Kitabı oku: «Ein MORDs-Team - Band 14: Verloren und Vergessen (All-Age Krimi)»

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Table of Contents

»Verloren und Vergessen«

Was bisher geschah

Prolog

Maple Peaks, Gegenwart

Barrington Cove, in der Praxis von Doktor Shoeven

Das Tarnowski-Haus, im Geheimen Raum

Ein unbekannter Ort, ein unbekanntes Internat

Maple Peaks, vor der Maple Post

Ein unbekannter Ort, ein unbekanntes Internat

Maple Peaks, Peak In

Maple Peaks, das Parker-Anwesen

Ein unbekannter Ort, ein unbekanntes Internat

Maple Peaks, das Parker-Anwesen

Innenstadt von Maple Peaks, Praxis von Doktor Janus March

Ein unbekannter Ort, ein unbekanntes Internat

Maple Peaks, an einem unbekannten Ort

Ein unbekannter Ort, ein unbekanntes Internat

Maple Peaks, an Bord des Waggons der Maple Line

Maple Peaks, Maple In

Barrington Cove, im Haus der Familie Collister

Epilog I – Eine bittere Erkenntnis

Epilog II – 1985

Vorschau

Seriennews

Das Erbe der Macht (Urban Fantasy)

Die Chroniken der Seelenwächter (Urban Fantasy)

Heliosphere 2265 (Science Fiction)

Impressum

Ein MORDs-Team

Band 14

»Verloren und Vergessen«

von Andreas Suchanek



Was bisher geschah

1985: Die vier Jugendlichen Harrison, Jamie, Shannon und Billy besuchen den Zirkusrummel auf Angel Island. Ein entspannter Tag verwandelt sich in ein Inferno. Zwischen Feuer und Rauch, Trümmern und Panik treffen die Mächtigen von Barrington Cove aufeinander. Pläne werden zunichtegemacht, geheime Identitäten enthüllt, ein Mord geschieht. Doch es soll dreißig Jahre dauern, bis endlich jemand die Frage stellt: Wer tötete Corey Parker?

Gegenwart: Sonja Walker erinnert sich an ihre Kindheit, als die Katastrophe auf Angel Island ihr einen Teil der Familie nahm. Sie möchte einen Blick in die Vergangenheit werfen, um eine Reportage zu drehen. Dabei entdecken Randy, Olivia und sie einen toten Jungen in der Geisterbahn. Scheinbar wurde er erschossen.

Die Ermittlungen ergeben, dass das Opfer Corey Parker heißt und am Tag der Zirkuskatastrophe 1985 mit seiner Schwester auf dem Rummel unterwegs war. Damals starb auch Sonjas Bruder. Um endlich die Wahrheit hinter den Ereignissen aufzudecken, die so viele Leben kostete, beginnen die Freunde zu ermitteln. Im alten Gefängnis der Dynastien finden sie einen versteckten Wachraum und stoßen nicht nur auf Bilder der alten Direktoren, sie werden auch mit einer maskierten Frau konfrontiert, die sich als Wendy Parker entpuppt. Die von Hass zerfressene Schwester Coreys will die Gründungsfamilien auslöschen, um sich für den Mord an ihrem Bruder zu rächen.

Die Freunde wollen im Geheimen weiter ermitteln, um die Dynastien nicht auf sich aufmerksam zu machen.

Unterdessen verkündet Alice King ihre Kandidatur zur Bürgermeisterin von Barrington Cove, und ein Rosenkrieg zwischen Shannon und Richard Holt steht an. Richard Holt geht aufs Ganze, um seine Frau unter Druck zu setzen. Er schickt Danielle in ein Internat in der Schweiz. Ihre Freunde ahnen nicht, dass sie außer Landes gebracht wurde.

Prolog

1985

Billy schrie auf, als ein Killermönch von seinem Podest trat, rot glühende Augen unter der Kapuze aufblitzten und eine Hand nach ihm griff.

Harrison kicherte.

Die Figur – oder genauer: der Mann in der Kutte – stieg wieder auf das Podest. Kurz darauf erklang ein weiterer Schrei hinter ihnen.

»Du bist doof«, sagte Billy.

»Lass ihn in Ruhe«, forderte Shannon. »Wir kennen das alles hier schon. Er nicht. Warte mal, wer war das noch, der bei der ersten Fahrt so hoch geschrien hat, dass er problemlos als Eunuch durchgegangen wäre?«

Harrisons Wangen brannten. »Das … du übertreibst.«

Nun kicherte Billy. »Man lernt nie aus.«

Sie saßen zu dritt in der Geisterbahn. Jamie hatte sich aufgrund seiner Klaustrophobie abgesetzt und gaffte vermutlich jedem zweiten Mädchen hinterher. Shannon nahm das ziemlich cool. Er gab den beiden noch einen Monat. Hoffentlich stand dann keine Schlammschlacht bevor.

Shannon wirkte sowieso unruhig. Seit sie den Rummel betreten hatten, schien sie nach etwas Ausschau zu halten. Immer wieder zupfte sie an ihrem auftoupierten Haar. Alle paar Minuten sah er zu ihr hinüber. Das Shirt mit dem schwarz-gelben Karomuster und die Flickenjeans standen ihr verdammt gut.

Billy wirkte in seinen abgetretenen weißen Turnschuhen, den alten Jeans und dem hängenden T-Shirt etwas fehl am Platz zwischen ihnen. Harrison war das natürlich egal, aber er hatte durchaus bemerkt, dass einige ihrer Klassenkameraden auf Billy gedeutet und gekichert hatten.

Bald ist das alles vorbei.

Sie würden geschlossen ans Pinehearst College gehen. Billy dank eines Stipendiums, Harrison mit Hilfe eines Fonds, den sein Dad angelegt hatte. Shannon würde nebenbei jobben, um das Geld aufzutreiben, ihre Mum konnte nur einen Teil der Gebühren tragen. Jamies Eltern hatten wohl auch recht früh vorgesorgt.

Alles war gut.

Der Waggon hielt am Ausgang. Sie rannten lachend aus der Geisterbahn.

»Ich will noch mal zur Achterbahn«, verkündete Billy.

»Okay.« Harrison zuckte ergeben mit den Schultern.

»Geht nur«, kam es von Shannon. »Ich suche Jamie. Wir treffen euch dann dort.«

Ohne auf eine Antwort zu warten, trabte sie davon.

Gemeinsam mit Billy rannte er zur Achterbahn.

»Was ist?«, fragte Billy.

»Mir ist ein bisschen übel«, gestand Harrison. »Fahr du alleine. Ich warte hier.«

Billy zögerte kurz, verschwand dann aber durch das Drehkreuz in den kleinen Vorbau. Ein Wagen ratterte auf Schienen über das gewaltige Holzgestell der Achterbahn.

»Na, bist du den Sozialfall losgeworden?«, erklang eine Stimme.

