Kitabı oku: «XXL-Pfarrei»

Yazı tipi:

Andreas Unfried u. a.

XXL-Pfarrei

Monster oder Werk

des Heiligen Geistes?

Andreas Unfried u. a.

XXL-Pfarrei

Monster oder Werk des Heiligen Geistes?


Die Bibelstellen wurden entnommen der Einheitsübersetzung

der Heiligen Schrift © 1980 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.ddb.de› abrufbar.

© 2012 Echter Verlag GmbH, Würzburg

www.echter-verlag.de

Umschlag: wunderlichundweigand.de

(Foto: © zettberlin/photocase.com und © chocolatto/photocase.com)

Satz: Hain-Team, Bad Zwischenahn (www.Hain-Team.de)

Druck und Bindung: Druckerei CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN

978-3-429-03486-3 (Print)

978-3-429-04640-8 (PDF)

978-3-429-06050-3 (ePub)

Inhalt

Einleitung (Andreas Unfried)

TEIL I: Grundlegende Überlegungen

1. Warum nicht alles bleiben kann, wie es ist. Und warum es besser ist, den Wandel zu gestalten, als ihn zu erleiden (Andreas Unfried)

2. Gemeinde, Pfarrei, Pfarrgemeinde – eine babylonische Sprachverwirrung (Andreas Unfried)

3. Es war nicht immer so, wie es ist: Pfarrseelsorge im Wandel (Mathias Wolf)

4. Gefeierter Glaube, gegebenes Zeugnis, tätige Nächstenliebe, praktizierte Gemeinschaft: Wovon die Kirche lebt (Andreas Unfried)

5. Die Eine, Heilige, Katholische und Apostolische Kirche: Was Kirche ist (Andreas Unfried)

6. In persona Christi capitis: Priesterliches Dienstamt (Andreas Unfried)

7. Diener eurer Freude – Vom Zusammenspiel der Dienste und Ämter (Mathias Wolf)

8. Der mitteleuropäische Sonderweg: Hauptamtliche Laien und arbeitsteilige Seelsorge (Andreas Unfried und Daniel Dere)

9. Die sitzende Kirche – Die Gremien: unser Untergang? (Andreas Unfried)

10. Beteiligung braucht neue Formen: Die Überwindung des Sitzungskatholizismus (Daniel Dere)

11. Wie kann’s weitergehen? – Ein Ausblick (Mathias Wolf)

TEIL II: Wie es trotz allem gehen kann: Ein Praxisbericht

12. „Wir wollen nicht. Aber wenn doch, dann schnell!“ – Die Ausgangslage (Andreas Unfried)

13. Projekt Pfarreiwerdung – Viele Köpfe denken besser (Andreas Unfried)

14. Nicht jeder kann alles, keiner kann nichts – Ein Team werden in der Seelsorge (Susanne Degen)

15. Wer nicht gegen uns ist, ist für uns – Öffentlichkeitsarbeit und Transparenz (Daniel Dere)

16. Da könnte ja jetzt jeder kommen … – Vom Umgang mit bischöflichen Behörden (Andreas Unfried)

17. Gemeinsamer Weg, gemeinsame Verantwortung – Vom Segen des Synodalprinzips (Andreas Unfried)

18. Wir gehen doch nicht allein – Geistliche Gründung eines Wandlungsprozesses. Ein imaginärer Dialog (Susanne Degen und Clemens Olbrich)

19. „Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles“ – Verwaltung und Finanzen (Andreas Unfried)

20. Fazit: Warum das Neue besser ist als das Alte – und trotzdem noch lange nicht genug (Andreas Unfried)

TEIL III: Materialsammlung


I. „Geh deinen Weg …“ – Eine biblische Vergewisserung
II. FAQ: Was ist eine „Pfarrei neuen Typs“?
III. Konsenspapier des Pastoralteams: Künftige Aufgaben der hauptamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorger
IV. FAQ: Ergebnisse der Beratungen in den Projektgruppen
V. Präsentation: „Pfarrei neuen Typs“ für fünf öffentliche Veranstaltungen in den Gemeinden
VI. Präsentation: Offener Klausurtag zum Prozess Pfarreiwerdung

Gebet auf dem Weg zur Pfarreiwerdung

Guter Gott,

wir bitten Dich auf unserem Weg,

dass uns Dein Heiliger Geist begleitet,

der Geist der Geschwisterlichkeit,

der Geist der Kreativität,

der Geist der Beherztheit,

Dein Segen begleite uns in all unserem Tun.

Amen.

Dieses Gebet, das auf unserem Klausurtag entstanden ist, wurde am Folgetag in allen Gottesdiensten gebetet und hat uns auf dem weiteren Weg immer wieder begleitet, indem wir es vor Beginn oder am Ende von Sitzungen gebetet haben und die Gemeinden eingeladen haben, uns durch ihr Gebet zu Hause im Prozess zu unterstützen.

Einleitung

(von Andreas Unfried)

Es kommt nicht alle Tage vor, dass man von 311 deutschen Theologen als Missstand angeprangert wird. In dem vielbeachteten Memorandum: „Kirche 2011 – Ein notwendiger Aufbruch“ heißt es: „Christliche Gemeinden sollen Orte sein, an denen Menschen geistliche und materielle Güter miteinander teilen. Aber gegenwärtig erodiert das gemeindliche Leben. Unter dem Druck des Priestermangels werden immer größere Verwaltungseinheiten – ‚XXL-Pfarren‘ – konstruiert, in denen Nähe und Zugehörigkeit kaum mehr erfahren werden können. Historische Identitäten und gewachsene soziale Netze werden aufgegeben. Priester werden ‚verheizt‘ und brennen aus. Gläubige bleiben fern, wenn ihnen nicht zugetraut wird, Mitverantwortung zu übernehmen und sich in demokratischeren Strukturen an der Leitung ihrer Gemeinde zu beteiligen.“

Was lässt sich groß sagen gegen den versammelten Sachverstand der deutschen Theologie? Oder gegen das ebenfalls verbreitete Urteil im Kollegenkreis oder in Diskussionsrunden mit kirchenkritischen Kirchenliebhaberinnen und -liebhabern, man sei bloß zu konfliktscheu und schafsdumm, um gegen solch offenkundige Fehlentwicklungen entschlossenen Widerstand zu leisten?

