Kitabı oku: «Nichts bleibt wie es ist»

Yazı tipi:

Angelika Kutsch
Nichts bleibt wie es ist

Saga

I

Wenn Silke sich auf Zehenspitzen stellte und so weit vorbeugte, daß ihre Nase die Fensterscheibe berührte, konnte sie sehen, ob Armin draußen vor dem Tor auf sie wartete.

Die Fensterscheibe hatte schon viele Flecken von ihrer Nase, denn jeden Tag um fünf Minuten vor halb fünf stellte Silke sich auf Zehenspitzen und drückte die Nase gegen die Fensterscheibe. »Kein Wunder, daß ich meine Kakteen nicht mehr zum Blühen bringe«, sagte Frau Kassun, wenn sie schlecht gelaunt war. »Das kommt nur daher, weil Sie dauernd auf der Fensterbank herumturnen!«

Um fünf Minuten vor halb fünf klang das Klappern der Schreibmaschinen im Saal nur noch wie vereinzeltes Tropfen aus einem Baum nach dem Regen, während es tagsüber wie das Geprassel eines endlosen, heftigen Regenschauers war. Kurz vor Feierabend klapperten nur noch die Nachzügler, die mit der letzten Platte nicht fertig geworden waren.

Obwohl Armin jeden Tag da draußen vor dem Tor stand, konnte Silke es nicht lassen, aus dem Fenster zu gucken. Ein bißchen war es der Test, ob sie ihn noch gern hatte. An dem Tag, an dem sie nicht mehr diesen Stich im Bauch fühlte vor lauter Freude, ihn zu sehen – an dem Tag war es aus mit der Liebe. Dachte sie. Ein bißchen war es auch die Angst, er könne eines Tages nicht mehr dastehen, obwohl sie ihn noch gern hatte. Er könnte einfach wegbleiben, weil er mit einer anderen ging oder weil er anfing, in Kneipen oder Spielhöllen herumzuhängen. Wundern würde es sie nicht, aber Angst hatte sie trotzdem. Ja, wenn er endlich wieder Arbeit fände, dann könnte sie es gut ertragen, ihn nicht am Tor zu sehen. Dann würde sie gern allein nach Hause gehen.

Aber Armin hatte keine Arbeit. Heute stand er genauso da wie gestern und vorgestern, wie in der letzten Woche und im letzten Monat. Er hatte den langen Schal bis über den Mund gewickelt und die Hände tief in die Jackentaschen vergraben. Mit hochgezogenen Schultern stand er zwischen wartenden Ehefrauen und Freundinnen.

Es war kalt. Im Februar erwartete man nichts anderes. Eigentlich gehörte Schnee dazu und klirrender Frost. Aber es war eben nur grau und naßkalt wie immer. In spätestens zehn Minuten mußten sie sich wieder mit den immer gleichen Fragen herumquälen: Was machen wir heute? Wohin gehen wir heute?

In spätestens zehn Minuten konnte sie ihm aber auch um den Hals fallen und erzählen, was heute passiert war. Denn dieser 19. Februar war ein besonderer Tag. Kündigungstermin, der Tag, an dem man »den Stuhl vor die Tür gestellt bekommt«. Oder der Tag, an dem man selbst kündigte, alles hinwarf, dem Chef die Meinung sagte.

Als Silke ins Personalbüro gerufen wurde, dachte sie, nun sei sie an der Reihe. Schon im letzten Quartal hatten einige dran glauben müssen. »Der Wasserkopf muß weg, die Rezession, Sie verstehen.« Auf dem Weg ins Personalbüro hörte sie in Gedanken schon alles, was man ihr gleich sagen würde. Eigentlich brauchte sie gar nicht mehr hineinzugehen. Ob es denen eigentlich leicht fiel, so etwas zu sagen? Was empfanden die eigentlich dabei? Vielleicht schlief der Personalchef schlecht vor dem Kündigungstermin? Vielleicht hatte er jetzt ein bißchen Magenkneifen?

Das mußte sie herauskriegen. Diesen letzten unangenehmen Augenblick wollte sie ihm nicht ersparen, wenn sie schon gehen mußte.

Und dann saß er da hinter seinem Schreibtisch mit dem vollen Terminkalender und dem Apparat mit den vielen Knöpfen, lächelte sie an, als kenne er sie wieder, obwohl sie ihm nach der Einstellung nie mehr begegnet war, und setzte zu einer hübschen Rede an. Weil sie aber etwas ganz anderes erwartet hatte, konnte sie gar nicht gleich begreifen, worum es eigentlich ging, sagte nur immer »ja« und »danke«, als hätte sie etwas geschenkt gekriegt. Dabei stand es ihr doch zu, wenn sie seinen Worten glauben durfte, das Aufrücken und der Mehrverdienst. Weil sie so tüchtig war, so schnell und so zuverlässig, immer da, wenn man sie brauchte – jemand, der zu schade war, um im Schreibsaal nur Briefe nach Platten abzutippen.

Gleich würde sie es Armin erzählen. Sie hatte ja immer noch nicht begriffen, was es eigentlich bedeutete. Vielleicht würden sie sich bald ein eigenes Zimmer leisten können von dem neuen Gehalt? Vielleicht würden Armin und sie endlich zusammenziehen können?

Unter ihrem Fenster hörte sie schon vereinzelte Schritte. Gleich, wenn die Sirene heulte, würde das Geräusch zu einem einzigen Schlurfen und Schurren anwachsen. Spätestens in dem Augenblick war der Saal normalerweise wie leergefegt. Aber heute scharten sich alle um die kleine Blasse in der Ecke. Ihr war gekündigt worden. Ganz verheult war sie vom Gang aus dem Personalbüro wiedergekommen. Sie hatte zwar noch eine Schonzeit von sechs Wochen, räumte aber ihre Schubladen aus, als wolle sie nie wiederkommen. Süßstoffbehälter, Teebeutel und Salmiakpastillen verschwanden in ihrem Täschchen, und alle schauten ihr teilnahmsvoll zu.

Silke wollte sich an der Gruppe vorbeidrücken. Aber das Röschen, das eigentlich Fräulein Rose hieß, hielt sie auf.

»Was ist los? Sie haben mir gar nicht erzählt, was die von Ihnen wollten!«

Das Röschen war Silkes Nachbarin im Schreibmaschinensaal. Sie verstanden sich gut und fanden mitten in dem Geklapper und der Hektik immer noch ein bißchen Zeit, miteinander zu reden. Das Röschen hatte immer ein Stück Schokolade in der Schublade, wenn Silke Appetit darauf hatte, und für jedes Wehwehchen das richtige Medikament. Dafür hörte Silke sich alles an, was das Röschen, alleinstehend und schon Mitte Dreißig, am Wochenende erlebt hatte, wer sie angerufen und was gesagt hatte.

»Sie sind doch nicht gefeuert?« fragte das Röschen ängstlich. Ihr lag viel an Silkes Nachbarschaft.

»Das nicht.« Silke zögerte.

»Was denn also? Da sollte doch ein Aber kommen?«

»Ich werde zum 1. April versetzt.«

»Wieso versetzt? Der Laden hat doch keine Zweigstellen!«

Silke seufzte. Wie schwer es war, jemandem, den man gern hatte, beizubringen, daß man eins vorrückte, weg von den anderen. In diesem Augenblick kam es ihr wie Verrat vor.

