Kitabı oku: «Zwischen Knast und Alltag»
Anita B.
Zwischen Knast und Alltag
Eine ungewöhnliche Lovestory
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit
Männer...
Ein seltsamer Brief
Annonce abgehakt
Eine Antwort per Brief
Rückblick
Annonce endgültig abgehakt
Wieder ein Brief?
Mein spätes Eingeständnis
Zwei Jahre – Das schaff ich nicht!
Gedankenchaos
Johns Briefe tun mir gut
Mein erster Besuch in einer JVA
Echte Gefühle
Der erste Kuss nach vierzehn Jahren
Lindas Bedenken
Unser erstes Ehe-Seminar
Kranker Felix und schlaflose Nächte
Ein ganz persönliches Geschenk
Wohnungssuche und Kitaproblem
Eine kurze Unaufmerksamkeit
Hoffnung auf baldigen Ausgang
Vorweihnachtsstress
Endlich Urlaub – Nie wieder ohne John!
Das erste Jahr ist geschafft
Der entscheidende Tag
Valentinstag allein daheim
Sommerurlaub und Ausgangsplanung
Enttäuschung pur
Wohnungsbesichtigung
Endlich geschafft – Jetzt beginnt UNSER Jahr
Johns erster Ausgang
Johns Möbel
Und noch ein Rückschlag
Mein Geburtstag
Möbelproblem gelöst
Vertraute Zweisamkeit
Unser erstes Wochenende
Der erste von zwei Umzügen
Abschiedsschmerz und Vorfreude
Unsere ersten Tage in Seeshaupt
Unsere ersten Gäste in Seeshaupt
Das Warten auf den Freigänger-Status beginnt
Ein Schock folgt dem Nächsten
Endlich Freigänger
Weihnachten und Silvester in der Familie
Es ist alles super gelaufen...
Die Entscheidung steht
Urlaub als Zwischenziel? Gute Idee!
Wir können nicht mitfliegen
Nic ist zurück
Wir haben es geschafft!
Impressum neobooks
Prolog
Wärmster Frühlingsanfang seit vierzig Jahren, die Kinder wollen nicht mal zum Essen reinkommen und springen den ganzen Tag draußen umher. Nic läuft ständig rüber zu den Nachbarn. Ich begleite ihn jedes Mal mit den Worten: »Aber pass auf der Straße auf!«, was von ihm immer schön artig mit einem: »Ja-a!« beantwortet wird. Schon ist er wieder auf und davon zu seiner geliebten Cora, dem drolligen Schäferhundwelpen von nebenan.
Aber hey, Nic ist gerade drei Jahre alt und geht quasi das erste Mal allein aus dem Haus. Gut, es sind nur wenige Meter bis zum Nachbartor, doch auch das ist neu für den Jungen. Schließlich hat er, bis wir hierhergezogen sind, meine Hand nie losgelassen.
Ganz anders da unser Felix. Der ist seit er krabbeln kann selbstständig unterwegs und ist »der coolste Hund«, den man sich vorstellen kann. Der Ausdruck kommt natürlich nicht von mir, sondern von meinem Mitbewohner Hans. Richtig, einen Mitbewohner habe ich auch noch. Und zwar war Hans mein starker Halt, als ich nach einer großen menschlichen Enttäuschung meinen bisherigen Lebenstraum aufgeben musste und vor ungefähr einem halben Jahr plötzlich allein dastand.
Allein in München, mit zwei Kleinkindern und ohne Kitaplätze. Zumindest ohne bezahlbare Plätze, von einem privaten Kindergarten hatte ich ein Angebot. Nur wären da monatlich eintausend Euro fällig gewesen, plus fünfhundert Euro Aufnahmegebühr, pro Kind versteht sich. »Willkommen in München!« Alleinerziehend konnte und wollte ich mir diese Kosten nicht leisten. Also musste ich von heute auf morgen eine andere Lösung finden.
Im Juni vergangenen Jahres ging unsere Beziehung endgültig in die Brüche. Nachdem mein Ex zu diesem Zeitpunkt bereits seit Monaten nur noch sporadisch nach Hause kam, entschlossen wir uns für eine gewisse Auszeit. Nic und Felix brauchten die nötige Ruhe, das richtige Umfeld, keinen weiteren familiären Stress und die Liebe und Geborgenheit, die wir ihnen gemeinsam nicht geben konnten.
Auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit
Alles scheint perfekt zu sein. Es ist Frühlingsanfang, die Kinder sind glücklich, die Sonne scheint, wir läuten am Abend die Grillsaison ein und doch fehlt etwas. Seit sechs Monaten wohnen wir nun schon hier in Aham, im tiefsten Niederbayern. Für die Jungs ein Traum, für mich als Stadtkind ist es jedoch eine sehr einsame Gegend. Mehr und mehr merke ich, dass ich etwas vermisse.
Gerade die letzten Wochen habe ich versucht, diese aufkeimende Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit so weit wie möglich von mir wegzuschieben. Allein die Tatsache, dass ich sehe, wie gut es den Jungs hier draußen geht und wie sehr der Alptraum, den wir hinter uns haben, zunehmend in Vergessenheit gerät, hindert mich daran den nächsten Schritt zu wagen.
Eigentlich sollte ich mich um eine Wohnung für uns kümmern, um endlich wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Aber ich schiebe diesen Part seit Wochen vor mir her. Ich rede mir ein, meine Jungs gehen vor. Wenn es ihnen gut geht, bin ich glücklich. Und den beiden geht es gut, sehr gut sogar. Auch sie haben in Hans einen super Freund gefunden. Wir unternehmen viel gemeinsam, sind oft draußen im Garten, auf dem Spielplatz, im Wald und auch zu Hause toben die Kinder wie verrückt. Oft habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn sie mit dem Bobby Car durchs Wohnzimmer flitzen und die Bälle mal wieder durchs Haus fliegen.
Gedankenversunken lehne ich mich zurück, genieße die letzten Sonnenstrahlen des Tages und sehe den Jungs beim Spielen zu. Blitzartig ist diese scheinbare Idylle vorbei. Hans, der den ganzen Nachmittag schon hin- und hergesimst hat, muss plötzlich noch mal weg. An seiner Reaktion erkenne ich, dass eine Frau dahinterstecken muss. Ein komisches Gefühl macht sich in mir breit. Ich meine, wir wohnen zusammen, sind in einem Alter, er ist attraktiv, einfühlsam, erfolgreich, die Kinder lieben ihn, genauso wie er sie, und trotzdem hat es bei mir nie gefunkt.
Obwohl ich ihm von Anfang an zu verstehen gab, dass wir nur Freunde bleiben werden, zögerte er keine Sekunde, uns vorübergehend bei sich aufzunehmen. Nachdem auch er zu diesem Zeitpunkt seit einigen Jahren single war, freute er sich über die Abwechslung und darüber, dass endlich Leben in sein Heim einkehren sollte. Und was könnte ich mir als Mutter mehr wünschen, als dass meine Kinder in einer Familie aufwachsen. Bisher war ich jedoch weder bereit für eine neue Beziehung, noch dachte ich, dass ich jemals wieder jemanden so lieben könnte wie den Vater meiner Jungs.
Nichtsdestotrotz verunsichert mich, dass Hans mit einer anderen Frau Nachrichten austauscht. Sei‘s drum, ich lösche das Licht und lege mich schlafen.
Doch dann kommt just an diesem Abend der Anruf von meinem Ex. Seit Wochen ahne ich es ja bereits, aber seine Worte lassen mir sofort die Tränen in die Augen steigen. Nach außen hin reagiere ich kalt und unberührt, als er mir mitteilt, dass er eine neue Freundin hat. Er möchte sie am kommenden Wochenende unseren Jungs vorstellen. Innerlich zerreißt es mich fast. War er nicht derjenige, der nach eigenen Worten alles falsch gemacht hatte. Er konnte meinen Auszug damals voll verstehen und er war ebenfalls der Meinung, dass uns diese vorübergehende räumliche Trennung guttun wird. Aber er wird die Türe niemals zumachen, wir könnten jederzeit zu ihm zurückkommen. Es war das erste Mal, dass ich ihn habe weinen sehen.
Und heute, wenige Monate später, ist dieser Mann, für den ich die ganzen Jahre so viel Kraft aufgebracht habe und mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen wollte, wieder glücklich vereint mit einer anderen Frau. Trotz Vorahnung und der Tatsache, dass wir gemeinsam nie eine glückliche Zukunft gehabt hätten, bin ich wie vom Blitz getroffen. Es gibt nichts und niemanden, der mir in dieser Situation helfen kann. Ich liege wach in meinem Bett, drehe und wende mich gefühlte eintausend Mal und finde keine Ruhe.
Plötzlich kommt es mir vor wie eine Ewigkeit, die wir hier wohnen. Von meiner Vergangenheit abgeschnitten, dreht sich mein ganzes Leben nur noch um die Kinder. Da mein Ex kein Auto hat, bringe ich ihm die beiden seit wir hier wohnen jeden zweiten Freitag und hole sie am Sonntag wieder ab. Bekomme ich dafür ein einziges Mal ein »Danke«? Nein! Im Gegenteil, ich kann froh sein, wenn ich ab und zu mit einem »Hallo« begrüßt werde, ansonsten erwarten mich genau wie all die Jahre zuvor nur Befehle und Verachtung.
Und jetzt? Was mache ich jetzt? Plötzlich schlägt meine Stimmung um und ich sehe nur noch die guten Seiten an ihm und all das, was ich nun endgültig verloren habe. Er ist der Papa meiner Jungs, die beiden lieben ihn. Auch wir hatten sehr schöne Tage miteinander. Wir sind gemeinsam einen Marathon gelaufen, waren zusammen an der Ostsee und wir hatten eine ähnliche Vorstellung von unserer Zukunft.
Ich zwinge mich, mir vor Augen zu führen, warum ich mich von diesem Mann getrennt habe. Noch einmal durchlebe ich unsere Beziehung im Schnelldurchgang, seine verachtenden Aussagen, unser liebloses Nebeneinander, seine jähzornigen Ausbrüche und die unzähligen Erniedrigungen der letzten fünf Jahre. Dennoch war ich stets für ihn da. Trotz Schwangerschaft und Vollzeitjob habe ich seine Doktorarbeit korrigiert und die Kinder praktisch allein aufgezogen, während er meist betrunken, schlecht gelaunt oder gar nicht anwesend war. Nie hat er mir den Rückhalt gegeben, den ich mir doch von Anfang an so sehnlichst gewünscht hatte. Ganz zu schweigen von seinen aggressiven Übergriffen, die ich immer wieder geduldet und weggesteckt habe.
Selbst als er mich mit unserem drei Monate alten Sohn, vierhundert Kilometer entfernt, ohne Auto sitzen ließ und nach einem Streit einfach abgefahren ist, habe ich ihm verziehen. Immer wieder bin ich zu ihm zurückgekehrt, weil ich mir einfach nicht vorstellen konnte, dass unsere eigentlich so perfekte kleine Familie keine Chance haben sollte. Auch nach unserer Trennung habe ich gedanklich weiter an ihm festgehalten. Ein Fingerzeig von ihm, dass er Reue zeigt und künftig für seine Familie da sein möchte, ich wäre bestimmt wieder auf der Matte gestanden. Es kam jedoch nichts dergleichen.
Trotzdem empfand ich es bis zu seinem Anruf gerade als völlig normal, dass ich mir weiterhin Sorgen um ihn gemacht habe. Schließlich habe ich fünf Jahre mit ihm verbracht und bis zuletzt an einen gemeinsamen Lebenstraum geglaubt. Sollte ich diese Gefühle aufgrund einer räumlichen Trennung von heute auf morgen abschalten? Das konnte ich nicht. Ganz anders wohl er! Er ist wieder glücklich. Schon kommt mein Schmerz aufs Neue hoch und gerade nachts kann ich diese Gedanken einfach nicht abschalten.
Dabei ist es kaum sechs Monate her, als ich keine Nacht mehr schlafen konnte. Im Durchschnitt schaffte ich es auf maximal zwei Stunden, oft fand ich mehrere Nächte hintereinander überhaupt keine Ruhe. Schlafmittel konnte ich mir laut Aussage meiner Ärztin sparen. »Frau Gruber«, nahm sie mich damals ins Gebet, »Sie müssen etwas an der Ursache ändern! Sie sind auf dem besten Weg chronisch krank zu werden. Anstelle von Schlafmitteln kann ich Ihnen höchstens Antidepressiva empfehlen.« »Antidepressiva? Ich? Auf gar keinen Fall!« Nachdem ich das gehört hatte, wurde mir das erste Mal bewusst, dass mir diese Beziehung nicht nur seelisch sondern auch körperlich schadet. Ich wusste, ich muss dringend etwas ändern.
Schließlich habe ich etwas geändert. Am Ende meiner Kräfte angekommen, zog ich vorübergehend mit meinen Kindern zu unserem guten Freund Hans in eine Wohngemeinschaft. Seitdem habe ich gelernt, wieder zur Ruhe zu kommen und mich an den positiven Seiten des Lebens zu erfreuen.
Aber ich kann nicht ewig mit meinen Kindern in einer WG wohnen. Vielleicht brauchte ich diese Nachricht von meinem Ex auch, um wachgerüttelt zu werden. Möglicherweise musste ich noch einmal fallen, um etwas an meiner momentan festgefahrenen Situation zu ändern. Komisch übrigens, »mein Ex!«, so nenne ich ihn tatsächlich erst seit seinem letzten Anruf. Zuvor hätte ich diesen Ausdruck nie über die Lippen gebracht und jetzt ist er plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, nichts anderes mehr für mich als eben »mein Ex«.
Doch wie soll es nun weitergehen? Ich wohne mit fast siebenunddreißig Jahren in einer Wohngemeinschaft in einem Dorf irgendwo in Niederbayern, wo ich definitiv nicht ewig leben möchte.
Ich ziehe mir meine Laufschuhe an und gehe joggen. Da kriege ich den Kopf frei und bringe meinen müden Kopf und Körper wieder in Schwung. Direkt hinterm Haus laufe ich los, erst kurz durch den Wald, danach über die Felder. Meine Gedanken rasen die ganze Zeit da weiter, wo sie letzte Nacht irgendwann aufgehört haben.
Ich muss also wieder aktiv werden! Aber wie? Wie soll ich mein Leben plötzlich ändern? Es ist ja nicht gerade so, dass einem hier draußen auf dem Land ständig jemand über den Weg läuft, mit dem man sein Leben verbringen möchte. Hinzu kommt, mit zwei Kleinkindern, von daheim aus arbeitend, wird das »Jemand-Kennenlernen« ohnehin nicht einfacher. Dennoch, ich darf jetzt kein Trübsal blasen oder im Selbstmitleid ertrinken.
Plötzlich kommt mir eine Idee: »Das ist es!«, sage ich unterm Laufen laut zu mir selbst. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich von meinem Vorhaben überzeugt. Ich werde eine Kontaktanzeige aufgeben. Da die Jungs noch klein sind und ich örtlich nicht gebunden bin, erscheint mir die Süddeutsche Zeitung als genau das richtige Medium. Darin kann ich gezielt beschreiben, wen oder was ich mir für mich und meine Jungs wünsche.
Welcher liebevolle Mann hat Lust auf Familie?
Warmherzige Akad., 36 Jahre, NR, schlank, sportlich, finanziell unabhängig, sucht einen einfühlsamen Partner für sich und ihre Jungs (1 u. 3 J.). Chiffre: ... oder E-Mail: ...
Der Startschuss in ein neues Leben ist hiermit gefallen. Die Umsetzung, so denke ich, nur noch eine Frage der Zeit. Ich bin gespannt wie ein Teenager. Drei Tage warten und es gibt kein Zurück.
Wieder gehen mir so viele Gedanken durch den Kopf. Was, wenn es Freunde von mir lesen? Oder schlimmer, was, wenn mein Ex die Annonce liest? Der weiß doch sofort wer dahintersteckt. Aber warum sollte er sich für Kontaktanzeigen interessieren, wenn er doch eine Freundin hat. Wem soll ich davon erzählen? Wird sich überhaupt jemand melden? Bestimmt schrecken zwei Kinder alle Männer sofort ab. Warum sollte sich ein liebevoller Mann auch gleich eine ganze Familie antun? Der will doch sicher viel lieber eigene Kinder haben.
Am nächsten Morgen, die Jungs sind in der Kita, ruft mich überraschend meine ehemalige Mannschaftskollegin aus Amerika, Katarina Brunner, an. Katti ist heute beruflich in Landshut und würde sich freuen, mich zu treffen.
Sofort setze ich mich ins Auto und fahre los. Gedanklich bin ich bei unserer gemeinsamen Collegezeit. Wir waren in Amerika sehr eng befreundet, haben uns nach unserer Rückkehr allerdings mehr oder weniger aus den Augen verloren.
Kattis Besuch ist eine willkommene Abwechslung vom tristen Alltag. Einfach über das zu quatschen, was wir seit dem Studium gemacht haben. Ich merke richtig, wie die Geschehnisse der letzten Jahre nur so aus mir heraussprudeln. Das ist unter anderem auch das, was ich in Aham am meisten vermisse, eine gute Freundin, mit der ich über alles reden kann.
Katti ist total überrascht, dass unsere süße kleine Familie so offenbar nur noch auf Fotos existiert. Beiläufig erzähle ich ihr, dass ich eine Kontaktanzeige in der Süddeutschen Zeitung aufgegeben habe, die am Samstag erscheinen soll. »Lara, das ist eine prima Idee!«, macht sie mir Mut.
Dann wechseln wir das Thema und sprechen über die guten alten Uni-Zeiten und zuletzt noch über unsere unvergessliche Kalifornienreise. Doch viel Zeit bleibt uns dafür nicht. Aus unserem geplanten Kaffee ist ohnehin nicht nur ein Frühstück geworden, sondern später noch ein Mittagessen.
