Kitabı oku: «Die 12 Häuser der Magie - Schicksalretter»
12 Häuser der Magie
Schicksalsretter
Andreas Suchanek
Copyright © 2021 by

Drachenmond Verlag GmbH
Auf der Weide 6
50354 Hürth
http: www.drachenmond.de
E-Mail: info@drachenmond.de
Lektorat: Nina Bellem
Korrektorat: Michaela Retetzki
Layout: Michelle N. Weber
Umschlagdesign: Alexander Kopainski
https://kopainski.com
Bildmaterial: Shutterstock
ISBN 978-3-95991-696-7
Alle Rechte vorbehalten
Inhalt
Prolog
I. Mauern des Schicksals
1. Zerbrechende Mauern
2. Schatten und Gold
3. Dem Untergang geweiht
4. Umzingelt
5. Du schon wieder
6. Verlorenes Glück
7. Lass los
8. Der nächste Schritt
9. Wofür?
10. Waterloo
11. Alles verändert sich
12. Aus dem Schatten
II. Schatten des Schicksals
13. Ein Riss im Schatten
14. Esme
15. Einsatz!
16. Die zweite Tür
17. Ein Blick zurück
18. Von Angesicht zu Angesicht
19. Die letzte Tür
20. Taschenuhr und Monokel
21. Konfrontation
22. Die Wahrheit
23. Freundschaftsband und Fotografie
24. Vor dem Sturm
III. Ein letzter Hauch des Schicksals
25. Flucht!
26. An den Anfang
27. Getrennte Wege
28. Den Fluch zu brechen
29. Egmont Chavale
30. Gemeinsam
31. Blutkette
32. Die Erhebung
33. Der letzte Sprung
34. Drei Schritte zum Ziel
35. Der letzte Zauber
36. Nachspiel
Epilog
Ein paar persönliche Worte …

Prolog
Der verschlissene Teppich verrottete vor seinen Augen. Risse zogen sich über das Porzellan des Gedecks, die Chrysanthemen verwelkten. Fenster kippten mit ihren hölzernen Rahmen aus den Mauern, schlugen auf dem Boden auf und zerbrachen in tausend Scherben. Kerzenwachs schmolz zu einer Lache. Wo einstmals Wärme gewesen war, die Geborgenheit eines Heims, blieb nichts. Ausgelöscht von Gnadenlosigkeit, dazu verdammt, einen Weg zu beschreiten, der niemals hätte betreten werden dürfen.
Er versuchte, den Augenblick festzuhalten, erfasste instinktiv, dass dies wichtig war. Doch wie ein glitschiger Fisch entschlüpfte ihm der Gedanke und hinterließ nur Leere und Verlust. Der letzte Moment nahte heran. Oder war er bereits verstrichen?
Risse bildeten sich auf dem Verputz der Wände. Sie leuchteten wie flüssiges Gold. Durch die offenen Fenster drang schwarzer Nebel herein. Dunkelheit und Licht umtanzten einander in einer traurigen, doch gleichermaßen gnadenlosen Choreografie, berührten sich jedoch niemals.
Porzellan wurde zu Glas, Kerzenwachs zu feinem Goldgespinst. Verfaulte Chrysanthemenstängel vergingen in Rauch.
Alles formte sich neu, wurde durcheinandergewirbelt zwischen dem, was war, und dem, was hätte sein sollen.
Das Schicksal schrie auf.
Er schwebte inmitten des Chaos, wusste nicht einmal seinen eigenen Namen. Doch er existierte. Irgendwo. Irgendwie. Das Schicksal wollte ihn nicht gehen lassen, hielt ihn fest. Gleichzeitig sollte er sterben. Musste er.
Unsichtbare Augen schienen in der Dunkelheit ihren Blick auf ihn zu richten, groß wie Wolkenkratzer. Er war nichts. Und doch alles. Der Funke, der einen Brand ausgelöst hatte.
Wie lange war er bereits hier?
Ein Schrei erklang, urtümlich und voller Pein. Die goldenen Fäden des Schicksals pochten im Takt eines Herzschlags, erschienen und vergingen. Doch immer mehr Stellen färbten sich schwarz.
»Doch Verrat milderte des Schicksals Klinge.«
Die Stimme war laut und leise, alt und jung, schien von überallher an sein Ohr zu dringen.
»Ein Tropfen Blut von reiner Seele.«
Die Worte klangen schmerzerfüllt, wurden beständig leiser. Der letzte Satz war nicht mehr als ein Wispern.
»Einzig tausendfach aus Güte gegeben.«
Ein Seufzer, dann war sie fort. Die Umgebung machte einen Ruck, ein Strudel zog ihn mit sich. Zum ersten Mal blickte er an sich herab, wurde seiner eigenen Finger gewahr, die in seine Hand übergingen, seinen Arm. Da war keine Haut, kein Leben.
Nur schwarzes Glas.
Teil I
Mauern des Schicksals

Kapitel 1
Zerbrechende Mauern
Matt
Ein Stück Himmel fiel herab und hinterließ ein schwarzes Loch. Dahinter lauerte etwas, dessen Anblick allein Matt in panische Angst versetzte. Sein Innerstes verkrampfte sich. Er wollte sich zusammenrollen wie ein kleines Kind und wimmern.
»Hey!«, brüllte Jane.
In ihren Augen stand nackte Panik, doch ihre Bewegungen waren zielgerichtet und beherrscht. Sie berührte ihren jadegrünen Anima-Stein in der Halskette, obgleich es keine Magie ringsum gab, die sie hätte verweben können.
Er erwiderte ihren Blick. »Was?«
»Nicht hinsehen«, verlangte sie. »Ich bin durch diese Schwärze getaumelt, tagelang. Du kannst keinen klaren Gedanken mehr fassen, wenn du dich darin verlierst.«
Risse verästelten sich auf dem Boden, die Gebäude fielen in sich zusammen. Die gesamte Kulisse, die der Dämon – Egmont Chavale – erschaffen hatte, war dem Untergang geweiht. Matts eigene Dummheit hatte all das ermöglicht. Der Fluch hatte sich erfüllt, das Gefängnis war offen.
Was eine fehlerhafte Kopie Londons aus dem 18. Jahrhundert gewesen war, fiel zusammen, als bestünde es aus Pappmaschee. Ohne den Dämon hatte der Kerker des Schicksals keinen Nutzen mehr.
»Wir müssen es durch die Schatten versuchen«, schaltete sich Sam ein.
Hektisch zupfte sie an ihrem Lippenpiercing, und es hätte Matt keine Sekunde gewundert, wenn ihr Anima darin eingelassen gewesen wäre. Doch sie trug wie er ein Lederband mit dem magischen Stein.
»Dieses Gefängnis wurde errichtet, um den Dämon einzukerkern«, sagte Jane. »Meine Gabe ist nutzlos. Beide Gaben.«
Das galt für sie alle.
Er selbst konnte keine Pflanzen manipulieren, weil es hier schlicht keine gab. Sams Talent des Traumwandelns bot sowieso keinerlei Nutzen für eine Fluchtmöglichkeit.
In Sichtweite brach ein Stück Straße weg, ein Abgrund tat sich auf. Die Schwärze darin wallte auf wie farbige Säure, die jemand in ein Becken gekippt hatte.
»Lauft!«, brüllte Sam.
»Wartet!« Matt gefror in der Bewegung.
»Matty, das ist nicht der richtige Augenblick für … was auch immer du in erstarrter Variante vorhast!« Jane blickte zwischen dem Abgrund und ihm hin und her.
Sein erster Instinkt war es gewesen, Engelsschwingen einzusetzen, um in der Luft Sicherheit zu suchen. Ohne Magie war das unmöglich, doch im Kampf gegen die Kreatur von Chavale war er nach oben gestiegen. Es war nur ein kurzer Blick gewesen, doch etwas war ihm in Erinnerung geblieben. »Alles bricht zusammen, aber nach innen. Das Haus wird am längsten stehen.«
»Los!«, rief Jane.
Gemeinsam rannten sie die Treppenstufen empor.
Das einstmals herrschaftliche Anwesen glich einer verfallenen Ruine, doch bisher hielt es der Zerstörung stand. Es war der Kern des Kerns. Die letzte Insel der Stabilität.
Sie stürzten durch die Tür.
Dass die Apparatur erloschen war, wussten sie längst. Der Dämon war durch den Spiegel entkommen.
Sam schrie auf, als sich etwas aus dem Nichts schälte, Konturen annahm und explodierte. Für eine Sekunde erkannte Matt einen aufrecht stehenden Mann in einer Robe, dann regnete schwarzes Glas herab.
»Was geht hier vor?«, flüsterte Jane.
Matts Gedanken rasten. »Das hier ist das Gefängnis, außer dem Dämon sollte sich niemand hier befinden.«
Eine weitere Silhouette erschien, um kurz darauf zu explodieren. Dieses Mal konnte Jane nicht schnell genug ausweichen, einer der Splitter bohrte sich in ihre Haut. Er war lediglich münzgroß, doch scharfkantig.
Sie schrie auf, ging wimmernd in die Knie.
»Jane!« Sam sank neben ihr zu Boden.
Matt wollte ebenfalls helfen. Ein weiteres Beben riss ihn jedoch von den Beinen. Ein Teil der Wand brach nach außen, gab den Blick frei auf die brodelnde Dunkelheit des Nichts.
»Es wurde von den Sieben erschaffen, die dafür selbst ihr Leben gaben«, flüsterte Jane.
Stöhnend kam Matt in die Höhe, taumelte zu ihr.
»Das war falsch.«
Natürlich kannten sie alle die Geschichte des Dämons, dessen Regnum vor über hundert Jahren beendet worden war. Erst durch Nics Zugehörigkeit zum Haus der Schicksalswächter hatten sie die Wahrheit erfahren. Der Dämon war nicht tot, lediglich eingekerkert. Sieben Magier hatten das Schicksal gebeugt und ein Gefängnis erschaffen. Doch der Dämon hatte in seiner Schläue ausgenutzt, dass die natürliche Ordnung für dieses Ziel gebrochen worden war. Ein Fluch sorgte seitdem dafür, dass sich alles zu seinen Gunsten neigte, zur Öffnung des Kerkers.
»Was meinst du?« Matt ging neben ihr in die Knie.
»Sie harrten aus«, flüsterte Jane. »Sie gaben ihre Freiheit, jedoch nicht ihre Existenz.«
»Ich verstehe nicht …« Sam hob einen der Splitter vom Boden auf. »Wer?«
»Die Überlieferung spricht davon, dass sie ihr Leben gaben, allerdings war damit nicht die körperliche Existenz gemeint. Sie opferten ihr Leben in Freiheit. Sie wurden zu Ankern.« Janes Augen waren weit aufgerissen. »Ihr Leib wurde zu schwarzem Glas. Angefüllt von jener Dunkelheit, die das Schicksal zu verändern vermag. Sie waren Teil des Kerkers.«
Sie hatten also die Stellung gehalten, um die Barriere zu stabilisieren. Womöglich sogar, um gegen den Fluch anzukämpfen.
»Allerdings waren es nur sechs«, flüsterte Jane weiter. »Eine ist den Weg nicht mitgegangen. Und des Schicksals Klinge wurde stumpf.«
»Woher weißt du all das?«, fragte Sam.
Mit zittrigen Fingern berührte Jane den Glassplitter in ihrer Haut. »Meine zweite Gabe. Es ist, als würde ich meinen Geist an einen anderen Körper heften, um unsichtbar an dessen Seite zu wandeln. Doch hier ist es umgekehrt. Einer der Sieben hat seinen Geist an mich gehängt, bevor sein Körper zersplitterte.«
»Du kannst mit ihm sprechen?«, fragte Matt.
Wieder erzitterte der Boden.
Jane wollte antworten, doch eine weitere Silhouette aus schwarzem Glas schälte sich aus dem Nichts und explodierte. Die Splitter schossen davon. Ein beißender Schmerz fraß sich in Matts Arm, als sich eines der Schrapnelle hineinbohrte.
»Alles okay?«, fragte Sam, die hatte ausweichen können.
»Ich gewöhne mich dran.«
Instinktiv wollte er eine Nightingales Lampe weben, um die Wunde zu heilen, doch nicht ein flirrendes Magieteilchen war noch vorhanden.
»Sie haben hier ausgeharrt, haben ihn beobachtet, haben ihn bekämpft«, flüsterte Jane. »Sie haben auch dich gesehen, Matt. Deine Verlorenheit, deine Trauer, deine Angst. Der Dämon hat sie sich zunutze gemacht.« Janes Blick war in weite Ferne gerichtet. »Du hast ihm alles gegeben, was er benötigte. Dein Blut, deine Magie.«
»Mein Blut?« Matt erwiderte Janes Blick verwirrt, dann erinnerte er sich.
Angeblich war dies die einzige Möglichkeit gewesen, Zugang zum Walpole Club zu erhalten. Er hatte sich einen Blutstropfen entnehmen lassen.
»Ich habe ihm mein Blut gegeben«, hauchte er.
Später war es Matts Magie gewesen, die die Apparatur aufgeladen hatte. Von der anderen Seite hatte Nic dann das Portal geöffnet.
»Sie wollten euch aufhalten«, flüsterte Jane. »Doch ohne Körper, ohne Substanz war das unmöglich. Hilflos sahen sie dabei zu, wie der Fluch sich erfüllt.«
»Vielleicht konnte Nic ihn stoppen.« Matt blickte Hilfe suchend zu Sam, die nur traurig die Augen schloss.
»Nic ist tot. Sie konnten es sehen. Alles, was an diesem Ort geschieht, ist für sie sichtbar.« Tränen rannen über Janes Wangen. »Chavale hat ihn mit seinem Degen getötet. Nic hat mit dem letzten Rest an Magie Liz geheilt und mit seiner Gabe den Spiegel geöffnet. Sie ist mit Nox entkommen.«
»Vielleicht …« Matts Stimme erstarb.
»Er ist tot«, wiederholte Jane. »Ich sehe, was die Sieben sehen. Nic liegt tot vor dem Spiegel, sein Herz hat aufgehört zu schlagen.« Sie zitterte. »Der Dämon ist fort.« Sie blinzelte, kehrte zurück in das Hier und Jetzt. »Wir haben verloren. Das zweite Regnum, es beginnt.«
Sam schlug sich die Hände vors Gesicht.
Matt konnte nicht verhindern, dass sein Körper ebenfalls zu zittern begann. »Wir haben alles zerstört. Wir sind schuld!«
In diesem Augenblick war er froh, dass das Gefängnis kollabierte. In wenigen Minuten würden sie in die Schwärze stürzen und eins werden mit der Dunkelheit. Dann gab es keine Schuld mehr. Die Welt war dank ihnen dem Untergang geweiht.
»Das sind wir nicht!« Jane erhob sich ruckartig. »Woher hätten wir all das denn wissen sollen?! Niemand hat mit uns gesprochen, keiner hat den Mund aufgemacht. Woher hättest du wissen sollen, dass der zerzauste Wissenschaftler mit dem Spazierstock ein Dämon ist?« Mit jedem Satz wurde sie lauter, brüllte ihre Wut hinaus. »Wir konnten nicht gewinnen, hatten nie eine Chance!«
»Das macht es nicht unbedingt besser«, flüsterte Matt.
Es war einfach zu viel geschehen, als dass er noch hätte Wut empfinden können. Der Matt, der er einmal gewesen war, hatte über Witze gelacht, mit Magie experimentiert und die Welt um sich herum als etwas Spannendes gesehen, das es zu entdecken galt. Heute war er müde, ausgebrannt, gezeichnet vom Verlust seines Bruders. Vom Tod seines besten Freundes und so viel mehr. Er dachte an Angelo und spürte den altbekannten Stich im Inneren.
»Hör auf damit«, forderte Jane.
»Womit denn?«
»Dich aufzugeben.«
»Ist ja nicht so, als hätte ich eine Wahl«, sagte Matt.
Hinter ihm krachte der Kronleuchter zu Boden und zersplitterte in tausend Scherben, Metall verbog sich.
»Es gibt einen Ausweg«, erklärte Jane.