Sie sagte schnell, was zu sagen war. Block V, dritter Stock, Sekretariat vom Vertriebsleiter. Da gab es individuelle Briefe zu tippen, Termine zu überwachen und Telefongespräche zu vermitteln. Da war man nur zu viert.

Das Röschen starrte sie an. »Zu den Schnepfen«, sagte sie gedehnt. »Diese eingebildeten Ziegen, die einen angucken, als ob man eine Klofrau wär, wenn man ihnen mal was bringen muß. Sie freuen sich doch nicht etwa drauf?«

»Ich kann das Geld brauchen«, sagte Silke. »Sie werde ich schon nicht so angucken, wenn Sie mich mal besuchen kommen. Klofrauen kann ich übrigens gut leiden.«

Röschen guckte nach, ob sie auch genügend Papiertaschentücher für den Heimweg hatte, denn sie war verschnupft. »Aus den Augen, aus dem Sinn«, murmelte sie in ihre Tasche hinein. »Quatsch«, sagte Silke. »Ich brauch Sie doch! Sie sind die einzige, mit der ich hier reden kann!«

»Weil ich neben Ihnen saß.«

»Wir sitzen ja noch eine Weile nebeneinander«, sagte Silke. »Sie werden schon sehen. In Zukunft rufe ich Sie auch sonntags an, und wir erzählen uns alles, was in der Woche passiert ist. Und wenn ich erst mal ein eigenes Zimmer habe, weil ich mir das vielleicht bald leisten kann, kommen Sie mich besuchen, und wir trinken russischen Tee. Den mögen Sie doch so gern.« Sie waren die letzten, die gingen. Der Weg zum Tor war nicht weit, denn ihr Schreibsaal war im ersten Gebäude der riesigen Anlage untergebracht.

»In Zukunft werden Sie ein bißchen länger brauchen, ehe Sie draußen sind», sagte das Röschen. »Ich werde auf Sie warten.« Dann sah sie Armin, der jetzt allein dastand. Die Frauen waren schon alle weg. »Wenn Ihr Freund Sie mal nicht abholt«, fügte sie schnell hinzu.

Böse starrte er ihnen entgegen. »Wenn ich hier noch eine Sekunde länger stehe«, sagte er in seinem harten Deutsch, »dann fallen mir die Ohren ab!«

Röschen verabschiedete sich schnell.

Silke sah ihr nach. »Wir hätten sie einladen sollen«, sagte sie, »gerade heute. Sie ist so allein.«

»Wozu, zum Fernsehen bei deiner Großmutter?« fragte Armin. Seitdem sich die Familie Kapsreiter aufgelöst hatte, weil der Vater seinen Laden zumachen mußte, lebte Silke bei ihrer Großmutter. Und dort lief jeden Abend der Fernsehapparat. Sie mußte lachen und wollte sich bei ihm einhängen. Aber er preßte seinen Arm so eng gegen den Körper, daß sie nicht mit der Hand dazwischen kam.

»Nun sei doch nicht so, nur, weil ich mal eine Viertelstunde später als sonst gekommen bin!« sagte sie.

»Die Zeit eines Arbeitslosen ist wohl gar nichts wert, was? Und dir tut’s ja nicht weh, wenn mir die Füße frieren«, knurrte er in seinen Schal. Er ging so schnell, daß sie kaum mit ihm Schritt halten konnte, denn er hatte sehr lange Beine.

Sie schwieg einstweilen, weil sie hoffte, beim Gehen werde ihm warm und das würde seine Laune schon heben. Schließlich konnte er nicht von ihr erwarten, daß sie ihn unentwegt bedauerte, weil er arbeitslos war. Mitleid änderte nichts und drückte nur die Stimmung.

Als sie an der Straßenecke angekommen waren, wo sie sich für ein Ziel entscheiden mußten, blieben sie erst einmal stehen.

»Ich könnte uns ein Hähnchen vom Supermarkt holen, und dann gehen wir in die Gartenlaube«, schlug Armin vor.

»Meinst du, da ist es warm?«

»Wir machen Kerzen an –«

»Letztes Mal hast du die Bude fast in Brand gesteckt!«

Armin war beleidigt. »Hast du eine bessere Idee?«

Im Kino ist es warm, bei der Großmutter ist es auch warm, dachte Silke. Oder zu Hause bei Armin. Da ist es sogar überheizt. Aber nirgends waren sie allein. Sie hatten nur die Laube im Schrebergarten, den Czaczeckes gepachtet hatten. Armins Mutter konnte ohne Gartenarbeit nicht leben. Sie war nur glücklich, wenn ihr abends der Rücken wehtat und die Erde sich nicht mehr aus den Poren ihrer Hände bürsten ließ, im Frühjahr, wenn die Luft voll blauem Rauch war von verbranntem Reisig und Laub.

Aber da draußen war es heute wirklich zu kalt, und wenn sie zur Großmutter gingen, mußten sie bis zehn Uhr fernsehen. Dann ging die Großmutter schlafen. Und wenn sie schlief, das hatte sie Silke unmißverständlich erklärt, wollte sie »keinen Fremden« in der Wohnung haben.

Silke hatte versucht, sie zu überzeugen, daß Armin kein Fremder mehr war, daß sie schon alt genug sei und daß es überhaupt ganz harmlos war, wenn sie noch ein Weilchen in der Küche auf der Eckbank beisammen saßen. Sie würden auch ganz leise sein! Aber die Großmutter beharrte auf ihrem Standpunkt, der aus dem vorigen Jahrhundert stammte, obwohl sie Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts geboren worden war.

Wenn sie zu Czaczeckes gingen, war es kaum anders. In dem einen Zimmer der Fernseher, im anderen jemand, der schlief, weil er Schichtarbeit hatte, im dritten machte die Jüngste Schularbeiten, und in der Küche wirtschaftete Frau Czaczeckes bis in den späten Abend, weil sie berufstätig war und sonst nicht zur Küchenarbeit kam.

Und im Kino waren sie doch erst gestern gewesen!

»Mensch, hast du schlechte Laune heute!« sagte Armin.

Silke wischte sich die Augen. Der Wind, der um die Ecke pfiff, ließ sie tränen. »Ich?« sagte sie. »Ich habe heute sogar ganz besonders gute Laune! Aber wenn du meinst – dann kannst du ja nach Hause gehen, wenn dir was nicht paßt!«

Armin baute sich breitbeinig vor ihr auf, wie um ihr den Weg zu versperren. »Glaubst du, dafür habe ich die halbe Weltreise quer durch die Stadt gemacht?«

Es war ihr Unglück, daß Czaczeckes ausgerechnet am anderen Ende der Stadt eine Wohnung gefunden hatten.

»Und ich hab mich so nach dir gesehnt«, sagte Silke leise. So war das oft. Erst sehnte sie sich nach ihm, und wenn sie sich dann trafen, waren alle Gefühle wie weggeblasen, und sie wußte nicht mehr, worauf sie sich so gefreut hatte.

