Kitabı oku: «Die 12 Häuser der Magie»
Die 12 Häuser der Magie
Schicksalskämpfer
Andreas Suchanek
Copyright © 2020 by

Drachenmond Verlag GmbH
Auf der Weide 6
50354 Hürth
http: www.drachenmond.de
E-Mail: info@drachenmond.de
Lektorat: Nina Bellem
Korrektorat: Michaela Retetzki
Layout: Michelle N. Weber
Umschlagdesign: Alexander Kopainski
https://kopainski.com
Bildmaterial: Shutterstock
ISBN 978-3-95991-695-0
Alle Rechte vorbehalten
Inhalt
Prolog
I. Der Verlust des Schicksals
1. Hoffnungslos
2. Spurensuche
3. Mit ein wenig Verspätung
4. 1744
5. Die Schattentänzerin
6. Von Leib zu Leib
7. Zerstörung
8. Die Apparatur
9. Ein Gespräch unter Freunden
10. Des Schicksals grausame Wahrheit
II. Die Gnadenlosigkeit des Schicksals
11. Tränen der Endgültigkeit
12. Ein Brief aus der Vergangenheit
13. Echo aus dem Gestern
14. Europa, wir kommen
15. Wo Trauer ihren Anfang nahm
16. Tote Zone
17. Durch den Spiegel
18. Im Zentrum der Dunkelheit
19. Vereint ohne Hoffnung
20. Die endgültige Entscheidung
III. Der Tod des Schicksals
21. Dunkle Zeiten
22. Heimkehr
23. Der Schlüssel
24. Siebenmal Hoffnung
25. Schicksal in Aufruhr
26. Letzte Vorbereitungen
27. Alles oder nichts
28. Die Apparatur
29. Zwischen Gestern und Heute
30. Ein Schritt, ein letzter Augenblick
31. Die ganze Wahrheit
32. Schatten und Gold
Glossar
Nachwort
Prolog
Statuen aus schwarzem Glas standen dicht an dicht. Ihre Glieder waren detailreich ausgearbeitet, die Oberfläche glatt. Bei ihrer Fertigung war Magie zum Einsatz gekommen, sie umgab die Kunstwerke wie eine zweite Haut. Nichts anderes hätte etwas derart Kunstvolles erschaffen können.
Er schwebte in der Mitte des Raumes, obwohl er eigentlich fiel, und fragte sich, wie all das hatte passieren können. Die Wahrheit, nur wenige Worte, nicht mehr, doch mit der Durchschlagskraft einer entgleisten Lokomotive.
Die ersten Risse erschienen auf den Oberflächen. Sich verästelnde Linien, die zu Netzstrukturen anwuchsen. So fein, hauchdünn, doch von solcher Zerstörungskraft.
Er sah, was geschehen würde, war jedoch machtlos.
Wie sollte er es auch aufhalten?
Ein Plan, gewoben aus purer Boshaftigkeit, wurde Wirklichkeit. Und selbst das Schicksal musste sich geschlagen geben.
Zwischen den kantigen Felsen der Höhle ging eine Ära zu Ende.
Das Glas zerbrach.
Ein Regen aus Scherben wirbelte durch die Luft, zerschnitt Haut und hinterließ Rinnsale aus Blut. Dunkelrote Flüsse in einem pulsierenden Flussbett.
Die Glasscherben verloren sich im Nichts.
Jede Hoffnung starb.
Teil I
Der Verlust des Schicksals

Kapitel 1
Hoffnungslos
Nic trat aus dem schwarzen Spiegel im sicheren Haus, nur um einer verwirrten Liz von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen.
»Wo ist Matt?«, fragte sie.
Im ersten Augenblick starrte er sie lediglich ungläubig an. Sein bester Freund war vor ihm durch die Passage gegangen, hatte das schwarze Glas des Spiegels durchschritten.
Wieso war er nicht hier?
Liz blickte mit geweiteten Augen zwischen ihm und dem Portal hin und her. Ihr schulterlanges blondes Haar war noch immer zerzaust von dem langen Flug nach Spanien, wo sie die Spiegelpassage kurz vor ihren Gegnern gefunden hatten. Die Oberfläche bestand wieder aus fester Substanz, die Verbindung hatte sich geschlossen.
Nic warf sich herum, packte den Spiegelrahmen und entfesselte seine Gabe, auf die schwarzen Linien zuzugreifen. Vor seinem inneren Auge sah er den Ausgang in Spanien, tief unter dem Mausoleum. Vor dem Spiegel standen die Jäger von Inés, dazu bereit, jeden zu erledigen, der aus der Verbindung trat.
»Er ist nicht wieder zurückgetaumelt«, flüsterte Nic.
»Kann er durch einen anderen Ausgang gestürzt sein?«, fragte Liz.
»Er ist tot«, brachte sich Nox in Erinnerung. »Spar dir die Suche.«
Am liebsten hätte Nic den verdammten Familiaris in der Luft zerfetzt. Doch die gargoyleartige Kreatur besaß keinerlei feste Substanz und war lediglich für ihn sicht- und hörbar. Inés hatte ein Band geschmiedet, das keiner von beiden auflösen konnte. Sobald er das geheime Herrenhaus von Chavale verließ, würde Nox seinen Aufenthaltsort der neuen Obersten des 13. Hauses mitteilen. »Halt die Schnauze!«
»Du hast deine Rolle als Sklave noch nicht akzeptiert.« Mit einem Grinsen verschränkte der Familiaris die krallenbewehrten Klauen. »Aber das kommt noch. Sobald du den Tod dieses Versagers akzeptiert hast.«
»Er kann doch nicht einfach verschwunden sein.« Liz bebte vor Tatendrang.
»Ich kann sie nicht beide verloren haben«, flüsterte Nic. »Zuerst verschwindet Jane, während sie gegen einen Fatumaris kämpft, irgendwo im Schatten, dann ist Matt fort.«
Die Erkenntnis kam über ihn wie eine Welle. Sein Vater saß in einer Zelle des magischen Gefängnisses Akantor, der ehemalige Oberste des 13. Hauses, Jeremiah, war tot. Die übrigen Häuser hielten Liz, Jane, Angelo, Matt und ihn für Jünger des Dämons. Seine beiden Freunde waren verschwunden und das, kurz nachdem Matt erfahren hatte, dass sein Bruder Mikael gestorben war. Ach ja, Gabriel war dagegen noch am Leben.
Für einen Augenblick wurde Nics Brust eng, er konnte nicht mehr atmen. Keuchend stützte er sich an der Wand ab.
»Hey, ganz ruhig.«
Liz zog ihn in ihre Arme. Ihre Nähe gab ihm Kraft, sein Atem beruhigte sich. Ihre Herzschläge glichen sich an, sanft legte sie ihre Stirn an seine.
»Es ist alles zerstört«, hauchte Nic. »Wie konnte das passieren?«
»Wir gehen ein Problem nach dem anderen an«, gab sie ebenso leise zurück. »Aber langsam. Atme tief durch. Wir schaffen das.«
»Berühmte letzte Worte«, krächzte Nox.
Nic stöhnte frustriert auf. »Ich kann nicht mal nach ihm suchen. Sobald ich gehe, verrät mich dieses verschuppte Ding.«
»Nox«, schloss Liz. »Wir finden auch für ihn eine Lösung. In Chavales Bibliothek gibt es so viele Bücher, in einem davon steht bestimmt ein passender Zauber.«
Doch einstweilen saß er hier fest. Und da er der Einzige zu sein schien, der die schwarze Spiegelverbindung öffnen konnte, würden weder Matt noch Jane hierher zurückkehren können.
»Ich will, dass alles wieder so ist wie vorher.« Selbst diese wenigen Worte kosteten ihn mehr Kraft, als sie es tun sollten.
Unweigerlich erinnerte er sich an das Skydive. Irgendwo sprang das Café von einem Ort zum nächsten. Lachende Schüler saßen darin und tranken, Pärchen küssten sich … damals war ihm alles schwer erschienen, aber in Wahrheit so leicht gewesen. All das war vorbei, gehörte zu einem anderen Leben. Vergangen in niedergemetzelten Freunden und zerstörter Hoffnung.
»Niemand konnte wissen, dass es Inés ist.« Liz strich ihm über die Wange. »Nicht einmal Jeremiah wusste es und er hat täglich mit ihr zusammengearbeitet.« Vorsichtig trat sie einen Schritt zurück. »Du bist nicht allein, okay?«
Er nickte, wenn auch zögerlich. Falls Inés die Wahrheit gesagt hatte, hätte Nic niemals ins 13. Haus kommen sollen. Sein eigener Vater hatte durch eine Änderung des Schicksals dafür gesorgt.
Doch darüber nachzudenken brachte nichts. Er schob das Knäuel aus Fragen beiseite.
»Gehen wir nach oben«, schlug Liz vor. »Was wir auch tun, es muss gut durchdacht sein.«
Sie stiegen die Stufen empor, der Keller des Chavale-Hauses blieb hinter ihnen zurück. Es stand irgendwo in London, mit einem so starken magischen Schutz versehen, dass es auf normalen Weg nicht betreten werden konnte. Mit dem schwarzen Spiegel als einzigen Ausgang.
Da Nic nicht wusste, wo es sich in der realen Welt befand, konnte auch Nox die Position lediglich erahnen. Inés musste folglich erst einmal suchen.
Sie traten in den Salon, wo Nic sich in den Sessel fallen ließ. Liz verschwand in die Küche und kehrte mit zwei Tassen Tee zurück. Sofort fühlte Nic sich an Matt erinnert, der ständig etwas aus der Küche gebracht hatte, bevor er wieder darin verschwunden war. Meist die nach Unkraut schmeckende Pflanzenpaste.
Vor dem Fenster war dichte Nacht heraufgezogen, die Straßenlaternen warfen ihren Schein herein. Bei ihrem Eintreten waren die Glühbirnen in den Wandlampen zum Leben erwacht, der Kristallleuchter an der Decke hatte aufgeleuchtet. Chavales Haus besaß überall kleine Tricks, er war seiner Zeit weit voraus gewesen. Im ganzen Gebäude gab es Mechanismen, die selbst in der Gegenwart im alltäglichen Gebrauch erst seit wenigen Jahren Anwendung fanden.
Der aromatische Duft von Schwarztee stieg Nic in die Nase. »Wenigstens ein bisschen Koffein.«
Liz schmunzelte. »Du bekommst bald wieder einen Kaffee. Irgendwie.«
Schritte erklangen, als jemand die Treppe benutzte.
Nic sprang auf, stieß dabei die Tasse um und blickte hoffnungsvoll zur Tür. Liz berührte ihren Animastein im Silberring, fast als glaubte sie, Inés habe einen Weg hierher gefunden.
»Sie sollte einen tödlichen Zauber anwenden«, schlug Nox vor. »Sag ihr das. Es könnte alles sein, was gleich durch diese Tür hereinkommt.«
Doch es war weder Matt noch einer ihrer Feinde.
»Angelo.« Nic starrte auf seinen ehemaligen Trainer, den er mittlerweile als Freund bezeichnete.
Dieser trug einen dichten Bart, das T-Shirt spannte über die breiten Schultern und das schwarze Haar war zerzaust.
»Wo wart ihr?!«, rief er. »Ich bin aufgewacht und das ganze Haus war verlassen.«
Die Infiltration der Träume von Jeremiah hatte für Angelo fatale Folgen gehabt. Während Liz, Nic und Matt wieder erwacht waren, hatte er es nicht zurückgeschafft. Seit jenem Zeitpunkt hatte er geschlafen.
Liz rannte zu ihm und zog ihn in eine Umarmung. »Seit wann bist du wach?«
»Einige Stunden«, erwiderte er.
»Das muss mit Jeremiahs Tod zu tun haben.« Liz wandte sich Nic zu. »Angelo war noch mit den Träumen verbunden, vermutlich auf halber Strecke gefangen. Aber als der Oberste starb, ist die Verbindung vollständig kollabiert.«
»Er ist … tot?« Angelo wurde bleich. »Was ist passiert?«
»Vielleicht setzt du dich besser.« Liz schob ihm ihre Teetasse zu, nachdem er auf dem Sofa Platz genommen hatte.
Nic griff nach der Seidendecke der Vitrine, zog sie herunter und wischte sich damit den Schwarztee notdürftig von seiner Hose. Erst danach setzte er sich neben Liz.
Abwechselnd berichteten sie von den Ereignissen auf dem Schloss in Österreich, der Versammlung des Rates und Inés Coup, mit dem sie ein perfektes Märchen erzählt hatte. Durch die Abspaltung ihrer Fatumaris-Wesen hatten alle geglaubt, dass Liz, Jane, Matt und Nic in Wahrheit den Rat angriffen. Sie hatte Nics Vater als Verräter hingestellt, worauf dieser seinen Platz im Rat verloren hatte und im Gefängnis gelandet war.
Schließlich kamen sie zu jenem Teil, der Angelo unmittelbar betraf.
»Es war nicht Gabriel, der in Brasilien gestorben ist«, berichtete Liz. »Inés hat Matts Bruder umgebracht und deinen Freund gefangen genommen. Alle dachten, dass Gabriel tot ist, aber es war Mikael. Somit konnte ein neuer Schicksalswächter ernannt werden und niemand bemerkte, dass es Inés war, die ihr Talent verloren hat. Sie ging einen Pakt mit dem Dämon ein.«
»Sie dachten, ich sei ein Ersatz für Gabriel, verstehst du?«, hakte Nic noch einmal nach. »Doch in Wahrheit wurde ich ernannt, weil Inés ihre Kraft verlor.«
Angelo starrte ihn an, als hätte Nic sich in den Dämon persönlich verwandelt. Zögerlich öffnete er den Mund. »Gabriel lebt?«
»Er ist von der langsamen Sorte, was?«, fragte Nox.
»Er lebt«, bestätigte Liz.
Für ein paar Sekunden lag allumfassende Stille wie ein Leichentuch auf dem Salon.
Angelo sprang auf. »Wir müssen ihn finden!«
»Was die Frage aufwirft, wie.« Liz bedeutete ihm, sich wieder zu setzen. »Wir sind ab sofort Gejagte. Und da ist noch Nox.«
Sie berichtete von der Allianz zwischen Inés und dem Familiaris sowie dem Verschwinden von Jane und Matt.
Mit jedem Satz fiel Angelos Gesicht weiter in sich zusammen. »Ich habe ihn allein gelassen. Seit Monaten ist er gefangen.« In seinen Worten schwang so viel Schuld mit, dass es Nic das Herz zerriss. »Er liegt irgendwo in einem Verlies und wartet darauf, dass ich ihm helfe.«
»Du kannst nichts dafür«, redete Nic beschwörend auf ihn ein, wohl wissend, dass es keine Rolle spielte. »Sie hat uns hereingelegt, uns alle. Es gab eine Leiche.«
»Matts Bruder.« Angelo schluckte. »Mikael musste sterben, damit Gabriel leben kann. Und ich war mit beiden zusammen … hatte mit beiden …« Sein Gesicht wurde bleich.
Angelo sprang auf und rannte in die Küche. Nic wollte ihm folgen, doch Liz hielt ihn zurück. Sekunden später waren Würgegeräusche zu hören, gefolgt von einem kurzen Schluchzen. Als er zurückkehrte, war sein Gesicht eine einzige Maske, die Augen geschwollen.
