Kitabı oku: «Sonntagsgeschirr»
Anita Obendrauf
Sonntagsgeschirr,
hin und wieder
Roman

Die Herausgabe dieses Buches wurde unterstützt durch: Kulturförderung Appenzell Ausserrhoden Gemeinde Schwellbrunn
© 2021 by orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen,
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und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Brigitte Knöpfel
Umschlagfoto: Carmen Wueest
Gesetzt in Arno Pro Regular
Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn
ISBN 978-3-85830-285-4
ISBN e-Book 978-3-85830-288-5
www.orteverlag.ch
Für Elena
Inhalt
Die Wälder
Der Friedhof
Sonntagsgeschirr
Salat am Abend
Gravensteiner
An der Urnäsch
Grosser Bruder
Das Dorf
Bodensee
Das Fotoalbum
Lukas
Gübsensee
Der Altmann
Besuch
Landregen
Die lange Reise
Retour à la maison
Bonjour Jeanne
Weglaufen
Schlüsselstelle
Schlaflos
Le Coin de l’Espoir
Sternschnuppe
Die Entscheidung
Heimweh
Quiche Lorraine
Kurzhaar
Sonntagsbrunch
Die Mühle
Lungenentzündung
Dreilinden
Im Spital
Klinisch
Abgehauen
Sternenstaub
Abschied
Gleiten
Weisse Perlen
Gepinsel
Der Wald
Elisabeth
Trost
Das Seelenfenster
Suruggen
Mariette
Samtiger Wein
Herzlichen Dank
Die Wälder
Die Wälder meiner Kindheit haben sie abgeholzt, dachte Angelina. Ihr Blick schweifte über den Horizont. Auf der Veranda des alten Schuppens sitzend, liess sie die Beine in der Luft baumeln, wie sie es als Kinder immer getan hatten. Das Holz der Scheune war von Wind und Wetter gebleicht und schimmerte im Sonnenlicht leicht gräulich. Von hier hatte sie einen Ausblick weit übers Fürstenland. Es war heiss und schwül und Angelina dankbar für den Schatten, den das Dach spendete.
«Es wird wieder einen dieser Hitzesommer geben, in welchem das Gras vertrocknet und der Mais nicht wachsen will», hatte der Bauer prophezeit, mit dem sie auf einem Spaziergang ins Gespräch gekommen war. Dabei war es erst Frühling gewesen, und ein Regentag hatte sich an den anderen gereiht. Dieses Gespräch schien ihr Ewigkeiten her, als hätte es in einem anderen Leben stattgefunden.
Am Vortag hatte Angelina ihre Sachen gepackt, um an diesem Morgen den ersten Zug von Genève nach St. Gallen zu nehmen. Maurice hatte plötzlich in der Tür gestanden, war früher von der Arbeit gekommen. Als ob er etwas geahnt hätte. «Tu vas où?», hatte er gefragt und geschwiegen. Hätte er sie in den Arm genommen und geküsst, gehalten und gesagt «Bleib!», sie hätte nicht die Kraft gefunden zu gehen. Aber er hatte einfach schweigend dagestanden, im Türrahmen gelehnt und geschaut. Das Schweigen hatte sie gemocht, früher. Es hatte etwas Geheimnisvolles gehabt.
Angelina strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, als ob diese ihr die Sicht versperren würde. Intuitiv hatte es sie an diesen Ort gezogen. Ohne Ziel war sie gewesen. Und geradlinig etwas gefolgt, von dem sie nicht sagen konnte, ob es eine Flucht oder eine unwillkürliche Sehnsucht war. Unter ihr lag das Dorf ihrer Kindheit.
Hart tönte das Surren der Starkstromleitungen. Ihre Augen folgten den schwarzen Linien, die den Himmel zerschnitten und von einem übergrossen Stahlpfeiler zum nächsten führten. Waren sie schon früher dagewesen?
Im Dorf unten waren zwischen den Strommasten Wohnblöcke gebaut worden, die wie übergrosse Bauklötze wirkten. Ein Riese mit Ordnungssinn schien sie parallel und rechtwinklig zueinander hingelegt zu haben. Angelina suchte nach Vertrautem. Sie erkannte das graue Gebäude der Schule, nicht mehr so markant wie früher, eher zu klein geraten neben den wuchtigen Neubauten.
Auf der Strasse unter ihr rauschten Autos vorüber. Es war ein an- und abschwellender Singsang von Näherkommen und Sich-Entfernen. In der Ferne flimmerte die Autobahn in der Hitze, darauf die Autos als eine endlose Kette sich bewegender Punkte. Angelina schien es wie ein immerwährender Kreislauf, der nie innehielt und in dem die Menschen nie irgendwo ankamen.
Als Kinder hatten sie geglaubt, ihnen würde die ganze Welt gehören. Von der Bildkapelle waren sie quer übers Feld gerannt, über sumpfige und moosige Wiesen. Ein Sprung über den Bach und schon waren sie beim Wald gewesen. Und es hatte einen Fussballplatz mit ruppigem Rasen gegeben. Zu jener Zeit hatte er schon Gründenmoos geheissen. Dann wurde die Autobahn gebaut und das Land in zwei Teile zerschnitten. Die Allee beim Bildweier hatten sie damals bereits abgeholzt. Nun ragte dort auf hohen Stelzen ein Betonklotz heraus, das Fussballstadion.
Dies war der Ort, an dem sie gross geworden war. Den sie verlassen hatte, sobald die Schule abgeschlossen war. Und wohin es sie nun unweigerlich gezogen hatte. Angelina kniff die Augen zusammen. Die Hitze tauchte die Landschaft in verschwommene Farben: gräulich die Bauten, gelblich das vertrocknete Gras, grünlich dunkel die Wälder, dahinter ein weisslicher Horizont. Welche Farben würde sie für dieses Bild mischen?
Ihr Blick kehrte zurück zum Dorf, zur Kirche mit ihrem weissen Turm und dem geschwungenen Dach. Ein moderner Bau war es damals gewesen. Weiter links die Schule, die Wohnblöcke, dahinter der Wald.
Die Wälder waren keine Wälder mehr, nicht so wie früher. Schlanke Fichten standen um eine durch Holzschlag freigeräumte Fläche. Zwischen den Baumstrünken wuchsen dürre Bäumchen, die mit Drahtgitter, das von stämmigen Holzpfosten gehalten wurde, geschützt werden mussten.
Am Waldrand beim Geräteschuppen hatten sie sich als Pfadfinderinnen getroffen. Dort waren die Brennnesseln hüfthoch gewachsen. Tiefer im Wald hatten sie den breiten Weg verlassen, um eine nach der anderen dem Pfad durchs Dickicht zu folgen. Hinter der Kuppe, geschützt von mächtigen Fichten und alten Buchen, war ihr Lagerplatz gewesen. In der Mitte hatte die Feuerstelle gelegen, eine von Ästen und Tannennadeln befreite Vertiefung, umrandet von grossen Steinen, die sie vom nahen Bach herangeschleppt hatten. Das Holz hatten sie zu einem meterhohen Stapel geschichtet, bevor sie das trockene Reisig unten in der Mitte anzündeten. Das gab grosse Funken und später eine lang anhaltende Glut. Sie brieten Würste und Kartoffeln und wickelten Teig um dicke Äste, um Schlangenbrot zu backen. Sie warfen ihre Jacken, Kapute, günstig erstanden im Zeughaus, auf den Boden und machten es sich gemütlich. Als die Nacht hereinbrach und die Baumstämme im schwindenden Licht grösser und kräftiger wurden, rückten sie näher zusammen. Manchmal legte eine von ihnen Holz nach und es gab ein erneutes Aufflammen, eine starke, kurze Hitze, bevor das Scheit in glühende Stücke zerfiel. Welche Farbe hatte die Magie? Nachtblau, Saphirblau, Rubinrot?
Angelina holte eine Wasserflasche hervor und trank gierig. Dann öffnete sie die Riemen ihrer Sandalen und liess sie zu Boden fallen. Sie stemmte ihre Arme aufs Holz und glitt von der Veranda. Das Gras fühlte sich kühl an. Sie hängte die Tasche um, nahm die Sandalen in die Hand und ging los. Die spitzen Kiesel stachen an den Fusssohlen. Auf dem ehemaligen Bahntrassee fiel der Weg leicht ab. Sie stellte sich vor, wie die Dampflok stampfend, ächzend und fauchend in einem weiten Bogen vom Bahnhof Winkeln aus an Höhe gewann, auf einer leichten Krümmung den Wald durchfuhr, bevor sie den Tunnel passierte und auf gerader Linie Herisau erreichte. Bereits in ihrer Kindheit waren die Schienen verschwunden gewesen.
Im Tunnel war es düster und feucht. In der Mitte blieb Angelina stehen, sah die grob behauenen, grauschwarzen Steine, blickte zum Rundbogen über ihr und fragte sich, wieso die Steine hielten, so unverrückbar und fest über all die Jahre. Sie fröstelte. «Warum?», fragte sie zuerst zaghaft. Dann lauter und lauter: «Warum?» Es hallte, dunkel und dumpf.
Obwohl ihre Fusssohlen schmerzten, ging Angelina barfuss weiter. Es tat gut, Schmerzen zu spüren. Irgendetwas Handfestes, von dem sie wusste, es würde vorübergehen. Die Wasseroberfläche des Gübsensees glänzte grünlich in der Sonne. Grauoliv. Stockenten schwammen nahe am Ufer, und etwas entfernt erblickte sie Reiherenten. Als Kind hatte sie deren elegantes Schwarz-Weiss und die kecke Locke am Hinterkopf gemocht. Weiter vorne breitete ein Baum seine weiten Äste über dem Weg aus und spendete Schatten. Es gab sie also noch, die Mammuttanne. Meinhard und sie waren von Ast zu Ast den Stamm hinaufgeklettert. Wenn Spaziergänger unten durchgegangen waren, hatten sie mit verstellter Stimme gerufen: «Ich bin der Kobold!», oder «Sie sind zu spät!» Manchmal hatte Angelina einfach «Blauorange» gerufen. Dies war immer noch ihre Lieblingsfarbe. Obwohl der Zeichenlehrer der Meinung gewesen war, dass es die Farbe Blauorange nicht gebe. Nie war es Angelina gelungen, die Farbe in ihrem Malkasten so zu mischen, wie sie diese vor ihrem inneren Auge sah. Blauorange war ein kräftiges Orange mit einem tiefen Blau, so wie das letzte Licht beim Sonnenuntergang, bevor es dunkel wurde.
Angelina setzte sich auf einen Baumstrunk am schattigen Ufer und kühlte ihre Füsse im Wasser. Der Schmerz an den Fusssohlen liess nach. Auf der gegenüberliegenden Seite lag der Badeplatz, eine Wiese mit Bäumen. Manchmal war sie quer über den See geschwommen bis hierhin. Sie hatte nicht gut schwimmen können. Meinhard war der bessere Schwimmer gewesen. Meinhard war in allem besser gewesen. Er war eben älter. Sie war die kleine Schwester, die alles können wollte, was er tat.
Wie wäre es, ihm hier zu begegnen? Wenn er in diesem Augenblick daherkäme? Oder Vater? Ob er wohl noch so weit gehen konnte? Angelina hatte keine Ahnung. Jahre hatte sie ihn nicht besucht.
Hatte sie Sehnsucht nach Vater, nach Meinhard? Wären sie ihr nach all der Zeit auch wieder so vertraut wie dieser Ort?
Es war ein verzweifelter Entschluss gewesen am Nachmittag zuvor. Lange hatte sie geweint, war unfähig gewesen, den Text für das Bergmagazin zu übersetzen. Sie hätte den Auftrag bis am übernächsten Tag erledigen sollen. Sie hatte gewusst, es würde Schwierigkeiten geben, wenn sie nicht fristgemäss lieferte. Schliesslich hatte sie sich durchgerungen und Jeanne, die Chefin der Agentur, angerufen. Obwohl sie Jeanne seit Jahren kannte und sie mehr als nur ihre Auftraggeberin war, hatte sie sich kurzgefasst und erklärt, dass sie diesen Auftrag nicht zu Ende bringen könne. Es tue ihr leid. Sie hatte Jeanne versprochen, den Teil zu schicken, den sie bereits übersetzt hatte. Dann hatte sie sich verabschiedet. Sie hatte keinen Grund genannt und Jeanne keine Zeit für Fragen gelassen. Angelina hatte gewusst, so kurzfristig jemand anderen zu finden, würde für Jeanne Stress bedeuten. Über viele Jahre hatte sich Angelina ihre Stellung erarbeitet. Doch nun erschien es ihr bedeutungslos.
Nach dem Gespräch mit Jeanne wurde das Weinen noch heftiger und unkontrollierter, und als später das Schluchzen in ein lautloses Wehklagen überging, wusste sie, sie musste etwas tun. Nach dem zweiten Klingeln hatte Leni das Telefon abgenommen. Angelina war sofort zur Sache gekommen und hatte gefragt, ob sie ein paar Tage bei ihr übernachten dürfe.
Trotz des sonnigen Wetters war Angelina die Einzige, die an der Haltestelle Gübsensee einstieg. Im Zug war es heiss und stickig. Sie blieb bei der Tür stehen und blickte hinunter, als der Zug über die hohe Brücke fuhr. Die Urnäsch mündete an dieser Stelle in die Sitter und führte kaum Wasser. Am Hauptbahnhof holte Angelina ihre Reisetasche aus dem Schliessfach und ging hinüber zum Bus. Ihre Kleider waren verschwitzt und ihre nackten Füsse in den Sandalen staubig. Mit den Fingern kämmte sie sich die langen braunen Haare, fasste sie mit der einen Hand im Nacken zusammen, während sie mit der anderen das Gummiband überstreifte. Mit nach hinten gebundenen Haaren wirkte ihr Gesicht schmal und ernsthaft.
Wie Leni wohl aussah? Ob sie ihr langes, schwarz gewelltes Haar noch hatte? Angelina war eifersüchtig gewesen auf diese Locken, die Leni, wie sie fand, ein hübsches Gesicht gegeben hatten.
Beim Müleggweier verliess Angelina den Bus. Ein Schwanenpaar schwamm auf dem Wasser und tauchte abwechslungsweise die langen Hälse ein. Angelina blieb kurz stehen. Der Weiher hatte eine ganz andere Farbe als der Gübsensee. Blaugrün, Schwarzgrün oder Moosfarben?
Völlig ausser Atem kam Angelina vor Lenis Wohnung im dritten Stock an. Die Tasche wog schwer. Sie hatte zwei Flaschen Wein in Kleider eingewickelt, einen Roten und einen Weissen aus dem Lavaux, etwas anderes war ihr spontan nicht eingefallen. Angelina zögerte. Mochte Leni Wein? Trank sie überhaupt Alkohol? War es der richtige Entscheid gewesen, hierherzukommen?
Angelina atmete tief ein, zählte bis drei und klingelte.
«Angelina! Schön dich zu sehen.» Lenis Arme umschlossen ihre Schultern, ihren Rücken, drückten sie gegen ihre warme Brust.
«Leni, du hast dich überhaupt nicht verändert.»
«Ist das ein Kompliment?»
«Ja sicher.»
