Kitabı oku: «Flüsterwald - Der verschollene Professor (Flüsterwald, Staffel I, Bd. 2)»
Über das Buch
Lukas ist begeistert: Durch die Geheimtreppe in seinem Zimmer besitzt er einen Zugang zum Flüsterwald, der nachts mit den fantastischsten Wesen lebendig wird! Dort hat Lukas wundervolle neue Freunde gefunden und es passt ihm daher gar nicht, als sich ein Mädchen aus seiner Klasse beharrlich an seine Fersen hängt. Ella aber verfolgt einen eigenen Plan: Sie sucht ihren Großvater, der im Wald verschollen ist. Die einzige Spur ist ein seltsames Rätsel, das er hinterlassen hat. Lukas und seine Freunde willigen ein, ihr zu helfen. Doch das wird gefährlicher als gedacht … Die Fantasyreihe mit Suchtfaktor!

Lukas (Mensch)
*Leseratte und Abenteurer
*muss sich in einer neuen Stadt zurechtfinden
*seine Familie hat keine Ahnung vom Flüsterwald oder von Magie

Ella (Mensch)
*Lässt sich von niemandem aufhalten
*Liebt ihren Großvater über alles
*hat viel in der Theater-AG gelernt

Felicitas (Elfe)
*zaubert gerne (was nicht immer klappt wie geplant)
*fühlt sich im Internat einsam und unternimmt deshalb öfter (verbotenerweise) Streifzüge

Rani (Menok)
*Nachwuchsautor, forscht über Menschen
*spielt für sein Leben gerne und ist schokoladensüchtig

Punchy (Katze)
*heißt mit vollem Namen: Pedora Ulinde Naftet von Chibalka
*Aufpasserin von Felicitas
*hat Nerven aus Stahl

Inhalt
Prolog
Der Hinterhalt (schon wieder)
Der Tag wird schlimmer
Eine Freitagsüberraschung
Das Hauptquartier
Das Pergament
Blinzelschock und Stollenvolk
Im Feuer der Erde
Der verlassene Stollen
Ranis heldenhafte Abenteuer
Die Regelbrecher
Das Himmelskatapult
Klettern über den Wolken
Der zerbrochene Altar
Im freien Fall
Der östliche Rand
Am Grund des Sees
Hilflos
Das fliegende U-Boot
Im Mondlicht
Auf der anderen Seite
In schwarzer Asche
Geschöpfe der Dunkelheit
Auf Leben und Tod
Ausweglos
Vor langer Zeit
Eine vage Hoffnung
Picknick im Mondlicht
Abschiede
Der Morgen danach
Epilog
Bonusgeschichte: Im Schatten der Königin

Prolog
Schatten tanzten im Kerzenlicht auf dem schwarzen Holz der Regale über Buchrücken, eingerollte Papyri und Steintafeln. Vor dem Fenster tobte wie so oft in den letzten Tagen ein Herbststurm. Blätter wirbelten vorbei, Geäst bog sich im Wind. Vom Schein der Straßenlaternen war hier draußen so wenig zu sehen wie vom Rest des verfluchten kleinen Städtchens namens Winterstein.
Er liebte die unbändige Zerstörungskraft, die dort durch die Gassen tobte und all die nutzlosen Menschen in ihre Häuser trieb. Wenn ein Sturm aufkam, tat er stets das Gleiche. Er brühte einen Tee auf, rauchte eine Zigarre, entzündete Kerzen. Es erinnerte ihn an damals, den Anfang von allem. Er dachte oft an diese Zeit zurück.
Auf dem Beistelltisch neben seinem Sessel stand die Tasse mit dem Tee, die Zigarre lag daneben im Aschenbecher. Rauchkringel stiegen auf, verteilten sich im Raum. Besucher verzogen immer das Gesicht, wenn sie eintraten, doch er mochte den Geruch. Kalte Asche sprach von Vergänglichkeit. Egal, ob es eine edle Zigarre war, die brannte, oder ein Baum. Ein ganzer Wald.
Mit einer energischen Bewegung erhob er sich, trieb die Gier in seinem Inneren zurück in den hintersten Winkel. Noch musste er beherrscht vorgehen, doch bald würden Sträucher brennen, die elenden Bäume aufschreien und Laub verglühen, würde all die Magie wieder ihm gehören.
Mit der Teetasse in der Hand trat er ans Fenster. Es war natürlich kein gewöhnliches Fenster. Das Glas besaß eine solche Reinheit, dass es fast unsichtbar war. Und dazu kamen filigrane Symbole aus Metall, die auf dem Rahmen prangten.
Es klickte, als er das magische Zeichen im rechten Fensterrahmen drehte. Ein Wabern lief über das Glas, dann zeigte es nicht länger die Landschaft außerhalb. Stattdessen wurde das Herrenhaus sichtbar. Hinter den Fenstern brannte Licht. Zweifellos würde es bald erlöschen, die Bewohner sich in ihre Betten begeben.
Wann war es endlich so weit?
Die beiden Kinder hatten sich bereits getroffen, er hatte den Streit beobachtet. Doch seit jenem Abend hatte Lukas Lamprecht den Flüsterwald nicht mehr betreten. Die Tage zogen sich in nutzlosem Einerlei dahin und brachten ihn seinem Ziel nicht näher.
»Geduld«, sprach er in den dunklen Raum. Er lächelte. Es war das Lächeln eines Raubtiers, wie ihm ein alter Feind einmal gesagt hatte. Er trug es stets, wenn ein Plan sich der Vollendung näherte.
Mit einer weiteren Drehung, einem erneuten Klicken, wurde das Glas wieder gewöhnlich. Vor dem Fenster kehrte die vertraute Landschaft zurück. Er sank in seinen Sessel, ließ den Blick in die sturmzerzauste Ferne schweifen und sog genussvoll den Geruch kalter Asche ein.


Der Hinterhalt (schon wieder)
In Gedanken versunken wich Lukas dem Ast aus. Ein Opfer des Sturms der vergangenen Nacht, wie auch der Gartenzwerg, der mit der Zipfelmütze voran in einer Windschutzscheibe steckte. Lukas registrierte es kaum, genauso wenig wie den Wind, der sein Haar zerzauste. Er dachte an seine neuen Freunde: Rani, Felicitas und Punchy. Möglicherweise spielte auch der Wark ab und an eine Rolle, vor allem in seinen Albträumen.
Immer wieder sah er die Ereignisse vor sich, die ihn Hals über Kopf in sein erstes Abenteuer im Flüsterwald gestürzt hatten. Die Geheimtür hinter dem Bücherregal, die Treppe in das geheime Studierzimmer auf dem Speicher. All die magischen Tränke, Pulver und Gegenstände. Dort stand auch die Standuhr, die über eine magische Verbindung zu ihrem Gegenstück im Flüsterwald führte. Zwar konnte der Wark solche Portale nicht benutzen – und außerdem hatte Lukas mit seinen neuen Freunden die Erinnerung des Warks an die Verfolgungsjagd gelöscht –, aber Lukas’ Albträumen war das egal.
»Guten Morgen!«, brüllte jemand in sein Ohr.
