Kitabı oku: «The Rising of the Shield Hero – Light Novel 02»






Inhaltsverzeichnis
Prolog:Der Schmerz des Teilens
Kapitel 1:Die Monsterei-Lotterie
Kapitel 2:Danksagungen
Kapitel 3:Filo
Kapitel 4:Im Wachstum
Kapitel 5:Deftige Tritte
Kapitel 6:Ein Mensch mit Flügeln
Kapitel 7:Die Fähigkeit zur Metamorphose
Kapitel 8:Zuckerbrot und Peitsche
Kapitel 9:Die Belohnung
Kapitel 10:Das Reisegewerbe
Kapitel 11:Das Reisen mit einer Kutsche
Kapitel 12:Gerüchte über die Helden
Kapitel 13:Beraubt bis aufs Leben
Kapitel 14:Das Erlernen von Magie
Kapitel 15:Der Sinn des Siegels
Kapitel 16:Die Invasion der Pflanzen
Kapitel 17:Die Produktverbesserung
Kapitel 18:Die Seuche
Kapitel 19:Curse Series
Kapitel 20:Der Schild des Jähzorns
Epilog:Als Schild …
Extrakapitel:Ein Geschenk für ihn

Prolog: Der Schmerz des Teilens
An jenem Tag erwachte ich im Lagerraum des Schlosses.
Alles war von einer widerlichen Staubschicht überzogen. Dennoch … konnte man es kaum als schlechte Art des Aufwachens bezeichnen.
»Zzz … Zzz …«
Vom Strohbündel neben mir vernahm ich ruhige Atemzüge. Dort schlief ein Mädchen mit dem Namen Raphtalia.
Aber zunächst sollte ich wohl wiederholen, was bisher geschehen ist.
Mein Name ist Naofumi Iwatani. Ich bin Student im zweiten Jahr.
Ich bin Japaner, in Japan geboren und ein absoluter Otaku*.
Klingt irgendwie merkwürdig, wenn man das über sich selbst sagt.
In einer Bibliothek war ich auf ein Buch mit dem Titel Traktat der Waffen der vier Heiligen gestoßen. Als ich es durchblätterte, geschah etwas Unheilvolles: Mit einem Mal fand ich mich in die Welt des Buches und in die Rolle des darin vorkommenden Schildhelden versetzt.
Diese Welt war von einem rätselhaften Unheil heimgesucht worden: Aus einem Riss zwischen den Dimensionen waren in einer sogenannten »Welle« massenhaft Monster hervorgeströmt.
Ich erfuhr, dass ich als Held beschworen worden war, um die weiteren noch folgenden verheerenden Angriffswellen abzuwenden. Für die Erfüllung dieser Aufgabe erhielt ich einen Schild, den ich – wer weiß, um was für einen Fluch es sich dabei handeln mochte – nicht ablegen konnte. Somit hatte ich ein Riesenproblem: Da ich an diese Waffe gebunden war, konnte ich nichts anderes als verteidigen.
Aufgrund meiner Erfahrungen aus Onlinegames beschloss ich, mich allein aufs Abwehren zu konzentrieren und den Angriff meinen Gefährten zu überlassen.
Voller Herzklopfen trat ich mein großes Abenteuer an, geriet jedoch in eine niederträchtige Falle und wurde das Opfer falscher Anschuldigungen. Infolgedessen traute mir niemand mehr und man jagte mich ohne Gefährten und Geld aus dem Schloss.
Schön wäre gewesen, hätte ich nun auch die Welle nicht mehr bekämpfen müssen, doch dem war nicht so.
Gerade darum waren die Helden ja gegen ihren Willen in diese Welt beschworen worden: Damit sie sich jenen monatlich wiederkehrenden Wellen entgegenstellten.
So wurde ich verpflichtet, unter Einsatz meines Lebens Leute zu verteidigen, die ich nicht verteidigen wollte. Und ich wurde Opfer extremer Anfeindungen, während ich verzweifelt versuchte, Geld zu verdienen.
Nun zu dem Mädchen, dass gerade neben mir im Stroh schlief: Raphtalia war eine Subhumanoide, die ich mir als Sklavin gekauft hatte.
Ja, es gab Sklaven in dieser Welt. Im Reich Melromarc dienten als solche menschenähnliche Wesen, die Tierohren oder -schwänze hatten.
Als ich sie gekauft hatte, war sie noch ein Kind gewesen, doch Raphtalia war unversehens zu einem Mädchen herangewachsen, das allem Anschein nach kaum jünger war als ich selbst. Junge Subhumanoide wuchsen offenbar mit jedem gestiegenen Level rapide heran.
Anfangs hatte ich Raphtalia nur als Sklavin für mich kämpfen lassen wollen, doch als Motoyasu mich selbstgefällig zu einem Duell herausgefordert hatte, hatte sie an mich geglaubt und uneigennützig zu mir gehalten. Ich hatte daher den Entschluss gefasst, ihr zu vertrauen, sodass sie mittlerweile zu einer mir wichtigen Gefährtin geworden war.
Ehrlich gesagt, wäre es mir ziemlich egal gewesen, wenn die Leute dieser Welt alle draufgegangen wären. Aber letztendlich war in mir dann doch das Gefühl aufgekommen, ihnen wenigstens ein bisschen helfen zu wollen.
»Ah …«
Raphtalia rieb sich die Augen und setzte sich auf.
»Guten Morgen, Herr Naofumi.«
»Ja … Morgen.«
Sie war ein wirklich schönes Mädchen.
Ihr Gesicht schien wie von Künstlerhand geformt, ein anderes Wort als »schön« wäre ihm nicht gerecht geworden.
Ihr leicht welliges braunes Haar fiel ihr bis auf den Rücken. Ihre Augen waren groß, klar und hatten die Farbe von schwarzem Tee. Sie waren wirklich einmalig.
Es war schwer, sich einen solch unschuldigen Blick zu bewahren. Diese kindlich wirkenden Augen wollten so gar nicht zu ihrem äußeren Erscheinungsbild passen und machten Raphtalia zusätzlich besonders.
Gemeinsam hatten wir hochgelevelt und Geld verdient, bis die erste Welle gekommen war … Für diese Welt war es jedoch bereits die zweite.
Ich erzähle später noch davon, wie wir den Kampf glücklich überstanden hatten.
Die Probleme gingen allerdings erst danach richtig los.
»Dann lass uns mal frühstücken gehen.«
»Hm, ob wir wohl im Speisesaal des Schlosses was bekommen?«
»Kann sein … Gehen wir nachsehen.«
Und so schob ich meine Gedanken an die bisherigen Erlebnisse beiseite, und wir machten uns auf den Weg.
Ich war übrigens noch immer nicht von meinem Stigma reingewaschen – die Menschen des Reichs behandelten mich auch weiterhin schlecht. Als wir etwa vor der Saaltür ankamen, stellte sich uns ein Wächter in den Weg. Knurrend erklärte er, dass die Helden gerade speisten und wir später wiederkommen sollten, wenn die Soldaten fertig waren. Gern hätte ich ihm eine verpasst – hätte mich mein Schild mit seinen Beschränkungen nicht daran gehindert. Denn ich war letztendlich auch einer der Helden!
Als wir schließlich gegessen hatten, wurden wir zum Thronsaal geführt.
Wir hielten uns im Palast auf, weil wir am Vortag die Welt vor der Welle beschützt hatten und dafür eine Belohnung erhalten sollten. Sie hätten uns allerdings ruhig sagen können, dass sie uns erst am nächsten Tag bezahlen würden … Und für diesen Drecksack, der mir nur Ärger machte, setzte ich mein Leben aufs Spiel!
Zudem waren da noch diese Möchtegernhelden, die ich nicht einmal sehen wollte. Ich würde noch ein Magengeschwür kriegen, wenn das so weiterging.
Drecksack war meine heimliche Bezeichnung für den König Aultclay Melromarc, der … Welche Generation war er noch mal? Ach, eigentlich war mir das auch egal. Jedenfalls war er derjenige, dem ich die Beschwörung in diese Welt verdankte.
Als man mich fälschlicherweise der Vergewaltigung beschuldigt hatte, hatte er nicht einmal versucht, die Wahrheit herauszufinden – für ihn war ich sofort schuldig gewesen. So ungerecht war er.
Gestern hatte er schließlich erneut seine Macht geltend gemacht und einen Riesentumult verursacht.
»Ihr sollt nun eure Belohnung für euren Kampf gegen die Welle bekommen sowie euren Sold.«
Mit dem Geld sollten wir Vorbereitungen für die nächste Welle treffen. Diese Form der Unterstützung hatte er uns zugesichert.
Mit raschen Schritten trat einer seiner Berater mit Säckchen vor.
»Überreiche ihnen ihren Sold!«
Mein Blick fiel auf die Beutel.
Für unsere monatlich anfallenden Kosten müssten wir doch sicher wenigstens 500 Silbermünzen bekommen.
Was würde ich davon kaufen?
Als Erstes wäre wohl eine neue Waffe für Raphtalia fällig. Bei der Gelegenheit könnte ich auch eine gute Rüstung kaufen. Ach, und es wurde Zeit, meine Utensilien zur Medizinherstellung zu erneuern. Auf die alten hatte der Schild reagiert, und mich interessierte brennend, was wohl dabei herauskäme, wenn ich ihn das Zeug absorbieren ließ.
So träumte ich von meinen künftigen Einkäufen, während ich das Geld in den Beuteln klimpern hörte.
Mir wurde der Inhalt meines Säckchens vorgezählt.
Eins, zwei, drei … Ja, es waren tatsächlich genau 500.
»Herr Motoyasu erhält für seine Taten und die Erfüllung seiner Aufträge 4.000 Silbermünzen.«
Hey!
Ich konnte es nicht fassen. Mein Blick wurde von dem gewichtig aussehenden Beutel angezogen, den Motoyasu in Händen hielt. Hätte ich mich beklagt, wäre ich nur wieder mit spitzen Bemerkungen überhäuft worden, daher schwieg ich – aber ich spürte, wie sich meine Hand unwillkürlich zur Faust ballte.
Der vollständige Name des Jungen, den sie Motoyasu nannten, lautete Motoyasu Kitamura. Er kam wie ich aus dem Japan einer anderen Welt. Seine Waffe war die legendäre Lanze, weswegen sie ihn den Helden der Lanze nannten. Und er war einundzwanzig.
Die anderen Helden waren offenbar alle mit irgendeinem Game vertraut, das dieser Welt ähnelte. Ihr Wissen darüber hatten sie jedoch nicht mit mir geteilt, sondern es genutzt, um mich hereinzulegen und zu Fall zu bringen.
Jedenfalls sollen Motoyasus Weibergeschichten wohl unschön für ihn mit einem eifersüchtigen Messerstich geendet haben – woraufhin er in diese Welt versetzt worden war. Das hatte er jedenfalls so berichtet, ob es der Wahrheit entsprach, konnte ich nicht sagen.
Motoyasus Truppe bestand nur aus weiblichen Gefährten. Er war ein Frauenheld sondergleichen und hatte sich einen richtigen Harem zusammengestellt.
Gestern Abend hatte er mich zum Duell herausgefordert, da er davon überzeugt gewesen war, dass ich Raphtalia gezwungen hatte, als Sklavin für mich zu kämpfen. Er war entschlossen gewesen, sie vor mir zu retten.
Bei einem Duell kämpfen beide Parteien um etwas, das sie dem Rivalen keinesfalls überlassen können. Die Bedingungen dieses Duells konnten mir jedoch nur zum Nachteil gereichen, und Motoyasu wusste zudem sehr gut, dass ich über keinerlei Möglichkeiten verfügte, ihn mit einer Waffe anzugreifen.
Natürlich war ich nicht verpflichtet gewesen, seine Herausforderung anzunehmen, also hatte ich abgelehnt. Doch dann zwang mich besagter Dreckskönig, das Duell auszufechten. Überdies verkündete er, Raphtalia die Freiheit zu schenken, sollte ich den Kampf verlieren, während Motoyasu keinerlei Nachteil drohte.
Es war ein überaus unfairer Kampf.
Das bedeutete jedoch nicht, dass ich mich einfach geschlagen gab. Verzweifelt suchte und fand ich Wege, Motoyasu in die Enge zu treiben. Doch dann kam es zu einer feigen Einmischung und ich wurde in die Knie gezwungen.
Gerettet worden war ich letztendlich von Raphtalia, die aus freiem Willen Motoyasus helfende Hand abgewiesen hatte und zu mir zurückgekehrt war.
In diesem Sinne gehörte er also zu den Übeltätern, die zu meinem Unglück beitrugen. Meinen Feinden.
Ich muss zugeben, dass er gutaussehend war. Er war der Aufreißertyp, der jede Menge Verhältnisse mit Frauen hatte.
Er trug einen prächtigen silbernen Brustharnisch und gehörte offensichtlich zu den Gewinnern unter den Helden.
»Nun zu Ren. Wie erwartet bist du der Welle entgegengetreten und hast Unsere Aufträge erfüllt. Zuzüglich deiner Belohnung sollst du daher 3.800 Silbermünzen erhalten.«
Was, der auch?!
Ren spielte den Coolen, doch als er seinen Beutel entgegennahm, war ihm anzusehen, wie wenig es ihm schmeckte, hinter Motoyasu zurückzustehen. Er fluchte sogar leise: »Liegt wohl daran, dass die Prinzessin ihn favorisiert …«
Sein voller Name war Ren Amaki. Er war ebenfalls aus Japan in diese Welt gerufen worden, und er war der Held des Schwertes.
Wie alt war Ren noch mal gewesen? Sechzehn?
Er kam aus einem anderen Japan als dem, das ich kannte … In seiner Heimat war die Wissenschaft wohl weit fortgeschritten, sodass man dort virtuelle Computerwelten betreten konnte, sogenannte VRMMO**.
Es schien Japan also mehr als einmal zu geben, und ich, der aus einer älteren Zeit kam, hätte gern einmal in Rens Welt vorbeigeschaut.
Für sein Alter war er groß, und er war der Schwertkämpfer-Schönling mit dem weiblichen Gesicht. Charakterlich … Ich vermutete, in Wirklichkeit war er heißblütig und seine Coolness lediglich Fassade. Insgeheim blickte er auf andere herab und wahrscheinlich glaubte er an so etwas wie: »Mit dem Wissen aus dem Spiel, das ich kenne, rette ich diese Welt. Ich bin der eigentliche Held.«
»Und nun Itsuki … Von deinen Taten redet man im ganzen Reich. Du hast deine schwierigen Aufgaben vortrefflich gemeistert. Auch du sollst 3.800 Silbermünzen erhalten.«
»Das ist wohl angemessen«, murmelte Itsuki, warf jedoch eindeutig einen neidischen Blick zu Motoyasu hinüber.
Er hieß Itsuki Kawasumi und war siebzehn, ein Jahr älter als Ren. Er wirkte zunächst wie ein sanfter, höflicher junger Mann, doch dieser Eindruck verflüchtigte sich rasch.
Seine legendäre Waffe war der Bogen.
Ich hatte nicht viel mit ihm gesprochen und kannte ihn daher nicht gut. Wie Motoyasu und Ren verfügte auch er über Spielwissen und stammte aus einem anderen Japan.
Von allen Helden wirkte er am jüngsten, obwohl Ren ein Jahr jünger war.
Aber worum handelte es sich eigentlich bei den erwähnten Aufträgen? Ich hörte davon zum ersten Mal.
»Hm, der Schild muss sich wohl ein bisschen mehr anstrengen!«
Jetzt verwendete der nicht einmal mehr meinen Namen! Wer war schon der Schildheld?
Ich ärgerte mich so sehr, dass ich schon glaubte, mir würde eine Ader im Kopf platzen.
Das sagst ausgerechnet du, nach allem, was du gestern abgezogen hast?!
Als ich meinen Beutel entgegennehmen wollte, wurde er mir aus irgendeinem Grund vorenthalten.
»Als Bezahlung für die Aufhebung des Sklavensiegels werde ich deinen Verdienst einbehalten!«
Du elender …
Raphtalia hob die Hand. »Entschuldigt bitte, Eure Majestät …«
»Was gibt es, Subhumanoide?«
»Worum handelt es sich bei diesen Aufträgen?«
Raphtalia war es also auch aufgefallen. Sie sah darüber hinweg, dass ich keine Belohnung bekommen sollte und betrachtete die Angelegenheit unter einem anderen Gesichtspunkt.
»Wir haben die Helden beauftragt, die im Reich anfallenden Probleme zu lösen.«
»Aber warum hat Herr Naofumi keinen solchen Auftrag erhalten? Ich höre zum ersten Mal davon!«
»Pah, was kann der Schild schon ausrichten?!«
Sei still, du dreckiger …!
Im Thronsaal brach verhaltenes Gelächter aus.
Ach, Mist! Ich halte das nicht mehr aus und ihr geht es sicher genauso.
»…«
Doch entgegen meiner Erwartung hörte ich nur das Knacken ihrer Fingerknöchel, während sie ihre Fäuste ballte. Als ich zu ihr hinüberblickte, erkannte ich, dass sie so versuchte, ihren aufkommenden Zorn zu bekämpfen. Wortlos stand sie da und zitterte.
Ja. Sie scheint es zu unterdrücken.
Die anderen drei Helden fingen an, über mich herzuziehen.
»Na, er hat ja auch wirklich überhaupt nichts geleistet.«
»Stimmt, oder? Bei der Welle war nichts von ihm zu sehen. Was hat er eigentlich gemacht?«
»So unfähig zu sein, ist eine Schande für die ganze Heldengruppe.«
Ich kochte vor Wut. Sollte ich nicht wenigstens eine sarkastische Erwiderung von mir geben?
»Die Dorfbewohner sich alleine zu überlassen und sich nur auf den Endgegner zu fokussieren … Da habt ihr wirklich Großes geleistet, ihr seid wahrhaftige Helden!«
Ja, die Typen hatten während der Welle ihr Augenmerk einzig auf den Boss gerichtet. All den Menschen, die unmittelbar den tödlichen Angriffen ausgeliefert gewesen waren, hatten sie keinerlei Beachtung geschenkt. So war es Raphtalia und mir zugefallen, die Dorfbewohner zu retten.
»Ha! So was ist die Aufgabe der Ritter.«
»Leider gehören die jedoch der Schneckenfraktion an. Hätten wir uns auf deren Hilfe verlassen, hätte es viele Tote gegeben … Aber das verstehen Endgegner fokussierte Typen wie ihr wohl nicht.«
Motoyasu, Ren und Itsuki drehten sich zum Anführer der Ritter um. Der nickte mit wutverzerrtem Gesicht.
»Es ist vollkommen richtig, dass die Helden sich um die Bekämpfung der Monster direkt am Ursprung kümmern, sonst entsteht nur noch größerer Schaden. Also bildet Euch bloß nichts ein!«
Du Sack … Ausgerechnet du sagst das?
Hier im Schloss spielte er sich groß auf, aber mehr steckte nicht dahinter. So ein Wichtigtuer! Und überhaupt, auch ich gehörte zu den Helden. Was hatte der Schild seiner Ansicht nach sonst für eine Bedeutung?
»Wie auch immer. Wir haben noch allerhand Verpflichtungen, daher empfehlen wir uns.«
Es hatte keinen Sinn, sich hier aufzuregen. Es war wohl das Beste, wenn wir uns einfach verzogen.
»Halt, Schild!«
»Ach? Was gibt’s denn noch? Ich habe nicht die Zeit, wie ein Möchtegernkönig den ganzen Tag im Schloss auf der faulen Haut zu liegen.«
»Du bist eine herbe Enttäuschung. Geh mir bloß aus den Augen! Und lass dich hier nicht noch einmal blicken.«
Wa…?! Dieses Arschloch strapazierte meine Nerven enorm!
»Da haben wir aber Glück, Herr Naofumi«, während Raphtalia ihre Worte formulierte, strahlte sie übers ganze Gesicht.
»Was?«
»Wir müssen nicht mehr herkommen und hier sinnlos unsere Zeit verschwenden. So können wir uns wichtigeren Dingen widmen!«
»Hm … Hast recht.«
Ich hatte das Gefühl, dass ich mich immer mehr auf Raphtalia verlassen konnte.
Sie drückte fest meine Hand. Bestimmt war sie auch wütend. Allein wäre es nicht auszuhalten gewesen, aber gemeinsam, das spürte ich, würden wir diese Herausforderung meistern.
»Einen Moment bitte«, rief Itsuki dem Drecksack zu.
»Was gibt es, Held des Bogens?«
Was sollte das jetzt? Der hatte doch sicher eh nichts Vernünftiges beizutragen.
»Es geht um das Unrecht, das Naofumi gestern widerfahren ist«, sagte er. »Wie denkt Ihr über diese Angelegenheit?«
Sofort verfinsterte sich die Atmosphäre im Saal.

»Worauf möchtest du hinaus?«
»Bei dem Heldenduell um Raphtalia gab es einen Regelverstoß, aber trotzdem wurde ihr … Wie hieß das noch mal …? Ah, das Sklavensiegel entfernt. Und nun soll Naofumi dafür die Rechnung tragen?«
Was war hier los? Itsukis Blick war ungewöhnlich stechend. Er schien den König ernsthaft ins Verhör nehmen zu wollen.
»Stimmt, das habe ich auch gesehen. Den Regeln nach zu urteilen, hatte Naofumi Motoyasu besiegt.«
»Hey, ich habe nicht verloren!«, protestierte Motoyasu, aber Ren und Itsuki sahen ihn nur kühl an.
»Bitte bedenkt, dass von Eurer Antwort abhängt, ob wir die Geschehnisse zuvor ebenfalls hinterfragen sollten: Wie viel Wahrheit steckt wirklich hinter dem Vorwurf bezüglich des Sexualdelikts?«
»Ah … Nun …«, stammelnd wich der König Itsukis Blick aus.
»Ihr irrt euch, werte Helden Itsuki und Ren, das war ganz anders«, ertönte ein weibliche Stimme im Saal. Die Besitzerin trug protzigen Schmuck, dickes Make-up, und ihre zweifelhaften Absichten standen ihr ins Gesicht geschrieben.
Genau, sie war die Wurzel allen Übels! Sie hatte mich in Verruf gebracht. Dieses Miststück war das Letzte!
Main Suphia. Eigentlich hieß sie wohl Malty, aber was kümmerte mich ihr Name?
Ihr Charakter war so mies wie ihr Haar rot. Niederträchtig durch und durch, allein ihr Äußeres war schön.
Von den Abenteurern, die das Reich versammelt hatte, hatte einzig sie sich mir als Gefährtin anschließen wollen. Doch dann hatte sie mir all mein Geld geklaut, war zu Motoyasu gelaufen und hatte mich als Vergewaltiger hingestellt. So ein abscheuliches Wesen besaß sie.
Mittlerweile hatte ich das Bedürfnis, diese Teufelin, der ich nur noch mit Verachtung entgegentreten konnte, ausnahmslos Bitch zu nennen.
Zu allem Überfluss war sie auch noch die Prinzessin dieses Reichs.
In jenem Buch, dem Traktat der Waffen der vier Heiligen, dessentwegen ich in diese fremde Welt gerufen worden war, war auch eine Prinzessin vorgekommen, die sich wie eine Schlampe verhielt. Ich hatte den Verdacht, dass es sich um ebendiese handelte.
»Der Held des Schildes hatte bei dem Duell, Mann gegen Mann, unter seinem Umhang Monster versteckt. Darum hat mein Vater, der König dieses Landes, so geurteilt, wie er es verkündet hat.«
Was redete sie für einen Blödsinn? Mann gegen Mann hatte ich kämpfen sollen, obwohl ich keinerlei Möglichkeit zum Angreifen besaß. So etwas konnte man kaum als ein faires Duell bezeichnen, eher als dreckige Schikane. Und genau darum hatten sie mich ja auch dazu gezwungen.
Itsuki und Ren wirkten nicht überzeugt.
»Ich verstehe den Gedanken, aber …«
»Dem kann man so unmöglich zustimmen!«
Diese Bitch bastelte sich nur irgendwelche Ausreden zurecht. Da zeigte sich die pure Verschlagenheit!
»Es war trotzdem ein Regelverstoß, dass du hinterrücks Magie auf ihn abgefeuert hast.«
»Gut, er hat vielleicht nichts geleistet, aber offenbar hat er ja auch gar keine Aufträge von der Gilde bekommen. Eine minimale Unterstützung steht ihm doch wohl zu, oder? Und es entspricht auch den Tatsachen, dass er anstelle der Ritter das Dorf verteidigt hat, oder etwa nicht?«
Main schnalzte leise mit der Zunge.
Wie schändlich zu versuchen, die Sache vertuschen zu wollen. Sie hatte es hier mit Helden zu tun und hätte wissen müssen, dass die bei so einer Angelegenheit nicht schweigen würden.
Wie die Dinge standen, sprach die Beweislage zu meinen Gunsten. Zudem hatte es zum Zeitpunkt der falschen Beschuldigung keine weiteren Zeugen gegeben.
»Alsdann. Du sollst einen Minimalsold erhalten. Nimm ihn lieber an.«
Auf Geheiß des Königs wurde mir mein Beutel überreicht.
»Und nun lasst uns bitte gehen, Eure Majestät«, sagte Raphtalia. »Und den werten Helden möchte ich für ihr aufrichtiges Urteil danken!« Leichten Schrittes ging sie mir voraus aus dem Thronsaal.
»Seht, wie sich der Verlierer davonschleicht!«
Ren und Itsuki zuckten bloß schweigend mit den Schultern: Motoyasu musste gerade reden.
Ja, da hob sich augenblicklich meine Stimmung, wenn nicht alle immer nach seiner Pfeife tanzten!
Sowohl Ren als auch Itsuki schienen Zweifel an Motoyasu zu hegen. Dennoch machten sie weiterhin gute Miene zum bösen Spiel – unverzeihlich!
»Und jetzt lass uns zum Zelt des Sklavenhändlers gehen, damit er mir ein neues Sklavensiegel aufspricht.«
»Bitte?«
Wir verließen gerade das Schloss, als Raphtalia sich mit diesen Worten zu mir umdrehte.
»Sonst wirst du mir nie voll und ganz vertrauen können, Herr Naofumi.«
»Nicht doch … Das Sklavensiegel brauchen wir nicht mehr!«
»Doch, doch.«
»Hm …«
»Du bist jemand, der nur jemandem vertraut, der an dich gebunden ist. Versuch gar nicht erst, es abzustreiten.«
Vielleicht hatte ich bei ihrer Erziehung etwas falsch gemacht. Sie lag mit ihren Worten zwar nicht vollkommen falsch, aber Raphtalia … Ihr könnte ich auch ohne dieses Siegel vertrauen. Wenn sie nur an sich selbst denken würde, hätte sie direkt nach dem Duell zu Motoyasu überlaufen können. Bei mir zu sein brachte ihr nicht wirklich Vorteile, so wie mich hier alle hassten.
»Hör zu, Raphtalia.«
»Was denn?«
»Wollen wir das mit dem Fluch nicht einfach bleiben lassen?«
»Nein, ich will es so.«
Warum war sie nur so fixiert darauf?
»So erhalte nämlich auch ich den Beweis dafür, dass du mir vertraust.«
Als ich das hörte, merkte ich instinktiv, wie sehr ich sie beschützen wollte.
Gefühle stiegen in mir auf … War das Liebe? Doch etwas hielt mich zurück.
Äußerlich mochte sie erwachsen wirken, aber es war noch nicht lange her, da hatte sie noch wie ein Kind ausgesehen. Eine Besonderheit der Subhumanoiden war: Stieg ihr Level in jungen Jahren schnell an, wuchsen sie schneller, als es ihrem Alter entsprach.
Raphtalia hatte bei der ersten Welle ihre Eltern verloren. Ich denke, bei meinen Gefühlen handelte es sich daher um Elternliebe.
Ja, das mussten elterliche Gefühle sein. Ich musste ein guter Ersatz für ihren Verlust werden.
»Na dann, lass uns losziehen!«
Nach ihren entschlossenen Worten hatte ich keine Argumente mehr, sie aufzuhalten. Ich würde sie gewähren lassen.
Und so gingen wir zu jenem Zelt, in dem mit Sklaven gehandelt wurde.
*Nerd, extremer Fan
**Virtual Reality Massively Multiplayer Online
Kapitel 1: Die Monsterei-Lotterie
»Wenn das mal nicht der werte Held ist! Was kann ich heute für Euch tun?«
Der Sklavenhändler in seinem feinen Anzug hieß uns mit weit ausladender Geste willkommen.
»Huch?«
Bewunderung lag in seiner Stimme, als er Raphtalia sah.
»Eine erstaunliche Verwandlung«, sagte er, warf mir einen Blick zu und ließ dabei deprimiert die Schultern sinken. »Wer hätte geahnt, dass sie zu einer solchen Schönheit heranwachsen würde?«
Damals hatten mir alle misstraut. Ich hatte zwar etwas Geld besessen, aber ich war in Not gewesen, weil ich über keinerlei Angriffskraft verfügte. In dieser Situation hatte er mich angesprochen und mir angeboten, mir einen Sklaven zu verkaufen.
Er war ein dicklicher Gentleman mittleren Alters und der Inbegriff von dubios.
Irgendwas in meinem Blick hatte ihm wohl zugesagt, sodass er mir auf seine Art etwas Gutes tun wollte. So war ich zu Raphtalia gekommen.
»Was willst du mir damit sagen?«
»Ich hatte gedacht, Ihr wärt mir ähnlicher. Da habe ich mich wohl getäuscht.«
Was meinte er? Aber ich würde ihn nicht danach fragen.
Wenn er sich geringschätzig verhielt, könnte das negative Folgen für unsere Geschäftsbeziehung nach sich ziehen. Ja, so etwas in der Art sollte ich wohl erwähnen.
»Es geht nicht darum, die Sklaven allein am Leben zu erhalten«, entgegnete ich mit bedrohlicher Stimme. »Es geht darum, ihre Qualität zu steigern. Du vertrittst wohl die Ansicht, Sklaven seien nur zum Benutzen und Wegwerfen da?«
»H… Herr Naofumi?« Raphtalia blickte besorgt zu mir hoch.
Ich hatte ebenfalls das Gefühl, dass ich mich ein wenig hinreißen ließ, aber ein bisschen mehr als beim letzten Mal konnte ich mir schon herausnehmen.
»Hi hi hi!« Der Kerl grinste, als gefiele ihm meine Antwort. »So ist das also? Mir läuft es kalt den Rücken runter!«
»Nun, dann wollen wir Eure Sklavin mal schätzen … So ein hübsches Ding ist sie geworden, und ganz unschuldig ist sie ja bestimmt auch nicht mehr … Wie wäre es mit 20 Goldmünzen?«
»Wer redet hier denn bitte davon, dass ich verkauft werden soll?! Außerdem bin ich noch Jungfrau!«
Der Sklavenhändler stieß erstaunt die Luft aus.
»Was höre ich da?! Na, dann machen wir 35 Goldmünzen draus. Ob ich wohl überprüfen dürfte, dass sie wirklich noch unberührt ist?«
»Herr Naofumi!«
35 Goldmünzen?
»Herr Naofumi?! Hey, jetzt sag doch bitte was!«
35 Goldmünzen? Für die Summe könnte ich locker den Level-75-Wolfsmann kaufen!
Als sie mich so gedankenverloren sah, machte sie ein furchterregendes Gesicht und packte mich fest an den Schultern.
»Herr Naofumi … Wenn du mit dem Unsinn nicht aufhörst, werde ich wirklich böse!«
»Was ist los? Was guckst du denn so?«
»Ich werde hier geschätzt, und du lässt das einfach so stehen?«
»Wenn ich mich nicht unbeeindruckt gebe, werde ich nicht ernst genommen.«
Ich hatte keine Wahl, ich musste ihrer Frage ausweichen. Sie durfte nicht erfahren, was mir gerade durch den Kopf gegangen war. Ich würde ohnehin nicht das Mädchen verkaufen, das mir als Einziges auf dieser Welt vertraute.
Aber …
»35 Goldmünzen …«, murmelte ich.
Da verstärkte Raphtalia ihren Griff.
»Au! Au!«
Raphtalias Stärke … Konnte sie damit bereits meine Verteidigungskraft überwinden? Das würde beim Kämpfen noch sehr nützlich werden.
»Dir wär’s wohl egal, wenn ich auf der Stelle wegliefe?«
»Ich mach bloß Witze. Ich habe mich eben gefreut, dass du so hoch geschätzt wirst!«
»A… Also … Herr Naofumi!«
Raphtalia wurde plötzlich ganz still und verlegen.
»Nun, Sklavenhändler, so viel steht fest: Ich werde Raphtalia nicht verkaufen. Wie könnte ich, sie ist für mich wie eine Tochter.«
»Tochter?«
»Mach dir keine Gedanken. Lass mich nur reden.«
»Wa…?«
Ich konnte mich noch so sehr wie ein Vater verhalten, ihre leiblichen Eltern konnte niemand auf der Welt ersetzen. Und ihr gefiel es sicher nicht, wenn ich plötzlich anfing, es zu versuchen.
»Verstehe … Sehr bedauerlich! Nun, was kann ich stattdessen für Euch tun?«
»Ah, sind die Gerüchte über mich zu dir vorgedrungen? Bezüglich des Tumults im Schloss?«
Da feixte der Sklavenhändler wieder. »Sie sind mir zu Ohren gekommen. Das Siegel wurde aufgehoben, nicht wahr?«
»Das hat ja schnell die Runde gemacht … Aber wenn du eh bereits wusstest, weswegen ich hergekommen bin, was schätzt du erst lange rum?«
Beinahe hätte ich es mir wegen nichts mit Raphtalia verscherzt.
»Nur weil der König leichtfertig daherredet, wird doch nicht gleich die Sklaverei in diesem Land abgeschafft. Nicht doch, nicht doch.«
Am Vorabend hatte der verdammte König sich mal wieder die Gesetze seines Reichs zurechtgebogen und mir meine Sklavin Raphtalia für eine Weile entrissen. Letztendlich steckte nur wieder Motoyasus Eigensinn dahinter.
»Hm? Die Adligen werden doch wohl keine Sklaven kaufen?«
»Aber natürlich! Vor allem der Adel! Die haben allerlei Verwendungsmöglichkeiten für Sklaven. Ja, ja.«
»Dieser Drecksack … Begünstigt den Lanzenhelden derart und schmeißt mit anklagenden Worten um sich … Schafft er sich damit keine Feinde unter den Adligen?«
Das wäre doch zu komisch, wenn das tatsächlich der Fall wäre! Aber für das Königreich wäre es vielleicht sogar am besten.
»Das Reich ist ideologisch nicht wie aus einem Guss. Einige Adlige haben bereits verlauten lassen, dass solche Maßnahmen für sie Beschwernisse zur Folge hätten.«
»Ist seine Macht wirklich derart groß?«
Handelte es sich hier um eine Diktatur? In dem Fall hätte sie keine zehn Jahre mehr. Früher oder später würde es Aufstände geben, und sie würde zusammenbrechen. Aber vorerst regierte eben dieser Drecksack das Land, und es sah so aus, als würde die Bitch seine Nachfolge antreten.
»Nun, was das betrifft: Es gibt durchaus jemanden mit mehr Macht in diesem Land …«
»Ähm … Wir waren aber eigentlich gerade bei dem Sklavensiegel.«
»Ach ja, jetzt, wo Ihr es sagt …«
Wir waren abgeschweift. Wenn man es recht bedachte, konnte es mir egal sein, was aus diesem miesen König wurde, da ich ohnehin nicht gedachte, ihn wiederzusehen.
»Dann seid Ihr gekommen, um ein Sklavensiegel wirken zu lassen, richtig? «
»Ah, das geht also?«
»Jederzeit.« Der Sklavenhändler schnippte und sofort kam, genau wie damals, als wir die erste Sklavenregistrierung vorgenommen hatten, der Untergebene mit dem Tintenfässchen herbei.
Raphtalia löste beschämt ihren Panzer und entblößte den für das Siegel benötigten Bereich ihres Oberkörpers.
»U… Und?«
»Was denn?«
Sie seufzte.
Hm? Weswegen sah sie so enttäuscht aus?
Und was hatte der Seufzer zu bedeuten? Hatte ich irgendwas falsch gemacht?
Dann wurde ihr erneut mit einem Pinsel die mit meinem Blut vermischte Tinte aufgetragen. Das Muster, das entfernt worden war, erschien aufs Neue leuchtend auf Raphtalias Brust. Sie biss die Zähne zusammen und ertrug den Schmerz.
In meinem Gesichtsfeld tauchte das Sklaven-Icon auf.
Ich warf einen Blick auf den Eintrag über Befehle und Zuwiderhandlungen. Diese konnte ich wohl gefahrlos heruntersetzen. Raphtalia hatte sich schließlich nur dazu entschlossen, wieder meine Sklavin zu werden, damit ich ihr glaubte. Jetzt war es an mir, ihr Vertrauen entgegenzubringen. Vielmehr wäre es gar nicht nötig gewesen, das Siegel wirken zu lassen. Es diente lediglich als formelles Symbol.
»Na dann.«
Während ich darüber nachdachte, wie ich fortfahren sollte, fiel plötzlich mein Blick auf den Teller mit der verbliebenen Tinte.
Als ich ihn berührte, reagierte mein Schild.
»He, kann ich die haben? Ich bezahl auch dafür.«
»Selbstverständlich.«
Ich strich den Tintenrest auf meinen Schild.
Im Nu hatte er ihn absorbiert.
Bedingungen erfüllt für: Slave User Shield
Bedingungen erfüllt für: Slave User Shield II
Slave User Shield
Fähigkeit nicht freigeschaltet … Ausrüstungsbonus: Sklavenentwicklungsunterstützung (klein)
Slave User Shield II
Fähigkeit nicht freigeschaltet … Ausrüstungsbonus: Sklavenstatusanpassung (klein)
Ein Sklavenhalterschild also … Nun, das verwunderte mich kaum.
Es erschien ein eigener Zweig dafür am Baum, der vom Small Shield ausging. Allzu stark konnte er demnach nicht sein. Der Ausrüstungsbonus hatte dennoch seinen Reiz.
Entwicklungsunterstützung?
Und wieso hatte das bisschen Tinte gleich zwei Schilde freigeschaltet?
Mein Schild war eine der legendären Waffen und hatte die Kraft, sich zu entwickeln, wenn ich ihn Stoffe aller Art absorbieren ließ. Wenn ich anschließend den Schild eine Weile in einer bestimmten Form trug, wurden Fähigkeiten freigeschaltet, die dann dauerhaft meinem Status hinzugefügt wurden. Indem ich alle möglichen Schilde errang und ihre Ausrüstungsboni anhäufte, wurde ich mit der Zeit weit mächtiger als gewöhnliche Menschen.
Bis jetzt hatte ich Skills erhalten, Fertigkeiten sowie Ausrüstungsboni, die einen Statusboost mit sich brachten.
Noch war vieles rätselhaft. Doch wenn ich überleben wollte, würde ich lernen müssen, den Schild zu beherrschen.
Ich blickte Raphtalia ruhig an.
»Was denn?«
Hatte ich dem Schild nicht schon einmal ihre Haare gegeben? Damals hatte ich auf einen Raccoon Shield gehofft, aber vielleicht hätte ich damals eigentlich den Slave User Shield II bekommen sollen, und es hatte bloß die Tinte gefehlt. Nun waren gleich zwei freigeschaltet worden. Ja, das war durchaus möglich. In dem Fall …
»Raphtalia, darf ich ein bisschen Blut von dir haben?«
»Was hast du vor?«
»Ach, ich will nur was ausprobieren.«
Raphtalia legte den Kopf schief. Dann ritzte sie sich mit dem Messer in die Fingerspitze, nur ein wenig, wie ich es zuvor auch für das Tintengemisch gemacht hatte. Ich hielt ihr meinen Schild hin, und sie ließ das Blut darauf tropfen.
Bedingungen erfüllt für: Slave User Shield III
Slave User Shield III
Fähigkeit nicht freigeschaltet … Ausrüstungsbonus: Sklavenentwicklungsunterstützung (mittel)
Ha! Volltreffer!
»Herr Naofumi? Worüber freust du dich so?«
»Ach, ich habe nur einen interessanten Schild bekommen.«
»Oh, das ist schön!«
Ich verwandelte den Schild in den Slave User Shield, um ihn freizuspielen.
»Und jetzt … Hm?«
Wir hatten hier alles erledigt und ich wollte gerade aufbrechen, da sah ich in einer Ecke des Zeltes eine mit Eiern gefüllte Holztruhe stehen.
An die erinnerte ich mich gar nicht. Was es damit wohl auf sich hatte?
»Was ist das?«, fragte ich den Sklavenhändler.
»Ach, das gehört zu unserer Fassade, dem Geschäft, das ich nach außen hin betreibe.«
»Und was für ein Geschäft ist das?«
»Monsterhandel«, erwiderte er mit seltsam angespannter Stimme.
»Monster? Heißt das etwa, auf dieser Welt gibt es auch Monsterbändiger?«
»Ihr seid sehr scharfsinnig, und darauf kommt es ja vor allem an. Wusste der werte Held etwa nichts von diesem Umstand?«
»Zumindest bin ich noch keinem begegnet, glaub ich …«
»Herr Naofumi«, sagte Raphtalia und hob die Hand.
»Was?«
»Filolials werden von Monsterbändigern gezüchtet!«
Ich konnte mich gerade nicht erinnern, diesen Monsternamen schon mal gehört zu haben. Worauf wollte sie hinaus?
»Und worum handelt es sich dabei?«
»Das sind die Vögel, die in der Stadt anstelle von Pferden die Wagen ziehen!«
»Ach, die!«
Und ich hatte geglaubt, sie wären eine Tierart dieser Welt. Aber offenbar zählten sie zu den Monstern.
»In meiner Heimat gab es auch Dorfbewohner, die mit der Monsteraufzucht ihr Geld verdienten. Ihre Weiden waren voller Monster, deren Fleisch sie verkauften.«
»Ach, tatsächlich?«
Viehhaltung und Ähnliches fielen in dieser Welt also in die Kategorie Monsterbändigung. Dann hatten Tiere wohl keine eigene Bezeichnung, sodass alle Lebewesen abgesehen von den Menschen als Monster klassifiziert wurden.
»Und was hat’s nun mit den Eiern auf sich?«
»Wenn die Vögel nach dem Schlüpfen nicht von Menschen aufgezogen werden, werden sie nicht zahm. Darum handle ich mit ihnen.«
»Ach so!«
»Wollt Ihr Euch die Monsterkäfige ansehen?«
Was man auch begehrte, er verkaufte es. Geschäftssinn hatte er zweifellos, dieser Sklavenhändler!
»Erst mal nicht. Und was steht auf dem Schild?«
Ich konnte die Schrift nicht lesen, aber auf der Truhe befand sich ein Pfeil und es standen zahlenähnliche Symbole darauf.
»Für 100 Silbermünzen könnt Ihr an der Monsterei-Lotterie teilnehmen!«
»100 Silbermünzen? Das ist aber teuer.«
Wir hatten 508 Silbermünzen. Das war also doch ein recht hoher Preis.
»Das kommt daher, dass es sich hierbei um teure Monster handelt.«
»Ich will mich erst mal nur informieren. Es sind also Filolials, ja? Und was nimmst du durchschnittlich für die?«
»Ausgewachsene Tiere gibt es ab 200, hängt vom Gefieder und der Rasse ab.«
»Küken müssten dann ja billiger sein, stimmt’s? Und dann sind es ja nur die Eier, und du sparst dir die Aufzuchtkosten … Na, ich weiß ja nicht, ob sich das für mich lohnt …«
»Nein, nein, unter ihnen befinden sich noch andere Eier!«
»Verstehe … Darum hast du von einer Lotterie gesprochen.«
Das hieß, es gab sowohl Nieten als auch Treffer.
Eine Niete zu ziehen, wäre schlimm. Ein Treffer, und man stünde hinterher besser da.
»Aber Treffer sind bestimmt gar nicht in der Truhe, hm?«
»Ich muss doch sehr bitten! Denkt der werte Held etwa, ich würde solche gemeinen Geschäfte tätigen?«
»Hab ich recht oder nicht?«
»Ich betreibe mein Gewerbe mit Stolz! Zwar führe ich Kunden gelegentlich mit Halbwissen hinters Licht, aber falsche Angaben auf meinen Produkten? Davon halte ich gar nichts!«
»Du betrügst also gern, machst aber ungern falsche Angaben …«
Ich fragte mich ernsthaft, was für eine Logik dahinterstecken sollte.
»Also? Was ist der Hauptgewinn?«
»Ich werde es so erklären, dass der werte Held es leicht verstehen kann: ein Reitdrache.«
Reitdrachen … Waren das jene Drachen, auf denen die Generalsklasse der Ritter ritt?
»Also ein pferdeähnliches Monster, ja?«
»Nein, hierbei handelt es sich um den fliegenden Typ! Die sind nämlich beliebt … Da versuchen meine adligen Kunden gern mal ihr Glück.«
Ein Flugdrache also … Da geriet man schon ins Träumen.
»Herr Naofumi?«
»Vom Wert her käme ein Treffer 20 Goldmünzen gleich. Unter den Drachen ist es einer der günstigeren. Ja, ja.«
»Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, so ein Drachenei zu ziehen?«
»Diesmal wurden für die Lotterie 250 Eier bereitgestellt. Nur eins davon ist ein Volltreffer.«
Also 1:250.
»Es liegt ein mächtiger Zauber auf ihnen, damit man sie nicht mit bloßem Auge oder anhand des Gewichts unterscheiden kann. Man weiß beim Kauf im Vorhinein, dass die Möglichkeit besteht, eine Niete zu ziehen.«
»Da machst du aber ein gutes Geschäft.«
»Ja, vom Gewinner lasse ich mir den Namen nennen, und die machen dann aktiv noch Werbung für mich.«
»Hm, aber die Wahrscheinlichkeit …«
»Ihr könnt aus dieser Holztruhe wählen. Wenn Ihr zehn Eier nehmt, ist auf jeden Fall ein Gewinn dabei.«
»Da ist der Drache aber doch bestimmt nicht drin?!«
»Tja. Aber ein Treffer ist auf jeden Fall 300 Silberlinge wert.«
Automatisch breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus.
Moment mal … Das ist doch wie bei diesen Glücksspielautomaten oder? Hey!
Bei so etwas schien es immer erst so, als würde man davon profitieren, aber letztendlich wurde man doch nur über den Tisch gezogen.
»Hmm …«
Genau betrachtet war es aber vielleicht etwas heikel, wenn Raphtalia meine einzige Gefährtin blieb.
Was wäre besser: Einen weiteren Sklaven zu kaufen oder lieber ein Monster?
Zudem brannte ich darauf, meinen neuen Slave User Shield auszuprobieren. Da Raphtalias Level bereits hoch war, brachte die Entwicklungsunterstützung vielleicht keinen großen Nutzen mehr bei ihr.
Andererseits … brachte ein Monster einen entscheidenden Vorteil mit sich. Bei unserer Ausstattung mussten wir uns immer wieder entscheiden: Waffe oder Rüstung? Ein Monster kämpfte wahrscheinlich mit seinem Körper, sodass ich ihm keine Ausrüstung kaufen müsste.
Seinen Anteil könnte ich also für Raphtalia nutzen.
»Gut, dann will ich es mal riskieren und eins kaufen.«
»Recht herzlichen Dank! Dann sagen wir heute mal, das Sklavensiegel ist in diesem Preis inbegriffen.«
»Wie großzügig. Das gefällt mir!«
»Herr Naofumi?!«
»Was denn?«
»Du willst ein Monsterei kaufen?«
»Na, ich hab mir gedacht, es wird künftig hart für uns, wenn wir weiterhin allein kämpfen. Noch einen Sklaven zu kaufen wäre wegen der Ausstattung teuer. Und außerdem macht es vielleicht Spaß, ein Monster aufzuziehen.«
»Hm … Aber sie sind gefährlich!«
»Das ist mir auch klar. Aber hättest du nicht gern ein Haustier?«
»Du hast es doch auf den Drachen abgesehen, oder?«
»Im schlimmsten Fall wird's ein Pillenhase, das wäre auch kein Problem.«
Ich hatte nichts gegen Kleintiere. Und Tiere zum Zähmen, gab es die nicht auch in Internetspielen? Es kam mir bekannt vor, und es wäre schön, wenn auf diese Weise ein wenig Abwechslung in unsere Gruppe käme. Hauptsache ich konnte dem Monster Befehle erteilen. Mehr Kampfkraft als ich hätte es ja sicher.
Mir war bewusst, dass bei mir der Geldbeutel gerade etwas locker saß, weil wir über ein wenig finanziellen Spielraum verfügten, aber ich ging auch davon aus, dass es keine schlechte Investition sein würde. Und wenn Sklaven ihre eigenen Schilde hervorbrachten, wäre es nicht verwunderlich, wenn ich durch ein Monster ebenfalls welche bekäme.
»Es ist auch nicht so schmerzlich, sie nach der Aufzucht zu verkaufen wie bei Sklaven.«
»Ach, tatsächlich?«
Man entwickelte zwar sicher eine gewisse Zuneigung, aber man brauchte nun einmal auch Geld. Es blieb einem nichts anderes übrig, als den Trennungsschmerz zu ertragen.
Sklaven waren Personen, deswegen traf es einen sicher besonders hart, wenn man sie verkaufen musste, dachte ich mir. Jedenfalls wusste ich nicht, ob ich es fertigbrächte, einen zu verkaufen, zu dem ich eine solche Verbindung aufgebaut hatte wie zu Raphtalia. Was das anging: Mit Monstern konnte man sich nicht unterhalten. Wie sehr man sie auch ins Herz schloss, man käme sicher mit ein wenig Herzschmerz davon. Man würde es sich schönreden und hoffen, dass es ein neues nettes Herrchen findet.
»So was vermittelst du doch bestimmt auch?«
»Der werte Held denkt sehr weitsichtig – ich erschaudere! Ja, ja!«
Die Freude des Sklavenhändlers wuchs weiter.
Ich begutachtete die Eier. Seiner Aussage nach hatte er dafür gesorgt, dass man sich nicht gezielt etwas herauspicken konnte. Insofern war es wohl am besten, wenn ich einfach in die Truhe griff.
»Na, dann nehme ich das hier.«
Meiner Intuition folgend entschied ich mich für eins der Eier auf der rechten Seite.
»Schön, dann lasst bitte etwas Blut auf das Zeichen tropfen, das auf das Ei gemalt ist.«
Ich tat wie geheißen und schmierte Blut auf das Muster. Sofort leuchtete es flammend rot auf und in meinem Gesichtsfeld erschien ein entsprechendes Monsterhaltungs-Icon. Offenbar konnte man auch hier wieder Verbotsparameter einstellen.
Ich wählte aus, dass das Monster bestraft werden würde, wenn es meine Anweisungen nicht befolgte – strenger als bei Raphtalia, denn schließlich ging es hier um ein Monster. Ich wusste zwar nicht, ob es meine Worte verstehen würde, ein scharfer Tonfall würde jedoch sicher etwas bewirken. Aber es war ja noch nicht einmal geschlüpft.
Der Sklavenhändler grinste und öffnete etwas, das wie ein Brutkasten aussah.
Ich legte das Ei hinein.
»Falls es nicht schlüpft, komme ich wieder und verlange eine Entschädigung.«
»Der werte Held will sich auch im Fall einer Niete nicht einfach geschlagen geben. Ich ziehe meinen Hut!«
Die gute Laune des Sklavenhändlers erreichte ihren Höhepunkt. Also wirklich, der war doch latent masochistisch! Ich hatte zwar kein Interesse daran, mit Männern Spielchen zu treiben … auf die gequälten Gesichter der anderen Scheißhelden freute ich mich hingegen schon.
»Ich verspreche es dir: Ich werde kommen! Und solltest du dich dumm stellen, wird dich meine vor Kraft strotzende Gefährtin aufmischen.«
»Was soll ich bitte machen?!«
»Ich werde es mir merken!«
Wieso grinste er nach dieser Drohung immer noch so fröhlich?!
»Wann schlüpft es ungefähr?«, fragte ich ihn, nachdem ich ihm die 100 Silbermünzen gegeben hatte.
»Das steht auf dem Brutkasten.«
»Hmm …«
Die zifferartigen Schriftzeichen bewegten sich.
»Kannst du das lesen, Raphtalia?«
»Ähm, ein bisschen … Sieht so aus, als würde es irgendwann morgen so weit sein.«
»So schnell? Na, umso besser!«
Bei mir kam Vorfreude auf: Morgen würde ein Monster aus diesem Ei schlüpfen!
»Beehrt mich jederzeit wieder, werter Held!«
Und so nahmen wir das Ei und verließen das Zelt.
Kapitel 2: Danksagungen
Wie würde es nun weitergehen?
Während ich darüber nachdachte, fielen mir die Heiltränke wieder ein, die noch von der Welle übrig waren. Ich hatte sie vorsichtshalber hergestellt, aber da sie nicht zum Einsatz gekommen waren, konnte ich sie auch zu Geld machen.
»Zuerst gehen wir zur Apotheke und dann zum Waffenhändler.«
»Herr Naofumi, du solltest das Geld lieber ein bisschen zusammenhalten. Wenn du so weitermachst, bringst du dich noch in Schwierigkeiten.«
»Das ist mir klar.«
»Momentan kommen wir mit unserer Ausrüstung gut zurecht. Denk lieber erst darüber nach, neue zu kaufen, wenn es nötig wird.«
»…«
Hm, irgendwie hatte sie schon recht. Aber unsere Ausrüstung war Ramsch im Vergleich zu dem, was die anderen Helden hatten. Daher erschien es mir ratsam, Raphtalia eine gute Waffe zu kaufen, sodass wir gegen stärkere Gegner kämpfen konnten.
»Außerdem sind doch erst ein paar Tage vergangen, seit wir uns Waffen haben machen lassen. Stell dir mal vor, was der Waffenhändler da für ein Gesicht machen würde!«
»Hmm …«
Es stimmte: Er hatte uns mit allen möglichen Dienstleistungen unterstützt. Und auch wenn man die Rückkäufe und Ermäßigungen mit einbezog, war mit dem Geld, über das wir im Augenblick verfügten, keine große Verbesserung zu erwarten.
Der Waffenhändler hatte damals als Einziger zu mir gehalten, als jener falsche Verdacht auf mich gefallen war. Er war ein ehrenhafter Mann. Meine Ausrüstungsgegenstände sowie Raphtalias Waffe und Rüstung hatten wir bei ihm gekauft. Wenn irgend möglich, wollte ich ihm die Treue halten und ihn für seine Güte entlohnen.
»Meinetwegen. Dann sparen wir eben erst mal.«
»Schön!«
Es war sicher nicht die schlechteste Idee, mehr auf einmal zu kaufen, wenn wir besser bei Kasse waren.
»Na, dann gehen wir mal zum Apotheker.«
Als ich sein Geschäft betrat, lächelte er mich freundlich an.
»Na? Was kann ich für Euch tun?«
Ich hatte erwartet, dass er mir mit dem üblichen mürrischen Gesicht meine Heilmittel abkaufen würde. Dass er mich anlächelte, machte mich nervös.
»Wisst Ihr, ich hab mir vorgenommen, mich bei Euch zu bedanken, sobald Ihr vorbeikommt.«
»Hä?«
Raphtalia und ich legten die Köpfe schief.
»Ihr habt in Ryuto Verwandten von mir beigestanden. Und nun soll ich Euch nach Kräften unterstützen, wenn sich die Möglichkeit bietet.«
»Ah … Verstehe.«
Während der Welle am Vortag hatte ich mich auf die Umgebung von Ryuto konzentriert, auf die Evakuierung der Einwohner. So war es uns gelungen, den Schaden in Grenzen zu halten. Nach der Welle waren die Dorfbewohner zu mir gekommen und hatten sich bedankt. Offenbar waren unter ihnen auch Verwandte des Apothekers gewesen.
»Und um meinen Dank auszudrücken, möchte ich Euch heute …« Der Apotheker holte ein Buch aus einem Schrank und überreichte es mir.
»Was ist das?«
»Das ist ein Buch über fortgeschrittene Mixturen – besser als die einfache Medizin, die Ihr sonst anfertigt. Ich dachte, Ihr seid nun so weit, die in Angriff zu nehmen.«
»…«
Bedächtig schlug ich das Buch auf. Der Einband war alt und abgenutzt, und es stand etwas darin geschrieben.
Jupp. Und ich kann nichts davon lesen.
»V… Vielen Dank. Ich werde mir alle Mühe geben.«
Bedanken musste ich mich schon, er hatte es schließlich gut gemeint. Vielleicht fand ich ja sogar Mittel darin, die ich zu einem hohen Preis verkaufen konnte.
»Das freut mich zu hören!«
Uff … Wie reagierte man auf so viel guten Willen? Ich stand unter Druck. Eigentlich hatte ich mich bereits damit abgefunden, die Schrift dieser Welt nicht lesen zu können, aber … Vielleicht sollte ich sie doch lieber lernen.
»Die Magiehändlerin hat auch gesagt, dass Ihr bei ihr vorbeischauen sollt.«
»Magiehändlerin?«
»Herr Naofumi, bei ihr bekommt man Bücher, mit denen man Magie lernen kann!«
»Ach so.«
Das war also ein Magiegeschäft gewesen. Ich hatte es für eine Buchhandlung gehalten. Jetzt fiel mir auch wieder ein, dass ich hinten im Laden Kristallkugeln gesehen hatte.
»Welches Geschäft war das noch mal?«
»Das große an der Hauptstraße.«
Ah, also das größte oder zweitgrößte Buchgeschäft in der Schlossstadt. Beziehungsweise Magiegeschäft.
»Und weswegen seid Ihr heute hier?«
»Ach ja, also …«
Er kaufte mir meine Heiltränke zu einem höheren Preis als sonst ab.
Von dem Geld gönnte ich mir ein neues Gerät zur Medizinherstellung. Dann gingen wir, wie man uns gebeten hatte, zum Magiegeschäft.
»Ah, der Held des Schildes, nicht wahr? Danke, dass Ihr meiner Enkelin geholfen habt!«
Ich seufzte.
Ich wusste nicht, von wem die Dame sprach, aber bestimmt lebte sie in Ryuto. Jedenfalls hieß sie uns ausgesprochen freundlich willkommen.
Sie war dicklich und trug so etwas wie ein Hexengewand.
»Weswegen sollte ich vorbeikommen?«
Ich blickte mich in dem Magiegeschäft um, das ich für eine Buchhandlung gehalten hatte. Überall standen alte Bücher aufgereiht, und hinter dem Tresen befanden sich zahlreiche Kristallkugeln, außerdem entdeckte ich Zauberstäbe. Es lag definitiv Magie in der Luft.
Aber wie lernte man überhaupt zaubern?
»Zunächst einmal: Dieses Fräulein ist Eure einzige Gefährtin, ja?
»Hm?« Ich warf Raphtalia einen kurzen Blick zu, dann nickte ich. »Ja.«
»Wartet bitte kurz!« Sie schnappte sich eine der Kristallkugeln und murmelte eine Zauberformel.
»Gut, und nun, Held des Schildes, werft bitte einen Blick in die Kugel!«
»Ähm … Okay.«
Ich fragte mich, was das alles sollte, dann sah ich in das Innere der Kugel.
Irgendwie leuchtet sie, aber ich kann nichts Besonderes erkennen.
»Das hab ich mir gedacht … Für Euch eignet sich anscheinend am besten Heil- und Unterstützungsmagie.«
»Bitte?«
Sie hatte diagnostiziert, welche Magie sich für mich eignete?!
Das hätte sie doch auch gleich sagen können … Na ja, ich sollte mich wohl nicht beklagen, aber eine Erklärung wäre schon nett gewesen.
»Als Nächstes die junge Dame hinter Euch.«
»Ah, okay.«
Ich trat beiseite und ließ Raphtalia in die Kristallkugel schauen.
»Nun, bei dem Waschbärenfräulein besteht wie erwartet eine Eignung für Licht- und Dunkelheitsmagie.«
»Wie erwartet? Ist das so offensichtlich?«
»Oh ja … Magie, die mithilfe der Brechung des Lichts oder der Unbestimmtheit der Dunkelheit Trugbilder hervorruft, ist eine Stärke dieser Rasse!«
Nun, Waschbären ähnelten in gewisser Art dem japanischen Marderhund oder dem westlichen Waschbären. Auch im Japan meiner Welt glaubten die Leute, der Tanuki sei ein Ungeheuer, das Menschen verhexte. Das mochte eine weitere Ähnlichkeit zwischen unseren Welten sein.
»Und, worum geht es nun eigentlich?«
»Ach ja! Ich habe hier etwas, das ich euch gerne geben möchte.« Die Frau reichte uns drei Bücher.
Noch mehr Bücher! Ich konnte doch nichts darin entziffern. Warum wollten sie mir bloß alle ihre Freundlichkeit zeigen, indem sie mir ausgerechnet Lesestoff schenkten?
»Eigentlich würde ich euch lieber Kristallkugeln geben, aber das würde mich doch ein wenig in Schwierigkeiten bringen.«
»Wieso Kristallkugeln?«
»Wisst Ihr das nicht, Schildheld? Wenn man die Magie darin freisetzt, kann man einen passenden Zauber erlernen!«
Was?! Ich musste also gar nicht erst lesen lernen, um Magie wirken zu können?
»Vor längerer Zeit hat das Reich für die Helden … eine große Menge von ihnen bestellt und verschickt. Und Ihr habt davon nichts gewusst, werter Held?«
»Nein.«
Daran war nur wieder dieser Dreckskönig schuld. Höchstwahrscheinlich hat er sie alle an die anderen Helden verteilt.
Mich absichtlich so auszugrenzen … Ich könnte ihn erwürgen!
»Zauberbücher sind zwar schwierig, aber wenn Ihr Euch eingehend damit befasst, könnt Ihr die meiste Magie erlernen!«
Mit einer Kristallkugel konnte man also nur einen, mit Büchern hingegen mehrere Zauber lernen? Vorausgesetzt man konnte sie lesen.
»Bitte verzeiht!«
»Nicht doch«, entgegnete Raphtalia lächelnd. »Es ist ja schon genug, dass wir umsonst die Zauberbücher bekommen!«
Ich nickte bekräftigend.
»Wie weit können wir’s denn bringen mit den Büchern?«
»Das ist alles Magie für Anfänger. Wenn Ihr euch an fortgeschrittene Zauber wagen wollt, könnt Ihr die Bücher jederzeit bei mir erwerben!«
»Hm … Okay.«
»Es wäre wohl am besten, wenn ich Euch unterweisen würde, aber der Held des Schildes ist sicher sehr beschäftigt? Ihr haltet Euch kaum in der Schlossstadt auf, habe ich recht?«
»Das stimmt.«
Natürlich musste sie auch an ihr Geschäft denken. Sie hatte uns schon die Bücher überlassen, bestimmt kein kleines Dankeschön. Wir durften nicht egoistisch sein.
»Vielen Dank.«
Wir hatten also von der Magiehändlerin Zauberbücher bekommen.
Mir entfuhr ein schwerer Seufzer.
Ich war nicht unbedingt versessen aufs Büffeln. Was sollte ich nun tun?
Ich sah es ja ein: Mir blieb nichts anderes übrig, als mühsam diese Bücher zu dechiffrieren und so die Rezepte und die Magie zu lernen.
Ich fragte mich, ob es unter den Skills nicht auch so etwas wie »Schrift einer fremden Welt lesen« gab. Die Heilrezepte würde ich höchstwahrscheinlich auch über den Schild bekommen. Wer suchet, der findet. Aber was ging nun schneller: mühsam den äquivalenten Schild aufspüren oder die Schrift lernen und es sich anhand der Bücher aneignen?
Letzteres wäre billiger und hätte den Vorteil, dass ich mich einmal an etwas anderem versuchen könnte. Wenn es nun aber doch so einen Übersetzungsskill gab … Dann wäre all das Gebüffel doch vergebliche Liebesmühe. Schwer, angesichts dieser Möglichkeit die notwendige Motivation aufzubringen.
»Lass uns einfach gemeinsam Zaubern lernen!«, sagte Raphtalia eifrig.
»Ich kann doch die Schrift dieser Welt nicht lesen …«
»Ja, darum lernen wir ja auch zusammen.«
»Hmm … Wenn du meinst.«
Es konnte gewiss nicht schaden zu lernen, wie man diese Heilmittel herstellte.
»Wann kommt überhaupt die nächste Welle?«
»Hm? Ach so, warte kurz.«
Ich rief das Icon am Rand meines Gesichtsfeldes auf.
Diese sogenannte Statusmagie konnte jeder in dieser Welt benutzen.
In meinem Fall waren alle angriffsbezogenen Werte extrem niedrig, die Verteidigungswerte hingegen hoch.
Es gab auch Icons, die nur Helden angezeigt wurden, und auf sie richtete ich nun meine Aufmerksamkeit. So brachte ich den Zeitpunkt der nächsten Welle in Erfahrung.
Noch 45 Tage und 14 Stunden.
»45 Tage sind’s noch!«
Hatte es nicht monatlich geheißen?
Na ja, immerhin nicht zwei Monate … Wenn ich genauer darüber nachdachte, hatte uns das Reich nach der ersten Welle herbeibeschworen … Das hieß, ein Zyklus dauerte womöglich länger als erwartet. Es waren ja auch einige Tage ins Land gegangen, ehe Raphtalia meine Sklavin geworden war.
Frühestens einen Monat später … grob gesagt.
»Na ja, aber gut zu wissen, wann.«
Vielleicht war die Zeitspanne sogar kurz, schließlich mussten wir eine Menge erreichen.
»Jedenfalls haben wir hier erst mal alles erledigt, oder?«
»Sieht so aus … Das Sklavensiegel ist erneuert, wir sind die Medizin los und obendrein haben wir noch Bücher bekommen«, zählte ich die Ereignisse auf. Hoffentlich hatten wir nichts vergessen, das wäre verschenkte Zeit. »Es scheint gerade nichts Dringendes mehr anzuliegen.«
»Na, dann essen wir jetzt etwas und anschließend grinden wir ’ne Runde, hm?«
»Okay.«
Das Frühstück versetzte mich in Erstaunen. Ja, mein Geschmackssinn war wieder da.
Es gab doch ungemein Lebenskraft, wenn das Essen schmeckte.
Bedingungen erfüllt für: Mortar Shield
Bedingungen erfüllt für: Beaker Shield
Bedingungen erfüllt für: Druggist’s Mortar Shield
Mortar Shield
Fähigkeit nicht freigeschaltet … Ausrüstungsbonus: Mixturen für Neulinge
Beaker Shield
Fähigkeit nicht freigeschaltet … Ausrüstungsbonus: Bonus aufs Mischen von Flüssigkeiten
Druggist’s Mortar Shield
Fähigkeit nicht freigeschaltet … Ausrüstungsbonus: Sammelfertigkeit 2
Gleich nach dem Essen kehrten wir der Schlossstadt den Rücken und machten uns auf den Weg zum Dorf Ryuto: Wenn wir von dort aus weiter vorrückten, würden wir auf geeignete Monster stoßen. Die geheimen Jagdreviere der anderen Helden kannte ich nicht, daher blieb mir nichts anderes übrig, als die Bewohner dieser Welt zu fragen oder mich selbst auf die Suche zu begeben.
Auf einer Karte passende Orte zu finden, war zwar ziemlich schwierig, würde sich aber vielleicht bezahlt machen. Ich wollte nicht unbedingt mit den anderen Helden wetteifern, aber hinter ihnen zurückzubleiben ärgerte mich doch ein wenig. Andererseits war es nicht so wild, denn mein Schild würde mit jedem unbekannten Monster, das wir besiegten, stärker werden.
Die Details spare ich an dieser Stelle aus, aber ich stieß auf Schilde mit unterschiedlichen Fertigkeiten. Problematisch war lediglich, dass es meist einfach nur bessere Versionen bereits vorhandener Fertigkeiten waren.
Und hauptsächlich stieg meine Verteidigungskraft – wohl weil meine legendäre Waffe eben der Schild war. Sonst stiegen noch meine Gewandtheit, Ausdauer, Magie oder SP – alles was nichts mit Angriffskraft zu tun hatte. Immerhin war ich so aus der vorigen Welle weitgehend unversehrt hervorgegangen.
Und dann, unterwegs …
»Kann der Schild eigentlich die Gegner von der Welle einsaugen?«
Wir waren nach der Schlacht direkt heimgekehrt und ich hatte nicht mehr daran gedacht. Ich fand jedoch, dass ich es unbedingt ausprobieren musste, wenn ich meinen Schild voranbringen wollte. Als wir nun in die Gegend kamen und in der Ferne Ryuto ausmachten, stießen wir auf gar nicht wenige Wellenmonsterkadaver.
Bedingungen erfüllt für: Inter-Dimensional Locust Shield
Bedingungen erfüllt für: Inter-Dimensional Lower Bee Shield
Bedingungen erfüllt für: Inter-Dimensional Zombie Shield
Inter-Dimensional Locust Shield
Fähigkeit nicht freigeschaltet … Ausrüstungsbonus: Verteidigungskraft 6
Inter-Dimensional Lower Bee Shield
Fähigkeit nicht freigeschaltet … Ausrüstungsbonus: Gewandtheit 6
Inter-Dimensional Zombie Shield
Fähigkeit nicht freigeschaltet … Ausrüstungsbonus: Verderblichkeitsresistenz der Besitztümer (klein)
Bei der Gelegenheit zerlegte ich daher welche und schaute, ob weitere Schilde heraussprangen.
Bedingungen erfüllt für: Bee Needle Shield
Bee Needle Shield
Fähigkeit nicht freigeschaltet … Ausrüstungsbonus: Angriffskraft 1
Sonderfunktion: Needle Shield (klein), Bienengift (Lähmung)
Während ich mich umsah und zu dem Schluss kam, dass viel mehr wohl nicht zu erwarten sei, beobachtete ich, wie die Dorfbewohner gerade mit dem Kadaver der Chimäre abzogen.
»He!«
»Ah, der Held des Schildes!«
Freundlich, wohl noch wegen der Ereignisse des Vortags, hießen sie mich willkommen.
»Das da ist doch der Wellen-Endgegner, oder?«, fragte ich mit einem Blick auf die Chimäre.
Was war es nur …? Sie hatte irgendetwas an sich, was sie von den Monstern dieser Welt unterschied. War es die Farbe oder war es ihre Beschaffenheit? Es fiel mir schwer, es konkret zu bestimmen.
»Ein furchterregendes Viech!«
»Wohl wahr«, stimmte ich zu.
Die anderen Helden oder die Ritter hatten anscheinend alles, was sich als Material verwenden ließ, abgehackt. Zwar war die Grundform noch erhalten, aber Haut und Fleisch waren ziemlich zerfleddert.
»Kann ich auch ein bisschen was davon haben?«
»Bitte, nur zu, wir hatten uns eh schon gefragt, wie wir den Kadaver entsorgen sollen. Wollen wir ihn im Dorf weiterverarbeiten, und Ihr rüstet Euch aus?«
»Das ginge auch, aber … Allzu viel scheint nicht übrig zu sein, was sich verwerten ließe.«
Das Fell war fort, daher konnte ich es nicht zur Aufwertung meiner Rüstung verwenden. Fleisch und Knochen … Mir blieb wohl nur noch der Schlangenschwanz. Der Kopfteil war entfernt worden. Es sah so aus, als hätte die Chimäre drei Köpfe gehabt ...
Es war, wie es war. Raphtalia und ich zerlegten den Kadaver, und ich ließ meinen Schild die Reste absorbieren.
Bedingungen erfüllt für: Chimera Meat Shield
Bedingungen erfüllt für: Chimera Bone Shield
Bedingungen erfüllt für: Chimera Leather Shield
Bedingungen erfüllt für: Chimera Viper Shield
Chimera Meat Shield
Fähigkeit nicht freigeschaltet … Ausrüstungsbonus: Kochqualität verbessern
Chimera Bone Shield
Fähigkeit nicht freigeschaltet … Ausrüstungsbonus: Dunkelheitsresistenz (mittel)
Chimera Leather Shield
Fähigkeit nicht freigeschaltet … Ausrüstungsbonus: Verteidigungskraft 10
Chimera Viper Shield
Fähigkeit nicht freigeschaltet … Ausrüstungsbonus: Skill »Change Shield«, Gegengiftsteigerung/Giftabwehr (mittel)
Sonderfunktion: Schlangengiftzahn (mittel), Haken
Der letzte Schild brachte einige Boni mit – was das wohl alles war? Die Verteidigungskraft war auch gut.
Ich bräuchte jedoch ein ziemlich hohes Level, um meinen Schild in diese Form verwandeln zu können. Zudem sah es so aus, als müsste ich erst noch einige Schilde der Chimärenserie freispielen. Ich sollte die Angelegenheit wohl vorerst aufschieben, aber höchstwahrscheinlich würde dies mein Hauptschild bei der nächsten Welle werden.
»Und was geschieht mit dem Rest?«
»Wir würden ihn sowieso nur vergraben, also nutzt gerne, was immer Ihr wollt!«
»Hmm …«
Es war ein bisschen schade drum, aber außer Fleisch und Knochen war nichts mehr übrig. Die Knochen mochten ja haltbar sein, doch was sollte man mit dem Rest anfangen? Dörrfleisch höchstens. Besonders genießbar kam es mir allerdings nicht vor.
Ha, vielleicht konnte man es ja für Zaubertränke verwenden! … Aber wo würde ich es loswerden? … Blöd, wenn es verdarb. Und wer konnte wissen, ob das Vieh nicht irgendwie wieder zum Leben erwachte, wenn man es unachtsam aufhob? Eine grässliche Vorstellung.
Über die Knochen ließe sich das Gleiche sagen, allerdings beunruhigten sie mich weniger. Aber … vielleicht zerbrach ich mir auch zu sehr den Kopf darüber.
»Gut, dann nehmen wir mal mit, was wir können.«
»Äh, aber kommt da nicht eine ziemliche Menge zusammen?«
»Könnt ihr vielleicht im Dorf was für uns aufbewahren?«
»Wie? Nun, wenn der Held des Schildes es wünscht …«
»Na, dann trocknen wir das Fleisch und wenn ihr es aufbewahrt, könnt ihr es auch gern zum Verkauf anbieten, falls jemand Interesse daran hat. Die Wiederaufbaukosten kriegt ihr damit doch bestimmt rein. Vielleicht möchte es ja auch jemand erforschen, immerhin war es bei der Welle der ganz große Fang.«
»Na, in dem Fall finden wir möglicherweise tatsächlich einen Abnehmer!«
Die Dorfbewohner nahmen meinen Vorschlag dankbar an. Sie schienen wirklich Kapital für den Wiederaufbau zu brauchen.
Die inneren Organe und andere leicht verderbliche Teile ließ ich meinen Schild absorbieren.
Als wir im Dorf ankamen, ging bereits die Sonne unter.
Ryuto lag teilweise in Trümmern, und die Überlebenden lebten nun zusammen in den vergleichsweise wenig beschädigten Gebäuden. Da uns der Gastwirt einer recht sicheren Herberge ein Zimmer zur Verfügung stellte, konnten wir den Tag ruhig ausklingen lassen.
»Ich würde zwar gern beim Wiederaufbau helfen, aber ich kann es mir nicht erlauben, nur an die Menschen hier zu denken.«
Heute hatte ich nur genommen und nichts gegeben. Die Dorfbewohner waren zwar dankbar gewesen, das Fleisch und die Knochen der Chimäre loszuwerden, aber Kost und Logis hatten sie uns auch noch umsonst angeboten.
»Ja, oder? Wir haben hier profitiert, da wäre es schön, wenn die Dorfleute auch was davon hätten.«
Unter ihnen fand sich einer, der lesen und schreiben konnte. Er erstellte mir eine Tabelle, die mir helfen sollte, die Schriftzeichen dieser Welt zu entziffern
Einfach gesagt, war es so etwas wie die japanische Silbentabelle. Oder wie das Alphabet.
Später ließ ich mir von Raphtalia, die wenigstens ein bisschen lesen konnte, die Zeichen vorsprechen und schrieb die Entsprechungen meiner Welt dazu. Wahrscheinlich stand mir noch einiges bevor, denn aus den fremdartigen Symbolen setzten sich ja Worte zusammen. Aber vorerst … wäre es wohl am besten, mir die Grundzeichen einzuprägen.
Immer wenn ich gerade keine Medizin mischte, würde ich Schriftzeichen pauken. Mir stand eine harte Zeit bevor.
Kapitel 3: Filo
Am nächsten Tag war es schon spät am Morgen, als Raphtalia endlich aufwachte. Sie hatte verschlafen, da wir bis spät in die Nacht aufgeblieben waren. Sie hatte die ganze Zeit mit einem Zauberbuch in der Hand vor sich hin gemurmelt. Und ich? Ich hatte Heilkräuter abgekocht und zu Arzneien verarbeitet.
Nun bereitete ich unseren Aufbruch vor, um die verschlafene Zeit wieder wettzumachen.
»Guck mal, ich glaube, es schlüpft!«
Ich hatte das Ei, das ich am Vortag gekauft hatte, im Gasthauszimmer ans Fenster gelegt. Nun hatte Raphtalia bemerkt, dass sich Risse in der Schale bildeten.
Irgendetwas Weiches, Lebendiges guckte hindurch: Fell oder Federn.
»Echt?«
Es war interessant, die Geburt eines Lebewesens mitanzusehen.
Ich ging hinüber, um die Risse genauer in Augenschein zu nehmen. Mit einem Knacken klafften sie weiter auf und das Babymonster streckte seinen Kopf hindurch.
»Piep!«
Es hatte weiches, rosafarbenes Gefieder. Dann blickte es mich direkt an.
»Piep!«
Übermütig sprang es hoch und prallte gegen mein Gesicht, was wie immer überhaupt nicht weh tat.
Ganz schön quietschfidel, dieses Neugeborene!
»Was ist das für eins? Es gehört zur Vogellinie, also ein PikyuPikyu?

PikyuPikyus waren so etwas wie deformierte Geier und konnten nicht allzu hoch fliegen. Von der Gestalt her konnte es gut ein Jungvogel dieser Art sein. Im Vergleich zu Ballonmonstern waren sie behände und mit seinem Schnabel würde es hoffentlich zu Angriffen fähig sein, wenn es einmal ausgewachsen war.
»Hmm … Ich kenn mich leider nicht gut mit Monstern aus«, sagte Raphtalia ratlos.
»Macht nichts. Wollen wir die Dorfbewohner fragen?«
Allzu gefährlich war es bestimmt nicht, schließlich wurden sie offiziell in einer Lotterie angeboten. Konnte daher schon sein, dass sie wussten, um was es sich hierbei handelte.
Als ich die Hand nach dem Küken ausstreckte, hüpfte es drauf, lief über meinen Arm bis zur Schulter hinauf und sprang auf meinen Kopf.
»Piiiep!«
Es schmiegte sich an mich. Eigentlich … war es ganz niedlich.
»Hi hi, es glaubt, du bist seine Mama!«
»Na ja, so läuft das mit der Prägung.«
Das steckte in ihnen drin: Ich war sein erstes sich bewegendes Gegenüber gewesen, es hielt mich für ein Elternteil.
Als ich die Eierschale wegräumen wollte, reagierte mein Schild. Das war doch überhaupt die Idee: Wenn ich dem Schild die Bruchstücke gäbe, würde ich vielleicht herausbekommen, um was für ein Monster es sich handelte! Gesagt, getan.
Bedingungen erfüllt für: Monster User Shield
Bedingungen erfüllt für: Monster Egg Shield
Monster User Shield
Fähigkeit nicht freigeschaltet … Ausrüstungsbonus: Monsterentwicklungsunterstützung (klein)
Monster Egg Shield
Fähigkeit nicht freigeschaltet … Ausrüstungsbonus: Kochen 2
Das waren andere Schilde, als ich erwartet hatte. Sie schienen jedoch praktisch zu sein, daher verwandelte ich meinen Schild vom Slave User Shield II, den ich gerade freispielte, in den Monster User Shield.
»Hast du irgendwas rausgekriegt?«
»Nein, aus den Schildnamen ist es nicht ersichtlich.«
Um was für ein Monster handelte es sich nun bei diesem Küken? Hoffentlich wusste es irgendjemand im Dorf.
Während wir durch den im Wiederaufbau begriffene Ort gingen, dachte ich darüber nach, wo wir heute aufleveln sollten.
Eignete sich vielleicht das Sumpfland westlich des Dorfs am besten? Beim letzten Mal hatten wir die Berge im Nordwesten erkundet, nun wollte ich weitere Stellen finden, wo es noch andere brauchbare Monster gab. Also sprachen wir einen Dorfbewohner an.
»Oh, der Held des Schildes!«
»Morgen.«
»Guten Morgen!«
Wir hatten hier schon mal eine Woche verbracht. Zudem hatten wir das Dorf vor der Welle beschützt, daher erkannte man mich natürlich.
Er verbeugte sich tief. Das wurde mir so langsam peinlich.
»Piep!«, verkündete vergnügt das Küken auf meinem Kopf.
»Huch?« Der Mann zeigte mit dem Finger darauf. »Wo kommt das denn her?«
»Aus einem Ei, das mir der Sklavenhändler verkauft hat.«
»Ach so, verstehe.«
»Weißt du vielleicht, was für ein Monster das ist?«
»Nun ja …«, sagte der Mann und beäugte das Tier. »Ist das nicht eins von denen, die die Wagen ziehen?«
In dem Fall hätte ich, da die ein bisschen teurer waren, sogar einen gewissen Profit gemacht … Falls der Mann denn recht hatte.
»Am Rand des Dorfs gibt es Weiden, dort solltet Ihr es einmal vorzeigen.«
»Na, dann versuchen wir das mal.«
Raphtalia und ich gingen den Mann besuchen, der die Ranch leitete.
Sie hatte bei der Welle beträchtlichen Schaden genommen, und offenbar war die Hälfte der gezüchteten Monster umgekommen.
»Dieses Monster ist dann also ein Filolial?«, fragte ich den Betreiber.
»So ist es.« Er nickte bekräftigend, dann hielt er das Küken hoch, um es genauer zu begutachten. »Und es sieht mir nach einem Weibchen aus! Es ist eine häufig vorkommende Art. Die kommen nicht zur Ruhe, wenn sie keinen Karren ziehen.«
»Was ist denn das für ein Leben?«
»Wieso? Ist daran irgendwas seltsam?«
Ach, wenn ich in dieser Welt wie selbstverständlich damit aufgewachsen wäre, würde es mir sicher auch nicht ungewöhnlich vorkommen.
Hmm … wahrscheinlich lag es in der Natur dieser Tiere, etwas beschützen zu wollen, Eier vielleicht oder ein Nest. Und dann gab man ihnen eben stattdessen einen Karren zum Ziehen.
»Na, dann ist es wohl eher ein Treffer als eine Niete, oder?«
Ein ausgewachsenes Tier kostete 200 Silbermünzen, und ich hatte es für 100 erworben. So betrachtet, war das doch gar nicht schlecht.
»Piep!«, schrie das Filolialküken auf meinem Kopf.
»Was fressen die denn?«
»Erst mal etwas Weiches, gekochte Bohnen zum Beispiel. Ausgewachsen sind sie dann Allesfresser.«
»Aha. Danke.«
Ich war selbst erstaunt, wie leicht mir das »Danke« über die Lippen gegangen war. Bisher hatte ich ja, offen gesagt, alle Bewohner dieser Welt als meine Feinde wahrgenommen. Ich dachte daran zurück, was wir im Schloss erlebt hatten … Vielleicht war ich ja etwas offener geworden, weil Raphtalia mich gerettet hatte.
Vorläufig würde es also reichen, das Küken mit den gekochten Bohnen zu füttern, die sie im Dorf verkauften.
»Wie wollen wir es nennen?«, fragte Raphtalia und streichelte dabei das Küken.
»Du willst einem Tier einen Namen geben, obwohl wir es vielleicht irgendwann verkaufen?«
Wenn es erst mal einen Namen hatte, dachte ich mir, würden wir eine Bindung dazu aufbauen und brächten es nicht mehr übers Herz, es zu verkaufen.
»Wollen wir es denn die ganze Zeit nur Küken oder Filolial rufen?«
»Puh …«
Ja, das wäre umständlich.
»Na dann … Wie wär’s mit Filo?«
»Das ist aber einfallslos.«
»Na und? «
»Piep!«, rief das Küken, als hätte es verstanden, dass es nun einen Namen hatte.
Wir gingen Futter für Filo kaufen, nahmen eine Mahlzeit ein, die zugleich unser Frühstück und unser Mittagessen war, und brachen auf.
»Wohin gehen wir heute?«
»Piep?«
»Also … Ich weiß noch nicht, wo das beste Jagdrevier ist. Wir werden uns wohl selbst ein bisschen umschauen müssen. Machen wir’s wie sonst auch.«
»Gut.«
Auf Raphtalia konnte ich mich immer mehr verlassen, daher müssten die Kämpfe eigentlich leichter werden.
Filo piepste unterdessen auf meinem Kopf herum. Es war zwar laut, aber auch ein bisschen angenehm.
»Da! Ein Frosch!«
Wir hatten uns dazu entschieden, heute in dem kleinen Marschland westlich von Ryuto zu jagen. Als wir dem ersten Monster gegenüberstanden, gelang es mir nicht, meine Überraschung zu verbergen. Aber das war wohl auch kein Wunder: Einem Monsterfrosch leibhaftig gegenüberzustehen war etwas anderes, als einem in einem Videospiel zu begegnen.
Hinzu kam, dass er mir bis zur Hüfte ging. Wer hätte sich da nicht erschrocken?
»Dann legen wir mal los!«
»Ah! Warte, Raphtalia!«
Sie war losgestürmt, ehe ich den Frosch in ein Gerangel hatte verwickeln können.
Wir hatten uns auf die Grundtaktik geeinigt, dass ich stets vorging.
In einem Onlinegame war es riskant, sich unvorbereitet einem unbekannten Monster zu nähern: Womöglich war es ungleich stärker als man selbst. Dann kam man vielleicht nicht nur mit Wunden davon. Im schlimmsten Fall bezahlte man mit dem Leben.
»Hiah!«
Raphtalia ließ sich nicht aufhalten und hieb mit ihrem Schwert nach dem Frosch. Das stachelte ihn allerdings nur an, sodass er ein Brüllen ausstieß.
Verdammt, was sollte das? Erst lenkte ich das Monster ab, dann griff Raphtalia an. Hatte sie unsere Strategie vergessen?
Der riesige Frosch blies dick die Backen auf, dann stieß er mit seiner spitzen Zunge nach Raphtalia.
»Pass auf!«
Ich sprang vor und wehrte den Angriff des Froschs ab. Ich würde nicht zulassen, dass Raphtalia verwundet wurde.
»Piep!«
Filo fing an, auf meinem Kopf herumzutoben, als würde sie Schatten boxen.
»Du sollst doch warten, bis ich ihn am Wickel habe!«
»Aber …«
»Kein Aber!«
Irgendwie harmonierten wir gerade nicht. Vor der Welle war nie eine derartige Diskrepanz zu spüren gewesen. Was war bloß los?
Würde Raphtalia verletzt, wäre das ihren toten Eltern gegenüber unverzeihlich. Ich war doch nun für sie verantwortlich.
Das Monster schwenkte jetzt auf mich um und stieß mit seiner Zunge nach mir.
Jawoll! Ich packte die Zunge. Meine Handgelenke knackten.
»Jetzt!«
»Verstanden!«
Als wollte sie sagen: ›Da, ich hab gewartet‹, blitzten ihre Augen auf, und sie schlug mit dem Schwert nach dem Frosch.
Der segnete ohne Weiteres das Zeitliche und wir bekamen unsere Erfahrungspunkte.
Hm … Scheint ranghöher zu sein als die Stachelschweine.
»Puh …«
Raphtalia sah mich an und wirkte irgendwie unzufrieden. Da machte sich wohl ihr hoher Ehrgeiz bemerkbar. Das musste ich im Blick behalten. Gerade in solchen Momenten wurde man leicht überheblich, und dann verletzte man sich.
»Raphtalia, lass uns so vorsichtig wie möglich vorgehen.«
»Aber bis zur nächsten Welle ist doch kaum Zeit! Jedes Monster, das wir erledigen, macht uns stärker!«
»Es sind immerhin noch anderthalb Monate. Lieber geduldig bleiben, sonst übernehmen wir uns noch und können am Ende gar nicht mehr kämpfen.«
»Das stimmt schon … Ich will nur so gern stärker werden!«
Hieß das, wir waren uns erst mal einig?
Anders als die anderen Helden wusste ich nicht, wo schwache Monster zu finden waren.
»Quäääääk!«
Wa…?! Als ich mich zu dem komischen Quaken umdrehte, sah ich, wie ein weiterer Frosch auf uns zukam – nur war er diesmal violett und doppelt so groß. Und er hatte so etwas wie einen grauen Salamander im Schlepptau.
»Piep!«
Wieder ging Filo auf meinem Kopf in Gefechtsbereitschaft.
Du kämpfst nicht mit! Auf dem Kopf wäre sie mir nur im Weg, daher steckte ich sie in meine Rüstung.
»Pie…«
»Los geht’s!«
»Nein! Ich geh vor!«
»Und was, wenn du verletzt wirst, Herr Naofumi?! Hast du mich nicht gekauft, damit ich für dich kämpfe?«
»Wenn ein Gegner stark genug ist, um mich zu verwunden, dann würde er dich umso schlimmer verletzen. Und dafür habe ich dich nicht gekauft! Okay, anfangs war’s vielleicht so, aber jetzt nicht mehr … Pass bitte besser auf dich auf!«
»Herr Naofumi …«
Damit hob ich den Schild und rannte auf unsere Gegner zu: Amethyst Big Frog und Gray Salamander hießen sie. Es war mein Glück, dass die Angriffe der Monster nicht durch meine Verteidigung zu dringen vermochten – der giftig aussehende Schleim floss einfach an meinem Schild herab.
»Ha!«
»Geschafft!«
Raphtalias Schwert durchbohrte und zerteilte beide Monster, und im Nu hatten wir sie besiegt. Wahrscheinlich lag es an der neu angefertigten Waffe. Auch die Rüstung war hervorragend, besser als gedacht sogar, wofür ich dem Waffenhändler innerlich dankte.
Wir zerlegten erst einmal die Monster und ich gab sie meinem Schild.
Das Froschfleisch … wirkte ungenießbar, womöglich war es sogar giftig. Das würde ich wohl nicht verkaufen können.
»Piep!« Filo kam aus meiner Rüstung gekrochen und nahm auf dem Kadaver eine Siegespose ein.
Eigentlich hatte sie nichts dazu beigetragen, aber sie war so niedlich, daher ließ ich sie gewähren.
An dem Tag begegneten wir überraschend vielen Monstern, die wir zudem auf effiziente Weise bezwangen.
Als schließlich der Abend hereinbrach, wurde klar, dass bei Filo etwas Seltsames vor sich ging. Selbst mir fiel das auf.
Dies war das Ergebnis des Tages:
Naofumi: Level 23
Raphtalia: Level 27
Filo: Level 12
Obwohl Filo gar nicht mitgekämpft hatte, hatte auch sie Erfahrungspunkte erhalten, war aufgestiegen und hatte sich äußerlich merklich verändert.
Das war gut. Ich wusste ja bereits, dass junge Subhumanoide körperlich wuchsen, wenn ihr Level stieg. Derselben Logik folgend wurden dann wohl auch Monster schneller groß.
Allerdings … Nun …
Gerade war Filo noch ein kleines Küken gewesen und nun musste ich sie schon mit beiden Händen halten, so groß und schwer war sie geworden. Und sie hatte eine runde einem Brötchen ähnelnde Körperform bekommen. Auch ihr Federkleid hatte die Farbe gewechselt: von einem blassen Rosa zu pfirsichfarben.
Eine ihrer Federn gab ich dem Schild.
Bedingungen erfüllt für: Monster User Shield II
Monster User Shield II
Fähigkeit nicht freigeschaltet … Ausrüstungsbonus: Monsterstatusanpassung (klein)
Die Veränderung war so gravierend, dass sie selbst mir, dem Raphtalias Heranwachsen nicht aufgefallen war, nicht verborgen blieb.
»Tschilp.«
Selbst das Piepsen hatte sich verändert.
Als ich sie absetzte, weil sie mir zu schwer geworden war, watschelte sie von alleine los.
Knuuurr …
Bei diesem Geräusch, das von Filo ausging, überkam mich ein ungutes Gefühl. Wir hatten zwar vorsichtshalber reichlich Futter gekauft, aber es war bereits alle. Wir ließen Filo, die ja angeblich omnivor war, alles fressen, was sich fand, etwa das wilde Gras am Wegesrand. Doch so viel sie auch fraß, sie war einfach unersättlich … Ein Zeichen ihres raschen Wachstums.
»Ähm … Herr Naofumi …«
»Ich weiß. Monster sind schon irre, oder?«
Dass sie an einem Tag so sehr gewachsen war … Es war nur eine Frage der Zeit, bis wir auf ihr reiten konnten.
Darauf freute ich mich zwar, aber es grauste mich davor, dass sie zu einem riesigen Monster mit unreifem Geist heranwachsen könnte. Deshalb erlegte ich ihr ziemlich strenge Beschränkungen auf.
Wieder im Gasthaus, zeigte ich Filo dem Inhaber und fragte ihn, wo ich sie schlafen lassen sollte. Er führte mich daraufhin zum Pferdestall, und ich bereitete ihr aus Stroh ein Nest.
»Hm? Hier lagern ja das Fleisch und die Knochen der Chimäre!«
Es schien noch nicht verdorben zu sein. War es derart haltbar? Oder wurde es nur nicht schlecht, weil das Monster aus einer anderen Dimension stammte?
»Wir haben es aufgehängt, damit es weich wird und wir was damit anfangen können.«
»Ach so …«
In dieser Form war es wohl nicht essbar, sie mussten es erst weiterverarbeiten.
»Dann wollen wir es räuchern oder trocknen und Käufer dafür finden. Auch jetzt verkaufen wir schon was, wenn jemand was davon will.«
»Freut mich für euch.«
Es war eine recht große Chimäre gewesen, darum war noch reichlich davon übrig. So viel wie zwei Kühe vielleicht? Es war schwer zu Nahrung zu verarbeiten, aber auch zu viel, um alles für Forschungszwecke herzugeben.
»Tschilp.«
Knurr …
Hatte sie schon wieder Hunger? Wir hatten im Dorf zwar bereits zusätzliches Futter besorgt, aber auch das hatte sie in kürzester Zeit verputzt. Wie konnte in den kleinen Körper nur so viel reinpassen?
Knirsch … Knirsch Knirsch …
Hörte ich da etwa … noch immer das Geräusch von wachsenden Knochen und Fleisch?
»An einem Tag so viel zu wachsen …« Der Gastwirt blickte mich besorgt an. »Ihr müsst Euch sehr viel zugemutet haben, oder?«
»Na ja, noch ist sie erst Level 12.«
»Was? Level 12?«
Auf meine Bemerkung hin blickte er Filo erschrocken an.
»Ich hätte gedacht, dass mindestens Level 20 nötig wäre, um wenige Tage nach der Geburt schon so groß zu werden. Aber da zeigt sich eben die Macht eines Helden!«
Hm … Nun, ich hatte Entwicklungsunterstützung (klein), und es war natürlich denkbar, dass sich so der Effekt äußerte. Jedes Mal, wenn ich einen Blick in den Status warf, hatten sich die Werte wieder verändert. Ja, sie schien mitten im Wachstum zu sein.
»Tschilp!«, machte Filo fröhlich.
Wachse nur schnell, dachte ich, streichelte ihr den Kopf und als ich sie leise schnarchen hörte, ging ich mit Raphtalia wieder auf unser Zimmer. Dort büffelten wir die Schrift dieser Welt. Es war noch so viel zu tun.
Kapitel 4: Im Wachstum
Als ich am nächsten Morgen erwachte, schlüpfte ich leise aus dem Zimmer, um Raphtalia nicht zu wecken, die noch bis spät in die Nacht gelernt hatte. Ich wollte nach Filo schauen.
»Gwah!«, kam es mir entgegen, als ich den Stall betrat.
Abermals hatte sich Filo verändert und glich nun keinem Brötchen mehr. Ihre Beine hatten sich lang gestreckt, ebenso der Hals. Sie hatte nun eher etwas von einem Strauß. Eine irrsinnige Verwandlung war das. Sie wuchs ganz anders als jeder Vogel, den ich kannte. Sie reichte mir etwa bis zur Brust, aber reiten würde ich sie noch nicht können.
Knurr …
Sie schien Hunger zu haben, daher ging ich als Erstes auf der Ranch Futter einkaufen.
Wie sehr sie an nur einem Tag gewachsen war … Es hatte etwas Furchterregendes an sich.
»He, du bist erst einen Tag auf der Welt!«
»Gwah!«
Als Filo sich vertrauensvoll an mich schmiegte, musste ich automatisch lächeln.
Es war aber nicht so, dass mit einem Mal meine Tierliebe entfacht worden wäre. Voller Vorfreude fragte ich mich, was ich sie wohl alles tun lassen könnte, wenn sie ausgewachsen war. Angeblich konnte sie ja einen Karren ziehen. Das wollte ich unbedingt ausprobieren.
Wieder einmal war Filo neues Gefieder gewachsen: weiß und kirschblütenfarben gescheckt.
Ich räumte ein wenig auf, indem ich meinen Schild die herabgefallenen Federn absorbieren ließ.
Bedingungen erfüllt für: Monster User Shield III
Monster User Shield III
Fähigkeit nicht freigeschaltet … Ausrüstungsbonus: Monsterentwicklungsunterstützung (mittel)
Hm … Und ich hatte ihm nicht einmal Blut geben müssen? In dem Fall wäre es wohl einen Versuch wert, Raphtalia noch einmal die Haare zu schneiden.
Wie lebhaft Filo umherlief, obwohl sie gerade erst geboren worden war.
»Gwah!«
Zwar war sie kein Hund, aber ich spielte trotzdem Stöckchen holen mit ihr. Sie war flink: ließ den Stock gar nicht erst zu Boden fallen, sondern fing ihn aus der Luft und brachte ihn sogleich zurück. Ziemlich schlau war sie ebenfalls. Und so spielte ich weiter mit ihr, bis Raphtalia aufgestanden war. Es war schon erfrischend, ein Haustier zu haben.
Auch in meiner Welt hielten die Leute sich Hunde und Katzen, und irgendwie fand ich sie schon niedlich.
Früher hatte ich manchmal in der Schule mit streunenden Katzen und so zu tun gehabt; scheue Tiere, die sich nur dann heranwagten, wenn Futter im Spiel war, aber zu mir waren sie meistens gekommen. Während der Grundschulzeit hatte ich mit auf die Tiere dort aufgepasst. Manche Kinder hatten das nicht gemocht, weil die Hühner sie angeblich pickten, aber ich war nie gepickt worden. Wahrscheinlich hatte ich aus dem Grund nichts gegen Tiere.
»Hm.« Raphtalia war aufgewacht und hatte nach mir gesucht. »So hab ich dich ja noch nie lächeln sehen, Herr Naofumi!«
Sie klang schlecht gelaunt. Irgendetwas an meinem Lächeln musste ihr nicht gepasst haben.
»Was hast du?«
»Nichts.«
»Gwah?« Filo stupste Raphtalia sacht mit dem Schnabel an.
Sie seufzte. »Ach, was soll’s.« Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus und sie streichelte Filo mit beiden Händen das Gesicht.
»Gwaaah …«
Filo verengte behaglich die Augen zu Schlitzen und kuschelte sich an Raphtalia.
»Also, welche Gegend erkunden wir heute?«
»Wie wär’s, wenn wir ins Grasland im Süden gehen, um Filos Futterkosten zu senken?«
»Hm … Stimmt.«
In der Gegend wuchs das Gras üppig, und es gab auch viele Arten von Heilkräutern. Raphtalia hatte recht: Es war eine gute Stelle. Ein untergeordnetes Ziel war, Geld für gute Ausrüstung zu verdienen.
»Na, wollen wir dann los?«
»Gwah!«
»Ja!«
Und so gingen wir unbekümmert ins Grasland, kämpften gegen Monster und stiegen ein bisschen auf.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.