Der Friedhof
Zuerst die Toten, dann die Lebenden, dachte Angelina. Am Abend zuvor hatte sie mit Vater telefoniert und ihren Besuch angekündigt. Aber zuerst wollte sie zum Friedhof. Sie wollte Mutter erzählen, was geschehen war. Mutter würde zuhören. Vielleicht war es einfacher, Verstorbenen Dinge zu erzählen.
Das eiserne Friedhofstor quietschte und fiel mit einem metallischen Klacken wieder ins Schloss. Ein breiter Weg, eine Allee aus mächtigen Thujen empfing sie. Der Kies knirschte unter ihren Füssen. Obwohl der Strassenlärm bis hierher drang, war es Angelina, als würde sie bei jedem Schritt die Ruhe stören. Sie kam an schmale Gräber, auf denen neben Blumen kleine Spielsachen lagen. Es waren die Gräber von Kindern, Bébés, die nicht einmal ein Jahr alt geworden waren. Angelina spürte eine verzweifelte Schwere. Schnell ging sie weiter.
Kein Unkraut fand sich auf den Kieswegen. Die Gräber waren in Reih und Glied angeordnet, die Grabsteine individuell und doch konform, nicht zu wuchtig. Es gab auch einfache Holzkreuze mit Namen.
Als Kind hatten Mutter und Vater sie nie mitgenommen zu Beerdigungen. Angelina erinnerte sich, wie sie im Stillen geweint hatte, als Grossvater gestorben war. Trauer hatte keinen Platz gehabt. Sie hatte Grossvater nie vergessen. Damals hatte sie noch an Gott geglaubt, gehofft, dass er ihre Einsamkeit schmälern und so etwas wie Trost spenden würde. Sie hatte sich vorgestellt, dass Grossvater nun bei ihm wäre und zu ihr herunter lächelte, und sich gefragt: Warum gab er ihr nicht ein Zeichen? Ein Einziges hätte genügt. Doch Grossvater gab keinen Wink und Gott sass still auf seinen Wolken, schaute, was die Menschen so trieben und füllte seine Listen mit guten und bösen Taten.
Wäre sie ruhiger, wenn sie immer noch an den lieben Gott glauben würde? Wenn sie vertrauen würde, dass er mit weiser Vorsehung alles zum Guten lenkte. Sie haderte. Er war nicht der, als den sie ihn anpriesen. Er lenkte nicht, zum Guten nicht und zum Bösen nicht. Wenn er wirklich existierte, dann waren ihm die Menschen egal. Er liess sie gewähren.
Wann begann das Leben? Mit der Zeugung oder erst mit der Geburt? Und wann der Tod, der unwiderrufliche? Wo war Gott? Gab es einen Anfang und ein Ende?
Angelina fand das Grab nicht auf Anhieb. Seit der Beerdigung vor sieben Jahren war sie nicht mehr da gewesen. Warum hatte sie sich nicht gekümmert all diese Jahre? Wie oft hatte sie sich vorgenommen, nach St. Gallen zu reisen, um es dann wieder fallen zu lassen? Immer hatte sie gedacht, sie hätte noch Zeit. Zwanzig Jahre liess man die Toten ruhen, dann wurden die Gräber aufgehoben. Nicht einmal ein halbes Menschenleben dauerte die Grabesruhe. Der Platz war eng für die Toten. Wenigstens hatte Mutter ein Grab. Nicht so, wie ihr Kind.
Früher hatte das Grab am Rande gelegen, nun war es mittendrin. Stiefmütterchen, gelb und violett, in einer Vase ein Bund roter Rosen, etwas welk in der Hitze. Die mussten von Vater sein. Angelina ging zur halbhohen Steinsäule, einem Grabstein ähnlich, mit einem Wasserhahn. Sie nahm die metallene Giesskanne und drehte den Hahn auf. Es klang hohl und dumpf, als das Wasser aufs Blech aufschlug. Sie trug die Giesskanne zum Grab und goss. Immer wenn sie Gräber von Menschen besuchte, die sie gekannt hatte, goss sie. Auch im strömenden Regen goss sie. Sie fand es beruhigend, etwas für Menschen zu tun, die sie vermisste. Wahrscheinlich tue ich es nur für mich selbst, dachte sie. Um in Bewegung zu bleiben und die Gefühle in Schach zu halten.
Sie holte noch einmal Wasser, goss abermals, sorgfältig darauf achtend, die Stiefmütterchen nur bei den Wurzeln zu giessen und Blüten und Blätter nicht nass zu machen, damit die Sonne sie nicht versengte. Es war halb zehn Uhr am Morgen und bereits heiss. Nun nahm Angelina die Blumenvase mit den Rosen und trug sie zum Wasserhahn. Sie legte die Rosen sorgsam in den Schatten, spülte die Vase aus, reinigte mit den Fingern den oberen Rand, spülte sie nochmals aus und füllte sie mit frischem Wasser. Bedächtig nahm sie eine Rose nach der anderen in die Hand, zupfte vereinzelt welke Blätter von den Stängeln und ordnete sie in der Vase neu an. Sie dachte an Mutters vierzigsten Geburtstag, als sie ihr damals einen Bund mit vierzig Rosen geschenkt hatten. Rote, gelbe und dazwischen ein paar weisse.
Hatte sie Mutter vermisst in diesen sieben Jahren? Und davor? Natürlich hatte sie Mutter vermisst. Aber hatte sie ihre Mutter vermisst? Ja, aber nicht nur. Sie hatte auch Sehnsucht gehabt nach einer Mutter, die sie gar nie gehabt hatte. Sie erinnerte sich daran, wie Mutter jeden Frühling die Blumenkistchen auf dem Balkon bepflanzt hatte. Sorgfältig hatte sie die Setzlinge aus den kleinen Töpfen gehoben, in den länglichen Kisten angeordnet, eine Handvoll Erde genommen und sie neben den Setzlingen in die Kiste gleiten lassen, um sie daraufhin sanft festzudrücken. Bald hatten die Blumen üppig und bunt gesprossen. Petunien in den Farben Rosa, Gelb, Violett und Weiss. Es war, als hatte Mutter damit farbenfrohes Leben verbreiten wollen.
Eine fröhliche und unbeschwerte Mutter hatte sich Angelina gewünscht. Oft war sie jedoch still und gedankenverloren gewesen. Und es gab diese Unerbittlichkeit und Strenge. Erst spät hatte Angelina die leise Traurigkeit und Wehmut bemerkt, die sich dahinter verborgen hatten.
Angelina ordnete die Rosen nochmals neu an und trug die Vase, mit beiden Händen haltend, zurück zum Grab.
In der Fremde war sie oft auf Friedhöfe gegangen. Sie hatten sie ruhig werden lassen und demütig. Die Gräber hatten Geschichten erzählt von langen Leben und frühen Toden, von Kriegen und Tragödien. Sie erinnerte sich an einen Besuch am Rand einer grossen Stadt. Kreuze ohne Namen waren aufgereiht gewesen. So mussten die Soldaten gestanden haben beim Appell. Sie waren gefallen im Kampf und namenlos begraben. Dahinter die Toten, an deren Namen man sich erinnerte, ganze Familien vereint. Grabsteine standen schief, und auf den Gräbern wuchsen Bäume und Büsche. Verschlungene Pfade führten kreuz und quer hindurch, mystisch und zauberhaft zugleich. Es hatte kleine Bänke, und an Allerheiligen kamen die Lebenden und liessen sich nieder zum Picknicken bei den Toten. An solchen Orten blieben die Gräber auf ewig. Es waren Oasen der Stille inmitten einer ihr in jenem Augenblick sinnlos erscheinenden Geschäftigkeit.
Angelina spürte die Hitze. Gerne hätte sie sich auf eine kleine Bank beim Grab oder unter einen schattigen Baum gesetzt. Obwohl der Friedhof voller Birken, Buchen und Nadelhölzer war, konnte sie in der Nähe keine Bank entdecken. So liess sie sich auf dem schmalen Streifen Kies vor dem Grab nieder. Flüsternd begann sie Mutter zu erzählen. Sie suchte für das Unfassbare Worte, stockte nach wenigen Sätzen und verharrte in Sprachlosigkeit. Zusammengekauert sass sie in der sengenden Sonne. Einzelne Tränen malten dunkle Punkte auf den hellen Kies.
Sonntagsgeschirr
Kaum hatte Angelina das schmiedeeiserne Tor hinter sich geschlossen, prallte der Verkehrslärm auf sie ein. Für einen kurzen Augenblick hatte sie ein Gefühl von Gehaltensein und innerer Ruhe verspürt. Als sie nun den Zaun entlangging, der den Friedhof umgab, brauste ein Auto nach dem anderen vorüber. Widerstrebend schlenderte sie zur nächsten Bushaltestelle. Am liebsten hätte sie sich in Lenis Wohnung verkrochen. Doch Vater erwartete sie. «Ich bin in der Gegend», hatte sie am Tag zuvor am Telefon gesagt. «Bist du morgen zu Hause?»
Sie wusste nicht, ob er sich über ihr Kommen freute. Seit Mutters Beerdigung war sie nicht mehr bei ihm gewesen. Sieben Jahre waren vergangen und es hatte keine Fragen von ihm und keine Erklärungen von ihr gegeben.
Angelina starrte durchs Busfenster, vor ihr lag die Brücke. Es gab keinen Friedhof in Winkeln. Die Toten wurden in der Stadt begraben. Wenn sie als Kind gefragt worden war, ob sie aus der Stadt sei, hatte sie verneint. Sie wohne ennet der Sitter. Auf der anderen Seite des Flusses. Für sie war es ein Dorf gewesen, obwohl Winkeln längst zur Stadt gehört hatte.
Als der Bus über die Fürstenlandbrücke fuhr, drückte sie ihre Stirn an die Fensterscheibe. Drei Jahre lang war sie jeden Tag diesen Weg mit dem Fahrrad zur Schule gefahren. Über dem Fluss hatte sie jeweils angehalten und in die Tiefe geblickt. Die Steine hatten sich im seichten Wasser erahnen lassen. Nach Regengüssen hatte sich die Farbe des Flusses von Moosgrün in ein gelblich lehmiges Braun verwandelt. Sie hatte es gemocht, dieses undurchdringliche und schnell strömende Wasser. War das Fundament des Brückenpfeilers überspült gewesen, hatte es viel geregnet auf den Höhen des Appenzellerlandes. Angelina erinnerte sich, wie sie und ein Schulfreund über die Brücke geradelt waren und sie zu den Wäldern hinuntergeschaut hatte. Dabei hatte sie ihn gerammt, und er war ins Brückengeländer gefahren. Ihnen beiden war nichts geschehen, aber sein Vorderrad war so verbogen gewesen, dass er das Velo nach Hause tragen musste.
Immer wieder waren Unfälle geschehen, weil Angelina umhergeschaut hatte. Sie war über Mäuerchen und Steine gefallen, gegen Pfähle und Abschrankungen geprallt oder in Glastüren gelandet. Engel-Guck-in-die-Luft hatten sie sie genannt. Irgendwann hatte Angelina mit Bergsteigen angefangen. Um mich festzuhalten und mir das Stolpern abzugewöhnen, dachte sie rückblickend. Aber vielleicht auch nur, um weiter zu sehen, über den nächsten Hügel hinaus.
Bei dieser anhaltenden Hitze musste der Fluss zu einem Rinnsal geworden sein. Vom Bus aus konnte sie das Wasser nicht sehen. Der Fahrradweg verlief immer noch auf dem Trottoir. Bei der nächsten Haltestelle stieg Angelina aus, ging durch die Unterführung und zwischen den gleichförmig hellbraunen Häusern hindurch. Hier hatte sie fast die Hälfte ihres Lebens verbracht. Angelina hielt inne und schaute sich um. An jeder Ecke lagen Erinnerungen. Sie waren Fragmente ihres Lebens, einige bunt und leuchtend, andere dunkel und schwer. Bilder drängten sich auf, unverblümt und ungefragt.
Die mächtige Fichte hatten sie gefällt, aber der grosse Findling inmitten der Wiese war geblieben. Dies war ihr Treffpunkt gewesen. Hier war geplaudert worden, gezankt, gelacht und gestritten. Hier wurden Freundschaften geschlossen und Schlachten gefochten.
Zögernd drehte sich Angelina um und ging zum Hauseingang. Würde sie Vater erzählen, was geschehen war? Würde er fragen: Was führt dich zu mir? Warum gerade jetzt?
Angelina blieb im düsteren Hauseingang stehen und betrachtete die Briefkästen. Sie waren in zwei Reihen übereinander angeordnet. Gegenüber waren die Klingeln in zwei senkrechten Fünferreihen. Kollbrunner stand in krakeliger Schrift auf einem Schildchen. Angelina drückte den weissen Knopf. Dann lehnte sie sich mit der Schulter gegen die Glastüre, die rechte Hand auf dem metallenen Griff. So hatte sie es als Kind auch immer getan. Ein Surren ertönte und die Tür gab nach. Langsam stieg Angelina die Treppe hoch.
Hatte Vater sich verändert? War er älter geworden? Wie lebte er ohne Mutter? Jede Stufe eine Frage. Hatte sie sich verändert?
Beim Treppenabsatz blieb sie stehen. Die Stufen wechselten die Richtung. Früher waren sie ihr höher erschienen. Angelina ging weiter. Jede Stufe eine Antwort. Sie alle waren älter geworden. Sie hatte sich verändert. Menschen veränderten sich immer. Sie sehnte sich nach Stillstand.
Angelina schluckte. Doch der Kloss im Hals blieb. Ihre Hand hielt sich am Holz des Geländers fest. Es war in all den Jahren glatter geworden, blank poliert durch unzählige Hände. Als Kinder hatten sie Wettrennen veranstaltet. Sie waren bis zuoberst in den fünften Stock gestiegen und losgerannt. Bei den Absätzen hatten sie die linke Hand fest ans Geländer geklammert, um die Kurve in zwei Sprüngen zu meistern. Nachbarn hatten geschimpft wegen des Lärms, des Getrampels der Füsse auf dem Steinboden.
Angelina klingelte. Die Glocke klang schrill, nicht so wie in ihrer Erinnerung. Sie vernahm schlurfende Schritte.
«Vater, guten Tag, wie geht’s?» Angelina spürte den Kloss im Hals.
«Angelina. Komm rein.» Er legte leicht die Hand auf ihre Schulter und zog sie fast unmerklich näher. Dann drehte er sich um und sie folgte ihm in die Wohnung.
«Setz dich. Kaffee?» Vater war neben dem Tisch stehengeblieben und stützte sich auf eine Stuhllehne.
Angelina schob sich auf den Stuhl, der früher ihr Platz gewesen war, und fuhr mit der Hand über die Tischdecke aus Plastik, als ob ihr dies Halt gäbe. Durch die offene Küchentür sah sie Geschirr auf der Ablage stehen. Früher hat er nie gekocht, nicht einmal Kaffee konnte er kochen, dachte sie. «Ja, gerne einen Kaffee.»
Er drehte sich um und ging ein paar Schritte in die Küche. Angelina betrachtete ihn von hinten. Sein Rücken war etwas gebeugt, die Schultern waren schmäler geworden, das graue Haar wirr, lichter.