Er zuckte zusammen. Im gleichen Moment ärgerte er sich über sich selbst. Es war das dritte Mal in einer Woche, dass Ella ihm auflauerte, er sollte mittlerweile daran gewöhnt sein.
»Morgen«, gab er so feindselig zurück, wie er konnte.
Sie ließ einfach nicht locker. Ihrem Großvater hatte das Haus gehört, in das Lukas’ Familie eingezogen war. Aufgrund eines Zaubers konnte sie es aber nicht betreten und hatte ihre Forderung immer unter freiem Himmel vorgebracht. Gleich würde sie wieder …
»Gib mir das Flüsterpulver!«, verlangte sie.
»Ich weiß gar nicht, wovon du sprichst.« Leugnen war ihm wie eine gute Taktik erschienen.
»Stell dich nicht dumm! Ich habe gesehen, wie du aus dem Flüsterwald zurückgekommen bist.« Sie lief schneller und stellte sich ihm in den Weg. Der Wind zerwühlte ihr schulterlanges, blondes Haar. Ein Wunder, dass sie überhaupt noch etwas sehen konnte. Sie trug Jeans, Turnschuhe und einen Pulli.
»Na und? Ich war im Wald spazieren.«
»Nachts?«
»Du ja wohl auch.« Er schob sich an ihr vorbei. Falls er zu spät zur ersten Stunde kam, würde seine Mum davon erfahren. Und obwohl sie selbst im schlimmsten Stau anderen Autofahrern zulächelte und ihnen den Vortritt ließ – was seinen Dad regelmäßig zur Weißglut trieb –, verstand sie beim Thema Schule keinen Spaß.
»Ich habe ein Recht auf das Flüsterpulver!«, rief Ella. »Es hat meinem Großvater gehört, bevor er verschwunden ist.«
»Das kann jeder behaupten. Außerdem weiß ich gar nicht, wovon du sprichst.«
Natürlich wusste er es. In dem geheimen Studierzimmer ihres Großvaters hatte er auch das blaue Flüsterpulver gefunden und unabsichtlich getestet: Es hatte ihm erlaubt, den Flüsterwald bei Nacht zu betreten, was sonst keinem Menschen möglich war.
Trotzdem konnte er Ella keinesfalls das Pulver geben, es war nur noch wenig übrig! Vielleicht genug für eine Benutzung oder zwei. Und wenn es aufgebraucht war, konnte er seine Freunde nicht mehr wiedersehen!
»Du bist so gemein.« Ellas Stimme wurde weich. »Ich möchte nur meinen Großvater finden. Ich vermisse ihn.« Eine Träne löste sich aus ihrem rechten Auge. »Bestimmt irrt er zitternd und frierend durch den Wald.«
»Also …« Lukas stockte, als das Mitleid ihn überrannte, und rückte dann mit der Wahrheit heraus. »Ich müsste erst Nachschub holen. Das Flüsterpulver ist fast leer.«
»Was?!« Ella schien zu explodieren. »Wie kann das sein?«
»Ich bin versehentlich dran gestoßen und dabei ist eine Menge auf dem Boden … hey, du bist ja gar nicht traurig!«
Ella wirkte ertappt. »Doch, sehr.« Schon kullerte eine weitere Träne.
Lukas betrachtete sie empört. »Und ich wäre fast darauf hereingefallen. Wenn du mir nur was vorspielst, bekommst du das Flüsterpulver nicht! Wenn dein Großvater im Wald herumirrt, kannst du ihn doch auch ohne Pulver suchen gehen. Tagsüber!«
Sie seufzte. »Und da sag noch mal jemand, die Theater-AG zahlt sich aus. Aber nur, damit du es weißt: Ich werde jede Nacht vor eurem Haus stehen. Und jeden Morgen. Überhaupt immer!«
»Wenn du nichts Besseres zu tun hast, bitte.« Lukas beschleunigte seine Schritte.
Vor ihm tauchte der große Torbogen auf, der den Beginn der Altstadt markierte. Dahinter war die Schule bereits in der Ferne zwischen den Häusern sichtbar. Bedauerlicherweise war er noch nicht darin, obwohl die erste Stunde soeben begann.
»Ich werde Steine werfen«, drohte Ella. »Der magische Schirm sperrt zwar mich aus, aber die Steine fliegen trotzdem.«
»Das darfst du dann meinen Eltern erklären«, sagte Lukas provozierend freundlich. »Bringt dir nur leider nichts.«
Man musste Ella zugutehalten, dass sie ihre Taktik sofort änderte.
»Wir könnten doch gemeinsam gehen und frisches Flüsterpulver holen.« Lächelnd ging sie neben ihm her. »Sonst ist es für dich auch bald vorbei.«
»Ich denke darüber nach.«
»Was gibt es denn da zu denken?«
»Bestimmt weißt du gar nicht, woher man es bekommt.«
»Netter Versuch, aber ich werde es dir nicht verraten.«
Sie eilten vorbei an der städtischen Bibliothekarin, die Lukas vor einer Woche bei seiner Anmeldung kennengelernt hatte. Ihr grauer Dutt hatte sich im Wind gelöst und die Frisur in ein Notstandsgebiet verwandelt.
»Dann frage ich einfach meine Freunde aus dem Flüsterwald«, gab Lukas triumphierend zurück.
»Du hast da Freunde?« Ella blieb wie angewurzelt stehen. »Das ist gefährlich.«
»Ist es nicht!«
»Es gibt schreckliche Kreaturen im Wald.«
»Ach, weißt du, wenn du mal mit einem Wark gekämpft hast, kann dich nichts mehr erschrecken.«
Ellas Gesicht wurde bleich. »Du … Angeber.« Sofort hatte sie sich wieder unter Kontrolle. »Jetzt glaube ich dir erst recht kein Wort!«
Endlich erreichten sie die Schule und traten ein. Spätestens hier musste sie ihn in Ruhe lassen, denn Ella ging nicht in seine Klasse. Bedauerlicherweise gab es aber die Pausen, in denen sie ihn immer beobachtete.
Mit einem letzten bösen Blick verschwand sie in ihrem Klassenraum. Lukas eilte die Treppenstufen zu seinem Klassenzimmer hinauf, wo die erste Stunde schon vor fünf Minuten begonnen hatte. Ausgerechnet bei Frau Brock, die hinter ihm gestanden hatte, als er an seinem ersten Schultag mit zwei Klassenkameraden über die Sinnlosigkeit von Mathematik gesprochen hatte.
Sie würde ihm irgendeine Strafarbeit aufgeben und im Lehrerzimmer schlecht von ihm sprechen. So laut natürlich, dass auch sein Pa es mitbekam. Als ob es nicht schon peinlich genug war, dass der hier unterrichtete! Glücklicherweise nur die Parallelklasse, das musste Ella ertragen.
»Augen zu und durch.«
Ein letztes Durchatmen, dann drückte Lukas die Klinke herab. Schweigen schlug ihm entgegen, als er eintrat. Auf den Plätzen seiner Mitschüler lagen Blätter voller Fragen, sie schrieben eifrig. Der Blick von Frau Brock war eisig, ihre Lippen kräuselten sich.