Perfider hätte das Schicksal selbst sich die Sache nicht ausdenken können. Angelo würde alles tun, um Gabriel zu befreien. Seine Nähe zu Matt war vorbei. Der hatte wiederum seinen Bruder Mikael verloren und benötigte nichts mehr als genau das: Nähe.
»Inés steht jetzt an der Spitze der Schicksalswächter.« Nic versuchte, die ganze Sache logisch zu betrachten, wie Liz es auch irgendwie gelang. »Alle Augen sind auf sie gerichtet. Ich glaube kaum, dass sie das Risiko eingehen wird, meinen Dad oder Gabriel zu töten. Das würde bemerkt werden.« Vorsichtig nippte er an seinem Tee. »Aber sie wird uns jagen. Mit allem, was die 12 Häuser ihr bieten können.«
»Die Wächter werden ihr helfen«, ergänzte Liz. »Wir müssen damit rechnen, dass wir zukünftig aus verschiedenen Richtungen angegriffen werden. Über Träume, Schatten, durch Leibwandler oder Zeitseher.« Sie seufzte schwer. »Persönliche Gegenstände dürfte es genug von uns allen geben. Die meisten Talente können damit aktiv werden.«
Jeder Magier würde sich darauf konzentrieren, sie in die Finger zu bekommen. Normalerweise hätten sie keine Chance gehabt.
»Dieses Haus ist so ziemlich der einzige Ort, an dem wir sicher sind.« Liz machte eine ausladende Bewegung, die Chavales Anwesen einschloss. »Du hast gesagt, hier drinnen gibt es kein Schicksal, richtig?«
Nic verfiel in die Schicksalssicht und nickte. »Genau, hier ist alles leer. Sie können uns hier nicht erreichen oder beeinflussen. Durch den Schild kommt auch niemand sonst hier herein. Vermutlich ist das hier der sicherste Ort auf der ganzen Welt.«
Nachdenklich trat Nic an das Fenster und blickte hinaus. Das Schicksal schien eine perfide Freude daran zu haben, ihnen Dinge zu nehmen, auf der anderen Seite aber noch genug zu lassen, damit sie überlebten.
Im Licht der Straßenlaternen schlenderten Menschen vorbei, Silhouetten aus Schattenspielen und Dunkelheit. Es waren nicht viele, die Gegend war um diese Zeit verlassen.
»Sie wird euch finden«, zischte es neben ihm. »Inés wird euch töten. Und du wirst mir dienen, wie es mir zusteht.« Nox lachte. »Du solltest wissen, dass mich kleine Geschenke besänftigen, wenn du mal wieder unzureichend gedient hast. So können ganz leicht aus hundert Peitschenhieben neunundneunzig werden. Aber ein bisschen kreativ musst du schon sein.«
Nic strich über seinen Anima, der als blauer Stein in einem Ring aus geflochtenem Stahl saß. Er stellte sich vor, Magie zu einem Höllenwirbel zu formen, um Nox darin zu verbrennen.
»Wir sollten schlafen gehen«, sagte Liz.
»Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich jetzt schlafen kann?!« Nic kehrte zurück zum Tisch.
»Was wir auch tun, wir müssen uns darauf vorbereiten. Du kannst deine Kräfte morgen nutzen, um die Spiegel erneut abzusuchen. Angelo und ich werden uns durch die Bibliothek wühlen.«
Nic wollte rundheraus ablehnen, doch mit einem Mal wurde ihm bewusst, wie lange er bereits auf den Beinen war. Schrammen und Wunden bedeckten seinen Oberkörper, jeder Muskel schmerzte. Von den Hämatomen und blauen Flecken ganz zu schweigen. Der Kampf hatte seine Spuren hinterlassen.
Liz sah nicht viel besser aus.
»Ich habe seit Tagen geschlafen«, erklärte Angelo. »Geht ihr nur.«
»Was hast du vor?« Nic konnte das Funkeln in den Augen seines Freundes sofort deuten.
»Ich finde einen Weg aus diesem verdammten Haus!«
Womit sichergestellt war, dass nichts passieren konnte. Sie hatten die magische Barriere tagelang untersucht, kein noch so starker Zauber vermochte sie zu durchstoßen. Wie auch immer Chavale einen derart allumfassenden Schutz errichtet hatte, er wirkte auch noch Jahrhunderte nach dessen Tod.
»Viel Glück.« Nic schlurfte die Treppen hinauf.
In seinem Zimmer streifte er die Kleidungsfetzen ab und fiel in Unterwäsche auf das Bett. Die Bettdecke bot nicht annähernd genug Wärme. Liz schmiegte sich eng an ihn, spendete ihm allein durch ihre Anwesenheit Kraft und eine Art der Geborgenheit, die er dringender benötigte als alles andere.
Er berührte seinen Anima, wob Nightingales Lampe und ließ das verwobene Licht auf sie herabgleiten. Schrammen verschwanden, blaue Flecke verblassten, Wunden heilten. Liz tat das Gleiche und für eine paar wunderschöne Minuten waren sie beide von Wärme und Magie umhüllt.
Sie blieben einfach liegen, ermattet, in eine enge Umarmung verschlungen.
Doch obwohl Nic müde war, wollte der Schlaf sich nicht einstellen. Irgendwo dort draußen waren Matt und Jane, streiften einsam oder verletzt umher, möglicherweise waren sie tot. Nic wollte ihnen helfen, stattdessen lag er hier in einem weichen Bett.
»Hör auf damit.« Liz streichelte ihn sanft. »Auf diese Art machst du dich kaputt.«
»Ich kann doch nicht einfach …«
»Du musst.« Ein Seufzen folgte. »Ich habe dir doch erzählt, dass meine Eltern gestorben sind.«
Bei einem Anschlag in Irland, erinnerte sich Nic. Jahre später hatte Liz ihre Fähigkeit entdeckt, ihren Geist in der Zeit zurückzuversetzen. Dadurch hatte sie sich in der Vergangenheit verloren, war ständig bei ihren Eltern gewesen. Weit zurückliegende Erinnerungen waren zu ihrer Realität geworden.
»Ja«, sagte er sanft.
»Ich wollte nicht loslassen, habe mich an die Hoffnung festgeklammert, irgendwie für immer in der Vergangenheit zu bleiben. Zu einem Teil der Erinnerungen meiner Eltern zu werden.« Sie lachte bitter auf. »Ich wollte in der Zeit zurückreisen, körperlich, nicht mehr nur geistig. Es hätte mich beinahe zerstört.«
»Was hat dich gerettet?«
Stille.
»Das ist eine lange Geschichte. Aber ich habe gelernt loszulassen. Letztlich hast du die Wahl. Du wirst deine Kraft brauchen, sobald wir etwas tun können.«
Sanft strich sie Nic über die Schläfe, den Hals, hauchte einen Kuss auf seinen Hinterkopf.
Am Ende konnte er nicht sagen, wann es passiert war oder wie, aber seine Atemzüge wurden gleichmäßiger. Wärme breitete sich in seiner Brust aus, kroch in seine Glieder und umhüllte ihn wohlig.
Sein Bewusstsein erlosch.

Kapitel 2
Spurensuche
Am nächsten Morgen hatte Angelo einen Entschluss gefasst. Gemeinsam stiegen sie hinab in den Keller, wo Nic seine Hände auf den Rahmen des Spiegels legte. Wie zuvor musste er sich lediglich ausreichend konzentrieren, schon sah er die Ausgangsportale vor sich.
»Solange du das Haus nicht verlässt, kann Nox Inés auch nicht mitteilen, wo du bist, richtig?« Angelo deutete auf das Portal. »Du suchst mir einfach eines, das sie noch nicht kennen.«
»Dir ist klar, dass sie uns alle suchen«, gab Liz zu bedenken. »Du bist genauso ein Gejagter wie wir.«
Unbeirrt schüttelte Angelo den Kopf. »Ich bin seit vielen Jahren Schicksalswächter. So einfach lasse ich mich nicht erwischen.«
»Was glaubst du denn zu erreichen?«, fragte Nic und schielte dabei auf Nox.
Doch der Familiaris hatte sich auf die Seite gelegt, die Fratze auf die Kralle gestützt und schwieg. Jedes Wort, das sie wechselten, würde er sich merken. Sollte eine Verbindung zwischen ihm und Inés zustande kommen, würde er sofort alles weitergeben.
»Ich habe Freunde«, erklärte Angelo. »Die werde ich um Informationen bitten. Wo immer sie Gabriel auch gefangen hält, jemand muss davon wissen. Außerdem benötigen wir Ausrüstung.«
Nic ließ seinen Geist davontreiben. Die Ausgangsportale erschienen vor seinem inneren Auge. Da gab es jenes in Brasilien, durch das sie erstmalig in das Haus gekommen waren, ein weiteres in Frankreich, das dritte in Spanien. Alle drei waren Inés bekannt und auch wenn er niemanden in der nahen Umgebung sah, hatte das nichts zu bedeuten. Die neue Oberste der Schicksalswächter war clever genug, ihre Streiter in Deckung gehen zu lassen. Weitere Ausgänge erschienen.
»Da, ich habe eines in einer Düne.« Er betrachtete die Umgebung, soweit seine Gabe es zuließ. Der Boden war mit weißem Sand bedeckt, dazwischen Geröll. Vereinzelt wuchsen Büsche empor. Zwischen den Hügeln schimmerte das Blau des Meeres.
»Ich gehe durch und schaue mich kurz um«, erklärte Angelo. »Halte die Verbindung offen.«
Ohne abzuwarten, warf er sich gegen das schwarze Glas. Als bestünde dieses lediglich aus Wasser, glitt er hinein. Einige Sekunden vergingen, dann verließ Angelo den Ausgangsspiegel.
»Und?«, fragte Liz.
»Er ist angekommen.« Nur Nic konnte den Ausgang sehen, für Liz war es noch immer schwarzes Glas.
Schon verschwanden die breiten Schultern des Freundes zwischen den Dünen, seine Finger schwebten über dem Anima. Kurz darauf kehrte er zurück und trat durch den Spiegel.
»Zypern«, erklärte Angelo. »In direkter Nähe zu einem beliebten Strand. Vermutlich werde ich Engelsschwingen nehmen, bis ich Zivilisation erreiche. Soweit ich mich erinnere, gibt es dort auch einen Zugang zum normalen Spiegelnetzwerk.«
Während die schwarzen Spiegel aus irgendeinem Grund lediglich von Nic genutzt werden konnten, stand das gewöhnliche Netzwerk allen offen. Natürlich waren die Ein- und Ausgänge meist belebt.
»Inés hält doch bestimmt jeden Zugang unter Bewachung«, gab Liz zu bedenken.
»Keine Sorge, ich lasse mir was einfallen.« Er trat vor die Passage. »Nic, du öffnest das Portal nach Zypern jeden Abend um sechs Uhr, in Ordnung? Ich schicke euch Nachrichten und, sobald ich kann, frische Verpflegung.«
»Geht klar.«
»Ich finde Gabriel.«
Entschlossen trat Angelo durch die Passage.
Nic wartete noch, bis er auf der anderen Seite des Portals hervorkam, dann nahm er die Hände vom Spiegelrahmen. Die Verbindung brach ab.
»Da waren wir noch zu zweit.« Liz sah sich in dem leeren Keller um.
»Zu dritt.« Er deutete auf den Familiaris am Boden. »Vergiss diesen Parasiten nicht.«
»Komplimente besänftigen mich nicht, du Schleimer«, sagte Nox.
Sie kehrten zurück in den Salon, tranken Tee und berieten sich über das weitere Vorgehen. Es stand außer Frage, dass Nic einstweilen nicht das Haus verlassen konnte. Glücklicherweise gab es in der Bibliothek allerlei zu entdecken. Egmont Chavale war ein Erfinder gewesen und als solcher hatte er selbst zahlreiche Schriften verfasst, aber auch magische Bücher der damaligen Zeit besessen. Sie mochten nicht dem aktuellen Stand entsprechen, doch womöglich war genau das ein Vorteil.
»Die Wächter haben alle Informationen über das Regnum entfernt, auch alle Arten von Magie, die damit in Verbindung stehen«, überlegte Liz, während sie energisch durch den Salon stapfte. »Chavale lebte etwa einhundert Jahre vor dem Dämon. Zwar kann er selbst nichts über diese Dinge gewusst haben, aber wir wissen, dass er zum schwarzen Glas recherchiert hat. Irgendwann muss er in den Besitz des Spiegels gelangt sein, hat das Haus aus irgendeinem Grund gegen Eindringlinge abgeschirmt und hat sich hier versteckt. Für die Welt verschwunden, da niemand von diesem Ort wusste.«
»Vergiss nicht die Apparatur«, warf Nic ein. »Damals gab es noch keine Schicksalswächter. Doch er hat die Maschine gebaut, um das Schicksal zu verändern, dafür muss es einen Grund gegeben haben. Dieser Kerl muss ein kleines Genie gewesen sein, immerhin hat er auch die Kontaktoren gebaut.«
»Weißt du, so toll war er gar nicht«, gab Nox zu bedenken. »Ich kannte mal einen Familiaris …«
Nic verdrehte die Augen. »Er erzählt wieder von einem seiner Freunde.«
»… der war zu dieser Zeit einem Freund von Chavale zugeteilt. Hat ihn in den Wahnsinn getrieben, den Freund, nicht Chavale. Aber die beiden hatten öfter Kontakt. War ein vergesslicher Zausel, der kaum etwas auf die Reihe brachte. Wie das so ist, verklärt ihr Magier im Rückblick so ziemlich alles.«
»Was Wichtiges?«, fragte Liz.
»Beleidigungen, sinnloses Zeug, das Übliche.«
»Ich werde dich foltern«, erklärte Nox mit frischem Elan. »Eine Ewigkeit lang.«
»Tust du schon«, blaffte Nic. »Ich muss deinen Anblick ertragen.«
»Wirkt es?«, fragte der Familiaris hoffnungsvoll.
Nic stöhnte frustriert auf.
Sie verließen den Salon und vergruben sich zwischen den Büchern in der Bibliothek. Immerhin hatten sie nach der Recherche vor einigen Tagen bereits ein gewisses System entwickelt und für Ordnung gesorgt. Trotzdem mussten sie sich erst eine detaillierte Übersicht verschaffen, bevor sie Nutzen aus den Schriften ziehen konnten.
»Ein paar der Bücher hat er eindeutig aus zweiter Hand«, erklärte Liz. »Der Stapel dort. Aus manchen wurden Seiten herausgerissen, andere sind leer.«
Sie beschlossen, nach Schriften zu dem schwarzen Glas zu suchen, aber auch die Augen zu den Themen Fatumaris, Familiaris und Dämonen offen zu halten.
Nic wollte seinerseits Informationen zum magischen Gefängnis ausgraben, in dem sein Vater gefangen gehalten wurde. Es war lange vor dem Regnum erschaffen worden, doch nur wenig war darüber bekannt. Wie es seinem Vater dort wohl erging? Inés hatte ihn effektiv ausgeschaltet, endgültig. Der Rat und die Wächter beschäftigten sich mit ihm.