»Ich auch«, sagte Armin. Er lehnte seine Stirn gegen ihr Haar. Sie lächelten sich an. »Ich hab noch einen Zehner«, sagte er. »Gehen wir ins Café und wärmen uns auf. Dann werden wir weitersehen.«

Sie bestellten Schwarzwälder Kirschtorte. Armin liebte süße Torten, und auch der Kaffee konnte ihm nicht süß genug sein. Silke schaute zu, wie er Zucker in den Kaffee schaufelte. Jetzt konnte sie es nicht länger für sich behalten. »Du«, sagte sie, »bald können wir uns das öfter leisten, so viel Zucker und Torte, wie du willst. Vielleicht brauchen wir aber nie mehr in Cafés oder bei meiner Großmutter herumzusitzen!«

Armin legte den Löffel auf den Teller. »Im Lotto hast du nicht gewonnen, weil du kein Lotto spielst. Hast du vielleicht einen reichen Onkel in Amerika, der gestorben ist?«

Silke lehnte sich behaglich zurück. Jetzt konnte sie es anders erzählen. Die Beklemmung vorm Röschen war weg. Jetzt konnte sie sagen, wie es war. Ein wunderschönes Gefühl war das, eins aufzurücken, in einem gemütlichen Zimmer mit drei anderen zu sitzen, einen richtigen Schreibtisch mit Terminkalender und Telefon zu haben. Das neue Zimmer war mit Teppich ausgelegt, und an den Wänden hingen Bilder in richtigen Rahmen, nicht nur mit Stecknadeln angepinnte Kalenderfotos.

»Komisch«, sagte Armin, als sie fertig war, »wenn es nach den Briefen ginge, die du noch mal schreiben mußtest, weil du Herrn Schmidt mit ›Sehr geehrte Frau Müller‹ angeredet hast oder weil du zu oft verbessert hast, dann hätten sie dich eher entlassen müssen. Du stehst doch sicher an erster Stelle im Verbrauch von Korrekturband. Bist du sicher, daß es kein Versehen war?«

»Du bist gemein!« sagte Silke. »Freust du dich denn gar nicht ein bißchen? Stell dir vor, in einem halben Jahr haben wir vielleicht schon ein Zimmer für uns, du und ich.«

»Natürlich freu ich mich«, sagte Armin, sonderbar freudlos. »Aber ein Grund zum Überschnappen ist es auch nicht. Was kriegst du denn von zweihundert Mark brutto mehr ausbezahlt? Ja, wenn ich einen Job hätte –!«

Silke schwieg und merkte wieder einmal, wie schön das Leben sein könnte, wenn nur Armin nicht arbeitslos wäre. Sie könnte weiter im Schreibsaal sitzen für zweihundert Mark weniger, könnte weiter bei der Großmutter leben – wenn Armin nur Arbeit hätte. Dann wären sie glücklich.

Vor fast zwei Jahren hatten sie ihre Arbeit in der Leuchtenfabrik, wo sie sich kennengelernt hatten, aufgegeben. Silke hatte zwar in einem Büro gesessen, aber sie hatte nur Hilfsarbeiten gemacht, und davon hatte sie genug. Sie war zur Berufsberatung gegangen und hatte Schreibmaschinen- und Stenografiekurse besucht. Ihre Noten waren so gut, daß mehrere Firmen sie anstellen wollten. Die Stelle im Schreibsaal des Großkonzerns war ihr am sichersten erschienen.

Armin wollte erst einmal Deutsch lernen, nachdem er in der Leuchtenfabrik aufgehört hatte. Er war erst vor einiger Zeit mit seinen Eltern aus Polen gekommen. Seitdem er die Kurse besucht hatte, sprach er fließend Deutsch, aber immer noch rollte er das R, sang er die Vokale und betonte die Wörter so, daß es nicht schwer zu raten war, woher er kam.

Als er mit der Schule fertig war, mußte er jeden Gelegenheitsjob annehmen, denn Czaczeckes brauchten Geld. Sie hatten endlich eine Wohnung gefunden, die für die große Familie ausreichte. Lange Zeit hatten sie in einer Barackensiedlung gewohnt. Jetzt konnten sie endlich von vorn anfangen. Da war jeder Pfennig wichtig, damit die Wohnung das Schmuckstück wurde, das sie sich in Polen erträumt hatten.

Im letzten Herbst, als es mit der Familie dann ein bißchen bergauf ging, versuchte Armin, sich auf sein eigentliches Ziel zu konzentrieren. Er suchte eine Stelle, wo er seine in Polen begonnene Lehre als Automechaniker beenden konnte. Aber inzwischen war es zu spät. Mit der Konjunktur war es stetig bergab gegangen, nur Armin hatte es nicht bemerkt, solange er noch einen Job und Geld hatte.

Nun war er schon seit sechs Monaten arbeitslos. Mit dem Arbeitslosengeld war es bald vorbei, und dann würde er vermutlich nicht einmal eine Unterstützung bekommen, weil seine Eltern ein Einkommen hatten.

Armin berührte ihre Hand. »Klar freu ich mich«, wiederholte er. »Ich wär ja blöd! Wer hat schon so ein tüchtiges Mädchen.« Täuschte sie sich, oder klang es ein bißchen bitter?

Sie tranken ihren Kaffee aus und gingen in den Park, um die Enten mit Silkes Mittagsbrot zu füttern, das übriggeblieben war. In einer Stunde wurden die Tore geschlossen. Bis dahin konnten sie sich noch überlegen, ob sie zur Großmutter oder zu Czaczeckes gehen wollten.

»Das Wochenende ist wenigstens gesichert«, sagte Armin, und das schien ihn mehr zu freuen als Silkes Beförderung. »Babysitten bei deiner Schwester! Ich freu mich schon.«

Er zog ihre Hand in seine Manteltasche, und da hielten sich ihre Finger fest und warm umschlungen.

II

Gern ging Silke nicht in die Eisenbahnstraße, weil sie sich unbehaglich fühlte in der Wohnung, in der sie aufgewachsen war und die heute so anders aussah als früher.

Nur im ehemaligen Kontor, einer schmalen Kammer, erinnerte die alte Tapete mit den Flecken, wo Kalender, Zahlungsaufforderungen und Erinnerungszettel gehangen hatten, an früher. Da war sogar noch der Fleck zu sehen, wo sich die Mutter immer an die Wand gelehnt hatte, wenn sie den täglichen Ärger mit den Kindern beim Vater loswerden wollte, der bis spät abends an seinem Schreibtisch gesessen und an seinen Schulden herumgerechnet hatte, ohne daß sie weniger wurden.

Gisela hatte die Wohnung übernommen, nachdem die Mutter gestorben war und der Vater eine Stelle beim Straßenbau angenommen hatte. Aber vor einiger Zeit hatte er plötzlich vor der Tür gestanden. Gekündigt. Was blieb Gisela anderes übrig, als ihn in seiner eigenen Wohnung wieder aufzunehmen?

An diesem Abend ging er zum Kegeln, und deshalb hatte Silke zugesagt, allerdings nur unter der Bedingung, daß sie Armin mitbringen durfte.

»Was, bist du immer noch mit dem zusammen?« hatte Gisela zerstreut gesagt. »Na ja, was können wir von dir auch anderes erwarten. Du warst schon immer ausdauernd. Armin – was für ein komischer Name! Seine Eltern hatten wohl eine Vorliebe für die alten Germanen?«

»Na und? Du hast eben eine Vorliebe für die Südländer. Silvio –!«

»Weil ich nie nach Italien gekommen bin«, sagte Gisela. »Irgendwie muß ich mir mein Traumland doch ins Haus holen.« Robert, ihr Mann, wäre ja mit ihr nach Italien gefahren, wenn Silvio nicht dazwischengekommen wäre ...