«Und Maurice», fragte er. Auch seine Stimme war brüchig geworden.
«Er muss arbeiten. Viel zu tun. Es geht ihm gut, glaube ich.»
«Du hättest hier übernachten können.»
«Möchtest du das?»
«Es ist genug Platz. Das Zimmer hinten war früher auch deins. Seit du weg bist, hat es Margaret als Nähzimmer genutzt.»
Angelina stand auf und ging den schmalen Korridor entlang. Nichts schien sich verändert zu haben, seitdem Mutter nicht mehr hier war. Nur der Geruch war anders geworden. Sie fehlte.
«Ich war heute Morgen auf dem Friedhof», sagte Angelina laut, während sie die Türfalle des hinteren Zimmers drückte. «Ich habe gegossen.»
«Ja, sie brauchen viel bei dieser Hitze.»
Angelina hörte das Klappern des Geschirrs, dann Vaters Schritte hinter sich. Vor dem Fenster stand der Tisch mit Mutters Nähmaschine. An der Wand gegenüber das Bett, ihr Bett aus der Kindheit mit dem roten Überwurf, den aufgedruckten braunen Bären und blauen Bällen. Daneben der Schrank, dunkelbraunes Furnier.
«Du hast nichts verändert.»
«Komm, der Kaffee wird kalt.»
Vater zitterte ein wenig, als er den Kaffee eingoss. Er hatte das schöne Geschirr genommen aus dem Buffet im Flur. Sonntagsgeschirr, dunkelrote Rosen und mit Goldrand.
«Ich habe dir etwas mitgebracht.» Angelina nahm die Schachtel Pralinés aus der Tasche und legte sie auf den Tisch.
«Danke.»
«Ich hoffe, sie sind nicht geschmolzen.»
Der Kaffee war dunkel und kräftig, nicht so dünn, wie Mutter ihn gemacht hatte.
«Und, was machst du so den ganzen Tag?», fragte Angelina.
«Lesen.» Er zeigte auf einen Stapel Zeitungen, die auf der Kommode lagen. Daneben hatte es zwei dicke Bücher. «Früher hatte ich nie Zeit dafür.»
«Was liest du?»
Anstatt zu antworten, schob er schwerfällig den Stuhl zurück, ging zur Kommode, zog eine Schublade heraus und kam mit einem weinroten Etui zurück. Es gelang ihm nicht sofort, den silberfarbenen Schnappverschluss zu öffnen. Gepolstert in dunkelblauem Samt lag eine goldglänzende Münze.
«Schau», sorgfältig klaubte er die Münze heraus und hielt sie Angelina hin.
Angelina nahm sie zwischen Daumen und Zeigefinger und drehte sie vorsichtig. Mit den Fingerkuppen spürte sie die feinen eingeprägten Sterne am Rand. Sie betrachtete die Frauengestalt auf der Vorderseite und die Prägung 20 Fr. mit Schweizer Kreuz auf der Rückseite. Als Angelina die Münze in Vaters Hand zurücklegte, sagte er: «Ist sie nicht schön?» Er drehte sie im Licht der hereinscheinenden Sonne. Vorsichtig schob er das Goldvreneli in die runde Vertiefung im Etui zurück, klappte den Deckel zu und reichte es Angelina über den Tisch.
«Für meinen Enkel.»
«Vater!» Angelinas Stimme klang schrill. «Ich habe keine Kinder.» Im selben Moment fuhr ihr der Gedanke durch den Kopf, dass dies nicht stimmte.
«Dann ist sie für dich. Als Notgroschen.»
Salat am Abend
«Hast du Hunger?» Leni stand in der Küche vor dem geöffneten Kühlschrank. «Salat? Oder soll ich etwas kochen?»
Angelina schloss die Wohnungstür hinter sich, liess sich auf den Fussboden fallen und lehnte gegen die Wand. Essen? «Diese Hitze!»
«Du hast recht, es ist viel zu heiss, um etwas Warmes zu essen. Also Salat.»
Vom Bahnhof war Angelina durch die Mülenenschlucht spaziert, und obwohl der Schluchtweg um diese Zeit im Schatten lag, stand ihr der Schweiss in Perlen auf der Stirn.
«Mein Gott!» Leni kam zwei Schritte auf Angelina zu und grinste. «Muss ich dir ein Glas Wasser bringen oder gleich einen Eimer, eiskalt?»
Angelina lehnte sich nach vorne und öffnete langsam die Schnürsenkel ihrer Turnschuhe. Leni verschwand in der Küche, um im Kühlschrank zu hantieren. Vom Gang aus sah Angelina, wie ihr gelocktes, schwarzes Haar ihre nackten Schultern verdeckte und in der Mitte ihres Rückens endete. Sie trug ein knallig rosafarbenes Trägershirt und enge, weisse Jeans. Und obwohl ihr Körper massig wirkte, strahlte sie Behändigkeit und Vitalität aus.
Leni und sie kannten sich seit der Schulzeit. Schon damals war Leni das Gegenteil von ihr gewesen, klein, pummelig, unsportlich, fröhlich. Wieso sie Freundinnen geworden waren? Weil sie beide die Schule gleich wenig mochten? Weil Gegensätze sich anzogen?
Leni hatte allem etwas Gutes abgewinnen können, nur der Schule nicht. Angelina hatte damals nur eines gewollt: weg. Manchmal war Angelina neidisch gewesen auf Leni mit ihrem unerschütterlichen Optimismus. Leni hatte nach der Schule eine kaufmännische Lehre bei der Gemeinde gemacht, während Angelina weggegangen war, zuerst zu einer wohlhabenden Familie ins Welschland, später auf Reisen, ans andere Ende der Welt nach Australien. Ohne Ausbildung, ohne Geld, ohne Ziel.
Fast hätten sie sich aus den Augen verloren. Dann, vor drei Jahren, hatte Leni sie in Genève besucht und war zwei Wochen geblieben. Vom ersten Augenblick an waren sie sich so vertraut gewesen wie früher.
Leni schloss den Kühlschrank. Angelina hörte, wie sie am Spülbecken hantierte, Wasser laufen liess, eine Schranktür öffnete. Sie zog die Turnschuhe von den Füssen und blieb einfach auf dem Boden sitzen. Hätte Leni gerne Kinder? Einen Mann? Was wusste sie wirklich von ihr?
«Leni?»
«Ja.»
«Hättest du gerne Kinder?»
Leni kam aus der Küche und blickte auf Angelina hinunter. «Willst du nicht duschen?»
«Du hast recht, ich brauche eine Abkühlung.»
Angelina drehte den kalten Wasserhahn auf und stellte sich unter die Brause. Sie blieb reglos darunter stehen, bis sie am ganzen Körper zitterte. Dann stellte sie das Wasser ab und seifte sich ein. Danach brauchte sie eine Weile, bis sie eine für sich angenehme Wassertemperatur gefunden hatte. Einmal war es zu heiss, dann wieder zu kalt. Schliesslich schob sie den Duschvorhang zur Seite, angelte das Frotteetuch vom Haken und trocknete sich in der Badewanne stehend ab.
«Essen», hörte sie Leni rufen.
In dem Moment als Angelina in die Küche kam und Leni den Salat auf den Tisch stellte, klingelte das Telefon.
«Fang schon an», sagte Leni leichthin.
Sie hatte den Tisch schön gedeckt mit einem beigen Tischtuch und dunkelblauen Servietten, passend zu den weissen Tellern mit blauem Rand.
«Es ist für dich. Maurice.»
«Sag ihm, ich rufe später zurück.»
«Ça va?», fragte Maurice als Erstes.
«Ich war bei Vater. Soll dir einen Gruss ausrichten.»
«Merci, wie geht es ihm?»
«Er hat jetzt Zeit, Bücher zu lesen. Wir haben eben gegessen. Und du?»
«Ich treffe mich gleich mit Robert, wir springen noch in den See.»
«Heiss heute.»
«C’était très pénible. Zum Glück haben wir eine Klimaanlage im Büro. Bei der Hitze spinnen auch die Leute und nicht nur die Computer.»
Angelina hörte, wie Maurice lachte.
«Et toi?», fragte er.
«Ich?» Wenn Maurice bei ihr wäre, sähe er ihre Traurigkeit?
«Ja, was machst du heute noch?»
«Weiss nicht.»
«Attends, es hat geklingelt. Das ist Robert. Je reviens tout de suite.»
Angelina schnäuzte sich die Nase und fuhr mit dem Handrücken über die Augen. Dann hörte sie Maurice’ Stimme. «Weisst du schon, wie lange du bleibst?»
«Nein.»
«Am Wochenende, bei diesem Wetter könnten wir … On pourrait aller en Valais.» Als Angelina schwieg, fuhr er fort: «Bon, on verra. Ich muss los. Robert wartet. Mach’s gut! Ich melde mich.»
Angelina legte den Hörer auf. Trotz der Hitze fröstelte sie.
Leni sass in der Küche und blätterte in einem Gesundheitsmagazin aus der Apotheke. Das Geschirr hatte sie weggeräumt. «Kaffee?», fragte sie.
Angelina liess sich auf den Stuhl fallen und schaute aus dem Fenster. Von hier waren ein paar dunkle Baumwipfel des Berneggwaldes zu sehen. Langsam setzte die Dämmerung ein. «Leni, kann ich noch ein paar Tage bleiben?»
«Du kannst bleiben, solange du willst. Hat es mit Maurice zu tun?»
Angelina blickte wieder zum Wald. Dieses kräftige Grün der Bäume. Hatte es mit Maurice zu tun? War sie vor ihm geflohen? Oder vor sich selbst?
«Manchmal frage ich mich, was einen in einer Partnerschaft wirklich verbindet.»
«Und?», fragte Leni.
«Maurice will nächstes Wochenende eine Hochtour machen.»
«Hast du keine Lust?»
«Nein.»
Leni lachte. «Ich auch nicht.» Ihr Lachen steckte an.
«Und, was machen wir am nächsten Wochenende?», fragte Angelina.
Leni presste die Lippen aufeinander, als ob sie nachdenken würde. «In der Sonne schmoren, bis wir die Farbe dunkler roter Krebse angenommen haben und nur so lechzen nach kühlendem Nass.»
«Genau, splitternackt. Keine Bikiniabdrücke, nur ebenmässiges Braun.»
«Und du liest vor, während ich dahindöse.»
«Vorlesen?»
Leni stand auf, ging ins Wohnzimmer und kam mit einem roten Taschenbuch zurück, das sie aufschlug. Sie begann zu lesen: «Ich lag auf dem Liegestuhl und blätterte in einer alten Illustrierten. Die Sonne brannte. Der Himmel war blau und endlos. Das Meer war blau und endlos. So ging das seit Wochen.»
«Tönt gut.»
«Genau. Mein sechster Mord.»
«Was?»
«Milena Moser: Gebrochene Herzen oder Mein erster bis elfter Mord.» Leni legte das Buch auf den Tisch, schaltete das Licht ein und liess sich auf den Stuhl zurücksinken. Angelina nahm die dunklen Ringe unter ihren Augen wahr. Wie müde sie aussah.
«Strenger Tag heute?», fragte Angelina. Sie selbst fühlte sich völlig erschöpft.
Leni zuckte mit den Schultern. «Du meinst meine Arbeit auf dem Steueramt? Wir müssen die Steuern häufen, um Defizitberge abzubauen. Nur geben andere das Geld aus, das wir reinholen.»
«Wie lange bist du schon dort?»
«Ewig. Aber mehr dazu ein anderes Mal, ich bin todmüde. Du bleibst mir anscheinend noch eine Weile erhalten.» Sie zwinkerte Angelina mit dem einen Auge zu. «Da bleibt noch eine Menge Zeit für mörderische Pläne.»
Gravensteiner
Angelina konnte sich nicht dazu durchringen aufzustehen. Ein leerer Tag lag vor ihr. Im Bett des Gästezimmers liegend, hatte sie ihre Hände unterm Kopf verschränkt und betrachtete die Einrichtung. Ihr kam es so vor, als ob Leni ihr Jugendzimmer direkt von zu Hause in diese Wohnung gezügelt hatte. Über dem Bett hing ein grosses Poster, Sonnenuntergang am Meer, die Palmen als schwarze Konturen vor leuchtendem Rot. Gegenüber dem Bett stand der Schreibtisch, furniert, gelbliches Braun mit vier Schubladen, daneben ein Gestell mit Büchern, Federica de Cesco, Karl May, Die drei Fragezeichen, Tierlexikon, Weltatlas, ein Duden gelb-schwarz.
Wusste Leni, dass nicht Maurice der Grund für ihr Kommen war? Dass etwas Verhängnisvolles geschehen war und sie Mühe hatte, es in Worte zu fassen? Warum konnte sie nicht darüber reden? Es Leni oder Vater einfach sagen? Ich habe mein Kind verloren, es ist tot.
Warum konnte sie Vater nicht fragen: Wie lebst du? Ohne Mutter, alleine, alt? Was hält dich? Was lässt dich weitermachen? Und die letzte und einzige Frage: Wo ist der Sinn? Der Sinn in diesem Sterben?
Angelina dachte an die Einsamkeit im Spital. Sie hatte geweint. Gerne hätte sie mit jemandem geredet. Doch für die Ärzte war sie ein technisches Problem gewesen und jener Tag ein leeres Datum, weder Geburts- noch Todestag ihres Kindes, sondern ein Arbeitstag von vielen. Zu dritt hatten sie um ihr Bett gestanden und wieder davon gesprochen, dass die Operation notwendig sei und die Vollnarkose kein Risiko. Es hatte sie, Angelina, immense Kraft gekostet zu widerstehen. Es könne Krebs entstehen, hatten die Ärzte gesagt, wenn das restliche Schwangerschaftsmaterial nicht operativ entfernt würde. Dies alles war so weit weg gewesen von ihrer eigenen Befindlichkeit, ihrem wahren Gefühl. Dieser Geruch nach perfekter Hygiene, diese unerlässliche Geschäftigkeit, diese aufgesetzte Fröhlichkeit, das gekühlte Müesli zum Frühstück und der halbwarme Kartoffelstock zum Abendessen, sie hatten nicht gepasst zu diesem unwiederbringlichen Verlust. «Jetzt schauen sie mal, das wird schon», hatte die Ärztin beim Spitalaustritt gesagt. Angelina aber wusste, es würde nicht werden.
Hier in Lenis Gästezimmer fühlte sie sich geschützt. Es war lang und schmal, fast so, wie ihr Zimmer zu Hause bei Mutter und Vater gewesen war. Es vermittelte einen Hauch von Vergangenheit. Damals, als Jugendliche hatten sie die Wände mit Postern vollgepflastert, ihre Zimmer zu einem privaten Reich erklärt und angefangen, diese mit dem Schlüssel abzuschliessen, um ihre Eltern auszusperren. Sie hatten geglaubt, alles wäre möglich, wenn man sie nur liesse.
Mit einem Ruck schlug Angelina die Bettdecke zurück und stand auf. Der grüne Bettbezug mit den orange-gelben Streifen war wohl das Einzige in diesem Raum, das nicht aus Lenis Jugend stammte. Mit einem Fuss schob Angelina die Reisetasche zur Seite und lehnte aus dem Fenster. Wie grün die Bäume waren. Die Buchenblätter, im Sommer kräftig, zartgrün im Frühling, rotbraun im Herbst.
