aufgeschlagene Illustrierte und Rätselhefte. Die Kreuzworträtsel waren bis auf wenige freie Felder ausgefüllt. Daneben lagen Postkarten, die Siemers mit Lösungswörtern versehen und an die Redaktionen der Gewinnspiele adressiert hatte.

Siemers zog den Aschenbecher, der zu drei Vierteln mit Kippen gefüllt war, heran und begann sich eine Zigarette zu drehen. »Also schießen Sie los, Herr Hauptkommissar«, sagte er, leckte das Zigarettenpapier an und drehte die Zigarette fertig.

»Herr Siemers, was haben Sie in der Nacht von Freitag auf Sonnabend gemacht?«

Demonstrativ inhalierte Siemers den ersten Zug. Die Hand mit der Zigarette zitterte. »Nix Besonderes. Ich war hier zu Hause. Hab Fernsehen geguckt, Kreuzworträtsel gemacht, Illustrierte gelesen.« Er schenkte sich aus der Thermoskanne Kaffee in einen Becher mit Werbeaufdruck. »Wollen Sie auch einen, Herr Kommissar?«

»Kann das jemand bezeugen?«

Siemers stellte die Kanne wieder ab und häufte sich Zucker in den Becher. Dabei verstreute er mindestens die Hälfte auf den Tisch. »Nee, wer soll das denn können?«

»Wissen Sie was? Holen Sie mir auch ’ne Tasse, und dann erzählen Sie mir mal etwas über Tammo Tjarksen!« Während Siemers in der Küche nach einer sauberen Tasse suchte, verfolgte Roolfs für ein paar Momente, wie in der Talkshow ein magersüchtiges Mädchen interviewt wurde.

Weihnachtsmarmelade

»Tammo Tjarksen ist ein Dreckskerl. So einen Abgang hätte ich ihm zwar nicht gewünscht, aber irgendwie musste das mal so enden. Verstehen Sie das?«

»Nee, versteh ich nicht. Erklären Sie mir das mal näher«, antwortete Gerrit Roolfs und trank einen Schluck. Der lauwarme Kaffee schmeckte bitter und sauer. Er musste schon etliche Stunden in der Thermoskanne gestanden haben. Roolfs löffelte Zucker in seinen Kaffeebecher und füllte ihn bis zum Rand mit Kondensmilch auf.

»Ich hatte ein Geschäft in Greetsiel und eins in Norddeich«, erzählte Siemers. »Ostfriesische Spezialitäten, so etwas für die Urlauber. Auch viele Einheimische kauften das gern: Marmeladen aus Hagebutten und Sanddorn, Gebäck, hausgemachte Wurst und Grünkohl in Weckgläsern, Räucherfisch und all solche Sachen. Der Renner war meine ostfriesische Weihnachtsmarmelade mit Orangen, Äpfeln, Pflaumen. Dazu ein schönes Teearoma, ein guter Schuss Rum und eine Handvoll Weihnachtsgewürze. Das hab ich selber erfunden, und was da sonst noch reinkam, das weiß kein Mensch. Das hat auch Tammo Tjarksen nicht herausgekriegt.«

Ulrich Siemers grinste und drehte sich mit seinen gelbbraun gefärbten Fingern eine neue Zigarette. »Ich bin gelernter Koch und Konditor. Ich versteh mein Handwerk. Aber ich bin kein guter Geschäftsmann. Das machte immer meine Frau. Ich kümmerte mich um gute Ware. Die meisten Waren stellten wir selbst her. Mein Schwager machte den Norddeicher Laden, und ich war in Greetsiel. Es ging immer alles ums Geschäft. Das war unser Leben. Eines Tages hatte meine Frau die Schnauze voll und ging von mir weg. Dann gab es Krach mit meinem Schwager, und alles ging den Bach runter. Schlechtes Personal, Pech mit der Buchführungsfirma und zweimal nacheinander eine verregnete Sommersaison.«

Er sah zum Fernseher, wo eine dicke Jugendliche gerade von einem athletischen jungen Mann beschimpft wurde.

»Und dann kam Tjarksen?«, fragte Roolfs.