Jetzt muss ich aber wirklich los, um die Jungs abzuholen. Wie immer versprechen wir uns beim Verabschieden, in Kontakt zu bleiben und uns gegenseitig zu besuchen. Allerdings gehe ich davon aus, dass wohl auch unser nächstes Treffen wieder einige Jahre dauern wird.
Männer...
Es ist soweit: Endlich Samstag! Natürlich habe ich mir die letzten Tage schon x-mal meinen Traumprinzen geformt. In meinen Tagträumen stelle ich ihn mir als den perfekten, fürsorglichen Partner und liebevollen Papa vor, der nur auf uns und meine Anzeige gewartet hat, und mit dem wir schon ganz bald eine glückliche Familie sein werden.
»Holla die Waldfee!«, rufe ich erstaunt, als ich, neugierig wie ich bin, schon sehr früh am Morgen das erste Mal in meine Mailbox schaue. Es sind bereits mehrere Zuschriften eingetroffen. Ich bin begeistert, was da den Fotos nach zu urteilen für hübsche Männer antworten. Da frage ich mich doch, warum ich das Ganze nicht schon viel früher gestartet habe. Die darauffolgenden Tage sehe ich mich nur noch damit beschäftigt, den Richtigen auszuwählen.
Auch wenn diese Männer mich nicht kennen und ich nicht weiß, wer sie sind, fühle ich mich dennoch das erste Mal seit Jahren wirklich begehrt. Es macht Spaß wieder zu flirten, Komplimente zu bekommen und einfach neue Bekanntschaften zu machen, etwas, was ich seit meiner Collegezeit nicht mehr kannte.
Auch Tage später bekomme ich noch Zuschriften, mit denen ich nicht gerechnet hätte. Doch diese vielen E-Mails müssen auch irgendwann beantwortet werden. Wann immer die Kinder schlafen oder in der Kita sind, sitze ich am Computer und schreibe. Trotzdem komme ich mit dem Antworten kaum hinterher. Einen Großteil der Nachrichten lösche ich, denn leider gibt es unter den Interessenten viel zu viele »ältere Herrschaften«. Zum Teil schockt mich, wer da alles antwortet. Was glauben die eigentlich, wer sie sind? Denken die vielleicht, dass ich es nur auf ihr Geld abgesehen habe? Mir wird tatsächlich alles geboten, vom sorgenfreien Leben, über ein mögliches Haus am See, bis hin zum Ferienhäuschen auf Mallorca.
Dennoch, spätestens nach der zweiten oder dritten Antwort der Herren schwindet meine anfängliche Euphorie und die Liste der zu beantwortenden E-Mails wird kürzer und kürzer. Letztlich kristallisieren sich vielleicht noch drei oder vier interessante Männer heraus. Einer kommt aus München, ein Anderer wohnt in der Nähe von Starnberg, der Nächste ist aus Regensburg und unter anderem zeigt auch ein junger Wiener sehr starkes Interesse.
Nach nur wenigen E-Mails lege ich den Münchner ad acta. Der ist zwar vom Aussehen, Alter und Beruf durchaus attraktiv, legt jedoch keinen großen Wert auf schreiben. Auch auf die Kinder geht er so gut wie gar nicht ein. Somit sage ich unser für morgen geplantes Treffen kurzfristig ab. Erst da wird er plötzlich hartnäckig, schickt mir sogar noch seine Firmen-E-Mail und seine Handynummer. Aber zu diesem Zeitpunkt ist das Thema für mich bereits beendet. Vielleicht habe ich auch plötzlich Angst davor, jemanden gleich kennenzulernen. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, er will mich sofort treffen, ich bin dazu nach den wenigen Mails noch nicht bereit.
Länger schreibe ich dem Regensburger Matthias. Ihn würde ich sogar sehr gerne zeitnah kennenlernen. Auf seinen Fotos sieht er echt umwerfend aus. Ich glaube, ich habe mich direkt bei der ersten Mail in sein Foto verknallt. Das nächste kinderfreie Papa-Wochenende möchte ich für ein Treffen nutzen. Unsere E-Mails fliegen stetig hin und her und so wie er schreibt, klingt er wirklich in jeder Hinsicht attraktiv. Dieser Eindruck verfliegt allerdings fluchtartig, als ich ihn frage, warum so ein gutaussehender Mann wie er keine Freundin hat? Darauf antwortet er unter anderem: »Außerdem habe ich sehr hohe Ansprüche an mich selbst und eben auch an die Frau an meiner Seite. Ich möchte nicht nur eine Frau haben, um nicht allein zu sein. Insbesondere ist mir Sexualität sehr wichtig, ich bin kein Typ für nullachtfünfzehn!« Auf diese Ansage hin antworte ich nicht mehr.
Total klasse finde ich Harry aus Tutzing am Starnberger See. Wir chatten viele Stunden, Tage und Nächte auf Skype. Er ist super lustig, spontan, schlagfertig, kinderlieb, sieht gut aus und bringt mich selbst schriftlich ständig zum Lachen. Irgendwann fragt er mich, wann er uns kennenlernen darf. Ich könnte doch mit den Kindern einen Tag oder gerne ein ganzes Wochenende raus an den See kommen. Ich zögere… Da fragt Harry: »Oder schreckt dich etwa mein Alter ab?« Bisher hatte ich ihn nie nach seinem Alter gefragt. Dem Foto nach zu urteilen, welches nach eigenen Worten ganz aktuell sei, konnte er maximal Ende dreißig sein. »Wieso, wie alt bist du denn?« »Siebenundvierzig«, antwortet Harry. Ich kann es kaum glauben.
In dem Moment macht es bei mir Klick und ich bin ihm gegenüber wie verwandelt, nicht mehr locker flirtend, sondern von einer Sekunde auf die andere total verkrampft. Plötzlich möchte ich ihn auch nicht mehr treffen. Und das, obwohl er nur zehn Kilometer von meiner besten Freundin entfernt wohnt. Wann sollte ich so jemand noch mal finden? Wie schön es doch wäre, wenn unsere Kinder zusammen aufwachsen und so wie wir damals nach der Schule die Nachmittage gemeinsam verbringen könnten.
Trotzdem lasse ich unsere Chats langsam auslaufen, bin immer seltener online, habe jeweils schnell wieder etwas zu tun und Harry merkt sehr zeitnah, dass aus uns nichts werden soll. Er schreibt mir noch wie sehr er es bedauert, dass ich uns keine Chance gebe. Ich antworte ihm, dass es mir leid tut und fühle schon in diesem Moment, einen Riesenfehler zu machen. Bis aufs Alter stimmte bei ihm eigentlich alles.
Aber ich habe ja noch Franz aus Wien. Er verfasst liebevolle E-Mails, wir chatten wochenlang auf Facebook, verstehen uns prima und er ist sehr charmant – genauso, wie ich mir meinen Traummann zuvor ausgemalt hatte. Für ein erstes Date will er mich sogar zu den Salzburger Festspielen in ein Wellness-Hotel einladen. Ich freue mich tierisch und bin aufgeregt wie ein Teenager. Nach eigener Aussage hat er die Karten zu den Festspielen bereits besorgt und das Hotel gebucht. Daraufhin bitte ich meine Mom, am kommenden Wochenende als Babysitter für die Jungs einzuspringen.
Doch plötzlich, nur wenige Tage vorher, fängt Franz plötzlich an rumzudrucksen. Ihm geht das alles viel zu schnell, er braucht noch etwas Zeit und ich möchte bitte erst einmal für ein Wochenende nach Wien kommen. Ich bin schockiert. Wieso ich? Sollte er nicht eigentlich mir entgegenkommen?
Ich mache ihm klar, dass ich mit zwei Kleinkindern daheim unmöglich mal schnell für ein Date nach Wien fahren kann. Was denkt der sich eigentlich? Ziemlich kurzfristige Absage wie ich finde. Und woher kommt eigentlich diese abrupte Planänderung?
Langsam macht sich Ernüchterung breit. Vielleicht war die Annonce ja doch nicht so erfolgreich wie zunächst angenommen.
Die einzig willkommene Abwechslung in diesen Tagen ist eine liebe Nachricht von Katti. Und hey, die kommt schon fünf Wochen nach unserem Treffen. Ich freue mich sehr, dass sie sich erkundigt, wie es mir geht und ob ich auf die Anzeige hin meinen Traumprinzen gefunden habe. Kurz und knapp antworte ich, dass der Richtige leider nicht dabei war.
Somit stehe ich nach einigen recht emotionalen Wochen wieder da, wo ich schon am Frühlingsanfang stand – allein mit zwei Kindern in einer Wohngemeinschaft in Niederbayern.
Ein seltsamer Brief
Wir haben heute den neunten Mai. Fünf Monate ist John nun schon hier, davor sieben Monate Stadelheim und nicht abzusehen, wie lange er hier noch ausharren muss. John geht zwar von einer Zwei-Drittel-Strafe aus, aber verlassen kann er sich darauf natürlich nicht.
Jeden Tag der gleiche Spaß: Fünf Uhr morgens aufstehen, mit kaltem Wasser in der Zelle waschen, duschen darf man nur nachmittags im Bad auf dem Gang, Aufgusskaffee trinken und um viertel vor sieben geht John in die Arbeit. Danach bekommt er heute zur Abwechslung mal wieder einen Brief. Für John ist es jedes Mal aufs Neue ein schönes Gefühl, wenn da draußen noch jemand an ihn denkt. Meist ist es zwar nur ein Brief von seinem Anwalt, aber dieser Brief kommt von keiner ihm bekannten Person und Werbung ist es auch nicht. Er ist von einer Katarina Brunner. Diesen Namen hat John noch nie gehört. Trotzdem scheint sie ihn zu kennen. In dem Briefumschlag findet John jedoch nicht mehr als einen Seite aus der Süddeutschen Zeitung mit einer markierten Annonce unter SIE SUCHT IHN.
Zunächst denkt John: »Was will die denn, hat die 'nen Knall? Wer ist das überhaupt und warum meint die, dass ich mir eine Freundin aus der Zeitung suchen soll?«
Jedenfalls liegt vor ihm dieser Zeitungsausschnitt, der offensichtlich auch noch uralt ist, vom dreißigsten März. Doch von der markierten Anzeige fühlt John sich in der Tat angesprochen. Schon immer wollte er eine große Familie haben.
»Aber warum schickt mir eine unbekannte Person eine Anzeige von vor fast sechs Wochen?«, wundert sich John. Sei's drum, noch am selben Abend setzt er sich hin und antwortet auf diese Annonce.
Hallo liebe Unbekannte!
Zunächst wünsche ich dir einen wundervollen Wochenbeginn. Es ist bereits sechs Wochen her, dass du diese bezaubernde Anzeige in die Zeitung gesetzt hast und sicherlich wurdest du daraufhin mit Antworten nur so überhäuft. Vielleicht hast du deinen Traumprinz ja bereits gefunden? Vielleicht gibst du uns aber auch die Möglichkeit, dass wir unser gemeinsames Glück in Zukunft teilen dürfen.
Dafür sollst du aber zunächst etwas mehr über mich erfahren und ich hoffe, dass dir gefällt, was es zu berichten gibt. Mein Name ist John, ich bin genau wie du sechsunddreißig Jahre alt, ein Meter vierundachtzig groß und ich wiege fünfundachtzig Kilogramm. Meine Augenfarbe ist blau, ich habe dunkelblonde kurze Haare. So viel zu meinem Äußeren. Was gibt es sonst noch über mich zu sagen? Ich bin treu, kinderlieb, einfühlsam, spontan, sportlich, eigentlich auch romantisch, optimistisch, aber auch sehr realistisch.
Geboren bin ich in Berlin, habe einige Zeit in den Staaten gelebt und seit circa dreizehn Jahren, nenne ich München meine Heimat. Momentan bewohne ich zeitlich begrenzt ein Domizil in Kaisheim. Beruflich bin ich erfolgreich in der Medienbranche tätig und bereits seit Jahren selbständig. Somit kann ich mir meine Zeit frei einteilen.
Ich liebe es zu kochen und die Frau an meiner Seite zu verwöhnen…
Mehrere Stunden sitzt John an diesem Brief. Nur eine Sache lässt John nicht los: Wer ist diese Katarina und woher weiß sie überhaupt, dass er sich momentan hier befindet? John schreibt ihr ebenfalls einen Brief zurück, bedankt sich für ihren Tipp und fragt sie, woher sie seinen derzeitigen Aufenthaltsort kennt. Er hört allerdings so schnell nichts mehr von ihr. Auch von der Unbekannten kommt erst einmal NICHTS.
Aber das war ihm eigentlich von vornherein schon klar. Welcher normale Mensch antwortet schon einem Knacki? Das hat die Unbekannte bestimmt sofort herausgefunden, nicht zuletzt von dieser Katarina. Trotzdem geht John täglich in freudiger Erwartung zum Briefkasten, um leider doch nichts vorzufinden.
Annonce abgehakt
Zurück in meiner alten Routine dreht sich mein ganzes Leben wieder einzig und allein um meine Kinder. Morgens aufstehen, die Jungs fertig machen, in die Kita fahren, laufen gehen und dann von zu Hause aus am Rechner arbeiten, bevor ich um vierzehn Uhr wieder am Kindergarten sein muss. Jetzt, bei schönstem Wetter, mit Temperaturen seit Tagen über zwanzig Grad, sieht alles gleich wieder viel freundlicher aus.
Die Jungs sind begeistert, heute Nachmittag stellen wir das erste Mal das Planschbecken auf. Während ich kurz in der Küche war, um einen Snack vorzubereiten, ist es schon passiert. Die beiden haben nicht nur das Planschbecken mit dem Wasserschlauch gefüllt, sondern sich zusätzlich gegenseitig nassgespritzt. Jetzt sitzen sie zum Teil noch mit Klamotten im kalten Wasser und strahlen mich an. »Oh je, seid ihr verrückt? Das ist doch noch viel zu kalt!«, rufe ich entsetzt. »Aber wieso denn, Mami? Die Sonne scheint doch«, antwortet Nic unschuldig. Die beiden haben ihren Spaß und reagieren entsprechend sauer, als ich sie schließlich hinausscheuche: »Auf geht‘s Jungs, ab nach oben! Ich möchte nicht, dass ihr krank werdet.« Mit Gemaule ziehen sie los Richtung Badewanne, wo die zwei Wasserratten wenige Minuten später voller Freude weiterschwimmen.
So werden die Nachmittage draußen länger, die Grillabende häufiger und die Zeit, die ich am Computer verbringe, wieder weniger. Schnell habe ich auch vergessen, dass ich mich ja eigentlich um eine eigene Wohnung für uns kümmern wollte. Nur ab und zu merke ich, wie sehr ich mich nach einem liebevollen Partner sehne.
Und plötzlich, nach über sechs Wochen, kommt doch noch eine Antwort auf meine Annonce, dieses Mal per Post. Meine Freude darüber verfliegt allerdings schnell, denn der Brief ist von einer Partnervermittlungsagentur. »Schade«, sage ich enttäuscht. Wäre auch zu schön gewesen, wenn nach so langer Zeit noch etwas Brauchbares dabei gewesen wäre. Nein, so viel muss ich mir selbst eingestehen, die Anzeige hat nicht das gebracht, was ich mir erhofft hatte. Scheint halt leider doch nicht so zu sein, dass die Traummänner dieser Erde nur auf meine Anzeige gewartet haben.
Eine Antwort per Brief
Bereits am nächsten Tag bekomme ich ganz überraschend wieder einen Brief. Dieser ist nicht von einer Partnervermittlung, sondern von einem Mann aus Kaisheim. Er klingt sogar richtig nett, individuell und schreibt total natürlich. Garantiert ist das niemand, der diesen oder ähnlichen Brief jede Woche auf eine Annonce hin abschickt. Er ist von einem John Jackson. John Jackson? John? Der Name bringt Erinnerungen zurück. Okay, Jackson ist mir unbekannt, aber John. John J.?
Schnell verwerfe ich den Gedanken und freue mich über diesen unerwarteten Brief von dem Mann mit der wunderschönen sauberen Handschrift, etwas, was mir als Allererstes ins Auge sticht. Wo wohnt dieser John eigentlich? Im Internet suche ich sein »momentan zeitlich begrenztes Domizil in Kaisheim«, wie John es in seinem Brief so nett beschreibt. Kaisheim? Das ist ein total kleines Nest, circa zweihundert Kilometer von uns entfernt.
Okay, hier draußen auf dem Land wollte ich sowieso nicht auf Dauer bleiben. Aber Kaisheim oder der nächstgrößere Ort, Donauwörth, muss es ja nun auch nicht unbedingt sein. Was macht er überhaupt dort, wenn er eigentlich München seine Heimat nennt? Naja, zeitlich begrenzt heißt doch, dass John in Sachen Wohnort flexibel ist, oder? Zum gegenseitigen Kennenlernen werden wir die zweihundert Kilometer wohl in Kauf nehmen müssen.
»Oh man, Lara, du hast sie ja nicht alle. Du denkst schon wieder viel zu weit. Das ist doch gerade mal ein erster Brief!«, rede ich laut vor mich hin. In Gedanken bin ich bereits bei einer glücklichen Familie mit John Jackson, einem einfühlsamen Partner für mich und einem liebevollen Papa für die Jungs.
Ich nutze den freien Vormittag, um John zu antworten. Leider hat er mir weder eine E-Mail-Adresse noch eine Telefonnummer mitgeschickt. »Super, was ist das denn für ein Held?«, schüttle ich den Kopf. Wie soll ich ihn denn jetzt erreichen? Ich gebe seinen Namen bei Skype ein. Prima, sofort finde ich einen John Jackson. Ich schicke ihm eine Freundschaftsanfrage und schreibe eine kurze Nachricht dazu.
Spätestens am zweiten Tag wundere ich mich, warum er mich nicht zu seinen Kontakten hinzufügt. Gefällt ihm etwa mein Foto nicht? Klar, das muss es sein. Warum sollte er mich dann noch adden? Oder nutzt er Skype vielleicht überhaupt nicht? Und es war ein ganz anderer John Jackson, dem ich die Nachricht geschickt habe.