Sie teilten die Ergebnisse ihrer Suche in weitere Stapel ein. Da gab es Bücher mit abstrusen Theorien zur Magie, die aussortiert wurden. Nic musste oft laut lachen. Ein Magier namens Adubrint Rochel hatte in seinem Werk geschrieben, dass man Animas einfach zerstören und in feinen Glasstaub zermahlen sollte. Diesen könne man dann in Wasser geben und trinken, was ewiges Leben gewährte. Bei einem seiner Versuche hatte die Restmagie einen Zauber ausgelöst, allerdings erst, nachdem die Animapartikel im Bauch angelangt waren. Das Ergebnis war eine ziemlich unschöne Sauerei.
Das Nachwort war von einem Freund Rochels geschrieben worden, der dessen Ableben bedauerte, aber grundsätzlich an der Theorie festhielt.
Und das waren nicht einmal die abwegigsten Schriften und Versuche. Es gab Zauber für Golem-Bänder, Wasserspeier-Geister und Nixen-Transformationen.
»Was die damals für Ideen hatten.« Nic schüttelte den Kopf.
»Ich bewundere das.« Liz schlug ein Buch zu und legte es auf den Stapel ›potenziell wichtig‹. »Schau da mal rein, jemand hat Theorien zur Verbesserung eines Gefängnisses für Magier entwickelt. Weißt du, die Menschen damals haben noch in alle Richtungen gedacht, verfolgten Ideen, besaßen einen freien Geist. Heute glauben wir, alles zu wissen. Niemand macht sich mehr intensiv Gedanken.«
»Mein Vater hat ständig von irgendwelchen Ideen gesprochen.« Nic nahm das Buch auf, das Liz abgelegt hatte. »Und forschen die nicht ständig daran, die Animas zu verbessern? Oder die Magie durch bestimmte angepflanzte Kräuter schneller zu regenerieren?«
Liz nickte. »Aber das sind alles nur Erweiterungen von Ideen. Vertiefungen. Was ist mit völlig neuen Denkansätzen? Weißt du, dank meiner Gabe habe ich auch schon Stunden mit Albert Einstein, Nicola Tesla oder Edison verbracht.«
»Wirklich?« Das Buch war vergessen.
»Ich bin öfter in ein Museum geschlichen, habe mir dort etwas herausgesucht, was sie selbst gebaut oder geschrieben hatten, und mich dann daran entlang in die Vergangenheit vorgetastet.«
Ursprünglich hatte Nic die Zeitseher immer für einen verschrobenen Haufen besserer Historiker gehalten. Liz hatte ihm gezeigt, dass das ein Trugschluss war.
Bei dem Gespräch über Wissenschaftler und deren Errungenschaften hatten ihre Augen einen verklärten Blick angenommen, ihre Wangen waren gerötet.
»Klingt auf jeden Fall besser als Golem-Bänder.« Er betrachtete abschätzig das Buch. »Kannst du eigentlich jemanden mitnehmen?«
»Tut mir leid.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich kann das, was ich gesehen habe, danach magisch übertragen. Aber jemanden mit mir nehmen ist unmöglich.«
Erneut vertieften sie sich in die Bücher und die Zeit verstrich. Nic öffnete die Spiegelpassage pünktlich, doch weder war eine Nachricht eingegangen noch tauchte Angelo auf. Falls ihm etwas geschehen war, würden sie es natürlich nicht erfahren, besaßen sie doch keinerlei Informationsverbindung zur Außenwelt. Er hatte schon darüber nachgedacht, durch magische Levitation etwas aus der nahen Stadt herbeizurufen, aber jede Art von Magie konnte Inés auf den Plan rufen.
Sie aßen gemeinsam zu Abend (Matts Pflanzenpaste), unterhielten sich über Politik, Fernsehserien, die Schulzeit und schliefen eng aneinandergekuschelt ein.
Stunden verstrichen, Tage vergingen.
Die Sorge um Matt und Jane nahm zu, die über Angelo kam hinzu. Am vierten Tag öffnete Nic das Portal nach Zypern und eine Seemöwe glitt hindurch.
Im Haus angekommen, zerfiel sie in sonnengelbe Partikel, die von einem feinen Gespinst zusammengehalten wurden. Die Silhouette Angelos entstand.
»Hey, ihr beide. Sorry, ich konnte mich nicht früher melden«, hallte seine Stimme. »In den ersten Tagen wurde ich tatsächlich verfolgt. Sie waren hartnäckig und ich glaube, Ultinova hat öfter Schicksalsänderungen vorgenommen, damit ich es schwer habe. Aber so leicht kriegt sie mich nicht klein. Ich konnte entkommen und habe einen sicheren Unterschlupf gefunden. Einer meiner Freunde hat sich gemeldet. Es scheint, dass die Wächter, Schicksalswächter und der Rat alles daransetzen, uns zu finden. Angeblich betreiben wir Vorbereitungen, um das Gefängnis des Dämons aufzulösen. Inés macht Stimmung gegen uns. Der Rat hat dem 13. Haus tatsächlich mehr Mittel zur Verfügung gestellt. Wenn alles klappt, kann ich euch in den kommenden Tagen Ausrüstung schicken. Von Matt, Jane oder Gabriel weiß ich noch nichts. Bleibt im Haus.«
Die Nachricht erreichte ihr Ende, die Silhouette verging.
»Wenn das mal nicht gute Laune macht«, kommentierte Nic.
»Immerhin geht es Angelo gut.« Liz strich sanft über seinen Nacken.
»Hoffentlich denkt er daran, ein paar Kekse und Kaffee mitzuschicken«, überlegte Nic. »Ich habe langsam genug von diesem Pflanzenpastenkram.«
»Immerhin weißt du, wo deine Prioritäten liegen.«
Er lachte auf. »Du weißt, wie ich das meine.«
Die Zeit kroch dahin und Nic kam sich immer mehr vor wie in einem Gefängnis. Er wäre gern dort draußen gewesen, um nach Jane und Matt zu suchen und sich Inés direkt in den Weg zu stellen. Er wollte der Welt zurufen, dass nicht sie es waren, die einen Pakt mit dem Dämon eingegangen waren. Der wahre Feind saß im 13. Haus und nutzte die Macht der Schicksalswächter, um seinem Ziel näher zu kommen. Wieso sah das niemand?
»Wie öffnet man das Gefängnis eigentlich?«, fragte Nic.
Ihm wurde bewusst, dass er fernab von den Informationen des Einführungstages kaum etwas über die Ereignisse wusste, die das Regnum beendet hatten.
»Keine Ahnung.«
Sie saßen einmal mehr in der Bibliothek, die aus Buchhügeln zu bestehen schien. Der Stapel mit potenziell wichtiger Literatur war überraschend klein, der Ausschuss recht gewaltig. Im Verlauf der Recherche hatten sie ergänzende Informationen gefunden, die eigene Berge erhalten hatten.
Und immerhin, mittlerweile besaßen sie einen Index mit Detailangaben und einer groben Übersicht aller Themen. Nur noch wenige Werke waren übrig, die sie durchsehen mussten.
»Ich weiß sowieso nur das, was du erzählt hast.« Liz blätterte in einem der Bücher. »Die wenigstens dürften etwas über die Schicksalsmagie und das Gefängnis wissen, das zum Ende des Regnums geführt hat.«
Was einmal mehr verdeutlichte, wo ihr Problem lag. Sie wussten gar nichts. Inés arbeitete daran, die Mauern des Käfigs einzureißen, doch wie sie das anzustellen gedachte, blieb ihr Geheimnis.
»Schau mal«, lenkte Liz seine Aufmerksamkeit auf sich. »Hier steht etwas zu Fatumaris.«
Sofort war Nic bei ihr und auch Nox, der sich in den letzten Tagen überraschend still verhalten hatte, machte einen Satz.
»Hier steht, dass es sich um dunkelste Magie handelt, die es dem Magier ermöglicht, Talente zu wecken und zu vereinen. Doch nur die Stärksten wachsen, die Schwachen sterben bei dem Versuch.«
Auf dem vergilbten Pergament gab es eine Skizze, die zwei Magier zeigte, die verschmolzen. Dabei waren ihre Gesichter in Agonie verzerrt.
»Anscheinend war dieser Magier«, Liz warf einen Blick auf den Bucheinband, »Albrecht Werhausen, ein Deutscher, der bei einem Duell 1704 zugegen war.«
»Ein Duell?«
»Früher scheint es öfter vorgekommen zu sein, dass Magier sich ein Fatumaris-Duell geliefert haben. Der Gewinner hat dann den anderen konsumiert.« Sie blätterte schneller. »Ah, hier. Einige Jahre waren diese Duelle sogar recht häufig, auch wenn in achtzig Prozent aller Fälle beide Magier starben. Hatte Nox nicht davon berichtet, dass zur Zeit des Regnums Versuche unternommen wurden, sich auf diese Art dem Dämon ebenbürtig zu machen?«
»Aber der Rat hat es verboten«, bestätigte Nic. »Was ist mit den übrigen zwanzig?«
»Sie starben.« Liz ließ das Buch sinken. »Wie es scheint, führt eine Verschmelzung zum Tode, weil die Magie, die in einen Leib gezwängt wird, sich gegenseitig angreift.«
»Das ist so typisch für euch Magier«, brüllte Nox Nic ins Ohr. »Nichts bekommt ihr richtig hin. Wieso verschmelzt ihr nicht einfach alle, das würde die Welt von euch befreien.«
»Aber wie hat Inés es dann geschafft?« Verwirrt nahm Nic das Buch auf und überflog die Zeilen. »Fatumaris-Duelle wurden geächtet, die Anleitung dazu aus den Schriften getilgt und unter Todesstrafe verboten. Wer doch eines durchführte – und als Sieger daraus hervorging –, wurde umgehend exekutiert. Erst gut einhundert Jahre später wurde die Idee dann beim Regnum wieder aufgegriffen, aber auch direkt wieder verworfen.« Er fixierte Liz. »So viel zu freiem Denken in alle Richtungen.«
»Wenn ich das richtig lese, haben die Duelle vor langer Zeit durchaus funktioniert, wenn auch mit fatalen Nebenwirkungen. Aber die Machtgier hat sie immer weiter getrieben. Mal ehrlich, wer ist so dämlich? Inés muss einen Weg gefunden haben, die Verschmelzung ohne Nebenwirkungen zu ermöglichen. Aber wie?«
»Der Dämon?«
»Sie hat ihm ihre Seele verschrieben, aber das heißt nicht, dass sie mit ihm kommunizieren kann«, gab Nic zu bedenken. »Das Gefängnis ist versiegelt.«
Nox kicherte.
Nic schaute zu dem wandelnden Monstrum hinüber. »Gibt es ausnahmsweise etwas Sinnvolles, was du beitragen möchtest?«
»Nur, dass du mal wieder total danebenliegst.« Triumphierend malte er Kringel mit seinem Schwanz in die Luft. »Inés kann mit seiner Herrlichkeit sprechen. Sie hat einen Weg gefunden.«
»Und welchen?«
»Das sage ich dir natürlich nicht, für wie blöd hältst du mich?«
»Willst du darauf eine ehrliche Antwort?«, patzte Nic.
»Ich kannte mal einen Familiaris, der wurde von seinem Magier ständig geärgert.«
Nic verdrehte die Augen. »Lass mich raten: Der Magier wurde ewig gefoltert und starb eines qualvollen Todes?«
»Darüber solltest du nachdenken.«
»Es mag ja lustig aussehen, wenn du die Luft anbrüllst«, warf Liz ein, »aber so geht das nicht weiter. Wir müssen einen Weg finden, Nox loszuwerden. Ich nehme an, er hat dir keine hilfreichen Tipps zukommen lassen.«
»Nur, dass Inés tatsächlich mit dem Dämon sprechen kann«, erklärte er. »Leider habe ich keine Ahnung, ob das gelogen ist.«
Liz schlug das Buch zu.
Vor dem Fenster brannten die Laternen, Dunkelheit legte sich wie ein dicht gewobenes Tuch über London. Angelo hatte sich heute nicht gemeldet.
»Vielleicht sollten wir für heute einfach Schluss machen«, schlug sie vor.
Eine Idee, der Nic nur zustimmen konnte.
Gerade wollte er vorschlagen, dass sie die Pflanzenpaste mit den seltsamen roten Körnern würzen sollten, die sie in der Küche entdeckt hatten, da spürte er es.
Ein Vibrieren erfasste das Haus.
»Was ist das?« Liz sah sich hektisch um.
Eine alte Öllampe fiel aus dem Regal, das Glas zerbarst. Eine Vase folgte.
Ein Schrei erklang, so voller Grauen und Panik, dass sich Nics Magen zusammenzog.
»Jane«, hauchte er.
Sie sprangen auf.

Kapitel 3
Mit ein wenig Verspätung
Matt
Die Schwärze klebte an ihm wie flüssiger Teer, als er aus dem Spiegel taumelte. Keuchend brach er in die Knie. Mit Mühe brachte er seinen rebellierenden Magen unter Kontrolle. Nicht dass nach dem langen Flug von Österreich nach Spanien durch die Nacht noch etwas darin gewesen wäre.
Nachdem Matt sich beruhigt hatte, kam er vorsichtig in die Höhe.
»Nic? Liz?«
Von den beiden gab es keine Spur.
Panisch warf er sich herum, streckte die Hand aus und betastete das schwarze Glas. Es war wieder fest, undurchdringlich. Hatten die Angreifer Nic und Liz durch die Passage zurückgezogen? Aber er war doch zwischen den beiden durch den Spiegel gegangen!
»Nic!«, rief er erneut. »Liz!«
Niemand antwortete.
Erst jetzt bemerkte Matt, dass die Spinnweben verschwunden waren, ebenso der Staub. An der Wand hingen seltsame Eisenarme, in deren Aussparung Glaskugeln ruhten. Anstelle des Gerümpels gab es verschiedene Tische mit kleineren Apparaturen.
»Was ist hier los?«, flüsterte er.
Sicherheitshalber hielt er seinen linken Arm mit der Ledermanschette leicht erhoben. Instinktiv verfiel er in die zweite Sicht. Überall ringsum war Magie, schwebte wie blauer Feenstaub umher. Testweise saugte er einen Teil davon in seinen Anima und bereitete sich gedanklich darauf vor, einen Mystischer Wall auszuführen.
Vorsichtig blickte er aus der Tür heraus auf den Gang, schlich zur Treppe, wartete ab. Nichts geschah. Niemand griff ihn an. Doch auch hier bemerkte er die Veränderung. Die Luft roch anders. Als hätte jemand ein Lagerfeuer angezündet – rußig. Stufe für Stufe stieg Matt ins Erdgeschoss hinauf, öffnete die Tür und betrat den Flur.
Das Erste, was er vernahm, war eine fremde Stimme. Sie gehörte zu einem Mann und kam aus dem Salon. Jemand war hier! Hatte Inés es tatsächlich geschafft und ihre Schicksalswächter oder gar Fatumaris-Abspaltungen die Barriere um das Herrenhaus durchdrungen? Antworteten Nic und Liz deshalb nicht?
Matt schlich zum Salon.
Ein Unbekannter ging darin auf und ab, die Arme vor der Brust verschränkt. Es schien, als führte er Selbstgespräche, brabbelte vor sich hin wie ein Verwirrter. Auf dem Tisch lag eine ausgerollte Konstruktionszeichnung. Von seiner Position aus konnte Matt nicht erkennen, was darauf gezeichnet war, doch der Unbekannte schien sich über etwas zu ärgern. Immer wieder blickte er auf das Papier und schüttelte den Kopf, fuhr mit den Fingern durch sein dunkles Haar. Der Backenbart war gepflegt – und völlig aus der Mode. Instinktiv betastete Matt seinen eigenen Bart. Die grünen Augen des Fremden waren klar und durchdringend, jedoch in weite Ferne gerichtet, als beschäftigte er sich mit einem unlösbaren Problem.
»Es muss möglich sein«, flüsterte er. »Die Zahl ist entscheidend. Und das Glas.«
Stille entstand.
Es dauerte einen Augenblick, bis er begriff, dass der Fremde ihn anblickte. Sein Spiegelbild war in der Vitrine zu erkennen, der Unbekannte hatte es entdeckt.
»Entschuldigung«, haspelte Matt. »Ich …«
»Schickt Euch der Bund?«, blaffte der Mann. »Wie Ihr meine Sicherungen auch durchdrungen haben mögt, hinaus mit Euch.«
»Welcher Bund?«
»Dieser Bart.« Der Fremde kam mit zusammengekniffenen Augen näher, fasziniert von Matts Anblick. »Kommt Ihr aus der Gosse?« Ein analytischer Blick tastete ihn von oben bis unten ab. »Und diese Lumpen. Seid Ihr ein wilder Magier?«
»Ich …« Wieder strich sich Matt über die struppigen Wangen. »Hatte über Nacht keine Zeit … wir waren auf der Flucht … Wer sind Sie? Und wie kommen Sie ins Haus?!«
»Es ist meines«, gab der Fremde zurück. »Der Eindringling seid Ihr. Mein Name ist Egmont Chavale.«
Instinktiv lachte Matt auf. »Das ist lächerlich. Egmont Chavale ist schon lange tot.«
»Das hättet Ihr wohl gern.«
Erst jetzt registrierte Matt, dass der Fremde während des Gesprächs langsam in Richtung Tisch getreten war, wo ein Spazierstock lag. Im Knauf funkelte ein bernsteinfarbener Anima.
»Lasst es besser bleiben!«, fauchte er.
Sicherheitshalber ließ er ein paar Funken aus seinem eigenen Anima in die Luft steigen. Wie feuerrote Glühwürmchen flirrten sie zu Boden.
»Also schön, Ihr wollt mich in meinem Haus bedrängen. Doch ich werde dem Bund keinesfalls meine Forschungsergebnisse übergeben. Die Wahrheit ist für alle gedacht. Den Kontaktor habt Ihr auch nicht bekommen.«
»Sie sind echt gut«, musste Matt gestehen. »Ist das alles hier magisch erschaffen, um mich zu verwirren? Wo sind Liz und Nic?«
»Das sind seltsame Namen, ich habe sie noch nie gehört. Wie habt Ihr den Schutz überwunden?«
Matt seufzte. »Sie wissen genau, dass ich durch den Spiegel gekommen bin. Also lassen Sie …«
»Den Spiegel?!«, unterbrach ihn der angebliche Egmont Chavale. »Aber das …« Seine Augen blickten hektisch hin und her. »Natürlich. Der wirre Blick, das verwahrloste Äußere … Ihr kommt aus einem anderen Reich.«
Ohne auf Matts Anima zu achten, raste Chavale davon, nur um kurz darauf mit einer Lupe zurückzukehren. Das ovale Glas war von einem Rahmen eingefasst, der mit seltsamen Zeichen bedeckt war.
»Hm. Hm.« Der wirre Alte begutachtete Matt wie einen seltenen Schmetterling. »Wie hoch die Intelligenz wohl ausgeprägt ist.«
»Lassen Sie den Unsinn. Ich komme nicht aus irgendeinem Reich, sondern aus Irland. Na ja, da bin ich geboren. Eigentlich bin ich in Spanien durch den Spiegel getreten.«
Der Kerl ließ das Glas sinken. »Spanien? Gibt es dort auch eine alte Stätte?«
»Im Mausoleum von Franko.«
»Davon habe ich noch nie gehört. Seid Ihr ein Archäologe?«
»Ich bin Matt. Und nein, wir waren … das ist eine lange Geschichte.« Es wurde immer ominöser. »Was ist mit dem Haus passiert? Als wir aufgebrochen sind, war alles verlassen und leer.«
Der Unbekannte wich zurück. Auf seinem Gesicht erschien ein seltsamer Ausdruck, eine Mischung aus Faszination und Erschrecken. »Verlassen«, echote er. »Sagt mir, welches Jahr schreiben wir?«
»Das Jahr?« Matt runzelte die Stirn und nannte es ihm.
»Ich wusste es! Die Spiegel der alten Stätten können so viel mehr.« Auf seinen nach wie vor verwirrten Blick ergänzte Chavale: »Es tut mir leid, mein junger Freund, aber Ihr befindet euch nicht nur weit entfernt von Spanien, Ihr seid auch in der Zeit gereist. Das hier ist das Jahr 1744.«
Eine Gänsehaut überzog Matts Körper, als er die Worte langsam begriff. Dicht gefolgt von eiskaltem Schrecken. »Aber wie ist das möglich?«
»Sagt Ihr es mir. Ich ahnte ja, dass die Spiegel zu mächtigen Dingen fähig sind, aber Zeitreise …« Chavale nahm erneut seinen Gang auf. »Sie müssen irgendwie auf ähnliche Art wie die normalen Spiegel die Kraftlinien der Erde anzapfen. Doch wie durchstoßen sie das Zeitgefüge?«
»Hallo?«
»Hm? Oh, natürlich.« Chavale flitzte davon, öffnete die Kellertür und polterte nach unten.
Matt folgte ihm gezwungenermaßen.
Vor dem Spiegel schnappte sich der Wissenschaftler weitere Apparaturen von seiner Werkbank und untersuchte das schwarze Glas. »Ja! Da sind Restspuren.« Es hätte nicht viel gefehlt und Chavale wäre auf und ab gehüpft wie ein Kind am Weihnachtsmorgen.
»Das ist toll«, erklärte Matt trocken. »Könnten Sie jetzt bitte die Passage wieder öffnen?«
»Wieder öffnen?« Der Magier schien fassungslos. »Das kann ich nicht, konnte ich nie. Der Spiegel steht hier, damit ich ihn studieren kann. Ihr seid doch hindurchgetreten, öffnet das Portal selbst.«
»Das kann ich nicht.« Matt starrte auf das Glas. »Ein Freund von mir, Nicholas Ashton, besitzt die Gabe, die dafür notwendig ist. Aber … ich glaube, das weiß er nicht. Es war quasi ein Unfall.«
»Das … ist schlecht.« Chavale ließ die Apparaturen sinken.
Mit den hochgeschlagenen Hemdsärmeln, der feinen Stoffhose und dem gepflegten Bart wirkte er wie ein zum Leben erwachter Anachronismus. Andererseits sahen in dieser Zeit wohl alle so aus. Es war Matt, der nicht hierher passte.
»Es muss doch eine Möglichkeit geben, das Portal wieder zu öffnen! Ich will nach Hause. Meine Freunde brauchen mich.«
Mit einem Mal kehrte alles zurück. Der Verrat von Inés Dubois, die Flucht, der Tod seines Bruders und die Tatsache, dass Angelos Freund noch am Leben war.
Matt war allein.
So weit entfernt von seinen Freunden, seiner Familie, als stünde er auf dem Mond.
In Chavales Augen war ein sanfter Glanz getreten. »Ich kenne diesen Blick nur zu gut. Ihr habt jemanden verloren.« Er trat zu Matt und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Kommt mit. In solchen Fällen hilft ein Scotch. Wir finden gemeinsam einen Weg.«
Es war seltsam. In einem Augenblick war der Wissenschaftler fasziniert gewesen, hatte in Euphorie gebadet, im nächsten wirkte er beherrscht, ja, sanft.
Sie stiegen die Stufen empor.
Irgendwie fand Matt den Weg zum Sessel, hielt plötzlich ein Glas mit honigfarbener Flüssigkeit in der Hand und trank. Es brannte in seiner Kehle. Chavale schlug ihm erneut kameradschaftlich auf die Schulter.
»Einst war ich ein junger Mann.« Der Magier sank auf das Sofa. »Hals über Kopf verliebte ich mich auf einer Reise nach Paris in die wunderschöne Brie Chavale. Sie war die Liebe meines Lebens.« Er lächelte in sein Scotchglas. »Alte adlige Magierfamilie. Ich malte mir keine großen Chancen aus, doch sie erwiderte meine Liebe. Wir heirateten heimlich, denn ihr Vater stimmte nicht zu, obgleich ich mütterlicherseits auch französischer Abstammung bin. Es war eine magische Verbindung. Um den Schmerz ihrer Familie nicht auf uns zu ziehen, nahm ich ihren Namen an.«
Er lächelte bitter.
»Der Vater hat es wohl nicht gut aufgenommen.«
Chavale lachte auf. »Wir verkündeten ihm die Wahrheit mit einem Lächeln.« Mit einem schnellen Zug leerte er das Glas. »Er tötete seine Tochter auf der Stelle.«
Matt zuckte zusammen. »Wie bitte?«
»Verbrannte sie vor meinen Augen. Danach versuchte er es bei mir. Wir kämpften, ich gewann. Dabei starb auch er.«
»Das ist …«
»Die Ehre ging ihm über alles. Und ich war nicht gut genug.« Er stellte das Glas beiseite. »Es gab mehr als einen Tag, an dem ich mir wünschte, die Uhr zurückdrehen zu können. Aber das Schicksal lässt sich nicht bezwingen.«
Wenn Matt solche Geschichten in alten Büchern las oder, wie jetzt, erzählt bekam, fragte er sich, wie die Menschheit überhaupt so lange hatte überleben können.
»Aber genug, Ihr seid an der Reihe.« Chavale schlug seine Beine übereinander. »Eine Geschichte für eine Geschichte.«
Zuerst langsam, dann immer schneller sprudelten die Worte aus Matt heraus. Von seinem Bruder, Nic und Liz, den Schicksalswächtern und dem Verrat von Inés. Irgendwann sackt er kraftlos zusammen.
»Das klingt alles sehr … interessant.« Chavale hatte schweigend gelauscht und lediglich ab und an Zwischenfragen gestellt. »Was sind Schicksalswächter? Und diese zwölf Häuser? Klingt faszinierend. Als hätte die Gesellschaft endlich alle Unstimmigkeiten überwunden – zumindest was grundlegende Prinzipien angeht. Gibt es noch Kriege?«
Matt stöhnte innerlich auf. Richtig, die 12 Häuser waren erst durch das Regnum entstanden. Zuvor hatten sich immer wieder Gruppen gebildet, die eifersüchtig über ihre Artefakte und Errungenschaften gewacht hatten. Doch als der Dämon die magische Gesellschaft an den Rand der Auslöschung trieb, war alles anders geworden.
»Mehr als genug«, sagte er kurz angebunden. »Aber das spielt doch jetzt auch keine Rolle.«
Zum ersten Mal wurde ihm bewusst, dass er sich in der Vergangenheit befand. Konnte er durch einen falschen Schritt, eine simple Information an Chavale, die Zukunft verändern? Was, wenn er es bereits getan hatte?
»Ich sehe an deinem erschrockenen Gesichtsausdruck, dass du dir der Konsequenzen deiner Reise bewusst geworden bist, mein junger Freund«, sagte Chavale und wechselte in die persönliche Anrede. »Es tut mir leid um deinen Bruder. Nimm dir Zeit zum Trauern, sobald du zurück bist. Doch wir müssen dich so schnell es geht in deine Zeit schicken. Sollten die falschen Personen erfahren, dass du dich hier befindest, werden sie deiner habhaft werden wollen. Machtvolle Geheimbünde trachten beständig nach Einfluss. Ich versuche, meine Erfindungen zum Wohle aller einzusetzen, aber man sieht am Kontaktor, dass das nicht immer funktioniert.«
In den Geschichtsbüchern stand, dass Egmont Chavale 1724 den Kontaktor entwickelt hatte, womit die magische Gesellschaft mobile Kommunikation lange vor den gewöhnlichen Menschen erhalten hatte. Vier Jahre später hatte er die ersten Spiegel in die Kraftlinien der Erde eingefädelt, um ein Netzwerk aufzubauen. In den Jahren danach war es ruhig um ihn geworden. Wie Matt jetzt wusste, war das die Zeit, in der sich der Wissenschaftler mit den schwarzen Spiegeln beschäftigt hatte.
1744 war er spurlos verschwunden.
Das war in diesem Jahr. In wenigen Monaten.
Es gluckerte, als Chavale mehr von dem Scotch nachgoss. Matt trank. Er wollte die geballte Wucht an Problemen vergessen. Am liebsten hätte er sich in den Armen von Angelo verkrochen, dessen Muskeln gespürt und damit das Wissen, dass er sich fallen lassen konnte. Doch das würde wohl nie wieder sein.
Gabriel war am Leben.
Ohne darüber nachzudenken, trank er den dritten Scotch. Bei jedem Glas schenkte sich Chavale auch selbst ein und stürzte die Flüssigkeit hinunter. Der Wissenschaftler schien durch seine Erzählungen in die Vergangenheit zurückversetzt worden zu sein, alte Wunden waren aufgerissen.
»Es geht vorbei, junger Freund«, versprach Chavale. »Irgendwann ist der Schmerz ein Hintergrundlauschen … ich meine Rauschen. Du wirst gar nicht mehr daran denken. Nur manchmal. Wenn du daran denkst. Hm. Eben hat der Satz noch Sinn ergeben.«
»Sinn?«
Sie begannen über die Sinnhaftigkeit des Seins zu philosophieren. Mitten in der Diskussion begann Matt zu lachen. Er saß in der Vergangenheit fest, im Haus eines Mannes, der vor langer Zeit gestorben war. Und sie führten philosophische Gespräche, während sie Scotch tranken.
An welcher Stelle hatte er den Weg verloren?
Immerhin, er musste hier keine Angst davor haben, dass ihn jemand verfolgte oder Inés vor der Tür stand.
Ihm kam ein verwegener Gedanke.
Konnte er womöglich tatsächlich in die Zeit eingreifen? Eine Warnung an Jeremiah schicken, bevor dieses Biest zuschlagen konnte? Vielleicht ließ sich sogar das Regnum verhindern. Die Möglichkeiten waren unbegrenzt.
»Ich bin in der Vergangenheit!«
Chavale betrachtete ihn mit trüben Augen und schief gelegtem Kopf. »Das bist du, mein junger Freund. Und alle Ideen, die dir jetzt womöglich sinnvoll erscheinen, werden am morgigen Tag ihren Charme verloren haben. Du wirst realisieren, dass du nur ein winziges Steinchen bist, ein Zahnrad in einem Uhrwerk von den Ausmaßen einer Kathedrale.«
Er sprach weiter, doch seine Worte wurden zu einem monotonen Gebrabbel, das keinen Sinn mehr ergab.
Matt beschloss, noch einen Scotch zu nehmen und dann Pläne zu schmieden. Er würde exakt notieren, wie er die Vergangenheit verändern konnte, um die Zukunft neu zu gestalten. Mit allen Details. Auch wenn er nicht allzu viel über den Verlauf der Geschichte vor dem Regnum wusste. Oder danach.