»Und woher soll der plötzlich kommen?«
Wieder deutete sie auf den Splitter, der in ihrer Haut steckte. »Hat mir ein Geist verraten.«
»Das sagst du erst jetzt?!« Sam rappelte sich auf. »Ich will hier nicht sterben!«
»Ich auch nicht«, beeilte Matt zu versichern. »Bin nur etwas müde.«
»Wir alle, Matty.« Jane zog ihn in eine Umarmung. »Noch haben wir nicht verloren.«
»Was hat dir der Splitter denn verraten?«, fragte Sam.
»Es gibt einen Weg durch die Schwärze. Mit meinem Talent als Schattenläuferin kann ich ihn nutzen.«
»Dann los.« Direkt neben Matt brach der Boden weg.
Viel war von dem Herrenhaus nicht mehr übrig. Sie standen im Salon, dessen Wände nur noch löchrig vorhanden waren. Die Decke gab es noch, was man von den Räumen darüber nicht behaupten konnte.
»Noch nicht«, sagte Jane.
»Worauf warten wir denn noch?!«, rief Matt.
»Es ist nicht einfach, einen Weg durch die Schatten zu beschreiten«, erklärte sie. »Wir sind umgeben von einem Dschungel und lediglich ein Trampelpfad führt zwischen tödlichen Pflanzen hindurch. Ich kann den Beginn erst sehen, wenn die Reste des Hauses fort sind.«
Matt hielt Janes linken Oberarm fest umklammert, Sam stand auf der anderen Seite.
»Vielleicht siehst du einfach genauer hin«, schlug er vor.
»Es ist ein Weg, der niemals hätte genommen werden sollen«, sagte Jane, während sie konzentriert auf eine unhörbare Stimme lauschte. »Sie waren sieben, doch eine verriet das große Ziel. Sie floh, bevor der Kerker sich schloss. Diesen Weg müssen wir gehen.«
»Ein Hoch auf die Verräterin«, sagte Matt trocken. »Ohne die gäbe es jetzt gar keinen Ausgang.«
»Ohne sie gäbe es den Dämon nicht mehr und wir wären nie in diesem Mist gelandet«, stellte Jane klar. »Dankbarkeit ist unangebracht.«
Weitere Teile der Decke lösten sich und trieben davon, zerfielen in der Schwärze. Sekunden später gab es nur noch den Boden. Um sie herum wallte allumfassende Dunkelheit.
»Siehst du den Weg?«, fragte Matt.
Jane hatte die Augen zusammengekniffen, doch ihr Blick war ins Innere gerichtet. Vermutlich war nicht sie es, die den Weg entdecken konnte. Jemand zeigte ihn ihr.
Geprägt von den Erlebnissen mit Chavale ergänzte Matt: »Ich hoffe, wir können ihm vertrauen.«
»Es sieht für mich nicht so aus, als hätten wir eine Wahl.« Janes Muskeln spannten sich an. »Da!«
Sie wollte einen Schritt machen, stoppte jedoch in der Bewegung. Hoch über ihnen entstand ein gleißender Wirbel aus purem Gold. Matt konnte die Wärme spüren, die davon ausging. Fäden, gesponnen zu filigranen Mustern, durchzogen das Leuchten. Es trieb die Schwärze zurück, nahm den ursprünglichen Platz wieder ein.
Es war das Schicksal.
Zum ersten Mal beneidete Matt Nic um die Gabe, es zu beeinflussen. Er konnte dieses wunderschöne Gebilde auch als Teil der Wirklichkeit sehen.
Hatte es gekonnt.
Die Euphorie verflog.
»Bring uns hier weg«, bat Matt Jane.
Sie nahm seine und Sams Hände in ihre. »Was auch passiert, ihr dürft nicht loslassen.«
Ein Schritt und die Schatten nahmen sie auf.
Hinter ihnen vergingen die letzten Reste des Kerkers. Was über einhundert Jahre Bestand gehabt hatte, existierte nicht länger. Und mit dem letzten Steinbrocken, der zu Staub zermahlen und von der Schwärze aufgenommen wurde, endete der Friede für die magische Welt.
Aus Schatten und Gold geboren, kam das zweite Regnum über sie alle.

Kapitel 2
Schatten und Gold
Nic
Stille lag wie ein Grabtuch über allem.
Er blinzelte und war hier, wo immer hier auch war. Der Boden bestand aus dunklem Stein, Wände und Decke waren eine gewölbte Glasfläche. Ringsum waberte goldenes Gespinst.
Die Tatsache, dass er all das gedanklich verarbeiten konnte, deutete glasklar auf eine Sache hin.
»Du bist doch kein Totalversager«, erklang eine Stimme.
»W-was?« Nic sah sich hektisch um.
Die Worte waren von überallher gekommen.
»Na, die Tatsache, dass du all das hier verarbeiten kannst, lässt eben doch auf eine gewisse Intelligenz schließen.« Ein Lachen folgte.
»Hör auf, meine Gedanken zu lesen!«
Nic blinzelte und vor ihm stand eine junge Frau. Sie besaß seine Größe, langes blondes Haar und in ihren Augen blitzte der Schalk.
»Besser so?«, fragte sie.
»Wo bin ich hier?«
»Tot.«
»Ich habe gefragt wo, und nicht was. Außerdem bin ich offensichtlich noch am Leben«, ereiferte sich Nic.
Instinktiv berührte er seinen Anima, der blau funkelnd im Stahlring eingefasst war. Er wechselte in die zweite Sicht und sah sich um.
»Sorry, keine Magie hier«, sagte die Frau.
Nic ging über in die Schicksalssicht, doch abgesehen von dem goldenen Gespinst vor dem Glas war auch hier nichts zu sehen.
»Du befindest dich im Zentrum des Schicksals«, erklärte die Unbekannte. »Zwischen überall und jederzeit.«
»Was tue ich hier?«
»Danke für die Rettung, wäre auch eine mögliche Antwort gewesen«, gab sie keck zurück. »Ernsthaft, manchmal verstehe ich das Schicksal nicht. Ich wäre wirklich besser gewesen.«
»Wer bist du?!«
»Ich bin du.«
»Ganz sicher nicht.« Nic verschränkte die Arme.
»So was von.« Sie tat es ihm gleich.
Bei genauerem Hinsehen erkannte Nic, dass sie tatsächlich ähnliche Gesichtszüge aufwies wie er. Auch die Körperhaltung war ein Spiegelbild.
»Komm schon, du hast es doch mittlerweile kapiert: Das Schicksal verästelt sich, Stränge werden verwoben und zu einem Netz geflochten. Dein Dad hat die Apparatur benutzt, um dich nachträglich zu erschaffen, rückwirkend zu einem Teil des Lebens aller zu machen.«
Der Gedanke ließ erneut brodelnde Wut in ihm hochkochen. Natürlich wollte er seinen Vater aus den Fängen von Inés befreien, die Mauern des magischen Gefängnisses Akantor einreißen. Danach würde er allerdings einen Vellamos Sturm weben und seinen Dad ordentlich durch die Luft wirbeln.
»Bei dieser Aktion stand nicht von vornherein fest, was das Ergebnis ist. Ich hätte auch am Ende auf der Plattform stehen können. Im Grunde genommen sind wir gedanklich, charakterlich und, wie ich fürchte, ebenso von unserem Intellekt identisch. Deshalb weiß ich ziemlich genau, was du denkst.«
»Das ist irgendwie cool.« Ein wenig fühlte es sich an, als habe er gerade eine Schwester bekommen.
Der Gedanke, dass sein Gegenüber quasi Nic selbst war, fiel ihm schwer zu begreifen.
»Ich weiß, denk nicht so viel darüber nach.«
»Dann hast du mich gerettet?«
»Jap. Normalerweise bin ich nicht manifestiert; als dein Tod näher kam, war das jedoch eine Schockwelle für das gesamte Gewebe«, erklärte sie.
»Mein Tod«, flüsterte Nic. »Der Dämon ist zurück.«
»Keine große Neuigkeit«, erwiderte sie. »Stell dir vor, jemand schüttet Benzin auf eine Decke und setzt sie in Brand. So sieht das Ganze aktuell aus. Der Dämon ist das Feuer.«
»Es tut mir leid.«
»Ich weiß.«
»Geht es Liz gut? Und was ist mit Matt und Jane?«
Sein Gegenüber seufzte. »Es gibt jetzt Wichtigeres zu besprechen.«
»Wichtiger als meine Freunde?!«
»Äh, die Welt als Ganzes?! Ist ja nicht so, als würde deinen Freunden eine lange Lebenszeit beschieden sein, wenn der Dämon weiter mit knurrendem Magen herumrennt. Du musst etwas tun.«
»Ich?«
»Ehrlich, ich schubse dich gleich raus und gehe selbst zurück«, grummelte sie. »Ja, du!«
»Ich habe ihm die Rückkehr ermöglicht.«
»Soll das jetzt das Argument sein, dich nicht rauszuschubsen? Lausige Idee.«
»Du bist echt nervig.«
»Jetzt weißt du, wie sich deine Freunde die ganze Zeit gefühlt haben«, gab sie mit einem gemeinen Grinsen zurück.
»Die, die noch leben?«
»Netter Versuch. Widmen wir uns deiner Zukunft.«
»Nein«, sagte Nic.
Es war schwer in Worte zu kleiden, dass er sich genau darüber nie wieder Gedanken machen wollte, doch letztlich musste er das gar nicht. Sie kannte ihn, war er. Auf irgendeine verdrehte Art.
»Ich verstehe ja, dass du müde bist …«
»Es geht hier doch nicht um Müdigkeit!«, blaffte Nic. »Jane und Matt sind tot, ich weiß es. Sie waren im Kerker, als er zusammengebrochen ist. Liz ist so gut wie tot und Hunderte Magier werden sterben.«
»Eher Tausende.«
»Danke.«
»Ganz ehrlich: Millionen.«
»Hör auf damit!«, verlangte Nic.
»Warum? Es ist die Realität. Die Augen davor zu verschließen macht es nicht besser. Du könntest etwas dagegen tun.«
»Ich habe versucht, es aufzuhalten«, sagte er leise. »Schließlich wurde ich ja irgendwie dafür erschaffen, richtig? Inés war uns leider immer einen Schritt voraus und das Schicksal hat für den Dämon gearbeitet. Ziemlich mies übrigens.«
»Finde ich auch.« Sie strich sich eine Strähne aus der Stirn. »Der Dämon hätte ja auch nicht eingekerkert werden sollen. Die Sieben haben da Mist gebaut. Durch die Verflechtungen bot sich dem Dämon ein Schlupfloch.«
»Und jetzt wiederholt sich alles.«
»Das muss nicht zwangsläufig sein. Es gibt heute mehr Personen, die über ihn Bescheid wissen. Nicht nur das, ihr wisst sogar, wer er war. Die Sieben kämpften gegen den Dämon, ohne das zu wissen.«
»Er war Egmont Chavale«, sagte Nic. »Was soll das denn bitte helfen? Heute ist er stärker als jeder Magier. Keine Ahnung, welche Talente er hat. Ich gehe davon aus, dass er die Wächter mit links erledigt. Vor allem, solange die nach mir suchen.«
»Mimimi, kannst du eigentlich auch mal positiv denken?« Sie verdrehte die Augen. »Konzentriere dich auf das Machbare.«
Nic erwiderte ihren Blick mit verschränkten Armen.
»Ja gut, es sieht düster aus. Du weißt doch, wie man sagt.«
»Man muss wissen, wann es vorbei ist?«, schlug er vor.
»Am dunkelsten ist es vor der Dämmerung«, hielt sie dagegen.
»Toll, nachdem wir nun die Kalendersprüche geklärt haben, hast du mich trotzdem nicht überzeugt.«
»Du bist genauso stur wie ich. Nur gibt es einen Unterschied.«
»Ach ja?«
»Ich habe hier Heimspiel.«
Sie klatschte in die Hand und die Kuppel zerbrach. Brüllend fiel Nic in das goldene Gespinst. Im nächsten Augenblick krachte er auf die Erde, seine Finger gruben sich in weiches Gras.
»Ich hasse es, zu fallen«, brüllte er. »Ständig passiert das.«
»Dein Leben ist eben eine einzige Katastrophe«, stellte sie klar.
»Du bist nicht zufällig Nox, der einfach sein Äußeres verändert hat?«
Sie kicherte. »Nette Idee. Das quirlige süße Kerlchen mochte ich.«
»Er ist ein Verräter, der mich versklaven wollte.«
»Das ist halt sein Ding. Minderwertigkeitskomplexe und so, haben alle Familiaris.« Sie winkte ab.
»Und wieso süß? Er ist hässlich.«
»Putzig. Mit diesen spitzen Öhrchen und den Hauern.«
»Ich habe ihn gehasst.«
»Das stimmt nicht.« Sie grinste in diebischer Freude. »Vergiss nicht, ich weiß, was du denkst. Inés hat Nox an dich gebunden, damit er dich ausspäht. Am Ende hast du den Spieß umgedreht und ihn an dich gebunden. Clever.«
»Danke.«
»Clever von Liz.«
Nic räusperte sich. »Ja, die Idee war möglicherweise von ihr. Trotzdem …«
»Wenn ein Satz mit ›trotzdem‹ beginnt, hat man schon verloren. Du hast Nox freigelassen, bevor du gestorben bist. Hättest du ihn weiter an dich gebunden, wäre er vom Schicksal zerfetzt worden.«
»Jeden Tag eine bescheuerte Tat, das bin ich.«
»Stimmt. Diese eine Tat war eine gute.« Sie pikste ihn mit ausgestrecktem Finger in die Seite. »Und das weißt du.«
Seltsamerweise fühlte sich Nic körperlich von ihr angezogen. Was sagte das über ihn aus?
»Dass du selbstverliebt bist«, kommentierte sie.
»Hör auf damit!«
»Dann denk nicht immer das Offensichtliche«, gab sie zurück. »Konzentrier dich auf das Hier und Jetzt. Ernsthaft, dein Dad hätte darauf achten sollen, kein ADHS einzuweben.«
Nic wollte sie anbrüllen. Die Umgebung nahm jedoch abrupt seine vollständige Aufmerksamkeit in Anspruch.
»Das«, sagte er langsam, »ist ein Friedhof.«
»Und du hast nur eine halbe Ewigkeit benötigt, darauf zu kommen. Diese Schnelligkeit.«
»Ich beginne, dich zu hassen.«
»Selbsthass ist kein gutes Zeichen.«
Vorsichtig trat Nic auf das erste Grab zu. Sie standen auf einer weiten Ebene. Das goldene Gespinst schimmerte sanft am Himmel, zog sich bis zum Horizont. Die Grabsteine hingegen waren aus schwarzem Glas gefertigt.
Instinktiv betastete Nic wieder seinen eigenen Körper, doch er bestand nicht länger aus dem gleichen Material. Möglicherweise war es einfach eine Illusion gewesen, eine Ausgeburt seines panischen Geistes.
»Was sind das für Gräber?«
»Hier liegen die Opfer begraben, die das Schicksal gefordert hat«, erklärte sie. »Der Bruder deines besten Freundes ist einer davon.«
»… das sind so viele. Hat der Dämon all das verursacht?«
Die Antwort bestand in einem Seufzen. Gedankenverloren strich sein Gegenüber mit dem Finger über das schwarze Glas eines Grabsteins. »Es gab schon früher Menschen, die sich mit dunkler Magie das Schicksal zunutze gemacht haben. Sie griffen ein, veränderten die Dinge. Der Dämon hat das alles lediglich auf eine neue Ebene gehoben. Es gibt so viel, was du noch nicht weißt.«
»Wenn es so schrecklich ist, wieso hat es niemand beendet? Weshalb ist es noch immer möglich?«
Sie lächelte. »Es ist nicht an mir, dir das zu erzählen. Der Dämon hat weitaus mehr getan, als einfach Macht anzuhäufen, Nicholas. Er nimmt sich die Kontrolle über das Sein selbst. Ein einziger Fehler vor langer Zeit hat all das ermöglicht.«
»Er ist pure Dunkelheit. Er zerstört das Schicksal selbst.«
»Und webt neue Fäden aus purer Schwärze«, flüsterte sie. »Er ist weit mehr, als jeder ahnt. Sein Ziel ist es, alles neu zu schreiben. Die Welt, die Gesetze, die Magie. Er wird mit schwarzer Tinte und Blut Asche regnen lassen.«
Nic schluckte. »Wie soll ich ihn aufhalten?«
»Dein Dad hat begriffen, was der Dämon ist. Wozu dieser in der Lage ist und was auf uns zukommt. Er hat dich geschaffen, weil er das einzige Schlupfloch gesehen hat.«
»Und ich habe versagt.«
»Nic.« Sie lächelte. »Dein Dad wusste, dass der Fluch sich erfüllt. Es war nur eine Frage der Zeit. Er hat dich erschaffen, weil er wusste, dass es die Dinge in Bewegung setzt. Es ging nicht darum, ob das zweite Regnum geschieht, sondern wann.«
Eiseskälte durchströmte Nics Adern. »Er wollte gar nicht, dass ich es aufhalte?«
»Nein«, sagte sie schlicht. »Das wäre gar nicht möglich gewesen. Niemand konnte das. Jeremiah und dein Dad haben es lange Zeit versucht. Sie wollten den Kerker endgültig versiegeln oder den Dämon töten.«
»Er hat mich geschaffen, damit ich das zweite Regnum einleite?!« Nics Oberkörper begann zu zittern. Schnell schlang er die Arme um sich selbst.
