Kitabı oku: «Business Hero»

Yazı tipi:

Dieses Buch hat kein anderes Ziel, als denen, die ich liebe, Mut zu machen, ihre Grenzen zu überschreiten, und zwar nicht mehr auf der Erde, im Wasser und in der Luft, sondern in ihrem eigenen Inneren, um dort den Mittelpunkt des Kreises ihrer eigenen Existenz zu finden. Wenn ich dieses Ziel tatsächlich erreiche, werde ich mich auf meiner Suche weniger alleine fühlen …

BERTRAND PICCARD

Angelika Höcker

Business Hero

Eine Heldenreise in 7 Etappen


Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in

der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Informationen sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Umschlaggestaltung: Martin Zech Design, Bremen | www.martinzech.de Umschlagillustration: A-Digit/iStockphoto

©2014 GABAL Verlag GmbH, Offenbach

Das E-Book basiert auf dem 2010 erschienenen Buchtitel „Business Hero“ von Angelika Höcker, ©2010 GABAL Verlag GmbH, Offenbach.

Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung, auch auszugsweise,

nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.

ISBN Buchausgabe: 978-3-86936-112-3

ISBN epub: 978-3-86200-959-6

www.gabal-verlag.de

Inhalt

Vorwort

1. Reisevorbereitungen

Die Helden unserer Kindheit

Wir brauchen neue Helden

Die innere Reise zur Kreativität

Achtsamkeit

Erzählen können

Die eigene Erfolgsstory schreiben

Für wen kommt die Heldenreise infrage?

Erste Reflexion: Die Spur der inneren Stimme aufnehmen

Die sieben Etappen der Heldenreise

2. Im Alltäglichen – zum Außergewöhnlichen

Es war einmal ein Elefant …

Mein Aufbruch zu mir selbst

Reiseunternehmen

Die Reise beginnt im Alltag

Zweite Reflexion: Wie sieht es im Moment in Ihrem Leben aus?

»Schöner Scheitern«

Veränderungsimpulse

3. Das Abenteuer lockt – können Sie den Ruf hören?

Ein Wispern, ein Flüstern – ein Ruf, ein Schrei

Verpasstes Leben

Dritte Reflexion: Lernen, den Ruf zu hören

Alles Zufall? Alles Zufall!

Körperliche Zweifel

Unverstandene Impulse

Das Leben ruft

Nur Mut! Nur Angst!

Noch einmal: Was ist ein Ruf?

4. »Das geht doch auf gar keinen Fall …« – die Verweigerung

Erster Gegenwind

Der innere Kritiker

Nur Fliegen ist schöner

Und Sie?

Veränderung und Akzeptanz

Vierte Reflexion: Akzeptanz lernen

5. Ja zum Leben, ja zu mir – die Entscheidung

Fünfte Reflexion: Entscheidungen vergegenwärtigen

Das Leben – ein fortwährender Marshmallow-Test

Wille ist nicht gleich Wille

Muskeltraining für den Willen

Sechste Reflexion: Lernen, bewusst zu entscheiden

Nach der Geschichte: das Prinzip Menschlichkeit

6. Exkurs – Mentoren und innere Kinder

Entscheidungen setzen Energien frei

Siebte Reflexion: Wer sind Ihre Mentoren?

Mentor jr. – das »innere Kind«

Achte Reflexion: Den Kontakt zu Ihrem »inneren Kind« vertiefen

Zwölf Mentoren und ein Kind

7. Kampf an der Schwelle

Das große Hindernis

Über die Schwelle

Daimon und Dämon

Den Dämon füttern

Die Nachtmeerfahrt

Ins Labyrinth finden

Neunte Reflexion: Über die Schwelle gehen – Widerstände überwinden

8. Neuland – das neue Land

Change – das essenzielle Geschenk

Neuland

Zehnte Reflexion: Mutig das neue Land erobern

Neues sein, neues Sein

Ein dramatisches Ritual

9. Die Belohnung

Die Schatzinsel

Geschenke auspacken

Jenseits des Lavafelds

Geschenke zum Weiterschenken

Potlatch

Das Geschenk ist eine Antwort

Elfte Reflexion: Das Geschenk erkennen, die Belohnung annehmen

10. Die Rückkehr

Neustart

Der Wiedereintritt in die Alltagsatmosphäre

Der Weg aus dem Labyrinth

Die Rückkehr ist eine Zwischenstation

Zwölfte Reflexion: Ein Fazit ziehen – die Heldenreise im Rückspiegel

Pleite ist nicht gleich Pleite

Epilog

Danksagung

Literaturverzeichnis

Über die Autorin

Vorwort

Das chinesische Zeichen für Krise Wei-Ji bedeutet zugleich Chance – was sich in dem oft zitierten Satz niedergeschlagen hat: Krisen sind Chancen. In der Tat birgt jede Krise die Chance auf Veränderung und einen Neuanfang.

Allerdings sind diese Prozesse bei uns Menschen oft mit tief greifenden Ängsten und Selbstüberwindung verbunden. »Vor jeden Neubeginn stellen die Götter die Wächter der Angst«, heißt eine berühmte Figurengruppe der Künstlerin Karen Müller. Es geht darum, loszulassen und Abschied zu nehmen, Neuland zu betreten, sich Unbekanntem und vor allem den inneren Schattenseiten zu stellen. Dies sind durch alle Zeiten und Kulturen die Themen von Märchen und Heldensagen. Gerade in den Heldenreisen verdichten sich archetypische Grundmuster von Reifung und Persönlichkeitsentwicklung. Mag sich die Welt um uns herum auch immer schneller verändern, die Entwicklung der menschlichen Psyche folgt seit Jahrtausenden den gleichen Prinzipien. Indem wir die alten Weisheiten der Heldenreisen verdichten und sie auf die individuellen und organisatorischen Veränderungsprozesse in der heutigen Zeit übertragen, schöpfen wir aus einer wertvollen Ressource, um die komplexen Herausforderungen der Gegenwart besser zu meistern.

Dies ist das Anliegen von Angelika Höcker, die Sie mit diesem Buch schon beim Lesen in der einen oder anderen Weise zu Ihrer persönlichen Heldenreise mitnehmen wird.

Dieses Buch fordert uns heraus, unsere eigenen Paradigmen zu verändern, alte Muster aufzugeben und vor allem der Versuchung zu widerstehen, alles planen und kontrollieren zu können. Die neue Haltung, zu der es uns führen kann, mag sich auch in folgendem Notizbucheintrag* von Pablo Picasso finden:

Ich suche nicht – ich finde

Suchen – das ist Ausgehen von alten Beständen

und ein Finden-Wollen

von bereits Bekanntem im Neuem.

Finden – das ist das völlig Neue!

Das Neue auch in der Bewegung.

Alle Wege sind offen

und was gefunden wird,

ist unbekannt.

Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer!

Die Ungewißheit solcher Wagnisse

können eigentlich nur jene auf sich nehmen,

die sich im Ungeborgenen geborgen wissen,

die in die Ungewißheit,

in die Führerlosigkeit geführt werden,

die sich im Dunkeln einem unsichtbaren Stern überlassen,

die sich vom Ziele ziehen lassen und nicht

– menschlich beschränkt und eingeengt –

das Ziel bestimmen.

Dieses Offensein für jede neue Erkenntnis

im Außen und Innen:

Das ist das Wesenhafte des modernen Menschen,

der in aller Angst des Loslassens

doch die Gnade des Gehaltenseins

im Offenwerden neuer Möglichkeiten erfährt.

Lassen Sie sich zu einer ganz besonderen Reise einladen.


Florenz, im Juli 2010 Marco von Münchhausen

* Zitiert nach: Siegfried Gohr: Ich suche nicht, ich finde. Pablo Picasso. Leben und Werk. Köln: Dumont, 2006

Dr. Marco Freiherr von Münchhausen ist Bestsellerautor (u.a. »So zähmen Sie Ihren inneren Schweinehund!«) sowie international anerkannter Key-Note-Speaker und Coach.

1. Reisevorbereitungen

Diejenigen Unternehmen werden Erfolg haben, denen es gelingt, … den … Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Chance zur inneren Transformation zu bieten. Und diejenigen wird man Helden nennen können, die diese Entwicklung anführen und meistern können.

DONA WITTEN / AKONG RINPOCHE

Die indo-europäische Wurzel des englischen Wortes leadership und des deutschen Wortes Leitung ist »leith« und bedeutet wörtlich »nach vorne gehen«, »über die Schwelle gehen« oder »sterben«. Die tiefere Erfahrungsschicht von Führung in Veränderungsprozessen zeigt eine spürbare Resonanz von dieser ursprünglichen Bedeutung der Wortwurzel, die in der existenziellen Erfahrungsdimension in transformationalen Veränderungsprozessen sichtbar wird: im Loslassen und Sterben-lassen des Alten und im In-die-Welt-bringen des Neuen und in dem Mysterium und dem Nichts, das zwischen diesen beiden Bewegungen liegt.

C. OTTO SCHARMER

Die Helden unserer Kindheit

Wenn wir von Helden sprechen, dann meinen wir gemeinhin jene strahlenden Gestalten aus den Büchern, die wir in unserer Kindheit und Jugend verschlungen haben, und den Filmen, die uns in ihren Bann gezogen haben. Von den jahrhundertealten Märchen und Mythen bis hin zu den Hollywood-Filmen und Superhelden-Comics haben sie unsere Träume erfüllt und unsere Fantasie beflügelt. Unendlich viele glückliche Stunden verdanken wir ihren Abenteuern, von denen wir nicht satt wurden, immer wieder überlisteten wir die Realität, um in das Reich der Fantasie eintauchen zu können. In unseren Träumen waren wir selbst unbesiegbar und haben die Welt gerettet. Aber man kann nicht ewig Kind bleiben, und je erwachsener wir werden, desto mehr verblassen die Erinnerungen an jene glücklichen Tage der fliegenden Teppiche, feuerspeienden Drachen und magischen Amulette.

Das Reich der Fantasie im Arbeitsleben

Und im Arbeitsleben? Dort ist erst recht kein Platz für Abenteuer, Magie und Helden – zumindest scheint es so zu sein, denn wenn vom Business Hero gesprochen wird, wissen die meisten erst mal nicht, wovon die Rede ist. Magische Kräfte, märchenhafte Züge und mythische Aufträge sind in tristen Büros und im trüben Alltag nicht vorgesehen. Loseblattsammlungen, Dienstvorschriften und Verfahrensanweisungen, Controlling-Instrumente und Corporate-Identity-Vorgaben erzeugen ein Klima, in dem Zauberer und Elfen schlecht gedeihen, eine Luft, in der Zwerge und Prinzessinnen nur schlecht atmen können. Das heißt aber nicht, dass in der ökonomischen Welt nicht regelmäßig und vorhersehbar der Ruf nach dem Helden laut wird.

Wir brauchen neue Helden

Sobald eine Krise an der Tür klopft, werden Helden mit übernatürlichen Kräften unüberhörbar gefordert. Der Drachentöter hat genau dann Hochkonjunktur, wenn die Wirtschaft am Boden ist. Er soll das Ruder an sich reißen und das Schiff durch Unwetter und die tosende See navigieren. Er allein soll bestimmen, was auf der Kommandobrücke geschieht. Wer außerdem mit an Bord ist, hat sich seinen kurzen, knappen Befehlen ohne Widerworte zu unterwerfen. Er hat sein Mandat in der Krise erhalten, seine Lizenzen sind aus der Not geboren. Im Ausnahmezustand werden Netzwerke, Organisationseinheiten, Systeme und rationale Prozesse gesprengt – und der heroische Diktator, dieser sehr alte Typus des Helden, betritt die Bühne.

Wenn alle anderen Stimmen verstummen, steht das Spiel auf Messers Schneide. Der alleinherrschende Krisenheld bestimmt allein kraft seines Charismas, wo es langgeht. Er kann alles gewinnen – aber auch alles verlieren.

Der Held von großem Format war gestern

Großformatige Führungshelden richten auch Katastrophen von großem Format an. Wenn auf Netz und doppelten Boden verzichtet wird, um kurzfristig handlungsfähig zu werden, dann ist auch die Zeit der tragischen Helden und der strauchelnden Schurken gekommen. Längst ist deswegen die Epoche des »postheroischen Managements« ausgerufen worden (Dirk Baecker, Postheroisches Management, 1994; Brigitte Witzer, Die Zeit der Helden ist vorbei, 2005). Man ist des Helden älterer Prägung überdrüssig und besser noch, man verabschiedet die Idee gleich ganz.

Der Held von heute ist ein Weltbürger

Der Abgesang auf den ökonomischen Helden ist aber vielleicht etwas verfrüht. Nur brauchen wir eben keine Helden von vorgestern, sondern von heute und morgen. Ich möchte mit dem Business Hero einen dritten Weg vorschlagen, auf dem der Held weder vergöttert noch verdammt werden muss. Ich möchte die Frage neu stellen, was der Held für uns heute sein kann. Ich denke an einen Typus des Helden, der nicht in den Krieg zieht, um Schlachten zu gewinnen, sondern in die Welt, um sie zu einem besseren Platz nicht nur für sich, sondern für uns alle zu machen. Ich denke an einen Helden, nach dem nicht bloß gerufen wird, wenn die Schiffe bereits sinken. Mein Held lehnt dankend ab, wenn ihm die Stelle als Alleinherrscher unterschriftsreif vorgelegt wird. Er arbeitet für sein eigenes Wohl, denn er ist ehrgeizig und hat Ambitionen, aber eben auch für das seiner Mitarbeiter, ohne die er keine solchen Erfolge verbuchen könnte. Seine Sorge gilt zudem seiner Gesellschaft und ihrer Ökonomie. Und er begreift sich als verantwortungsvoller Weltbürger des einzigen bewohnbaren Planeten, den die Menschen kennen. Der Business Hero sieht also nicht nur sich selbst, sondern hat auch seine engeren und weiteren Umwelten immer im Blick.

Wir sollten demokratische Helden werden

Ich spreche also von einem demokratischen Helden, der nicht heroisch gegen seine Rivalen in den Krieg zieht, sondern eine Heldenallianz initiiert, die bei allem notwendigen Egoismus nicht diejenigen vergisst, die keine Helden sein können, dürfen oder wollen. Wir sollten unser Bild vom Helden demokratisieren und daran mitarbeiten, demokratischen Helden gute Arbeitsbedingungen zu bereiten. Und last, but not least: Wir sollten selbst demokratische Helden werden.

Der Held von gestern ist laut und neigt zu übertriebenen Gesten. Jeder soll schon von Weitem und mit einem Blick sehen, wer das Sagen hat. Im Getümmel der Schlacht, die er angezettelt hat, steht er immer im Mittelpunkt. Theatralischer als die Ritter seiner Tafelrunde lässt er seine Klinge auf den gegnerischen Rüstungen tanzen.

Wir sollten lernen, dass das Spektakel nur Oberfläche ist, nur blendender Schein. Der moderne Held verzichtet auf lautes Gepolter. Er definiert sich nicht durch Schall und Rauch, vielmehr ist es eine innere Entwicklung, durch die er gegangen ist, die ihn auszeichnet. Er hat seine Fähigkeit, laut werden zu können, keineswegs verloren, er hat aber gelernt, Dezibel homöopathisch zu dosieren. Seine Autorität bedarf keiner falschen dramatischen Inszenierung, sie ist natürlich und verdankt sich vielmehr einer inneren Gelassenheit und Ruhe, mit der er ohne Hektik, dafür aber entschlossen und mit Bestimmtheit die Dinge anpackt.

Die Helden von gestern und heute reisen unterschiedlich

Älterer und neuerer Held unterscheiden sich deutlich – und zwar besonders deutlich hinsichtlich ihrer Reisevorlieben. Der ältere Held zieht sofort, ohne zu zögern und viel zu überlegen, in die Welt, die voller Feinde und potenzieller Schlachtgegner ist. Er wird nicht ruhen, bis er der Letzte ist, der noch steht, umkränzt von gefällten Rüstungen. Er ist bereit und begierig, bis zur letzten Entscheidung zu kämpfen, und sollte er es nicht schaffen, dann ist er wild entschlossen, das Schlachtfeld mit seinem eigenen Blut zu tränken. Mit anderen Worten: Er ist ein kopfloser, ein notorischer Aktivist. Nur wenn er handelt, meint er, gesehen zu werden. Und nur, wenn er gesehen wird, meint er, zu sein.

Ziele des modernen Helden sind, innen und außen neue Felder zu erobern

Der neuere Held ist auch entschlossen, aber er kann Zweifel zulassen. Er zieht nicht gleich los und wirft sich ins Kampfgetümmel gegen beinahe beliebige Gegner. Auch er tritt eine Reise an, die ihn aber nach innen führt. Sein Heldentum beginnt mit einem Umweg. Er weiß, dass er nicht alle Gegner niederringen kann – und er weiß vor allem, dass er nichts davon hätte, jeden und alle zu besiegen. Ein Business Hero, der alle als Gegner sieht und alle zu Boden schickt, hätte schließlich keine Kunden mehr, er hätte niemanden, mit dem er einen Vertrag abschließen könnte, niemanden, mit dem er kooperieren könnte, niemanden, mit dem er zusammenarbeiten könnte. Der moderne Held bricht zu sich selbst auf, nicht gegen andere. Seine Expedition ist zuerst Introspektion. Er besinnt sich auf sich und die Fähigkeiten, die er in sich trägt. Er weiß, dass er davon mehr hat, dass dies der größte Sieg ist, dass Erfolg haben und die Fähigkeit, »Ich« sagen zu können, sich keineswegs widersprechen – übrigens entgegen anders lautender Gerüchte. Die Eroberung von Ich-Anteilen und Marktanteilen, das sind die Ziele des modernen Helden. Dafür muss man andere Reisen machen und anders reisen. Vielleicht werden Dritte diese verschlungenen Wege nicht sofort verstehen, und es kann immer wieder zu Irritationen und Konflikten kommen, wenn man diesen Pfad aber konsequent und überzeugt einschlägt, wird man den doppelten Erfolg ernten können, sich sowohl glücklicher in seiner Haut fühlen als auch gerüstet sein für die ökonomischen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft.

Und natürlich ist der Held, der auch heute noch Held sein kann, nicht zwangsläufig ein Mann. Die Heroen der Geschichte waren Männer, abgesehen von wenigen Ausnahmen wie Jeanne d’Arc. Wenn die tapferen Ritter in die Welt zogen, um die Âventiure, die Bewährungsproben und Abenteuer, zu bestehen, blieben die Hoffräulein einsam im Turm der Burg zurück, um vielleicht für fahrende Minnesänger ihr Haar herunterzulassen. Ein Business Hero dagegen kann Frau oder Mann sein. Die Heldenreise kennt keine Frauenquote, auf den Weg zu sich selbst und zum Erfolg kann jede(r) aufbrechen.

Wir sind nicht alle Helden. Aber jeder von uns trägt das Potenzial in sich, ein Held werden zu können. Auf der Heldenreise, die ich mit Ihnen unternehme, kann jeder den verborgenen Schatz heben und ein Business Hero werden. Hat Sie das Reisefieber auch schon gepackt? Überlegen Sie schon, was Sie auf jeden Fall mit auf den Weg nehmen wollen? Fragen Sie sich bereits, wohin der Weg Sie führen wird?

Machen wir uns gemeinsam auf die Reise!

Die innere Reise zur Kreativität

Reisen bildet und längst wissen wir, dass Bildung unser wertvollstes Gut ist. Aber allzu oft gehen wir geradezu fahrlässig mit unserem Potenzial um. Wir sollten mehr reisen. Machen wir uns auf den Weg! Aber nein, nein, nur keine Hektik. Sie können diese Reise nicht buchen und kein Ticket in der Hand halten, Sie müssen sich nicht einmal vom Fleck weg bewegen. Bleiben Sie ruhig sitzen und entspannen Sie sich. Diese Reise ist eine innere Reise.

Der moderne Held reist auf dem Weg zur Selbsterfahrung …

Eine der schönsten Definitionen des Helden stammt von Paul Rebillot und Melissa Kay: »Ein Held, ob im Mythos oder in der heutigen Welt, ist jemand, der einen Ruf hört und ihm folgt« (Paul Rebillot und Melissa Kay, Die Heldenreise, 1997, S. 26). Der Held macht sich auf den Weg und stürzt sich in die »Abenteuer der kreativen Selbsterfahrung«. Er verlässt den Raum der Gewissheit und begibt sich frohen Mutes in die Gefahr. Er geht auf die Heldenreise zu den Quellen des eigenen Selbst und seiner Kreativität.

Rebillot und Kay haben ihre therapeutische Methode zwischen modernem Theater und urzeitlichem Ritual angesiedelt. Sie ist ein wilder Mix aus Narren- und Dämonentänzen, Meditationen, Körpererfahrungen und Atemübungen, Reisen durch den Wahnsinn und in das Land der Wunder. Diese verrückte Heldenreise steuert mit hohem Tempo und großem Charme aufs Ziel zu: dem, der sich auf die Reise begeben hat, einen möglichst intensiven Selbsterfahrungsprozess zu ermöglichen.

… vom kulturgeschichtlichen Ursprung …

Die Methode basiert auf einer kulturgeschichtlichen Untersuchung Joseph Campbells. Schon 1949 beschrieb der US-amerikanische Mythenforscher die Reise des Helden. Er zeigt, dass die großen Märchen, Volkssagen, Mythen und Religionserzählungen im Wesentlichen aus denselben Elementen bestehen. Vom alten Griechenland bis ins neue Hollywood wird immer wieder der gleiche »Monomythos« (J. Joyce) erzählt, der aus den immer gleichen »Archetypen« (C. G. Jung) besteht. Der Held hört den Ruf, zögert, bricht auf, wird geprüft, erhält übernatürliche Hilfe, übersteht zahlreiche Abenteuer, gewinnt den Schatz, kehrt, wiederum zögernd, zurück und schenkt der Welt seinen Gewinn.

… bis zur inneren Ankunft

Das kostbare Geschenk, das der Held gewonnen hat und mit den Seinen teilt, ist vielleicht ein Stein, dem magische Kräfte nachgesagt werden, oder ein wertvolles Elixier, das ewiges Leben verspricht. In turbulenten Abenteuern ist er mehrfach nah dran, den »verlorenen Schatz« oder den »heiligen Gral« zu erobern. Nach dem entscheidenden letzten Abenteuer hält er das kostbare Gut dann in Händen und bringt es sicher in die Welt, aus der er einst aufgebrochen war. Zu den zentralen Motiven dieser Eroberung gehört es, dass das, worum es die ganze Zeit ging, mit einem Mal nicht mehr so wichtig ist. Am Ende erkennt der Held oftmals, dass er gar nicht auf der Suche nach unermesslichem Reichtum gewesen ist. Zu Staub zerbröseln ihm all die Dukaten und Taler zwischen den Fingern – aber das macht nichts. Denn der zurückgekehrte Held hat inzwischen begriffen, dass er auf einer ganz anderen Suche war, ohne es zu wissen. Parallel zur äußeren Reise vollzieht der Held eine innere Entwicklung – und das wird ihm meistens erst am vorläufigen Ende seines Weges bewusst. Er musste erst die Welt erobern, um sich selbst zu finden. Seine abenteuerliche Reise in die Ferne war ein Umweg – ein kraftraubender Umweg, der ihn an seine Grenzen geführt hat, aber allemal ein lohnender. Der Gewinn ist wertvoller als alle materiellen Schätze: »Der Held ist … der Mensch, ob Mann oder Frau, der fähig war, sich über seine persönlichen und örtlich-historischen Grenzen hinauszukämpfen zu den allgemein gültigen, eigentlich menschlichen Formen. Seine Visionen, Ideen und Eingebungen kommen unverdorben von den Urquellen menschlichen Lebens und Denkens.« (Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten, 1999, S. 26)

Achtsamkeit

Kaum ein Wissenschaftszweig hat in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie die Neurowissenschaften. In weiten Teilen sind die altehrwürdigen Geisteswissenschaften zugunsten der neueren Kognitionswissenschaften in den Hintergrund getreten. Während die Erforschung des Ich früher ganz klar auf dem Hoheitsgebiet der Philosophie stattfand, sind die Zuständigkeiten inzwischen neu verteilt.

Ich möchte aus der Vielzahl der Veröffentlichungen, die in diesem Zusammenhang von Interesse wären, nur einen Text – oder genauer: nur einen Begriff auswählen, jenen der Achtsamkeit. Der Neurobiologe und Psychologe Daniel J. Siegel stellt ihn in seinem Buch Das achtsame Gehirn in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Achtsamkeit, das ist auf der einen Seite Gewahr- oder Gegenwärtigsein, die Lenkung der Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt, eine Art der bewussten Steuerung unserer Wahrnehmung. Auf der anderen Seite klingt in dem Begriff auch die Achtung (vor den anderen) an. Wer »Achtung!« sagt, kann damit sowohl alarmieren, man solle nun aufpassen, als auch ausdrücken, er empfinde Respekt gegenüber jemandem.

Der Held kennt seine Aufgaben

Genau diese Doppelbedeutung ist auch für die Heldenreise von essenzieller Bedeutung. Ich beginne mit der zweiten Bedeutung: Achtung vor anderen zu haben, ist genau das, was ich meine, wenn ich vom Ideal des demokratischen Helden spreche. Man könnte auch sagen, er ist ein achtender Held, während ältere Heroen oft verachtende Helden waren. Es ist kein Wunder, dass Siegel seine Wissenschaft Interpersonelle Neurobiologie nennt. Dort wie hier geht es nicht um das Fitmachen von verhärteten Einzelkämpfern für ihren Showdown gegen die ganze Welt, sondern um ein zukunftsstiftendes Heldentum, um einen Helden, der nicht von Feinden und Gegnern umzingelt ist, sondern Aufgaben sieht, die er zusammen mit anderen anpacken und bewältigen möchte. Und er wählt Arten und Weisen des Handelns, die keine Opfer hinterlassen. Er will keine Schandtaten begehen, sondern Gutes bewirken. Er will nicht von den Menschen getrennt, sondern mit ihnen sein.

Aufmerksamkeit im Alltag nutzt die Zeit

Nun zur ersten Bedeutung der Achtsamkeit als Fokussierung der Aufmerksamkeit. Wenn wir unser Leben gewissermaßen »einfach so« leben, unsere Alltagsroutinen immer weiter laufen lassen und auch alles andere »irgendwie« geschieht, dann verstreicht die Zeit formlos. Wenn wir aber bewusst und zielgerichtet unsere Aufmerksamkeit lenken, wenn wir achtsam gegenüber uns selbst sind, dann formen wir uns selbst, unser Erleben, unseren Alltag, unser ganzes Dasein. Wir lenken den Fluss der Zeit, wir sind den »Naturgewalten« dann nicht mehr wehrlos ausgeliefert, sondern bestimmen mehr und mehr selbst, wo und wie es langgeht. Achtsamkeit für sich selbst, für die eigenen Bedürfnisse genauso wie für die eigenen Fähigkeiten – das sind keineswegs irgendwelche »Luxusartikel«, die niemand wirklich braucht, vielmehr gelangen wir so zu uns selbst, an die Quellen unseres Menschseins: »Die Fähigkeit, seine eigenen Potenziale zu erkennen und zu entwickeln, ist das herausragende Merkmal des Menschen. Diese Selbstreflexionsfähigkeit braucht unsere Spezies überlebensnotwendig, um dem Chaos und der Starre gleichermaßen zu entgehen.« (Daniel J. Siegel, The Mindful Brain – das achtsame Gehirn. In: Hüther/Roth/von Brück, 2008, S. 38–55, hier S. 55)

Die Selbstreflexionsfähigkeit ist Voraussetzung für Achtsamkeit

Jeder Mensch hat diese Fähigkeit. Siegel verortet sie im »präfrontalen Kortex«, dem Bezirk des Gehirns direkt hinter der Stirn. Wie dem auch sei, genau diese Fähigkeit (bzw. dieses Hirnareal) lassen wir Menschen allzu oft verkümmern. Wir gehen nicht sorgsam mit den Potenzialen um, die uns mitgegeben wurden. Die Nachlässigkeiten schleichen sich ein, verstärken sich im Wechselspiel mit den »Notwendigkeiten«, die wir so gerne beschwören, um eine Ausrede zu haben, weil wir die Dinge nicht anpacken. Die Spirale beginnt abwärts zu drehen, erst leicht, dann immer heftiger und unaufhaltsamer. Das Ende ist die Verödung ehedem fruchtbaren Bodens, auf dem nun nichts, aber auch gar nichts mehr wächst.

Die Heldenreise ist Dünger für die Achtsamkeit. Tritt man sie an, dann lernt man, was man früher vielleicht besser gekonnt hat – man lernt wieder, auf sich selbst zu hören, das zu hören, was im Alltagslärm die Stimme verloren hat. Man lernt wieder zu sehen, was aus dem Blickfeld geraten ist. Man lernt wieder, sich auf die wirklich wichtigen Dinge zu fokussieren, statt im Ver- und Zerstreuten alles als gleich wichtig oder unwichtig wahrzunehmen, alles gleichgültig als gleich gültig zu werten.

Die Heldenreise ist ein Trainingslager für Achtsamkeit, aber auch in der anderen angesprochenen Hinsicht. Wer sich selbst achtet und auf sich selbst achtet, wird letzten Endes auch den oder die anderen achten. Wer heute, hier und jetzt, ein wirklicher Held ist, hat verstanden, dass der Weg zum Heroe nur über die Achtung der Mithelden führen kann. Insofern sind das Konzept Achtsamkeit und die Heldenreise Anleitungen, sowohl sich selbst als auch die anderen mehr zu schätzen, mehr Aufmerksamkeit in beide Richtungen zu investieren, die Sorge um sich und den Respekt gegenüber den anderen auf einem hohen Niveau auszutarieren.

Ob Sie sich nun sich selbst zuwenden oder nicht, ob Sie auf die Heldenreise gehen oder so weitermachen wie bisher: Auf einer Reise sind Sie sowieso – es stellt sich allenfalls die Frage, auf welcher. Man kann mit Autopilot fliegen oder das Steuer selbst in die Hand nehmen. Man kann die Reise, auf der man sich befindet, dafür nutzen, zu sich selbst zu finden, oder ziellos den Schlingerkurs der automatischen Steuerung über sich ergehen lassen. Mein Rat in dieser Angelegenheit: Nutzen Sie Ihren Flug. Spannen Sie die beiden Flügel der Achtsamkeit auf. Und gehen Sie nicht auf die erstbeste All-Inclusive-Bequemlichkeitsreise, sondern machen Sie den einzig wirklichen Abenteuerurlaub: die Heldenreise.

Erzählen können

Das Modell der Heldenreise, wie es Campbell anhand von Geschichten aus mehreren Jahrtausenden entwickelt und das Rebillot und Kay zur spirituellen Methode der Selbsterfahrung ausgebaut haben, ist seither von zahlreichen Psychologen, Gestalt- und Psychotherapeuten adaptiert worden. Von fragwürdiger Esoterik bis zu ernsthaften Therapieformen reicht das Spektrum, in dem man sich auf die Reise begeben kann. Mit meinen Coachings und diesem Buch möchte ich die Methode nicht nur für den Einzelnen, sondern auch und vor allem für Teams und Organisationen, in Mitarbeiterseminaren, Teamentwicklungsprozessen und Change-Kontexten fruchtbar machen, sind doch die Helden unserer Tage vielfach ökonomische Akteure.

Die Heldenreise gibt es als Drehbuch im Kino

Aber auch auf einem ganz anderen Gebiet ist das Modell längst extrem wichtig geworden. Die Heldenreise, die zuerst in Mythen, Märchen und Sagen entdeckt wurde, findet heute in den Kinosälen rund um den Globus statt. In den Traumfabriken Hollywoods, Bollywoods und der ganzen cineastischen Welt werden Heldenreisen am laufenden Band produziert.

Christopher Vogler, der für Walt Disney, Warner Bros., 20th Century Fox und andere große Studios mehrere Tausend Drehbücher gelesen und bewertet hat, erkundete mit Die Odyssee des Drehbuchschreibers als Erster das archetypische Muster des modernen Films. Von A wie Auf der Suche nach dem grünen Diamanten bis Z wie Zwölf Uhr mittags basiert das große Kino auf dem Skript der Heldenreise. Ob Titanic, Indiana Jones, Krieg der Sterne oder Pulp Fiction – immer bedienen sich die Drehbuchautoren bei dem uralten Muster, das die Fantasie der Menschen seit den Anfängen der Geschichte wieder und wieder beflügelt hat. Vogler hat den genetischen Code des Drehbuchs geknackt und damit eine wirkungsvolle Anleitung für Autoren gegeben.

Die Heldenreise ist ein Grundmodell für Geschichten

Aber wir alle sind Autoren. Denn wenn Menschen zusammenkommen, erzählen sie Geschichten. Geschichten, die auf verschiedenen Mustern basieren. Die Heldenreise ist, wie wir bereits gesehen haben, ein Grundmodell, mit dem unendlich viele Geschichten erzählt worden sind. Und wir alle sind die Drehbuchautoren unserer eigenen Lebensgeschichte, unserer Erfolgsstory.

Die eigene Erfolgsstory schreiben

Wenn ein junges Unternehmen förmlich explodiert und nach wenigen Jahren schon viele Hundert Millionen wert ist, dann sprechen wir üblicherweise von einer Erfolgsstory. Die Gründer hinter der Story haben den Ruf gehört, haben ihre Vision verwirklicht und zieren als leuchtende Beispiele die Cover der Wirtschaftsmagazine. In vielen Teams, Büros, Abteilungen, Firmen und Unternehmen wird dagegen nicht (viel) erzählt – und es gibt auch keine erzählenswerte Erfolgsstory. Im Überfluss dagegen gibt es Stress, Überbelastung, Erschöpfung, Ärger, Frust, Verzweiflung und Angst, nicht selten mit körperlichen Folgen – Migräne, Magengeschwüre, Kreislaufstörungen, Tinnitus und Burn-out-Syndrom. Das sind Phänomene, die jeder kennt, ob als Selbstständiger, Angestellter oder Manager.

Wie soll man kreativ sein, mit dem Kopf im Schraubstock? Wie soll man Visionen entwickeln, als Rädchen in der unaufhörlich ratternden Maschine? Wie soll man sein Glück finden, wenn man ständig von ihm wegläuft? Wie soll man sich entfalten, wenn man rund um die Uhr um die besten Plätze auf der Karriereleiter kämpft? Sie können sich die Antwort leicht selbst geben. Wir müssen also einen Weg finden, um »Stopp!« sagen zu können – um schließlich unsere eigene Erfolgsstory erzählen zu können.

Was nicht erzählenswert ist, ist überflüssig

Paul Rebillot und Melissa Kay sprechen gelegentlich von einem »Nullpunkt«, wenn sie den Aufbruch des Helden beschreiben. Der Held hält inne, er sucht einen abgeschiedenen Ort der Ruhe auf, um aus dem reißenden Strom der Zeit auszusteigen. Indem er auf die innere Reise geht, blendet er das Alltagsleben mit seinen kleinen und großen Problemen aus und schafft die Möglichkeit, sich neu zu erfinden. Der Business Hero hält den Zeiger an, wohl wissend, dass die Uhr weitertickt. Er ist jemand, der sich eine Atempause verschafft, um mehr Luft zu bekommen. Er löst sich aus Zusammenhängen und bleibt doch im Kontext. Er verlässt seine normale Existenz, um stärker und erfolgreicher zurückzukehren. Er lernt auf seiner Reise jenseits des Alltags, seine eigene Vision vom Erfolg formulieren zu können.

Für wen kommt die Heldenreise infrage?

Sie fragen sich, ob Sie sich auf die Heldenreise einlassen sollten? »Ist das überhaupt das Richtige für mich?«, überlegen Sie. Sie müssen die Entscheidung selbst treffen. Um sie Ihnen zu erleichtern, führe ich ein paar typische Fälle auf, die ich in meiner Praxis – so oder so ähnlich – kennengelernt habe:

• Ein Selbstständiger, der allein arbeitet oder schon ein paar Mitarbeiter hat, zweifelt, ob der eingeschlagene Weg der richtige ist. Jeden Tag, wenn er aus seinem kleinen Büro in einem ehemaligen Ladenlokal kommt, ist die Sonne längst untergegangen. Er fühlt sich ausgebrannt und leer. Das Unbehagen nagt an ihm, aber er weiß es nicht einzuordnen.

• Ein gut bezahlter Angestellter in einem geordneten Beschäftigungsverhältnis, bei dem alles gut läuft, fragt sich, ob es das gewesen ist. Ob das das ganze Leben ist. »Was mache ich hier eigentlich?«, diese Frage bricht manchmal durch, ohne wirklich beantwortet zu werden. Das, was bisher ein auskömmliches Zuhause gewesen ist – der Job –, erscheint immer mehr als Gefängnis. Aber was könnte eine echte Alternative sein?

• Eine Abteilung in einer Firma oder einem Unternehmen. Alle Kommunikationskanäle sind freigeschaltet, die Rahmenbedingungen könnten kaum besser sein. Aber trotzdem funktioniert es irgendwie nicht. Von Teamplay kann keine Rede sein, von gelungener Kommunikation untereinander sowieso nicht. Große Visionen und hochgesteckte Ziele? Fehlanzeige! Stattdessen kleinkarierte Vorgaben wie 2,75 % mehr Umsatz – und selbst das droht schiefzugehen. Woran es hakt, kann niemand so recht sagen. Zur Motivationslosigkeit gesellt sich die Erfolgslosigkeit, der Druck wächst. Vielleicht ist schon etwas unternommen worden, aber vergebens. Die Stimmung ist am Boden, die Situation verfahren. Mit herkömmlichen Mitteln aus der Hausapotheke ist dem Problem nicht beizukommen.

• Ein Manager hat viel erreicht und will noch mehr erreichen. Aber während er am Anfang der Karriere die Stufen mit Leichtigkeit und unwiderstehlichem Schwung genommen hat, sind aus den Sieben-Meilen-Stiefeln inzwischen klobige Hemmschuhe geworden. Im Sternzeichen der Hausse geboren, droht die Karriere in der Baisse zu versinken. Oder ist der berufliche Erfolg, dem er hinterherhechelt, gar nicht mehr das, was er wirklich will? Ein ganz anderer Lebensentwurf muss her. Möglicherweise würde ihn das stille Leben als Schafhirte viel mehr erfüllen als die atemlose Hatz nach der Rendite.

• Ein Unternehmen möchte sich neu aufstellen. Das Management hat erkannt, dass die Geschäfte, die jetzt noch gut laufen, mittel- und langfristig keinen Erfolg mehr versprechen. Märkte in Bewegung erfordern Unternehmen, die sich immer wieder neu erfinden. Aber wohin die Reise gehen soll, ist nicht so leicht zu sagen. Nichts ist schließlich ungewisser als die Zukunft. Hilfe von außen oder besser: Hilfe zur Selbsthilfe ist nötig, um neue Impulse setzen zu können.

Wenn Wandel zur Routine wird

All diese Situationen – und die Liste ist sicher nicht komplett – haben eins gemeinsam. Die Zeichen stehen auf Veränderung, aber Lösungen sind nicht in Sicht. Benötigt wird ein professionelles Change-Management. »Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen?«, ist man versucht zu fragen, obwohl genau das Gegenteil der Fall zu sein scheint: Change-Programme haben seit Langem Konjunktur, ihre Zahl ist nachgerade inflationär. Wie Martin Claßen und Felicitas von Kyaw in Warum der Wandel meist misslingt kompetent gezeigt haben, hat sich längst und auf breiter Basis ein erheblicher Überdruss an Change-Prozessen eingestellt. Und zwar auf allen Ebenen, bis hin zu den Führungsspitzen. Zu viele haben zu oft die leidige Erfahrung gemacht, dass Veränderung eine hohle Worthülse sein kann – und dass Change-Prozesse selbst zur ewigen Routine werden.

Veränderung heißt, sich auf etwas einzulassen

In diesen Fällen ist offensichtlich der Sinn für und der Sinn von Veränderung verloren gegangen. Manchmal wird von der »Implementierung« von Change-Prozessen gesprochen – aber Veränderung kann kein umsetzender, abwickelnder Akt der Bürokratie sein. Veränderung heißt, sich auf etwas einzulassen, das man nicht ganz und gar beherrscht und nicht ganz beherrschen kann. Wenn man die Veränderung wirklich will, wird man sich auf etwas einlassen müssen, das man nicht gänzlich steuern kann. Wenn man, ob als Einzelner oder als Unternehmen, Prozesse, Systeme, Strategien, Strukturen oder Verhaltensweisen aufbrechen möchte, dann sollte man den Konsequenzen ins Auge sehen. Vielleicht verändert sich im dynamischen Prozess das Ziel selbst. Vielleicht brechen unangenehme Wahrheiten durch die Oberfläche. Vielleicht erfasst die Veränderung nicht nur jenen kleinen Bezirk, der neu aufgestellt werden sollte, sondern das große Ganze. Echte Veränderung ist nur bedingt planbar – mitunter aber unbedingt notwendig.

Change findet wirklich statt

Findet die echte Veränderung aber wirklich statt, kann der Benefit des Unternehmens gigantisch sein. Ist die Quote der Helden in einem Unternehmen gering, dann wird sich hier und da etwas tun, steigt sie aber und erreicht schließlich eine »kritische Masse«, dann werden Kettenreaktionen ausgelöst, die sich am Anfang niemand vorstellen konnte. Dann könnte es passieren, dass etwas »durch die Decke geht«, wie man so schön sagt, nämlich die Kreativität, die Motivation, der Erfolg. Einzelkämpfer haben es schwer, bilden die vielen Helden aber eine Allianz der Veränderung – und das heißt: Verbesserung –, dann bleibt Change keine Worthülse, sondern stellt sich schneller ein, als man das »von oben« durch Steuerungsmechanismen jemals bewirken könnte.

Veränderung ist die Realisierung der Zukunft – jetzt

Zu den interessantesten und eindrucksvollsten neueren Versuchen, die Problematik des Wandels zu denken, gehört zweifelsohne C. Otto Scharmers Theorie U. Am Anfang seiner Überlegungen steht ein einfacher Gedanke: Wandel kann nichts Äußerliches sein, er geht, wenn er wirklich ist, von einer »inneren Quelle« aus. Und zweitens: Wandel ist nicht die Fortsetzung der Vergangenheit mit anderen Mitteln, sondern die Realisierung der Zukunft im Jetzt. Die Veränderung kann also schaffen, wer in sich zukünftige Möglichkeiten aktualisiert. Scharmer nennt das »Presencing« – von presence, Gegenwart/Anwesenheit, und sensing, fühlen/erspüren – und meint damit, dass Veränderung geschehen kann, wenn man sie von der Zukunft her denkt. Der Weg nach innen, ins Ich, und nach vorne, in die Zukunft, ist der Königsweg, das Andere, das Neue, die Veränderung zu realisieren. Scharmer gibt uns sehr genau an, wie das aussehen könnte. Die Schritte, die äußere Wirklichkeit über den scheinbaren Umweg des Inneren, des Ich, zu verändern, sind: »innehalten, umwenden, loslassen, kommen lassen, in-die-Welt-bringen, verkörpern«. Sie werden diesen programmatischen Etappen so oder so ähnlich auch auf der Heldenreise begegnen. Auch bei ihr geht es wesentlich darum, dass Veränderung etwas ist, was zuerst und vor allem mit einer Reise nach innen zu tun hat – mit der Entdeckung verborgener Möglichkeiten.

Innovation ist Pflicht

Ökonomie ist heute, mehr noch vielleicht als früher, die Suche nach dem Neuen. Innovationskraft ist einer der wirtschaftlichen Faktoren überhaupt. Allerdings wird das Neue weitaus häufiger gesucht als gefunden. Das hängt offensichtlich damit zusammen, dass erstens dort gegraben wird, wo man alles Mögliche finden kann, nur nicht das Neue, und dass zweitens mit untauglicher Ausrüstung und fragwürdigen Methoden gesucht wird. Denn die naheliegendste Option wird vielfach übersehen: Der Mensch, das Ich, ist das Land der Möglichkeiten – und dorthin gilt es aufzubrechen.

Chaos ist die Triebkraft für Neues

»Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können«, schrieb Friedrich Nietzsche, der unkonventionellste unter den Philosophen. Mein Vorschlag für ein substanzielles Change-Management ist die Heldenreise. Der Held verlässt sein normales Leben, er gibt dem positiven Chaos in sich den Raum, den es sonst nicht hat. Der Ausgang ist offen. Oft kommt es zur Reaktivierung der schöpferischen Kraft, die wir alle haben, die aber in allzu vielen Fällen, warum auch immer, irgendwann verschüttet worden ist. Vielfach entstehen neue Motivationen, wo vorher Stress, Zynismus und Ziellosigkeit das Zepter fest in der Hand hatten. Und manchmal geschieht etwas ganz und gar Unerwartetes, etwas, das man nicht vorhersehen konnte und das ohne Beispiel ist und bleibt.

DIE SPUR DER INNEREN STIMME AUFNEHMEN

Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem Sie – wenn Sie dazu bereit sind – ausprobieren können, einmal »Stopp!« zu sagen und dem zu lauschen, was sich in Ihrem Inneren abspielt. – Aber bitte nicht gleich aufgeben, falls Sie nach ein bis zwei Sekunden noch nichts wahrnehmen. Erinnern Sie sich daran, wie Sie als Kind das Laufen gelernt haben? Da haben Sie auch nicht nach dem ersten Hinfallen aufgehört und gesagt: »Das geht nicht!« Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie brauchen, und seien Sie geduldig mit sich.

Wahrnehmungsübung für zwischendurch:

Empfindungen sind nicht nur eine Sache der Psyche, sondern genauso des Körpers. Achten Sie im Folgenden also nicht nur auf psychische, sondern auch auf physische Signale.

Halten Sie einen Moment inne:

Was denken Sie gerade? Wie würden Sie Ihre Stimmung beschreiben? Welche Gefühle dominieren in Ihrem Inneren? Wie geht es Ihnen? Ganz hervorragend? Oder so lala? Oder nicht so gut? Nutzen Sie die nachfolgende kleine Liste, um genauer zu differenzieren!

Fühlen Sie sich …

• … gelangweilt (dann sollten Sie dieses Buch möglicherweise weglegen und etwas anderes machen) oder doch …

• … angeregt, ängstlich, aufgeregt, aufgewühlt, begeistert, beschämt, einsam, entspannt, erleichtert, erschöpft, erstaunt, freudig, fröhlich, gespannt, hellwach, hoffnungsvoll, interessiert, klar, minderwertig, müde, mitfühlend, nachdenklich, neidisch, neugierig, resigniert, scheu, traurig, unzufrieden, verwirrt, verzweifelt, zufrieden, zugehörig …?

Spricht eines dieser Adjektive Sie an? Oder fallen Ihnen ganz andere ein? Wie dem auch sei, halten Sie diejenigen Adjektive fest, die am ehesten auf Sie zutreffen, die Ihre momentane Stimmung am besten beschreiben – und spüren Sie ihnen nach, sagen Sie die Wörter beispielsweise vor sich hin oder denken Sie darüber nach, was Sie mit ihnen in Verbindung bringen.

Was spüren Sie? Was fühlen Sie? Wie reagiert Ihr Körper darauf?

Beginnen Sie einfach zu beschreiben, was Sie jetzt wahrnehmen! Spüren Sie Resonanzen? Tut sich etwas vor Ihrem geistigen Auge? Regen sich Gefühle? Spüren Sie eine körperliche Reaktion – ein Gluckern im Bauch oder eine Körperstelle, die sich wärmer anfühlt als andere und als vorher usw. Lauschen Sie ganz unvoreingenommen und achtsam auf die Resonanzen, die sich ergeben. Fangen Sie so an, mehr und mehr Ihre Wahrnehmung zu trainieren, in sich selbst hineinzuhören, um Ihre innere Stimme besser wahrzunehmen und zu verstehen! Das eine oder andere Bild wird sich bilden, Vorstellungen sich verändern, und Sie werden sich neu und anders wahrnehmen. Nehmen Sie mutig und mit allen Sinnen wahr.

Innehalten und in sich hineinhören, das ist ein guter Weg zu lernen, die oft verschüttete innere Stimme wieder zu vernehmen.

Die sieben Etappen der Heldenreise

Jede Heldenreise ist anders, anders als alle anderen Heldenreisen. Nur Sie können Ihren Weg gehen, jeder andere wird seinen eigenen finden müssen. Kein Abenteuer gleicht dem anderen, jeder bricht auf, um seine eigenen Ziele zu erreichen, und jeder wird auf seinem Weg auf andere Widerstände treffen. Die Heldenreise ist eine ergebnisoffene Selbsterfahrung, für die es kein Instantpulver und kein gültiges Rezept gibt. Wären die Reise und das Ziel immer gleich, dann würde sie graues Einerlei fabrizieren. Als Instrument und Methode der Selbstentwicklung ist die Heldenreise elastisch und variabel genug, um den unterschiedlichsten Individuen, Persönlichkeiten und Charakteren Raum zu geben. Sie ist eine offene Form, um offene Menschen zur barrierefreien Selbstentfaltung anzuleiten.

Im Folgenden gebe ich eine vorläufige und sehr knappe Beschreibung der Heldenreise. Ich unterscheide sieben Phasen bzw. Stationen. Dieser Ordnung folgt auch das Buch, und in den einzelnen Kapiteln erfahren Sie dann, worum es konkret geht, welche Übungen Sie auf Ihrem Weg unterstützen können und wohin die Abenteuer Sie führen werden.

Der Ruf

Oftmals gehen die Dinge ihren alltäglichen Gang. Es passiert, was eben passiert. In solchen Zeiten glaubt man, dass es immer so weitergeht. Plötzlich jedoch erschüttern Wellen diesen langen, ruhigen Fluss. Der Ruf muss nicht unbedingt ein gellender Schrei sein. Ein leises Ticken, das sich unauffällig einstellt und nicht mehr geht – etwas hat sich verändert, aber man weiß zunächst nicht was. Die Stimme, die da herandrängt, braucht einen geeigneten Empfänger. Man muss den Ruf hören können, um ihm folgen zu können.

Der Souffleur sagt: »Du musst dein Leben ändern!«

Der Ruf kann Sie jederzeit erreichen. Er muss kein Alarmsignal sein, das sich erst einstellt, wenn eine ökonomische Krise sich längst bedrohlich entfaltet hat, sondern der Ruf kann genauso gut ohne offensichtlichen Anlass an Ihr Ohr dringen. Scheinbar ohne guten Grund lässt er Sie hartnäckig nicht mehr los, und Sie erfahren erst viel später, wieso er keine Ruhe geben wollte. Der Ruf kann von außen kommen, der Auftrag eines Vorgesetzten sein. Oder eine Nachricht im Wirtschaftsteil verdichtet sich zu der Mahnung, nun müsse etwas geschehen. In den weitaus meisten Fällen ist es aber ein innerer Souffleur, der Ihnen einflüstert: So geht es nicht weiter! Du musst dein Leben ändern!

Und der Ruf muss nichts »Heiliges« sein. Sie müssen keine Vision haben. Manchmal ist der Moment, in dem man den Ruf hört, ein ungemein profaner. Man versteht einfach die Notwendigkeit, dass jetzt getan werden muss, was eben getan werden muss. Man spricht dann vielleicht, ob laut oder leise, mit sich selbst, sagt: »Okay, ich hab’s verstanden.« oder »Wenn nicht jetzt, wann dann?« oder ganz einfach »Auf geht’s!«. Man spuckt in die Hände, krempelt die Ärmel hoch – und fängt an. Oder eben nicht, denn allzu oft ist man träge oder man weigert sich, obwohl man es doch längst besser weiß …

Die Weigerung

Den Ruf hören zu können ist eine Sache, ihm zu folgen eine andere. Der Ruf hat womöglich auch Sie schon erreicht, aber haben Sie sich auf ihn einlassen können? Menschen wie Unternehmen werden von Ambitionen angetrieben, aber gleichzeitig von Bequemlichkeiten und Sicherheitsbedürfnissen gehemmt. Zweifel und Einwände nagen an Ihnen und halten Sie zurück, die Angst vor der Veränderung drängt sich zwischen Sie und den Ruf. Es läuft doch alles irgendwie ganz gut, warum also sich auf ein Wagnis einlassen? Und selbst wenn eine Krise Sie, Ihre Abteilung, Ihr Unternehmen fest im Griff hat: Wer sagt denn, dass der Ruf den richtigen Weg weist? Er will, dass Sie den begradigten Fluss verlassen und einen unerforschten Nebenarm nehmen, von dem man nur weiß, dass dort unbeherrschbare Stromschnellen und gefährliche Untiefen warten. »Finger weg!«, sagt Ihnen jene andere innere Stimme. Lieber auf den vorgezeichneten Wegen und in Raten untergehen, als sich tollkühn der Ungewissheit und möglicher Gefahr anzuvertrauen. Die Weigerung ist eine ganz natürliche Reaktion auf den Ruf – kaum jemand ist immer und bedingungslos ein Ritter ohne Furcht und Tadel.

Odysseus

Am Anfang der abendländischen Literatur stehen die Ilias und die Odyssee Homers. In der Ilias wird die Belagerung Trojas erzählt, die Odyssee begleitet den siegreichen Helden dann auf seinem abenteuerlichen Rückweg.

Zur Erinnerung: Nach dem Raub der schönen Helena zieht eine griechische Allianz nach Troja und belagert die Stadt. Odysseus allerdings zögert, dem Ruf zu folgen. Ihm wurde prophezeit, dass er, wenn er in den Krieg zöge, erst nach zwanzig Jahren zurück zu Frau und Kind gelangen würde. Der Trojanische Krieg dauert dann tatsächlich zehn Jahre, genauso lang wie die Odyssee zurück nach Griechenland.

Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung, Vieler Menschen Städte gesehn und Sitte gelernt hat, Und auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet, Seine Seele zu retten und seiner Freunde Zurückkunft.

HOMER, BEGINN DER »ODYSSEE«

Odysseus hat nach der langjährigen erfolglosen Eroberung die entscheidende Idee. Mit der berühmtesten Kriegslist der Geschichte bringt er die gegnerische Stadt zu Fall. Er lässt ein hölzernes Pferd bauen. In ihm verstecken sich die tapfersten der griechischen Kämpfer, der Rest bricht zum Schein die Lager ab. Die Trojaner fallen auf die List herein, ziehen das Pferd in ihre Stadt und besiegeln damit ihren Untergang.

Als Odysseus sich nach der Zerstörung Trojas auf den Weg nach Hause macht, treiben ihn die Winde kreuz und quer über die Meere. Während seiner Irrfahrt wird er in unzählige Abenteuer verwickelt. Er blendet den einäugigen Riesen Polyphem, widersteht dem bezirzenden Zauber der Circe und dem unendlich süßen Gesang der Sirenen, entkommt den Seeungeheuern Skylla und Charybdis, wird unfreiwillig der Geliebte der Nymphe Kalypso und strandet nackt in den Armen der Prinzessin Nausikaa. Nach zwei Jahrzehnten kehrt er endlich zurück nach Ithaka und erobert, verkleidet als Bettler, das Herz seiner Gemahlin Penelope von Neuem.

Homer beschreibt in seinem Epos die Abenteuer des Helden als Irrfahrt. Überall lauern Gefahren, Fallen und Tücken. Odysseus ist kein muskelbepackter Herkules, der seine Feinde ungespitzt in den Boden rammt. Zu Recht wird er der »Listenreiche« genannt. Sein Weg ist gepflastert mit kniffligen Rätseln, für die er intelligente Lösungen findet.

Die Entscheidung

Der Konflikt zwischen dem Impuls, in die Ungewissheit aufzubrechen, und der Mahnung, sich nicht in die Gefahr zu begeben, ist eine entscheidende Klippe. Aber wenn die beiden konkurrierenden Stimmen sich streiten, ist der erste Schritt schon getan. Der verwegene Held und der zurückhaltende Boykotteur fechten um die Entscheidung: »Die Segel frisch in den Wind«, sagt der eine. »Gemach, gemach, die eingeübten Routinen sind nicht perfekt, aber sie funktionieren«, beruhigt der andere. Hören Sie sich beide an, und lassen Sie sich Zeit. Es spricht auch nichts dagegen, den Konflikt mit anderen zu beraten. Im Gegenteil. Sie werden Verbündete finden, die Ihnen zusprechen oder abraten, die Ihre Zweifel nähren oder Ihr Selbstvertrauen stärken. Und im besten Fall treffen Sie auf jemanden, der Ihnen die Entscheidung leicht macht und Sie frohen Mutes auf die Reise schickt. Aber nur Sie allein können letztendlich die Entscheidung treffen. Und wenn es um ein Abenteuer geht, an dem nicht nur Sie, sondern auch Ihre Vorgesetzten, Mitarbeiter und Untergebenen teilnehmen sollen, wiederholt sich dieser Prozess.

Exkurs: Die Mentoren

Nachdem die Entscheidung gefallen ist, müssen Taten folgen. Das ist oft leichter gesagt als getan. Aber unverhofft kommt bekanntlich oft: Immer wieder erleben aufbruchswillige Helden, dass wie aus dem Nichts Mentoren auftauchen, die sie unterstützen, die im Hintergrund an den richtigen Knöpfen drehen oder die die Helden in spe mit klugem Rat (der bekanntlich teuer ist) beschenken. Die Mentoren treten oft in archetypischen Gestalten auf, die wir aus Sagen und Märchen kennen: Gefährten treten aus dem Dunkel und kämpfen an Ihrer Seite, eine innere Instanz nimmt Gestalt an und eröffnet Ihnen neue Sichtweisen, ein Narr sagt unverblümt die Wahrheit, ein undurchsichtiger Herrscher zieht im Hintergrund an gewissen Fäden, ein Magier setzt seine Kräfte für Sie ein, eine zerbrechliche Elfe reinigt Ihre Seele, ein gewaltiger Kämpfer schenkt Ihnen seine Treue – oder ein Mentor hält seine Hand schützend über Sie und nimmt sich Ihrer an. Insbesondere die Figur des Mentors unter all den möglichen Weggefährten halte ich für eine zentrale Figur der Heldenreise. Er tritt nicht selten in der Gestalt eines Weisen auf, manchmal auch als weibliches Pendant oder aber in Form des inneren Kindes.

Der Mentor hat, anders als der Held, einen gewissen Abstand zum Abenteuer. Während der Held oft direkt am Geschehen klebt, überblickt der Mentor es sozusagen aus der Vogelperspektive. Er stammt gewissermaßen aus einer anderen Dimension oder einer anderen Zeitebene, er hat in einer mythischen Vorzeit Erfahrungen gemacht, die der Held nicht machen konnte. Er kann ganz anders zwischen Schein und Sein unterscheiden, er hält nicht gleich jede Fassade für bare Münze. Sein geheimes Wissen rührt aus fernen Quellen, von denen der Held noch nicht getrunken hat – noch nicht.

Wer auch immer als Berater, Beschützer und »Anschieber« agiert, es geht hier vor allem darum, dass Unterstützung von außen sich viel öfter einstellt, als verzagte Noch-nicht-Helden sich vorstellen können.

Kampf an der Schwelle

Ist der Beschluss gefasst, die ausgetretenen Pfade zu verlassen und das Abenteuer zuzulassen, dann richten Sie sich darauf ein, schon bald erneut auf Widerstand zu stoßen. An der Schwelle zum »neuen Land« treffen Sie schnell auf einen Hüter, einen »Dämon« des Widerstands, der bewahren und festhalten will. Jetzt müssen Sie beweisen, dass Sie tatsächlich bereit sind. Jetzt zeigt sich, ob Sie Ihren Beschluss wirklich gefasst haben oder ob Ihre kleinen Boykotteure sich von dem Schwellendämon aus ihrem leichten Schlaf wecken lassen. Steht Ihre Entscheidung oder wirft der erste Gegenwind Sie um? Diejenigen, die mutig und ohne Zögern die Schwelle nehmen, werden feststellen, dass der Dämon nur scheinbar ein Hindernis ist. Seine »negativen« Kräfte und ihre »positiven« Energien lösen sich, die starre Opposition verflüchtigt sich, zwischen den Polen entsteht eine Dynamik, ein Kräftefluss, der ohne diesen Übergang undenkbar wäre. Sobald Sie das Neuland betreten, werden Sie Teil einer Verwandlung, einer Transformation, die Sie für die abenteuerliche Reise stärkt. Von nun an versagen die alten Gewissheiten ihren Dienst, hier haben die Straßen keine Namen und hier verkehren keine Linienbusse. Die alten Strukturen brechen auf und rasant eröffnet sich Ihnen eine neue, buchstäblich außerordentliche Welt.

Die große Prüfung

Sie haben den Ruf gehört, die Herausforderung angenommen und sind über die Schwelle getreten. Sie haben die gewohnte Welt verlassen, die nach mehr oder weniger berechenbaren Regeln funktioniert. Jetzt kommt die hohe Zeit der Abenteuer: Sie kämpfen mit dem Drachen, retten die Jungfrau oder werden vom schwarzen Ritter herausgefordert, um es in der Sprache der Märchen, Mythen und Sagen auszudrücken. In diesen Bewährungsproben sind Sie auf sich allein gestellt. Gefahren lauern, von denen Sie vorher nichts geahnt haben. Sie werden zwar Mitstreiter finden, die mit Ihnen Rücken an Rücken für die gute Sache kämpfen, aber die Patentrezepte und Erfahrungswerte Ihres Alltagslebens können Ihnen jetzt nicht mehr helfen. Abenteuer haben keinen Stundenplan. Sie werden also Lösungen ohne Vorbild finden müssen. »Wenn nicht jetzt, wann sonst?« – sollte die Rede von der Kreativität einen Sinn haben? Um schöpferisch die Gefahren meistern zu können, wird man aus dem Fluss des Vergessens trinken müssen. Was dann Kontur gewinnt, ist der Kern Ihres Ich, Ihrer Persönlichkeit mit all ihren erfinderischen Qualitäten. Die Serie der Abenteuer gipfelt in der großen Prüfung, für die Sie sich auf die Reise begeben haben. Nun entscheidet sich, ob Sie mit einem kostbaren Schatz auf die Rückreise gehen können.

Die Belohnung

Parzival fand den Heiligen Gral, Siegfried den Nibelungenschatz und Harry Potter den Stein des Weisen. Und welches Geschenk werden Sie mitnehmen?

All die Schätze, Elixiere und Amulette der fantastischen Heldenzyklen sind Symbole. Das innere Bild, das Sie sich von Ihrem Geschenk machen, glänzt vielleicht golden oder funkelt wie ein Edelstein. Oder Sie stellen sich etwas vor, das man nicht in Worte fassen kann, etwas, das schlicht unbeschreiblich ist. Das wirkliche Geschenk aber, für das all diese Schätze sinnhaft stehen, kann nicht in konvertierbare Währung getauscht und auf ein Bankkonto transferiert werden. Es ist in der Tat viel wertvoller. Sie selbst haben sich verändert. Sie haben sich beschenkt, indem Sie ein anderer geworden sind. Sie sind gewachsen und haben eine neue »Optik« gefunden, eine neue Art und Weise, die Welt, die Prozesse in Ihrem Unternehmen oder Ihren eigenen Karriereweg ins Auge zu fassen. Sie können jetzt klar und deutlich sehen, was vorher im Dunkeln verborgen war. Was vorher wichtig erschien, hat möglicherweise seine Relevanz verloren. Was ehedem keine Bedeutung hatte, rückt nun vielleicht in den Mittelpunkt. Wie die Belohnung, die nur Sie gewinnen können, aussieht, kann Ihnen niemand sagen – nur Sie selbst werden sie erfahren.

Die Rückkehr

Nach der Heldenreise kehren Sie als neuer Mensch in Ihr altes Leben zurück. Jetzt ist es an der Zeit, das sorgsam gehütete Geschenk zu reinvestieren. Return & invest heißt also der Auftrag, der am Ende der Heldenreise steht. Was auch immer Sie aus jener anderen Welt mitgenommen haben, es wird Ihnen im Alltag und Berufsleben weiterhelfen können. Ihre Persönlichkeit ist an den Aufgaben und Prüfungen gewachsen, denn Sie hatten keine andere Wahl, als die Lösungen aus sich selbst zu schöpfen. Sie sind gereift, Ihre Aufmerksamkeiten haben sich verschoben, Sie sind jetzt bereit, andere Schwerpunkte zu setzen. Während Sie sich vorher als zerrissen wahrgenommen haben, haben Sie nun die Sicherheit gewonnen, sich selbst zu formulieren, besser und klarer »Ich« sagen zu können. Damit wird sich auch das Verhältnis zu den Menschen in Ihrer Umgebung grundsätzlich verändern. Ihre Familie, Ihre Freunde und Kollegen, Ihre Businesspartner und die Stakeholder, die Sie als ökonomisch agierende Person umgeben, werden davon profitieren. Das ist Ihr »Return on Investment«, den Sie für Ihren Mut, auf die Heldenreise zu gehen, ausgezahlt bekommen werden.

Man steigt nicht zweimal in den gleichen Fluss, meinte der griechische Philosoph Heraklit. Wenn Sie sich ein zweites Mal auf die Reise begeben sollten, werden es wiederum ganz andere Erfahrungen sein, die Sie machen – denn nicht nur der Fluss, auch Sie sind längst ein anderer.

2. Im Alltäglichen – zum Außergewöhnlichen
Es war einmal ein Elefant …

… und wenn er nicht gerade in der Manege seine Kunststücke

vorführte und die Menschen vergnügte, stand

er hinter dem Zirkuszelt – ein Bein von einem breiten

Stahlreifen umschlossen. Die Kette, die ihn an einen

in den Boden gerammten Holzpfahl fesselte, hätte der

mächtige Koloss mühelos aus dem Boden reißen können.

Aber er tat es nicht.

Als er zum ersten Mal angekettet wurde, war er noch

ein kleiner Elefant, der sich nicht aus eigener Kraft befreien

konnte. Schon bald hatte er begriffen, dass alle

Anstrengungen vergeblich waren, und er gewöhnte sich

an den Pfahl.

Als er schließlich stark genug war, hatte er schon längst

aufgegeben, es zu versuchen. Solange er Heu, Wasser

und dann und wann ein paar Erdnüsse bekam, war er

bereit, den Rest seines Lebens innerhalb eines Durchmessers

von vier Metern zu verbringen.

Unser Elefant wäre nicht der erste, der bei einem Brand

ums Leben kommt, obwohl er den Pfahl, an den er gekettet

ist, ohne jede Schwierigkeit aus dem Boden ziehen

könnte.

Stehen Sie am Scheideweg?

Haben Sie es schon einmal gewagt, den Pfahl herauszureißen oder die Ketten zu sprengen? Wo haben Sie zuletzt die Lust verspürt, die gewohnten Pfade zu verlassen, um Ihren eigenen Lebensweg wiederzufinden oder einen ganz neuen Weg auszuprobieren? Wann haben Sie das letzte Mal diese Stimme gehört, die Stimme Ihres »inneren Kindes«, das noch nicht gelernt hat, dass der Pfahl fest verankert ist? Oder brennt es schon und Sie bleiben Ihren Fesseln doch treu ergeben?

Erinnern Sie sich an dieses Gefühl, das wir alle kennen, wenn Sie entgegen allen Regeln, Gepflogenheiten und eingefleischten Überzeugungen etwas »Verbotenes« tun, das sich in diesem speziellen Moment und für Sie einfach »stimmig« anfühlt? Wenn Sie nicht mehr fragen »Was soll ich? Was muss ich? Was darf ich?«, sondern Ihrem Herzen folgen und wahrhaftig Sie selbst sind? Die Ketten, die wir alle mit uns herumschleppen, zerren eher an uns als wir an ihnen, und sie halten uns fest, manchmal ein Leben lang. Wir alle sind Dickhäuter, die sich daran gewöhnt haben, so einiges zu ertragen. Wir sind Gefangene unserer Gewohnheiten und müssen erst wieder lernen, was wir wirklich wollen.

»Wie wirklich ist die Wirklichkeit?«

Es ist an der Zeit, unsere Realität, unsere Wirklichkeitskonstruktionen zu verändern. »Wie wirklich ist die Wirklichkeit«, hat uns der Philologe und Philosoph Paul Watzlawick gefragt – und ein eindrückliches Beispiel gegeben: Ein Mann klatscht alle zehn Sekunden in die Hände. Auf die Frage nach dem Grund antwortet er: »Um die Elefanten zu verscheuchen.« Auf den Einwand, es gebe hier doch gar keine Elefanten, entgegnet er: »Na, also! Sehen Sie?«

Jemand, der ständig in Furcht (vor Elefanten?) lebt, hat seine Wirklichkeit offensichtlich konstruiert. Aber seine Konstruktion ist real – tatsächlich wird er, Elefanten hin oder her, von seiner Angst bedrängt. Wir erzeugen unsere Wirklichkeit und wir sollten uns verantwortlich für sie fühlen. Die Realität rollt nicht über uns als hilflose Opfer hinweg, vielmehr erzeugen wir selbst maßgeblich unsere Wirklichkeit.

Tief in uns allen gibt es etwas unerhört Wertvolles, ein Potenzial, ein ganzes Bündel von Fähigkeiten, von brachliegenden Möglichkeiten, das nur darauf wartet, endlich in allen Facetten ausgelebt zu werden – es ist vielleicht verschüttet, aber es ist da, es ist wirklich, und wir müssen diesen tief in uns verborgenen Schatz selbst entdecken und heben.

Mein Aufbruch zu mir selbst

Ich möchte Ihnen zuerst von mir erzählen. Und zwar deswegen, weil jede Heldenreise damit beginnt, sich endlich wieder mit sich selbst zu befassen; weil die Heldenreise in uns beginnt und zu uns führt. Auch ich musste das erst lernen. Ohne meinen Aufbruch zu mir selbst wäre ich nicht die geworden, die ich bin. Und ohne meinen Aufbruch zu mir selbst könnte ich Ihnen nicht aufrichtig ans Herz legen, ebenfalls auf die Reise zu gehen.

Bequemlichkeit ist das, was man vom Leben erwarten kann

Das Studium, meine erste Ehe, mein erster Job, ja, es gab immer wieder Phasen, in denen ich mich herausgefordert fühlte, als die Aufgaben wirklich reizvoll und die Beziehung wahrhaft prickelnd waren. Doch im Laufe der Zeit fand ich Gefallen an der Sicherheit und richtete mich bequem ein. Ich fühlte mich sogar eher unangenehm berührt, wenn in mir ein Gefühl von Wehmut oder Sehnsucht aufstieg. Oftmals fand ich mich regelrecht undankbar, schließlich hatte ich doch alles, was ich wollte und was man vom Leben erwarten kann …

Und doch quälte mich tief drinnen etwas. Ein innerer Geist der Unruhe verlangte nach »mehr«, was auch immer das bedeutete. Ich reagierte mit Schuldgefühlen und ging mit mir ins Gericht, hielt mich für verwöhnt, unverschämt und größenwahnsinnig. Aber ich konnte die innere Stimme nur kurz und immer kürzer ruhigstellen. Immer halbherziger wurden meine Versuche, das, was da herandrängte, zum Verstummen zu bringen. In immer kürzeren Intervallen meldete sich der Störenfried. An Ruhe und Gelassenheit war nicht mehr zu denken, und prompt ging ich meinem Umfeld mit meinen Launen gehörig auf die Nerven.

Ich versuchte weiter, mich in den Griff zu bekommen, bis sich erste körperliche Symptome zeigten. Jeden Abend hatte ich Beklemmungen und Angstgefühle. Ich schlief schlecht, schreckte nachts panisch hoch. Tagsüber fühlte ich mich matt und ausgelaugt, konnte mich nur mit unzähligen Tassen Kaffee über den Tag retten. Ich hatte das Gefühl, alle ziehen und zerren an mir. Mein Mann, meine Familie, meine Kollegen, mein Chef, die gesamte Firma – alle forderten ihr Recht und ich blieb immer mehr auf der Strecke.

In meiner Not wandte ich mich an einen guten Freund und erzählte ihm davon, dass ich mich gerne für ein paar Tage ausklinken würde, um über mich, mein Leben, meine Arbeit und meine Beziehung nachzudenken, um mir klar darüber zu werden, wo ich hin wollte, wie mein Weg weiter aussehen sollte.

Ich fühlte mich sehr unsicher, als ich für ein paar Wochen in ein Kloster aufbrach, um an einem Persönlichkeitsseminar teilzunehmen. Dort saß ich zwischen wildfremden Menschen und wollte meine derzeitige Situation klären und herausfinden, was für mich wirklich richtig und stimmig war. Nein, am liebsten wäre ich einfach davongelaufen … Aber in diesem Moment sprang mir meine Feigheit zu Hilfe und ich blieb.

Ich will leben

Die Fragen, die auf mich einstürzten, die ungewohnte Umgebung, die fremden Übungen – das alles wühlte mich auf und stellte alles auf den Kopf. Ich war tief erschüttert und weinte beinahe ununterbrochen – fünf lange Tage, in denen sich ein Meer von Traurigkeit in mir ausbreitete. Ich nahm innerlich Abschied von allem, ich verlor meinen Halt, aber ich lernte gleichzeitig auch, dass »leben« nicht nur heißt »für andere leben«, immer nur für die Erwartungen und Ansprüche der anderen da zu sein. Die Unsicherheit vor dem Neuen ergriff mich und ich taumelte im Schmerz. Die widersprüchlichen Impulse, die vorher durch die Zwänge des Alltagslebens zusammengehalten worden waren, entfalteten sich jetzt mit voller Wucht. Die Sicherheiten flogen auseinander, gleichzeitig wurden aber auch die Grenzen gesprengt, die mich eingeengt und mir den Atem genommen hatten.

Als ich später meine Aufzeichnungen von damals noch mal hervorkramte, las ich: »Ich möchte der Mensch werden, der ich bin. Ich möchte meine Fähigkeiten entdecken und nutzen, lieben können und geliebt werden.«

Der Mensch zu werden, der ich bin – das klingt paradox, doch genau darum geht es auch noch heute in meinem ganzen Leben. Der Psychologe Carl Gustav Jung beschreibt diese Reise zu sich selbst als den Prozess der Individuation. Roberto Assagioli, Arzt und Psychotherapeut, spricht vom »Prozess des fortschreitenden Erwachens« und meint damit einen Vorgang der Bewusstwerdung.

Fang neu an!

Gegen Ende des Seminars tauchten vage und schemenhaft Ideen, Bilder und Fantasien auf, die sich immer mehr verdichteten und konkrete Gestalt annahmen. Plötzlich zerrissen die Schleier, und ich konnte klar sehen. Das Ergebnis hieß schlicht und ergreifend: Fang neu an!

Und ich fing tatsächlich neu an, beruflich wie privat. Ich hatte mit einem Mann gelebt, den ich nicht liebte, und einen Mann geliebt, mit dem ich nicht zusammenlebte. Ich hatte einen Job, in dem ich gut verdiente, Führungsverantwortung hatte, der angesehen war, mich aber fast täglich bedrohlich an meine Grenzen brachte, in dem ich das Gefühl hatte, meine Fähigkeiten überhaupt nicht einbringen zu können – und nicht zu dürfen. Ich wollte raus, einfach nur raus, hatte aber den Notausgang bisher nicht gefunden.

Ich werde nie die ersten Stunden nach der Rückkehr vom Seminar vergessen. In meiner Wohnung kam mir alles eigentümlich fremd und weit weg vor, ich fühlte mich wie zu Besuch. Gleichzeitig spürte ich tief in mir eine unglaubliche Ruhe und Klarheit. Ich hatte meinen Weg deutlich vor Augen. Ich hatte mir längst eingestanden, dass das Versteckspiel aufhören musste, dass in meiner Ehe die Weichen auf Trennung standen. Und auch beruflich hatte ich eine endgültige Entscheidung getroffen. Ich kündigte und begann meine Selbstständigkeit als Trainerin vorzubereiten.

Neuanfang bedeutet: volle Kraft voraus

Ich fühlte mich wie eine Akrobatin hoch oben am Trapez, ohne Netz und doppelten Boden. Ich war stark, weil etwas tief in mir mich traumwandlerisch sicher leitete, und ich war doch immer noch ängstlich und aufgeregt, weil es jetzt galt, den großen Sprung zu wagen. Ich wusste nicht, ob es gut gehen würde, aber es gab keine Alternative, ich musste und wollte mich mutig in die Ungewissheit stürzen. Nichts und niemand konnten mich zurückhalten, und mit aller Kraft stieß ich mich ab.

Nach meiner klaren Entscheidung fühlte ich mich sofort entlastet, befreit, die Beklemmungen und Angstzustände verschwanden. Zwar machte ich zu jener Zeit von außen betrachtet einen reichlich unsicheren Eindruck, aber tatsächlich war ich innerlich stark und so sicher wie nie zuvor. Ich wurde von der tiefen Gewissheit getragen, den richtigen Schritt getan zu haben. Was andere an mir als existenzielle Krise wahrnahmen, war für mich ein Befreiungsschlag von Fesseln und Ketten und von Bequemlichkeiten. Ich kannte meinen Weg und hatte neue Träume, Ideen und Fantasien. Es gab wieder etwas, das meinem Leben Sinn gab. Etwas, was sich gut anfühlte und unglaublich viel Energie freisetzte. Ich ging gestärkt aus dieser schwierigsten Phase meines Lebens hervor, war bereit, das Steuer selbst in die Hand zu nehmen und die Reise in ein neues Leben anzutreten. Das Abenteuer begann!

Reiseunternehmen

The same procedure as last year? The same procedure as every year! Jedes Jahr untersucht das Beratungsunternehmen Gallup das Mitarbeiterengagement in Deutschland. Und es endet jedes Jahr mit fast den gleichen Ergebnissen. Der Engagementindex, den die Gallup-Studie ermittelt, unterscheidet zwischen hoher, geringer und nicht vorhandener emotionaler Bindung an das eigene Unternehmen. Die Werte sind erschreckend – und seit 2001 sind sie zwar geringfügig, aber erkennbar noch einmal in den Keller gegangen.

Du kannst dein Leben ändern

Peter Sloterdijks Durchbruch als Philosoph war die Kritik der zynischen Vernunft von 1983. Seither hat er ein nicht unbeträchtliches Regal mit Buchveröffentlichungen gefüllt und inzwischen sogar sein Metier fernsehreif werden lassen. Seit 2002 moderiert er mit Rüdiger Safranski die Gesprächsrunde Im Glashaus: Das Philosophische Quartett. Noch vor seinem ersten Erfolg lebte er Ende der 70er-Jahre als Sanjassin bei Bhagwan in Poona, im indischen Bundesstaat Maharashtra gelegen. Dort ist er nach eigener Auskunft »unempfänglich geworden für Theorien, in denen die Depression immer Recht hat«. Seine stets anregende »fröhliche« Philosophie hat in den letzten Jahren reiche Früchte getragen, gipfelnd in seinem letzten Großwerk Du mußt dein Leben ändern.

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt, darin die Augenäpfel reiften. Aber sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber, in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug der Brust dich blenden, und im leisen Drehen der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz unter der Schultern durchsichtigem Sturz und flimmerte nicht wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

RAINER MARIA RILKE, »ARCHAISCHER TORSO APOLLOS«

»Wer Menschen sucht, wird Akrobaten finden«, heißt es dort. Sloterdijk beschreibt den Menschen als steigerungsfähiges und verwandlungstüchtiges Wesen. Der Mensch alleine unter jenen, die die Erde – den »Planet der Übenden« – bevölkern, ist dazu fähig, sich selbst anzusprechen mit dem Imperativ: Ändere dein Leben! Der Mensch kann sich in Askese üben, nach oben streben, über sich selbst hinaus, er kann triumphierender Athlet des Daseinssports werden, ein Be(rg)steiger und Erkletterer eigenhändig aufgefalteter Gebirge, ein gravitätsüberwindender Stabilisator des Hochunwahrscheinlichen und Realisator des noch Unmöglichen. Der Mensch ist ein Virtuose der Selbstverwandlung und Höhergestaltung, die Welt sein Trainingslager. »Menschsein heißt« in der Moderne »sich selbst als Werkstatt der Selbstrealisierung betreiben«. Allerdings erweist sich der Mensch als Wesen der zwei Geschwindigkeiten: »Woran es der Welt mangelt, sind nicht Leute, die bereit sind, Fortschritte in der Ebene mitzumachen. Was sie braucht, sind Menschen, in denen der Sinn für die Senkrechte neu erwacht.«

Lassen Sie sich von Gipfelkreuzconnaisseuren wie Sloterdijk nicht irritieren: Ob Sie die Herausforderung der unbestiegenen Steilwand annehmen oder lieber eine weniger gefährliche Route wählen, ist Ihre Entscheidung. Und nicht nur das: Wenn Ihnen das Klima in der Ebene besser bekommt, machen Sie es sich bequem. Falsch an Rilkes letzter Gedichtzeile und Sloterdijks Buchtitel ist alleine das Modalverb. Richtig muss es heißen: Du kannst dein Leben ändern. Freilich möchten uns weder der Dichter noch der Philosoph dazu zwingen, uns zu ändern. Indem Rilke davon spricht, er müsse sein Leben ändern, verleiht er vielmehr dem plötzlich in ihm aufsteigenden Willen zur Veränderung Aus- und Nachdruck. Auf geht’s, ermutigt er sich. Mit anderen Worten: Es ist für ihn in diesem Augenblick, an diesem Ort richtig und stimmig, sein Leben ändern zu wollen. Wenn das bei Ihnen nicht so ist: auch gut! Aber es kann nicht verschwiegen werden: Du kannst dein Leben ändern!

Nehmen Sie Signale ernst

84 bis 88 Prozent aller Arbeitnehmer, inklusive der Führungskräfte, empfinden gegenüber ihrer Arbeit keine echte Verpflichtung. 67 bis 70 Prozent machen Dienst nach Vorschrift, 15 bis 20 Prozent sind »aktiv unengagiert« und haben »innerlich gekündigt«. Der volkswirtschaftliche Gesamtschaden ob dieser latenten Leistungsverweigerung wird allein in Deutschland auf 80 bis 110 Milliarden Euro geschätzt.

Dramatische Zahlen, aber in den meisten Unternehmen passiert gar nichts. Die Zahlen rauschen kurz durch den Blätterwald der Wirtschaftszeitschriften und werden heftig diskutiert. Man mag an der Genauigkeit der Zahlen und den Methoden der Erhebungen zweifeln, aber wie man die Ergebnisse auch dreht und wendet, die Tendenz ist beängstigend. Die Entscheider in den Unternehmen verdrängen die Fakten meist allzu schnell. Die Alarmsignale werden ignoriert und man macht weiter wie bisher: »Das mag vielleicht für andere Unternehmen zutreffen, bei uns sieht das ganz anders aus.«

Noch eine Zahl aus dem Hause Gallup: Über 30 Prozent der Geschäftsergebnisse eines Unternehmens sind auf etwas zurückzuführen, was man »Emotional Economy« nennen kann. In Deutschland sprechen wir zumeist von den »weichen Faktoren der Wirtschaft«. Gemeint ist damit ein Pool von Einstellungen, Emotionen und Verhaltensweisen sowohl der Mitarbeiter als auch der Kunden eines Unternehmens.

Ein Drittel des Erfolgs hängt sehr eng mit Motivation und Engagement zusammen. Mindestens vier von fünf Mitarbeitern empfinden aber nur eine geringe, keine oder sogar eine »negative« Verpflichtung gegenüber dem eigenen Unternehmen!

Gewinnmaximierung kontra Werteorientierung muss nicht sein

Zwar erkennen immer mehr Unternehmen, dass es neben Kennzahlen, Daten und Fakten noch andere Aspekte gibt, die die Geschäftsergebnisse beeinflussen. Sie denken nicht mehr einseitig nur an Gewinnmaximierung, sondern fördern beispielsweise auch etwas wie Werteorientierung. In Gesprächen unter vier Augen unterstreichen viele Führungskräfte die immense Bedeutung von »weichen« Faktoren. Und doch sieht der Unternehmensalltag meistens anders aus und es ist oft nicht weit her mit der Umsetzung der klugen Einsichten. Schließlich bleibt allen kaum einmal Zeit, um Luft zu holen. – Nach der Krise ist vor der Krise, und das heißt in letzter Konsequenz, dass nie Zeit ist, um eine Inspektion der emotionalen Aspekte vorzunehmen.

Investieren Sie in die »emotionale Ökonomie«

Weiche Faktoren sind auch nur »weich« messbar. Wenn die Gallup-Zahlen nur annähernd, nur so ungefähr stimmen, dann ist eins klar: Investitionen in die »emotionale Ökonomie«, die innere Bindung der Mitarbeiter an die Unternehmensziele und ihre Bereitschaft zum Engagement lohnen sich – nicht nur menschlich, sondern auch ökonomisch. Wenn Abteilungen, Projektteams oder ganze Unternehmenszweige nicht wie gewünscht »funktionieren« und kein offensichtlicher Grund dafür auszumachen ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass emotionale Widerstände, welcher Art auch immer, dem Erfolg im Weg stehen.

Die Heldenfahrt als Gruppenreise sprengt verhärtete Strukturen auf, denn in der »positiven Krise«, durch die die Helden gehen, lösen sich starre, unbewegliche Gefüge auf. Führungskräfte, die vorher nie authentisch miteinander geredet haben, kommen ins Gespräch, begreifen die Aufgabe als eine gemeinsame, sie erkennen, dass viele ihrer Meinungen und Haltungen auf Vorurteilen basierten, und werden bereit, sich motiviert und engagiert einzubringen. Motivation, Engagement und nie für möglich gehaltene neue Kräfte sprießen dort, wo vorher Stillstand und Rückschritt herrschten. Aus Gegeneinanderarbeitern werden Zusammenarbeiter, aus Mitläufern Anführer.

Und natürlich kann auch passieren, was mit mir geschehen ist. Möglicherweise erkennt einer, der auf die Reise gegangen ist, dass er hier gar nicht (mehr) hingehört. Nicht lange nach der Landung flattert eine Kündigung auf den Schreibtisch des Personalbüros. Wir sollten begreifen, dass wir dann keinen Verlust zu beklagen haben. Was man »verliert«, ist jemand, der schon vorher wahrscheinlich »aktiv unengagiert« war. Der äußeren Kündigung ist längst die innere vorausgegangen. Aus einer latenten ist eine manifeste Wahrheit geworden. Wir gewinnen dagegen die Möglichkeit, den frei gewordenen Platz mit jemandem zu besetzen, der mehr als nur seinen frischen Wind hereinbringt … auf einmal löst sich der unsichtbare Knoten und die ganze Gruppe nimmt gemeinsam Fahrt auf, entwickelt einen unglaublichen »Flow«, der vorher hartnäckig ausgebremst wurde.

Die Reise beginnt im Alltag

Die soziologischen Beschreibungen des Begriffs »Alltag« haben einen gemeinsamen Grundgedanken: Alltag besteht aus routinemäßigen Abläufen. Jeden Tag, »alltäglich« also, gehen wir zur Arbeit, leben unsere Konsumgewohnheiten aus, haben Freizeit – und nicht zuletzt schlafen wir ungefähr zu den gleichen Zeiten. Jeden Tag wiederholt sich der fast immer gleiche Ablauf, und es gibt Zeiten, die sich häufen, je älter wir werden, da wir mit Verwunderung feststellen, dass schon wieder so viel Zeit vergangen ist. Wir haben das Gefühl, dass das Leben bei all dem Alltag an uns vorüberzieht. Wir alle aber beherrschen die Kunst des Handelns, wie es der französische Theologe Michel de Certeau nannte. Wir können nicht nur behandelt werden, sondern auch handeln und leben. Wir können die Routinen unseres Alltags verändern, ja unsere ganze Alltäglichkeit auf den Kopf (oder die Beine) stellen. In unseren tagtäglichen Routinen sind wir bis zu einem gewissen Maße unfrei, aber wir haben die Freiheit, uns aus diesem Kontext zu lösen, »Stopp!« zu sagen und die verstreichende Alltagszeit anzuhalten. Wir können über unseren Lebensweg bewusst entscheiden, aber dafür müssen wir einen Keil in dieses Räderwerk namens Alltag klemmen.

Im Alltag verliert sich die Zukunft

Dafür bedarf es eines Entschlusses: Wir müssen uns zuwenden wollen – uns selbst zuwenden wollen. Das heißt nichts anderes, als dass wir uns bewusst sein müssen, dass es diese Möglichkeit überhaupt gibt. Ohne das Wissen, dass wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen und gestalten können, bleiben wir in unserem Alltagstrott verhaftet. Wir können nicht sehen, dass wir sehen können. Diese bewusste Situation herzustellen, kann das Helden-Coaching leisten. Die Helden in spe können durch Einzel- oder Team-Coaching aus ihren alltäglichen Fesseln schlüpfen und sich bewusst sich selbst zuwenden, um den Ruf, der in jedem schlummert, aufzuwecken und ihm Gehör zu verschaffen.

Oft genug, zu oft, passiert genau das nicht. Wir wissen dann nicht um unseren Ruf. Wir wissen nicht einmal, dass wir nicht wissen. Aber doch ist der Ruf da. Und immer wieder versucht er, sich vernehmlich zu machen. Er haut auf die Pauke, um zu sagen: »Hier bin ich, hör mir zu!« Immer noch können viele ihn nicht hören, nicht verstehen, was da eigentlich diesen Lärm erzeugt und was er zu bedeuten hat. Wenn der Körper unzufrieden ist mit dem privaten und/oder beruflichen Leben, zu dem er genötigt wird, dann sendet er uns mitunter kryptische Signale. Unsere Leistung ist es, sie zu entziffern und in unsere Sprache zu übersetzen. Eine hartnäckige Migräne, die wir drei, vier, fünf Jahrzehnte nicht kannten, die jetzt aber erst gekommen und dann nicht mehr gegangen ist, kann ein solches Signal sein. Ihr Körper ist ein kognitiver Resonanzkörper, der manchmal früher Bescheid weiß als Ihr Gehirn. Die Zeichen, Signale und Symptome können vielfältig sein. Es wäre besser, sie zu verstehen, als sie nur unterdrücken zu wollen. Liebe dein Symptom wie dich selbst heißt der Titel eines Werkes des slowenischen Philosophen Slavoj Žižek, und wir sollten diesen Imperativ beherzigen. Veränderungen, die sich körperlich, seelisch oder geistig ihren Weg suchen, sind nicht immer einfach auf das Konto der vergehenden Zeit zu buchen, sondern mitunter Symptome, die mit uns sprechen und verstanden werden wollen.

Hinter diesen Symptomen steht sehr häufig der ungehörte Ruf. Erinnern Sie sich an den Beginn der Harry-Potter-Saga? Harry bekommt irgendwann Post, zugestellt von einer Eule. Seine Zieheltern fangen den Brief ab. Der gleiche Brief kommt noch einmal … und noch einmal … und schließlich bricht eine wahre Flut des immergleichen Briefs über das Haus seiner Tante Petunia und ihres Mannes Vernon Dursley herein. Tausende und Abertausende identische Briefe – der Ruf Harry Potters nach Hogwarts, seine Berufung zum Zauberlehrling. Was in Literatur und Film sich in einem prägnanten Symbol verdichtet, ist in der Realität oft diffus und kaum entzifferbar. Wendet man sich den ungefähren Signalen aber bewusst zu und fokussiert sie, dann werden die Umrisse besser sichtbar und der Ruf irgendwann deutlich vernehmbar. Nehmen Sie ein Vergrößerungsglas, und schauen Sie genauer hin!

WIE SIEHT ES IM MOMENT IN IHREM LEBEN AUS?

Betrachten Sie alle Bereiche, die für Sie relevant sind, unter einem Vergrößerungsglas: Familie und Freunde, Arbeit und Beruf, Gesundheit, Interessen und Freizeit, Sinn und Ziele, Finanzen, Ihre persönliche Entwicklung …

Womit sind Sie im Augenblick zufrieden?

• Was ist gut und soll so bleiben? Was macht Sie glücklich? Wie sehr macht Ihnen Ihre Arbeit Freude? Immer, immer seltener oder immer öfter? Gibt es etwas in Ihrem Leben, wofür es sich aufzustehen lohnt?

Womit sind Sie zurzeit unzufrieden?

• Was sollte sich verändern? Was muss sich ändern? Was macht Sie unglücklich? Was frustriert Sie? Was würde sich in Ihrem Leben verändern, wenn Sie einen oder mehrere Aspekte ändern würden? Welche Vorteile würden sich ergeben? Welche Nachteile müssten Sie bedenken? Wenn Sie allen Mut der Welt hätten, was würden Sie sofort in Angriff nehmen? Welche Ecke in Ihrem Leben mögen Sie im Moment gar nicht gerne anschauen? Welche unangenehmen Dinge ignorieren Sie im Augenblick, obwohl es sich langfristig wahrscheinlich rächen wird?

Werten Sie die Antworten auf diese Fragenkomplexe aus:

• Wenn Sie alle interessanten Bereiche reflektiert, analysiert und angeschaut haben: Welcher Bereich braucht Ihre Aufmerksamkeit jetzt und vordringlich? Was ruft nach Beachtung?

• Was ist es, das da anklopft und mehr Raum in Ihrem Leben möchte? Was ruft nach Befreiung oder Akzeptanz?

• Welche Fantasien sind aufgestiegen? Welche verführerischen Vorstellungen von der (noch) besseren Zukunft sind vor Ihrem inneren Auge aufgetaucht? Was würde Ihr Leben reicher, lebendiger, erfüllter und glücklicher machen?

• Fassen Sie Ihre neu gewonnenen Erkenntnisse in nur einem Satz zusammen, und konzentrieren Sie sich auf diese Essenz. Sprechen Sie den Satz mehrmals laut aus, wenn Sie meinen, sich so besser fokussieren zu können. Beachten Sie die Empfindungen und Gefühle, die Sie damit verbinden. Wie reagiert Ihr Körper, wie Ihre Psyche, wie Ihr Geist darauf? Welche Stimmen melden sich zu Wort und was sagen sie?

»Schöner Scheitern«

Beate, eine Coachee von mir, zog auf diese Weise ihre Bilanz. Sie war zu mir gekommen, weil sich in ihr der allgemeine Wunsch nach Veränderung regte. Wo der Schuh drückte und wie schlimm, hatte sie nicht recht artikulieren können. Ein Arzt hätte möglicherweise von einer »diffusen Diagnose« gesprochen und sie nach Hause geschickt. Dass mehr dahinter steckte, war aber unübersehbar. Als sie bereit war, sich selbst unters Vergrößerungsglas zu begeben und einmal genauer hinzusehen, kam die ganze Wahrheit – und das gesamte Ausmaß des Unleugbaren – zum Vorschein. Beate sezierte schonungslos jeden einzelnen Lebensbereich und kam überall zum gleichen Ergebnis: Sie empfand ihr ganzes Leben als einzige Katastrophe. Auf jedem einzelnen Sektor war irgendwie alles schiefgelaufen. Beruflich fühlte sie nur Ödnis, war weit weg von irgendeiner Form der Identifikation mit der Arbeit; viele ihrer Freunde hatte sie verloren, zurückgeblieben waren die falschen; ihre freie Zeit war leer und unerfüllt, nur noch dunkel konnte sie sich an die lustigen Zeiten ihres Lebens erinnern; von persönlicher Entwicklung konnte, so hart es klingt, keine Rede sein, nicht einmal von Stagnation, sondern vielmehr von Regression; im Bodensatz ihrer Existenz erkannte Beate, dass Sinn und Glück für sie schon lange nur noch Worthülsen waren.

Beates Schonungslosigkeit gegenüber sich selbst hat mich überrascht. Lange hatte sie ihre Sicht der Dinge eingefärbt und sich so zurechtgelegt, dass die Fassade aufrechterhalten werden konnte. Aber jetzt brachen alle Dämme. All die Schutzmechanismen, die das Lügengebäude über dem Abgrund stabil gehalten hatten, versagten plötzlich ihren Dienst und kein Stein blieb auf dem anderen. Beate hatte Tabula rasa gemacht und damit schon den Grundstein für einen Neuanfang gelegt.

In der Folgezeit zog sich Beate aber mehr und mehr zurück – von mir, ihrer Umwelt und sich selbst. Die Mauer des Schweigens, die sie erfolgreich zum Zusammensturz gebracht hatte, begann sie mühsam zu renovieren. Der Élan vital, der sie kurz und heftig ergriffen hatte, wich wieder aus ihrem Gesicht, ihrer Miene und ihren Bewegungen. Sie sah mich »grau« an und verwehrte mir den Blick hinter die Fassade. Irgendwann ließ sie sich dann gar nicht mehr blicken. Offenbar hatte sie sich dazu entschieden, das Leben und die Alltagsroutinen weiterzuführen, die sie unglücklich gemacht hatten. Sie brachte den Mut nicht auf, der angefangenen Inventur Taten folgen zu lassen. Die Angst vor den weitreichenden Folgen der Veränderung war zu groß.

Wenn Sie sich verändern wollen, ändern Sie Ihre Perspektive

Wir meiden Veränderungen, Umbrüche, Lebensumbrüche in unserem Leben, manchmal sogar wie die Pest. Wir wollen unsere eingefahrenen Denkweisen einfach nicht revidieren. Selbst wenn alle Hinweise, alle äußeren und inneren Stimmen, auf Veränderungen hindeuten, halten wir an dem Alten fest und wollen nicht wahrhaben, was wirklich mit uns passiert.

In unseren Köpfen sind diese Umbrüche mit der Vorstellung des Scheiterns assoziiert, und Scheitern ist etwas, das als unakzeptabel und folglich zu vermeiden gilt. Im geheimen Bauplan unseres Lebens kommt diese Möglichkeit nicht vor, deswegen wird das Scheitern eifrig verdrängt. Das darf eben einfach nicht sein. Die offensichtliche Niederlage ist etwas, was um jeden Preis vermieden werden muss. Viele gehen davon aus, dass sich unser Leben wie selbstverständlich von einem Höhepunkt zum anderen bewegen wird. Wenn sich diese Vorstellung als Illusion entpuppt, sind Heulen und Zähneklappern groß, Panik greift um sich und guter Rat ist plötzlich teuer, wenn nicht unerschwinglich.

Scheitern als Chance, sich selbst neu zu erfinden

Leben heißt Entwicklung, Stillstand ist Rückschritt, und Rückschritt bedeutet den Tod. Wir sollten uns von dieser Litanei lösen und akzeptieren, dass zu allen Entwicklungsprozessen auch Fehlschläge gehören. Entscheidend für unseren Lebenserfolg und unser Glück ist es, wie wir damit umzugehen lernen. In krisenhaften Situationen zeigt sich, wo die Baustellen in unserem Leben sind. Diese Misserfolge, Brüche, Fehlschläge sind es, an denen wir wachsen und gedeihen können. Unsere Fähigkeit, umdenken und umdeuten zu können, um uns neu zu erfinden, steht dann auf dem Prüfstand. Also, ändern Sie Ihre Perspektive! Wenn Sie auf Ihre Misserfolge schauen, entdecken Sie die positiven Seiten daran. Nutzen Sie gerade diese Herausforderungen als wichtige Ratgeber, und lernen Sie, wie der Publizist Matthias Horx uns auffordert, »schöner zu scheitern«.

Veränderungsimpulse

Mitten in unseren Alltag platzen von Zeit zu Zeit Veränderungsimpulse. Sie kommen von außen oder wir sind selbst der Absender. Ob wir aber auch der Empfänger sind, ob sie uns auch erreichen, steht auf einem anderen Blatt. Beate, deren Geschichte ich grob umriss, wollte offenbar nicht, dass die Signale ihre Wirkung entfalten können. Was aus ihr geworden ist, weiß ich nicht. Sie hat sich nie wieder gemeldet. Über die berühmten paar Ecken habe ich gehört, dass sie es sich in Stillstand und Rückschritt bequem gemacht hat. Aber, wie gesagt, das weiß ich nur vom Hörensagen. Ganz bestimmt und mit großer Gewissheit aber weiß ich, dass, wer seine Impulse verpasst, die Rechnung präsentiert bekommt.

Träume wollen gelebt werden, sonst bleiben sie ein Traum

Nichts könnte das besser belegen als die Geschichten von Armin und Volker. Armin stammt aus einem kleinen Dorf im Schwarzwald, wo die Einwohnerzahlen seit Jahrzehnten zurückgehen. Seine Eltern haben dort seit Ewigkeiten einen kleinen Sanitärhandel, der früher gut lief, doch wegen der rückläufigen Bevölkerung und der übermächtigen Konkurrenz der Mega-Baumärkte längst zum dauerhaften Minusgeschäft geworden ist. Als Armin jung war, hatte er große Träume. Er wollte in die Welt hinausziehen, er wollte aus der provinziellen Enge fliehen, er wollte Pilot werden und den Globus umrunden. Aber es blieb bei Träumen. Das Dorf und das Haus der Eltern hat er nie verlassen. Er führte den Betrieb der Eltern weiter, obwohl ihm eigentlich immer klar war, dass das Geschäft irgendwann seinen Ruin bedeuten würde. Statt seine Träume zu realisieren, hat er sich eine Spielekonsole angeschafft – sein Lieblingsspiel: ein Flugsimulator. Es gibt nichts Traurigeres, als verpasste Impulse und erloschene Träume …

Von MTV auf die Alm

In Bayrischzell zwischen dem Schliersee und der Grenze zu Österreich liegt malerisch die Jugendherberge Sudelfeld. »Natur pur wie bei Heidi auf der Alm«, heißt es auf der Internetpräsenz des 1200 Meter hoch gelegenen Berghauses. Herbergsmutter ist Angie Sebrich, gewesene Kommunikationschefin bei MTV. Seit diesem spektakulären »Karriererückschritt« geistert sie durch die Presse als das deutsche Paradebeispiel für »Downshifting«. Das sagt sich leicht und hört sich gut an, stimmt aber nicht ganz. Downshifting, das heißt herunterschalten oder kürzertreten, weniger arbeiten und mehr leben. Was Angie Sebrich an den Hängen der bayrischen Alpen gefunden hat, lässt sich aber nicht auf diese Formel bringen, wohl aber auf eine ähnliche: immer noch viel arbeiten, aber unvergleichlich mehr leben.

Zwischen roten Teppichen, glühenden Telefonen, Partys en masse und regelmäßigen Jetlags spielte sich das Leben der gelernten Betriebswirtin ab, die über den Posten als PR-Chefin von Antenne Bayern zu MTV gekommen war. Schnell stellten sich Zweifel an diesem Leben ein, aber das Rennen auf der Erfolgsspur ist so schnell, dass keine Zeit zum Luftholen und Nachdenken bleibt. Es ist, wie so oft: Der Zufall brachte sie dazu, in sich zu kehren und der inneren Stimme zuzuhören, über Lebenspläne, Perspektiven und Träume nachzudenken. Im gemeinsamen Urlaub mit ihrem Mann lernte sie zwei Jugendherbergsmitarbeiter kennen, die erzählten, dass der 100-Betten-Betrieb in Bayrischzell verwaist sei. Ihre innere Stimme hatte sie gehört, die Idee war gefunden, und zurück im PR-Alltag zogen die Ketten und die Zukunftsaussicht unaufhörlich an ihr.

Schnell kristallisierte sich heraus, dass jetzt die Zeit gekommen war, etwas Neues zu wagen. Sie druckte eine Infoseite über die zur Disposition stehende Herberge aus, malte ein großes Herz um das Bild des Hofs, legte das Ganze auf den Schreibtisch ihrer Chefin und sagte entschlossen: »Das will ich machen!«

Sie folgte ihrem Ruf und verließ gegen alle Widerstände die breite Erfolgsspur. Sie verdient nun ein Drittel dessen, was sie beim Glamour-Sender bekam, aber sie ist mit Herzblut bei der Sache und bereit, ein neues Leben zu führen – ein Leben, dem sie mehr Sinn abgewinnt, mehr Lebensqualität und Freiheit. Sie führt nun ein selbstbestimmtes Leben, in dem auch die Arbeit eine »Seele« hat. Sie kann Leben, Familie und Arbeit optimal verbinden. Aber sie führt kein Leben wie im Heimatfilm. Trotz des wunderschönen Blicks auf den Wendelstein und Sonnenuntergängen vor Alpenpanorama: Es ist alles andere als ein sorgenloser Dauerurlaub, denn die Bewirtschaftung der Jugendherberge bringt viel Arbeit mit sich. Nicht Downshifting, sondern ein nach wie vor arbeitsreiches, aber eben weniger stressiges, fremdbestimmtes Leben ist es, das sie nun führt. Sie hat ihren gewaltigen Schritt bis heute nicht bereut und ist ein lebendiges Beispiel für den ersten und wichtigsten Imperativ der Heldenreise: »Hört auf die innere Stimme!«

Volkers Situation war seit jeher eine andere. Er ist ein Kind der Stadt – und ein ganz anderer Charakter. Ich kenne ihn, genau wie Armin, nur sehr flüchtig (und beide waren auch nie Coachees von mir), und ich hatte nie mitbekommen, dass auch er immer vom Beruf des Piloten geträumt hatte. Er hatte in sehr jungen Jahren mit geliehenem Geld ein Restaurant mit Kneipe gekauft, war also schon damals ein Risiko eingegangen und hatte etwas daraus gemacht. Um es salopp zu sagen: Der Laden brummte ohne Ende, war immer rappelvoll und zwar jahrein, jahraus, ohne Unterlass. Aber plötzlich verkaufte Volker seinen Laden – auf dem Höhepunkt seines geschäftlichen Erfolgs. Kaum jemand konnte das damals verstehen. Aber dahinter steckte ein guter, ein sehr guter Plan. Den üppigen Erlös reinvestierte Volker in eine teure Pilotenausbildung. Es lief nicht alles reibungslos: Weil er in seiner Probezeit eine ziemlich harte Landung hinlegte, gestaltete sich sein Weg zur ersten festen Anstellung etwas zäh, aber er blieb hartnäckig am Ball. Er flog zeitweise klapprige Frachtmaschinen auf abgelegenen Routen – aber er kam zu Hause ohne Flugsimulator aus. Sein Weg war steinig, aber er ließ sich nicht von seinem Traum abbringen, einen Beruf über den Wolken auszuüben. Schon seit Jahren ist er dort angelangt, wo er hinwollte – auf dem Pilotensessel einer großen Airline.

Wem es gelingt, einen Traum zu verwirklichen, lebt in diesem Moment wahrhaftig

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir alle Träume haben, dass wir alle von Impulsen belagert werden. Aber wir müssen bereit sein, sie zu empfangen, sie hineinzulassen, ihnen den Raum zu geben, damit sie sich entfalten können. In unserem Alltag können wir oft nur »Kurz- oder Mittelwelle« empfangen, für »Langwelle« fehlt uns die Antenne. Die langwelligen Impulse gehen im Getöse der alltäglichen Notwendigkeiten und Zwänge unter. Wir sind darauf geeicht, nur zu reagieren, dabei können wir alle agieren. Aber das ist nicht einfach. Die richtige Wellenlänge und den richtigen Sender zu finden, bedarf einiger Anstrengung und Umgewöhnung. Aber es lohnt sich. Denn wenn wir es verpassen, diese Aufgabe anzugehen, dann ist es für diesen oder jenen Traum irgendwann vielleicht wirklich zu spät – und wir sterben, ohne je wirklich gelebt zu haben.

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