Sie schrieb einen unangekündigten Test!
Das war ganz und gar nicht sein Tag. Schweigend nahm Lukas Platz. Schlimmer konnte es nicht mehr werden.

Der Tag wird schlimmer
Lukas versank in dem großen Ohrensessel. Das Leder des Bezugs war hart und lud nicht dazu ein, hier länger zu sitzen. Als ob er eine Wahl hätte.
Der Test war katastrophal schiefgelaufen, was Frau Brock nur mit einem Das-wundert-mich-nicht-Blick gewürdigt hatte, nachdem sie sein Blatt inspiziert hatte. Das allein wäre schon schlimm genug gewesen, doch da war noch diese Sache aus dem Informatik-Unterricht.
Eigentlich war Lukas davon ausgegangen, dass Herr Rechbit den ›Vorfall‹ auf sich beruhen ließ. Während die anderen Schüler noch nach dem Dokument für die Unterrichtsstunde gesucht hatten, war ihm langweilig geworden. Kurzerhand hatte er sich in die Chat-Software eingeloggt, um mit Micha zu schreiben. Er wusste, dass sein bester Freund zum Zeitpunkt von Lukas’ Informatik-Stunde freihatte. Bedauerlicherweise war Herr Rechbit aus dem toten Winkel aufgetaucht.
Und genau deshalb saß Lukas jetzt vor dem Zimmer des Direktors.
»Du kannst reingehen«, flötete die Sekretärin, die an ihrem Tisch auf die Tastatur des Rechners einhämmerte, als gäbe es kein Morgen.
»Danke.«
Er sprang aus dem Sessel, drückte die messingfarbene Klinke herunter und betrat das Zimmer.
Direktor Arnold thronte hinter einem Schreibtisch, auf dem sich die Bücher stapelten. Zwischen verschiedenfarbigen Aktenmappen stand eine Tasse, die Kaffeeduft verströmte.
»Lukas Lamprecht.« Er deutete auf den Stuhl vor dem Tisch. »Nimm Platz.«
Die Worte wogen schwer und am liebsten hätte Lukas auf dem Absatz kehrtgemacht, um zu flüchten.
»Direktor Arnold«, krächzte er stattdessen.
Schritt für Schritt näherte sich Lukas ›dem Stuhl‹. Einige Schüler hatten bereits darauf gesessen und ihre mitleidigen Blicke hatten ihn auf dem Weg zum Direktorat verfolgt.
Er nahm Platz.
»Lukas, ich hatte heute ein wirklich ernstes Gespräch.« Mit einer schwungvollen Bewegung setzte der Direktor seine Unterschrift unter ein Formular und wandte sich dann gänzlich ihm zu.
»Das tut mir leid«, erwiderte Lukas.
Seltsamerweise schmunzelte Direktor Arnold daraufhin, was kleine Lachfältchen hervortreten ließ. Mit einem Mal war die Situation nicht mehr ganz so bedrückend.
»Es freut mich, dass du das so siehst. Kannst du dir denn denken, worum es in dem Gespräch ging?«
»Der Chat?«
»In der Tat.«
Direktor Arnold faltete die Hände ineinander. Sein schwarzes Haar war von grauen Strähnen durchzogen, der Vollbart gepflegt. Irgendwie konnte Lukas nicht festmachen, ob vor ihm ein freundlicher Großvater oder ein Scharfrichter saß. Vermutlich eine Mischung aus beidem.
»Ich verstehe, dass du deinen besten Freund vermisst, so ein Umzug ist niemals leicht.« Herr Arnold nahm einen Schluck aus der Tasse.
Bei diesen Worten begriff Lukas, dass der Direktor mit seinem Vater über ihn gesprochen haben musste. Woher wusste er sonst, dass Micha sein bester Freund war?
»Es hat eine emotional aufwühlende Wirkung auf mich«, sagte er einen Satz, den seine Mutter öfter anbrachte, wenn sie mit einer Situation unzufrieden war.
Der Direktor stieß einen kurzen Lacher aus und da er die Tasse noch in der Hand hielt, verteilte er Kaffeespritzer über die Akten. Schnell stellte er die Tasse auf den Untersetzer. Mit einem Taschentuch wischte er die Flecken weg.
»Du wirst natürlich verstehen, dass auch Herr Rechbit ›emotional aufgewühlt‹ ist. Schließlich gibt er sich sehr viel Mühe, seinen Unterricht vorzubereiten. Und er hat meines Wissens am Anfang der Stunde klargemacht, dass das Internet tabu ist.«
Ja, Lukas konnte sich erinnern, dass diese Worte gefallen waren. Das Internet durfte nur genutzt werden, wenn Herr Rechbit eine bestimmte Website mit ihnen aufrufen wollte.
»Schon«, gab er zu.
»Ich habe über diese Sache mit deinem Vater gesprochen und vermutlich wird er seine Meinung dazu heute zu Hause deutlich machen.« Der Direktor mischte seinem Blick eine wohldosierte Härte bei.
Ein guter Trick, doch mittlerweile war Lukas’ Angst gewichen. Direktor Arnold mochte sich hart geben, aber da war auch ein sympathisches Funkeln in seinen Augen.
»Wie, denkst du, sollte deine Strafe aussehen?«
Lukas hatte geahnt, dass diese Frage kommen würde. Jetzt galt es, gut zu verhandeln. Wenn seine Antwort zu mild ausfiel, würde Herr Arnold ihm etwas anderes aufbrummen. Zu schwer kam natürlich auch nicht infrage.
»Ein Aufsatz«, schlug er vor. »Über … die Gefahren des Internet?« An seiner alten Schule hatte er den bereits geschrieben, er musste ihn nur ausdrucken und abgeben. »Bis morgen.«
»Eine ausgezeichnete Idee.« Direktor Arnold nickte. »Sieht man davon ab, dass in deiner Schulakte alle Themen aufgelistet sind, zu denen du in der alten Schule bereits etwas angefertigt hast.«
Er hatte den Direktor unterschätzt. Und seinen Vater, der bestimmt bereitwillig jedes Thema verraten hatte. »Ähm.«
»Dieser eloquent formulierten Antwort entnehme ich, dass du das Problem erkannt hast.« Der Direktor lächelte, doch dieses Mal erreichte es nicht seine Augen.
Lukas beschloss, das Wort ›eloquent‹ später nachzuschlagen.
Herr Arnold wartete schweigend, was sich als überaus unangenehme Taktik erwies. Mittlerweile brannten Lukas’ Wangen. War es schon immer so heiß hier drin gewesen?
»Theater-AG«, sagte der Direktor dann.
Was ein Scherz sein musste.
»Ich kann kein Theater spielen«, sagte Lukas schnell.
»Deshalb wirst du es dort auch lernen.«
»Aber das geht nicht.«
»Weil?«
»Ich es nicht mag.« Und es eine schreckliche Idee war! Außerdem war Ella ebenfalls dort, sie würde ihn mit Blicken erdolchen und ständig belagern.
