Kitabı oku: «Reiseziel Utopia»

Yazı tipi:

Reiseziel

Utopia


Stefan Holzhauer

(Herausgeber)

edition roter drache

Impressum

1. Auflage März 2018

Copyright © der Gesamtausgabe 2018 by Edition Roter Drache

Edition Roter Drache, Holger Kliemannel, Haufeld 1, 07407 Remda-Teichel

edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org

Copyright © der Geschichten obliegt dem jeweiligen Autor

Titelbildgestaltung: xanathon.com

Satz: Holger Kliemannel

Lektorat: Isa Theobald

Korrektorat: Nicole Reif

Fonts: Liberation Serif von Red Hat Inc (SIL Open Font License v1.10), Centauri von Tugcu Design Co.

Grafiken: Rahmen um Autorenbilder: von 123rf/Christopher Gurovich, Rakete (Kapiteltrenner): stockunlimited.com

eBook-Erstellung: imagcon.de

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.

ISBN 978-3-946425-45-8

Vorwort

Eine Utopie ist der Entwurf einer fiktiven Gesellschaftsordnung, die nicht an zeitgenössische historisch-kulturelle Rahmenbedingungen gebunden ist.

[...]

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird Utopie (insb. als Adjektiv »utopisch«) auch als Synonym für eine von der jeweils vorherrschenden Gesellschaft überwiegend als schöne, aber unausführbar betrachtete Zukunftsvision benutzt.

Aus der deutschen Wikipedia

Lange Zeit warf die Science Fiction durchaus positive Blicke auf die Zukunft. Neben frühen Stoffen, in denen käferäugige Monstren (»bug eyed monsters«) unsere Frauen klauen wollten, war es immer wieder so, dass man Fortschritt und Technologie als etwas Positives sah, als Hilfsmittel, die die Menschheit weiter bringen konnten und würden. Und auch gesellschaftlich erfand man Modelle, die die Zukunft in weitaus rosigeren Farben zeichnete, als es beispielsweise der kalte Krieg tat. Es gab Geschichten über eine Menschheit, die - allen Widrigkeiten zum Trotz - ihre Probleme überwunden hatte und geeint zu den Sternen drängte.

Doch auch in den positiven Utopien steckte selbstverständlich Konfliktpotential, denn zum einen sollen Geschichten unterhalten, dazu braucht es Gegenspieler, und zum anderen waren scheinbar böse oder andersartige Aliens ein Vehikel, um den ach so hehren Protagonisten einen Spiegel vorzuhalten und ihre Ethik auf die Probe zu stellen. Alan Dean Fosters Humanx Commonwealth sind ebenso ein Beispiel dafür, wie die diversen Star Trek-Inkarnationen.

Und dann veränderte sich die Science Fiction. Ich will nicht wirklich sagen, dass alles mit William Gibsons Cyberpunk begann (H.G. Wells` »Krieg der Welten« ist letztendlich ebenfalls ein Vertreter des Genres, und wurde bereits 1889 erstmalig veröffentlicht), aber ich hatte und habe den Eindruck, dass seit »Neuromancer« vermehrt Postapokalypsen und Dystopien veröffentlicht werden. Und gerade in den letzten Jahren wird der Phantastik-Markt geradezu davon überflutet. Mich persönlich nervt das. Warum? Einfach:

Unsere Welt ist in der Realität auf dem Weg in eine Dystopie. Kriege. Überwachung. Lobbyismus, die Macht der Konzerne und Banken. Postdemokratie. Das erschreckende Erstarken der neuen Rechten. Der Verlust von Empathie. Wenn man dann auch in seiner Freizeit als Eskapismus immer wieder nur Negatives vorgesetzt bekommt, dann festigt das in meinen Augen einen Eindruck, dass das alles eben so sit, und man nichts ändern kann.

Und angesichts dessen könnten wir positivere Blicke auf die Zukunft meiner Ansicht nach derzeit viel besser brauchen, als immer neue Dystopien und Postapokalypsen. Das war der Grund, warum ich dieses Projekt aus der Taufe gehoben habe und dankenswerterweise sind etliche Autorinnen und Autoren dem Ruf gefolgt.

Wer nun meint, dass in den Geschichten alles »Friede, Freude, Eierkuchen« sei, der ist selbstverständlich auf dem Holzweg, denn wie ich bereits weiter oben ausführte, braucht man Gegenpole für die Utopie, man benötigt Reibungspunkte und Antagonisten, um Kontraste zu erzeugen. Und dann gibt es selbstverständlich noch ein weiterer Punkt: Was die eine für eine Utopie hält, mag für den anderen eine entsetzliche Vorstellung sein.

Dieses Buch wird die Welt nicht verändern. Aber es hilft vielleicht ein kleines Bisschen dabei, die Leser daran zu erinnern, dass wir alle durchaus dazu in der Lage sind, etwas zu bewirken. Auch mit Kleinigkeiten. Wenn einfach wir nur positiver denken und ein wenig Toleranz üben. Denn dann ist die angeblich »unausführbare Zukunftsvision« aus dem Wikipedia-Zitat vielleicht gar nicht so unerreichbar.

Ich wünsche viel Vergnügen bei der Lektüre von »Reiseziel Utopia« und bedanke mich bei Autoren und Verleger.

Stefan Holzhauer

Der Wunsch nach Rettung

Olaf Stieglitz

Logbuch des Allianz-Erkundungsschiffes Sigourney – Eintrag Kapitänin Gail Lisani:

Das Singularitätsfeld wurde deaktiviert und wir nähern uns mit zweieinhalbfacher Lichtgeschwindigkeit dem Zielplaneten. Bald werden wir auf den normalen Trägheitsantrieb umschalten. Die Astronavigation gab mir eine geschätzte Ankunftszeit von 11:32 Uhr. Die Statusberichte aller Stationen sind positiv.

Nachtrag für das persönliche Logbuch: Ich bin sehr gespannt, was uns auf diesem Planeten erwartet. Ehrlich gesagt habe ich Zweifel an der Zuverlässigkeit von Dru Brogoff. Es gibt gute Gründe, warum die Erkundungsflotte seit der Entwicklung der Nullzeit-Kommunikation auf den Einsatz von Psionikern verzichtet. Sie gelten als unzuverlässig und zeigten in der Vergangenheit häufig unberechenbare Verhaltensmuster. Allerdings muss ich zugeben, dass ich bis zu diesem Flug keine Erfahrungen mit ihnen gemacht habe. Brogoff ist der erste, mit dem ich zusammenarbeite. Natürlich werde ich als Kapitänin und Leiterin der Mission so unvoreingenommen sein wie möglich.


Als der Summer von Gails Kabinentür ertönte, schloss die Kapitänin der Sigourney die Logbuch-Anwendung. Ein Blick auf den in ihren Schreibtisch eingearbeiteten Monitor zeigte ihr, wer vor der Tür stand. »Wenn man vom Teufel spricht«, murmelte sie leise und drückte dann auf den Türöffner.

Dru Brogoff war 138 Jahre alt. Das wäre für einen Menschen in der Allianz ein zwar fortgeschrittenes, aber keinesfalls hohes Alter gewesen, doch während seiner Zeit in der Erkundungsflotte hatte er sich eine seltene Nervenkrankheit zugezogen, die – ungewöhnlich genug – von der modernen Medizin nicht geheilt werden konnte. Er trug daher ein Exoskelett, durch das sein Körper die volle Bewegungsfähigkeit eines Zwanzigjährigen besaß. Gail selbst hatte als Kapitänin natürlich sämtliche physischen Optimierungsprogramme durchlaufen müssen, doch sie vermutete, dass der verstärkte Anzug aus Verbund-Kunststoffen den Psioniker im Ruhestand mindestens ebenso stark, schnell und geschickt machte, wie sie es war.

»Kapitänin.« Der blassgesichtige Mann mit den weißen Haaren nickte ihr zu. »Ich hörte, dass wir den Planeten bald erreicht haben.«

Gail nickte. Inzwischen hatte sie sich an die helle Hautfarbe Brogoffs gewöhnt. Sie wusste nicht, ob es sich dabei um eine genetische Anomalie oder ob um eine weitere Spätfolge seines Dienstes in der Erkundungsflotte handelte. Die Menschheit hatte in den letzten Jahrhunderten durch Vermischung als Teint einen mittleren Braunton angenommen. Gail selbst war etwas dunkler als der Durchschnitt, wohingegen der helle Phänotyp durch die gestiegene UV-Belastung des späten einundzwanzigsten Jahrhunderts fast komplett verschwunden war. Nicht, dass es in der menschlichen Gesellschaft noch Platz gab für Vorbehalte aufgrund solcher Äußerlichkeiten. Seit die Menschheit sich den 38 anderen intelligenten Spezies in der Allianz angeschlossen hatte, war Rassismus, sowohl intra-, als auch interspeziesistisch kein Thema mehr.

»Bitte nehmen Sie Platz, Herr Brogoff.« Während der Psioniker sich in den Sessel vor ihren Schreibtisch setzte, war Gail bewusst, dass es sich dabei um eine rein formelle Höflichkeit handelte. Mit dem Ganzkörper-Exoskelett, das Brogoff trug, machte Stehen, Sitzen oder Liegen für ihn keinen Unterschied, da die Arbeit komplett von der Apparatur übernommen wurde. Sie kannte das von ihrer Urgroßmutter, die aufgrund ihres hohen Alters ebenfalls darauf angewiesen war. Ihre Ur-Nana schlug sie seitdem regelmäßig bei jedem der Marathonläufe, an denen Gail während ihrer Besuche auf der Erde teilnahm.

»Tatsächlich werden wir in ...«, sie warf einen kurzen Blick auf die in einem Monitor eingeblendete Uhrzeit, »... 25 Minuten in den Orbit von Planet Zenori 487 einschwenken. Haben Sie noch einmal psionischen Kontakt zu den Bewohnern von Zenori aufnehmen können?«

Ein Blick in sein Gesicht genügte ihr, um dort die Antwort zu lesen.

»Ich befürchte nein.« Brogoff tat ihr schon beinahe leid, auch wenn er am Ende wahrscheinlich dafür verantwortlich war, dass sie alle diese Reise umsonst gemacht hatten. »Glauben Sie mir, ich versuche es täglich, aber seit die Verbindung vor zwei Wochen schlechter wurde und schließlich abbrach, ist es mir nicht gelungen, sie wieder herzustellen.«

»Natürlich glaube ich Ihnen, Herr Brogoff«, sagte Gail und meinte es ernst. Zumindest ging sie fest davon aus, dass der alte Psioniker nicht versuchte, Gail oder die Erkundungsflotte absichtlich hinters Licht zu führen. Leider hatte sie jedoch Bedenken, was seine Zuverlässigkeit anging.

»Wie sicher sind Sie hinsichtlich der Lokalisation Ihres Kommunikationspartners? Ich habe noch nie mit einem Psioniker zusammengearbeitet, aber es heißt, dass eine Zielbestimmung oft problematisch ist.«

»Ja, das ist auch wirklich so. Aber die Kommunikation mit Bobby bestand fast einen Monat lang.« Als Gail ihm einen fragenden Blick zuwarf, erklärte er: »Bobby ist ein häufig verwendeter

Name für unbekannte psionische Kontakte. Telepathisch lassen sich Laute meist sehr schlecht übermitteln, sodass wir nicht mit Worten kommunizieren und uns auch nicht mit Eigennamen vorstellen können. Ich verbinde ein Gefühl und bestimmte geistige Eindrücke mit Bobby, aber diese lassen sich sprachlich nicht mitteilen. Von daher Bobby.« Als Gail nickte, fuhr er fort: »Bitte glauben Sie mir, ich war schon in meiner aktiven Zeit sehr viel besser in Lokalisation als meine Kollegen. Und ich hatte lange genug Kontakt zu Bobby, um mir bei seiner Position sicher zu sein.«

Gail nickte erneut. »Sie müssen mich nicht mehr überzeugen, Herr Brogoff, das ist Ihnen bereits beim Kommando der Erkundungsflotte gelungen. Man hat die Sigourney abgestellt, um der Sache nachzugehen.«

Dru Brogoff zog eine Grimasse. »Leider hat es so lange gedauert. Vor Wochen schon habe ich angefangen, um ein Schiff zu betteln. Doch niemand war bereit, mir zu helfen.«

»Nun, niemand bezweifelt, dass Sie wirklich einen Hilferuf von diesem Bobby empfangen haben ...«

»Es geht ja nicht nur um Bobby. Er hat um Hilfe für seine ganze Rasse gebeten! Sie ist in furchtbarer Gefahr. Ich befürchte, dass seiner Welt eine planetare Katastrophe droht ...«

»Ich denke, das hat am Ende auch den Ausschlag gegeben. Sie müssen bedenken, dass eigentlich alle verantwortlichen Stellen der Meinung sind, eine psionische Standortbestimmung wäre zu unzuverlässig.« Gail hob die Hand, als Brogoff etwas erwidern wollte. »Dennoch haben Sie eindrücklich klargemacht, dass die Zukunft einer ganzen Zivilisation in Gefahr sein könnte, obwohl Bobby Ihnen keine konkreten Einzelheiten übermitteln konnte. Daher wurde schließlich trotz allem ein Schiff bewilligt. Es steht einfach zu viel auf dem Spiel, auch wenn die Erfolgschancen noch so gering scheinen.«

Ihr Gespräch wurde unterbrochen, als ein Summton von ihrem Schreibtisch ihre Aufmerksamkeit auf den Monitor lenkte.

»Was ist es?«, fragte Brogoff aufgeregt. »Hat man Kontakt mit Bobbys Welt aufgenommen?«

»Oh mein Gott«, flüsterte Gail.

»Was? Was ist los?«

»Unsere Drohnen senden die ersten Daten. Es sieht so aus, als hätten Sie recht gehabt, Herr Brogoff. Auf Zenori gibt es deutliche Anzeichen einer weltumspannenden Zivilisation. Im Atomzeitalter, wie es aussieht.«

Die Augen des Psionikers leuchteten auf. »Aber das ist doch phantastisch!« Er stockte, als er den erschütterten Ausdruck im Gesicht der Kapitänin sah. »Was?«, flüsterte er.

»Das Strahlenniveau in der Atmosphäre ist extrem hoch. Zu hoch für natürliche Ursachen. Entweder gab es eine gewaltige Katastrophe oder – wahrscheinlicher noch – einen weltweiten nuklearen Krieg.«

Gail blickte Brogoff in die Augen. Sie spürte, dass ihr die Tränen kamen und schämte sich nicht dafür.

»Wie es aussieht, kommen wir zu spät.«


Logbuch des Allianz-Erkundungsschiffes Sigourney – Eintrag Kapitänin Gail Lisani:

Die Stimmung der Mannschaft ist niedergeschlagen und ich kann es ihr nicht verdenken. Die anfängliche Befürchtung hat sich leider voll und ganz bestätigt. Die weltweite Zivilisation von Zenori 487 wurde in einem Krieg zerstört. Einer ersten Schätzung nach wurden über 70% der Oberfläche nuklear verwüstet. Die wissenschaftliche Abteilung unter Cuta Sibillen hat außerdem chemische und biologische Kampfstoffe in der Atmosphäre nachgewiesen. Die Hoffnung auf Überlebende ist gering. Selbst wenn diese auf irgendeine Weise der Strahlung widerstehen könnten, so hat Sibillen doch auch einen Erreger in den Luftproben isoliert, der zu 95% dem Kittarrow-Virus entspricht, der sämtliche höheren Hirnfunktionen zerstört. Unterirdische Bunkeranlagen, in denen es Überlebende geben könnte, wurden von unseren

Sensoren nicht entdeckt. Trotzdem habe ich beschlossen, Bodenerkundungsteams auf die Oberfläche zu schicken, um Klarheit über das Schicksal der Welt zu erlangen. Die Männer und Frauen werden mit Schutzanzügen der Klasse III ausgestattet.

Nachtrag für das persönliche Logbuch: Ich kann nicht aufhören, mich zu fragen, ob wir am Schicksal dieser Welt etwas hätten ändern können, wenn wir früher gekommen wären. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie sich Dru Brogoff fühlen muss, weil er das Kommando der Erkundungsflotte nicht eher überzeugen konnte, ihm ein Schiff zur Verfügung zu stellen.


Dru Brogoff starrte durch das große Panoramafenster des Observationsdecks auf den Planeten hinunter. Zenori 487. Wie es aussah, würden sie niemals herausfinden, wie diese Welt von ihren Bewohnern genannt worden war. Seit Stunden schon stand er hier. Sein Exoskelett ließ ihn keine Ermüdung deswegen verspüren.

»Herr Brogoff?« Der Psioniker drehte sich um und erkannte Cuta Sibillen, die Chefin der wissenschaftlichen Abteilung der Sigourney. Die Frau schaute ihn mitfühlend an. »Möchten Sie sich zu mir setzen und etwas trinken? Ich vermute, Sie fühlen sich nicht besonders und vielleicht tut es Ihnen gut, mit jemandem über die Sache zu reden.«

Brogoff zögerte, dann schüttelte er den Kopf. »Tut mir leid. Sie meinen es sicherlich gut ...« Weiter kam er nicht, denn die Frau hob abwehrend die Hand.

»Ich fürchte, ich kann kein Nein akzeptieren. Anordnung der Kapitänin. Ich soll herausfinden, wie Ihr Befinden ist und Sie, wenn möglich, aufmuntern. Gail kann sehr bestimmend bei so etwas sein.«

»Gail?«, fragte Brogoff überrascht.

Sibillen lachte und hob ihre Hand, an der ein Ring steckte. »Gail Lisani ist meine Lebenspartnerin. Was bedeutet, dass sie mich sowohl beruflich als auch privat herumkommandieren kann.« Sie lachte erneut und Brogoff konnte nicht verhindern, dass die freundliche, offene Art der Frau durch die Schutzwälle drang, die er um sich aufgebaut hatte.

»Kommen Sie«, Sibillen packte ihn einfach am Arm und zog ihn zu einem der Tische in der Nähe. Sie drückte ihn in einen der Stühle und holte zwei Trinkbehälter aus der Tasche ihres Kittels. »Hier, trinken Sie das. Anweisung des Doktors.« Wieder lachte sie. »Was sogar stimmt. Ich habe sieben Doktortitel. Wenn auch keinen in Medizin.« Ihre braunen Augen musterten ihn, als er vorsichtig einen Schluck nahm. Ihr Gesicht wurde ernst. »Erzählen Sie, Dru! Ich werde Sie Dru nennen.« Es war keine Frage.

Der ältere Mann seufzte. »Es ist schwierig ... manche Dinge kann man einem Nicht-Psioniker schlecht erklären. Wissen Sie, wenn man eine telepathische Verbindung mit jemandem hat, dann ist das um einiges intimer, als es eine normale Unterhaltung sein kann. Und ich hatte fast einen Monat lang täglich mit Bobby Kontakt. In dieser Zeit ist er mehr als ein guter Freund für mich geworden. Ich ... ich hoffte so sehr ...« Seine Stimme brach ab und er schloss die Augen.

»Nun, vielleicht wird es ein kleiner Trost für Sie sein, was wir in Erfahrung bringen konnten. Sie hatten vor zwei, drei Wochen noch Kontakt mit ... Bobby, ja?«

»Ja, das stimmt. Warum fragen Sie?« Verwundert schaute Brogoff sie an.

»Wir haben inzwischen herausgefunden, dass der Krieg, der auf dieser Welt stattgefunden hat, mindestens 17 Erdenjahre zurückliegt. So traurig das Schicksal des Planeten auch sein mag – möglicherweise ist es doch nicht die Welt, von der aus Bobby mit Ihnen Kontakt aufgenommen hat.«

Das Exoskelett von Brogoff summte leise, als er auf die Füße sprang. »Nein! Nein, meine Ortsbestimmung war korrekt, das versichere ich Ihnen! Wenn die Zerstörung bereits so lange

zurückliegt, dann kann das nur bedeuten, dass es Überlebende gibt! Überlebende, die vom Kittarrow-Virus verschont geblieben sind. Einer von ihnen muss Bobby sein. Ich muss zu Kapitänin Lisani. Sie muss auf jeden Fall nach Überlebenden suchen!«


Logbuch des Allianz-Erkundungsschiffes Sigourney – Eintrag Kapitänin Gail Lisani:

Die Bodenerkundungsteams haben Kontakte mit den Überlebenden dieser Welt hergestellt. Wie zu erwarten, nachdem der Kittarrow-Virus festgestellt wurde, zeigen sie keinerlei Anzeichen von höherer Intelligenz. Stattdessen sind sie extrem aggressiv. Ich habe das Pro und Contra abgewogen und eine Gefangennahme einiger dieser Wesen für eine weitere Untersuchung autorisiert. Ich übernehme die volle Verantwortung und bin bereit, mich dafür vor der Ethik-Kommission zu rechtfertigen (Querverweis Datei AESIIb-Sigourney-Lisani-Rechtfertigung für Gefangennahme).


So gut die Zusammenarbeit der verschiedenen Spezies innerhalb der Allianz auch funktionierte, so war es doch sehr aufwändig, Raumschiffe zu konstruieren, die den Lebensbedingungen unterschiedlicher Völker gerecht werden konnten. Bei den Schiffen der Erkundungsflotte wurde aus diesem Grund darauf verzichtet. Die Sigourney war auf die Bedürfnisse von Menschen zugeschnitten und außer solchen befanden sich nur ein paar Rothelianer an Bord, deren Physiologie der menschlichen sehr ähnlich war.

Paulmann – ein Name, den es sich nach einem berühmten irdischen Biologen ausgesucht hatte, da Rothelianer für sich keine Namen verwendeten – beendete gerade den medizinischen Bericht über die Überlebenden von Zenori. Die angenehm modulierte Stimme eines prominenten Holo-Sim-Stars erklang aus

seinem Kommunikationsmodul, das die rothelianischen Pfeif- und Zischlaute übersetzte.

»Es liegt eine gewisse traurige Ironie darin, dass diese Wesen aufgrund ihrer körperlichen Besonderheiten als eine der wenigen uns bekannten Spezies in der Lage gewesen wären, einen Atomkrieg zu überstehen. Natürlich wurden auch sie von der Hitze und den Druckwellen in großer Anzahl getötet, doch die Strahlung stellt für die weitere Existenz der Art keine Bedrohung dar. Auch die chemischen Kampfstoffe sind nicht weltweit gleich stark konzentriert, so dass es in den ehemaligen ländlichen Gebieten genügend Refugien gibt, in denen die Zenorier überleben konnten und es auch weiterhin können. Ich spreche deswegen von Ironie, weil der Kittarrow-Virus leider ganze Arbeit geleistet hat. An keinem der Überlebenden wurden Anzeichen höherer Intelligenz festgestellt. Sie sind noch nicht einmal so klug wie rothelianische Baum-Bären oder irdische Primaten.«

Die Kapitänin warf einen Blick auf den großen Monitor, auf dem Bilder von den Zenoriern zu sehen waren. Äußerlich erinnerten sie in gewisser Hinsicht an einige terranische Insektenarten, vor allem an Heuschrecken und Gottesanbeterinnen. Das war nichts, was man heutzutage als abschreckend empfand – manche der wertvollsten Partner in der Allianz sahen noch viel fremdartiger aus.

»Würde sich die Intelligenz wieder neu entwickeln, wenn sie dem Virus nicht länger ausgesetzt wären?« Die Frage kam von Cuta Sibillen und Gail Lisani sah, wie Dru Brogoff den Kopf hob. Hoffnung blitzte in seinen Augen auf.

Paulmann fuchtelte mit den Gesichtsflechten, was von dem Kommunikationsmodul genauso übersetzt wurde, wie das anschließende Pfeifen und Zischen. »Vielleicht könnten ihre Nachkommen wieder höhere Intelligenz entwickeln. Die Tests in dieser Hinsicht sind noch nicht vollständig abgeschlossen, aber die bisherigen Ergebnisse lassen hoffen. Die vorliegende Variante des Kittarrow-Virus zeigt bis jetzt keine Ähnlichkeit zur Esalet-Abart, welche auch das Erbgut langfristig schädigt.«

Kama Eposito, der Chefingenieur der Sigourney, meldete sich zu Wort: »Allerdings sieht es nicht gut aus, was die Entfernung das Virus aus der Atmosphäre angeht. Die Strahlung und auch die chemischen Kampfstoffe wären kein großes Problem, schätzungsweise würde die Reinigung zehn, maximal zwanzig Jahre dauern. Aber der Virus ist stark konzentriert und hat sich in der Vergangenheit sehr hartnäckig gegenüber Beseitigungsversuchen gezeigt. Man würde die Überlebenden auf eine andere Welt evakuieren müssen.«

Gail hasste es, dass sie der hoffnungsvollen Stimmung der Runde einen Dämpfer verpassen musste. »Meine Damen, meine Herren, Paulmann.« Als sie ihre Aufmerksamkeit hatte, fuhr sie fort: »Ich fürchte, die Sache ist nicht ganz so simpel, wie Sie es sich vorstellen. Es handelt sich um eine völlig unbekannte Spezies mit einer völlig unbekannten Kultur und Lebensweise. Wir können sie nicht einfach so von ihrem Planeten wegbringen oder dessen Atmosphäre reinigen, ohne dass man uns darum gebeten hat.«

Gail konnte sehen, wie der Sinn ihrer Worte bei den meisten am Tisch durchsickerte. Der Optimismus, eine ganze Zivilisation retten zu können, war mit ihnen durchgegangen, aber sie kannten die Bestimmungen, auf die sie anspielte. Bei Dru Brogoff schien das allerdings nicht der Fall zu sein.

»Was? Wovon reden Sie denn da, Kapitänin? Das ist doch absurd!«

Gail sah ihm die Wortwahl und den Tonfall nach. Sie konnte den Psioniker gut verstehen. Der Untergang der Zivilisation auf Zenori hatte ihm stark zugesetzt und natürlich wollte er diese Leute retten. Doch dummerweise wusste man nicht, ob sie überhaupt gerettet werden wollten.

»Herr Brogoff, haben Sie schon einmal von der Karhl’tnor-Sekte gehört? Oder von der Gruppe 45q5?« Der Psioniker schüttelte den Kopf, er war einfach zu lange nicht mehr im Dienst. »Diese beiden Gruppierungen sind die prominentesten, wenn auch nicht die einzigen Beispiele für Leute, die ihre höheren Hirnfunktionen freiwillig aufgegeben haben. Die Karhl’tnor-Sekte hat die Veränderungen

bei ihren Mitgliedern chirurgisch und durch die Einnahme von Medikamenten vorgenommen. Gruppe 45q5 setzte dafür den Kittarrow-Virus auf ihrer Welt frei und infizierte damit leider auch den Rest der Bevölkerung. Trotzdem handelt es sich bei dem Vorfall nicht um einen erweiterten Suizid oder um eine Art von Selbstmord-Attentat. 45q5 wollte sich freiwillig auf das Intelligenzniveau von Tieren hinab begeben und hat die Auswirkungen auf den Rest ihrer Welt nicht bedacht oder einfach in Kauf genommen – das ist nicht mehr nachzuvollziehen. Sicher ist aber, dass es innerhalb und außerhalb der Allianz bisweilen zu vergleichbarem Verhalten kommt. Wir wissen nicht, ob die Zenorier nach ihrem weltweiten Krieg sich nicht ebenfalls zu diesem Schritt entschlossen haben. Leider können wir sie nicht mehr fragen.«

Das Gesicht von Brogoff war immer grauer geworden, während die Kapitänin sprach. Doch bei ihren letzten Worten horchte er auf. »Aber das habe ich doch! Ich habe mit Bobby gesprochen! Er hat mich gebeten, dass wir sie retten!«

Gail seufzte. »Leider ist die Sache ein wenig komplizierter. Wir haben keine Bitte um Hilfe durch einen offiziellen Vertreter dieses Volkes. Und da Sie den Kontakt zu Bobby verloren haben, lässt sich auch nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob er wirklich von Zenori stammt. Es gibt einige Fakten, die dagegen sprechen. Es sind ungefähr ...« Sie warf einen Blick auf den kleinen Monitor vor sich, »... 200.000 Überlebende auf dieser Welt. Ohne Regierungsvertreter müssten wir daher von mindestens fünfzig von ihnen eine entsprechende Bitte erhalten, damit ich einen derart schwerwiegenden Eingriff in die Autonomie des Volkes rechtfertigen kann. Die Vorschriften sind da leider eindeutig. Wenn Paulmann keine Möglichkeit findet, mit den gefangenen Zenoriern zu kommunizieren ...« Sie warf dem Rothelianer einen fragenden Blick zu. Der Mediziner blähte die seitlichen Kehlsäcke auf, was von seinem Kommunikationsmodul mit einem Nein übersetzt wurde, »... sehe ich leider nur die Option, dass Sie es schaffen, wieder einen psionischen Kontakt aufzubauen. Wenn es Ihnen gelingt, mir die Bitte durch mindestens fünfzig Zenorier bestätigen zu lassen,

dann werde ich wirklich gerne alles Mögliche tun, um diese Rasse zu retten. Aber wir können nichts unternehmen, solange keine Gewissheit besteht, dass dies auch ihr Wunsch ist.«


Logbuch des Allianz-Erkundungsschiffes Sigourney – Eintrag Kapitänin Gail Lisani:

Die Stimmung an Bord ist auf dem Tiefpunkt angelangt. Viele Besatzungsmitglieder haben wenig Verständnis für die Vorschriften, die es uns verbieten, den Zenoriern ungefragt zu helfen. Dru Brogoff versucht rund um die Uhr, einen Kontakt aufzubauen, aber bisher ohne Erfolg. Ich habe alles für den Abflug vorbereiten lassen. Morgen werden die gefangenen Zenorier wieder auf den Planeten verbracht. Danach gibt es nichts mehr, was wir für diese Rasse und ihre Welt tun können. Es fällt schwer, sich damit abzufinden.

Nachtrag für das persönliche Logbuch: Ich persönlich glaube nicht, dass der psionische Kontakt, den Dru Brogoff herstellte, zu einem Bewohner von Zenori bestanden hat. Inzwischen bin ich mir sogar unsicher, ob es eine solche Kommunikation überhaupt je gegeben hat und ich kann nachvollziehen, warum in der Erkundungsflotte, wie fast überall, auf Psioniker verzichtet wird. Sie scheinen einfach nicht besonders zuverlässig zu sein. Trotzdem wünschte ich, dass Brogoff bei dieser Mission Erfolg gehabt hätte.


Cuta Sibillen legte noch nie besonders viel Wert auf Förmlichkeiten und als Brogoff seine Kabinentür nicht öffnete, obwohl sie mehrfach den Summer betätigte, benutzte sie einfach ihre Autorität als Schiffsoffizierin, um die Tür per Stimmbefehl zu öffnen.

Man musste kein Telepath zu sein, um den Dunst aus Trauer und Verzweiflung zu spüren, der in Brogoffs Kabine in der Luft

hing. Nach den Ereignissen der letzten Zeit wunderte es sie nicht, den Psioniker am Boden zerstört zu sehen.

Der Mann lag auf einigen Kissen auf dem Teppich und drehte sich schwerfällig um – scheinbar hatte er das Exoskelett abgelegt und die Bewegung fiel ihm nicht leicht. Die Pupillen waren stark geweitet und füllten seine Augen komplett mit Schwärze aus. Dabei handelte es sich um eine Nebenwirkung der Drogen, die seine telepathischen Fähigkeiten verstärken sollten. Es war ein offenes Geheimnis an Bord, dass Brogoff in den letzten Tagen weit mehr als die zulässige Dosis davon zu sich genommen hatte, aber niemand brachte es über das Herz, deswegen eine Meldung an Kapitänin Lisani zu machen.

Ein einziger Blick in das verhärmte Gesicht genügte und Cuta verkniff sich die Frage, ob der Mann inzwischen Erfolg gehabt hatte. Sie setzte sich einfach neben ihn auf den mit Kissen bedeckten Boden und legte die Hand auf seinen Arm.

»Es tut mir leid, Dru«, sagte sie mit leiser Stimme. Brogoff nickte schwach. Sie fragte sich, warum er das Exoskelett abgelegt hatte. Auch wenn sich unter ihren Doktortiteln keiner der Medizin befand, so erkannte sie doch, dass die Belastung der letzten Tage für den Psioniker zu groß war. Vielleicht hätte man schon früher gegen die Überdosierung vorgehen sollen. Aber die Sigourney würde den Orbit bald verlassen und Brogoff dann hoffentlich von alleine mit seinen Bemühungen aufhören. Anderenfalls musste sie mit Gail darüber reden.

»Sie haben alles getan, was Sie konnten, Dru. Niemand bestreitet das. Aber es sollte einfach nicht sein. Ich fürchte, es ist tatsächlich sehr unwahrscheinlich, dass es telepathisch begabte Zenorier auf dem Planeten gibt. Zwar hat Paulmann ein Gehirnareal bei ihnen lokalisieren können, das große Ähnlichkeit mit den menschlichen Psion-Zellen aufweist, aber das Areal ist verkümmert. Das ist keine Auswirkung des Virus, wahrscheinlicher ist es, dass diese Spezies ihre psionischen Fähigkeiten im Laufe ihrer Evolution verloren hat. Entweder das oder ...«

Cutas Augen weiteten sich, als ihr plötzlich ein Gedanke kam. »Moment mal ... was wäre, wenn ...?«

Bevor der Mann etwas sagen konnte, war sie aufgesprungen und bereits an Brogoffs Kommunikator. »Gail! Gail! Du darfst noch nicht starten! Es gibt noch eine Möglichkeit!«


Logbuch des Allianz-Erkundungsschiffes Sigourney – Eintrag Kapitänin Gail Lisani:

Entgegen des üblichen Protokolls werde ich mich ebenfalls auf die Oberfläche des Planeten begeben, da meine Stimme ein höheres Gewicht hätte, wenn eine Bitte um Hilfe durch die Einheimischen bezeugt werden muss. Ich hoffe, dass Cuta Sibillen und Dru Brogoff mit ihrer Vermutung recht haben. Das wäre als Abschluss der Mission wirklich wünschenswert.

Die Aggressivität der Zenorier ist deutlich ausgeprägter als erwartet. Wie es scheint, hat der Virus zwar die höhere Intelligenz bei ihnen zerstört, aber die Urinstinkte, die sie den von uns gefundenen Ort verteidigen lassen, existieren nach wie vor. Ich musste ein zweites Sicherheitsteam zum Schutz der Bodenmission abstellen und habe die erforderlichen Maßnahmen autorisiert. (Querverweis Datei AESIIc-Sigourney-Lisani-Rechtfertigung für nichtletale Gewalt zum Schutz des Bodenerkundungsteams)


Gail Lisani trat durch das Singularitätsportal auf die Planetenoberfläche. Das Portal war von der Sigourney aus errichtet worden und ermöglichte einen direkten Übergang vom Schiff hierher. Katharina Mbode, die Leiterin der Sicherheitsteams, erwartete sie bereits und war nicht glücklich darüber, dass Gail als Kapitänin den

Planeten und damit quasi ein Kampfgebiet betrat. Am Ende hatte sie aber die Entscheidung akzeptiert.

Die Kommandantin spielte unwillkürlich an den akustischen Empfängern ihres Schutzanzuges der Klasse III, dann warf sie Mbode einen überraschten Blick zu. »Ich höre keine Neuroschocker. Sind die Kämpfe vorbei?«

Die Sicherheitsfrau in dem gepanzerten Anzug nickte. »Ja, Kapitänin. Es ist uns gelungen, ein Energiefeld zu errichten, das so kalibriert wurde, dass es die Zenorier an einem Durchkommen hindert und dabei keine Schäden bei ihnen verursacht.«

Gail konnte das Aber in den Augen der Frau bereits sehen, bevor diese fortfuhr. »Vorher haben wir sie mit den Neuroschockern problemlos betäuben können. Doch leider haben die Zenorier ihre Aggressionen gegen ihre ohnmächtigen Artgenossen gerichtet. Mindestens fünf von ihnen sind dabei zu Tode gekommen, drei weitere wurden verletzt. Paulmann kümmert sich um sie.«

Gail schloss kurz die Augen, als sie die schlechte Nachricht verarbeitete. Fünf Tote! Noch etwas, was sie vor der Ethik-Kommission verantworten musste. Sie atmete tief ein. Nicht nur vor der Kommission. Auch vor sich selbst.

»Danke.« Ihre trübe Stimmung erhellte sich ein wenig, als sie Cuta auf sich zukommen sah. Ihre Lebenspartnerin hatte immer noch diese Wirkung auf sie. Jedes Mal. Seit nun fast sechzig Jahren.

»Wie sieht es aus, Cuta?«, fragte sie die Wissenschaftlerin und erwiderte deren Lächeln.

»Es gibt gute und schlechte Neuigkeiten, Gail. Wie erwartet, handelt es sich bei diesen Örtlichkeiten wirklich um die Brutstätten der Zenorier und sie werden immer noch benutzt.«

»Ich vermute mal, das waren die guten Nachrichten.«

»Ja, genau.« Cuta lachte. »Die anderen sind zwar schlecht, aber nicht hoffnungslos. Hier kriechen eine Menge Larven herum. Das Virus hat bei ihnen bereits Wirkung gezeigt. Leider. Zum Glück beschränkt sich ihre Aggressivität uns gegenüber auf ein böses Fauchen und einen olfaktorischen Schutzmechanismus. Du solltest deine Riechsensoren also lieber ausgeschaltet lassen.« Cuta

zwinkerte ihr zu. »Unsere Hoffnung sind die Eier. Wir haben noch keinen Überblick, aber dort unten befinden sich vermutlich Dutzende davon.«

»Inwieweit können die uns helfen, Cuta?«

»Uns ist aufgefallen, dass die von uns untersuchten Zenorier verkümmerte psionische Zellen besaßen. Nun hoffen wir, dass diese Spezies während des Beginns ihrer Reifung über telepathische Eigenschaften verfügt. Möglicherweise wird über eine Art telepathischem Gruppenbewusstsein die Entwicklung von Intellekt und Persönlichkeit bereits vor dem Schlüpfen gefördert.«

»Du meinst, Bobby könnte die Botschaften aus seinem Ei gesendet haben?«

»Es ist eine Möglichkeit, ja. Bedauerlicherweise würde es auch den Abbruch des telepathischen Kontaktes erklären. Bobby ist vermutlich geschlüpft.«

»Beim Axiom! Das würde bedeuten ...«

»Ja, die Eierschale scheint das Kittarrow-Virus abhalten zu können, zumindest für eine Weile. Der Schlüpfvorgang ist dann das Ende für ihre gerade erst geformte Intelligenz.«

»Die Geburt bedeutet den Tod«, flüsterte Gail und ihr schauderte.

Sie hatten die unterirdische Brutstätte betreten. Im dämmerigen Licht war nicht auszumachen, ob es sich um eine natürliche Höhle handelte oder um ein Bauwerk. Auch die Ausdehnung war nicht absehbar.

Im Schein der aufgebauten Lampen vermochte sie die Umrisse mehrerer Dutzend Eier zu erkennen, alle etwa einen Meter hoch. Mehrere Dutzend, dachte Gail. Hoffentlich waren es genug. Und hoffentlich würden sie mit ihnen kommunizieren können.

Jetzt war sie froh, dass Brogoff ebenfalls auf dieser Mission war. Wie es aussah, stellte ein psionischer Kontakt die letzte Möglichkeit dar, um die Bevölkerung von Zenori evakuieren zu dürfen.

Der ältere Mann kniete ein paar Meter entfernt und umarmte eines der Eier. Durch das Visier des Schutzanzuges konnte die

Kapitänin sein hoch konzentriertes Gesicht mit den völlig schwarzen Augen sehen.

An den Kontaktsensoren ihres Handschuhs spürte Gail, wie Cutas Finger sich um die ihren legten.

»Seit wann kniet er da?«, flüsterte die Kapitänin, nachdem sie einen persönlichen Kanal zu ihrer Lebenspartnerin geöffnet hatte.

»Seit fast einer Stunde«, antwortete Cuta. »Völlig bewegungslos. Wenn Bobby wirklich von dieser Welt stammte, dann muss er ein Ausnahmetalent gewesen sein. Der Kontakt zu seinen Brüdern und Schwestern gestaltet sich sehr viel schwieriger.«

Niemand sagte ein Wort, während sie warteten. Wäre von den Sicherheitsteams nicht das Energiefeld errichtet worden, Gail hätte überlegt, die Bodenmission abzubrechen. Nichts schien zu passieren. Ein Fehlschlag. Was besonders bitter war, nachdem gerade erst die Flamme der Hoffnung neu entzündet worden war.

Dann spürte sie den Druck von Cutas Hand. Etwas geschah! Das Ei, das Brogoff umarmte, begann in einem warmen, roten Licht zu glühen. In seinem Inneren konnte man die Bewegung des Embryos erahnen.

»Sagt es etwas? Hast du Kontakt, Dru?«, flüsterte Cuta aufgeregt.

Die schwarzen Augen des Psionikers waren noch immer starr ins Leere gerichtet, als sein Mund begann, leise zu murmeln: »Ja, ich habe eine Verbindung. Es will nicht sterben. Es bittet um Hilfe. Die Gewalt und das Töten sollen aufhören.«

Cuta wirbelte zu Gail herum, die Begeisterung war ihr anzusehen. »Na, das ist doch was, oder? Was meinst du?« Gail lächelte. Es war immer schwierig, sich nicht von der Wissenschaftlerin mitreißen zu lassen. »Das ist ein Anfang, auf jeden Fall. Denke aber daran, dass wir mindestens fünfzig solcher Bitten haben müssen, wenn wir die ganze Rasse evakuieren wollen. Ich weiß noch nicht einmal, ob genügend Eier hier sind ...«

Sie verstummte, ihre Augen weiteten sich. Um Brogoff herum begannen nun weitere Eier in diesem warmen Licht zu glühen. Das Leuchten verbreitete sich, als immer mehr Embryonen den psionischen Ruf aufnahmen, verstärkten und weiterleiteten, bis

auch die Menschen, die nicht telepathisch begabt waren, in die Lage versetzt wurden, den Inhalt zu verstehen.

Helft uns! Wir wollen leben. Die Gewalt und das Töten sollen enden!

Immer mehr Eier glühten auf. Durch die Schalen konnte man die Embryonen erkennen, die aussahen, als würden sie tanzen.

»Beim Axiom, das müssen Hunderte sein«, murmelte Cuta.

»Nein.« Gail schüttelte den Kopf. »Es sind Tausende.« Sie hatte die Ausdehnung der Höhle völlig falsch eingeschätzt. Abertausende von Eiern bedeckten den Boden und die sanft aufsteigenden Wände. Das rote Leuchten, das den psionischen Wunsch nach Frieden und Zukunft darstellte, breitete sich wie ein Lauffeuer der Hoffnung aus. Die empfangenen Gefühle waren überwältigend. Gail weinte. Sie konnte nicht sagen, ob es aus Freude oder Trauer geschah.

Tausende und Abertausende von Lebewesen riefen telepathisch ihren Wunsch in eine grausame Welt, nicht bei ihrer Geburt sterben zu müssen. Es war ein zutiefst bewegender Moment.

Gail aktivierte einen Kommunikationskanal. »Kapitänin Lisani an die Sigourney. Bitte Kontakt zum Kommando der Erkundungsflotte. Wir brauchen hier mehr Schiffe. So schnell wie möglich. Wir müssen die Zukunft einer Spezies bewahren.«

ENDE


Olaf Stieglitz

Olaf Stieglitz wird von zwei Katzendamen in einer gemeinsamen Wohnung in Wuppertal geduldet.

Nach längerer Schreib-Abstinenz hat er 2016 wieder begonnen, an seiner Karriere als weltberühmter Schriftsteller zu arbeiten. Zur Zeit versucht er sich dabei überwiegend an Kurzgeschichten, mit denen er sich bei verschiedenen Ausschreibungen bewirbt und auch schon erste Erfolge verbuchen konnte.

www.facebook.com/Olaf-Stieglitz-906197966187903/

Der FernhÄndler

Ingo Muhs

Leider hatte ich den erhöhten Sauerstoffverbrauch erst bemerkt, als es für eine Umkehr bereits zu spät war. Also tat ich das Zweitbeste, was man in dieser Situation tun konnte und räumte auf. Das tat ich gewöhnlich nur zu den 1000-Jahres-Treffen.

Der Wohn- und Arbeitsbereich war für drei Menschen ausgelegt, aber ich flog das Handelsschiff schon seit einigen Pejott solo. Da schleifen sich bei uns Junggesellen durchaus ein paar Nachlässigkeiten ein, die ich nun beseitigte.

Ein blinder Passagier war nichts Ungewöhnliches oder Gefährliches für uns Raumfahrer, tatsächlich rekrutierten wir so neue Piloten. Auf vielen Planeten glaubte man, dass irgendwo eine mythische Raumakademie existiere, in der wir Fernhändler ausgebildet werden. Aber das war natürlich Unsinn. Ein klassisches Cockpit hatten die interstellaren Schiffe schon lange nicht mehr, die komplette Steuerung lief über die gleiche Konsole wie die Unterhaltungseinheit. Ich hatte auch direkten Zugriff auf alle Schiffssysteme durch meinen iMplantat (kleines i, großes M, wird gesprochen: »Eimplantat«). Jeder Idiot konnte so ein Schiff fliegen, Reparaturen waren selten notwendig und wurden von den Nanoschwärmen ausgeführt.

Was einen Fernhändler also auszeichnete, waren nicht seine Fähigkeiten, sondern vielmehr die Geisteshaltung. Ob abenteuerlustig oder eigenbrötlerisch, wir mussten in der Lage sein, uns auf fremde Kulturen einzustellen, und wir mussten Dinge hinter uns lassen können. In der alten Weisheit, dass ein Fernhändler jede Welt nur einmal besuchte, steckte viel Wahres.

Ein blinder Passagier, der also gerade seine Heimatwelt für immer hinter sich gelassen hatte und genügend Grips bewies, sich mit den Vorräten an Bord zu schmuggeln, brachte schonmal gute Voraussetzungen für einen Fernhändler mit. Und ich musste gestehen, dass ich mir schon länger einen Assistenten und Lehrling gewünscht hatte – idealerweise jemanden, der meine Leidenschaft teilte. Es konnte natürlich auch sein, dass ich ihn beim nächsten Aufenthalt hinauswerfen musste oder er nach ein paar Stopps das Schiff verließ, um mit einer exotischen Schönheit auf einer freizügigen Welt ein bis drei Familien zu gründen. So etwas konnte man vorher nicht wissen, und umso gespannter war ich, wer wohl mein Gast sein würde.

Als ich mit dem Zustand des Wohn- und Arbeitsbereiches zufrieden war, schaltete ich eine Verbindung zum Vorratslager.

»Herzlich willkommen auf der Axon Zwölf«, ließ ich über das Intercom verlauten. »Ihre Anwesenheit wurde bemerkt und wird mit Skepsis betrachtet. Bitte verlassen Sie Ihr Versteck und zeigen Sie sich der Kamera.« Den Spruch hatte ich geübt und manchmal nach der Abreise von einer hochtechnisierten Welt auch einfach so in den Laderaum übertragen. Man weiß ja nie.

Als sich auch nach einer Weile nichts rührte, fügte ich hinzu: »Sie können natürlich auch in Ihrem Versteck verweilen, das ist mir einerlei. In diesem Fall werde ich Sie auf dem nächsten Planeten wieder entladen. Das wird allerdings ein paar Tage dauern.«

Schließlich rührte sich etwas, und der blinde Passagier wühlte sich durch die Verpackungen ins Freie. Verflucht, blinde Passagiere waren in der Regel zwar jung, aber selten so jung. Das Mädchen war bestenfalls 12 Standardjahre. Mit verheulten Augen blickte sie in die Kamera und schluchzte, so dass man kaum ein Wort verstehen konnte: »Ich habe Mist gebaut. Ich will wieder nach Hause.«


Marja – so hieß unser Ausreißer – saß am Tisch mit einem heißen Tee zwischen ihren Händen (Earl Grey – alte Raumfahrertradition). Ich hatte sie in warme Decken gepackt, denn im Lagerraum war es naturgemäß recht kühl. Bislang hatte ich außer Schluchzen, ihrem Namen und dass sie nach Hause wollte, nicht viel aus ihr herausbekommen. Intensiv starrte sie in die Tasse, als wären dort die Lösungen aller Probleme, und ließ gelegentlich ein leises Schniefen hören.

»Kann es sein, dass ich dich auf dem großen Empfang gesehen habe? Du warst dort mit deinen Eltern, einem Diplomatenpaar vom südlichen Kontinent. Wie hieß er doch gleich? Ich kann mir diese Namen nie merken.«

»Neuropa«, kam eine schüchterne Antwort. Das ist genau der Grund, warum ich mir keine Mühe machte, diese Namen zu lernen. Jeder zweite Kontinent hieß Neuropa, Neu-Afrika oder Neurasien. Viele Städte hießen Perth, Mexiko, Luanda etc. (mit oder ohne »Neu« davor) und Planetennamen waren entweder Terra Novas (in verschiedenen Versionen toter Sprachen), Abarten des Wortes Paradies oder – in einigen Einzelfällen – von Hölle. Planetennamen merkte ich mir. Zum einen gab es davon weniger als Städte und Kontinente, zum anderen gebot das auch die Höflichkeit.

»Ja, genau, Neuropa! Gemäßigte Zone, landwirtschaftlich geprägt«, las ich vom iMplantat ab. »Oh, und der Sitz der Unterhaltungsindustrie.« Sie sah mich fragend an. »Bücher, Filme, Spiele, Cortexdramen?«, spezifizierte ich. »Naja, Cortexdramen eher nicht, dazu ist das technische Niveau nicht ausreichend.«

»Ich hab von Cortexdramen gehört, die sind gefährlich und machen dumm«, beteiligte sie sich endlich am Gespräch. Das Eis brach.

»Das hat man von den anderen Dingen auch irgendwann behauptet«, gab ich lakonisch zurück.

»Aber bei Cortis stimmt es«, schniefte sie in den Tee. Ich zuckte mit den Schultern. Im Moment stand mir wenig der Sinn danach, das Für und Wider verschiedener Medien zu diskutieren.

Mit »Also, was …«, und »Können wir bitte …«, versuchten wir beide gleichzeitig, das peinliche Schweigen zu durchbrechen. Ich bedeutete ihr, auszusprechen.

»Könn … Können wir bitte wieder umkehren? Bitte?« Mit großen Augen sah sie mich an. Ich schluckte.

»Ich fürchte, das ist nicht möglich. Einmal initiert kann der Sprung in ein anderes Sonnensystem nicht mehr abgebrochen werden.«

»Aber dann können wir doch zurückspringen? Ja?«

»Das ist natürlich denkbar, aber ...«

»Und wie lange dauert so ein Sprung?«

»Puh, also, du warst jetzt zwei Tage im Lager, also noch fünf Tage bis zur Ankunft in Neu-Mekka. Jeder Sprung dauert sieben Tage Rel...« Wieder unterbrach sie mich.

»Also etwa zwei Wochen. Das ist ganz schön lang. Mama macht sich bestimmt Sorgen.« Nach kurzen Überlegen fügte sie hinzu: »Und Papa.«

»Ich habe bereits eine Nachricht abgesetzt, dass du als blinder Passagier an Bord bist und es dir gut geht. Standardprozedur, sobald der Name bekannt ist. Ich vermute, es sind an dem Tag nicht viele Marjas verschwunden, also dürfte klar sein, dass du gemeint bist.«

Panisch blickte sie auf, dann schien ihr klar zu werden, dass sie ohnehin in dicken Schwierigkeiten steckte und ihren Ausflug unmöglich noch verheimlichen konnte. Oh Mädchen, du hast ja keine Ahnung, in was für einem Schlamassel du steckst!

Sichtlich erarbeitete sie sich den Mut für die nächste Frage.

»Darf ich vielleicht solange an Bord bleiben? Wenn es keine Umstände macht? … Bitte?«

»Na, ich kann dich ja wohl schlecht aus der Schleuse werfen, oder? Für die kommenden Tage werden wir uns wohl arrangieren müssen.«

»Danke sehr.«

»Sag mal, nach zwei Tagen im Lager – und der Computer zeigt keine Verunreinigungen an – musst du da nicht dringend aufs

Klo?« Sie nickte heftig. Ich wies ihr die Richtung und sie verschwand in der Hygienezelle.

Irgendwie musste ich ihr die schlechten Nachrichten klarmachen. Wenn sie zurückkam? Oder später, ich hatte ja noch fünf Tage Zeit, sie langsam an das Thema heranzuführen. Ich alter Schisser kann mit sowas nicht umgehen.


Historischer Exkurs, Teil I

Die Menschheit hatte sich auf der Heimatwelt – Erde, Earth, Tierra, Земля́, 地球 oder wie man sie in dem Sprachwirrwarr noch nannte – beinahe selbst ausgelöscht. Kaum hatte man die Gefahr der atomaren Verstrahlung technologisch in den Griff bekommen, bombte sich die Nordhalbkugel zurück in die Steinzeit. Zum Schluss musste irgendein Idiot dann doch die schmutzigen Bomben zünden, und wenn erstmal einer anfängt …

Zentren der neuen Zivilisation wurden Südamerika, Afrika und Australien – in dieser Reihenfolge. Es war die selbe krude Mischung, wie man sie heute auch auf weiteren Welten nach planetaren Katastrophen findet. Auf der einen Seite lebte ein Großteil der Bevölkerung auf niedrigstem technischen Niveau. Ich rede hier von Holzhütten und Ochsenkarren – ihr habt doch Ochsen auf eurer Welt? Auf der anderen Seite gab es Zentren der Hochtechnologie. Es gab noch Satelliten, so dass man sich global austauschen konnte. Rohstoffe und Spezialanfertigungen wie etwa Computerchips wurden Mangelware, denn die Förder- und Produktionsstätten lagen – soweit überhaupt noch vorhanden – zu weit auseinander, und die Versorgung mit Treibstoff war vollständig zusammengebrochen.

Es gibt viel Spannendes aus dieser Zeit zu erzählen, von Militärdiktaturen, dem Hungerschwarm und so weiter, aber letztendlich konnte sich die Kooperation durchsetzen. Mit dem, was an Technologie noch vorhanden war und mit dem Wissen, was technisch

möglich ist, baute die Kooperation die Welt langsam wieder auf, hob das allgemeine Niveau erneut auf den alten Stand und breitete sich von den Zentren Mexiko, Perth und Luanda auch auf die Nordhalbkugel aus. Ja, ich weiß, technisch gesehen liegt Mexiko auf der Nordhalbkugel. Schalt die Karte ab und halt die Klappe.

Durch die enge Kooperation in der Kooperation (Daher der Name. Hör auf zu kichern) hat sich auch eine neue Verkehrssprache entwickelt, die zunächst zur Gelehrtensprache und schließlich zur Weltsprache wurde. Nahezu jedes alte Idiom hat Lehnwörter in der Gemeinsprache hinterlassen, aber den größten Einfluss hatten natürlich die afrikanischen Sprachen, Spanisch, Englisch und erstaunlicherweise Deutsch. Zum einen sind viele deutschsprachige Wissenschaftler nach Afrika geflohen, zum anderen gab es in Südamerika einige deutsche Enklaven. Aber ich sehe, ich langweile dich, lassen wir die Linguistik erstmal beiseite.

Die Kooperation hatte, nachdem das Goldene Zeitalter eingeläutet war, ein gewaltiges Problem, meiner Ansicht nach eines der besten Probleme, die man haben kann. Es gab keine Rüstungsindustrie mehr, die zuvor einen großen Wirtschaftsfaktor dargestellt hatte. Wie schon bei den alten Ägyptern mit dem Bau ihrer Pyramiden brauchte man also ein neues Großprojekt als Ausgleich. Schau nicht wie ein Ochse – schlag es nach. Frühgeschichte, Heimatwelt, Ägypten. Halt, nein, nicht jetzt. Mach das später.

Über zwei Jahrhunderte steckte die Kooperation einen Großteil der Ressourcen in den Bau von Generationsraumschiffen zur Besiedelung anderer Welten. Wie gesagt, es füllte die Lücke der Rüstungsindustrie, außerdem wollte man verhindern, dass bei einem möglichen erneuten Zusammenbruch die Menschheit als solche ausgelöscht wurde. Man erstellte also quasi Backups auf fremden Planeten. Und schlussendlich – denn auch in der Kooperation war nicht alles eitel Sonnenschein – nutzte man einige der Schiffe zur ethischen Säuberung der Heimatwelt. Umbringen wollte man Andersdenkende nicht mehr, aber behalten auch nicht, also stellte man diversen Gruppen Raumfahrzeuge zur Verfügung und überredete sie mit Nachdruck, als komplette Einheit die Erde zu verlassen. Die Sklavenhalter von Madagaskar, religiöse Gruppen, Genoptimierte, Anarchisten jeglicher Couleur. Einige gingen freiwillig und mit Freuden, andere wurden geradezu interniert, besonders in der Endphase vor dem Zusammenbruch der Kooperation. Von hier an reden wir nicht mehr über Heimatweltgeschichte, hier beginnt die interstellare Geschichte.


»Nuckelavee! Nuckelavee! Nuckelaviihihihi!« Das letzte Wort in ihrem Song ließ Marja in einem Wiehern enden. Dann fing sie wieder von vorne an. Den gesamten Shuttleflug von Neu Mekka zurück zum Schiff ging das nun so, und wäre ich nicht leicht angetrunken, wäre es mir wahrscheinlich ziemlich auf die Nerven gegangen. Als Teil des Handels hatte ich ein dreitägiges Entertainmentpaket für eine Zwölfjährige erbeten, mit ganz klarer Beschränkung, welche Themen absolut Tabu sind. Marja kommt von einer eher traditionellen Welt, und nicht jeder Planet legt das Mindestalter für Erwachsenenthemen auf dieselbe Weise fest. Auch das Thema Flugdauer und Relativität ließ ich aus offensichtlichen Gründen sperren. Anscheinend hatte sie den letzten Tag im großen Nuckelavee-Freizeitpark verbracht, welcher auf einer Kinderserie beruht, die derzeit auf ganz Neu-Mekka beliebt war. Sie besteht hauptsächlich aus knuddeligen Pferde-Hamster Hybriden, die Abenteuer erlebten und von Freundschaft sangen. Nach kurzer Recherche im iMplantat hatte ich beschlossen, Marja den Tag nicht zu vermiesen, in dem ich sie über die Herkunft des Wortes »Nuckelavee« aufklärte. Für die Produzenten war es wohl einfach ein knuffiges Wort, das irgendwas mit Pferden zu tun hat, und damit war es gut.

»Oh Mann, das war sooo toll!«, begann sie eine weitere Erzählung ihrer Erlebnisse, die nach persönlicher Wichtigkeit sortiert war statt nach Chronologie. Trotz meiner beruflichen Erfahrung mit unterschiedlichsten Erzählstilen konnte ich ihr nicht folgen, allerdings schien es mir, dass pferdeartige Tiere anscheinend eine

ganz besondere Faszination auf junge Mädchen ausübten. Insbesondere, wenn sie bunt waren und sangen.

»Wenn diese ‘Vees einen Pferdekörper, aber einen Hamsterkopf haben, wieso wiehern sie dann? Müssten sie nicht eher pfeifen?«, versuchte ich einen Einwand, aber Marja ereiferte sich bereits über unseren Besuch im Greater Canyon. Wie gesagt – keinerlei Chronologie.

Schließlich ging aber auch ihr die Energie aus, und sie wurde etwas ruhiger.

»Danke, dass du mich überredet hast, den Planeten zu besichtigen, bevor wir zurückfliegen.«

»Naja, wann sieht man schon mal einen fremden Planeten?«

»Das war so ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte.«

»Enttäuscht?«

»Nein, nein, überhaupt nicht!« Sie boxte mich auf den Oberarm, wissend, dass ich sie nur aufziehen wollte. »Ich dachte nur, dass die Leute da ganz anders drauf sind. Wegen dem Namen und so.«

»Wieso das?«

»Naja, Mekka war doch so eine heilige Stadt auf der Heimatwelt, und die Siedler waren streng religiöse Arabier.«

»Woher weißt du denn etwas über Araber?«, hakte ich nach.

»Hab ich nachgelesen! Aber die Leute da waren gar nicht so, sondern richtig nett.«

»Was hattest du dir denn so vorgestellt?«

»Naja«, sie wurde rot, »mehr arabisch halt. Turban und Bart und Pluderhosen, sowas in der Richtung.«

»Meine Güte, wo hast du das denn her? 1001 Nacht?«

Sie nickte. »Aber hier waren ganz normale Leute. Ich musste kein einziges Mal zu Allah beten oder einen Schleier tragen oder so.«

»Ja, so ist das mit den Menschen. Egal was du für eine Gruppe Kolonisten nimmst, nach ein paar Generationen wächst sich das alles raus und du hast wieder dieselbe alte Mischung. Die Welten sind ständig im Wandel.«

»Aber wenn man jetzt zum Beispiel nur superschlaue Leute nimmt …«

»… dann muss immer noch jemand die schwere Arbeit machen. Falls die Schlauköpfe die Aufbauphase der Kolonie überleben, hast du hinterher ganz schnell wieder Gruppen von mehr und von weniger Gebildeten.«

Marja wirkte enttäuscht. »Also sind alle Planeten gleich?«

»Aber überhaupt nicht! Sie sind sich zwar ähnlich, so wie sich zwei Menschen ähnlich sehen – Kopf, Arme, Beine, Nase, Augen – aber trotzdem grundverschieden sein können. Fandest du, Neu-Mekka war genauso wie dein Planet?«

»Die haben hier fliegende Autos! Aber auf dem Klo benutzen sie noch Papier.« Marja kicherte. »War schon anders als zu Hause, aber doch irgendwie ähnlich.«

»Was hältst du davon, dir noch eine Welt anzuschauen?«, wagte ich den Vorstoß. »Auf die eine Woche kommt es jetzt auch nicht mehr an. Wann wirst du jemals wieder eine solche Gelegenheit bekommen?«

Jubelnd fiel sie mir um den Hals. Anscheinend hatte sie selbst schon versucht, den Mut für die Frage aufzubringen. Ich hatte eine Gnadenfrist gewonnen.

Später sichteten wir die Geschenke, die sie von Neu-Mekka mitgebracht hatte. Neben erstaunlich viel Nuckelavee-Merchandising brachte sie besonders ein Prinzessinnen-Diadem in Verzückung. »Das muss unglaublich wertvoll sein!«, vermutete sie.

»Darf ich mal? Das sind wahrscheinlich bloß Diamanten«, erwiderte ich. Reiner Kohlenstoff in Gitterstruktur, das war das Einfachste, was der Assembler zusammensetzen konnte.

»Ja, Diamanten«, bestätigte ich nach der Analyse. »Sehr hübsch gemacht und sicher ein tolles Geschenk, aber das Wertvollste, das du bekommen hast, ist das da.« Ich zeigte auf den Datenträger mit der kompletten Nuckelavee-Serie. »Dafür, mein Kind, fliege ich durch das All. Dafür bin ich Fernhändler.«

»Für Kinderserien?«, fragte sie erstaunt.

»Quatsch, ich handele doch nicht mit Kinderserien!”

»Aber womit handelst du denn dann? Ich hab eigentlich keine Ahnung, was du so durchs All fliegst.«

»Außer blinden Passagieren, meinst du? Also gut, da muss ich etwas weiter ausholen. Zeit für die nächste historische Lektion!«

Sie seufzte gespielt auf, fügte sich aber und hörte mir brav zu.


Historischer Exkurs, Teil II

Das Aussenden der Kolonieschiffe hatte eine gewisse Endgültigkeit. Die ersten Jahre konnte man noch Kontakt halten, aber selbst der beste Richtfunk kann nur beschränkte Entfernungen überwinden, und zumindest die Schiffe verfügten ab einer bestimmten Distanz einfach nicht mehr über Sender mit der ausreichenden Präzision und Stärke. Und da Signale auch nur Lichtgeschwindigkeit erreichen, vergingen Jahre zwischen Sendung und Empfang. Der Philosoph Tayo Osei sagte: »Im Prinzip besteht kein Unterschied zwischen Genozid und dem Exodus – sie sind von dem Planeten getilgt. Wir können lediglich besser schlafen.«

Einige der Kolonien scheiterten kläglich, manche Schiffe erreichten ihr Ziel nie. Der Rest, einschließlich der Heimatwelt, unterlag dem Puls der Zivilisationen. Im ewigen Auf und Ab erlangte immer mal wieder ein Planet die Reife zur interstellaren Raumfahrt. Weitere Kolonieschiffe wurden ausgesandt, aber eine wichtige Variable hatte sich inzwischen verändert. Man wusste nun, dass es da draußen andere von Menschen besiedelte Welten gab, und man wollte erfahren, wie es den Brüdern ergangen war. Man wollte sich mitteilen und man wollte selbstverständlich an den besonderen Reichtümern der Planeten teilhaben.

Ein zum Zweck des Handels gebautes Schiff konnte viel kompakter ausfallen. Es hatte eine kleinere Crew, da man keinen langfristig stabilen Genpool gewährleisten musste. Alle ansonsten wertlose Nutzlast zum Aufbau einer Kolonie ersetzte man durch Laderaum oder sparte sie sich komplett. Der Bau solcher leichteren Raumer war viel früher für eine Zivilisation umsetzbar. Der Nutzen erschloss sich potenziell aber nur für die Crew, die in

Stasis die Jahrhunderte des Fluges überdauerte. Jeder planetare Investor war bis zu der Rückkehr eines Schiffes entweder gestorben, falls es sich um eine Person handelte, oder von der Geschichte hinweggefegt, falls es sich um eine Institution handelte.

Sehr bald – und wir reden hier von Jahrhunderten – stellte man fest, dass sich materielle Güter nicht zum interstellaren Handel eigneten. Nehmen wir mal Rohstoffe, also Metalle, Kristalle, Hölzer und so weiter. Die Menge, die transportierbar ist, ist limitiert und für jede Zivilisation nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Erfährt eine Gesellschaft einen Mangel an einem bestimmten Rohstoff, so hat sie in der Zeit, bis der Stoff von außen geliefert wird, längst Alternativen gefunden, die ähnliche Materialeigenschaften haben. Da bedient man sich eher an den Ressourcen im eigenen Sonnensystem, als auf andere Systeme zurückzugreifen.

Verarbeitete Materialien sind noch schwieriger. Der Nutzen einer Ladung Nanochips hängt ab von dem technischen Niveau des Zielortes zur Zeit der Ankunft. Wer sich hauptsächlich mit Ochsenkarren oder Verbrennungsmotoren herumschlägt, kann mit den Chips nichts anfangen, und wer technologisch viel weiter entwickelt ist, hat nur ein müdes Lächeln für diese Chips übrig.

Klar, sicher, man könnte eine Spannbreite technischer Geräte laden und nur die jeweils Passenden handeln. Oder detaillierte Anleitungen mitgeben, um die Welt auf das jeweilige Niveau zu heben. Das wurde versucht, aber letztlich waren die Geräte den Lagerraum nicht wert. Die technologischen und wissenschaftlichen Daten hingegen, das waren für lange Zeit die wahren Schätze der Fernhändler.

Hier ergab sich ein anderes Problem: Wenn Materielles keinen Wert hat, wie bezahlt man dann den Händler? Nichts, was auf einer Welt gefördert oder produziert wird, hat einen Wert für ihn. Wenn nicht beide ein ähnliches Technologieniveau haben, ist der Austausch für eine Seite uninteressant. Die Lösung zeichnete sich hier schon ab, aber ich will noch kurz auf das Ende der Zeit des Technologietransfers eingehen.

Jeder Besuch eines Fernhändlers gab einer Welt einen gewaltigen potentiellen Schub, und das ist bis heute so. Ich habe an Bord eine komplette Datenbank allem von Menschen gesammelten Wissen. Doch irgendwann war das Plateau erreicht, irgendwann wussten wir alles, was man über dieses Universum in physikalischer, chemischer oder mathematischer Hinsicht wissen konnte. Wir können unsere Schiffe auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen, wir haben Gravitationskontrolle, Materie-Assembler und eine Lebensspanne von über 150 Pejotts (= PJ = Persönliche Jahre). Aber wir wissen, dass wir unsere physikalischen Möglichkeiten in dieser Hinsicht ausgereizt haben. Überlichtgeschwindigkeit ist nicht zu erreichen, Punkt. Wahre künstliche Intelligenz – viele Jahrhunderte ebenso herbeigesehnt wie gefürchtet – ist nicht möglich. Sämtlicher Fortschritt bezieht sich nur noch auf minimale Verbesserungen in der Herstellung und dem Design von Luxusgütern. Kein Planet kann mir in technologischer Hinsicht irgendetwas wirklich Wertvolles mehr bieten.

Eine Ware aber hat jede Zivilisation zu bieten, selbst wenn sie noch in Höhlen haust. Und diese Ware wird auch von allen Zivilisationen hoch geschätzt: Geschichten. Hier gibt es kein Plateau, das uns beschränkt. Geschichten entstehen aus dem kulturellen und persönlichen Kontext und sind allein dadurch – und das ist wiederum mathematisch beweisbar – unbegrenzt. Zumindest für alle praktischen Anwendungen bis zum Wärmetod dieses Universums.

Auf jeder Welt, die ich besuche, tausche ich einen wesentlichen Teil meiner Datenbank voller Geschichten ein. Im Gegenzug erhalte ich die Archive jener Welt sowie sämtliche erdenklichen Annehmlichkeiten während meines Aufenthalts. Kannst du dir vorstellen, welch ein Schatz in unseren Datenbanken lagert? Bei jedem Handel kommen etwa eintausend Jahre Geschichte, Geschichten und Überlieferungen hinzu, die zuvor nie den Planeten verlassen haben. Dabei versuche ich in der Regel die Finger von den Ergüssen der letzten 50 Jahre zu lassen, da die noch nicht den Test der Zeit überstanden haben. Aber Geschichten, die sich in jedweder Gesellschaft über 100 Jahre oder länger halten, sind

auf die eine oder andere Weise relevant. Und die wahren Schätze sind solche, die von anderen Welten stammen, irgendwann von uns Händlern eingeführt wurden und über das Jahrtausend fest in die lokale Kultur eingeflossen sind. Diesen Test bestehen die allerwenigsten Stories.

Warum wir die einzelnen Planeten so selten anfliegen? Das liegt an der Lichtgeschwindigkeit. Der durchschnittliche Abstand zwischen zwei bewohnbaren Welten liegt bei etwa 80 Lichtjahren, eine Tour besteht bei mir aus 12 Flügen. Das macht dann 960, also knapp 1.000 Jahre, da wir für jedes Lichtjahr exakt ein Jahr brauchen, um die Strecke zurückzulegen. Du guckst verwirrt. Wegen der Zeitdilatation ist es so, dass für uns auf dem Schiff währenddessen die Zeit quasi still steht. Während das Schiff also 80 Jahre fliegt, vergeht für uns keine Zeit. Hey? Hey! Was ist denn los? Wo willst du denn hin? Oh … fuck.

Ich sollte echt nicht trinken und dozieren.


Ich saß mit dem Rücken an der Wand vor Marjas Kabine, die Beine angewinkelt und den Kopf auf den Knien, und wusste nicht, was ich tun sollte. Aus dem Raum kam ihr Schluchzen, mal leiser, mal brach es laut aus ihr heraus.

Normalerweise ist es fantastisch, jemandem im Augenblick einer gewichtigen Erkenntnis beobachten zu können. Wenn endlich alle Puzzleteile zusammenfallen und das große Ganze einen Sinn ergibt. Wenn diese Erkenntnis aber ist, dass alle Verwandten und Bekannten seit Jahren tot sind und man nie wieder in seine Heimat zurückkehren kann, dann ist es einfach nur scheiße. Etwa 170 Jahre waren bereits auf Marjas Heimatwelt vergangen, wenn ich den aktuellen Sprung mitrechnete, während der Abflug für uns nur zwei Wochen zurücklag. Ein Rückflug würde ebenso lange dauern. Genau das hatte Marja nun herausgefunden und begriffen.

Ich war zu feige gewesen, es ihr zu sagen, hatte immer auf »den richtigen Moment« gewartet, obwohl ich wusste, dass es ihn nicht

gab. Ich meine – mal ehrlich – wie muss ein Moment beschaffen sein, in dem man mal so nebenbei sagen kann: »Hey, übrigens, du sitzt erstmal hier fest, alles was du bisher kanntest, ist nicht mehr« ?

Die Kabine war verriegelt, aber als Schiffseigner konnte ich die Verriegelung natürlich aufheben. Wäre das richtig, oder ein weiterer Vertrauensbruch? Was sollte ich nur machen?

Ich beschloss, erstmal nichts zu tun. Armselig, oder?

Irgendwann wurde das Weinen leiser, ich möchte fast sagen, erschöpfter. Dann fragte sie durch die Tür: »Hast du meinen Eltern die Nachricht geschickt?«

Ich konnte nur mit einem überraschten »Was?« antworten, und sie schrie mit sich überschlagender und brechender Stimme »Die Nachricht! Dass ich an Bord bin, dass es mir gut geht! Hast du die wirklich geschickt?«

»Ja.«

»Wie lange hat es gedauert, bis sie angekommen ist?«

»Etwa sechs Jahre.«

Das verursachte einen weiteren Weinkrampf, und meine Beschwichtigungsversuche blieben ungehört. Aber was hätte ich denn sagen sollen?

Marja weinte sich (und mich) in den Schlaf. Nach ein paar Stunden schlich sie sich aus der Kabine, holte sich am Assembler etwas zu essen und huschte schnell zurück. Ich stellte mich schlafend, ich wollte sie nicht verschrecken und damit vom Essen abhalten, außerdem wusste ich eh nicht, was ich hätte sagen sollen.

Am nächsten Morgen hörte ich sie in ihrem Raum rumoren und gelegentlich auch schluchzen, aber sie reagierte nicht auf meine Zurufe. Erst zum Mittag kam sie heraus und nahm schweigend am Tisch Platz, um ihre Suppe zu löffeln. Sie sah so elend aus, wie ich mich fühlte.

Eine Weile setzte ich mich dazu und aß ebenfalls, was sie stillschweigend duldete. Dann versuchte ich eine Erklärung.

»Wenn der Sprung einmal initiiert ist, kann man ihn nicht mehr abbrechen. Als ich dich gefunden habe, war es zu spät.«

»Ich weiß. Hab ich nachgelesen.«

»Tut mir leid. Ich wusste einfach nicht, wie ich es dir hätte sagen sollen.«

»Ist schon gut.« War es nicht, das konnte ich am Tonfall hören. Ebenso den Wunsch, ich solle besser die Klappe halten. Also tat ich das.

Von dem lebhaften, neugierigen Kind, als das ich Marja kennengelernt hatte, war während des laufenden Sprunges nicht viel zu sehen. Nur langsam näherten wir uns wieder an, vermieden aber bestimmte Themen. Beim nächsten Stopp reduzierte ich das Geschäftliche auf das absolut notwendige Minimum, so dass wir in zwei Tagen fertig waren. Dann setzte ich Kurs auf das 1000-Jahre-Treffen und übersprang damit die drei folgenden regulären Stopps. Ich brauchte eine Lösung für das Marja-Problem.


Historischer Exkurs, Teil III

Elementarteilchen verbinden sich zu Atomen, Atome zu Molekülen. Diese verbinden sich zu komplexeren Strukturen bis hin zu Einzellern. Viele Einzeller bilden einen Organismus. Hochentwickelte Organismen gründen soziale Gruppen, die sich wiederum zusammenschließen und Staaten bilden. Auf jeder Ebene gibt es Botenstoffe, die die Einzelteile verbinden – seien dies Elektronen, Hormone, Worte oder Briefträger. Und auf jeder Ebene erschafft der Zusammenschluss etwas Neues, noch nie da gewesenes.

Wir sind inzwischen auf der interstellaren Ebene angekommen, und die Verbindung zwischen den einzelnen Planeten stellen wir Fernhändler dar. Nicht ohne Grund benennen wir unsere Schiffe »Axon« oder ähnlich – das Axon ist der lange schlauchförmige Fortsatz von Nervenzellen, mit dem sie die anderen Nervenzellen erreichen und Kontakt halten. Was konkret dieser riesige Zusammenschluss von besiedelten Planeten darstellt? Das wissen wir nicht, aber ebenso wenig weiß das Elektron, was ein Molekül ist.

Seit die Fernhändler ihre Touren fliegen und regelmäßig Welten mit einer Infusion neuer und vergessener Geschichten und Ideen versehen, sind nachweislich die Fälle seltener geworden, in denen sich eine Kolonie selbst auslöscht. Dunkle Zeitalter sind im Schnitt kürzer und weniger heftig, wir haben also in jedem Fall einen positiven Einfluss. Und keine Idee ist zu abstrus, als dass sie nicht auf irgendeiner Welt bis zur Gänze ausprobiert und erforscht wird, so dass man sie dann getrost verwerfen oder in das galaktische Erbe aufnehmen kann. Außerdem sorgt der Shakespeare-Effekt (benannt nach einem alten Schriftsteller von der Heimatwelt) für eine annähernd gleiche Sprache auf allen Welten, wenn die Sprachverschiebungen stets wieder zurückjustiert werden.

Wir Fernhändler koordinieren uns, und das ist bei den Gegebenheiten keine leichte Angelegenheit. Ein zufälliges Zusammentreffen ist extrem unwahrscheinlich. Kaum eine Gesellschaftsform übersteht mehr als 500 Jahre, was also einst ein sicherer Treffpunkt war, kann nun eine atomare Wüste sein, in der Bücherleser erschossen werden.

Also wurden die 1000-Jahres-Treffen eingeführt. Alle 1000 normalen Jahre treffen wir uns an einem bestimmten Ort. Ausrichter ist ein gigantisches Trägerschiff, welches selbst die Zwischenzeit auf Lichtgeschwindigkeit verbringt, so dass wir stets eine gewohnte Umgebung, technologisch kompatible Werften und bekannte Gesichter antreffen.

Eine Tour aus zwölf Sprüngen dauert für mich etwa 24 Pewochs und führt mich kreisförmig zum 1000-Jahres-Treffen zurück. Gefällt es mir irgendwo besonders gut, bleib ich auch mal einen Monat oder ein Jahr dort. Im Schnitt verbrauche ich im Verlauf der 1000 Jahre etwa acht bis zwölf Monate meiner Lebenszeit. Zum Ende ist immer etwas Puffer, da fliege ich dann einen kleinen Umweg in Lichtgeschwindigkeit, um die fehlenden Jahre aufzubrauchen, während für mich keine Zeit vergeht. Schlussendlich kommen wir stets punktgenau zum Treffen an.

Unsere Zusammenkunft ist nur eine von vielen. Manche Piloten reisen zwischen den verschiedenen Treffen hin und her

und verbinden dadurch diese Knotenpunkte. Das Universum ist unglaublich groß! Und wenn du glaubst, 1000 Jahre Geschichten einer Welt sind bereits beeindruckend, dann überschlag einmal, welche Mengen an Daten auf einem 1000-Jahre-Treffen umgeschlagen werden …

Auf dem Zusammenkünften koordiniert man die Routen für die nächsten 1000 Jahre, so dass alle Planeten immer mal wieder besucht, neue Systeme erforscht und Mehrfachbesuche in kurzer Zeit vermieden werden. Dabei ist alles freiwillig, niemand ist gezwungen, zu den Treffen zu kommen oder exakt diese Welten anzufliegen. Es hat sich einfach als ungeheuer praktisch erwiesen. Und es tut unglaublich gut, hin und wieder bekannte Gesichter zu sehen und Freundschaften mit Menschen zu schließen, die nicht beim nächsten Sprung von der Zeitdilatation gefressen werden.

Ich glaube, wir werden auf dem Treffen eine gute Möglichkeit finden, dich irgendwo unterzubringen.


Man ist als Reisender ja viel gewohnt, aber der Empfangsball des 1000-Jahre-Treffens war an Opulenz kaum zu übertreffen. Was sich hunderte von Welten in Millennien ausdenken können, wurde hier zur Wirklichkeit. Ich war jedes Mal überwältigt und stolz, ein Teil davon sein zu dürfen.

Marja trug ein entzückendes Kleid aus der Nuckelavee-Kollektion. Meine Einwände, dass keine Sau die Viecher kennt, hatte sie mit der Bemerkung vom Tisch gewischt, dass sie dies in den kommenden Jahrtausenden zu ändern gedenke und am besten gleich hier und jetzt damit beginnen würde. Ihr emotionaler Zustand war im Großen und Ganzen stabil, ebenso unser Verhältnis zueinander. Ich selbst trug einen maßgeschneiderten Anzug, wie er auf Hellgate der neueste Schrei ist (oder besser: war, inzwischen sind dort etwa 700 Jahre vergangen. Aber egal – das Teil sieht einfach geil aus).

Der Saal wurde dominiert von filigranen Kristallskulpturen, die in milchigem Beigeton den Raum beleuchten. Möglich wird dies durch biolumineszierende Organismen, die in die Kristalle eingeschlossen sind. Verschiedenste Köstlichkeiten wurden gereicht, während man sich an Kunstgegenständen und Genkreationen hunderter Welten ergötzen konnte.

Marjas erster Eindruck war ein simples »Whoaaa!«

Ich zeigte zur Decke und entlockte ihr ein noch inbrünstigeres »WHOAAAA!«

Der Saal war kugelrund, alle Gäste bewegten sich durch die künstliche Schwerkraft gehalten auf der Innenseite der Hohlkugel. Von hier konnte man sehen, dass die Kristalle nicht etwa zufällig, sondern nach einem ästhetischen Muster aufgestellt waren, welches nur von der jeweils anderen Seite erkennbar war. Dazwischen fügten sich die flanierenden, tanzenden und pausierenden Gäste ein und gaben dem Ganzen etwas harmonisch Fließendes.

Ich grüßte viele bekannte Gesichter und stellte Marja vor, während ich zielstrebig unseren Weg zum Regenbogenfarn suchte, einer Skulptur, die aus Pflanzen aus verschiedenen Systemen bestand und deren Blätter in allen denkbaren Farben leuchten. Dort hatte ich mich per iMplantat mit einer guten Freundin verabredet.

Sie war gekommen, und sie trug das schwarze Kleid, das ich so an ihr mochte. Eine Weile waren wir mehr als nur Freunde gewesen, und es gab eine Zeit, da wünschte ich, wir könnten unsere Schiffe zusammenlegen.

Schelmisch grinste sie uns an. »Mein alter Freund, schön, dich zu sehen! Du hast dich kaum verändert, stattlich wie eh und je!«

»Elisabeth … Elli … du siehst auch sehr … gut aus«, stammelte ich mir zurecht. Ich konnte das Vergnügen in ihren Augen erkennen. Mit voller Absicht hatte sie mich auflaufen lassen.

»Ach, du alter Charmeur! Alt bin ich geworden, das wolltest du sagen. Das rote Haar ist weiß und die Haut alt und schrumpelig. Ich bin schon lange nicht mehr das feurige Mädchen, mit dem du einst ausgingst.«

Ja, stimmt. Elli hatte seit dem letzten 1000-Jahre-Treffen mindestens 60 Jahre zugelegt.

»Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich bin etwas überrascht. Was ist passiert? Ich meine, was hat dich aufgehalten?«

»Ach, das ist schon in Ordnung. Ich habe halt einen Gonzales gezogen.«

›Einen Gonzales ziehen‹ war Fernhändlerjargon dafür, auf einer Welt einen Partner zu finden und sein Leben dort zu verbringen. Ähnlich wie die Robinsonade lässt sich der Begriff auf einen einflussreichen Roman zurückführen. Die Höflichkeit hatte eine Standardreaktion auf diese Floskel parat, die ich direkt nutzte:

»Und, war er es wert?«

»Er war ein Arschloch, das habe ich recht schnell gemerkt. Aber sie war wundervoll!«

»Oh, eine Sie? Ich wusste gar nicht, dass du …«

Sie lachte ihr glockenhelles Lachen, das sich kein bisschen verändert hatte.

»Nein, du Dummkopf. Sie, damit meine ich meine Tochter. Aber wie ich sehe, warst du auch nicht untätig.«

Sie blickte in Richtung Marjas, die sichtlich genervt den unverständlichen Worten der Erwachsenen lauschte.

Schnell stellte ich die Damen einander vor und erklärte, wie Marja an Bord der Axon Zwölf gekommen war. Elisabeths Gesicht (ich konnte sie einfach nicht mehr Elli nennen) wurde ernst, und ihr Blick durchbohrte mich, als wüsste sie bereits, was ich vorhatte.

»Soso, ein blinder Passagier also. Weißt du, ich habe Robert und Bo bei den Frosch-Spirituosen gesehen, vielleicht sagst du mal Hallo und ihr plaudert über die alten Zeiten. Ich unterhalte mich derweilen mit Marja, von Frau zu Frau.«

Das lief besser als erwartet. Ich hatte zwar das Gefühl, die Initiative verloren zu haben, aber Frauenthemen waren mir eh unangenehm, Rob und Bo waren klasse Typen und Frosch-Spirituosen … nun ja, die sind kompliziert, ich erkläre das vielleicht später mal.


Dem Detox war zu verdanken, dass ich bei halbwegs klarem Verstand war, als Elisabeth mich am Ohr vom Frosch-Tresen wegzog. Wahrscheinlich war ich nur deshalb überhaupt noch am Leben, obwohl ich mir nicht sicher war, ob das gerade von Vorteil war.

Mit erstaunlicher Kraft zog mich die alte Frau in ein Separee, welche für private Gespräche überall im Kugelsaal zugänglich waren. Dort erwartete mich schon Marja. Sie hatte offensichtlich wieder geweint.

»Du bist ein gewaltiger Vollidiot, das weißt du hoffentlich?«, fragte mich Elisabeth mit gefährlich ruhiger Stimme. Ich blickte sie an, blieb aber still, da ich ahnte, dass ich trotz der Frage noch keine Redeerlaubnis hatte.

»Dieses Kind hat seine ganze Familie, seine Welt verloren, und dir fällt nichts Besseres ein, als sie auf die größte Party im Universum zu schleppen? Du hast sie belogen, ihr Dinge verheimlicht und dann kein Sterbenswörtchen gesagt, um sie durch ihren Schmerz zu begleiten? Und jetzt versuchst du wohlmöglich, die unangenehme Sache loszuwerden, indem du sie mir als Lehrling aufschwatzen willst?«

Ups … Bingo.

»Ich kenne dich, mein Jüngelchen, das wäre genau dein Stil!«

Ich öffnete den Mund zur Widerrede, doch sie unterbrach mich.

»Und komm mir jetzt nicht mit Regularien und Fernhändler-Regeln!«

Ich schloss den Mund. Eine peinliche Pause entstand.

»Ach, Mensch, du hättest mein Gonzales sein können«, setzte sie mit weicherer Stimme fort, »aber deine Achtlosigkeit hat dir immer schon im Weg gestanden. Also – was machen wir jetzt? Bei mir kannst du sie nicht abgeben, dazu bin ich inzwischen zu alt. Und außerdem hast du noch eine Schuld abzutragen.«

Ich fühlte mich elend, vermied den Augenkontakt mit beiden Frauen und stammelte irgendwas Entschuldigendes vor mich hin. Verdammt, warum mussten mir ausgerechnet jetzt die Augen tränen und die Nase laufen?

»So wird das nichts«, lenkte meine alte Freundin ein, nachdem

sie mich eine Weile hatte zappeln lassen. »Du musst lernen, Verantwortung zu übernehmen und Menschen in dein Leben zu lassen, auch für länger als einen Planetenbesuch. Und du«, wandte sie sich an Marja, »brauchst jemanden, der dir diese neue Welt erklären kann. Und dafür ist keiner besser geeignet als der Idiot da. Wenn ihr euch also beide einverstanden erklärt« – ihr Tonfall ließ uns wissen, dass wir hier keineswegs eine Wahl hatten – »dann bleibt Marja bis auf weiteres auf der Axon Zwölf, und ihr lernt, euch damit zu arrangieren.«

Das lief überhaupt nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Dass es ein paar harte Worte und schwierige Verhandlungen gäbe, davon war auszugehen, aber ich war doch fest überzeugt gewesen, dass Elli oder später Elisabeth sich des Mädchens annehmen würde. Aber die alte Frau hatte mich mit ihrer Lebenserfahrung ausmanövriert. Tatsächlich fühlte es sich aber gar nicht mal schlecht an. Klar, auf der einen Seite wollte ich niemanden, der meine Unabhängigkeit dauerhaft störte und für den ich letzten Endes auch noch verantwortlich wäre. Auf der anderen Seite aber spürte ich eine Art von Erleichterung und auch Freude, wenn ich mir vorstellte, Marja auch weiterhin an Bord zu haben. Und – hey – ich wurde ja quasi dazu gezwungen! Äußere Einflüsse! Ich selbst nix Schuld!

»Also, Marja, wenn das ok für dich ist und du etwas Geduld mit so einem Eigennbrötler wie mir hast, dann würde ich dich sehr gerne an Bord der Axon Zwölf haben«, bot ich schließlich an.

»Ja, ich denke auch, das wäre ganz ok«, schniefte sie.

»Kleiner Tipp: Ihr dürft euch auch durchaus mal umarmen«, bemerkte Elisabeth, und sofort flog mir Marja um den Hals.

Ich glaube, das tat uns beiden sehr gut.

ENDE


Ingo Muhs

Ingo Muhs wurde geboren und ist aufgewachsen. Seit frühester Jugend ist er ein passionierter Reisender in vielen Welten, die er durch Bücher, Filme und den Computer erreicht. Nachdem er sein Hobby zum Beruf gemacht hat und bei einem renomierten Spiele- hersteller im Raum Frankfurt arbeitet, wagt er nun seine ersten bescheidenen Schritte im Schreiben eigener Kurzgeschichten.

Back to Basic

Carmen Capiti

Ich sehe, dass Ihre Sorge gewissermaßen berechtigt ist«, sagte der Sozialarbeiter, welcher mit ihrer Mutter in der Küche saß. »Kerr ist ... ein spezielles Kind.«

»Immer wieder höre ich das Wort speziell«, antwortete ihre Mutter. »Kann mir mal jemand erklären, was genau das bedeutet?«

Kerr hatte die Beine an den Oberkörper gezogen und saß im Wohnzimmer auf dem Boden. Sie wusste, dass ihre Mutter sie sehen konnte, wenn sie den Hals streckte, darum tat sie so, als wäre sie hochkonzentriert. Sie hatte sich sogar den ausgeschalteten VR-Helm übergestreift, damit die beiden nicht merkten, dass sie lauschte.

»Andere Kinder im Alter von zwölf bis sechzehn Jahren sind in ihrer Entwicklung weiter«, führte der Sozialarbeiter aus, als würde es sich dabei um Neuigkeiten handeln. »Die meisten haben bereits die ersten fünfzehn Level mit den NanoBloxx hinter sich und können die Roboter für produktive Dinge programmieren. Kerr hingegen ...«

»Kerr steckt auf den ersten paar Leveln fest, ich weiß.« Ihre Mutter klang niedergeschlagen. »Sie sträubt sich einfach dagegen, es zu lernen.«

Kerr zuckte zusammen, als etwas ihren Arm streifte. Sie streckte die Hand aus und spürte den weichen Plüsch des kleinen Roboterlöwen. Er schmiegte sich an sie und sie streichelte ihn, was ihre Beklommenheit etwas vertrieb.

Sie sträubte sich doch gar nicht gegen das Lernen. Sie hasste nur, dass es in dem VR-Helm so dunkel war. Natürlich war es an ihr, die Düsternis mit Code-Blöcken zu füllen, aber wie sollte sie die Konzentration dafür hinkriegen, wenn da einfach immer nur diese blöde Beklommenheit war?

»Wir haben andere Kinder wie sie gesehen. Noch ist nicht alles verloren«, sagte der Sozialarbeiter.

»Aber was kann ich tun, um ihr zu helfen? Es muss doch etwas geben!«

Stoff raschelte.

»Ermutigen Sie sie weiterhin zum Üben. Benutzen Sie extrinsische Motivationsfaktoren und fördern Sie intrinsische. Loben Sie sie, wann immer sie Fortschritte erzielt.«

Alles Dinge, die ihre Mutter bereits tat.

»Vielen Dank für Ihre Einschätzung.«

Das sanfte Zischen der Haustür erklang und wenig später berührte Kerr etwas an der Schulter. Sie streifte den Helm ab und wandte sich um. Eine feine Wolke reflektierender Punkte verschwand gerade in der Küche.

Kerr seufzte und nahm den Löwen in die Arme, wo er seinen Kopf gegen ihre Brust rieb und brummte. Ihn fest an sich gepresst folgte sie den Punkten.

»Liebling«, sagte ihre Mutter, die den Tisch deckte. »Wie lief es heute mit deinem Wölkchen?«

Dabei nickte sie in Richtung von Kerrs rechter Schulter, wo sich die NanoBloxx tummelten. Ihre Mutter mochte die Anfänger-Nanocloud verniedlichen, in Wahrheit waren Kerrs Roboterchen aber bedeutend größer als diejenigen in der schimmernden Wolke ihrer Mutter. Und auch bei Weitem weniger zahlreich. Während eine richtige Nanocloud gut eine Million Roboter zählte, umfassten die NanoBloxx nur um die hunderttausend.

»Gut«, sagte Kerr nur und setzte sich. Dabei stieß sie mit dem Ellenbogen gegen ein Glas Wasser und verschüttete den Inhalt über dem Tisch.

»Oh!« Sie wollte aufspringen, um einen Lappen zu holen, als sich die Nanocloud ihrer Mutter bereits wie eine Decke über das Wasser legte.

»Lass nur, Süße. Ist nicht so schlimm«, sagte ihre Mutter und küsste sie auf den Kopf. Meinte sie das Training oder die Sauerei auf dem Tisch?

Nur Sekunden später hatten die Nanoroboter die Pfütze getrocknet, das Glas hingestellt und es erneut mit Wasser aus dem Krug gefüllt.

»Ich habe heute Siene und ihren Vater getroffen«, erklärte ihre Mutter. »Sie waren auf dem Weg, Sienes Nanoboard auszuwählen.« Mit den Worten tippte sie sich selbst gegen die Schläfe, wo ein silberner Haarreif ein farbiges Plättchen mit eingelassenen Sensoren an Ort und Stelle hielt.

»Ah«, sagte Kerr und ein Knoten bildete sich in ihrer Kehle.

Sie wusste, dass ihre Mutter sie nur anspornen wollte. Zu wissen, dass bereits die ersten ihrer Altersgruppe ein Nanoboard angepasst bekamen, demotivierte Kerr jedoch mehr als alles andere. Leicht eifersüchtig schielte sie zu dem Haarreif. Wie viel angenehmer das Programmieren damit doch sein musste im Gegensatz zum klobigen und dunklen VR-Helm. Aber nur die älteren Jugendlichen, die das NanoBloxx-Training bereits absolviert hatten, kriegten ein richtiges Nanoboard. Vorher war die direkte Gehirnwellenschnittstelle schlichtweg zu teuer.

Ihre Mutter schien zu bemerken, dass sie Kerr für den Moment nicht helfen konnte, also aßen sie schweigend.


Am Abend stand Kerr vor dem Spiegel und betrachtete die grauen Klötzchen über ihrer Schulter, die sich unablässig bewegten, zu geometrischen Formen fügten und sich wieder voneinander lösten.

Wie sie die NanoBloxx hasste. Im Gegenzug zu den reflektierenden Nanorobotern der Erwachsenen waren sie hässlich und rau. Vor allem aber erinnerten sie Kerr tagein und tagaus daran,

wie viel Kummer sie ihrer Mutter bereitete. Auch jetzt hörte sie sie im Nebenzimmer schluchzen. Wenn sie es doch nur schaffen würde, sich zu konzentrieren, dann könnte sie bestimmt auch bald ihr Nanoboard aussuchen und alles wäre in Ordnung. Siene konnte ihre NanoBloxx bereits dazu bringen, ihr Gegenstände hinterherzutragen oder aufzufangen, was sie fallen ließ. Kerr hingegen kriegte ihre Bloxx nicht mal dazu, eine gleichmäßige Kugel zu formen.

Der kleine Roboterlöwe saß auf ihrem Kopfkissen und maunzte. Eine von ihrer Mutter programmierte Funktion, die sie dazu bringen sollte, zeitig zu Bett zu gehen. Bis vor einigen Jahren hatte das noch funktioniert, aber heute mochte sie sich nicht vom Kuscheltier verleiten lassen. Sie wollte endlich ihrer Mutter den Kummer nehmen und sie stolz machen.

Sie atmete tief durch und setzte sich im Schneidersitz auf den Boden. Dann biss sie die Zähne zusammen und streifte den VR-Helm über. Als die Dunkelheit sie umfing, machte sich sofort die altbekannte Beklommenheit in ihr breit. Wie damals vor fünf Jahren, als ...

Konzentriere dich!, herrschte sie sich an.

Sie aktivierte den Helm und das gleichmäßige sanfte Rauschen des Antischall-Moduls erklang in ihren Ohren. Jetzt war sie allein, abgeschottet von der Umwelt.

Ein einzelner grauer Punkt blinkte in ihrer Peripherie und Kerr lenkte all ihren Fokus auf ihn. Sie hatte die anleitende Stimme auf stumm geschaltet, da sie die Erläuterungen zu den Lektionen bereits in- und auswendig kannte. Der Punkt vergrößerte sich etwas und Kerr erkannte die unzähligen kleinen Greifärmchen und die Module des Nanoroboters.

»Okay«, flüsterte sie. »Jetzt der Code.«

In ihrer Erinnerung durchstöberte sie die Codefragmente, die sie auf den einzelnen Roboter anwenden konnte. Doch kaum schwenkte ihre Konzentration vom leuchtenden Punkt vor ihren Augen ab, fühlte es sich an, als fiele sie in ein schwarzes Loch. Ihr Magen zog sich krampfhaft zusammen und ein dicker Knoten

bildete sich in ihrem Hals. Mit einem Schlag kehrte die Panik zurück, die sie damals verspürt hatte, als ihre Durchblutungsstörung sie kurzzeitig hatte erblinden lassen. Sie wollte schreien, sich irgendwo festhalten, doch ihre Hände fassten ins Leere.

Schließlich riss sie sich den Helm vom Kopf und schmetterte ihn quer durch den Raum. Tränen quollen aus ihrem Augen und sie konnte ein Schluchzen nicht zurückhalten.

Der Roboterlöwe war vom Bett gesprungen und jagte dem davonrollenden Helm hinterher, bevor sich seine viel zu weichen Zähne in dessen Polster verbissen.

»Ja«, schniefte Kerr. »So sehe ich das auch.«

Sie versuchte erfolglos, ihre Atmung zu beruhigen. Stattdessen überflutete sie das schlechte Gewissen. Sie brauchte sich doch nur stärker bemühen! Siene und die anderen kriegten es auch alle auf die Reihe und früher hatte immer Kerr als das aufgeweckte, kluge Kind gegolten.

Sie schluckte einen verzweifelten Schrei hinunter und sprang auf die Beine. Es war vorbei. Sie konnte so nicht weitermachen. Ihre Mutter hatte genug um die Ohren, als dass sie noch so eine Versagerin wie sie als Tochter verdient hätte.

Mit zittrigen Händen zerrte sie ihren Rucksack hervor und entleerte ihn auf dem Bett. Dann begann sie einzupacken, was sie für wichtig hielt. Eine Jacke, frische Unterwäsche, einen Schal.

Der Plüschlöwe hatte ihre Aufbruchbereitschaft aufgeschnappt und rannte freudig im Zimmer hin und her, um ihr Dinge zu bringen, die sie benötigen könnte. Irgendwann schlich er aus dem Raum und trug allerlei aus dem gesamten Haushalt zusammen. Kerrs Sicht war durch die erneuten Tränen verschwommen und sie stopfte einfach alles in ihren Rucksack. Irgendwie würde sie all das schon brauchen. Zum Schluss wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und schulterte die Tasche. An der Haustür schlich der Löwe ihr derart um die Beine, dass sie es nicht über sich brachte, ihn zurück zu lassen. Immerhin war er ihr Begleiter seit sie ein Kind war. Um ehrlich zu sein, hatte ihre Mutter ihn ihr gekauft, als sie damals wegen ihrem Augenleiden in Behandlung gewesen war.

»Na schön«, sagte sie zu ihm und packte ihn sich unter den Arm.

Auf der Straße drehte sie sich noch einmal um. Hätte sie eine Nachricht hinterlassen sollen? Nein. Ihre Mutter wäre sicher glücklich, wenn sie fort war und eine Erklärung brauchte es nicht wirklich. Sie würde es schon wissen.

Die NanoBloxx surrten beständig neben ihrem Ohr und wann immer sie sie verscheuchen wollte, wichen sie ihren Händen aus und kehrten danach an Ort und Stelle zurück.

Kerr hatte gehört, dass es Menschen gab, die keine Nanocloud auf sich geprägt hatten. Sie lebten außerhalb der Stadt und keiner bekam sie je zu Gesicht, weil sie von der Gesellschaft ausgestoßen waren. Diese Leute mussten eine Möglichkeit kennen, wie Kerr ihre dummen Bloxx los wurde. Wenn sie sie nicht befehligen konnte, dann brauchte sie sie auch nicht um sich herum. Da draußen würde sie glücklich werden. Da draußen hatte niemand Erwartungen an sie.

Kaum war sie einige Schritte gegangen, hielt ein Taxipod neben ihr. Sie zögerte kurz, dann fiel ihr auf, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie an die Stadtgrenze kommen sollte. Also stieg sie in die Kapsel und wählte einen Zielpunkt ganz außen am Stadtrand.

»Herzlich willkommen an Bord, Kerr«, sprach eine automatisierte Stimme.

Die Kapsel stieg in die Höhe und reihte sich über den Dächern der Wolkenkratzer zwischen unzähligen weiteren Pods ein.

Müde beobachtete Kerr die Lichter unter sich. Genauso stellte sie sich vor, dass es unter dem VR-Helm aussehen könnte, wenn sie es hinkriegen würde. Lauter bunte Lichter in der Dunkelheit, die sich bewegten, wie sie wollte. Vielleicht wäre es aber auch vollkommen anders. Die anderen Jugendlichen sprachen immer sehr unterschiedlich von ihrem eigenen Kreationsraum im VR.

Irgendwann löste sich der Pod aus der Reihe und setzte zu einem Sinkflug an. Kerr guckte nach unten und ein kalter Schauer überkam sie. Sie hatte keine Ahnung, wo sie war.

»Natürlich nicht«, sprach sie sich selber zu. »Das wusstest du auch, Dummchen.«

Sie drückte den Löwen an sich und er begann, mit seiner trockenen Stoffzunge über ihre Hände zu lecken.

Zweifel erwachten in ihr. Was, wenn diese ausgestoßenen Leute sie nicht mochten? Wenn sie sie angreifen würden, nur weil sie die NanoBloxx bei sich hatte? Vielleicht hätte sie gar keine Zeit, zu erklären, was sie von ihnen wollte, bevor sie sie verjagten.

Als sie gelandet waren, nahm Kerr allen Mut zusammen und schlüpfte aus dem Pod.

»Vielen Dank, Kerr. Der Betrag wurde abgebucht.«

Die Straße war leer. Der Schein der gelbweißen Straßenbeleuchtung erhellte sie zwar und die Stadt schickte eine trübe Helligkeit herüber, aber in praktisch keinem der Fenster war das Licht an. Wie unheimlich. In der Stadt brannte immer und überall Licht.

Gleichzeitig war alles so still.

Der Löwe strampelte in ihren Armen und sie setzte ihn auf den Boden. Mit zwei Sätzen war der Kleine um die nächste Ecke verschwunden.

»Warte!«, rief Kerr und rannte ihm hinterher.

Kaum war sie in die Straße eingebogen, prallte sie mit etwas zusammen, was sie auf ihren Hintern bugsierte.

»He!«, sprach eine raue Stimme über ihr.

Kerr schrie vor Schreck, sprang auf die Beine und hetzte in die andere Richtung davon. Sie wusste nicht, wovor sie wegrannte, aber sie spürte, dass man sie verfolgte. Auf einmal kam es ihr vor, als wäre der Boden aus Gummi. Sie strauchelte und fiel der Länge nach hin.

Sofort lagen Hände auf ihren Schultern und fassten sie grob an. Nur einen Moment später stand sie wieder auf den Füßen. Ein Mann hatte sie aufgestellt und redete auf sie ein, doch sie hörte nicht hin. Sie schüttelte vehement den Kopf und versuchte sich zu befreien.

»He«, drang es zu ihr durch. »Ganz ruhig.«

Der Griff um ihre Schultern lockerte sich, aber der Mann ließ sie nicht gehen. Als sie die Ausweglosigkeit erkannte, verharrte sie und wagte es, ihn direkt anzuschauen.

Er sah nicht aus wie ein Ausgestoßener. Sein Gesicht war jung und ernst, aber er hatte freundliche Augen und gar keine Narben oder so. Die Ausgestoßenen hatten nämlich keine Medizin, hatte sie gehört. War er möglicherweise gar keiner? Kerr konnte weit und breit keine Nanocloud sehen, also musste er doch einer von ihnen sein?

»Hast du dir weh getan?«, fragte er.

Kerr schüttelte nur den Kopf, ihren pochenden Hintern ignorierend.

»Hier.« Der Mann ließ sie los und hob etwas vom Boden auf. Dann streckte er ihr lächelnd ihren Roboterlöwen hin. Kerr nahm das Haustier entgegen und hielt es fest in den Armen.

»Keine Angst. Dir passiert schon nichts. Warum bist du so ...« Er blinzelte mehrmals verwirrt, als sein Blick auf ihre NanoBloxx fiel. Kerr begann unweigerlich zu zittern.

»Oh«, sagte er langgezogen. »Wie bist du denn hierher gekommen, Kleine?«

Erneut brachen Tränen aus Kerrs Augen und sofort ließ sich der Mann vor ihr auf die Knie nieder.

»Hast du dich verirrt?«

Kerr schüttelte den Kopf, versuchte, tief durchzuatmen, und strich sich dann die Tränen von den Wangen.

»Nein«, sagte sie mit so fester Stimme wie möglich. »Ich bin mit dem Taxipod gekommen.«

Der Mann lachte auf. »Mit dem Taxi? Aus der Stadt? Das hört sich nach einem echten Abenteuer an. Weißt du was, lass uns drinnen weiter reden.«

Er streckte ihr die Hand entgegen und mangels Alternativen ergriff sie Kerr. Er schien ihr nichts Übles zu wollen, nur weil sie die NanoBloxx dabei hatte.

Er führte sie zwei Straßen weiter und öffneten eine Tür für sie, ganz altmodisch mit einem externen Signal von seinem Handcomputer.

Fasziniert betrat Kerr einen Aufzug, der ohne Sprachsteuerung auskam, bis sie schließlich im Wohnzimmer in einer kleinen Wohnung standen.

»Ich bin Janier«, sagte der Mann und wies auf das Sofa.

Kerr setzte sich schüchtern, den Löwen immer noch an sich gepresst, obschon dieser sich los zu strampeln versuchte.

»Ich heiße Kerr.«

»Ich mach dir was zu trinken, Kerr. Möchtest du heißen Kakao?«

Sie nickte und Janier verschwand in einem angrenzenden Raum. Sie hörte die Geräusche, die sie aus veralteten Filmen kannte, wenn jemand mit manuellen Küchengeräten hantierte, das Knirschen, Knacken und Surren alter Motoren. Die ganze Wohnung sah irgendwie aus wie aus einem Film.

Kurz darauf setzte Janier eine dampfende Tasse vor ihr ab und platzierte sich mit einer eigenen ihr gegenüber auf einen Sessel.

»Also Kerr. Erzähl doch mal, warum du alleine in den Straßen von Basic unterwegs bist.«

»Basic?«, fragte sie und pustete in den Kakao.

Janier lächelte. »Irgendwer hat irgendwann damit begonnen, unser Quartier so zu nennen. Du weißt doch, wo du hier bist, oder?«

»Ja«, sagte sie langgezogen. »Bei den Ausgestoßenen.« Kaum hatte das Wort ihren Mund verlassen, verschüttete sie vor Schreck etwas Kakao.

Sie blickte Janier aus großen Augen an und hoffte, dass er ihr den Ausdruck nicht übel nahm.

Aber Janier lachte nur. »Ausgestoßene. Erzählt man sich diese Ammenmärchen immer noch in den Unterrichtsstunden? Faszinierend, wie beharrlich sich gewisse Dinge halten.«

Kerr biss sich auf die Lippen und sagte nichts. Janier beugte sich verschwörerisch zu ihr hinüber.

»Wir sind keine Ausgestoßenen. Jeder von uns lebt freiwillig hier. Und jeder darf auch zurück in die Stadt, wann immer er oder sie will.«

»Aber hier hat es so wenig Licht. Und keine Menschen auf der Straße«, sagte Kerr ungläubig.

»Das stimmt. Aber das ist so gewollt. Wir sind der Meinung, dass die Stadt schon hell genug leuchtet. Weißt du, dass man ganz weit außerhalb sogar die Sterne am Himmel sehen kann?«

Kerr schüttelte den Kopf.

»Außerdem haben wir Arbeits- und Ruhezeiten, die die meisten hier einhalten. In der Nacht sind darum nur wenige Leute unterwegs. Auch wegen der Wildhunde, die sich ab und zu hierhin verirren.«

»Hunde?« Kerr machte große Augen. »So richtige?«

»Ja. Sie finden hier Futter und Wärme und in der Nacht ist es ruhig, weshalb sie sich bis zu uns vorwagen. Wenn man weiß, welche Ecken man im Dunkeln meiden sollte, machen sie keine Probleme.«

»Oh«, sagte Kerr fasziniert. »Und warum lebt ihr so?«

»Es gefällt uns schlichtweg besser. Technik ist schön und gut, aber im Großen und Ganzen gibt es in der Stadt einfach etwas zu viel davon. Wir finden es so angenehmer und der Stadtrat hat keine Probleme damit.«

»Und die Nanocloud?«

»Haben einige von uns nie kennen gelernt, andere haben sich von ihrer trennen lassen, als sie hierherkamen. Ganz unterschiedlich.«

Bevor sie eine weitere Frage stellen konnte, hob Janier den Zeigefinger. »Jetzt bin ich an der Reihe, junge Dame. Warum bist du ganz alleine in einem Taxipod hierhergekommen?«

Kerr ließ sich tief in die Polster zurücksinken. Der Geruch von Kunstleder überschwemmte sie. Und was war das, was ihr in der Nase kitzelte? Staub? Wie ungewöhnlich für das Innere einer Wohnung. Sie bemerkte, wie ihre Gedanken abschweiften, und zwang sie zum Gespräch mit Janier zurück.

»Ich ... ich möchte bei euch leben. Ohne Nanocloud.«

Janier hob überrascht eine Augenbraue. »Du hast erst die Bloxx, warum weißt du, dass du gar nicht erst die Cloud willst?«

»Ich weiß es einfach«, antwortete sie trotzig.

»Ich verstehe.«

Für einen Moment starrten beide in ihre Tassen.

»Weißt du«, sagte Janier dann. »Wenn du später keine Nanocloud willst, lässt du dich einfach mit keiner koppeln. Aber es ist ziemlich schwierig, die Behörden zu überzeugen, dass du die Bloxx abstoßen möchtest.«

»Habt ihr sie euch denn nicht selber entfernt?«, fragte Kerr kleinlaut.

»Selber? Du meinst uns gegenseitig hier in Basic? Aber nein, warum sollten wir? Wir gehen zu den entsprechenden Zentren in der Stadt für sowas, wie alle anderen auch. Die machen das umsonst und wissen, wovon sie reden.«

Kerr sackte in sich zusammen und krallte die Hände ins Fell ihres Löwen. »Das heißt, ich kann nicht hier leben?«

Janier stand auf und ging um den Stubentisch herum zum Sofa hin. »Nicht ohne Einwilligung deiner Eltern. Das verstehst du doch sicher? Wissen sie denn, dass du hier bist?«

Kerr presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. Der Kloß in ihrem Hals schnürte ihr die Luft ab und Tränen füllten ihre Augen. Sie sprang auf die Beine und rannte zur Tür.

Das sollte alles viel einfacher sein!

»Kerr!«, rief Janier und lief ihr hinterher.

Doch sie wollte nicht mehr mit ihm reden. Sie wollte raus aus dieser stickigen Wohnung mit all dem Staub und weg aus Basic, wo man sie offenbar auch nicht haben wollte. Hinter ihr polterte es und sie hörte Janier fluchen.

Sie packte ihren Rucksack und eilte die Treppe hinab. Auf der Straße rannte sie ziellos in eine Richtung, nahm Gassen, überquerte Plätze und glaubte fest daran, irgendwann wieder in der Stadt ankommen zu müssen.

Sie lief und lief, bis sie schwer keuchte und ihre Beine sie nicht mehr tragen mochten. Sie befand sich an einer Kreuzung einiger schmaler Straßen, wo es nur spärliche Beleuchtung gab.

Kerr setzte sich schluchzend an die Straßenecke und presste ihren Rucksack an ihre Brust.

Alles war umsonst gewesen. Niemand hier würde ihr helfen und dieser Janier wollte sie nur zurückbringen zu ihrer Mutter. Dabei würde sie ihr damit nur noch mehr Kummer bereiten.

Um den mächtigen Kloß in ihrem Hals runterzuspülen öffnete Kerr ihren Rucksack. Als sie nach ihrer Wasserflasche tastete, spürte sie auf einmal etwas Ungewöhnliches. Sie zog es heraus und hielt das Nanoboard ihrer Mutter in den Fingern. Kerr schlug die Hand vor den Mund und riss die Augen auf. Wie war das hierher gekommen? Der Löwe mauzte leise und rieb seinen Kopf an ihren Beinen.

»Oh du«, keuchte Kerr und drehte das Board vor ihrem Gesicht.

Der Haarreif war von filigranen silbernen Fäden umwickelt und mit blauen Perlen versehen. Das Schnittstellenplättchen glänzte perlmuttfarben, als sie es im spärlichen Licht drehte. Ohne zu überlegen, setzte sie es auf und spürte sofort ein leises Kribbeln an ihrer Schläfe, als sich der Reif automatisch an ihre Kopfform anpasste. Danach spürte sie es schon beinahe nicht mehr. Ihre Mutter zog das Board nur aus, wenn sie sich schlafen legte, da sie Angst hatte, es zu beschädigen. Was würde sie sagen, wenn sie am Morgen erwachte und es war weg? Wie würde sie ihren Tag bestreiten, ohne die Möglichkeit, ihre Nanobots zu kontrollieren?

Verzweiflung überkam Kerr und sie presste das Gesicht in den Stoff des Rucksackes.

»Du dummes Tier du.«

Der Plüschlöwe fauchte auf und Kerr zuckte zusammen. Er mochte einfache Sprache verstehen, hatte jedoch noch nie aggressiv reagiert, wenn sie ihn rügte. Ruckartig blickte sie auf. Hörte sie Schritte? Überall tanzten die Schatten der großen Stadt, aber sie konnte nichts in ihrer unmittelbaren Nähe erkennen.

»Janier?«, fragte sie zaghaft.

Anstelle von einer Antwort erklangen ein tiefes Knurren und ein Schaben auf dem Beton.

Kerr sprang auf die Beine und presste sich gegen die Fassade hinter ihr, als könnte sie durch sie hindurchschlüpfen.

Das war nicht Janier. Es waren keine Menschen. Als ein Paar runde Augen im Dunkel aufleuchteten, rannte Kerr los.

Hinter sich hörte sie nun deutlich das schnelle Kratzen von Krallen auf dem Boden und ein Hecheln. Ihr Herz raste so schnell, dass ihre Füße nicht mitkamen. Sie strauchelte, fing sich und lief weiter. Nun erklang ganz deutlich ein Bellen, schnell gesellten sich zwei weitere hinzu.

Die Hunde waren ganz nah.

Kerr rannte einfach weiter die Straße entlang. Bis diese aufhörte. Ihr entfuhr ein Schrei, als sich auf einmal eine Mauer vor ihr auftat.

»Nein!«

Sie warf einen Blick hinter sich. Drei Wildhunde waren dicht hinter ihr stehen geblieben, bellten und sabberten. Da sprang etwas an ihr vorbei in Richtung der Bestien. Der kleine Plüschlöwe wurde im Flug von einem der Hunde gepackt und so lange hin und her geschüttelt, bis der Körper erschlaffte und an die nächste Wand geworfen wurde. Die Hunde entblößten ihre Zähne und traten näher, bis ihre Tatzen einen breiten Streifen Licht betraten, den eine Lampe auf den Grund warf.

Kerr sank an Ort und Stelle zu Boden und schloss die Augen, um nicht sehen zu müssen, was auf sie zukam. Helle Punkte blitzten vor ihren Lidern auf, so fest presste sie sie zusammen. Wie tanzende Lichter.

Wie unter dem VR-Helm.

Das Kribbeln in ihren Schläfen wurde stärker und auf einmal war sich Kerr ihrer NanoBloxx bewusster als jemals zuvor. Sie riss die Lider auf und fixierte die Lichtfläche vor ihr. Vor ihrem inneren Auge entstand eine Bühne. Darauf tummelten inexistente Partikel, stapelten sich aufeinander und begannen, sich zu einem Gebilde aufzutürmen. Kerr hielt den Atem an und starrte wie gebannt auf das Bild, von dem sie wusste, dass es nur in ihrem Kopf existierte. Sie konzentrierte sich auf die Einzelteile, rief die

Routinen ab, die sie längst verinnerlicht hatte und gab der Gestalt eine Form.

Da erwachten die Partikel zum Leben.

Kerr schrak zurück, als ein lautes Brüllen erklang. Neben ihr thronte der undeutliche Schemen eines grau schimmernden Löwen, mehr als doppelt so groß wie die Hunde, die Vorderpfoten angriffslustig in den Boden gestemmt. Ein weiteres Mal riss das Konstrukt den Rachen auf und brüllte. Die Wildhunde vor ihm legten die Ohren an und jagten winselnd in die andere Richtung davon.

Kerr starrte mit offenstehendem Mund auf die Kreatur. In dem Moment fielen die NanoBloxx ineinander zusammen und sammelten sich wieder über ihrer Schulter. Der Löwe war verschwunden.

Ein verstörtes Lachen drang über Kerrs Lippen, gleichzeitig mit einer Welle der Erleichterung.

Als sich ein neuer Schatten über sie legte, zuckten die Nano- Bloxx bereits vor, doch dann erkannte sie Janier.

»Ho«, sagte er atemlos. »Das war beeindruckend. Bist du in Ordnung?«

Sie atmete tief durch die Nase ein und aus, dann nickte sie.

»Was für ein Glück! Ich dachte, ich komme zu spät.« Er ließ sich neben ihr zu Boden sinken und zog etwas zu sich heran. »Oh je.«

Kerr blickte betrübt auf das, was von ihrem Roboterlöwen übrig war. Der zerrissene Stoff gab die desolate innere Mechanik und Elektronik preis.

»Keine Angst«, sagte Janier und legte ihn in ihre Arme. »Den kriegen sie in der Stadt schon wieder hin.«

Ein Zittern überkam Kerr urplötzlich, und als es nicht aufhören wollte, umfasste Janier ihre Hand.

»Es ist alles in Ordnung. Du hast sie vertrieben.«

Ein müdes Lachen entwich ihr. »Ich?«

»Deine NanoBloxx waren ganz schön angsteinflößend. Wie hast du das geschafft?«

Ja, wie?

Auf einmal war da die Bühne gewesen, geflutet vom Licht der Straßenbeleuchtung. Oder vielmehr ihr Kreationsraum? Sie hatte die einzelnen Partikel vor ihrem inneren Auge gesehen und hatte sie formen und befehligen können. Warum war ihr das sonst noch nie gelungen?

»Weil es immer dunkel war«, schoss es ihr durch den Kopf. »Unter dem Helm herrscht immer diese eiskalte Dunkelheit. Wie damals.«

Sie betastete das leichte Nanoboard auf ihrer Stirn.

Als sie nicht antwortete, stand Janier auf und streckte ihr die Hand entgegen. »Komm. Lass uns verschwinden.«

Kerr versuchte, ihre rasenden Gedanken in geordnete Bahnen zu lenken. Als sie das Surren der NanoBloxx neben sich vernahm, beruhigte sie sich und nickte.

»Ja. Ich möchte nach Hause. «

ENDE


Carmen Capiti

Carmen Capiti wurde 1988 in der Zentralschweiz geboren und arbeitet im Bereich der Informationssicherheit. Ihr Debüt-Roman »Das letzte Artefakt« erschien im März 2015 und wurde nominiert für den SERAPH 2016 – Bestes Debüt. Seither veröffentlichte sie unter anderem den phantastischen Roman »Die Geister von Ure«, den Zukunftsthriller »Maschinenwahn« und diverse Kurzgeschichten.

2015 gründete sie mit drei weiteren Autorinnen den Verein Schweizer Phantastikautoren.

www.carmencapiti.ch

Das Feld der BÄume

Gerhard Huber

Die Männer und Frauen, die vor Cebou gingen, überschritten gerade die Hügelkuppe und verschwanden gemächlich aus seinem Blickfeld. Ein Anblick voll prophetischer Kraft. Bald würde die Gruppe die Kolonie für immer verlassen; nur wenige Tage nach dieser Wanderung zum Feld der Bäume. Dem alten Mann erschien es nachgerade, als suchten die verbleibenden Lebensjahre leise vor ihm zu entwischen.

Cebou schüttelte den Kopf, als wollte er den Gedanken vertreiben, und blickte zurück. Die drei jungen Männer schlenderten im Gegensatz zu ihm geradezu aufreizend langsam hinter ihm her und holten dennoch stetig auf.

Nein, sie schlendern nicht, Cebou. Das bildest du dir ein. Sie gehen so, wie es junge Kerle eben tun. Kraftvoll und selbstsicher. Wie du es selbst einmal warst, alter Narr.

Doch lag das so weit zurück. Dem alten Mann wollte es nicht gelingen, ein Bild aus dem Gedächtnis zu zerren, das ihn als schwungvoll ausschreitenden Jüngling zeigte. War das denn wirklich so lange her? Ja, da war ein Bild: Cebous dunkle Haare flattern in einer kräftigen Meeresbrise auf dem Weg zum Strand, wo er Celeste treffen würde. Das war vor über 50 Jahren.

Cebou atmete tief ein und aus, während er seinen Blick wieder nach vorne zu der leeren Hügelkuppe richtete. War es im vergangenen Jahr ebenso eisig gewesen?

Die klirrende Kälte kroch Cebou allmählich bis in die Knochen. Dieses Jahr hatte sich der Winter länger gehalten als letztes. Oder? Er war sich nicht sicher.

Im vorigen Jahr war es um diese Zeit bereits wärmer gewesen. Bei der letztjährigen Wanderung zum Feld der Bäume hatte er doch nicht so gefroren. Lag das etwa auch am Alter? Oder erinnerte sich Cebou einfach falsch? Viel zu kalt war es jedenfalls nach seinem Geschmack. Dabei hatte das milde Tauwetter der vergangenen Tage schon vom bevorstehenden Frühling gekündet. Über Nacht waren Schnee und Frost zurückgekehrt und erschwerten zudem den Weg durch die Hügel.

Für die Männer und Frauen, die den Alten begleiteten, bedeutete es weniger Mühen, dem Weg zu folgen. Sie waren kräftig und jung. Die, die vorangingen, waren im Durchschnitt älter als die jungen Männer, die Cebou folgten. Aber alle waren sie jünger als der alte Cebou, dem mit seinen nunmehr dreiundsiebzig Sommern der Weg zum Feld der Bäume mit jedem Jahr schwerer fiel.

Die Gruppe hätte den Weg auch zu Pferd und mit Wagen zurücklegen können, doch das untersagte die Tradition. Die Vorfahren der Feldgänger waren vor über zweihundert Jahren an diesem Küstenstreifen schiffbrüchig gelandet und hatten sich hier ohne jede Hilfe und nur mit den wenigen Dingen, die sie an Land retten konnten, eine neue Heimat geschaffen.

Zur gesamten Tradition der Feldwanderung gehörte das Gebot der Einfachheit dazu und so legten die Männer und Frauen den Weg stets zu Fuß zurück.

»He, Cebou, wie lange dauert es noch?« Einer der nachfolgenden Jünglinge hatte das gerufen. Eine rhetorische Frage. Jedes Kind der Kolonie kannte den Weg zum Feld der Bäume. Nach der Bodenerhebung, die die Gruppe vor Cebou bereits hinter sich gelassen hatte, ging der Weg in einer Kurve hügelabwärts und endete

dann unmittelbar vor dem Feld, das man von der Kuppe aus sehen konnte.

Wir sind angehalten, den Weg zum Feld der Bäume schweigend zu gehen. Wir erweisen den Vorfahren damit unseren Respekt, aber auch den Scheidenden, die uns vorangehen.

Cebou sprach diese Worte nicht laut aus. Im Grunde wusste ohnehin jeder von diesem Gebot. An Respekt vor den Scheidenden oder den Vorfahren mangelte es den Jünglingen nicht, jedoch hatte die Wichtigkeit der Wanderung immer mehr abgenommen in den letzten Jahren. Das Feld der Bäume und der Grund für seine Existenz war allen Bewohnern der Kolonie nach wie vor wichtig, aber die jährliche Wanderung, die den Beginn der Verabschiedung der Scheidenden bedeutete, hatte an Belang verloren. Für diese Wanderung gab es gewisse Regeln, die ebenfalls im Laufe der Jahre an Bedeutung eingebüßt hatten; dennoch, die gesamte Tradition des Feldes der Bäume war nicht mit Verboten belegt oder gar mit Maßregelungen versehen.

Die laut ausgesprochene Frage war von dem mittleren der Jünglinge namens Chelar gekommen.

Cebou ging nicht weiter darauf ein. Es ließ nicht zwingend auf mangelnden Respekt gegenüber der Tradition oder den Scheidenden schließen, sondern eher darauf, dass Chelar nicht unbedingt Cebous Nachfolge antreten wollte.

Bei den anderen Wanderungen zum Feld der Bäume ging der Verkünder hinter den Scheidenden, am Feld übernahm er dann die Führung und begann, die Geschichte der Kolonie zu schildern. Dabei führte er die Scheidenden jedes Jahr auf anderen Pfaden zum Ersten Baum. Auf dem Rückweg zur Ansiedlung schritt schließlich der Verkünder den Scheidenden voran, wandte ihnen den Rücken zu und zeigte ihnen somit bereits den bald bevorstehenden Abschied an, wenn sie selbst der Kolonie den Rücken zukehren würden.

In diesem Jahr folgten Cebou zudem drei Jünglinge, denn einer von ihnen sollte die Nachfolge des alten Mannes als Verkünder antreten und die Geschichte, die zu erzählen war, kennen

lernen, um dann nach zwei weiteren Wanderungen das Amt zu übernehmen.

Vor nunmehr vierundfünfzig Sommern hatte Cebou das Amt angetreten. Der Alte war diesen Weg der Vorbereitung ebenfalls insgesamt dreimal gegangen, vor über einem halben Jahrhundert; allerdings stets schweigend. Schließlich war er damals aus den drei in Frage kommenden Jünglingen ausgewählt worden.

Das Amt des Verkünders war wahrlich kein schweres, dennoch sollte es mit Sorgfalt und Respekt ausgeübt werden – wenn nicht schon vor der Tradition oder dem Amt an sich, so doch wenigstens vor den Scheidenden, die die Wanderung zum Feld der Bäume stets sehr ernst nahmen. Es war ihr letzter Gang zum Ersten Baum und der letzte Kontakt mit ihrer Tradition für den Rest ihres Lebens.

Auch dem Verkünder selbst wurde in der Kolonie durchaus Achtung und Respekt für seine Aufgabe entgegengebracht, allerdings war es kein Amt, das mit besonderen Vergünstigungen oder gar einer Bezahlung versehen war.

Die Kolonie war in sich abgeschlossen, so dass es keinem Bewohner zum Vorteil gereicht hätte, mehr an Reichtum oder Gütern zu erwerben als andere.