Sie sollte sich nicht gehenlassen, aktiv sein, zu den Drei Weieren spazieren und schwimmen. Wenn es schon wieder einer dieser hochsommerlichen Hitzetage war. Bald käme der Herbst.
Angelina drehte sich um und blickte in ein Gesicht mit wilder Mähne: Rod Stewart. Das Poster war eine mehrmals aufgeklappte Doppelseite aus der Mitte eines Magazins. Auf dem Pult darunter waren Musikkassetten aufgereiht und daneben stand ein Radio mit Recorder. Wahllos nahm Angelina eine Kassette und schob sie hinein. Der Recorder funktionierte. Dieses Ding musste mindestens zwanzig Jahre alt sein. Eine tiefe, raue Stimme ertönte: «Oh the sisters of mercy, they are not departed or gone. They were waiting for me when I thought that I just can’t go on.»
Alles hätte Angelina erwartet, ABBA, Kiss, Beatles, aber er? Dunkel und melancholisch, passte das zu Lenis Jugend?
Angelina lauschte den Worten. Leonard Cohens Stimme war schwer und schleppend, fast wie Balsam. «you … must leave everything». Wie recht er doch hatte. Alles, alles loslassen.
Angelina hatte die Badesachen eingepackt, aber ihre Beine entschieden selbst, wohin sie gingen. Sie führten sie am Mannenweier und weiter an den anderen Weihern vorbei, den Wald entlang, hinauf Richtung Freudenberg zum grossen Holzkreuz. Es tat gut, Distanz zu gewinnen zu diesem Zimmer und der Erinnerung an eine Zeit, als sie geglaubt hatte, das Leben vor sich zu haben und nichts könne dabei schiefgehen.
Von hier sah man die Berge, den Alpstein mit dem Säntis. Es war schwül. Der Sendemast auf dem Gipfel ragte wie ein übergrosses Streichholz am Horizont auf. Dahinter hingen ein paar Wolken. Angelina ging an der Linde vorbei und setzte sich auf die Bank. Obwohl diese direkt am Wegrand stand, war sie auf drei Seiten von Hecken umgeben und bot ihr eine Art Schutz.
Sie dachte an damals, als sie mit Meinhard zum ersten Mal auf den Säntis gestiegen war. Ohne Bahn. Weit war es ihr vorgekommen und steil. Mit dem Fahrrad waren sie auf die Schwägalp gefahren und dann losmarschiert. Ohne zu wissen, ohne sich zu kümmern, was käme. Dunkel war es geworden, bis sie wieder zu Hause ankamen. Mutter und Vater schimpften, weil es bereits spät war. Sie fragten nicht, wo sie gewesen seien. Und weder Meinhard noch Angelina sagten etwas. Stolz hatten sie ihr Geheimnis gehütet. Oben in den Bergen waren sie gewesen. Damals hatte sich für Angelina eine Tür geöffnet. Und vor drei Wochen war es so gewesen, als ob eine andere Tür, eine schwere stählerne, vor Angelina zugeschlagen sei.
Ein Mann setzte sich, ohne zu fragen, ans andere Ende der Bank. Er störte.
Soll er doch, soll er doch meine Tränen sehen, dachte Angelina trotzig. Nur nicht reden.
Der Fremde sass da und schwieg. Angelina schaute wieder zum Alpstein, dem hellen Grau der Felsen und dem dunklen Grün der Wälder davor.
Wolkengrau, Kalkgrau, Silbergrau – welche Farbe hatte die Ewigkeit?
«Möchten Sie auch?» Der Mann sass immer noch auf der Bank keine zwei Meter neben Angelina und hielt ihr einen Apfel hin. «Gravensteiner. Aus dem Garten meines Nachbarn.»
Angelina schaute wieder zum Gebirge, folgte mit den Augen den Konturen der zackigen Grate. Sie hörte, wie er in den knackigen Apfel biss und kaute.
«Geklaut?», fragte sie.
«Aber nein.» Er lächelte und nahm einen weiteren Apfel aus dem Beutel, der neben ihm lag.
Der Apfel schmeckte süss und leicht säuerlich.
Sie sassen schweigend und assen. Von der Stadt her drang fernes, gleichmässiges Rauschen und näher bei ihnen, aus einer anderen Richtung, ertönte Kuhgeläut.
«Ihr Nachbar», sagte Angelina, als sie den letzten Bissen geschluckt und den Kern in die Wiese hinter sich geworfen hatte. «Wo steht dieser Baum?»
Er lachte laut. «Wollen Sie etwa?»
«Klauen, meinen Sie?»
«Schmecken gut, nicht wahr.»
Angelina nickte.
«Ich komme in der Mittagspause oft hierher.» Kurz drehte er den Kopf zu Angelina, blickte dann wieder geradeaus. «Beruhigend, diese Landschaft.»
«Ja, die Berge, friedvoll und doch erbarmungslos», erwiderte Angelina. Es tat gut, mit einem Unbekannten zu reden. Einem, der nichts wusste von ihr, der nachher ging für immer.
«Vielleicht vermag die Natur mehr zu trösten als jeder Mensch. Denn sie ist einfach da, bedingungslos», sagte er, ohne sie anzublicken.
«Was ist Trost?»
Er überlegte eine Weile und sagte dann: «Etwas, das uns in unserem Leid zu berühren vermag.»
«Und wenn einen nichts mehr berührt?»
«Dann ist es eine tiefe Wunde.»
«Ich bin verwundet.»
«Ja, ich weiss.»
Eine Träne rann aus Angelinas rechtem Augenwinkel. Mit einer heftigen Handbewegung wischte sie sie weg und schloss die Augen. Hinter den Augenlidern wurde es nicht dunkel. Mit der Sonne gab es ein gleissendes, helles Schwarz. Gelbschwarz, Orangeschwarz, Schwarzweiss.
Als Angelina die Augen wieder öffnete, war er weg. Neben ihr auf der Bank lag ein rot-grüner Apfel.
An der Urnäsch
Der Tag war genau so, wie Leni und Angelina ihn sich vorgestellt hatten, strahlend blau und unerbittlich heiss. Was hatte Leni vor drei Tagen gesagt? In der Sonne schmoren und nach Abkühlung lechzen?
Sie wollten die Urnäsch entlangwandern. Es war Angelinas Vorschlag gewesen. In der Schlucht mit ihren steilen Wäldern und felsdurchsetzten Flanken würde sich die Kühle halten und das Wasser, aus den Bergen kommend, sich kaum aufwärmen. Angelina hatte Würste und Bürli eingekauft, auch ein wenig Gemüse. Sie hatte fast so etwas wie Vorfreude verspürt. Darauf, durch diese wilde Schlucht zu ziehen, das kalte Wasser zu spüren, Steine zu schiefern und natürlich aufs Feuermachen. Wie lange hatte sie nicht mehr Holz aufgeschichtet, es angezündet, zugesehen, wie die Flammen sich hochschlängelten, mehr und mehr Holzscheite erfassten und diese dann glühend zusammenfielen?
Am Vorabend hatte Angelina Lenis Fahrrad aus dem Keller getragen, vor dem Haus mit einem Schlauch abgespritzt, die Reifen aufgepumpt, die Kette geölt und eine Proberunde gedreht. Es war gefahren. Ein zweites Rad hatte Leni bei der Nachbarin ausgeliehen.
Mit den Fahrrädern fuhren sie nun ins Kubel. Da es abwärts ging, erreichten sie schnell die alte Holzbrücke, dort wo Sitter und Urnäsch zusammenflossen, und wenig später die zweite Holzbrücke über die Urnäsch. Die Leute nannten sie Hüslibrugg, weil sie überdacht war und Seitenwände mit zwei Fensteröffnungen hatte. Angelina lehnte das Fahrrad ans Metallgeländer am Wegrand und betrat die Brücke, auf der es angenehm schattig war. An den Querbalken standen Sprüche in verschlungener Schrift. Bereits als Kind hatte Angelina die Schrift zu entziffern versucht. Sie war fasziniert gewesen von dieser Baute mit ihrem verwitterten Holz. Sie hatte sich berittene Kaufleute und Händler mit schweren Karren und beladenen Lasttieren vorgestellt, wie sie den beschwerlichen Weg über die holprigen Pfade ins Tobel hinunter und wieder hinauf auf die Hügel des Appenzellerlandes meisterten.
Nun betrachtete sie die verschnörkelte Schrift in mattem Schwarz auf dem bleichen, leicht gräulichen Holz. Mit etwas Mühe las sie: «Die Brug in deiβem Tieffen tobel, Wirt genant Alhier Im Kobel.» Sie drehte sich um und las an einem anderen Balken: «Zu Wüssen ist das die Brug 20 schuh Länger ist dan die vor der stehete.»
Dann ging sie zur Fensteröffnung in der Brückenmitte und lehnte hinaus. Unter ihr hatte das Wasser einen leichten Grünstich. Als Kinder hatten sie von hier Steine in den Fluss geworfen. Als ob es dort unten nicht schon genug davon gibt, dachte sie.
Leni war immer noch dabei, die Schrift des Balkens über ihr zu entziffern. «Anno 1778 Durch ein unerdencklichen Wasser guβ, Nimt es 6 Deckte Brugen an deiβem Nemlichen fluβ, Auch damit 3 Fuhr ville weg und alle samtliche Steg, … Kannst du das lesen?», fragte sie. «Fuhr ville oder Muhr?»
«Ville ist Französisch und heisst Stadt», antwortete Angelina. Sie blickte immer noch hinunter zur Urnäsch.
«Das ist bestimmt Französisch.»
Angelina stellte sich neben Leni und las laut: «Nimt es 6 Deckte Brugen an deiβem Namlichen fluβ.»
«Da war ich auch schon, und weiter?», konterte Leni.
«Auch damit 3 Wuhr ville weg und alle samtliche Steg, vom urnäscher Berg und thall biβ hie Här bein Weg», las Angelina, obwohl sie sich auch nicht ganz sicher war. «Wer wohl damals bestimmt hat, was hier geschrieben steht?»
«Der Erbauer», antwortete Leni. «Auf der Tafel vor der Brücke steht, dass sie im Jahr 1780 vom berühmten Zimmermeister Hans Ulrich Grubenmann erbaut wurde.»
«Oder die Obrigkeit? Vielleicht war’s auch egal. Damals konnten bestimmt viele nicht lesen. Kennst du diesen Grubenmann?»
«Nein, Brücken sind nicht gerade mein Spezialgebiet.»
«Es muss wild getan haben, wenn sechs Brücken vom Wasser mitgerissen wurden», sagte Angelina, während sie zurück zum Fahrrad ging und den Rucksack vom Gepäckträger nahm.
«Da hoffe ich, es gibt kein Gewitter.» Leni blickte zum Himmel, der immer noch wolkenlos blau war.
Sie kletterten über den nahen Holzzaun und folgten dem Fusspfad über die Wiese. Bald erreichten sie den Wald und eine Felswand mit einer abschüssigen Stelle, bei der ein Drahtseil befestigt war. Angelina kletterte behände hinunter.
«Du hättest mir sagen sollen, dass ich hier Kletterkenntnisse brauche. Dann hätte ich letzte Woche ein Höhentraining absolviert», stöhnte Leni, als sie mit dem Fuss nach einem Felsabsatz tastete, während sie sich mit beiden Händen ans Seil klammerte. Angelina packte Lenis linken Fuss und schob ihn auf einen breiten Vorsprung. Die Ferse hielt sie mit den Händen fest umklammert. Leni schwankte, als sie den anderen Fuss abhob. Fast hätte sie Angelina ins Gesicht getreten. «Jetzt das Gewicht langsam nach unten verlagern», sagte Angelina ruhig.
«Wohin?»
«Da rechts kannst du stehen.»
Leni stiess einen undefinierbaren Laut aus, bevor sie ihren Körper nach unten sinken liess und ihr rechter Fuss Halt fand. Angelina liess die linke Ferse los und trat einen Schritt zurück. Abermals hätte Leni fast das Gleichgewicht verloren. Dann streckte sie das linke Bein, bis es auf den erdigen Untergrund traf und sie wieder festen Boden unter den Füssen hatte. «Puh, wo führst du mich da hin!»
Kurz danach kamen sie zu einer Stelle, an der die Bäume licht standen. Ein Paar mit zwei Kindern hatte hier eine Decke ausgebreitet. Angelina grüsste und folgte dem Pfad ans Flussufer. Dort zog sie ihre Sandalen aus und trat barfuss auf die Steine. Die Hitze brannte an den Fusssohlen. Schnell hüpfte sie ins kühle Nass. So heiss hatte sie es nicht vermutet. Und das Wasser war weniger kalt als erwartet. «Wir müssen hier queren», sagte sie zu Leni.
Der Fluss war wegen der anhaltenden Hitze zu einem Rinnsal verkommen und bildete nur an wenigen Stellen tiefere Becken. Angelina wusste, dass es ein ganzes Stück flussaufwärts eine Verbreiterung gab, bei der es einen kleinen See hatte, das Tüfelsseeli. Bis dorthin wollte sie gehen. Die Stelle war tief genug zum Schwimmen. Früher hatten sich an diesem Ort die Nacktbadenden getummelt. Ob es immer noch so war, überlegte Angelina. Hatten nicht Leni und sie davon geträumt, in der Sonne zu liegen und für einmal ohne Bikiniabdrücke braun zu werden? Hinter dem Tüfelsseeli standen die Felswände so dicht beieinander, dass es gerade breit genug war, um hindurch zu schwimmen. Der Ort hatte von jeher eine Anziehungskraft und Faszination auf Angelina ausgeübt, die sie sich nie ganz erklären konnte. Es war ihr immer unheimlich vorgekommen, zwischen den Felswänden zu schwimmen. Dort war es dunkel und das Wasser eisig und tief. Einmal war ihr eine Schlange im Wasser begegnet, nur kurz, dann hatte sich diese ans Ufer geschlängelt und war im Dickicht verschwunden. Fast so, als hätte Angelina sich etwas eingebildet.
Angelina versuchte, nicht an schwimmende Schlangen zu denken, sondern sich auf die Steine im seichten Wasser zu konzentrieren. Einige waren mit Algen überzogen und rutschig, andere spitz und stachen in die Fusssohlen. Vorsichtig watete sie ans andere Ufer. Leni folgte ihr mit unsicheren Schritten. Sie hatte es vorgezogen, ihre Turnschuhe anzubehalten. Bald darauf versperrten Felsen den Weg und die nächste Flussquerung stand an. Angelina sprang diesmal von einem grossen Stein zum anderen und hielt auch am gegenüberliegenden Ufer nicht inne, sondern sprang weiter und weiter. Sie dachte an Maurice. Ob er ins Wallis gefahren war? Sich bereits im Abstieg vom Gipfel befand? Bei dieser Hitze musste man früh sein, bevor der Schnee weich wurde. Oder war er zu Hause geblieben, alleine? Vermisste er sie? Und ihr Kind?
Als sie sich umdrehte, stellte Angelina fest, dass Leni ein rechtes Stück zurücklag. Sie kam nur langsam vorwärts. Angelina wollte auf sie warten. Sie dachte ans Bergsteigen, wie manche Männer, von Kraft und Ehrgeiz vorwärts getrieben, ihr von weit oben aufmunternde Worte zuriefen. Und obwohl Angelina keinen Ehrgeiz hegte und ihr Ziel, das Tüfelsseeli zu erreichen, im Grunde unwichtig war, wartete sie nicht. Eine Unruhe drängte sie vorwärts. Als ob stillstehen aufgeben wäre.
Kurze Zeit später hörte sie Leni ihren Namen rufen. Sie nahm sich vor, nur noch diese eine Stelle zu queren und am anderen Ufer im Schatten auf Leni zu warten. Ihre Füsse tasteten sich von einem Stein zum nächsten. In der Mitte hatte es eine kleine Stromschnelle und sie war tiefer, als Angelina vermutet hatte. Bis zur Hüfte stand sie im Wasser. Die Strömung riss an ihren Beinen. Sie hätte den Fluss besser an der seichten Stelle weiter oben gequert. Wenn sie fiele, würde die Strömung sie flussabwärts über ein, zwei Felsstufen mitreissen. Wäre es schlimm? Zu ertrinken?
Dafür führte der Fluss zu wenig Wasser. Hastig setzte sie einen Fuss vor den anderen, rutschte, kämpfte ums Gleichgewicht, fing sich auf, stolperte vorwärts und fiel in den trockenen, weichen Kies. Ein Brennen am rechten Ellbogen durchzog ihren Körper. Sie spürte die Wärme des Bodens und schloss die Augen. Einfach liegen bleiben, dachte sie. Hier am Ufer der Urnäsch, für immer.
«Angelina, hast du dir wehgetan?» Leni kniete neben ihr. Durch Tränen hindurch konnte Angelina verschwommen ihr besorgtes Gesicht sehen.
«Mein Gott, hast du grosse Schmerzen?»
Angelina öffnete die Augen und wollte etwas sagen. Doch es kamen keine Worte.
Leni schüttelte sie sanft an der Schulter. «Angelina, wo tut es weh?»
«Es ist gestorben, mein Kind ist tot.»
Leni schaute sie verwirrt an.
«Ich war schwanger und nun ist es tot. Ich hatte eine Fehlgeburt.»
Schweigend legte Leni die Arme um ihre Schultern und drückte sie an sich. Tränen quollen aus Angelinas Augen.
Welche Farbe hatte der Tod? Schwarz wie die Nacht, Grau wie der Fels oder doch ein tiefes dunkles Blau, so wie das Meer?
«Das tut mir leid», hörte Angelina Leni leise sagen.
«Es tut einfach nur weh. Unendlich weh.» Langsam setzte Angelina sich auf und stützte sich mit den Händen im Kies ab. Sie spürte das Brennen am Ellbogen.
«Ganz schön aufgeschürft», sagte Leni, als sie die Wunde sah.
«Hast du eine Apotheke dabei?»
«Nein.» Leni schüttelte den Kopf.
«Scheiss-Tag!»
Leni nickte. «Ja, ein Scheiss-Tag.»
Sie lachten beide.
Und sie gingen nicht bis zum Tüfelsseeli. Leni mochte nicht mehr weitergehen und Angelina hatte keine Lust mehr. Auf dem groben Kies neben einer kleinen Feuerstelle liessen sie sich nieder. Sie suchten Holz, und als genügend beisammen war, schichtete Angelina es auf. Bei einer Fichte brach sie die unteren feinen Zweige ab und machte daraus ein Bündel. Nun zündete sie das Reisig an, und als es aufflammte, schob sie es unter den Holzstapel. Schnell fingen die Äste darüber Feuer. Leni hatte ihren Cervelat auf einen Stock gespiesst und hielt ihn über das lodernde Feuer.
«Du musst warten, bis es Glut hat», sagte Angelina.
«Ich habe aber Hunger.»
«So verbrennt die Wurst.»
«Das ist mir egal.»
«Leni, du bist stur.»
«Nein, aber ich habe Hunger. Ausserdem ist es meine Wurst.»
Angelina legte ihren Cervelat zur Seite und nahm stattdessen eine Gurke aus dem Rucksack. Sie schnitt diese in der Mitte entzwei und biss in die eine Hälfte. Die Schale war fest. Ich hätte sie schälen sollen, dachte sie. Eigentlich mochte sie Gurken nicht besonders, hatte aber ebenfalls Hunger.
«Vielleicht bin ich stur», sagte Angelina auf der harten Schale herumkauend.
«Wie meinst du das?»
«Weil ich warten muss, bis das Feuer heruntergebrannt ist, obwohl ich Hunger habe.»
Leni lachte.
«Ich hasse Regeln.»
«Ach komm», sagte Leni, «du hast doch immer gemacht, was du wolltest.»
«Wann?»
«Früher schon. Bist einfach ins Ausland abgehauen.»
«Bin ich abgehauen?»
«Wie würdest du es denn nennen?»
«Die weite Welt entdecken.»
«Beschönigend.»
Angelina überlegte. «Zugegeben, es könnte als eine Flucht angesehen werden. Ich wollte weg, wieso auch immer.»
«Vielleicht wollten wir alle auf irgendeine Art weg.»
«Ich bin oft abgehauen», sagte Angelina nachdenklich. «Jetzt bin ich weg aus Genève, fort von Maurice. Lebendig macht es mein Kind nicht mehr.» Sie starrte ins Feuer. Langsam zerfielen die Äste zu Glut. «Denkst du, es kommt darauf an, wann jemand stirbt?»
Leni blickte sie an. «Du meinst, ob es darauf ankommt, ob ein Kind stirbt oder ein alter Mensch?»
«Verändert die Länge des Lebens etwas im Tod?»
«Denkst du an die ungetauften Kinder bei den Katholiken? Daran, dass diese nicht in den Himmel kommen?»
Angelina schüttelte den Kopf. «Nein, nicht wirklich. Ich glaube nicht mehr an die Kirche. Warum sollen die Ungetauften bestraft werden und nicht ins Paradies gelangen? Weil sie nicht leben durften?»
«Glaubst du an ein ewiges Leben?», fragte Leni nachdenklich.
«Weiss nicht», antwortete Angelina.
«Gerne hätten wir Sicherheit darüber, was nach dem Tod kommt. Doch uns bleibt nur der Glaube.»
«Der Gedanke ist tröstlich, meinem Kind irgendwann wieder zu begegnen. Es in meine Arme zu schliessen.»
«Angelina, das wirst du.»
«Meinst du?»
«Schau dich um. Es gibt mehr als dieses kümmerliche Leben.»
Angelina blickte zum Fluss. Das Wasser war leicht grünlich, fast klar. Ja, kümmerlich, dachte sie.
Das Holz war heruntergebrannt. Die Glut hatte ein leuchtend helles Rot und am Rand flammte das Feuer nochmals kurz bläulich auf. Blauorange, dachte Angelina.
Sie griff nach dem Cervelat, spiesste ihn auf eine mit dem Messer zugespitzte Astgabel und hielt ihn über die Glut.
Grosser Bruder
Endlich holte Angelina den Laptop aus ihrer Reisetasche und platzierte ihn auf dem Pult unter dem lächelnden Rod Stewart. Sie hatte sich fest vorgenommen, wieder zu arbeiten. Sich bei Jeanne zu melden und nach Arbeit zu fragen, getraute sie sich nicht. Aber sie hatte noch private Übersetzungsaufträge. Da war die Geschichte von Mariette. Es handelte sich um ein grösseres Projekt, eine Buchübersetzung. Perdu dans l’Annapurna, hiess der Originaltitel. Sie überlegte, wann sie das letzte Mal daran gearbeitet hatte. Es war der Tag vor demjenigen gewesen, an dem sie ihr Kind verloren hatte. Sie übersetzte das erste Mal ein Buch. Der Verleger hatte sie angefragt, denn er war der Meinung, der Text müsse von einer Frau und Bergsteigerin übersetzt werden. Die Geschichte war aus der Perspektive von Mariette geschrieben, die ihren Freund Noël nach Nepal begleitete. Noël plante mit Kameraden die Erstbegehung einer Route an einem Achttausender der Annapurna. Die bereits übersetzten Kapitel beschrieben die Reisevorbereitungen, die Ankunft in Nepal und den Aufstieg ins Basislager. Zuletzt hatte sie übersetzt, wie Noël ins Höhenlager aufgebrochen war, der Wind stetig zugenommen hatte und Mariette zusehends unruhiger geworden war. Angelina dachte an Maurice. Am Abend zuvor hatte er angerufen. Am Wochenende war er mit Robert und Katleen auf dem Besso gewesen und hatte die Überschreitung zum Blanc de Moming gemacht. Er hatte von der Kletterei und der fantastischen Aussicht geschwärmt. Sie wusste, dass der Besso eine einmalige Sicht auf die umliegenden Viertausender bot. Wenn jemandem die Namen der Berge nichts sagten, war es eine Besteigung wie jede andere. Sie jedoch hatte auch davon geträumt, eines Tages auf dem Besso zu stehen. Warum war er zu diesem Berg losgezogen? Es hätte so viele andere Ziele gegeben.
Sie spürte ihre Wut auf Maurice und zugleich war ihr Wunsch, den Besso zu besteigen, wie aus einer anderen Welt in einem vergangenen Leben. Sie fühlte sich nicht imstande zu solch einer Tour. Maurice kam gut ohne sie zurecht.
Entnervt klappte sie ihren Laptop zu. Sie konnte sich nicht konzentrieren. Ausserdem brannte ihr aufgeschürfter rechter Ellbogen. Im Bad durchsuchte sie die Schubladen nach einer Salbe, und als sie diese fand, strich sie eine dicke weisse Schicht auf ihren Arm. Dann marschierte sie schnurstracks zum Telefon.
Sie hatte ihr Handy zu Hause vergessen, zumindest hatte sie es Maurice so erklärt. In Wirklichkeit hatte sie es liegen gelassen, damit niemand sie erreichen konnte. Sie hätte es natürlich auch ausschalten können, aber es war eleganter, das Handy gar nicht dabeizuhaben. Die Telefonnummer von Meinhards Architekturbüro war problemlos im Internet zu finden gewesen. Bereits letzte Woche hatte sie sich vorgenommen, Meinhard anzurufen, es aber immer wieder hinausgezögert. Unzählige Male hatte sie sich irgendwelche Worte zurechtgelegt, um dann alles wieder zu verwerfen.
An Weihnachten hatten sie immer miteinander telefoniert und auch an den Geburtstagen. Doch letzte Weihnachten hatte Angelina nur eine Postkarte geschrieben mit einer Gämse im Schnee auf der Vorderseite. Die Feiertage hatte sie mit Maurice, Katleen und Robert im Goms verbracht. Es hatte gerade genug Schnee gelegen für ein paar Skitouren: Tällistock, Sidelhorn, Brudelhorn.
Früher hatten sie sich an Weihnachten daheim bei Mutter und Vater getroffen. Mutter hatte den Baum immer mit roten Kugeln und mit echten Kerzen geschmückt, die sie an Heiligabend angezündet hatten. Es war zauberhaft. Echte Kerzen! Wer benützte heutzutage noch echte Kerzen? Mit dem Tod von Mutter hatte sich alles verändert. Irgendwie war Angelina immer davon ausgegangen, dass Meinhard und Vater Weihnachten zusammen verbrachten. Ob das stimmte?
Das Klingeln am anderen Ende war zu hören als fernes Tut, Tut, Tut. Angelina presste den Telefonhörer fest ans Ohr und wartete mit einer Mischung aus Anspannung und freudiger Erwartung darauf, Meinhards Stimme zu hören.
«Architektur Kollbrunner.» Es war Meinhard.
«Hoi, ich bin’s.»
«Angelina?»
War es Verwunderung in seiner Stimme?
«Ich bin in St. Gallen, können wir uns sehen?», fragte Angelina.
«Machen wir, wann?»
«Ich kann nach Romanshorn kommen. Es ist sicher schön am See jetzt.»
Sie vereinbarten, sich am späteren Nachmittag zu treffen. Angelina legte den Hörer auf und es war, als wäre eine Last von ihren Schultern gefallen. Während sie in der Küche das Geschirr spülte, trällerte sie ein Kinderlied vor sich hin: «Vo San Gallä uf Sankt Fidä da hät’s es Tunnel, wämmer ine chunnt, wird’s dunkel, wämmer use chunnt, wird’s hell. Holeduli, duliduli, holeduliduliduliduli …»
Vom Bahnhof Roggwil aus sah Angelina bereits den Bodensee. Das leicht abfallende Wiesland mit den Obstbäumen, dann den See und das gegenüberliegende Ufer, Deutschland. Sie legte beide Hände flach an die Scheibe des Zugfensters und starrte hinaus, wie sie es als Kinder auch immer getan hatten. Als der Zug mit einem Ruck anfuhr und ihre Nasenspitze leicht gegen die Scheibe schlug, fuhr sie erschrocken zurück.
Beim Einsteigen in St. Gallen hatte Angelina überlegt, von welchem Sitzplatz aus sie Seesicht hätte. Von ihrer Wohnung zu Hause sah sie den Lac Léman nicht, dafür den Salève, den Hausberg von Genève, der aber bereits in Frankreich lag. Hier in der Ostschweiz war alles eine Spur näher, familiärer, provinzieller. Ob sie deshalb ausgezogen war in die weite Welt, um der Enge zu entkommen?
Sie hatte in Sydney gearbeitet, später in Cairns, war in Neuseeland gewesen und dann über den Pazifik zur Osterinsel und weiter nach Südamerika gereist. In Bogotá hatte sie eine Sprachschule besucht, danach die Andenländer durchquert, dabei einen Abstecher in den Urwald des Amazonas und auf die Galápagos-Inseln gemacht, bis sie auf der Reise nach Patagonien Maurice kennengelernt hatte. Mit ihm war sie in die Schweiz zurückgekehrt. Sie hatte bei ihm in seiner kleinen Zweizimmerwohnung in Fribourg gewohnt und nochmals die Schulbank gedrückt. Sie hatte die Matura nachgeholt, da sie Übersetzerin werden wollte. Und als sie an die École de traduction et d’interprétation aufgenommen wurde, zogen sie gemeinsam nach Genève. Für Maurice als Informatiker war es ein Leichtes, eine neue Arbeitsstelle zu finden. Aber für Angelina waren die ersten Monate in Genève hart. Es war so anders als Fribourg. Nicht nur die Ausbildung forderte sie. Immer wieder hatte sie das Gefühl, herablassend behandelt zu werden, auch von Deutschschweizern, die bereits lange Zeit in Genève lebten. Glaubten sie, mit ihrer Hochnäsigkeit die kleinbürgerliche Schweiz hinter sich gelassen und den Sprung in eine mondäne Welt geschafft zu haben?
Schneller als ihr lieb war, kam der Zug in Romanshorn an. Gerne hätte sie die Landschaft weiter an sich vorüberziehen lassen wie ein farbiges Band mit aufgedruckten Buchstaben. Kaum hatte sie die Worte entziffert, kamen bereits die nächsten Gedankenfetzen, stetig und unaufgeregt.