Wir haben im vergangenen Jahr einen Weg beschritten hin zu einer „Pfarrei neuen Typs“. Wir haben es nicht unserem Bischof zu Willen getan – wenngleich mit gehöriger Unterstützung durch die Diözese. Wir haben es getan aus der Überzeugung heraus, dass wir grundlegend etwas ändern müssen in der pfarrlichen Seelsorge und dass wir diese Änderungen lieber selber mit betreiben wollen, statt uns als Hindernis den Veränderungen in den Weg zu stellen (auf die Gefahr hin, überrollt zu werden). Es ist nicht so, dass wir schon in allem Bescheid wüssten, wie das Neue werden wird. Immer wieder gehen wir mit Hoffen und Bangen und oft genug navigieren wir bloß auf Sicht. Es ist auch nicht so, dass wir völlig frei von Selbstzweifeln wären. Geben wir zu viel vom Bewährten auf? Werden uns die Gemeindemitglieder folgen? Ist die Kirche, die am Ende entstanden sein wird, auch weiter die Kirche, von der ich geträumt habe, als ich mich einst entschlossen habe, mein Leben von ihr und der Botschaft, für die sie steht, prägen zu lassen?

Viele von uns sind in dieses Projekt mehr hineingestolpert, als dass sie es aktiv gewollt hätten. Wir haben uns auseinandersetzen müssen mit einer völligen Umgestaltung des beruflichen Umfelds und der vertrauten Gemeindestrukturen. Für viele von uns bedeutet der Prozess der Veränderung auch schmerzlichen Abschied von Liebgewordenem und Vertrautem. Dennoch haben Priester, hauptamtliche Seelsorgerinnen und Seelsorger und nicht zuletzt die synodalen Verantwortungsträger in den betroffenen acht Pfarrgemeinden unseres Pastoralen Raums mit großer Entschiedenheit den Weg zur Pfarreiwerdung beschritten. Wir sind diesen Weg von vornherein als gemeinsamen Weg gegangen, als Schicksalsgemeinschaft gewissermaßen. Und wir gehen ihn – bei unterschiedlichem Grad der Betroffenheit und unterschiedlicher Tiefe der Reflexion – als einen Weg, auf dem wir uns geführt vom Heiligen Geist erfahren. In unserer Perspektive ist das, was wir hier versuchen, nicht der Abgesang auf pfarrliche Seelsorge, sondern die konsequente Fortführung der Ekklesiologie des Zweiten Vatikanums. Es ist ein Ernstmachen damit, dass die Kirche wirklich Volk Gottes ist, in dem Laien und Priester gemeinsam Verantwortung tragen aufgrund gemeinsamer Berufung zum Allgemeinen Priestertum in Taufe und Firmung, und dass dieses Gottesvolk wiederum in sich gegliedert ist in eine Vielzahl und Vielfalt von Berufungen und Charismen, Ämtern und Diensten, unter denen dem priesterlichen Amt als dem Dienst an der Einheit und Apostolizität besondere Bedeutung zukommt.

Für uns ist die „Pfarrei neuen Typs“ keine Zentralpfarrei. Wir haben sie betont dezentral angelegt und sehen das Neue gerade darin, dass manche Identitätsmerkmale der klassischen Pfarrgemeinde auf sie nicht zutreffen. So vermag die neue Pfarrei die Gläubigen nicht ohne weiteres um einen Altar zu versammeln, weil es keine Kirche bei uns gibt, die groß genug wäre, die ganze Pfarrei (oder auch nur die Gottesdienstgemeinde derselben) zu fassen. Die neue Pfarrei wird auch kein zentrales Pfarrfest für alle haben können. Wir müssten uns dafür sonst wohl in einer Messehalle einmieten. Wichtiger aber als das, was die neue Pfarrei nicht sein wird oder leisten kann, wird sein, was sie positiv auszeichnet. Wir sind uns bewusst, dass vieles davon erst der Entwicklung bedarf. Wir legen gegenwärtig ja lediglich die Spielregeln fest, unter denen sich das Spiel dann erst entwickeln wird. Aber es ist doch nicht so, dass man an diesen Spielregeln nicht schon gewisse Kennzeichen der neuen Pastoral ablesen könnte: Es geht um Beteiligung und Transparenz in der Kommunikation und Entscheidungsfindung. Es geht uns um möglichste Nähe in der Seelsorge (wobei neu zu verstehen sein wird, wer künftig alles Träger von Seelsorge sein kann). Es geht uns um die Freisetzung von Ressourcen für die Neugewinnung bzw. Rückgewinnung pastoraler Felder, um das Aufbrechen der „Verkernung“ unserer Gemeinden und darum, dem immer schneller fortschreitenden gesellschaftlichen Bedeutungsverlust von Kirche und Glaube etwas entgegenzusetzen. Es geht schließlich darum, durch den Aufbau selbsttragender Gemeindestrukturen die pfarrliche Seelsorge weniger abhängig von hauptamtlicher Führung und Stützung zu machen, um die Gemeinden zukunftsfest zu machen in einer Zeit, in der es (Pflichtzölibat oder nicht) absehbar ist, dass der Grad der Hauptamtlichkeit in der deutschen Kirche spürbar abnehmen wird – und zwar nicht erst eines fernen Tages, sondern bereits im nächsten Jahrzehnt.

Wir haben im Folgenden versucht, unseren Weg und die Beweggründe für denselben zu beschreiben. Wir haben auch aufgeschrieben, welche Einsichten uns beim Gehen dieses Weges gekommen sind.

Gerne geben wir Ihnen auch etwas davon an die Hand, was uns selbst an Materialien in diesem Prozess hilfreich gewesen ist. Wir hoffen, auf diese Weise helfen zu können, dass andere, die sich auf den Weg machen wollen, das Rad nicht jedes Mal neu erfinden müssen oder auch dass sie aus unseren Fehlern lernen können.

Darum gliedert sich dieses Praxisbuch in einen ersten Teil mit grundlegenden Überlegungen, einen zweiten, der sehr konkret unseren Weg beschreibt, und einen dritten Teil, in dem wir verschiedene Materialien zusammengestellt haben.

Weil ein solcher Weg niemals von einem allein gegangen werden kann, wird dieses Buch auch gleichsam aus verschiedenen Perspektiven geschrieben. Nicht alles lässt sich hundertprozentig zur Deckung bringen. Nicht alle – zumindest scheinbaren – Widersprüche konnten wir ausgleichen. Wichtiger ist aber, dass wir gemeinsam auf dem Weg geblieben sind und uns immer wieder zumindest auf Richtung und Ziel verständigen konnten. Oft haben wir darum ringen müssen. Und gemurrt wie das Volk Israel in der Wüste haben wir mehr als einmal.

Für diejenigen, die dieses Buch vor allem aus dem Motiv heraus lesen, herauszufinden, warum das alles in ihrer Situation überhaupt nicht funktionieren kann, empfehlen wir, die Lektüre mit dem Kapitel 13 über die besondere Ausgangslage in Oberursel zu beginnen. Natürlich ist unser Prozess ein Einzelfall und – so gern es die Diözese auch hätte – nicht einfachhin ein Pilotprojekt, das sich problemlos auf andere Situationen im Bistum oder anderswo übertragen ließe.