»Wir müssen im Leben alle Dinge tun, die wir nicht mögen. Es gibt Fächer, die dir nicht gefallen, aber du lernst sie, um für das spätere Leben gerüstet zu sein.«
Verdammt! Es war die Für-das-Leben-gerüstet-Ansprache. Das konnte nicht nur dauern, es gab auch keine Gegenargumente.
Und da ging es bereits weiter.
Direktor Arnold schien Übung darin zu haben, denn die Sätze wirkten einstudiert, als habe er sie schon hundert Mal aufgesagt.
»… beispielsweise Mathematik.« Nach geschlagenen fünfzehn Minuten kam der Direktor zum Ende. »Trotzdem ist es wichtig.«
»Hm«, verlegte sich Lukas auf so wenig Angriffsfläche wie möglich.
»Wir sind uns also einig?«, hakte Direktor Arnold schließlich nach.
Und was hätte Lukas auch antworten sollen? »Klar. Ich freue mich darauf.«
»Etwas mehr Begeisterung, dann sehe ich großartige Theaterstücke vor uns, in denen du die Hauptrolle übernehmen darfst.«
Was für Lukas bedeutete, besagte Begeisterung auf ein Minimum zu reduzieren. Möglicherweise konnte er Schlimmeres verhindern, wenn er sich so schlecht anstellte, dass man ihm keine Rolle geben konnte. Er könnte doch zum Beispiel als Baum in der Ecke stehen.
Der Direktor, der ihn die ganze Zeit eindringlich gemustert hatte, ergänzte: »Es gibt übrigens Noten.«
Konnte er etwa Gedanken lesen? Vermutlich war auf Lukas’ Gesicht das Entsetzen abzulesen.
»Ich war auch mal jung. Und jetzt raus mit dir.« Schon wandte sich der Direktor der nächsten Akte zu.
Vor der Tür atmete Lukas tief ein und wieder aus. Er musste Theater spielen! Wie hatte es nur so weit kommen können?
Wütend warf er sich gegen die Schwingtür und trat ins dämmrige Tageslicht. Im gleichen Augenblick fielen die ersten Regentropfen.
»So ein Zufall«, erklang Ellas Stimme. »Du bist auch noch hier.« Es klickte, als sie den Regenschirm aufspannte. »Da können wir uns auf dem Heimweg weiter unterhalten. Willst du unter den Schirm?«
Schweigend zog Lukas die Kapuze seines Hoodies über und stapfte in den Regen. Ella folgte ihm.

Eine Freitagsüberraschung
Endlich!
Die Woche neigte sich dem Ende zu, was Lukas’ Martyrium beendete. Der Vorfall mit dem Chat hatte dafür gesorgt, dass er Internetverbot erhielt. Zusätzlich war sein Vater plötzlich erpicht darauf, aus Lukas ein Mathematikgenie zu machen. Stundenlang saßen sie gemeinsam im Wohnzimmer über irgendwelchen komplizierten Hausaufgaben, die durch erbarmungslose Übungen erweitert wurden. Durch die Zusatzaufgaben war Lukas abends zum Umfallen müde. Kaum hatte er sein Zimmer betreten, fiel er aufs Bett und schlief ein. Lukas kam sich vor wie in einem Gefängnis. Einem, das von zwei Aufsehern mit Habichtsaugen geleitet wurde.
Glücklicherweise endete seine Tortur mit dem Ende der Woche. Da samstags keine Schule war, würde seine Mutter ihn nicht länger kontrollieren und sein Vater hatte es inzwischen aufgegeben, aus ihm ein Genie zu machen.
»Jetzt kehren wir alle zurück zu unserem inneren Ausgleich«, verkündete Lukas’ Mutter am Abend. »Unser Sohn hat seinen Fehler eingesehen, damit ist alles vergeben und vergessen.«
»Und wird sich nicht wiederholen«, betonte sein Vater mit einem scharfen Blick.
Lukas nickte verbissen. Sohn eines Lehrers zu sein brachte so viel Nachteile mit sich. Bruder einer kleinen Schwester zu sein ebenfalls, wie er die Woche über wieder einmal hatte feststellen dürfen. Immer wieder war das Schwestermonster an ihm vorbeigelaufen und hatte gerufen: »Das Internet ist weg, es kommt bestimmt nie wieder.«
Endlich war das Abendessen zu Ende. Lukas raste in sein Zimmer und knallte die Tür hinter sich ins Schloss.
»In diesem Haus werden keine Türen geknallt«, brüllte sein Vater.
Sicherheitshalber schob Lukas den Riegel vor, der an der Innenseite angebracht war. Vor dem Fenster zog die Dunkelheit herauf und Regentropfen trommelten in einem stetigen Tock, Tock gegen die Fensterscheibe. In Winterstein regnete und stürmte es ständig.
Lukas schlüpfte in seine Turnschuhe, schnappte sich seinen Rucksack und zog das Buch aus dem Regal, das den geheimen Mechanismus auslöste. Lautlos glitt die Tür hervor. Warmes Licht empfing ihn, als er die Treppenstufen immer zwei auf einmal nehmend nach oben sauste.
Das Studierzimmer erwartete ihn, wie er es verlassen hatte. Die Tiegel mit Pulver und Fläschchen mit Flüssigkeit standen auf den Regalen, Bücher lagen aufgeschlagen auf dem Tisch, das Pendel der Standuhr schwang von links nach rechts.
Er schnappte sich die Schale mit dem Flüsterpulver und streute vorsichtig einen Teil auf sein Gesicht. Das blaue Pulver flirrte wie Sternenstaub, als die Magie zu wirken begann. Ein kurzer Blick aus dem Fenster bestätigte Lukas, dass er den Wald in seiner magischen Form erkennen konnte. Obgleich tiefste Nacht war, waberte die schimmernde Schutzsphäre deutlich sichtbar unter dem Sternenhimmel. Zwischen dem Geäst zeichneten sich Schemen ab.
»Wo fange ich an?«
Er hatte beschlossen, wieder einfach in den Wald hineinzulaufen. Irgendwie würde er Rani, Felicitas und Punchy schon finden. Gerade wollte er sich der Treppe zuwenden, als ihm etwas ins Auge stach.
Auf dem Tisch lag ein winziger Zettel, auf den jemand etwas geschrieben hatte. Ein Wort, das keinen Sinn ergab. Es sah nicht nach der Schrift des Professors aus und er war sich auch ziemlich sicher, dass der Zettel bei seinem letzten Besuch nicht da gelegen hatte. Ein Wesen des Flüsterwalds war hier gewesen! Mit gerunzelter Stirn wendete er das Blatt, doch es gab keinerlei Hinweis, was er tun sollte.
Leise murmelnd sprach er das Wort.
Wie angeknipst begann die Halbkugel in der Standuhr zu glühen, die Zeiger verstellten sich auf fünf vor zwölf (auch wenn es keine Zahlen, sondern seltsame Symbole waren, die an der Uhr angebracht waren). Das Pendel klappte beiseite. Dahinter kam das blau-weiße Flirren zum Vorschein, das für ein Portal typisch war.
Entsetzt wich Lukas zurück.
War das eine Falle?
Seine Gedanken wurden von einem pelzigen Bündel unterbrochen, das frontal gegen ihn knallte. Aufschreiend kippten sie beide um.