Trotzdem.
Es würde funktionieren. Er konnte alles schaffen. Die Welt lag ihm zu Füßen.
Ein weiteres Glas Scotch folgte.
Seine Gedanken zerfaserten, wurden zu einem zähflüssigen Honig. Wohlige Wärme umfing ihn.
Matt schlief ein.

Kapitel 4
1744
Schmerz.
Viel zu hell.
Übelkeit.
Matts Sinne wurden überflutet, als er die Augen öffnete. Sein Magen verkrampfte, er bäumte sich auf.
Goldener Schein senkte sich auf ihn herab und alles Negative verschwand.
»Was war das?« Verwirrt setzte er sich auf.
Chavale stand lächelnd vor dem Sofa, seinen Spazierstock mit dem leuchtenden Knauf erhoben. »Ich nenne es Neues Leben. Ein Zauber, der die Folgen von übermäßigem Genuss lindert.«
Und was mit Genuss gemeint war, musste er Matt nicht erklären.
»Ist ein bisschen wie unser Hangover-Zauber in der Zukunft. Habe ich schon ziemlich oft benutzt.«
»Das ist löblich. Der Mann von Welt sollte hart arbeiten, sich jedoch auch Zeit für Genuss gewähren. Deine Kleidung liegt bereit.«
»Kleidung?«
»Hier im Haus finden wir keine Lösung für deine Probleme, dazu brauchen wir Hilfe. Es steht außer Frage, dass du nicht in diesen Lumpen vor die Tür treten kannst.« Fachmännisch betrachtete er Matts Vollbart.
»Ich werde ihn nicht rasieren.«
»Natürlich nicht! Aber vielleicht ein wenig anpassen. Ihr tragt eure Bärte recht seltsam in der Zukunft.«
Was Matt mit keiner Bemerkung würdigte.
Chavale brachte ihn in das Bad, wo tatsächlich Hosen, Hemd, eine Weste und Schuhe bereitlagen. Matt zog ein wenig Magie aus der Umgebung, wob einen Reinigungszauber und streifte die neue Kleidung über. Er zog das Smartphone aus seiner alten Hose und schaltete es ab. Zum einen sollte Chavale das Gerät nicht zu Gesicht bekommen, zum anderen galt es, Strom zu sparen. Darüber hinaus gab es nur den üblichen Krimskrams in seiner Tasche: Kleingeld, ein Taschentuch und ein Kassenzettel. Nichts davon konnte die Vergangenheit beeinflussen.
Skeptisch betrachtete er das bereitliegende Rasiermesser, wagte sich dann aber doch daran. Er trug Schaum mit dem Rasierpinsel auf seinen Wangen auf, danach schabte er vorsichtig mit dem Messer über die Haut. Tatsächlich gelang es ihm recht gut, zumindest in den ersten Minuten. Am Ende behielt er vier Schnittwunden, aber der Bart sah einigermaßen gepflegt aus.
»Sie werden dir ansehen, dass du fremd bist«, verkündete Chavale nach eingehender Musterung.
»Wir erklären, dass ich aus Irland stamme.«
»Zu nah. Wir sollten deine Herkunft in Preußen verorten.« Ein kurzes Nachdenken, dann nickte der Wissenschaftler nachdrücklich. »Du kennst dich hier nicht aus, dadurch wirkst du steif und ängstlich. Das passt gut zu einem Preußen.«
Sie setzten Zylinder auf und verließen das Haus.
Auf den Straßen waren Kutschen unterwegs, Pferde galoppierten dahin. Einfach gekleidete Männer und Frauen schien es hier wenige zu geben, stattdessen gut angezogene Damen mit breiten Röcken und ausladenden Hüten.
»Das hier ist wohl eine gute Gegend«, bemerkte Matt. »Wo gehen wir hin?«
»Walpole-Club«, erklärte Chavale. »Ein neutraler Ort, an dem Feindschaften ruhen müssen. Zuwiderhandlung wird mit dem Tod bestraft. Nur Gentlemen von magischem Geblüt ist dort der Zugang gestattet, natürlich ist auch ein angemessener Stand notwendig.« Er stieß einen Grunzlaut aus. »Vor meiner Heirat mit Brie hätte ich niemals eintreten dürfen. Doch als Chavale sieht die Sache anders aus, mag ich auch schief angesehen werden, da ich nur angeheiratet bin.«
Standesdünkel waren Matt fremd. Er war froh darüber, in einer Zeit zu leben, in der Wandel im Gange war oder aktuell stattfand. Langsam schmolzen in vielen Teilen der Welt Vorurteile dahin, gleichzeitig war er sich als schwuler Mann allzu bewusst, dass das nicht überall der Fall war. Der Kampf gegen all jene, die die Zeit am liebsten zurückgedreht hätten, durfte niemals enden, ob bezogen auf das Geschlecht, die Sexualität oder den Glauben.
Er blickte Chavale von der Seite an. Wie würde dieser reagieren, wenn er von einigen der Dinge aus der Gegenwart berichtete? War der Wissenschaftler in zwischenmenschlichen Bereichen ein aufgeklärter Mann oder in seiner Überzeugung doch rückwärtsgewandt?
Ein Zweispanner hielt zu ihrer Linken.
Matt war nicht aufgefallen, dass Chavale die Kutsche herbeigerufen hatte. Beim Einsteigen rief er dem Kutscher auf dem Bock das Ziel ihrer Fahrt zu. Dieser schien genau zu wissen, wo der Walpole-Club lag und als die Tür ins Schloss fiel, setzte sich das Gefährt ruckelnd in Bewegung.
Es war eine Sache, eine Kutschfahrt in einem Film zu sehen, eine andere, sie zu erleben. Die Bänke bestanden aus glattem Holz und jeder Bordstein, jedes Ruckeln ließ Matt in die Höhe hüpfen. Bei Kurven rutschte er von links nach rechts.
Chavale betrachtete ihn mit einem spitzbübischen Grinsen. »Etwas sagt mir, dass du schon lange nicht mehr mit einer Kutsche unterwegs warst, mein junger Freund.«
»Wir bewegen uns anders fort.«
»So?«
»Ich denke, es ist besser, wenn ich nichts dazu erzähle.«
»Automobile?«
Matt zuckte zusammen. »Woher weißt du das?«
»Der Scotch hat dich dazu gebracht, faszinierende Geschichten zu erzählen«, erwiderte Chavale. »Auch wenn ich gestehen muss, dass ich mit den meisten Erklärungen nichts anzufangen wusste.«
Bevor Matt genauer nachhaken konnte, hielt das Höllengefährt ruckartig an, was ihn nach vorne gegen sein Gegenüber schleuderte.
»Entschuldigung.« Er rappelte sich auf.
Sie öffneten die Tür, stiegen über die Trittleiter aus und der Wissenschaftler händigte dem Kutscher eine Münze aus. Der nickte kurz, schnalzte und setzte die Pferde wieder in Bewegung.
Ein wenig enttäuscht blickte Matt von links nach rechts. Auch dieses Viertel beherbergte Herrenhäuser, die schon von Weitem den Eindruck von Reichtum verströmten. Hohe Fassaden, stellenweise stuckverziert, gewaltige Fenster und kleine eingezäunte Gärten dominierten das Bild. Auf der Straße lag kein Müll, was für diese Epoche ungewöhnlich war, soweit sich Matt erinnerte. Jemand legte sehr viel Wert auf Sauberkeit.
Chavale steuerte zielstrebig auf einen weißen Bau zu. Treppenstufen führte in ein Foyer, wo ein Herr in Livre hinter einer Theke ihnen stoische Blicke entgegenwarf.
»Müssen wir dieses Spiel jedes Mal aufs Neue spielen?«, fragte Chavale genervt.
Der Livrierte zog aus einer Schublade ein Gerät, das aus einer flachen Platte mit Zahnrädern und kleinen Aufbauten bestand. »Jedes Mal aufs Neue.«
Chavale legte den Knauf seines Spazierstocks auf die Platte, nahm von einem gereichten Silbertablett ein Skalpell und schnitt sich in den Finger. Ein grüner Stein schimmerte.
Der Blick des Livrierten richtete sich auf Matt.
»Was, ich?«
»Er ist mein Gast«, beeilte sich Chavale zu versichern.
»Die Regeln gelten für jeden.«
»Ich fürchte, du wirst den Test ebenfalls durchführen müssen«, erklärte der Wissenschaftler. »Es muss bestätigt werden, dass du ein Magier bist.«
Matt öffnete die Ledermanschette, legte seinen Anima auf die Platte, schnitt sich in den Finger und ließ das Blut darauftropfen.
Der Stein leuchtete grünlich.
»Die Herren dürfen eintreten.«
Schnell nahm Matt den Anima wieder an sich und befestigte die Manschette an seinem Handgelenk.
»Was für ein dämliches Ritual«, grummelte er.
»Es gab Versuche, sich in den Club einzuschleichen«, erklärte Chavale. »Spione aus dem Zarenreich oder Gesandte der Kaiserin.«
Die Flügeltür öffnete sich und gab den Blick auf einen ausladenden Raum frei, in dem kleine Tische und beigestellte Sessel das Bild dominierten. Vor den Fenstern hingen schwere Vorhänge aus rotem Stoff, die mit goldenen Kordeln gehalten wurden. Überall pafften Gentlemen Zigarren.
»Das ist also die Lungenkrebs-Fraktion.«
»Bitte?«
Matt winkte ab. »Davon erzähle ich lieber nichts.«
»Von einem der höheren Stockwerke hat man einen ausgezeichneten Blick auf den St James’s Palace«, erklärte Chavale.
Was Matt kein Stück interessierte. Er wollte zurück zu seinen Freunden. »Und wer soll uns hier helfen?«
»Schau dir den Raum an«, erwiderte der Wissenschaftler leise. »Was erkennst du?«
Impulsiv wollte Matt auf die sichtbaren Details hinweisen, doch nachdem er den Anblick auf sich hatte wirken lassen, entdeckte er es. An den Tischen hatten sich Gruppen gebildet, wie aus Kleidung, gegenseitigen Blicken und Körperhaltung hervorging. Bei genauerem Hinschauen sah er, dass ein Mann eine Pflanze wachsen ließ, während der neben ihm dabei half. Doch am Tisch gegenüber lachte ein anderer abfällig darüber.
»Die Gruppen bilden sich nach Talenten«, hauchte er.
»Exakt«, stimmte Chavale zu. »Du hast die 12 Häuser erwähnt, die es zu deiner Zeit gibt – wobei du mir noch einmal genauer erklären musst, wieso dein Freund Nicholas dann in einem 13. Haus untergebracht ist –, hier gibt es diese nicht. Doch die Magier finden sich durch ihre Talente stärker zusammen. Natürlich gibt es Gruppen mit gewissen Zielen, die einfach unterschiedliche Talente vereinen wollen, meist zielgeführt auf politischen Wechsel.«
Wenn Matt die Entwicklung weiterdachte, war es nur natürlich, dass sich die unterschiedlichen Häuser bildeten. Das Regnum hatte diesen Prozess schlicht beschleunigt. Glücklicherweise bot dies für Chavale eine ausgezeichnete Erklärung ab, warum sich die 12 Häuser gebildet hatten.
Dass das 13. Haus aufgrund der Herrschaft des Dämons nachträglich gegründet worden war und jeder darüber Stillschweigen behielt, verschwieg er.
»Du willst jemanden mit Talent um Hilfe bitten?«, fragte Matt.
»In der Tat«, bestätigte Chavale. »Schließlich hat dich auch eines hierhergeführt.«
Was die Frage aufwarf, wie ein Spiegelportal geöffnet werden konnte, wenn selbst in der Gegenwart Nic der Einzige war, der es vermochte.
»Du hast gesagt, in deiner Zeit gibt es mehrere Spiegel und es scheint, dass ich derjenige war, der sie versteckt hat. Die Lösung ist also recht simpel. Ich werde aus dem schwarzen Glas, das ich bei meinen Ausgrabungen fand, weitere Spiegel bauen und verstreuen. Wir müssen lediglich eine Möglichkeit finden, sie zu aktivieren.«
»Lediglich«, wiederholte Matt. »Na dann.«
»Du scheinst zur pessimistischen Sorte zu gehören, mein junger Freund.« Chavale klopfte ihm erneut auf die Schultern. »Dort drüben.«
Er setzte sich in Bewegung.
Matt folgte ihm zu ein paar Tischen, hinter denen in Schwarz gekleidete Herren mit bleicher Haut saßen.
»Egmont Chavale«, grüßte ein dünner Hänfling. Er mochte sechzehn Jahre alt sein, was Matt im ersten Augenblick irritierte.
Dann erinnerte er sich daran, dass junge Männer in dieser Zeit schon deutlich früher als Männer galten, dafür starb die Mehrheit der Menschen auch bereits in den Dreißigern oder noch früher.
»Arkadskiy Serwany«, grüßte Chavale. »Wie mir scheint, benötigen wir deine Hilfe.«
»Wie so viele andere auch.« Der Junge – und für Matt war er ein solcher – ließ die Augenbraue nach oben wandern.
Es war schwer einschätzbar, ob er arrogant oder desinteressiert war.
»Es wäre mir jedoch ein Anliegen, nicht schon wieder von einer grauenvollen Gefahr zu hören, die auf uns alle zukommt und jeden verschlingen wird«, forderte Chavale. »Ich bin sicher, es gibt noch tausend Kriege in der Zukunft.«
Matt revidierte seine Vermutung, dass Arkadskiy ein Zeitseher war. Diese konnten ihren Geist in die Vergangenheit entsenden, wie Liz es tat. Die Zukunft blieb ihnen jedoch verschlossen.
»Du bist ein Schlafseher«, murmelte er.
Sie erhielten im Schlaf Visionen aus Zukunft und Vergangenheit, wenn auch nebulös. Unkontrollierbar.
»Und dein neuer Gehilfe ist wer?«, fragte Arkadskiy.
»Matt«, stellte er sich vor.
Eine Braue wanderte in die Höhe.
»Von Braunschweig«, ergänzte er schnell. »Aus dem Hause der von Braunschweigs.«
Tatsächlich wirkte Arkadskiy beeindruckt. Matt konnte nur im Stillen beten, das nicht irgendwo in diesem Club jemand zugegen war, der aus der entsprechenden Region stammte.
»Ein Preuße also. Nun gut, mir ist es einerlei. Was also kann ich für dich tun, Chavale?«
»Eine Vision, wenn ich bitten darf.«
»Und die Bezahlung?«
»Soweit ich mich erinnere, schuldest du mir noch einen Gefallen, Arkadskiy. Diesen fordere ich hiermit ein. Und bitte keine Scharade.«
»Das Ziel?«
»Ein Blick in die Vergangenheit des Herrn von Braunschweig«, erklärte Chavale. »Zu einem exakt definierten Punkt. Wir benötigen Informationen über die Struktur eines Zaubers, der in seiner Gegenwart gewirkt wurde.«
»Ein gezielter Punkt?«, fragte Matt den Wissenschaftler, als Arkadskiy aufgestanden war, um Zutaten für seinen Zauber herbeizuschaffen.