Auf irgendwelche Vorbildfunktionen kommt es uns auch überhaupt nicht an. Wohl aber auf den Grundgedanken hinter unserem Projekt: dass auch in den gegenwärtigen Zumutungen eines tiefgreifenden Veränderungsprozesses der Gestalt von Kirche in unserem Land ein Anruf des Heiligen Geistes stehen kann, dass Gott auch heute in den Zeichen der Zeit zu uns spricht. Das „aggiornamento“ (die „Heutigwerdung“), jener Schlachtruf der Pastoral nach dem Konzil, das wir gern und oft in Richtung einer weitgehend reformunfähigen oder doch -unwilligen Institution Kirche aussprechen, erleben wir auf uns selbst gewendet als eine ungeheure Herausforderung, aber auch Inspiration. In der Pfarrei neuen Typs, wie wir sie miteinander erbauen und erbeten, wird der Geist der Freiheit und der Teilhabe wehen, der Geist des geschwisterlichen Miteinanders und der Freude an Gottes Wort und Sakrament. Wir sind uns bewusst, dass am Ende des Weges nicht schon „das Land, wo Milch und Honig fließt“, stehen wird. Es wird für uns nicht anders ausgehen als damals für das Volk Israel: Nach den 40 Wüstenjahren und der Landnahme wartete ein mühseliges Leben als Ackerbauern und Viehzüchter auf sie. Nicht ohne Grund hat Jesus für die Zeichen des Neuen Bundes nicht Milch und Honig, sondern Brot und Wein ausgewählt, die „Früchte der Erde und der Arbeit vieler Menschen“. Auf die Früchte dessen, was unsere Arbeit und Gottes Gnade wachsen lassen wird, hoffen wir und vertrauen wir.

Teil I:

1. Warum nicht alles bleiben kann, wie es ist. Und warum es besser ist, den Wandel zu gestalten, als ihn zu erleiden

Von Andreas Unfried

Alle vier Jahre ist in unserem Bistum Visitation. Bischof oder Weihbischof ziehen dann durch den Bezirk und besuchen die Gemeinden und Pastoralen Räume. In der Regel wird dies begleitet durch eine Konferenz zu Beginn der Visitationsreise und einer zum Abschluss derselben. Mit schöner Regelmäßigkeit werden dabei auch die aktuellen statistischen Zahlen vorgestellt: zum sonntäglichen Kirchgang, zur Mitgliederbilanz, zur Sakramentenspendung – seit neuestem auch zu den gesellschaftlichen Milieus, wie sie in der SINUS-Studie beschrieben werden. Und jedes Mal zur großen Überraschung aller sind die Zahlen wieder schlechter geworden. Es sind mehr gestorben und ausgetreten, als getauft werden wollten. Es sind wieder weniger geworden, die sonntags zur Kirche gehen, und sogar weniger, die ihr Kind zur Erstkommunion anmelden. Von den Eheschließungen ganz zu schweigen. Ich erlebe das jetzt (nehme ich meine Ausbildungszeit hinzu) seit beinahe 25 Jahren so. Immer sind alle tief betroffen. Immer sagen alle, so könne es nicht weitergehen und man müsse ganz grundlegend etwas ändern. Fragt man dann aber genauer nach, was man denn zu ändern gedenke respektive was man in den letzten vier Jahren geändert habe, dann hört man (wenn überhaupt) meistens Rezepte vom Schlage: Da müssen wir uns eben mehr anstrengen und uns mehr Mühe geben. Da wird dann der Firmkurs zum Katechumenat für Jugendliche ausgebaut und aus der Erstkommunionvorbereitung wird eine mystagogisch-missionarische Glaubensschule für glaubensferne Eltern. Nichts gegen Anstrengung in der Pastoral. Nichts gegen neue Konzepte. Aber mit Verlaub: Sie laufen bei uns meist nach dem Prinzip: „Mehr vom Gleichen“. Es ist aber sehr fraglich, ob man ein Konzept, das die Erwartungen nicht erfüllt hat, tatsächlich verbessert, wenn man es einfachhin fortschreibt. Dem Fußball-Trainer, der angesichts einer Niederlagenserie seines Teams sein Spielsystem nicht überprüft und Varianten ausprobiert, wirft man spätestens nach der fünften Niederlage in Folge vor, die Mannschaft nicht mehr zu erreichen. Der goldene Handschlag ist dann meist nicht mehr weit. Enthebt uns aber unsere Arbeitsplatzsicherheit der Notwendigkeit, nach echten Reformen zu suchen? Das würde wohl niemand auch nur heimlich denken.

Verbreitet höre ich auf die Frage, warum man nicht versuche, etwas zu ändern in der Gemeindeseelsorge, auch die Antwort, das würde sowieso nichts nützen, da das Problem viel tiefer greife. Im Grunde hinge die Misere an der grundsätzliche Reformunfähigkeit der Kirche selbst. Und solange nicht tiefgreifende kirchliche Reformen, wie die Aufhebung des Pflichtzölibats, die Ermöglichung des Zugangs zum Weiheamt für die Frau, die Korrektur von offenkundig dem modernen Menschen nicht mehr zumutbaren Dogmen wie der Unfehlbarkeit des Papstes usw. usw., solange dies alles nicht in Sicht sei, sei der Versuch, vor Ort etwas zu reformieren, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Diese These hat natürlich etwas für sich: Erstens beweist sie sich sozusagen selbst. Denn ihre Anhänger brauchen nichts weiter zu tun, als untätig zu bleiben und zuzusehen, wie alles immer schlimmer wird. Zweitens hat sie den Vorteil, dass man selber an nichts schuld ist. Die Verantwortung liegt ja anderswo. Und man selbst hat ja oft genug gewarnt. Der gravierende Nachteil der Theorie ist allerdings, dass es den Schiffspassagieren auf der Titanic nicht wirklich etwas genutzt hätte, wenn sie schon beim Auslaufen aus dem Heimathafen den Kapitän auf die grundsätzliche Gefährlichkeit winterlicher Überquerungen des Atlantiks und die Unberechenbarkeit von Eisbergen aufmerksam gemacht hätten. Erhobenen Hauptes hätten sie zwar am Ende sagen können, dass sie es ja schon immer gewusst hatten. Untergegangen wären sie aber genauso wie alle anderen.