Harrison verdrehte die Augen. »Justin Bruker. Nicht bei Daddy auf dem Beifahrersitz? Da könntest du Sheriff spielen wie er.«

Bruker junior ballte die Fäuste und kam mit seinen beiden Speichelleckern Bob und Sam näher. »Mein Dad sorgt dafür, dass diese Stadt sicher ist. Dein Freund ist nur ein Schmarotzer. Ein Nichtsnutz – wie sein Alter.«

»Hast du das auswendig gelernt?«, fragte er. »Oder plapperst du einfach Daddys Parolen nach?« Er klatschte in die Hände. »Aus dir wird mal was.«

Justin wirkte wie ein Kochtopf kurz vor der Explosion. Harrison stellte sich auf einen ordentlichen Faustkampf ein. Schon seit der Katastrophe in der Untergrunddisco wollte er dem Mistkerl eine gehörige Abreibung verpassen. Zugegeben, Justin Bruker war breitschultrig und besaß eine Menge Muskelmasse; vermutlich der Ausgleich für das fehlende Hirn. Trotzdem, irgendwann musste es eben so weit sein.

In diesem Augenblick spähte einer der Roma zu ihnen herüber. »Macht mir hier keinen Ärger, Jungs!« Der Mann schien einen sechsten Sinn zu haben.

Justin ging an Harrison vorbei, rotzte einen Schleimballen vor dessen Füße und zog mit Bob und Sam ab.

Harrison atmete auf.

Über ihm ratterte ein weiterer Wagen vorbei.

Der Geruch nach gebrannten Mandeln und Zuckerwatte wehte an seine Nase, das Lachen von Erwachsenen und Kindern drang an sein Ohr. Sonnenlicht fiel durch das Laubdach der Bäume, die hier am Eingang gepflanzt worden waren.

Es war einer jener Momente, in dem die Zeit stillzustehen schien. Harrison nahm jedes Detail mit absoluter Klarheit in sich auf.

Der erste Schrei.

Viele weitere folgten.

Das Inferno begann.

Maple Peaks, Gegenwart

Ein Donnerstagabend

Steine polterten. Das Licht des fernen Eingangs war längst verschwunden, einzig die Lampe an seinem Helm entriss die Umgebung den Schatten. Eine Gänsehaut kroch sein Rückgrat empor. Obwohl es nicht das erste Mal war, dass er sich in alte Ruinen oder vergessene Orte vorwagte, gehörte diese Entdeckung doch zu den größten, die er je gemacht hatte.

Bei dem Gedanken bekam er feuchte Hände.

Ein Stein rutschte unter seiner Schuhsohle hinweg. Er taumelte gegen die Wand des Ganges. Laut fluchend stützte er sich ab.

Nicht ablenken lassen! Jeder Schritt muss mit Bedacht gewählt werden.

Viele seiner Kollegen hatten Entdeckungen gemacht, von denen sie nie mehr hatten berichten können. Lost Places, wie sie im Volksmund genannt wurden, bargen oftmals tödliche Gefahren.

Er erinnerte sich betrübt an Charles. Der quirlige Artefaktjäger hatte sich nach Peru aufgemacht, wo es ein verlassenes altes Hotel hoch in den Bergen an einem Steilhang gab. Verwittertes Holz, Unkraut, das alles überwucherte, Feuchtigkeit, die jeden Zentimeter durchdrang. Angeblich hatte sich dort jemand umgebracht, aber zuvor sein Vermögen versteckt. Absoluter Unsinn. Charly wollte es jedoch glauben. Am Ende war ein Teil des Hotels weggebrochen, mit ihm darin.

Ruhe in Frieden.

So etwas würde ihm nicht passieren. Er hatte alles ganz genau ausgekundschaftet; die alten Unterlagen und Briefe studiert, die Zeitungen durchsucht und schließlich den letzten Hinweis an jenem Ort entdeckt, wo er niemals geglaubt hätte, ihn zu finden.

Der Gang wuchs in die Breite.

Ein gewaltiger unterirdischer Raum lag vor ihm.

Drei Schienenstränge führten gerade auf einen Betonstreifen zu. Dahinter erhoben sich ein zentrales Führerhaus, ein Kiosk, sanitäre Anlagen. Verwitterte Bänke luden zum Sitzen ein. Drei alte Waggons erkannte er auf einen Blick, im Hintergrund standen noch mehr.

Über allem lag der Staub der Jahrzehnte.

»Endlich«, hauchte er.

Die drei gewaltigen Fenster weit in der Höhe waren längst blind. Andernfalls hätten sie den Blick auf Erde, Geröll und Steine freigegeben.

Der alte Bahnhof hatte einst zur Touristenattraktion von Maple Peaks werden sollen. Stattdessen war er unter Tonnen aus Schutt begraben worden.

»Das perfekte Versteck.«

Der Schlag kam völlig unerwartet, traf seinen Hinterkopf und schickte ihn zu Boden. Der Schmerz explodierte unter seiner Schädeldecke.

Eine dunkle Silhouette ragte über ihm empor, als er mit verschleiertem Blick aufsah.

»Ich fürchte, das war Ihre letzte Entdeckung.«

Seine Sinne schwanden.

Barrington Cove, in der Praxis von Doktor Shoeven

Ein Freitagmorgen

»… hat sie mein Board geklaut. Echt jetzt, wer tut schon so was? Das versaut mir den Tag. Verstehen Sie?« Mason schaute zu Doktor Shoeven auf.

Der Psychologe wirkte seltsamerweise leicht genervt. Er hatte dunkles welliges Haar und soeben seine etwas altmodisch ausschauende Brille von der Nase genommen. Nun massierte er sich die Nasenflügel. »Natürlich, aber …«

»Eine Freundin macht so was einfach nicht. Das wäre, als … wenn ich Randy einen Laptop klaue. Würde ich niemals tun! In dem Spargeltarzan steckt echt viel Kraft. Der würde mir auf die Nase hauen. Sonst ist er ganz friedlich, wirklich. Nur wenn seine Technik ins Spiel kommt, na ja. Verstehen Sie, was ich meine?«

Shoeven nickte. »Ja, aber …«

»Das ist gut. So schlimm ist es hier gar nicht. Bei Psychologen denkt man ja immer an alte Typen mit weißem Haar und Couch. Gut, Sie sind schon alt.« Er musterte den Mann von oben bis unten. »Locker vierzig, oder?«

»Mitte dreißig.«

»Ah. Sie haben sich gut gehalten. Okay, 'ne Couch haben Sie auch. Aber ich liege ja nicht drauf.« Er lachte. »Weiße Haare haben Sie aber nicht. Oder? Sind die gefärbt?«

»Nein«, knurrte Shoeven.