»Ja und nein«, sagte sein Gegenüber sanft. »Er wusste, dass das Regnum kommt. Doch ohne dich wäre es das Ende des Weges gewesen. Das Ende von allem. Durch deine Existenz wurde es beschleunigt, gleichzeitig gibt es nur deshalb überhaupt ein Schlupfloch.«
»Und das wäre?!«
»Inés hat dich zum Feind stilisiert und dafür gesorgt, dass Magier sich dir anschließen. Du hast längst einen Widerstand aufgebaut. Du und deine Freunde habt eine Chance.« Sie blickte ihm tief in die Augen. »Der Fluch ist erfüllt, der Dämon befreit. Begreifst du nicht, was das bedeutet?«
»Das Ende von allem?«
»Nic, das dreizehnte Haus wurde nur erschaffen, weil der Dämon gefangen gehalten wurde. Die Regeln des Ausgleichs haben dafür gesorgt. Der Kerker, der Fluch, die Gabe. Alles hängt zusammen. Doch jetzt ist das Gefängnis zerstört.«
Nic benötigte einige Sekunden, um die Wahrheit hinter den Worten zu begreifen. »Die Schicksalswächter …«
»Hören auf zu existieren«, bestätigte sie. »Ihr Talent verschwindet. Es ist längst geschehen.«
»Niemand mehr kann das Schicksal beeinflussen?«
»Du kannst es. Deshalb hat dein Dad dich rückwirkend eingeflochten. Du bist aus dem Schicksal geboren, und während alle anderen ihre Gabe verlieren, wirst du sie als Einziger behalten.«
Nic starrte sie lange an. »Ich bin durch die Hölle gegangen, um den Dämon aufzuhalten, und jetzt sagst du mir, ich war von Anfang an dazu bestimmt, ihn freizulassen?!«
»Und wieder achtest du nur auf das Negative.«
»Ist hier auch nicht zu übersehen!«, brüllte er weiter.
»Letzter mit der Gabe? Schlupfloch? Retter der Welt? Nein, kein positiver Aspekt?«
»Es hätte niemals so weit kommen müssen.«
»Der Dämon wäre entkommen«, sagte sie nachdrücklich. »Das stand von Anfang an fest. Der Fluch arbeitete für ihn und wurde mit jedem Jahr stärker. Vielleicht hätte es noch zehn Jahre gedauert oder hundert. Doch am Ende wäre Egmont Chavale zurückgekehrt. Er hätte die Welt in eine verkrustete Aschewüste verwandelt und niemand hätte ihn aufzuhalten vermocht.«
»Was für ein Glück, dass dieses Mal ich da bin.«
»Das ist es tatsächlich.«
»Ich habe keine Chance!«, brüllte Nic. »Auch nicht als einziger Schicksalswächter der Welt. Hättet ihr nicht Ultinova auswählen können? Sie wollte mich sogar töten, als sie die Wahrheit erfahren hat. Toter Nic, kein Regnum 2.0, da war sie eindeutig.«
Langsam wirkte sein Gegenüber genervt. »Es ist doch nicht so schwer zu begreifen, dass es trotzdem passiert wäre! Jetzt nimmst du gefälligst deine Freunde und trittst dem Dämon in den Arsch.«
»Toller Plan!«
»Danke.«
»Ironie! Deine Pläne sind lausig, nur nebenbei.«
»Gleichfalls. Und bisher haben die lausigen Pläne immer funktioniert, du hattest da nämlich auch ein paar.« Prompt begann sie aufzuzählen. »Das Eindringen in das Schloss in Österreich.«
»Jeremiahs Kopf ist explodiert.«
»Die Rettung von Gabriel.«
»Wir haben untote Fatumaris erweckt, ich bin in eine endlose Schlucht gefallen und wurde von Inés gekidnappt.«
»Der Diebstahl der Apparatur aus dem Büro deines Dads.«
»Hat dazu geführt, dass der Dämon zurückkam«, brüllte Nic.
»Du siehst das alles viel zu negativ.«
»Es ist immer schlecht ausgegangen.« Nic stemmte die Fäuste in die Hüfte.
»Woher willst du das wissen?«, fragte sie leise. »Das Ende ist doch noch gar nicht geschrieben.«
»Ich kann ihn nicht besiegen.« Nic ließ die Schultern hängen, er hatte keine Lust mehr, zu diskutieren.
»Du hast alles, was du brauchst. Sieh durch die Augen deines Dads und vergiss nicht, dass alles irgendwann begonnen hat und irgendwann dazu verdammt ist zu enden.«
Wieder klatschte sie in die Hand.
»Nicht schon w…«
Nic fiel in einen bodenlosen Abgrund.

Kapitel 3
Dem Untergang geweiht
Matt
Die Schatten spuckten sie aus.
Matt blieb gerade noch ausreichend Zeit, die Anwesenheit von zwei Personen zu registrieren, da begann die Luft bereits zu brennen. Eine Stichflamme schoss auf ihn zu.
Er gab Sam einen Schubs, taumelte selbst zur Seite und prallte Schulter voran gegen eine Steinwand. Instinktiv berührte er sein Anima in der Ledermanschette am Handgelenk. Magie wurde aus der Umgebung eingesogen, aus dem blauen Flirren wob er mit schnellen Bewegungen einen Mystischen Schild.
Die nächste Attacke prallte wirkungslos ab.
Jane und Sam verwoben ihrerseits Magie.
Vellamos Sturm erzeugte einen Luftwirbel und schleuderte den männlichen Angreifer an die gegenüberliegende Wand. Er verlor seine Brille.
Sam verlegte sich auf einen Agamemnons Hagel. Pfeile aus manifestiertem Eisen schossen durch die Luft.
Doch die gewaltige Frau, die wie ein Berg vor ihnen aufragte, gab sich unbeeindruckt. Schon setzte sie zu einer weiteren Attacke an, als Matt endlich begriff, wo sie gelandet waren.
In der Mitte des Raums stand ein Sarkophag.
»Ultinova!«, rief Matt.
Die Schicksalswächterin hielt in ihrem Angriff inne. »Sprich, oder werde von meiner Macht zerquetscht.«
Etwas theatralisch, doch es passte zu dem, was Nic von ihr erzählt hatte. Sie war … wuchtig. »Wir sind keine Feinde.«
Jane kniff die Augen zusammen. »Davon abgesehen ist kaum noch Magie hier.«
Matt wechselte kurz in die zweite Sicht und erkannte, dass ihre Zauber fast alles an vorhandener Magie verwoben hatten. Der Raum glich einer toten Zone.
»Wir sind Freunde von Nic«, ergänzte er.
Seufzend ließ Ultinova ihre Arme sinken. Das raspelkurze weiße Haar verlieh ihr das Aussehen eines riesigen Igels. »Ihm verdanken wir unsere Misere. Er ist geflohen und hat uns eingesperrt.«
»Weil du ihn töten wolltest«, warf Jane wütend ein.
»Er wird das zweite Regnum auslösen!« Ultinova stemmte ihre Fäuste in die Luft. »Warum begreift es nur niemand?«
»Möglicherweise kommt das der Wahrheit recht nahe«, sagte Matt vorsichtig.
»Du glaubst mir?« Nun wirkte die Schicksalswächterin tatsächlich verblüfft.
Mit einem Stöhnen kam der männliche Angreifer wieder in die Höhe. »Hat jemand meine Brille gesehen?«
»Du bist Pablo, richtig?«, fragte Jane.
Sam reichte dem Schicksalswächter seine Brille. »Einen Anima in das Gestell einzubauen, halte ich nicht für die beste Idee.«
Schweigend nahm er sie entgegen.
»Dann versteht ihr doch, dass ich Nicholas töten muss?«, fragte Ultinova. »Ich mag ihn sehr. Doch hier geht es um so viel mehr.«
»Das wird nicht nötig sein«, sagte Matt vorsichtig.
»Der Kerker ist offen, der Dämon entkommen und das zweite Regnum läuft«, erklärte Jane gnadenlos. »Wir verlieren nur Zeit. Wie kommen wir hier heraus?«
Ultinovas Blick fokussierte zuerst Matt, nur um einem Fadenkreuz gleich weiter über Jane und Sam zu wandern. »Ihr sprecht die Wahrheit.« Sie erbleichte. »Dann war alles umsonst. Der Kampf, jeder Sieg.«
»Fairerweise muss man sagen, dass Nic nicht allein dafür verantwortlich ist«, stellte Matt klar. »Ich war auch beteiligt. Versehentlich.«
»Versehentlich«, echote Ultinova leise. »Ihr habt den Dämon versehentlich befreit.«
Jane seufzte. »Es war eine perfekt inszenierte Intrige.« Sie berichtete davon, wie Inés Matt beim Kampf im Schloss in Österreich ein magisches Artefakt – eine Münze – untergejubelt hatte. Mit dieser war er in den Kerker gelenkt worden, was er für die Vergangenheit gehalten hatte. Der Dämon hatte ihm eine perfekte Scharade vorgespielt, die schließlich mit seiner Rückkehr endete.
»Er hat Nic getötet und uns beinahe ebenfalls«, schloss Jane. »Wir konnten im letzten Augenblick hierher fliehen.«
»Das wird euch leider nichts nutzen.« Ultinova schien jede Kraft eingebüßt zu haben. »Wir sind hier gefangen.« Ihre Augen nahmen einen glasigen Ausdruck an. »Ich sehe die goldenen Linien verblassen.«
»Was bedeutet das?«, fragte Matt.
»Der Fluch hat sich erfüllt, wir verlieren die Gabe des dreizehnten Hauses. In Kürze sind wir gewöhnliche Magier.« Sie konnte es sichtlich nicht fassen. »Über einhundert Jahre haben wir die Welt beschützt.«
»Und dann kamen wir«, flüsterte Matt.
»Bevor ihr jetzt gleich einen Sitzkreis bildet und über eure Kindheit sprecht, können wir bitte einen Weg hier heraus finden?« Jane deutete an jene Wand, in der das verschlossene Steinportal eingelassen war. »Ich würde ungern verhungern.«
»Wir haben bereits alles versucht«, erklärte Ultinova. »Magie, Schicksalsverwebung, nichts davon funktioniert. Dieser Ort ist ein besonderer.«
Jane trat an den Sarg heran, strich darüber und verzog abschätzig den Mund. »Sie ist es, die uns verraten hat.« Verwirrt ergänzte sie: »Ich meine, die die Sieben verraten hat.«
Matt berichtete den beiden Schicksalswächtern, was im Kern des Gefängnisses geschehen war. Der schwarze Glassplitter steckte noch immer in Janes Haut. Eine Tatsache, die ihn langsam beunruhigte. »Vielleicht sollten wir ihn entfernen.«
»Kannst du uns helfen?« Ultinova deutete pragmatisch auf die Tür. »Ihr habt diesen Ort errichtet. Es muss doch einen weiteren Ausweg geben.«
Jane verneinte. »Meine Kraft ist fort, mein Leben verwirkt. Was geblieben ist, ist nur noch ein Schatten. Die letzte Kraft an diesem Ort liegt bei ihr.« Sie deutete auf den Sarkophag.
Alle Blick richteten sich auf das Artefakt, in dem die Verräterin ruhte.
»Wie können wir diese nutzbar machen?«, fragte Matt.
»Gar nicht«, erklärte Jane mit glasigen Augen. »Das muss freiwillig geschehen.«
»Du willst, dass ich meine Existenz opfere?«, erklang eine wispernde Stimme.
»Du klammerst dich noch immer daran, obgleich sie jeden Sinn verloren hat«, sprach Jane. »Damals hättest du es beenden können. Eine Welt ohne Dunkelheit, ohne den Dämon.«
»Das glaubt ihr, weil ihr die Wahrheit nicht kennt. Ich habe es gesehen, dachte, es aufhalten zu können. Doch das war vergeblich. Dafür habe ich gebüßt.« In der Stimme schwang eine Traurigkeit mit, die Matts Herz schwer werden ließ. »Es war nicht an mir, mein Leben zu opfern.«
»Wir alle haben es getan.«
»Es war der falsche Weg, doch ich kann nicht behaupten, dass meiner der richtige ist. Ein Blick auf die Welt hat sie mir gezeigt, all die Magier in ihrer Gier. Belauert haben sie sich, gegenseitig Zauber gestohlen, wollten immer mehr Macht. So hat es begonnen. Und auch mit unserem Opfer hätte es nicht geendet.«
»Gesprochen wie ein Feigling.«
»Vielleicht«, gab die Verräterin zu. »Ich mag schwach gewesen sein, doch alle anderen waren noch schwächer. Ich wollte es beenden, für immer.«
»Du hättest den Magiern, allen Menschen vielleicht mehr zutrauen sollen. Wir hätten es beendet. Ein für alle Mal.«
»Das denkst du. Das dachtet ihr.« Ihre Stimme blieb stets gleich. Keine Höhen, keine Tiefen. »Doch ich habe die Wahrheit gesehen.«
»Dieses Mal gibt es Widerstand«, erklärte Jane. »Es wurden Vorbereitungen getroffen.«
»Ja, ich sehe es. Doch es ist ein Tropfen Silber in einem Ozean aus Asche. Chancenlos. Dazu verdammt zu versagen, wie es so viele vor uns allen bereits taten.«
»Das kann doch nicht sein«, flüsterte Matt. »Wie viele Dämonen gab es denn?«
»Unzählige. Hast du denn noch immer nicht begriffen, was ein Dämon ist?« Ein Riss durchzog den Sarkophag, ein Stöhnen erklang. »Ja, ich spüre das Ende herannahen. Dieses Mal bin auch ich verloren.«
»Dann lass es nicht umsonst sein«, bat Jane. »Du bist erneut die Letzte von uns. Ein letztes Mal kannst du eingreifen. Verschwende es nicht.« Sie stöhnte auf, als der schwarze Glassplitter in tausend kleinere zerfiel und zu Boden rieselte. Blut floss als dünnes Rinnsal über ihre Haut. »Er ist fort.«
Weitere Risse entstanden auf dem Sarkophag, verästelten sich, wurden zu einem Netz.
»Dieses Gefäß steht zwischen mir und meinem Ende«, wisperte die Letzte der Sieben. »Nun ist es an euch, ihn aufzuhalten. Ohne Hilfe, ohne Schicksal, ohne eure Gabe.«
»Wenn du dann noch so freundlich wärst, uns zu sagen, wie der Dämon besiegt werden kann«, verlangte Ultinova.
»Das kann er nicht«, wisperte es. »Doch obgleich ich euch helfen will, ist es mir unmöglich. Das Wissen wird in jeder Generation nur einmal gewährt. Sucht den Wahrer des Wissens, er wird den Schleier des Vergessens lüften. Doch gebt acht, Wissen kann listig und tückisch sein.«
»Wie sollen wir ihn finden?!«, fragte Matt. »Ich habe noch nie von so jemandem gehört.«
»Die Schatten verbergen, die Schatten enthüllen. Manchmal ist es nur ein kleiner Schritt, mag er auch eine Ewigkeit dauern.«
»Gut, dass die früheren Gespräche mit Jeremiah stattfanden«, kommentierte Ultinova. »Ich hätte diesen Sarkophag irgendwann aus Frustration zerschlagen.«
Wie aufs Stichwort brach ein Teil des Artefakts heraus.