»Rani!«, rief Lukas.
»Wieso stehst du vor der Standuhr, wenn ein Portal sich öffnet?« Der Menok reichte ihm nur bis zum Knie, als er sich aufrichtete und das zerzauste Fell mit seinen Händen und dem Greifschwanz glattstrich. Seine Lesebrille hatte er nicht aufgesetzt.
»Ich wusste ja nicht, dass ihr kommt.«
Die Arme in die Hüfte gepresst, stellte sich der Menok vor dem Portal auf. »Es weiß doch jeder, dass man besser zur Seite geht, wenn es wabert.«
Mit einem Klong krachte Rani gegen das gegenüberstehende Regal, als Punchy wie eine Kanonenkugel durch das Flimmern geflogen kam. Ein aus Ton getöpfertes Etwas fiel herab und zerbrach in Scherben.
»Ja«, kommentierte Lukas trocken. »Du hast vollkommen recht, das sollte man wissen und besser nicht davorstehen.«
War das eine Art Grinsen auf Punchys Gesicht, das er da sah? Lukas blinzelte. Im nächsten Augenblick leckte sie sich bereits wieder gelangweilt die Tatzen, als sei ihr die Welt egal.
Den Abschluss bildete Felicitas, die armlange Elfe, die aufgeregt mit den Flügeln schlug. »Lukas, es ist so schön, dich zu sehen!« Ihr Blick fiel auf Punchy und Rani. »Ich habe die Stärke der Magie wohl ein klitzekleines bisschen unterschätzt. Der Flug war doch sehr … wuchtig.«
»Ach«, patzte der Menok, »meinst du? Ich bin gegen unseren Menschenfreund gestoßen.«
»Oh nein.« Felicitas erbleichte. »Geht es dir gut, Lukas?«
Dass sie diese Frage nur an Lukas richtete, versetzte Rani erneut in Aufregung.
»Danke sehr, mir geht es auch gut.« Prompt zog er das Büchlein aus der Tasche, ein Stift kam zum Vorschein und er notierte: »Steht vor Portalen, wenn sie sich öffnen. Unbedingt Intelligenzmessung durchführen.«
Lukas kicherte. Er freute sich so sehr, seine Freunde wiederzusehen, dass er Rani nicht einmal böse sein konnte. »Was macht ihr hier?«
»Dich besuchen, natürlich.« Felicitas sank auf den Schreibtisch. »Deshalb habe ich doch das Zauberwort hinterlassen. Der Elfenstaub auf dem Papier hat die Wirkung entfaltet, als du das Wort ausgesprochen hast.«
»Nachdem wir dreimal hier waren, du aber nicht, wollten wir es dir überlassen, wann du Kontakt aufnimmst. So geht man wirklich nicht mit seinen Freunden um.« Rani sprang auf den abgewetzten Ohrensessel.
»Tut mir leid, ich hatte da ein paar Probleme mit meinen Lehrern.« Lukas fasste zusammen, was geschehen war.
»Kann nicht mit Autorität umgehen«, notierte Rani sofort.
Lukas verdrehte die Augen. »Jetzt erzählt lieber, wie ihr hierherkommt.«
»Es war ihre Idee«, sagte der Menok, was wie ein Vorwurf klang. Er deutete auf Felicitas.
»Wir haben die Standuhr gerettet, die der Magieloge zerlegen sollte«, erklärte sie.
Lukas erinnerte sich an die meterhohen Berge aus Gegenständen in der Rumpelkammer, die sie bei ihrem letzten Abenteuer gefunden hatten. Alles magische Artefakte aus den dunklen Jahren, die vernichtet werden sollten. Da es jedoch nur einen einzigen Magielogen gab, war dieser mit der Aufgabe völlig überfordert.
»Ab sofort können wir uns immer gegenseitig besuchen«, freute sich Felicitas und surrte durch den Raum. »Was sind das denn für Scherben auf dem Boden?«
»Lukas will bestimmt sehen, was wir in mühevoller Arbeit vorbereitet haben«, sagte Rani schnell. »Lass doch diese unnützen Scherben.«
Und Lukas war tatsächlich gespannt, wollte unbedingt zurück in den Flüsterwald. Nun musste er nicht mehr den langen Weg durch das Wäldchen hinter seinem Garten und über den Fluss gehen. Sie konnten sich jederzeit Nachrichten hinterlassen und durch die Standuhren besuchen.
»Dann los.« Felicitas sauste kurzerhand durch das Portal.
»Nach dir«, ließ Rani ihm den Vortritt.
»Du willst ja nur weich landen«, sagte Lukas.
Punchy flitzte noch vor ihnen in das Flimmern. Als Aufpasserin einer leicht zu begeisternden Elfe hatte sie es eindeutig nicht einfach.
Lukas zurrte seinen Rucksack fest und sprang in das Portal.

Das Hauptquartier
Das Portal setzte Lukas in einem Verschlag aus Brettern ab. Es gab einen Berg aus Sitzkissen, daneben einen schief gezimmerten Holztisch. Ringsum ragte Geäst empor, Blätter raschelten im Wind.
»Ein Baumhaus«, hauchte er.
»Ist es nicht toll?« Aufgeregt flitzte Felicitas durch die Luft. »Hier können wir uns immer treffen und gemeinsam zu Erkundungen aufbrechen. Es gibt so vieles im Flüsterwald, was du noch nicht kennst.«
»Natürlich ist das nicht einfach Spielerei.« Die Ärmchen auf dem Rücken verschränkt stolzierte Rani wichtigtuerisch auf und ab. »Ich werde dich studieren und die Informationen niederschreiben. Mein Buch wird ein Bestseller, in allen Flüsterwäldern werden sie davon sprechen.«
Punchy ließ sich elegant auf einem Kissen nieder, leckte über ihr Fell und lauschte.
»Aber was mache ich, wenn mich jemand als Mensch erkennt?«, merkte Lukas an. »Wir brauchen keine zweite Wark-Verfolgungsjagd.«
»Auch daran habe ich gedacht!« Felicitas deutete auf ihre Ohren. »Mittlerweile habe ich den Elfenzauber verbessert. Du wirst deine Größe behalten, aber deine Ohren passen sich an und die Aura auch. Dazu bekommst du ein Säckchen mit Elfenstaub, das du im Notfall vorzeigen kannst. Offiziell bist du ein zurückgekehrter Späher aus der nahen Stadt, der noch nicht wieder auf seine normale Größe geschrumpft ist.«
Das alles klang für Lukas nach einer Menge Spaß. Seine Neugierde ließ ihm sowieso keine Ruhe. Er wollte mehr erfahren über den Flüsterwald und seine Völker.
»Und das ist noch nicht alles«, jauchzte Felicitas. »Kommt mit!« Damit flog die Elfe aus dem Baumhaus.
»Es tut mir aufrichtig leid«, sagte Rani und folgte ihr.
»Was tut dir leid?«, wollte Lukas wissen.
Da der Menok ihm jedoch keine Antwort gab, folgte er diesem nach draußen. Das Häuschen war auf eine Plattform gebaut, die hoch in den Baumwipfeln des Flüsterwaldes thronte.
»Erkennst du ihn wieder?«, fragte Felicitas.
»Wen denn?«
»Den Baum natürlich.«
Neugierig beugte sich Lukas über den Rand der Plattform und spähte in die Tiefe. Tatsächlich kam ihm die Umgebung vage vertraut vor.
»In diesem Baumstamm ist der Eingang zur Blinzelbahn verborgen!«, rief Felicitas, die nicht länger hatte warten wollen.
»Wir durften es dir nicht verraten«, erklärte Rani mürrisch. »Sie wollte, dass du selbst drauf kommst.«
Lukas schluckte. »Das ist so toll.«
»Nicht wahr?« Felicitas glühte vor Aufregung.
Der Gedanke an die Blinzelbahn ließ ein flaues Gefühl in Lukas’ Magen aufsteigen. Sie war ein praktisches Fortbewegungsmittel, das jede Achterbahn um Längen schlug. Angeblich gewöhnte man sich mit der Benutzung daran. Das konnte er nach zwei Fahrten jedoch nicht bestätigen.
»Wohin möchtest du zuerst fahren?«, fragte Felicitas.
»Ähm.« Wie kam er da nur wieder heraus?
Die Antwort erfolgte aus unerwarteter Richtung. Im Baumhaus polterte es, gefolgt von einem dumpfen Laut. Punchy maunzte empört.
»Alles in Ordnung da drinnen?«, fragte Felicitas.
Die Tür des Baumhauses öffnete sich. Es war Ella!
»Du hast ja tatsächlich nicht gelogen. Sind das deine Freunde?«, flötete sie.
Lukas starrte sie entsetzt an. »Aber … Was tust du hier?!«
»Ich habe doch gesagt, dass ich nicht aufgebe.« Triumphierend stemmte sie die Fäuste in die Hüften. »Tut mir übrigens leid um diese kleine Laterne aus Glas auf eurer Veranda. Der magische Schutz war plötzlich weg, ich war überrascht, bin getaumelt und dann … nun ja.«
Lukas kochte innerlich vor Wut. »Wieso war der magische Schutz denn plötzlich weg?«
Ella zuckte mit den Schultern. »Glücklicherweise habe ich einen Ersatzschlüssel und den habe ich benutzt und bin auf den Speicher gestiegen. Übrigens nicht nett, dass ihr die Vase zerstört habt, die ich für meinen Großvater getöpfert habe.«
»Mag uns vielleicht mal irgendwer erklären, was hier los ist?«, fragte Rani. »Du bist doch dieser weibliche Mensch, der freiwillig in diesem Todesbecken war.«
»Wovon spricht er?«, hakte Ella nach.
Lukas verdrehte nur die Augen. Obwohl sie es nicht verdient hatte, berichtete er, wie sie bei seinem letzten Abenteuer in die Vergangenheit geblickt hatten. Dabei hatten sie gesehen, wie Ella früher im Pool des Herrenhauses geplanscht hatte. Für einen Menok ein Unding, freiwillig in Wasser einzutauchen.
»Aber seit das Haus uns gehört, kannst du es nicht mehr betreten«, schloss Lukas seine Erklärung und wiederholte seine vorherige Frage: »Wie hast du es nur geschafft, den Schutzzauber zu brechen?«
»Ich habe eine Idee«, verkündete die Elfe. »Du sagst, dass du diese Vase getöpfert hast, die nun in Scherben auf dem Boden des Arbeitszimmers liegt?«, fragte sie. Als Ella nickte, ergänzte sie: »Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass die Magie darauf lag. Aber vermutlich war die Vase die Quelle des Zaubers, der dich ausgesperrt hat.«
»Rani ist dagegengeprallt«, erklärte Lukas.
»Weil deine Katze durch das Portal kam!«, blaffte der Menok an Felicitas gewandt.
»Vor denen man nicht herumstehen sollte«, konnte Lukas sich nicht verkneifen.
Daraufhin verfärbte sich Ranis Gesicht knallrot. Er erinnerte an einen Topf, der kurz vor der Explosion stand.
»Ich danke dir.« Ella ging in die Knie und streichelte den Menok. »Damit hast du mir sehr geholfen.«
Die Luft entwich pfeifend, Rani lächelte. »Wir Menoks mögen es eigentlich nicht …« Er kicherte. »Weiter links, unten. Ja, das ist gut. Also weil du es bist, darfst du mich streicheln. Ausnahmsweise. Wann immer du willst.«
Nach ein paar Minuten, in denen nur Ranis freudiges Schnurren zu hören war, richtete Ella sich wieder auf. »So, es war nett, euch kennenzulernen, Freunde von Lukas, aber ich muss los.«
»Du willst schon gehen?«, fragte Rani enttäuscht. »Warum denn das?«
»Meinen Großvater suchen, natürlich.« Sie sah sich um. »Wie komme ich von diesem Baumhaus runter?«
»Der Professor?« Felicitas sauste zu Ella und blieb vor ihrem Gesicht in der Luft schweben. »Er ist hier im Wald?«
»Soweit ich weiß«, bestätigte sie. »In den Tagen vor seinem Verschwinden wirkte er unruhig, fast, als hätte er Angst. Bei unserem letzten Treffen hat er gesagt, dass er einer Karte folgen will, um das verschwundene Volk des Flüsterwaldes zu finden. Und damit auch das Herz des Waldes.«
Felicitas schnappte nach Luft.
Rani starrte nur mit offenem Mund auf einen Punkt an Ellas Bein.
Selbst Punchy vergaß für einen Augenblick, dass sie sich gerade putzte. Mit herausgestreckter Zunge blickte sie zur Enkelin des Professors auf.
»Das Herz des Waldes«, krächzte Felicitas schließlich.
»Wieso seid ihr auf einmal alle so komisch?«, fragte Lukas.
»Aber erinnerst du dich denn nicht?«, ereiferte sich Rani. »In den dunklen Jahren wäre der Flüsterwald beinahe ausgelöscht worden. Doch irgendwie ist es den Verteidigern gelungen, eine Verbindung zum Herz des Waldes herzustellen. Es ist die Quelle aller Magie, doch niemand weiß, wo es ist. Damit konnten sie das Böse zurückdrängen.«
»Ich tippe auf einen Vergessenszauber.« Felicitas sauste zu Lukas. »Sonst müsste sich ja irgendwer erinnern, der damals an den Kämpfen beteiligt war.«
Ellas Großvater war also auf eine Expedition zur Quelle der Magie aufgebrochen. Vermutlich, weil er Angst vor jemandem gehabt hatte. Darauf deutete auch die handgeschriebene Notiz hin, die Lukas bei seinem ersten Betreten des geheimen Studierzimmers auf dem Tisch gefunden hatte. Auch Ella vermutete das. Doch vor wem hatte der Professor solche Angst gehabt? Und von welcher Karte hatte er gesprochen?
»Mein Großvater sucht schon lange nach dem Herz des Waldes«, erklärte Ella. »Bei einer Ausgrabung fand er ein altes Pergament mit einem Rätsel darauf. Er glaubte, dass nur Würdige den Zugang zur Stadt des verlorenen Volkes finden können.«
Lukas stöhnte auf. »Aber dann ist er weg, ohne eine Spur zu hinterlassen.«
Ella tippte sich gegen die Schläfe. »Tja, ich war aber dabei, als er das Pergament gefunden hat. Und rate mal, wer es auswendig gelernt und aufgeschrieben hat.«
»Wer?«, fragte Rani neugierig.
»Sie.« Lukas deutete auf Ella.
»Ich gehe dann jetzt mal«, sagte die Enkelin des Professors leichthin.
Ein ganz gemeiner Trick, auf den Rani, Punchy und Felicitas leider prompt hereinfielen. Alle drei redeten gleichzeitig – nun ja: Der Menok und die Elfe sprachen, während die Katze drauflosmaunzte.
»Aber sie kann doch nicht alleine …«, ereiferte sich Rani.
»Das Herz des Waldes. Das verlorene Volk, ich bin ganz aufgeregt!« Felicitas sauste hin und her.
Das Maunzen von Punchy konnte Lukas nicht verstehen, es klang aber sehr eindringlich.
Natürlich wollte auch er den Professor suchen, aber das musste doch nicht so offensichtlich gezeigt werden.
»Also wenn du Hilfe brauchst …« Er räusperte sich.
Ella grinste so frech, dass Lukas sie am liebsten geschüttelt hätte. »Ihr dürft gerne mitkommen. Ich erlaube es euch.«
Diese miese …
»Ich zeige dir, wie man hinunterkommt«, bot Rani eifrig an.
Dieser elende …
»Aber vorher maskiere ich dich auch noch zu einer Elfe«, bot Felicitas an.
Diese gemeine …
Lukas gab auf.

Das Pergament
Mit einem triumphierenden Grinsen zog Ella ein Papier aus der Tasche.
Sie waren ins Baumhaus zurückgekehrt, wo Felicitas eines der Wasserlichter von der Wand pflückte. Es glomm in magischem Licht, wie eine Kerze im Wasser. Aus Erfahrung wusste Lukas, dass man es gefahrlos berühren konnte.
Im wabernden Schein beugten die Freunde sich gespannt über das Pergament.
Ella hatte sich die Zeilen tatsächlich genau eingeprägt und sie exakt wiedergegeben:
Drei Teile, um das Verborgene zu enthüllen,
das Vergessene zu sehen.
Wo Erde, Feuer, Luft auf Wasser trifft.
Im Mondschein zeigt sich vor den Augen
dunkler Schwingen
der Weg zur Unterwelt.
Doch Suchender gib acht, nur ein Weg führt zum Ziel.
Steig die Stufen empor und bringe, was beständig
vergeht vom Gestern ins Heute.
In schwarzer Asche wartet, was
nicht für dich bestimmt.
»Kein Wunder, dass dein Großvater verschwunden ist«, verkündete Rani. »Wirkt nicht sehr einladend, dieser Text.«
»Das Vergessene zu sehen«, murmelte Lukas. »Etwas, das aus drei Teilen besteht. Eine Karte vielleicht? Das könnte ein Problem werden.« Auf die verständnislosen Blicke der anderen ergänzte er: »Na, wenn der Professor schon eines der gesuchten Teile oder vielleicht sogar alle gefunden hat, können wir seinen Weg nicht mehr nachverfolgen.«
Felicitas schien kurz nachzudenken, dann sauste sie zur Wand und zog an einem hervorstehenden Ast. Ein Teil des Holzes klappte beiseite und dahinter kam ein Regal zum Vorschein.
»Ich habe ein paar nützliche Gegenstände hier gelagert«, erklärte sie und deutete auf einen blauen Stein von Würfelform mit goldenen Symbolen darauf. »Du musst lernen, magischer zu denken, Lukas.«
»Was ist das?«, fragte er.
»Schokolade?«, fragte Rani hoffnungsvoll.
»Ein Duplizierstein«, verkündete Felicitas und schüttelte in Richtung des Menok entschieden den Kopf. »Er fängt das Echo eines Gegenstands auf und kopiert diesen. Egal, worum es sich handelt. Mit jedem Einsatz verbraucht sich ein wenig Magie, bis all diese goldenen Symbole verschwunden sind. Dann zerfällt er zu Steinstaub.«
Lukas war beeindruckt von dem kleinen Reich, das Felicitas, Rani und Punchy hier geschaffen hatten. Er sah sich bereits auf den Sitzkissen liegen und ein Buch lesen, während der Regen auf das Blätterdach prasselte. Doch das musste warten.
»Aber wo fangen wir denn mit der Suche an?«, fragte Lukas. »Diese Verse sind total rätselhaft.«
»Ich glaube, das ist der Sinn der Sache«, neckte ihn Ella.
Ob es auch ein Verschwindepulver gab, das er versehentlich auf sie schütten konnte?
»Können wir nicht auf magische Weise versuchen, eine Lösung für das Rätsel zu finden?«, fuhr Ella fort.
Felicitas klatschte in die Hände. »Das ist so eine gute Idee.«
»Nein.« Rani schüttelte energisch den Kopf. »Die Idee ist eine Katastrophe. Gleich wird sie …«
»Ich könnte einen Zauber wirken«, schlug Felicitas vor und ignorierte Rani völlig. »Gibst du mir eines deiner Haare, Ella? Durch die Verwandtschaft zwischen dir und deinem Großvater müsste ich das hinbekommen.«
Ella übereichte der Elfe eines ihrer blonden Haare. Rani ging auf ordentlichen Abstand, bis er hinter Punchy stand. Die Katze bemerkte, dass sie als Schutzschild verwendet werden sollte, warf ihm einen wütenden Blick zu und schlich davon.
Und Felicitas warf den Elfenstaub.
Ellas Haar glühte auf, wirbelte durch die Luft, verströmte einen Hauch von überirdischer Magie. Lukas, Ella, Felicitas, Rani und sogar Punchy – sie alle blickten auf das winzige goldene Haar.
Es schwebte durch das Baumhaus.
Dann explodierte es direkt über Rani. Als habe jemand einen Eimer über dem Menok ausgeleert, prasselte Erde auf diesen herab. Lukas schloss die Augen. Er wusste, was sie nun erwartete.
Der Streit ließ nicht auf sich warten. Rani beleidigte Felicitas, die sich vehement verteidigte. Einige Minuten vergingen, dann kehrte endlich wieder Ruhe ein.
»Und was bedeutet das?«, fragte Ella.
Punchy deutete mit einem Maunzen auf die Erde, die sich um den Menok auf dem Boden verteilt hatte.
»Es ist bloß Dreck«, sagte Rani.
Die Katze tippte mit ihrer Tatze vehement auf die gleiche Stelle.
»Das ist es nicht«, stellte Felicitas klar. »Wir müssen es nur deuten.«
»Aber wie?«, fragte Ella.
Punchy schlug sich die Tatze vor die Stirn und stöhnte auf. Mit einer flinken Bewegung schoss sie zum Regal. Felicitas folgte ihr und nach einem kurzen Murmeln flatterte die Elfe begeistert in die Höhe, eine Landkarte in Händen. Mit dem Finger zeigte sie auf einen Punkt auf der Karte. »Ich weiß, wohin wir müssen. Es ist so offensichtlich!«
Rani folgte ihrem Finger und nickte wissend. »Also dafür sollten wir uns vorbereiten«, erklärte er. »Eindeutig.«
Bevor Lukas nachhaken konnte, waren die beiden schon an der Standuhr, öffneten das Portal und kehrten zurück ins Studierzimmer. Lukas, der immer noch keinen Schimmer hatte, was die anderen vorhatten, folgte, gemeinsam mit Ella.
Unter Anleitung von Felicitas ging er das Regal ab, verstaute mehrere verkorkte Fläschchen in seinem Rucksack und füllte Pulver in verschließbare Tiegel. Das Ganze wurde von Rani begleitet, der ständige Dinge sagte wie »Vorsicht, das könnte explodieren« oder »Du hast etwas abbekommen, jetzt ist es vorbei«.
Irgendwann war der Rucksack bis obenhin gefüllt und sie wechselten mithilfe der Standuhr wieder in das Baumhaus.
»Wann zeigst du uns eigentlich dein Zimmer?«, fragte Felicitas plötzlich. »Ich möchte so gerne sehen, wie du lebst.«
»Oh ja.« Rani tippelte schnell in sicheren Abstand von der Standuhr, da Punchy gleich hindurchkommen würde. »Ich will unbedingt mehr über das menschliche Verhalten in natürlicher Umgebung wissen.«
»Er ist ein Junge«, sagte Ella trocken. »Sein Zimmer ist also unordentlich.«
»Gar nicht wahr!« Gut, dass Lukas sein Zimmer erst beim nächsten Mal zeigen musste. »Hört nicht auf sie. Wie kommen wir denn jetzt nach unten?«
Anstelle einer Antwort zog Rani an einem hervorstehenden Ast, worauf sich im Stamm des Baumes eine Tür öffnete. Das Innere war hohl und mit Treppen ausgestattet.
»Wir haben die Treppe einfach erweitert«, erklärte Felicitas. »Es gab ja schon Stufen, die nach unten zur Flüsterbahn führen. Dem Baum macht das nichts aus, alles magisch.«
Immer im Kreis schraubte sich die Treppe in die Tiefe.
»Und wohin soll die Blinzelbahn uns überhaupt bringen? Wo fangen wir mit der Suche an? Könnt ihr mir das nicht endlich verraten?«, fragte Lukas.
»Ich finde das recht offensichtlich«, gab Rani natürlich sofort an, obgleich er ebenfalls keine Ahnung gehabt hatte.
»Ach ja?« Lukas wäre beinahe gestolpert und konnte sich gerade noch an der Innenseite des Stamms abstützen.
»Natürlich. Wir fahren zum Stollenvolk.« Der Menok schien überaus zufrieden mit sich, der Welt und seinem Verstand. »Habt ihr das etwa nicht sofort erkannt?«
Felicitas schien in Gedanken bereits am Ziel zu sein. »Der Zauber hat das Haar in Erde verwandelt und nicht nur irgendeine Erde. Diese hier besitzt einen leicht rötlichen Schimmer, wie sie nur beim Stollenvolk zu finden ist. Punchy hat das sofort erkannt.«
Tatsächlich erinnerte sich Lukas dunkel an eine Passage im Buch des Professors. Da hatte etwas über zwergenähnliche Kreaturen gestanden, die unter der Erde lebten. Doch ein Abschnitt hatte ihn erschreckt. Er zerbrach sich den Kopf darüber, was es gewesen war.
Endlich erreichten sie ebene Erde und betraten die Stufen, die nach unten führten. An der Wand hingen Wasserlichter, die mit ihrem feucht-warmen Schein die Dunkelheit vertrieben. Von den Spinnweben war nichts mehr zu sehen und es roch seltsam frisch.
»Hast du die Bahn schon mal benutzt?«, fragte Lukas an Ella gewandt.
»Ach, schon ganz oft«, erklärte sie.
Was eine glatte Lüge war, das erkannte er sofort. Das würde ein Spaß werden.
Sie erreichten den Blinzelbahnhof.
Wie beim letzten Mal standen überall kleine Tische mit Sesseln davor. Die Tassen mit eingetrockneten Resten von Flüssigkeit waren jedoch verschwunden, es gab auch hier weder Staub noch Spinnweben. An den Wänden hingen Bilderrahmen mit den auf Pergament gebannten Blinzelzeiten darin, aber in neuen Rahmen.
»Ihr habt euch ordentlich ins Zeug gelegt.« Beeindruckt glitt Lukas’ Blick über den blitzblanken Boden und die heimelige Atmosphäre. Am liebsten hätte er sich in einen der Sessel sinken lassen, um einen Kakao zu trinken.
»Ach, ich habe mir von daheim ein paar der neueren Besen ausgeliehen.« Felicitas winkte ab.
Mittlerweile wusste Lukas, dass die Reinigungsutensilien des Flüsterwalds selbstständig arbeiteten. Vielleicht konnte er sich bei Gelegenheit auch einen Besen ausleihen, dann musste er sich nicht selbst um sein Zimmer kümmern.
Wie bei einer U-Bahn gab es einen Tunnel, der aus der Halle herausführte. Anstelle von Schienen war der Boden mit wurzelartigen Strängen überzogen. Neben dem Tunneleingang stand ein Podest mit halb eingelassenen durchsichtigen Kugeln. Eine große in der Mitte und vier kleinere darüber, darunter, rechts und links. Hier konnte das Ziel angepeilt werden, doch man musste sehr lieb zur Blinzelbahn sein. Verhielt man sich unverschämt, konnte sich eine Reise durchaus verlängern.
In der Vergangenheit waren einige Reisende wohl etwas verwirrt am Zielort angelangt.
Felicitas legte ihre winzige Hand auf die Kugel in der Mitte, worauf das Abbild einer anderen Station erschien. »Perfekt, das ist genau die Richtige. Wir reisen in den Norden.« Die Elfe streichelte über das Holz. »Danke, dass wir dich benutzen dürfen.«
»Und wo ist die Bahn?«, rutschte es der Enkelin des Professors heraus.
»Ha, ich wusste es!« Lukas schob sie auf die Plattform, von der aus sie starten würden. »Du hast geschwindelt. Du bist noch nie mit der Bahn gefahren.«
Ella verschränkte die Arme, schwieg jedoch eisern.
Punchy maunzte bereits kläglich, Rani wirkte mürrisch wie immer und Lukas bereitete sich innerlich auf das Schlimmste vor. Vielleicht hatte er ja Glück und der Gewöhnungseffekt setzte endlich ein.
Gemeinsam standen sie auf der Plattform.
»Und jetzt?«, fragte Ella.
»Leg los, Felicitas«, bat Lukas.
»Gerne.« Die Elfe schaute nach oben, wo eine weitere der leuchtenden Halbkugeln in die Wand eingelassen war. Sie hielt den Blick starr darauf gerichtet.
Lukas grinste zufrieden.
Und Felicitas blinzelte.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.