»Alles in Ordnung mit Ihnen?«

Der Psychologe lächelte, wenn auch etwas gezwungen, wie Mason fand. »Natürlich. Aber reden wir doch über das eigentliche Problem, weshalb deine Mum wollte, dass du mich aufsuchst. Die Lokalnachrichten sprechen ja von nichts anderem. Ein Selbstmordversuch, der dir den Spitznamen Klippenjunge eingebracht hat.«

Nun hätte Mason beinahe geknurrt. Kaum zu glauben, dass ein Ereignis derart falsch wiedergegeben werden konnte. Bedauerlicherweise durfte er den Irrtum nicht aufklären, wollte er seine Eltern und Freunde nicht in Gefahr bringen. Es sei denn …

»Ha! Sie unterliegen der Schweigepflicht, oder?«

Shoeven nickte. Mittlerweile hatte er die Brille wieder aufgesetzt und machte sich eifrig Notizen auf einem Block. »In der Tat.«

»Wissen Sie, Randy würde Ihnen ein Pad empfehlen. Dann müssen Sie nach der Sitzung nicht alles in den Computer …«

»Bleiben wir doch beim Thema«, unterbrach der Doc. »Du kannst hier offen sprechen.«

Mason rang mit sich. Sie hatten einheitlich beschlossen, die Ermittlungen im Mordfall Corey Parker geheim zu halten. Die Dynastien durften davon nichts erfahren, andernfalls begaben sie sich erneut in Lebensgefahr. Dass einer der familieneigenen Killer einen Hechtsprung von einer Klippe ins Meer gemacht hatte, brachte ihnen bestimmt auch keine Pluspunkte ein.

Warum musste dieser dämliche Cliffhanger auch eine Kamera dabei haben?!

Stunden später hatte Channel 5 die Aufnahme ausgestrahlt.

»Da war ein Killer.«

»Ein Killer?« Shoevens Stift kratzte über das Papier.

»Ja. Er hatte eine Pistole und mich dazu gezwungen, zur Klippe zu gehen und zu springen.«

»Aha.«

»Die Kamera hat ihn nicht erfasst, weil er weiter hinten stand.«

Shoeven linste unter seiner Brille zu ihm herüber. »Warum wollte der Mann dich töten?«

Mason überlegte ernsthaft, ihm die Wahrheit zu sagen. Andererseits konnte eine kleine Beugung nicht schaden. »Tyler.«

»Bürgermeister Tyler war der Killer?«

»Nein.« Er lachte. »Das ist doch kaum möglich, der ist tot. Und vor Geistern habe ich bestimmt keine Angst.« Shoeven schien humorresistent zu sein. Mason wurde wieder ernst. »Das war ein Witz. Nein, der Kerl wollte sich wohl rächen.«

»Wofür?«

»Na, weil wir doch Tyler überführt haben.«

»Was hat der Killer mit dem ehemaligen Bürgermeister zu tun?«

Mason schaute Shoeven an, wollte etwas erwidern, aber ihm wollte einfach nichts einfallen. Im nächsten Augenblick verselbstständigte sich sein Mund und er plapperte drauflos. Als er zwanzig Minuten später aus dem Raum ging, war er überzeugt davon, Doktor Shoeven eine konsistente Geschichte aufgetischt zu haben, die relativ nahe an der Realität lag. Damit war diese Sache hoffentlich ausgestanden.

*

»Setzen Sie sich, Mrs. Collister«, bat Doktor Shoeven.

Martha nahm auf dem Stuhl Platz, auf dem zuvor Mason gesessen hatte. Normalerweise sollte sie längst bei ihrem Meeting sein, doch das hatte sie aufgeschoben. Ihr Sohn ging vor. »Also?«

Das Klientenzimmer des Psychologen war gemütlich eingerichtet: ein schmales Bücherregal, zahlreiche kleine Porzellanfiguren als Zierde und Landschaftsaufnahmen in Holzrahmen an der Wand.

Shoeven seufzte. Er nahm seine Brille ab, rieb sich die Nasenflügel und schenkte ihr einen tiefen Blick. »Ich werde hier nicht auf Details eingehen, das hatten wir ja so besprochen. Aber es ist schlimm.«

Er schaute auf die Notizen.

»Mason hat ein strapaziöses Jahr hinter sich. Zuerst wurde er unschuldig von der Highschool verwiesen, weil er angeblich mit Drogen gedealt hat. In der Folge stürzten er und seine Freunde sich in die gefährlichen Ermittlungen um Bürgermeister Tyler. Er wurde in den Trümmern der Schule begraben und sein bester Freund starb beinahe, weil Tyler ihn vergiftete. Daraus ergab sich nach einem langen Tief eine Phase der Euphorie, die aus den Ereignissen resultierte.«

Shoeven legte die Notizen beiseite.

»Mrs. Collister, ich fürchte, Mason ist einsam. Nachdem die Welle der Aufmerksamkeit und Sympathie abgeebbt ist, versucht er zwanghaft, sie zurückzuerlangen. Dafür begibt er sich massiv in Gefahr. Ich bin ehrlich gesagt noch nicht sicher, ob wir es hier tatsächlich mit einem Suizidversuch zu tun haben oder einfach Aufmerksamkeit generiert werden sollte. In beiden Fällen ist es jedoch ein Warnsignal.«

Martha legte die Hände ineinander. Shoeven war ein guter Psychologe, das wusste sie. Die Möglichkeit, dass Mason nur einsam war und Zuwendung wollte, war ihr nie in den Sinn gekommen. »Was soll ich denn tun?« Kurz darauf wurde ihr bewusst, was sie gesagt hatte. »Wir, ich meine: Was sollen wir denn tun?«

»Gibt es Probleme zwischen Ihnen und Mister Collister?«

Martha seufzte. Sie legte ihre Tasche ab, massierte sich die Schläfe und nickte. »Tylers Enthüllung hat uns nicht gerade gutgetan. Außerdem stehen für mich geschäftlich ein paar wichtige Entscheidungen an, das hält auf Trab. Und ich mache mir Sorgen um Mason.«

Shoeven nahm seinen Block auf, schlug eine Seite um und ließ den Bleistift über das Papier kratzen. »Das verstehe ich. Vielleicht sollten wir gemeinsam daran arbeiten, Lösungen zu finden, die Sie entlasten, Martha. Das gilt für Ihre Ehe, Ihren beruflichen Weg, aber auch Mason. Es gibt durchaus verschiedene Möglichkeiten, die gerade im Fall Ihres Sohnes eine Lösung versprechen.«

Sie atmete auf. Möglicherweise war das eine gute Idee. Sie vermochte nicht länger alles alleine zu stemmen. Jamie gab sich Mühe, aber er konnte einfach nicht nachvollziehen, wie es in ihr aussah.

»Er wurde mit überbordendem Selbstbewusstsein geboren«, überlegte sie.

»Bitte?«

»Oh, ich habe nur laut gedacht.«

Eine Stunde später verließ sie beschwingt die Praxis. Sie hatte eine Entscheidung getroffen.

*

Das Tarnowski-Haus, im Geheimen Raum

Ein Freitagmittag

Randy griff gedankenverloren in das Glas, zog eine Lakritzstange heraus und knabberte darauf herum. Netterweise hatte Billy für Nachschub gesorgt. Der Deal, den sie geschlossen hatten, zahlte sich aus.