Neben dem Bahnhof in Romanshorn lag der Hafen. Vom Zug aus konnte sie sehen, wie soeben die Fähre aus Friedrichshafen einlief. Angelina stieg aus, ging durch die Unterführung und hinüber zum Quai.
Wie nur konnte sie Meinhard erklären, was geschehen war? Seit Mutters Beerdigung hatten sie sich nicht mehr gesehen. Sie lebte in Genève, Meinhard in Romanshorn. Entfernter voneinander konnte man in diesem Land nicht leben. Würde er sie verstehen?
Langsam legte das Schiff bei der Landungsbrücke an und die ersten Passagiere gingen an Land. Sie könnte übersetzen nach Deutschland, oder das Ausflugsschiff nach Konstanz und weiter den Rhein entlang nehmen bis nach Schaffhausen. Immer weiter. Weg von hier und dieser Begegnung.
War dies nicht ihr Beruf? Übersetzen? Das, womit sie Geld verdiente. Übersetzen, von einer Sprache in eine andere, von einem Ufer ans andere, von einem Land ins nächste. Traduire, traverser une frontière linguistique, traverser le lac …
Zögernd ging sie zurück. In der Unterführung war es düster. Ein paar Schüler vor ihr schubsten sich hin und her, lachten, versperrten den Weg. Meinhard hatte versprochen, sie am Bahnhof abzuholen. Wartete er bereits? Tritt für Tritt stieg sie die steinerne Treppe zum Bahnhofsplatz hinauf. Auf dem hellgrauen Granit hatte es schwarze Sprenkel und weisse, plattgedrückte Kaugummis.
Angelina erblickte Meinhard, an die Mauer des Postgebäudes gelehnt. Als er sie sah, erhellte ein Lächeln sein Gesicht. Er hatte sich verändert. Bereits als Kind hatte er zu den Grossen gehört, inzwischen war er breiter geworden. Seine hochgewachsene und massige Gestalt wirkte auf Angelina wie die Standfestigkeit in Person. Er umarmte sie lange und fest.
Angelina unterdrückte die Tränen. «Hey, grosser Bruder, wie geht’s?»
«Gut und dir? Hast du mich je in Romanshorn besucht?»
«Einmal. Das müsstest du doch wissen!»
«Lass uns zum See spazieren. Ich war den ganzen Tag im Büro.»
Sie gingen zum Hafen und den Quai entlang. Die Geschäftigkeit auf der Fähre hatte sich inzwischen gelegt. Eine leichte Brise wehte. Es war angenehm frisch, nicht so stickig wie in St. Gallen.
«Schön hier am See», sagte Angelina.
«Ja, ich würde ihn gerne mehr nutzen. Vor ein paar Jahren habe ich den Segelschein gemacht. Ich habe eine kleine Jacht mit einem Freund zusammen, habe ich dir das schon erzählt?»
«Eine Jacht? Du segelst?»
Meinhard blickte sie an. «Sehe ich inzwischen so unsportlich aus?»
«Das habe ich nicht gemeint.»
«Wir können am Wochenende auf den See, vorausgesetzt es hat Wind. Und sonst nehmen wir den Motor. Was treibst du so?»
«Ich besuche Leni. Kannst du dich noch an sie erinnern? Wir sind zusammen zur Schule gegangen.»
«Schwach. Warst du schon bei Vater?»
«Letzte Woche.»
«Und?»
«Hat sich nicht schlecht arrangiert, glaube ich.»
«Meinst du?»
«Was glaubst du?»
«Ich habe viel zu tun, die Bauwirtschaft boomt. Da komme ich selten nach St. Gallen. Er meldet sich auch nie.»
«Nein, er meldet sich nie.»
«Aber du bist nicht gekommen wegen Vater oder mir. Was treibt dich zurück?»
Angelina presste die Lippen aufeinander. Schweigend gingen sie nebeneinander her und am Kornhaus vorbei zum Jachthafen. Angelina betrachtete die Motor- und Segelboote, die vertäut waren. «Liegt hier dein Schiff?»
«Nein, drüben im Gemeindehafen. Ich hätte es dir zeigen können. Aber hier ist es friedlicher, weil es weniger Leute hat.»
Auf der Mole, die den Hafen abtrennte, spazierten sie zwischen Büschen hindurch. Als sie das äussere Ende mit einer Fahnenstange und drei Flaggen erreichten, blieb Angelina stehen. Dann holte sie tief Luft: «Meinhard, es ist … mein …» Sie stockte.
«Du brauchst es mir nicht zu erzählen, wenn du nicht willst», antwortete er schnell.
Meinhard trat drei Schritte vor und blieb stehen. Angelina tat es ihm gleich. Sie standen nun auf den Steinquadern, die wie eine grosse Treppe zum See hinabführten. Ein paar Blässhühner schwammen auf sie zu.
«Schau, der Zeppelin.» Meinhard blickte zum Himmel.
«Ein Zeppelin?»
«Ja, von Friedrichshafen aus kann man Rundflüge machen.»
Das Wasser plätscherte leise, als weiter draussen ein Passagierschiff vorüberfuhr. Angelina hörte das Rascheln der Blätter im Wind. Die Brise war hier etwas stärker zu spüren. Hatten sie die Jahre der Kindheit, die unzähligen Abenteuer zusammengeschweisst? Was war von damals geblieben?
Meinhard trat mit der rechten Fussspitze auf einen Kiesel, presste die Zehenspitzen und den Fussballen fest darauf, während er die Ferse hin und her schwenkte. Es war, als wollte er den Kiesel zermalmen. Abrupt blickte er auf. «Du hast dich Monate nicht gemeldet und jetzt stehst du einfach hier. Schön, dass du da bist.»
In Meinhards Wohnung gaben die Panoramafenster einen weiten Blick zum See hin frei. Von der geräumigen Wohnküche führte eine Schiebetür zur Terrasse, und als Meinhard diese nun aufschob, war es, als ob der ganze laue Sommerabend den letzten Winkel der Wohnung ausfüllte. Alles zusammen erschien Angelina wie ein Mittelmeerambiente und es war ihr, sie rieche sogar das Salz des Meerwassers in der Luft.
Auf der Terrasse standen ein Tisch und vier Stühle und weiter hinten ein einsamer Rosmarinstrauch in einem bauchigen, blauen Blumentopf.
«Wie lange hast du diese Wohnung schon?», fragte Angelina, ans Terrassengeländer gelehnt.
«Dies ist mein dritter Sommer.»
«Und das ganze Haus hast du geplant?»
«Na klar, ich bin Architekt. Ich tue nichts anderes.»
«Als Häuser am See zu bauen.»
Angelina nahm eine Olive aus der Schale und schob sie in den Mund.
Meinhard hatte den Vorschlag gemacht, auf seiner Terrasse zu grillen. Während er den Grill aus dem Keller geholt, mit einem alten Lappen den Staub entfernt und die Kohle eingefüllt hatte, hatte Angelina den Salat gewaschen und Oliven, Silberzwiebeln und Essiggurken in kleine Schälchen gefüllt.
Nun goss Meinhard Brennflüssigkeit über die Kohlen, hielt ein Streichholz daran und erzeugte eine riesige Stichflamme. Schnell trat er einen Schritt zurück.
Angelina spukte den Stein der Olive in die Wiese. «Für drei Jahre bist du aber dürftig eingerichtet.»
Meinhard hielt den Blasebalg, mit dem er Luft zwischen die Kohlen gepumpt hatte, nun wie einen Tennisschläger, um den Rückschlag auszuführen. «Wie meinst du das?»
«Der Grill im Keller, ein verwaister Rosmarinstrauch.»
«Ich giesse zu wenig, da geht alles andere ein. Jetzt bring das Fleisch.»
«Ich hätte eine Flasche Weissen mitbringen sollen, kühl und spritzig für einen solchen Abend», sagte Angelina, während sie Meinhard den Teller mit den marinierten Steaks reichte.
«Ist für alles gesorgt. Hol die Flasche aus dem Kühlschrank und zwei Gläser.»
Der Duft des gebratenen Fleisches weckte Angelinas Appetit. «Soll ich testen?», fragte sie auf den Weisswein zeigend.
Meinhard nickte, während er das Fleisch geschickt mit der Grillzange wendete.
Angelina nahm einen Schluck vom Wein. «Fruchtig.»
«Schmeckt er dir?»
«Perfekt.»
Sie assen schweigend. Meinhard hatte den Stuhl mit dem Seeblick Angelina überlassen. Letzte Sonnenstrahlen spiegelten sich auf der Wasseroberfläche.
«Zuhause haben wir nie grilliert», sagte Angelina.
«Aber Mutter hat gut gekocht», erwiderte Meinhard.
«Was mochtest du so gerne?» Angelina dachte kurz nach. «Kaiserschmarren und Salzburger Nockerln?»
«Nockerln habe ich seither nie mehr gegessen. Die bekommst du nirgends.»
«Vielleicht irgendwo in Österreich», bemerkte Angelina.
«Dass Mutter diese Spezialitäten so gut kochen konnte? Sie stammte ja nicht aus Österreich.»
«Hat sie extra für Vater gelernt.»
«Meinst du, sie haben sich geliebt?»
Erstaunt blickte Angelina zu Meinhard. Zögerte jedoch mit ihrer Antwort. «Bestimmt», sagte sie dann. «Glaubst du nicht?»
«Mir wird langsam kalt. Sollen wir reingehen?»
Vom Esstisch aus sah Angelina, wie der See seinen Glanz verlor. Der Himmel färbte sich blauorange und schliesslich verschwand das letzte Gelb am Horizont und wich der Dunkelheit. Sie sah die Lichter am anderen Ufer. Dazwischen lag schwarz der See. Und obwohl sie in der warmen Wohnung sassen und die Nacht draussen nicht wirklich kalt war, fröstelte sie. «Es ist schon spät», sagte sie und blickte auf die Armbanduhr. Es war erst Viertel vor zehn Uhr.
Meinhard begleitete sie zum Bahnhof. «Also, Segeln am Sonntag», sagte er und umarmte Angelina zum Abschied fest. «Ich rechne mit dir.»
Im Zug befanden sich letzte Ausflügler auf dem Heimweg. Angelina schloss die Augen. Der Abend war so friedlich gewesen. Nein, es hatte keine zweite Gelegenheit gegeben, um es Meinhard zu sagen.
Das Dorf
«Kommst du mit auf einen Spaziergang ins Dorf?», fragte Angelina Vater. Niemand, der nicht an diesem Ort aufgewachsen war und ihn von früher her kannte, hätte diese Ansammlung von Häusern inmitten von Fabrikhallen und Einkaufszentren Dorf genannt. Doch für Angelina war es das Dorf geblieben.
Es war nun über eine Woche vergangen, seit sie Vater das letzte Mal besucht hatte. Am Morgen hatte sie ihn angerufen und gefragt, ob er zu Hause sei. «Ja, ja. Komm vorbei», hatte er gesagt.
Nun war Nachmittag. Sie beide sassen in Vaters Wohnung am Tisch, je ein Glas Wasser vor sich, und wussten nicht, worüber sie reden sollten. Da verspürte Angelina den Wunsch, nach draussen zu gehen. Es war lange her, seit sie im Dorf gewesen war.
Hallen, hell erleuchtete Bürogebäude und Parkplätze säumten ihren Weg. Mövenweg, las Angelina auf dem Schild. Ob es hier früher Möwen gegeben hatte? Sie konnte sich nicht daran erinnern. Dies war ihr Schulweg gewesen. Beim Scheidweg hatte sie sich mit Klassenkameraden getroffen, und gemeinsam waren sie den Mövenweg entlanggegangen. Es war ein Kiesweg gewesen, der ins Dorf geführt hatte, ohne dass eine einzige Strasse überquert werden musste. An den freien Nachmittagen hatten sie im nahen Walkebach kleine, selbst gebastelte Flosse schwimmen lassen. Vom Bach und den Blumenwiesen von damals war nichts mehr geblieben. Sie dachte an Margeriten, Wiesenknöteriche und rot leuchtenden Mohn, an hoch gewachsene Gräser mit Rispen.
Der Schulweg hatte über die Bahngleise geführt. Es hatte eine Barriere gegeben, die ein guter Grund fürs Zuspätkommen gewesen war. Dann wurde die Bahnschranke durch einen hohen Zaun ersetzt, die Bahnlinie für die Fussgänger untertunnelt und so das Dorf in zwei Teile geteilt.
Als Angelina nun mit Vater durch die Unterführung ging und sie kurz darauf am Dorfbrunnen standen, bretterten die Züge vorüber, ohne auch nur das Tempo zu drosseln. An die Einweihung des Brunnens mit einem grossen Fest konnte sie sich dunkel erinnern. Früher hatte es einen Gemüsehändler, einen Dorfladen mit Käsetheke, eine Bäckerei und eine Metzgerei gegeben. Alles, was ein Dorf ausmachte. Und natürlich eine Kirche, nein zwei Kirchen, eine katholische und eine evangelische. Wie der Dorfbrunnen waren sie geblieben. Die katholische Kirche war schneeweiss, mit einem Dach, das sich in einem schwungvollen Bogen gegen den Himmel erhob. Ihr Schutzpatron, Bruder Klaus, hatte ihnen als Kinder eine Wallfahrt nach Sachseln und nach Flüeli in den Ranft beschert. Die Knaben, auch Meinhard, hatten ministrieren dürfen. Angelina nicht, weil sie ein Mädchen war. Es hatte sie wütend gemacht, etwas nicht tun zu dürfen, was Meinhard tat. Nur Sternsingen, das durfte sie auch. Weil sie so schön singen konnte und weil der Pfarrer sie mochte. Daran dachte Angelina nun, als sie mit Vater die breite Treppe zum Platz vor der Kirche hochstieg. Vater umfasste das Geländer und blieb kurz stehen, bevor er die nächsten Stufen nahm. Auch Angelina hielt inne. Sie überlegte. Nein, es tat nicht mehr weh, dass sie nicht hatte ministrieren dürfen. Hatte Gott diese Regeln erstellt oder waren sie von den Menschen erfunden worden? War Gott überhaupt eine Erfindung der Menschen? Vielleicht um das Gefühl zu haben, Leiden ergebe irgendeinen Sinn?
Jeden Sonntag war sie mit Mutter und Vater zur Kirche gegangen. Die Frauen und Mädchen hatten auf der linken Seite gesessen, die Männer und Knaben auf der rechten. Sie hatte Missionarin werden wollen, um den armen Kindern zu helfen und Gott zu dienen. Welch’ kindliche Vorstellung von Helfen, dachte sie nun. In die Fremde war sie gegangen, aber nicht um zu missionieren. Dem Dorf und der Enge war sie entflohen.
Die Metalltür war schwer und fiel hinter ihnen mit einem dumpfen Klock zu. Im Innern der Kirche war es düster und kühl. Die Betondecke wirkte wuchtig und schwer. Einer Welle gleich, senkte sie sich zuerst, um sich dann emporzuschwingen. Und je weiter Angelina nach vorne ging, umso leichter und erhabener wirkte die Decke. Kleine Fenster liessen von oben Licht ein und warfen einen hellen Schein auf den Altar aus beigem Marmor mit dunklen Sprenkeln. Vor der Marienfigur mit Jesuskind flackerten schmale, weisse Kerzen.
«Lass uns eine Kerze anzünden für Mutter», flüsterte Angelina Vater zu. Obwohl sie alleine waren, wagte sie es nicht, laut zu sprechen. Sie nahm eine Kerze, drücke sie Vater in die Hand und zündete ein Streichholz an. Vaters Hand zitterte leicht. Eine weitere Kerze zündete Angelina selbst an und schob sie in den weichen Sand der Schale neben diejenige für Mutter.
Angelina setzte sich neben Vater auf die Kirchenbank. Die farbigen Fenster dämpften die Helligkeit von draussen. Vater sass halb in sich gesunken, den Kopf vornübergebeugt. Ob er eingenickt war? Angelina lehnte zurück. Sie spürte das harte Holz am Rücken, legte den Kopf in den Nacken und betrachtete die hohe, geschwungene Decke. Sie dachte an Migg, ihren Hamster. Er war kurz nach ihrem neunten Geburtstag gestorben. Sie war so unsäglich traurig gewesen und hatte Trost gesucht. Ihr grösster Wunsch war damals gewesen, dass es Migg gut gehe und sie ihn eines Tages im Himmel wiedersehen würde. Um sicher zu gehen, hatte sie sich nach der Beichte an den Pfarrer gewandt. «Tiere kommen nicht in den Himmel», hatte er sie belehrt, «denn nur Menschen haben eine Seele.»
Damals hatte er in ihr erste Zweifel gesät an diesem Gott, der die Tiere seelenlos erschuf. Nein, wenn Gott so war, dann wollte sie nicht an ihn glauben. Angelina schüttelte den Kopf und seufzte. Sie blickte nach vorne zu den Kerzen. Mit zusammengekniffenen Augen sahen die Flammen wie ein wogender heller Teppich aus.
«Sollen wir zurückgehen?», fragte Vater. Ihr Seufzen hatte ihn aus dem Schlummer gerissen. Er richtete seinen Oberkörper auf, stützte sich mit der einen Hand auf der vorderen Banklehne ab und ging langsamen Schrittes durch den Mittelgang. Angelina nahm erst in diesem Augenblick die nahezu lebensgrosse, geschnitzte Figur von Bruder Klaus im hinteren Teil wahr. Er hatte in ihrem Rücken gestanden, dieser Einsiedler mit Bart und markanten Gesichtszügen.
Vor der grossen, zweiflügeligen Tür tauchte Vater die Fingerspitzen ins Weihwasser, drehte sich um, deutete eine Kniebeuge an und bekreuzigte sich. Währenddessen suchte Angelina nach einer Münze im Portemonnaie und warf diese in den Opferstock. Dann suchten ihre Augen nochmals ihre zwei flackernden Kerzen, bevor sie die Kirche verliess. Draussen schmerzte das grelle Licht der Nachmittagssonne. Schweigend gingen sie die breite Treppe vom Kirchplatz zur Strasse hinunter.
Auf dem Rückweg fragte Angelina: «Gehen wir den Bildweier entlang? Ist doch schöner als an der Strasse.»
Wie sagte Vater immer für unnütze Wege? Wenn sie einen Umweg gemacht hatten? Das Kreuz um die Kirche tragen. Das passte zum heutigen Tag.
Vom Weiher war wegen der Hecke nichts zu sehen. Erst als sie zu zwei Tischen mit Bänken und Abfallkübeln kamen, blickten sie aufs Wasser. Ein Metallzaun umgab den See. Es hatte eine Informationstafel, auf der stand: Vögel am Bildweier. Farbige Bilder zeigten Bekassine, Eisvogel, Gänsesäger und weitere Vögel. In kleinerer Schrift stand ein längerer Text. Das Schutzgebiet Bildweier und seine abwechslungsreiche Umgebung … Angelina las nicht weiter. Früher hatte es keinen Zaun gegeben, sondern einen kleinen Bootssteg aus dunklem Holz, und als Kinder hatten sie trockenes Brot mitgebracht und die Enten und Fische gefüttert. Eines Nachmittags hatte Meinhard den Vorschlag gemacht, das Sumpfgebiet, das den Weiher umgab, zu erkunden. Schnell war er inmitten des hohen Schilfs verschwunden gewesen. Angelina hatte versucht, ihm zu folgen. Am Rand war der Boden nur feucht gewesen. Bald jedoch hatte das moorbraune Wasser ihre nackten Füsse überspült und kurz darauf bis zu den Knien gereicht. Sie war von einer Schilfinsel zur nächsten gehüpft, doch auch diese boten irgendwann keinen Halt mehr. Sie hatte sich verloren inmitten dieses Dickichts aus hohen Schilfrohren.
Vater setzte sich auf die Bank. Er wirkte müde. Hier musste früher der Bootssteg gewesen sein. Angelina ging zum Zaun und blickte aufs Wasser. Es hatte eine grünliche Farbe. Braungrün, Moosgrün, Olivgrau?
Vom Bootssteg war nur noch ein rostiges Gerüst übrig.
«Weisst du, dass ich hier fast ertrunken bin?»
Vater hob den Kopf und schaute Angelina fragend an.
«Dort, weiter vorne bei den Weiden. Und dann ist plötzlich Meinhard neben mir gewesen. Ich war schon bis über die Knie eingesunken.»
«Ja, der Meinhard.»
«Warum rufst du ihn nicht einmal an?»
«Der hat ja auch keine Zeit.»
Enten, Blässhühner und zwei Schwäne schwammen herbei. Von hier sah Angelina auf der anderen Seite des Weihers die hohen Betonwände des Fussballstadions mit der Shopping Arena und links davon einen Teil der roten Fassade des Westcenters. Dort war die Allee gewesen. Sie hatte sie gemocht, diese knorrigen Bäume. Heutzutage gab es Umfahrungsstrassen, Autobahneinfahrten und Überholspuren. Das Rauschen des Verkehrs drang unablässig zu ihnen.
«Vater, warst du schon einmal in der Arena?»
«In der Arena? Wozu?»
«Um einzukaufen.»
«Da unten gibt’s alles, was ich brauche.» Er machte eine Handbewegung in Richtung Wiese und Bäume.
Früher hatte es um die Ecke einen kleinen Konsum gegeben. Hatte dieser sich halten können? Ein kleiner Laden inmitten der Shoppinglandschaft?
Wie der Weiher, dachte Angelina, Schutzgebiet, eingezäunt und umringt von Strassen. Stand auf der Infomationstafel nicht etwas von abwechslungsreicher Umgebung? Sie schüttelte den Kopf und setzte sich neben Vater auf die Bank.
Bodensee
Mit einem grellen Läuten riss der Wecker Angelina aus dem Schlaf. Er hatte zwei Glocken, war rund und stand auf vier geschwungenen Füssen. Das Gehäuse war leuchtend rot. Angelina hatte an reife Erdbeeren gedacht, als sie den Wecker am Vorabend aufgezogen hatte. Sie hatte den kleinen Hebel an der Rückseite ganz bis an den Anschlag gedreht. Und nun hörte das überlaute Klingeln nicht auf, irgendein Mechanismus, der gegen die Glocken schlug. Angelina tastete nach einem Knopf, um das Rasseln zu stoppen. Sie fand keinen. Schliesslich endete es mit einem abgewürgten Drrriiing. Angelina schaute auf das goldene Ziffernblatt mit den römischen Zahlen und zwei bauchigen Zeigern. Es war sieben Uhr morgens.
Seit sie vor fast zwei Wochen Genève verlassen hatte, hatte sie keinen Wecker mehr gestellt. Morgen für Morgen liess sie sich treiben, lag im Halbschlaf und träumte wirres Zeug: von Zügen, die entgleisten, von Wasser, in dem sie zu ertrinken drohte und in der Nacht zuvor von einem Kind, das in ihren Armen starb. Wie sie es herumtrug, ohne zu begreifen, dass es schon tot war.
Hatte der Wecker sie vorher nicht auch aus einem Traum gerissen? Sie überlegte. Ein Polizist hatte sie verfolgt. Hatte sich der Verfolger plötzlich in Maurice verwandelt? Sie mochte nicht an Maurice denken.
Angelina blickte zu Rod Stewart über dem Pult. Sein rötliches Haar war zu einer wilden Mähne gestylt und seine Augen glänzten freundlich, fast schon verführerisch. Sie stand auf und suchte bei den Kassetten auf dem Pult, fand eine von ihm, schob sie in den Recorder und drückte auf Play. «I am sailing, I am sailing, … stormy waters, to be near you …» Augenblicklich kamen ihr die Tränen. «Can you hear me, can you hear me, through the dark night, far away.» Lauthals sang sie mit, schrie geradezu. «I am dying, forever crying, to be with you …»
Als sie sich umdrehte, stand Leni im Türrahmen, verschlafen und in einem kurzen Nachthemd. «Wolltest du heute nicht segeln gehen?»
Angelina drückte auf die Stop-Taste und Rod Stewart verstummte. «Entschuldige, ich wollte dich nicht wecken.»
«Das hat der Wecker bereits getan. Ich hatte vergessen, dass dieses Ding so abartig laut ist. Haben wir dieses Lied nicht auch in der Sek bei der Abschlussfeier gesungen?»
«Doch ich glaube schon.» Angelina blickte zum Wecker. «Es ist schon zwanzig nach, ich muss mich beeilen, um neun Uhr treffe ich mich mit Meinhard in Romanshorn.»
Leni ging zu ihrem Zimmer, drehte sich noch einmal um: «Schönen Tag.»
«Entschuldige nochmals für die Ruhestörung.»
«Ich werde mich revanchieren, gute Nacht.» Und damit schloss Leni die Zimmertür hinter sich.
Im Zug, dem Voralpenexpress, war es bereits heiss. Ein Teil der Fenster stand offen und ein starker Luftzug wehte durch den Wagen. Wieder ein strahlend blauer Himmel, nur in der Ferne, über den Bergen Österreichs hatte es kleine, weisse Wolken. Ob es überhaupt genügend Wind hatte? Warum hatte sie sich auf diesen Segeltörn mit Meinhard eingelassen? Sie konnte gar nicht schwimmen, jedenfalls nicht wirklich, nicht in einem tiefen See und nicht, wenn sie kein Land mehr sah. Aber der Bodensee war doch kein Meer, da sah man immer Land. Ausserdem gab es auf diesen Booten bestimmt Schwimmwesten. Und wenn Meinhard ins Wasser fiele? Aber Meinhard war ein super Schwimmer im Gegensatz zu ihr, jedenfalls früher. Schwimmen verlernte man nicht.
Angelina dachte, es wäre ihr egal, am Ufer zu bleiben, ins Strandbad zu gehen und nur ein Stück hinauszuschwimmen. Im Zug hatte es viele Ausflügler. Velofahrer mit gepolsterten Hosen, ihre Helme in der Hand, und Familien mit Badetaschen. Die Kinder, aufgeregt und voller Vorfreude, schwatzten laut durcheinander. Besser doch nicht ins Strandbad. Sie ertrug keine Kinder, nicht in ihrem Zustand.
Der Zug füllte sich, je näher er dem See kam. Eine Frau mit einem Kleinkind auf dem Arm setzte sich gegenüber und lächelte ihr freundlich zu. Angelina wandte den Blick ab und schaute angestrengt durchs Fenster, fixierte die vorbeiziehende Landschaft. Wiesen, Obstbäume, ein Wald, dort am Waldrand ein Fuchs, er blickte auf. Er hatte neugierige, schwarze Augen. Dann erreichten sie die ersten Häuser von Romanshorn. Endlich.
Als der Zug hielt, starrte Angelina weiter durchs Fenster. Sie wartete bis die Frau mit dem Kind verschwunden war, bevor sie aufstand. Unauffällig strich sie sich mit dem Handrücken über ihr rechtes Auge. Dann über das linke. Heuschnupfen, würde sie sagen, wenn jemand fragte. Aber es fragte nie jemand.
Als Angelina an den Bootshafen kam, erblickte sie die unterschiedlichsten Schiffe, von der Jolle bis zur Motorjacht. Ein paar Plätze waren bereits leer. Soeben verliess eine Jacht den Hafen. Welche wohl Meinhard gehörte? Da sah sie ihn weit vorne auf dem Deck eines Segelschiffs. Er schwenkte die Arme über dem Kopf und rief: «Angelina.»
Er schien gut gelaunt, trug kurze weisse Hosen, ein hellblaues Poloshirt und weisse Turnschuhe. «Fast hätte ich verschlafen», sagte er, als Angelina sich seinem Schiff näherte. Der Holzsteg schwankte leicht. Sie unterdrückte den Gedanken, dass ihr bereits schlecht sei. Das war bestimmt nur ihre Nervosität.
«Gibst du mir bitte die Sachen rüber.» Meinhard zeigte auf eine Kühlbox und einen Korb mit Getränkeflaschen, die auf dem Steg standen. «Ich dachte, wir sollten nicht hungern.»
Das Segelboot war grösser, als Angelina gedacht hatte. Vielleicht neun Meter lang und drei breit. «Können wir denn dieses Ding zu zweit segeln?», fragte sie.
Meinhard lächelte: «Kein Problem. Du hast hoffentlich deine Badehosen eingepackt.»
Sie nickte stumm.
«Komm», rief Meinhard und verschwand in der Kajüte.
Leicht schaukelte die Jacht auf und ab. Mit Unterstützung des Motors waren sie hinaus auf den See gefahren. Es hatte kaum Wind und Meinhard schlug vor, zur Abkühlung ein Bad zu nehmen. Er warf einen leuchtend roten Gummiballon, der an einer langen Leine befestigt war, ins Wasser.
In der Kajüte zog Angelina zögerlich ihr Badekleid an und legte ihre Kleider auf das Polster der Sitzbank. Als sie wieder an Deck kam, war Meinhard nirgends zu sehen. Sie entdeckte ihn im Wasser. Eine Hand an der Leine mit dem Gummiballon lag er auf dem Rücken und liess sich gemütlich treiben.
Sollte sie sich nun auch ins Wasser wagen mitten auf dem See? Langsam, Tritt für Tritt stieg sie die Leiter hinab. Zuerst berührte das Wasser nur ihre Füsse, dann ihren Bauch. Durch die Kälte spannten sich die Muskeln. Ruhig weiter atmen, redete sich Angelina zu. Ihre Finger klammerten sich fester um die Sprosse.
Sekunden später tauchte Meinhard hinter ihr auf: «Mach endlich.»
«Wer steuert jetzt das Schiff?»
«Keine Angst, das schwimmt von selbst.»
«Aber wenn es abtreibt?»
«Bei dieser Flaute steht es so gut wie still. Und siehst du dort den Fender?» Er zeigte zum leuchtenden Gummiballon, der sich leicht auf dem Wasser bewegte. «Du kannst dich an der Leine festhalten.»
Endlich liess sich Angelina nach hinten gleiten und spürte die Kühle des Wassers am Rücken. Mit rudernden Bewegungen hielt sie sich senkrecht. Bei den Füssen war das Wasser noch kälter. Die gleissende Sonne spiegelte auf dem See und Angelina kniff die Augen zusammen. Wo war Meinhard?
Angelina klatschte mit der Handfläche aufs Wasser und spritzte ihn an. Er drehte sich, als ob er im Wasser rollen würde, dann spritzte er zurück. Angelina schlug kräftiger. Meinhard auch. Sie waren in einem Schwall aus spritzender Gischt. Prustend schnappte Angelina nach Luft. Meinhard schwamm lachend zu ihr. «So, übermütig, kleine Schwester?»
Immer noch hustend suchten Angelinas Augen die Jacht. Für einen Augenblick hatte sie vergessen, dass sie mitten auf dem See waren. Vorhin war das Boot doch direkt neben ihr gewesen. Wenn sie abgetrieben waren?
Wenige Meter entfernt schaukelte es vor sich hin, und direkt neben ihr war der rote Fender. Angelina nahm die Leine und hielt sich daran fest. Dann schwamm sie mit ein paar Zügen zum Schiff. Als ihre Hand nach der Leiter griff, ihre Füsse die unterste Sprosse ertasteten und sie sich hochzog, war sie erleichtert, wieder Boden unter den Füssen zu haben, wenn auch wackligen. Sehnsüchtig blickte sie Richtung Appenzellerland und Alpstein mit dem Säntis. In den Bergen hatte sie festen Stand. Sie legte sich auf die aufgewärmten Planken, schloss die Augen und spürte die Sonne auf ihrer Haut. Tropfen fielen in ihr Gesicht. Meinhard stand mit triefendem Haar neben ihr. «Hast du Hunger?»
Er breitete Tomaten, Oliven, Salami, Käse, Brot und Aprikosen aus. Angelina schob eine Cherrytomate in den Mund, spürte die Flüssigkeit und das weiche Fruchtfleisch. Sie mochte diesen Geschmack von leichter Süsse. «Vater und du», sagte sie, «was war da?»
Meinhard blickte zum Mast hoch. «Lass es uns noch einmal versuchen mit Segeln. Endlich ist Wind aufgekommen.»
Er stand auf und machte sich am Grosssegel zu schaffen. Dann kurbelte er an der Winsch und der schwere Stoff des Segels wurde am Seil hochgezogen. Ein Windstoss straffte das Tuch. Meinhard stellte sich hinters Steuerrad und löste die Arretierung. «Jetzt noch die Genua.»
Bald wölbte sich auch das zweite Segel im Wind. Angelina staunte über die Kraft, welche die beiden Segel blähte und das Schiff durchs Wasser schob. So wie Meinhard da stand, wirkte er stolz. «War Vater schon einmal auf der Jacht?», fragte Angelina.
«Meinst du, er käme auf ein Segelschiff?»
«Hast du ihn denn eingeladen?»
Meinhard machte eine wegwerfende Handbewegung. «Hast du ihn zu dir nach Genf eingeladen?»
Angelina dachte an die Zeit, als Mutter noch gelebt hatte. Einmal waren sie und Vater nach Genève gekommen für ein paar Stunden. Über Nacht hatten sie nicht bleiben wollen.
Der Wind nahm zu. Sie segelten Richtung Deutschland. Dort hinten musste Friedrichshafen sein. Wo wohl die Landesgrenze lag, hier mitten auf dem See?
«Besuchst du ihn ab und zu?», fragte Angelina.
«Wen?»
«Na ja, Vater.»
«Was heisst ab und zu?»
«Wann warst du das letzte Mal bei ihm?»
Meinhard drehte am Steuerrad, die Segel verloren an Spannung und flatterten hin und her. «Mist!»
Die Tücher spannten sich erneut, und das Schiff nahm wieder Fahrt auf.
«Nun sag schon.»
«Dort hinten ist alles schwarz. Aber ich glaube, es zieht vorüber.»
«Du lenkst ab.»
«Und du nervst.»
Meinhards wütender Tonfall schreckte Angelina auf. Sie blinzelte in die Sonne. Der Himmel hatte ein wolkenloses, helles Blau, aber als sie sich umdrehte, sah sie eine schwarze Wand über dem Alpstein. Unbemerkt hatten sich die bauschig weissen Wolken weiter und weiter aufgetürmt, waren grau geworden, dann tiefschwarz.
«Vielleicht müssen wir abwettern und warten bis das Gewitter vorüber ist.» Meinhards Stimme hatte eine ungewohnte Ernsthaftigkeit. «Zieh dir Kleider an und eine Regenjacke. Es hat Jacken im Schrank in der Kajüte.»
Als Angelina zurück an Deck kam, stand Meinhard in Kleidern und Regenschutz konzentriert hinter dem Steuerrad. Er klappte den Deckel der Sitzbank hoch und nahm Schwimmwesten heraus. Blitzschnell zog Meinhard seine leuchtend orange Weste über, während Angelina ihre ratlos in den Händen drehte.
«Dort mit dem rechten Arm, ja genau, und da links», rief Meinhard ungeduldig. «Und nun die Schnallen.»
Der Wind zerrte an den Segeln und riss diese mit lautem Flattern hin und her.
«Wir müssen das Grosssegel herunternehmen und am Baum befestigen, dann die Genua reffen. Komm, hilf mir.» Meinhard startete den Motor, drehte das Schiff in den Wind und schob Angelina hinters Steuerrad. Der Baum schlug über ihren Köpfen laut knallend von einer Seite zur anderen.
«Siehst du dort oben am Masttop den Pfeil? Das ist ein Windanzeiger. Du musst so steuern, dass der hintere Teil in der Mitte der beiden Winkel ist.»
Ein helles Zucken zerschnitt die schwarze Wand des Himmels und ein gewaltiges Krachen ertönte. Angelina begriff, dass dieses gelb-orange Blinken die Lichter der Sturmwarnung waren, doch das Gewitter war bereits über ihnen. Heftige Böen fuhren in unregelmässigen Abständen in die Genua, während erste dicke Regentropfen fielen. Angelinas Hände klammerten sich am Steuer fest. Starker Regen setzte ein und hämmerte gegen die Planken. Nervös blickte sie nach oben zum Pfeil. Er schwankte ein wenig hin und her.
Wenn wir kentern und es mich über Bord spült, dachte Angelina, gehe ich unter. Sie sah, dass eine Schnalle der Schwimmweste noch offen war. Kurz liess sie das Steuer los. Sofort begann es, von selbst zu drehen. Das Schiff legte sich zur Seite und begann, Fahrt aufzunehmen. Angelina erschrak und packte das Steuer mit beiden Händen. Mit lautem Getose schlug die Genua hin und her.
«Verflucht nochmal, in den Wind halten, habe ich gesagt», hörte sie Meinhards Stimme wie von weit weg. Er war immer noch mit dem Befestigen des Grosssegels beschäftigt.
Angelina blickte nach oben zum Mast. Der Regen peitschte auf sie herab. Rinnsale liefen über ihr Gesicht und den Nacken hinunter. Sie zog die Kapuze der Regenjacke über ihr langes Haar. Sie sah Meinhards leuchtende Kleidung, dahinter den tiefschwarzen See. Wellen türmten sich auf und schlugen krachend gegen den Rumpf. Gischt spritzte hoch. Wasser drang in ihre Schuhe. Sie bemerkte, dass Meinhard barfuss war. Er wusste bestimmt, dass nur Gummistiefel diesem Schwall von Wasser standhalten würden. Die Nässe liess Angelina frösteln. Erschrocken stellte sie fest, dass sie vergessen hatte, auf den Windanzeiger zu achten. Ringsherum nur Wasser. Ihr war schwindlig. Das Auf- und Abschlagen des Schiffs wurde unerträglich und das flaue Gefühl in ihrem Magen verstärkte sich. Ihre Hände klammerten sich am Steuer fest, bis die Knöchel weiss hervorstanden.
«Du bist ja ganz bleich.» Meinhard stand neben ihr, griff nach dem Steuerrad und stellte den Motor ab. «Bist du seekrank?», fragte er mit leichtem Grinsen.
«Wir sind in Seenot. Hilft uns niemand?»
«Setz dich hin, ich übernehme das Steuer. Das ist alles halb so wild. Wenn wir an Land sind, geht es dir gleich besser.»
Schwer liess sich Angelina auf den Sitz fallen und schloss die Augen. Sofort nahm die Übelkeit zu. Ihr Magen schien sich zu drehen.
«Wir segeln auf Halbwind. Bald ist das Gewitter vorüber», hörte sie Meinhard sagen. «Dann nehmen wir Kurs Richtung Romanshorn.» Seine Stimme klang leise im tosenden Wind und den laut gegen die Schiffswand schlagenden Wellen. Der Regen hatte nochmals zugenommen. Kurz darauf schlugen Hagelkörner auf sie ein. Das Schiff hob und senkte sich, unaufhörlich. Angelina wünschte sich, dass es stillstehen würde, nur einen Moment. Sie musste durchhalten. Es wäre besser, sich auf den Horizont zu konzentrieren. Mit Schrecken bemerkte Angelina, dass es keinen gab. Alles war eins. Himmel und Erde in einem einzigen, dichten Grau.
Sie glaubte sich im auf- und abschwankenden Schiff wie in einer Nussschale, die führungslos irgendwo hingetrieben wurde. Sie sehnte sich nach festem Land unter den Füssen, Festland. Liess sich bei diesem Sturm noch etwas steuern?
«Wir wechseln die Richtung. Du musst mir helfen», riss Meinhard sie aus ihren Gedanken. Angelina erhob sich schwerfällig und stellte sich neben ihn.
«Du musst an dieser Schot hier ziehen, bis es nicht mehr weitergeht, und dann mit der Winsch kurbeln, sobald ich die Schot auf der anderen Seite gelöst habe.»
«Wenden, jetzt ziehen!», rief Meinhard kurze Zeit später.
Angelina zog an der Schot, kurbelte dann an der Winsch bis Meinhard sagte: «Stopp, es reicht.» Zu Angelinas Erstaunen war das Manöver ohne Schwierigkeiten gelungen.
Sie wusste nicht, wie lange es dauerte, bis das Gewitter weiterzog. Endlos erschien es ihr. Plötzlich wurde es heller und das Wasser ruhiger. Weit vorne sah sie eine Ortschaft. War das Romanshorn? Das Schiff glitt schnell dahin. Sie hatte den Eindruck, sie würden über das Wasser fliegen. Bald lag die Hafeneinfahrt vor ihnen. Meinhard stellte den Motor an und sagte: «Angelina, du musst die Schot von der Winsch lösen.»
Sofort begann das Segel zu flattern. Meinhard rollte die Genua vom Cockpit her auf. Angelina wollte nur eines, endlich festen Boden unter den Füssen spüren. Sie setzte sich und schloss die Augen. Ihr war immer noch übel.
«Wir sind im Hafen!», rief Meinhard. «Hilf mir, die Jacht festzumachen.»
Angelina erhob sich und streckte sich nach der Leine am Metallpfosten, der fest im Wasser stand. Langsam glitt das Schiff an den Liegeplatz und Meinhard befestigte die Leinen an der Jacht. Vom leicht schwankenden Schiff nahm Angelina einen grossen Schritt auf den Steg und übergab Meinhard von dort die beiden anderen Leinen. Er zeigte ihr die rechte Hand mit dem Daumen nach oben und strahlte sie freudig an. Endlich, Angelina atmete auf.
Sie taumelte über den Steg, kletterte die nächstbeste Leiter auf die Mole hoch und setzte sich erschöpft auf die Mauer. Der Wind kräuselte immer noch leicht die Wasseroberfläche. Bald schien die Sonne wieder und ihr wurde heiss. Meinhard war immer noch auf der Jacht beschäftigt. Nicht einmal die Schwimmweste hatte Angelina ausgezogen. Sie öffnete nun die Schnallen der Weste und zog diese samt der Regenjacke aus. Danach löste sie die Schnürsenkel ihrer triefend nassen Turnschuhe und stellte diese neben sich. Als sie die Socken auswrang, tropfte es auf den Boden und es bildete sich ein kleines Rinnsal. Dann machte sie es sich auf der Regenjacke bequem, schloss die Augen und genoss die wärmende Sonne.
Sie musste kurz eingenickt sein. Meinhard sass neben ihr, hielt eine Flasche Mineralwasser in der Hand und trank. Er blickte auf den See. Dieser lag ruhig und die Sonne spiegelte sich auf der Oberfläche. In der Ferne sah Angelina noch dunkle Wolken. Weit weg schienen sie. Als Meinhard merkte, dass sich Angelina bewegte, fragte er: «Willst du auch?», und hielt ihr die Flasche hin.
Angelina stellte fest, dass sich ihr Magen etwas beruhigt hatte, und trank mit grossen Schlucken.
«Und jetzt?», fragte Meinhard.
«Weiss nicht», sagte Angelina.
«Sollen wir bei mir zu Hause noch etwas Kleines essen, bevor du nach St. Gallen fährst?»
«Aber nur etwas Kleines.» Ihr Magen fühlte sich nach wie vor flau an.
Meinhard hatte Salat gemacht und die Reste vom Mittagessen aufgetischt. Angelina sass einfach am Tisch und starrte durch das Panoramafenster auf den See.
«Es ist nicht das, was du denkst», sagte Meinhard, als er sich an den Tisch setzte.
«Du meinst, wir waren nie in Seenot?»
Meinhard lachte. «Nein, nicht wirklich. Ich wollte dir auch keine Angst einjagen. Ich spreche von Vater, wir hatten keinen Streit.»
«Was dann?»
«Es ist wegen Mutter. Sie hatte doch dieses Fotoalbum.»
«Und?»
«Mutter im weissen Kleid bei der Erstkommunion, Mutter zusammen mit Onkel Alois und Onkel Friedrich, mit Oma und Opa.»
«Ja?»
«Es lag doch immer hinten im Kleiderschrank unter den Blusen. Weisst du noch, wie wir es heimlich hervorgeholt und angeschaut haben, und Mutter es gemerkt hat, weil alle Blusen nachher zerknittert waren?»
«Dass du dich so genau erinnerst?»
«Vater hat Mutters Sachen einfach auf den Müll geworfen.»
«Nein.»
«Doch, es ist alles weg.»
«Aber die Wohnung sieht aus wie früher.»
«Die Möbel ja, aber die Fotos sind weg. Das Album und sogar das Hochzeitsfoto sind verschwunden.»
Angelina begriff, dass ihr selbst von ihrem Kind nichts geblieben war, rein gar nichts. Es gab nur die Erinnerung an eine kurze Zeit des Schwangerseins.
«Ich dachte, ich würde sterben, da auf dem See während des Gewitters.»
Meinhard presste die Lippen aufeinander. «War es so heftig?»
«Ich wollte durchhalten und überleben, aber manchmal wäre es mir egal.»
«Was?»
«Zu sterben.»
«Wie meinst du das?»
«So, wie ich es sage.» Eine Träne löste sich im Augenwinkel und rann über ihre Wange. «Mein Kind ist gestorben.»
«Dein Kind?»
«Ich war schwanger und dann ist es gestorben, einfach so. Und nun ist es tot.»
«Oh nein! Angelina», Meinhard legte einen Arm um ihre Schultern. «Ich hätte einen Neffen oder eine Nichte gehabt.»
Tränen rannen unaufhaltsam aus ihren Augen. «Ich wünsche mir so sehr, ich wäre bei ihm.»
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