»Armin ist aus Allenstein«, erklärte Silke. »Weißt du, wo Allenstein liegt? Heute heißt das Olsztyn. Als er geboren wurde, war es schon polnisch. Aber seine Eltern waren Deutsche, Ostpreußen, und sie wollten sich wohl auch etwas Deutsches ins Land holen und nannten ihre Kinder Armin und Siegfried und –«

Daran war Gisela nicht interessiert. »Na, dann trab mal an mit deinem alten Germanen!«

Am Samstagabend standen Gisela und Robert schon ausgehbereit an der Tür, als sie kamen.

»Silvio schläft. Im Kühlschrank steht eine Platte mit Schnittchen. Und trinkt, was da ist.«

Dann schlug die Tür hinter ihnen zu, und Silke und Armin waren allein in der dunklen Höhle des Korridors. Der war früher auch düster gewesen, vollgestellt mit Möbeln. Aber jetzt hatten sie ihn braun gestrichen, und das machte ihn fast gemütlich. Auf Zehenspitzen und in Socken betrat Armin den gelben Teppich im Wohnzimmer, schaute eine Weile umher. Im Gegensatz zu früher war es hell. Gelbe Vorhänge, und die Kiefernmöbel, billig erstanden in einem schwedischen Möbelgeschäft, sahen im gelben Licht auch gelb aus. Der Vater behauptete zwar, sie erinnerten ihn an seine Gemüsekisten, aber bei ihm war man es gewohnt, daß er an allem etwas auszusetzen hatte.

Silke beneidete Gisela um diese Geborgenheit. Wie gern würde sie selbst einen gemütlichen Sessel oder eine hübsche Truhe besitzen. Aber selbst wenn sie genügend Geld hätte, wäre bei der Großmutter kein Platz für neue Möbel. Silke haßte die Plüschgarnituren, den riesigen Wohnzimmertisch mit der ewigen durchsichtigen Plastikdecke über dem geblümten Tischtuch, das irgendeine Vorfahrin bestickt hatte. Sie haßte die Nymphen im wulstigen Goldrahmen überm Doppelbett, und am meisten haßte sie die Nächte in Großmutters Schlafzimmer. Da lagen sie in tiefer Finsternis wie in einem Sarg, denn nichts fürchtete die Großmutter mehr als Zugluft.

Armin ging im Zimmer herum, prüfte, wie weich das Sofa war, fuhr mit den Fingern über die Glaskrüge, die im Regal standen. »Deiner Schwester geht es verdammt gut«, sagte er. »Die braucht sich nicht um die Zukunft zu sorgen. Die braucht nicht mal was zu wollen.«

»Du kennst meine Schwester doch gar nicht!« Silke zündete eine Kerze an und schaltete das Licht aus, damit die perfekte Umgebung ein bißchen verschwand und sie sich dafür näherkamen. »Meine Schwester«, sagte sie, »träumt von Italien –« Aber Armin hörte gar nicht hin. »Vor zwei Jahren wußte ich auch noch, was ich wollte: große Wohnung, ganz neu, fließendes Wasser, warm und kalt, Farbfernseher, Brotröster, Grillapparat, Stereoanlage, jeden Tag Fleisch, Vater sollte ein Auto und Mutter eine elektrische Nähmaschine haben –«

»Ein bißchen von alldem habt ihr doch!«

»Ein bißchen, ein bißchen!« sagte Armin. »Das ist es ja eben. Von diesem und jenem nur ein bißchen. In Polen hatte ich wenigstens einen Freund –«

»Du hast doch mich!«

Er hörte auf herumzutigern und setzte sich zu ihr aufs Sofa. Nahm sie in den Arm. »Natürlich habe ich dich. Aber – verstehst du, manchmal möchte ich einen Freund, nicht irgendeinen. Es muß schon einer wie Antek sein. Und ein Motorrad hatte ich auch in Polen.«

»Als ob die ganze Seligkeit von einem Motorrad abhinge!« So gelassen wie Silke tat, war sie nicht. Armins Motorradträume beunruhigten sie. Neuerdings konnte er kaum noch etwas anderes denken. Es kam ihr so vor, als hätte er seine Träume im Osten gegen diesen neuen Traum im Westen eingetauscht: das Motorrad, das drüben geblieben war. Und der Freund.

Unvermittelt fragte Armin: »Was würdest du tun, wenn du zum nächsten Termin die Kündigung kriegst?«

»Du stellst Fragen!« Silke stöhnte. »Ich habe die neue Stelle ja noch nicht einmal ausprobiert.«

»Man kann doch mal fragen«, sagte Armin. »Andere stellen sich ein besseres Leben vor, das sie nie erreichen. Ich denk lieber gleich dran, wie es wirklich sein könnte. Und daß du arbeitslos wirst, ist ja wohl eher möglich, als daß wir reich werden.«

»Wie du meinst«, sagte Silke ergeben. »Vermutlich bliebe uns nichts anderes übrig, als Bauern zu werden, uns von dem zu ernähren, was wir mit unserer Hände Arbeit schaffen.« Sie kicherte über ihre hochtrabenden Worte. »Das wäre vielleicht die Lösung. Du hast Erfahrung, und ich habe als Kind immer Bohnenkeimlinge in einem Blumentopf auf der Fensterbank gezogen. Es machte mir Spaß, etwas wachsen zu sehen. Eigentlich möchte ich nicht nur einen Teil meiner Arbeit sehen, sondern das Ganze von Anfang bis Ende. Und dann möchte ich sagen können: Das habe ich gemacht.«

Armin brach in lautes Lachen aus. »Hast du die Ferkelchen gemacht?« fragte er, nach Luft schnappend. »Hast du das Korn wachsen lassen?« Er drückte sie an sich. »Schön wäre es. Aber nicht hier. Manchmal wünschte ich – du und ich und zu Hause –«

»Zu Hause wo?« fragte Silke schnell.

»Ich weiß ja, daß es verrückt ist.« Armin seufzte. Er goß Wein in die Gläser, die Gisela bereitgestellt hatte. Der Wein schimmerte vor der gelben Kerzenflamme. »Wenn ich Arbeit hätte, könnten wir heiraten. Vielleicht, wenn wir ein Kind hätten und ein Gärtchen ... vielleicht würde ich mich hier mehr zu Hause fühlen und nicht mehr an Antek und an das Motorrad denken.«

Sie stießen mit den Gläsern an. Sie tranken. Silke kuschelte ihren Kopf an seine Schulter und blinzelte in die Flamme. In dieser warmen gelben Dämmerung könnte man für eine Weile schon alle Sorgen vergessen. Sie küßten sich.

Plötzlich wurde es ganz hell im Zimmer. Sie hatten niemanden kommen gehört. In der Tür stand Herr Kapsreiter, leicht schwankend, und starrte sie mit offenem Mund an. Sein Blick war farblos, als hätte der Alkohol seine Augenfarbe verwässert.

Silke verfiel sofort in die Rolle der Großmutter. »War’s schön?« fragte sie mechanisch. »Du kommst früh!«

Herr Kapsreiter zerrte sich die ohnehin schon halbgelöste Krawatte vom Hals und hängte sie über den Türgriff. Er schaute zur Flasche. »Was trinkt ihr denn da?«

Armin hielt ihm wortlos das Weinetikett hin.

Herr Kapsreiter schüttelte sich und holte eine Bierflasche aus dem Kühlschrank. »Ihr sitzt da wie die Ölgötzen«, sagte er, als er zurückkam. »Habe ich euch gestört?«

Silke hatte sich endlich von der Überraschung erholt. Sie stellte die beiden einander vor.