Sie durften den Geheimen Raum jederzeit aufsuchen. Dafür hatte er sogar eine Panzertür an jene Stelle einbauen lassen, die in die Katakomben überging. Sie gaben einfach den mehrstelligen Code über das Touch-Display ein und konnten ihr persönliches Archiv betreten. Im Gegenzug digitalisierten sie regelmäßig die alten Akten der 84er.

Das gab Randy zugleich die Möglichkeit, in den damaligen Fällen zu schmökern. Sie lasen sich wie Geschichten über ein Detektivquartett, das ständig in hoch gefährliche Situationen geriet.

Furchtbar, überlegte er. Ich könnte so nicht leben. Immer diese Gefahr.

Er ließ den nächsten Scan ablaufen. Mittlerweile war er bei der Collegezeit der 84er angekommen. Die vier hatten einen Fall zu einem Diebstahl geklärt. Ein wertvolles Gemälde, eine Nachbildung der Mona Lisa, war von einem Meisterdieb gestohlen worden. Immerhin, im Gegensatz zum mörderischen Chamäleon oder der irren Claudia Kastelano, der Tochter des Gangsterbosses Fausto, war der Fuchs ein Gentleman-Ganove. Er stahl die wertvollsten Gegenstände, verletzte aber niemals jemanden. Und er war damals verdammt jung gewesen. Doch nach einem letzten großen Coup, bei dem er einen Diamanten aus dem Museum gestohlen hatte, war der Fuchs nicht mehr aufgetaucht.

Randy seufzte. Er hätte sich tagelang in diese Fälle vertiefen können.

»Verdammt!« Er schaute auf die Uhr.

Über das Lesen hatte er völlig die Zeit vergessen. Er beendete den Scan, speicherte die Daten ab und verstaute die alten Akten. Bevor er aus dem Raum in die Katakomben stürmte, schrieb er Billy einen Zettel, um sich für die Lakritzstangen zu bedanken. Augenblicke später erreichte er den Ausgang.

Auf der kleinen Anhöhe hinter dem Tarnowski-Haus gab es einen Garten, den der Vorbesitzer des Grundstücks wohl angelegt hatte. Er lag etwas versteckt und war längst verwildert. Überall standen Steinstatuen; Bildnisse von gefallenen Engeln, dazwischen kleine Pagoden. Unkraut überwucherte die ausgestreckten Finger, die gen Himmel deuteten, das Holz des Zauns war von Feuchtigkeit zerfressen.

Scheinbar hatte der Vorbesitzer des Hauses hier einen Zugang angelegt, um das Anwesen und den Geheimen Raum jederzeit verlassen zu können. Es gab einen Mechanismus in einer Steinplatte. Ein kleiner Hebel war in der Erde versteckt, auf den man einfach treten konnte. Daraufhin schob sich die Platte zur Seite. Angeblich gab es überall in Barrington Cove weitere versteckte Zugänge zu den Katakomben, doch dieser war überraschend ausgeklügelt.

Randy kam sich vor wie ein Vampir, der seiner Gruft entstieg.

Während die Steinplatte hinter ihm wieder einrastete, sprang er auf sein Rad und trat in die Pedale. Die anderen warteten bestimmt schon am Leuchtturm.

Der Wind schnitt ihm eisig ins Gesicht, als er an Bäumen und Sträuchern vorbeiflitzte. Der Winter war da. Es regnete fast täglich, kalte Luft trieb vom Meer heran, Düsternis lag über allem. Der Nebel am Morgen trug sein Übriges dazu bei, jedem die Laune zu verderben.

»Da bist du ja endlich«, begrüßte ihn ein sichtlich schlecht gelaunter Mason am Leuchtturm.

»Hey, wie geht's?« Er umarmte den Freund. »Wie lief es bei Freud?«

»Das ist nicht lustig«, blaffte Mase. »Die denken echt alle, ich bin ein Emo.«

Ein schlammgrüner Dodge brauste heran. Die Bremsen quietschten.

Mason verzog das Gesicht. »Das arme Ding tut mir so leid.«

Olivia sprang aus besagtem Ding heraus und kam grinsend herbeigeschlendert. Um ihren Hals hing eine Kamera. »Na, wie geht es unserem Klippenjungen?«

»Uh, schlechte Idee«, warnte Randy.

»Ach, dem geht es gut«, konterte Mason. »Und wie schaut es bei dir aus, Favela-Mädchen?«

»Okay, Collister, Message received. Aber nur dieses eine Mal. Wo ist Danielle?«

»Krank«, antwortete Randy. »Sie war schon nicht in der Schule. Hab mit ihrer Mum gesprochen, die wollte mich nicht mal zu ihr lassen. Hat wohl hohes Fieber und schläft.«

»Die Arme«, kam es von Mason. Er griff sich an die Stirn. »Meint ihr, sie hat uns schon angesteckt? Meine Stirn ist etwas heiß.«

»Deine Ohren auch gleich«, prophezeite Olivia. »Du Hypochonder.«

Bevor sein bester Freund etwas erwidern konnte, wurde er von zwei Armen umschlungen. Kurz darauf knutschten er und Cat innig. Mason war seit einigen Monaten mit der Anführerin der Katakomben-Kids zusammen.

Da sie beide vom gleichen Charakterschlag waren, entstand eine explosive Mischung. Sobald ein Streit ausbrach, musste man in Deckung gehen. Andernfalls bestand die Gefahr, dass man als Kollateralschaden endete.

Kurz darauf traf auch Sonja ein.

Sie hatten beschlossen, alle in ihrem Auto mitzufahren. Der Hauptgrund war, dass Olivia so nicht am Steuer saß. Vermutlich hätten sie Maple Peaks sonst niemals lebend erreicht. Anfang der Woche schon hatten sie entschieden, dort nach weiteren Informationen zur Familie Parker zu recherchieren.

»Na, kann's losgehen?«, fragte Sonja.

Die Reporterin wirkte frisch und ausgeruht, war voller Tatendrang. Sie trug eine dicke Steppjacke, hatte einen Schal um den Hals geschlungen.

Randy verstaute seinen Rucksack im Kofferraum, Mason schloss sich an. Olivia hatte einen Koffer dabei.

»Schminkutensilien?«, fragte Mason frech.

»Wieso«, kam es von ihr zurück, »willst du sie dir ausleihen? Da drin sind eine Ersatzkamera und Filmrollen. Damit kannst du nichts anfangen, Collister.« Sie zwinkerte frech.

Cat tätschelte ihm den Kopf. »Heute Abend bringe ich dir besseres Kontern bei.«

Randy lachte lauthals. Masons Miene verdüsterte sich mit jeder verstreichenden Minute. Er würde ihn nachher unter vier Augen darüber ausfragen, was der Psychodoc angestellt hatte.

Olivia setzte sich auf den Beifahrersitz, was fair ausgelost worden war. Die anderen quetschten sich nebeneinander auf die Rückbank.

Das Auto rollte durch die Straßen. In der Ferne sah Randy die Bauarbeiter, die das Glashaus fertigstellten. Der Bau war zusammen mit dem Neubau der Highschool beschlossen worden und galt als Prestigeprojekt. Das zehnstöckige Haus sollte fast vollständig aus Glas bestehen. Ein bekannter Architekt hatte es entworfen, ein Konsortium aus Geschäftsleuten finanzierte das Projekt. Die Fertigstellung war für das Frühjahr angesetzt. Modernste Techniken kamen zum Einsatz, das gesamte Gebäude sollte sich später selbst mit Strom versorgen und im Sommer kühlen. Trotzdem fand Randy den Gedanken beängstigend, im obersten Stockwerk über einen Boden aus Glas zu marschieren, mochte der auch nicht durchsichtig sein.

Das gleichmäßige Brummen des Motors und die Neckereien zwischen Mason und Cat lullten ihn schließlich sanft in den Schlaf.

*

Ein unbekannter Ort, ein unbekanntes Internat

Ein Freitagmittag

Danielle schlug die Augen auf.

Etwas stimmte nicht. Im ersten Augenblick konnte sie den Gedanken nicht greifen, sie wusste lediglich, dass das keinesfalls ihr Zimmer war.

Vorsichtig kam sie in die Höhe.

Ein leichter Schwindel befiel sie. Danielle atmete tief ein und wieder aus. Ganz langsam klärte sich ihr Geist. Sie saß auf einem Bett. Ein schmales, sauberes, robustes Bett. Die abrupt aufwallende Panik niederkämpfend, durchdachte sie die Geschehnisse.

Richtig, ihr Dad!

Richard hatte sie von zwei bulligen Typen in eine Limousine zerren lassen. Kurz darauf war sie in einem Flieger in Richtung Schweiz unterwegs gewesen. Ihr Smartphone hatte er konfisziert, ebenso die Handtasche. Im Privatjet war sie ziemlich schnell eingenickt, was überhaupt keinen Sinn ergab. In all der Aufregung …

»Die haben mich betäubt«, entfuhr es ihr fassungslos.

Ihr Dad hatte schon immer deutlich gemacht, was er von der Welt ringsum hielt. Sie war nur dazu da, von ihm kontrolliert und manipuliert zu werden, genau wie Frauen. Die waren nämlich zu nichts zu gebrauchen und störten meist den natürlichen Lauf der Dinge.

Da Danielles Mum sich diesem Diktat aber nicht länger beugte, war ein Rosenkrieg ausgebrochen; einer, der mit jedem Tag an Schärfe zunahm. Das gipfelte darin, dass ihr Dad Danielle in die Schweiz abschob. In ein Internat, das von Leuten geführt wurde, die ihm nahestanden. Ihre Mum hatte keine Ahnung davon, wusste nicht, wo es lag. Danielle befand sich außerhalb ihrer Reichweite und ihr Dad konnte Druck ausüben.

»Elender Mistkerl.«

Sie betrachtete ihr neues Domizil eingehend.

Der Raum war sauber, musste erst kürzlich gereinigt worden sein, wie ein leichter Geruch nach Bohnerwachs und Scheuermilch verriet. Der Boden bestand aus Holzparkett, die Wände zur Hälfte aus Holzvertäfelung. Neben dem Bett gab es einen kleinen Schreibtisch, über dem zwei Regalbretter an der Wand angebracht waren. Durch drei rechteckige Fenster fiel Licht in den Raum. Die Gitter davor machten den grundsätzlich freundlichen Eindruck sofort wieder zunichte.

Es klapperte, als jemand einen Schlüssel in das Schloss steckte.

Sie sprang auf.

Ruckartig wurde die Tür aufgezerrt. Eine hochgewachsene, spindeldürre Frau stand im Rahmen. Sie trug ein schwarzes Kleid, das graue Haar war zu einem Dutt geknotet. Ein wenig erinnerte sie Danielle an eine englische Gouvernante aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts.

»Lassen Sie mich sofort hier raus!«, blaffte sie los. Man durfte dem Feind keine Chance geben, die Führung des Dialogs an sich zu reißen. Das hatte ihr Dad einmal gesagt, nachdem er eine heftige Diskussion mit einer Ladenbesitzerin über das Umtauschrecht geführt hatte. Die Frau war danach in Tränen ausgebrochen. Danielle lehnte seine Philosophie zwar rundheraus ab, doch immerhin war sie entführt worden. Da heiligte der Zweck ausnahmsweise die Mittel. »Das ist Entführung!«

Die Unbekannte ließ eine Braue in die Höhe wandern, ihre Lippen wurden zu einem schmalen Strich. Mit einem Schritt war sie bei Danielle, holte aus und gab ihr eine Ohrfeige. Entsetzt über diese Gewalt hielt sie sich die Wange und starrte die Frau mit geweiteten Augen an.

»Nachdem das nun geklärt ist, kommen wir zum Wesentlichen. Mein Name ist Patricia Winterbutton. Du wirst mich höflich mit Miss Winterbutton oder Ma'am ansprechen. Ich bin die Leiterin des Hauses, einem von fünf Häusern dieser ehrwürdigen Einrichtung.«

Sie machte einen Schritt in den Raum.

»Im Laufe des Tages wird jemand dir deine Schuluniform bringen, ebenso den Stundenplan, deine Bücher und die Hausordnung. Ich rate dir, besonders die Hausordnung genau zu studieren. Verstöße werden hart bestraft. Dein Unterricht beginnt morgen. Ja, wir legen auch am Samstag wert auf Stunden der Bildung.«

Der Schlüsselbund war über eine dünne Kette mit einer Öse des Rockbundes von Miss Winterbutton verbunden. Keine Chance also, ihn ihr aus der Hand zu reißen und das Weib einzusperren.

»Elektronische Geräte sind verboten. Das betrifft Computer, Smartphones, Pads; nun, alles, was Strom benötigt, um zu funktionieren. Es ist dir nicht erlaubt, das Gelände zu verlassen. Fragen?«

Danielle schüttelte den Kopf.

»Gut. Du lernst dazu. Um fünf Uhr dreißig klingelt der Wecker.« Miss Winterbutton deutete auf einen in die Decke verbauten Lautsprecher, den Danielle bisher übersehen hatte. »Du hast eine halbe Stunde, dich anzukleiden, dann wirst du abgeholt und zum Essen in die Halle gebracht. Zum Waschen steht eine Gemeinschaftsdusche zur Verfügung, die abends genutzt werden kann.«

Sie wandte sich ohne ein weiteres Wort ab, verließ den Raum und drehte den Schlüssel im Schloss.

Danielle saß zitternd auf dem Bett.

Erst als die Stille sich über sie senkte wie ein Bleituch, nahm sie langsam die Hand von ihrer Wange. Die Frau hatte sie einfach geschlagen. Ihr Dad hatte ja angedeutet, dass dieser Ort ihr »die Flausen austreiben« sollte, doch erst diese Tat hatte den Gedanken Realität werden lassen.

Sie kroch ganz auf das Bett, zog die Knie heran und umschlang sie mit den Armen. Zusammengekauert starrte sie aus dem Fenster in den trüben Wintertag.

*

Maple Peaks, vor der Maple Post

Ein Freitagnachmittag

Sonja stoppte den Wagen.

Hätten sie ihr Ziel nicht endlich erreicht, sie wäre rechts rangefahren, um Mason und Cat aus dem Auto zu werfen. Die anfängliche Harmonie war in einen Dauerstreit umgeschlagen, bei dem es um irgendein dämliches Skateboard ging.

Während Randy selig schlummerte und Olivia immer wieder ein Kichern unterdrücken musste, gaben die beiden anderen keine Ruhe. Sonja bereute es längst, die junge Fassadenkletterin mitgenommen zu haben. Andererseits wussten sie nicht, was sie erwartete. Möglicherweise war ihr Talent noch von Nutzen.

Sie stellte den Motor ab.

Randy, der sich zu einer unförmigen Kugel zusammengerollt auf den Sitz gekauert hatte, öffnete die Augen. »Sind wir schon da?«

»Schon?«, echote Sonja. »Das nächste Mal bleibst du gefälligst auch wach und zügelst deinen Freund.«

»Ich?!« Mason schaute wütend herüber. »Es geht hier um mein Eigentum.«

»Eigentum«, kam es von Cat. »Potato, potato. Privatbesitz ist fließend.«

»Wenn es um meine Boards geht …«

»Schluss!«, fauchte Sonja. »Raus jetzt aus dem Wagen!«

Genervt schlug sie die Autotür hinter sich zu, froh darüber, dem beengten Raum entkommen zu sein.

Während die Kids ebenfalls ausstiegen, sah sie umher. Miranda wohnte in einem beschaulichen kleinen Haus am Stadtrand. Mittlerweile war sie in den Vierzigern, hatte die Liebe ihres Lebens aber nie gefunden. Die Freitagabende verbrachte sie meist alleine mit ihrem Kater Oscar, einer Schachtel Pralinen und einem schnulzigen Liebesfilm.

Kennengelernt hatten sich Miranda und Sonja beim Journalistikstudium. Die eifrige Tierschützerin Miranda Paul war zusammen mit einer Handvoll Demonstranten gegen eine Firma gezogen, die verdächtigt wurde, Experimente an Vierbeinern durchzuführen. Da die Demo keinen Erfolg brachte, suchte sie verzweifelt nach Helfern, um eine Story über besagte Firma zu publizieren. Da die Universität keinen Skandal provozieren wollte, erhielten die Professoren ein Verbot, wodurch das Ganze nicht zu einem benoteten Projekt werden durfte. Jede Recherche war somit Freizeitangelegenheit und aufgrund des überfüllten Stundenplans unmöglich.

Zumindest fast.

Denn wenn Sonja schon immer eines gehasst hatte, dann, von oben fremdbestimmt zu werden. Kurzerhand hatte sie sich der – zu diesem Zeitpunkt längst verzweifelten – Miranda angenommen. In vielen durchgemachten Nächten hatte sie über Aktenbergen gebrütet, Versandlisten durchsucht und mit tränenden Augen sowie sich viel zu schnell leerenden Kaffeetassen das Netz um die Firma enger gezogen.

Am Ende konnten die Vorwürfe bestätigt werden. Das FBI nahm aufgrund einer landesweiten Verflechtung der Firma mit anderen gleichartigen Einrichtungen die Ermittlungen auf. Die Tiere wurden befreit, das Konglomerat ausgehoben. Zahlreiche Personen in Führungspositionen wanderten ins Gefängnis und es fiel dem Direktor der Universität sichtlich schwer, das künstliche Grinsen aufrechtzuerhalten, als er Miranda und Sonja eine Auszeichnung verleihen musste.

Eine der Katzen aus den Versuchen, ein Kater, fand ihren Weg zu Miranda. Sie nannte ihn Sherlock, weil das pfiffige Kerlchen sich kurzerhand im Auto versteckt hatte und so nicht bei der Tierrettung gelandet war, sondern direkt vor Mirandas Haustür. Nach dem Tod des Tierchens folgte Oscar.

»Sonja«, kreischte jemand.

Sie war darauf vorbereitet gewesen, doch Mason zuckte panisch zusammen. Olivia steckte sich kurzerhand die Finger in die Ohren.

»Miranda!«

Die Freundin rannte die wenigen Treppenstufen hinab, die von ihrer Haustür in den Vorgarten führten. Überschwänglich umschlang sie Sonja, die die Umarmung nicht minder herzlich erwiderte. Es war viel zu lange her.

»Es ist schön, dich zu sehen«, sagte Miranda schließlich. »Wie war eure Fahrt?«

Kurz war Sonja versucht, noch einen Seitenhieb loszuwerden, lächelte aber weiter. »Fantastisch. Eine schöne Landschaft, kein Regen, alles verlief wunderbar.«

Sie stellte die anderen nacheinander vor, die höflich grinsten. Sogar Cat besann sich ihrer Manieren.

Erst jetzt realisierte Sonja, dass Miranda ihre Jacke trug und eine Tasche umgehängt hatte. »Du gehst weg?«

»Ja, tut mir leid, ich muss in die Redaktion. Wegen dem verschwundenen Professor gibt es eine Sonderausgabe.«

Irritiert schüttelte Sonja den Kopf. »Welcher Professor?«

Nun erwiderte Miranda den Blick kaum minder verblüfft. »Sag nicht, du weißt es noch nicht? Dabei ist das doch einer von euch. Er ist ebenfalls im Peak In abgestiegen, dort habe ich auch Zimmer für euch reserviert. Am Mittwoch wurde er zuletzt gesehen. Seitdem fehlt jede Spur.«

Sonja überlegte kurz, ob sie im Lokalteil der Gazette etwas dazu gelesen hatte, tat den Gedanken dann aber ab. An Derartiges hätte sie sich erinnert. Auch Kenneth hatte kein Wort erwähnt. »Sorry, ich weiß von nichts.«

»Was für ein Professor ist das denn?«, fragte Randy. »Einer vom Pinehearst College?«

Vermutlich dachte er sofort an seinen Freund Vince, der dort studierte und ebenfalls nichts erwähnt hatte. Andernfalls hätte Randy wiederum Sonja längst eingeweiht.

»Nein«, sagte Miranda schnell. »Das ist so ein alter Kauz. Hat im Sommer für einen Eklat gesorgt, weil sich jemand bei der Gründungsfeier als er ausgab, um die Gründungsurkunde zu stehlen.«

»Professor Pembroke!«, entfuhr es Olivia.