»Aber ja, sonst wäre die Gabe ja völlig sinnlos.«
Was Matt nur bestätigen konnte. »Aber wie kontrolliert er das Ziel, wenn er schläft?«
»Er wird sich mit rauschfördernden Mitteln in eine Halbtrance versetzen. Ein Zeitseher könnte dich berühren und dadurch deine Vergangenheit sichtbar machen, allerdings nur das Sichtbare. Ein Schlafseher kann die Substanz dahinter deuten, die gewobenen Zauber erkennen. Dafür wäre er nicht in der Lage, dir Details zu erklären, die er sieht. Alles hat seinen Preis.«
Unweigerlich fragte sich Matt, ob die Schlafseher in der Zukunft auch mit entsprechenden Substanzen in ihrem Haus hantierten und es einfach nur geheim hielten oder ihre Gabe nicht mehr so gezielt einsetzten.
»Er wird uns erklären können, was genau dein Freund Nicholas getan hat, dann stellen wir das nach.« Chavale verfiel erneut in eine Phase der Euphorie. »Die Entdeckung der Zeitreise.«
Arkadskiy Serwany kehrte zurück. Aus einem Lederbeutel nahm er ein rotes Kraut heraus, stopfte es in eine Pfeife und deutete auf den Platz neben sich. »Setz dich, Matt von Braunschweig.«
Ein Feuerzeug wurde entzündet, das Kraut entflammte. Arkadskiy Serwany nahm Matts Hand in die seine, während er tief inhalierte. »Konzentriere dich auf jenes Ereignis, das ich besuchen soll. Das Geheimnis, das ich zu enthüllen vermag.«
Mit einem letzten Blick zu Chavale, der auffordernd nickte, fokussierte Matt die Erlebnisse, die auf ihre Flucht aus Österreich gefolgt waren. Die hektische Suche nach dem Spiegel, die Passage, die Ankunft.
Serwany inhalierte weiter, brummte etwas und drückte mal fester, mal sanfter seine Hand. »Ja, ich kann es sehen. Schwärze, durchzogen von Gold.«
Seine Stimme war ein ehrfürchtiger Hauch. In diesem Augenblick sah der Schlafseher die Schicksalslinien, die Nic greifen und manipulieren oder sich daran entlanghangeln konnte.
»Gold, gewoben aus Fäden der Wirklichkeit«, flüsterte Arkadskiy.
Sowohl Matt als auch Chavale hingen an seinen Lippen.
»Doch auch Dunkelheit, die rasch näher rückt.«
»Jetzt geht das wieder los«, stöhnte der Wissenschaftler. »Wir müssen wissen, wie das Glas durchschritten werden kann.«
Matt konzentrierte sich auf den Moment des Eindringens und des Verlassens des Spiegelportals.
»Das Schicksal schreit«, flüsterte Arkadskiy. »Es ist falsch, was getan wurde in jener Nacht. Das schwarze Glas, das goldene Leben, der blaue Tod.«
Chavale schlug frustriert die Hände zusammen. »Das hilft uns nicht weiter!«
»Wie können wir es durchgängig machen?«, fragte Matt beschwörend.
»Einzig das Schicksal kann ändern, was dem Schicksal entstammt. Um an den Linien zu reisen, müsst ihr das Schicksal beugen.« Schweißtropfen bildeten sich auf Serwanys Stirn. Sein Atem ging stoßweise.
»Er wird die Verbindung gleich verlieren«, merkte Chavale an. »Kannst du mit dem etwas anfangen, was er sagte?«
»Ich weiß, was es bedeutet, aber nicht, wie wir es durchführen können.« Matt ballte frustriert die Hände. »Das ist ja gerade der Schlüssel zu Nics Talent.«
»Gibt es etwas anderes, was wir einsetzen könnten?«
Er schüttelte den Kopf. Abrupt stoppte er und nickte. »Ja! Eine Apparatur.« Seine Augen weiteten sich.
»Wo finden wir die?«
»Du hast sie gebaut«, flüsterte Matt.
Für eine Sekunde traf sich ihr Blick und beide verstanden.
Das Glas der Fensterscheiben zerbarst in einer Explosion. Gestalten in schwarzen Kutten sprangen in den Club, was Matt auf schreckliche Art an die falschen Mönche aus der Gegenwart erinnerte. »Was …«
»Runter!«, brüllte Chavale.
Flammen tanzten, Schatten schrien, die Welt verging in grausamer Magie.

Kapitel 5
Die Schattentänzerin
War das Jane?«, fragte Nic.
Liz schien sich ebenfalls nicht sicher zu sein. Sie runzelte die Stirn und lauschte.
Der Schrei erklang erneut.
Sie eilten in den Flur. Instinktiv steuerte Nic die Kellertreppe an. Zwei Stufen auf einmal nehmend hetzte er nach unten. Unberührt stand der schwarze Spiegel an seiner typischen Stelle.
»Das ist jetzt ärgerlich«, kommentierte Nox. »Ihr habt beide Wahnvorstellungen.«
Wieder hallte der Schrei von Jane an Nics Ohren, ausgestoßen in grauenvollem Schmerz.
»Das klingt so schön«, hauchte Nox.
»Wie kann sie im Spiegel sein?«, fragte Liz.
Nic warf sich förmlich nach vorne, umklammerte den Rahmen mit seinen Fingern und versenkte seinen Geist in die Verbindung.
Als sie Jane das letzte Mal gesehen hatten, hatte diese mit einem der Fatumaris von Inés gekämpft. Am Ende waren beide in die Schatten gestürzt und nicht zurückgekehrt. Nic war davon ausgegangen, dass sie irgendwo auf der Welt wieder aufgetaucht waren, Jane aber aus irgendeinem Grund keine Möglichkeit zur Kontaktaufnahme besaß.
In seinem Blick tauchte die erste Gegenstation auf. Nichts. Er suchte weiter, doch nirgendwo war die Freundin zu sehen. »Ich finde sie nicht!«
»Erzähl mir, was du siehst«, bat Liz.
Er berichtete von jedem Spiegelportal, das er sah.
»Nic, wenn ich sie hören kann, steht sie nicht vor einem der Ausgänge.«
Was bedeutete …
Nic wartete, bis der Schrei erneut erklang, nahm den Hall auf und ließ sich leiten. Sein Geist glitt an den Linien entlang, bis er Jane erkennen konnte. Sie schwebte im Nichts, verzweifelt mit den Armen rudernd. Der Grund für ihren Schmerz war nicht erkennbar, doch sie brüllte erneut. Ihr Gesicht glich einer Grimasse aus absoluter Pein.
»Jane!«, hauchte er. »Ich habe sie.«
»Kannst du ihr helfen?«
Nic schüttelte den Kopf. »Nicht von hier aus.« Er schluckte. »Ich muss hinein.«
»Aber wenn du auf der anderen Seite austrittst, wird Nox sofort Kontakt mit Inés aufnehmen.« Liz knabberte an der Unterlippe. »Du hast nur Sekunden.«
»Ich weiß. Aber es ist Jane.«
Er hielt den Blick auf sie gerichtet, den Geist verschmolzen mit dem schwarzen Netzwerk. Ein Schritt genügte und er glitt durch die Dunkelheit. Grundsätzlich glich das Reisen jenem über eine normale Spiegelverbindung, sah man von der Enge ab, die sich sofort auf einen legte. Und die endlose Schwärze ringsum. Leichte Panikattacken ebenfalls in Reichweite.
Sein Körper glitt auf Jane zu.
Je näher er kam, desto schwieriger war das Vorankommen. Die Dunkelheit schien ihn aufhalten zu wollen, verwandelte sich in zähen Sirup. Das Atmen fiel Nic schwer, jede Bewegung schmerzte. Kleine Flammen züngelten auf seiner Haut, brannten sich hinein. Schlagartig konnte er den Schmerz nachempfinden.
»Jane!«
Ihr Blick zerfaserte, wurde wieder scharf. Endlich erkannte sie ihn.
»Ni… Nic?«
Er streckte den Arm aus. »Nimm meine Hand!«
Sie zögerte. »Bist du es wirklich?«
»Nimm meine Hand!«
Langsam, um jeden Zentimeter kämpfend, hob sie den Arm. Die Schwärze verdichtete sich weiter, wollte sie voneinander fernhalten.
Ihre Finger hatten sich fast berührt.
»Noch ein Stück«, stöhnte er.
Nics Körper pulsierte in purem Schmerz. Tausend Widerhaken rissen ihm die Haut vom Leib, Flammen verbrannten ihn zu Asche, sein Blut kochte und jeder einzelne Knochen brach.
Sie berührten einander.
Die Umgebung verwandelte sich in Chaos. Sie wurden zu Fliegen in einem Hurrikan, ohne Kontrolle, ohne eine Chance. Nic fokussierte seinen Geist auf einen Ausgang, den erstbesten, den er fand.
Eine Ewigkeit später purzelten sie aus einer Glasfläche.
Schwer atmend krachten Jane auf den Boden, Nic landete direkt neben ihr. Die Umgebung war ihm vertraut.
»Das ist Zypern«, keuchte er. »Verdammt! Inés darf nichts von diesem Tor erfahren.«
Sie rappelten sich auf.
Verwirrt registrierte Nic, dass Nox nicht hier war. Der Familiaris musste doch auf die Gelegenheit gewartet haben, sie zu verraten.
»Alles klar?« Er zog Jane in eine Umarmung.
»Ich … es war …« Sie war bleich, ein Schatten ihrer sonstigen Stärke.
»Was ist passiert? Nein, erzähl es mir später.«
Schnell trat er an den Spiegel. Ein surreales Bild. Inmitten von Sand und Dünen stand das schwarze Glas. Nic legte die Hände auf den Rahmen. Innerhalb weniger Sekunden hatte er den Ausgang im sicheren Haus gefunden.
»Gehen wir.«
Jane nickte zittrig. Hand in Hand traten sie durch das Portal. Die dunklen Linien nahmen sie erneut auf, trugen sie davon. Mit einem Schwappen traten sie aus der Gegenstation im Haus.
Niemand erwartete sie.
»Liz?« Verwirrt sah Nic sich um.
Schritte erklangen.
»Euch geht es gut!« Liz riss Nic förmlich in eine Umarmung. »Ich habe mir solche Sorgen gemacht.«
»Du tust ja so, als hätten wir uns Tage nicht gesehen.« Nic grinste.
»Vier Tage, um genau zu sein«, erklärte sie. »Ihr wart verdammte vier Tage verschwunden! Ich könnte nicht nach euch suchen, weil der dämliche Spiegel ja auf nichts reagiert!«
»Aber … so lange?« Er wandte sich Jane zu. »Wie lange hat es sich für dich angefühlt?«
Ihre Augen waren trüb. »Ewig.«
Sie taumelte. Wenn Nic und Liz nicht gleichzeitig zu ihr gesprungen wären, um sie stützen, hätte Jane Bekanntschaft mit dem Stein des Bodens gemacht.
»Wir bringen dich erst mal ins Bett«, sagte Nic.
Er brannte darauf zu erfahren, was seiner Freundin widerfahren war, doch sie konnte sich kaum auf den Beinen halten, geschweige denn einen ausführlichen Bericht abliefern.
Sie schafften es ins erste Stockwerk, wo sie Jane in eine Decke packten. Es vergingen nur Sekunden, dann verrieten die gleichmäßigen Atemzüge, dass sie eingeschlafen war.
»Es muss schrecklich gewesen sein.« Nic betrachtete das bleiche Gesicht, das auf dem Kissen so zerbrechlich wirkte.
»Sie ist völlig ausgemergelt, entkräftet und verwirrt.« Liz verschränkte die Arme. »Hätte sie noch länger darin ausharren müssen, hätte sie das niemals überlebt. Nic, wir müssen herausfinden, was es mit diesem schwarzen Glas und den Spiegelverbindungen auf sich hat. Jede Passage ist eine Gefahr.«
»Bisher hat immer alles geklappt«, gab er zu bedenken. »Ohne den Spiegel in Brasilien wären wir gestorben. Und ohne den in Paris hätten wir niemals unbemerkt nach Österreich zur Versammlung gelangen können.«
»Trotzdem wissen wir nichts über die Natur dieses besonderen Netzwerks. Bei den gewöhnlichen Spiegelportalen ist bekannt, dass sie auf den Kraftlinien der Erde beruhen, wie sie schon die alten Aborigines kannten. Songlines. Doch wie stellt das schwarze Glas diese besondere Verbindung her?«
Sie verließen auf Zehenspitzen das Zimmer, die Tür blieb offen. Falls Jane etwas benötigte, wollte Nic es sofort bemerken. In der Küche holte er einen Teller, richtete Schüsseln und stellte eine Tasse bereit.
Um sechs Uhr öffnete er die Verbindung erneut, doch Angelo meldete sich nicht. Es standen jedoch vier Kisten vor dem Spiegel.
»Eine Lieferung!«, freute sich Nic.
Bevor er durch das Portal treten konnte, hielt Liz ihn zurück. Falls es ein Hinterhalt war und Nic Inés in die Hände fiel, waren Jane und sie im Haus gefangen. Stattdessen trat Liz durch die Passage, hob die Kisten magisch an und ließ sie auf die andere Seite gleiten.
An einer davon hing ein Zettel.
Hey ihr,
ich habe euch ein paar Dinge zusammengestellt, weitere Kisten folgen. Hier draußen wird es immer gefährlicher. Inés scheint gewaltigen Einfluss auf die Wächter auszuüben und treibt sie dazu an, uns zu finden. Es gab mehrere Anschläge auf Ratsmitglieder, für die wir verantwortlich gemacht werden. Inés benutzt uns als Sündenbock. Einer meiner Freunde hat mich verraten, ich konnte aber fliehen und ein neues Versteck aufsuchen. Wenn das so weitergeht, habe ich nicht mehr viel Zeit. Ich suche weiter nach Informationen zu Gabriel. Seid vorsichtig, Inés lässt auch nach den schwarzen Spiegeln suchen. Wie es scheint, sind diese jedoch an den Ort gebunden, an dem sie stehen. Die Krypta in Spanien ist mittlerweile eine Festung, der Spiegel konnte nicht fortgeschafft werden.
Bis bald
Angelo
Sie öffneten die Kisten.
»Kaffee!« Glücklich betrachtete Nic die Kaffeetiera und das zugehörige Pulver.
Liz lächelte ihm zu, freute sich aber mehr über die Zutaten für Zaubertränke, die Anzüge, Kontaktoren und Spezialpistolen.
Angelo hatte ihnen neben der Bewaffnung auch frische Kleidung eingepackt, dazu zwei Laptops, alte Wegwerfhandys, die man auf- und zuklappen musste, und weitere nützliche Utensilien.
Ab sofort konnten sie auch wieder vernünftig kochen – obgleich in überschaubarem Rahmen.
Sie machten sich daran, alles zu verstauen.
Müde, aber zufrieden sanken sie im Salon auf die Stühle, aßen ein wenig Brot mit eingelegten Oliven und unterhielten sich. Dazu gab es gesalzene Butter. Ein einfaches Essen, doch sie genossen jeden Bissen.
Vor Nic stand ein Bottich Kaffee, vor Liz Tee.