»Armin!« wiederholte Herr Kapsreiter und musterte ihn. »Hab ich schon mal gehört. Was treibst du denn so?« Wenn er betrunken war, duzte er alle Leute.

Armin erzählte ihm in dürren Worten, wie es war.

»Arbeitslos! Dann können wir uns ja die Hand geben«, sagte Herr Kapsreiter. »Wenn ich noch so jung wäre wie du –!«

»Was würdest du dann tun?« fragte Silke.

»Als ich so alt war wie er«, sagte Herr Kapsreiter, »war Krieg. Mich haben sie auch noch eingezogen.«

Die Geschichten kannte Silke zur Genüge. »Ich möchte wissen, was du tun würdest, wenn du jetzt jung wärst!« sagte sie ungeduldig.

Herr Kapsreiter drehte die Bierflasche zwischen den Händen und starrte vor sich hin. »Mein Vater«, sagte er, »hat Ähnliches erlebt. Krisen, Arbeitslosigkeit ... Er hat mir oft davon erzählt. Aber heute ist es unheimlicher, schleichender. Damals ging’s deinem Nachbarn genauso dreckig wie dir. Aber heute bist du plötzlich draußen, wenn es dich erwischt hat, und wenn du dich beklagst, dann heißt es, was willst du denn, dir geht’s doch blendend. Du kriegst ein Bombengeld fürs Nichtstun. Mann, in deiner Haut möcht ich stecken – das hat eben noch einer zu mir gesagt, und ich hätt ihm am liebsten eine reingehauen.«

Herr Kapsreiter erhob sich schwankend. »Am liebsten eine reingehauen«, wiederholte er. Und ging. Er mußte ziemlich viel getrunken haben, denn sonst sagte er kaum zwei vollständige Sätze hintereinander.

Sie warteten, bis er sich ausrumort hatte in der Wohnung. Silke ging noch einmal nach Silvio schauen, der fest und rotbackig in seinem Gitterbett schlief. Dann blies sie die Kerzen aus.

Später in der Nacht schreckten Gisela und Robert sie auf aus der schlafwarmen Geborgenheit. Sie mußten hinaus in die Kälte.

Es war eine sternklare kalte Nacht, in der sie ihren Atem wie festgewachsene weiße Wolken vor sich hertrugen. Aus den Augenwinkeln sah Silke an der dunklen Hausfront empor. Oben im Kinderzimmer leuchtete es gedämpft.

Noch nie hatte sie sich so »draußen« gefühlt.

III

Im April wurde die Großmutter fünfundsiebzig. Es kamen Blumentöpfe von den Nachbarn mit vergoldeten, verschnörkelten Ziffern, und abends gingen sie »ganz groß« aus. Onkel Sepp bestand darauf, italienisch essen zu gehen, obwohl die Großmutter viel lieber Bratkartoffeln und Milchsuppe an ihrem wachstuchbedeckten Küchentisch aß.

Sie trug das schwarze Kleid, das sie zuletzt zur Beerdigung von Frau Kapsreiter getragen hatte. Unglücklich saß sie auf der schmalen und harten Bank, die für kleine Italiener geeignet sein mochte, nicht aber für die fast eineinhalb Zentner der Großmutter.

Herr Kapsreiter mußte statt Bier Wein trinken, und Dagmar, die Jüngste, die bei Onkel Sepp und Tante Gertrud lebte, hatte eine Verabredung mit ihrer besten Freundin absagen müssen. Gisela und Robert saßen wie auf Kohlen, weil sie ihren Sohn einem Babysitter überlassen mußten, zu dem sie kein Vertrauen hatten, und eigentlich war nur Onkel Sepp geburtstagsheiter. Er hatte gerade einen »ganz dicken Fisch« an Land gezogen und sah die Zukunft in rosigstem Licht.

Die Gesichter färbten sich zwar rosig vom Wein, aber sonst blieb die Stimmung gedrückt. Unlustig stocherte die Großmutter in der Lasagne herum. Herr Kapsreiter verzog bei jedem Schluck Wein das Gesicht, und als er endlich in Stimmung kam und in »Hoch soll sie leben« ausbrach, traten sie ihm von allen Seiten auf die Füße.

»Geburtstagsfeste sind auch nicht mehr das, was sie früher mal waren«, murmelte er.

Onkel Sepp war großzügig an diesem Abend. Dagmar bekam ein Eis mit heißen Himbeeren, Tante Gertrud und Gisela teilten sich eine Weincreme, und für die Männer ließ er noch einen Birnenschnaps kommen.

Silke wollte nichts.

»Du wirst genau wie deine Großmutter«, sagte Onkel Sepp. »Nur nichts probieren, was du nicht kennst. Du wirst auch einmal zu denen gehören, die nicht ins Ausland fahren, weil die Würstchen da anders schmecken als du es gewohnt bist.«

Silke lächelte. Heute konnte er ruhig auf ihr herumhacken. Sie hatte die erste Woche im neuen Zimmer hinter sich, und sie hatte ein gutes Gefühl. Das war auch ein Grund zum Feiern. Onkel Sepp würde sie von ihrer Beförderung erst erzählen, wenn sie ganz sicher war.

Sie schwieg und ließ die Tür nicht aus den Augen. Die Gänge zwischen den gelben Lichtinseln waren in Dunkelheit getaucht, aus der nur hin und wieder die weißen Hemden der Ober blitzten. Trotzdem hoffte sie, Armin sofort daran zu erkennen, wie er die Tür öffnete. Sie wußte, wie er ein fremdes Lokal betrat, daß er erst einmal vorstürmte, dann stehenblieb, die Schultern zusammenzog, als hätte er Angst vor seinem eigenen Mut bekommen.

Wenn er kam. Das war noch nicht sicher. Von seinem Erscheinen hing alles ab, dieser Abend, ihre ganze Zukunft. Denn er wollte nur kommen, hatte er gesagt, wenn es heute klappte mit der Stelle, die man ihm vom Arbeitsamt zugewiesen hatte.

Wenn es nur klappte!

Die anderen wußten von nichts. Geburtstagsfeier ganz unter uns, hatte Onkel Sepp bestimmt.

»Was dir deine Großmutter erlaubt, ist mir egal, heute mußt du dich mal nach mir richten!« Schließlich zahlte er ja auch.

»Daß du immer noch mit diesem Polack herumziehst«, hatte er gesagt. »Als gäb’s nicht genug tüchtige Burschen bei uns.«

»Armin ist kein Polack«, hatte Silke widersprochen.

»Nein, nein, er ist Aussiedler. Er ist ›heim ins Reich‹ gekommen und spricht bloß noch ein bißchen Polnisch.« So war Onkel Sepp.

Seitdem Silke als Lieblingsnichte total versagt hatte – sie wurde nicht das hübsche Mädchen, wie er erwartet hatte, sie war so passiv und ohne Phantasie, sie lehnte es ab, nach Frankreich zu reisen, als er es ihr ermöglichen wollte, und sie wurde nicht einmal Vorzimmerdame bei einem seiner Geschäftsfreunde –, hatte sein Interesse an ihr nachgelassen. Jetzt setzte er auf Dagmar. Dafür würde er sorgen, daß sie nicht vorzeitig vom Gymnasium abging, so wie Silke die Lehre beim Vater abgebrochen hatte. Er würde darauf achten, daß sie an die richtigen Freunde geriet, nicht an Türken, Itacker oder Polacken ...