»Dann kam Tjarksen und räumte ab«, bestätigte Siemers und nickte. »Die Bank wollte mir keinen Kredit mehr geben, und Tjarksen bot mir einen Vertrag an. Wir sollten jetzt Partner werden, und er wollte mich ganz groß rausbringen. Ich war damals ziemlich unten: Alkohol und so. Ich hab das unterschrieben, und auf einmal war ich in meinem eigenen Laden nur noch ein Angestellter. Und als ich die Trinkerei nicht in den Griff bekam, war ich gefeuert. Gefeuert aus meinem eigenen Laden!« Ulrich Siemers’ Stimme überschlug sich. Er trank einen Schluck Kaffee. »Entschuldigen Sie. Wie war noch mal Ihr Name? Ich hab das vorhin nicht genau verstanden.«

»Roolfs.«

»Herr Roolfs, ich bin inzwischen trocken. Dieses Haus hier habe ich in den guten Zeiten gekauft. Es ist alles abbezahlt. Und als Abfindung für die beiden Geschäfte bekomme ich aus dem Vertrag mit Tjarksen jeden Monat Geld, so eine Art Rente. Es ist nicht viel, aber es langt für mich.«

»Sie haben Tjarksen damals Drohbriefe geschrieben«, stellte Gerrit Roolfs fest. »Wir haben sie in Tjarksens Schreibtisch gefunden.«

»Das stimmt. Für mehr reichte mein Mut damals nicht. Aber das ist lange her. Fast acht Jahre. Jetzt ist das alles nicht mehr zu ändern. Was soll ich davon haben, dass er jetzt tot ist?«

»Rache?«

»Ist was für Krimis. Aber nicht für mich. Ich habe mich damit abgefunden. Darf ich den Brief noch mal sehen?«

»Natürlich, ich habe alle dabei.«

»Wieso alle? Ich habe nur einen geschrieben.«

Weihnachtsgeschäft

»Ehrlich gesagt, das kommt mir alles sehr ungelegen.« Johannes Fabricius wuchtete den Bücherkarton auf seinen Schreibtisch. »Das Weihnachtsgeschäft ist für den Buchhändler genauso lebenswichtig wie für den Weihnachtsmann.« Aus den Lautsprechern eröffneten Trompeten und Pauken den Eingangssatz des Weihnachtsoratoriums von Bach in der Gardiner-Einspielung.

»Das ist in diesem Fall wohl ein unpassender Vergleich«, bemerkte Gerrit Roolfs und setzte den anderen Bücherkarton ebenfalls auf dem Schreibtisch ab.

»Ich weiß nicht, wie ich euch helfen soll«, sagte Fabricius. »Außerdem will ich ein paar Tage mit Beverly nach London. Und dann habe ich auch noch die letzten Proben für unser Konzert.«

»Ich denke, das Weihnachtsgeschäft ist lebenswichtig?«, provozierte Gerrit.

»Das Geschäft schließt ja auch nicht. Die kommen ein paar Tage ohne mich zurecht. Vielleicht sogar besser als mit mir. Also, in Ordnung. Wenn ich etwas Konkretes tun kann, gib mir Bescheid.«

»Weiß Beverlys Mann nichts von euch?« Gerrit spielte darauf an, dass sein Freund die Frau des bekannten ostfriesischen Geschäftsmannes bei den Ermittlungen im letzten Jahr kennen gelernt hatte und dass die beiden seitdem zwar nicht gerade eine heiße Affäre hatten, aber hin und wieder ein paar Tage gemeinsam verreisten.

»Nicht direkt. Er weiß, dass sie jemanden trifft, so wie er auch seine nebenehelichen Arrangements hat. Aber er weiß nicht, dass zwischen uns noch etwas ist. Dass würde ihn auch belasten, und belasten wollen wir ihn ja nicht. Van Westen denkt, dass Beverly ein paar Kuscheltage mit ihrem Tennislehrer in London verbringt.«

»Und mit wem verbringt der Tennislehrer jetzt seine Kuscheltage?«, wollte Gerrit wissen.

»Mit Beverlys Bruder. So, und nun muss ich mich wieder um meine Bücher kümmern.«

Erinnerungen

In Gedanken ging er den Plan für heute Abend noch einmal durch. Leiser Zweifel überkam ihn. War es richtig, was er sich zu tun vorgenommen hatte? Auf einmal sah er die Szene wieder ganz deutlich vor sich.

Plötzlich spürte der Junge einen harten Griff in seinem Nacken. Der heftige Schmerz erschreckte ihn so, dass er etwas von der Milch verschüttete, mit der er den kleinen Hund füttern wollte.

»Wem soll ich das Genick umdrehen? Dir oder deinem Köter?«

Der kleine Hund leckte ihm mit seiner weichen Zunge die Milchtropfen von den Fingern.

Die eiserne Hand packte noch stärker zu. »Hörst du nicht, wenn dein Vater mit dir redet?«

»Hör auf, das tut weh! Lass mich los«, schluchzte er.

Mit einem Mal ließ die Hand los und gab ihm einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken.

Gerade, als der Junge dem Welpen die Schüssel Milch zuschob, bückte sich der Mann blitzschnell, packte den Hund, drehte ihm das Genick um und schleuderte das kleine Tier ins Gebüsch.

Als der Junge den Hund am Abend im Garten begraben hatte, stand plötzlich die Mutter neben ihm.