»Siehst du, man muss nur positiv denken«, verkündete sie. »Jane ist wieder da, als Nächstes finden wir Matt.«
»Und befreien meinen Dad, stürzen Inés und retten Gabriel?«
»Sag das nicht wieder mit diesem pessimistischen Unterton!«
Seufzend nippte Nic an dem Becher. Die Probleme türmten sich einem Berg gleich vor ihm auf. Ja, Jane war zurück, doch wie sollten sie all die anderen Dinge angehen?
Überall gab es nur Fragezeichen oder gewaltige Hürden zu meistern.
Sie plauderten, schmiedeten Pläne und verwarfen sie wieder. Irgendwann verlagerten sie ihre Position auf die Couch, wo es Nic immer schwererfiel, den Ausführungen von Liz zu folgen. Er schlief ein.
Es war ein tiefer, traumloser Schlaf, der damit endete, dass Sonnenschein seine Nase kitzelte. Eng an Liz gekuschelt erwachte er, genoss die Wärme auf seiner Haut und den Duft seiner Freundin. Erst nach weiteren Minuten, in denen er das Gefühl in sich einsaugte, gähnte und streckte sich Nic. Sein Blick glitt durch den Raum.
Am Tisch saß Jane.
Nic richtete sich auf. »Hey, wie hast du geschlafen?«
Seine beste Freundin hatte eine Schüssel vor sich, in der die Reste von Pflanzenpaste klebten, auf dem Teller lagen Brotkrümel, in der Tasse dampfte Kaffee. »Beinahe hätte es mich aufgezehrt.« Sie kaute noch, blickte gierig auf jeden übrigen Krümel.
Nic sank ihr gegenüber auf den Stuhl. Von Jane ging der Geruch von Duschgel und Shampoo aus, sie hatte sich bereits mit Wasser aus der Schüssel gewaschen und die neu eingetroffenen Utensilien benutzt.
»Was ist passiert?«, fragte er.
Liz stöhnte und erwachte ebenfalls. Sie sank neben Nic auf den Stuhl.
»Ich habe gegen den Fatumaris von Inés gekämpft«, begann Jane stockend zu erzählen.
Sofort stiegen die Bilder in Nics Erinnerung empor. Das Schloss in Österreich, der Kampf gegen die beiden Fatumaris von Inés, die anderen Magier, die sich einmischten, weil sie in ihnen Verräter sahen.
»Du bist in die Schatten gesprungen«, half Nic aus, als Jane stockte.
»Ich wollte die Kreatur von ihrer Herrin trennen«, berichtete Jane krächzend. »Soweit wir wissen, nimmt ein Magier das Talent des unterlegenen Magiers an. Doch Inés hat mehr getan. Sie hat die Substanz mit sich verschmolzen, den Körper. Dadurch werden diese Magier zu seelenlosen Hüllen, die sie ausschicken kann.«
»Wir haben ein Buch gefunden, in dem einiges dazu steht«, warf Liz ein. »Aber ein Großteil der Informationen zur Erschaffung von Fatumaris scheint bewusst vernichtet worden zu sein.«
»Es war eine dumme Idee«, erzählte Jane weiter. »Diese Kreaturen können auch ohne Inés agieren. Sie halten sich an den Auftrag, den ihre Herrin zuletzt ausgesprochen hat. Töte sie, war alles, woran das Wesen denken konnte. Ich habe noch nie zuvor jemanden so kämpfen sehen.«
»Aber du hast sie besiegt!« Nic schenkte ihr ein grimmiges Nicken. »Das muss Inés zugesetzt haben, wenn sie mit dieser Kreatur verbunden ist.«
Stille senkte sich auf sie herab.
»Was ist los?«, fragte Liz sanft. »Da ist noch etwas.«
Jane barg müde das Gesicht in den Händen. »Der Kampf war … auszehrend. Wir trieben durch die Schatten und dann ist etwas passiert. Ich wollte fort, den Fatumaris zurücklassen. Deshalb habe ich Matt anvisiert, um neben ihm aus den Schatten zu treten. Ich wusste ja, dass ihr auf jeden Fall zum Spiegel zurückkehrt. Doch dann ist etwas … gerissen. Ich trieb einfach in der Schwärze, aber nicht länger in den Schatten.«
Liz und Nic wechselten einen kurzen Blick.
»Das Netzwerk der schwarzen Spiegel scheint so nah neben den Schatten zu verlaufen, dass du durchbrechen konntest«, überlegte Liz. »Deshalb warst du plötzlich mitten in der Passage zwischen den Spiegeln und nicht mehr in den Schatten, die du kennst.«
»Aber Matt war nicht da«, hauchte sie. »Stattdessen trieb ich einen schwarzen Strom entlang, ohne selbst eingreifen zu können. Ich kämpfte gegen den Fatumaris, bis dieser irgendwann seine Kraft verlor. Und dann …«
Wieder breitete sich Stille aus.
»Ja?«, fragte Nic.
Liz riss die Augen auf. »Nein!«
Jane senkte den Blick.
»Was ist passiert?!«, wollte Nic wissen. »Ist das wieder so ein Telepathie-Dings zwischen euch? Jetzt raus damit.«
»Jane hat den Fatumaris besiegt«, erklärte Liz. »In einem Zweikampf.«
»Okay.«
»Quasi ein Duell.«
Nic riss die Augen auf, sein Blick fixierte Jane. »Du hast … aber was bedeutet das?«
»Ich bin jetzt wohl so etwas wie ein Fatumaris, wie Inés. Die Magie dieses Wesens ging auf mich über.« Sie zog ein Stirnband aus der Tasche, in den ein silbriger Stein eingelassen war. »Damit besitze ich zwei Animas und zwei Talente.«
»Hast du auch die Substanz aufgenommen?«, fragte Nic.
Nachdrücklich schüttelte Jane den Kopf. »Das war alles Instinkt. Wir haben beide um unser Leben gekämpft. Am Ende war ich einen Hauch stärker, habe aus ihm herausgerissen, was ich zum Überleben brauchte, und ihn weggestoßen.« Eine Träne rann über Janes Wange. »Ich habe ihn getötet.«
»Er war doch schon tot«, beruhigte Nic sie. »Du hast ihn erlöst. Irgendwie konntest du das zurückholen, was er bereits an Inés verloren hatte. Es muss eine Verbindung zwischen den beiden gegeben haben.«
»Natürlich!« Liz schnippte mit den Fingern. »Um uns anzugreifen hat Inés die beiden Fatumari eingesetzt und ihnen ihre Animas gegeben. Nur so konnten sie kämpfen. Aber dadurch hattest du die Chance, ihn zu erledigen. Vermutlich war kein Ritual mehr nötig, weil ja längst eines abgeschlossen war. Andernfalls hätte es auch gar nicht funktioniert. Wir haben in den alten Schriften gelesen, dass es oft schiefging, Inés hat das Ritual irgendwie angepasst. Du hast das quasi übernommen.«
»Das geschieht dieser elenden Inés recht.« Nic schenkte seiner besten Freundin einen grimmigen Blick. »Du solltest dich freuen.«
»Es war grausam.« Jane war kreidebleich. »Eine Pervertierung des Lebens. Ich kann es nicht in Worte fassen. Versteht ihr denn nicht? Ich will kein zweites Talent, wollte nie zu einer Mörderin werden! Es fühlte sich so grausam falsch an, als hätte ich etwas in mir, was meine Seele vergiftet.«
»Langsam«, stoppte Nic sie. »Du hast dich verteidigt, das weißt du genau. Er hätte dich nämlich sofort getötet und damit wäre Inés jetzt im Besitz eines weiteren Animas. Dass sie drei Zauber gleichzeitig weben kann, ist schon schlimm genug, aber vier …«
Jane nahm einen großen Schluck Kaffee. »Wo ist Matt?«
»Das wüssten wir auch gern.« Auf seinen Freund angesprochen, schüttelte Nic traurig den Kopf. »Er ist in der Passage verschwunden.«
Jane blickte fassungslos zwischen Nic und Liz hin und her. »Deshalb bin ich dort gelandet, als ich ihn angepeilt habe. Aber wie konnte das passieren?!«
»Wir wissen es nicht«, erwiderte Nic. »Noch nicht. Angelo ist schon draußen unterwegs, aber solange ich an Nox gebunden bin, hänge ich hier fest.« Mit gerunzelter Stirn sah er sich um. »Wo ist der überhaupt?«
Liz ergriff Janes Hand. »Ruhe dich aus, sammle deine Kraft. Dann wird es dir bestimmt wieder besser gehen.«
»Danke.« Der Hauch eines Lächelns überzog das Gesicht der Freundin. »Allerdings werde ich mich eine sehr lange Zeit nicht mehr wohlfühlen.«
»Darf ich fragen … weißt du schon, was dein zweites Talent ist?« Neugierig betrachtete Nic sie von oben bis unten, doch es gab natürlich keinen äußeren Hinweis darauf.
Sie nickte. »Oh ja, das weiß ich.«
Und Jane sagte es ihnen.

Kapitel 6
Von Leib zu Leib
Wow«, kommentierte Nic die Enthüllung zum wiederholten Mal. »Wie fühlt es sich an?«
»Woher soll ich das wissen, es funktioniert ja nicht!«, blaffte Jane.
Nachdem sie ihre neue Gabe enthüllt hatte, war Nic damit beschäftigt gewesen, die Konsequenzen zu verarbeiten.
»Kann man zwei Talente kombinieren?«, war Liz sofort pragmatisch geworden. »Denn als Schattenspringerin hättest du einen gewaltigen Vorteil.«
Jane hatte sich anfangs gesträubt, doch schließlich nachgegeben. Kurzerhand rollte Nic eine bequeme Decke aus, die auch nur ein klein wenig zerfleddert war, auf die Jane sich legen konnte.
»Und was genau musst du tun, damit es funktioniert?«, fragte er.
»Ich habe keine Ahnung! Wie du vielleicht bemerkst, passiert gar nichts.« Jane schien kurz davor zu stehen, ihn anzufallen.
Nic saß rechts neben ihr im Schneidersitz, Liz hatte sich links niedergelassen.
»Damit ich mich mit meinem Geist in die Vergangenheit projizieren kann, muss ich einen Gegenstand oder eine Person berühren«, erklärte Liz. »Vielleicht ist es bei dir genauso.«
Kurzerhand packte Jane Nics Handgelenk, schloss die Augen und ließ ihren Atem langsam ein- und ausströmen.
»Nichts.«
»Willst du es denn wirklich?«, fragte Liz.
»Warum, denkst du, liege ich hier?« Jane quetschte Nics Handgelenk.
»Ah, ist ja gut. Lass mich wieder los!« Er zog seine Hand zurück.
»Die Gabe gehört einem toten Magier. Du hast Schuldgefühle, willst sie eigentlich gar nicht. Möglicherweise stößt dein Inneres das Talent ab.«
»Wogegen ich kaum etwas tun kann.«
»Du könntest es akzeptieren.«
In einer eleganten Bewegung kam Jane in die Höhe. »So einfach ist das nicht.«
Damit wandte sie sich ab und verließ den Raum.
»Welcher Fatumaris ist der denn über die Leber gelaufen«, meldete sich Nox zu Wort.
Nics ganz persönlicher Albtraum stolzierte fröhlich über die Stelle, an der Jane bis eben gelegen hatte. Doch entgegen seines Auftretens wirkte er angeschlagen. Seine Augen funkelten nicht listig und gemein, wie es normalerweise der Fall war, sie blickten trübe in die Runde. Auch seinen Bewegungen fehlte der typische Elan.
»Was ist denn mit dir passiert?«
»Kümmere dich um deinen Kram. Sterben zum Beispiel.« Schweigend plumpste er auf sein Hinterteil.
»Nox?«, fragte Liz.
Nic beschränkte sich auf ein genervtes Nicken.
Sie beschlossen, Jane ein wenig Freiraum zu geben. Sie schafften einen großen Teil des alten Plunders von Chavale aus dem Labor in den Keller und funktionierten die Hälfte des Raumes zu einem Trainingsraum um.
Die folgenden Tage streiften sie die Ausrüstung über und kämpften gegeneinander. Zwar konnten sie im Herrenhaus keine größeren Kampfzauber einsetzen, doch sie übten mit abgelegtem Anima die Fingerbewegungen, mit der die Zauber gewoben wurden.
Am zweiten Tag kam Liz mit leuchtenden Augen in den Salon gestürmt, ein dickes Buch in der Hand. »Chavale besaß ein Grimoire, das hatte ich völlig vergessen«, erklärte sie.
Selbst Jane taute auf, als sie zu dritt im Trainingsraum standen und mit den Fingern seltsame Zauberkonstruktionen erschufen.
Bereits bei ihrer letzten Recherche hatten sie das Malus Magica Aeternum gefunden, in dem Chavale seitenlang seine Entdeckungen und Theorien aufgeführt hatte. Zudem hatte er eigene Zauber erfunden, die sie nun nachvollziehen wollten. Glücklicherweise hatte sich die Anleitung für Zauber all die Jahre nicht geändert. Sie konnten die Zeichnungen problemlos den jeweiligen Bewegungen zuordnen. Darunter stand, wozu sie gut waren.
»Chavales Funkenflug«, murmelte Nic, während er die passende Fingerübung ablaufen ließ. »Dadurch erscheinen Millionen von winzigen Funken und streifen durch die Reihen der Angreifer. Damit könnte man eine ganze Horde an Gegnern in Brand stecken.«
»Klingt ziemlich martialisch«, merkte Liz an.
»Er hat auch extra eine Warnung darunter notiert. Damals ging es wohl deutlich rauer zu als heute.«
»Sinnloses Gefuchtel«, krakeelte Nox. »Ihr seid echte Flaschen.«
Doch längst hatten die Worte ihre Schärfe verloren. Auch der Familiaris wurde zunehmend wütend. Gefangen im Haus konnte er seinem Auftrag nicht nachkommen, Nic zu verraten.
Jane unternahm weiter Versuche, ihre neue Gabe einzusetzen.
Gleichzeitig trafen fast täglich Berichte von Angelo ein. Er hatte sich mit Samantha zusammengetan. Die Traumwandlerin hatte ihnen vor einigen Wochen dabei geholfen, die Träume Jeremiahs zu infiltrieren. Gemeinsam arbeiteten sie daran, ein Untergrundnetzwerk aufzubauen.
Immer mehr Kisten wurden geschickt, die Ausrüstung, Verpflegung und der Kleidungsvorrat wuchsen. Angelo hatte noch keinen Hinweis auf Matt oder Gabriel gefunden.
Nach einer besonders intensiven Trainingseinheit lagen Liz und Nic keuchend auf den Trainingsmatten.
»Du warst gut«, sagte Liz.
»Du auch.« Nic lächelte.
In einer schwungvollen Bewegung rollte sich Liz an seine Seite, ihre Lippen verschmolzen zu einem Kuss. Sie schmeckte nach Minze, mit einer Mischung aus Wacholder, ihre Haut roch selbst nach dem intensiven Training nach frischem Duschgel.
Ihre Küsse wurden gieriger, eine Gürtelschnalle klackte. Liz’ Hose glitt herab.
Mit einem Knall wurde die Tür geöffnet. »Es funktioniert!«
Entsetzt schrak Nic zusammen. »Ernsthaft? Jetzt?!«
Liz schloss soeben ihren Gürtel.