»Ich öffne euch den Fluchtweg, doch seid gewarnt. Flieht aus dem Haus, es wird nichts davon bleiben.«
Ultinova setzte dazu an, etwas zu sagen, doch es war bereits zu spät. Das Eingangsportal zerbarst, Steinbrocken regneten durch die Luft. Staub wirbelte auf.
Der Sarkophag zersprang in einer Explosion und aus dem Inneren heraus ergoss sich brodelnde Schwärze in das schmale Auffangbecken. Mehr und mehr.
»Raus hier!«, befahl Ultinova.
Gemeinsam hechteten sie auf den Gang.
Ein Blick zurück zeigte Matt, dass die Schwärze immer mehr zunahm. Wie ein klebriges Geschwür breitete sie sich aus, kroch an den Wänden nach oben und verschlang jeden Zentimeter des Raums.
Der Gang erwies sich als kurz, das Tor an der gegenüberliegenden Seite war geöffnet.
Als sie das Haus erreichten, eilte Ultinova zu einer Stelle an der Wand, wo eine Glasfläche angebracht war. Sie legte ihre Hand darauf und murmelte etwas.
Im nächsten Augenblick glühten in den Wänden verbaute Leuchtelemente auf, ein durchdringender Ton lag in der Luft.
Die Schwärze hatte mittlerweile den Gang erreicht und glitt wie eine alles verzehrende Welle heran.
»Weg hier!«, brüllte Pablo.
Überall wurden Türen geöffnet, Stimmen wurden laut.
Ultinova setzte sich an die Spitze der Gruppe. Gemeinsam eilten sie zwischen Türübergängen hindurch, in denen Spiegelsplitter verbaut waren. Das 13. Haus bestand aus Räumen, die überall auf der Welt verteilt waren. Die Übergänge waren Portale, obgleich man nichts davon bemerkte.
»Die anderen werden es nicht schaffen«, sagte Pablo.
»Wir werden sie auf andere Art retten«, erklärte Ultinova. »Schnell.«
Sie betraten einen lang gezogenen Raum, in dem allerlei Büsten in kleinen Erkern standen. Eine ausladende Wendeltreppe führte in die Höhe, davon eingerahmt wartete ein Spiegel am Boden.
»Dort oben ist das Büro unseres Obersten«, erklärte Ultinova.
»Inés«, keuchte Matt.
»Sie wird sich kaum darin befinden. Andererseits: Wäre es nicht schön, wenn die Schwärze uns den Kampf gegen sie abnehmen würde?« Pablo deutete auf eine weitere Glasplatte. »Du willst die Räume separieren?«
»Auf diese Art kann die Schwärze sich nicht ausbreiten«, sagte Ultinova.
Hinter ihnen stürmten bereits Schicksalswächter in den Raum, eilten auf den Spiegel zu.
»Flieht!«, rief Pablo.
Panische Blicke glitten über Jane, Sam und Matt, doch niemand unterbrach seine Flucht, um sie zu befragen.
Ultinova legte ihre Hand auf die Glasplatte. Wieder konzentrierte sie sich, doch nichts geschah. »Ich kann die Räume nicht trennen.« Ihre Augen weiteten sich. »Etwas unterbricht die Magie.«
Immer mehr Schicksalswächter erreichten den Ausgang und warfen sich durch den Spiegel. In Sekundenintervallen erklang das typische Schwappen.
»Wir müssen ebenfalls weg«, sagte Pablo hektisch. »Falls die Schwärze die Magie hier aufhebt, könnte sie auch den Spiegel ausschalten.«
Ultinova blickte zur Tür, wo noch immer Schicksalswächter ankamen. In ihren Blicken lag das absolute Grauen. Sie hetzten zum Spiegel und verschwanden.
In diesem Augenblick wirkte die urgewaltige Ultinova wie eine zerbrechliche Glasskulptur. Gegen diese Macht kam auch sie nicht an.
Die Schwärze kam.
Klebrig, zersetzend, tödlich. Als habe jemand Blut mit Säure gemischt und ausgeschüttet. Innerhalb von Sekunden war der halbe Raum eingenommen.
»Los!«, befahl Jane.
Sam glitt durch den Spiegel, Pablo folgte. Gemeinsam mit Ultinova blieb Matt an Ort und Stelle, starrte gebannt auf die Dunkelheit.
»Hier seht ihr das Schicksal der Welt«, flüsterte die Schicksalswächterin.
»Das werden wir sehen!« Jane packte die Frau und zog sie mit zum Spiegel.
Ein Schwappen.
Matt war der Letzte. Er wartete nicht länger, warf sich durch die Spiegelfläche. Auf der anderen Seite berührte Pablo bereits den Spiegel. Magie loderte durch den Anima in seinem Brillengestell, die Glasfläche verfestigte sich. Eine Erschütterung ließ den Boden erzittern. Verästelnde Risse überzogen das Glas.
Als habe jemand einen Hammer darauf geschmettert, zerbarst die Oberfläche in tausend Scherben. Matt wandte sich ab, um nicht getroffen zu werden.
Stille senkte sich herab.
Sie waren allein. Die anderen Schicksalswächter hatten das Gebäude bereits verlassen, vermutlich über den zweiten Spiegel. Matt wusste, dass das gesamte Haus eine Ablenkung war. Die beiden übrigen Portale in diesem Raum waren erloschen.
»Das dreizehnte Haus existiert nicht mehr«, sagte Ultinova leise. »Und unser Talent ist ebenfalls fort.«
»Wir haben später Zeit, zu trauern.« Jane eilte bereits auf die Tür zu. »Die anderen Schicksalswächter haben uns gesehen. Matt, Sam und ich werden vom Rat gesucht. Falls jemand die Wächter alarmiert, sind die in Kürze hier.«
Ultinova wedelte mit der Hand. »Verschwinden wir. Ich nehme an, es gibt einen Rückzugsort?«
Matt dachte sofort an Angelo, der mit Gabriel im sicheren Haus in Italien die Stellung hielt. »Wir können da etwas arrangieren.«
Natürlich konnten sie die beiden nicht einfach mitnehmen. Mit ein wenig Magie ließ sich das Risiko jedoch minimieren. Ultinova stellte sich an die Spitze und führte sie durch das Gemäuer. Überall hingen Spinnweben mitsamt ihren Bewohnern. Das Holz der Dielenbretter knirschte bei jedem Schritt, die Gemälde an der Wand waren verblichen und verstaubt.
Wie hatte Nic sich wohl gefühlt, als er von Jeremiah hierhergebracht worden war? Der Gedanke, dass es sich bei dieser Ruine um das 13. Haus handelte, musste ihn schockiert haben. Wer wollte schon hier wohnen?
Matt dachte an die wunderschönen Holzhäuser der Pflanzenmagier. Er hatte sein eigenes aus einem Baum wachsen lassen, das Geäst war zu den Wänden geworden. Jeden Morgen war er vom Gezwitscher der Vögel und dem frischen Duft von Laub geweckt worden. Er lächelte wehmütig.
Ultinova führte sie ins Erdgeschoss.
Anstelle der Tür wartete der zweite Spiegel. Die Fläche waberte sanft, die Passage war noch immer geöffnet. Sie griff nach dem Rahmen, schloss die Augen und justierte ein neues Ziel. »Irgendeinen Wunsch?«
Sie konnten auf keinen Fall direkt nach Italien spiegeln.
»Starten wir mit London«, sagte Jane. »Von dort geht es weiter.«
»Dann also die geheime Station neben der Haltestelle der Piccadilly Line.«
Nacheinander traten sie hindurch.
Der Ankunftsraum war wie üblich mit gemütlichen Sitznischen eingerichtet, es gab eine Bar, an der man Tee und Kaffee ordern konnte, falls der Spiegel noch anderweitig geschaltet war. Glücklicherweise war kaum jemand anwesend.
»Wie geht es weiter?«, fragte Ultinova.
Bevor Matt antworten konnte, erwachten die Schatten zum Leben. Wächter kam daraus hervor, an ihrer Seite Schattenläufer. Innerhalb von Sekunden kam ihre Flucht zu einem Ende.

Kapitel 4
Umzingelt
Jane
Elois Standoff stand mit verkniffener Miene zwischen den Wächtern. Das Ratsmitglied hatte die Attacke in Österreich überlebt. Sie war verantwortlich für die Festnahme von Nicholas’ Vater.
Ihre Lippen zitterten, die dürren Finger wirkten wie verkrampfte Spinnenbeine. »Ihr habt es tatsächlich gewagt.« Ihr Blick huschte über Ultinova und Pablo. »Alles ist zerstört, das dreizehnte Haus entmachtet.«
»Wir haben alle gerettet«, ereiferte sich Jane.
»Der Dämon …«, setzte Pablo an.
»Ich habe kein Interesse an euren Lügen!«, blaffte Elois Standoff. »Natürlich war uns klar, dass Jeremiah mit seinem Sohn das dreizehnte Haus infiltriert, um den Dämon zurückzubringen. Das diese Kabale bereits so weit fortgeschritten ist, erschüttert uns alle. Ihr habt eure Seele seiner Macht verschrieben.«
»Wir wollten ihn aufhalten!«, rief Matt. »Dafür ist es leider zu spät. Er ist zurück.«
Grabesstille legte sich über den Ankunftsraum unter der Piccadilly Line.
»Ich verstehe.« Standoff schürzte die Lippen, dachte nach und sprach schließlich weiter. »Ihr verbreitet die Lügen weiterhin, um den Rat zu destabilisieren.«
»Inés Dubois paktiert mit dem Dämon«, sagte Jane kalt. »Wenn ihr das nicht begreift, macht ihr euch am Untergang mitschuldig.«
Innerlich brüllte sie vor Wut. Wie blind konnten die Wächter nur sein? Inés hatte ganze Arbeit geleistet, ihr Gift monatelang versprüht.
»Sprich nicht so über eine verdiente Schicksalswächterin, die uns die Augen vor eurem Verrat öffnen konnte.« Standoff erwiderte Janes Blick angeekelt. »Ihr habt gemordet, euch dem Dämon verschrieben und das dreizehnte Haus geschlagen. Wir konnten alle Flüchtenden gefangen nehmen und werden sie intensiv befragen. Die Wächter haben noch jeden zum Reden gebracht.«
Matt wirkte verzweifelt. »Wir sagen die Wahrheit.«
Jane wollte ihn in die Arme schließen, sah die Erschütterung in seinen Augen. Die Ereignisse hatten ihre Spuren auf seiner Seele hinterlassen. »Letztlich wird jede Befragung dasselbe zutage fördern.«
»Wir werden nicht befragt«, sagte Ultinova leise. »Ist es nicht so, Ratsmitglied?«
Standoff wirkte ertappt, fing sich allerdings sofort wieder. »Die Schlafseher haben uns davor gewarnt, dass das zweite Regnum herannaht und die Häuser fallen. Wir können kein Risiko eingehen. Aus diesem Grund hat der Rat die Befugnisse der Wächter erweitert. Sie dürfen nun ebenfalls gnadenlos gegen Fluchunterstützer vorgehen.«
»Das ergibt Sinn. Wir Schicksalswächter durften töten, um den Fluch aufzuhalten. Die Wächter also nun auch. Doch wer entscheidet darüber, wen sie beseitigen?«, fragte Ultinova.
»Die eine Schicksalswächterin, die über jeden Zweifel erhaben ist, natürlich«, sagte Standoff. »Gemeinsam mit dem Rat.«
»Dann wird der Rat bald ausgelöscht sein.« Ultinova sprach mehr zu sich selbst als zur Rätin.
»Ist das eine Drohung?«
»Ihr seid Narren. Ihr gebt eurer größten Feindin die absolute Macht in die Hand, aus Angst. Sie wird das zu nutzen wissen. Ohne euch steht sie allein an der Spitze.«
»Inés Dubois hat ihr Leben …«
»… dem Dämon gewidmet«, unterbrach Ultinova kalt. »Und das überaus erfolgreich. Der Kerker wurde geöffnet, das zweite Regnum ist eingeleitet. Wir Schicksalswächter besitzen keine Gabe mehr. Stell Inés auf die Probe und du wirst es selbst sehen.«
Für einen Augenblick wirkte Elois Standoff verunsichert. Ihr Blick flackerte wie eine Kerzenflamme im Wind. Doch der Moment verging. »Ich lasse mich nicht manipulieren.«
»Das Gegenteil wurde längst bewiesen.«
»Wir befragen die übrigen Schicksalswächter und werden dieser Sache auf den Grund gehen«, stellte die Rätin klar. »Ihr werdet keine Gelegenheit mehr für weitere Attacken erhalten. Im Namen des Rates verfüge ich euer Todesurteil, um den Fluch des Dämons zu stoppen.«
Nun wusste Jane immerhin, wie Nic sich gefühlt haben musste, als Ultinova seinen Tod beschloss. Den Dämon aufzuhalten war stets das oberste Gebot. Doch dass sie ihm jetzt genau damit in die Hände spielten, Opfer der Angst wurden, die er gesät hatte, bemerkte niemand.
Standoff streckte den Arm aus. »Bring mich zurück.«
Einer der Schattenläufer trat an sie heran, umfasste ihren Arm und beide verschwanden in der Dunkelheit.
Jane zählte insgesamt acht Wächter. Sie wirkten entschlossen, hatten bisher jedoch keine Mystischen Schilde erschaffen. Ihre Kampfmontur ähnelte jener, die auch Nic im Einsatz getragen hatte.
Der erste zog nun eine Klinge aus einer Scheide am Bein.
Etwas Ähnliches hatte Jane noch nie gesehen. Der Griff bestand aus dunklem Metall, die gebogene Klinge aus schwarzem Glas, von der ebenso schwarze Flammen ausgingen. Sie loderten.
»Sieht aus wie ein brennender Säbel«, flüsterte Matt.
Pablo berührte seine Brille und zog Magie aus der Umgebung. In der zweiten Sicht konnte Jane sehen, wie er diese mit schnellen Fingerbewegungen zu einem Mystischen Schild verwob. Er trat auf den vordersten Wächter zu. »Ich bin sicher, dieses Missverständnis lässt sich lösen. Ich verlange, vor dem Rat zu sprechen.«
Der vorderste Wächter machte einen schnellen Schritt und holte aus. Ein lächerliches Unterfangen, schließlich wurde Pablo von der magischen Sphäre geschützt.
Die Klinge glitt durch die Luft, hinterließ eine Spur aus schwarzen Flammen. Mühelos durchdrang sie den Schild. Jane sah die Spitze aus Pablos Rücken austreten.
Ultinova schrie auf.
»Nein.« Matt wollte zu Pablo, doch Jane bekam seinen Arm zu greifen.
Sam stand nur stocksteif mit geweiteten Augen an der Seite und sah dem Grauen zu.
Schwarze Linien breiteten sich auf Pablo aus, Flammen tanzten darüber. Sein Körper explodierte, wurde zu Rauch, der sich verflüchtigte.
Zufrieden zog der Wächter die Klinge zurück. »Ausgeführt.«
Es wirkte, als berichte er den anderen von einem Verkehrsdelikt, das er geahndet hatte. Mit seinem nichtssagenden Gesicht und den leblosen Augen wirkte der Wächter unscheinbar. Die graue Strähne im Haar war die einzige Auffälligkeit.
Seine Worte waren das Signal. Die übrigen Angreifer stürmten voran, jeder mit gezogener Klinge.
Zu viert waren sie ihren Gegnern zwei zu eins unterlegen, was Jane nur allzu bewusst war. Sie tauchte unter dem ersten Hieb weg, beging nicht den Fehler, einen Schild zu erschaffen.
Es verwunderte sie, dass die Schattenläufer nicht eingriffen. Zwei von ihnen standen direkt vor einem Schatten. Doch es sah eher so aus, als hielten sie sich für einen Sprung bereit.
Matt trat einem seiner Gegner die Beine weg. Sein roter Anima-Stein glühte in der Ledermanschette, als er Vellamos Sturm wob. Der Wind wurde so mächtig, dass sein Gegner die Klinge nicht mehr richtig führen konnte.
Sam hantierte mit Nebelzaubern. Der Geistesnebel verwirrte die Angreifer nur kurz, sie waren darauf trainiert, zu widerstehen. Doch die gewonnenen Sekunden nutzte sie für Leicht wie Seide, schleuderte die beiden Wächter in den Sturm von Matt. Prompt stießen sie gegen einen der Schattenläufer und krachten mit ihm an die Wand. Es knackte hässlich, als Knochen brachen.
Ultinova erwies sich trotz ihrer Größe als überaus flink. Mit gezielten Bewegungen wich sie den Angreifern aus, doch in ihren Augen stand nackte Mordlust. Kurz nacheinander erschuf sie einen Höllenwirbel, den sie in das Gesicht eines Gegners schleuderte. Aufbrüllend wurde er von den Flammen getroffen. Der andere bekam Blackbeards Säbel zu spüren. Luft, verdichtet zu Dutzenden Klingen.
Ausgerechnet der Mörder von Pablo griff Jane an. Sein Kumpan wirkte wie ein Wandschrank, so breit waren seine Schultern. Gemeinsam bildeten sie eine Zange, griffen Jane von zwei Seiten an.
Sie wussten nicht, dass sie ein Fatumaris war.
Jane war Schattenläuferin, ebenso Leibwandler. Somit besaß sie zwei Animas, nutzte meist jedoch lediglich ihre Halskette. Das Stirnband jenes Wesens, das sie besiegt hatte, befand sich in ihrer Hosentasche.
»Also schön, Jungs, dann tanzen wir ein wenig«, sagte sie mit einem Knurren.
Die Wächter kamen mit gezogenen Klingen näher.
Jane wich vor ihnen zurück, sprang gegen die nächste Wand. Auf ihr lag ein Schatten, der sie aufnahm und im Rücken der beiden Wächter entließ.
Im Sprung hatte sie sich das Stirnband übergezogen und sich die Zauber zurechtgelegt. Zurück im Raum kombinierte sie Agamemnons Hagel mit einem Höllenwirbel. Die Wächter waren noch dabei, ihren Sprung zu verdauen, als ihnen bereits verdichtete Luft und Feuer um die Ohren flogen. Mit den schwarzen Klingen durchschnitten sie die Zauber, lösten die verwobene Magie auf.
Jane begriff, weshalb sie nicht selbst Magie einsetzten. Letztlich mussten die Wächter lediglich darauf warten, dass von dem flirrenden Staub ringsum nichts mehr übrig war. Dann konnten sie mit ihren Säbeln jeden von ihnen töten.
Wandschrank bewegte sich schneller auf sie zu, sein Gesicht voller Brandwunden. Seine Klinge kam so flink, dass Jane sich auf keinen weiteren Zauber konzentrieren konnte. Sie tauchte weg, sprang in einen Schatten am Boden, kam aus der Decke hinter ihm wieder hervor.
Sie erschuf einen Mystischen Wall, nutzte diesen jedoch als Rammbock. Ihr Gegner taumelte nach vorn, krachte gegen einen anderen Wächter, der daraufhin seine Attacke gegen Matt verriss.
»Bring die Nichtsschaffer hierher!«, brüllte jener mit der grauen Strähne.
Janes Blick erfasste den letzten stehenden Schattenläufer. Dieser sprang in die Dunkelheit.
»Wir sind erledigt«, hauchte Matt.
Die Magier des 12. Hauses konnten tote Zonen erschaffen, in denen es keinerlei Magie mehr gab. Die besten unter ihnen vermochten diese magielose Sphäre sogar an einen Magier zu binden, wodurch dieser nicht mehr auf Magie zugreifen konnte. Sollten ihre Gegner das schaffen, waren sie tatsächlich erledigt.
Gerade rammte Ultinova einem ihrer Gegner die Faust gegen die Schläfe. Bewusstlos sackte er zu Boden. Mit einer schnellen Bewegung nahm die Schicksalswächterin die Schattenglasklinge an sich.
»Wir müssen …«, begann Jane.
Doch Ultinova hörte sie gar nicht. Sie holte aus und warf die Waffe. Lautlos glitt sie in die Brust des Wächters mit der grauen Strähne. Mit panisch wirkenden Augen blickte er an sich herab, verging in einer lautlosen Explosion aus Rauch.
Seine eigene Klinge und jene von Ultinova fielen zu Boden.
Jane ließ eine der Waffen über den Boden zur Schicksalswächterin zurückschlittern, die andere nahm sie an sich.
Die verbliebenen Wächter hatten begriffen, dass es gefährlich wurde. Ihre Attacken nahmen zu, konzentrierten sich auf Jane und Ultinova. Doch diese konnten sich nun wehren.
Klingen schlugen gegeneinander. Schwarze Funken sprühten, die Flammen loderten stärker.
»Du bist ein Fatumaris«, stieß ein Wächter mit angstgeweiteten grünen Augen hervor. »Ihr seid Monster.«
»Ihr dient einem«, gab Jane zurück. »Vielleicht solltest du deinen Blick lieber darauf richten.«
Verbissen schlug er auf sie ein. Jane begriff, dass er im Kampf mit dieser Waffe weit überlegen war, lange konnte sie das nicht durchhalten.
Eine der schwarzen Flammen traf auf Janes Anima. Von ihrer Halskette stieg ein Dampfschwaden in die Höhe. Magie wurde verbrannt.
»Wir werden euch jagen bis zum Ende«, stieß der Wächter hervor. Der Blick aus seinen grünen Augen schien sich in Janes zu bohren. »Niemals wird er zurückkehren.«
»Das ist er schon«, gab sie zurück, ebenfalls außer Atem. »Ihr verschließt die Augen vor der Gefahr und redet euch ein … dass ihr nur uns besiegen müsst. Ihr seid diejenigen, die ihn unterstützen.«
Hinter ihr gelang es Matt, seinen letzten Gegner niederzuschlagen.
Ultinova war noch beschäftigt, schlug sich im Schwertkampf jedoch nicht so gut. Gerade attackierte ihr Gegner in einer ausgefeilten Bewegung den silbernen Armreif der Schicksalswächterin, in dem ein bronzefarbener Anima-Stein saß. Die Klinge zerschnitt den Verschluss, der Reif fiel zu Boden.
»Matt!« Jane nickte mit dem Kinn in Richtung der Schicksalswächterin, damit er begriff.
»Alles klar.« Er blickte mit verkniffenen Augen zu den beiden Kontrahenten. Im nächsten Augenblick brach eine Wurzel durch den Boden, Ranken umschlangen die Beine des Wächters. Er stolperte. Ultinova schlug zu.
Ihr Gegner wurde zu schwarzem Rauch.
»Sieht so aus, als wärst du der Letzte«, sagte sie an Grünauge gewandt. »Gibst du auf?«
»Niemals. Ich halte die Stellung, bis die anderen hier sind.«
Wie aufs Stichwort konnte Jane es spüren. Die Schatten waberten, die Nichtsschaffer kamen.
»Vorsicht!«, brüllte sie.
Matt wirkte einen Augenblick verwirrt, doch Ultinova begriff sofort.
Was als Nächstes geschah, würde Jane bis zu ihrem Lebensende nicht mehr vergessen.
Die Silhouette des Schattenläufers tauchte auf. Ultinova warf ihre Klinge. Sie drang in die Brust des Magiers ein, als dieser gerade wieder in die Realität des Raums vordrang. Die schwarzen Flammen züngelten, griffen blitzschnell auf die Nichtsschaffer über, die er am Arm gepackt hielt.
Alle drei schrien auf.
Die Schatten hielten sie fest, die Flammen züngelten. In der typischen Explosion vergingen alle drei. Doch damit war es nicht vorbei. Der Schattenläufer musste weitere Hilfe angefordert haben.
Das Schauspiel wiederholte sich. Die Klinge blieb exakt am Übergang zwischen Schatten und Realität in der Luft hängen. Zwei weitere Trios wollten an der gleichen Stelle den Übergang ausführen, auch sie explodierten.
Innerhalb weniger Sekunden waren neun Magier gestorben. Schattenläufer, Nichtsschaffer, Wächter.
Grünauge erbleichte. »Ihr …«
»Nein«, sagte Jane. »Das wart ihr.«
Die Kraft hatte den Wächter verlassen, er wich zurück an die Wand.
»Was sind das für Klingen?!«, verlangte sie zu wissen.
Doch Grünauge zitterte nur. Angsterfüllt hielt er seine Schattenglasklinge erhoben, dazu bereit, sich zu verteidigen.
»Berichte, was hier geschehen ist«, sagte Jane. »Wir haben uns nur verteidigt.«
»Du willst ihn am Leben lassen?«, fragte Ultinova.
»Wir bringen nicht einfach Leute um«, ereiferte sich Matt. »Auch wenn sie das mit uns tun wollen.«
»Sie handeln auf Befehl und haben es nicht begriffen«, sagte Sam.
»Heute haben sechzehn Magier im Kampf mit uns ihr Leben verloren«, fasste Jane zusammen. »Und Pablo. Es ist genug.«
»Sammelt diese Klingen ein. Wir nehmen alle mit. Aber seid vorsichtig.« Ultinova verdichtete die Luft und schickte den Wächter mit einem Schlag in die Bewusstlosigkeit.
Jeder von ihnen nahm eine der Schattenglasklingen an sich. Jane zog jene aus dem Übergang zwischen Schatten und Realität heraus, die noch dort steckte.
Ultinova fixierte die Waffe.
»Was denkst du?«, fragte Jane.
»Dass das Böse seine Krallen längst so tief in den Körper der Wächter geschlagen hat, dass er vergiftet wurde.« Die Schicksalswächterin deutete auf das schwarze Glas. »Diese Art, Magie zu zerteilen, Magier zu töten, das ist grausam.«
Gemeinsam nahmen sie Aufstellung vor den Schatten. Sie konnten nicht länger warten oder irgendwelche speziellen Wege gehen. Für Jane war klar, dass Ultinova auf ihrer Seite stand.
Mit einem letzten Blick betrachtete sie die Stelle, an der Pablo sein Leben verloren hatte. Selbst der Anima hatte sich aufgelöst.
»Gehen wir.«
Sie stellten sich dicht beieinander auf.
Und tauchten in die Schatten ein.

Kapitel 5
Du schon wieder
Nic
Seine Fallrichtung änderte sich abrupt.
In einem Augenblick schwebte Nic noch zwischen Schatten und Gold, im nächsten sauste er an einem ziemlich hässlichen Bild vorbei, das über einem verschlissenen Bett hing.
»Töte ihn, es ist einer von Inès’ Leuten!«, kreischte eine wohlbekannte Stimme.
Liz holte aus, um einen Höllenwirbel zu entfesseln.
Ächzend kam Nic in die Höhe, hielt beide Arme abwehrend von sich gestreckt. »Nicht! Ich bin es!«
»Schnell, bevor seine Lügen dich vergiften«, krächzte Nox auffordernd.
Der Familiaris saß auf einem Sessel, trommelte aufgeregt mit den Stummelfüßen und auf seiner Fratze lag ein seliges Lächeln. Er liebte Chaos und Tod. In diesem Augenblick bereute Nic zutiefst, dass er die Bindung zwischen ihm und sich gelöst hatte.
»Du weißt genau, dass ich es bin!«, blaffte er in Richtung der Kreatur, nur um sich Liz zuzuwenden. »Ich bin es wirklich.«
»Sag mir etwas, das nur Nicholas wissen kann.«
»Normalerweise nennst du mich Nic.«
»Etwas anderes«, verlangte sie.
Wie er trug auch Liz ihren Anima-Stein in einem Ring, der Stein leuchtete silbern. Bedrohlich silbern.
»Kann er nicht«, warf Nox ein. »Jetzt wirf den blöden Feuerzauber. Ich mag Magierbriketts.«
»Du willst wohl wieder mal an den Nordpol«, giftete Nic.
Nox verschränkte die Arme. »Du kannst mir nichts mehr befehlen, du hast das Band gelöst. Oh.« Er schlug sich die Pranke vor den Mund. »Du hast mich reingelegt!«
»Es ist wirklich Nic?« Liz ließ ihre Hand sinken.
»Möglich. Würdest du ihn trotzdem töten? Ganz schnell?« Nox schenkte ihr einen grauenvollen Augenaufschlag.
Liz ignorierte ihn, rannte zu Nic und packte ihn an den Schultern. »Du lebst.«
»Irgendwie schon.«
Im nächsten Augenblick lagen ihre Lippen auf seinen. Er zog sie an sich, wollte sie nie wieder loslassen. Der fruchtige Duft ihres Shampoos kitzelte seine Nase, seine Nasenspitze glitt über die samtige Haut ihrer Wange. Erneut versanken sie in einem Kuss.
»Ihr habt einen Zuschauer«, warf Nox ein. »Und dem wird gerade schlecht.«
»Wieso bist du überhaupt noch hier?!« Nic warf dem Familiaris über Liz’ Schulter einen giftigen Blick zu.
»Jemand musste doch auf sie achtgeben.«
»Ha! Du wolltest nur sehen, wie die Wächter oder Inés sie umbringen.«
»Habe ich das nicht verdient?« Nox sprang auf und stemmte die Fäuste in die Hüfte. »Wenigstens dieses Happy End sollte mir nicht verwehrt bleiben. Jetzt, wo du da bist, geht es bestimmt ganz schnell. Wo du auftauchst, sterben ständig Menschen.«
»Das ist nicht wahr!«
»Jeremiah. Angelos Bruder. Das eine oder andere Ratsmitglied. Deine Helfer, die die Apparatur wieder in Gang gesetzt haben.« Nox gingen die Krallen an der einen Hand aus zum Aufzählen, weshalb er zur anderen wechselte und ansetzte, weiterzusprechen.
»Wieso bist du am Leben?« Liz trat einen Schritt zurück, betastete seinen Körper und konnte es noch immer nicht fassen, dass er vor ihr stand.
»Tja.« Er kratzte sich an der Schläfe. »Irgendwie braucht das Schicksal mich noch. Da der Dämon jetzt zurück ist, bin ich der letzte Schicksalswächter. Und irgendwie hat auch mein Dad etwas damit zu tun.« Er nahm die Umgebung zum ersten Mal richtig wahr. »Wo sind wir?«
Es war eindeutig ein Hotelzimmer, allerdings eines der untersten Kategorie. Der Teppich war fadenscheinig, die Vorhänge verblichen. Das Bett sah so aus, als sei es vom Sperrmüll gerettet worden.
»Du hast das Portal in die Kanalisation von Rumänien geöffnet. Ich bin direkt dorthin gespiegelt und habe das nächstbeste Hotel aufgesucht. Ich musste von der Straße runter.« Liz rieb sich müde die Augen. »Die gesamte magische Welt ist in Aufruhr.«
»Das war zu erwarten.«
»Wegen uns, Nic!« Liz sank auf das Bett, das bedrohlich wackelte. »Niemand weiß, dass der Dämon zurückgekehrt ist. Inés schürt die Angst vor uns. Jedes Haus hält Ausschau, ich musste Sicherungen gegen jedes Talent anbringen. Die Traumwandler waren wirklich hartnäckig, doch ich konnte meine Träume schließlich schützen.«
Nic sank in den Sessel gegenüber von Nox. »Irgendwer muss doch begreifen, was hier vorgeht.«
»Wie denn? Inés hat dafür gesorgt, dass uns nach Österreich alle für Jünger des Dämons halten. Keiner glaubt irgendwelchen Gerüchten, die behaupten, er sei zurückgekehrt. Vergiss nicht, dass jeder außerhalb des dreizehnten Hauses und des Rates denkt, dass er damals getötet wurde. Die gewöhnlichen Magier wissen nichts von dem Fluch.«
Was Inés letztlich genau den Vorteil gegeben hatte, den sie benötigte. »Dann müssen wir es ihnen zeigen.« Nic runzelte die Stirn. »Wie lange war ich überhaupt weg?«
Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass Liz müde und abgeschlagener wirkte als noch vor wenigen Stunden.
»Ich bin vor etwa einer Woche aus dem Herrenhaus geflohen«, erklärte sie.
Niedergeschlagen blickte Nic aus dem Fenster, vor dem sich die Fassaden der gegenüberliegenden Häuser abzeichneten. »Dann liegt es wohl an uns beiden, den anderen die Augen zu öffnen.«
»Oh.« Liz sah ihn mit einem plötzlichen Lächeln an. »Matt, Jane und Sam haben überlebt.«
»Was?!« Nic lachte auf. »Das ist ja … wie?«
»Ich zapfe die Nachrichten aus der magischen Welt an.« Liz grinste verschmitzt. »Irgendwie sind die drei im dreizehnten Haus aufgetaucht und dann mit Ultinova und Pablo Flores geflohen. Wächter haben sie umzingelt und es kam zum Kampf.«
»O nein.«
»Die Wächter und Schattenläufer sind alle tot. Pablo hat es auch erwischt. Die anderen Schicksalswächter wurden gefangen genommen und verhört. Ein paar sind entkommen, die haben wohl kapiert, was Sache ist.«
»Das muss ja übel gewesen sein«, flüsterte Nic.
Er wollte sich gar nicht vorstellen, wie Matt, Jane, Sam und Ultinova sich den Wächtern entgegengestellt hatten. Vor allem Matt verabscheute Gewalt. Als habe sein bester Freund nicht schon genug Leid ertragen müssen.
»Wo sind sie jetzt?«, fragte Nic.
»Keine Ahnung, glücklicherweise. Inés wirkte bei den bisherigen Auftritten allerdings nicht glücklich.«
»Du solltest ihre Haare sehen.« Nox kicherte. »Fabelhafte Idee, sie und den Dämon am Rand eines Vulkans abzusetzen. Sie hat dunkle Stoppeln anstelle ihrer blonden Mähne.«
Unweigerlich sah Nic die letzten Minuten im Herrenhaus vor sich. Chavale, der ihm die Klinge in den Körper bohrte. Inés, die seinen falschen Anima an sich nahm und glaubte, ihn geschlagen zu haben. Beide traten in den Spiegel. Nic hatte die Passage eigentlich schließen wollen, während sie sich noch darin befanden. Stattdessen hatte er blutend auf dem Holz der Dielenbretter gelegen. Nox hatte in den Spiegel gespäht und verkündet, dass sie die andere Seite erreicht hatten.
»Mir wäre es lieber gewesen, sie wäre verbrannt«, sagte Liz. »Dann hätten wir jetzt ein Problem weniger.«
»Chavale hält sich versteckt?«, fragte Nic.
»Kein Stück. Er steht bei den öffentlichen Auftritten direkt neben ihr. Wie ein gewöhnlicher Magier. Niemand weiß, wer er ist. Vergiss nicht, dass Egmont Chavale vor über zweihundert Jahren verschwand und vom ersten Regnum gibt es keine Bilder, keine Aufnahmen, nichts.«
»Wirklich dreist«, sagte Nox, das Kinn auf seine Pranke gestützt. »Bestimmt hat er schon ganz viele Magier getötet und ihre Magie gefressen. Ohne Öffentlichkeit.«
»Ja klar, das tut dir total leid«, kommentierte Nic ironisch.
Nox sprang wieder auf und reckte seinen rechten Arm in die Höhe, die Krallentatze ausgestreckt. »Wir werden ihn vor aller Welt bloßstellen. Dann muss er seine Gegner in aller Öffentlichkeit umbringen und wir können zusehen.«
Nic schlug sich die Hand vor die Stirn. »Warum haust du nicht einfach ab?! Du bist frei. Ich habe unser Band gelöst.«
»Eben.«
»Was soll das denn heißen?«
»Ich kann mich unmöglich bei den anderen Familiaris blicken lassen. Sie wissen, dass ich dich versklaven wollte, ganz wie in den guten alten Zeiten. Ich habe ihnen versprochen, dich nackt über einen Lavatümpel kriechen zu lassen. Deine Haut wäre verschmort, das Haar verbrannt, du hättest geschrien …«
»Danke, ich kann es mir vorstellen.«
»Jetzt kann ich leider nicht liefern.«
Nox hatte ihnen bereits erzählt, dass seine Artgenossen auf sehr blutige Art reagierten, wenn ihnen der Spaß vorenthalten wurde. Oder das, was sie unter Spaß verstanden.
»Aus diesem Grund habe ich beschlossen, euch beide weiter mit meiner Anwesenheit zu beglücken«, erklärte Nox, die Tatzen hinter dem Rücken verschränkt. »Ihr dürft euch jederzeit erkenntlich zeigen.« Er sah auf. »Oder kann ich dich doch noch von einem Leben als Sklave überzeugen? Es hat Vorteile.«
»Eher friert die Hölle zu!«
»Kein Grund, gleich so ungemütlich zu werden.« Nox seufzte. »Na schön. Ich übe mich in Geduld.«
»Also ob.« Nic sank neben Liz auf das Bett und zog sie wieder in seine Arme. »Ich dachte wirklich, es ist vorbei.«
»Zu sehen, wie du blutend auf dem Boden liegst und stirbst … wir lassen diese Sache mit dem Beinahetod, ja?«
»Sag das Inés und ihrem Chef.«
Sie umschlangen einander, um sich nie wieder loszulassen. Die Nähe zu Liz, ihr Herzschlag, ihr Atem, schenkte Nic neue Kraft. Wenn die Welt ringsum sich auch veränderte, sie war und blieb.
»Hast du versucht, mit Angelo Kontakt aufzunehmen?«, fragte Nic.
»Ich habe keinen Kontaktor und wollte keine Aufmerksamkeit erregen«, erwiderte sie. »Die Spiegel sind alle gesichert. Die zwölf Häuser haben dafür gesorgt, dass es keine Kontaktpunkte mehr zwischen den Ländern gibt. Es ist, als herrsche Krieg.«
»Inés weiß, dass Angelo noch dort draußen ist«, sprach Nic leise. »Sie und Chavale glauben jedoch, dass du und ich tot sind. Das könnte ein Vorteil sein.«
»Eben. Deshalb wollte ich keine Aufmerksamkeit erregen. Wenn Angelo gefangen genommen wurde oder das sichere Haus infiltriert ist, würden Inés und Chavale es sofort erfahren.«
Was die Frage aufwarf, wie es weitergehen sollte.
Sie lagen schweigend nebeneinander, berührten sich, versanken im Blick des jeweils anderen. Es war ein Moment des absoluten Friedens. Mochte die Welt außerhalb des Raumes auch tausendmal untergehen, sie waren hier. Gemeinsam.
Selbst Nox schien die Erhabenheit des Augenblicks zu spüren und schwieg.
»Ich liebe dich«, flüsterte Nic.
»Und ich liebe dich.« Liz schenkte ihm ein wunderschönes Lächeln, das ihre Augen zum Leuchten brachte, jedoch nicht über die Müdigkeit hinwegtäuschen konnte.
Die Sonne versank und die Dämmerung tauchte das Hotelzimmer in ein Spiel aus Zwielicht und Schatten. Sie rückten näher zusammen, kuschelten sich aneinander.
Nics Lider wurden schwer und er ließ sich davontragen in einen wohligen Schlaf. Sein Körper verlangte ebenso nach Rast wie sein Geist. Tatsächlich blieb er von Albträumen verschont und schlief die gesamte Nacht hindurch. Als er am Morgen erwachte, kam Liz gerade zurück.
»Wo warst du?«, fragte er verschlafen.
»Ich gebe dir einen Tipp.« Sie beugte sich zu ihm und hauchte einen Kuss auf seine Lippen. »Brötchen und Croissants für mich, eine riesige Tasse Kaffee für dich.«
»Das muss der Himmel sein.«
»Hoffentlich nicht.« Liz blickte sich skeptisch um. »Da würde ich zumindest Zimmerservice erwarten.«
»Snob«, sagte Nic mit einem Gähnen.
»Oh, das wird wohl doch nichts mit dem Kaffee.«
Ruckartig setzte er sich auf. »Darüber macht man keine Witze.«
Sie kicherte. »Aber es wirkt so gut.«
Liz schaltete die Kaffeemaschine ein, die in der Ecke stand, und legte die mitgebrachten Gebäckstücke auf einen Teller. In den letzten Tagen hatte sie eindeutig vorgesorgt, denn aus dem Kühlschrank der Minibar förderte sie Butter und Marmelade zutage.
»Ich vermisse mein Porridge«, seufzte sie. »Was tut man nicht alles, um länger am Leben zu bleiben.«
Liz wirkte frisch und ausgeruht, roch nach Duschgel und Bodylotion. Ihr schulterlanges blondes Haar glänzte. Ihre Jeans hatte ebenso wie der Pulli garantiert einen Reinigungszauber erlebt.
Nic nahm die gefüllte Kaffeetasse entgegen. Genüsslich sog er den Duft ein, trank einen riesigen Schluck. »Wo ist Nox?«
»Keine Ahnung. Er war fort, als ich aufgewacht bin.«
»Hast du keine Angst, dass er uns verrät?«
»Wenn er es bisher nicht getan hat, dann können wir nur hoffen, dass es so bleibt«, erwiderte Liz. »Immerhin hat der Dämon ihn behandelt wie Dreck. Hättest du Nox nicht freigelassen, wäre er auch nach deinem Tod an deinen Körper gebunden gewesen. Das kollabierende Gefängnis hätte ihn ausgelöscht. Er zeigt es vielleicht nicht, doch ich glaube, er ist dir dankbar.«
»Das Wort kennt er vermutlich nicht mal.« Nic schnaubte. »Dieser verlauste Wasserspeier kann zu seinen Leuten zurückkehren, damit die ihn erledigen.«
»Du magst ihn.«
»Kein Stück.«
Liz grinste. »Das ist so niedlich.«
»Lass das.«
»Schon gut, du musst es nicht zugeben.«
»Da gibt es nichts zuzugeben!« Kurzerhand verlegte sich Nic auf schweigsames Kaffeetrinken.
Liz gab ihm ein paar Minuten, um wach zu werden. Nachdem sie ein Brötchen vertilgt hatte, erwachte ihr Tatendrang – was er bereits befürchtet hatte. »Also, ich habe nachgedacht.«
»Und natürlich schon einen Plan ausgeheckt.« Nic behielt die Tasse sicherheitshalber in der Hand. So konnte er vorgeben zu trinken, um eine Antwort hinauszuzögern.
»Offensichtlich hat dein Dad diese Sache weit vorausgeplant.« Liz bestrich ein Brötchen mit Marmelade und schob es ihm zu.
»Das wird meine Laune jetzt nicht verbessern, hab ich recht?«
»Du hast Kaffee und Zucker, sei brav.« Sie grinste überaus frech. »Du sagst, dein Dad habe das Schicksal verändert und dich erschaffen. Er wusste anscheinend, dass das zu einem zweiten Regnum führt.«
»Er ist ein Irrer mit Allmachtsfantasien.«
»Nic, ehrlich.« Liz schenkte ihm einen mitleidigen Blick. »Versuch das große Ganze zu betrachten.«
Er trank aus seiner Tasse.
»Ja?«, hakte Liz nach.
»Ich trinke.«
»Die Tasse ist leer. Ich kenne deine Taktiken.«
Seufzend stellte er sie ab. »Er hatte trotzdem kein Recht dazu.«
»Du lebst dank dieser Tat. Und wenn es stimmt, dass es ohne dich auch zu einem zweiten Regnum gekommen wäre, einem, bei dem kein Schicksalswächter mehr übrig ist … Dann war dieser Weg der einzig mögliche.«
Dummerweise hatte Nic keine Gegenargumente. »Vermutlich hast du recht. Trotzdem hätte er mich einweihen können.«
»Das ist eben die Frage. Wie weit hat er all das vorausgesehen, vorausgeplant?« Gedankenverloren blickte sie aus dem Fenster. »Was ist damit gemeint, du sollst durch seine Augen sehen?«
»Vielleicht spielt das auf Janes Talent als Leibwandlerin an. Sie hat sich schon einmal an Inés gehängt, um in Akantor einzudringen.«
»Dazu müsste Jane ihren Geist durch die Schatten an ihn heften. Das ist unmöglich. Akantor ist gesichert. Wir haben es damals nur geschafft, weil Inés es wollte.«
»Dann habe ich keine Antwort.«
»Aber die müssen wir finden, und zwar schnell.« Liz wandte sich ihm wieder zu. »Mit jedem Tag festigt der Dämon seine Macht und Inés höhlt jede mögliche Gegenwehr aus.«
»Irgendwann werden die Schicksalswächter es begreifen.«
Liz lächelte traurig. »Nic, du glaubst doch nicht wirklich, dass Inés sie am Leben lässt?«
»Sie wurden offiziell gefangen genommen. Jeder weiß das.«
»Die Wächter haben längst weitreichende Vollmachten.«
»Sie unterstehen dem Rat.«
»Nur auf dem Papier. Ich glaube kaum, dass noch irgendein Schicksalswächter lebt. Sie wären für Inés und den Dämon zu gefährlich.«
Der Gedanke erschütterte Nic bis ins Mark. Besaß sie tatsächlich bereits so viel Macht? Hatte sie alle Überlebenden aus dem 13. Haus getötet? »Sie besitzen keine Fähigkeiten mehr.«
»Sie besitzen Wissen. Das ist gefährlich genug. Und es dürfte nicht schwer sein, sie ebenfalls des Verrats zu bezichtigen.« Traurig erwiderte Liz seinen Blick. »Die Zeit arbeitet gegen uns.«
Irgendwo saß der Dämon mit dem Äußeren von Egmont Chavale wie eine Spinne im Netz. Machtlos mussten sie mit ansehen, wie er an den Fäden zog und die magische Welt Stück für Stück untergehen ließ.

Kapitel 6
Verlorenes Glück
Matt
So also fühlte sie sich an, die ständige Ausnahmesituation.
Matt stand mit seiner Teetasse an der Seite und blickte auf das Treiben.
Gemeinsam mit Jane, Ultinova und Sam hatte er vor wenigen Tagen das sichere Haus in Italien erreicht. In den vergangenen Wochen hatte Angelo den Widerstand zügig ausgebaut und weltweit in Zellen unterteilt. Wurde eine der Zellen von den Wächtern aufgebracht, geschah den anderen nichts, da niemand die Position der anderen kannte. Über Spiegelpassagen, deren Schlüsselzauber ständig wechselte, konnten Übergänge geschaffen sowie auch problemlos vollständig getrennt werden.
Im Technikraum saßen Magier vor Monitoren und werteten die Informationen aus angezapften Glasfaserleitungen, Satellitenverbindung und den Nachrichten aus. Agenten waren überall auf der Welt unterwegs, um an Neuigkeiten zu gelangen oder Mitstreiter zu rekrutieren.
Sie kommunizierten mit Kontaktoren, puderdosenähnliche Geräte, die eine abhörsichere Kommunikation ermöglichten. Angelo teilte die neuen Widerständler dann der jeweiligen Zelle zu.
Die Offenbarung, dass das zweite Regnum begonnen hatte, hatte eingeschlagen wie eine Bombe. Seitdem herrschte hektische Betriebsamkeit.
Sie mussten auf eine Flucht vorbereitet sein, gleichzeitig jedoch versuchen, die magische Gesellschaft zu informieren.
»Hast du das Muster?«, fragte Angelo.
Sam sah von ihrer Tastatur auf. »Noch nicht. Da hat sich jemand alle Mühe gegeben.«
»Es ist die einzige Chance, in die Schule einzudringen. Das ist wichtiger denn je.«
»Gebe mein Bestes.«
Angelos schwarzes Haar war schulterlang, er trug einen Bart. Obgleich in seinen Augen Müdigkeit zu erkennen war, wirkte er unbeugsam wie ein dunkler Ritter. Einer, den Matt am liebsten an sich gedrückt hätte. Er wollte seine Lippen wieder spüren, die Geborgenheit der Umarmung.
Doch das war vorbei.
Angelo bemerkte seinen Blick. »Alles in Ordnung mit dir?«
Matt trat auf den Tisch mit den Monitoren zu. Im gleichen Augenblick verging das Gefühl, von außen auf das chaotische Treiben zu starren. Jetzt war er ein Teil davon. Überall klackten Tastaturen, Magier in Einsatzmontur eilten umher.
»Ihr könnt das Skydive nicht finden?« Er überging Angelos Frage.
Das magische Café sprang von einem Ort zum anderen und bot Schülern einen geheimen Zufluchtsort. Es gab eine Spiegelverbindung von dort in die mehrfach abgesicherte Einrichtung.
»Wer auch immer den Sprungzauber auf das Skydive gelegt hat, wollte sichergehen, dass kein Lehrer es findet«, sagte Sam. »Es muss ein Muster geben, hinter jedem Zauber steht eines. Wenn ich es entschlüsseln kann, können wir es finden und über die Spiegelverbindung in die Schule eindringen.«
Die Schüler hatten keine Chance im Falle eines Angriffs des Dämons. Ihr Talent war noch nicht erweckt, ihnen wurden Lügen eingeflüstert wie allen anderen.
Matt musste unweigerlich an seinen letzten Tag mit Nic und Jane denken. Gemeinsam hatten sie auf dem Trainingsgelände gekämpft.
»Es tut mir leid«, sagte Angelo und berührte Matt sanft am Arm. »Ich weiß, dass du Nic …«
»Wie geht es Gabriel?« Ruckartig wich Matt zurück.
Angelo wirkte, als habe er einen Stromschlag bekommen, seine Hand zuckte zurück. »Er begreift nur langsam, dass er nicht länger gefangen ist, wieder lebt. Er hat jede Nacht Albträume.«
Prompt fühlte Matt sich miserabel. Er hatte kein Recht auf Eifersucht. Angelo gehörte zu seinem Freund, von dem er all die Zeit gedacht hatte, dass dieser tot sei.
»Matt«, flüsterte Angelo mit Sanftheit in den Augen.
»Hör auf damit«, erwiderte er leise.
Die unerschütterliche Fassade wankte, Schmerz vermengte sich mit Schuld. »Ich …«
»Du liebst ihn doch.«
»Natürlich tue ich das. Aber das heißt nicht, dass meine Gefühle für dich plötzlich fort sind.« Fahrig fuhr sich Angelo über die Stirn, gefangen in einem unlösbaren Dilemma.
»Er braucht dich.«
»Und ich brauche ihn. Genau wie dich.«
Die Worte waren heraus und Matt erkannte, dass Angelo die Erkenntnis zusetzte.
»Angelo!«, erklang eine Stimme.
Matt wich noch einen Schritt zurück.
Ganz in Weiß gekleidet, kam Zola Mubawe herbeigeeilt. Die Heilmagierin aus dem Haus der Schicksalswächter gehörte zu den wenigen, die sich vor den Wächtern in Sicherheit hatten bringen können. Ultinova hatte ihr eine Warnung vor Inés zukommen lassen, bevor sie selbst ins Sanktum gegangen war.
Die Frau aus Südafrika wirkte dünn wie ein brüchiger Ast, war jedoch robust wie eine Eiche. Ihr magentafarbener Anima saß auf einer Metallplatte, die auf dem linken Handrücken magisch angebracht war.
»Wie geht es ihm?«, fragte Angelo.
Zola grüßte Matt im Vorbeigehen. »Körperlich ist er wiederhergestellt, sein Geist macht mir jedoch noch immer Sorgen. Ich habe ihn stabilisiert, indem ich magisch die Kernelemente seines Charakters in den Vordergrund gerückt habe. Durch Hypnose konnte ich verschiedene Schlüsselwörter verankern, die er nutzen kann, um ruhiger zu werden. Trotzdem hat ihn das Erlebte bis ins Mark erschüttert.«
Inés hatte Gabriel an einem grauenvollen Ort tief unter Afrika gefangen gehalten. Dort herrschte chaotische Magie, und die substanzlosen Abbilder verstorbener Fatumaris-Magier gierten nach frischer Magie. Dank Nic hatten die Freunde mit Gabriel entkommen können.
»Ich verstehe.« Er betrachtete Zola eingehend. »Was verschweigst du?«
Die Heilmagierin gab sich einen Ruck. »Inés hat in der ersten Zeit vorgegeben, du zu sein. Deshalb … Ich fürchte, deine Anwesenheit destabilisiert ihn.«
Angelo wirkte geschockt. »Ich kann ihn doch nicht allein lassen. Er braucht mich!«
»Er wird dich brauchen«, korrigierte Zola. »Aktuell bist du jedoch der Falsche, der ihm helfen könnte. Gabriel hatte immer ein sehr intensives Verhältnis zur Natur und eine ausgeprägte Empathie. Daher wäre mein Vorschlag, dass du«, sie wandte sich Matt zu, »ihm bei der Erdung hilfst.«
Matts erster Impuls war ein lautes Lachen, das er glücklicherweise unterdrücken konnte. Das musste ein Witz sein. »Ich?«
»Wir haben lediglich zwei weitere Pflanzenmagier, und die befinden sich in einer anderen Zelle«, erklärte Zola. »Außerdem bist du jemand, dem ich es zutraue.«
Das Lob konnte Matt nicht wirklich erreichen.
Auf Angelos Gesicht wechselten die Ausdrücke sekündlich. Abwehr, sanfte Hoffnung, Wut. »Wenn du mir noch etwas Zeit gibst, wird er sich mir wieder öffnen.«
»Angelo«, sagte Zola sanft, »deine Zeit kommt. Du hast ihn gerettet, ihn zurück ins Leben gebracht. Jetzt musst du einen Schritt zurücktreten. Vertraue mir und vertraue Matt.«
»Das ist eine große Sache«, krächzte Matt. »Was, wenn ich einen Fehler mache?«
»Es geht hier nicht um eine komplizierte Operation«, erklärte Zola beruhigend. »Lerne Gabriel einfach kennen, taste dich voran. Zeige ihm alles hier, nutze deine Gabe. Es wird ihn erden, wenn er nicht mehr nur grübelt.«
»Würdest du das tun?«, fragte Angelo mit schuldbewusstem Blick.
Am liebsten hätte Matt sich in seinem Bett verkrochen, die Welt ausgesperrt und niemanden hereingelassen. War es nicht genug, dass er seinen besten Freund und seinen Bruder verloren hatte? Nun sollte er dem Freund des Mannes bei der Genesung helfen, den er selbst … »Natürlich mache ich es.«
»Danke«, sagte Angelo wieder so verdammt sanft.
Wieso konnte er nicht ruppig sein? Distanziert?
»Dann gebe ich dir ein kurzes Briefing und den Rest überlasse ich dir«, erklärte Zola. »Informiere mich, wenn es zu Problemen kommt.«
»In Ordnung.«
Die Heilmagierin wollte sich abwenden, als Ultinova heranstürmte wie eine ziemlich grimmige Lokomotive. »Kommt mit. Alle drei.«
Sie durchschritten die Computerzentrale und stiegen eine Wendeltreppe hinab. Das weitläufige Anwesen verströmte mit seinen Sandsteinwänden, den Reben am Hang und den hellen Holzvertäfelungen italienischen Charme.
Ultinova brachte sie in den Keller, wo die Waffenkammer, ein magischer Trainingsraum und ein Labor untergebracht waren. Ihr Ziel war ein leerer Raum, in dessen Zentrum ein Podest aufgebaut war. In einem Metallgestell ruhte eine der Schattenglasklingen. Spiegel mit verschiedenfarbigem Glas waren ringsum an der Wand angebracht.
»Ich habe diese Waffen untersucht«, berichtete Ultinova. »Etwas Vergleichbares ist mir nie zuvor begegnet.«
»Eure Erzählung deutete bereits in diese Richtung.« Angelo trat näher heran. »Dieses verdammte Zeug taucht überall auf.«
Gemeinsam mit Nic und Jane war Matt in einer Höhle in Südamerika darauf gestoßen. Dort gab es gewaltige Fresken, die aus schwarzem Glas bestanden. Genau wie die Spiegel von Chavale, die überall auf der Welt verteilt waren und die nur Nic hatte nutzen können.
»Sie können Magie wirklich zerschneiden?«, fragte Zola.
»In der Tat«, bestätigte Ultinova. »Es ist mir gelungen, mit einem Anima Magie in die Klinge zu leiten, woraufhin die schwarzen Flammen zu tanzen begannen.«
»Was genau ist dieses Glas?«, fragte Angelo. »Und wieso ist es dazu fähig?«
»Die Spiegel waren der Ausweg Chavales, auch wenn er sie selbst nicht benutzen konnte. Ein Spalt im Schicksal, das sein Gefängnis war«, erklärte Ultinova. »Ich sehe in diesem Glas so etwas wie das Gegenstück zum Schicksal. Chaos, wo fein gewobenes Gold herrschen sollte.«
»Das würde erklären, weshalb lediglich Nic die Spiegel benutzen konnte«, sagte Matt. »Er wurde nachträglich eingewoben.«
»Ein schwarzer Faden in einem Gewebe aus Gold.« Ultinova wirkte nachdenklich. »Durchaus eine Möglichkeit.«
»Das legt den Schluss nahe, dass Chavale und Inés die Wächter mit diesen Waffen ausgestattet haben.« Angelo blickte in Richtung der Schattenglasklinge. »Damit können sie jeden magischen Angriff parieren.«
»Das mag sein«, sagte Ultinova, »doch während des Angriffs haben die Wächter keinerlei Magie aus der Umgebung herausgesogen. Das bringt mich zu der Frage, wie die Waffe entflammt werden konnte. Zudem erklärt es nicht, wieso Magier einfach zu schwarzem Nebel werden.«
»Es muss irgendwie die Bindung auflösen«, überlegte Zola. »Zwischen dem Menschen und der Realität.«
»Das Gegenteil von dem, was mit Nic geschah!«, rief Matt. »Er wurde rückwirkend eingeflochten. Diese Klinge …«
»… löscht Fäden aus.« Ultinova Stimme war pures Entsetzen. »Natürlich! Eine Waffe, die die goldenen Fäden abschneidet. Getroffene Magier werden aus dem Gewebe des Schicksals herausgeschnitten. Das ist natürlich nur eine Vermutung. Nach allem, was wir beobachten konnten, würde es Sinn ergeben.«
»Sie führen längst den Krieg«, flüsterte Angelo. »Aber niemand bemerkt es. Unsere eigenen Leute werden zu Soldaten, kämpfen für den Dämon, zerstören alles, was wir so lange vor Schaden bewahren wollten.«
Ultinova betrachtete Angelo mit verkniffener Miene. »Noch besitzen sie den Vorteil, doch mit jedem Schritt aus dem Schatten heraus werden mehr Magier begreifen, was hier geschieht.«
»Rechtzeitig?«, fragte Matt.
»Wir können nur unser Bestes geben«, erklärte Ultinova.
»Können wir eine deiner Theorien überprüfen?«, wollte Zola wissen. »Je mehr wir über dieses schwarze Glas und die Schattenglasklingen erfahren, desto besser. Vielleicht kann ich einen Zauber entwickeln, der die Bindung stärkt und den Betroffenen stärker mit dem Schicksal verwebt.«
»Wenn wir noch unsere Gabe besäßen, könnte ich all das prüfen«, sagte Ultinova. »Ohne sie kann ich nur simple Tests durchführen und Vermutungen anstellen.«
Angelo schnaubte frustriert.
Es musste schlimm für die überlebenden Schicksalswächter sein, plötzlich über keinerlei Talent mehr zu verfügen. Gerade Ultinova war eine Meisterin darin gewesen, das Schicksal rückwirkend zu beeinflussen und Veränderungen vorzunehmen.
Der Gedanke, dass er plötzlich nicht mehr spüren konnte, wie es den Pflanzen um ihn herum ging, erzeugte einen Knoten in Matts Brust. Es war wie ein weiterer Sinn. In einem gesunden Wald spürte er Stärke, Nähe und Geborgenheit.
»Können wir die Klingen selbst einsetzen?«, fragte Angelo. »Ihr habt ja einige mitgebracht.« Als Ultinova zum Sprechen ansetzte, ergänzte er schnell: »Nur um Magie zu zerteilen. Es wäre eine ausgezeichnete Waffe im Kampf. Natürlich töten wir damit keine Magier, das Schicksal bleibt unangetastet.«
Ultinova wirkte nicht glücklich. »Wir benötigen wohl jeden Vorteil, den wir kriegen können. Trotzdem sollten die Schattenglasklingen nur mit äußerster Vorsicht eingesetzt werden. Und wirklich lediglich für diesen einen Zweck.«
Angelo betrachtete die Waffe erneut. »Untersuch sie weiter.«
»Das hatte ich vor.«
Er schmunzelte.
Matt begriff, dass Angelo längst von allen als Anführer des Widerstands akzeptiert worden war. Er hatte all das hier geschaffen, die Sicherheitsprotokolle entwickelt und kannte die ehemaligen Schicksalswächter persönlich.
Sie ließen Ultinova zurück und stiegen wieder nach oben in die Zentrale. Angelo wurde von Sam gerufen und war kurz darauf in ein Gespräch mit ihr vertieft.
»Ich bringe dich zu Gabriel«, sagte Zola und bedeutete Matt, ihr zu folgen. »Verhalte dich ganz normal.«
»Nichts leichter als das«, sagte Matt ironisch.
»Du warst unter denen, die ihn gerettet haben«, sprach Zola unbeirrt weiter. »Er wird also nicht vollständig abwertend reagieren. Rechne mit emotionalen Spitzen. Euphorie, Wut, absolute Traurigkeit bis hin zur Depression.«
»Was soll ich denn tun, wenn so etwas geschieht?«, fragte er.
»Sei einfach für ihn da. Hör zu. Das ist das Wichtigste.«
»Zola, ich bin kein Heilmagier. Wenn ich einen Fehler begehe …«
»Gabriel war im Grunde genommen nur noch ein Geist, Matt.« Die Heilmagierin führte ihn in den hinteren Teil des Hauses, wo die privaten Zimmer untergebracht waren. »Keiner von uns hat Erfahrung damit. So fühlt sich eine Fahrt auf Sicht durch dichten Nebel an.«
»Wie aufbauend du sein kannst.«
Sie lächelte. »In der jetzigen Situation fällt selbst mir das schwer.«
Sie hielt vor einer der Türen.
»Falls etwas ist, kannst du einen magischen Ruf aussenden, ich komme sofort.«
»Wie lange soll ich denn bei ihm bleiben?« In diesem Augenblick wollte Matt am liebsten davonlaufen.
Das Schicksal eines anderen Menschen sollte nicht in seiner Hand liegen. Es war zu zerbrechlich.
»Geh nach deinem Gefühl«, sagte Zola.
Sie schenkte ihm noch einen aufmunternden Blick, dann ging sie davon.
»Geh nach deinem Gefühl«, echote Matt. »Wenn ich das täte, wäre ich nicht hier.«
Kurz trat er ans Fenster neben der Tür und blickte hinaus auf den Garten, der zwischen den beiden rückwärtigen Teilen des Hauses eingerahmt war. Er betrachtete die starke Borke der Bäume, die Blüten der Sträucher, das dichte Gras. Im Zentrum gab es einen Springbrunnen, dessen Wasser fröhlich plätscherte.
Die Kraft schien auf Matt überzugehen, allein die Anwesenheit der Pflanzen spendete ihm Trost. Mit einem letzten Blick riss er sich los und stellte seine Tasse auf dem Fensterbrett ab. Der Tee darin war längst kalt.
Ein letzter Atemzug, dann klopfte er gegen das Holz.
Ein weiteres Mal.
Stille.
»Herein!«
Matt drückte die Klinke herab.

Kapitel 7
Lass los
Jane
Der Morgen graute, als sie endlich ihr Ziel erreichten.
Gemeinsam mit Ian, einem irischen Tiersprecher, hatte Jane einen Roadtrip unternommen. Unfreiwillig natürlich. Ein Sprung durch die Schatten wäre einfacher gewesen, doch da es sich um ein ganz besonderes Ziel handelte, wollte niemand ein Risiko eingehen.
»Und?«, fragte Jane.
Ian starrte ins Nichts. Seine grünen Augen schienen zu leuchten, als er auf sein Talent zugriff. Das war natürlich nur Einbildung. Mit seinem rötlichen gewellten Haar und der bulligen Statur wirkte er wie ein irischer Footballspieler. Jane hatte seine unbeschwerte, direkte Art zu schätzen gelernt. Meistens.