»Das hast du schön gemacht, mein Junge. Am besten wir sagen ihm gar nichts davon, sonst regt er sich wieder auf.« Mit dem Fuß zertrat sie den kleinen Erdhügel, den der Junge glattgeklopft hatte. Sie strich dem Jungen über die Haare und sagte: »Sei nicht traurig. Das Beste ist, wenn er das hier gar nicht mitbekommt. Wir wissen ja, wo dein kleiner Hund ist. Das ist unser Geheimnis.«

Auch nach über fünfzig Jahren wusste er noch genau, an welcher Stelle im Garten er damals den kleinen Hund begraben hatte. Und er spürte die Hand in seinem Nacken. Auf einmal war es ihm egal, ob es richtig war, was er für heute Abend plante. Es war auf jeden Fall das, was er tun wollte.

Verknobelung

Theo Seifert hatte Glück an diesem Abend. Es war eine alte Tradition, dass am Vorabend des Nikolaustages in ostfriesischen Gaststätten mit einem kleinen Einsatz um Preise wie Torten, Kuchen, Geflügel, Schinken, Würste und andere Lebensmittel gewürfelt wurde. »Verknobeln« hieß dieser Brauch.

Seifert hatte wie jedes Jahr an der großen Nikolaus-Verknobelung in der Gaststätte Norder Wappen teilgenommen. Mit einem Schinken, zwei großen Mettwürsten und einem Hasenbraten in seiner vollgepackten Aktentasche machte er sich auf den Nachhauseweg.

Die frostkalte Luft schlug ihm wie eine Ohrfeige ins Gesicht, als er aus der überhitzten und verräucherten Gaststätte nach draußen kam. Er war nicht mehr daran gewöhnt, so viel zu trinken. Er blieb einen Moment vor der Tür stehen, hörte das Stimmengewirr, das Volksmusikgedudel und dazwischen die Zurufe und Kommentare der Leute zum Würfelspiel.

Er nickte sich selbst ermunternd zu und ging los. Von hier aus war es höchstens eine Viertelstunde zu Fuß nach Haus. Vom Glockenturm der Ludgerikirche schlug es elfmal.

Das Licht wurde gerade in diesem Moment abgeschaltet. Er ging weiter, stolperte und ließ seine Aktentasche fallen. War seine Glückssträhne zu Ende?

Seifert hob die Tasche auf und dachte daran, wie lang es her war, dass er mit seiner Familie Weihnachten gefeiert hatte. Wie mochte es seiner Frau gehen? Seine beiden Töchter würden zu Weihnachten sicher wieder nur eine Ansichtskarte aus dem Ski-Urlaub schreiben.

Er spürte das Gewicht der Tasche. Immerhin war für einen reich gedeckten Tisch an den Festtagen gesorgt, tröstete er sich und setzte seinen Weg fort. Er hörte schlurfende Schritte. Folgte ihm jemand? Als er sich umdrehte, sah er jemanden in einer Lohne verschwinden.

Nach ein paar Minuten kam Seifert in die Straße, in der er und seine Nachbarn vor etwa vierzig Jahren fast gleichzeitig ihre Häuser gebaut hatten. Eine nette Nachbarschaft, bis ihr hier eingezogen seid, dachte er, als er am Haus der Fischers vorbeiging. Alles war dort dunkel, scheinbar war niemand zu Hause.

Theo Seifert öffnete seine Gartenpforte und suchte dann in allen Taschen nach seinem Hausschlüssel, als er hörte, wie Schritte näher kamen. Er drehte sich um. »Ach, du bist es. Ich habe dich fast nicht erkannt. Wir haben uns ja schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Was machst du denn um diese Zeit hier? Weißt du was, ich mach uns erst einmal einen ordentlichen Grog gegen die Kälte. Halt mal die Tasche, ich schließe uns auf …«

Donnerstag, 5. Dezember

Post

Die Tür zu Theda van Immens Büro stand offen und weder sie noch Kriminalassistent Siebels, mit dem sie das Zimmer teilte, waren da. Kommissar Christian Gronewold vergewisserte sich, dass ihn niemand sah, und ging hinein.

Auf van Immens Schreibtisch lag oben auf dem Aktenstapel ein Brief mit dem Absenderstempel der Polizeibehörde des Fürstlichen Innenministeriums. Gronewold steckte den Brief ein und verließ den Raum.

Sein Kollege lag mit einer schweren Grippe im Bett, so dass er sein Büro schon seit Tagen für sich allein hatte. Er setzte sich an den Schreibtisch und öffnete den Brief. Enttäuscht las er, dass Theda van Immen nur erinnert wurde, ihre neue Bankverbindung anzugeben, damit man ihr Gehalt überweisen könne.