Also suche ich im Internet nach seiner Telefonnummer, aber der Name John Jackson ist in ganz Kaisheim nicht zu finden. Als ich Kaisheim bei meiner Suche weglasse, taucht ein John Jackson aus München samt Firmen-Homepage und Telefonnummer auf. Ich scrolle mich ein wenig durch seine Seite. Klingt interessant, er schreibt über »Sport-Neuheiten«. Trifft sich gut, da ich mein Leben vor den Kindern komplett dem Sport gewidmet hatte. Ich suche seine Nummer raus und schicke ihm folgende SMS:
Hallo John. Habe mich sehr über deinen lieben Brief gefreut. Ich würde mich freuen wieder von dir zu hören. Meine Telefonnummer hast du ja jetzt und meine E-Mail über die Annonce sowieso. LG und ein schönes WE! Lara
Voller Spannung warte ich, jedoch wieder vergebens. Und dann: Oh man, bin ich blöd! John Jackson! Das ist bestimmt kein Deutscher, klingt eher nach einem Amerikaner. Sofort springen meine Gedanken drei Schritte weiter. Genial, dann können unsere Kinder doch noch zweisprachig aufwachsen.
Als Ami wird John definitiv auf Facebook vertreten sein. Ist ja heutzutage sowieso fast jeder. Ich gebe seinen Namen ein und drücke auf Search. Oh je, davon gibt es aber viele. Ich beschränke meine Suche auf Deutschland. Drei Treffer, schon besser! Jedoch kein John Jackson in Kaisheim. Einer, leider ohne Foto, wohnt in Freising. Das wäre wenigstens nicht weit von hier und zählt theoretisch fast noch zu München. Der Nächste lebt in Trier und ist über vierzig. Das kann er also nicht sein. Und dann ist da noch einer aus München. Der hat dieselbe Firmen-Adresse angegeben, die ich vor ein paar Tagen im Netz gefunden habe und er ist mein Jahrgang. Das muss er sein! Ich schreibe ihm eine Nachricht.
Sein Profilbild kommt mir zwar irgendwie bekannt vor, aber ich lasse den Gedanken, der seit seinem Brief durch meinen Kopf schwirrt, gar nicht erst zu. Schließlich ist das Bild äußerst unscharf! Außerdem kann es gar nicht so viele Zufälle geben. Wie um alles in der Welt sollte gerade John J. von meiner Annonce erfahren haben? Und warum sollte ausgerechnet er darauf antworten, nach über sechs Wochen. Das ist schier unmöglich. Wenn es wirklich »mein John« von damals wäre, hätte er ja auch reinschreiben können, um wen es sich handelt. Warum dann diese Geheimnistuerei mit dem Brief? Trotzdem, passen würde es irgendwie schon. In seinem Brief steht schließlich: »Ich habe einige Zeit in den Staaten gelebt.«
Plötzlich kommen alle Erinnerungen an diese Zeit vor – Mhm, wie lange ist das jetzt wohl her? – dreizehn, vierzehn Jahren zurück.
Rückblick
Das war in meinem zweiten Semester in Amerika, als ich mit Katti und unserem damaligen Coach, Brandon Short, nach Kalifornien geflogen bin. Wir waren die Einzigen aus unserer Mannschaft, die in diesem Jahr an den NCAA Tennis-Finals in L.A. teilnehmen durften.
Im Turnier konnten wir leider nicht sehr lange überzeugen, zumindest nicht im Einzel. Ich gewann die erste Runde und verlor danach sang- und klanglos gegen die achtundsiebzigste der amerikanischen Uni-Rangliste, NCAA. Ich kam mit den Windverhältnissen überhaupt nicht zurecht, spielte bodenlos schlecht und war am Ende total frustriert. Unser Trainer hatte mir eine riesige Chance gegeben, indem ich überhaupt mitfahren durfte und ich musste ihn so früh enttäuschen. Aber Los Angeles war halt nicht Memphis. Das erste Mal vor Hunderten von Zuschauern spielen, der Wind blies kräftig und ich stand völlig neben mir.
Ich erinnere mich an diese ganze Reise noch immer, als hätten wir sie erst gestern angetreten. Und wie oft habe ich danach versucht, gerade diese Reise komplett aus meinem Hirn zu verbannen. Nicht wegen des verlorenen Matches, sondern vielmehr wegen der darauffolgenden Tage…
Katti hatte im Einzel ebenfalls gleich verloren, aber sie sah das alles ein wenig entspannter als ich. Selbst Stunden später war ich immer noch am Boden zerstört, wollte mich am liebsten im Zimmer einschließen und bis zum nächsten Morgen dort bleiben. Doch Katti ließ nicht locker: »Wir sind nur einmal in L.A., zumindest nur einmal auf Kosten der Uni«, lachte sie. »Und ich möchte mir jetzt nicht den ganzen Abend von deiner miesen Laune kaputtmachen lassen!« Ich murmelte ein: »Okay okay, ist ja schon gut«, hüpfte unter die Dusche und dann gingen wir gemeinsam mit Coach Brandon, den wir intern »unseren Häuptling« nannten, ins TGI Friday‘s mitten in L.A. zum Essen.
Das Lokal war enorm voll, das Essen super lecker, die Portionen groß wie üblich in den Staaten, und spätestens nach meinem Gang zur Toilette war meine schlechte Laune wie weggeblasen.
Er war mir zuvor schon aufgefallen, als er zwei Reihen vor uns zusammen mit seinen Freunden ebenfalls auf einen freien Tisch wartete. Immer wieder schaute er zurück. Er war vielleicht einen Kopf größer als ich, hatte ein zuckersüßes Grinsen und einen sportlich-durchtrainierten Körper. Da wusste ich allerdings noch nicht, dass er auch deutsch sprach und somit alles verstand, was Katti und ich so quatschten. Ich schenkte ihm keine weitere Beachtung und habe somit nicht einmal bemerkt, dass er letztlich nur zwei Tische hinter uns saß.
Er muss jedoch gesehen haben, als ich aufstand, um zur Toilette zu gehen. Genau dort auf dem Gang sprach er mich plötzlich von hinten an: »Hallo schöne Frau!« »Hä, spricht da etwa jemand deutsch? Meinte der etwa mich?«, dachte ich und drehte mich erstaunt um. Da war es wieder, dieses breite Grinsen. Er hatte wunderschöne blaue Augen und kam tatsächlich auf mich zu. »Hallo«, antwortete ich und blieb ansonsten erst einmal stumm. Zu perplex war ich in dem Moment. Er war der typische Sunnyboy, wie man ihn sonst nur aus Kinofilmen kennt. Dessen war er sich voll bewusst, das merkte ich sofort. Ich war hier also Mr. Flirt persönlich über den Weg gelaufen. Und: Es fühlte sich gut an! Besonders an diesem Tag, die Gedanken an die Niederlage waren schlagartig vergessen.
Ich wollte etwas sagen, aber ich wusste nicht was. Zum Glück war er nicht so auf den Mund gefallen: »Ihr zwei seid mir vorhin schon aufgefallen. Wo kommt ihr denn her?« »Deutschland und Österreich. Wir studieren in Memphis und sind nur für ein paar Tage hier. Und du?« Er erzählte, dass er in L.A. arbeitet, John J. heiße und sich freuen würde, wenn er uns nachher die Stadt zeigen dürfe.
Leider musste ich ihm für diesen Abend absagen. Der Häuptling hätte uns erschlagen, wenn wir am Abend weggegangen wären und am nächsten Tag im Doppel noch so eine Leistung wie heute abliefern würden. John ließ nicht locker. Schließlich drückte er mir seine Telefonnummer in die Hand und ich musste ihm versprechen, dass wir uns melden. Doch hätte ich das wirklich getan? Ich glaube nicht.
Bis wir endlich zurück auf unser Zimmer kamen, platzte ich fast vor Ungeduld. Doch erst dort waren wir wieder allein und ich konnte Katti in aller Ruhe von meiner Begegnung mit John erzählen. Sie war völlig aus dem Häuschen. Auch ihr war der Typ sofort aufgefallen: »Der hat sich ja wirklich ständig nach uns umgedreht.« Na, und da John auch nach UNS gefragt hatte, ging ich insgeheim davon aus, dass es wohl Katti sein musste, die er eigentlich kennenlernen wollte.
So gerne hätte ich im Restaurant noch länger mit ihm gequatscht. Jedoch war mir das vor den Augen unseres Häuptlings zu peinlich. Also verließ ich den Laden ohne einen Gruß und war mir in dem Moment sicher, dass ich John nie wieder sehen würde.
Später, im Bett liegend, ärgerte ich mich über meine Verklemmtheit. Was war denn so schlimm daran? Ich meine, wir waren erwachsen. Wir durften ganz sicher auch jemanden kennenlernen. Ist ja nicht so, als hätten wir alle noch nie einen Freund gehabt. Es war zwar teilweise schwierig, Freund, Uni und die zeitintensiven Wochen während der Saison unter einen Hut zu bekommen, aber wir waren trotzdem noch Studenten und hatten unseren Spaß.
Dennoch, ich hatte es verpasst, John zumindest einen Wink zu geben, dass auch ich Interesse an ihm hatte. Da sprach mich einer der coolsten Typen in L.A. an und ich reagierte kaum. Ich drehte und wendete mich gefühlte einhundert Mal in meinem Bett, bevor ich irgendwann in Gedanken an meinen Sunnyboy einschlief.
Am nächsten Morgen mussten wir früh raus. Vor unserem ersten Doppel stand noch Laufen, Stretching und lockeres Einspielen auf dem Programm. Wir gingen gegen halb acht zum Frühstück. Danach fuhren wir direkt zur Tennisanlage der UCLA.
Ich war noch nicht ganz auf der Terrasse vor der Tafel mit dem Turnierplan angekommen, da sah ich ihn bereits von weitem. John wartete allem Anschein nach auf uns. Ich war total überrascht. Mit ihm hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Auch noch um diese Zeit! Ich hatte gestern Abend kurz erwähnt, dass wir am nächsten Morgen unser erstes Doppel an der University of California bestreiten würden, aber eigentlich eher beiläufig. Vielleicht war er ja doch nicht so oberflächlich, wie ich zunächst angenommen hatte.
Jedenfalls freute ich mich sehr, ihn wiederzusehen, sogar mehr als mir in diesem Moment lieb war. Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg und mein breites Grinsen konnte ich jetzt auch nicht mehr verbergen. Aber da Katti vorlaut, frech und wie immer vornweg lief und sie John ebenfalls sofort erkannte, drückte sie ihm auch gleich ein Gespräch auf die Nase. Somit hatte ich Zeit, mein Gesicht und meine schwitzigen Hände wieder auf Normaltemperatur runterzukühlen. Katti hatte offensichtlich überhaupt kein Problem damit, was der Häuptling von uns dachte. Und dass sie John ebenfalls total süß fand, wusste ich seit unserem Gespräch gestern Abend auch.
Doch plötzlich ließ John sie mehr oder weniger unterm Reden stehen und kam auf mich zu. Er gab mir einen Kuss auf die Wange und sagte: »Ich wollte dich unbedingt wiedersehen, Lara.« Schon wieder stand ich sprachlos vor ihm. Träumte ich etwa noch? Nein, John stand tatsächlich vor mir.
Verwirrt fragte ich ihn: »Es ist acht Uhr dreißig. Was machst du hier?« »Nun, meine Liebe, ich wusste leider nicht, wie ich dein 'Morgen früh' einzuordnen habe, somit warte ich hier seit kurz nach acht.« Nach kurzer Pause fügte er augenzwinkernd hinzu: »Glaubst du wirklich, ich lasse dich ohne Verabschiedung einfach so zurück nach Memphis fliegen?« Peinlich gerührt auf diese Anspielung von gestern Abend kontere ich: »Ich hätte dich schon noch angerufen!« Aber hätte ich das wirklich?
Konnte mich dieser Mann, den ich gerade einmal fünf Minuten in meinem Leben gesprochen hatte, jetzt schon so genau einschätzen? Und was brachte ihn dazu, uns – also in dem Fall tatsächlich mir – so hinterherzulaufen? Ich meine, er war der »Pretty Boy«. Normalerweise stehen die Frauen bei ihm Schlange. Er könnte bestimmt jede haben. Warum um alles in der Welt stand er um acht Uhr morgens auf dem Tennisplatz, um mich irgendwann im Laufe des Vormittags hier anzutreffen? Ich sagte ihm, dass ich mich wirklich sehr freue ihn zu sehen, aber jetzt trainieren müsse, um mich auf unser bevorstehendes Doppel vorzubereiten.
Ich ließ ihn tatsächlich ohne weiteren Kommentar allein zurück, schnappte meine Tasche und ging. Katti stiefelte mir entsetzt hinterher. Sie konnte nicht glauben, wie ich »den gerade abserviert hatte«, und wusch mir auf dem Weg zum Platz ordentlich den Kopf: »Hast du gesehen, wie hammermäßig gut der ausschaut? Ist dir vielleicht aufgefallen, wie spät es ist? Und wie der dich ansieht, wenn er mit dir spricht? Du tust mir echt leid. Was ist denn in dich gefahren? So bist du doch zu Hause auch nicht.«
Sie hatte recht. Der arme Kerl musste denken ich hab 'nen Schlag. Ich war so kalt und förmlich und verklemmt, wie ich es selbst von mir kaum kannte. Für mich zählte scheinbar nur das Tennis und sonst gar nichts. Er fuhr mitten in der Nacht los, stand sich am Eingang die Beine in den Bauch, um uns bloß nicht zu verpassen, und ich nahm mir noch nicht einmal zehn Minuten Zeit für ihn. Ich wusste ja selbst nicht, was mit mir los war. Nein, so war ich zu Hause wirklich nicht.
Aber bei John benahm ich mich echt komplett daneben und ich hatte keine Ahnung warum. Irgendwie fühlte ich zu schnell zu viel für ihn und das machte mir Angst. Außerdem kannte ich ihn überhaupt nicht und es kam mir höchst suspekt vor, dass er hier um diese Uhrzeit auf uns wartete.
Vor unserem Spiel sah ich ihn nicht mehr. Während dem Training schossen mir unendlich viele Gedanken durch den Kopf. Ich hatte mich verhalten wie ein dummes Schulmädchen, welches zum ersten Mal von einem Jungen angesprochen wird. Offensichtlich hatte John nun endgültig die Schnauze voll, ich hatte ihn vergrault. Wütend auf mich selbst, drosch ich alle Bälle ins Netz, hatte plötzlich keine Lust mehr zu trainieren und wollte nur noch zurück nach Memphis. Was genau ich in der Zeit zwischen dem Training und unserem Doppel machte, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall versicherte ich Katti und unserem Trainer, dass ich mich nachher zum Spiel wieder im Griff haben werde und dass mir mein Verhalten von vorhin leid tat. Ansonsten verbrachte ich die Zeit, bis wir aufgerufen wurden, allein.
Als wir schließlich am Platz ankamen, boxte mich Katti freudig in die Seite: »Schau mal, da drüben am Zaun.« Anscheinend hatte John die Schnauze doch noch nicht voll. Pünktlich zum Doppel war er wieder da. Wir spielten auf einem Nebenplatz ziemlich weit hinten auf der Anlage. Es gab keine Stühle für die Zuschauer, somit setzte er sich unweit vom Zaun in den Rasen und blieb dort die kompletten zwei Stunden sitzen. Während dem gesamten Match sagte er nichts, er applaudierte auch nicht, er saß einfach nur da. Fast war mir die Situation schon unheimlich.
Später erklärte er sein Verhalten: »Ich wollte dich nicht noch zusätzlich unter Druck setzen. Aber dein Spiel zu sehen, das konnte ich mir einfach nicht nehmen lassen. Auch auf die Gefahr hin, dich damit nervös zu machen.« Dann gab er mir einen liebevollen Klaps auf den Hintern und fügte mit seinem unwiderstehlichen Lächeln hinzu: »By the way, du sahst so süß aus in deinem Tennisröckchen.« Spätestens zu diesem Zeitpunkt war ich hoffnungslos verknallt.
An dem Tag hatten wir noch ein weiteres Spiel, welches wir ebenfalls gewannen. Auch dieses Match schaute John sich bis zum Ende an. Unser Coach war sehr zufrieden mit uns und wir nutzten die Gelegenheit, ihn zu fragen, ob wir am Abend allein zum Essen gehen dürften. Wir versprachen pünktlich zur vereinbarten Sperrstunde um zweiundzwanzig Uhr zurück im Hotel zu sein. Dem Häuptling war unsere neue Bekanntschaft natürlich nicht entgangen, allerdings genauso wenig die Klasse Leistung, die wir auf dem Platz abgeliefert hatten. Er war einverstanden und wir sollten ihn nicht enttäuschen.
Katti kam selbstverständlich auch auf ihre Kosten. Ich hatte John gebeten, am Abend einen Freund mitzubringen. Er lachte nur und meinte: »Das hätte ich ohnehin gemacht. Ich will schließlich noch viel mehr über dich erfahren. Und da ich schon bemerkt habe, wie schüchtern du vor anderen bist, muss ich deine Katti doch irgendwie ablenken.«
Und mit dieser »Ablenkung« hatte keine von uns beiden gerechnet. Noch so ein kalifornischer Dream-Boy stand da plötzlich vor unserer Hoteltür und holte uns zusammen mit John ab. Es fehlten nur noch ihre Surfbretter unterm Arm, ansonsten lief es ab wie im Fernsehen. Connor war ungefähr im selben Alter wie wir, sah aus wie ein Abercrombie-Model und holte uns in seinem schwarzen offenen Cabrio ab.
An diesem Abend blieb es beim gemeinsamen Abendessen und einem Abschiedskuss. Katti und ich waren wie zwei Teenager, wir quatschten danach die halbe Nacht in unseren Betten. Wir konnten kaum glauben, welche Prachtschätze uns da über den Weg gelaufen waren und überlegten bereits an diesem Abend, ob wir unsere Zeit hier um die Ferienwoche verlängern sollten. Normalerweise ging es nach dem Ausscheiden aus einem Turnier oft noch am selben Tag zurück. Nur dieses Mal, mit Spring Break im Anschluss, bot es sich quasi an, unsere »Flitterwochen« noch ein wenig auszubauen.
Katti und ich konnten unser Glück kaum fassen. Zu unserem Erstaunen stellten sich die beiden als nicht nur oberflächliche Schönlinge heraus, sondern sie lasen uns jeden Wunsch von den Lippen ab und trugen uns die verbleibende Zeit in L.A. auf Händen. Längst waren wir mehr als nur Freunde.
Annonce endgültig abgehakt
Ich muss mich da in etwas hineingesteigert haben. Das kann überhaupt nicht sein. John Jackson ist ganz sicher nicht der John, dem ich vor vierzehn Jahren endlose Stunden hinterhergetrauert hatte. Das Foto hier auf Facebook: Zugegeben, es sieht ihm ein wenig ähnlich, aber erstens ist es ziemlich unscharf, zweitens hatte John damals viel längere Haare und drittens ist es vierzehn Jahre her, dass wir uns zuletzt gesehen haben. Was weiß ich, wie John heute aussieht. Außerdem scheine ich auch dieses Mal, schon bei dem Namen, John, kein Glück zu haben. Selbst nach über einer Woche hat sich John Jackson weder auf meine SMS, noch auf Skype und auch nicht über Facebook gemeldet. Die E-Mail, die ich an Johns damalige Adresse geschrieben habe, blieb auch unbeantwortet.
Ich liege im Bett und überlege. Sollte ich mich vielleicht doch morgen Vormittag hinsetzen und John Jackson einen Brief schreiben? Vielleicht gibt es tatsächlich einen Grund, warum er den Postweg gewählt hat. »Was auch immer dieser Grund sein mag?«, schüttle ich den Kopf. Die Adresse von seinem momentanen Domizil hatte er wenigstens angegeben. Was habe ich schon zu verlieren? Die Annonce hat eh nichts gebracht, acht Wochen sind seither vergangen. John Jackson wird entweder auf meinen Brief antworten oder eben nicht.
Einundzwanzigster Mai, die Jungs sind wie jeden Morgen in der Kita. Ein letztes Mal schaue ich erwartungsvoll in meine Mailbox. Aber wie inzwischen erwartet, habe ich auch heute keine Nachricht von John. Noch einmal suche ich die Telefonnummer von Johns Internetseite heraus. Ich muss wissen, wer dahintersteckt! Ich nehme all meinen Mut zusammen und wähle die Nummer. Innerhalb weniger Sekunden sind meine Hände schweißnass. »Diese Rufnummer ist uns leider nicht bekannt, aber wir können Sie gerne mit der Auskunft verbinden«. »Nein danke, nicht nötig!«, schüttle ich den Kopf und lege auf. Zumindest weiß ich jetzt, warum er meine SMS ignoriert hat. Auch auf Facebook ist er laut seinem letzten Eintrag fast ein Jahr nicht mehr online gewesen. Schon irgendwie komisch das Ganze.
Ein wenig widerwillig setze ich mich an den Tisch. »Das wird schon so ein Spießer sein!«, sage ich laut und verdrehe die Augen. Per Brief zu antworten, wenn ich schon extra eine E-Mail-Adresse mit angebe. Aber gut, Zeit verschwendet habe ich die vergangenen zehn Tage genug, jetzt schreibe ich ihm eben einen Brief!
Ganz oben, sozusagen als Wink mit dem Zaunpfahl, platziere ich meine Telefonnummer und meine E-Mail-Adresse, so dass er sich in Zukunft hoffentlich aufs digitale Antworten beschränkt. Ist schließlich schneller, billiger und außerdem möchte ich ein Foto von ihm sehen.
Zunächst entschuldige ich mich für meine verspätete Antwort und nenne als Grund, dass ich seit Tagen versuche, ihn auf sämtlichen digitalen Medien dieser Welt zu kontaktieren. Daraufhin wird er mir bestimmt mitteilen, warum er momentan weder auf Skype noch auf Facebook vertreten ist.
Total ungewohnt, mal wieder etwas per Hand zu schreiben, und das mehr als nur den Einkaufszettel. Ich versuche mich in Schönschrift, doch letztlich wird es ein furchtbares Gekrakel. »Das ist garantiert der letzte Brief, den ich auf diese Art und Weise schreibe!«, ärgere ich mich lautstark.
Am nächsten Morgen sitze ich ab zehn Uhr am Rechner und checke alle fünf Minuten meine Mailbox. Was ist eigentlich los mit mir? Ich kenne den Typen doch überhaupt nicht. Warum lasse ich mich jetzt schon so verrückt machen? Vielleicht schwebt auch irgendwo diese winzig kleine Hoffnung in mir mit, dass es sich eben doch um John J. handeln könnte. Aber will ich das überhaupt? Hatte ich damals nicht schon genügend schlaflose Nächte wegen ihm? Vielleicht. Aber zu diesem Zeitpunkt hätten wir leider keine Chance gehabt. Und heute?
Ich möchte diesen Gedanken gar nicht weiterdenken und gehe in die Küche, um Mittag zu essen. Halb zwei checke ich meine Mailbox das letzte Mal. Wieder nichts. Okay, sicher ist John Jackson noch in der Arbeit und bekommt meinen Brief erst am Abend.
Um die Zeit bis dahin schneller zu überbrücken, gehe ich den restlichen Nachmittag mit den Jungs auf den Spielplatz. Das Wetter ist klasse und Felix‘ kleiner Freund Max mit seiner Mama Patricia leisten uns Gesellschaft. Innerlich sitze ich wie auf Kohlen. Es zerreißt mich fast vor Neugier. Hat John inzwischen geantwortet? Mein Handy liegt daheim auf der Couch und ich habe somit keine Möglichkeit ins Internet zu kommen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass John inzwischen schon eine ganz liebe Nachricht geschrieben hat, die all meine offenen Fragen beantwortet.
Nichts davon bewahrheitet sich. Als wir gegen halb sechs nach Hause kommen, stürze ich sofort an den Rechner. Doch außer einer E-Mail von meiner Schwester sehe ich nichts. Enttäuscht mache ich den Jungs ihr Abendbrot und stecke sie danach in die Badewanne. Am Abend schaue ich noch das eine oder andere Mal nach, aber es kommt keine Nachricht von John Jackson. In der Hoffnung, dass mein Brief vielleicht erst morgen ankommt, gehe ich ins Bett.
Doch auch die nächsten Tage höre ich nichts von diesem John. Inzwischen bin ich mir endgültig sicher, dass er sich nicht mehr melden wird.
Wieder ein Brief?
Fünf Tage später, gefühlte fünf Wochen, kann ich meinen Augen kaum trauen. Im Briefkasten liegt erneut ein Brief, der an mich adressiert ist. Wieder kommt er von John, John Jackson. »Was ist das denn für ein Idiot?«, schießt es spontan aus mir heraus. Wieso schreibt der jetzt schon wieder per Post? Ich reiße den Brief auf, setze mich hin und beginne zu lesen.
Hallo liebe Lara,
vielen Dank für deinen herzlichen Brief. Ich musste ja schon ein wenig schmunzeln, als ich gelesen habe, wie sehr du versucht hast, mit mir Kontakt über die »digitale Welt« aufzunehmen.
Ha, der ist witzig. Wieso antwortet er dann bitte nicht über die »digitale Welt«? Kopfschüttelnd lese ich weiter.
Wie du ja sicherlich gemerkt hast, gibt es recht viele Informationen über mich im Internet. Vieles davon ist jedoch entweder veraltet oder auch gänzlich falsch. Bei Facebook bin ich seit letztem Sommer nicht mehr online gewesen, deshalb konnte ich dir da auch nicht antworten. Ich habe mich aus verschiedenen Gründen dazu entschieden, dir per Hand zu schreiben. Der Hauptgrund ist, dass ich einen handschriftlichen Brief einfach persönlicher finde und gerade bei der Antwort auf eine Kontaktanzeige finde ich das sehr passend.
Ja toll, jetzt antwortet er aber nicht mehr auf eine Kontaktanzeige, sondern auf einen Brief von mir. Warum dann also noch immer der Quatsch mit dem per Hand schreiben? Ich warte auf eine plausible Erklärung, doch John wechselt sofort das Thema. Langsam macht er mich wütend.
Ich freue mich somit umso mehr, dass du hartnäckig geblieben bist und mir letztlich auf demselben Weg geantwortet hast. Das finde ich ja sehr süß, dass ich der Erste bin, dem du seit deiner Kindheit einen Brief schreibst. Ich fühle mich geehrt.
Ja und ich fühle mich verarscht! EIN Brief ist ja schön und gut, aber es muss ja nicht gleich zur Dauerlösung werden, oder?
Gerade im Zeitalter von Laptop und iPhone ist es doch besonders schön, wenn im Briefkasten ausnahmsweise mal nicht nur Rechnungen oder Werbung liegen, sondern ein persönlicher Brief. Findest du nicht auch?
NEIN, finde ich nicht. Also wenn es nach mir geht, können wir auf diesen romantischen Spaß gerne verzichten!
Ich bin sehr froh, dass du dich für die Anzeige entschieden hast, sonst hätten wir uns eventuell nie kennengelernt. Die Idee, dass du gleich deine Kids und deine Erwartungen mit hineingeschrieben hast, war clever. So weiß jeder sofort, worauf er sich einlässt und es erspart dir eine Menge Zeit und Nerven. Dass sich viele Herren älterer Semester gemeldet haben, kann ich mir gut vorstellen. Die Herren hätten eben alle gerne eine junge hübsche Frau an ihrer Seite.
Bei der Wahl meiner Partnerin hatte ich in der Vergangenheit kein besonders glückliches Händchen. Da sind einige heftige Dinge passiert. Unter anderem habe ich bis heute recht viel Stress mit meiner Ex-Frau, weil sie versucht zu verhindern, dass ich meine kleine Prinzessin regelmäßig sehen kann.
Oh je, das tut mir leid. Kaum vorstellbar, dass es Eltern gibt, die einander den Kontakt zu ihren Kindern verweigern.
Acht Jahre Amerika hast du hinter dir – Respekt! Mich hat es nach drei Jahren zurückgezogen, obwohl ich mich in vielerlei Hinsicht, auch wie du, in den Staaten recht wohl fühlte. Besonders an der Westküste (L.A.), dort habe ich damals gelebt.
L.A.? Komisch, schon wieder genau wie John. Aber gut, Los Angeles ist ja groß.
So, meine liebe Lara, nun möchte ich dir noch etwas über mich verraten. Ich habe dir doch bereits geschrieben, dass ich mit einer Firma in der Medienbranche tätig bin. Leider habe ich einige gravierende Fehlentscheidungen getroffen und mich somit strafbar gemacht. Mir wurde Betrug vorgeworfen und dafür wurde ich vor Gericht gestellt. Aus heutiger Sicht hätte ich einiges anders entschieden und gewissen Personen nicht vertrauen dürfen. Leider hatte ich dieses Wissen zu der entscheidenden Zeit noch nicht. Das ist auch der Grund, warum ich momentan mein zeitlich begrenztes Domizil in Kaisheim bewohne, weil ich mich hier in Haft befinde.
»Oh NEIN!«, springe ich entsetzt auf. Mir rutscht das Herz in die Hose. Das kann doch nicht sein! Ein Knacki? Ach man, was für ein Pech. Da klingt ein Mann zur Abwechslung mal richtig gut – charmant, gefühlvoll und total auf meiner Wellenlänge – dann ist es einer, der mir aus dem Gefängnis schreibt. Warum kann bei mir nicht auch mal alles rund laufen? Aber ein Knacki, das geht echt gar nicht! Und nun? Was soll ich denn jetzt machen, ihn einfach ignorieren? Er wird darüber hinwegkommen. Kennt mich ja eh nicht.
Wieder springen meine Gedanken hin und her. Laut seiner Facebook-Abstinenz ist er schon fast ein Jahr da drin. Dann müsste er bestimmt bald wieder rauskommen. Aber er ist und bleibt verurteilt, so viel ist klar. Dieses Bild werde ich auch immer von jemandem im Gefängnis haben, selbst wenn er mir hier noch so nett schreibt. Wenigstens ist er kein Gewalttäter, sondern »nur« ein Wirtschaftsverbrecher. Dennoch, so etwas kommt für mich nicht in Frage! Trotzdem lese ich weiter, was er schreibt.
Ich bin eigentlich ein guter und ehrlicher Mensch, der eben nur einige falsche Entscheidungen getroffen hat. Ich hoffe sehr, dass du dich davon nicht abhalten lässt, mich weiterhin näher kennenlernen zu wollen, um dich selbst von meinem Wesen zu überzeugen.
Ha, der ist lustig! Was bringt es mir denn, wenn ich jetzt auch noch anfange, mit einem Knacki hin- und herzuschreiben? Lange vor meiner eigenen Annonce, hatte ich mal eine Kontaktanzeige gelesen, von einem, der diese aus dem Knast heraus aufgegeben hatte. Damals dachte ich mir noch: »Na, der hat ja Humor. Wer antwortet schon jemandem, der im Gefängnis sitzt? Würde ich im Leben nicht machen.« Und nun? Ich lese weiter.
Jetzt kann ich nur hoffen, dass ich wieder Post von dir bekomme. Es war mir aber einfach sehr wichtig, dass du es sofort von mir erfährst.
»Ist ja nicht gerade so, als hätte er eine andere Wahl«, schimpfe ich vor mich hin und schmeiße den Brief auf die Couch. Dieses winzig kleine Detail geheim zu halten, wäre sicherlich schwierig geworden. Außer natürlich er kommt in den nächsten Wochen raus? In dem Fall würde ich mir das mit einem gegenseitigen Kennenlernen eventuell sogar noch überlegen.
Ich möchte dich in keinerlei Hinsicht belügen, da dies absolut keine Basis für mich wäre. Eines kannst du mir glauben, ich hätte niemals gedacht, dass mir so etwas passieren könnte. Aber du weißt ja aus meinem letzten Brief, dass ich ein positiv denkender Mensch bin und so versuche ich, auch aus dieser Situation etwas Positives zu ziehen, selbst wenn es nur das ist, dass ich sehr viel aus all dem gelernt habe und mir so etwas ganz sicher nie wieder passiert! Da ich momentan demzufolge keine E-Mails bekommen kann, würde ich mich sehr freuen, wenn du mir Fotos von euch ausdrucken und mir auf die »altmodische« Art und Weise schicken könntest.
So, nun komme ich mal zum Ende und freue mich riesig auf deinen nächsten Brief.
Der ist ja sehr von sich überzeugt, wenn er davon ausgeht, dass ich ihm trotz allem zurückschreibe.
Bis hoffentlich ganz bald! Liebe Grüße, John
P.S. Kennst du eine Katarina Brunner?
Hä? Woher kennt der jetzt bitte Katti und was hat sie damit zu tun? Spätestens jetzt bin ich vollends verwirrt. Sollte der Absender vielleicht doch mein kalifornischer »Dream-Boy« sein? Hatte das am Ende Katti eingefädelt, dass er sich bei mir meldet? Na toll, das sieht ihr ähnlich. Aber Katti, was bitte bringt mir ein Mann im Knast und das in meiner jetzigen Situation? Ihr müsste doch klar sein, dass ich mir nichts sehnlicher wünsche, als eine intakte Familie bei uns Zuhause und nicht noch einen zusätzlichen Klotz am Bein, hunderte Kilometer von uns entfernt. Dann auch noch John! Katti weiß doch, wie lange ich damals gelitten habe. Sie hätte mich zumindest vorher fragen müssen. Aber wahrscheinlich konnte sie sich denken, dass ich niemals zugestimmt hätte.
Herje, ich weiß in diesem Moment weder, ob ich jetzt sauer sein soll oder vielleicht doch eher dankbar, dass sie es überhaupt geschafft hat, John wieder in mein Leben zurückzubringen. Ich persönlich habe es damals nicht versucht und ich hätte es ganz sicher auch jetzt nicht getan. Doch nun stehe ich vor der Wahl, ob ich die Gelegenheit nutzen soll oder eben nicht.
Mein spätes Eingeständnis
Und nun, vierzehn Jahre später, sitze ich hier am Küchentisch in Aham, denke an diese längst vergessene Geschichte und habe keine Ahnung, ob und was ich John antworten soll. Natürlich kenne ich eine Katarina Brunner. Plötzlich verstehe ich auch, warum Katti mich in ihrer letzten E-Mail gefragt hat, ob ich meinen Traumprinzen schon gefunden habe. Erst nach meiner offensichtlich doch ein wenig enttäuscht klingenden E-Mail half sie mir, oder in dem Fall eher uns, ein wenig auf die Sprünge.
Jetzt liegt es an mir, ob ich ihre Hilfe annehme oder eben nicht. John hatte es trotz allem getan. Nur warum hat er mir nicht direkt mitgeteilt, wer hinter diesem Brief steckt?
Ich ärgere mich über mich selbst. Warum bin ich damals eigentlich so stur gewesen? Warum nur habe ich John nach unserer Reise komplett aus meinem Leben ausgeschlossen? Vor vierzehn Jahren wäre es garantiert einfacher gewesen, gemeinsam eine Lösung zu finden. Doch jetzt bekomme ich quasi aus dem Nichts heraus meine zweite Chance und ich sollte sie verdammt noch mal nutzen!
Noch am selben Abend setze ich mich hin und schreibe. Ich weiß zunächst nicht einmal wie ich anfangen soll. Schließlich wird es aber ein langer Brief, in welchem ich John meine wahren Gefühle und Reaktionen auf seine Zeilen mitteile. Anschließend schreibe ich ihm, was mir die letzten Jahre wiederfahren ist und wie es mir mit meinen Kindern heute ergeht. Zuletzt entschuldige ich mich bei ihm, dass ich mich nach unserer Reise von heute auf morgen nicht mehr bei ihm gemeldet habe. Ich dachte damals wirklich, es sei das Beste für uns beide.
Beim Schreiben dieser Zeilen habe ich beinahe vergessen, wo John sich gerade befindet. Aber so ewig kann John ja nicht mehr sitzen müssen, er ist schließlich kein Schwerverbrecher! Zuletzt verspreche ich ihm, dass ich ihn nicht noch einmal hängenlassen werde und ich ihm helfen möchte, die verbleibende Zeit im Gefängnis gut zu überstehen.
Oh je, mir fällt es schon schwer, dieses Wort »Gefängnis« überhaupt zu schreiben. Nie im Leben würde ich jemandem erzählen können, wo sich mein Freund, wenn er es denn werden sollte, befindet beziehungsweise befunden hat.
Irgendwie schon bescheuert, da melde ich mich vierzehn Jahre nicht bei John und dann schreibe ich ihm diesen Brief. Egal, jetzt ist er weg und es gibt kein Zurück.
Zumindest weiß John jetzt, was ich für ihn empfinde und dass ich ebenfalls all die Jahre an ihn gedacht habe. Ein ehrliches Schreiben war ich ihm nach so langer Zeit einfach schuldig.
Die nächsten Nächte schlafe ich unruhig. Die Geschichte von damals lässt mich einfach nicht los. Was, wenn wir uns beide komplett verändert haben und bei einem baldigen Treffen total enttäuscht werden? Vierzehn Jahre sind eine lange Zeit. John hat seitdem ebenfalls einige unglückliche Beziehungen hinter sich. Damals waren wir jung und frei und unbekümmert. Heute hat er eine Tochter, die er nicht sehen darf und ich habe zwei Kleinkinder, die ich mehr oder weniger allein großziehe. Vor allem aber haben mich die letzten Jahre ziemlich gezeichnet, was mir am meisten Sorge bereitet. John hat damals schon großen Wert auf Aussehen gelegt.
Jetzt bin ich erstmal gespannt, was John zu meinem Brief sagen wird. Wieder sitze ich wie auf Kohlen. Diese Warterei nervt mich jetzt schon!
Zwei Jahre – Das schaff ich nicht!
Drei Tage später, ich gehe die Post holen, bin mir aber sicher, dass ich noch keine Antwort haben kann. Weit gefehlt, es liegt tatsächlich ein Brief von John im Kasten. Mit einem lauten »Yippie!« reiße ich ihn bereits auf dem Weg nach drinnen auf.
Die Gefühle und Gedanken, die in diesem Augenblick durch meinen Kopf und meinen Körper jagen, sind geradezu unbeschreiblich. Es fühlt sich fast so an, als würde das erste Wiedersehen nach vierzehn Jahren in wenigen Sekunden bevorstehen. Meine Hände sind plötzlich schweißnass. Ich bin total nervös und gespannt bis zum Anschlag. Dabei handelt es sich »nur« um einen Brief. Ich setze mich auf die Treppe und fange an zu lesen.
Hallo Lara,
zunächst erst einmal vielen Dank für deinen herzlichen Brief. Aufgrund meines momentanen Aufenthaltsortes habe ich ehrlich gesagt nicht mit Post von dir gerechnet. Umso mehr freue ich mich über deine so lieben und aufrichtigen Zeilen. Es ist zwar jetzt schon spät, da ich hier am Abend zusätzlich noch in der Redaktion des Gefangenen-Magazins arbeite, aber ich möchte dir unbedingt gleich antworten.
Da ist es wieder: »GEFANGENEN-Magazin«! Sofort legt sich ein Schalter in meinem Kopf um und mir wird schlagartig bewusst, wo John sich befindet und was das für uns heißt.
Ich werde daher heute nicht allzu viel schreiben können, aber morgen Nachmittag schicke ich dir dafür noch einen zweiten Brief. Da habe ich mehr Zeit und kann dir ausführlich berichten, wie ich in diese Situation geraten bin. Ich sitze seit einem knappen Jahr in Haft, um dir diese Frage gleich zu beantworten.
So viel konnte ich mir inzwischen auch zusammenreimen. Aber ein Jahr ist doch eh schon ewig, dann sollte John es ja bald überstanden haben.
Ach Lara, es ist so schön von dir zu hören, dass auch du unsere gemeinsame Zeit in L.A. nicht vergessen hast und du ebenfalls das eine oder andere Mal in den letzten Jahren an mich gedacht hast. Das bedeutet mir wirklich viel. Ich konnte all die Jahre einfach nicht glauben, dass ich mich so sehr in einem Menschen getäuscht habe. Ganz verstehen werde ich deine Entscheidung von damals zwar nie, aber vielleicht gibst du uns ja irgendwann die Möglichkeit, darüber zu sprechen. Im Moment bin ich einfach nur froh, dass du dich gemeldet hast.
Da ich zum ersten Mal im sogenannten Regelvollzug bin,
Schon dieses Wort: »REGELVOLLZUG«, das kenne ich sonst nur aus dem Fernsehen.
habe ich sehr große Chancen auf eine vorzeitige Haftentlassung. Bis Juli übernächsten Jahres bin ich aber wohl auf jeden Fall noch hier.
Wie bitte? Da muss er sich vertan haben. Das sind noch über zwei Jahre! Er hat doch geschrieben, dass er nichts Schlimmes gemacht hat. Das kann also gar nicht sein. Zwei Jahre, das geht nicht!
In circa sieben Monaten bin ich dann lockerungsberechtigt. Ab diesem Zeitpunkt kann ich erstmals Ausgänge und später Hafturlaub (Freitag bis Sonntag) beantragen.
Sieben Monate? Und wie stellt er sich das vor? Dass wir uns jetzt sieben Monate mit einer Brieffreundschaft vertrösten oder wie? Ich habe mir doch so sehr endlich eine intakte Familie gewünscht, mit einem liebevollen Partner, der für mich und die Kinder da ist. Zwei Jahre? Das ist die Hölle! Und was mache ich jetzt? Ich hatte John doch gerade erst im letzten Brief versprochen, dieses Mal für ihn da zu sein und ihn nicht wieder fallen zu lassen. Aber ich pack das einfach nicht! Auf der anderen Seite, was sind schon zwei Jahre im Gegensatz zu den letzten fünf mit meinem Ex? Ich lese weiter.
Deine Frage, ob ich auch Kinder, die biologisch nicht von mir sind, wie meine eigenen lieben könnte, kann ich mit einem ganz klaren »JA!« beantworten. Ich hatte vor einiger Zeit eine Beziehung mit einer Frau, die sogar drei Kinder mitbrachte. Die drei sind heute noch wie meine leiblichen Kinder, wenn ich an sie denke. Für mich ist es einfach sehr wichtig, dass Kinder in einer glücklichen Familie aufwachsen.
Klar kann ich mir durchaus noch weitere Kinder vorstellen. Was ist mit dir? Allerdings muss dann auch alles passen. Ich bin ein absoluter Familienmensch und wenn ich noch einmal Vater werde, dann möchte ich nie wieder ohne mein Kind leben müssen! Ach Lara, ich würde dir jetzt so gerne unter die Arme greifen, dir meine Schulter zum Anlehnen anbieten, dich einfach mal in den Arm nehmen und dir die Möglichkeit geben, zur Ruhe zu kommen und zu entspannen.
John klingt genauso einfühlsam wie vor vierzehn Jahren.
Ich gebe dir übrigens absolut recht, am meisten kann man das Leben mit den kleinen Rackern in einer harmonischen und glücklichen Familie genießen.
Genau so stelle ich mir seit Jahren meinen Traummann vor. Nur allein der Gedanke an John lässt mein Herz schneller schlagen.
So, nun habe ich doch mehr geschrieben als zunächst gedacht, aber ich wollte dir unbedingt heute noch antworten, damit die Post an dich gleich morgen früh rausgeht. Ich freue mich schon jetzt auf deinen nächsten Brief und wer weiß, vielleicht muss ich gar nicht lange darauf warten?! Bis dahin wünsche ich dir eine gute Zeit und du kannst ja ab und zu an mich denken. Ganz liebe Grüße, John
Zwei Jahre! Das muss ich erst mal sacken lassen. Mit allem hätte ich gerechnet, aber bestimmt nicht mit zwei Jahren. Mehrere Monate wären schon der absolute Alptraum gewesen, aber zwei Jahre? Das schaff ich nicht. Nur, wie soll ich das John beibringen? Hat er es nicht schon schwer genug da drin? Außerdem ist er fest davon überzeugt, dass ich mich wieder bei ihm melde. Ich dagegen bin schon bei dem bloßen Gedanken an zwei Jahre kurz vor der Aufgabe. Ich brauche Zeit, um über alles nachzudenken.
Zum Glück muss ich jetzt die Jungs abholen. Wir fahren in den Kletterpark, essen Popcorn, trinken Apfelschorle und die beiden freuen sich über die gelungene Abwechslung. Genauso wie ich.
Gedankenchaos
Abends mache ich es mir vorm Fernseher gemütlich und danach versuche ich zu schlafen, was mir in dieser Nacht nicht wirklich gelingt. In Gedanken bin ich bei John. Ich wünschte, ich könnte sie abschalten. Aber so einfach ist das leider nicht. Gegen drei Uhr morgens schreit Nic. Fast schon ein wenig glücklich darüber, hole ich ihn zu mir ins Bett, er kuschelt sich an mich und irgendwann schlafen wir beide ein.
Am nächsten Morgen bin ich wie gerädert. Drei Stunden Schlaf sind einfach zu wenig. Ich mache die Jungs fertig, bringe sie in die Kita und gehe danach zum Laufen. Als ich zurückkomme, hält die Postbotin vor unserem Haus und übergibt mir lächelnd einen Brief: »Es ist doch immer wieder schön, wenn man heutzutage noch Liebesbriefe bekommt, nicht wahr?« »Ja, das stimmt«, freue ich mich wie ein kleines Schulmädchen. Wieder suche ich mir die erstbeste Sitzgelegenheit und reiße aufgeregt den Umschlag auf.
Hallo Lara,
hier kommt also mein versprochener Brief an dich. Ich hoffe, ihr genießt das schöne Wetter.
Naja, so schön ist es inzwischen leider nicht mehr, aber vor zwei Tagen, als John den Brief geschrieben hat, war es in der Tat sehr warm und sonnig. Diese Art von Zeitverschiebung ist für mich wirklich sehr gewöhnungsbedürftig.
Nun habe ich genug Zeit, um dir ausführlicher zu schreiben und dir wie angekündigt zu erzählen, wie es zu alldem kam. Zunächst habe ich im Marketing eines Berliner Radiosenders gearbeitet. Dank eines Kunden ergab sich kurze Zeit später die Möglichkeit, mich mit einer Werbeagentur selbstständig zu machen. Durch diese Unterstützung lief die Agentur damals sofort sehr gut an. Dann kam mein Aufenthalt in Los Angeles, wobei ich erneut großes Glück hatte. Ich bekam die Chance, die Anzeigen für die Westküste des Kunden Macy‘s zu kreieren. Kennst du sicherlich, ist eine riesige Einkaufskette in den Staaten.
Nach drei Jahren Amerika zog ich nach München und arbeitete freiberuflich für verschiedene Medien. Schließlich gründete ich meinen Verlag und gab die erste eigene Zeitschrift heraus. Sie hieß »SPORTNEUHEITEN«. Mit dem Relaunch zu »JFM - JUST FOR MEN« kam der große Durchbruch, die Verkaufszahlen sind nach oben geschossen und der Anzeigenumsatz stieg an. Das lief eine ganze Weile gut, bis ich Probleme mit meiner Druckerei bekam. Zwei Ausgaben konnten nicht erscheinen, da ich mich zu lange habe hinhalten lassen. Am Ende erfuhr ich, dass sie Konkurs waren und deshalb nicht drucken konnten. Dadurch war mir ein enormer wirtschaftlicher Schaden entstanden. Einen Teil davon konnte ich auffangen, aber um den Rest der Kosten tragen zu können, musste ich dringend die nächste Ausgabe auf den Markt bringen.
Im Endeffekt lag darin mein großer Fehler, denn dadurch habe ich mich strafbar gemacht. Vom Gesetz her ist es so, dass, wenn ich eigentlich zahlungsunfähig bin, in dem Moment der Auftragserteilung (z.B. an einen Redakteur, Fotografen oder ein Model) ist dies Betrug. Da ich zuvor, als es so gut lief, zwangsläufig viele Neider gesammelt hatte, kam diesen Personen ein solcher Fehler von mir wie gerufen. Genau diese Leute sorgten dafür, dass gegen mich Anzeige erstattet wurde. Das Ende vom Lied war, mir wurde vorgeworfen, einige solcher Aufträge erteilt zu haben und somit wurde ich auch verurteilt. Nun sitze ich also hier und muss für diese Fehlentscheidung von mir die Strafe verbüßen. Jetzt weißt du, wie es zu alldem kam.
Also gut, liebe Lara, dann komme ich für heute mal zum Ende. Grüße bitte Nic und Felix ganz lieb von mir. Ich freue mich schon heute riesig auf deinen nächsten Brief! Bis dahin wünsche ich euch eine schöne Zeit. Bis ganz bald. Liebe Grüße, John
Puh erst einmal tief durchatmen. Das mit den »noch zwei Jahren« war also wirklich kein Versehen. Richtig nachvollziehen kann ich diese hohe Strafe zwar trotzdem nicht, aber das wird John mir sicher bald genauer erklären.
Inzwischen habe ich bereits zwei Briefe von ihm vor mir liegen, doch ich habe keine Ahnung, was ich ihm antworten soll. Der Gedanke an die nächsten beiden Jahre in dieser Konstellation erschlägt mich noch immer. Gleichzeitig sind meine Gefühle für John wieder da und vielleicht sogar stärker als je zuvor.
Ich schreibe John, dass ich bei »noch mindestens zwei Jahren« fast vom Stuhl gefallen bin und mich ernsthaft frage, ob ich mich an diesen Gedanken überhaupt gewöhnen kann. Aber dann erzähle ich ihm von den Jungs, der Kita, unserer WG, meiner Wohnungssuche, Alltagsproblemen, wie beispielsweise Nics häufiges nächtliches Aufwachen oder von den Auseinandersetzungen mit meinem Ex. Selbst die lieben Worte der Postbotin schreibe ich ihm.
Auch frage ich John, ob wir mal telefonieren können. Ich kann es nämlich kaum erwarten, nach all den Jahren seine Stimme zu hören. In diesem Zusammenhang frage ich gleich noch einmal nach, wann ich ihn besuchen darf. Vierzehn Jahre sind eine lange Zeit, so vieles hat sich seither getan. Außerdem ist Ungeduld quasi mein zweiter Vorname. Erst wenn ich John gegenübersitze, bin ich wirklich in der Lage einzuschätzen, was ich für ihn empfinde und ob ich so eine Art von Beziehung zwei Jahre durchhalten könnte. Dann kann ich ihm ein paar meiner charmanten Witze aufs Auge drücken und mal schauen, ob er seinen Humor nicht verloren hat und auch in seiner jetzigen Situation darüber lachen kann.
Nic ist happy, er darf den Brief für mich einwerfen. Der Briefkasten wird heute noch gelehrt, somit hat John meine Zeilen gleich morgen in den Händen. Trotzdem ist jetzt wieder Warten angesagt. »Oh, wie schön war doch die Zeit, als es noch E-Mails und Handys gab«, murmle ich sarkastisch vor mich hin. »Was hast du gesagt, Mami?«, fragt Nic. »Ach nichts, mein Schatz, alles gut. Lauft schon mal vor zum Auto!« Gedankenverloren trotte ich hinterher.
Kann man sich eigentlich an dieses ständige Warten gewöhnen? Wie macht John das überhaupt? Ich habe ja wenigstens noch die Abwechslung mit den Kids. Aber was hat John außer seiner Arbeit? Sitzt der ansonsten immer nur in seiner Zelle? Was macht der arme Kerl da drinnen gegen seine sicherlich auch nicht abzuschaltenden Gedanken? Ich würde wahnsinnig werden und schier durchdrehen. Ich weiß gar nicht, wie da überhaupt jemand unbeschadet wieder rauskommt. Für mich ist diese Situation jetzt schon unerträglich, nach nur wenigen Wochen. Und ich bin draußen! Dennoch drehen sich meine Gedanken fast nur noch um John.
Drei Tage später bekomme ich endlich wieder eine Nachricht.
Hallo meine liebe Lara!
Wow, meine liebe Lara, wie schön das klingt.
Ich habe mich heute wieder riesig über deinen Brief gefreut. Natürlich ist mir klar, warum du die Anzeige geschaltet hast. Umso glücklicher bin ich, dass du mir überhaupt geantwortet hast, zumal wir beide genau dasselbe suchen und uns wünschen – Eine glückliche Familie!
Schon richtig, nur wusste ich zum Zeitpunkt meines »Überhaupt-Antwortens« nicht, was sich hinter Johns Domizil verbirgt.
Es freut mich wirklich sehr zu hören, dass du mich vermisst. Wenn ich ganz ehrlich bin, geht es mir mit dir nämlich ebenso. Ich wäre jetzt so gerne bei dir/euch. Danke übrigens für dein Foto, es hängt bei mir an meiner Pinnwand, direkt neben meinem Kopf am Bett. Du darfst mir gerne noch weitere Bilder schicken, ich habe dort noch genügend Platz. Das ist ja wirklich süß von deiner Postbotin, dass sie meine Briefe direkt als Liebesbriefe identifiziert hat. Aber recht hat sie, wann bekommt man heute noch »altmodische« Liebesbriefe. Ist doch etwas Schönes, oder?
Ich würde liebend gern darauf verzichten und hätte überhaupt kein Problem damit, künftig ein wenig direkter, schneller, häufiger und billiger mit John zu kommunizieren.
Das stimmt, sogenannte Wirtschaftskriminelle haben es echt schwer in Deutschland. Hat man jedoch einen Promi-Status, geht die Bevölkerung gleich ganz anders mit einem um. Aber ich kann es nicht ändern.. Letztlich bekam ich drei Jahre neun Monate. Die sieben Monate Untersuchungshaft in Stadelheim sind da allerdings nicht mit gerechnet. Hast du dich denn inzwischen schon von dem Schock der »zwei Jahre« erholt?
Das werde ich nie, jeder einzelne Tag davon ist die Hölle!
Glaub mir, für mich war es das auch und jetzt, seit du wieder in mein Leben getreten bist, ist diese Strafe sogar noch härter. Aber es gibt nichts und niemanden, der daran etwas ändern kann. Ich kann mir nur zu gut vorstellen, wie schwer das für dich allein mit den zwei Rackern sein muss. So sehr ich mir wünschen würde mit dir zusammen zu sein, möchte ich auf keinen Fall eine zusätzliche Belastung für dich darstellen.
Der Typ ist echt der Hammer. Er durchlebt gerade die härteste Zeit seines Lebens und macht sich trotzdem Gedanken um mich und mein Wohlergehen. Einen besseren Schatz finde ich im Leben nicht! So schlimm können diese zwei Jahre jetzt auch nicht sein.
Egal wie du dich entscheidest, ich bin dir jetzt schon dankbar für deine ehrlichen und liebevollen Briefe der letzten Wochen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel Kraft sie mir gegeben haben. Natürlich würde ich dich auch sehr gerne wiedersehen, Lara. Ich habe dir einen Besucherschein mit beigelegt. Den musst du bitte mit deinen Daten ausfüllen und auf der Rückseite unterschreiben. Sobald er von der Anstalt bearbeitet wurde, kannst du einen Besuchstermin ausmachen. Wenn du bei mir warst und mich dann wiedersehen möchtest, brauchst du keinen neuen Besucherschein mehr ausfüllen. Das ist nur beim ersten Mal notwendig.
Telefonieren ist leider so ziemlich unmöglich, außer in absoluten Ausnahmefällen.
Sofort spüre ich eine weitere große emotionale Last. Schwer zu beschreiben und irgendwie auch erschreckend, wie mich dieser eine Satz mitnimmt. John darf mich nicht einmal anrufen. Das ist doch Wahnsinn. Ich lese weiter.
Oh je, du arme Maus, die Jungs halten dich ja wirklich auf Trab, was? Ich würde sofort jede schlaflose Nacht bei euch gegen das ruhige Alleinschlafen hier eintauschen und dir durch meine Unterstützung mal wieder etwas Schlaf gönnen. Ich glaube übrigens, dass nichts ohne Grund passiert. Vielleicht ist unsere Situation am Ende sogar für irgendetwas gut, eine Art Härtetest oder Prüfung.
Prüfungen sind dann wohl eher nicht so mein Ding und Härtetests hatte ich die letzten Jahre auch genug!
So meine Liebe, nun freue ich mich schon wieder auf deinen nächsten Brief. Bis ganz bald! Liebe Grüße, dein John
Ich merke, wie ich mich binnen weniger Tage oder in dem Fall weniger Briefe, Hals über Kopf in einen Menschen verliebe, den ich seit vierzehn Jahren weder gesehen noch gesprochen habe, und mit dem ich die nächsten beiden Jahre erneut keine Möglichkeit bekommen werde, eine normale Beziehung zu führen. Trotzdem kann und will ich nicht ohne ihn, aber mit ihm – in dieser Situation – fällt mir so unglaublich schwer.
Ich warte bis die Jungs im Bett sind. Dann fülle ich als erstes den Besucherschein aus und schließlich schreibe ich bis spät in die Nacht. Alles fühlt sich so vertraut an. Obwohl John im Gefängnis sitzt, »rede« ich mit ihm wie mit meinem besten Freund.
Trotz Zeitmangel, schreibe ich wann immer ich es einrichten kann, denn nur beim Schreiben und Lesen seiner Briefe fühle ich mich John ganz nah. Dennoch vermisse ich ihn mehr als je zuvor. Ich kann nicht mehr abschalten. Wann immer ich allein bin, tanzen die Gedanken in meinem Kopf Ballett. Vor allem nachts, wenn Nic mich einmal mehr aus dem Tiefschlaf holt, geht das Ballett weiter und ich schlafe nicht mehr ein. Ich muss John dringend sehen und herausfinden, ob er tatsächlich noch so für mich empfindet wie damals.
Doch wie gehe ich damit um, wenn er heute nicht mehr so fühlt? Je mehr ich dieses Treffen herbeisehne, desto mehr Angst habe ich davor abgelehnt zu werden.
Am nächsten Tag warte ich am Fenster bis das Postauto kommt, aber es fährt vorbei. Enttäuscht gehe ich zurück in mein Zimmer. Es fühlt sich an, als wäre ich abhängig von Johns Post, so, als bräuchte ich diese tägliche Bestätigung, dass auch er mich schier grenzenlos vermisst und jede Sekunde an mich denkt.
Ich starre auf die Uhr. Die Zeit scheint stillzustehen. Soll das jetzt zwei Jahre so weitergehen? Ich brauche dringend eine Aufgabe! Schon setze ich mich an den nächsten Brief. Ich protokolliere alles für John, was die Jungs erleben, wie sie schlafen oder eben nicht schlafen, was sie neues gelernt haben, wie es mir geht, was ich denke, was ich fühle, was ich mit meinem Ex alles mitgemacht habe, was wir einkaufen, was wir essen, wie das Zusammenleben mit meinem Mitbewohner läuft, was mich aufregt, wofür ich dankbar bin und so weiter.
Ich lasse John an unserem täglichen Leben teilhaben, als könnte er es ein Stück weit miterleben. Nicht zuletzt stelle ich ihm in meinen Briefen Fragen über Fragen, denn es interessiert mich natürlich brennend, wie das Leben in seinem Domizil abläuft und wie es ihm dort ergeht.
Zwei Wochen, eine gefühlte Ewigkeit, geht das so weiter. Kein einziger Tag vergeht, an dem ich John nicht schreibe. Es tut gut, ihm bereits jetzt schon wieder so nahe zu stehen, aber es macht mir auch Angst und ich bin innerlich total aufgewühlt.
Das schier endlose Warten auf den akzeptierten Besucherschein wird zur Qual. Kann es wirklich so schwer sein, einen zweistündigen Besuch in einer Justizvollzugsanstalt genehmigt zu bekommen? John kennt das ganze Prozedere. Für ihn ist dieses Warten inzwischen Normalität. Wie macht er das nur? Er klingt trotz allem stets so positiv und zufrieden. Es scheint fast so, als würde er mich aufbauen, anstelle von ich ihn.
Schon kommt sein nächster Brief, aus dem ich die nötige Kraft für die kommenden Tage schöpfe.
Hallo meine liebe Lara!
Längst ist diese Anrede zur Routine geworden. Es fühlt sich an, als wären wir jetzt schon ein Paar.
Vielen Dank für deinen lieben Brief. Ich habe mich wieder riesig gefreut. Was das »alles erzählen und zu hundert Prozent vertrauen« angeht, so beruht das absolut auf Gegenseitigkeit. Und worauf wir uns hier gerade einlassen, werden wir herausfinden. Bisher entwickelt es sich doch unter den gegebenen Umständen sehr gut, nicht wahr? Irgendwie vermisse ich euch jetzt schon und ich wäre so gerne bei euch (auch in den anstrengenden Nächten).
Und nein, da muss ich dich leider enttäuschen, entgegen deiner Annahme bin ich nicht zweisprachig aufgewachsen. Ich wusste lange Zeit nicht einmal, dass mein Opa Amerikaner ist, weil ich ihn nie englisch reden gehört habe. Ich wollte meine Kinder aber auch immer zweisprachig erziehen, also würde ich sagen, wenn ich bei euch bin, wird deutsch und englisch gesprochen.
»Wenn ich bei euch bin«, wie schön das klingt. John denkt also auch schon an eine Zukunft mit uns. Es fühlt sich an wie ein Traum.
Um auf deine Frage bezüglich meiner »Verehrerinnen von vor der Knast-Zeit« zu antworten: Nein, ich habe keinen Kontakt zu solchen Personen. Zum einen habe ich in der Zeit vor meiner Inhaftierung so viel gearbeitet, dass ich keine Zeit für Verehrerinnen hatte, zum anderen haben sich viele Leute von mir abgewendet, nachdem ich nicht mehr »von Nutzen« für sie war. So ist die Medienbranche eben.
Klingt immer noch sehr verletzt, kein Wunder.
Die Besuchszeiten hier sind täglich vormittags zwei Stunden und nachmittags zwei Stunden. Nur Freitagnachmittag ist bereits um vierzehn Uhr Schluss. Leider erhält man nicht immer die komplette Besuchszeit. Das hängt davon ab, wie viele Besucher sich für den entsprechenden Tag angemeldet haben. Aber eine Stunde bekommt man eigentlich immer, außer vielleicht an den Wochenenden.
Oh je, und dafür vierhundert Kilometer fahren. Das ist echt weit für so ein kurzes Treffen. Trotzdem muss ich John sehen und das so bald wie möglich!
Leider habe ich noch immer nichts bezüglich deines Antrags gehört. Sobald alles geprüft ist und du als Besucherin für mich zugelassen bist, gebe ich dir gleich Bescheid. Dann kannst du hier anrufen und einen Termin ausmachen.
Süße, du darfst dich von den zwei Jahren nicht verrückt machen lassen. Versuch dich lieber an kurzfristigen Zielen aufzubauen. So mache ich es auch. Mein nächstes Ziel sind die Ausgänge und der Urlaub. Also nur noch wenige Monate.
Nur noch wenige MONATE? Es ist noch über ein halbes Jahr!
Um auf deine Frage zu antworten, ich habe nur dir geschrieben! Ohne unsere liebe Katti wäre ich nicht einmal im Traum auf die Idee gekommen, mir eine Freundin aus der Zeitung zu suchen. Falls du sie sprichst, sage Katti bitte ganz liebe Grüße von mir und DANKE! Das werde ich ihr nie vergessen.
John hat recht, ich muss sie unbedingt anrufen.
Wie letztens schon in meinem Brief erwähnt, die Sache mit dem Buch, welches ich gerade schreibe, das ist zum einen ein gutes Mittel alles zu verarbeiten und zum anderen ein perfektes PR-Tool, um zurück in die Medienbranche zu kommen. Wenn auch du dein Buch noch immer schreiben möchtest, hast du meine volle Unterstützung dafür.
Nein, mein Buch von damals, über »Das einsame Leben eines Tennisprofis«, werde ich nicht wieder aufnehmen. Dafür bin ich schon viel zu lang raus aus diesem Geschäft. Aber wenn ich es mir recht überlege, kommen mir gerade ganz andere Ideen für ein Buch.
Ja Süße, unser Strafrecht ist schon etwas ganz Besonderes, vor allem in Bayern! Aber da kann man leider nichts machen.
Ach Sonnenschein, ich wäre jetzt so gern bei euch. Ich würde mich um die zwei Racker kümmern und du könntest dich ein bisschen ausruhen und verwöhnen lassen. So weit kommt es noch, dass du dich um alles selber kümmern müsstest in deiner Schwangerschaft. Konnte ich kaum glauben, als ich das gerade gelesen habe. So etwas verstehe ich wirklich nicht. Es macht mir als Mann doch Freude, wenn ich meine Frau verwöhnen kann, erst recht während der Schwangerschaft!
Tja, da ticken einige Männer wohl ein wenig anders als John.
Das mit den Ausgängen läuft in der Regel so ab, dass man drei Ausgänge à acht Stunden bekommt und dann ist man urlaubsberechtigt. Das heißt, man darf Freitagmittag gehen und muss Sonntagnachmittag zurück in der Anstalt sein. Etwa neun Monate vor der voraussichtlichen Entlassung kann man den sogenannten Freigänger-Status beantragen. Dann ist man fast jedes Wochenende draußen. Wie du siehst, gibt es einige Ziele, auf die wir hinarbeiten können.
Nur, dass es bis dahin noch eine halbe Ewigkeit dauert und mir jetzt schon die Tage zu lang sind, während ich allein bin und kein anderes Ziel habe, als auf den nächsten Brief zu warten.
Warum konntest du denn noch nicht schlafen, abgesehen natürlich von unserem kleinen Nachtgespenst?
Weil du mir den ganzen Tag im Kopf herumgeisterst und diese Gedanken vor allem abends und nachts nicht enden wollen.
Ich wünschte, ich könnte dir im Moment eine größere Hilfe sein.
John hilft mir schon mehr als er denkt. Mein Leben bekommt das erste Mal seit Monaten wieder einen Sinn und eine Perspektive.
So, nun ist es gleich halb zwei und ich werde dir (und deinem Foto) gute Nacht sagen und schlafen gehen. Ich wäre jetzt so gerne bei dir, mein Sonnenschein! Liebe Grüße, dein John
Mit diesem Brief unter dem Kopfkissen, nachdem ich ihn zuvor noch mindestens drei Mal gelesen habe, schlafe ich ein.
Johns Briefe tun mir gut
Da bekomme ich also Briefe von einem Mann, der genau das zum Ausdruck bringt, was mir in einer Partnerschaft enorm wichtig ist. John klingt genauso liebevoll, wie ich es mir jahrelang vom Vater meiner Kinder gewünscht hatte. Doch von dem bekam ich leider immer wieder zu hören: »Das ist doch nur ein Film. Das ist doch nur ein Lied. Kein Mann tickt so. Lindas Mann und dein Opa sind da absolute Ausnahmen.« Irgendwann habe ich es selbst geglaubt und schließlich versucht mich damit abzufinden. Den Spaß am Leben und den Glauben an die Liebe hatte ich jedoch grundlegend verloren.
Auf einmal ist der Mann meiner Träume wieder da. Selbst in dieser momentanen Ausnahmesituation macht er mich bereits glücklich. Er erweckt eine längst verloren geglaubte Lebensfreude in mir. Schon jetzt denke ich nur noch von Brief zu Brief. Und wenn ich heute am Briefkasten enttäuscht werde, freue ich mich zwei Stunden später schon wieder auf die Post von morgen.
Elf Uhr dreißig, es klingelt. Hans bekommt ein Paket und ich einen Brief. Es ist wirklich erstaunlich, wie ein einziger Brief über meine Stimmung entscheidet und mein Herz schneller schlagen lässt.
Hallo schöne Frau!
Diesen Ausdruck kenne ich irgendwoher. Ob John sich auch noch an seine Worte bei unserer ersten Begegnung erinnert?
So fängt die Woche gleich super an. Ich komme von der Arbeit und vor mir liegt ein Liebesbrief von dir.
Na, na, na! So verliebt schreibe ich nun auch wieder nicht!
Schöner wäre der Montag nur gewesen, wenn ich dich in Natura hier bei mir hätte.
Das stimmt allerdings. Wann melden die sich jetzt endlich wegen dieser blöden Besucherzulassung?
Ich komme gerade aus der Redaktion und bin ziemlich fertig, weil ich heute den ganzen Tag in der Arbeit schon sehr viel zu tun hatte. Schreiben möchte ich dir aber auf jeden Fall noch, damit du nicht so lange auf meine Antwort warten musst. Da mir die Augen bereits zufallen, schreibe ich dir heute nur kurz. Dafür bekommst du morgen gleich noch einen Brief von mir, okay?
Was für ein Schatz. Ist doch klar, dass ich mich umso mehr freue, wenn ich zwei Tage hintereinander Post bekomme.
Warum quälen dich denn momentan so viele Gedanken, meine Süße?
Weil ich es nicht glauben kann, dass wir uns auch nach unserem Treffen weiterhin schreiben werden. Weil ich Angst davor habe, John nicht mehr zu gefallen. Weil ich Schiss habe, dass wir uns beide etwas vormachen und nur aus der Not heraus an unsere alte Liebe glauben. Weil ich deswegen nachts nicht schlafen kann. Ich könnte die Liste noch ewig fortsetzen, aber ich möchte weiterlesen.
Bestimmt gibt es die eine oder andere »Dame«, die Interesse an meiner Person hätte, aber das beruht nicht auf Gegenseitigkeit!
Klingt zwar gut, aber dass John schreiben und mich damit um den Finger wickeln kann, das weiß ich inzwischen. Ich bin gespannt, wie seine Zeilen NACH unserem Treffen klingen werden.
Übrigens schreibe ich dir nicht, was du hören möchtest, sondern was ich denke und fühle. Und keine Sorge, mein Engel, solche Sätze wie: »Och, jetzt schau ich erst mal was mich hier draußen so erwartet«, musst du von mir nach meiner Entlassung definitiv nicht befürchten! Wie du weißt, bin ich in den letzten Jahren selbst oft hintergangen worden und allein schon deswegen würde ich so etwas niemanden antun. Erst recht nicht, wenn mir jemand bereits nach so kurzer Zeit schon so wichtig geworden ist!
Diese Worte tun mir gut, verdammt gut sogar. Schön, dass John mir meine Bedenken und Sorgen sofort nehmen kann. Er geht echt auf alles ein, was ich ihm schreibe.
Doch jetzt freue ich mich erst einmal riesig auf unser Date. Nein, wir müssen uns nicht durch eine Glasscheibe unterhalten, sondern sitzen gemeinsam an einem Tisch. Also für die Umstände, unter denen wir uns befinden, relativ normal. Es gibt solche Glasscheiben zwar, aber nur für Gefangene, die gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen haben. Wir haben einen sogenannten Cafeteria-Besuch.
Ach, das ist ja nett, da können wir uns also ganz entspannt in einer Cafeteria treffen. Scheint letztlich doch lockerer zu sein, als ich das zunächst erwartet hatte. Kein Wunder, dass die Besucher und deren Hintergründe erst so lange untersucht werden müssen.
So mein Schatz, jetzt krabble ich mal unter meine Decke und komm dich gleich im Traum besuchen. Schlaf du auch schön und träum was Süßes! Liebe Grüße, dein John
Ich packe den Brief weg und hole die Kinder ab. Die werden sich freuen, wenn ich sie schon gleich nach dem Mittagessen abhole. Ich lade sie ins Auto und als Überraschung fahren wir ins Schwimmbad. Nic springt das erste Mal allein ins Wasser. Zunächst ist das Geschrei groß. Doch nach meiner Bestätigung, dass er jetzt »ein ganz Großer« ist und sogar schon »tauchen« kann, ist er furchtbar stolz. Da sieht er mich mit großen Augen an: »Schau mal, Mami!«, hält sein Gesicht zwei Millimeter ins Wasser und schreit: »Ich habe getaucht, ich habe getaucht!« Selbstverständlich lobe ich seine Heldentat gebührend, woraufhin Felix ihn ohne zu zögern kopiert. »Ich auch, ich auch!« »Prima, ihr Süßen, toll gemacht, aber jetzt raus aus dem Wasser mit euch!« Beide wollen nicht: »Nur noch einmal rutschen, okay? Bitte Mami.« »Was einmal rutschen bedeutet, weiß ich«, lache ich zustimmend.
Dreißig Minuten später mahne ich erneut zum Aufbruch. Da ich keinen Stress vor allen Leuten provozieren will, ist der einzige Weg die zwei aus dem Wasser zu bekommen, sie mit Pommes zu bestechen. Dann können sie abgefüttert, geduscht und vollkommen erledigt im Auto einschlafen. Der Plan geht auf. In Nullkommanichts sitzen die zwei hungrigen Mäuse am Tisch und schlürfen ihre Apfelschorle. Zunächst diskutieren sie mit mir darüber, wie viel Ketchup sie zu ihren Pommes aushandeln können.
Nach dem Essen geht es ab zum Duschen. Beim Anziehen gibt es das generelle Gezeter, heute, vor Publikum natürlich in überzogener Form.
Endlich im Auto angekommen, schlafen die Zwerge noch bevor ich den Parkplatz richtig verlassen habe. Daheim trage ich die schnarchenden »Bündel« nur noch in ihre Betten und dann lege ich selbst die Beine hoch. Ich schaue auf die Uhr, erst kurz vor sieben und es ist Ruhe. Genial! Kein langes: »Ich will noch nicht ins Bett. Ich hab Bauchschmerzen. Ich hab Durst. Ich muss Pippi.« Einfach nur Ruhe.
Auch ich gehe früh ins Bett an diesem Abend und schlafe so gut wie lange nicht mehr.
Am nächsten Tag kommt Johns angekündigter Brief. Ich nehme mir Zeit, mache es mir auf der Couch gemütlich und genieße seine Zeilen.
Hallo mein kleiner Engel!
Das breite Grinsen, welches mir diese liebevolle Anrede wie von selbst ins Gesicht zaubert, und die damit einhergehende innerliche Ruhe tun mir gut.
Wie gestern versprochen, bekommst du heute gleich den nächsten Liebesbrief. Süße, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie gerne ich mich zu dir auf die Couch gelegt hätte. Dann hättest du auch gleich eine Schulter zum Anlehnen gehabt und wir hätten uns einen gemütlichen Abend machen können. Mhm lecker, Salat und Lachsnudeln. Das wäre jetzt fein. Ich koche übrigens richtig gut und auch sehr oft. Da werde ich dich bei Gelegenheit direkt einmal bekochen.
Das klingt wunderschön, erst zusammen kochen, schlemmen und dann gemütlich auf der Couch kuscheln. Doch auf diese »Gelegenheit« werden wir noch ein Weilchen warten müssen.
Und wenn es mal wieder zu kalt für die »stets frierende Lara« sein sollte, dann wärme ich sie natürlich nur allzu gern. Apropos Essen, zum Thema Essen kann ich nur sagen, dass das hier nicht wirklich genießbar ist. Aber zum Glück arbeite ich ja und kann mich somit selbst verpflegen. Dafür kaufen wir das, was wir benötigen, zweimal im Monat ein und bereiten es uns dann gemeinsam in unserer Küche auf dem Gang zu. Oder ich koche nach Einschluss bei mir im Wasserkocher direkt in meiner »Suite«. Mit draußen kann man es zwar nicht vergleichen, aber im Großen und Ganzen ist es schon okay.
John kocht im Wasserkocher? Das müssen ja ganz leckere Gerichte sein, die er da zubereitet. Vielleicht lassen wir es dann lieber mit dem »Bekochen« und bestellen uns stattdessen eine Pizza.
Sport kann man schon machen, von Laufen bis hin zum Tennis spielen (naja, mit einem Softball) ist vieles möglich. Auch einen Kraftraum gibt es, aber der ist viel zu klein und immer überfüllt. Aus dem Bett wird hier niemand gescheucht, aber viele arbeiten tagsüber, so wie ich ja auch, und müssen somit sowieso früh raus. Ja, da hast du recht, ohne Telefon und Internet, das ist schon sehr gewöhnungsbedürftig. Vor allem jetzt, wo ich dich doch so gerne anrufen würde, um deine Stimme zu hören.
Ich nicke zustimmend. Es macht mich schier wahnsinnig, auf jede Antwort mindestens drei Tage warten zu müssen. Es kommt mir vor als wäre ich selbst »eingeknastet«.
Dass du auch Zwilling bist, weiß ich natürlich noch. Wieder eine Gemeinsamkeit, denn ich bin (falls du dich erinnerst?) ebenfalls Zwilling. Da können wir in Zukunft immer gemeinsam feiern.
Deine Bitte an mich kann ich nur erwidern. Selbstverständlich verspreche ich dir, dass ich zu hundert Prozent ehrlich sein werde. Ich bitte dich jedoch umgekehrt um dasselbe, okay?
Wenn ich dann urlaubsberechtigt bin, kann ich zwei Mal im Monat raus. Ab da wird alles etwas leichter für uns beide, meine Süße. Diese Lockerungen werde ich allerdings erst ab Anfang nächsten Jahres bekommen, dafür aber voraussichtlich gleich ab Januar. Also nicht mehr lange!
Nicht mehr lange? Der hat Nerven! Das sind noch endlose Monate bis dahin.
Heute ist Dienstag und noch habe ich keine Rückmeldung wegen deines Besucherscheins. Ich hoffe, dass sie morgen oder übermorgen kommt. Ich gebe dir dann sofort Bescheid, damit du anrufen und einen Termin ausmachen kannst.
Wieso dauert das denn überhaupt so lang? Angekommen ist mein Antrag auf jeden Fall, das weiß ich, John hat ihn persönlich abgegeben. Und wenn er bei den Beamten verlorengegangen ist? Heute Abend rufe ich dort an und frage nach. Jetzt lese ich weiter.
Ja, ich bekomme den Termin genannt, sobald er im System eingetragen ist. Ich freue mich schon riesig auf dich. Ich weiß übrigens genau, was du meinst. Ich versuche mich auch nach meinem Kopf zu richten, mein Bauch beziehungsweise Herz ist aber definitiv stärker in diesem Duell. Was ich damit sagen möchte, du hast es jetzt schon geschafft, mir den Kopf zu verdrehen. Ich fühle mich wie ein verknallter Teenager. Egal, was aus uns werden sollte, ich danke dir auf jeden Fall jetzt schon für dieses Gefühl.
Es tut mir übrigens so leid, wenn ich höre, wie unschön deine letzten Jahre verlaufen sind. Das hast du definitiv nicht verdient. Im Gegenteil, nach all dem hast du es verdient, dass dich jemand verwöhnt und dich glücklich macht. Aber dafür bin ich ja jetzt da.
»Da hat er natürlich recht«, lache ich zufrieden.
Ja, auch nicht leibliche Kinder sind beim Besuch erlaubt, es gibt sogar eine kleine Spielecke.
Das ist ja klasse! Also, wenn das dort so relaxt ist, mit Cafeteria und Spielecke, dann kann ich die Zwerge demnächst doch ganz einfach mitnehmen.
Ich wollte früher schon eine Familie, sonst hätte ich bestimmt nie geheiratet und auch keine kleine Prinzessin. Meine Tochter war ein absolutes Wunschkind von uns beiden. Was danach passierte, ist für mich bis heute nicht nachvollziehbar. Meine Ex-Frau hat sich im siebten Monat von mir getrennt. Sie hat mich von Anfang an nur belogen und meine Gutmütigkeit gnadenlos ausgenutzt. Es ist eine lange Geschichte, die ich dir gern mal ausführlich erzähle. Du wirst schockiert sein, dass ein Mensch so berechnend sein kann.
John tut mir leid.
Nach der Scheidung und dem ganzen Stress habe ich mich vor allem zur Ablenkung wieder voll in die Arbeit gestürzt. Eigentlich bin ich ein totaler Familienmensch, von daher schaffe ich mir doch liebend gern gleich »eine ganze Familie« an. Außerdem bin ich ein sehr geduldiger und verständnisvoller Mensch. So schnell bringt mich nichts aus der Ruhe, auch keine anstrengenden Nächte mit den Kurzen.
John wird sich umschauen, wie anstrengend Nächte sein können.
Zum Thema perfekte Frau, das ist nicht so leicht zu beantworten, weil jeder Mensch zum Glück sehr individuell ist und einen bestimmten Typ »Traumfrau« habe ich nicht. Natürlich ist die Optik sehr wichtig (jeder, der etwas anderes behauptet, belügt sich damit selbst), aber das allein macht noch lange keinen »perfekten« Partner aus. Was ich nicht mag, sind Frauen, die keine eigene Meinung haben und sich nur nach mir richten. Ich möchte eine selbstbewusste Frau an meiner Seite, die ihren eigenen Kopf hat und diesen auch mal durchsetzt.
Ich finde es auch sehr wichtig, dass man über alles sprechen kann und dies auch tut. So vermeidet man unnötige Missverständnisse durch fehlende Kommunikation. Dinge wie Treue, Ehrlichkeit und so weiter sind für mich selbstverständlich. Na, und dass ich meine Frau verwöhnen möchte, ist für mich total normal und macht mir Spaß. Ob nun mit Frühstück am Bett, einem schönen Essen, einer Massage oder eben auch, dass ich mich nachts um die Kinder kümmere, so dass du liegen bleiben kannst. All das mache ich doch gerne für die Frau an meiner Seite.
Also, auf so einen Mann an meiner Seite warte ich gerne zwei Jahre!
By the way, ich bin sehr sportlich, trinke nicht jeden Abend (ich trinke sowieso nicht oft beziehungsweise viel), bin sehr humorvoll, bin natürlich immer für meine Partnerin da, auch wenn es ihr schlecht geht (Selbstverständlichkeit), ich hasse es Spielchen zu spielen, finde Vertrauen enorm wichtig und bei mir darfst du dich jederzeit fallen lassen. Von daher bin ich ja wohl der perfekte Partner für dich!
Fast schon zu perfekt für meine Bedürfnisse, aber daran könnte ich mich zur Not gewöhnen.
So, mein süßer Schatz, inzwischen ist es zehn vor drei, ich bin hundemüde, aber ich wollte dir einfach heute noch schreiben und bei so vielen Fragen, die ich zu beantworten hatte, ist der Brief auch gleich etwas länger geraten. Ich werde jetzt kurz schlafen und von dir träumen. In drei Stunden muss ich schon wieder raus. Ich denk an dich, Lara! Liebe Grüße, dein John
Mein erster Besuch in einer JVA
Die Jungs sind bereits oben in ihren Betten. Ich schaue auf die Uhr. Zwischen achtzehn und einundzwanzig Uhr kann man in Kaisheim wegen der Besuchstermine anrufen. Ich probiere es jetzt einfach! Was habe ich schon zu verlieren? Ich suche die Telefonnummer raus. Mein Herz pocht wie wild, als es klingelt. Ich bin total aufgeregt. Passiert ja nicht alle Tage, dass man in einer Justizvollzugsanstalt anruft. Außerdem weiß ich gar nicht so richtig, was ich eigentlich fragen möchte.
»Justizvollzugsanstalt Kaisheim, Grüß Gott!« Ich sage meinen Namen, stammle etwas von meinem ausgefüllten Besucherzettel, den ich schon vor drei Wochen abgeschickt habe und möchte gerne einen Termin ausmachen. »Jetzt mal langsam!«, unterbricht mich der Beamte. »Wie heißen Sie und wen möchten Sie besuchen?« Ich erzähle ihm noch einmal, wer ich bin und dass ich gerne John Jackson sehen möchte, wir aber immer noch nichts hinsichtlich des rosa Antrags gehört haben. »Moment mal bitte.« Er legt den Hörer beiseite und ich warte eine gefühlte Ewigkeit.
»Da haben Sie Glück«, meldet er sich freundlich zurück. »Der ist inzwischen bewilligt worden. Wann möchten Sie Herrn Jackson denn besuchen?« Ich zögere keine Sekunde: »Wären eventuell gleich morgen Nachmittag die vollen zwei Stunden möglich?« »Das kann ich Ihnen leider jetzt nicht zusagen. Im Moment schaut es ganz gut aus, aber ich weiß nicht, wer noch anruft.« »Okay, dann probiere ich es auf gut Glück und komme morgen um dreizehn Uhr. Muss ich noch etwas Spezielles mitbringen?« »Ihren Personalausweis oder Reisepass und wenn Sie möchten zwei Euro, dass sich der Gefangene zwei Tafeln Schokolade holen darf.«
In Gedanken stelle ich mir das gerade bildlich vor, Johns Gesicht, wenn ich ihm zwei Euro in die Hand drücke. Der lacht sich doch kaputt. John hat immer so viel verdient und ich gebe ihm Geld für Schokolade. Ich lache beinah laut los.
Erst nach dem Telefonat überlege ich, wie ich den morgigen Tag organisiere. Einmal mehr werde ich meine Mom bitten müssen, mir mit den Jungs zu helfen. Was sage ich ihr eigentlich, wo ich plötzlich so dringend hinfahren muss? Ich werde ewig unterwegs sein, denn zusätzlich zu dem hoffentlich zweistündigen Besuch, muss ich ja noch jeweils zwei Stunden Fahrtzeit hin und zurück einrechnen.
Meine Mom weiß bisher nichts von John, nicht einmal von der Annonce hatte ich ihr erzählt. Ich rufe sie an und schiebe für morgen Nachmittag einen Arztbesuch in München vor. Zum Glück hat sie Zeit und ist einverstanden. Ich kann ihr die Kinder am Vormittag bringen.
Dann stelle ich schelmisch grinsend fest, dass ich John morgen ganz schön überfallen werde. Er weiß vielleicht noch gar nicht, dass mein Besucherantrag endlich bewilligt worden ist.
Und was ziehe ich an? John hat mich vierzehn Jahre nicht gesehen. Aussehen ist ihm total wichtig. Den ganzen Abend probiere ich verschiedene Oberteile an und entscheide mich schließlich für die Ich-bin-wie-ich-bin-Variante mit Jeans, rotem New-York-City-Top und einem Hilfiger-Pulli drauf. Das ist es ja gerade, was ich mir von diesem Besuch erhoffe, dass wir uns entweder noch genauso verstehen und mögen wie damals oder aber wir stellen fest, es passt nicht und dann bitte sofort! Denn so aufgewühlt und unter Strom wie die letzten Wochen, das stehe ich nicht mehr lange durch. Auch diese Nacht schlafe ich schlecht, immer wieder läuft der morgige Tag vor meinen Augen ab. Und doch wird er komplett anders, als ich mir das vorgestellt habe.
In der Früh sind die Jungs begeistert von der Idee, heute einen Omi-Tag einzulegen. »Yay. Yippie! Zur Omi fahren!«, tönt es wie aus einem Mund. »Mit Omi Kuchen backen!«, ruft Nic munter durchs Haus und Felix singt hinterher: »Kuchen backen, Kuchen backen.« Ihre Sachen sind gepackt, nach dem Frühstück geht es los. Somit kann ich noch ein wenig dabeibleiben und muss die Jungs nicht so abrupt verlassen. Gegen halb elf mache ich mich auf den Weg. Dank Navi und relativ leeren Straßen bin ich viel zu früh in Kaisheim.
Briefpapier habe ich seit Wochen immer dabei und inzwischen ist es fast schon zur Gewohnheit geworden, dass ich jede freie Minute nutze, um John zu schreiben. Warum nicht auch auf dem Parkplatz vor der JVA. Wenn ich mir das hier so anschaue, sieht das Gebäude vor mir überhaupt nicht aus wie ein Gefängnis, eher wie ein altes Kloster. Ich hatte mir ein Gefängnis immer mit einer hohen Mauer und Stacheldraht vorgestellt. Erscheint optisch also gar nicht so schlimm.
Somit bin ich am letzten Junitag, gut drei Monate nach meiner Annonce, das erste Mal in einer Justizvollzugsanstalt. »Na dann, in wenigen Minuten weiß ich mehr«, mit diesen Worten steige ich aus. Den Brief nehme ich mit. Das Porto kann ich mir sparen und John bekommt ihn einen Tag früher als mit der Post. Ich gehe zur Tür und klingle. Ein komisches Gefühl durchfährt mich. Wieder habe ich schweiß-nasse Hände. Am Empfang gebe ich meinen Ausweis ab und bekomme einen Schlüssel. Ich frage, ob ich den Brief für John hier abgeben kann. Der Beamte wundert sich, warum der so dick ist: »Aber Geld ist keines drin, oder?« Ein wenig überrascht antworte ich: »Nein, nur Fotos von den Kindern.«
Danach folgt ein Sicherheitscheck genau wie am Flughafen. Langsam gehe ich durch die Lichtschranke. Es piepst. »Haben Sie einen Gürtel um?« »Ja, hab ich.« Ich lege ihn ab und versuche es erneut. Wieder piepst es. »Ziehen Sie bitte Ihre Stiefel aus!« Jetzt klappt es und ich darf mich wieder ankleiden. Ich denke mir meinen Teil und werde durch die große Eisentür in den Besucherraum geführt. Eigentlich muss ich noch auf die Toilette, aber ich möchte John nicht länger warten lassen.
Die Minuten, die ich im Warteraum verbringe, fühlen sich an wie Stunden. Meine Hände sind inzwischen eiskalt. Ich lese den Hinweis mit den Besuchervorschriften bestimmt schon zum fünften Mal, als ich endlich aufgerufen werde: »Besuch für Jackson!« Ich stehe auf und gehe langsam durch die Tür. Mein Herz klopft mir bis zum Hals.
Da kommt John schon auf mich zu. Sein breites Grinsen hat er nicht verloren. Meine Knie werden weich. Dieses Strahlen in seinen Augen lässt mich alles um mich herum vergessen. Am liebsten würde ich ihm direkt um den Hals fallen. Aber ich habe es ja gerade mehrfach gelesen: »Am langen Tisch bitte keinen Berührungskontakt zum Gefangenen. Auch das ungeöffnete Getränk muss vom Wärter kontrolliert und übergeben werden.«
John scheint das offensichtlich nicht zu interessieren. Er nimmt mich in den Arm, drückt mir einen Kuss auf die Wange und wir setzen uns an einen Tisch. Auf mein verdutztes Gesicht hin und meinen Hinweis auf die Besuchervorschriften lächelt John mich an und meint: »Keine Sorge, Süße, diese Regeln gelten nur für den langen Tisch da drüben hinter der Scheibe. Dort sitzen die Gefangenen, die gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen haben.«
An unserem Tisch fühlt es sich in der Tat relativ normal an. Hier auf dieser Seite vom Raum stehen circa acht bis zehn kleine Tische mit jeweils vier Stühlen und wir sitzen ganz vorne neben der Tür. Ich erzähle John, dass ich mir unter Cafeteria etwas völlig anderes vorgestellt hatte. Das Einzige, was man hier kaufen kann, sind Getränke, eine Suppe oder einen Schokoriegel aus dem Automaten.
John beschreibt mir bildhaft, wie überrascht er gerade war, als sein Chef zu ihm sagte: »Besuch für Sie, Herr Jackson. Eine Frau Gruber.« »Gruber? Lara Gruber? Ich bin dann mal weg!« Dann sei er mit klopfenden Herzen zum anderen Ende des Gebäudes gesprintet, um hierher zu gelangen. Er hatte keine Ahnung, dass ich ihn heute schon treffen würde. Keiner hatte ihm Bescheid gegeben. Er wurde bisher noch nicht einmal bezüglich des inzwischen genehmigten Besucherscheins kontaktiert. Überglücklich schaue ich John einfach nur an. Er sieht blass aus und müde.
Genau wie damals, schafft er es mit seiner natürlichen Art sehr schnell, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Zwischenzeitlich vergesse ich sogar, wo wir uns befinden. Es fühlt sich gut an hier bei John. Er versteht meine Witze, gemeinsam können wir über die ganze Situation lachen und er nimmt meine Scherze genauso auf, wie ich sie meine. Ich glaube, ich fresse John förmlich auf, so wie ich ihn die ganze Zeit anstarre. Trotzdem kann ich seine Gefühle nicht einschätzen. Warum nur schaut er dauern zum Wärter vorne an der Tür? Immer wieder dreht er sich zu ihm um. Ich ignoriere es und genieße die gemeinsame Zeit, die wir haben.
Nach einer Stunde füllen sich drei weitere Tische. Ich habe Schiss, dass wir unser erstes »Date« schon wieder beenden müssen. Doch wir haben Glück und dürfen die komplette Besuchszeit nutzen. Erst nach knapp zwei Stunden wird John darauf aufmerksam gemacht, dass er der Nächste ist. Es ist ein komisches Gefühl. Relativ förmlich verabschieden wir uns. Ich sage John, dass er auf sich aufpassen soll und er wünscht mir eine gute Fahrt. Aufgewühlt gehe ich zur Tür, während John genau in die andere Richtung des langen Gangs abgeführt wird. Offenbar zeitgleich drehen wir uns um und wie im Film treffen sich unsere Blicke noch ein letztes Mal.
Dann bin ich wieder draußen und kann endlich auf die Toilette gehen. Schon in diesem Moment schießen mir tausend Gedanken durch den Kopf. So viel mehr wollte ich John eigentlich fragen. Letztlich haben wir fast gar nicht über UNS gesprochen, sondern vielmehr darüber, warum er genau hier ist, wie es ihm hier drinnen geht, was er arbeitet und über seine Ex. Ich verlasse den abgesperrten Bereich durch die große schwere Eisentür, hole meine Sachen aus dem Schließfach und bekomme meinen Ausweis wieder. Fünf Minuten später sitze ich im Auto nach Hause. Allein. Mit dem Kopf voller Gedanken.
Ich stelle fest, dass ich keinen Deut schlauer bin als vorher, außer vielleicht der Bestätigung für mich selbst, dass ich noch immer genauso intensiv für John fühle wie damals. Aber darum ging es mir doch gar nicht! Das wusste ich schon vorher. Eigentlich wollte ich von ihm wissen, was er meint, wie es mit uns weitergehen soll und ob wir tatsächlich noch eine Chance miteinander haben. Nichts dergleichen hatte ich John gefragt.
Echte Gefühle
Drei Tage warten. Drei Tage, die sich anfühlen wie drei Wochen. Doch heute, ich stehe gerade in der Küche am Fenster, da kommt die Post. Gleichzeitig klingelt das Telefon und meine Mom ist am Apparat. Ich höre ihr mit halbem Ohr zu und platze währenddessen fast vor Neugier. Wie hat John unser erstes Treffen nach all den Jahren erlebt? Ich renne hinaus, hole die Post und fange direkt an zu lesen.
Hallo mein Schatz!
Das war ja heute eine riesige Überraschung, als du auf einmal vor mir standst. An so einen schönen Anblick würde ich mich zu gern gewöhnen.
Ich gefalle ihm also auch noch?
Du hast mich damit sehr glücklich gemacht. Ich hätte dich am liebsten gar nicht mehr gehen lassen.
Da ging es mir nicht anders. Nur hätte ich John viel lieber mitgenommen, denn »Ferienlager«, wie wir seinen Aufenthalt seit unserem Treffen nennen, war noch nie so mein Ding.
Übrigens war ich total nervös. Das macht sich bei mir unter anderem auch dadurch bemerkbar, dass ich dann immer viel zu viel rede. Und ich glaube, vorhin habe ich geplappert wie ein Wasserfall, oder? Ich bin heilfroh, dass es nun doch so schnell geklappt hat und wir mehr als nur eine Stunde Zeit hatten. Mir haben sie übrigens immer noch nichts von dem genehmigten Besucherschein mitgeteilt.
Wer weiß, wie lange der schon bearbeitet dort herumlag? Da hat uns meine Ungeduld zur Abwechslung mal richtig in die Karten gespielt.
Ich weiß ja nicht wie es dir geht, aber jetzt, nachdem ich dich hier bei mir hatte, möchte ich mir ein Leben ohne dich gar nicht mehr vorstellen.
Das hat er süß geschrieben. Ich hoffe, er meint es tatsächlich so.
Was denkst du jetzt nach unserem ersten »Date« nach all den Jahren? Ich wusste gar nicht so recht, wie ich dich verabschieden sollte, weil ich dich am liebsten in den Arm genommen und nie wieder losgelassen hätte. Ich kann eigentlich nur hoffen, dass du ebenso begeistert von mir bist, wie ich es von dir bin.
Jetzt komme ich mal zurück auf deinen Brief, den ich ja auch noch an diesem perfekten Tag bekommen habe. Ich kann kaum glauben, dass dir in den letzten Jahren nie jemand gesagt hat, was für eine wundervolle Frau du bist. Andererseits bin ich natürlich auch froh darüber, weil wir uns sonst vermutlich nie wiedergefunden hätten.
Wo er recht hat, hat er recht. Ein bisschen mehr Gefühl und eine etwas liebevollere Art von meinem Ex, ich hätte ihn nie im Leben verlassen. Ich wollte doch nichts sehnlicher, als mit meiner kleinen Familie glücklich sein.
Ich hoffe, dass du nach heute meine Briefe auch weiterhin abends lesen kannst und sie dich nun nicht mehr so aufwühlen.
Das hoffe ich auch, denn es ist gerade nachts, wenn ich noch nicht so ganz an dieses Märchen mit uns in der Hauptrolle glauben kann.
Dass dein Selbstbewusstsein im Keller ist, finde ich absolut unbegründet! Für mich bist du optisch super attraktiv, sollte es dich interessieren.
»Natürlich interessiert es mich!«, lächle ich glücklich.
Du fragst, was meine Idealvorstellung von unserer gemeinsamen Zukunft wäre?
Gut, dass ich ihm diese Frage wenigstens im Brief gestellt hatte, wenn ich schon unter vier Augen nicht dazugekommen bin.
Zuallererst natürlich, dass wir die momentane Situation so schnell wie möglich überstehen und hinter uns lassen. Dann möchte ich ganz einfach mit euch, meiner kleinen Familie, zusammen sein, alles Mögliche unternehmen, den Kindern alles bieten, was sie benötigen, dich verwöhnen und unterstützen, vielleicht ein nettes kleines Häuschen mit Garten, aber vor allem würde ich jeden Tag mit dir an meiner Seite genießen und dankbar dafür sein, dass ich so ein Glück hatte, dich noch einmal kennenlernen zu dürfen.
Diese Antwort ist mehr, als ich je zu hoffen gewagt hätte. Ein nicht enden wollendes Lächeln beschreibt meinen momentanen Gefühlszustand wohl am besten.
Vielen Dank für die Fotos, mein Schatz. Sie hängen schon an meiner Pinnwand. Die hebe ich für unsere Kinder und Enkelkinder auf.
Woran der schon wieder denkt, grinse ich vor mich hin.
Ich hoffe doch sehr, es ist ein Versprechen, wenn du sagst, dass ich dich nicht mehr loswerde.
Definitiv! Nur so zum Spaß tue ich mir diese brutalen zwei Jahre bestimmt nicht an!
So mein Schatz, nun schnell in den Umschlag mit dem Brief, damit du ihn ganz bald bekommst. Ich bin so glücklich, dass es dich in meinem Leben gibt. Ich denk an dich und drück dich ganz fest. HDL! Liebe Grüße und einen dicken Kuss, dein John
Ich bin geplättet. Liebevollere Worte hätte ich mir von keinem Mann der Welt nach einem ersten Treffen wünschen können. Meine Ängste, dass sich zwischen uns vieles geändert haben muss, sind mir damit fürs Erste genommen. Es fühlt sich mit einem Mal alles so richtig, so perfekt, so angekommen an – nahezu unglaublich und unglaublich schön.
Drei Tage später habe ich wieder Post.
Hallo mein lieber Schatz!
Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich gerade gefreut habe, als ich deinen Brief bekam. Ich habe nämlich schon voller Sehnsucht darauf gewartet. Du weißt doch, wie neugierig ich bin. Und natürlich war ich total gespannt darauf, was du zu uns sagst, jetzt wo wir uns endlich wiedersehen durften. Dass du ebenso positiv über uns denkst, macht mich unsagbar glücklich. Ich würde dich jetzt so gern in den Arm nehmen, mein Schatz. Ich vermisse dich total. Ich bin heute nicht einmal hoch in die Redaktion gegangen, weil ich dir sofort antworten wollte.
Süße, logisch habe ich mitbekommen, wie sehr es dich gestört hat, dass ich hin und wieder mal eine Zigarette rauche.
Und ob mich das gestört hat! Eins ist sicher, für mich und meine Kinder kommt ein Raucher definitiv nicht in Frage!
Keine Sorge, meine Süße, bei mir ist das wirklich so, dass ich nicht rauchen muss. Du wirst mich auch nie rauchen sehen, weil ich darauf gar keine Lust habe, wenn ich mit einer Frau zusammen bin, die nicht raucht und erst recht nicht, wenn ich Kinder um mich herum habe. Unabhängig davon, habe ich unmittelbar nach unserem Treffen entschieden, dass ich auch das Gelegenheitsrauchen einstelle. Ich bin nun also wieder zu einhundert Prozent Nichtraucher.
Haha! Der kann mir viel erzählen. So, wie Johns Klamotten nach Zigaretten gestunken haben, wird er gerade da drinnen damit aufhören. Ich glaub ihm kein Wort.
Süße, mach dir nicht so viele Gedanken darüber, dass du, wenn ich meine Ausgänge habe, keine eigene Wohnung hast oder es aufgrund der großen Entfernung und der Kinder schwierig wird, dass wir uns regelmäßig sehen und, und, und. Wir bekommen das alles hin, wirst sehen! Die Hauptsache ist doch, dass wir uns haben und unser gemeinsames Leben als Familie bald genießen können.
Naja bald? Augenverdrehend schüttle ich den Kopf.
Übrigens kann ich sehr wohl richtig abschalten. Das war zwar nicht immer so, aber inzwischen geht das schon. Außerdem für dich und die Zwerge nehme ich mir natürlich so viel Zeit wie nur möglich.
Leicht gesagt aus seinem derzeitigen Domizil heraus.
Süße, ich hätte auch niemals gedacht, dass ich erst auf eine Anzeige antworten muss, um meine Traumfrau zu finden. Und dass diese Traumfrau jetzt tatsächlich zwei Jahre auf mich wartet, rechne ich ihr ganz hoch an.
Ja, dieses Weihnachten bin ich wohl leider hier mit meinen »Ferienlagerkumpels« noch einmal allein. Am liebsten wäre ich bei euch, mein Schatz. Im nächsten Jahr können wir dann aber in jedem Fall gemeinsam feiern.
Hehe, ein gutes Steak wäre wirklich klasse gewesen. Nur leider darf man hier tatsächlich nichts mit reinbringen, noch nicht einmal Babygläschen oder Spielzeug für die Kinder sind erlaubt. Aber im Ernst, alles was ich brauche bist du, mein Schatz. Weder ein Steak, noch ein Stück Kuchen oder eine Tafel Schokolade sind wichtig, Hauptsache, du bist da!
Und Süße, es macht mir überhaupt nichts aus, dass ich zukünftig, wie du es so schön nennst, »Aufbauarbeit« leisten muss. Ganz im Gegenteil! Wenn ich lese, wie du deine letzten Jahre verbracht hast und womit du zu kämpfen hattest, dann durchfährt mich einfach nur ein nicht nachzuvollziehendes Unverständnis. Wie kann man eine so wundervolle Frau nur so behandeln? Ich kann so etwas absolut nicht verstehen, aber ich bin da wohl komplett anders.
Na, das hoffe ich. Aber das Gute ist, erstens habe ich diese Zeit hinter mir und zweitens kann ich jetzt alles was kommt viel besser genießen. Da geht es John bestimmt ähnlich. Er wird die Welt nach dieser momentanen Zwangsauszeit auch mit anderen Augen sehen.
Für mich gibt es nichts Schöneres, als meine Partnerin glücklich zu machen und sie zu verwöhnen. Und wenn es doch einmal etwas gibt, womit der andere ein Problem hat, dann sprechen wir einfach darüber und finden ganz sicher eine gemeinsame Lösung. Das ist es doch, was eine gute Beziehung ausmacht, nicht wahr?
Ich nicke zustimmend.
WAS? Du hast noch nie ein Frühstück ans Bett bekommen? Das werden wir auf jeden Fall ändern! Wenn du in der Früh noch schläfst, schnappe ich mir den Nic und dann machen wir dir ein Frühstück, geliefert bis ans Bett.
Klar kannst du mit zu den Bayern ins Stadion kommen. Süße, ich nehme dich überall mit hin, ebenso wie unsere Zwerge. Schließlich sind wir doch eine Familie. Außerdem ist das für die Jungs sicherlich alles sehr spannend.
Wow! Jetzt spricht er sogar schon von »unseren« Zwergen und einer »Familie«. Das klingt für mich noch wie ein Traum.
Warum warst du dir denn nach unserem Treffen nicht sicher, dass ich so positiv darüber schreiben würde? Lara, ich habe es wirklich ernst gemeint. Ich bin super glücklich, dass du wieder in mein Leben zurückgekommen bist und ich möchte mir mein Leben ohne dich gar nicht mehr vorstellen. Ich bin in Sachen Gefühlsäußerungen vor allem zu Beginn eher zurückhaltend und vorsichtig, aber bei dir fühlt sich jetzt schon alles so richtig an. Ich bin mir – Aus welchem Grund auch immer? – so sicher mit dir, dass ich mir auch keine Sorgen mache, verletzt zu werden.
Unsere gemeinsame Zukunft vor Augen, nehme ich mir fest vor, ich bin für diesen Mann da. Ich werde diese zwei Jahre schaffen! Komme was wolle.
Was für eine Frage, Süße, natürlich möchte ich, dass du mich wieder besuchen kommst. Unter der Woche ist es immer am besten, weil dann weniger los ist und man eigentlich fast immer mehr als eine Stunde bekommt.
Aber am Wochenende kann ich die Jungs viel leichter unterbringen.
Wie gesagt, mein Schatz, für mich seid ihr meine kleine Familie und für meine Familie und dass es ihr gut geht, tue ich alles, was notwendig ist. Das wirst du schon noch merken. Ich lasse meinen Worten viel lieber Taten folgen, so dass du sehen kannst, dass alles, was ich sage/schreibe, auch so gemeint ist. Auch wenn mir da im Moment leider noch ein wenig die Hände gebunden sind.
Ich kann nicht anders, ich glaube John, und dennoch werde ich den Gedanken nicht los, dass es ein Leichtes für ihn ist, in seiner Situation diese Worte zu schreiben.
So, meine Süße, jetzt werde ich mich wieder unter meine Decke kuscheln – in Gedanken nehme ich dich mit – und von dir träumen. Hab dich lieb! Dicker Kuss, dein John
Ich lese diesen Brief bestimmt noch fünf Mal und schlafe irgendwann darüber ein.
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