Als erstes sah sie einen riesigen Busch Japanischer Kirschblüten, der sich sanft schimmernd in die Dämmerung des Lokales vorschob, langsam, dann stockte er. Ein Ober stellte sich ihm in den Weg. Kurze Diskussion, dann schälte sich ein weißer Hemdkragen aus dem Mantel. Armin hatte sich in Schale geworfen.

Er hatte es geschafft! Am liebsten wäre sie ihm entgegengelaufen und um den Hals gefallen.

Sein breites Lächeln verschwand in den Japanischen Kirschblüten, als er sich vor der Großmutter verbeugte, und auch sein gemurmelter Glückwunsch ging in den Blumen unter.

»Hoffentlich hast du sie nicht in den Schrebergärten geklaut?« flüsterte Silke.

Die Großmutter wußte gar nicht, was sie sagen sollte vor Freude und Verlegenheit. Die Überraschung teilten alle mit ihr. Sie mußten ein bißchen zusammenrücken auf der schmalen Bank, damit Armin auch noch Platz fand.

»Was zu trinken?« fragte Onkel Sepp. Ob Armin hungrig war, fragte er lieber nicht. Er setzte wohl voraus, daß der Anblick der leergegessenen Teller, die Peperonischwänze und verkohlten Pizzaränder Armin den Appetit verschlagen müßten.

Armin bestellte ein Bier, und Onkel Sepp verzog das Gesicht wie sonst nur Herr Kapsreiter, wenn er Wein trinken mußte. Das Bier kam, Armin trank, stöhnte vor Behagen und tauchte mit einem weißen Schaumbart wieder aus dem Glas auf.

»Prost, Großmutter!« sagte Armin und hob sein Glas ein zweites Mal. Die Großmutter stieß mit ihrem leeren Wasserglas an sein Bierglas. Silke hielt rasch ihr Weinglas dazwischen, und Dagmar wollte unbedingt wissen, wie es klingt, wenn man mit einem Colaglas an ein Bierglas stößt, und bald stießen alle mit den Gläsern an, reihum und kreuz und quer. Klingen, Lachen, aber dann war es wieder still.

»Und Sie, junger Mann, was machen Sie so?« wandte Onkel Sepp sich an Armin.

Silke wußte, daß sie vor der Antwort keine Angst mehr zu haben brauchte. Sie strahlte schon, ehe er es ausgesprochen hatte, und er sagte es mit erstaunlicher Gelassenheit, als mache er das schon seit Jahr und Tag: »Tankwart.«

Onkel Sepp zog die Stirn kraus. »Dazu braucht man wohl keine Ausbildung?«

»Armin hat in Polen eine Lehre als Automechaniker angefangen«, redete Silke dazwischen. »Wenn er noch dort wäre, würde er viel Geld verdienen.«

»Das ist sicher kein Kunststück in einem Land, das so schlechte Autos produziert, daß sie alle naselang in die Werkstatt müssen.« Onkel Sepp lachte dröhnend. Er lachte allein.

»Josef!« sagte Tante Gertrud und stieß ihm ihren spitzen Ellenbogen in die Seite.

»Wenn’s doch stimmt! Einer meiner Vertreter war kürzlich drüben. Der ist da irgendwo bei den Kaschuben geboren, und weil er ein sentimentaler Hund ist, mußte er wieder hin. Der hat Schauergeschichten erzählt, als er wiederkam. Das kann ich euch sagen!«

»Schauermärchen«, verbesserte Armin.

»Er hat mit eigenen Augen gesehen, wie alle paar Kilometer ein kaputter Lastwagen an der Straße stand, und die Reifen abgefahren – blank wie ein Gummiball! Das ist ja lebensgefährlich. Und montags fleischloser Tag. Also, wenn ich mir das bei uns vorstelle, montags gäb’s nur Eierspeisen ... So dreckig ging’s uns ja nicht mal im Krieg.«

»Josef!« sagte Tante Gertrud.

»Und warum gibt es einen fleischlosen Tag?« fragte Armin.

»Weil die nicht wirtschaften können. Kassieren Deutschlands Kornkammern und schieben trotzdem Kohldampf!«

»Niemand hungert in Polen«, sagte Armin scharf. »Und den fleischlosen Tag mußten sie einführen, weil die im Westen ihnen das Fleisch wegfressen. Sie müssen es verkaufen, weil sie die hochwertigen Maschinen aus dem Westen brauchen. Um sie kaufen zu können, brauchen sie harte Devisen, und deswegen geht viel Fleisch in den Westen. Und natürlich nach Rußland. Aber das ist noch eine andere Geschichte.«

Armin trank einen großen Schluck nach der langen Rede. Bei jedem Satz war sein Tonfall mehr in den polnischen Singsang verfallen. Silke überlegte krampfhaft, was sie zur Entspannung der Atmosphäre einwerfen könnte. Ihr fiel nichts ein.

Aber Onkel Sepp hielt sich an das Motto »Der Klügere gibt nach«. »Laß gut sein, Junge«, sagte er gönnerhaft, »wir leben in zwei verschiedenen Welten. Aber meinst du nicht, daß es an der Zeit ist zu akzeptieren, daß du jetzt im Westen lebst und nicht mehr auf der anderen Seite?«

»Habt ihr Brüderschaft getrunken?« fragte Gisela erstaunt. »Das habe ich ja gar nicht mitgekriegt. Also Prost, Armin, ich heiße Gisela!«

Niemand sonst trank Brüderschaft mit ihm, und Onkel Sepp sagte für den Rest des Abends wieder »Sie«.

Es war nicht mehr viel übrig vom Abend. Die Großmutter hatte schon ganz kleine Augen, und Robert redete dauernd davon, daß er morgen früh aufstehen müsse.

Nachdem Onkel Sepp gezahlt hatte und alle in ihre Mäntel gefunden hatten, standen sie noch einen Augenblick wie ein Häuflein Verlorener vor dem Lokal herum, als könnten sie sich nicht trennen, in der Mitte die Großmutter mit ihrem Blumenbusch, die anderen um sie herum. Wer die Szene von ferne sah, mochte glauben, hier sei ein besonders schönes Familienfest zu Ende gegangen.

Silke konnte es gar nicht erwarten, mit Armin allein zu sein, um mehr von dem großen Glück zu erfahren. Aber er war einsilbig.

»Leute wie dein Onkel –« sagte er.

»Leute wie mein Onkel brauchen dich ab heute nicht mehr zu kümmern! Jetzt erzähl schon, von Anfang an, du kamst rein und dann?«

Armin mußte lachen und erzählte. Am ersten Mai fing er bei der Freien Tankstelle draußen am Autobahnzubringer an.

»Da ist was los«, sagte er, »da rauscht es Tag und Nacht vorbei. Da klingelt die Kasse. Der Job ist ausbaufähig. Wenn es gut läuft, steige ich vielleicht mal ein. Jetzt können sie dir sogar kündigen.«

IV

Das nächste Fest wurde bei Czaczeckes gefeiert.

»Nicht so ein Fest wie Omas Fünfundsiebzigster«, versprach Armin, »wo alle nach der Pfeife deines großkotzigen Onkels tanzen müssen. Ein richtiges Fest, verstehst du? Es gibt Gänsebraten und Weißsauer und Mohnkuchen und viel, viel Bärenfang.«

Eins unterschied das Fest von vornherein von » Omas Fünfundsiebzigstem«: Es war ganz selbstverständlich, daß Silke auch kam. Sie hatte ein Recht darauf, denn sie gehörte sozusagen zur Familie.