Wenn uns also etwas liegt an dieser Kirche, in der die meisten von uns von Kind auf groß geworden sind, dann sollten wir schleunigst zusehen, dass wir tatsächlich etwas ändern an den Zuständen, wie sie derzeit herrschen und sich immer weiter verschlimmern. Machen wir dazu einfach ein kleines Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, der Papst würde morgen feierlich erklären, dass ab sofort der Zölibat für Neupriester nicht mehr obligatorisch verlangt würde und das Diakonenamt künftig für Frauen geöffnet werde. Was würde passieren? Es gäbe natürlich einen medialen Rummel sondersgleichen. Nehmen wir den optimalen Fall, dass es darüber zu keiner Kirchenspaltung käme, sondern im Gegenteil eine Hinwendung der Jugend zur Kirche geschehe, dann würden in den Folgejahren sicherlich die Zahlen der Studierenden auf das Diplom in Theologie erheblich steigen. In fünf Jahren hätten wir dann die ersten Absolventen (und Absolventinnen), die anschließend in die zweijährige praktische Ausbildung übernommen werden könnten – natürlich im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten der einzelnen Bistümer und mit dem Blick darauf, eine ungünstige Altersverteilung im pastoralen Personal insgesamt zu vermeiden. Will sagen: Im besten Fall hätten wir mit einer spürbaren Linderung der Personalnot in der Seelsorge in etwa zehn Jahren zu rechnen. Und mit jedem Tag, an dem die Voraussetzungen für unser Gedankenexperiment nicht vorliegen, verschiebt sich der Silberstreif am Horizont weiter nach hinten. Wie gesagt, wenn Sie der Auffassung sind, ohne die große kirchliche Reform sei nichts zu retten, dann ist das eben so. Konsequenterweise sollten Sie dann aber Ihr Engagement in der Kirche gänzlich einstellen, weil es ja sowieso letztendlich für die Katz ist.

Bei aller Sympathie für die prophetische Kritik an der Kirche und ihrer, meiner Ansicht nach, unbestreitbaren Reformbedürftigkeit ist mir aber meine Kirche viel zu lieb und teuer, als dass ich einfachhin zuschauen möchte, wie sie vor sich hin darbt. Ich habe auch grundsätzlich ein Problem damit, Dinge und Entwicklungen einfachhin zu erleiden, ohne versucht zu haben, das Geschehen auch zu beeinflussen. Schließlich sagt mir meine Lebenserfahrung, dass ich schon vielfach das Potential für echte Veränderung gröblich unterschätzt habe. Weder habe ich mir den Fall der Berliner Mauer vorstellen können noch hätte ich geglaubt, dass man Diktatoren gewaltfrei vertreiben kann oder dass eine wirtschaftsliberale Regierung aus der Atomkraft aussteigt. All dies aber ist geschehen – und noch eine Menge anderer unglaublicher Dinge. Dagegen wirkt das Projekt, unsere Gemeinden so zu reformieren, dass sie lebensfähig bleiben (oder wieder werden), ein bisschen wie Kindergeburtstag.

Eines dürfte dabei allerdings klar sein: Bei dem Wandel, der gegenwärtig ansteht, geht es um tatsächlichen Wandel, um echte Veränderung. Es ist die Schwachstelle jeder echten Veränderung, dass das Neue gegenüber dem Alten immer eigenartig farblos bleibt. Es liegt eben erst in der Zukunft. Und wenn man die rosig malt, setzt man sich völlig zu Recht dem Vorwurf der Schönfärberei aus. Man kann schließlich das Gegenteil nicht beweisen. Es liegt ja noch nicht vor. Demgegenüber haben die Kritiker, die vor allem vor den negativen Folgen einer Veränderung warnen, alle Plausibilität für sich, denn alle haben schon soundso oft erlebt, dass prognostizierte Folgen nicht eingetreten sind, während man anschließend mit unvorhergesehenen Nebenwirkungen seine liebe Not hatte. Das Alte, so miserabel und kritikwürdig es auch immer sein mag, hat den unbestreitbaren Vorteil, dass man es kennt. Man hat sich damit arrangiert. Es macht keine Angst mehr. Und wer sich lange genug mit dem Alten herumgeschlagen hat, der hat auch einen Weg gefunden, sich damit zu arrangieren. Denken Sie doch: Kaum waren die Israeliten einst nach dem Exodus in der Wüste Sinai angekommen, da sehnten sie sich bereits nach den „Fleischtöpfen Ägyptens“. Wie oft sie wohl vorher tatsächlich an diesen gesessen hatten? Aber in der Rückschau verklärte sich das Bild. Und die Gegenwart war karg genug, als dass die ferne Verheißung des Gelobten Landes ihre Stimmung nachhaltig hätte heben können.

Rechtfertigen solche Einsichten aber das Nichtstun? Ist auf diesem Hintergrund der Exodus ein Irrtum historischen Ausmaßes gewesen? Doch wohl nicht. Es ist unbestreitbar wahr: Es gibt keine Wandlung zum Nulltarif. Alle Veränderung bedeutet auch Kosten, beinhaltet Abschied und Trauerarbeit. Aber ist es wirklich ein Zukunftskonzept, im Wissen um diesen Sachverhalt und im Versuch, dies alles möglichst zu vermeiden, die Probleme nonchalant auf die nächste Generation weiterzuschieben? Ist solches „Uns trägt es ja noch“ nicht einfach Feigheit, einmal ganz abgesehen davon, dass man sich durchaus die Frage zu stellen hat, was der Geist Gottes von uns erwartet und wozu er uns heute ruft? Es ist doch nicht nur die Erde, die wir von unsern Kindern nur geborgt haben. Das gilt doch auch gleichermaßen von der Kirche.

2. Gemeinde, Pfarrei, Pfarrgemeinde – eine babylonische Sprachverwirrung

Von Andreas Unfried

Mit dem Konzil und mit der Synode haben die Katholiken die Gemeinde entdeckt. Spät genug möchte man aus evangelischer Perspektive sagen. Aber dafür immerhin nachhaltig, können wir dagegenhalten! Der Pastoraltheologe Ferdinand Klostermann stand im und nach dem Konzil für den Slogan: „Wo Pfarrei war, soll Gemeinde werden“. Und das entsprechende pastorale Programm war erfolgreich wie kaum eines in der deutschen Kirchengeschichte. Weder haben wir je einen so hohen Grad an ehrenamtlicher Mitarbeit in der Kirche gesehen wie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, noch stand uns je eine differenziertere Theologie der Gemeinde zur Verfügung als im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils und seines regionalen Appendix, der Würzburger Synode von 1972 bis 1975.

Die Würzburger Synode entwickelt klarer, als das dem Konzil möglich war, das Programm der Gemeindetheologie: Wo bisher das Milieu die Kirchenmitgliedschaft prägte, sollte nun die bewusste Entscheidung für den Glauben stehen. Der Christ der Zukunft werde ein Mystiker sein, sekundierte dazu der führende Dogmatiker jener Zeit, Karl Rahner, und meinte damit einen Christenmenschen, der selber etwas erfahren hat mit seinem Gott. Allerdings muss man konstatieren, dass die mystagogische Erschließung der christlichen Botschaft in jenen Jahren faktisch eher unterentwickelt blieb und die Umsetzung des Prinzips der Gemeinde weniger unter dem Fokus der Nachfolge Jesu als unter dem Fokus der Gemeinschaftsbildung geschah.

Ohne verantwortungsvollen Projekten der Gemeindeentwicklung zu nahe treten zu wollen, behaupte ich, dass der Prozess der Neuorientierung vielfach nach dem Muster verlaufen ist: Wo „Pfarrei“ war und nun „Gemeinde“ werden soll, da gründen wir „Pfarrgemeinde“. Ich will damit sagen, dass das neue Paradigma das alte nicht einfach ablöste, sondern dass man den alten Idealen die neuen einfach an die Seite stellte. Die Fronleichnamsprozession sollte so feierlich wie immer sein, aber dafür jetzt mit begleitendem Kinderwortgottesdienst und Neuem Geistlichem Lied von der Jugendband. Bei alledem gab man sich wenig Mühe um die Definition der Begrifflichkeiten. Pfarrei, Gemeinde, Pfarrgemeinde – letztlich sollte sich alles gleich anfühlen, mit dem deutlichen Akzent auf den Primat der Gemeinde vor Ort. Sie war die maßgebliche Sozialgestalt der Kirche Jesu Christi auf Erden. An manchen Orten wurde das ideologisch so weit getrieben, dass die Teilnahme am Sonntagsgottesdienst in einer Nachbarpfarrei als unsolidarischer Akt gegenüber der eigenen Gemeinde gewertet wurde. Aber auch wenn das seltene Überzeichnungen gewesen sein mögen, so ist doch aufs Ganze festzuhalten, dass sich über die Jahre und Jahrzehnte vielfach und vielerorts eine sehr selbstbewusste (und teilweise sehr eigene) Identität als Gemeinde herausprägte.

Dabei gab man sich wie gesagt häufig wenig Rechenschaft über die konkrete Bedeutung des Begriffs „Gemeinde“. Vielfach schillert der Begriff zwischen theologischer Norm (vgl. die Aussagen der Apostelgeschichte zur Urgemeinde in Jerusalem), der Bezeichnung für die Gruppe der regelmäßigen Kirchgänger oder auch der Umschreibung für den Kreis der ehrenamtlich Engagierten. Kann man die Pfarrei soziologisch einigermaßen präzise erfassen (als Gesamtheit der in einem territorial umschriebenen Gebiet wohnhaften Katholikinnen und Katholiken), so ist dies für den Begriff „Gemeinde“ ungleich schwieriger. Was ist ein „regelmäßiger Kirchgänger“? Zählen jene, die einmal im Monat gehen, auch schon dazu? Und was ist mit denen, die regelmäßig immer Weihnachten kommen (allerdings nur da)? Vermeintlich einfacher ist es dann schon, den Gemeindebegriff auf die Mitarbeit in gemeindlichen Gruppen und Kreisen zu beziehen – freilich mit der schwierigen Konsequenz: Wie fasst man jene treuen Katholiken, die jeden Sonntag in die Kirche gehen, aber – aus welchen Gründen auch immer – sich nicht in der Gemeinde engagieren wollen oder können? Der Begriff der Gemeinde bleibt daher neben der theologischen Norm („Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen“) ein eher emotionaler.

Das alles wäre nicht weiter schlimm, wenn sich nicht vieles, was man unter „Nähe“ in der Seelsorge versteht, auf diesen Gemeindebegriff bezöge. Eines der Hauptargumente gegen die „XXL-Pfarreien“ äußert ja die Befürchtung, durch diese ins Riesenhafte aufgeblähten Strukturen ginge die Nähe in der Seelsorge verloren. Im Blick ist dabei das alte Bild von der Herde und ihrem Hirten, der jedes seiner Schafe kennt und dem jedes einzelne mit seinem Schicksal am Herzen liegt – ein Bild, das übrigens auch kirchlich hochoffiziell im can. 529 des kirchlichen Rechtsbuchs CIC als Aufgabenumschreibung des Pfarrers beschworen wird. Aber gleichgültig ob diese Art der Hirtenspiritualität traditionell vom Pfarrer oder nachkonziliar-modern etwa vom Pfarrgemeinderat wahrgenommen werden soll, immer wird man soziologisch auf die Wahrheit stoßen, dass dies jenseits einer Gemeindegröße von, sagen wir, 300 Mitgliedern ein unerfüllbarer Wunsch bleiben wird. Schon in den sich jetzt langsam verklärenden angeblich goldenen Zeiten der frühen siebziger Jahre konnte der Pfarrer also nicht alle Gemeindemitglieder persönlich kennen, viel weniger konnte er allen nahe sein. Zuzugeben ist, dass viele Pfarrer aber nach wie vor genau diesen Anspruch an sich selbst haben und dies auch ihren Gemeinden signalisieren – häufig auch bei Übernahme weiterer Pfarreien in Personalunion. Vielfach wurde und wird dann versucht, durch effiziente Terminplanung und geschickte Organisation zumindest den Anschein zu erwecken, jederzeit und für alle da sein zu wollen.

Auf diese Weise wurde die Vorstellung genährt, persönliche Nähe durch den Seelsorger (im Idealfall der Priester, wenn es nicht anders geht, aber eben auch die Pastoralreferentin oder der Gemeindereferent) sei der gemeindliche Normalfall. Wenn sie als defizitär erfahren wurde, dann handelte es sich um das persönliche Defizit des jeweiligen Seelsorgers. Und so sitzt es auch, glaube ich, in der Selbstwahrnehmung vieler Priester und pastoraler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fest. Allenfalls wurde zur Entlastung der einzelnen Personen die These vertreten, dass in Wahrheit Rom Schuld habe, weil es aus bekannten Gründen der Reformunfähigkeit eine angemessene Ausstattung der Gemeinden mit Seelsorgern verhindere. Jetzt hielte ich die Eröffnung neuer Zugangswege zum Weihesakrament durchaus für sinnvoll, ja für notwendig, ebenso wie eine Öffnung der Kirche für die Gleichberechtigung der Frau. Auf einem anderen Blatt steht für mich allerdings, dass es eine seelsorgliche Betreuung, wie im Hirtenbild der eben beschriebenen Gemeindetheologie vorgestellt, in der ganzen Kirchengeschichte wohl nie gegeben hat und aus eigentlich nachvollziehbaren Gründen auch nicht geben kann. Selbst die urgemeindlichen Verhältnisse dürften andere gewesen sein – sicher jedenfalls die Wirklichkeit der paulinischen Gemeinden, die ihren Gründer und Seelsorger oft nur wenige Monate in ihrer Mitte hatten und ansonsten nur per Bote oder brieflich mit ihm in Beziehung stehen konnten.

Die Erfahrung von Nähe ist sicherlich andererseits die entscheidende Kategorie, an der sich eine erfolgreiche Pastoral von einer misslingenden unterscheiden lässt. Es muss aber präziser gefragt werden: Von wem geht diese Nähe aus? Und wem ist man nahe? Letzteres ist die Frage danach, wer zur Gemeinde gehört mit all den bereits erörterten Unsicherheiten der Definition. Ersteres ist die Frage danach, wer Subjekt der Seelsorge ist. In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts haben wir dazu heftig die These der Befreiungstheologie diskutiert, dass jeder Getaufte und Gefirmte in dieser Weise Subjekt der Seelsorge werden solle. Die gesamtkirchliche Zurückweisung der Befreiungstheologie bezog sich meines Wissens nie auf diese Einsicht, die für sich in Anspruch nehmen kann, dass sie fest auf der Lehre von der Kirche, wie sie auf dem Konzil entwickelt worden ist, aufruht. Wenn dies aber stimmt, dann kommt für die Antwort auf die Frage, wer denn Nähe in der Seelsorge vermitteln kann, ein sehr viel größerer Personenkreis in Frage, als von uns bisher gemeinhin vorgestellt. Das ist auch nur gut und richtig so, denn der Kreis der seelsorglichen Zielgruppe wird sich ja auch erheblich weiten müssen, wenn wir uns nicht einfachhin zufriedengeben wollen mit der zunehmenden „Verkernung“ unserer Gemeinden und ihrer Verengung auf nur wenige gesellschaftliche Milieus.

Für problematisch halte ich dabei den gängigen Sprachgebrauch der „Pfarrgemeinde“, auch wenn er seit vielen Jahren bei uns „geadelt“ ist durch den „Pfarrgemeinderat“ und im alltäglichen Gebrauch der uns vertrauteste Begriff sein mag. Schwierig ist hier, dass der Begriff die Ebenen durcheinanderbringt, indem er eine soziologisch-organisatorische Begrifflichkeit (Pfarrei = Gesamtheit der auf einem bestimmten Territorium wohnhaften Katholikinnen und Katholiken) mit einem normativen Begriff wie dem der Gemeinde schlicht in eins setzt. Natürlich gibt er damit eine kirchliche Realität wieder, aber eben eine, die uns heute, so meine Überzeugung, zunehmend zum Problem wird. Ja, wir haben seinerzeit unseren Klostermann gelesen und versucht, aus „Pfarreien“ „Gemeinden“ zu machen. Indem wir aber faktisch „Pfarr-Gemeinden“ gebaut haben, haben wir die Erwartungen, die sich mit der alten Struktur verbunden haben, schlicht in die neue Struktur mitgenommen und die Erwartungen der neuen Struktur dazuaddiert. Der Pfarrer sollte fortan Hirte und Gemeindeleiter sein, moralische Autorität und Moderator von Willensbildungsprozessen, Spender der Sakramente und Animateur für ein möglichst reichhaltiges Gemeindeleben, starker Mann mit Richtlinienkompetenz und geschickter Makler zwischen verschiedenen Gemeindeinteressen – kurz: die eierlegende Wollmilchsau, als die sich viele Mitbrüder heute fühlen.

In unseren Diskussionen habe ich daher immer versucht, der beschriebenen „babylonischen Sprachverwirrung“ zu entgehen und terminologisch sauber von der Pfarrei zu sprechen, wenn vom theologischen und organisatorischen Rahmen die Rede ist. Pfarrei meint dabei im Sinne des CIC, can. 518, eine auf Dauer vom Bischof errichtete Gemeinschaft von Gläubigen, die einem Pfarrer anvertraut ist. Theologisch lässt sich die Pfarrei am sinnvollsten wohl verstehen als die kleinste Einheit, in der Kirche als Ganzes mit ihren vier Wesensvollzügen (gefeierter Glaube, gegebenes Zeugnis, tätige Nächstenliebe und praktizierte Gemeinschaft) verwirklicht ist. Unter Gemeinde bzw. Kirchort verstehe ich demgegenüber Orte christlichen Glaubens, wo sich Glaubensleben verbindlich und dauerhaft ereignet. Dies können in erster Linie natürlich die bisherigen Pfarrgemeinden mit ihren Kirchen und Gemeindehäusern, Kindertagesstätten und Pfarrbüros sein. Dies könnten aber auch Orte wie ein Behindertenheim, ein Eine-Welt-Laden oder ein Hospiz werden – immer unter der Voraussetzung, dass sich dort kirchliches Leben dauerhaft und verbindlich ereignet. Ohne die Auswirkungen einer solchen Neudefinition von Kirchorten bereits absehen zu können, würde ich mir davon einiges versprechen, was die Überwindung des pastoralen Schismas zwischen Caritas und Gemeindepastoral betrifft oder auch die Verengung des kirchlichen Lebens auf nur wenige Milieus.

Der Begriff der Kirchengemeinde behält seine Bedeutung innerhalb des Kirchenvermögensverwaltungsgesetzes und meint dort die juristische Person, also das Rechtssubjekt, das Verträge schließen und rechtlich verbindliche Absprachen und Verpflichtungen eingehen kann. In der „Pfarrei neuen Typs“ ist die Kirchengemeinde identisch mit der Pfarrei und wird konkret vertreten durch den Verwaltungsrat.

3. Es war nicht immer so, wie es ist: Pfarrseelsorge im Wandel

Von Mathias Wolf

Die Kirche in unserem Land befindet sich bereits seit Jahren in einem leisen, aber nicht minder gravierenden Wandel. Das geht auch an der äußeren (Sozial-)gestalt der Kirche nicht spurlos vorüber. Die Jahrzehnte wachsender Gemeinden und Einnahmen, hoher Kirchenbesucherzahlen, selbstverständlichen persönlichen Engagements und starker Jahrgänge sind vorbei. Diese Aufwärtsbewegungen waren bedingt durch die außerordentliche Situation in der Folge des Krieges wie Werteverlust, millionenfaches Leid, Wirtschaftswachstum, Bevölkerungsbewegungen sowie -wachstum, die 68er Bewegung sowie Aufbruchstimmung in Konzil und Synode. Wir erkennen heute: Kirchengeschichtlich gesehen waren diese Jahrzehnte eine Ausnahme und singuläre Erscheinung am Ende der Phase des Kulturkampfes mit seinen geschlossenen katholischen Milieus.

In unserem Gedächtnis allerdings sind diese Phänomene der letzten Jahrzehnte aber oft normgebend im Sinne eines Idealbildes von „Pfarrgemeinde“. Der Abschied von diesem Idealbild fällt allen schwer. Beim Blick in die Bistumslandschaft in Deutschland entsteht der Eindruck, als habe auf der Leitungsebene operative Hektik und in einigen Fällen sogar offene Panik eingesetzt. Es werden in aller Eile Strukturen, die über Jahrhunderte das Kirchesein am Ort unter verschiedensten Umständen ermöglichten, aufgelöst. Es wirkt so, als geschehe dies, weil die hergebrachten Strukturen nicht mehr so „funktionieren“ wie in den letzten Jahrzehnten und das vermeintliche Idealbild nicht mehr erfüllen.

Der Blick in den Rückspiegel der Geschichte kann in der aktuellen Umbruchsituation vielleicht ein wenig mehr dazu beitragen, nicht die Orientierung zu verlieren.

Kirche und Glaube gab es auch vor unserer Zeit in oft noch größeren Gebieten mit wesentlich weniger Personal als heute und in unterschiedlichster Ausprägung vor Ort. Ein Wandel dieser Struktur ist also aus historischer Sicht nichts Neues. Ein durchgängiges Kontinuum über die Geschichte hinweg war die Pfarreistruktur – in welchen Zuschnitten auch immer. Die Christen waren bemüht, eine Pfarrei zu bilden, und haben dies oft auch unter größten Entbehrungen ermöglicht. So haben Pfarreien die Jahrhunderte der Religionskriege und der Säkularisation, des Gläubigen-, Geld- und Personalmangels überlebt oder sich immer wieder neu gegründet.

Ein weiteres Phänomen wirkt heute zusätzlich bedrängend: der Priestermangel. Es gibt nicht mehr genug Priester, die als Pfarrer einer Pfarrei und der Eucharistiefeier vorstehen können und so viele (kleine) Pfarreien versorgen können. Das Projekt der massiven Reduzierung der Pfarreien ist dann oft der Versuch, die verbliebenen Priester zu entlasten und ihnen zugleich den größtmöglichen Einfluss zu erhalten. Es scheint ganz pragmatisch das Dilemma des Priestermangels zu lösen. Der erwünschte Effekt bleibt aber meist aus, da oft nur noch mehr Zusammenbrüche der verbleibenden Priester die Folge sind.

Angesichts dieser Veränderungen stehen wir vor der Herausforderung, die Kirche vor Ort und überörtlich so aufzustellen und zu organisieren, dass sie den Herausforderungen der Gegenwart gewachsen ist und zugleich ohne Priester und Eucharistiefeier überlebensfähig ist. Dies nicht, weil Priester und Eucharistiefeier nicht wichtig oder wünschenswert wären – das Gegenteil ist der Fall –, sondern weil sie aufgrund der bischöflichen Vorgaben einfach nicht mehr vorhanden sein werden.

Diese Herausforderung wird sich nicht durch Strukturen bewältigen lassen, die auf die wenigen Priester passgenau zugeschnitten sind. Was nottut, ist, die Kirche wieder auf die Füße zu stellen und sie zur Sache vieler zu machen. Das wird nur gelingen, wenn die Gläubigen in größtmöglicher Verantwortung ehrlich beteiligt werden und ihnen eine wie auch immer geartete Heimat im Glauben ermöglicht wird. Hierzu wird es nicht unbedingt Pfarrfeste, Pfarrgemeinderäte oder große Pfarrheime brauchen. Die Pfarreien der Jahrhunderte zuvor haben auch ohne all das lebendig sein können. Aber es wird Menschen brauchen, die da, wo sie leben (am Ort oder in ihren sozialen Milieus), gemeinsam dem Glauben eine Relevanz für ihr persönliches Leben einräumen. Wir stehen in unserer Zeit vor der Herausforderung, plausibel von Gott jenseits der Logik innerweltlicher Brauchbarkeit1, Nützlichkeit und permanenter Opitimierung zu sprechen.

Was die aktuellen Veränderungen allerdings von jenen der Vergangenheit unterscheidet, ist die rasende Geschwindigkeit der gesellschaftlichen Umbrüche und der Erodierungsprozess der verfassten Kirche in der westeuropäischen Gesellschaft der Moderne. Die Gründe hierfür sind vielseitig. Zahlreiche Religionssoziologen stellen sich der Suche nach den Ursachen im Inneren und Äußeren. Bei ehrlicher Sichtweise zeigt sich: Die verfasste Kirche befindet sich in einem Erosionsprozess, wie er in seinen äußeren Auswirkungen vielleicht zum letzten Mal in der Folge der Reformation in unseren Breiten stattfand. Dies bedeutet in der Konsequenz: Das tridentinische Organisationsmodell der Kirche, wie es in der Gegenreformation entwickelt, im CIC festgeschrieben und in der Folge des Kulturkampfes in Deutschland idealtypisch durchaus auch mit Erfolg umgesetzt wurde, ist an sein definitives Ende gekommen. Das Bild vom Pfarrer als „guten Hirten“ („pastor proprius“ der Pfarrei) – unzählige Male auf Pfarrhäusern dargestellt – und der „Herde“ der Gläubigen, die von ihm „betreut“ wird, hat längst keinen Anhaltspunkt mehr in der Realität und spukt dennoch in den Köpfen und Herzen vieler herum. So schmerzlich es ist: Wir müssen uns davon verabschieden. Neues muss sich entwickeln. Die Kirche ist unterwegs zu einem neuen Organisationsmodell – jenseits des vom Konzil von Trient entworfenen. Wir dürfen gespannt sein, wie es aussehen wird.2

1 H. J. Höhn, Herder Korrespondenz 4/2011; S. 180.

2 Einen ersten Einblick, wie es anders sein könnte, gibt R. Bucher im Herder Korrespondenz Spezial „Pastoral im Umbau“, April 2011, 6 ff.

4. Gefeierter Glaube, gegebenes Zeugnis, tätige Nächstenliebe, praktizierte Gemeinschaft: Wovon die Kirche lebt

Von Andreas Unfried

In der Pastoraltheologie ist es üblich, von drei bzw. vier Wesensvollzügen von Kirche zu sprechen: Liturgia (gefeierter Glaube), Martyria (gegebenes Zeugnis) und Diakonia (tätige Nächstenliebe) heißen die griechischen Fachbegriffe. Je nach pastoraltheologischer Schule wird die Koinonia (praktizierte Gemeinschaft) als viertes hinzugezählt oder als eine verbindende Kraft in den drei anderen Dimensionen verstanden. Um diese Wesensvollzüge für den Aufbau von Gemeinde wirklich nutzbar machen zu können, ist aber eine zusätzliche Betrachtung nötig: Für jeden dieser Grundvollzüge gilt, dass er eine Bedeutung „nach innen“ (für die Gemeinde selbst) und eine „nach außen“ (in die Gesellschaft hinein) hat. Martyria nach innen verwirklicht sich zum Beispiel in der Erstkommunionvorbereitung oder im Firmkurs. Zweifellos wird hier der christliche Glaube bezeugt – und zwar gegenüber den eigenen Kindern oder Enkeln. Es sind ja in der Regel nach wie vor die Kinder von Katholiken, die auf Wunsch ihrer Eltern getauft werden und dann im 3. Schuljahr auf die Erstkommunion vorbereitet werden wollen bzw. meist im Lebensalter um den 16. Geburtstag herum eingeladen werden, sich firmen zu lassen. Damit ist das Feld der Martyria aber noch nicht zureichend umschrieben. Wenn Kirche sich bemüht, bei einem Volksfest einen Stand zu übernehmen, wenn sie versucht, mit einer öffentlichkeitswirksamen Aktion zum Schutz des Sonntags die gesellschaftliche Diskussion zu beeinflussen, oder wenn sie in der Adventszeit im Einkaufszentrum für das Festgeheimnis von Weihnachten eintritt, indem man dort Adventslieder singt und Segensgrüße verteilt, dann ist das zweifellos ebenfalls ein gelebtes christliches Zeugnis, wenngleich zumeist von gänzlich anderer Art.

Auf diese Weise lassen sich alle vier kirchlichen Wesensvollzüge ausdifferenzieren. Man erhält auf diese Weise ein gewisses Anforderungsprofil, was Kirche leisten soll, ja muss, wenn sie dem Anspruch gerecht werden will, ihr Wesen nicht nur in Teilaspekten, sondern möglichst in Gänze darzubieten. Man könnte das im Einzelnen so beschreiben:


Das Problem eines solchen Anforderungsprofils ist nun allerdings, dass die meisten Pfarrgemeinden heutigen Zuschnitts ihm nicht (oder nicht mehr) gerecht werden dürften. Dies könnte zumindest nahelegen, dass der theologische Anspruch der Pfarrei, das Ganze der Kirche auf lokaler Ebene zu verwirklichen, unter den heutigen Bedingungen nicht mehr in den bisherigen Pfarreigrenzen realisiert werden kann. In der uns gewohnten Sicht der Dinge tragen wir dem ja auch bereits Rechnung und antworten darauf mit der verstärkten Kooperation zwischen den Pfarrgemeinden. Wo der Firmkurs von einer Pfarrgemeinde nicht mehr getragen werden kann, da erleben wir, dass die Kooperation im Pastoralen Raum, in der Pfarreiengemeinschaft (oder wie die Terminologie in den einzelnen Diözesen auch lauten mag) durchaus befriedigende Ergebnisse liefert. Dennoch: Es ist etwas anderes, ob ich eine solche Kooperation gleichsam als Notlösung betrachte gegenüber einem leider gegenwärtig nicht zu erreichenden Ideal der Selbständigkeit oder ob ich, ausgehend von der größer gedachten Pfarrei, ganz selbstverständlich davon ausgehen kann, dass nicht in jeder Teilgemeinde dieser Pfarrei das Ganze des kirchlichen Lebens repräsentiert sein kann oder braucht.

Statt also ein Ideal von Gemeinde zu formulieren und anschließend Entschuldigungen zu suchen, warum dieses Ideal gegenwärtig nur unvollkommen erreicht werden kann, auf dass die Lahmen und Blinden sich der Not gehorchend zusammentun müssen und sich gegenseitig in ihren Schwächen stützen und einander an ihren Stärken teilhaben lassen, schlage ich doch sehr entschieden vor, gleich von vornherein von der größer verstandenen Einheit her zu denken. Die Gemeinde vor Ort ist dann nicht defizitär, weil es von ihr gar nicht erst erwartet werden kann, dass sie alles kann. Das ist alles andere als bloß eine Umetikettierung, nach der sich in den neuen Flaschen immer noch der alte Wein verbirgt. Es geht vielmehr darum zu erkennen, dass unsere gegenwärtigen Gemeinden keineswegs zuallererst schwach und defizitär sind. Im Gegenteil: Sie dürfen sich als Teil des Ganzen selbstbewusst als unverzichtbar erkennen, weil die neue Pfarrei aus ihnen lebt und ohne sie nicht leben könnte.

Darum sprechen wir in unseren Diskussionen von der neuen Pfarrei als von einer „Pfarrei neuen Typs“. Sie ist etwas anderes als eine räumlich und von der Katholikenzahl her größer gedachte Pfarrgemeinde klassischer Vorstellung. So gibt es in der „Pfarrei neuen Typs“ nicht per se den einen Gottesdienst, in dem sich alle Gemeindemitglieder als Gemeinschaft erfahren können, wie es Weihnachten, Ostern, Fronleichnam oder ein Gottesdienst zum Pfarrfest für uns gute Gewohnheit gewesen sind. In der „Pfarrei neuen Typs“ gibt es für einen solchen Gottesdienst in der Regel überhaupt keinen geeigneten Kirchenraum. Es wird auch keinen Sinn machen, ein Dankeschönfest für Ehrenamtliche auf Ebene der neuen Pfarrei zu feiern. Schon an praktischen Fragen (Größe des Gemeindesaals) würde man wahrscheinlich scheitern. Die neue Pfarrei wird und muss also aus und in den Gemeinden leben. Dort wird entscheidend der Ort sein, wo man Nähe und Beheimatung erfährt – oder eben auch nicht. Die Pfarrei als solche wird nur für die wenigsten die emotionale Heimat werden. Ihre Bedeutung besteht darin, den Gemeinden einen stabilen theologischen und organisatorischen Rahmen zu bieten und dafür zu sorgen, dass Kommunikation und Miteinander gelingen können.

Damit ist aber auch bereits die Spur gelegt, durch wen künftig die Dimension der Nähe in der Kirche erfahrbar werden soll: Es wird nicht in erster Linie der Pfarrer sein können und nur sehr eingeschränkt die hauptamtlichen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nähe wird erfahrbar werden, wo die Gemeindemitglieder selbst zu Subjekten der Seelsorge werden. Das bedeutet natürlich, dass das gemeindliche Leben an vielen Stellen anders aufgebaut sein muss als heute gewohnt. Ein Kommunionkurs, der von Ehrenamtlichen selbst getragen werden können soll, muss so gestaltet sein, dass man dafür nicht wöchentlich zu Büroöffnungszeiten im Pfarrbüro präsent sein muss, weil die organisatorischen Anforderungen so hoch sind, dass sie einen ehrenamtlich Tätigen völlig überfordern. Auch müssen die pädagogischen und theologischen Anforderungen an die Katechetinnen und Katecheten an deren Kompetenzen und Möglichkeiten angepasst sein.

Vieles muss wahrscheinlich einfacher gestaltet werden. „Niveauverlust!“ rümpfen jetzt vielleicht manche die Nase. Aber mit Blick auf die absehbare Entwicklung beim Priesternachwuchs wie bei den übrigen Seelsorgsberufen kann man nur dagegenhalten: Wer nicht will, dass in zehn Jahren gar keine Erstkommunionvorbereitung in den Gemeinden stattfinden kann, der arbeite tunlichst in der nächsten Dekade daran, wie ein entsprechendes katechetisches Niveau in den Gemeinden aufgebaut werden kann. Im Bild gesprochen: Priestern wie hauptamtlichen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kommt künftig weniger die Rolle des Spielers als die des Trainers (mindestens des Spielertrainers) zu. Sie müssen weniger selber agieren, als zunehmend andere zum Agieren befähigen und sie in ihrer Arbeit begleiten.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺720,29

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
180 s. 18 illüstrasyon
ISBN:
9783429060503
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar