Kitabı oku: «Die fünfte Jahreszeit»

Yazı tipi:

Anette Hinrichs

Die fünfte Jahreszeit

Kriminalroman


Zum Autor

Anette Hinrichs wurde 1970 in Hamburg geboren. Nach Fachabitur und kaufmännischer Ausbildung am Hamburger Flughafen folgten berufliche Stationen bei einer Reederei, im Bereich Banken und Einzelhandel. Ihre Leidenschaft fürs Krimilesen wurde im Teenageralter durch Agatha Christie entfacht und weckte den Wunsch, eines Tages selbst zu schreiben.

Heute lebt sie als freie Autorin mit ihrer Familie im Raum München.

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Alle Rechte vorbehalten

3. Auflage 2020

(Originalausgabe erschienen 2012 im Leda-Verlag)

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer

unter Verwendung eines Fotos von: © TIMDAVIDCOLLECTION / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6414-0

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

1

Harry öffnete die Augen und starrte in die Dunkelheit.

Ein Geräusch hatte ihn geweckt. Er hatte ein pelziges Gefühl auf der Zunge und griff nach der Bierdose, die er wenige Stunden zuvor unter die Parkbank gestellt hatte. Sie war leer. Mit einem Seufzen ließ er sich wieder auf sein Nachtlager zurückfallen. Er lauschte einen Augenblick in die Dunkelheit, doch alles schien still. Harry zog den dünnen Schlafsack fester um seinen zitternden Körper und versuchte, zurück in den Schlaf zu finden. Dann hörte er es wieder.

Er fuhr hoch. Sein Herz raste. Verstohlen schaute er sich um. Der Mond warf nur einen schwachen Schein durch das Laub der Bäume. Harry blinzelte. Langsam konnte er die Konturen des Parks erkennen. Die Geräusche kamen vom Torhaus.

Er streifte seinen zerschlissenen Schlafsack ab und blieb einige Minuten unentschlossen auf der Bank sitzen. Es war eine kühle Nacht Mitte September. Das genaue Datum kannte Harry nicht. Und es interessierte ihn auch nicht. Ihn interessierte nur, dass es heute ausnahmsweise mal nicht regnete, ja es nieselte noch nicht einmal. Das war für Harry ein Glücksfall. Denn auch wenn die Blätter der Bäume ihn vor dem Regen weitestgehend schützten, zog die Feuchtigkeit durch den Schlafsack direkt in seine altersmüden Knochen.

Inzwischen war er hellwach. An weiteren Schlaf war nicht mehr zu denken.

Er entschloss sich, der Ursache seiner nächtlichen Schlafstörung auf den Grund zu gehen, und streckte die Beine durch. Harry griff nach seinem alten Seesack und kramte, bis er gefunden hatte, was er suchte. Dann verließ er das schützende Dickicht und schlich zum Wanderpfad, der zum Torhaus führte. Am Rand der Grünfläche kauerte er sich hinter eine Eiche und spähte über das Parkgelände. Die Stadtvillen auf der Westseite lagen im Dunklen. Drei Straßenlaternen tauchten den Weg vom Besucherparkplatz zum Torhaus in spärliches Licht und warfen lange Schatten an das alte Gemäuer.

Ein leises Scheppern ertönte vom Ostflügel des Torhauses. Das Licht der Straßenlaternen erreichte diesen Teil nicht. Vom Torbogen waren jetzt kratzende Geräusche zu hören. Harry kannte das Geräusch, doch es dauerte einen Augenblick, bis er es einem kehrenden Besen zuordnen konnte. Wer um Himmels willen sollte denn mitten in der Nacht den Torbogen fegen?

Es war wieder still. Harry wartete noch einige Minuten, dann schlich er den Pfad entlang. Alle paar Meter blieb er stehen und lauschte in die Dunkelheit. Doch außer seinem eigenen pochenden Herzschlag konnte er keinen Laut vernehmen. Was auch immer noch vor wenigen Minuten im Torhaus vor sich gegangen war, es schien beendet.

Er nahm all seinen Mut zusammen und verließ den schützenden Pfad. Es war stockdunkel, und Harry musste aufpassen, dass er nicht stolperte. Dicke Wolken hatten sich vor den Mond geschoben. Harry tastete sich an der Backsteinmauer entlang zum Torbogen. Irgendetwas war anders als sonst. Seine Hände zitterten, als er nach dem alten Feuerzeug griff und vergeblich versuchte, es anzuknipsen. Er fluchte leise, während er sich die kalten Hände rieb und ein paar Schritte in den Torbogen ging.

Etwas versperrte ihm den Weg. Noch ehe die Flamme seines Feuerzeuges die Sicht auf das Hindernis freigab, beschleunigte sich Harrys Puls. Sein Blick folgte dem tanzenden Licht. Ihm blieben nur wenige Sekunden Zeit, um das Geschehen zu erfassen, bevor die Flamme erlosch und das Feuerzeug aus seinen Händen glitt.

Er wimmerte leise und spürte eine warme Flüssigkeit sein Bein hinunterrinnen. In der Nähe schlug eine Autotür zu. Das reichte, um ihn aus seiner Starre zu befreien und zum Handeln zu treiben. Harry bückte sich und tastete im Dunkeln nach seinem Feuerzeug. Wenige Augenblicke später ließ er seinen Fund in die Jackentasche gleiten. Dann drehte er sich um und begann zu laufen. Dunkles Grollen war vom Nachthimmel zu hören und vereinzelte Regentropfen fanden ihren Weg auf die Grünflächen der Parkanlage und in Harrys Nacken. Er spürte es nicht.

Das Gebäude des Polizeipräsidiums Hamburg befand sich an der Hindenburgstraße im Stadtteil Alsterdorf. Der moderne Bau mit den zehn sternförmig um einen Ring gruppierten Riegeln erinnerte an einen Polizeistern. Zahlreiche bis vor wenigen Jahren noch über die gesamte Stadt verstreute Dienststellen waren nun in dem sechsgeschossigen Gebäude zusammen untergebracht. Im dritten Stock lagen die Räume des LKA 41, dem Fachkommissariat für Tötungsdelikte. Das Büro der Mordkommission unterschied sich in seiner Einrichtung kaum von anderen Großraumbüros. Die großen Schreibtische standen sich in Zweierblocks gegenüber, und die hellgrauen Möbel wirkten klar strukturiert und nüchtern.

An einem dieser Schreibtische saß Kriminalkommissarin Malin Brodersen und starrte auf den großen Stapel Akten, der sich vor ihr auftürmte. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Sie hatte erst vor drei Wochen den Dienst im LKA 411 angetreten, doch ihr kam es vor wie mehrere Monate. Ihre Euphorie hatte sich schnell gelegt. Bisher hatte sie erst in einem Fall ermittelt, einem Tötungsdelikt zwischen zwei Eheleuten, der noch am gleichen Tag aufgeklärt worden war. Seitdem bestand ihr Alltag größtenteils aus Schreibtisch­arbeit.

Malins Tage waren davon geprägt, Berichte in den Computer einzugeben, Formulare in Fallakten zu sortieren und Kaffee zu kochen. Dabei hatte sie einen jahrelangen Ausbildungsmarathon hinter sich. Nach dem Abitur hatte sie vier Jahre Jura studiert und war nach dem ersten Staatsexamen für ein weiteres dreijähriges Studium zur Polizeihochschule gewechselt. In ihrer knappen Freizeit hatte sie Kurse in Kriminalistik und Verbrechensanalyse belegt und zusätzlich jedes Fachbuch und jeden Artikel verschlungen, der sie ihrem Ziel näher bringen konnte, Ermittlerin bei der Mordkommission zu werden. Doch die Bürokratie zwang sie zu Umwegen. Nach Abschluss ihrer Ausbildung an der Fachhochschule als Diplom-Verwaltungswirtin der Polizei hatte sie erst eine Zeit bei einem Kommissariat und danach ein weiteres Jahr beim Kriminaldauerdienst absolvieren müssen.

Jetzt habe ich jahrelang die Tretmühlen durchlaufen, bin endlich am Ziel – und was ist? Der Papierkram geht von vorne los, dachte sie frustriert. Anstatt Mordfälle aufzuklären, befinde ich mich auf dem Abstellgleis, zusammen mit einem Berg von Akten.

Malin griff nach einem weiteren Dokument und ließ ihren Blick dabei durchs Büro schweifen. Wo steckten die bloß alle? Ihre Abteilung bestand aus drei weiteren Ermittlern und dem Ersten Kriminalhauptkommissar Fricke, der das Team leitete. Der Schreibtisch ihres vorläufigen Team­partners Frederick Bartels, der ihr normalerweise gegenübersaß, war verwaist. Auch Ole Tiedemann, ein weiteres Teammitglied, glänzte durch Abwesenheit. Der dritte Kollege, Kriminaloberkommissar Sven Andresen, befand sich noch im Urlaub.

Malin hatte gerade nach einem Franzbrötchen gegriffen, als ihr Telefon klingelte. Seufzend legte sie das Brötchen beiseite und nahm den Hörer.

»Brodersen? Fricke hier. Am Wellingsbüttler Torhaus wurde heute früh eine Leiche gefunden«, brummte ihr die Stimme des Vorgesetzten ins Ohr. »Wir brauchen Sie hier am Tatort.«

Endlich. Malin schluckte ihre Aufregung hinunter. »Ich bin schon unterwegs.«

Sie nahm den Fahrstuhl und ging mit schnellen Schritten in die Tiefgarage des Präsidiums zu ihrem Auto, einem grünen Mini Baujahr 1979 mit durchgesessenen schwarzen Ledersitzen und Holzlenkrad. Der Mini war bereits zum Zankapfel zwischen ihr und ihrem Vorgesetzten geworden. Es war üblich, die Dienstwagen zu nehmen. Da ihr jedoch keine Dienstvorschrift die Nutzung des Privatfahrzeugs während der Arbeitszeit ausdrücklich verweigerte, hatte Malin sich durchgesetzt.

»Bitte, bitte spring an«, murmelte Malin, als sie sich hinters Lenkrad setzte. Gleichmäßig brummend kam der Motor in Gang.

Zwanzig Minuten später bog Malin vom Wellingsbüttler Weg in den Waldweg zum Torhaus ein. Schon von Weitem sah sie die für diese Uhrzeit ungewöhnlich vielen Autos auf dem Parkplatz, darunter auch einen Übertragungswagen des Lokalsenders. Schaulustige drängelten sich dicht an dicht. Malin kurbelte das Fenster herunter und zeigte dem uniformierten Beamten ihren Dienstausweis. Mit einem kurzen Nicken winkte er sie durch die Absperrung.

Mehrere Einsatzfahrzeuge standen dahinter, eins erkannte sie als Frickes Dienstwagen. Sie parkte daneben und ging die restlichen Meter zu Fuß. Vom Regen und Sturm der letzten Nacht war nichts mehr spürbar. Die Luft war kühl und klar, und durch den Frühnebel drängten sich schon vereinzelte Sonnenstrahlen.

Vor ihr lag das Wellingsbütteler Torhaus, ein historisches Fachwerkgebäude aus rotem Backstein. Die beiden Torhausflügel hatten weiße Sprossenfenster und kleine schmale Giebel. Es war ein beeindruckendes Gebäude.

Schon von Weitem konnte Malin Hauptkommissar Fricke­ und einige andere Kollegen erkennen. Sie folgte dem von der Polizei angelegten Trampelpfad. Keiner nahm ihre Anwesenheit zur Kenntnis. Malin entschied, jetzt sei der falsche Zeitpunkt für persönliche Eitelkeiten. Sie stellte sich unmittelbar neben ihren Chef, folgte seinem Blick und zuckte zusammen. Kurz schloss sie die Augen und kämpfte gegen das Würgen in ihrem Hals. Sie zwang sich, wieder hinzuschauen.

2

Die ersten Sonnenstrahlen warfen einen schwachen Schein auf das dunkle Gemäuer des Torhauses. Ein Mensch war mit dicken Seilen zwischen die alten Balken des Toreinganges gespannt. Der leblose Körper war mit einem weißen Tuch bekleidet und wurde durch die Seile so gestrafft, dass die Leiche die Haltung eines Hampelmannes einnahm. Der Kopf war auf die Brust gesunken. Körperbau und Größe wiesen darauf hin, dass es sich um einen Mann handelte. Nichts deutete auf eine äußerliche Verletzung.

Malin hörte jemanden stöhnen und bemerkte verwundert, dass dieses Geräusch aus ihrer eigenen Kehle drang. Die anderen Beamten starrten sie an, und sie spürte, dass sie rot wurde.

Ihr Teamkollege Frederick Bartels trat auf sie zu, ergriff ihren Ellenbogen und führte sie ein paar Schritte beiseite. »Schließ die Augen und atme tief durch. Und achte nicht auf die anderen. Bei denen war es am Anfang auch nicht anders.«

»Geht schon wieder. Danke.« Ihr Pulsschlag normalisierte sich.

Scheinwerfer waren aufgestellt worden, sie hörte das Klicken einer Kamera, und einige Beamte der Spurensicherung durchsuchten in ihren Schutzanzügen, die sie wie Astronauten aussehen ließen, das Gelände um den Torbogen. Ein Handy klingelte.

Mittendrin stand Fricke. Sein wirres Haar klebte ihm noch vom morgendlichen Duschen am Kopf und ein Zipfel seines Hemdes lugte unter seiner Jacke hervor. Sein Gesicht war von tiefen Furchen durchzogen. Malin atmete noch einmal tief durch und trat dann entschlossen auf ihn zu.

»Schöner Schiet«, sagte Fricke nicht unfreundlich und mit einer Kopfbewegung in Richtung Leiche.

Gerade stellte ein Beamter eine Leiter unmittelbar daneben auf. Der junge Mann, kaum dem Teenager-Alter entwachsen, wurde auffallend blass. Schnell drehte er sich um und rannte zum nächstliegenden Gebüsch. Ein Würgen war zu hören.

Malin stieß der süß-säuerliche Geschmack ihres Frühstückes auf. Sie kämpfte gegen die Übelkeit. Fricke wühlte in seinen diversen Jackentaschen und reichte ihr ein abgegammelt aussehendes Zitronenbonbon. Misstrauisch beäugte sie das fleckige Papier, doch sobald sich der Zitronengeschmack in ihrem Mund ausbreitete, ging es ihr besser.

»So, Brodersen, dann machen Sie sich mal nützlich. Die Frau da drüben, Ingrid Larsen, hat die Leiche gefunden.« Fricke wies auf eine ältere Dame, die einige Meter entfernt auf einer Parkbank saß. Eine Polizistin hatte ihr eine Decke über die Schultern gelegt und schien beruhigend auf sie einzureden. »Frau Larsen arbeitet für das Alstertal-Museum, das ist im linken Flügel des Anbaus. Sie scheint noch unter Schock zu stehen, hat bisher kaum etwas Brauchbares von sich gegeben. Sehen Sie zu, dass sich das ändert.«

Die alte Frau saß zusammengekauert auf der Bank und umklammerte ihren Kaffeebecher. Ihr blasser Teint war um Augen und Nase gerötet. Sie hob ihren Blick, als Malin auf sie zutrat, und strich sich zitternd eine graue Haarsträhne aus dem Gesicht.

»Frau Larsen, mein Name ist Malin Brodersen, LKA Hamburg. Lassen Sie es uns noch einmal gemeinsam durchgehen. Also, um welche Uhrzeit haben Sie die Leiche gefunden?«

»Es war so gegen zehn nach sieben, ich hatte gerade auf die Uhr gesehen, kurz bevor ich …« Sie schluckte. »Ich muss normalerweise durch das Tor gehen, um zum Eingang des Museums zu gelangen. Er liegt auf der Hinterseite. Aber ich konnte doch nicht …« Ihre Stimme versagte. Eine Träne kullerte über ihr Gesicht. Malin legte beruhigend eine Hand auf ihren Arm. »Ich konnte da doch nicht einfach durchgehen, also bin ich zum Alsterdomizil gelaufen, um deren Telefon zu benutzen.«

»Alsterdomizil?«

»Die Seniorenresidenz hinter dem Westflügel vom Torhaus. Direkt neben dem Herrenhaus.«

»Das haben Sie richtig gemacht, Frau Larsen. Bitte versuchen Sie sich jetzt noch mal genau zu erinnern, ob Sie vielleicht jemanden auf Ihrem Weg begegnet sind?«

»Nein, ich bin niemandem begegnet.«

»Ist Ihnen denn in den letzten Tagen etwas aufgefallen? Vielleicht ein ungewöhnlicher Besucher, oder gab es irgendwelche sonderbaren Anfragen?«

»Nein, es war alles wie immer.« Sie klang kraftlos.

»Gut, Frau Larsen, das war es dann fürs Erste. Meine Kollegin wird sich jetzt um Sie kümmern. Sollte Ihnen noch irgendetwas einfallen: Unter dieser Nummer können Sie mich jederzeit erreichen oder mir eine Nachricht hinterlassen.« Malin reichte ihr eine Visitenkarte und drehte sich zu der uniformierten Polizistin um, die in einigem Abstand gewartet hatte. »Bitte sorgen Sie doch dafür, dass Frau Larsen nach Hause gebracht wird.«

Sie ging zu Frederick Bartels. Ihr Teamkollege war Mitte dreißig und von sportlicher Statur. Er hatte kräftiges dunkelbraunes Haar, kantige Gesichtszüge und seine dunklen, fast schwarzen Augen erweckten den Anschein, als würde ihnen nichts entgehen. Sie hatten sich einige Monate vor Malins Dienstantritt bei der Mordkommission bei einem Vortrag über Täterprofile kennengelernt. Malin war der gutaussehende Beamte sofort sympathisch gewesen, und sie hatten an jenem Abend noch lange und angeregt über den Vortrag diskutiert. Sie war überrascht und erfreut gewesen, als sie ihn unter ihren neuen Kollegen erkannte, doch in der Mordkommission hatte er sich ihr gegenüber bislang eher reserviert verhalten.

Malin sah zum Torbogen, wo die Leiche gerade von zwei Beamten abgenommen wurde. »Der Tatort wirkt, als hätte der Täter ein Bühnenbild inszeniert.« Kurz flackerte eine Erinnerung auf, doch bevor sie den Gedanken greifen konnte, war der Moment auch schon wieder vorbei.

»Das Gleiche habe ich auch gedacht«, erwiderte Bartels stirnrunzelnd.

Kriminalhauptkommissar Fricke verabschiedete sich gerade von einer attraktiven Blondine, die in ihrer linken Hand eine Arzttasche hielt. Dann wandte er sich seinen beiden Mitarbeitern zu. »Dr. Steinhofer ist gerade mit der vorläufigen Untersuchung fertig. Allerdings konnte sie noch nicht viel sagen. Außer den Hautabschürfungen an Hand- und Fußgelenken weist die Leiche anscheinend keine weiteren äußeren Verletzungen auf. Fest steht allerdings, dass der Mann schon tot war, bevor er aufgehängt wurde. Für alles Weitere müssen wir wohl oder übel die Ergebnisse der Obduktion abwarten. Verdammt, womit haben wir es hier zu tun? Fred, was meinst du?«

»Ich weiß es nicht, Hans. Aber es spricht alles dafür, dass der Tatort gezielt ausgesucht wurde. Fragt sich nur, warum.«

Malin räusperte sich. »Vielleicht will uns der Täter etwas mitteilen und hat irgendeinen Hinweis hinterlassen. Irgendetwas, das wir bisher vielleicht noch nicht gefunden oder auch übersehen haben.«

Fricke betrachtete sie abschätzig und schien seine Worte mit Bedacht zu wählen. »Frau Brodersen, ich bin sehr dankbar für Ihren Hinweis. Wie Sie sehen können, wird der Tatort bereits abgesucht.« Er wies mit weit ausholender Geste auf das Treiben um sie herum. »Mein Team und ich machen das nicht zum ersten Mal.«

»Manchmal ist es aber auch von Vorteil, wenn ein wenig frischer Wind durch einige Arbeitsabläufe weht.« Herausfordernd funkelte Malin ihren Vorgesetzten an.

Fricke wandte sich an Bartels. »Fred, du fängst an, in den umliegenden Häusern nach Zeugen zu suchen. Vielleicht hat jemand etwas mitbekommen. Und nimm unsere verehrte Frau Brodersen mit. Wir treffen uns dann später zur Besprechung im Präsidium.« Ohne Malin eines weiteren Blickes zu würdigen, drehte er sich um und ging auf einen der Kriminaltechniker zu.

»Es fehlt nur noch, dass du Schaum vor dem Mund bekommst«, sagte Bartels, als er ihren Gesichtsausdruck bemerkte. »Mensch, Malin, reiß dich zusammen. Denkst du, der Chef lässt sich von einer Anfängerin bloßstellen?«

»Ich habe es einfach langsam satt, die Tippmieze der Abteilung zu sein. Dafür hab ich nicht studiert!«

»Genau, und deshalb lässt du am besten mal nicht immer dein Jurastudium so raushängen. Und außerdem: Was meinst du denn, warum Fricke dich zum Tatort bestellt hat? Wenn ich dir mal einen Tipp geben darf: Beobachte ihn und hör ihm zu. Er ist der Beste in seinem Job.«

Malins Wut war schon wieder verflogen. »Da bin ich dann wohl übers Ziel hinausgeschossen«, stellte sie zerknirscht fest.

»Mach dir darüber keinen Kopf. – Weißt du etwas über das Torhaus?«

Malin nickte. »Es diente früher als Pferdestall und als Wohnstätte für die Bediensteten des Herrenhauses, des ehemaligen Gutes Wellingsbüttel. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde es um 1750 erbaut. Heute stehen die Gebäude unter Denkmalschutz.«

Bartels pfiff durch die Zähne. »Woher weißt du das alles?«

»Der Vorteil einer humanistischen Erziehung«, erwiderte Malin trocken.

»Aha.« Bartels warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. »Dann lass uns mal mit dem Klinkenputzen beginnen.«

Es war bereits später Nachmittag, als sich das Team zur Besprechung im Präsidium einfand.

Malins Magen knurrte. Sie fischte eine zerknitterte Papiertüte aus ihrer Tasche und zog ein Franzbrötchen heraus. Mit wenigen Bissen war das Gebäck verzehrt, und Malin schaute enttäuscht in die leere Tüte.

»Und wenn du noch so lange hineinstarrst: Es werden nicht mehr. Sag mal, isst du eigentlich auch mal etwas anderes als dieses süße Zeugs?«

Malin sah in die wasserblauen Augen ihres Kollegen Ole Tiedemann, ein schlaksiger Kerl mit sandfarbenem Haar und blasser, fast durchscheinender Haut. Mit seiner sachlichen und zurückhaltenden Art bildete er den Ruhepol der Abteilung.

Schnell beförderte sie die Tüte in den Papierkorb. »Jeder hat so seine Laster«, murmelte sie verlegen, doch der Kollege blätterte bereits wieder in seinem Notizblock.

Die Tür öffnete sich, und Hauptkommissar Fricke trat in das Großraumbüro, dicht gefolgt von Frank Glaser, dem Leiter der Spurensicherung, und einem kräftigen Mann mit rötlichem Schnäuzer und finsterem Blick. Bartels erhob sich und schlug dem Unbekannten freundschaftlich auf die Schulter.

Fricke ergriff als Erster das Wort. »Wie ihr seht, konnte ich Sven überreden, einen Tag eher aus dem Urlaub zurückzukommen. So wie die Dinge liegen, können wir jede Unterstützung gebrauchen. Also, fangen wir an. Was habt ihr rausgekriegt, Fred?«

»Wir haben die Anwohner der umliegenden Häuser, das Personal und die Bewohner der Seniorenresidenz und auch die vom Café befragt.« Bartels zuckte die Schultern. »Leider liegt die Erfolgsquote bisher bei null. Niemand konnte auch nur einen entfernt nützlichen Hinweis geben.«

»Dann erweitert den Umkreis. Wurden die Parkplätze schon überprüft? Vielleicht ist der Täter mit dem Wagen gekommen.«

»Einige Leute sind noch vor Ort und durchkämmen das Gelände.«

»Sind schon irgendwelche Spuren ausgewertet worden, Frank?« Fricke wandte sich dem hageren Kriminaltechniker zu, der neben Tiedemanns Schreibtisch lehnte und die Arme vor der Brust verschränkt hielt.

»Wir sind noch dabei«, gab der wortkarg zur Antwort.

»Gar nichts?«, hakte Fricke nach.

»Wir haben Fußabdrücke am Eingang zum Torbogen gefunden. Unbrauchbar wegen des strukturierten Bodens. Trotzdem interessant.« Glasers verkniffener Gesichtsausdruck verzog sich zu einem grimmigen Lächeln.

»Inwiefern? Meinst du, sie stammen vom Täter?«

»Eben nicht. Der Mörder hat die ganze Bodenfläche des Torbogens vermutlich mit einem Besen gesäubert. Ich glaube kaum, dass er hinterher zurückgekommen ist, um seine Fußabdrücke zu hinterlassen.«

»Könnten die von einem unserer Leute stammen?«, fragte Bartels.

Glaser schüttelte den Kopf und rückte dabei seine kleine, runde Brille zurecht. »Die Kollegen von der Streife haben umgehend gesichert.«

»Weitere Abdrücke?«, hakte Fricke nach.

»Wenn welche da waren, hat der Regen der letzten Nacht sie weggespült«, erwiderte Glaser.

»Wenn die Spuren also nicht vom Mörder stammen, dann haben wir vielleicht einen Zeugen. Und derjenige hat nicht die Polizei benachrichtigt.« Fricke strich sich nachdenklich übers Kinn.

»Wissen wir schon, um wen es sich bei dem Toten handelt?«, fragte Tiedeman.

Fricke schüttelte den Kopf. »Bisher nicht, aber die Identifizierung der Leiche steht für uns an erster Stelle. Ole, darum kümmerst du dich. Sprich mal mit den Kollegen von 4.17, die sollen alle Vermisstenanzeigen der letzten Zeit durchgehen.« Er runzelte die Stirn. »Bisher sind unsere Fakten mehr als dürftig. Morgen früh bekomme ich die vorläufigen Berichte der Rechtsmedizin und aus dem Labor. Bis dahin erledigt ihr die zugeteilten Aufgaben. Irgendwelche Fragen?«

Malin räusperte sich. »Ich bin ja noch nicht lange dabei, trotzdem scheint es mir, als hätten wir es nicht gerade mit einem alltäglichen Mord zu tun. Wir haben bisher noch nicht über das mögliche Motiv des Täters gesprochen.«

Fricke fuhr sich bedächtigt übers Kinn. »Sie haben recht, Brodersen, das bereitet auch mir Kopfschmerzen. Trotzdem, vorrangig ist jetzt die Identifizierung des Toten, sie ist unser Ausgangspunkt. Wenn wir erste Ergebnisse der Rechtsmedizin vorliegen haben, die uns über Zeitpunkt und Todesursache aufklären, und das Labor die Spuren ausgewertet hat, können wir daraus vielleicht erste Rückschlüsse ziehen.« Frickes ernster Blick wanderte über die Anwesenden. »Weitere Fragen? Nein? Dann an die Arbeit.«

Malin verließ als eine der Letzten den Raum. Sie eilte Frederick Bartels hinterher, der sich angeregt mit dem rothaarigen Ermittler unterhielt. Das ist also Andresen, dachte Malin und musterte die bullige Statur des Polizisten. Das Gespräch verstummte sofort, als sie auf die beiden zutrat.

»Ich glaube, wir sind uns noch nicht vorgestellt worden. Ich bin Malin Brodersen.« Sie streckte ihm die Hand entgegen.

»Ich weiß, wer du bist«, erwiderte Andresen, ohne auf die dargebotene Hand zu reagieren. »Fred, ich warte im Wagen auf dich.« Er drehte sich um und ging auf den Fahrstuhl zu.

Verblüfft sah Malin ihm hinterher. »Was für eine Laus ist dem denn über die Leber gelaufen?«

»Dein Ruf ist dir wohl schon vorausgeeilt. Ich habe dich ja gewarnt.«

»Fred, was soll das denn jetzt? Und vor allem, was meint er damit, dass er im Wagen auf dich wartet? Ich dachte, wir beide sollten weiter Klinken putzen?«

»Komm schon, Malin, es war keine Rede davon, dass du die ganze Zeit an meiner Seite klebst. Ich führe die restlichen Befragungen mit Sven durch. Bei der Gelegenheit kann er sich gleich ein Bild vom Tatort machen.«

Malin hatte Mühe, ihren Zorn zu unterdrücken. »Wie du meinst. Und was soll ich stattdessen tun?«

»Informiere dich über den Hintergrund des Wellingsbüttler Torhauses. Und sieh zu, dass du die Berichte von der Schutzpolizei bekommst.«

Malin holte tief Luft. »Ich kümmere mich um die Recherche, aber glaubt nicht, dass ich weiterhin sämtliche Büroarbeiten übernehme.« Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sie sich um und marschierte davon.

Es war bereits später Abend und die Luft merklich abgekühlt, als Malin die Tür zu ihrem kleinen Stadthaus aufschloss. Sie hatte das hundertfünfzig Jahre alte Bleicherhaus mitten im angesagten Stadtteil Winterhude vor fünf Jahren von ihrer Tante geerbt. Es stand unter Denkmalschutz, hatte einen handtuchgroßen Garten und achtzig Quadratmeter Wohnfläche, verteilt auf vier Räume mit niedrigen Decken. Vom Erdgeschoss mit dem Wohnzimmer und der Küche führte eine kleine Wendeltreppe in die obere Etage. Dort hatte Malin ihr Schlafzimmer und ein Gästezimmer, das ihr allerdings eher als Abstellkammer diente.

Malin war erschöpft und schlecht gelaunt. Sie nahm sich eine halbe Pizza vom Vortag aus dem Kühlschrank und schenkte sich ein Glas Milch dazu ein. Dann ging sie in den ans Wohnzimmer angrenzenden Wintergarten. Es war ihr Lieblingsort, eingerichtet mit einer gemütlichen gelb-weiß karierten Couch, zwei Korbsesseln und einem hellen Sisalteppich.

Nachdenklich kaute sie auf ihrer Pizza herum. Sie hatte die vergangenen Stunden mit dem Sammeln von Informationen über das Torhaus und das Herrenhaus verbracht, aber wenig Neues erfahren. Außerdem konnte sie sich nicht richtig konzentrieren. Der inszenierte Fundort der Leiche stand ihr ständig vor Augen. Etwas daran ließ sie nicht los, doch sie konnte diesen Gedanken nicht greifen. Hinter ihren Schläfen begann es zu pochen.

Und sie war noch immer verärgert über ihre Kollegen. Lag es wirklich an ihr oder gab es vielleicht noch andere Gründe für Andresens feindseliges Verhalten? Noch bevor sie zur Mordkommission stieß, hatte sie die Geschichte von Martin Sablowoski gehört. Der Ermittler vom LKA 411 war nach Dienstschluss bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Malin hatte die Lücke, die er in seinem Team hinterlassen hatte, bei ihrem Dienstantritt nahezu körperlich spüren können. Soweit sie wusste, hatte er mit Sven Andresen ein Team gebildet. Das erklärte vielleicht teilweise die Abneigung des rothaarigen Ermittlers gegen sie. Trotzdem ist das keine Entschuldigung, dachte Malin.

Sie stellte fest, dass der Anrufbeantworter blinkte. Die erste Nachricht war von ihrer Freundin Suse, die sie an den Geburtstag einer gemeinsamen Freundin erinnerte und sie bat, bei Gelegenheit mal ihre Sporttasche abzuholen. Malin unterbrach das fröhliche Geschnatter der Freundin und spulte vor zum nächsten Anruf. Die nörgelnde Stimme ihrer Mutter ertönte. Augenblicklich sträubten sich ihre Nackenhaare und sie löschte den Anruf. Seufzend hörte sie die letzte Nachricht ab. Die tiefe Stimme ihres Großvaters informierte sie darüber, dass er ein paar neue Krimis für sie parat liegen hatte.

Ein warmes Gefühl der Zuneigung durchströmte Malin. Erich Brodersen war der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Beide verband unter anderem die große Leidenschaft zum Krimilesen. Sie hatten schon so manche Nacht damit verbracht, über Plots zu diskutieren. Ihr Großvater hatte sie als Kind in die Welt von Agatha Christie geführt und damit den Grundstein für ihren späteren Berufswunsch gelegt. Leider war er auch der Einzige in ihrer Familie, der sie bei ihrem Vorhaben unterstützt hatte, Polizistin zu werden.

Für einen Rückruf war es heute schon zu spät. Sie beschloss, ins Bett zu gehen.

Sie wusste nicht, was sie geweckt hatte.

Schlaftrunken setzte sie sich auf. Hinter dem Fenster war es noch dunkel. Malin schaute auf ihren Wecker. Es war vier Uhr zwanzig. Sie hatte gerade mal vier Stunden geschlafen. Stöhnend ließ sie sich zurück in die Kissen sinken und versuchte wieder einzuschlafen. Erneut schob sich der Anblick des Toten vor ihre Augen.

Sie setzte sich auf und starrte in die Dunkelheit. Jetzt wusste sie, woran die Inszenierung der Leiche sie erinnert hatte.

3

Als Malin ihren Wagen an der Elbchausee in Övelgönne abstellte, brach gerade der Morgen an. Dicke Wolken hingen am Himmel und kräftiger Wind zerzauste ihr die Haare. Rasch lief sie die Treppen des Schulbergs hinunter, um zu dem schmalen Fußweg zu gelangen, der zwischen den ehemaligen Lotsenhäusern und ihren kleinen Gärten hindurchführte. Sie ging auf eines der aus Backstein gebauten Fachwerkhäuser zu und klopfte an die Tür.

Kurze Zeit später wurde sie geöffnet. Frisch geduscht, die grauen Haare sorgfältig aus dem Gesicht gekämmt und bereits komplett angezogen, stand ihr Großvater Erich Brodersen vor ihr. Trotz seiner fünfundsiebzig Jahre wirkte der ehemalige Fährkapitän kräftig und energiegeladen. Sein Blick war klar und intelligent, und um seine blauen Augen hatten sich viele kleine Lachfältchen gebildet.

»Himmel, Malin, was treibt dich denn um diese Zeit hierher? Jetzt komm erst mal rein, mein Schatz.« Malin wurde von ihm in den Flur gezogen und seine kräftigen Arme drückten sie liebevoll.

»Hallo, Opa, ich bin völlig durch den Wind. Ich brauche unbedingt deine Hilfe. Ich bin da einer total verrückten Sache auf der Spur«, sprudelte sie heraus.

Ihr Großvater sah sie fragend an. »Komm, setzen wir uns erst mal, dann kannst du mir in Ruhe alles erzählen.«

Malin folgte ihm in die Küche. Blau-weiße Kacheln, massive Küchenschränke mit rustikaler Arbeitsplatte, freigelegte Deckenbalken und ein alter Gesindetisch sorgten für Gemütlichkeit.

Sie setzte sich auf eine der Holzbänke und erzählte vom Fund der Leiche am vergangenen Tag. Ihr Großvater strich sich hin und wieder bedächtig übers Kinn. Als Malin ihren Bericht beendet hatte, folgte langes Schweigen.

»So sieht sie jetzt also aus, deine Welt«, sagte er schließlich. »Ist es das, was du wolltest?«

Malin schluckte. »Es war mir klar, dass ich mit so etwas konfrontiert werde. Deshalb wollte ich zur Mordkommission. Auch wenn die Realität anders ist als Krimis.«

»Also gut. Wie kann ich dir helfen?«

Malin holte tief Luft. »Beim Anblick der Leiche war mein erster Gedanke: Das habe ich schon mal gesehen. Das Ganze hatte so etwas Surreales, es war fast wie in einem Film. Und jetzt bin ich mir sicher: Ich habe es gelesen. Genau so habe ich es in irgendeinem Buch gelesen. Dummerweise fällt mir der Name des Autors nicht ein.«

Erich runzelte die Stirn. »Könntest du es vielleicht auch woanders gelesen haben? Vielleicht in einem Zeitungsartikel oder in einer dieser Fachzeitschriften?«

»Du hältst mich also nicht für völlig verrückt?«

Erich schmunzelte. »Wenn ich dich nicht so gut kennen würde, würde ich sagen, du hast eindeutig zu viele Krimis gelesen. Aber nein, ich halte dich nicht für verrückt.«

Dankbar griff Malin nach seiner Hand. »Opa, ich weiß, es ist ziemlich viel verlangt, aber ich denke, wir müssen beide unsere kompletten Bücher durchforsten. Alleine schaffe ich das nicht.«

Erich schmunzelte erneut. »Das habe ich mir fast gedacht.«

Sie gingen ins Wohnzimmer. Drei der vier Wände waren bis unter die Decke mit Bücherregalen versehen. Erich hatte seine Lektüren sorgfältig nach Autoren und Genres geordnet und sein Sortiment konnte es mit jeder Buchhandlung aufnehmen.

»Da haben wir uns ja ganz schön was vorgenommen. Ich hoffe nur, ich habe mich nicht getäuscht.« Malin war sich mit einem Mal gar nicht mehr so sicher, ob ihr Erinnerungsvermögen ihr nicht doch einen Streich spielte.

Zwei Stunden später hatten sie etwa fünf Dutzend Bücher durchforstet. Malin hätte nie für möglich gehalten, dass es so langsam vorangehen würde. Mittlerweile wurde es allerhöchste Zeit, zum Präsidium aufzubrechen. Ihr Großvater blätterte ganz vertieft in einem amerikanischen Psycho­thriller. Auf seiner Stirn hatte sich eine Furche gebildet und seine Lesebrille war ein wenig von der Nase gerutscht. Er schien ihren Blick zu spüren und legte das Buch beiseite. »Und, hast du schon was gefunden?«

Malin schüttelte den Kopf. »Fehlanzeige. Aber jetzt muss ich leider erst einmal ins Präsidium.«

»Tja, ich habe heute sowieso nichts Besseres vor – also wühle ich mich noch ein bisschen hier durch.«

»Danke, Opa, du bist ein Schatz.« Malin drückte ihm zum Abschied rasch einen Kuss auf die raue Wange.

Sie war spät dran, als sie eine dreiviertel Stunde danach die Büroräume der Mordkommission betrat. Jemand hatte ein Whiteboard aufgestellt und Tatortfotos daran geheftet. Sie fuhr gerade ihren Computer hoch, als Hauptkommissar Fricke eintraf, dicht gefolgt von Glaser, dem Kriminaltechniker. Fricke trug immer noch das Hemd vom Vortag. Er hatte tiefe Augenringe, war unrasiert, und sein Haaransatz schimmerte fettig.

Malin unterdrückte ein Gähnen. Der Schlafmangel machte sich bemerkbar.

Fricke zog ein paar Unterlagen aus seiner Tasche und schaute in die Runde. »Moin, moin. Wenn denn jetzt alle wach und aufnahmebereit sind, beginnen wir mit dem jetzigen Ermittlungsstand. Die Rechtsmedizin hat uns heute früh den vorläufigen Bericht durchgefaxt. Demnach ist der Tod zwischen null und zwei Uhr dreißig eingetreten. Todes­ursache Herzversagen. Über dem linken Brustkorb des Opfers befindet sich ein kleiner Einstich. Vermutlich wurde dort eine Substanz injiziert, die zum Herzversagen geführt hat. Um welche Substanz es sich dabei handelt, wird uns erst das toxikologische Gutachten verraten.« Fricke räusperte sich. »Aufgrund der bisher vorliegenden Ergebnisse der Spurensicherung müssen wir davon ausgehen, dass Tatort und Fundort nicht identisch sind. Leider bringt uns das nicht weiter. Wir brauchen die Identifizierung des Toten. Ole, wie weit bist du mit den Vermisstenmeldungen?«

Ole Tiedemann, der an diesem Morgen noch blasser wirkte als sonst, blätterte in seinem Notizheft. »Heute früh wurde ein gewisser Richard Woy von seiner Frau als vermisst gemeldet, die Meldung ist gerade hereingekommen. Die Beschreibung passt auf den Toten. Soll ich jemanden hinschicken?«

Fricke überlegte kurz. »Mir ist es lieber, wenn das jemand aus dem Team übernimmt. Frank, was haben die Spurenauswertungen ergeben?«

»Das Seil, mit dem das Opfer aufgehängt wurde, weist an diversen Stellen Gewebespuren auf, allerdings stammen die allesamt vom Opfer.«

»Konntet ihr die Herkunft des Seiles feststellen?«

»Massenware, in jedem Baumarkt zu erstehen. Ähnliches bei dem Tuch: ein stinknormales Bettlaken, hundert Prozent Baumwolle, kein Etikett. In jedem Kaufhaus zu kriegen.«

Es klopfte und eine Beamtin streckte den Kopf durch die Tür. Fricke winkte sie heran, und die Polizistin reichte ihm einen Zettel. Nach einem kurzen Blick auf die Notiz wandte er sich wieder seinem Team zu. »Wir müssen hier jetzt abbrechen. Frank, ich brauche ein Team von der Spurensicherung, am besten kommst du auch gleich mit.« Er nickte dem Kriminaltechniker zu und ging ohne weitere Erklärungen zur Tür.

Dann drehte er sich noch einmal um. »Worauf warten Sie, Brodersen? Kommen Sie, fürs Herumstehen werden Sie nicht bezahlt!«

Malins Müdigkeit war schlagartig verflogen.

4

Malin saß auf dem Beifahrersitz von Frickes Dienstwagen und starrte aus dem Seitenfenster. Die dicke Wolkendecke entlud sich ihrer Schwere und das träge Tröpfeln der letzten Stunden ging in einen kräftigen Schauer über.

Abgesehen vom Quietschen der Scheibenwischer war es seltsam still im Wagen. Malin schaute zu Fricke hinüber und musterte ihn. Die tiefen Ringe unter seinen Augen ließen erkennen, dass die letzten vierundzwanzig Stunden auch an ihm nicht spurlos vorbeigegangen waren. Mit starrem Blick aus der Frontscheibe und beiden Händen am Steuer lenkte er den Wagen. Sie fühlte sich neben ihrem Vorgesetzten äußerst unbehaglich. Malin hatte immer an ihre gute Menschenkenntnis geglaubt, doch bei Fricke schien die zu versagen. Außerdem fragte sie sich, warum er sie nicht duzte. Schließlich war das beim LKA im Allgemeinen üblich.

Ein Lastwagen hupte.

»Kann der denn nicht aufpassen!«, wetterte Fricke und hupte ebenfalls. »Solche Idioten haben hinterm Steuer einfach nichts verloren.« Dann wandte er sich an Malin. »Am Waldrand im Rehagen wurde ein herrenloses Auto gefunden. Eine schwarze Mercedes-Limousine mit etwas ungewöhnlichem Inhalt. Weiß der Teufel, was das wieder zu bedeuten hat.«

»Was meinen Sie mit ungewöhnlichem Inhalt?«

»Der Wagen war wohl vollkommen leer, bis auf einen Stapel Herrenkleidung. Obenauf liegt eine Brieftasche. Ein Reiter hat den Wagen gestern entdeckt. Als er heute immer noch da stand, hat der Mann die Polizei gerufen. Der Wagen blockiert den Reitweg.«

»Und warum hat man uns verständigt?«

»Der Wagen ist auf einen Dr. Richard Woy zugelassen.«

»Der Vermisste, dessen Beschreibung auf unsere Torhausleiche passt«, stellte Malin verblüfft fest.

»Genau. Und so viele Menschen mit diesem Namen wird es in Hamburg wohl nicht geben. – Ah, ich glaube, da sind wir schon.«

Fricke bog in den Rehagen ein und kurze Zeit später sahen sie den Reitstall. Etwa zweihundert Meter weiter ging die geteerte Straße in einen schmaleren Waldweg über, und an diesem Punkt stand ein Streifenwagen. Fricke parkte sein Auto am Seitenrand. Noch immer regnete es Bindfäden.

Malin setzte die Kapuze ihrer Regenjacke auf und stapfte ihrem Chef durch den Matsch hinterher. Vor dem Streifenwagen parkte ein schwarzer Mercedes der S-Klasse.

Fricke streifte Einweghandschuhe über und reichte Malin auch ein Paar. »Bevor die Spusi den Wagen in die KT bringen lässt, wollen wir doch mal einen Blick hineinwerfen.« Vorsichtig öffnete er eine Fahrzeugtür.

Der besagte Stapel Kleidung lag auf der hinteren Sitzbank. Alle Teile waren akkurat zusammengelegt. Fricke griff nach der Brieftasche aus schwarzem Leder und reichte sie an Malin weiter. Nach kurzem Suchen fand sie hinter dem Kreditkarten­fach einen Personalausweis.

»Richard Woy, geboren am 17. Januar 1945. Schauen Sie sich mal das Foto an.« Sie reichte ihm den Ausweis.

Fricke runzelte die Stirn. »Das weist in der Tat eine gewisse Ähnlichkeit mit unserer Leiche auf.« Er wandte sich an einen der uniformierten Beamten. »Haben Sie die Daten des Halters und die Adresse überprüft?«

»Häherweg in Poppenbüttel«, kam prompt die Antwort.

»Die Adresse stimmt mit den Daten auf dem Personalausweis überein«, bestätigte Malin.

Fricke bückte sich und betrachtete noch mal eingehend das Wageninnere. »Was zum Teufel soll das bloß? Erst die Leiche im Torbogen und jetzt die Limousine, wie auf dem Präsentier­teller. Warum so umständlich? Das ist ja total bekloppt«, murmelte er, während der Regen weiterhin unablässig in seinen Nacken glitt. »Ach verdammt … Kann mir vielleicht jemand mal einen Schirm bringen?«

Ein Beamter eilte zum Streifenwagen und kam mit einem aufgespannten Schirm zurück. Er reichte ihn Fricke.

»Danke. Ist dieser Reiter noch vor Ort?«

»Nein, aber ich habe die Personalien überprüft und die Aussage aufgenommen.«

»Gut.« Fricke holte sein Handy aus der Jackentasche. Er drückte Malin den Schirm in die Hand und tippte eine Nummer in die Tastatur. »Ole? Fricke hier. War schon jemand bei den Angehörigen von Richard Woy? Nein? Gut, dann übernehmen wir das.« Er murmelte einen kurzen Abschiedsgruß und wendete sich an den Beamten der Schutzpolizei. »Sie rühren sich nicht vom Fleck und warten auf die Kollegen von der Spurensicherung. – Und wir, Brodersen, fahren jetzt mal zu dieser Adresse in Poppenbüttel.«

Fünfzehn Minuten später standen Malin und Fricke vor einem weißen Bungalow aus den siebziger Jahren. An der Eingangspforte warnte ein Schild vor einem bissigen Hund.

Malin drückte die Klingel. Eine elegante Frau mittleren Alters öffnete und ein Westhighlandterrier flitzte aus dem Haus. Wild mit dem Schwanz wedelnd sprang er an Malins Beinen hoch und versuchte, ihr die Hand zu lecken. Das zum Thema bissiger Hund, dachte sie und tätschelte seinen Kopf.

Fricke stellte sich und Malin vor. »Sind Sie Frau Woy?«

Der Blick der Frau wurde ängstlich. »Ja, ich bin Henriette Woy. Kommen Sie wegen meines Mannes?«

Fricke nickte.

»Dann kommen Sie bitte herein.« Sie führte sie in ein behaglich eingerichtetes Wohnzimmer mit cremefarbener Sitzgruppe und Sesseln aus Korbgeflecht. Mit einer einladenden Geste wies sie auf die Couch. »Bitte, was ist mit meinem Mann, haben Sie ihn gefunden?« Henriette Woy strich sich eine dunkle Haarsträhne aus dem diskret geschminkten Gesicht.

Fricke räusperte sich. »Frau Woy, bitte schildern Sie uns, was Sie dazu veranlasst hat, Ihren Mann als vermisst zu melden.«

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Mein Mann hat sich vorgestern Abend mit ein paar alten Kollegen getroffen. Alles pensionierte Ärzte. Sie treffen sich immer einmal im Monat. Jeden ersten Dienstag. Gegen halb elf hat er mich angerufen, um mir zu sagen, dass er auf dem Weg nach Hause ist. Aber er ist nicht gekommen.« Sie wischte sich eine Träne von der Wange. »Gegen Mitternacht habe ich dann angefangen, seine Freunde und die Krankenhäuser anzurufen. Niemand wusste etwas. Und bei der Polizei hat man mir dann gesagt, es gebe derzeitig keinerlei Veranlassung, eine Vermisstenanzeige aufzunehmen. Das ist erst heute früh geschehen.« Mittlerweile war Henriette Woys Gesicht tränenüberströmt, und sie musste sich räuspern, um weitersprechen zu können. »Bitte sagen Sie mir endlich … Ist ihm etwas passiert?«

Fricke warf Malin einen unbehaglichen Blick zu und wandte sich dann an die zitternde Frau. »Frau Woy, der Wagen Ihres Mannes wurde verlassen an einem Waldweg im Rehagen gefunden. Können Sie sich vorstellen, was er dort vielleicht gewollt hat?«

Sie schüttelte verwirrt den Kopf. »Was sollte er dort gewollt haben? Er wollte doch nach Hause kommen.«

»Frau Woy, ich würde Ihnen das gerne ersparen, aber wir haben gestern Morgen eine Leiche gefunden, die auf die Beschreibung Ihres Mannes passt. Ich muss Sie leider bitten, uns zu begleiten.«

»Mein Mann soll tot sein? Das glaube ich nicht«, sagte Henriette Woy kraftlos.

Malin setzte sich neben die verstörte Frau. »Gibt es jemanden, der Sie begleiten könnte?«

»Meine Tochter, ich muss meine Tochter anrufen.« Zitternd erhob sich Henriette Woy von der Couch und verließ den Raum.

»Sie denken es auch, oder?« Malin sah ihren Chef fragend an. »Ich meine, dass er es ist.«

Fricke nickte. »Trotz all meiner Dienstjahre habe ich mich immer noch nicht an diese Augenblicke gewöhnt.« Er schien zu sich selbst zu sprechen. Resigniert starrte er auf den Boden. Malin wagte nicht, ihn länger anzuschauen, sie kam sich vor wie ein Eindringling.

Die Leiche war von Henriette Woy eindeutig als die ihres Mannes identifiziert worden. Es war schon später Nachmittag, als Malin zusammen mit ihrem Vorgesetzten erneut den weißen Bungalow verließ. Routiniert hatte Fricke in der letzten Stunde die Befragung durchgeführt. Laut Henriette Woys Aussage hatten sie und ihr Mann eine harmonische Ehe geführt. Außerdem hatte sie ihn als einen geradlinigen und integeren Menschen beschrieben. Unvorstellbar, dass jemand einen Grund gehabt haben könnte, ihn umzubringen.

Malin war froh, der bedrückenden Atmosphäre im Haus zu entkommen. »Chef, glauben Sie, dass seine Frau etwas mit dem Mord zu tun hat?«

»Bisher glaube ich überhaupt nichts.«

»Auf mich wirkte sie ehrlich erschüttert.«

»Trotzdem sind zu diesem Zeitpunkt alle verdächtig. Auch die Hinterbliebenen. Sie wissen genauso gut wie ich, dass mehr als neunzig Prozent aller Tötungsdelikte Beziehungstaten sind. So leicht lass ich mich durch ein paar Tränen nicht täuschen. Und Sie sollten das auch nicht tun.«

»Wie Sie meinen, Chef.«

»Lassen Sie die Telefondaten des Anschlusses überprüfen. Und sehen Sie zu, dass wir die Liste mit den Adressen von den Angehörigen und Freunden der Familie bekommen. Außerdem müssen wir dringend in Erfahrung bringen, wo er seine alten Praxisunterlagen aufbewahrt.«

»Vermutlich wird er sie seinem Nachfolger übergeben haben«, bemerkte Malin.

»Dann überprüfen Sie das.«

Malin zuckte resigniert mit den Schultern und folgte ihrem Vorgesetzten zum Auto.

Die Tür klemmte. Charlotte Leonberger stemmte ihren Körper gegen die schwere Eingangstür ihres Reetdachhauses. Dann wuchtete sie ihren Koffer über die Schwelle in den Flur. Zufrieden sah sie sich um. Zwei Stapel Briefe lagen säuberlich nach Größe sortiert auf der alten Nussbaumkommode. Daneben stand ein frischer Strauß gelber Astern, ihre Lieblingsblumen. Die gute Tante Alma, dachte sie. Sie ließ ihren Koffer stehen, hängte ihren Mantel an die Garderobe und ging in die Küche, um sich erst einmal einen Tee aufzubrühen.

Endlich zu Hause, dachte sie und schaute aus dem Fenster. Dicke Wolken hingen am Himmel und Windböen peitschten die Ostsee zu hohen Wellen auf. Ein paar Möwen hatten sich unter einem Holzsteg ein trockenes Plätzchen gesucht. Dicht an dicht drängten sie sich zusammen.

Die meisten Lokale an der Strandpromenade hatten bereits geschlossen und die verbliebenen Strandkörbe wirkten verwaist. Auf die meisten Menschen hätte der Strand trostlos gewirkt, doch Charlotte liebte ihn zu dieser Jahreszeit ganz besonders. Er lud zu langen Spaziergängen ein – ohne all die Touristen, die den kleinen Ort Strande im Sommer belagerten.

Der Wasserkessel pfiff. Sie bereitete ihren Tee zu, legte noch ein paar selbstgebackene Kekse von Alma dazu und balancierte alles auf einem Tablett ins Wohnzimmer. Das Kofferauspacken konnte warten. Der Dreiwochentrip durch alle größeren Städte Deutschlands hatte seine Spuren hinter­lassen. Nach einem kurzen Nippen am Tee war Charlotte auch schon auf der Couch eingeschlafen.

Das dumpfe Hämmern des Türklopfers riss sie aus ihren Träumen. Verwirrt setzte sie sich auf und rieb sich die Augen. Es war stockdunkel. Erneut war ein energisches Klopfen zu hören.

»Ja, ich komme ja gleich!« Schlaftrunken tastete sie nach dem Knopf der Stehlampe. Gleißendes Licht erhellte den Raum. Gähnend ging sie in den Flur und öffnete die Tür.

»Hallo, mien Deern, schön, dass du wieder da bist. Hier, ich habe dir ein gutes Süppchen gekocht. Du hast doch bestimmt heute noch nichts Warmes gegessen.«

Charlotte unterbrach mit einer abwehrenden Geste den Wortschwall der alten Frau, die – in ein dunkles Regencape gehüllt – tropfnass vor ihrer Türschwelle stand. In ihren Händen hielt sie einen riesigen Topf, dessen Inhalt gut und gerne eine achtköpfige Familie sättigen konnte. »Guten Tag, Alma, komm doch rein, wenn du schon mal da bist.« Schmunzelnd trat Charlotte beiseite, um die kleine, rundliche Gestalt einzulassen.

»Und, war die Reise ein Erfolg?«, fragte Alma neugierig. Sie hatte zielstrebig die Küche angesteuert und hantierte am Herd herum.

Charlotte winkte ab. »Lass uns morgen darüber reden, ich möchte mich jetzt einfach nur noch entspannen. Erzähl mal, wie ist es dir denn in den letzten Wochen ergangen?«

»Ach, so weit ganz gut, auch wenn meine alten Knochen nicht mehr ganz so wollen.« Alma rührte die Suppe um. »Mmh, wie das duftet!«

Charlotte lief das Wasser im Mund zusammen. »Ich decke schon mal den Tisch. Du bleibst doch zum Essen?«

»Gerne, dann können wir noch ein bisschen plauschen.« Ein Strahlen überzog Almas rosiges Gesicht und ihre haselnussbraunen Augen sahen Charlotte liebevoll an.

Es war spät geworden, als Alma sich vom Küchentisch erhob, um sich auf den kurzen Heimweg zu machen. Es behagte Charlotte gar nicht, die alte Frau alleine in die Dunkelheit zu schicken, aber wie immer lehnte Alma ihr Angebot, ein Taxi zu rufen, brüsk ab.

»Wer sollte denn eine so alte Frau wie mich überfallen? Bei mir gibt es doch nichts zu holen. Ihr jungen Dinger solltet euch schon eher Sorgen machen.« Ohne Widerspruch zu dulden, griff sie nach ihrem Regencape.

Charlotte gab sich geschlagen. »Aber ruf an, wenn du zu Hause bist«, rief sie ihr hinterher.

Keine zwei Minuten später läutete das Telefon. Komisch, dachte Charlotte, Alma konnte doch unmöglich in dieser kurzen Zeit zu Hause eingetroffen sein. Sie griff nach dem Hörer und nannte ihren Namen. Eine fremde Stimme.

Kurz lauschte sie dem Anrufer, dann legte sie verwirrt auf. Schon wieder, dachte sie. Das war bereits das zweite Mal. Sie überlegte einen Moment und wählte dann die Nummer der Kriminalpolizei Kiel.

5

Sie hatte versucht, es so lange wie möglich hinauszuzögern, doch allmählich waren ihr die Ausreden ausgegangen.

Verdammt, dachte Malin. Als hätte ich nichts Besseres zu tun. Der Sonntag war ihr erster freier Tag seit einer Woche und sie war auf dem Weg zum wöchentlichen Familien­essen. Ausgerechnet heute war ihr Mini nicht angesprungen. Schlecht gelaunt hatte sie sich auf den Weg zur U-Bahn gemacht. Die hatte nun aufgrund einer Signalstörung fünf­undzwanzig Minuten Verspätung. Und das, wo Malin sowieso schon zu spät dran war.

Kurz entschlossen verließ sie den Bahnsteig und steuerte den nächsten Taxistand an. Ein Wagen wartete bereits mit laufendem Motor auf Kundschaft. Knoblauchgestank drang ihr aus dem Wageninneren entgegen, trotzdem glitt sie auf die Ledersitze und nannte dem Fahrer die Adresse in Harvestehude. Sie lehnte sich zurück und versuchte, sich zu entspannen.

Seit zwei Tagen traten sie bei den Ermittlungen auf der Stelle. Sie hatten alle Verwandten, Freunde und Nachbarn von Dr. Woy befragt, Alibis überprüft und Zeugen vernommen. Nichts. Niemand schien etwas zu wissen oder auch nur ansatzweise ein Tatmotiv zu haben. Allem Anschein nach war Dr. Woy ein angesehener und unbescholtener Bürger gewesen, den alle gemocht und geschätzt hatten. Und dennoch hatte ihn jemand ermordet.

Am Harvestehuder Weg bezahlte sie den Fahrer und blieb kurz am Straßenrand stehen, um die Aussicht zu genießen. Hinter gepflegten Parkanlagen und der langen Ufer­promenade schimmerte die Außenalster und zeigte Hamburgs schönste Seite.

Malin wandte sich um und ging die paar Meter zur Auffahrt. Die weiße Jugendstilvilla mit dem parkähnlichen Garten befand sich seit Generationen im Familienbesitz. Malins Mutter war Constanze Heidenberg, Haupt­gesellschafterin der Heidenberg-Bank, eines hanseatischen Privatunternehmens, das seit fast anderthalb Jahrhunderten existierte.

Malin versuchte, das beklemmende Gefühl abzuschütteln, das sie jedes Mal befiel, wenn sie vor dem Haus ihrer Kindheit stand. Sie atmete tief durch und wollte gerade klingeln, als die Tür von innen weit aufgerissen wurde. Gewöhnt an den Anblick eines Dienstmädchens, sah Malin überrascht in das sommersprossige Gesicht von Marie Heidenberg, der Frau ihres Cousins Maximilian.

»Hi, Malin – akademisches Viertel?« Marie lächelte.

»Bin ich die Letzte?«

»Nein, Max ist noch in der Bank. Wie immer.«

Sie traten in einen getäfelten und üppig bestuckten Raum, der von allen nur der Salon genannt wurde. Eine blonde, gertenschlanke Frau kam ihnen entgegen und schaute missbilligend auf die Uhr. Constanze Heidenberg trug einen dunkelblauen Hosenanzug, kombiniert mit einer weißen Bluse und einer einreihigen Perlenkette. Das honigblonde Haar hatte sie zu einem strengen Knoten gesteckt.

»Du bist zu spät.«

»Ich freue mich auch, dich zu sehen«, erwiderte Malin trocken.

»Nun gut, dann können wir ja endlich beginnen. Geht ihr schon mal ins Esszimmer, ich sage schnell der Köchin Bescheid.«

»Was ist mit dem Dienstmädchen passiert?«, flüsterte Malin Marie zu, nachdem ihre Mutter den Raum verlassen hatte.

»Hat gekündigt.«

Sie grinsten sich an und betraten das Esszimmer, einen länglichen Raum mit blassgrünen Wänden und bis zum Boden eingelassenen Fenstern. Der sechs Meter lange Mahagoni­tisch war mit weißem Porzellan und Silberbesteck eingedeckt.

»Erzähl doch mal, wie steht es an der Verbrecherfront?«, fragte Marie neugierig, nachdem die drei Frauen am Esstisch Platz genommen hatten.

»Das ist wohl kaum das richtige Gesprächsthema beim Essen.« Constanze Heidenberg widmete sich ihrem Vor­speisen­teller mit gedünsteter Seezunge.

Malin räusperte sich. »Im Moment ermittle ich in einem Mordfall. Ihr habt bestimmt schon in der Zeitung davon gelesen – ein bekannter Kinderarzt. Wurde im Wellingsbütteler Torhaus aufgehängt gefunden.«

Mit einem lauten Klirren ließ Constanze Heidenberg ihr Fischbesteck auf den Rand ihres Porzellantellers fallen. »Malin­, ich verbitte mir jedes weiteres Wort darüber. Reicht es nicht, dass du der Bank den Rücken gekehrt hast? Müssen wir uns jetzt auch noch die Einzelheiten dieses – Berufes anhören?«

»Mutter, ich lasse mir hier nicht das Wort verbieten. Es tut mir leid, wenn ich deine Erwartungen nicht erfüllt habe, aber ich habe getan, was ich für richtig hielt. Und vielleicht würdest du es auch verstehen, wenn du nicht immer jedes Gespräch darüber verweigern würdest.«

Constanze Heidenbergs Blick wurde hart. »Du bist wie dein Vater, Malin. Auch er wollte weder unseren Familiennamen noch unsere Bank.«

»Lass Vater aus dem Spiel!« Malin hatte ihren Teller von sich geschoben und erhob sich von ihrem Stuhl.

Es herrschte betretenes Schweigen. Constanze Heidenberg war bei Malins Worten aschfahl geworden. Wortlos nahm sie ihr Besteck wieder zu Hand und fuhr mit dem Essen fort.

Marie schaute von der Mutter zur Tochter. »Ist es denn nicht möglich, dass ihr beide ein einziges Mal an einem Tisch sitzt, ohne euch gleich in die Haare zu kriegen? Malin, bitte setz dich wieder. Und du, Constanze, es hat doch keinen Sinn, immer wieder auf diesem Thema herumzureiten.« Maries Augen funkelten.

Zögernd setzte sich Malin. Nach einer Weile begann Constanze ein belangloses Gespräch über eine neue Kunstausstellung.

Froh, der angespannten Atmosphäre zu entkommen, verabschiedete sich Malin nach dem Dessert. Sie beschloss, zum Jungfernstieg zu gehen. Von dort aus konnte sie dann die U-Bahn nehmen. Nach wenigen Minuten hatte sie die Uferpromenade erreicht. Trotz des ungemütlichen Wetters kamen ihr zahlreiche Spaziergänger entgegen. Malin schaute zu einem Paar, das eng umschlungen auf einer der Parkbänke saß. Wehmütig wandte sie sich ab. Sie musste an Ben denken, den Mann, den sie drei Monate zuvor aus ihrem Leben geworfen hatte. Ben mit seinen strahlenden Augen und dem umwerfenden Lachen.

Sie hatten sich auf einer Party kennengelernt. Malin hatte sich mit einem Cocktail durch die Menge gedrängt und war ins Stolpern geraten. Der gesamte Inhalt des Glases hatte sich über Bens hellen und, wie sie erst später erfuhr, nagelneuen Kaschmirpul­lover ergossen. Mit hochrotem Kopf hatte sie vor ihm gestanden und nur noch zusammenhanglose Worte gestammelt. Und dann hatte er gelacht – schallend gelacht, bis ihm die Tränen kamen. Seit dem Abend waren sie ein Paar gewesen und Malin hatte das Gefühl gehabt, den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Bis er eines Tages von ihrer Freundin Suse in inniger Umarmung mit einer rassigen Schwarzhaarigen gesehen worden war.

Malin hatte ihn umgehend zur Rede gestellt. Er hatte noch nicht einmal versucht zu leugnen. Sie hatte die Beziehung noch am gleichen Abend beendet und am nächsten Morgen die Bewerbung für die ausgeschriebene Funktionsstelle bei der Mordkommission eingereicht.

Tief in Gedanken versunken erreichte Malin den Jungfernstieg am südlichen Ufer der Binnenalster.

Sie setzte sich auf eine der tribünenförmigen Treppen des Anlegers und beobachtete das An- und Ablegen der weiß-roten Alsterdampfer. Ein Mann setzte sich unterhalb ihres Platzes auf die Stufen und zog eine Zeitung aus der Tasche. Der Torhausmord dominierte noch immer die Schlagzeilen.

Augenblicklich begannen ihre Gedanken wieder um die Mordkulisse zu kreisen. Obwohl sie und ihr Opa Tag für Tag unermüdlich die Krimis in ihren Bücherregalen durchforstet hatten, hatten sie bisher keinen Treffer gelandet. An spektakulären Kulissen mangelte es nicht gerade – Opfer an Bäume gebunden, Tote an bekannten historischen Gebäuden, aber keines dieser Szenarien stimmte mit dem Torhausmord im Detail überein.

Malin schloss frustriert die Augen. Sie beschloss, nach Hause zu fahren und ihre Wohnung aufzuräumen, das würde sie auf andere Gedanken bringen.

Schon von Weitem konnte sie den sperrigen Gegenstand vor ihrer Haustür erkennen. Verdammt, sie hatte vergessen, Suse zurückzurufen! Malin griff nach der weißen Sporttasche, die ihre Freundin demonstrativ quer vor die Tür gestellt hatte, und beförderte sie über die Schwelle. Sie würde sich später darum kümmern. Jetzt war sie müde und erschöpft.

Obwohl die Mitarbeiter der Mordkommission im Allgemeinen geregelten Bürozeiten nachgingen, schienen diese seit dem Auffinden der Leiche außer Kraft zu sein. Malin hatte fast rund um die Uhr gearbeitet. Die Medien übten bereits jetzt starken Druck aus und jeder aus ihrem Team schien sich bewusst, dass dieser Mord alles andere als alltäglich war.

Als sie sich aus dem Kühlschrank einen Joghurt nahm, fiel ihr Blick auf die Küchenuhr. Es war bereits nach sieben. Sie beschloss, das Aufräumen zu verschieben und sich lieber etwas zu gönnen. Der Joghurt wanderte zurück in den Kühlschrank, stattdessen zog sie aus dem Brotkasten die letzten beiden Franzbrötchen, beschmierte sie dick mit Butter und machte es sich dann auf der Couch im Wohnzimmer gemütlich. Sie zappte erst durchs Fernsehprogramm, verfolgte dann die Nachrichten und schaute anschließend beim Sonntagskrimi den Kommissaren bei der Arbeit zu. Teils amüsiert, teils verärgert über die klischeehafte Darstellung der Polizeiarbeit stellte sie den Fernseher vor Ende des Filmes ab.

Malin hatte ein schlechtes Gewissen wegen ihrer Freundin. Dass Suse die Tasche einfach so vor die Tür stellte, passte so gar nicht zu ihr.

Susanne Bremer, von allen stets Suse genannt, war Grundschullehrerin und Malins älteste Freundin. Sie waren gemeinsam in den Kindergarten gegangen, hatten die gleichen Schulen besucht und zusammen die schwierige Zeit der Pubertät durchlebt.

Malin fiel ein, dass sie Suses Nachricht auf dem Anrufbeantworter bisher nicht einmal komplett abgehört hatte. Sie griff nach dem Telefon, um das nachzuholen.

»Malin, ich bin es. Ich wollte dich nur erinnern, dass Tanja nächste Woche Geburtstag hat. Und du könntest bei Gelegenheit mal deine Sporttasche abholen, bevor die Sachen anfangen zu gammeln. Ach ja, ich habe die beiden Krimis, die du mir geliehen hast, mit reingepackt. Also, wenn du nicht willst, dass deine Bücher anfangen zu müffeln, hol die Tasche ab. Und ruf mich an wegen Tanjas Geschenk, ich will das morgen besorgen.«

Malin starrte auf das Telefon in ihrer Hand. Dann flog ihr Blick zur Sporttasche im Flur. In Sekundenschnelle kniete sie neben der Tasche und zerrte zwei Taschenbücher heraus. Auf beiden Buchumschlägen prangte der Name Charlotte Leonberger. Ihr Puls beschleunigte sich, als sie das erste Buch durchblätterte. Es war nicht das richtige. Ungeduldig las sie die Zusammenfassung auf der Rückseite des anderen Buches. Das Gefühl, auf der richtigen Spur zu sein, bescherte ihr einen Adrenalinstoß nach dem anderen.

Dann fand sie es. Sie atmete tief durch und begann hochkonzentriert die entsprechenden Seiten durchzulesen. Als sie fertig war, legte sie das Buch beiseite. Sie hatte es ja gewusst!

Die Krimis der Autorin spielten in einer anderen norddeutschen Stadt, doch die Details stimmten überein. Die männliche Leiche, an allen vier Gliedmaßen gespannt in einem Torbogen, nur bekleidet mit einem weißen Stück Stoff. Der Tatort im Buch war ein Gutsanwesen, gebaut Anfang des achtzehnten Jahrhunderts, und ebenfalls ein traditionsreiches Bauwerk.

Malin begann zu frösteln. Die Ungeheuerlichkeit ihrer Entdeckung wirbelte ihre Gedanken durcheinander. Sie griff nach dem Telefon und hinterließ ihrem Großvater eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Anschließend wählte sie die Privatnummer von Hauptkommissar Fricke. Nach dem ersten Freizeichen überlegte sie es sich jedoch wieder anders und legte auf.

Schnell schlüpfte sie in ihre Regenjacke, klemmte sich das Buch unter den Arm und verließ das Haus. Susanne Bremer war vergessen.

Zwanzig Minuten später parkte Malin ihren Mini vor einem Reihenhaus in Niendorf. Es war weiß verputzt und hatte einen kleinen Vorgarten mit frisch gestutzter Grünfläche. Das Haus lag im Dunkeln.

Sie klingelte und es dauerte einige Minuten, bis Fricke im Bademantel die Tür öffnete. Die Haare standen wild von seinem Kopf ab, seine Augen waren klein und verquollen. »Brodersen, was wollen Sie denn hier? Ist etwas passiert?«

»Entschuldigen Sie die späte Störung, aber ich habe da eine ungeheuerliche Entdeckung gemacht. Es geht um den Torhausmord. Hier, in diesem Buch wird der Mord beziehungsweise der Tatort exakt so beschrieben wie bei unserer Leiche.« Aufgeregt wedelte Malin mit dem Taschenbuch vor Frickes Gesicht herum.

»Und, steht auch drin, wer der Mörder ist? Dann können Sie ihn ja gleich verhaften.«

»Es geht da eher um die Zurschaustellung der Leiche. Die ist detailgetreu wie an unserem Tatort«, beteuerte Malin.

»Im Wellingsbüttler Torhaus?«

»Das nicht, aber …«

»Und deshalb wecken Sie mich mitten in der Nacht? Wegen eines Buches, in dem ein Mord geschieht, der gewisse Ähnlichkeiten mit unserem hat? Sie haben eindeutig zu viele Krimis gelesen.« Fricke hatte schon die Hand an der Tür.

»Aber vielleicht finden wir nach eingehender Analyse des Buches Hinweise auf den Täter«, beharrte Malin.

»Na, dann analysieren Sie mal und lassen mich schlafen.« Fricke schlug die Haustür zu.

6

Der Tag begann besser als erwartet.

Es war Viktoria gelungen, das Bett zu verlassen. Nach einem starken Kaffee kleidete sie sich langsam an. Dabei fiel ihr Blick auf den großen Spiegel. Sie wusste, dass sie allgemein als schön galt, schließlich hatte man es ihr schon oft gesagt. Doch sie selbst empfand anders. Kritisch betrachtete sie die Schatten, die sich unter den geschwollenen Augen auf der blassen Haut abzeichneten. Das dunkle Haar, einst ihr größter Stolz, fiel strähnig und glanzlos über ihren schmalen Rücken. Einen Moment lang spielte sie mit dem Gedanken, zurück ins Bett zu gehen und wieder Zuflucht im schützenden Schlaf zu finden.

»So kann es nicht weitergehen, Viktoria Steiner«, flüsterte sie ihrem Spiegelbild zu. Es wurde Zeit, ins Leben zurückzukehren. Und sie musste es alleine schaffen. Helfen würde ihr dabei sicherlich niemand. Sie hatte alle vor den Kopf gestoßen.

Viktoria ging in die Küche und stellte ihre Kaffeetasse in die Spülmaschine. Sie schaute aus dem Fenster. Es war noch früh am Morgen und das Viertel erwachte langsam zum Leben. Vor dem kleinen Obst- und Gemüsegeschäft auf der anderen Straßenseite lud der türkische Besitzer Holzkisten mit frischer Ware aus seinem Transporter. Das Gewitter der letzten Nacht war leichtem Nebel gewichen. Hier und da wurde schon ein Stückchen des strahlend blauen Himmels sichtbar. Es würde ein schöner Tag werden.

Viktoria öffnete die oberste Schublade in ihrer Küchenzeile. Die Briefe waren bereits vor einigen Tagen eingetroffen, doch erst jetzt war der richtige Zeitpunkt, sie zu öffnen. Der erste war von ihren Eltern. Eine bunte Karte fiel heraus. Sie las die Worte mit Tränen in den Augen. Der zweite Umschlag enthielt ebenfalls eine Karte. Mit zittrigen Händen betrachtete sie die Zeichnung von zwei Mädchen, die ein riesiges Geschenkpaket zwischen sich hielten und versuchten, gleichzeitig die überdimensionale Schleife zu öffnen.

Weinend und lachend zugleich las sie die aufmunternden Worte ihrer Freundin Elizabeth. Mit den Briefen in der Hand ging Viktoria ins angrenzende Wohnzimmer. Sie ließ sich auf einen Sessel fallen und ihr Blick glitt automatisch zu dem großen Zeichentisch in einer Ecke des Raumes.

Sie hatte in den vergangenen Monaten nur einige halbherzige Versuche unternommen, ihre Arbeit wieder aufzunehmen, und war jedes Mal gescheitert. Doch dieses Mal würde sie es anders angehen. Sie hatte vor einigen Tagen das Angebot erhalten, ein Kinderbuch zu illustrieren, und sich eine Woche Bedenkzeit erbeten. Sie würde annehmen. Nicht zuletzt wegen ihrer finanziellen Lage. Ihre Reserven waren weitestgehend verbraucht und andere Einnahmequellen in nächster Zukunft nicht in Sicht.

Sie griff nach dem Telefon und hinterließ eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter der Agentur, für die sie als freiberufliche Illustratorin arbeitete. Dann wählte sie die Nummer, die sie schon seit Jahren in- und auswendig kannte.

Trotz der frühen Morgenstunde wurde bereits nach dem zweiten Klingeln der Hörer abgenommen. Es schien, als hätte ihre Freundin Elizabeth in den letzten acht Monaten nichts anderes getan, als auf diesen Moment zu warten.

Malin saß an ihrem Schreibtisch im Großraumbüro der Mordkommission und gähnte. Nach ihrem desaströsen Besuch bei Fricke hatte sie fast die gesamte restliche Nacht damit zugebracht, Zeile um Zeile in dem Buch nach weiteren Hinweisen zu suchen. Sie hatte eine Liste mit Anhaltspunkten zusammengetragen, bei denen es sich lohnen könnte, sie mit der Ermittlungsakte abzugleichen. Eine weitere Übereinstimmung hatte sie bereits gefunden: Im Krimi wurde ebenfalls ein Wagen mit Kleidung und Brieftasche des Toten aufgefunden. Malin war überzeugt, auf der richtigen Spur zu sein. Im Buch hatte der Täter fingierte Indizien und Spuren hinterlassen, die letzten Endes zur Aufklärung des Mordes geführt hatten. Sie würde sich noch mal die Fundstücke vom Tatort anschauen müssen.

Kopfschmerzen bereitete Malin die Identität des Opfers. War Dr. Woy willkürlich ausgesucht worden? Oder zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen? Sie musste überprüfen, ob es eine Verbindung zu der Krimiautorin Charlotte Leonberger gab.

Hoffentlich würden die ehemaligen Patientenakten des Kinderarztes etwas hergeben. Sie war enttäuscht gewesen, als Fricke ihr diese Aufgabe am Morgen übertragen hatte. Lieber hätte sie an den Zeugenvernehmungen teilgenommen. Ihr nächtlicher Besuch war nicht zur Sprache gekommen, doch Malin vermutete, dass sie damit bei ihrem Vorgesetzten die letzten Sympathien verspielt hatte.

Das Durchsehen der Patientenakten war ein mühsames Unterfangen. Die in braune Pappdeckel gebundenen Blätter der unsortierten Aktenberge waren staubig und mit einer krakeligen Schrift bedeckt, die Malin nur schwer entziffern konnte. Stunde um Stunde notierte sie sich Namen von Patienten und Stichpunkte über die jeweiligen Krankheitsverläufe.

Es war bereits später Nachmittag, als sie die letzte Akte eines Stapels beiseitelegte. Die Hälfte war geschafft. Nachdenklich schaute sie zu dem Schreibtisch gegenüber. Frederick Bar­tels hatte sich den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt und hackte wild auf seiner Computertastatur herum. Er wirkte missmutig, während er der Stimme am anderen Ende der Leitung lauschte. Jetzt nahm er den Hörer vom Ohr, warf ihn auf die Telefonanlage und starrte ihn an.

»Ärger?«, fragte Malin.

»So was Ähnliches«, murmelte er. Dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht. »Und, was macht dein Krimi? Ich habe von deinem nächtlichen Besuch bei Fricke gehört.«

Malin spürte, wie sie errötete.

Bartels erhob sich von seinem Stuhl und zwinkerte ihr zu, bevor er das Büro verließ.

Resigniert betrachtete sie ihren Aktenberg. Kurzerhand beförderte sie die Stapel auf ihren Beistelltisch und griff nach der Ermittlungsakte des Torhausmordes. Dann ging sie zu dem Whiteboard und betrachtete die Tatortfotos. Irgend­etwas musste doch zu finden sein.

Ein Blick zum Fenster mit der Aussicht auf die Bürostadt City Nord zeigte ihr, dass es bereits dämmerte. Ich fahre noch mal zum Torhaus, dachte sie. Aber erst muss ich noch etwas anderes in Erfahrung bringen. Sie ging zurück zu ihrem Schreibtisch und blätterte in der Ermittlungsakte, bis sie gefunden hatte, was sie suchte. Dann griff sie nach dem Telefon. Sie wollte schon auflegen, als Henriette Woy sich endlich meldete.

Wenige Minuten später hatte Malin erfahren, was sie wissen wollte.

Lachend winkte Viktoria Steiner ihrer Freundin Elisabeth zum Abschied noch einmal zu.

Während ihres Telefonats am Morgen hatten sie beschlossen, sich in ihrem Lieblingslokal zu treffen und mit einem Glas Wein auf Viktorias Geburtstag anzustoßen. Die rustikale Kellerwirtschaft mit dem alten Gewölbe war an diesem Abend brechend voll gewesen. Viktoria fühlte sich so unbeschwert wie schon lange nicht mehr, und ging leichten Schrittes auf dem Weg zu ihrem Auto durch die Straßen am Großneumarkt. Je weiter sie sich von dem belebten Platz entfernte, desto stiller wurde es um sie herum.

Das Geräusch von eiligen Schritten hinter ihr machte sie ein wenig nervös. Sie drehte sich um, doch außer ihrem eigenen Schatten war nichts zu sehen. Viktoria war froh, als sie endlich das Ende der Peterstraße erreichte. Die historischen Bürgerhausfassaden mochten tagsüber durchaus reizvoll sein, abends war die Atmosphäre eher düster und bedrückend. Nieselregen setzte ein und sie erschauderte leicht. Laut klackerten ihre Absätze auf dem Kopfsteinpflaster. Endlich am Auto angekommen stieg sie ein und verriegelte die Türen.

Die Straße war menschenleer. Sie manövrierte ihren Wagen aus der Parklücke und fuhr über die Lombardsbrücke Richtung Barmbek-Süd. Für einen Moment schaute sie aus dem Seitenfenster und genoss den Ausblick auf die beleuchtete Binnenalster.

Zum ersten Mal an diesem Tag erlaubte sie sich den Gedanken an Hannes. Seit seinem Tod vor acht Monaten hatte sie sich aus dem gesellschaftlichen Leben völlig zurückgezogen und sich in ihrer Wohnung eingeigelt – bis heute.

Von plötzlicher Heiterkeit erfasst, drückte sie die Taste ihres Radios. »I will survive« drang es aus den Lautsprecherboxen. Wie passend, dachte sie, und summte fröhlich mit. Vielleicht gibt es doch noch ein Leben für mich.

Der Regen wurde stärker und der Verkehr an der Sechslingspforte staute sich. Schnell kramte sie in ihrer Handtasche nach einer Zigarette und verwarf die Idee gleich wieder. Ich höre auf, dachte sie, sofort – einen besseren Zeitpunkt gibt es nicht.

Die Ampel sprang endlich auf Grün um. Zügig fuhr sie weiter. Auf einmal konnte sie es gar nicht mehr abwarten, nach Hause zu kommen. Sie würde sich ein schönes Glas Rotwein genehmigen, einen Merlot, den sie für besondere Anlässe aufbewahrt hatte. Dann würde sie es sich mit ihrem neuen Buch auf dem Sofa gemütlich machen.

Sie bog in die Mozartstraße ein. Weit und breit war kein Parkplatz in Sicht. Vermutlich wäre es klüger gewesen, wenn sie den Bus genommen hätte.

Eine Querstraße weiter entdeckte sie endlich eine Lücke, parkte ein und stellte den Motor ab. Der Regen wurde stärker. Fröstelnd zog sie ihren Mantel ein wenig enger. Plötzlich schrillte hinter ihr die Alarmanlage eines Autos. Sie fuhr zusammen. Schritte kamen näher. Viktoria umklammerte mit einer Hand fester ihre Tasche und suchte mit der anderen in ihrem Mantel nach dem Haustürschlüssel.

Die Schritte kamen immer näher. Schließlich hatte sie den Schlüssel gefunden. Sie lief schneller, fing fast an zu rennen. Das Mietshaus, in dem sich ihre Wohnung befand, lag völlig im Dunkeln. Zitternd versuchte sie, den Schlüssel ins Schlüsselloch zu stecken, doch er fiel ihr aus der Hand. Rasch bückte sie sich und bemerkte beim zweiten Versuch, dass das Türschloss nicht richtig eingeschnappt war. Sie schlüpfte in den Hausflur und drückte hastig die Eingangstür zu. Viktoria lehnte sich mit dem Rücken dagegen und atmete tief durch. Ihr Herz raste.

Du bist in Sicherheit. Erleichtert tastete sie sich im Dunkeln zum Lichtschalter.

Ein Arm schlang sich von hinten um ihren Brustkorb und eine Hand presste etwas auf ihren Mund. Es roch schneidend. Ihr wurde übel, als sie gegen das aufkommende Schwindelgefühl ankämpfte.

Dann verlor sie das Bewusstsein.

7

Der Nieselregen der letzten Nacht hatte sich komplett verflüchtigt und strahlender Sonnenschein tauchte die Stadt in eine für diese Jahreszeit ungewöhnliche Helligkeit.

Zwiespältige Gefühle beschlichen Malin, als sie vom Parkplatz auf das Wellingsbüttler Torhaus zuging. Da ihr nächtlicher Besuch bei Fricke bereits Gesprächsthema über mehrere Etagen des Polizeipräsidiums war, hatte sie darauf verzichtet, die Kollegen über ihr Vorhaben zu unterrichten, und sich für die Mittagspause abgemeldet.

Auf der Wiese lag eine Horde Jugendlicher, Mütter schoben Kinderwagen vor sich her und die meisten Parkbänke waren besetzt. Das Laub der Bäume strahlte in Gold- und Rottönen. Einzig ein paar Reste des rot-weißen Absperrbandes erinnerten an den Polizeieinsatz der letzten Woche.

Malin blieb im Torbogen stehen. Deutlich stand ihr das Bild des toten Dr. Woy vor Augen. Sie schaute sich um und ging Schritt für Schritt den Bogen ab. Das alte Gemäuer und die dunklen Holzbalken verrieten nicht, was hier geschehen war.

Eine mit Kameras behängte Gruppe Asiaten bog um die Ecke und stieß fast mit Malin zusammen. Ein schmaler Junge verbeugte sich entschuldigend vor ihr. Sie starrte ihn an. Ein paar schwarze Augen starrten zurück. Das Museum, dachte sie, und ging durch den Torbogen auf den hinteren Trakt des Torhausgebäudes zu.

Ein Schild wies auf eine Sonderausstellung und die damit verbundenen zusätzlichen Öffnungszeiten hin. In den vormaligen Landarbeiterwohnungen wurden Fotodokumentationen über das ehemalige Adelsgut Wellingsbüttel und altbürgerliche Haushaltsgegenstände gezeigt.

Malin ging auf den Kassentresen zu. »Hallo, Frau Larsen, Sie erinnern sich an mich?«

Die Museumsangestellte runzelte die Stirn. »Brodersen. Die junge Frau von der Polizei. Ich vergesse nie ein Gesicht. Was wollen Sie?«

»Haben Sie vielleicht eine Minute? Ich hätte da noch ein paar Fragen.«

»Na schön, wenn es denn sein muss. Die Reisegruppe ist ohnehin gerade durch. Aber lassen Sie uns in den Garten gehen.«

Malin folgte Frau Larsen zu einer Bank hinter dem Torhaus. Dort hatten sie freie Sicht auf die weiße Prachtfassade des Herrenhauses.

»Sagen Sie, Frau Larsen, ist Ihnen zu letztem Mittwoch noch etwas eingefallen?«

»Dann hätte ich angerufen.« Die Museumsangestellte hielt die Arme vor der Brust verschränkt und starrte auf einen imaginären Punkt in der Ferne.

Malin stand auf und blieb dicht vor ihr stehen. »Frau Larsen, ich ermittle in einem Mordfall. Letzte Woche ist hier ein Mann tot aufgefunden worden. Er hat eine Frau und eine Tochter hinterlassen, eine Familie, die jetzt um ihn trauert. Ist es nun wirklich zu viel verlangt, mir noch ein paar Fragen zu beantworten?«

Ingrid Larsens steinerner Gesichtsausdruck löste sich und Malin konnte erkennen, dass die Frau mit sich rang.

»Also noch einmal, gibt es irgendetwas, das Sie mir erzählen können? Es muss nicht unmittelbar mit vergangenem Mittwoch zu tun haben. An einem Ort wie diesem kommen doch bestimmt viele interessante Menschen zusammen.«

Frau Larsen runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht genau, ob es wichtig ist. Ehrlich gesagt, erscheint es mir jetzt doch ein bisschen komisch, dass ich ihn so lange nicht mehr gesehen habe. Aber bei solchen Leuten weiß man ja nie. Die kommen und gehen.«

»Wen meinen Sie? Wer kommt und geht?«

»Den ganzen Sommer über hat im Park ein alter Stadtstreicher übernachtet. Er hat mir leid getan, deshalb habe ich es niemandem gesagt.« Sie klang unsicher.

»Warum haben Sie uns das nicht gleich erzählt? Oder ist da noch irgendetwas?«, hakte Malin nach.

»Also gut, auch wenn ich nicht verstehe, was es mit dem Mord zu tun haben sollte … Eines Tages hat er frühmorgens vor dem Museum auf der Schwelle gesessen und um ein wenig Wasser gebeten. Er hat mir leid getan. Da habe ich ihm Kaffee gekocht und ihm ein belegtes Brötchen gegeben. Seitdem ist er jeden Morgen gekommen. Er war höflich und hat stets gewartet, bis ich ihm sein Frühstück gebracht habe. Wenn er fertig war, hat er Becher und Teller vor die Tür gestellt und ist gegangen. Bitte, Fräulein Brodersen, verraten Sie mich nicht. Wenn mein Chef das erfährt, bekomme ich bestimmt Schwierigkeiten. Und ich brauche diesen Job, um meine Rente aufzubessern. Wer nimmt denn sonst schon eine so alte Frau wie mich?«

»Machen Sie sich deswegen mal keine Sorgen, wir werden das vertraulich behandeln. Erzählen Sie mir was über den Mann, wie sieht er aus? Wissen Sie vielleicht seinen Namen?« Malin fischte ihr Notizbuch aus der Jackentasche.

»Er trägt immer so einen schmuddeligen schwarzen Regen­mantel und meistens eine rote Strickmütze. Ich glaube, seine Schuhe sind viel zu klein, denn er hat sich vorne die Spitzen weggeschnitten. Graue, schulterlange Haare, ziemlich zottelig, und er hat einen Bart. Sonst konnte man von seinem Gesicht nicht viel erkennen. Seinen Namen wollte er mir nicht sagen, aber er hat immer einen grünen Seesack dabei, da steht Harry drauf.«

Malin machte sich eifrig Notizen. »Sie haben vorhin gesagt, Sie hätten ihn schon länger nicht mehr gesehen. Wissen Sie noch, wann es das letzte Mal war?«

Frau Larsen schien einen Moment zu überlegen, dann wurde sie bleich. »Es war Dienstagmorgen – letzte Woche. Am Mittwoch, als ich die Leiche gefunden habe, war er nicht da. Er war seit Dienstag gar nicht mehr da.« Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern.

Der kleine Ort Strande lag zwanzig Kilometer nördlich der Kieler Innenstadt auf der Halbinsel Dänischer Wohld, direkt an der Kieler Förde. Weiße Segeljachten im Strander Yachthafen, kilometerlange Sandstrände und die urwüchsige Steilküste hinter dem Bülker Leuchtturm waren die Aushänge­schilder des kleinen Ferienortes. An den schmalen Straßen standen liebenswerte alte Häuschen, kleine Katen und die eine oder andere feudale Villa.

Eine davon gehörte der Krimiautorin Charlotte Leonberger. Aufgewachsen in der Großstadt, hatte es Charlotte immer wieder zurück an den Urlaubsort ihrer Kindheit und die Heimat ihrer Tante Alma gezogen. Sie hatte ihr Glück kaum fassen können, als sie erfuhr, dass das alte Reetdachhaus, das sie schon als Kind bewundert hatte, zum Verkauf stand. Für einen total überzogenen Preis hatte sie es erstanden und für noch einmal die fast gleiche Summe renovieren lassen. Sie konnte es sich leisten. Ihre Krimis stürmten die Bestsellerlisten und wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Bereits als Kind hatte Charlotte ständig Geschichten zu Papier gebracht. Nach ihrem Journalistikstudium hatte sie eine Zeitlang für ein bekanntes Wirtschaftsmagazin gearbeitet, um sich ein finanzielles Polster zu schaffen. Dann hatte sie den Job gekündigt, um darüber zu schreiben, was sie wirklich faszinierte. Ihr erster Krimi hieß Frühjahrssterben.

Nach der Fertigstellung hatte sie lange auf Nachricht warten müssen, bevor schließlich eine Lektorin des renommierten Hamburger Verlages Alster Books ihr Interesse an dem Manuskript bekundete. Ein knappes Jahr später erschien Frühjahrssterben auf dem Markt und schlug ein wie eine Bombe. Es folgten Interviews für Zeitungen, Signierstunden und Autorenlesungen in ganz Deutschland.

Durch den Erfolg konnte Charlotte die renommierte Agentur Thompson & Leith im angesagten Viertel Hafen­city für die Vertretung ihrer Interessen gewinnen. Zur beeindruckenden Klientel zählten zahlreiche Prominente. Simon Thompson, einer der Teilhaber der Agentur und eine Koryphäe unter den Literaturagenten, nahm Charlotte höchstpersönlich unter seine Fittiche. Er schaffte es innerhalb kürzester Zeit, dass Alster Books sie für einen Vorschuss in sechsstelliger Höhe für zwei weitere Krimis verpflichtete. Dies glich in der Branche geradezu einem Ritterschlag, der weltweit nur wenigen Autoren zuteil wurde. Mit ihrem dritten Roman schaffte Charlotte den internationalen Durchbruch und ihr Agent verhandelte fortan erfolgreich mit ausländischen Verlagen. Ihr Bekanntheitsgrad ging mittlerweile weit über die eingefleischten Krimifans hinaus. Immer öfter sah man ihr Gesicht in Illustrierten und Talkshows. Zuletzt hatte sie es sogar auf die Titelseite des US-Magazins People geschafft.

Doch der Erfolg hatte auch seine Kehrseite. Unter anderem waren die Reisen zu den Autorenlesungen im In- und Ausland oft strapaziös. In der Abgeschiedenheit ihres Reetdachhauses dagegen wurde die Ruhe nur gelegentlich vom Kreischen der Möwen unterbrochen.

Charlotte hatte sich gerade einen Kaffee gemacht und betrachtete bedauernd den Stapel Tageszeitungen. Vermutlich würde sie es wieder nicht schaffen, sie zu lesen. In zwei Tagen hatte sie den Abgabetermin für die ersten zehn Kapitel ihres neuen Buches und sie befand sich bereits im Verzug.

Trotzdem warf sie einen Blick auf die Titelseite der obersten Zeitung. Seit einigen Tagen beherrschte der Mord an einem Hamburger Kinderarzt die Schlagzeilen. Die Neugier der Krimiautorin gewann die Oberhand. Sie griff nach der Zeitung und begann den Artikel zu lesen.

Irritiert hielt sie einen Moment inne.

Wie in meinem Buch, dachte sie und erinnerte sich an den anonymen Anruf wenige Tage zuvor. Wieder ärgerte sie sich maßlos über die Kieler Polizei. Die Beamten hatten sich wenig beeindruckt gezeigt, dass sie anonyme Anrufe erhielt, bei denen Textstellen aus ihren Krimis zitiert wurden. »Ein Wichtigtuer, das dürfte doch bei einer bekannten Autorin nichts Ungewöhnliches sein.« Später war sie sich dann selbst dumm vorgekommen.

Das Foto neben dem Artikel zeigte einen älteren Mann mit gutmütigem Gesicht und blauen, leicht wässrigen Augen. Sein dunkler Lockenschopf war mit grauen Strähnen durchzogen. Dr. Richard W. stand in der Bildunterschrift.

Eine Erinnerung streifte sie, doch das Klingeln ihres Handys­ riss sie aus ihren Überlegungen.

Die neuen Bestsellerlisten lagen vor. Der vierte Band ihrer Krimireihe hatte nur drei Wochen benötigt, um die Spitzenposition zu erreichen.

»Verdammt, Brodersen, wo sind Sie gewesen? Haben Sie schon mal was von abmelden gehört? Und warum ist Ihr verfluchtes Handy nicht eingeschaltet?« Fricke brüllte ihr schon von Weitem entgegen.

Malins Hochstimmung verflüchtigte sich. Sie schielte auf ihre Armbanduhr. Zwei Stunden war sie weg gewesen. Etwas zu lang für eine Mittagspause, aber keine Erklärung für die Aufregung ihres Vorgesetzten.

»Ich habe Mittagspause gemacht. Und ich habe Andresen Bescheid gegeben«, sagte sie ruhig und zog ihr Handy aus der Jackentasche. Das Display war schwarz. »Ist wohl der Akku leer«, murmelte sie. Durch die offene Bürotür sah sie, dass keiner der Schreibtische besetzt war. Vermutlich hatten ihre Kollegen ebenfalls eine Pause eingelegt.

»Chef, ich war eben zufällig in der Nähe des Torhauses und hab mich da noch mal ein bisschen mit Frau Larsen unterhalten. Sie wissen schon, die Zeugin, die die Leiche gefunden hat. Und Sie glauben nicht, was die mir erzählt hat.« Malin hielt ihm triumphierend ihr Notizbuch vor die Nase.

»Das können Sie mir später erzählen. Und dann reden wir auch noch mal über die Erreichbarkeit eines Polizeibeamten. Brodersen, mitkommen.« Fricke ging mit eiligen Schritten auf den Fahrstuhl zu.

»Chef, was ist denn los? Gibt es was Neues in Sachen Woy?« Malin folgte Fricke.

»Nein, aber eine neue Leiche. Machen Sie sich auf einiges gefasst, Brodersen, dagegen war der Torhausmord das reinste Zuckerschlecken.«

Das Fabrikgelände wirkte wie eine Geisterstadt. Verlassen lagen die Gebäude da, aufgereiht zu beiden Seiten eines großen Platzes. An der Stirnseite stand ein grauer Betonklotz mit graffitibesprühten Wänden. Die vergitterten Fenster waren dreckig und voller Spinnenweben, einige Scheiben eingeschlagen.

Vor dem Hauptgebäude standen mehrere Streifenwagen. Fricke parkte neben dem Transporter der Spurensicherung. Der Eingang des Gebäudes wurde von zwei uniformierten Beamten flankiert. Fricke zückte seinen Dienstausweis. »Wo ist die Leiche?«

»Im Untergeschoss«, antwortete einer der Beamten und reichte ihm eine Taschenlampe.

Sie betraten das Gebäude und fanden sich in einer riesigen leeren Halle wieder. Auf dem dunklen Betonboden konnte man noch Abdrücke der schweren Maschinen sehen, die hier einst gestanden hatten. Malin schaute an die Decke. Sie war bestimmt sieben Meter hoch. Sie durchquerten einen breiten Flur und gelangten von dort in einen dunklen Gang. Fricke schaltete die Taschenlampe ein. Am Ende des Ganges führte eine Betontreppe in den unteren Gebäudeteil. Ihre Schritte hallten durch das leere Treppenhaus. An der nächsten Biegung empfing sie gleißendes Licht.

Scheinwerfer waren aufgestellt worden und warfen düstere Schatten an das Betongemäuer. Ein Mann im Schutzanzug trat auf sie zu. Zwischen Kapuze und Mundschutz lugte eine runde Brille hervor. Malin erkannte Frank Glaser, den Chef der Spurensicherung.

»Können wir rein, Frank?«, fragte Fricke.

»Nur wenn ihr die komplette Montur anzieht.«

Sie schlüpften in Spurensicherungsoverall, Latexhandschuhe und blaue Überschuhe. Der Kriminaltechniker hielt ihnen Schutzmasken entgegen. »Glaubt mir, ihr werdet sie brauchen. Außerdem will ich nicht, dass ihr mit eurer DNA meinen Tatort kontaminiert.«

Schweigend streiften sie sich die Masken über den Kopf, dann folgten sie Glaser.

»Hier ist es«, sagte er und stieß eine schwere Eisentür auf.

8

Ein schwerer, würziger Gestank schlug ihnen entgegen. Unwillkürlich atmete Malin durch den Mund. Der Raum war von oben bis unten komplett gekachelt. An der rechten Wandseite befanden sich zwei große Waschbecken und an der Stirnseite des Raumes ragten große Eisenhaken aus der Wand.

Der Anblick in der Raummitte traf sie mit körperlicher Wucht. Sekundenlang schloss Malin die Augen. Dann blinzelte sie und starrte erschüttert auf den großen Metalltisch. Ihr Blick verharrte bei den langen dunklen Haaren. Das Gesicht war bis zur Unkenntlichkeit aufgedunsen. Wo sich die Augen hätten befinden sollen, war rohe Fleischmasse. Die Gliedmaßen schienen vollständig, doch der Körper war mit aufgeplatzten Wunden übersät. Die restliche Haut war feuerrot und verschrumpelt. Auf der Brust glänzte etwas Metallisches.

Malin stolperte zurück in den Gang, zog den Mundschutz herunter und übergab sich. Anschließend zog sie ein Taschentuch unter ihrem Schutzanzug hervor und wischte sich den Mund ab. Der säuerliche Gestank des Erbrochenen stieg ihr in die Nase und sie entledigte sich auch noch ihres restlichen Mageninhaltes.

In diesem Moment hörte sie lautes Fußgetrappel und einige Stimmen. Als Erstes kam ihr ein kräftiger Typ mit rötlichem Schnauzbart entgegen. Andresen. Malin stöhnte.

»Was ist denn das hier für eine Sauerei?«, zischte der Ermittler, als er beinahe ins Erbrochene trat. »War ja klar, Brodersen. Da wird sich die Spusi freuen.«

Kotzbrocken, dachte Malin nicht zum ersten Mal. Hinter Andresen folgte ein schmächtiger junger Bursche, in der Hand einen Alukoffer: Thorsten Sommer vom LKA 38, zuständig für den Fachbereich Fotografie. Sommer blieb einen Moment stehen und hantierte mit seinem Koffer herum. Dann betrat er mit der Kamera in der Hand den Tatort und begann mit seiner Arbeit.

Fricke stand neben dem Türrahmen und beobachtete die Techniker. »Frank, sind alle Temperaturen gemessen?«

»Nur noch die der Leiche.«

»Das mache ich«, ertönte hinter Malin eine energische Stimme.

Selbst im Schutzoverall gab Dr. Steinhofer eine elegante Erscheinung ab. Sie schob sich an Malin vorbei, nahm ihr Equipment aus der Arztasche und trat an den Metalltisch.

»Haben Sie eine Temperatur, Dr. Steinhofer?«

»Ja«, erwiderte die Rechtsmedizinerin knapp.

»Können wir dann endlich das gottverdammte Fenster öffnen?«, fragte Andresen. Sein Gesicht war deutlich blasser geworden.

»Ich lasse frische Luft rein«, erwiderte einer der Techniker.

»Kommen Sie, Brodersen, schauen Sie sich das an.« Fricke winkte sie heran.

»Mensch, Hans, könnt ihr nicht noch ein paar Minuten warten?« Frank Glaser blickte sie missmutig an, aber Fricke griff nach Malins Ellenbogen und zog sie neben die Rechtsmedizinerin an den Tisch.

Malin kämpfte mit aller Kraft gegen erneute Übelkeit und zwang sich, die Leiche zu betrachten. Die Tote hatte lange, schmale Gliedmaße. Hände und Füße waren mit Draht an den Metalltisch befestigt und die Haut wies tiefe Einschnitte auf.

»Woher stammen diese furchtbaren Verletzungen?« Malin zeigte auf eine der aufgeplatzten Wunden, die den ganzen Körper übersäten. »Ich habe so etwas noch nie gesehen.«

»Das sind Verbrennungen«, erwiderte Dr. Steinhofer.

»Verbrennungen?« Fricke kratzte sich nachdenklich am Kinn.

»Es ginge schneller, wenn Sie mich meine Arbeit machen ließen, Herr Hauptkommissar«, entgegnete Dr. Steinhofer sichtlich genervt.

»Was trägt sie da um den Hals?«, flüsterte Malin Fricke zu und zeigte auf den Gegenstand, der an einer Schnur befestigt am Hals der Toten lag.

»Sieht aus wie eine Münze«, brummte Fricke.

Dr. Steinhofer seufzte. »Fünf Minuten. Geben Sie mir nur fünf Minuten, dann bin ich hier fürs Erste fertig. Schaffen Sie das?« Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie mit der Untersuchung fort.

»Brodersen, wir müssen überprüfen, was das hier für ein Fabrikgelände ist«, sagte Fricke. »Und besorgen Sie die Aufnahme von dem anonymen Anruf.«

»Was für ein Anruf?«

»Heute Mittag ist über die Notrufzentrale ein anonymer Anruf eingegangen. Der Anrufer hat uns den Fundort der Leiche durchgegeben. Wir brauchen eine Stimmenanalyse, Hintergrundgeräusche und so weiter. Wir müssen … Ach verdammt, da fällt mir gerade was ein. Brodersen, ich bin in zwei Minuten wieder da.« Fricke verließ eilig den Raum.

Auch gut, dachte Malin und inspizierte ausgiebig die Umgebung. Glaser pinselte gerade die Waschbecken mit einem Puder aus Titanpulver ein. Malins Blick wanderte über die gekachelten Wände an die Decke. Dort ragten große Eisenhaken heraus. Wozu die wohl benutzt wurden? Ihr Blick glitt wieder zum Metalltisch, der außer der obligatorischen Tischplatte einen Grundboden hatte. Darunter befand sich ein Spalt.

Malin bückte sich. »Frank, kann ich mal deine Taschenlampe haben?«

»Du siehst doch, dass ich gerade nicht kann.«

»Wo ist denn die Taschenlampe?«

Verärgert wies Glaser mit dem Kopf in Richtung seines Spurensicherungskoffers. »Bring aber nichts durcheinander.«

Malin beugte sich über den geöffneten Alukoffer. Fein säuberlich geordnet befand sich dort eine Vielzahl in Schlaufen befestigter Instrumente, daneben verschiedene Flaschen, Tuben und diverse Objektträger. Mehrere Packungen mit Einweghandschuhen und durchsichtige Beweistüten waren dazwischengequetscht. Darunter lag die Taschenlampe.

Malin zog sie heraus und ging zurück zum Metalltisch. Sie leuchtete mit der Lampe in den Spalt unterhalb des Tisches. In dem Hohlraum befand sich ein Gegenstand. »Frank, komm mal, ich glaub ich hab da was.«

»Herrgott noch mal, Malin, wie oft soll ich dir noch sagen …«

»Ich weiß, du kannst gerade nicht. Schon gut, reg dich ab.« Malin streckte die Hand in den Hohlraum und stieß mit ihrer Fingerspitze gegen etwas Weiches. Dann streckte sie ihre Hand so weit vor, dass fast ihr gesamter Arm unter der Metallplatte verschwand. Sie zog eine braune Damenhandtasche hervor. Bingo.

Im Flur hallten Schritte und Sekunden später trat ein rotgesichtiger Fricke neben Malin. »Was haben Sie da?«

»Die lag unter dem Metalltisch, könnte die Handtasche der Toten sein.«

Fricke pfiff durch die Zähne. »Prima, Brodersen. Frank, hast du dir die Tasche schon angesehen?«

»Was für eine Tasche?«, fragte Glaser knapp, während er eine Objekttüte beschriftete.

»Na, die Tasche, die Brodersen hier gerade unter dem Metalltisch sichergestellt hat.«

»Ich hab doch gesagt, nichts anfassen. Kannst du mir denn nicht Bescheid sagen?« Wütend funkelte er Malin an.

»Hab ich doch, ich …«

»Kein Grund, sich an die Gurgel zu gehen«, warf Fricke ein. »Frank, mach weiter, wir kümmern uns darum.«

Glaser machte den Mund auf, schien es sich dann aber doch anders zu überlegen und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

Fricke blinzelte Malin zu. »Worauf warten Sie? Machen Sie die Tasche schon auf.«

Vorsichtig zog Malin den Reißverschluss auf. »Eine Packung Zigaretten. Ein Feuerzeug. Und hier eine Brieftasche.« Sie hielt eine braune Geldbörse hoch.

Fricke nahm sie ihr aus der Hand. »Da ist ein Ausweis drin. Das ist doch endlich mal was Gutes. Viktoria Steiner, geboren am 26. September 1969«, las er vor. »Sie hatte gestern Geburtstag. Hübsche Person. Schauen Sie sich mal das Foto an.« Er reichte Malin den Ausweis.

Es verschlug ihr den Atem. Das schöne Gesicht mit den dunklen Augen würde sie so leicht nicht mehr vergessen.

Fricke räusperte sich. »Sie wollten mir doch vorhin noch etwas erzählen.«

Malin schlug sich mit der Hand an den Kopf. Das war ihr völlig entfallen. Kurz fasste sie zusammen, was ihr Gespräch mit Frau Larsen ergeben hatte.

Fricke runzelte die Stirn. »Könnte interessant sein, muss es aber nicht. Vielleicht hat sich dieser Stadtstreicher in der fraglichen Nacht überhaupt nicht im Park aufgehalten.«

»Und der Fußabdruck?«

Fricke überlegte. »Also gut, Brodersen. Bestellen Sie die Larsen noch mal ins Präsidium. Wir werden eine Phantom­zeichnung anfertigen lassen und stellen die dann in die interne Fahndung ein. Zufrieden?«

Dr. Steinhofer trat zu ihnen. Die Rechtsmedizinerin schob die Kapuze ihres Overalls herunter und ihr stufig geschnittenes blondes Haar wurde sichtbar. Unwillkürlich strich sich Malin über ihren eigenen zerzausten Pferdeschwanz. Unter dem Overall der Rechtsmedizinerin schimmerte ein pinkfarbener Hosenanzug, der farblich auf ihren Lippenstift abgestimmt zu sein schien.

»Dr. Steinhofer, das ist übrigens Malin Brodersen. Unser neues Teammitglied«, stellte Fricke sie vor.

»Freut mich.« Dr. Steinhofer nickte Malin kurz zu. Trotz ihrer Attraktivität hatte ihr Gesicht einen harten Zug und in ihren grauen Augen lag eine gewisse Kälte.

»Und? Können Sie schon was sagen?«, fragte Fricke.

Dr. Steinhofer zog die Augenbrauen hoch. »Warten Sie das Ergebnis der Obduktion ab. Sie wissen doch, wie das läuft.«

»Wann können wir denn mit einem vorläufigen Ergebnis rechnen?«

»Frühestens morgen Nachmittag.«

»So lange können wir nicht warten«, entgegnete Fricke entrüstet.

»Werden Sie wohl müssen. Ihre Leiche ist nicht das einzige Todesopfer in dieser verdammten Stadt. Allein am Wochenende habe ich zwei Drogentote und vier Opfer einer Schießerei reingekriegt. – Wenn Ihre Spurensicherung dann so weit ist, lasse ich die Leiche abtransportieren.« Sie drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort auf einen der Kriminaltechniker zu.

Frickes Gesichtsausdruck nahm eine verräterische rote Farbe an. »Dr. Steinhofer, schauen Sie sich doch bitte noch dieses Foto an.« Er schwenkte den Personalausweis von Viktoria Steiner.

Widerwillig kam Dr. Steinhofer zurück und nahm ihm den Ausweis aus der Hand. »Könnte sein – Größe, Alter und Haarfarbe stimmen überein. Aber schauen Sie sich die Leiche doch an, keiner wird sie eindeutig identifizieren können. Wir brauchen schon die Zahnarztunterlagen oder Röntgenbilder.« Ungerührt drehte sie sich wieder um und packte ihre Tasche.

Fricke zischte durch die Zähne und wandte sich dann an Malin. »Okay, Brodersen, wir machen Folgendes: Rufen Sie im Präsidium an. Die sollen den Namen von Viktoria Steiner durch den Computer jagen. Dann sehen Sie zu, dass Sie Bartels auftreiben, dem hatte ich eigentlich kurzfristig freigegeben, aber das hier hat jetzt Vorrang. Informieren Sie ihn über die Leiche und dann machen Sie sich zusammen auf den Weg zu der Adresse auf dem Personalausweis. Ach ja, und noch was, Brodersen: Ziehen Sie endlich den verdammten Overall aus.«

Malin schaute an sich herunter. Flecken von Erbrochenem zierten ihren Oberkörper. Sie wurde knallrot. »Okay, danke, Chef.«

»Brodersen, vergessen Sie eines nicht: Auch ich habe mal angefangen.« Seine blauen Augen sahen sie freundlich an.

Sie parkten vor einem mehrgeschossigen Altbau in der Mozart­straße und warteten auf den Schlüsseldienst.

Malin musterte ihren Kollegen. Frederick Bartels’ Gesicht wirkte abweisend. »Sag mal, Fred, was ist los? Hör zu, Fricke hat mich gebeten, mit dir zusammen hierherzufahren. Wenn du das lieber mit Andresen erledigt hättest, beschwer dich bei ihm.«

Bartels seufzte. »Malin, nicht alles dreht sich um dich.«

Sie zuckte zusammen.

»Es ist etwas Privates«, fügte er versöhnlich hinzu.

»Aha.«

»Meine Frau hat mich verlassen.«

»Ich wusste ja gar nicht, dass …« Malin wies auf seinen leeren Ringfinger.

»Dass ich verheiratet bin? Ich habe den Ring von Anfang an nicht getragen.«

»Und weshalb hat sie dich verlassen? Oder ist das jetzt zu indiskret?«

»Wegen so einem blöden Typen mit Makkaroni-Charme und Olivenölstimme. Das hat man nun davon, wenn man seine Frau alleine in den Urlaub schickt. Und weißt du, was das Beste an der ganzen Sache ist?«

Malin schüttelte den Kopf.

»Sie sagt, ich sei schuld. Weil ich sie immer alleine gelassen hätte. Sonst wäre sie ja auch gar nicht alleine in den Urlaub gefahren. Und weißt du was, Malin? Ich glaube, sie hat recht. Ich bin ein beschissener Ehemann.« Seine dunklen Augen glänzten verdächtig.

»Unser Beruf ist nun mal nicht besonders familienfreundlich. Lass dir nicht einreden, dass es deine Schuld ist. Dazu gehören immer noch zwei«, erwiderte sie leise.

»Danke. Du bist gar nicht so übel, weißt du das?« Der Anflug eines Lächelns überflog sein Gesicht.

Malin sah verlegen aus dem Fenster. »Du, ich glaube, da kommt der Schlüsseldienst. Lass uns gehen.«

Wenige Minuten später betraten sie die Wohnung von Viktoria Steiner.

»Hallo, ist hier jemand? Polizei!«, rief Malin in die Stille.

Keine Antwort.

Vom Flur gingen vier Türen ab. Die erste führte in ein weiß gekacheltes Badezimmer. Über dem Waschbecken befand sich ein großer Spiegelschrank, daneben zierte ein Regal mit diversen Flakons die Wand. Am Handtuchhalter hingen violette Handtücher. Die nächste Tür führte in die Küche. Auf dem Fensterbrett standen kleine Zinktöpfe mit verschiedenen Kräutern, und zu beiden Seiten des Fensters hingen duftige Gardinen. Die Küche wirkte sauber und aufgeräumt. Der nächste Raum ging von der anderen Flurseite ab. Es war ein großzügig geschnittenes Wohnzimmer, gemütlich eingerichtet. Das Dunkelrot der Sitzmöbel harmonierte mit den gebeizten Holzregalen und dem schmiedeeisernen Couchtisch. Unterhalb des Fensters stand ein großer Zeichentisch.

Malin streifte Latexhandschuhe über. Schnell und geschickt durchsuchte sie die Schubladen und Schränke. Auf einer Anrichte stand ein Hochzeitsbild in einem Silberrahmen. Sie nahm das Bild in die Hand und erkannte die Frau sofort wieder. »Frederick, schau doch mal.«

Bartels, der mittlerweile in den angrenzenden Raum gegangen war, streckte seinen Kopf durch die Tür. »Hast du was? Ich sehe mir gerade das Schlafzimmer etwas genauer an.«

»Ein Hochzeitsfoto. Ob die getrennt leben? Oder hast du irgendeinen Hinweis dafür gefunden, dass hier auch ein Mann wohnt?«

»Nein, aber vielleicht sind sie auch geschieden«, kommentierte Bartels trocken, bevor er wieder im Nebenraum verschwand.

In einem Fach der Anrichte entdeckte Malin ein Notizbuch. Lauter Telefonnummern und Adressen. Einige von Ärzten. Ein Eintrag war mit kleinen Blümchen versehen. »Frederick, ich habe ein Adressbuch gefunden!«

Bartels kam wieder aus dem Nachbarzimmer und nahm ihr das Buch aus der Hand. »Prima, dann können wir ja hier erst mal Schluss machen. Solange wir nicht wissen, ob die Tote hundertprozentig Viktoria Steiner ist, haben wir hier sowieso keine Handhabe. Fricke hat das erst mal auf seine Kappe genommen.«

Während Bartels das Wohnzimmer bereits verlassen hatte, sah Malin sich noch einmal um. An einem Bücherregal blieb ihr Blick hängen.

»Malin, komm endlich. Wenn die Tote wirklich Viktoria Steiner ist, wird hier noch jeder Zentimeter unter die Lupe genommen«, rief Bartels vom Flur aus.

Widerwillig riss Malin sich los.

Es wurde bereits dunkel, als Malin ihren Mini auf dem gesicherten Parkplatz des Polizeipräsidiums abstellte. Sie fühlte sich völlig ausgelaugt. In der Damentoilette spritzte sie sich kaltes Wasser ins Gesicht und betrachtete ihr Spiegelbild. Ihr blondes Haar war wie immer zum Pferdeschwanz gebunden. Sollte sie es mal anders schneiden lassen? Ihr Gesicht war ganz in Ordnung. Etwas blass vielleicht, aber das machten ihre großen grünen Augen wieder wett.

Unwillkürlich musste sie an die dunklen Augen von Viktoria Steiner denken. Ihre Gedanken wanderten weiter zu der entstellten Leiche. Malin schloss die Augen und spritzte sich eine weitere Ladung Wasser ins Gesicht. Sie bräuchte eine Pause.

Seufzend trocknete sie sich ab und ordnete mit ein paar geübten Handgriffen ihren Pferdeschwanz. Dann verließ sie den Waschraum.

Die Luft im Großraumbüro war abgestanden und stickig. Jemand hatte ein zweites Whiteboard aufgestellt und die Tatortfotos vom Fabrikgelände daran befestigt. Bei Malins Eintreffen war bereits das ganze Ermittlungsteam versammelt.

Fricke hatte sich zwischen den Whiteboards postiert. »Ich weiß, ihr seid alle müde und kaputt, trotzdem brauche ich eure volle Aufmerksamkeit. Nachdem wir jetzt noch einen weiteren Mordfall zu bearbeiten haben, müssen wir uns neu formieren. Wir holen uns noch ein paar Leute dazu, aber bis es so weit ist, müssen wir uns aufteilen. Ole, du und Sven, ihr kümmert euch bis auf Weiteres um den Torhausmord. Knöpft euch die Witwe noch mal vor. Geht auch die Befragungsprotokolle der ehemaligen Patienten und die Telefonlisten noch mal durch. Vielleicht wurde etwas übersehen. Und macht Druck beim Labor. Wir brauchen den toxikologischen Befund.«

»Alles klar, Hans.«

»Was ist mit dem Phantombild des Stadtstreichers?«, warf Malin ein.

»Das ist in Arbeit. Sie, Brodersen, bilden mit Bartels ein Team und kümmern sich ausschließlich – und das gilt vor allem für Sie, Brodersen – um die Tote vom Fabrikgelände. Ich will alles über das Gelände wissen. Und überprüfen Sie die Telefonnummern aus dem Notizbuch von Viktoria Steiner. Sehen Sie zu, dass Sie den Zahnarzt ausfindig machen. Wir brauchen eine Identifizierung. Ich muss euch wohl nicht erst sagen, dass wir der Presse vorerst keine Auskünfte erteilen. Wenn die Medien erst mal Wind von der Sache kriegen, werden sie wie Hyänen über uns herfallen. Ich muss später noch zur Pressestelle, da entscheiden wir, welche Informationen wir herausgeben. Gibt es sonst noch irgendwelche Fragen oder Vorschläge?«

Schweigen machte sich breit.

»Die Haken wurden vor Kurzem noch genutzt«, sagte Glaser in die Stille.

»Von welchen Haken redest du, Frank?«, fragte Fricke verwirrt.

»Natürlich von den Deckenhaken in der Fabrikhalle. Sie wurden vor Kurzem noch genutzt.« Der Kriminaltechniker erhob sich von seinem Platz und befestigte ein leeres Papier am Whiteboard. Dann malte er einen großen Haken darauf. »Ihr müsst euch das so vorstellen: Die Deckenhaken waren größtenteils dreckig und teilweise auch schon verrostet. Aber bei einigen war hier …« Er zeigte mit dem Finger auf den unteren Teil des Hakens. »… blankes Metall zu sehen. Das ist ein Indiz dafür, dass an dieser Stelle vor Kurzem noch etwas gehangen hat.«

»Kannst du dir vorstellen, was das gewesen sein könnte?«, fragte Fricke.

Der Kriminaltechniker zuckte nur mit den Achseln.

»Kennen wir schon die Todesursache?«, fragte Bartels. »Sven hat gesagt, dass die Tote wie ein Brathähnchen ausgesehen hat.«

Die anderen lachten.

Fricke schaute seine Mitarbeiter streng an. »Ich wüsste nicht, was es da zu lachen gibt. – Nein, Fred, bisher nicht. Dr. Steinhofer ist nicht gerade sehr kooperativ.«

»Was ist mit dem Amulett, das die Tote um den Hals getragen hat? Könnte es nicht zur Identifizierung der Toten beitragen?«, fragte Malin.

»Guter Einwand. Frank?« Fricke wandte sich an den Kriminaltechniker.

»Ist noch bei der Spurenauswertung. Ich kümmere mich gleich darum. Im Übrigen haben wir am Kellerfenster Spuren von Kleberesten gefunden. Sie scheinen jüngeren Datums zu sein. Vermutlich hat der Täter die Fenster abgeklebt, damit kein Licht nach draußen dringt. Die Partikel werden ebenfalls noch ausgewertet.«

»Gut. Sonst noch was?«

Andresen räusperte sich. »Eine Sache wäre da noch, Hans. Was ist mit der Team-Zusammenstellung? Ich hatte angenommen, dass Fred und ich …« Sven Andresen ließ den Rest des Satzes unausgesprochen.

»Zu gegebener Zeit lasse ich euch meine Entscheidung wissen. Bis dahin bleibt alles so wie besprochen.« Frickes Stimme duldete keinen Widerspruch.

Andresen fuhr sich mit der Hand über seinen roten Schnäuzer, dann nickte er.

Der köstliche Duft von Bratkartoffeln mit Rührei zog durch die Küche des Lotsenhauses. Erich Brodersen hatte sich eine Küchenschürze umgebunden und schwenkte die Eisenpfanne ein letztes Mal. Dann füllte er zwei Teller, legte jeweils eine dicke Scheibe Katenschinken dazu und schnitt noch ein paar Gewürzgurken auf. Die größere Portion stellte er vor seine Enkelin auf den Tisch. »So, mein Mädchen, lass es dir schmecken.«

Malin strahlte ihn an und begann, das Essen in sich hineinzuschlingen. »Himmlisch, Opa, du machst wirklich das beste Bauernfrühstück der Welt«, schwärmte sie, nachdem sie den letzten Bissen hinuntergeschluckt hatte.

»Hast du was von deiner Mutter gehört?«

Malin verdrehte die Augen. »Ich war letzten Sonntag zum Essen da.«

»Die gute Constanze. Traditionen müssen gepflegt werden, egal was kommt.«

Beide grinsten sich an.

Dann wurde Erich Brodersen ernst. »Dein Vater hat mich angerufen.«

Malins versteifte sich. »Opa, bitte, ich habe damit abgeschlossen, mach es mir bitte nicht noch schwerer.«

»Wie du meinst. Ich mache mir Sorgen, Malin. Du bist so blass und dünn geworden. Und du kapselst dich ab. Ist es wegen Ben?« Er legte seine Hand auf ihren Arm.

»Mir geht es gut. Es sind nur diese beiden Morde.« Sie schob ihren Teller beiseite und erzählte, was sich in den letzten Tagen ereignet hatte.

Erich Brodersen legte sein Besteck auf den Teller und wischte sorgfältig seinen Mund mit der Serviette ab. »Was ist aus deiner Spur zu dieser Krimiautorin geworden? Hat sich da etwas ergeben?«

»Du meinst abgesehen von der Übereinstimmung der Tatortkulisse? Ich habe eine Verbindung zwischen dem Opfer und Charlotte Leonberger gefunden. Woys Witwe hat mir bestätigt, dass ihr Mann Ende der Siebziger der Kinderarzt von Charlotte Leonberger gewesen ist.«

»Was sagt dein Chef dazu? Wie hieß er doch gleich, Hauptkommissar Fricke?«

»Nichts«, erwiderte Malin knapp.

Erich Brodersen fixierte seine Enkeltochter. »Du hast es ihm gar nicht gesagt.«

Malin nickte. »Und das werde ich auch nicht tun, bevor ich nicht noch mehr Beweise vorlegen kann. Die Verbindung ist noch ein wenig dürftig. Charlotte Leonberger ist in Hamburg aufgewachsen. Woy war zu der Zeit ein anerkannter Kinderarzt. Es könnte Zufall sein. Außerdem halten die mich im Präsidium sowieso schon für durchgeknallt.«

»Gibt es eine Verbindung zu dem zweiten Mord?«

»Du meinst davon abgesehen, dass wir es innerhalb von einer knappen Woche mit zwei bestialischen Morden zu tun haben, die nicht ins übliche Raster passen? Nein. Es gibt keine Verbindung, zumindest keine offensichtliche.« Nachdenklich biss Malin auf ihrer Unterlippe herum. »Warum fragst du?«

»Sag mal, Malin, hast du eigentlich alle Krimis von Charlotte Leonberger gelesen?«

Verwundert schüttelte Malin den Kopf. »Nein, nur zwei. Und die habe ich geschenkt bekommen. Sie haben mir nicht sonderlich gefallen. Zu trivial. Worauf willst du eigentlich hinaus?«

»Vielleicht ist es nur ein Zufall, aber im zweiten Band wird auch eine Tote in einer Fabrik gefunden.«

Malin erstarrte. »Was sagst du da? Oh mein Gott, dass wäre ja … Hast du das Buch?«

»Warte, ich hole es dir.« Erich Brodersen erhob sich und verließ die Küche, kam mit einem Taschenbuch in der Hand zurück und blätterte darin herum.

Unter der gebräunten Haut wurde er blass. Wortlos hielt er seiner Enkelin das Buch hin und deutete auf eine Stelle des Textes.

9

Es war ein scheußlicher Tag. Kalter Nieselregen tröpfelte schon seit Stunden aus den dicken Wolken, die schwer und bedrohlich am dunkelgrauen Himmel über der Stadt hingen.

Charlotte Leonberger stand in der fünfzehnten Etage eines modernen Gebäudekomplexes am Brooktorkai und schaute missmutig aus dem Fenster auf die Giebel der Speicherstadt. Ungeduldig trommelte sie mit den Fingerspitzen gegen die Scheibe, während die Regentropfen an der Außenseite unablässig in Rinnsalen hinunterliefen. Sie wartete bereits fünfzehn Minuten.

Sie entschied sich gerade zu gehen, als die Tür zum Büro schwungvoll aufgerissen wurde.

Simon Thompson, erfolgsverwöhnter Literaturagent und Miteigentümer der renommierten Medienagentur Thompson­ ­& Leith, betrat mit einem strahlenden Lächeln sein Büro. Er war ein großer Mann, Ende vierzig, mit dunklem, glänzendem Haar und dem Aussehen eines Filmstars. Unter einem dunkelblauen Nadelstreifenanzug trug er ein cremefarbenes Hemd mit passender Krawatte und die auf Hochglanz polierten Schuhe rundeten seine elegante Erscheinung perfekt ab.

»Meine liebe Charlotte, bitte entschuldige, dass du so lange warten musstest. Bitte nimm doch Platz.« Ganz Gentle­man, ging er auf einen Chromstuhl zu, um ihn ein wenig abzurücken, und setzte sich dann selbst auf einen schwarzen Lederdrehstuhl hinter seinem Schreibtisch.

»Deinen Charme kannst du woanders versprühen. Sag mir lieber, warum du mich so lange warten lässt.« Charlotte machte keinerlei Anstalten, sich zu setzen.

»Du wirst sehen, es hat sich gelohnt. Schau selbst.« Er reichte Charlotte eine Mappe.

»Was soll das? Warum musste ich extra aus Kiel herkommen?«, fragte sie mit säuerlicher Miene.

»Schau rein«, forderte er sie auf.

»Sag du es mir.«

»Okay, dann mache ich es kurz. Wir haben von den Amerikanern ein Angebot für die Filmrechte deiner Krimireihe bekommen. Ein fantastisches Angebot sogar.« Er machte eine bedeutungsvolle Pause. »Eine Million Dollar. Was sagst du dazu?«

»Nein«, antwortete Charlotte knapp.

»Wie, nein?«

»Ich möchte nicht, dass meine Bücher von den Amerikanern verfilmt werden.«

« Ich bin sicher, dass der Preis noch verhandelbar ist, wenn es das sein sollte, was dich stört.« Thompson streckte seine langen Beine aus und strich nervös über seine Krawatte.

»Simon, darum geht es nicht. Mir gefällt einfach diese ganze Kommerzkiste der Amis nicht. Die werden meine ganzen Geschichten verzerren. Wenn ich überhaupt irgend­welchen Verfilmungen meiner Bücher zustimme, dann will ich ein Mitspracherecht bei den Schauspielern und den Drehorten. Glaubst du vielleicht, dass die Amis hier in Deutschland drehen würden?«

»Tja, ich weiß nicht, aber Babelsberg ist im Kommen. Auch bei den Amerikanern. Einen Versuch wäre es wert. Solange du nicht auch noch das Drehbuch absegnen willst.«

Charlotte sah ihn eindringlich an.

»Du willst Mitspracherecht bei den Drehbüchern?«, fragte er ungläubig.

»Entweder so oder gar nicht. Sieh zu, Simon, du bist mein Agent. Jetzt kannst du endlich mal zeigen, wie gut du wirklich bist.« Charlotte griff nach ihrem Trenchcoat. Sie winkte dem verblüfften Literaturagenten noch einmal kurz zu und verließ dann zufrieden lächelnd das Büro.

Sollte er doch mal was tun für sein Geld. Filmrechte an die Amis, nicht schlecht, Charlotte, lobte sie sich im Stillen. Vor sich hin summend trat sie in den Empfangsbereich. Eingesunken auf einer riesigen Ledercouch saß eine kleine, rundliche Gestalt, die sich bei ihrem Anblick sofort erhob.

»Komm, Alma, wir haben etwas zu feiern. Wir gehen jetzt shoppen und kleiden uns von oben bis unten neu ein.« Übermütig umarmte Charlotte ihre Tante und drehte sich mit ihr im Kreis.

»Was ist denn mit dir los, Kindchen? Auf einmal so gute Laune?«

»Ach, Alma, es ist doch ein herrlicher Tag heute.« Charlotte lächelte sie liebevoll an.

»Na, ich weiß nicht«, antwortete Alma mit einem skeptischen Blick durchs Fenster.

Sie schlenderten den Neuen Wall entlang und sahen sich die aktuelle Winterkollektion in den Geschäften der internatio­nalen Designer an. Der Nieselregen war in einen kräftigen Schauer übergegangen, was Charlotte als Veranlassung sah, bei einem französischen Nobelausstatter einen pinkfarbenen Regenschirm für einen astronomisch hohen Preis zu erstehen. Die passende Handtasche für den Gegenwert eines ausländischen Kleinwagens kaufte sie gleich dazu.

Untergehakt, mit einem halben Dutzend Tüten bepackt, gingen sie vergnügt unter dem neuen Schirm Richtung Rathausmarkt. Bei den Alsterarkaden blieben sie kurz stehen, lauschten einem Geigenspieler und beobachteten die Schwäne. Dem Wetter zum Trotz suchten sich rund um das Areal des Rathauses eine Heerschar von Touristen, Geschäftsleuten und zahlreichen Einkaufswütigen, ebenfalls gut beschirmt, ihren Weg.

Charlotte und Alma überquerten den großen Platz und bewunderten die prächtige Fassade des Rathauses. Wie immer, wenn Charlotte vor dem Regierungsgebäude stand, wanderten ihre Gedanken zu ihrem Vater. Viktor Leonberger war Mitte der achtziger Jahre Senatsmitglied der Hamburger Landesregierung gewesen.

Charlotte schaute Alma an. Ihre Tante schien ebenfalls an ihren verstorbenen Bruder zu denken.

»Café Paris?«, fragte Charlotte aufmunternd, um keine Schwermut aufkommen zu lassen.

Alma sah sie mit ihren dunklen Knopfaugen traurig an. Dann überzog ein verschmitztes Lächeln das runzelige Gesicht. »Café Paris«, bestätigte sie.

Sie schlenderten zur Rathausstraße, und sobald sie das Café betraten, tauchten sie in eine Welt längst vergessener Zeiten. Die gekachelten Wände und Decken des 1882 gebauten Hauses waren ein Jugendstiltraum mit Ornamenten und Gemälden.

Charlotte und Alma steuerten einen der wenigen freien Tische an. Alma ließ sich erschöpft auf die dunkelgrüne Lederbank fallen, und griff nach der Karte. Obwohl es fast mittags war, bestellten beide das französische Frühstück. Charlotte organisierte sich eine Ausgabe der Hamburger Tageszeitung, die kostenlos zur Verfügung gestellt wurde, und blätterte rasch die Seiten durch. Währenddessen bewunderte Alma das bunte Seidentuch, dass Charlotte ihr spendiert hatte.

»Leg es um«, forderte Charlotte ihre Tante auf, nachdem sie die Zeitung beiseite gelegt hatte.

»Hier?«

»Wo denn sonst, wenn nicht hier? Kannst du nicht das Pariser Flair spüren, das uns hier umgibt?« Sie lächelte Alma aufmunternd zu.

Die legte das Seidentuch andächtig um ihren Hals. »Es ist wunderschön. Vielen Dank, Charlotte.«

Sie lächelten sich an.

Eine Kellnerin brachte das Frühstück und stellte die vielen Teller auf den kleinen Tisch. »Darf ich die mitnehmen?«, fragte sie höflich und wies dabei auf die Zeitung.

»Gerne«, erwiderte Charlotte und tunkte ein Croissant in ihren Kaffee.

»Moment, warten Sie!« Alma Leonberger langte nach der Zeitung und starrte auf einen Artikel. Die Kellnerin entfernte sich diskret. »Das ist Richard Woy!« Alma zeigte auf ein Foto.

»Das Opfer vom Torhausmord? Die Polizei scheint noch keine Erfolge erzielt zu haben, die Artikel werden immer spärlicher.« Charlotte fixierte die blasse Miene ihrer Tante und fragte dann überrascht: »Du kennst seinen Nachnamen? Alma, kennst du diesen Mann?« Sie legte das restliche Croissant zurück auf den Teller.

»Du kennst ihn auch. Das ist Dr. Richard Woy. Charlotte, er war dein Kinderarzt.«

Charlottes Puls beschleunigte sich. Die Anrufe, der nachgestellte Tatort und ihr Kinderarzt – das waren eindeutig zu viele Zufälle.

Die Tote vom Fabrikgelände war anhand des Zahnschemas als Viktoria Steiner identifiziert worden.

Von den Eltern der Toten hatten sie eine Liste mit Namen von Verwandten und Freunden ihrer Tochter erhalten. Es würde Tage dauern, alle zu überprüfen. Malin entfuhr ein Stöhnen.

»Fricke meint, wir sollen bei Elisabeth Völkers anfangen«, sagte Bartels. »Die beiden haben am Mordabend zusammen Geburtstag gefeiert.« Der Ermittler hatte tiefe Schatten unter den Augen und einen Dreitagebart am Kinn.

»Gut. Weiß man schon etwas von ihrem Mann?«

»Der ist vor acht Monaten ums Leben gekommen«, entgegnete Bartels. »Verkehrsunfall.«

»Furchtbar.« Malin hielt für einen Moment inne. »Sollten wir nicht noch mal in die Wohnung fahren?«

Bartels schüttelte den Kopf. »Da ist gerade die Spusi drin. Kannst du dich schon mal um die Adresse der Völkers kümmern? Ich muss noch mal kurz telefonieren.« Er griff nach dem Hörer.

Die Kontaktdaten von Elisabeth Völkers standen gleich auf der ersten Seite der Liste. Malin notierte sich die Anschrift und beobachtete, wie die Gesichtsfarbe ihres Kollegen von blass ins Rötliche wechselte. Seine Hand umkrampfte den Telefonhörer. Plötzlich legte er auf und blieb einige Sekunden regungslos sitzen.

»Fred, alles klar?«

»Malin, ich muss weg.«

»Und was wird dann aus der Völkers?«

»Frag Andresen, ob der Zeit hat. Ich muss los.« Er schnappte sich Jacke und Autoschlüssel.

»Aber Andresen ist doch für den Torhausmord eingeteilt!«, rief sie ihm hinterher. Doch Bartels war bereits verschwunden.

Und nun? Andresen kommt schon mal gar nicht in Frage, dachte Malin. Halbherzig wählte sie die Handynummer von Ole Tiedemann. Nach dem zweiten Klingeln legte Malin wieder auf. Anschließend wählte sie die Nummer von Elisabeth Völkers. Niemand nahm ab. Dann eben nicht, dachte sie und verließ den Raum.

Vor Frickes geschlossener Bürotür blieb sie einen Moment stehen. Sie hätte ihren Vorgesetzten schon längst darüber informieren müssen, dass auch der zweite Tatort Ähnlichkeiten mit einem Leonberger-Krimi aufwies. Doch würden die Übereinstimmungen ausreichen, um Fricke davon zu überzeugen, dass zwischen den beiden Morden ein Zusammenhang bestand?

Ihr nächtlicher Besuch bei ihm kam ihr in den Sinn. Damit war die Entscheidung gefallen.

Dieses Mal würde sie die Sache richtig angehen.

Zwanzig Minuten später betrat Malin den Altbau in der Mozartstraße. Die Haustür zu Viktoria Steiners Wohnung war nur angelehnt. Sie streifte sich Füßlinge und Handschuhe über.

Ein Mitarbeiter der Spurensicherung kam ihr im Flur entgegen und lächelte ihr unter der Kapuze seines Overalls freundlich zu. »Der Chef ist im Wohnzimmer.«

Dort standen Schranktüren offen, Sofakissen lagen auf dem Boden und Schubladen waren aufgerissen. Der Leiter der Spurensicherung hob gerade mit einer Pinzette etwas vom Boden auf. Er hielt es ins Licht und steckte es anschließend in eine durchsichtige Spurensicherungstüte. »Was willst du denn hier?«, fragte er mürrisch.

»Ich will mir ein persönliches Bild von der Toten machen. Hast du irgendein Problem damit?«

»Schon gut, man wird ja noch mal fragen dürfen.«

»Kannst du mir vielleicht schon irgendetwas sagen?«, fragte Malin eine Spur versöhnlicher.

Glaser legte die Pinzette beiseite. »Wir müssen die Spuren natürlich noch auswerten, aber ich glaube nicht, dass der Mörder sein Opfer hier in der Wohnung überwältigt hat. Es deutet nichts auf einen Kampf.«

»Ist es in Ordnung, wenn ich mich ein wenig umschaue?«

Der Kriminaltechniker hob die Augenbrauen und sie befürchtete schon eine seiner Ermahnungen, als sein zusammengekniffener Mund sich zu einem Grinsen verzog. »Ich hab gehört, du hast mit Andresen nicht gerade einen neuen Freund gefunden?«

Malin nickte überrascht.

»Gut. Wird Zeit, dass unserem aufgeblasenen Kollegen mal jemand die Stirn bietet.«

»Also, hab ich dein Okay?«

»Tu, was du nicht lassen kannst.«

Unverzüglich ging sie zum Bücherregal. Mit ihrer behandschuhten Hand fuhr sie langsam die Bücherreihen entlang.

Dort standen sie – alle vier Bände von Charlotte Leonberger. Sie zog einen aus dem Regal und schlug die erste Seite auf. Malin überlief ein eiskalter Schauer. Sie legte das Buch beiseite und nahm das nächste zur Hand. Mit zittrigen Händen schlug sie auch dort die erste Seite auf. Wieder.

Sie sah einen Band nach dem nächsten durch, dann benötigte sie einige Minuten, um die Entdeckung zu verdauen.

10

Das Institut für Rechtsmedizin befand sich in einem zweistöckigen Gebäude aus den Sechzigern am Rande des Universitätsklinikums Eppendorf.

Malin stellte den Mini auf dem gesonderten Parkplatz für Einsatzfahrzeuge ab und betrat mit gemischten Gefühlen die Empfangshalle. Es war ihre erste Obduktion.

Sie war erleichtert, als sie die vertraute Gestalt von Fricke­ entdeckte, der sich gerade mit einem kräftigen jungen Mann unterhielt. »Brodersen, das ist Mike Hansen. Er ist Sektions­gehilfe in diesem Schuppen. Stellen Sie sich gut mit ihm, er ist immer bestens informiert.«

Fricke klopfte Hansen kurz freundschaftlich auf die Schulter.

Hansen musterte sie kurz, dann erschien ein Lächeln auf seinem runden Gesicht. »Was für ein Glanz in unserem tris­ten Haus.« Seine himmelblauen Augen blickten sie ergeben an.

»Wunderbar, dann haben Sie sich ja bekannt gemacht«, stellte Fricke auffordernd fest.

Hansens Blick löste sich von Malin. »Folgen Sie mir. Dr. Steinhofer wartet auf Sie. Nicht dass sie nichts anderes zu tun hätte – wir haben letzte Nacht zwei Verkehrsunfälle reinbekommen. Tja, der Herbst hat begonnen.« Er strahlte Malin an.

Im Untergeschoss, wo sich der Autopsietrakt befand, legten sie Schutzkleidung an und folgten dem Sektionsgehilfen in den Obduktionssaal. Ein schwerer, süßlicher Geruch drang ihnen mit einem Hauch von Desinfektionsmittel gepaart entgegen. Grelles Neonlicht strahlte von der Decke auf mehrere Obduktionstische aus rostfreiem Edelstahl.

Dr. Steinhofer war in einen grünen Sezierkittel gekleidet und sprach in ein Diktiergerät. Fricke räusperte sich. Die Rechtsmedizinerin gab Hansen ein Zeichen und der Sektions­gehilfe schlug das Laken zurück, das die Leiche verhüllte. Umgehend rebellierte Malins Magen.

»Ihre Erste?« Dr. Steinhofers Frage klang wie eine Feststellung und war frei von jeglichem Mitgefühl.

Malin nickte und zwang sich zu lächeln.

»Ich möchte, dass Sie sich das ansehen.« Dr. Steinhofer wies auf verschiedene Körperstellen der Toten. »Das sind Brandblasen in verschiedenen Stadien. Sie müssen sich das so vorstellen: Erst rötet sich die oberste Hautschicht, anschließend entstehen Blasen, die mit Wundflüssigkeit gefüllt sind. Irgendwann platzen sie auf und die sogenannte Lederhaut wird sichtbar. Wird diese dann weiterhin einer Strahlung ausgesetzt, platzt die Unterhaut und es kommt zu diesen fleischigen Wunden. Zeitgleich wird dem Körper Flüssigkeit entzogen. Er trocknet langsam aus, ja er verdurstet regelrecht.«

»Also war das die Todesursache?« Fricke beugte sich über den Obduktionstisch und begutachtete die Wunden.

»Nicht direkt. Der Tod trat durch einen sogenannten hyper­thermischen Schock ein. Die Folge der Austrocknung.«

Fricke trat vom Obduktionstisch zurück. »Hat sie während der Folterung noch gelebt?«

»Leider ja. Man kann nur hoffen, dass sie schnell die Bewusstlosigkeit erreicht hat.«

Malin schloss die Augen und kämpfte mit einer weiteren Welle der Übelkeit.

Fricke brach das Schweigen. »Wie lange hat es gedauert, bis der Tod eingetreten ist?«

»Lange. Unter Berücksichtigung aller Faktoren würde ich sagen, mindestens zehn bis zwölf Stunden.«

»Und wie hat sie sich diese Brandverletzungen zugezogen? Ich meine, die Leiche sieht ja nun nicht gerade aus, als hätte sie im Ofen gelegen.«

»Leider kann ich in diesem Punkt nur Vermutungen anstellen. Die Haut weist unterschiedliche Verbrennungsgrade auf. Ich würde auf Strahlung tippen.«

»Es waren Sonnenstrahlgeräte, solche, wie sie in den Sonnen­studios benutzt werden«, platzte es aus Malin heraus.

»Brodersen, der Mörder hat doch keine Sonnenbank in die Fabrik geschafft und sie dann darin gebraten«, erwiderte Fricke schmunzelnd.

»Lassen Sie Frau Brodersen ausreden«, mischte sich Dr. Steinhofer ein und nickte Malin aufmunternd zu.

»Natürlich hat der Mörder keine komplette Sonnenbank in die Fabrik geschafft. Die Geräte gibt es auch in kleinen Formaten, sozusagen für den Hausgebrauch. Meistens werden sie fürs Gesicht und den Oberkörper genutzt. Der Mörder hat die Strahler mit Stahlseilen an den Haken der Decke befestigt. Deshalb auch die Farbabplatzungen. Dann hat er sie immer weiter von der Decke abgesenkt, bis sie irgendwann nur noch wenige Zentimeter vom Körper entfernt waren. Er hat sich Zeit gelassen, um sein Opfer möglichst lange am Leben zu erhalten. Und um es länger zu quälen.« Malins Stimme war nur noch ein Flüstern.

»Brodersen, was in Teufels Namen hat Sie zu dieser verrückten Theorie veranlasst?«

Malin sagte es ihm.

11

Das Ermittlungsteam hatte sich diesmal im Konferenzraum versammelt. Wie im gesamten Polizeipräsidium herrschte auch hier eine nüchterne und kühle Arbeitsatmosphäre. Ein Konferenztisch aus hellem Holz dominierte umsäumt von Metallschwingern mit grünen Sitzflächen den Raum. Jemand hatte die Whiteboards mit den Tatortfotos zu beiden Seiten eines Fernsehbildschirmes aufgestellt.

Davor stand ein ernst blickender Fricke. »Bisher wurden beide Fälle von uns separat bearbeitet, doch jetzt haben sich die Dinge geändert. Wie es aussieht, gibt es eine Verbindung zwischen den Morden. Brodersen, Sie sind dran.«

Malin hielt vier Taschenbücher in die Höhe – Bände von Charlotte Leonberger. Vereinzeltes Lachen war zu hören.

»Das gibt’s doch nicht, jetzt kommt die wieder mit ihrer Krimitheorie«, kam es von Andresen. »Brodersen, wir befinden uns hier in Hamburg. Wir haben vielleicht ein Drogen­problem, aber doch keinen verrückten Serienmörder aus einem deiner Psychothriller.« Er schlug sich auf die Schenkel.

»Lass sie doch erst einmal anfangen«, mischte Bartels sich ein.

»Von mir aus, ich bin es ja schließlich nicht, der sich blamiert«, erwiderte Andresen achselzuckend.

»Fangen Sie an, Brodersen«, forderte Fricke sein jüngstes Teammitglied auf.

»Also gut. Es gibt verschiedene Verbindungen, die uns immer wieder zu einer Person führen. Charlotte Leonberger.« Malin machte eine kurze Pause und sammelte sich, bevor sie mit fester Stimme fortfuhr. »Der Mörder hat, sowohl beim Torhausmord als auch beim Fabrikmord, die Tatorte aus den Krimis von Charlotte Leonberger detailgetreu nachgestellt. Er benutzt sozusagen ihre Bücher als Anleitung für seine Morde.« Sie zog aus ihrer Tasche einen Stapel Papiere und verteilte sie an ihre Kollegen. Das letzte Exemplar drückte sie ihrem Vorgesetzten in die Hand. »Ich habe euch die entsprechenden Stellen markiert. Bevor ihr irgendetwas sagt, lest es.«

Die Teammitglieder folgten der Aufforderung. Nur von Sven Andresen war verhaltenes Lachen zu hören, während er die Seiten durchblätterte und schließlich beiseitelegte. »Das ist doch ein Witz, oder? Müssen wir uns von dieser Miss Marple wirklich einen solchen Bockmist erzählen lassen?«

»Sven, halt den Mund. Brodersen, fahren Sie fort«, wies Fricke Malin an.

Andresens Gesicht färbte sich feuerrot.

»Es gibt noch weitere Hinweise, die uns zu Charlotte Leon­berger führen. Ich hatte gestern ein interessantes Telefonat mit Henriette Woy, der Witwe unseres ersten Opfers. Sie hat bestätigt, dass ihr Mann die Krimiautorin kannte. In den Siebzigern war er ihr Kinderarzt. Auch zwischen Viktoria Steiner und Charlotte Leonberger gibt es eine Verbindung. Ich habe in der Wohnung der Toten alle vier Krimibände gefunden, alle mit persönlicher Widmung. Charlotte Leonberger …« Sie legte die signierten Bände vor sich auf den Tisch und ließ dann die Bombe platzen. »Charlotte Leonberger war die beste Schulfreundin von Viktoria Steiner. Falls jemand an der Richtigkeit meiner Aussage zweifeln sollte: Ihr findet im Anhang eine Klassenliste aus dem Jahr 1977«, beendete Malin ihren Bericht. Ihr Herz pochte und ihre Hände zitterten.

Es blieb still. Alle anwesenden Augenpaare sahen erst zu Malin und dann zu Fricke.

Fricke räusperte sich. »Sie haben mich überzeugt, Brodersen, wir werden der Sache nachgehen.«

»Aber das ist doch total irre, was für ein Verrückter kommt auf so eine Idee?«, fragte Ole Tiedemann. Sein ohnehin blasses Gesicht wirkte jetzt kreidebleich.

»Es ist unsere Aufgabe, das rauszufinden, Ole. Ich befürchte nur, wir werden uns fachliche Unterstützung holen müssen.« Fricke wendete sich wieder Malin zu. »Mal abgesehen von Ihren Privatermittlungen, was hat die Befragung von Eliza­beth Völkers ergeben?«

Malin wechselte einen kurzen Blick mit dem übernächtigt aussehenden Bartels. »Ich habe sie gestern noch aufgesucht. Sie hat den Montagabend mit Viktoria Steiner in einer Weinstube am Großneumarkt verbracht. Gegen elf sind beide aufgebrochen. Getrennt. Viktoria Steiner war mit dem Wagen da, Völkers hat ein Taxi genommen«, berichtete Malin.

»Wurde das überprüft?«

»Das Taxiunternehmen hat die Angaben bestätigt.«

»Der Mörder könnte sie auf dem Weg zum Auto abgepasst haben.«

»Wurde denn das Auto schon gefunden?«, ertönte eine dunkle Stimme. »Vielleicht hat der Mörder sein Opfer auch vor der Tür abgepasst.« Malin sah neugierig zu der brünetten Frau, die zwischen den anderen Ermittlern saß. Die Beamtin war von kräftiger Statur und trug ihr Haar zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden. Dass auffälligste Merkmal waren ihre zahlreichen Sommersprossen und das tiefe Timbre ihrer Stimme.

»Nele Richter vom KDD«, erklärte Fricke, »war eine der ersten Kollegen vor Ort beim Torhausmord. Sie wurde uns vorübergehend zur Unterstützung zugeteilt. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind. Und ein guter Einwand, den Sie vorgebracht haben. Das können Sie dann auch gleich überprüfen. Fred, du befragst die Leute in der Weinstube. Sven und Ole, ihr knöpft euch die Familie und Nachbarn vor. Sie, Brodersen, kümmern sich um die Adresse von dieser Krimiautorin.«

»Habe ich bereits.«

»Gut. Dann werden wir beide der Dame einen Besuch abstatten.« Er klatschte in die Hände. »So, Leute. An die Arbeit. Fred, Sven und Brodersen, hierbleiben.«

Fricke wartete, bis der Rest der Ermittlungsgruppe den Raum verlassen hatte, dann schaute er von Malin zu Bartels. »So, ihr beiden, und jetzt erklärt mir mal, warum Brodersen alleine eine wichtige Zeugin befragt. Woher wollt ihr wissen, dass sie nichts mit dem Mord an Viktoria Stein zu tun hat?«

»Tja, Hans, also das war so …«, begann Bartels.

»Es war meine Schuld, Chef.« Betreten sah Malin zu Boden. »Frederick hat gesagt, ich soll Andresen mitnehmen, aber irgendwie bin ich dann alleine los. Es tut mir leid.«

»Verdammt, Brodersen, ich habe Ihnen doch neulich schon gesagt – keine Alleingänge. Schreiben Sie sich das gefälligst hinter die Ohren. Sie sind noch viel zu unerfahren. Und was Ihre ständigen Kabbeleien mit dem Kollegen Andresen angeht, klärt das, wir haben für solchen Kinderkram keine Zeit.« Er warf Andresen, der noch immer auf seinem Platz saß und Kaugummi kaute, einen finsteren Blick zu. Dann schaute er auf seine Uhr. »Ich muss noch einige Telefonate führen. Brodersen, wir treffen uns in zwei Stunden. Sie können jetzt gehen.«

Das ließ sich Malin nicht zweimal sagen. Schnell folgte sie Bartels aus dem Raum.

Sie hatten gerade beschlossen, eine Kleinigkeit essen zu gehen, als Fricke nochmals seinen Kopf aus der Tür streckte. »Fred, eins noch: Sorg bitte dafür, dass die Völkers noch mal zur Aussage aufs Präsidium kommt. Und, Brodersen?«

»Ja, Chef?«

»Mal abgesehen von der Sache mit dem Verhör – gute Arbeit, Mädchen. Sie sind hartnäckig, das gefällt mir.« Sein Kopf verschwand wieder im Inneren des Raumes.

Unmittelbar darauf drang lautes Gebrüll durch die geschlossene Tür, teils von Hauptkommissar Fricke, teils von Kriminaloberkommissar Sven Andresen.

Zwanzig Minuten später bog Malin in die Gertigstraße ein. Glücklicherweise fanden sie auf Anhieb einen Parkplatz.

Bartels beförderte seine langen Beine umständlich aus dem Mini. »Ich finde es ja nett von dir, dass du mich zum Essen einlädst, aber nächstes Mal fahre ich. Dein Auto ist ja nur was für Zwerge.«

»Danke. Schau, da ist es.« Malin wies auf einen unscheinbaren Laden mit großer Fensterfront. Durch die Scheibe konnte man die schlichte Einrichtung erkennen: Stehtische mit rot-weiß karierten Lackdecken und eine Ladentheke mit italienischen Spezialitäten. Auf einer Tafel waren in kritzeliger Schrift die Tagesgerichte notiert.

»Du lädst mich in einen Stehimbiss ein?«, fragte Bartels irritiert.

»Das ist kein Stehimbiss. Das ist der beste Italiener der Stadt, du wirst schon sehen.«

»Bester Italiener? Deswegen ist wohl auch erst ein Tisch belegt?«

»Fred, jetzt maul nicht rum, es ist noch nicht mal zwölf. Warte mal ab, was hier in einer Stunde los ist.«

Die Türglocke kündigte ihr Eintreffen an. Eine rundliche Italienerin mittleren Alters trat durch einen Kettenvorhang. Als sie Malin erkannte, erhellte sich ihr Gesicht und sie breitete die Arme aus.

»Commissaria, wie schön, Sie mal wieder zu sehen. Kommen Sie, lassen Sie sich drücken.« Sie umarmte Malin herzlich und musterte sie dann eingehend. »Aber Commissaria, Sie sind ja ganz dünn geworden. Dagegen müssen wir etwas tun. Lassen Sie mich nur machen. Ich habe gerade eine vorzügliche Pasta fertig.« Sie tätschelte Malin die Wange.

Bartels starrte seine Kollegin ungläubig an, seine unausgesprochene Frage schien ihm regelrecht auf die Stirn geschrieben.

»Gut, dann nehmen wir zweimal von der Pasta«, beschloss Malin.

»Commissaria, wer ist denn Ihr hübscher junger Freund?«

Malin stellte sie einander vor. Emilia zwinkerte Bartels zu und verschwand dann in Richtung Küche.

»Commissaria …?«, fragte Bartels.

»Warum nicht? Hört sich doch gut an, außerdem sind wir schon alte Freunde, Emilia und ich.« Malin zuckte die Achseln.

»Warum hast du eigentlich nicht mit mir geredet, Malin?«

»Worüber?«

»Tu nicht so, das weiß du doch genau.«

»Gegenfrage: Hättest du mir denn geglaubt?«

»Eins zu null für dich. Aber sag mal, wann hast du das alles überhaupt rausgefunden?«

»Du meinst den Zusammenhang mit den Büchern?«

Bartels nickte. Malin erzählte ihm von ihrem Déjà-vu beim Anblick der Torhausleiche, dem tagelangen Durchforsten der Bücher und dem letztendlich entscheidenden Hinweis, der die beiden Morde miteinander verknüpfte.

»Ganz schön abenteuerlich.«

Malin runzelte die Stirn. »Weißt du, was mir wirklich Kopfschmerzen bereitet? Die Tote hatte doch diese Münze um den Hals hängen. Davon stand nichts in dem Buch.«

»Es könnte auch einfach nur eine Kette gewesen sein. Frauen tragen so etwas. Malin, du solltest dich wirklich nicht zu sehr auf die Sache einschießen, vielleicht erweist sich das alles doch noch als Sackgasse.«

Malin schüttelte den Kopf. »Das wird es nicht. Ah, da kommt das Essen.«

Emilia hatte sich eine Schürze um die Hüften gebunden, was sie noch dicker erscheinen ließ, und trug ein großes Tablett vor sich her. Sie stellte zwei Teller mit dampfender Pasta und einen Brotkorb auf den Tisch. Dann stellte sie noch unaufgefordert eine Karaffe mit Wein dazu. Bartels hob sofort abwehrend die Hände.

»Ein kleines Schlückchen wird auch Ihnen gut tun, Commissario. In Italia trinkt jeder mittags Wein. Egal, ob Straßenfeger oder Polizist. Salute«, entgegnete Emilia resolut und verschwand wieder hinter ihrem Tresen.

Mit kauenden Backen grinste Bartels Malin an.

»Mmh, lecker«, sagte er, nachdem er seinen letzten Bissen mit einem Schluck Wein hinuntergespült hatte. Sein Teller war blitzblank. »Malin, ich muss sagen, du hattest recht. Das Essen ist geradezu fantastisch.« Alle Tische in dem kleinen Lokal waren mittlerweile belegt und um sie herum herrschte lautes Stimmengewirr.

Malin schob ihren Teller beiseite. »Was war eigentlich gestern Nachmittag los? Warum konntest du nicht mit zur Völkers kommen?«

Ein Schatten flog über Bartels’ Gesicht. »Meine Frau hat mich nach Hause zitiert, um mir ein Ultimatum zu stellen. Ich soll bis Ende der Woche ausziehen, sonst tauscht sie die Schlösser aus und meine Sachen landen auf dem Sperrmüll.«

»Das kann sie doch nicht machen«, entgegnete Malin erbost. »Wer von euch beiden ist schließlich fremdgegangen? Ja wohl nicht du. Lass dir das bloß nicht gefallen.«

»Und du? Wir sprechen immer nur von mir. Bist du mit jemandem zusammen?«

Malin starrte auf ihr Wasserglas. »Zur Zeit nicht.« Diese Gesprächswendung behagte ihr nicht.

»Aber es gab jemanden?«, hakte Bartels nach.

»Natürlich, ich bin schließlich keine Nonne.«

»Das wäre auch zu schade.« Seine dunklen Augen musterten sie eingehend.

»Wir sollten jetzt lieber gehen«, entgegnete Malin spröde. »Ich möchte nicht riskieren, dass Fricke ohne mich zu Charlotte Leonberger fährt.«

Die Fahrt nach Strande dauerte fast anderthalb Stunden.

Fricke wirkte angespannt. Schweigsam saß er am Steuer seines Dienstwagens und lauschte seiner ABBA-CD. Malin nutzte die Zeit, um einige Telefonnotizen durchzugehen, die ihr Tiedemann noch kurz vor der Abfahrt in die Hand gedrückt hatte.

Zwei waren von ihrer Mutter. Die konnten warten. Eine weitere Nachricht war von Ingrid Larsen. Malin runzelte die Stirn. Was konnte die wollen? Sie griff nach ihrem Handy und wählte die angegebene Nummer. Niemand hob ab.

»Haben Sie unseren Besuch angekündigt?«, fragte Fricke. Sie hatten mittlerweile die A7 verlassen und fuhren die B503 Richtung Eckernförde.

»Sie meinen bei der Leonberger? Ja, das habe ich schon vom Präsidium aus gemacht.«

»Was haben Sie ihr gesagt? Warum wir kommen, meine ich.«

»Gar nichts. Interessanterweise schien sie nicht im mindesten überrascht über meinen Anruf«, entgegnete Malin und genoss für einen Moment die Aussicht auf den Nordostseekanal.

Fünfzehn Minuten später parkte Fricke den Dienstwagen vor einem reetgedeckten Haus. Solange ihr Vorgesetzter noch mit seinen Unterlagen kämpfte, schaute sich Malin draußen ein wenig um.

Das Haus von Charlotte Leonberger stand auf einer kleinen Anhöhe direkt an der Uferpromenade nur wenige Meter vom Strand entfernt. Eine Handvoll Bäume und eine zwei Meter hohe Hecke schützten die Bewohner vor neugierigen Blicken. Die Fassade war rot geklinkert und die vielen Sprossenfenster waren weiß lackiert. Kleine halbrunde Fenster lugten aus dem Reetdach hervor. Die Vorderfront des Gebäudes war von oben bis unten verglast und bildete einen reizvollen Kontrast zum Rest des Hauses.

Endlich schien Fricke alle nötigen Dinge in seiner abgewetzten Ledertasche verstaut zu haben. Er ging an Malin vorbei und trat mit energischen Schritten durch die Holzpforte. »Jetzt kommen Sie schon, Brodersen. Sie werden heute die Befragung durchführen.«

Malin zögerte. Und was, wenn sie doch falsch lag? Sie schüttelte den Gedanken ab, trat entschlossen neben Fricke und betätigte die Klingel.

Die Tür wurde geöffnet und eine ältere Frau mit dunklen Knopfaugen stand vor ihnen. Malin stellte sich und ihren Chef vor.

Die Frau reichte ihnen die Hand. »Ich bin Alma Leonberger. Charlottes Tante. Sie hat mir schon gesagt, dass Sie kommen. Leider wird sie erst in ein paar Minuten zurück sein. Kommen Sie doch bitte herein.« Sie trat ein Stück beiseite und ließ sie eintreten. »Hier entlang.« Sie wies zum Wohnzimmer.

Der Raum war komplett in hellen Tönen eingerichtet. Die Farbpalette reichte von weiß über creme bis zu einem Dunkelbeige. Das Eichenparkett war weiß lasiert. Malins Blick flog automatisch zu der verglasten Fensterfront, die eine atemberaubende Aussicht auf die wogende Ostsee bot.

Alma Leonberger war neben sie getreten. »Am schönsten ist es während der Kieler Woche. Sie können die Windjammerparade direkt hier vom Fenster aus sehen. – Käffchen?«

Malin und Fricke nickten beinahe gleichzeitig.

»Die scheint ja auch nicht im mindesten überrascht zu sein, uns hier zu sehen, Brodersen«, flüsterte Fricke seiner Mitarbeiterin zu, nachdem Alma Leonberger aus dem Raum geeilt war. »Sieht aus, als hätten Sie den richtigen Riecher gehabt. Wo bleibt denn nun diese Autorin?«

Malin zuckte die Achseln und schaute sich um. Im Wohnzimmer gab es nicht ein einziges Bücherregal. Ungewöhnlich für eine Schriftstellerin, dachte sie und beschloss nachzusehen, wo Alma Leonberger geblieben war. Sie wandte sich zur Tür und blieb abrupt stehen.

Eine Frau in Jeans und heller Seidenbluse lehnte im Türrahmen und beobachtete die beiden Kriminalbeamten. Sie war groß und schlank und hatte langes feuerrotes Haar. Ihre tiefgrünen Augen sahen Malin unverwandt an. Dann glitt ihr Blick weiter zu Fricke, der ihr den Rücken zuwandte und die Bilder auf dem Kaminsims betrachtete. Malin erkannte die Frau mit dem eindrucksvollen Gesicht sofort. Vor ihnen stand Charlotte Leonberger.

»Schauen Sie mal, Brodersen, dass muss sie sein. Sieht gar nicht aus wie eine Krimiautorin.« Fricke drehte sich zu Malin um und hielt ihr einen silbernen Rahmen hin.

»Wie muss denn eine Krimiautorin Ihrer Meinung nach aussehen?« Charlotte Leonberger trat auf ihn zu und nahm ihm das Bild aus der Hand.

Amüsiert bemerkte Malin die leichte Röte, die jetzt das Gesicht ihres Vorgesetzten überzog. Umgehend straffte sich seine ganze Statur, und er strahlte Autorität und Selbstsicherheit aus. »Fricke, Kriminalpolizei Hamburg. Meine Kollegin Brodersen. Ich nehme an, Sie sind die Autorin von diesen abstrusen Krimis.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung.

Charlotte Leonberger zog ihre linke Augenbraue hoch. Ihr geringschätziger Blick wanderte über Frickes Kleidung. Er trug eine seiner ausgeleierten Cordhosen und eine abgewetzte Wachsjacke. Sein kariertes Hemd hatte sich mal wieder verselbständigt und hing mit einem Zipfel aus der Hose. Sein Haar war vom Küstenwind zerzaust und stand wild vom Kopf ab. Er bemerkte die Musterung und strich sich unwillkürlich über die Haare. Wieder stieg eine leichte Röte in sein Gesicht. Malin musste sich ein Lachen verkneifen. Schöne Frauen brachten ihren Chef leicht aus der Fassung.

»Ich habe Ihre Bücher gelesen«, entfuhr es Malin.

Charlotte Leonberger lächelte sie kurz an und wies dann auf die weißen Ledersofas. »Setzen wir uns.«

»So, da bin ich wieder.« Alma Leonberger kam mit einem großen Tablett herein. »Bitte, greifen Sie zu.« Sie wies auf die Kaffeetassen und eine Schale mit Gebäck.

Fricke ließ sich nicht zweimal bitten und griff nach den Keksen. »Selbstgebacken? Die sind gut.« Genüsslich kauend lehnte er sich ins Sofa zurück. Alma Leonbergers runzeliges Gesicht strahlte ihn kurz an, bevor sie wieder den Raum verließ.

»Warum kommen Sie erst jetzt?«, fragte die Krimiautorin an Malin gewandt.

Die Frage brachte Malin aus dem Konzept. »Sie wissen von den beiden Morden? Warum haben Sie sich dann nicht bei uns gemeldet?«, fragte sie irritiert, während Fricke unbeeindruckt zum zweiten Mal in die Gebäckschale griff.

»Aber das habe ich doch. Allerdings hat mich Ihr Kieler Kollege nicht gerade besonders ernst genommen. Aber Moment mal, Sie sagten da gerade etwas von zwei Morden? Habe ich das richtig verstanden?«

»Ja, wir ermitteln in Hamburg zur Zeit in zwei Mordfällen. Wir haben Grund zu der Annahme, dass Sie mit beiden Opfern bekannt waren.«

»Dann kommen Sie gar nicht wegen der Anrufe?«, fragte Charlotte Leonberger überrascht.

»Von welchen Anrufen reden Sie da?«, mischte sich Fricke ein.

»Ich habe zwei anonyme Anrufe erhalten. Beide Male wurden Textstellen aus meinen Krimis zitiert. Beim ersten dachte ich noch an einen Scherz, beim zweiten habe ich die Polizei alarmiert.«

»Was für Textstellen?«, fragte Malin.

»Aus meinen ersten beiden Bänden. Frühjahrssterben und Blutiger Sommer. Soll ich Ihnen die Bücher holen?«

»Nicht nötig, ich habe sie dabei.« Malin zog die Bücher aus der Tasche und reichte sie der Autorin.

Die hob ungläubig die Augenbrauen. »Na, Sie scheinen wirklich ein Fan zu sein.« Sie blätterte die Seiten des ersten Bandes durch, schlug eine Seite auf und reichte das Buch an Malin zurück.

Stirnrunzelnd las Malin die bekannten Zeilen und reichte den Band an Fricke weiter. »Wann haben Sie die anonymen Anrufe bekommen?«

»Der erste kam übers Handy. Da war ich auf Autorenlesung. Ich glaube, es war vorletzte Woche, Donnerstag. Wie gesagt, da bin ich noch von einem Scherz ausgegangen.«

»Und der zweite?«

»Das weiß ich noch genau, weil ich an dem Tag von meiner Reise zurückgekommen bin. Das war am letzten Donnerstag.«

Malin und Fricke wechselten einen bedeutsamen Blick, der auch der Krimiautorin nicht verborgen blieb.

»Könnten Sie mich jetzt bitte darüber aufklären, was hier überhaupt los ist?«, bat Charlotte Leonberger. »Hat es etwas mit dem Tod von Dr. Woy zu tun?«

Malin nickte. »Wenn Ihnen die Medienberichte bekannt sind, dürften Ihnen die Gemeinsamkeiten mit einem Ihrer Bücher nicht entgangen sein. Sie kannten Dr. Woy?«

»Ja, ich kannte ihn. Allerdings habe ich ihn seit fast dreißig Jahren nicht mehr gesehen. Erst meine Tante hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass der Tote vom Torhaus mein Kinder­arzt war. Und natürlich habe ich auch die Ähnlichkeiten zu meinem ersten Krimi bemerkt. Leider hat mich bei der Polizei ja niemand wirklich ernst genommen – bis jetzt. Aber was meinen Sie eigentlich damit, ich wäre mit beiden Opfern bekannt?«, fragte sie hörbar verunsichert.

Malin zog ein Foto von Viktoria Steiner aus der Tasche und hielt es ihr hin. »Kennen Sie diese Frau?«

»Oh Gott, das ist Vicki. Was ist mir ihr?«

»Frau Steiner wurde vor zwei Tagen ermordet aufgefunden.«

Die Krimiautorin schlug für einen Moment die Hände vors Gesicht. Als sie wieder aufblickte, schimmerten ihre Augen feucht. »Wie ist sie gestorben?«, fragte sie mit belegter Stimme. »Sie brauchen mich nicht zu schonen. Ich habe selbst über jede Menge solcher Dinge geschrieben.«

Malin schob ihr den zweiten Band der Krimireihe zu. Blutiger Sommer. Sie wies auf die Textstelle der aufgeschlagenen Seite. Charlotte Leonberger sah irritiert auf das vor ihr liegende Buch. Dann wurde sie bleich.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
26 mayıs 2021
Hacim:
392 s. 5 illüstrasyon
ISBN:
9783839264140
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