Sonja dachte mit Schrecken an den Tag der Feier in Barrington Cove zurück. Die Geiselnahme im Schulhaus hatte dank Mason, Olivia, Randy und Danielle einen guten Ausgang genommen. Doch niemand hatte mit der Bombe gerechnet, die Oswald Kaminski dort deponiert hatte. Die Explosion hatte zahlreiche Menschenleben gekostet und die vier sowie einige weitere Personen in den Trümmern eingeschlossen. Später war der echte Professor Pembroke bewusstlos in seinem Haus gefunden worden.

»Weißt du, was er hier wollte?«, fragte Sonja.

»Keine Ahnung. Er hat sich ja schon immer für die Gründungszeiten interessiert. Sowohl was Barrington Cove angeht als auch Sunforest Cove oder Maple Peaks. Er hat scheinbar in den Stadtarchiven etwas gesucht, aber keiner weiß, was. Sheriff Bruker befürchtet, dass er irgendwo eingeschlossen wurde. Er flucht schon …«

»Bruker!«, entfuhr es Mason. »Was hat unser Sheriff denn mit eurem zu tun?«

Miranda winkte ab, verwirrt darüber, unterbrochen worden zu sein. »Nicht euer Bruker. Ich meine unseren. Den Cousin.«

Randys bester Freund schaute drein, als habe ihm gerade jemand all seine Skateboards geklaut und gleichzeitig jedes Sandwich der Welt vernichtet. »Wie viele gibt es von denen denn noch?«

»Wie die Karnickel«, flüsterte Olivia.

»Schlimmer als Computerviren«, fügte Randy hinzu.

Cat grinste nur.

»Auf jeden Fall ist der Bürgermeister außer sich und der Sheriff richtig mies drauf. Die Außenwirkung der Stadt und so. Das Ganze soll zügig aufgeklärt werden.« Sie schritt auf ihr Auto zu. »Ich komme morgen früh zu euch ins Peak In, dann können wir gerne die alte Sache besprechen.«

»Okay«, sagte Sonja noch.

Schon war die Freundin auf und davon.

Sie stiegen ebenfalls wieder ins Auto. Dieses Mal durfte Mason auf den Beifahrersitz, während die übrigen sich auf die Rückbank quetschten. Die Fahrt zum Peak In, dem einzigen Gasthaus im Ort, dauerte nur wenige Minuten. Das kleine Haus lag an einer breiten Straße, hinter der sich gewaltige Felder bis zum Waldrand zogen. Im Sommer war die Umgebung in dichtes Grün und das Gold saftiger Ähren getaucht, doch zu dieser Jahreszeit gab es nur feuchten Ackerboden und abgestorbenes Geäst.

Das Gasthaus wurde von einem jungen Geschwisterpaar geführt, das sie freundlich begrüßte und zu einem der Nebenhäuser brachte, in dem sie alle einquartiert waren. Mason und Randy hatten ein Zimmer im Erdgeschoss, Olivia und Cat das gegenüberliegende. Sonja hatte sich ein Doppelzimmer im ersten Stock genommen, weil sie die schmalen Einzelbetten hasste.

Nun ja, momentan lag sie meist nicht alleine darin, da Kenneth ziemlich oft bei ihr übernachtete. Sie verdrängte das Kribbeln im Bauch, das sich bei dem Gedanken an ihn unweigerlich einstellte.

Fokus, Sonja. Fokus! »Ich schlage vor, wir packen aus und essen eine Kleinigkeit. Viel können wir heute nicht mehr machen, es wird schon dunkel. Morgen früh legen wir los.«

Die vier stimmten zu.

In der Ferne zog ein Nieselregen heran. Sonja musste an Danielle denken, die vermutlich gerade eingekuschelt in der heimatlichen Villa lag. Sie beneidete sie.

Mit diesem Gedanken öffnete sie den Koffer, um die Kleidungsstücke zu verstauen.

*

Ein unbekannter Ort, ein unbekanntes Internat

Ein Freitagabend

Es war ein Gefängnis.

Wäre Danielle diese Tatsache nicht schon bewusst gewesen, spätestens jetzt wäre jede Hoffnung geschwunden.

Das gesamte Gelände des Internats wurde von hohen Mauern umgeben, auf deren Oberseite Stacheldraht auslag. Zwischen den Spiralen glaubte sie, kleine Metallklammern zu erkennen, die daran festgesteckt waren.

»Strom«, murmelte sie.

Falls also jemand einen Ausbruch wagte und es bis nach oben schaffte, flog er kurz darauf wieder nach unten, direkt in die Ginsterbüsche, die dort säuberlich angepflanzt worden waren; daran bestand kein Zweifel. Zwischen der Mauer und den Büschen verlief ein schmaler Kiesweg, auf dem sie gerade stand.

Missmutig beäugte sie das Haupthaus und die sich anschließenden Flügel. Das Haus, in dem Danielle untergebracht war, erhob sich links des Zentrums, ganz am Ende des seitlichen Flügels. Zwei weitere Gebäude lagen näher am Haupthaus. Das Gelände umfasste mehrere Hektar. Es enthielt neben einem gepflegten Rasen einen Sport- sowie einen Tennisplatz. Ein wenig versetzt gab es einen kleinen Teich, daneben ein Gartenhäuschen. Schließlich schloss ein gewaltiges Haus an, es schmiegte sich an die Mauer abseits des Haupthauses. In ihm waren das Wäschehaus und Wohnungen für die Lehrer und übrigen Angestellten untergebracht.

Vermutlich handelte es sich bei dem Internat einfach um eine teure Privatschule, auf der die Kinder reicher Eltern geparkt wurden. Bildung kostete Geld. Sicher gab es den einen oder anderen, der lieber abhauen wollte, um ein paar feucht-fröhliche Partystunden anderswo zu verbringen.

Danielle musste sich immer wieder vorsagen, dass das alles hier nicht nur sie von einer Flucht abhalten sollte. Nein, jeder Schüler war ein Gefangener. Das musste doch unweigerlich dazu führen, dass es Verbündete gab.

Die galt es zu finden.

Aufgrund der kalten Jahreszeit war kaum jemand draußen unterwegs. Bisher hatte Danielle versucht, eine Gruppe von vier Mädchen anzusprechen, doch die hatten einfach den Kopf gesenkt, bevor sie weitermarschiert waren.

Hatte sie zuerst noch geglaubt, dass es ein reines Mädcheninternat war, wurde sie bald eines Besseren belehrt. Auf dem Sportplatz drehten gerade ein paar Jungs ihre Runden. Sie wollte mit ihnen in Kontakt treten, doch ein missmutig dreinschauender Lehrer verscheuchte sie.

Hätte ihr Dad jeden hier bezahlt, damit niemand mit ihr sprach – es hätte sie nicht überrascht. Aber würde er so weit gehen? Immerhin wollte er, dass sie seine Form der sozialen Umgangsformen lernte. Das war in totaler Isolation kaum möglich. Überhaupt wollte es ihr nicht einleuchten, wie er all das gedeichselt hatte: die Entführung, was rechtlich betrachtet gar keine war, solange ihre Mum nicht den Sheriff einschaltete, der Flug in die Schweiz – prüfte denn niemand die Passagiere? – und die Betäubung.