Ein wenig erinnerte er sie an Nic. Sie schluckte und schob den Gedanken beiseite.
»Das Haus ist geschützt«, sagte er endlich. »Auf dem Baum im Garten sitzen Vögel. Ich kann problemlos nach innen sehen.«
In der Ferne ragte die Südstaatenvilla empor, der Eingang wurde gestützt von den typischen weißen Säulen. Sie war zu weit entfernt, als dass Jane hinter den blütenweißen Vorhängen etwas hätte erkennen können.
Ian kannte solche Probleme nicht. Als Tierflüsterer besaß er eine tiefgehende Bindung zur Fauna. Er konnte durch die Augen eines Adlers spähen oder mit dem Geruchssinn eines Wolfes Fährten folgen.
»Ich lasse Mirabella einmal um das Haus fliegen.«
»Wen?«
»Die Taube.« Er grinste spitzbübisch.
»Gibst du jedem Tier einen Namen?«
»Jedem.« Er nickte eifrig.
»Du kannst dir jeden einzelnen merken?«
»Klar. Er schwingt irgendwie mit. Jedes Tier hat einen eigenen Charakter, eine Aura. Ich muss gar nicht darüber nachdenken.«
Jane sah aus der Ferne, wie Mirabella aufgeregt um das Haus flatterte.
»Alles sauber«, sagte Ian schließlich. »Sie ist allein.«
Was jede Ausrede beiseitewischte, sie mussten die Auffahrt hinauffahren und klingeln, sobald das Signal einging.
»Und hier hast du echt gelebt?« Ian betrachtete eingehend die Villa.
»Es sieht schöner aus, als es ist.«
»Kein Stück. Kommt mir vor wie ein Puppenhaus. Da ist mir ’ne simple Bude lieber. Mit Freunden durch die Pubs ziehen, auf Berge steigen, echtes Leben.«
Jane schluckte. Puppenhaus traf es recht gut. Sie hatte Matt immer um seine liebevollen Eltern beneidet, die ihm alle Freiheiten ließen. Nics Mum hatte sich sogar gegen den Zwang der Häuser gestellt, um ihrer Leidenschaft als Kinderbuchillustratorin nachzugehen. Eine eigenständige, starke Frau, die den Weg ihres Lebens selbst bestimmte.
Ganz anders als Janes Mutter.
Sie war mit einem konservativen Frauenbild erzogen worden. Vor der kalten, herzlosen Welt konnte nur ein starker Mann sie retten. Es lag an ihm, für das Einkommen zu sorgen. Bei dem Gedanken wollte Jan ihre Stirn gegen den nächsten Baum schlagen.
Am Tag der Berufung in ein Haus war Jane außer sich gewesen vor Glück. Sie hatte exakt das Talent bekommen, auf das sie gehofft hatte. Doch auf dem Gesicht ihrer Mutter war keine Regung zu erkennen gewesen.
Als Schattenläuferin kämpfte man nicht nur an vorderster Front, man war auch wichtig für alle anderen Häuser. Es war das Haus mit der höchsten Zahl an Magiern, die nach ihrem Pflichtdienst aktiv blieben.
Zum Glück war es damit vorbei mit Ehe und Heimchen am Herd, Pediküre und Maniküre am Samstag und Drinks am Sonntagmittag.
»Du bist sicher, dass dein Vater nicht zurückkommt?«, fragte Ian.
»Glaub mir, er ist beschäftigt. Vermutlich mit Geschäftspartnern auf dem Golfplatz.«
Der Kontaktor in ihrer Tasche gab ein Signal von sich.
»Die anderen sind in Position«, sagte Ian unnötigerweise.
Sie hatten den Ablauf wieder und wieder besprochen. Jeder der Widerständler besaß Familie, und diese musste schnellstmöglich in Sicherheit gebracht werden. Nics Mutter und Brüder waren längst außer Gefahr, dafür hatte Angelo gesorgt, als sie die Apparatur aus dem Büro von Jasper Ashton geholt hatten.
In diesen Sekunden wurden Zellen überall auf der Welt aktiv, um die Familien zu evakuieren.
Jane hatte darauf bestanden, sich selbst um ihre Mutter zu kümmern. Für ein Einsatzteam waren es nur Zielpersonen, doch für sie war es immer noch ihre Mum. Da wollte sie auf Nummer sicher gehen.
»Gehen wir.«
Sie setzte sich hinter das Lenkrad und startete den Motor. Ian sank auf den Beifahrersitz. Aufgrund seiner bedächtigen Bewegungen und dem leicht abwesenden Blick schloss Jane, dass er noch immer die Sinne aller Tiere aus der Umgebung nutzte, um nach Feinden Ausschau zu halten.
»Falls es im Haus irgendwelche Wächter hinter Trugbildern gibt, kann keines der Tiere uns warnen«, erklärte er. »So was kann auch Mirabella nicht sehen.«
Jane schmunzelte. »Man könnte fast meinen, du magst diese Taube.«
»Wieso auch nicht?« Ian strich sich eine rötliche Strähne aus der Stirn. Bei jedem verschmitzten Grinsen schienen all seine Sommersprossen ebenfalls zu lachen.
Er war Anfang zwanzig und damit etwas jünger als Jane. Vermutlich verspürte sie deshalb einen gewissen Beschützerinstinkt.
»Sei auf jeden Fall vorsichtig«, bat sie. »Falls es Probleme gibt, packst du meinen Arm und ich springe mit dir durch die Schatten.«
»Aye, Ma’am.« Er salutierte.
»Alternativ kann ich dich auch gern verprügeln.«
»Doch nicht mitten im Kampf.« Er zwinkerte ihr zu.
Jane seufzte schicksalsergeben und parkte den Wagen vor dem Haus. Wie sie ihre Mutter kannte, stand diese längst mit einem Cocktailglas am Fenster.
Sie stieg aus und eilte auf die Tür zu. Je weniger Zeit ihre Mum zum Nachdenken hatte, desto unwahrscheinlicher war eine übereilte Aktion.
Ian rannte ihr hinterher und kam vor der Tür an, als diese gerade von innen geöffnet wurde.
»Jane!« Die Augen ihrer Mum waren so groß wie die Olive im Martini.
Im nächsten Augenblick fand Jane sich in einer Umarmung wieder, Martini schwappte auf ihre Schulter.
»Ich hatte solche Angst.«
»Es ist … schön, dich zu sehen.«
Ihre Mutter trat einen Schritt zurück. »Wieso hat das so lange gedauert?! Ich bin ständig erschrocken, wenn einer der Schatten im Haus sich bewegt hat.«
»War vermutlich oft.« Jane warf einen Seitenblick auf das Martiniglas.
»Jetzt werde nicht albern. Und das ist?« Sie blickte auf die Stelle neben Jane.
»Ian«, stellte dieser sich vor.
Als Janes Mum ihre Hand hinstreckte, griff er danach und schüttelte fest, worauf noch mehr Martini aus dem Glas geschleudert wurde.
»Kommt doch rein.« Mit einem Ruck wurde die Hand zurückgezogen.
Sie übertraten die Schwelle.
Unweigerlich erwartete Jane, dass ein Dutzend Wächter hervorstürmten, ein Zauber aktiv wurde oder einfach etwas geschah. Doch es blieb still.
Die Tür fiel ins Schloss.
»Kommt in den Salon.«
»Klar, warum auch nicht«, sagte Jane trocken.
Mit einem Blick zu Ian zeigte sie an, dass er sofort das Haus untersuchen sollte. Allerdings nicht mit seinem orangeroten Anima-Stein, der als Ohrstecker im linken Ohrläppchen saß. Das konnte durchaus bemerkt werden.
Natürlich ließ es sich ihre Mutter nicht nehmen, die kunstvoll gearbeitete Spange in ihrem blonden Haar zu berühren. Der goldene Anima leuchtete. Gläser füllten sich, Oliven platschten hinein, die Cocktails schwebten zu einem Tisch.
»Für euch.«
»Das ist ja nett«, Ian lächelte. Ein Lächeln, das umgehend erlosch, als er Janes warnenden Blick bemerkte. »Wir sind natürlich im Dienst und kämen nie auf die Idee, Alkohol zu trinken.«
»Dienst?«, echote Janes Mutter.
»Können wir uns mit meiner Mum in Ruhe unterhalten?«, fragte Jane.
»Absolut. Ferdi hat Entwarnung gegeben.«
»Wer ist Ferdi?«, kam die Frage prompt über den Rand des Cocktailglases hinweg.
»Ein Mäuserich«, erwiderte Ian. »Er wohnt hinter der Schlafzimmerwand im ersten Stock.«
Janes Mum wusste offenbar nicht, ob Ian in eine Zwangsjacke gehörte oder sie den Kammerjäger rufen sollte.
»Er ist Tierflüsterer«, erklärte Jane schnell.
»Verstehe.« Sie betrachtete den Boden eingehend. »Ein kurzer Giftzauber müsste genügen.«
»Nein!«, rief Ian. »Ferdi tut niemandem etwas. Ich sage ihm, er soll sich eine neue Bleibe suchen.« Schon wurden seine Augen glasig.
»Siehst du«, ereiferte sich Janes Mum, »dass wäre ein ausgezeichnetes Talent für dich gewesen. Eignet sich für die Instandhaltung der Villa und du kannst den Garten von Schädlingen befreien.«
»Und abends mache ich dann einen Knicks vor meinem Ehemann?!«
»Du hast nicht alles vergessen, das ist beruhigend.«
Jane brodelte innerlich, zwang sich jedoch zur Ruhe. »Wir sind hier, um dich zu evakuieren, Mum.«
»Wie bitte?«
»Wir nehmen Sie mit«, erklärte Ian.
»Ich weiß, was eine Evakuierung ist«, kam es spitz zurück. »Allerdings leuchtet mir der Grund nicht ein.«
»Dir ist schon klar, dass die Wächter nach mir suchen?«, fragte Jane vorsichtig.
»Ach, dieses Missverständnis.« Ihre Mum wedelte mit der Hand. »Mach dir darüber keine Sorgen. Wir werden das klären.«
»Wir wurden als Terroristen eingestuft.«
»Weil du dich mit den falschen Personen umgeben hast.« Ihr Blick glitt wie zufällig über Ian. »Natürlich möchte ich Ihnen nicht zu nahe treten. Vermutlich hatten Sie keine andere Wahl, dort, wo Sie aufgewachsen sind.«
»Mum!« Ob sie sie einfach durch die Schatten werfen konnte? »Hör auf, meine Freunde zu beleidigen. Wie immer lebst du in deiner Traumwelt. Lass mich dich aufklären.«
In kurzen, möglichst einprägsamen Sätzen berichtete Jane von Inés, dem Tod Jeremiahs und der Rückkehr des Dämons. Als sie von Nic und Liz erzählte, musste sie schlucken, ihre Wut verrauchte. Wie sehr sie Nic vermisste. »Verstehst du jetzt?«
»In der Tat.« Langsam stand ihre Mutter auf, ihre Finger zitterten. »Jetzt ist mir alles klar.« Sie fuhr zu Ian herum. »Ihr habt mein Mädchen einer Gehirnwäsche unterzogen!«
Ihre Mutter stand im Raum, das Cocktailglas in der Hand, ein Hauch von Blumenduft umgab sie, vermischte sich mit dem Dunst von Alkohol. Das blonde Haar glänzte seidig gewellt wie bei einer ausstaffierten Südstaatenpuppe.
»Mum, würdest du bitte einfach zuhören.«
»Das habe ich doch. Sie haben dich umgedreht, die Wächter haben deinem Dad und mir bereits gesagt, dass das passieren könnte. Ich wollte es nicht glauben.«
»Sie waren also hier«, sagte Jane.
»Natürlich waren sie das! Deine Freunde haben den Obersten des dreizehnten Hauses getötet und wollen den Dämon befreien! Sei doch nicht so naiv!« Sie stürzte den letzten Schluck Martini hinunter. »Es ist meine Schuld. Ich hätte dich nicht ständig mit diesem verfluchten Ashton herumhängen lassen sollen. Ich dachte wirklich, er sei eine gute Partie. Sohn eines Ratsmitgliedes und so weiter. Er konnte ja nichts für seine Mutter.«
»Es reicht!«, brüllte Jane. »Wir nehmen dich mit und dann holen wir Dad. Ob du willst oder nicht.«
»Was ist nur aus dir geworden?«
Janes Mutter reagierte so schnell, dass Jane es selbst dann nicht hätte verhindern können, wenn sie direkt neben ihr gesessen hätte.
Ihr Anima leuchtete auf, goldene Magie flirrte. Im gleichen Augenblick erschienen überall im Raum kleine Leuchtsphären durch ein Licht von Mykonos.
»Mum, was soll das?«, fragte Jane.
»Sie werden gleich hier sein.«
»Wer?« Ian fuhr in die Höhe, seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen, weiteten sich kurz darauf. »Spiegel. Versteckt im Garten.«
»Sie haben ein paar Portale hinterlassen, natürlich außerhalb. Unauffällig.«
Ians Gesicht nahm einen gehetzten Ausdruck an. »Hunderte, es werden immer mehr. Wächter aus verschiedenen Häusern. Und sie tragen alle Schattenglasklingen.«
»Wir müssen …« Und Jane begriff. »Das Licht.«
Die Sphären waren so angeordnet, dass sie sich überlagerten und jeden Rest von Schatten vertrieben. Es gab keinen Fluchtpunkt.
»Mum!«
»Ich tue das nur für dich, meine Kleine.«
»Das Gleiche gilt für mich.« Sie war mit einem Satz bei ihrer Mutter und schlug ihr die Faust gegen das Kinn.
Für einen Augenblick wirkte die einfach nur überrascht, dann kippte sie um. Jane fing sie auf, ließ das Cocktailglas zerschellen. Musik in ihren Ohren.
Durch die Bewusstlosigkeit konnte ihre Mutter die Magie nicht länger stabil halten. Die Lichter erloschen. Für wenige Sekunden. Dann flammten sie erneut auf.
Trugbilder zerflossen und dahinter kamen Glühbirnen, Flutlichter und Dioden hervor.
»Sie haben das gesamte Haus damit ausstaffiert«, flüsterte Ian und rannte zur Treppe. »Die Dinger sind überall.«
»Nicht mit mir!«
Jane rannte zur Küche und zog den Hammer unter der Spüle hervor. Kurzerhand schlug sie im Salon auf die Glühbirnen ein. Sie benötigten lediglich einen schmalen Spalt, durch den sie in die Schatten entkommen konnten.
»Das war’s.« Sie wirkte zufrieden.
Die Scherben setzten sich magisch wieder zusammen, die Lichter flammten erneut auf.
»Sie müssen irgendwo einen Zweitanima platziert haben, der das Glas erneuert.« Ian rannte zum Fenster. »Sie sind überall. Das Haus ist eingekreist.«
Jane trat neben ihn.
Die Wächter trugen alle Kampfmontur, ihre Animas glühten. Gleichzeitig hielten sie ihre Schattenglasklingen in die Höhe. Es stand außer Frage, dass dieser Angriff nicht der Gefangennahme diente. Sie sollten sie töten, wie sie es zuvor bereits unter Piccadilly vorgehabt hatten.
»Sie wussten, dass wir kommen«, sagte Jane leise. »Es ist nur logisch. Vermutlich werden die anderen Gruppen ebenfalls angegriffen.« Wie dumm sie gewesen waren.
»Was können wir tun?«, fragte Ian. »Selbst wenn ich alle Tiere in der Nähe beeinflusse, würde das nichts nutzen. Die Schlangen würden vielleicht ein paar Wächter erledigen, das würde sie jedoch ebenfalls verletzen.«
Bei dem Gedanken, Tiere als Kanonenfutter einzusetzen, wirkte Ian wie ein getretener Welpe. Allein die Idee schmerzte ihn.
»Lass es gut sein. Wenn wir hier lebend entkommen wollen, müssen wir uns etwas einfallen lassen, womit sie nicht rechnen.«
»Und das wäre?«
Jane seufzte. »Leider habe ich keine Ahnung. Meine Mum hat ganze Arbeit geleistet und uns lange genug hingehalten, damit diese Idioten sich vorbereiten konnten. Sie haben mein Talent erledigt.« Auf das sie sich wie eine Anfängerin verlassen hatte.
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