Dennoch war manch ein Traditionsamt mit einem höheren Maß an Anerkennung und materieller Gegenleistung verbunden und so für die jungen Leute erstrebenswerter.

Auch die Ehre an sich, das Amt über Jahrzehnte auszuüben, barg für die Jugend keinen Reiz, sondern stellte eher eine lästige Verpflichtung dar. Selbst wenn keiner der neuen Generation es jemals zu handwerklicher Meisterschaft bringen und somit irgendwann vielleicht zu den Scheidenden gehören sollte.

Cebou war sich im Klaren darüber, dass der Sohn des Schmieds lieber so lange wie möglich bei seinem Vater bleiben und es zu solcher Meisterschaft bringen wollte, um die Kolonie eines Tages zu verlassen.

»Da ist es endlich!«

Der Ausruf des jungen Cilander riss Cebou aus den Gedanken. Der alte Mann und die drei Jünglinge hatten die Hügelkuppe

gerade überschritten und wanderten den Weg zum Feld hinab, wo Cebou die wartende Gruppe der Scheidenden erblickte.

Cilander war ein sehr begabter Holzschnitzer und Zimmermann. Er hatte gute Chancen eines Tages nicht nur zu den Scheidenden zu gehören, sondern darüber hinaus sogar auf einem unter seiner Leitung gebauten Schiff die Kolonie zu verlassen. Cebou schätzte ihn jedoch anders ein. Er kannte Cilander schon seit seiner Geburt, denn der alte Mann wohnte neben dessen Familie und hatte den jungen Mann aufwachsen sehen.

Bei allem handwerklichen Können, das ihn zu einem Scheidenden machen könnte, war Cilander ein recht ruhiger und bescheidener Bursche und anders als viele andere seines Alters eher traditionsbewusst.

Er schien Cebou am ehesten geeignet für das Amt des Verkünders.

Weniger geeignet hielt er den dritten Jüngling, Cilou, den zweiten Sohn seiner Cousine Cedrice, den Cebou als gewissenhaften und zuverlässigen, aber ebenso wenig traditionsbewussten jungen Mann kannte.

Cebous Meinung in der Sache seiner Nachfolge war jedoch sowieso zweitrangig. Die Ratsmitglieder der Kolonie würden zwar seine Einschätzung zur Kenntnis nehmen, die Wahl würden sie allerdings ohne den Verkünder treffen.

Cilou war der einzige der drei Jünglinge, der bis zur Ankunft am Feld der Bäume schwieg. Als Cebou und die jungen Kerle schließlich die Gruppe der Scheidenden erreicht hatten, trat der älteste der Männer und Frauen vor den Alten, senkte den Kopf und sprach die traditionellen Worte:

»Geleite uns zum Ersten Baum und berichte, Verkünder!«

Mehr war nicht nötig, der weitere Ablauf war allen Anwesenden bekannt und so schritt Cebou an der Spitze der Gruppe voran auf das Feld der Bäume. Die drei Jünglinge mischten sich dabei unter die Scheidenden.

Das Feld der Bäume erstreckte sich vor den Kolonisten leicht ansteigend bis zu einer Hügelkette am Horizont, in westlicher

Richtung war es gesäumt von einer Klippenlinie und dem dahinter liegenden Meer, zur östlichen Seite hin endete das Feld an einem Waldesrand.

Den Weg, den Cebou einschlug, wählte er willkürlich, aber mit festem Ziel. Es gab keine festgelegten Pfade oder gar befestigte Wege. Die wenigen Tiere, die gelegentlich aus dem Wald über das Feld liefen, taten das zu selten, um Trampelpfade zu hinterlassen, und die Kolonisten suchten es nie auf; abgesehen vom Verkünder und den Scheidenden jedes Jahr.

Das Feld der Bäume war durch das raue Meeresklima kärglich bewachsen und, nachdem es die Kolonisten seit Jahrzehnten nicht mehr nutzten, lediglich mit Moosen, Flechten und spärlich mit Gras bedeckt. Pflanzen, die – so hatte es für Cebou den Anschein – sich auch gar nicht die Mühe machen wollten weiter zu gedeihen und schon gar nicht das zu überwuchern, was dem Feld den Namen gab.

Cebou führte die Kolonisten in gewundenem Wege über das Feld und begann mit seiner Erzählung, die er schon so oft vorgetragen hatte. Jedes Jahr hatte er die Abfolge und Wortwahl variiert, nur der Inhalt war stets derselbe gewesen:

»Ein Feld voller Bäume war dies alles hier einst, als unsere Vorfahren vertrieben worden waren aus ihrer Heimat.

Was ihr nunmehr seht und was uns einen gewundenen Weg einschlagen lässt zum Ersten Baum, das sind die Ursprungsreste unserer Kolonie.«

Der alte Mann breitete dabei seine Arme aus und die Menschen hielten inne mit der Wanderung, um das Feld zu betrachten. Ein Feld mit riesigen Ausmaßen. Ein Feld voller Baumstümpfe.

Cebou setzte Bericht und Weg fort und die anderen folgten ihm zwischen den Stümpfen hindurch.

»Unsere Vorfahren wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Warum das geschah, ist nicht überliefert. Doch überliefert ist, dass die Vorfahren begabte Menschen waren, so talentiert, dass ihre Fähigkeiten und Verdienste wohl Neid und Missgunst ihrer Mitmenschen schürten. Wir wissen es nicht und was immer die Gründe gewesen sein

mögen, die zur Vertreibung geführt haben, es ist überliefert, dass diese Menschen ein Schiff bauen durften, sie und ihre bescheidene Habe zu fassen. Es heißt, sie wurden alle von der ersten Erde fortgeschickt, weil alles so übervölkert und unübersichtlich und überfüllt war auf der einen Welt. Nach beschwerlicher Reise, bevor sie an hiesigen Gestaden anlanden konnten, wurde das metallene Schiff von einem fürchterlichen Sonnensturm erfasst. Wie durch ein Wunder starb kein einziger, das Metallschiff wurde jedoch zerstört und das Meiste, was unsere Vorfahren mitgenommen hatten, sank mit den Überresten des Schiffes auf den Grund des Meeres.«

Erneut hielt Cebou in der Erzählung inne. Ein gutes Stück des Weges hatten der Verkünder und seine Begleiter noch vor sich bis zum Ersten Baum und Cebou blieb ab und an stehen und sah sich um, um sich zwischen den schier unzähligen Baumstümpfen zu orientieren.

Schließlich setzte die Gruppe ihren Weg fort und Cebou erzählte weiter:

»Aber diese Menschen waren froh, allesamt gerettet zu sein, und besaßen Mut und Hoffnung genug, mit dem Wenigen, das ihnen geblieben war, einen Neuanfang zu wagen. Zudem waren sie in der glücklichen Lage, hier alles vorzufinden, was sie brauchten, um nicht nur eine sichere Behausung, sondern gar ein neues Leben zu schaffen.«

So wanderten Cebou, die Scheidenden und die drei Jünglinge über das Feld der Bäume, der Alte erzählte von den Anfängen und dem Aufbau der Kolonie, der Entdeckung der riesigen Wälder und wie die begabten Handwerker neue Häuser errichteten, was sie sonst noch alles aus dem wenigen an Raumschiffsmetall fertigten, wie sie Fischfang betrieben, Äcker anlegten, wilde Tiere fingen und zähmten und dergleichen mehr.

Immer wieder hielten sie inne und Cebou blickte sich um und setzte stets im Gehen die Erzählung fort.

Die Wanderung zum Feld der Bäume selbst setzte Cebou von Jahr zu Jahr mehr zu, doch am meisten bei alledem strengten ihn doch der Weg zum Ersten Baum und das begleitende Erzählen an.

So war der alte Mann froh, bald sein Amt an einen Jüngeren abgeben zu können und auch die Verantwortung und Bürde loszuwerden, die ihn nunmehr schon seit Jahren plagten.

»Schließlich bauten unsere Vorfahren ein hölzernes Schiff. Von Größe und Bauart ziemlich ähnlich dem Metallraumschiff, mit dem sie gekommen waren und das sie beinahe alle in den Tod gerissen hätte. Aber vielleicht gerade deswegen, um es als ein Zeichen des Neuanfangs und gleichzeitig der Stetigkeit, der Tradition zu formen, erbauten sie es dem gesunkenen Schiff so ähnlich. Allen Menschen an den neuen Gestaden ging es gut, keiner hatte Not zu leiden und es wollte auch niemand die neue Heimat verlassen. Das Schiff sollte nur genutzt werden, um die Umgebung der Küste entlang von der See aus besser zu erforschen. Vielleicht Kontakt zu anderen Wesen aufzunehmen, um Handel zu treiben, denn schließlich waren nicht alle Güter hier erhältlich oder zu fertigen. Und wie einst das erste Schiff niemanden in den Tod gerissen hatte, so brachte auch das neue Schiff den Vorfahren nur Gutes. Sie fanden Hafenstädte mit Menschenähnlichen, die ihnen wohl gesonnen waren und Handel treiben wollten. Die Güter, die unsere Vorfahren zum Tausch anboten, sagten den anderen durchaus zu, am meisten waren sie jedoch beeindruckt von dem hölzernen Schiff.

Und so begann für unsere Vorfahren etwas, mit dem sie nie gerechnet hätten und das der Grund wurde, weshalb wir uns heute alle hier befinden: der Bau der Baumschiffe und zuvor das Roden des Feldes der Bäume.

Unsere Vorfahren und auch wir bauen so gute, seetüchtige und zugleich erlesene Schiffe, dass sie allerorten beliebt sind und die gesamte Kolonie beinahe nichts anderes macht, als diese Schiffe zu bauen und sie zu den Käufern zu bringen. Wir alle leben in irgendeiner Art vom Bau der Fahrzeuge, sind auf die eine oder andere Weise mit der Fertigung verbunden. Und unsere Scheidenden sind mit die Besten der Handwerker, die unsere Schiffe an andere Gestade bringen und die auch in der Ferne unsere Schiffsbaukunst betreiben und den Ruhm und den Reichtum der Kolonie auf dieser zweiten Erde mehren.«

Cebou und seine Begleiter machten erneut halt und der Alte schenkte dem Baumstumpf vor sich einen prüfenden Blick.

Schließlich wandte er sich an seine Begleiter:

»Seht hier den Überrest des Ersten Baumes. Dieser Baum wurde als erster zu Fall gebracht und aus ihm wurde der Mast des ersten hölzernen Schiffes gefertigt. Der erste Mast, der die wunderbar gefertigten ersten Segel hielt, die das erste Schiff zu neuen Ufern trugen. Der Erste Baum, der unseren Ruhm begründete. Das erste Holzschiff, wie alle anderen nach ihm, wurde nur zu friedlichen Zwecken eingesetzt, um Handel zu treiben und neue Lande zu finden. Nie ist es jemandem gelungen auch nur eine Kanone oder sonstige Waffe auf eines der Schiffe zu bringen. Niemand weiß, warum das so ist, viele halten es für eine Legende, ein Märchen. Doch ich sage euch, der Erste Baum war ein wundersamer Baum, ein Baum, der wundervoll gewachsen war und der dazu ausersehen war, Teil eines Schiffes zu werden. Eines Schiffes, das dem glich, das unseren Vorfahren fast Verderben und Tod gebracht hätte. Ein Schiff aus einem Baum oder Raum, der uns allen schließlich wunderbares und friedliches Leben schenkte.

So betrachtet ihr Scheidenden und auch ihr Jünglinge, die ihr meine Nachfolge antreten könntet, den Stumpf des Ersten Baumes. Ihr Scheidenden prägt euch sein Bild ein, möge es euch an die erste Erde erinnern und gemahnen auch in der fernsten Fremde Gutes zu vollbringen. Und auch ihr drei, die ihr ebenfalls Scheidende werden könntet oder meine Nachfolge antreten werdet, seid euch des Ersten Baumes gewiss. Der Baum, aus dem nur Gutes gefertigt werden konnte und der auch das Beste in euch zum Vorschein bringen soll. Möget ihr bleiben oder scheiden oder nachfolgen. Tragt alle von nun an das Bild des ersten Baumes stets in eurem Gedächtnis und euren Herzen.«

Mit diesen Worten beendete Cebou seine Erzählung und ließ sich erschöpft auf den Wurzelstock neben dem ersten Baumstumpf sinken.

Cebou breitete erneut seine Arme aus, alle Scheidenden verbeugten sich in Dankbarkeit vor dem Verkünder, wandten sich

um und traten hinter den Alten und den Ersten Baum. Sie würden dort warten, bis Cebou den Heimweg zur Kolonie antreten würde. Die drei Jünglinge traten vor den Alten, zollten ihm ebenso Dankbarkeit und sollten nach der Tradition vor dem Verkünder und den Scheidenden den Heimweg antreten als Symbol einer glücklichen jungen Zukunft.

Cilander und Cilou gingen nach der Dankbarkeitsbezeugung auch los, Chelar dagegen blieb vor Cebou stehen und sagte:

»Die Wanderung langweilte mich, doch der Gang über das Feld und deine Erzählung haben mich tief bewegt, Verkünder Cebou. Es wäre mir eine Ehre und Freude, wenn die Wahl des Rates als dein Nachfolger auf mich fallen würde, und wenn ich als Verkünder Chelar bis in ein so ehrwürdiges Alter wie du den Weg zum Ersten Baum beschreiten dürfte.«

Damit wandte sich auch der dritte Jüngling ab und folgte den beiden anderen.

Wer hätte das vermutet, dachte Cebou bei sich. Er drehte sich zu den Scheidenden um und teilte ihnen lächelnd mit:

»Gestattet einem alten Mann etwas Ruhe. Es wird uns niemand übelnehmen, wenn ihr bereits den Heimweg antretet und ich hier Kraft sammle für den Rückweg.«

Cebou lächelte noch immer, als die drei Jünglinge und die Gruppe der Scheidenden schon ein gutes Stück von ihm und dem Ersten Baum entfernt waren.

Schließlich erhob sich der Verkünder, weiterhin lächelnd, und musterte ein weiteres Mal den Baumstumpf.

Alles hat sich zum Guten gewendet, wir leben in einer harmonischen und doch aufstrebenden neuen Gesellschaft. Und eines Tages werden wir statt hölzerner auch wieder Schiffe aus Metall bauen. Und möglicherweise zur ersten Erde zurückkehren. Manche von uns; ich werde es sicher nicht mehr erleben.

Dann machte er sich auf, den Jünglingen und den Scheidenden nachzufolgen und ließ dabei den Blick über das Feld der Bäume schweifen.

Unbemerkt von den anderen kicherte Cebou auf einmal wie ein kleiner Junge, der gerade einen Streich ausgeheckt hatte.

Und es wird nichts ändern, wenn ich mein Geheimnis mit ins Grab nehme. Nicht besser, nicht schlechter. Nicht Metall, nicht Holz.

Leise murmelte er noch: »Das Feld der Bäume. So viele Baumstümpfe und nur ein Erster Baum. Und du alter Narr hast schon vor so vielen Jahren vergessen, welcher von all den Stümpfen es ist!«

ENDE


Gerhard huber

Gerhard Huber, geboren 1971 in Straubing, entdeckte dank der schier unerschöpflichen Bücherkiste seiner Großmutter früh die Leidenschaft zur Literatur und zum Schreiben.

Der gelernte Versicherungskaufmann und studierte Religionswissenschaftler und Germanist lebt seit 2007 in Worms.

Gerhard Huber veröffentlichte als Autor Geschichten in Anthologien und im Rahmen der PERRY RHODAN-Serie und ist im journalistischen Bereich als Online-Redakteur und Rezensent für das Internetportal »People Abroad« tätig, vorwiegend zu den Themen Reiseliteratur und »literarische Reise«.

http://www.perrypedia.proc.org/wiki/Gerhard_Huber

Kane, der Krieger

Victor Boden

Kane riss den Steuerknüppel herum, doch der Scoutsegler war bereits mitten in die Saatwolke eingetaucht und die Rotoren gerieten sofort ins Stocken. Obwohl er die Gleitsegel auf das Maximum ausfuhr, war der Sturzflug nicht mehr aufzuhalten. Rasend und flirrend kam der Wald näher. Selbst für die Sensoren des 3D-Projektors war es zu dunkel, um eine rettende Lichtung zu erkennen. Kurz vor den ersten Nebelbäumen zog Kane das Ruder nach oben. Rechts hörte er ein Stück eines Segels wegbrechen, vor ihm bäumte sich eine Wolkensäule auf. Kane erwischte gerade noch den Schalter, um die Segel wieder einzufahren und wollte nach links ausweichen, als er den Nebelbaum durchbrach und sein Kopf gegen das Armaturenbrett geschleudert wurde. Das Fahrzeug wurde herumgerissen, ein weiterer Schlag ließ ihn an die Tür knallen. Dann kam der Scoutsegler zur Ruhe, die letzten Zuckungen des Rotors verstummten.

Natürlich hatte er sich nicht angeschnallt. Anschnallen war etwas für Weicheier. Mit seinen siebzehn Jahren war er schließlich ein Mann. Benommen tastete er nach dem Blut, das über seine Lippen lief. Die Nase pochte und fühlte sich nicht gut an.

Kane wischte sich die Hand an der Hose ab und blickte auf eine schwarze Frontscheibe. Der 3D-Projektor hatte sich abgeschaltet

und die Scheinwerfer waren ausgefallen, draußen war nichts zu erkennen.

Kane schnaubte vor Wut. Voller Tatendrang war er aufgebrochen und jetzt das! Die Saatwolke hatte die Rotoren verklebt, vor morgen Früh würde er hier nicht mehr wegkommen. Abermals befühlte er seine Nase, sie war definitiv gebrochen. Aus dem Verbandskasten holte er Wundbinden und mit Hilfe des Innenspiegels verarztete er sich, so gut es ging. Währenddessen überlegte er, wo er die Nacht verbringen sollte. Hier in dem engen Gefährt würde es schnell ungemütlich werden. Er schaltete den 3D-Projektor wieder ein, der die Umgebung abtastete und grob rekonstruierte. Die Reichweite war nicht groß, er erkannte eine Menge Nebelbäume, in deren Mitte er gelandet war. Vielleicht 300 Meter entfernt konnte Kane einen Hügel mit einem höhlenartigen Eingang ausmachen, doch er scheute sich, das Fahrzeug zu verlassen. Er befand sich hier mitten im Dämonenwald.

Und es war Nacht.

Er überlegte noch eine halbe Stunde, dann zog er sich die Stirnlampe über den Kopf, packte seinen Rucksack und kletterte nach draußen. Genau deshalb war er doch hier: um es sich und allen anderen zu beweisen.

Kane landete auf dem moosbedeckten Boden, der federnd nachgab. Gleich neben sich hörte er Wasser plätschern. Bäche durchkreuzten den Wald in einem chaotischen Netz und bildeten mitunter tiefe Gräben. Es war dumm von ihm gewesen, in die Nacht hineinzufliegen, doch er hatte die Warnungen der Erwachsenen immer als übertriebene Vorsicht abgetan. Tatsächlich waren diese verdammten Saatwolken in der Finsternis nicht zu erkennen, aber wie hätte er das wissen sollen? Er war ja noch nie wirklich geflogen.

Sein Scheinwerfer kämpfte sich durch den Nebel und huschte über wallende Baumstämme. Die Schwaden verdichteten sich zu greifbaren Formen, doch der Anblick täuschte. Selbst der innere Kern eines Stammes veränderte sich ständig. Es brauchte nicht

viel Fantasie, um in den Bäumen Dämonen und andere Fabelwesen zu erkennen.

Doch nicht daher hatte der Wald seinen Namen.

Wolken verdunkelten das Licht der zwei Monde und kündigten baldigen Regen an. Er musste nicht lange laufen, um den Hügel mit der Höhle zu erreichen. Kane stockte der Atem, als er den Überrest eines Spiegelträumers erkannte. Vor ihm lag ein riesiger Schädel, halb im Boden begraben. Die vermeintliche Höhle war die Augenhöhle des einzigen Auges, das diese riesigen Tiere besaßen. Ob es sich überhaupt um ein Auge oder ein Tor in andere Dimensionen handelte, darüber gab es verschiedene Ansichten. Aber wie alles Organische war es schon lange verwest und bildete nun den Eingang in einen schützenden Unterschlupf.

Kane zögerte und überlegte, doch lieber im Scoutsegler zu übernachten. Die Spiegelwesen waren das Geheimnisvollste und Fremdartigste, was es auf dieser Welt gab. Selbst dieser tote Knochen flößte ihm Respekt und Furcht ein. Kaum jemand hatte einen lebendig zu Gesicht bekommen. Es hieß, die Wesen seien die Grundlage ihrer friedlichen Zivilisation. Doch Kane konnte das friedliche Getue schon lange nicht mehr ertragen. Er vermisste den Kampfgeist und den Willen, große Dinge zu vollbringen. Der Feind stand vor der Tür und es mussten Entscheidungen gefällt werden. Man musste sich auf einen Kampf vorbereiten, doch niemand tat etwas!

Licht flackerte im Innern des Schädels auf, Kane warf sich re- flexartig auf den Boden und schaltete seine Helmlampe aus. Da war jemand! Kane blieb solange liegen, bis er sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, viel war allerdings nicht zu erkennen. Das Licht tauchte nicht wieder auf. Er tastete um sich, bis er einen ausgehärteten Baumsplitter fand. Der Umgang mit Waffen war problematisch auf Sonhador Mundo, doch es war dieser uralte menschliche Instinkt, der ihm eine gewisse Wehrhaftigkeit vorgaukelte.

Zu allem Überfluss begann es zu tröpfeln. Er nahm die Lampe vom Kopf, hielt sie einsatzbereit in der Hand und schlich langsam auf den Schädel zu. Er erreichte die Wand neben dem Eingang und

lauschte. Nichts war zu hören. Vielleicht hatte er sich getäuscht. Vorsichtig spähte er ins Innere. Er erschrak sich zu Tode, als er keinen halben Meter vor sich einen Schatten wahrnahm. Kane zuckte zurück, presste sich wieder an die Außenwand und hörte sein eigenes Herz pochen. Der andere hatte ihn sicher gesehen, er musste blitzschnell handeln. Kane umklammerte Lampe und Splitter, sprang mit einem Satz und einem gellenden Schrei vor den Eingang und schaltete gleichzeitig die Lampe ein. Es traf ihn wie ein Schlag, als er in das wohlbekannteste Gesicht seines Lebens blickte. Vor ihm stand er selbst.

»Du Idiot!«, stammelte er, vom Schreck gebeutelt, zu sich und seinem Gegenüber gleichermaßen. Auch der andere hatte eine Lampe eingeschaltet und betrachtete den Ankömmling ebenso fassungslos und ängstlich. Er stand da wie vor einem Spiegel, dieselben selbstgenähten Kleider, dieselbe schief verbundene Nase, dieselbe Neugier, die sich allmählich aus seinem verschreckten Blick herausschälte. Auf diese Begegnung war er nicht vorbereitet, doch irgendwann konnte es jeden treffen.

Sie mochten sich mehrere Minuten gegenübergestanden haben, bis sich Kane aus seiner Starre löste, einen Bogen um seinen Doppelgänger machte und den Innenraum des Schädels ausleuchtete. Draußen nieselte es und es wurde kühler. Kane überlegte, ein Feuer hier drin zu machen, dann würde er die Nacht in diesem Ding sicher besser überstehen.

»Wir sollten Baumsplitter suchen«, sagte sein Doppelgänger im selben Moment, als er es selbst vorschlagen wollte.


Der Eingang des Schädelknochens war groß genug, um den Rauch des Feuers abziehen zu lassen. Draußen hatte sich der Regen zu einem Schauer verstärkt und Kane sowie sein Doppelgänger breiteten ihre Jacken nahe der Flammen zum Trocknen aus.

Das Feuer warf flackerndes Licht auf das Gesicht seines Gegenübers und ließ seinen Schatten geisterhaft an der Wand dahinter

tanzen. Kein Wort hatten sie während des Sammelns gesprochen. Auch jetzt schwiegen sie. Es war unheimlich, seinem eigenen Ich gegenüber zu sitzen. Verrückt, dachte sich Kane, dabei bin ich doch derjenige, der sich selbst am besten kennt.

Die sogenannten Lookaliken wurden von den Spiegelträumern erzeugt, oder aus einer Parallelwelt geholt, wie es die Alten behaupteten. Sie waren nicht nur aus Fleisch und Blut, sondern in allem, was man tat und sagte, vollkommen identisch. Normalerweise trieben sie sich in den Dämonenwäldern herum, nur selten verirrte sich einer von ihnen ins Dorf. Kane hatte einmal einen gesehen, es war das Spiegelbild seiner Mutter gewesen. Von Weitem hatte er beobachtet, wie sich Mutter und Ebenbild erst umkreist, dann geredet, sogar gestritten und schließlich gemeinsam geweint hatten. Anschließend war die Doppelgängerin zurück in den Wald gegangen.

Nun saß Kane seinem Ebenbild gegenüber und wusste nichts zu sagen. Was soll ich mit mir selber reden, dachte er sich, wenn der dort ich bin und sowieso weiß, was ich denke?

Kane hatte den Scoutsegler gestohlen. Ein Fahrzeug zu stehlen war kaum zu entschuldigen, noch dazu eines der Fluggeräte. Sie stammten aus jenem Schiff, mit dem ihre Urahnen hierhergekommen waren. Das war vor mehr als sechs Generationen gewesen. Die alten Transportmittel wurden gehegt und gepflegt und durften lediglich nach einstimmiger Übereinkunft und zu besonderen Anlässen benutzt werden. Kane hatte den Gleiter nicht nur entwendet, sondern zum Absturz gebracht und beschädigt.

Schuld an allem war Jelira. Nur ihretwegen hatte er sich auf dieses Abenteuer eingelassen. Er wollte ihr zeigen, wozu er imstande war. Nicht nur ihr, auch allen anderen im Dorf.

Sein Ziel war dieses unbekannte Ding. Nomaden hatten berichtet, dass sie ein großes Metallgebilde gesehen hatten, das sich durch die Faltensteppe fräste. Tagelange Diskussionen, was es sein mochte, waren die Folge gewesen. Nach der Besiedlung von Sonhador Mundo hatte man den Kontakt zur Erde bewusst abgebrochen, um

sich unabhängig entwickeln zu können. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis hier ein Raumschiff auftauchen würde. Sicher, es konnte sich bei dem Gebilde auch um eine Maschine einer außerirdischen Spezies handeln, doch den Beschreibungen der Nomaden zufolge sah die Architektur sehr nach dem aus, was man auch im Museum der Finsternis begutachten konnte.

Das Museum gedachte der schrecklichen Vergangenheit ihres Volkes, ein Vermächtnis der Ermahnung und Erinnerung. Es war voll von Gräueltaten und Kriegen. Dinge, die Menschen einander angetan hatten und es vermutlich immer noch taten. Fern auf der Erde und möglicherweise an anderen Orten.

Wenn sich die Menschen nicht geändert hatten, dann gab es nur einen Grund für ihr Auftauchen: Sie würden ihr Besitzrecht einfordern. Sie würden ihre Dörfer und die Nomaden unter das Banner eines irdischen Regierungsvertreters stellen. Es wäre das Ende ihres friedlichen und freien Lebens.

Bei dem Schiff, das sich durch die Steppe arbeitete, konnte es sich natürlich nur um einen Lookaliken handeln, verursacht von einem Spiegelträumer. Das Echte befand sich im Weltraum, sicher nicht mehr weit entfernt oder vielleicht bereits im Orbit. Niemand hatte geahnt, dass die Träumer offenbar eine so große Reichweite besaßen.

Kane hatte darauf gedrängt, als männlicher Sprecher der Jugend im Rat aufgenommen zu werden, um seine Idee eines Erkundungs- trupps durchzusetzen. Doch seine Altersgenossen hatten sich für Servan entschieden, der nichts von dieser Idee hielt. Ausgerechnet für diesen Milchjungen, mit dem sich Jelira herumtrieb.

»Verdammter Bastard!«, spuckte sein Doppelgänger aus. Kane pflichtete ihm bei: »Genau! Ein verdammter, feiger Bastard!«

Erstaunt blickte er zu seinem Gegenüber und sah denselben Zorn in dessen Augen funkeln, der in ihm hochgekommen war.

Jelira traf sich nicht nur mit Servan, manchmal schlief sie bei den Mergans und dann wohnte sie tagelang bei den Fortungas. In beiden Familien gab es hübsche Söhne, bei den Fortungas sogar

zwei. Kane musste sich eingestehen, dass er eifersüchtig war. Eifersucht war nicht gut. Man muss loslassen und den Vogel fliegen lassen. Wenn er dann freiwillig zu dir kommt, wird es Liebe sein. Kane kannte die Sprüche der Alten, doch es war ihm unmöglich, dieses Mädchen zu teilen, so wie es all die anderen taten.

»Warum kann sie nicht einfach bei mir sein?«, schrie er sein Gegenüber an.

»Was haben diese Waschlappen an sich, was ich nicht habe?«, antwortete sein Gegenüber.

Kane sprang auf und begann, um das Feuer herumzugehen. Sein Doppelgänger tat es ihm gleich.

»Ich werde es ihr zeigen!«, rief er und kickte mit dem Fuß herumliegende Steine in die Dunkelheit.

»Ich werde es allen zeigen!«, sagte der Andere, hob einen Stein auf und schleuderte ihn gegen die Wand.

»Auch diesem lahmarschigen Rat! Er wird sich noch wundern!«

»Sie werden es bereuen, mich nicht aufgenommen zu haben!«

»Sitzen nur rum und reden!«

»Reden, reden und reden!«

»Alles Feiglinge!«

»Die werden schon sehen, wohin sie mit ihrer Friedfertigkeit kommen!«

»Aber ich, ich werde ihnen beweisen, dass man etwas tun kann!«

»Und dann werden sie mich respektieren!«

»Und in den Rat lassen!«

»Dann wird Schluss sein mit diesem endlosen Gequatsche!«

»Genau! Unser Volk braucht endlich jemanden, der ihm zeigt, wo es langgeht!«

»Jemanden wie mich!«

Für einen Moment blitzten Bilder aus dem Museum der Finsternis auf. Herrscher, die ähnliches gesagt hatten. Despoten und Präsidenten, die Leid und Elend verbreitet hatten.

»Aber ich werde es besser machen!«, wischte er die Bilder weg.

»Ich werde ein guter Herrscher sein!«

»Und Jelira wird an meiner Seite sitzen!«

»An meiner, nicht deiner, Idiot!«

Kane stockte und blieb stehen.

»Du bist doch nur ein Double!«, sagte er verwirrt.

»Du bist das Double!«

»Was redest du eigentlich rum? Kümmere dich um deinen Mist! Das hier ist meine Sache!«

Kane schnappte sich einen brennenden Splitter und schleuderte ihn dem anderen entgegen. Er traf ihn am Arm und im selben Moment spürte er die sengende Glut an seiner eigenen Seite.


Keiner der beiden tat während der Nacht ein Auge zu. Sie setzten sich wieder an das Feuer, sprachen aber kein Wort mehr miteinander.

In den frühen Morgenstunden hörte es auf zu regnen, so dass Kane zurück zum Scoutgleiter gehen konnte. Wortlos folgte ihm sein Doppelgänger durch das vollgesogene Moos und half ihm, mit alten Tüchern die klebrigen Saatfussel aus den Rotoren zu entfernen. Es war weniger Arbeit als gedacht, der Regen hatte bereits einen guten Teil abgewaschen. Das Fahrzeug war sichtbar beschädigt. Eines der Segel hing zerfetzt herab, Schrammen zogen sich über die rechte Seite, eine ordentliche Beule verunstaltete den Bug und die Scheinwerfer waren zerbrochen. Das würde mächtig Ärger geben.

Als die Rotoren frei waren und Kane sich ins Cockpit begeben wollte, stand sein Double bereits an der Fahrertür.

»Ich fliege!«

»Das glaube ich jetzt nicht!«

Er schubste ihn weg, doch die Bewegung drückte sie beide gleichermaßen nach hinten.

»Warum willst du überhaupt mit? Dein Zuhause ist hier!«

»Bleib du doch hier!«

Kane stand nun an der Tür und versperrte sie.

»Na schön, du Schlaumeier, komm von mir aus mit, aber es kann nur einer fliegen, und ich bin mit dem Ding hergekommen!«

»Erzähl keinen Quatsch!«

Sein Gegenüber wollte ihn wegzerren und Kane schlug ihm ins Gesicht. Der Schlag war nicht fest, doch er stach wie ein glühender Nagel in seine eigene gebrochene Nase und ließ ihn taumeln. Das war dumm gewesen, er hätte es wissen müssen. Während er sich an die schmerzende Stelle fasste, schwang sich sein Double mit einem Satz auf den Fahrersitz, schlug die Tür zu und machte Anstalten, ohne Kane zu starten. Doch dann überlegte der Lookalik es sich anders und öffnete ihm einladend die Copilotentür. Kane kochte, beließ es aber bei dieser einen Auseinandersetzung und stieg wütend ein.

»Bete, dass du niemals in Schwierigkeiten kommst!«, murmelte er und ließ sich in die Rückenlehne fallen.


Sein Lookalik gab ordentlich Gas, er hatte die drei noch funktionierenden Segel halb eingezogen und brachte den Scout so an seine Leistungsgrenze. Zahllose Saatwolken kreuzten ihren Weg, denen er scharf auswich. Das zerrissene vierte Segel sorgte zudem für ein unberechenbares Flugverhalten.

»Musst du so rasen?«

»Schiss?«

Kane fingerte nach dem Gurt und schnallte sich an. Er schwor sich, bei der nächstbesten Gelegenheit wieder selber am Steuer zu sitzen, egal um welchen Preis.

Bald erreichten sie den Rand des Dämonenwaldes und die Faltensteppe breitete sich vor ihnen aus. Der Name entsprach der Geländeart: unregelmäßige und weich abfallende Hügel, die hin und wieder von einem Steil- oder Überhang durchzogen wurden. Vereinzelt bildeten sich kleine Nebelbäume.

Bei anbrechender Dunkelheit wurde sein Begleiter endlich müde, doch auch Kane hatte Probleme, die Augen weiterhin offen zu halten.

Sie landeten neben einem Überhang und stärkten sich unter freiem Himmel. Teilen war überflüssig, Kanes Doppelgänger hatte dieselben Vorräte wie er selbst bei sich.

Am nächsten Morgen stieg das Double ohne ein Wort zu verlieren auf der Beifahrerseite ein. Na also, sagte sich Kane, ich kann doch auch ganz vernünftig sein.

Mit großer Befriedigung registrierte Kane, dass nun sein Doppelgänger angeschnallt und blass im Sitz versank. Doch im Prinzip wussten beide, dass sie sich beeilen mussten. Das fremde Schiff machte keine Pause, der Treibstoff würde nicht ewig reichen und Kane wollte auch wieder zurückkehren können.

Bald entdeckten sie die Furche, die das fremde Ding hinterlassen hatte. Ohne Rücksicht auf Verluste hatte es sich in gerader Linie durch die Hügel gefräst und eine breite und tiefe Spur verursacht, die man noch in hundert Jahren sehen würde.

Stunden später sahen sie die Staubwolke am Horizont.


Es war tatsächlich ein Raumschiff, das war an den Triebwerken eindeutig zu erkennen. Sie kamen Kane an dem riesigen Gebilde etwas klein vor, dafür fielen ihm an den Längsseiten vier überdimensionale und torpedoförmige Anbauten auf, die vielleicht ein fortschrittlicheres Antriebssystem darstellten.

Kane flog seit einer halben Stunde mit ausgefahrenen Segeln über dem Ding, das gute zwei Kilometer lang sein mochte, und suchte einen Landeplatz zwischen den Antennen, Modulen, Kuppeln und rohrartigen Gebilden, die möglicherweise Waffen waren.

»Da!«

Sein Doppelgänger deutete auf eine größere Fläche, die lediglich mit dünnen Leitungen überzogen war.

»Sieht gut aus!«, gab ihm Kane Recht. Er setzte zur Landung an. Durch das zerrissene Segel war das Manövrieren schwierig und eine plötzliche Böe drückte die Maschine gegen einen danebenliegenden Turm.

»Pass doch auf!«, rief sein Nachbar. Gleichzeitig krachte es bereits.

»Das war das zweite Segel!«

»Ich weiß!«

Unsanft setzte der Scoutgleiter auf.

»Na prima!«, meinte Kanes Double, als er aus dem Fenster blickte.

»Halt bloß deine Klappe!«

Ihm wäre das ebenso passiert, das war doch klar. Sie würden wieder starten können, aber mit nur zwei verbliebenen Segeln würde der Sprit nicht mehr für den Rückflug reichen.

Draußen blies ihnen ein leichter Fahrtwind entgegen, der Boden unter ihren Füßen vibrierte und brummende Geräusche verrieten, dass in dem Raumschiff mächtige Maschinen arbeiteten.

Das Schiff war ein Lookalik, eine Realisation der Spiegelträumer. Wie die Doppelgänger tauchten auch andere Objekte an den unmöglichsten Stellen auf, die nichts mit ihrem wahren Standort zu tun hatten. Niemand wusste, ob sie die Nachbildung eines Originals darstellten oder reale Dinge aus einer anderen Dimension oder Parallelwelt waren.

Kane und sein zweites Ich wanderten den Rest des Tages zwischen den Aufbauten umher, bis sie endlich eine Schleuse gefunden hatten, die sich nach einigen Experimenten manuell öffnen ließ.


Kane erschrak, als er beim Betreten des Schiffes schwerelos wurde.

»Wie geht das denn jetzt plötzlich?«, fragte er sich.

»In Wirklichkeit befinden wir uns im Weltraum«, beantwortete er sich selbst die Frage.

Praktischerweise gab es hier genügend Griffe und Kanten, an denen er sich festhalten konnte. Der Korridor war hell erleuchtet, nicht sehr lang und mündete in einer T-Kreuzung. Im nächsten Moment huschte am Ende eine Figur vorüber. Kane hielt die Luft an und presste sich an die Wand. Zwei weitere Gestalten folgten der ersten, das Schiff war hochgradig belebt. Kane fingerte nach einer Taste, die sich bei einer Tür neben ihm befand. Zischend öffnete sich der Durchgang und rasch drückte er sich in einen dunklen Raum hinein. Licht flammte auf. Vermutlich ein Sensor, beruhigte sich Kane. Sein Double war ihm gefolgt und schloss hinter sich die Tür. Der Raum mochte eine moderne Küche darstellen oder auch eine gepflegte Werkstatt. Jedenfalls hatten sie Glück, dass er leer war.

Das eben waren Menschen gewesen, allerdings sehr junge, wenn sich Kane nicht getäuscht hatte.

»Zum Glück haben die uns nicht gesehen!«, flüsterte sein Begleiter. Kane betrachtete die verschiedenen Geräte und drückte probeweise auf einigen der Tasten herum, doch nichts tat sich.

Sein Double drehte sich um und formulierte die Frage, die ihm selber durch den Kopf ging: »Was suchen wir eigentlich?«

»Keine Ahnung. Die Zentrale vielleicht?«

»Du meinst die Brücke. Und dann? Das Ding ist riesig!«

Kane ließ sich wieder zur Tür treiben und presste sein Ohr an das Metall. Draußen war alles ruhig, aber in der Schwerelosigkeit waren natürlich keine Schritte zu hören. Er betätigte den Türsensor und blickte in mehrere Waffenmündungen.

Entsetzt packte Kane seinen Doppelgänger, um sich hinter ihm zu verstecken, doch dieser schob ihn seinerseits nach vorne. Die Waffen gehörten zu drei Maschinen, jeweils nur einen Meter groß, jedoch unzweifelhaft tödlich. Eine durchdringende Stimme in einer fremden Sprache ertönte und ließ ihm das Herz in die Hose rutschen.


Man hatte sie in einem nüchtern eingerichteten Raum gesperrt, mit zwei in der Wand eingelassenen Schlafnischen, einer WC- und Waschvorrichtung und einem Tisch mit Sitzgelegenheiten und Gurten. Vor der Tür hielten mindestens zwei Kampfroboter Wache. Es dauerte nicht lange, bis Besuch kam. Ein Mann in Begleitung eines Mädchens. Das lange, hagere Gesicht des Erwachsenen sah verbittert aus, die Glatze ließ ihn alt aussehen, eine seltsame Brille versteckte seine Augen. Er steckte in einem schwarz glänzenden Anzug, der Kane beeindruckte. Das Mädchen trug einen einfachen, grauen Overall, an ihrem kahlen Kopf waren Knöpfe und Steckplätze befestigt.

Der Mann sprach ein paar Worte zu dem Mädchen, die Kane nicht verstand, dann verschwand er wieder. Das Mädchen schnallte sich am Tisch fest und deutete den beiden Jungen an, es ihr gleichzutun. Sie überreichte ihnen Beutel mit dickflüssiger Nahrung. Ihre eigenen Rucksäcke mit den Vorräten hatte man ihnen weggenommen. Der undefinierbare Brei schmeckte fürchterlich, Kane verstaute den Beutel für später.

Das Mädchen war höchstens zehn Jahre alt. Ihr rundes Gesicht wäre mit Haaren sicher ganz hübsch gewesen. Der breite Mund lächelte verlegen und ihre Augen wanderten unsicher von einem zum anderen. Dann begann sie zu sprechen und obwohl Kane manchmal ein Wort zu erahnen glaubte, war ihm die Sprache fremd. Aus der Geschichte wusste er, dass die Gründerväter eine eigene Sprache für die Siedler entwickelt hatten, um keine Altlasten, die sich selbst in Wörtern niederschlagen konnten, in ihr neues Dasein mitzunehmen. Das Mädchen verstummte und legte ein halbrundes, kleines Gerät in die Tischmitte, wo es haften blieb. Es deutete auf sich und sagte: »Ada.« Dann zeigte es fragend auf ihr Gegenüber.

»Kane«, sagte Kane, der zu verstehen glaubte und sein Doppelgänger nannte den gleichen Namen.

Das Mädchen hob die Augenbrauen und schaltete das Gerät ein. Die beiden Kanes blickten auf eine Miniaturdarstellung ihrer selbst.

»Das bin ich und mein Double!«, erklärte der Doppelgänger.

»Wer ist hier das Double?«, fuhr ihm Kane dazwischen.

»Na ich bestimmt nicht, du Pfeife!«

Ada wischte das Bild hinweg. Die Frage war zu schwierig gewesen. Sie projizierte ihr Raumschiff über dem Tisch und ließ daneben einen Planeten entstehen. Sie deutete auf sich und das Schiff und sagte: »Ada, Paron Dura.«

Paron Dura war offenbar der Name des Schiffes. Kane deutete auf sich und den Planeten, den er als seine Heimatwelt erkannte.

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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
406 s. 27 illüstrasyon
ISBN:
9783964260208
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