Sie straffte die Schultern.

Mason, Olivia und Randy würden sie nicht im Stich lassen. Vermutlich ermittelten sie bereits. Aber würden sie das Internat tatsächlich finden? Die Schweiz war ein anderes Land. Hier sprach man kein Englisch, bezahlte mit anderer Währung, alles war abgelegen und isoliert.

Bisher hatte sie nirgends ein Telefon, ein Smartphone oder einen Computer entdeckt. Es gab einfach keine Möglichkeit, mit der Welt dort draußen – daheim – Kontakt aufzunehmen.

Bedrückt schaute Danielle umher.

Über allem hier lag eine Düsternis, die vom heraufziehenden Dunkel noch verstärkt wurde. Die Wege waren mit alten Straßenlaternen aus schwarz lackiertem Eisen gesäumt. Während sie zum Haus zurückspazierte, flammten die Glühbirnen auf.

Unweigerlich fühlte sie sich weit zurückversetzt, in eine Zeit von Zucht und Ordnung, in der Schüler noch mit dem Lineal eins auf die Finger bekamen, wenn sie ihre Hausaufgaben nicht oder nicht gut genug gemacht hatten. Ein Traum für ihren Dad. Es gab keine höhere Institution als den Mann im Haus. Bei dem Gedanken wurde ihr schlecht.

Der Kies knirschte ein letztes Mal. Sie trat über die Schwelle. Im Aufenthaltsraum saß niemand. Zwar brannte ein Feuer im Kamin, doch weder die Couch noch die zahlreichen Sessel waren besetzt. Die Bücher in dem alten Regal wirkten zerfleddert und abgenutzt.

Eine Gänsehaut kroch Danielles Arme empor. Wo waren alle?

Sie stieg die Treppen hinauf in ihr Zimmer. Verblüfft hielt sie inne und betrachtete durch die geöffnete Tür das Mädchen. Die Unbekannte richtete sich auf.

»Ah, die Neue«, sagte sie. Dabei kräuselten sich ihre Lippen in perfekt anmutender Arroganz.

»Ich bin Danielle.«

»Neue reicht völlig«, gab sie zurück. »Mein Name ist Rosalie von Thun. Du kannst mich auch Queen R nennen. Miss Winterbutton hat mich dir zugewiesen, damit ich dir zeige, wo es langgeht.«

Eine eindeutig zweideutige Aussage.

Queen R deutete auf Danielles Bett. »Da liegt deine Schuluniform. Ich rate dir, sie anzuziehen. Ansonsten tu einfach, was man – in dem Fall ich – dir sagt, damit fährst du am besten.«

»Kannst du mir sagen, wo wir …«

Rosalie hob die Hand. »Niemand hat davon gesprochen, dass du Fragen stellst oder ich mich näher mit dir abgeben muss, Neue. Das alles hält mich vom Lernen ab. Im Gegensatz zu dir habe ich aber einen Status zu wahren. Das ist nicht irgendeine zweitklassige Schule, wie du sie zweifellos bisher besucht hast.« Sie verdrehte die Augen. Abschätzig wanderte ihr Blick über Danielles Körper. »Na, deine Eltern müssen ja Geld haben, sonst wärst du kaum angenommen worden. Neureich?« Sie seufzte. »Zieh die Uniform an. Den Rest erkläre ich dir morgen. Bis dahin schaffst du es hoffentlich, hier kein Chaos zu veranstalten. Ach so, da vorne liegt die Hausordnung. Lern sie. Am Montag wird Miss Winterbutton dich darüber ausfragen. Glaub mir, du willst diesen Test bestehen!«

Damit warf sie ihre Haare zurück, nahm auf dem Bett Platz und vertiefte sich in ein Buch.

Danielle schluckte.

Sie packte die Uniform und verließ den Raum. Ihre Schritte lenkten sie wie automatisch zu den Toiletten. Sie ging in eine Kabine, schloss ab und zog mechanisch ihre Kleidung aus. Im nächsten Augenblick trug sie die Schuluniform.

Aus dem Spiegel sah ihr eine Fremde entgegen. Die letzte Verbindung zum alten Leben war gekappt. Danielle handelte rein instinktiv, ging zurück in die Kabine und stieg auf die geschlossene Toilette. Die Decke bestand aus rechteckigen Platten, die man nach oben drücken konnte. Sie schlug Schuhe und Jeans in ihr Shirt ein und schob es in den Zwischenraum. Eine kurze Überprüfung ließ sie zufrieden nicken. Von hier unten war nicht zu erkennen, dass jemand die Deckenplatten bewegt hatte. Damit war wenigstens ihre Kleidung in Sicherheit.

Wieder stand sie vor dem Spiegel.

Die Tränen kamen von allein.

Sie wollte nicht schwach sein, ihren Dad, die Heimleiterin und all die anderen nicht gewinnen lassen. Doch da war nichts zum Festhalten. Sie kämpfe einsam gegen die Welt. Was sollte sie tun? Wenn Rosalie – Queen R – ein Beispiel für das Verhalten aller hier war, konnte sie ein gemeinsames Vorgehen vergessen. Danielle musste sich vergegenwärtigen, dass eben nicht jeder ein Gefangener war.

Scheinbar handelte es sich um ein Eliteinternat, was einigen Schülern und Schülerinnen zweifellos zusagte. Wenn sie mit guten Noten abgingen, wartete das entsprechende Elitecollege. Sie schüttelte den Kopf. Es war totaler Unsinn von ihrem Dad gewesen, sie hier zu parken. In wenigen Monaten stand sowieso der Wechsel zum College an, den konnte er ihr unmöglich vermasseln. Zu diesem Zeitpunkt musste sie zurück nach Barrington Cove. Vielleicht spekulierte er darauf, dass der Rosenkrieg bis dahin vorbei war.

Immerhin musste er ihre Mum nur ausreichend destabilisieren, dann war ein Rückfall in die Alkoholabhängigkeit nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil, die Rückfallquote war hoch. Vermutlich reichte es aus, ein Glas Wodka auf den Tisch zu stellen und ihre Mum dazu zu zwingen, es zu trinken. Das würde jeden Fortschritt zerstören, den sie in der Entzugsklinik gemacht hatte.

Sie nahm eines der Handtücher auf, tupfte sich die tränennassen Augen trocken, streckte den Rücken durch. Die Fäuste vor Wut geballt, stürmte sie aus dem Bad, um Rosalie ordentlich die Meinung zu sagen.

Im nächsten Moment knallte sie wuchtig gegen jemanden und landete rücklings auf dem Boden. Hinter ihrer Stirn explodierte ein stechender Schmerz.

»Shit«, erklang eine fremde Stimme.

Danielles Wut kochte über. Den Schmerz ignorierend sprang sie auf.

*

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