»Ich war oben und habe mich fokussiert und dann plötzlich … ich habe meinen Körper verlassen und dann konnte ich alles sehen, was du siehst, was in deiner Umgebung geschieht. Allerdings verschwommen, wie durch klares Wasser, das Wellen schlägt.«
In diesem Augenblick war Nic froh darüber, dass Jane sie beide unterbrochen hatte. Andernfalls hätte er sich danach vermutlich Benotungen seiner Performance anhören dürfen.
»Damit haben wir also eine Leibwandlerin, die ihren Geist an andere Menschen heften kann.« Liz wirkte überaus zufrieden. »Und anscheinend geht das sogar ohne Berührung.«
Jane schüttelte energisch den Kopf. »Ich glaube, dass es das normalerweise nicht tut. Als ich meinen Geist ausgeschickt habe, wurde es kurz dunkel. Nur ein paar Sekunden, doch ich kenne das Gefühl.«
»Du bist durch die Schatten gereist«, schloss Nic. »Du kannst dich tatsächlich durch die Schatten projizieren, um Menschen zu beobachten!«
Wodurch sich ganz neue Möglichkeiten offenbarten. Da niemand jemanden aus dem Haus der Leibwandler kannte, besaßen sie hier keine Chance, ergänzende Informationen zu erhalten.
»Learning by doing«, erklärte Liz pragmatisch, was dazu führte, dass Jane ihren Geist ständig durch die Schatten in eines der anderen Zimmer projizierte, um sich an einen ihrer Körper zu hängen.
Anfangs gelang es nur wenige Sekunden, doch die Zeitspannen wurden länger. Als sie erstmals eine Stunde erreichte, wirkte sie gelöst und glücklich.
»Wir sollten erste Versuche außerhalb des Hauses unternehmen«, schlug sie vor.
Kurzerhand öffnete Nic den schwarzen Spiegel und gemeinsam mit Liz reiste Jane nach Zypern. Glücklicherweise wartete hinter den Dünen eine Lagune, die ständig von Einheimischen und Touristen bevölkert war.
Jane sank in den Schneidersitz, während sie ihren Geist in Sichtweite projizierte. Nachdem dies problemlos gelang, nutzte sie die Schatten und heftete sich über weite Strecken an fremde Menschen, schickte ihren Geist immer wieder auf Wanderschaft. In dieser Zeit blieb ihr Körper schutzlos zurück, doch Liz achtete darauf, dass ihm nichts geschah.
Nic hielt das Portal geöffnet und konnte auf diese Weise alles beobachten. Letztlich eine langweilige Angelegenheit, denn Jane saß nur in Trance herum, während Liz sich ständig nach Feinden umsah.
»Was ist mit der Entfernung?«, fragte Nic eines Abends beim Essen. »Gibt es da ein Limit?«
»Probieren wir es aus«, erwiderte Jane mit neu erwachtem Tatendrang.
Am kommenden Tag kehrte sie mit müdem Blick, aber zufrieden aus Zypern zurück.
»Ich habe mich an Angelo gehängt. Er war gerade irgendwo in Afrika.«
Sie hinterließen neben dem Portal einen Brief, der sich bei Annäherung von Angelo auf diesen stürzen würde. Er musste erfahren, was Jane für eine neue Fähigkeit besaß. Und tatsächlich, als Nic die Passage am nächsten Abend öffnete, schicke sein ehemaliger Trainer keine Kiste, er kam selbst zurück in das sichere Haus.
Er trug Kampfmontur, die Schultern waren noch etwas breiter geworden und als er Nic in eine Umarmung zog, war es ein Wunder, dass es nicht zu Quetschungen kam.
»Es ist schön, wieder unter Freunden zu sein.«
Sie aßen gemeinsam, tranken und berichteten einander von den Geschehnissen.
»Wir haben ein leer stehendes Haus in Afrika zu unserem Hauptquartier umfunktioniert, aber ich bin nicht sicher, wie lange wir es noch halten können«, erzählte Angelo. »Inés wird stärker, das Suchmuster der Wächter dichter. Sie nutzen Befragungen und Wahrheitszauber, die für den jeweiligen Magier sogar gefährlich werden können.« Sein Blick traf Jane. »Euer Brief hat mir einen gehörigen Schreck eingejagt. Du hast mich beobachtet, ohne dass ich etwas davon bemerkt habe.«
»Vielleicht können wir damit endlich ein paar Informationen bekommen«, gab Nic zurück. »Normale Leibwandler können sich niemals ohne Berührung einfach an Magier heften. Jane hat zwei Talente und durch die Kombination haben wir einen Vorteil.«
»Habt ihr Matt gefunden?«, fragte Angelo.
Nic schüttelte den Kopf. »Vielleicht treibt er immer noch durch das schwarze Netzwerk, ich kann ihn einfach nicht finden.«
»Meine Kontakte haben auch nichts von ihm gehört, er scheint also nirgendwo außerhalb der Verbindungen aufgetaucht zu sein.« Angelo rieb sich müde die Augen. »Aber hast du es schon mit deinen Fähigkeiten probiert, Jane?«
Sie nickte. »Keine Chance.«
»Ich habe eine Fotografie von Gabriel bei mir«, erklärte Angelo. »Würdest du versuchen, ihn zu finden?«
Sie spiegelten nach Zypern, kehrten jedoch unverrichteter Dinge wieder zurück.
»Falls Inés dafür verantwortlich ist, hat sie ganze Arbeit geleistet«, kommentierte Liz.
»Diese Frau scheint generell ziemlich gut in allem zu sein.« Nic trat wütend gegen eine Wand, was jedoch lediglich dazu führte, dass sein Fuß schmerzte.
»Warum versuchen wir nicht, sie zu beobachten?« Liz blickte in die Runde.
»Bist du verrückt?«, fragte Nic. »Und die Frage ist ernst gemeint. Wir sprechen von Inés.«
»Sie ist nicht allmächtig«, stellte Jane klar. »Auch sie macht Fehler und kann angegriffen werden. Dass ich ihr eine Fähigkeit abnehmen konnte, beweist das.«
»Trotzdem gehe ich stark davon aus, dass es Möglichkeiten gibt, sich gegen Körperwandler zu schützen«, merkte Angelo an. »Andernfalls wäre kein Magier sicher, kein Geheimnis könnte gewahrt werden.«
Letztlich gab es wohl gegen jedes Talent eine Abwehrmöglichkeit. Die Frage war, worin diese bestand.
»Ein Versuch kann nicht schaden.« Janes neu erwachter Tatendrang kannte keinen Halt.
»Wenn Inés dafür sorgen konnte, dass wir Gabriel nicht finden, wird sie sich auch abgesichert haben.« Angelo seufzte. »Aber es stimmt, einen Versuch ist es wert. Irgendwo müssen wir anfangen. Langsam gehen uns die Ansätze aus. Wenn die Wächter weiter an Stärke gewinnen und uns aufgrund von Inés’ Lügen als Gegner einstufen, werden sie uns früher oder später kriegen. Wir können nicht ewig hierbleiben.«
Abgesehen von dieser pragmatischen Einschätzung wollte ihre Feindin immerhin nicht weniger erreichen, als ein zweites Regnum einzuleiten. Der Dämon würde vor niemandem haltmachen, ganz sicher nicht vor einem alten Herrenhaus, mochte es auch noch so gut gesichert sein.
»Wir versuchen es«, entschied Jane.
»Vorher werden wir dich an einen geschützten Ort außerhalb des Hauses bringen«, erklärte Angelo. »Falls etwas schiefgeht, darf weder das Haus gefunden werden noch einer der Spiegel.«
Auf seine Worte runzelte Liz kurz die Stirn, sprang auf und rannte davon. Mit Chavales Grimoire kehrte sie zurück. Wild blätterte sie durch die Seiten, nur um es schließlich wuchtig auf den Tisch zu donnern.
»Perfekt.« Sie tippte auf eine Stelle. »Dieser Zauber ist genau für einen solchen Fall geeignet. Man spricht einen Ankerzauber, der an bestimmte Erinnerungen geheftet wird. Gerät man dann in die Fänge eines Gegners, löst man den Zauber aus, worauf alle verbundenen Erinnerungen gelöscht werden.«
»Damit man im Falle einer Befragung nichts ausplaudern kann.« Nic beugte sich über das Papier. »Da steht ausnahmsweise keine Bezeichnung. Nennen wir ihn Chavales Vergesslichkeit.« Er kicherte.
»Also schön. Bevor wir das Haus verlassen, belegt jeder seine Erinnerungen zu den Spiegeln und allem in diesen Räumlichkeiten mit«, Angelo seufzte, »dem Zauber Chavales Vergesslichkeit.«
Obwohl Nic todmüde war, konnte er in dieser Nacht nicht schlafen. Mittlerweile hatte er gelernt, die Kommentare von Nox zu ignorieren, gleichzeitig gab dieser sich kaum noch Mühe. Es schien fast, als verlöre der Familiaris an Kraft. Darauf angesprochen, musste Nic sich wüste Beschimpfungen anhören.
In dieser Nacht stieg er gemeinsam mit Liz auf das Dach des Hauses. Sie blickten über das nächtliche London, das von einer dichten Nebeldecke eingehüllt wurde. Der Mond war nicht zu sehen, einzig die Straßenlaternen erschufen glühende Leuchtkugeln, die einen Hauch Licht verströmten.
»Du willst wirklich mitgehen?«, fragte Nic.
»Keine Sorge, ich passe auf mich auf.« Ihre Finger verschränkten sich mit seinen. »Und ich will einen kleinen Abstecher machen.«
»Dazu hast du gar nichts gesagt!«
»Es reicht einstweilen, wenn ich davon weiß. Aber mach dir keine Sorgen.«
»Das sagst du so, ich sitze hier allein im Haus und kann nur abwarten, was geschieht.«
Liz hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. »So muss ich mir wenigstens keine Sorgen um dich machen.«
»Der Punkt geht an dich.«
Sie versanken in einem innigen Kuss, der ewig zu währen schien und doch viel zu kurz war.
»Denkst du oft an Matt?«, fragte Liz.
»Nicht in diesen Momenten«, erwiderte er mit einem verunglückten Grinsen. »Immer wieder. Ich hasse es, so machtlos zu sein. Er hätte mir schon längst geholfen, ganz sicher. Aber ich bin einfach nutzlos.«
»Das bist du nicht«, fuhr Liz ihn an. »Ohne dich wäre ich tot, um nur eine Sache zu nennen.«
»Matt und Jane wären in ihrem Haus, wo sie brav ihre Studien betreiben würden.«
»Während Inés daran arbeitet, ein zweites Regnum einzuleiten«, konterte Liz. »Lass das Selbstmitleid, okay? Wir finden Matt. Wenn niemand dort draußen etwas von ihm weiß, ist das ein gutes Zeichen. Falls Jane sich an Inés hängen kann, wissen wir bald mehr.«
Er nickte nur schwach.
Wenn sie nicht zügig eine Möglichkeit fanden, dass er das verdammte Haus wieder verlassen konnte, würde er höchstpersönlich jeden Stein wegsprengen.
Sie genossen das Beisammensein, ließen sich im Bett von der Leidenschaft übermannen und schliefen eng aneinandergekuschelt ein.
Am nächsten Morgen lag Anspannung in der Luft. Jeder wusste, was davon abhing, dass Jane Erfolg hatte. Sie verschlangen ein kurzes Frühstück, dann verließen Angelo, Liz und Jane das sichere Haus über das Spiegelportal auf Zypern.
Nic beobachtete seine drei Freunde, bis sie hinter den Dünen verschwunden waren.
»Da gehen sie hin«, seufzte Nox. »Das war das letzte Mal, dass du deine Freunde lebend gesehen hast. Tut es sehr weh?«
Nic trat nach der Schnauze des Familiaris. Natürlich glitt sein Fuß durch die Fratze hindurch, aber es tat gut. Danach tigerte er unruhig durch das Haus. Angelo hatte deutlich gemacht, dass sie einen Tag unterwegs sein würden, um unbeobachtet nach Afrika zu gelangen. Sam würde Nic im Traum berichten, wenn seine Freunde eingetroffen waren.
Tatsächlich erschien die Traumwandlerin Nic im Schlaf und meldete, dass alle drei wohlbehalten angekommen waren. Danach blieb es still.
Die Unruhe trieb ihn sogar dazu, das Haus zu putzen, was nicht oft vorkam. Am Ende schrubbte er den Teppich so fest, dass das Scheuermittel ein Loch hineinfraß.
In der nächsten Nacht erschien Sam nicht.
Der Versuch musste längst vorüber sein. Waren sie bereits auf dem Rückweg?
Er wartete, seine Nerven zum Zerreißen gespannt. Immer wieder aktivierte Nic den Spiegel, betrachtete den Horizont auf Zypern und hoffte, dass der Blondschopf von Liz, die breiten Schultern von Angelo oder der stahlharte Blick von Jane auftauchten.
Doch nichts.
Am kommenden Tag stand Nic kurz davor, in den Spiegel zu springen, als sie endlich zurückkehrten. Dass etwas nicht stimmte, sah er auf den ersten Blick.
Jane sah aus wie eine wandelnde Leiche. Schlimmer als an jenem Tag, als er sie aus den Schatten gezogen hatte. Etwas hatte sie bis ins Mark erschüttert.
Liz trug einen dicken Folianten unter dem Arm und schritt zügig neben Angelo aus, der seine Muskeln spielen ließ. Vermutlich würde sein Shirt jeden Augenblick reißen.
Zu dritt spiegelten sie in das sichere Haus.
»Was ist los?«, fragte er sofort.
»Das musst du Jane fragen«, erwiderte Angelo. »Es hat funktioniert, aber sie will uns nichts erzählen, solange sie nicht mit dir darüber gesprochen hat.«
»Mit mir?«
»Nic, es … ich …« Sie wandte sich um und ging in den Salon. Als er sie eingeholt hatte, ergänzte Jane: »Es hat funktioniert. Inés war bei deinem Dad.« Sie rieb sich fahrig über das Gesicht. »Es kann einfach nicht sein, es ist unmöglich. Sie muss das irgendwie getrickst haben.«
»Was denn?«
»Du musst mir versprechen, dass du nicht ausflippst.«
Mittlerweile waren seine Handflächen schweißnass. »Zeig es mir.«
Wie damals in der U-Bahn in Berlin, übertrug sie die Erinnerungen magisch auf ihn. Ihr Anima erlosch, die eingesogene Magie hatte den Zauber gewoben.
»Du kannst es einfach abrufen«, erklärte sie, was völlig unnötig war, da er es schon ein Dutzend Mal getan hatte.
Was hatte Jane so aus der Fassung gebracht?
»Du kannst es nacherleben«, ergänzte sie. »Alles.« Noch einmal atmete sie schwer ein. »Aber glaub ihr nicht. Sie lügt, da bin ich sicher.«
»Wenn du mir Angst machen wolltest, ist dir das ausgezeichnet gelungen.« Nic machte sich bereit.
»Bekommen wir die Erinnerung auch?«, fragte Angelo verärgert.
»Das muss Nic entscheiden«, erwiderte Jane.
»Was?!« Der Freund schien kurz davor zu stehen, ihr den Hals umzudrehen.
Nic sank in den Sessel.
Mit einer simplen Geste, kombiniert mit einem Gedanken, löste er die Erinnerung aus, die Jane ihm geschenkt hatte.
Seine Reise begann.
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