Gronewold schaltete seinen Aktenvernichter ein und ließ zuerst den Brief und dann den Umschlag in das Schneidewerk gleiten. Er sah aus dem Fenster nach draußen.

Auf dem Torfmarkt entließen die Busse gerade die Schüle­rinnen und Schüler, die in gut gelaunter Müdigkeit zur Berufsschule oder zum Gymnasium gingen. Er beobachtete, wie eine Schülerin von einer anderen in die Hecke geschubst wurde. Seit seiner Schulzeit hatte sich offenbar nicht viel geändert.

Da sah er plötzlich, dass noch zwei andere Schülerinnen dazukamen und ein paarmal mit den Füßen nach dem Mädchen in der Hecke traten.

Christian Gronewold schaltete den Aktenvernichter aus.

Nikolaus

Theda van Immen bog langsam in das Gewerbegebiet ab. Es hatte wieder gefroren in der Nacht, und die Straßen waren glatt. Nur auf der Norddeicher Straße war gestreut worden. Sie parkte vor der großen Halle, in der ein Bus stand, und stieg aus ihrem gut beheizten Auto.

Ein Mann kletterte aus dem Bus und hielt ihr den Papierkorb hin. Er war fast voll mit Alkopop-Flaschen, Zigarettenschachteln und Papier von Süßigkeiten. »Hier, gucken Sie mal. Das ist das Ergebnis einer Schulbustour. Ich finde, die Lehrer müssten etwas dagegen tun. Die sind doch jeden Tag mit den Kids zusammen.«

»Ich finde, die Busfahrer müssten etwas dagegen tun. Die sind doch auch jeden Tag mit den Kids zusammen.«

»Und wer soll dann den Bus fahren?«

»Und wer soll den Unterricht geben, während die Lehrer Sozial­arbeit machen? Vielleicht können ja die Eltern der Kids den Bus und die Schule übernehmen, und Sie machen deren Job.« Theda van Immen lächelte den Fahrer freundlich an.

Der Busfahrer schaute sie einem Moment verdutzt an und grinste dann. »Vielleicht haben Sie gar nicht so unrecht. Bei den Kegelclubleuten, mit denen ich im Sauerland war, sind einige dabei, die drücken ihren Kindern hundert Euro in die Hand, und dann verschwinden sie für ein paar Tage auf Sauftour und lassen ihren Nachwuchs allein. Das kann’s doch nicht sein. Sind Sie die Kommissarin?«

»Theda van Immen«, stellte sie sich vor. »Sind Sie der Taxifahrer, der Tammo Tjarksen fahren sollte?«

»Ja, ich sollte Tammo von der Weihnachtsfeier abholen. Aber als ich kam, war er schon weg. Wir fahren immer für ihn, und das gibt es normalerweise nicht bei ihm, dass er einfach einen anderen Wagen nimmt. Meistens fahre ich ihn. ›Der Chef persönlich‹ – Sie wissen schon!«

»Ist Ihnen denn etwas aufgefallen, als Sie gewartet haben?«

»Nein. Zwei junge Frauen kamen aus der Gaststätte und wollten, dass ich sie nach Hause fahre. Ich habe dann einen anderen Fahrer angefunkt, und der war zehn Minuten später da und hat sie mitgenommen. Und dann bin ich reingegangen, um Tjarksen abzuholen, aber mir wurde gesagt, er sei schon weg.«

Theda van Immen überlegte einen Moment. »Sie sagten, dass Sie ihn öfter fahren. War das so üblich, dass er Sie anrief und dann wartete, bis Sie hereinkamen?«

»Nö, der stand sonst immer draußen und wartete. Der wollte immer noch einen Moment alleine an der frischen Luft sein.«

»Haben Sie etwas bemerkt, als Sie mit dem Wagen ankamen?«

Der Taxifahrer schüttelte den Kopf. »Eigentlich nicht. Tut mir leid, aber da fällt mir absolut nichts ein.«

»Vielen Dank, dass Sie einen Moment Zeit hatten. Tschüss.« Theda van Immen drehte sich um und klimperte mit ihren Autoschlüsseln.

»Warten Sie. Eine Sache fällt mir da doch ein. Aber das ist vielleicht nicht so wichtig.«

Theda van Immen schenkte ihm ihr strahlendstes Lächeln. »Im Fernsehen sagt die Kommissarin an dieser Stelle immer: Was wichtig ist oder nicht, das müssen Sie schon uns entscheiden lassen.«

Der Taxifahrer schnäuzte sich kraftvoll die Nase. »Also, als ich kam, stieg gerade jemand, der als Weihnachtsmann verkleidet war, in ein Taxi und fuhr ab. Mehr konnte ich nicht erkennen.«

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
25 mayıs 2021
Hacim:
303 s. 6 illüstrasyon
ISBN:
9783839264485
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Telif hakkı:
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