Sie fuhr schon vormittags zu ihnen, um in der Küche zu helfen. Teig war zu rühren, Berge von Kartoffeln waren zu schälen, und beim Zwiebelschneiden flössen Tränen.

Der Kühlschrank ließ sich kaum noch schließen, so vollgestopft war er mit Wurst und Butter und Sahnetöpfen. Bier- und Schnapsflaschen standen im kalten Wasser in der Badewanne, und im Korridor konnte man nur seitwärts an den riesigen Backblechen vorbeigehen, die auf der Kommode standen. Unter karierten Küchentüchern duftete es verlockend nach Hefekuchen.

Grund zum Feiern hatten sie allemal: Die letzten Verwandten von »drüben« waren herausgekommen. Wenn sie es sagten, klang es, als seien sie einer großen Gefahr entronnen.

Als die Verwandten kamen, gab es Tränen, Umarmungen und Küsse. Immer wieder fielen sie sich um den Hals. Auch Silke bekam etwas davon ab. In dieser Familie nahm man sich häufig in die Arme. Der Mund stand ihnen keine Sekunde still. Da soll noch einer behaupten, die Ostpreußen seien dickschädlige Schweiger!

Nachdem sich der Begrüßungssturm gelegt hatte, führten Czaczeckes stolz ihren Besitz vor. Armins jüngste Schwester Renate streckte den Po heraus, um das Markenzeichen auf ihren Jeans zu zeigen, und Helga schleppte ein Transistorgerät mit sich herum, dessen Plärren alles übertönte, so daß die Familie noch lauter reden mußte, als sie es ohnehin schon tat.

Frau Czaczeckes ließ sich nicht davon abhalten, in dem ganzen Durcheinander von Mänteln, Schüsseln und Kuchen die elektrische Nähmaschine vom Kleiderschrank zu holen und eine Zickzacknaht vorzunähen. Und ihr Mann sagte mehrmals, der Fernseher hier sei viel billiger als ihr alter in Polen. Und sicher würde er länger halten.

Die Reden bei Tisch verstand Silke nicht alle. Die Neuen hatten noch nicht ganz abgeschlossen mit ihrer Vergangenheit, die ja erst kürzlich zu Ende gegangen war, und die anderen fielen nur zu gern in die vertraute Sprache.

»Wasserpolnisch«, flüsterte Armin Silke zu. »Einem Polen dreht sich beim Zuhören der Magen um.«

Silke löffelte die fette Hühnerbrühe und betrachtete die Gesichter. Die, die schon länger im Westen waren, unterschieden sich von den Neuankömmlingen durch ihre Blässe. Im Essen und Trinken stand keiner dem anderen nach. Silke mußte beim Nachtisch passen. Er war die Krönung des Tages: Blaubeeren aus Ostpreußen, die den Transport gut überstanden hatten, eigens eingepackt für diesen großen Tag, an dem sie alle wieder vereint waren.

Alle, das stimmte nicht ganz. Silke entnahm den Gesprächsfetzen, daß ein alter Onkel drüben geblieben war.

»Einen alten Baum verpflanzt man nicht«, hatte er gesagt und sich geweigert, die Papiere zu unterschreiben, die ihm sein Neffe vorbereitet hatte.

Sein Neffe, das war Onkel Fritz, der jetzt hier war mit seiner Familie.

»Was will er noch da?« ereiferte sich Onkel Fritz mit Blaubeerlippen. »Ich verstehe nicht, was ihn dort hält. Er ist der letzte Deutsche im Dorf. Alt ist er auch. Seine Wirtschaft wird er aufgeben müssen, weil er die Arbeit ohne mich nicht schafft. Er wird sie dem Staat überschreiben müssen. Ob ihm das nicht in der Seele wehtut, habe ich ihn gefragt.«

»Und was hat er gesagt?« wollte Herr Czaczeckes wissen.

»Der Alte wurde sentimental. Ihm hat schon viel wehgetan, hat er gesagt, also wird er das auch noch überleben.«

»Laßt ihn doch«, sagte Frau Czaczeckes. »Er ist da geboren, aufgewachsen, alt geworden. Und dort liegt seine Frau auf dem Friedhof begraben.«

Ihr Mann schüttelte heftig den Kopf. »Was hat ein Lebender von Gräbern? Hier ginge es ihm gut auf seine alten Tage, und für sein krankes Bein bekäme er ohne Mühe die richtige Medizin.«

Armin unterbrach ihn heftig. Silke verstand nicht gleich, worum es ging. Immer wieder fiel ein Name, der wie »Goscha« klang. Die anderen wollten offenbar nicht darüber reden. Das geht uns nichts mehr an. Die Brücken sind abgebrochen. Mochte er zusehen, wie er mit seiner Goscha, seinem kranken Bein und der ganzen polnischen Wirtschaft fertig wurde, der alte Starrkopf.

»Wer ist denn Goscha?« fragte Silke leise.

»Meine Verwandten hier reden immer nur von der Polacka«, erklärte Armin ebenso leise. An seinem Ton merkte sie, daß er die Meinung nicht mit ihnen teilte. Laut sagte er: »Ich weiß gar nicht, was ihr euch darauf einbildet, hier zu sein. Es ist kein Kunststück, drüben alles aufzugeben und abzuhauen. Aber hier zu leben, sich durchzusetzen –«

»Miesmacher! Quertreiber! Hat wohl zuviel Bärenfang getrunken, der Junge«, schimpften die Verwandten.

»Es soll Leute geben«, fuhr Armin hartnäckig fort, »die gehen sogar zurück von hier nach da, von Westen nach Osten.«

Die Stimmen wurden lauter. Östliche Propaganda. Nur ein Gerücht. Wer beweist uns das? Umfaller sind das! Da kommt’s raus, daß sie nicht echt waren, verkappte Polen, die dachten, im Westen leichtes Geld zu verdienen. Aber wenn sie merken, daß ihnen hier keine gebratenen Tauben in den Mund fliegen, dann ziehen sie Leine. So ist das doch.

»Ich könnte es mir vorstellen«, sagte Armin, und alle verstummten, starrten ihn nur an. »Mal angenommen«, fuhr er fort, und dann malte er den Neuankömmlingen aus, was ihnen alles passieren könnte, genau das, was ihm auch passiert war: wegen seiner Sprache ausgelacht, geschnitten, der Polack zu sein, die Arbeit verlieren, keine Wohnung finden, von Freunden ganz zu schweigen. Aber er sagte nicht, daß er von sich selbst erzählte. Das wußte außer Silke wohl niemand. Nicht einmal seine Eltern wußten alles.

»Ich könnte es mir vorstellen, daß einer, der das durchmacht, zurückgeht.«

»Kann ja alles sein«, sagte Onkel Fritz, »muß aber nicht sein. Euch geht’s doch auch gut, Wohnung, Freunde –« Sein Blick streifte Silke. »Warum soll’s uns nicht auch bald gutgehen? Wir können arbeiten!« Er zeigte seine Muskeln. »Und wir wollen arbeiten!«

Geschirrabtrocknen war wohl keine Arbeit für ihn. Er machte sich über Armin lustig, der sich als einziges männliches Wesen der Familie dazu bewegen ließ, ein Geschirrtuch in die Hand zu nehmen.

Für Silke blieb kein Handtuch übrig. Stumm räumte sie das abgetrocknete Geschirr in die Schränke, in denen sie sich schon ein bißchen auskannte. Mitreden konnte sie nicht. Da fielen Namen, die sie noch nie gehört hatte. Czaczeckes wollten ganz genau wissen, was aus dem geworden war und aus dem...

Armin interessierte sich für ein Mädchen, das Aniela hieß. Er interessierte sich zwar auch für Antek, aber den Namen Aniela merkte sie sich besonders.

»Aniela war seine erste Liebe«, erzählte Renate. »Das fing in dem Jahr an, als er dauernd versuchte, sich zu rasieren. Aber es war noch nichts mit dem Bart.«

»Und nichts mit der Liebe!« ergänzte Helga. »Aniela ging aufs Gymnasium in Allenstein und hatte was anderes im Kopf als einen Jungen, der nach Schweinestall roch.«

»Das hätte mir noch gefehlt«, sagte Frau Czaczeckes. »Mein Sohn verliebt sich doch nicht in eine Polacka! Was meint ihr, warum wir euch rübergebracht haben? Unsere Kinder sollen mal Deutsche heiraten!«

Silke beobachtete Armin, wie er einen Teller nach dem anderen trockenrieb, grimmig und scheinbar unbeteiligt, als wolle er beweisen, daß ein Mann ordentliche Arbeit leistet, ganz gleich, was er macht.

Nach der Arbeit wollten sie Musik. Jemand zerrte das Akkordeon vom Kleiderschrank und hängte es Armin um den Hals. »Er hat früher so schön spielen können«, sagte seine Mutter. »Aber jetzt hat er es ganz aufgegeben.«

Das merkte man bei den ersten Tönen. Er lächelte verlegen und suchte eine neue Fingerhaltung, rutschte auf dem Stuhl herum, sah Silke hilfesuchend an. Aber diesmal konnte sie ihm nicht helfen, und es kam auch gar nicht darauf an, wie er spielte. Die anderen sangen viel zu laut. Sie sangen Lieder, die Silke nicht kannte, deren Texte sie nicht verstand. Frau Czaczeckes wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel, was sie aber nicht hinderte weiterzusingen.

Mit einem langen Seufzer ließ Armin das Akkordeon verstummen. »Ich weiß nichts mehr«, sagte er.

»Noch mal von vorn!« riefen sie im Chor.

Sie sangen noch viele Male von vorn, bis ein Nachbar an der Tür klingelte und fragte, ob sie »nicht mal eine andere Platte auflegen könnten«.

»So sind sie hier«, sagte Armin. »Maul halten, keine Fahrräder im Flur abstellen, der Rasen zwischen den Wäschestangen ist nicht zu betreten, und nicht mal singen darf man.«

Onkel Fritz hatte Fotos mitgebracht, bessere, schärfere als jene, die Frau Czaczeckes einmal Silke gezeigt hatte, aber auch fremder, denn Armin war nirgends drauf.

Frau Czaczeckes sah sie lange an, schien jeden Ziegel auf dem Dach zu zählen. »Schön war es doch«, sagte sie leise, »wenn man es mitnehmen könnte, hierher.«

»Was zum Beispiel?« fragte Silke.

Da fielen sie sich gegenseitig ins Wort. Der eine möchte den See mitnehmen, der wenige Schritte von seinem Hof entfernt lag, der andere den Blaubeerwald, der nächste nur die Linde vor seinem Küchenfenster, den Poplotkowatsch nicht zu vergessen. »Den Pop- was?« fragte Silke, und alle lachten. Das konnte sie natürlich nicht wissen. Den kleinen Schwatz über den Zaun mit dem Nachbarn, abends oder an einem Sonntagvormittag.

»Aber die Nachbarn sind doch alle Polen, von denen Sie so unbedingt wegwollten?«

»Na egal«, sagte Onkel Fritz und steckte die Fotos zurück in die Tüte. »Jetzt sind wir hier. Man kann nicht alles haben, und vielleicht kommt hier auch mal ein strenger Winter, und das war es ja gar nicht allein. Man kann es nicht erklären.«

Dann wurde nicht mehr über die alte Heimat gesprochen.

Armin war ein bißchen beschwipst von dem Bärenfang, den seine Mutter selbst gemacht hatte, als er Silke zur Straßenbahnhaltestelle brachte. Es war ein milder Abend, und es war schön, einmal nicht zu frieren.

»Erzähl mir was von dieser Goscha«, sagte Silke.

»Ich liebe Goscha!« sagte er albern und breitete die Arme aus. »Sie ist warm wie ein Backofen und runzlig wie ein Bratapfel. Wenn sie nicht vierzig Jahre älter wäre als ich, hätte ich sie geheiratet, weil sie so guten Hefekuchen backen kann.«

»Und da hat sie dir der alte Onkel weggeschnappt?« fragte Silke lachend.

Armin wurde ernst. »Mit Schnappen war da wohl nichts. Er war schon in den Fünfzigern, als seine Frau starb. Und weil nur Goscha da war, hat er Goscha genommen.«

»Aber deine Verwandtschaft?«

»War eben nicht da. Als es passiert war, reagierten sie sauer. Eine Polacka ist gegen ihre Famlienehre.«

Sie schwiegen eine Weile.

»Hast du eigentlich Heimweh?« fragte Silke. »Manchmal?«

»Das ist doch kein Heimweh, wenn man wissen möchte, was aus den Leuten geworden ist, die man gekannt hat, und wie es jetzt dort aussieht«, antwortete er etwas zu heftig.

»Aber du hast ja die Fotos gesehen. Jetzt weißt du, wie es aussieht. In Wirklichkeit wolltest du wohl wissen, wie Aniela jetzt aussieht. Die war nicht drauf auf den Fotos«, fügte Silke unnötig anzüglich hinzu.

»Und ich will wissen, wie Aniela aussieht«, bestätigte Armin, um sie zu ärgern.

»Ich möchte auch wissen, wie sie aussieht.«

»Fahren wir hin und schauen sie uns an. Abgemacht?« Armin streckte ihr die Hand hin, und weil Silke sie nicht nahm, legte er ihr den Arm im Weitergehen um die Schultern.

»Als wir das erste Mal miteinander redeten, wolltest du schon mit mir verreisen«, sagte Silke. »Bist du immer so ein Draufgänger? Hast du Aniela vielleicht auch eine Reise versprochen?«

»Jetzt hör mit Aniela auf.« Armin nahm seinen Arm fort. »Laß uns über die Reise reden. Andere fahren nach Italien und Spanien. Wir fahren nach Polen. Warum eigentlich nicht?«

»Wollten wir nicht auch nach Italien und Spanien? Aber wir kommen nirgends hin, wir haben ja nicht genug Geld«, sagte Silke.

»In Polen wohnen wir umsonst!« Armin wurde eifrig. »Bei meinem Onkel.«

»Es kostet trotzdem einen Haufen Geld, die Fahrt, und dann der Zwangsumtausch.«

»Wir melden eine Campingreise an, dann brauchen wir nur dreizehn Mark pro Tag zu zahlen. Das können wir uns leisten.« »Du tust, als hättest du die Fahrkarte schon in der Tasche!« »Vielleicht brauchen wir keine Fahrkarte.«

Eine Straßenbahn hatten sie schon vorbeifahren lassen. Jetzt kreischte die nächste in der Kurve. Silke umarmte Armin. »Nein, wahrscheinlich brauchen wir keine Fahrkarte, weil wir nämlich gar nicht fahren. Aber ein bißchen spinnen ist schön.«

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
150 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711447475
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar