Kitabı oku: «Ostseegrab»
Anke Clausen
Ostseegrab
Kriminalroman

Zum Buch
GEFÄHRLICHE BRANDUNG Ex-Model Sophie Sturm, erfolgreiche Klatschreporterin eines Hamburger Hochglanzmagazins, möchte sich nach einem persönlichen Schicksalsschlag auf Fehmarn erholen. Zusammen mit ihrem Labrador Pelle reist sie auf die Ostseeinsel zu ihrer Freundin Tina. Doch der ersehnte Urlaub verläuft anders als erhofft. Gleich am ersten Morgen findet Pelle am Strand von Gold eine tote Frau im Neoprenanzug. Sophie verständigt Tinas Mann, Hauptkommissar Stefan Sperber. Sie glaubt nicht an einen Unfall. Bereits vor drei Tagen wurde eine tote Kitesurferin gefunden. Stefan hält nichts von Sophies Theorien. Trotz seiner Warnung, sich aus der Sache herauszuhalten, schnüffelt sie im Umfeld der Surf- und Kiteschule herum. Was wissen die attraktiven Surflehrer Ben und Olli? Beide kannten die toten Frauen. Durch ihren Kontakt zur Lübecker Rechtsmedizin ist Sophie der Polizei einen Schritt voraus, doch dem Mörder gelingt es trotzdem, sie in eine Falle zu locken.
Anke Clausen lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Hamburg. Nach 20 Jahren in der Fernsehwelt als Kamerafrau und regieführende Bildmischerin für Nachrichten, Magazine und Talkshows arbeitet sie heute als freie Autorin. Im Herbst 2007 startete sie ihre Krimi-Reihe um die ebenso hübsche wie neugierige Hamburger Klatschreporterin Sophie Sturm. Hauptschauplatz der Verbrechen ist die Ostseeinsel Fehmarn. Ein Ort, an dem Anke Clausen nicht nur aus Recherchegründen gerne Zeit verbringt.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Immer informiert
Spannung pur – mit unserem Newsletter informieren wir Sie
regelmäßig über Wissenswertes aus unserer Bücherwelt.
Gefällt mir!

Facebook: @Gmeiner.Verlag
Instagram: @gmeinerverlag
Twitter: @GmeinerVerlag
Besuchen Sie uns im Internet:
www.gmeiner-verlag.de
© 2007 – Gmeiner-Verlag GmbH
Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75/20 95-0
info@gmeiner-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten
1. Neuausgabe 2021
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Amine / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-3354-2
Widmung
Für Zoe
Prolog
Sie schien tatsächlich Schwierigkeiten zu haben, ihre Augen offenzuhalten, stellte er mit Genugtuung fest. Von der Sonnenbräune war nichts mehr zu sehen. Sie wurde immer blasser. »Alles klar?«, fragte er mit gespielter Sorge. Sie nickte nur müde. »Du warst wirklich klasse heute. Eins mit Wind und Wasser«, plauderte er einfach weiter. »Es hat richtig Spaß gemacht, dir beim Kiten zuzusehen.« Sie würde gleich umkippen. Sie schwankte bereits. Auf ihrer Stirn glänzte kalter Schweiß.
»Mir ist ganz komisch.« Es war nicht mehr als ein Flüstern.
»Du siehst auch ein bisschen mitgenommen aus. Warum setzt du dich nicht?« Er kicherte innerlich. Sie würde keinen Schritt mehr machen können. Zu seinem Erstaunen versuchte sie es aber. Mit geschlossenen Augen taumelte sie auf den Tisch zu. Jetzt bekam er tatsächlich Angst. Was, wenn sie stürzte? Sie durfte sich auf keinen Fall verletzen. Das passte nicht in seinen Plan. Er hatte doch etwas ganz anderes mit ihr vor und dafür sollte sie schön sein. Schön, blond und glücklich. Ansonsten wäre die ganze Anstrengung umsonst gewesen. Bevor sie fiel, fing er sie auf. »Na, das war aber knapp!«
»Ich bin müde«, hauchte sie.
Mühelos nahm er sie auf den Arm wie ein kleines Kind. Sie seufzte und ließ den Kopf an seine Brust fallen. Sie wähnte sich tatsächlich in Sicherheit. Was wohl gerade in ihrem hübschen Köpfchen vorging? Wahrscheinlich glaubte sie, er würde sie nun schlafen lassen. Amüsiert blickte er auf ihre geschlossenen Augen. Natürlich werde ich dich ruhen lassen. Tiefer und länger, als du es dir je erträumt hast. Er stöhnte ein bisschen, als er sich nach vorn beugte und sie vorsichtig in die Badewanne legte. Sie riss erschrocken die Augen auf. Ja, das Wasser war bestimmt ziemlich kalt. Er hatte es schon vor Stunden eingelassen. Schließlich hatte er sich vorbereitet. Dieses fragende Gesicht. Er hätte ihr ja gern erzählt, was als Nächstes geschehen würde, aber er durfte doch noch nichts verraten. Er legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm.
»Jetzt hast du wieder Farbe im Gesicht. Gleich ist es besser«, erklärte er mitfühlend.
Sie atmete tief durch und tastete nach den Wannenrändern, um sich aufzustützen. »Ich muss schlafen. Bitte!«
Da war so ein Flehen in ihrer Stimme, das ihm gar nicht passte. Auch wenn sie zweifellos müde war, musste sie doch jetzt nicht weinerlich werden. Wasser war doch ihr Element. Ihr jämmerlicher Anblick machte ihn ein bisschen ärgerlich. Sie versuchte tatsächlich sich hochzuziehen, aber er hatte damit gerechnet. Schnell beugte er sich zu ihr hinunter und legte seine Hände um ihre Schultern. Sie streckte Hilfe suchend die Arme aus. Glaubte sie denn wirklich, dass er ihr wieder raushelfen würde? Jetzt, wo er sie endlich hier hatte? Als er sie tiefer drückte, öffnete sie irritiert die Augen. Selbst als sie unter Wasser war, starrten diese Augen ihn noch fassungslos an. Plötzlich war sie voller Energie. Wo nahm sie nur die Kraft her? Vor ein paar Minuten war sie doch kaum noch bei Bewusstsein gewesen. Sie kämpfte verzweifelt. Er hatte sie unterschätzt. Sie wand sich wie ein Fisch und schlug mit Armen und Beinen um sich. Sie trug noch immer ihren Neoprenanzug. Es war nicht einfach sie in dem engen Ding zu fixieren. Langsam stieg eine maßlose Wut in ihm auf. Warum musste sie es ihm so schwer machen? Er tat das hier doch nicht zum Vergnügen. Es musste sein. Der Gewissheit wegen. Plötzlich ließ sie sich zur Seite rollen und packte seinen linken Unterarm. Mit aller Kraft drückte sie dagegen. Seine Hand rutschte für einen Moment von ihr ab. Sie nutzte die Gelegenheit und bäumte sich auf. Sie versuchte zu schreien, doch ihrer Kehle entrang sich nur ein müdes Krächzen. Sie verpasste die Chance, neuen Atem zu holen, bevor er sie wieder unter Wasser drückte. Er konnte fühlen, wie ihre Kräfte schwanden. Es war fast komisch. Sie versuchte tatsächlich, unter Wasser zu atmen. Natürlich musste sie husten. Aber diese angstgeweiteten Augen passten nicht in sein Bild. Nein, so hatte er das nicht geplant. Sie sollte doch glücklich sein. Mit diesem Gesichtsausdruck konnte sie ja Kinderherzen zu Eis gefrieren lassen. Er riss sie wütend hoch. Sie musste doch kapieren, um was es eigentlich ging. Sie spuckte Schaum und rang verzweifelt nach Luft. Er bemühte sich, seine Liebe in seine Stimme zu legen. »Was ist denn?«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Du liebst das Wasser doch. Du sollst in Frieden schlafen. Wehr dich nicht dagegen. Schlaf. Schlaf einfach ein!«
Er war fast verzweifelter als sie. Sie hustete noch immer und in ihren Augen lag das blanke Entsetzen. Warum verstand sie denn nicht, dass sie ihr Schicksal annehmen musste? Es kostete ihn unendliche Kraft, seine Enttäuschung zu verbergen und sie anzulächeln. »Keine Angst, ich bringe dich nicht in dein nasses Grab zurück. Ich lege dich in den warmen Sand.« Das dumme Ding hatte gar nicht zugehört. Fast gelangweilt brachte er es zu Ende. Nach ein paar Minuten schnappte sie nur noch wie ein kleiner Fisch. Es war fast niedlich. Seine Laune besserte sich. Er formte mit seinem Mund ein Fischmaul und schnappte synchron mit. Einen Moment später war es vorbei. Sie rührte sich nicht mehr. Er beschloss, auf Nummer sicher zu gehen und wartete noch ein paar Minuten, bevor er seine Hände löste. »Ausgeschnappt«, murmelte er und rieb sich die kalten Finger. Erschöpft stand er auf und streckte sich. Erledigt. Neugierig betrachtete er das Ergebnis. Sie sah einfach nur tot aus. Ohne große Lust nahm er den Fotoapparat und machte ein Bild. Und wenn es gar nicht stimmte? Wenn Ertrinken doch kein angenehmer Tod war? Ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken. Gott, was für eine entsetzliche Vorstellung. Damit würde er nicht zurechtkommen. Er atmete tief durch. Wahrscheinlich war sie einfach nur das falsche Mädchen.
1
Freitag
Sophie Sturm stand mit den anderen Redakteuren und dem Chefredakteur der ›Stars & Style‹ im gläsernen Konferenzraum des Verlagshauses. Der Champagnerkorken knallte und die Gläser wurden vollgeschenkt.
»Auf Sophie!«, rief jemand.
Sophie nickte und hob ihr Glas. Ihre blonde Mähne war lässig zusammengebunden und ihre langen Beine steckten in einer Designerjeans. Über dem schlichten T-Shirt trug sie eine cremefarbene Chaneljacke. Sie wusste, dass sie gut aussah, doch sie fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut. Obwohl der Erfolg der neusten Ausgabe des Hochglanzmagazins allein auf ihr Konto ging, war sie nicht in Feierlaune. Natürlich war das Aufdecken von Geheimnissen der Stars und Sternchen das tägliche Brot einer Klatschredakteurin, doch dieses Mal hatte sie nicht professionell gearbeitet. Ihr Motiv war rein persönlich gewesen. Sophie blickte aus der riesigen Glasfront auf den Hamburger Hafen. Die Sonne glitzerte auf der Elbe und ein Containerfrachter machte sich, von Schleppern gezogen, auf in Richtung See.
»Sophie? Alles klar? Du guckst ja aus der Wäsche, als hätte ich dich gerade gefeuert«, scherzte ihr Chefredakteur. Die Kollegen kicherten und genehmigten sich noch ein Schlückchen. »Dabei bist du doch heute unser Star!« Feierlich wandte er sich wieder allen zu. »Leute, ich hab die neusten Verkaufszahlen. Pole Position! Diesmal haben wir die anderen Blätter weit abgehängt.«
Es wurde gejohlt und geklatscht. Sophie setzte ein Lächeln auf und schielte auf ihre Uhr. Eine Viertelstunde würde sie den Quatsch zwangsläufig noch mitmachen müssen, aber keine Minute länger.
»Auf Sophie! Und auf Felix van Hagen und sein kleines Geheimnis!«, riefen die Kollegen.
Das kleine Geheimnis war fünf Jahre alt und geheim war es seit heute nicht mehr, dafür hatte sie gesorgt. Der beliebte Showmaster hatte eine uneheliche Tochter. Nicht mal Boris Becker und die Wäschekammeraffäre hatten die Nation so empört. Van Hagen war seit zwölf Jahren mit einer hübschen Französin verheiratet und hatte zwei Kinder. Er präsentierte seine perfekte Familie gerne vor der Presse und gab sich als strenger Moralapostel, für den vor allem Treue und Familienglück zählten. Sophie fröstelte. Nun wusste jeder, wie verlogen er wirklich war. Die Enthüllungsstory war die Geschichte des Jahres. Auch wenn ihr Name nicht auftauchte, konnte Felix sich denken, dass sie für den Artikel verantwortlich war. Sophie nahm die Glückwünsche entgegen und versuchte gelassen zu wirken. Sie war froh, dass sie nicht allein war. Pelle wich nicht von ihrer Seite. Der braune Labrador verstand sie ohne Worte. Er gähnte mehrmals lang und ausgiebig, um ihr zu zeigen, dass er sich langweilte. Sophie zwinkerte ihm zu und gab ihm zu verstehen, dass sie nicht mehr lange bleiben würden. Plötzlich wurde wieder gejubelt. Die Boulevardnachrichten hatten die explosive Meldung natürlich zum Hauptthema gemacht. Felix’ Gesicht flimmerte über den Fernsehbildschirm. Sophie kannte es sehr gut. Sie hatte ihn geliebt. Aber wer liebte ihn nicht? Seine Shows waren Straßenfeger und er war der ungeschlagene Quotenkönig. Auch wenn er mit 58 nicht mehr der Jüngste war, gab es keine Altersstufe, die von seinem Charme und seinem Witz nicht verzaubert war. Bis jetzt. Sie hatte nur den Stein ins Wasser geworfen. Für die Wellen konnte sie nichts, versuchte sie sich zu beruhigen. Geld hatte Felix zwar mehr als er jemals ausgeben könnte, doch der Imageverlust würde ihm schwer zu schaffen machen. Sie hatte eine Lawine losgetreten. Er steckte in echten Schwierigkeiten und das hatte sie beabsichtigt. Trotzdem fühlte sie nicht den erhofften Triumph. Sophie stürzte den Rest Champagner hinunter. Es wurde Zeit, dass sie abhaute. Sie musste noch schnell heimfahren, sich umziehen und ihren Koffer holen. Sie musste mal weg von allem. Ihr Arzt hatte ihr eine Auszeit dringend ans Herz gelegt. Sophie entschuldigte sich bei der Schampus trinkenden Meute, die sofort aufheulte, dass sie doch noch nicht gehen könnte. Pelle sprang auf und folgte ihr. Sophie wusste, dass die Kollegen nur darauf gewartet hatten, dass sie verschwand. Jetzt konnten sie endlich laut aussprechen, was ihnen unter den Nägeln brannte. Warum hatte Sophie als Einzige davon gewusst? War an den Gerüchten doch was dran? Sophie und Felix? Hatte er sie abserviert? War sie es leid, nur die Geliebte zu sein? Sophie konnte spüren, wie sie ihr nachstarrten. Sie eilte zu ihrem Schreibtisch. Pelle sah sie fragend an. »Ich bin gleich so weit mein Dicker«, beruhigte sie ihn und sammelte ihre wichtigsten Unterlagen zusammen. Dann griff sie ihr Handy. Während sie tippte, kraulte sie dem Labrador den Nacken. »Gleich sind wir raus hier!« Am anderen Ende der Leitung wurde abgenommen. »Tina? Hallo! Nee, ich habe nur mit Pelle gesprochen. Wir sind noch in Hamburg, aber wir fahren jetzt los.« Während Sophie telefonierte, packte sie die letzten Sachen in ihre Tasche und lief los. Pelle tänzelte hinter ihr her. »Wir müssten so in zwei Stunden bei euch sein. Ich freu mich! Bis nachher!« Sie klappte ihr Handy zu.
»Bis Montag!«, rief ihr ein Kollege zu.
Sophie schüttelte den Kopf. »Nix da! Ich habe Urlaub!«
»Saint-Tropez? Oder Shopping in New York?«
»Viel exotischer.« Sie grinste. »Die kalte Ostsee! Fehmarn!«
Während der Kollege über den vermeintlichen Witz lachte, verschwand Sophie mit Pelle im Fahrstuhl. Sie konnte es nicht erwarten, endlich auf der Ostseeinsel zu sein. Sie brauchte dringend eine Luftveränderung und Zeit, über ihr Leben nachzudenken. Sie hatte es tatsächlich getan! Es war ihr nur um Rache gegangen, nachdem sie wusste, dass es aussichtslos war, von einer gemeinsamen Zukunft zu träumen. Aber Felix van Hagen hatte sie zuerst verraten.
Tina Sperber legte das Telefon zurück auf den Küchentresen. Sie war ziemlich überrascht gewesen, als Sophie sich vor ein paar Tagen spontan eingeladen hatte. Das letzte Mal hatten sie sich vor zwei Jahren gesehen und auch die Telefonate waren seltener geworden. Sie hatten nicht mehr viel gemeinsam. Mal wieder über alte Zeiten quatschen, hatte Sophie gesagt. Tja, die alten Zeiten, als sie noch Medizinstudentinnen waren und sich mit Modeljobs über Wasser hielten. Für ein paar Monate hatten sie sich sogar eine kleine Wohnung geteilt. Tina lächelte. Wie viele Nächte hatten sie auf dem winzigen Balkon Zigaretten geraucht und über ihre Zukunft spekuliert? Es kam ihr heute vor wie ein anderes Leben. Das Studium hatten sie beide nicht beendet. Sophie hatte damals abgebrochen, um professionell zu modeln und sie war Stefan über den Weg gelaufen. Eigentlich war sie mit dem Auto unterwegs gewesen und das mit Promille. Der nette Polizist hatte sie mit einem blauen Auge davonkommen lassen, nachdem er ihre Personalien aufgenommen hatte. Einen Tag später hatte er angerufen und sie zum Essen eingeladen. Als Stefan ihr einen Antrag gemacht hatte, hatte sie nicht eine Sekunde gezögert. Ihr Glück war perfekt, als sie nach einem Jahr schwanger wurde. Jetzt waren sie zu fünft. Stefan war mittlerweile Kriminalhauptkommissar in Lübeck. Dort hatten sie die ersten Jahre gelebt, bis zum plötzlichen Unfalltod ihrer Eltern vor drei Jahren. Tina hatte das Haus auf Fehmarn geerbt und sie hatten beschlossen, es zu einem neuen Heim für ihre eigene Familie zu machen. Sie wollten ihre Kinder an der Ostsee aufwachsen sehen. Es hatte fast zwei Jahre gedauert, bis der alte Kasten modernisiert und zu einem echten Schmuckstück geworden war. Stefan versuchte jeden Abend nach Hause zu kommen und blieb nur in Lübeck, wenn es gar nicht anders ging. Seit Finn auf der Welt war, verbrachte er jede freie Minute bei seiner Familie. Wie auf ein Stichwort begann Finn zu krähen. Tina ging nach oben ins Schlafzimmer, um ihr Baby zu stillen. Von ihrem Schaukelstuhl konnte sie auf das Meer sehen. Kleine Schaumkronen kräuselten sich im Sonnenlicht. Am Himmel waren nur wenige Wolken zu sehen. Der Juli feierte seinen Einstand mit traumhaftem Wetter. »Wir werden einen tollen Sommer haben, kleiner Schatz.« Ihr Blick fiel auf die neuste Ausgabe der ›Stars & Style‹, die auf dem antiken Beistelltischchen lag. Das Titelblatt zeigte den mit Baseballkappe getarnten Felix mit einem kleinen Mädchen. Im Magazin waren noch weitere Bilder. Natürlich war die Qualität der Paparazzifotos nicht die beste, doch was machte das schon? Van Hagen stand als Lügner da. Warum ließ Sophie zu, dass man ihn auf so üble Weise an den Pranger stellte? Hatte sie es nicht verhindern können? Sie war doch ganz froh gewesen, dass Felix in Wirklichkeit nicht der treue Gatte war. Tina war am Anfang skeptisch gewesen. Sie wünschte Sophie eine ehrliche Beziehung mit einem Mann, den sie nicht teilen und verheimlichen musste. Doch Sophie schien glücklich zu sein. Zumindest behauptete sie das immer am Telefon und schwärmte von den unglaublichen Reisen, die sie zusammen machten. Sophie konnte sich köstlich darüber amüsieren, wie Felix und sie die Öffentlichkeit austricksten, damit ihre Affäre nicht aufflog. Und jetzt veröffentlichte ausgerechnet die ›Stars & Style‹ diesen Artikel. Das war doch kein Zufall. Tina zuckte zusammen. Hatte Sophie den Artikel gar nicht verhindern wollen? War die Affäre beendet? Aber auch wenn es zwischen den beiden aus sein sollte, war das keine ausreichende Erklärung für so einen Vernichtungsschlag. Schaudernd erinnerte sie sich an den Kinofilm ›Eine verhängnisvolle Affäre‹. Die Tür flog auf und Antonia und Paul stürmten ins Zimmer.
»Mama! Paul ist so doof! Er hat meinen Teddy mit Sonnenmilch eingeschmiert!«
»Pst! Seid bitte leise.« Tina seufzte und sah die beiden ernst an. Die zwei waren einfach so niedlich und es fiel ihr immer schwer, zu schimpfen. »Paul! Du sollst Antonias Sachen doch in Ruhe lassen!«
Der kleine Kerl blickte verschmitzt aus der Wäsche. »Sonst macht Sonne aua, Mami.«
»Und ihr sollt hier nicht reinplatzen, wenn ich Finn stille. War das nicht so abgemacht?« Beide Kinder nickten brav. »Antonia, bitte pass ein bisschen auf Paul auf. Du bist doch mein großes Mädchen.«
Ihre Tochter strich sich mürrisch eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Bringt Tante Sophie Pelle mit?«
Die Kleine verblüffte sie immer wieder. Das letzte Mal hatte Antonia den Hund vor über zwei Jahren gesehen und da war sie grade mal drei gewesen. Offensichtlich hatte sie den schokoladenfarbenen Labrador nicht vergessen.
»Pelle, Pelle!«, schrie jetzt auch der dreijährige Paul.
Tina lachte leise. »Aber Paul, du kannst dich doch gar nicht mehr an Pelle erinnern.«
Paul stampfte mit dem Fuß auf. »Wohl!«
Antonia verschränkte die Arme vor der Brust und stellte sich auf Zehenspitzen. »Kannst du nicht! Mama hat recht! Du warst doch noch ein klitzekleines Baby.«
Paul warf seiner großen Schwester einen wütenden Blick zu.
»Schluss jetzt! Pelle ist in zwei Stunden hier. Dann könnt ihr ihn streicheln und mit ihm spielen. Aber jetzt geht ihr in den Garten und streitet euch nicht. Ihr dürft euch ein Eis nehmen.« Die beiden stürmten aus dem Zimmer. Tina atmete durch und legte den satten Finn zurück in sein Bettchen. Sophie war eine vernünftige Frau. Wenn sie mit der Enthüllungsstory etwas zu tun hatte, musste sie einen triftigen Grund haben. Tina schluckte. Alles passte zusammen! Über alte Zeiten quatschen? Zwei Wochen lang? Nein! Irgendetwas musste passiert sein und aus diesem Grund kroch sie jetzt auch auf Fehmarn unter, anstatt sich in der Karibik zu bräunen. Es gab nur eine Erklärung. Felix van Hagen musste Sophie übel mitgespielt haben. Da gab es definitiv eine viel schlimmere Story hinter der Story.
Sophie lenkte ihr BMW-Cabriolet auf den freien Parkplatz vor ihrer Altbauwohnung in Eppendorf. »Mein Glückstag!«, rief sie. Pelle sah sie vom Beifahrersitz erstaunt an. Sie sprang aus dem Wagen und öffnete ihm die Tür. »Ein Parkplatz! Und das am Freitagnachmittag! Der Urlaub beginnt doch toll!« Sophie merkte, wie der Stress von ihr abfiel. Sie würde diese gute Laune festhalten und versuchen, nicht mehr an Felix zu denken. Statt den Fahrstuhl zu nehmen, rannte sie die Treppe hoch bis in den 4. Stock und schloss ziemlich außer Atem die Tür zu ihrer 120 Quadratmeter Jugendstilwohnung auf. Pelle hechelte und seine rosa Zunge schlurfte fast über das Parkett. »Mein Dicker, wir sind nicht gerade fit, was?«, stellte sie lachend fest und schleuderte die teuren Schuhe in die Ecke. »Aber wir werden die zwei Wochen nutzen und uns ein bisschen in Form bringen!« Ihr Koffer stand bereits gepackt im Flur. Eigentlich hatte sie noch kurz duschen wollen, aber jetzt konnte sie gar nicht schnell genug aufbrechen. Sophie schlüpfte in einen bequemen Kapuzenpulli und Turnschuhe. 10 Minuten später saß sie mit Pelle schon wieder im Wagen. »Nun machen wir Ferien: Strand und Meer, joggen und kleine Kinder.«
Pelle bellte zustimmend, als ob er jedes Wort verstanden hätte. Fehmarn! Unspektakulär, aber sie freute sich trotzdem. Wahrscheinlich brauchte sie dringender etwas Ruhe, als sie sich eingestehen wollte. Natürlich war es schön Tina zu sehen, aber dazu hätte auch ein verlängertes Wochenende gereicht. Der wahre Grund für ihren Besuch war, dass sie auf der Insel genug Zeit haben würde, über die Geschehnisse der letzten Wochen nachzudenken und Kraft für einen neuen Start zu tanken. Eine unspektakuläre Gegend mit Deichen, Kühen und Seeluft würde sie nicht von ihren Problemen ablenken. In den letzten zwei Jahren hatte sie die schönsten Ecken der Welt gesehen. Felix hatte immer traumhafte Hotels gebucht. Diese gemeinsamen Wochen mit ihm waren wirklich die schönsten ihres Lebens gewesen. Und nun blieb dieser üble Nachgeschmack. »Vorbei!«, sagte sie laut und stellte das Radio an. Seit ihrer Kindheit war sie nicht mehr mit dem Auto in den Urlaub gefahren. Sie konnte sich noch gut erinnern, wie sie sich auf dem Rücksitz zwischen der Kühltasche und dem eingepackten Zelt gelangweilt hatte. Während des Studiums war sie zu Modeljobs um die halbe Welt geflogen. Irgendwann war sie mehr in Fotostudios und auf Laufstegen als in der Uni gewesen. Sie hatte beschlossen, erst einmal ein paar Jahre Geld zu verdienen. Das Studium wollte sie später wieder aufnehmen, doch es kam anders. Sie bekam das Angebot, eine Kolumne für ein Modemagazin zu schreiben. Die Arbeit hatte ihr so viel Spaß gemacht, dass sie sich nicht mehr vorstellen konnte etwas anderes zu ihrem Beruf zu machen. Sie hatte bei verschiedenen kleinen Zeitungen hart gearbeitet und später bei einem Fernsehsender volontiert. Dort hatte man sie als Polizeireporterin eingesetzt. Das war zwar absolut nicht die Art von Arbeit, die sie machen wollte, doch sie hatte viel gelernt. Nach einem Jahr hatte sie eine feste Stelle als Redakteurin bei einer Tageszeitung bekommen. Ihr Bereich war Mode und Gesellschaft, und sie hatte sich schnell einen Namen gemacht. Vor zweieinhalb Jahren wurde sie von der ›Stars & Style‹ abgeworben. Als Klatschredakteurin war es nun ihr Job, alles über die Prominenz in Erfahrung zu bringen. Sie flog für das Magazin überall dorthin, wo die Schönen und Reichen feierten. Außerdem berichtete sie von den Aftershowpartys der großen VIP-Veranstaltungen und Preisverleihungen. Auf so einer Party hatte sie auch Felix kennengelernt. Sophie schaltete das Autoradio lauter. Bei guter Popmusik würde sie schon nicht melancholisch werden. Es war eben vorbei und sie hatte wieder Zeit für ihre alten Freunde. Sie musste nicht mehr auf einen Anruf von Felix oder seinem Assistenten warten, der ihr dann mitteilte, wo die Flugtickets für ihr Wochenende hinterlegt waren und in welchem diskreten Luxushotel sie sich treffen würden. Einen Skandal durfte sich der Saubermann des deutschen Fernsehens auf keinen Fall erlauben. Er war wirklich ein guter Schauspieler. Sie selbst hatte ihm doch auch geglaubt. Dabei war er schon immer skrupellos gewesen. Dass er seine Frau betrog, scherte ihn einen Dreck. Sophie hatte anfangs ein schlechtes Gewissen gehabt, doch Felix hatte ihr immer wieder versichert, dass seine Ehe nur noch auf dem Papier bestand. In ein paar Jahren, wenn er nicht mehr im Rampenlicht stehen würde, würde er sich scheiden lassen. Warum war sie nur so naiv gewesen? Er hatte sie mit der Scheidungsgeschichte doch nur beruhigen wollen. Er hätte sich nie von seiner Frau getrennt. Warum sollte er auch? »Fahr zur Hölle!«, zischte Sophie in den Gegenwind. »Du hast keine Ahnung, was ich durchmachen musste!«
Tina marschierte durch das Haus und räumte Kinderspielzeug aus dem Weg. Dabei fiel ihr plötzlich auf, dass es eigentlich keinen Quadratmeter gab, auf dem nicht ein Bauklotz oder ein Kuscheltier lag. Als sie alles auf einen Haufen in der Kaminecke geworfen hatte, ging sie nach oben ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen. Tina betrachtete sich im Spiegel. Sie sah immer noch sehr gut aus. Ihr Gesicht fast faltenlos und ihre langen Locken noch immer kastanienrot. Gut, ihre Figur war nicht mehr die eines Topmodels, aber nach drei Kindern? Sie ging zum Kleiderschrank und überlegte, was sie anziehen sollte. Sophie war immer so schick! Aus der dünnen Medizinstudentin in Jeans war eine elegante Frau geworden, die sich in Edelmarken hüllte. Tina zuckte mit den Schultern. Von Gucci und Co. würde sie in ihrem Kleiderschrank nichts finden. Warum auch? Um es von ihren Kindern vollschmieren zu lassen? Sie trug eben Klamotten, die sich bei 60 Grad in der Maschine waschen ließen. Das war nun mal ihre Welt. Trotzdem wählte sie ihre beste Jeans und ein teures Poloshirt. Wieso war sie nur so nervös? Sie musste nicht mit Sophie konkurrieren. Sie hatten unterschiedliche Leben gewählt und zu ihrem gehörte eben eine praktische Garderobe. Das musste nicht bedeuten, dass sie sich nicht mehr verstehen würden. Früher waren sie gemeinsam durch dick und dünn gegangen. Erst durch ihre Beziehung mit Stefan hatte die Freundschaft einen Knacks bekommen. Sophie war damals entsetzt gewesen, dass sie ihre Karriere für einen einfachen Polizisten aufgab. Stefan fand Sophie oberflächlich und karrieregeil. Als Sophie angefangen hatte als Polizeireporterin zu arbeiten, sah er sich darin bestätigt, dass sie über Leichen ging. Tina ging ins Bad und verteilte etwas Rouge auf ihrem übermüdeten Gesicht. Würde alles gut gehen? Stefan war ganz und gar nicht begeistert, dass Sophie sich gleich für zwei Wochen eingeladen hatte, aber er würde sowieso nicht oft da sein. Hoffentlich waren beide inzwischen erwachsen genug, dass sie sich nicht gleich wieder die Köpfe einhauten. Als Tina das Gästezimmer noch mal kontrollierte und die frischen Blumen in der Vase zurechtrückte, hörte sie endlich einen Wagen. Paul und Antonia waren außer Rand und Band. Tina stürzte nach unten. Sophie war bereits dabei ihren teuren Koffer aus dem Auto zu zerren und Pelle leckte die begeisterten Kinder freudig ab. »Sophie! Herzlich willkommen!«
Sophie stellte den Koffer ab und lachte sie an. In Jeans und Turnschuhen sah sie noch immer aus wie die Studentin von damals. Auch ihr tiefes Lachen klang wie früher.
»Wow! Du siehst klasse aus! Ich hatte eigentlich die Info, dass du vor vier Monaten ein Baby gekriegt hast. Hast du es geklaut?«
Tina schüttelte lachend den Kopf. Sie hatte zwar alles getan, um möglichst schnell wieder in Form zu sein, doch das Kompliment ging runter wie Öl. Plötzlich war sie richtig gut gelaunt. Wahrscheinlich hatte sie sich wieder grundlos zu viele Gedanken gemacht. Sie würden sicher eine tolle Zeit haben. Aber da war noch die Sache mit Felix. Hatte Sophie ihre Macht missbraucht? War sie schuld daran, dass seine beispielslose Karriere den Bach runter gehen würde? Felix war Tina dabei eigentlich total egal, aber war mit Sophie wirklich alles in Ordnung?
Sophie war überrascht, wie sehr sie sich freute, ihre alte Freundin wiederzusehen. Tina sah blendend aus. »Mann! Was für geile Möpse! Damit machst du ja Pamela Anderson Konkurrenz.«
»Ach, hör bloß auf!« Tina stöhnte. »Im Moment sehe ich aus wie ein Pornostar. Finn ist aber auch ein echter Gierhals. Ich bin nur am Produzieren.«
»Na, Stefan ist doch bestimmt begeistert!«
»Woran du gleich wieder denkst!«
Sophie legte Tina den Arm um die Schulter und ging mit ihr kichernd um das Haus herum auf die Terrasse. Auf dem großen Teakgartentisch stand bereits ein Sektkühler mit einer Flasche Prosecco.
»Ein Glas darf ich«, erklärte Tina, während sie einschenkte. »Um den Rest wirst du dich kümmern müssen.«
»Kein Problem! Ich habe Urlaub! Danke, dass ich kommen durfte.«
»Na hör mal, es ist mir eine Ehre die berühmte Sophie Sturm zu Gast zu haben! Auf zwei schöne Wochen!«
Sophie prostete Tina zu und trank einen Schluck. »Ich hatte fast vergessen, wie toll es ist eine Freundin zu haben. Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Paul war doch noch ein Baby.«
Tina nickte lächelnd. »Richtig! Die Zeit rennt einfach. Früher war ein Jahr eine halbe Ewigkeit. Und jetzt? Ich habe das Gefühl, dass nur wenige Wochen zwischen zwei Weihnachtsfesten liegen. Und in der Zeit muss ich noch zwei Kindergeburtstagsfeiern organisieren. Das verfluchte Rad dreht sich immer schneller.«
Sophie nickte und ließ ihren Blick durch den Garten schweifen. Im hinteren Teil standen knorrige Obstbäume. Das Grundstück reichte bis an den Deich. Ein paar Möwen kreischten am Himmel und es roch nach Gras und Meer.
»Du hast es traumhaft hier!«
Tina rollte mit den Augen. »Ja, mittlerweile. Ich habe mit den Kleinen monatelang auf einer Baustelle gelebt. Ehrlich gesagt, hatte ich die ganze Geschichte hoffnungslos unterschätzt.«
Sophie nickte anerkennend. »Aber es hat sich doch gelohnt. Das ist Idylle pur! Deine Kinder hier herumtollen zu sehen erinnert mich an eine Astrid-Lindgren-Verfilmung. Ach, wo ist denn der Kleinste?«
»Er schläft! Und glaube mir, ich genieße das. Die letzten vier Monate waren hart. Manchmal weiß ich gar nicht, ob es Tag oder Nacht ist.« Tina schüttelte lächelnd den Kopf und nippte an ihrem Glas. Sie schwiegen ein paar Minuten. Sophie war froh, nichts sagen zu müssen. Schließlich war sie hierher gekommen, um Abstand zu gewinnen. Fehmarn schien der richtige Ort dafür zu sein. Nun fragte sie sich, ob sie nicht einen furchtbaren Fehler gemacht hatte. Statt Ablenkung fand sie hier die perfekte Mutter in einem zauberhaften Haus mit entzückenden Kindern. Natürlich konnte sie sich hier verstecken, doch vor sich selbst davonlaufen konnte sie nicht. Und nicht von der Vorstellung, wie alles hätte sein können, wenn Felix ein anderer Mensch wäre.
»Wo steckt eigentlich Stefan?«
»Er hat noch in Lübeck zu tun. Seit er bei der Mordkommission ist, muss er ganz schön ran.«
»Na, ich vermisse ihn nicht.« Sophie biss sich auf die Zunge. Warum hatte sie das jetzt sagen müssen?
»Bitte versucht, euch zu vertragen.« Tina sah sie ernst an.
»Ich verspreche, brav zu sein. Das Haus ist übrigens ein Traum! Früher hatte ich ja nicht viel übrig für alte Kästen und Reetdächer, aber mittlerweile finde ich es romantisch. Ich kann verstehen, dass ihr euren Wohnsitz hierher verlegt habt.«
»Warte, bis du es von innen gesehen hast! Ich zeig dir gleich alles. Der Garten ist erst im letzten Sommer fertig geworden. Vor lauter Gestrüpp hat man die Obstbäume gar nicht wahrgenommen.«
»Wir lassen Fotos für die ›Sweet Home‹ machen!«, meinte Sophie begeistert. »Die drucken das sofort: ›Landhausidylle an der Ostsee‹.«
Tina lachte. »Lieber nicht! Wahrscheinlich würde Stefan sich scheiden lassen. Und du hast jetzt Urlaub. Hör auf, über mögliche Artikel nachzudenken! Guck! Dein Hund hat sich schon eingelebt. Er ist ja ganz vernarrt in die Kleinen.«
Sophie sah zu Pelle, der mit Antonia und Paul herumtollte. Er holte brav Stöckchen und ließ sich zwischendurch gerne kraulen. »Weißt du, das ist wirklich der richtige Ort Kinder aufwachsen zu lassen.«
»Auf Fehmarn?« Tina starrte sie ungläubig an. »Hör mal, du hast das aufregende Leben. Mit den Stars auf Du und Du, Luxushotels, London, Paris, New York. Während du die Nächte damit verbringst, Champagner zu trinken, beziehe ich vollgekotzte Betten und wechsele Windeln.«
Sophie sah Tina amüsiert an. »Ich wollte nur sagen, dass es großartig ist, so zu leben, wenn man Kinder hat. Wie arm sind da die Stadtkinder dran?«
»Da sind immer zwei Seiten«, gab Tina zu bedenken. »Vergiss nicht, ich bin hier aufgewachsen. Wenn Antonia 16 ist, wird sie die Insel verfluchen und sich nach dem Großstadtdschungel sehnen, glaub mir.«
»Dann schickst du sie übers Wochenende zu mir und ich geh mit ihr shoppen.« Sie reckte sich genüsslich. »Ich finde es jedenfalls herrlich hier. Ich hör nicht ein Auto und die Luft ist so klar. Idylle pur! Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass hier was passiert.«
»Oh, sag das nicht!« Tina sah sie ernst an. »Vor drei Tagen wurde in Gold eine Wasserleiche angespült.«
Sophie zog überrascht die Augenbrauen hoch.
»Kein Witz! Eine junge Kiterin! Gruselig! Sie lag morgens mausetot am Strand!«
Tina entspannte sich. Es war fast wie in alten Zeiten, nur dass Sophie nachdenklicher wirkte.
Vor ein paar Jahren hätte sie sich eher die Zunge abgebissen, als ein Leben auf dem Land als schön zu bezeichnen. Was auch immer passiert war, sprechen wollte Sophie anscheinend nicht sofort darüber. Oder war gar nichts passiert? Tina stellte ihr Glas auf den Tisch und stand auf. »So, und nun zeig ich dir dein Zimmer und den Rest des Landhaustraums.« Sophie folgte ihr durch die große Glastür ins Haus. »Das ist der Wohnbereich.«
»Wow!«
Sie warf einen schnellen Blick auf Sophie. Sie schien wirklich beeindruckt zu sein. »Von außen sieht es gar nicht so geräumig aus! Und was für schöne Möbel!«
Tina genoss das Lob und ging weiter. »Wir haben ein paar Wände rausreißen lassen. Früher waren das hier drei kleine Zimmer. Du weißt schon, Wohnzimmer, Esszimmer und ein kleines Kaminzimmer. Die Küche ging vom Flur ab. Jetzt ist alles offen.« Tina hatte das Haus zwischendurch verflucht, wenn sie Abend für Abend, nachdem die Kinder im Bett waren, mit Spachtel und Pinsel in dem Chaos herumgewühlt hatte. Aber jetzt war alles genauso, wie sie es sich immer vorgestellt hatte. Zwischen zwei großen Sofas aus braunem Wildleder stand ein asiatischer Couchtisch aus Teakholz. Die Wände waren weiß gekalkt. Ohne die große Schale mit roten Äpfeln und den bunten Kissen hätte der Raum fast puristisch gewirkt. Der lange Esstisch stand frei. Links davon kam man auf ein kleines Podest, auf dem ein kuscheliges Sofa vor dem alten Kamin stand. Die vielen Kinderbücher und die Zeitschriften ließen keinen Zweifel, dass es sich um den Lieblingsplatz ihrer Familie handelte. Rechts vom Essbereich lag die Küche. Sie war nur durch einen Tresen abgetrennt. Sophie pfiff durch die Zähne. »Alles Edelstahl!«
»Ja, das habe ich aber schon bedauert. Die Kinder hinterlassen täglich Fingerabdrücke. Na, was solls? In 18 Jahren ziehen sie ja aus.«
Sophie lachte und sah sich beeindruckt um. »Ich hatte ja eher Landhausstil erwartet, mehr so was Kuscheliges. Dass man ein Haus auch so stylen kann, wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen. Es ist fantastisch! Eine Kombination aus Altem und Design. Und diese Küche! Man müsste hier eine Kochsendung produzieren.«
Auf die Küche war Tina besonders stolz. Durch den warmen Boden wirkte der Edelstahl nicht kalt, sondern schick. Der Backofen lag auf Augenhöhe, was nicht nur ihren Rücken schonte, sondern auch die Kleinen vor Verbrennungen. Auf dem Tresen standen Tontöpfe mit frischen Kräutern und eine teure Espressomaschine, die dem Ganzen ein mediterranes Flair gaben. »Hättest du mir gar nicht zugetraut, was?«
Sophie sah sie ernst an. »Ich wusste, dass du es wunderbar einrichten würdest, aber ich habe tatsächlich nicht mit so etwas Modernem gerechnet.«
»Komm, wir gehen nach oben! Dort sind die Räume vom Stil her ganz anders.« Sophie folgte ihr die Treppe hinauf. »Lass uns leise sein. Finn wird zwar gleich aufwachen, aber ich würde dir vorher gerne noch dein Zimmer zeigen.« Sophie legte sich amüsiert den Finger auf die Lippen. »Das ist das Gästezimmer.« Tina öffnete die Tür.
Sophie quiekte leise.
»Wie süß!«
Das kleine Zimmer sah aus wie ein Raum in einer Puppenstube. Die Tapeten hatten ein pastellfarbenes Blumenmuster und die Möbel waren antik.
»Hier oben haben wir Rosamunde-Pilcher-Romanik pur. Die Räume sind alle ziemlich klein und so wirken sie gemütlicher. Neben deinem Zimmer ist ein Badezimmer. Du hast es ganz für dich. Die Kinder bade ich immer in dem großen Bad neben unserem Schlafzimmer.«
Sie trat, gefolgt von Sophie, gerade zurück auf den Flur, als Finn zu jammern anfing. »Gutes Timing. Komm, nun wirst du den kleinsten Sperber kennenlernen.« Leise betrat Tina das Schlafzimmer und nahm ihr Baby aus der Wiege. »Hallo, kleiner Mann. Hast du schön geschlafen?«, fragte sie zärtlich.
Plötzlich war aus dem Garten lautes Geschrei zu hören. »Mami! Mami! Wo bis du? Mami! Tonia is so gemein!«
Tina rollte mit den Augen. »Sie streiten sich immer genau im richtigen Moment.«
»Bleib hier! Ich geh runter und schlichte«, schlug Sophie vor und stürzte die Treppe hinunter. Tina dachte über ihre Freundin nach. War Sophie wirklich beeindruckt? Sophie, die alles hatte und alles konnte? Oder wollte sie nur nett sein? Felix kam ihr in den Sinn. Sophie hatte noch kein Wort über ihn verloren. Irgendwas stimmte zwischen den beiden ganz und gar nicht. Als ihr Jüngster satt war, wickelte sie ihn in eine Decke und nahm ihn mit hinunter. Sophie saß in dem Strandkorb auf der Terrasse und hielt ihr Gesicht in die Sonne. Ihre Augen waren geschlossen. »Hey, nicht einschlafen«, rief Tina. Sophie blinzelte sie an. »Was war denn mit Paul und Antonia?«
»Ach, gar nichts«, antwortete Sophie. »Paul wollte nur auch mal das Stöckchen für Pelle werfen und sein reizendes Schwesterlein hat es ihm nicht gegeben. Ich habe Paul Pelles Lieblingsball gegeben und nun spielt Pelle mit ihm und Antonia schmollt.«
»Na, dann ist ja alles wie immer«, stellte Tina fest. »So, und nun will ich dir meinen kleinen Engel vorstellen.«
Tina legte ihrer Freundin ihren jüngsten Sohn in den Arm. Sophies Gesichtsausdruck veränderte sich. Sie sah fast ängstlich aus.
»Gott, du bist aber süß!« Sophies Stimme brach und sie räusperte sich leise. »Weiß deine Mama eigentlich, wie viel Glück sie hat?«
Zu Tinas Erstaunen füllten sich die Augen der Karrierefrau mit Tränen.
2
Felix zerrte den Stecker aus der Telefonbuchse und schaltete die Handys aus. Den ganzen Tag hatte er unangenehme Fragen beantworten müssen. Es mussten Presseerklärungen verfasst und Sponsoren beruhigt werden. Eddy, sein Manager, war um ihn herumgeschlichen und hatte leise vor sich hingeflucht. Dabei hatte er mindestens fünf Hemden durchgeschwitzt. Felix wünschte sich, gleich aus einem Albtraum aufzuwachen. Langsam wurde ihm das Ausmaß der Katastrophe bewusst. Vor einer halben Stunde hatte er Eddy aufgefordert abzuhauen und ihn in Ruhe zu lassen. Nun war er endlich allein und konnte nachdenken. Was hatte Sophie sich nur dabei gedacht? Anscheinend wollte sie ihn fertigmachen. Natürlich war diese Nummer von ihr inszeniert. Sie musste ihn für einen Idioten halten, wenn sie dachte, er könne nicht eins und eins zusammenzählen. Felix lockerte seine Krawatte und ging zur Bar. Was wollte die Schlampe? Ihn erpressen? Seine Frau wusste sowieso Bescheid. Über alles. Sie wusste von der Tochter und sie wusste von seiner Affäre mit Sophie. Juliette ging es nur darum, im Luxus zu leben, den Kindern eine Mutter zu sein, die sie bewundern konnten, und zwischendurch seine Kreditkarte bluten zu lassen. Felix schenkte sich einen großen Whisky ein und setzte sich auf die Designercouch. Im Grunde hatte er ein prima Leben mit Juliette. Ihre Loyalität und Toleranz waren zwar nicht billig, aber er war ein freier Mann. Sein Job machte ihn für die ordinären Zuschauer zu einem Halbgott. Seine Laune besserte sich für einen Augenblick. Es machte nun mal Spaß berühmt zu sein. Es war leicht, sich jederzeit gut gelaunt und lässig zu zeigen, wenn man sowieso von jedermann geliebt wurde. Dass er zudem reicher und reicher wurde, war eine angenehme Nebensache. Mittlerweile hatte er Werbeverträge in Millionenhöhe. Seine noch immer ansehnliche Visage lächelte von Getränkekartons und Schokoriegeln. Und bis vor Kurzem hatte er noch eine aufregende Geliebte. Felix leerte das Glas in einem Zug. Er war allein in der riesigen Villa. Juliette war bei einer Freundin und die Kinder verbrachten die Nacht bei seiner Mutter. Übermorgen würden sie nach Mallorca fliegen. Er ging wieder zur Bar und holte die Flasche. Gut, dass Juliette nicht da war. Wenn sie ihm jetzt auch noch die Ohren vollheulen würde, würde er durchdrehen. Verdammter Artikel! Wie konnte Sophie nur so weit gehen? Was würde aus den Werbeverträgen? Sophie schien eine so vernünftige Frau zu sein. Das hätte er ihr nie im Leben zugetraut. Und alles nur, weil er sie gebeten hatte das Kind abzutreiben. Er konnte sich eben keinen Skandal erlauben. Nun hatte er einen am Hals. Verdammt! Er würde in seiner knappen Freizeit noch mehr Wohltätigkeitsveranstaltungen besuchen und sicher noch ein Patenkind aus Afrika oder Indien annehmen müssen, um sein Image wieder aufzupolieren. Felix nahm das Foto von Sophie aus der Brieftasche. Das Bild zeigte sie im Bikini am Strand. Was für ein sensationeller Körper. Ganz langsam riss er das Foto in kleine Schnipsel und warf diese ins Aquarium mit den Kois. »Von dir lass ich mich nicht kaputtmachen, Süße! Von dir nicht.« Die Fetzen sanken zu Boden und die teuren Karpfen wühlten gierig danach.
Sophie atmete tief durch. Jetzt bloß nicht weinen! Dieser neue Mensch hatte mit ihrem Schicksal rein gar nichts zu tun. Der kleine Finn war ein Wunder und als solches sollte sie ihn auch betrachten. Sie musste endlich aufhören, sich selber leidzutun. In Bezug auf Felix hatte sie doch auch die Flucht nach vorn angetreten.
»Alles in Ordnung?«, fragte Tina besorgt.
Sophie schluckte kurz und lächelte sie an. »Aber sicher! Es ist nur so überwältigend. Er ist so winzig und trotzdem ist alles dran.«
»So winzig?«, Tina lachte. »Finn war noch nie winzig. 4300 Gramm und 55 Zentimeter! Bei seiner Geburt dachte ich, ich krieg ein Elefantenkalb.«
Tina sah auf die Uhr und sprang auf. »Mein Gott, wie die Zeit vergeht. Sag mal, ist es okay für dich, wenn ich Finn bei dir lasse und schnell die Nudeln warm mache?«
»Na klar! Wir werden uns schon vertragen.«
Finn hatte die Augen geschlossen und schmatzte leise. Seine winzige Hand hielt ihren Zeigefinger fest umschlossen. Aus der Küche hörte sie Tina mit den Töpfen herumklappern. Sie hatte Tina immer für verrückt gehalten Knall auf Fall aus der Modelbranche auszusteigen, obwohl es für sie fantastisch lief. Und alles, um einem Polizisten nach Lübeck zu folgen. Nun musste sie zugeben, dass Tina es richtig gemacht hatte. Sie war glücklich und zufrieden. Ihre Ehe mit Stefan schien noch immer zu funktionieren. Den jüngsten Beweis ihrer Liebe hielt sie schließlich gerade im Arm.
10 Minuten später kam Tina zurück und stellte zwei Teller Spaghetti auf den Tisch. »Wie ich sehe, seid ihr bestens klargekommen. Na, dann gib ihn mal wieder her.« Tina legte den Kleinen in die Babyschale und rief die Kinder. Mit Pelle im Schlepptau stürmten sie auf die Terrasse. Mit großem Appetit und ohne sich zu streiten, aßen sie ihre Teller leer.
»Ihr Mäuse, es wird langsam Zeit. Sagt Sophie gute Nacht und dann gehen wir Zähne putzen.«
Obwohl die Kinder todmüde sein mussten, begannen sie zu protestieren.
»Kann Pelle nicht mit nach oben kommen?« Antonia sah sie mit großen Augen an.
»Er kann mit in meinem Bett schlafen.« Paul nickte aufgeregt.
»Nein, ihr Süßen. Ihr schlaft jetzt ganz schnell ein und morgen könnt ihr ihn dann wecken.«
Antonia seufzte enttäuscht, folgte dann aber ihrer Mama und ihren Brüdern. Sophie verschwand in der Küche. Als sie das Butterhähnchen sah, lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Schon während ihrer gemeinsamen WG-Zeit war dieses Gericht immer ein Highlight gewesen. Sophie dachte gerne daran zurück.
»So, die Bande ist im Bett! So sehr ich meine Kinder liebe, nach einem langen Tag bin ich froh, wenn sie alle in der Falle sind und ich mal ein paar Stunden für mich habe.« Tina warf einen Blick in den Backofen. »Ich glaube, es ist bald fertig. Inzwischen könntest du mir von der Geschichte mit Felix erzählen.«
»Ach Tina, er ist ein verdammtes Arschloch! Ich bin noch nie so enttäuscht und verletzt worden.«
»Du wusstest auch nichts von der unehelichen Tochter? Er hat nicht mal dir was gesagt?«
»Natürlich wusste ich davon. Ich war die Quelle für den Artikel.«
»Du warst was? Mein Gott, Sophie! Dass die Story Gift für seine Karriere ist, das weiß ich. Was ist denn passiert? Ihr seid mit eurem, tja, ich sag mal Arrangement doch beide ganz zufrieden gewesen?«
»Er war es!«, entgegnete Sophie fast trotzig. »Ich aber ab einem bestimmten Punkt nicht mehr. Vielleicht wollte ich mehr sein als die ständige Geliebte? Vielleicht wollte ich auch eine Familie?« Sie schloss kurz die Augen, um sich zu beruhigen. »Tja, und er wollte das nicht. Das habe ich jetzt auch kapiert. Er hat mich hingehalten und mir das Blaue vom Himmel versprochen. Lass uns heute nicht mehr davon reden. Ich brauch erst mal ein paar Tage Abstand.«
»Ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber eins weiß ich ganz sicher. Du bist eine schöne junge Frau. Wozu brauchst du den alten Sack?« Tina lächelte sie aufmunternd an. »Bestimmt kommt bald der Richtige, und wer weiß? Vielleicht wollt ihr dann tatsächlich irgendwann ein Baby.«
»Sicher«, flüsterte Sophie. Aber es würde ein anderes Baby sein.
3
Samstag
Stefan fuhr übermüdet über die Autobahn. Er wollte nur noch nach Hause und die Ereignisse der letzten Nacht vergessen. Er steckte sich eine Zigarette an, um sich wach zu halten. Sein Audi war ein rollender Aschenbecher. Auch die Wunderbäume, die am Rückspiegel baumelten, konnten gegen den Gestank nichts ausrichten. Stefan bekam einen Schreck, als er sein Spiegelbild sah. Sein Haar brauchte einen Schnitt und er musste sich unbedingt rasieren. Sein Gesicht war bleich und sein Hemd dreckig. Unter den Achseln hatten sich Schwitzflecken gebildet. Er hatte das Aussehen eines Penners und roch auch so. Er musste dringend unter die Dusche. Die letzen 24 Stunden waren ein Albtraum gewesen. Sie waren zu einem Einsatz in Moisling gerufen worden. Eine junge Frau hatte auf dem Dach einer Mietskaserne gestanden und gedroht, ihr Baby hinunterzuwerfen. Sie hatte es in eine Decke gewickelt und es an ihre Brust gedrückt. Er hatte den besten Psychologen kommen lassen. Der hatte vom Balkon des obersten Stockwerks zwei Stunden auf die Frau eingeredet, doch sie wollte niemanden an sich heranlassen. Die Feuerwehr hatte in der Zwischenzeit ein Sprungtuch aufgespannt. Stefan hatte entsetzliche Angst gehabt. Die Sache war ihm unter die Haut gegangen. Sein Kleinster war genauso alt wie das Baby auf dem Dach. Immer wieder hatte er Finns Gesicht gesehen. Ihm war fast egal gewesen, ob die Irre sich umbrachte, aber dem unschuldigen Baby durfte nichts geschehen. Plötzlich hatte die Frau hysterisch gelacht und den Säugling ohne Vorwarnung hinuntergeworfen. Die Feuerwehrmänner hatten das Tuch gespannt und das Bündel aufgefangen. Wie bei Finns Geburt hatte er auf den ersten Schrei gewartet, vergeblich. Panisch hatte er die Decke aufgeschlagen und sofort die Augen geschlossen. Er hatte schon viel gesehen, seit er bei der Mordkommission war, aber das war mehr, als er ertragen konnte. Das Baby musste schon seit Tagen tot sein. Als die Frau vom Dach gesprungen war, hatte er gehofft, dass sie das Sprungtuch verfehlen und auf das Pflaster klatschen würde. Sie hatten sie die ganze Nacht verhört. Stefan hatte drei Schachteln Zigaretten geraucht und unzählige Tassen Kaffee getrunken. Jetzt wollte er nur noch zu seiner Familie. Er wollte seine Frau küssen, mit den Kindern spielen und seinen Jüngsten in den Arm nehmen.
Er liebte Tina noch immer wie am ersten Tag. Er sollte es ihr öfter sagen und zeigen. Vielleicht konnten sie sich an diesem Wochenende ein bisschen Zeit füreinander nehmen. Plötzlich fiel es ihm wieder ein. Wütend feuerte Stefan die Kippe aus dem Fenster. Ihre Hoheit Klatschqueen Sophie würde auch da sein. Verdammt!
Sophie wusste nicht, was sie geweckt hatte, das Gebrüll von Finn oder die kalte Nase von Pelle, die ihren Arm stupste. Sie hatte wunderbar geschlafen und zum ersten Mal seit der Trennung nicht von Felix geträumt. Sophie reckte sich und öffnete die Augen. Ihr Blick fiel auf die Blümchentapete und die bestickten Vorhänge. »Guten Morgen, Bullerbü!«, lachte sie leise. Der Labrador versuchte, die Situation für sich auszunutzen. Mit einem Satz war er im Bett und leckte ihr Gesicht ab. »Hey! Du spinnst wohl! Zisch ab und lass mich erst mal gucken, wie spät es eigentlich ist!« Pelle polterte aus dem Bett und wedelte aufmunternd mit dem Schwanz. Sophie sah auf die Uhr. »Fünf nach sechs! Vergiss es, Dicker!« Sie ließ sich wieder in die Kissen sinken. »Ich habe Ferien! In zwei Stunden lass ich vielleicht mit mir reden.« Pelle zog den Schwanz ein. »Ach, jetzt willst du mir ein schlechtes Gewissen machen?« Sophie grinste, zog den Vorhang zur Seite und sah aus dem Fenster. Die ersten Sonnenstrahlen schienen auf Felder und saftige Wiesen, und in dem alten Kirschbaum vor dem Haus zankten sich zwei Amseln. »Idylle pur!« Pelle stand wieder auf und schnaubte. »Ich kann sowieso nicht mehr einschlafen, wenn ich weiß, dass du mich die ganze Zeit vorwurfsvoll anglotzt. Na los, wir gehen joggen. Sport wird dir guttun. Bist ein bisschen rund geworden in letzter Zeit.«
Ein paar Minuten später schlich sie mit dem Hund die Treppe hinunter und verließ das Haus. Sophie atmete die Seeluft ein und dehnte ihre steifen Glieder, bevor sie durch den Obstgarten auf den Deich zu trabte. Sie konnte sich nicht erinnern, in den letzten Wochen so entspannt gewesen zu sein. Die Insel schien ihr gutzutun. Ein paar Möwen kreischten am Himmel und es versprach, ein sehr warmer Tag zu werden. Sie joggte auf dem Deich in Richtung Gold. Pelle jagte durch die Gegend. Zumindest der Hund ist vollkommen glücklich, dachte Sophie. Und sie würde es auch wieder werden. Die Entscheidung nach Fehmarn zu kommen, war die richtige gewesen. Sie würde jeden Morgen laufen und viel mit Tina quatschen. Das war viel besser, als irgendwo allein in einem Luxushotel vor sich hinzugrübeln. Sicher würde die Welt schon bald wieder ganz anders aussehen. Plötzlich begann Pelle aufgeregt zu bellen und stürmte davon.
»Pelle! Bleib hier! Lass doch das arme Karnickel!«
Er kam nicht zurück. »Fuß, verdammt noch mal!« Wütend sprintete Sophie hinter ihm her. Pelle sprang den Deich hinab zu einem schmalen Strandabschnitt. Er bellte noch immer. Plötzlich jaulte er laut auf. Sophie bekam Angst. So schnell sie konnte, stürmte sie ihm nach. Pelle stand zitternd am Strand. Ein paar Meter vor ihm lag etwas Schwarzes. Sophie hielt es für einen großen Plastiksack.
»Meine Güte«, keuchte sie atemlos. »Jetzt komm endlich her!« Er rühre sich nicht. Sie folgte ihm den Deich hinunter. Nein, es war kein Plastiksack. »Ein Neoprenanzug! Na, wie aufregend! Irgendwer wird ihn vergessen haben. Jetzt hab dich doch nicht so! Pelle! Was bist du nur für eine Memme!« Sophie erreichte ihren Hund und klopfte ihm liebevoll den Po. »Das ist doch nur …« Sie sprang reflexartig einen Schritt zurück. »Ach du Scheiße!«
In dem Neoprenanzug steckte eine Frau. Sophie sah sofort, dass sie tot war.
4
Hanjo starrte an die Decke. Er musste gar nicht auf die Uhr sehen. Es war 20 nach sechs. Er wachte jeden Tag um dieselbe Zeit auf, immer fünf Minuten, bevor der Wecker klingeln würde. Früher war er immer gleich aus dem Bett gesprungen und nach unten in die Küche gelaufen, um Wasser aufzusetzen. Er hatte Freya jeden Morgen ihres gemeinsamen Lebens den Tee ans Bett gebracht, 40 Jahre lang. Hanjo wirkte noch immer kräftig, doch er war erschöpft. Zu viel hatte sich nach Freyas Tod verändert. Er fühlte sich so unendlich einsam ohne sie. Er hatte auch nie wieder eine Tasse Tee im Bett getrunken. Es wäre ihm wie Verrat vorgekommen, als könne er einfach so weitermachen. Hanjo stieg mühsam aus dem schweren Eichenbett, in dem er nun schon seit vier Wochen allein schlief. Ihre Decke lag noch da. Er brachte es einfach nicht übers Herz, sie auf den Dachboden zu bringen. Nachts kuschelte er sich hinein und er glaubte, noch immer ihren Geruch wahrnehmen zu können. Auch der Kleiderschrank war nicht ausgeräumt. Er war noch nicht so weit. Gerade weil jetzt alles anders war, brauchte er ihre persönlichen Dinge noch eine Weile um sich. Sie waren sein Trost. Er hatte nicht verhindern können, dass der Krebs sie aufgefressen hatte, doch er konnte zumindest selbst entscheiden, wann er sich von ihren Sachen trennen wollte. Vielleicht nie. Hanjo schlurfte in die Küche und ließ Wasser in den Kessel laufen. Er hielt die Küche immer sauber, doch sie erschien ihm neuerdings glanzlos und alt. Sie hatten sie vor 28 Jahren eingerichtet und bis auf einen neuen Kühlschrank mit Gefrierfach, einer Mikrowelle und ein paar Kleinigkeiten war sie fast unverändert. Für Freya war es der wichtigste Raum im Haus gewesen. Hier hatte sie gekocht, Handarbeiten gemacht und Briefe geschrieben. Sie hatte nie den Wunsch nach einer modernen Einbauküche geäußert und ihm war die Küche auch nie altmodisch erschienen. Hier hatten sie glückliche Stunden verbracht. Er musste unbedingt Blumen auf den Tisch stellen. Aber alles war anstrengend und er vermisste sie so sehr. Zusammen hatten sie auch die schlimmen Zeiten ertragen. Sie hatten sich gegenseitig getröstet. Doch an die dunklen Stunden wollte er jetzt nicht denken. Er versuchte, sich an die schönen Momente zu erinnern. Er war immer mit guter Laune aufgewacht, selbst wenn es draußen stürmte und die Regentropfen an das Fenster prasselten. Er hatte sich auf den Tag gefreut, war dann mit dem Tee zurück ins Bett gekrochen und sie hatten sich aneinandergekuschelt. Heute würde die Sonne scheinen. Es würde ein wundervoller Sommertag werden, doch es bedeutete ihm nichts. Der Kessel lief über und das kalte Wasser spritzte über die Spüle. Hastig drehe Hanjo den Hahn zu. Er musste sich zusammenreißen. Seine Kite- und Surfschule war seine Existenz und das kleine Restaurant war Freyas Ein und Alles gewesen. Er durfte ihr gemeinsames Lebenswerk nicht vernachlässigen. Das gute Wetter garantierte immerhin viele Schüler und hungrige Touristen. Er würde viel zu tun haben und das sollte ihn ablenken. Der Wasserkessel pfiff. Hanjo schüttete die Ostfriesenmischung in die alte Tonkanne und goss den Tee auf. Er wartete drei Minuten, bevor er sich eine Tasse einschenkte. Etwas Warmes von innen, etwas Tröstliches, etwas Vertrautes. Hanjo sah auf das kleine eingerahmte Foto von Freya und seufzte. »Alles ist gut! Du musst dir keine Sorgen machen.«
Seit er sie verloren hatte, quälten ihn wieder furchtbare Träume. Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis er sich wieder etwas besser fühlen würde, hatte der Arzt gemeint und ihm ein paar Tabletten verschrieben. Hanjo wusste es besser. Keine Medizin der Welt würde ihm wirklich helfen. Er selbst musste einen Schlussstrich unter sein altes Leben ziehen. Dann würde er auch die Decke nicht mehr brauchen und all die anderen Sachen, von denen er sich noch nicht trennen konnte. Doch vorher gab es noch ein paar Dinge zu erledigen.
Olli lag im Alkovenbett seines Wohnmobils und presste sich die Fäuste auf die geschlossenen Augen. Die Sonne schien durch die offene Dachluke. Eigentlich liebte er es, von Sonnenlicht geweckt zu werden, doch heute schmerzte es, wie ein Messer in seinem Kopf. Er hatte einen entsetzlichen Kater. Olli rollte sich auf die Seite. Seine Arme suchten nach ihr, vergeblich. Sie war weg. Er war ganz allein. Natürlich, dachte er. Sarah war nicht mehr da. Sein Herz zog sich für ein paar Sekunden zusammen und in seinen Augen brannten Tränen der Wut, wenn er an den gestrigen Abend dachte. Warum hatte sie das getan? Er hatte sie wirklich geliebt und er war vorher lange nicht mehr verliebt gewesen. Sarah war am Abend zu ihm ins Wohnmobil gekommen. Er hatte bereits auf sie gewartet und eine gute Flasche Rotwein entkorkt. Doch sie wollte keinen Wein, sie wollte sich nicht einmal setzen. Sie war in der offenen Tür stehen geblieben und hatte Schluss gemacht. Sie könne eben nicht mehr mit ihm zusammen sein, hatte sie gemeint. Erst hatte er gedacht, er habe sie falsch verstanden, dann glaubte er an einen schlechten Scherz. Er solle kein Drama daraus machen, hatte sie kalt erwidert. Er hatte zwei Gläser eingeschenkt und sie gebeten, zu bleiben und mit ihm zu reden. Er hatte doch nur wissen wollen, warum? Er hatte sie regelrecht angefleht. Sie würde sich freuen, wenn sie Freunde blieben und er ihr weiter beim Training helfen könnte. Sie hatte noch leise ›sorry‹ gemurmelt und war dann in die Nacht verschwunden. Er hatte eine Flasche Whisky geöffnet und den Abend mit Jack Daniels verbracht. Olli konnte sich nicht mehr erinnern, wann und wie er ins Bett gekommen war. Es war lange her, dass er sich bis zum Filmriss besoffen hatte. Mit zittrigen Beinen stieg er die Leiter hinunter. Es musste noch verdammt früh sein, aber an Schlaf war gar nicht mehr zu denken. Er stellte einen Topf mit Wasser auf den Gasherd, bevor er ins Bad ging. Die kalte Dusche hatte nicht den gewünschten Effekt. Er fühlte sich noch immer furchtbar und die Kopfschmerzen hatten auch nicht nachgelassen. Das Wasser war fast verkocht, als er wieder an den Herd kam. Olli goss den Rest in einen Becher und rührte löslichen Kaffee dazu. Dann öffnete er die Tür und setzte sich auf die Treppe. Der Himmel war strahlend blau und der Wind perfekt. Sarah mochte dieses Wetter genauso sehr wie er. Es würden wieder unzählige gut gelaunte Surfer durch die Wellen jagen. Olli campierte schon seit Saisonbeginn auf der großen Wiese. An den Wochenenden hatte er immer jede Menge Nachbarn. Auch in dieser Nacht waren noch ein paar Busse und Wohnmobile gekommen, doch es war noch keine Menschenseele wach. Die berühmte Ruhe vor dem Sturm, dachte er. In ein paar Stunden würde in der Bucht die Hölle los sein. Seit ein paar Jahren arbeitete Olli in den Sommermonaten als Kite- und Surflehrer für Hanjo. Schon als kleiner Junge hatte er jede freie Minute hier verbracht. Heute wünschte er sich zum ersten Mal weit weg. Der Kaffee schmeckte bitter, doch Olli zwang sich, ihn trotzdem zu trinken. Wie sollte er den Tag durchstehen? Sein Leben hatte sich über Nacht geändert. Er fühlte sich genauso elend, wie vor vielen Jahren. Damals war er am Ende gewesen und seine erste Liebe tot.
Stefan zündete sich die nächste Zigarette an. Sein Hals kratzte bereits. Sophie machte ihn aggressiv. Als er Tina damals kennengelernt hatte, hatte er sich wirklich bemüht, zu Sophie ein freundschaftliches Verhältnis aufzubauen. Doch diese arrogante Ziege hatte ihn immer von oben herab behandelt. Sophie war einfach oberflächlich und karrieregeil. Sie hatte ja nicht mal davor zurückgeschreckt, als Polizeireporterin zu arbeiten. Stefan hasste diese Blutsauger, die sich mit ihren Kameras auf Unfallopfer, Zeugen und Leichen stürzten. Sie waren wie Aasgeier. Jede Katastrophe machte sie glücklich und satt. Während er versuchte, das Böse zu bekämpfen, hofften sie auf eine fette Story. Je grausamer das Verbrechen, desto größer die Schlagzeile. Stefan drückte die halb gerauchte Zigarette im vollen Aschenbecher aus. Mehrere Kippen fielen dabei auf den Boden. Auch wenn Sophie schon lange nicht mehr in diesem Metier arbeitete, blieb sie in seinen Augen eine Leichenfledderin. Sie hatte den Opfern das Letzte genommen, die Ehre. War er ungerecht? Seine Frau wirkte so glücklich über den Besuch. Sophie war nun einmal ihre Freundin und Tina hatte ein bisschen Abwechslung bitter nötig. Aber musste Sophie gleich zwei Wochen bleiben? Sonst residierte sie doch lieber in Luxushotels. Seine Frau hatte ihn eindringlich gebeten, keinen Streit vom Zaun zu brechen. Stefan seufzte. Er würde das Beste aus der Situation machen. Vielleicht war er einfach zu empfindlich. Die Hauptsache war doch, dass er das Wochenende mit seinen Kindern verbringen würde. In dieser Sekunde klingelte sein privates Handy. Stefan nahm das Gespräch an. »Hey, Süße! Ich bin gleich bei euch!«
»Süße? Finde ich wirklich nett, aber ich muss dich da enttäuschen. Ich bin es nur, die lästige Sophie.«
»Ist was mit Tina oder den Kindern?« Plötzlich wurde ihm heiß und kalt vor Angst. Dass Sophie in freundschaftlicher Absicht anrief, war ausgeschlossen.
»Nein, alles in Ordnung mit deiner Bande! Hör zu! Ich stehe hier am Strand vor einer Leiche. Pelle hat sie gefunden.«
Stefan entspannte sich. Aber was erzählte die Verrückte da? »Eine Leiche? Bist du sicher?«
»Ob ich sicher bin?«, fragte Sophie gereizt. »Ich stehe einen Meter vor ihr! Sie ist um die 25 und sie war bestimmt mal sehr hübsch.«
Sie nervte ihn mit ihrem oberschlauen Getue. Er wurde regelrecht wütend. »Ach ja! Die Polizeireporterin hat mal wieder alles unter Kontrolle! Schon Fotos gemacht? Wie lautet denn die Schlagzeile?«
»Mensch, hör auf mit den alten Geschichten. Das ist ja lächerlich! Ich stehe vor einer Leiche, kapiert! Was soll ich jetzt machen? 110 anrufen? Oder kommst du selbst?«
»Wo?«, fragte er etwas ruhiger.
Sophie klang freundlicher. »In Gold.«
»Bleib einfach da stehen! Ich bin spätestens in 15 Minuten da. Und fass ja nichts an!«
»Nein? Gut, dass du mir das sagst! Mann! Bring deinen Arsch hierher, ich hab ein mulmiges Gefühl. Irgendetwas stimmt da nicht.«
Stefan fluchte laut. Sophie hätte vollkommen ausgereicht, um ihm sein Wochenende zu verderben. Musste sie auch noch über eine Leiche stolpern? Er atmete tief durch und wählte die Nummer der Kollegen auf Fehmarn.
»Polizeiwache Burg. Larrson am Apparat.«
»Broder, ich bins, Stefan Sperber.«
»Mensch! Schön, dass du dich mal meldest. Auch wenn es noch verdammt früh ist.«
»Wetten, du bist gleich anderer Ansicht? In Gold liegt angeblich eine Leiche!«
Stefan feuerte sein Handy auf den Beifahrersitz und schlug heftig gegen das Lenkrad. Dann bog er ab und fuhr auf der kleinen Straße nach Gold. Mulmiges Gefühl? Lächerlich! Sophie witterte nur eine Story. Sie konnte es wohl doch nicht lassen. Ein Hund, der Blut einmal geleckt hatte, würde immer wieder jagen. Hunde durfte man aber zumindest erschießen.
Ben hörte sein eigenes Herz klopfen. Luftblasen stiegen an die Oberfläche. Ihr langes Haar schwebte im Wasser wie Seegras und umrahmte ihr angstverzerrtes Gesicht. Er konnte sehen, dass sie schrie. Er wollte ihr helfen, doch er kam nicht an sie heran. Algen hatten seine Füße gefesselt. So sehr er auch strampelte, er konnte sich nicht befreien.
Ben schreckte hoch. Er war verschwitzt und seine kinnlangen Locken klebten ihm im Gesicht. Er hatte nur geträumt. In Wirklichkeit lag er auf der Matratze in seinem Bus. Seine Beine hatten sich in einem Sarong verfangen. Die Algen, dachte er. Er befreite sich aus dem bunten Tuch und feuerte es wütend in die Ecke. Er schob die Seitenschiebetür seines klapprigen Ford Transit zur Seite, um frische Luft hereinzulassen. In der Nacht waren noch mehr Busse und Wohnmobile gekommen. Die Wiese sah aus wie ein Campingplatz. Bei diesem wunderbaren Wetter und dem konstanten Wind war das ja auch kein Wunder. An den Wochenenden war immer die Hölle los. Es erinnerte ihn an sein anderes Leben. An seine Zeit in Thailand. Natürlich war auf Phuket alles viel multikultureller und spannender gewesen. Seine Schüler kamen aus allen Teilen der Welt. Zum Sonnenuntergang hatte man sich am Strand getroffen und ein paar Bier gezischt. Zumindest, bis er Lamai kennengelernt hatte. Sie hatte sein Leben auf den Kopf gestellt. Es war die berühmte Liebe auf den ersten Blick gewesen. Sie hatten jede freie Minute zusammen verbracht. Schon nach wenigen Wochen war ihm klar, dass er nie mehr ohne sie sein wollte. Sie war sein Leben. Bis der Tsunami alles änderte. Etwas von ihm war mit ihr gestorben. Ohne sie wollte er keine Sekunde länger bleiben. Er war nach Bangkok geflogen und hatte vier Wochen lang seine Ersparnisse versoffen und sich mit Beruhigungspillen zugedröhnt. Danach blieb nur noch eine Lösung. Er musste zurück nach Hause. Die erste Zeit hatte er in seinem alten Kinderzimmer bei seinen Eltern gelebt. Seine Mutter war unendlich glücklich gewesen, doch er hatte ihre übertriebene Fürsorge nicht mehr ausgehalten. Sein alter Kumpel Olli war seine Rettung gewesen. Olli war auf der Suche nach einem zweiten Surflehrer für die Hochsaison. Er hatte das Angebot dankbar angenommen. Er war billig an den alten Transit gekommen und kurzerhand auf den Parkplatz gezogen. Ben atmete tief durch und versuchte, die Gedanken an Phuket zu verdrängen. Er schlüpfte in eine alte Armeehose, griff seine Zahnbürste und knallte die Schiebetür von außen zu. Er sperrte nie ab. Das war das Gute an seinem Zigeunerleben. Er besaß nichts, was sich zu stehlen gelohnt hätte. Die wenigen persönlichen Sachen, an denen sein Herz hing, waren für jeden anderen ohne Wert. Wenn er wollte, konnte er alles, was er brauchte, in zwei Minuten in eine Tasche packen und abhauen. Ben ging zu Hanjos Haus, in dessen Untergeschoss auch das Bistro war. Es würde ein heißer Tag werden und er würde genug zu tun haben, um sich abzulenken. Ben schloss die Hintertür auf und ging zu dem Badezimmer hinter der Restaurantküche. Das Bad war eigentlich für das Personal gedacht, doch die wenigen Aushilfskräfte, die in der Hochsaison stundenweise kamen, lebten auf der Insel und brauchten es nicht. Hanjo hatte ihm angeboten, es zu benutzen. Durch den hinteren Eingang konnte er es jederzeit betreten, ohne Hanjo zu stören oder durch das Bistro laufen zu müssen. Ben drehte das Wasser auf und versuchte die Erinnerungen für einen Moment wegzuspülen. Vergessen würde er die grauenhaften Bilder nie. Ben wusch sich das Shampoo aus den Haaren und überlegte, was er nun machen sollte. Normalerweise würde er zu Olli gehen, um mit ihm bei einem Becher Kaffee den Unterrichtsplan für den Tag zu bequatschen. Doch das war jetzt unmöglich. Er konnte Olli nicht gegenübertreten, nicht unter vier Augen. Warum hatte er sich nur darauf eingelassen? Ihm hatte es rein gar nichts bedeutet. Er hatte geglaubt, sie seien sich einig, sie hätte verstanden. Sie waren beide nicht nüchtern gewesen und sie waren erwachsen. Es ging doch nur um ein bisschen Spaß! Warum musste sie eine solche Szene machen? Und wie sollte er sich jetzt bloß verhalten? Er musste einfach so tun, als sei überhaupt nichts passiert. Wenn er Glück hatte, kam die Wahrheit nie ans Licht.
Sophie versuchte, ruhig zu bleiben. Stefan war nach wie vor ein arrogantes Arschloch. Er hatte sie behandelt, wie einen dummen Teenager. Sie solle nichts anfassen. Sie hatte lange genug als Polizeireporterin gearbeitet. Tina lag soviel daran, dass sie das alte Kriegsbeil endlich begraben würden. Und nun hatten sie sich bereits gestritten, bevor sie sich überhaupt gesehen hatten. »Scheiße«, flüsterte Sophie der Toten zu. »Wieso muss ausgerechnet ich hier lang joggen? Nimm es nicht persönlich, aber ich wünschte, ich hätte dich nie gesehen.« Im gleichen Moment schämte sie sich und sah sich die Leiche genauer an. Sie trug einen Neoprenanzug und lag auf dem Rücken. Warum sah das alles irgendwie falsch aus? Es musste grauenhaft sein zu ertrinken, dachte sie schaudernd. Vielleicht war die Frau schon fast am Ufer gewesen, als ihr die Luft ausging. Sophie fröstelte. Hatte sie den Strand gesehen und gedacht, dass sie es noch schaffen könnte? Die Augen waren geschlossen, so als hätte sie resigniert. Pelle hatte das Interesse an der Toten verloren und spielte mit einem großen Ast, der im Seetang lag. Sophie hatte das Gefühl, schon eine halbe Ewigkeit auf die tote Frau gestarrt zu haben, als endlich zwei Männer den Deich entlangliefen. Sie stiefelten durch den Sand auf sie zu.
»Aha! Da sind wir richtig! Polizeihauptkommissar Larrson. Das ist mein Kollege Claas Meier. Haben Sie Kriminalhauptkommissar Sperber verständigt?«
Sophie nickte. Larrson sah mit seinem grauen Vollbart eher wie ein Seebär aus. Er musste kurz vor der Pensionierung stehen.
»Wie ist Ihr Name?«, fragte Meier. Er sah aus wie ein pummeliges Riesenbaby. Wäre die Situation nicht so ernst, hätte sie beim Anblick des skurrilen Duos einen Lachanfall bekommen.
»Sophie Sturm.« Sie nickte mit dem Kopf in Richtung Leiche. »Mein Hund hat sie gefunden.« Larrson nickte und sein junger Kollege nahm ein Notizbuch zur Hand. Endlich sah sie auch Stefan. Er marschierte energisch auf sie zu.
»Morgen«, grüßte er brummig. »Und? Was haben wir?«
Sophie war entsetzt. Stefan roch nach Schnaps und ähnelte einem Penner. Er ging langsam um die Leiche herum. Pelle rannte begeistert auf die Gruppe zu. Den schweren Ast schleppte er gleich mit.
»Nimm den Hund weg!«
»Anscheinend wieder so ne Kiterin«, kommentierte Claas Meier und schüttelte den Kopf.
»Wieder?« Stefan stand auf und sah ihm ins Gesicht. »Was heißt denn wieder?«
»Vor drei Tagen ist auch so eine Verrückte ertrunken. Die wurde ein paar Meter weiter angeschwemmt.« Meier deutete mit dem Arm mehrfach in die Richtung und erinnerte an einen Verkehrspolizisten. Stefan nickte nur. Plötzlich wusste Sophie, was sie an dem Bild störte.
»Stefan?« Er warf ihr einen warnenden Blick zu, doch sie ließ sich nicht einschüchtern. »So wird man doch nie und nimmer angeschwemmt! Sie liegt auf dem Rücken, so als hätte man sie hingelegt.«
Stefan funkelte sie böse an und ignorierte sie dann. »Müsste schon ein paar Stunden tot sein. Broder, wo bleibt denn der Arzt?«
»Äh, Fips war noch beim Frühstück«, antwortete Meier für seinen Vorgesetzten.
»Fips?«
»Friedrich Pieper, äh, unser Doktor. Wir haben hier keinen Quincy auf Fehmarn.« Claas Meier kicherte über seinen Scherz.
»Ist hier irgendetwas witzig?«, fuhr Stefan ihn wütend an. »Wenn ja, dann würde ich gern mitlachen. Mach dich lieber nützlich und lass ein paar Kollegen kommen. Ich will hier keine Schaulustigen.«
In diesem Moment erschien ein älterer Herr mit Arzttasche auf dem Deich. Er winkte fröhlich, während er zum Strand spazierte. »Moin. Entschuldigt die Verspätung, aber ich hätte ja sowieso nichts mehr tun können. Moin Broder! Geht es deiner Frau wieder besser?«
Polizeihauptkommissar Larrson nickte. »Die Pillen, die du ihr verschrieben hast, haben Wunder gewirkt!«
»Antibiotikum! Ist eben das Beste, bei einer eitrigen Mandelentzündung.«
Sophie trat ungeduldig von einem Bein auf das andere. Sie konnte nicht glauben, dass die Männer neben der toten Frau ein Schwätzchen hielten.
»Wenn es den Herren recht ist, sollten wir mal zur Sache kommen«, unterbrach Stefan mürrisch.
Pieper schnalzte mit der Zunge und machte sich an seiner Tasche zu schaffen. Er streifte sich Handschuhe über und wischte der Toten die Haare aus dem Gesicht. Nachdem er sie nachdenklich betrachtet hatte, stand er wieder auf. »Ja, das arme Ding ist wohl ertrunken. Hat ja sogar noch den Neoprenanzug an. Ach, immer diese Unfälle. So, ich stell dann mal den Totenschein aus, oder? Soll ich ›Natürliche Todesursache‹ ankreuzen?«
»Doktor Pieper?«, fragte Stefan und sah plötzlich so unschuldig verwirrt aus wie Colombo. »Wenn Sie sich nicht hundertprozentig sicher sind, was aufgrund der Tatsache, dass Sie das arme Mädchen gar nicht richtig untersucht haben, schwierig sein dürfte, schlage ich vor, Sie machen Ihr Kreuzchen nicht so leichtfertig.«
Friedrich Pieper zuckte mit den Schultern und nickte dann. Sophie war fassungslos. »Macht ihr keine Fotos?«, fragte sie verwirrt.
Stefan starrte sie an. »Fotos? Das ist hier kein Mord, Sophie, und wir sind auch nicht in einem englischen Kriminalfilm. Kann mal einer die Personalien dieser Person aufnehmen!«
Meier fühlte sich sofort angesprochen. »Sie heißen Sophie Sturm und wohnen wo?«
Sophie war wütend. Sie war sich sicher, dass das nur dazu diente, sie abzulenken und aus dem Weg zu haben. »Stefan, was soll das?«
»Ich mach nur meine Arbeit und die willst du hoffentlich nicht behindern, oder?«
»Wo Sie wohnen?«, fragte Meier eindringlich.
Sophie funkelte ihn böse an. Plötzlich bemerkte sie, dass Pelle nicht mehr neben ihr war. Sie sah sich erschrocken um. Ihr Hund lag ein paar Meter weiter unten am Strand und kaute an der Rinde des Astes. Jetzt wusste sie, was nicht stimmen konnte.
»Das ist es! Stefan! Die Frau liegt hier oben, aber das angeschwemmte Treibgut liegt mindestens vier Meter weiter unten. Wie soll sie denn hier angeschwemmt worden sein?«
Hanjo ging ins Schlafzimmer. Das Doppelbett versetzte ihm jeden Morgen wieder einen Stich. Unmotiviert ging er an den Kleiderschrank und griff wahllos nach Hemd und Hose. Er zog seinen Bademantel aus, legte ihn über einen Stuhl und streichelte ihn kurz. Freya hatte ihm den Mantel vor 12 Jahren zu Weihnachten geschenkt. Mittlerweile war der blaue Frottee an einigen Stellen etwas fadenscheinig, doch er liebte den Bademantel. In diesem Leben würde er sich keinen neuen mehr zulegen. Weihnachten! Gut, dass jetzt Sommer war. An ein Fest ohne sie wollte er noch gar nicht denken. Hanjo schloss den letzten Hemdknopf und warf einen Blick aus dem Fenster. Am Strand standen einige Menschen zusammen. Sie hatten keine Bretter oder Segel dabei. Hanjo wurde neugierig. Er nahm sein Fernglas und regulierte die Schärfe. Das war doch Broder Larrson! Polizei? Hanjo fröstelte. Und da war Fips. Die blonde Frau kannte er nicht. Sie sahen alle zu Boden. Er folgte ihrem Blick mit dem Feldstecher. Es war ein Körper in einem Neoprenanzug. Schon wieder eine Tote! Er schloss für einen Moment die Augen. Würden die Touristen nun ausbleiben? Hanjo schüttelte den Kopf. Es war wirklich nicht der Zeitpunkt, sich darüber Gedanken zu machen. Gebannt schaute er weiter durch das Glas. Ein großer Hund spielte mit einem Ast. Ein Typ, der wie ein Penner aussah, lief zum Wasser. Er musste auch Polizist sein. Das war doch der Mann von Tina Sperber. Aber arbeitete der nicht in Lübeck? Hanjo sah noch mal nach der Leiche. Jetzt konnte er ihren Kopf sehen, die blonden Haare. Tränen brannten in seinen Augen. Wieso musste ein junger Mensch sterben? Er musste sich zusammenreißen. Außerdem hatte er jede Menge zu tun. Er musste Kaffee und Eier kochen und das Buffet richten. Es lag ein anstrengender Tag vor ihm. Er atmete tief durch und stellte den Feldstecher zurück auf die Fensterbank. Er musste jetzt wirklich schleunigst in die Küche. So war die Ostsee eben. Bei Sonne fast wie ein Karibikstrand, im Winter mal glatt und mal rau und bei Nacht kalt. Hatte die Frau das etwa nicht gewusst?
5
Ben schloss die Hintertür ab. Wenn er sich verhalten wollte wie immer, dann musste er zu Olli. Der würde sich sonst sicher wundern. Vorher musste er aber noch zum Strand. Seit dem Tsunami hatte er jeden Morgen das Verlangen, einen Blick auf das Wasser zu werfen. Er musste sich vergewissern, dass alles normal aussah. Natürlich würde es hier nie eine Riesenwelle geben, doch er kam gegen seinen Kontrollzwang nicht an. Er blieb stehen: Wo kamen die beiden Autos auf einmal her? Der Audi war furchtbar dreckig und der VW Passat sah aus wie ein Polizeidienstwagen. Ben sah sich um. Weit und breit waren keine Bullen zu sehen. Er lief zum Deich. 50 Meter weiter standen ein paar Menschen, doch er konnte nichts Genaues erkennen. Sein Herz begann zu klopfen und sein Hals wurde trocken. Ben machte kehrt und rannte zurück zur Wiese. Olli saß auf den Eingangsstufen seines Wohnmobils und starrte in seinen Kaffeebecher.
»Schnell, komm mit! Da stimmt was nicht!«
Olli blickte auf und sah ihn müde an. Er sah furchtbar aus. Seine Augen waren knallrot. Olli musste stundenlang geheult und gesoffen haben. Ben fühlte sich schuldig. Was war er nur für ein Freund? Olli liebte Sarah. Und jetzt? Es hätte niemals so weit kommen dürfen.
»Hab zu viel getankt gestern. Alles wegen ihr«, murmelte Olli. »Mir gings noch nie so beschissen. Aber das war das letzte Mal.« Olli versuchte zu grinsen, doch sein Gesicht verzog sich nur zu einer grotesken Maske. »Was ist denn los?«
»Da sind Bullen am Strand!« Olli nickte, machte aber keine Anstalten aufzustehen. Ben wurde ungeduldig. »Willst du gar nicht wissen, was da los ist?«
»Sarah hat Schluss gemacht. Das ist los! Ich soll das einfach akzeptieren! So ein Scheiß! Da steckt doch ein anderer Kerl dahinter.«
»Das weißt du doch gar nicht! Und wenn sie dich wirklich beschissen hat, dann gibt es kaum einen Grund, ihr nachzutrauern!«
Olli sprang auf. »Du hast doch keine Ahnung! Ich habe Sarah geliebt! Ich liebe sie auch jetzt noch! Aber das kannst du natürlich nicht kapieren. Dir fliegen die Weiber ja nur so zu. Du kannst jede haben!«
Ben atmete tief durch.
»Aha! Ich weiß nicht, was Liebe ist! Ist klar! Und warum bin ich dann hier? Weil Fehmarn so viel traumhafter ist als Phuket? Verdammt, Olli! Auch wenn ich ab und zu mit einer in die Kiste springe, es bedeutet mir rein gar nichts! Außerdem kennst du Sarah erst seit ein paar Wochen. Was weißt du schon über sie? Und Liebe? Ihr habt euch doch so gut wie nie geküsst. Sie hat dich verleugnet, als wärst du ihr peinlich.«
»Du spinnst ja total! Wo steht, dass man sich immer und überall die Zunge in den Hals stecken muss? Und natürlich habe ich ihr geholfen! Die Deutschen Meisterschaften sind in sieben Wochen und sie hat alle Chancen zu gewinnen.« Mit zitternden Fingern fummelte Olli eine Zigarette aus der Schachtel. »Danach hätte sie Zeit für unsere Beziehung gehabt. Ich wollte mit ihr wegfliegen. Vielleicht Marokko oder so.« Olli schluckte und setzte sich wieder. »Weißt du, Ben, ich bin mir sicher, dass das mit uns geklappt hätte. Aber sie wollte nichts mehr davon wissen. Sie hat mich einfach zu den Akten gelegt. Knall auf Fall. Was hab ich denn bloß falsch gemacht?«
»Olli, es hat doch keinen Sinn, dass du dich so fertig machst. Sich die ganze Nacht volllaufen zu lassen, ist doch keine Lösung. Wahrscheinlich ist sie einfach nur gestresst und nach den Meisterschaften sieht alles wieder ganz anders aus. Vielleicht merkt sie dann, dass sie einen Fehler gemacht hat. Jetzt lass uns erst mal sehen, was da am Strand passiert ist.« Ben kam sich verlogen vor, denn Sarah würde ihre Meinung nicht mehr ändern.
Sophie beobachtete Stefan. Er marschierte die Wasserlinie ab und sah schrecklich schlecht gelaunt aus. Sie fragte sich, ob es an der Leiche oder an ihrem Besuch lag. Sie tippte auf Letzteres. Nach ein paar Minuten war er wieder bei ihnen.
»Wo bleibt denn der Leichenwagen?«, fragte er mürrisch.
»Muss jede Sekunde da sein, Chef!«, sagte Claas Meier und schien sich ungeheuer wichtig zu fühlen.
»Wann war das denn genau mit der ersten Kiterin?«
»Am Dienstag. Meine Frau kocht dienstags immer Gulasch, und das war schon ganz verkocht, als ich endlich zu Hause war«, erklärte Larrson schmunzelnd.
»Wo ist die Leiche jetzt?«
»Die Leiche? Keine Ahnung. Beim Bestatter?«
»Bin ich hier in einer Quizshow? Mann o Mann! Der Wagen soll die Leiche in die Gerichtsmedizin nach Lübeck bringen. Wir müssen herausfinden, wer die Frau ist. Broder, kümmere dich darum! Fragt doch mal rum. Irgendwer muss sie doch kennen. Vielleicht hat sogar jemand was gesehen.« Stefan schüttelte genervt den Kopf. »Sophie, du kannst bei mir mitfahren!« Sein Angebot klang wie ein Befehl.
»Pelle ist nass und sandig«, gab Sophie trotzig zu bedenken.
»Mein Wagen ist dreckiger«, blaffte Stefan.
Sein Tonfall machte klar, dass er keine Widerrede wünschte. Sophie folgte ihm zu seinem Wagen. Sie ließ Pelle auf die Rückbank springen und öffnete die Beifahrertür. Der Sitz war voll mit leeren Zigarettenschachteln und Pappbechern. Sie wischte alles in den Fußraum und setzte sich. »Alle Achtung! Du hast nicht übertrieben. Das ist hier mit Sicherheit das ekelhafteste Auto, in dem ich je mitfahren durfte!«
»Monatelange Arbeit.«
Sophie grinste in seine Richtung, doch er starrte ernst nach vorn. Er fuhr mit einem Ruck an und aus einem alten Kaffeebecher ergoss sich der schimmelige Rest über ihre teuren Joggingschuhe.
»Oh, tut mir leid«, bemerkte Stefan zynisch.
»Mach dir keine Sorgen. Ihr seid doch versichert! Du siehst übrigens beschissen aus!«
»Danke!«
»Alles okay?«
»Sophie, ich hatte eine grauenhafte Nacht. In der Woche schlafe ich kaum, am Wochenende erhole ich mich bei einem Säugling, und jetzt habe ich auch noch eine Leiche und furchtbaren Besuch. Es gibt Menschen, die ihre Zeit nicht nur mit Sekt und Schnittchen verbringen.« Stefan starrte stur geradeaus. Seine Lider flatterten.
»Was war das denn eigentlich vorhin? Dieser Pieper hat doch ne Schraube locker. Nur weil die Leiche in einem Neoprenanzug steckt, geht er davon aus, dass sie ertrunken sein muss. Wow!«
»Er ist Hausarzt.«
»Na, dann hoffe ich schwer, dass ich hier nicht krank werde.«
»Ich habe dich nicht eingeladen!«
»Zurück zu unserer Leiche. Wie sich rausgestellt hat, schon die zweite in einer Woche! Uppsala! Was für ein Zufall!«
»Witterst du eine Story für dein Klatschblatt? Oder warum bist du so hartnäckig?«
»Hallo! Entspann dich mal! Seit du da aufgetaucht bist, machst du mich an. Eine Story wäre das hier nur, wenn es sich bei der Dame um eine Prominente, Prinzessin, oder zumindest um ein berühmtes Model handeln würde. Für Normalsterbliche interessieren sich unsere Leser nicht. Ich meine doch nur, dass das schon abenteuerlich war, wie das da vorhin gelaufen ist.«
»Sophie! Hör auf zu schnüffeln. Ich bin auch nicht glücklich darüber, wie der Arzt da vorgegangen ist. Aber spiel hier nicht die Miss Marple! Ich warne dich und ich meine es verdammt ernst!«
Sophie schnaubte und sah aus dem Fenster. Glaubte Stefan tatsächlich, dass er sie mit hohlen Phrasen einschüchtern konnte? Dazu brauchte es schon ein bisschen mehr.
6
Olli stand neben Ben auf dem Deich und bedauerte, dass er mitgekommen war. Ihm war hundeelend. Zwei Polizisten in Uniform sorgten dafür, dass die wenigen Schaulustigen nicht an den Strand liefen. Als der schwarze Leichenwagen auf den Parkplatz fuhr, bestätigte sich der entsetzliche Verdacht. Ben war kreidebleich. Jede Wasserleiche musste ihn an den Tsunami und den schrecklichen Tod seiner Freundin erinnern.
»Alles okay?«, fragte Olli besorgt.
»Schon gut. Es geht gleich wieder. Hoffentlich nicht wieder einer von unseren Schülern.«
Olli versuchte, seinem schmerzenden Schädel noch einen klaren Gedanken zu entlocken. »Unsere waren doch am Abend alle wieder da und als wir bei Sonnenuntergang am Strand saßen, war auch sonst niemand mehr draußen.«
»Schon, aber diese Sandra ist auch nachts noch mal raus«, gab er zu bedenken. »Verdammte Scheiße! Wir haben doch so oft vor so beknackten Aktionen gewarnt! Wie kann man überhaupt auf so eine beschissene Idee kommen?«
Olli wusste keine Antwort. Die Männer waren dabei, den leblosen Körper auf die Bahre zu legen. Eine lange blonde Haarsträhne hing seitlich herab. Er kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Nein, das war doch unmöglich! Sarah hatte auch solche blonden Locken. Olli fiel auf die Knie und kotzte.
»Mein Gott!« Ben hockte sich neben ihn und hielt seine Schultern. »Was ist denn?«
Er schaffte es, ihren Namen zu flüstern, bevor er sich erneut übergeben musste. Ben sprang auf und rannte an den Polizisten vorbei. Olli setzte sich erschöpft ins Gras und wischte sich den Mund mit seinem T-Shirt ab. Sein Kopf war kurz davor zu zerspringen. Verdammt, er musste sich erinnern. Was war nur passiert? Sie hatten gestritten. Sarah hatte mit ihm Schluss gemacht. Ja, sie würde einen anderen Mann lieben, das waren ihre Worte. Dann hatte er sich betrunken. Er war so unendlich wütend gewesen. Er hätte sie tatsächlich umbringen können. Ben kam zurück und griff nach seinem Arm.
»Olli, komm! Du musst unter die Dusche. Bitte! Ich bring dich zu deinem Wohnmobil.«
»Sie ist es, oder?«
»Ich weiß es nicht. Sie haben den Reißverschluss zugemacht, bevor ich sie genauer sehen konnte, aber ich fürchte, es ist tatsächlich Sarah.«
»Vielleicht ist es meine Schuld!«
Ben sah ihn verständnislos an. »Deine Schuld? Wie soll das denn deine Schuld sein, wenn sie sich nachts auf dem Wasser rumtreibt? Sie war doch keine Anfängerin. Sie wusste, dass das saugefährlich ist. Du kannst doch nicht hellsehen und außerdem warst du stockbesoffen.«
Olli nickte. Genau das war ja sein Problem. Er konnte sich einfach nicht erinnern. Hatte er wirklich die ganze Nacht in seinem Wohnmobil verbracht?
7
Tina spürte, wie jemand ihren Arm schüttelte. Verwirrt schlug sie die Augen auf.
»Mama! Gibt es heute gar nichts zu essen?«
»Wir haben doch so Hunger!«, erklärte nun auch Paul.
Ihre beiden Großen standen in Schlafanzügen an ihrem Bett. Finn lag neben ihr und schlief. »Hey, guten Morgen ihr Süßen! Wie spät ist es denn? Halb acht! Ach du liebe Güte! Ihr seid früh dran heute!« Sie rappelte sich hoch und nahm ihren Kleinsten vorsichtig in den Arm, um ihn wieder in seine Wiege zu legen.
»Du musst trotzdem aufstehen«, meinte Antonia ernst. »Du musst Frühstück machen, damit wir Kinder nicht verhungern!«
Tina grinste und legte den Finger auf die Lippen. »Pst. Seid leise, damit Finn noch ein bisschen schlafen kann.« Zusammen schlichen sie aus dem Schlafzimmer. »Antonia, hol dir mal Unterwäsche und ein Kleid aus dem Schrank. Ich ziehe inzwischen Paul an. Wir treffen uns im Bad.« Antonia nickte verschwörerisch und trottete los. Eine Viertelstunde später waren sie in der Küche versammelt. Tina machte den Kindern Kakao und stellte den Backofen an.
»Du, Mama, Pelle ist gar nicht da!«
Tina bekam einen Schreck. Stilldemenz. Das war mal wieder ein Beweis. Sie hatte total vergessen, dass sie Besuch hatte. »Vielleicht schlafen die beiden noch. Ihr esst jetzt erst mal ein paar Kekse und ich sehe mal im Gästezimmer nach.«
»Kekse! Kekse!«, kreischte Paul.
»Sophie ist aber gar nicht in ihrem Bett«, informierte Antonia wichtig. »Ich habe nachgesehen. Aber sie hat etwas auf einen Zettel geschrieben.«
»Und wo ist der Zettel?«
»Und wo sind die Kekse?«
Tina öffnete den Schrank und schnappte eine Packung Butterkekse.
»Keine mit Schokolade?«, beschwerte sich Antonia.
»Nein! Wo?«
»Auf ihrem Bett.«
Tina marschierte nach oben. Tatsächlich. Auf dem Kopfkissen fand sie die Nachricht: ›Wir sind joggen!‹ In diesem Moment meldete sich Finn. Tina nahm ihn mit nach unten. In der Küche war bereits der erste Streit ausgebrochen.
Antonia brüllte ihren kleinen Bruder an. »Pelle ist mein Hund! Ich kenne ihn schon viel länger.«
»Aber mich mag er lieber!«
Gleich würde wieder einer heulen. Schon schluchzte Antonia los. »Paul ist so fies!«
Tina sah die beiden ernst an. »Pelle liebt Sophie am allermeisten, okay? Aber er hat euch beide sicher gleich gern. Es gibt gleich Frühstück.«
Sie war gerade dabei, die Eier abzuschrecken, als sie den Wagen hörte. »Da kommt Papa!«, rief sie den Kindern zu. Der Audi stoppte quietschend auf der Einfahrt. Tina lief zur Haustür und öffnete. Stefan sah furchtbar aus, doch, was sie noch mehr irritierte, war, dass auch Sophie und Pelle bei ihm waren. »Was ist denn?«, fragte sie verwirrt. Stefan gab ihr einen flüchtigen Kuss. Er roch grauenhaft.
»Lass dir die Geschichte doch von Miss Marple erzählen. Mir reicht es für heute!«
Tina sah erschrocken zu Sophie, doch die schüttelte nur den Kopf und ging mit Pelle nach oben. Irgendwas stimmte da ganz und gar nicht! Was war denn nur passiert?
Stefan wollte nur noch unter die Dusche und endlich schlafen. Vorher musste er aber noch den Staatsanwalt informieren, dass er die Leiche ohne wirkliche Begründung nach Lübeck hatte bringen lassen. Nichts konnte schlimmer sein als das, was in den letzten Stunden geschehen war. Und dann noch Sophie! Er hatte jetzt schon genug von ihr und das Wochenende hatte noch nicht einmal richtig angefangen. Stefan wusste, dass sie sich nicht vom Herumschnüffeln abhalten lassen würde. Er hätte sich die Warnung auch sparen können.
»Papa! Papa, Pelle ist hier und er hat Sophie mitgebracht!«
Antonia und Paul warfen sich in seine Arme. Stefan drückte sie fest an sich. In diesen Sekunden vergaß er alles. Er war ein glücklicher Mann. Ohne seine Familie wäre er sicher schon im Irrenhaus. »Hey! Ich hab euch vermisst! Was macht denn euer Bruder?«
Paul zuckte mit den Schultern. »Ach, der sagt nie was.«
»Natürlich nicht!«, kommentierte Antonia. »Er ist doch noch ein Baby. Komm Papa! Wir haben Frühstück gemacht.« Sie nahm seine Hand und zerrte ihn zum Esstisch. Auch wenn alles sehr lecker aussah, verspürte er keinen Hunger. Sein Kleinster lag in der Wippe und maulte leise. Beim Anblick seines kleinen Sohnes musste er wieder an das Baby vom Dach denken. Er musste sich zusammenreißen. »Na, kleiner Mann!« Stefan strich Finn über die Wange. »Ich bins, Papa! Da musst du doch nicht meckern.«
»Er verlangt sein zweites Frühstück und er hat die Hose voll«, erklärte Tina.
Stefan hatte sie gar nicht kommen hören.
»Setz dich doch.«
»Ich würde gern duschen und muss telefonieren.«
»Gleich, Schatz.« Tina gab ihm einen Kuss und nahm das Baby auf den Arm. »Ich leg Finn in Antonias Zimmer, dann hast du im Schlafzimmer deine Ruhe. Sei so lieb und pass kurz auf die Kinder auf. Fangt doch schon mal an zu essen!«
Stefan schüttelte schweigend den Kopf. Er würde auf der Stelle einschlafen und mit dem Gesicht in einem belegten Brötchen landen.
»Ich will Kinderwurst!«, forderte Paul.
»Kann Sophie denn nicht kurz aufpassen?«, fragte er hoffnungsvoll.
»Sophie duscht gerade. Ich bin doch gleich wieder da.«
Sie duscht gerade! Neue Wut kroch in ihm hoch.
»Papa, du musst auch mal wieder duschen.«
Er sah seine Tochter an. Sie war wirklich das hübscheste kleine Mädchen, das er je gesehen hatte. Und sie war mindestens genauso pfiffig. Da stand ihm noch was bevor.
»Papa duscht ja gleich. Nun hole ich mir einen großen Becher Kaffee und dann schmieren wir Brötchen. Alles klar?« Die Kinder nickten zufrieden. Stefan ging um den Tresen herum zur Espressomaschine. Er zitterte und war sich nicht sicher, ob aus Erschöpfung oder vor Wut.
Sophie ließ sich das heiße Wasser über den Körper laufen und versuchte, sich zu entspannen. Sie war nach Fehmarn gekommen, um in der Inselidylle neue Kraft zu schöpfen. Sie hatte sich auf Strände, Deiche und Reetdachhäuser gefreut. Wasserleichen passten so gar nicht in das Bild. Pelle lag auf der Badematte und schnarchte leise. Beim Joggen über eine Leiche zu stolpern, das war doch wirklich wie im Krimi. Sophie hatte die Tote immer noch genau vor Augen. Die schlanke Figur, das nasse blonde Haar. Sie drehte das Wasser ab und griff nach einem dicken Frotteehandtuch. Sie wickelte sich ein und setzte sich neben ihren Hund auf den Boden. »Ach Pelle, was für ein schräger Ferienbeginn.« Der Labrador öffnete die Augen und wedelte müde mit dem Schwanz. »Stefan ist stinksauer auf mich«, stellte sie fest. »Und trotzdem! Irgendetwas stimmt da nicht. Und du hast mich darauf gebracht, mein Held!« Pelle legte seinen Kopf auf ihr Bein und grunzte. »Pst! Ich muss nachdenken!« Die Leiche kann nicht angeschwemmt worden sein. Unmöglich! Sie lag vier Meter oberhalb des angetriebenen Seetangs. War die Frau mit letzter Kraft nach oben gekrochen? Nein, es gab keine Schleifspuren. Und außerdem lag sie auf dem Rücken. Wenn es tatsächlich ein Unfall war, wo war dann das Equipment? Gut, das Brett und der Schirm könnten irgendwo in der See treiben, aber wo war das Trapez? Diese Dinger saßen doch immer bombenfest. Es war einfach unmöglich, dass ein Mensch in Panik die Schnallen und Klettverschlüsse öffnen konnte. Sophie knotete das nasse Haar zusammen und schlüpfte in Jeans und T-Shirt. Obwohl sie wirklich Hunger hatte, verspürte sie keine große Lust nach unten zu gehen. Es ärgerte sie, dass Stefan ihren Verdacht einfach als Spinnerei abtat. Was bildete er sich eigentlich ein?
»Komm! Wenn wir Glück haben, schläft der doofe Stefan schon.« Sophie ging mit Pelle die Treppe hinunter in die offene Küche. Sofort stürzten sich die Kinder auf den Hund. »Guten Morgen, Mäuse. Pelle hat euch bestimmt auch vermisst. Er war mit mir joggen.«
»Guten Morgen?«, Stefan sah sie wütend an. »Weißt du eigentlich, wie spät es mittlerweile ist?«
»Nein, weiß ich nicht! Warum gehst du nicht endlich ins Bett?«
»Würde ich sehr gerne. Doch Tina ist oben bei Finn und ich hatte den Auftrag noch eben ganz kurz bei den Kindern zu bleiben, bis du wieder unten bist. Das war vor einer halben Stunde!«
Sophie ging zur Espressomaschine und versuchte ruhig zu bleiben. »Jetzt bin ich da. Schlaf schön.«
Stefan schob seinen Stuhl zurück und sprang auf.
»Schatz!«, Tina kam gut gelaunt die Treppe hinunter. »Du bist ja immer noch hier. Jetzt leg dich endlich hin. Du siehst wirklich furchtbar aus.«
Stefan öffnete den Mund, schüttelte dann den Kopf und verschwand ohne ein weiteres Wort.
»War was?«
»Nein, Mama«, Antonia griff nach einer Scheibe Wurst. »Papa und Sophie haben sich nur gestritten, obwohl man das nicht tun soll.« Die Wurstscheibe verschwand in Pelles Maul.
»Ach Quatsch«, beschwichtigte Sophie.
»Was war denn überhaupt los? Wieso seid ihr bei Stefan mitgefahren? Freiwillig steigt doch niemand in seinen Wagen.«
»Ganz bestimmt nicht«, lachte Sophie, dann nickte sie in Antonias Richtung. »Ich erzähl dir alles, wenn wir die Spione losgeworden sind.« Sie wandte sich den Kindern zu. »Würdet ihr mir einen großen Gefallen tun und mit Pelle in den Garten gehen? Er muss jetzt auch was essen. Ich mach ihm sein Frühstück fertig und ihr passt auf, dass er alles auffuttert.« Antonia und Paul klatschten begeistert. Sophie schüttete das Trockenfutter in die Edelstahlschüssel und nahm sie mit auf die Terrasse. Die Kinder und Pelle folgten ihr begeistert. »Wenn er alles brav aufgegessen hat, bekommt er noch ein Leckerli. Kommt ihr zurecht?« Die beiden Futterkontrolleure nickten ernst. Sophie grinste. Pelle würde seinen Napf natürlich in Rekordgeschwindigkeit leeren.
»Jetzt erzähl schon!«, bohrte Tina sofort ungeduldig, als sie wieder am Esstisch saß.
»Ich bin über eine Leiche gestolpert.«
Stefan wickelte sich ein Handtuch um die Hüften und ging ins Schlafzimmer. Unter der Dusche waren ihm fast die Augen zugefallen. Am liebsten wäre er sofort ins Bett gekrochen, aber er hatte keine Wahl. Zuerst musste er den Staatsanwalt verständigen. Er musste begründen, warum er die Tote in das Rechtsmedizinische Institut hatte bringen lassen. Und er musste erklären, warum er diese Anweisung gegeben hatte, ohne sich vorher mit dem Staatsanwalt abzusprechen. Zum Glück verstand er sich mit Ingmar Harder hervorragend. In den letzten Jahren hatten sie sich schätzen gelernt und hatten Respekt vor den Arbeitsmethoden des anderen. Trotzdem hatte er ein mulmiges Gefühl. Wenn er Glück hatte, war Ingmar bereits in seinem Büro.
»Büro des Staatsanwalts! Koslowski am Apparat«, meldete sich die Sekretärin.
»Morgen, Sylvia. Stefan Sperber. Ist Ingmar schon da?«
»Guten Morgen! Ja, er ist da. Ich verbinde dich. Kleinen Moment.«
»Stefan, gut, dass du anrufst! Die Obduktion des Babys ist durch. Doktor Franck hat mich gerade angerufen«, erklärte der Staatsanwalt.
Stefan schluckte. Das tote Baby. Die grausamen Bilder spulten sich vor seinem inneren Auge ab.
»Stefan?«
»Ja, ich bin da! Tut mir leid, aber ich bin jetzt seit über 24 Stunden auf den Beinen. Ich lauf auf Reserve.«
»Wir kriegen den Bericht heute Nachmittag.«
»Ich verstehe! Aber darum ruf ich nicht an. Wir haben eine tote Wassersportlerin auf Fehmarn. Am Strand von Gold. Wir wissen noch nicht, wer sie ist. Die Kollegen aus Burg kümmern sich drum.« Stefan machte eine kurze Pause.
»Und?«, fragte Ingmar Harder ungeduldig.
»Ich hab sie in die Rechtsmedizin bringen lassen.«
»Da komm ich gerade nicht mit. Was sollen die denn da mit ihr? Ist sie denn nicht ertrunken? Was hat denn der Arzt vor Ort gesagt?«
»Ja, der Arzt …« Stefan suchte nach den richtigen Worten. »Es war ein Hausarzt und … Ach, lassen wir das. Am Ende war er sich nicht mehr sicher.«
»Nicht mehr sicher? Aber er war schon sicher, dass sie tot ist, hoffe ich«, blaffte Ingmar in den Hörer.
Kein Wunder, dass Ingmar sich aufregte. »Sie trug einen Neoprenanzug. Man konnte nur Kopf, Hände und Füße sehen. Da hatte sie keine Verletzungen.«
»Man muss kein Messer im Rücken haben, um zu ertrinken!«, erklärte der Staatsanwalt gereizt. »Vielleicht hatte sie einen Herzfehler oder einen Krampf.«
»Ach Ingmar, ich weiß auch nicht. Irgendwas an dem Gesamtbild war falsch.« Sophies Worte kamen ihm wieder in den Sinn. »Sie sah irgendwie hingelegt aus.«
»Hingelegt? Ich verstehe kein Wort.«
»Es ist so ein Gefühl.«
»Sei mir nicht böse, Stefan, aber ich habe hier jede Menge Arbeit! Und du kommst mir mit Gefühlen? Wenn ich dich nicht besser kennen würde, würde ich dir vorschlagen, nach dem Horror der letzten Nacht mit einem Psychologen zu sprechen.« Ingmar machte eine Pause. »Vielleicht hat ihr jemand helfen wollen und sie aus dem Wasser gezogen. Als er feststellte, dass sie tot ist, hat er Angst bekommen und ist abgehauen.«
»Sehr gut möglich«, gab Stefan zu. »Könnte aber auch sein, dass sie nicht freiwillig ins Meer gegangen ist.«
»Hört sich doch so an, als sollte Dr. Franck mal einen Blick auf die Leiche werfen.«
Tina hörte gebannt zu, als Sophie ihr die Erlebnisse des Morgens schilderte. Kein Wunder, dass Stefan nicht gut drauf war. Er hatte sich schließlich auf seinen Feierabend gefreut.
»Tja, und dein Mann war ziemlich sauer, als ich meinte, dass da was nicht stimmen kann.«
Tina seufzte. Natürlich nervte es einen Kommissar, wenn eine Hobbydetektivin Mordtheorien aufstellte. Und dann ausgerechnet Sophie! Schlimmer hätte ihr Wiedersehen gar nicht ausfallen können. »Tut mir leid, Sophie, aber ich kann Stefan da verstehen! Du weißt doch selbst, dass er seinen Job aus Leidenschaft macht. Glaubst du wirklich, er würde einem eventuellen Verbrechen nicht nachgehen, nur weil er Dienstschluss hat und müde ist?«
»Nein, natürlich nicht. Aber die Tote kann definitiv nicht angeschwemmt worden sein. Wieso sieht er das nicht ein? Außerdem bin ich sauer, weil er mich unmöglich behandelt hat. Er wollte mir nicht mal zuhören. Stattdessen hat er einen Dorfpolizisten beauftragt, meine Personalien aufzunehmen.«
»Ja, und? Hätte er lieber vor den Kollegen und einem Hausarzt deine Mordtheorien durchdiskutieren sollen? Jetzt spinn doch nicht!« Sie räumte den Frühstückstisch ab. Sophie folgte ihr in die Küche.
»Vielleicht hast du in dem Punkt recht, aber musste er so feindselig sein? Meine Güte, er hat mich sogar gefragt, ob ich eine Story wittere.«
»Das hätte er sich wirklich sparen können«, gab Tina zu. »Aber du kennst Stefan. Bitte, tu mir den Gefallen und versuche ihn nicht aufzuregen. Er muss sich wirklich erholen.«
»Das glaub ich! Sag mal, ist dein Mann jedes Wochenende so fertig? Er sah schlimm aus!«
»Ich hab mich auch erschrocken. Er muss die ganze Nacht durchgearbeitet haben. Normalerweise springt er zumindest noch unter die Dusche, bevor er losfährt. Na ja, in ein paar Stunden ist er wieder okay. Hoffentlich lässt Finn ihn ein bisschen schlafen.«
»Wegen des zarten Gebrülls deines kleinen Sohnes würde ich mir keine Sorgen machen. Ich glaube, du könntest im Schlafzimmer eine Harley starten, ohne Stefan zu wecken.«
»Damit hast du wahrscheinlich recht.« Stefan musste wirklich eine schlimme Nacht gehabt haben, dachte Tina. »Lass uns schnell noch die Spülmaschine einräumen. Dann legen wir uns nach draußen und genießen das herrliche Wetter.«
Sophie schüttelte den Kopf. »Ich kümmere mich um das dreckige Geschirr. Du gehst schon mal vor und legst dich in die Sonne. Wer weiß, wie lange Finn dich lässt.«
»Quatsch! Wir machen das schnell zusammen und …«
»Hallo? Das war kein Vorschlag, sondern ein Befehl!« Sophie sah sie mit gespieltem Ernst an. »Ich möchte mich gern etwas nützlich machen, solange ich hier bin. Na los! Zisch ab!«
Tina hob beschwichtigend die Hände und verschwand auf die Terrasse. Was für ein Wetter! Sie ließ sich auf einen Liegestuhl fallen und streckte sich. Die Kinder jagten mit Pelle durch den Garten. Der Hund war wirklich Gold wert. Antonia und Paul vergaßen sogar, sich zu streiten. Sie war schon lange der Meinung, dass sie sich einen Hund zulegen sollten. Leider war Stefan anderer Ansicht. Er fand, dass sie mit drei Kindern schon genug um die Ohren hatte. Vielleicht würde Pelle ihn umstimmen. Der machte doch wirklich kaum Arbeit und als Spielgefährte war er spitze. Tina schloss zufrieden die Augen. Was für ein perfekter Morgen, abgesehen von dem Streit und der armen Toten am Strand natürlich. Zwei Wasserleichen in einer Woche und beide in Gold, das war wirklich ein ungewöhnlicher Zufall.
8
Olli kauerte in seinem Wohnmobil auf der Sitzbank und starrte ins Leere. Er hatte noch immer nicht geduscht, sondern sich nur ein frisches T-Shirt angezogen. Es war ihm egal, wenn er nach Erbrochenem stank. Sarah war tot. Er sah ihr Gesicht und das nasse Haar vor sich. Immer wieder ging er in Gedanken den Verlauf des Abends durch. Sie hatten gestritten und sie war abgehauen. Er hatte sich betrunken. Mehr war seines Wissens nicht gewesen, aber was wusste er denn noch? Die Polizei würde ihn früher oder später befragen. Was sollte er bloß sagen? Dass es kein Unfall sein konnte, weil sie nie im Leben nachts auf ihr Board gestiegen wäre? Dass irgendetwas passiert sein musste? Aber was? Und wenn die Polizei ihm nicht glaubte, dass er sein Wohnmobil in der Nacht nicht mehr verlassen hatte? Er hatte kein Alibi. Außerdem war es gut möglich, dass irgendjemand den Streit mitbekommen hatte. Warum war sie auch nicht bei ihm geblieben? Dann wäre sie noch am Leben. Immer wieder schlichen sich Erinnerungen in seine Gedanken. Wie sie lachte und ihr Haar im Wind flatterte. Ihr ernstes Gesicht, wenn sie ihr Equipment prüfte. Die kontrollierte Sarah! Sie hatte immer alles doppelt und dreifach gecheckt. Und genau diese Tatsache machte ihn jetzt wahnsinnig. Sarah wäre nie und nimmer nachts aufs Wasser gegangen. Sie hatte viel zu viel Respekt vor der See. Aber warum war sie dann ertrunken? Olli öffnete den Schrank. Irgendwo war doch noch dieser Cognac. Er brauchte dringend einen Schluck. Olli griff sich einen benutzten Kaffeebecher aus der Spüle und schenkte ihn halb voll. Der Cognac brannte wie Feuer. Als es an der Tür klopfte, zuckte er zusammen, obwohl er die ganze Zeit darauf gewartet hatte. Die beiden Polizisten, die am Morgen schon am Strand gewesen waren, standen vor seiner Tür.
»Oliver Konrad?«, fragte der ältere.
Olli nickte.
»Polizeihauptkommissar Larrson. Das ist mein Kollege Meier. Wir müssten Ihnen kurz ein paar Fragen stellen. Sie arbeiten hier als Surflehrer, richtig?«
»Mmh.«
»Heißt das ja?«
»Ja! Sorry, ich bin ziemlich fertig.«
»Sie wissen sicher bereits, dass heute eine tote Frau am Strand gefunden wurde?«
Ollis Mund war plötzlich knochentrocken.
»Wir wissen noch nicht, wer sie ist«, fuhr Larrson fort. »Vielleicht können Sie uns weiterhelfen. Sie kennen doch sicher viele der Surfer und Kiter.«
Olli schluckte. »Ich war heute Morgen am Strand. Ich habe sie gesehen. Von Weitem nur, aber ich glaube, es ist Sarah Müller.«
»Ach!«, entfuhr es Meier. Voller Elan nahm er seinen Kugelschreiber zur Hand. »Kannten Sie diese … äh … Sarah gut?«
»Ich habe ihr beim Training geholfen«, erklärte Olli. Und ich habe sie geliebt, dachte er traurig.
Larrson nickte und Meier machte sich ein paar Notizen.
»Sie war keine Anfängerin, wie diese…«, Larrson holte jetzt ebenfalls ein Notizbuch aus der Tasche und blätterte kurz darin. »Hier hab ich es. Wie diese Sandra Schmidt.«
Olli schüttelte den Kopf. »Nein, Sarah war kurz davor, Deutsche Meisterin zu werden.«
Larrson atmete tief durch und nickte. »Warum ist sie so spät noch aufs Wasser gegangen? Können Sie sich das erklären? Hat sie vielleicht Drogen genommen?«
»Nein«, antwortete Olli leise. Dann straffte er die Schultern. »Nein, Sarah war Sportlerin. Wenn überhaupt, dann hat sie mal ein Glas Wein getrunken. Aber sie war manchmal ein verrücktes Huhn. Sie liebte das Wasser.«
»Sie liebte das Wasser. Verstehe. Hatte sie Ihnen von ihren Plänen erzählt oder waren Sie nachts noch mal am Strand?«
»Ich?« Er sehnte sich nach einer Zigarette. »Nein! Ich war hier. War ein stressiger Tag. Ich meine, wir haben hier manchmal zwei Kurse am Tag, jetzt in der Hauptsaison. Ich war im Eimer.«
»Und wann haben sie Sarah dann das letzte Mal gesehen?«
Olli fragte sich, ob er gleich umkippen würde? Alles war verschwommen. »Gestern Abend am Strand«, brachte er raus. »Wir trinken da gerne noch ein Bierchen. Wenn die Sonne untergeht, wissen Sie.«
Larrson nickte voller Verständnis. »Ist klar! Wenn bei Fehmarn die rote Sonne im Meer versinkt«, sang er schief. »Sie haben uns sehr geholfen. Zumindest haben wir jetzt einen Namen. Kann sein, dass wir später noch ein paar Fragen haben. Schönen Tag!«
Endlich zogen sie ab. Er hatte es einigermaßen glimpflich hinter sich gebracht und er hatte nur ein bisschen gelogen. Sarah war kein verrücktes Huhn gewesen. Hätte er doch lieber die ganze Wahrheit sagen sollen? Nein, entschied er. Er musste jetzt vorsichtig sein. Vielleicht war er ja tatsächlich der Letzte, der sie lebend gesehen hatte.
Ben schloss das kleine Gartenhaus hinter dem Bistro auf. Die Holzbude diente Olli und ihm als Büro. Hier lagen die Bücher für die Anmeldungen und die Schlüssel für die Schuppen mit dem Equipment. Ben hatte das Bedürfnis, nach dem schrecklichen Ereignis am Morgen etwas Normales zu tun. Er musste sich ablenken. Wenn er darüber nachdachte, dass nun schon zwei Frauen tot waren, würde er verrückt werden. Die Kurse für den Tag waren gut gebucht. Noch war kein Schüler zu sehen, aber der Unterricht begann ja auch erst in einer Stunde. Wenn überhaupt noch jemand kommt, dachte Ben. Wer wollte schon an einen Strand, an dem gerade noch eine Leiche gelegen hatte? So ein Unsinn, stellte er verbittert fest. Da machte er sich wirklich zu Unrecht Sorgen. Er wusste doch, wie vergesslich die Menschen waren. Auf Phuket waren Tausende gestorben und ihre faulenden Körper hatten am Strand vor sich hingestunken. Und nur ein paar Wochen später hatten die ersten Touristen genau dort schon wieder in der Sonne gelegen. Ben schnappte sich die Schlüssel für die Schuppen. Was soll das eigentlich, fragte er sich plötzlich. Sie konnten heute unmöglich Kurse geben. Olli würde sowieso nicht in der Lage sein und außerdem wäre es geschmacklos, einfach so zu tun, als wäre nichts passiert. Er war damals geschockt gewesen, wie schnell man auf Phuket nach dieser entsetzlichen Katastrophe zum normalen Leben zurückgefunden hatte. Wenn er jetzt genauso einfach zur Tagesordnung übergehen würde, wäre er nicht besser als die, die er damals verurteilt hatte. Ben beschloss einen Zettel an die Tür zu hängen, der den Schülern mitteilen würde, dass es erst morgen weitergehen könnte. Jeder würde das verstehen. Schließlich war Sarah für viele ein unerreichbares Vorbild gewesen. Das wäre auch in Hanjos Sinne, da war er sicher. Sarah! Warum musste sie Olli auch wehtun? War das nicht alles skurril? Ben hätte fast gelacht. Jetzt war Sarah tot und brach Olli trotzdem das Herz. Was hatte Olli vorhin eigentlich gemeint? Er sei schuld? Wieso fühlte der sich schuldig? Er musste das genauer wissen. Ben schrieb schnell die Notiz und machte sich auf zu seinem Kumpel. Die Tür des Wohnmobils war verschlossen. Auf sein Klopfen regte sich nichts. »Mach auf, verdammt noch mal! Ich weiß, dass du da bist! Ich muss mit dir reden.« Endlich schnappte das Schloss und die Tür flog auf.
»Verschwinde! Ich kann heute nicht.«
Olli roch nach Schnaps. Ben sprang mit einem Satz an ihm vorbei. Im Wohnmobil sah es aus wie auf einer Müllhalde und es stank auch entsprechend. Ben hatte damit gerechnet, dass Olli in sehr schlechter Verfassung sein würde, doch was er jetzt sah, übertraf seine schlimmsten Erwartungen. »Mein Gott, Olli! Hast du das alles allein vernichtet?«
»Muss wohl! Auch einen kleinen Cognac?«
»Hör auf zu saufen! Es ist ja noch nicht mal Mittag.«
»Kümmere dich doch um deinen eigenen Scheiß! Lass mich einfach in Ruhe.«
»Das ist unser Scheiß! Für heute habe ich die Kurse abgesagt, aber morgen müssen wir unseren Job machen.«
»Job? Du tickst doch nicht ganz richtig! Sarah ist tot! Und du willst einfach so weitermachen? Meinst du, das kommt so prima an? Schnupperkurs trotz Leiche? Das ist ja krank! Verschwinde!«
»Ich hau ab. Aber vorher will ich noch eins wissen. Wieso hast du heute Morgen am Strand gemeint, dass es vielleicht deine Schuld sei?«
»Hab ich das?«
»Hast du irgendetwas zu Sarah gesagt? Irgendwas, das sie auf eine so bescheuerte Idee gebracht hat, noch mal aufs Wasser zu gehen? Oder hat sie vielleicht angedeutet, dass sie später noch kiten wollte?«
Olli stand schwankend auf und sah ihn wütend an. »Die Polizei hat mich bereits befragt. Ich brauch jetzt kein zweites Verhör! Verpiss dich endlich!«
Die Polizei war schon hier gewesen! Ben verließ mit zitternden Knien das Wohnmobil. Es war nur eine Frage der Zeit, wann die Bullen mit ihm sprechen würden. Er musste sich wirklich genau überlegen, was er sagen wollte.
9
Stefan schlug verwirrt die Augen auf. Sein Herzklopfen ließ nach, als er feststellte, dass er zu Hause war. Er hatte so viel wirres Zeug geträumt: da war die Vernehmung der letzten Nacht. Diese Frau, die ihr totes Baby vom Balkon geworfen hatte, hatte sich in die ertrunkene Wassersportlerin verwandelt. Und immer wieder hatte sie geschrien: »Es war Mord, warum seht ihr das nicht ein?« Statt seines Kollegen hatte Sophie neben ihm gesessen und ihn vorwurfsvoll angesehen … Ich habe es dir gleich gesagt, gleich gesagt, gleich gesagt … Stefan atmete tief durch. Hoffentlich hatte Broder mittlerweile die Identität der Frau herausgefunden. Die Türklinke wurde leise nach unten gedrückt und Tina blickte ins Zimmer.
»Entschuldige. Hab ich dich geweckt?«
»Nein. Ich bin gerade aufgewacht.«
»Unser Kleiner stinkt und ich habe unten keine Windeln mehr.«
Stefan sprang mit einem Satz aus dem Bett. »Lass mich!«
»Mit Vergnügen!« Tina gab ihm grinsend das Baby und setzte sich in den Schaukelstuhl. Vorsichtig legte Stefan seinen kleinen Sohn auf die Wickelkommode und machte sich ans Werk. Finn begann leise zu krähen. »Hat er Hunger?«
»Er bekommt ja gleich was. Geht es dir wieder besser?«
»Ja, ich habe einfach eine Mütze voll Schlaf gebraucht. Sorry, ich war wohl etwas ungastlich.«
»Ungastlich? Du warst richtig ekelig! Sophie hat es im Moment nicht einfach. Bitte versuche, na du weißt schon. Ich freu mich wirklich über ihren Besuch. Stell dir vor, sie macht gerade das Mittagessen! Ich habe fast ein schlechtes Gewissen.«
»Wenn es ihr Spaß macht! Für sie ist das hier eben Urlaub auf dem Land, nach dem Motto: Es darf mit angepackt werden! Ist doch mal was anderes, als sich den ganzen Tag im Fünfsternehotel bedienen zu lassen. Das wird doch auch irgendwann langweilig für so eine Luxuskuh.« Tina rollte mit den Augen. »Ist schon gut! Ich mag Sophie, ich mag Sophie«, lenkte Stefan sofort ein.
»So ist es brav. Bete dein Mantra. Was war eigentlich heute Morgen? Habt ihr gestritten?«
»Hat Sophie das gesagt?«
»Nein, hat sie nicht! Sie ist keine Petze.«
»Ich bin eben nicht gut drauf, wenn ich nach einer schlaflosen Nacht auf eine Leiche und Sophie treffe.«
»Das hat Sophie auch gemeint, aber ich dachte, da wäre noch etwas anderes. Sie sagte mir, dass ihr da was komisch vorkam. Irgendwas mit dem Treibgut.«
Stefan stöhnte genervt. »Ich habe die Leiche in die Gerichtsmedizin bringen lassen, weil dieser Doktor Fips ein echter Trottel ist. Die Jungs im grünen Kittel werden nichts Ungewöhnliches finden. Sag mal, warum schreibt deine durchgeknallte Freundin eigentlich keine Krimis?«
Tina lachte. »Nein, viel besser! Sie sollte Privatdetektivin werden.«
»Tolle Idee. Wehe, du schlägst ihr das vor!«
Gemeinsam schlichen sie die Treppe runter.
»Und nicht vergessen, Liebling, immer nett sein zu unserem Gast«, flüsterte Tina. »Sonst machen wir gemeinsam eine Detektei auf.«
Stefan grinste sie an, obwohl er sich gerade überhaupt nicht wohlfühlte. Er hätte besser aufpassen müssen. Das mit dem Treibgut könnte tatsächlich ein Hinweis sein.
Felix stocherte lustlos in seinem Hummercocktail herum. Das gemeinsame Mittagessen war Juliettes Idee gewesen. Als ob er sonst keine Probleme hätte! Felix versuchte, sich zusammenzureißen. Seine Kinder konnten schließlich nichts für sein Dilemma. Sie saßen gemeinsam am Esstisch, der unter dem Angebot des Feinkostladens zusammenzubrechen drohte. Seine Frau redete, ohne Luft zu holen. Felix hörte nur mit einem Ohr zu.
»Liebling! Träumst du? Ich habe dich gefragt, ob du dir grüne Mosaikkacheln für den Pool vorstellen könntest?«
»Welchen Pool?«
Juliette lächelte ihn vorwurfsvoll an. »Ich rede von der Finca.«
»Bist du eigentlich übergeschnappt? Ich hab ein paar mehr Probleme am Arsch als grüne Kacheln!«
»Musst du diese Kraftausdrücke vor den Kindern verwenden?« Juliette schüttelte empört den Kopf. »Wenn ihr fertig seid, dürft ihr aufstehen. Ich habe noch etwas mit eurem Vater zu besprechen.«
Scheinbar erleichtert verließen die Geschwister das Esszimmer. Felix stand ebenfalls auf und ging an die Bar.
»Willst du auch was?«, fragte er versöhnlich.
»Ein Glas Champagner!«
Felix öffnete eine kleine Flasche Veuve Cliquot und schenkte sich selbst einen Whisky ein. Seine Frau hatte sich auf der weißen Couch ausgestreckt. Er hasste die Möbel. Eigentlich hasste er die gesamte Einrichtung. Das ganze Haus sah aus wie die Kulisse für einen teuren Werbespot. Chaos herrschte nur in den Kinderzimmern. Es war schließlich auch unmöglich, so viel Spielzeug unterzubringen. Dabei waren die Zimmer der Kinder größer als eine Hotelsuite. Hotelsuite! Er musste wieder an Sophie denken. Mit dem Artikel wollte sie ihm drohen, das war klar. Sie wollte ihm schon mal zeigen, was in ein paar Monaten erneut auf ihn zukommen würde. Spätestens dann war er erledigt.
»Felix, du musst dich etwas beruhigen. Es wird schon alles wieder in Ordnung kommen. Und du findest bestimmt auch eine neue Freundin«, stichelte Juliette.
Felix sah sie wütend an. Sein Management hatte vorgeschlagen, dass er sich jetzt möglichst oft mit seiner Frau und seinen Kinder sehen lassen sollte, bis sich die Wogen geglättet hätten. Auf Dauer würde die Affäre sicher keinen großen Schaden anrichten, versuchte man ihn zu beruhigen. Keinen Schaden! Das Ganze war eine Katastrophe! »Bist du so doof? Zwei Werbeverträge sind bereits geplatzt!«
»Du brauchst nicht zu schreien!«, keifte Juliette zurück.
»Schließlich hast du uns in diesen Schlamassel geritten. Die armen Kinder. Denkst du manchmal daran, was sie grade durchmachen?«
»Na, und du? Vielleicht sollten wir uns bei der Nanny nach ihrem Befinden erkundigen!«
Juliette sprang auf und schmiss das Champagnerglas an die Wand über dem Kamin. »Drecksack! Du zerstörst die heile Welt unserer Kinder und mich behandelst du unmöglich. Ich bin wirklich unendlich froh, morgen von hier wegzukommen.«
Wütend rauschte sie aus dem Zimmer. Heile Welt! Seine heile Welt war explodiert. Die Regenbogenpresse zerriss ihn in der Luft. Felix bedauerte jede einzelne Stunde, die er in den letzten zwei Jahren mit Sophie verbracht hatte. Sie wollte dieses Baby kriegen und dann würde sie ihn erpressen. Felix drehte das leere Glas in der Hand. Die Eiswürfel klirrten leise. Sophie sollte sich bloß nicht zu sicher fühlen. Auch wenn es schwierig werden würde, sich heimlich an ihr zu rächen. Ihm würde schon noch etwas einfallen.
10
Sophie saß mit den Kindern am Tisch, als Tina und Stefan ins Esszimmer kamen. Die beiden sahen glücklich aus. Nicht wie ein frisch verliebtes Paar, aber beneidenswert zufrieden.
»Hey, hast du die Bande im Griff?«, fragte Tina.
»Aber sicher! Wir kommen bestens klar.«
Die Kinder nickten ernst. »Die beiden haben übrigens versprochen, gleich einen Mittagsschlaf zu machen, wenn Pelle ihnen beim Einschlafen zusehen darf. Ich habe gesagt, dass ihr das letzte Wort habt.«
»Soll Pelle das doch entscheiden«, schlug Tina vor. »Schließlich hat er sie dann an der Backe.«
Pelle hatte sich anscheinend schon entschieden und wedelte begeistert mit dem Schwanz. »Na dann! Abmarsch!«
Die Kinder rannten johlend nach oben. Pelle polterte hinter ihnen her und stieß fast eine große Topfpflanze um.
»Ist er nicht geschmeidig wie eine Dschungelkatze?«, lachte Sophie.
»Ja, oder wie heißt das graue Tier mit dem Rüssel noch mal?«, konterte Stefan trocken.
Sophie lachte über seinen Witz. Immerhin war er gerade das erste Mal ein bisschen freundlich. »Er ist ein bisschen plump, aber er hat andere Qualitäten. Er ist gleichzeitig Biotonne und Bodyguard!«
Nachdem die Kinder im Bett verschwunden waren, setzten sie sich auf die Terrasse. Es gab diverse Antipasti und Ciabatta. Das Essen verlief überraschend harmonisch, bis Stefan nach Felix fragte.
»Und? Was macht denn dein Showmaster?«
»Schatz, das ist jetzt wirklich kein gutes Thema«, versuchte Tina ihren Mann zu bremsen.
Stefan riss die Augenbrauen hoch. »Ach nee! Ist Schluss?«
Sophie nickte langsam. »Aus und vorbei! Nach zwei Jahren Beziehung.«
Stefan zuckte mit den Schultern. »Aber Beziehung kann man das doch eigentlich nicht nennen, oder?«
»Wie soll ich es denn dann nennen? Wir waren zwei Jahre lang jede freie Minute zusammen. Wir haben gemeinsame Erlebnisse. Und fast …«
»Ich würde es Langzeitaffäre nennen!«, fiel Stefan ihr ins Wort. »Was guckst du mich so an? Zumindest habe ich nicht Vögelverhältnis gesagt.«
»Stefan!« Tina haute mit der Hand auf die Tischplatte. Die Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen.
»Ich hab doch recht! Sie war seine Geliebte. Mit ihr hat er mehr Zeit verbracht als mit seiner Frau und seinen Kindern.«
»Aha, der Herr Moralapostel! Wenn du dir über Dritte so viele Gedanken machst, dann denk doch mal an die Eltern des Unfallopfers! Bist du blöd oder einfach nur faul? Warum machst du deinen Job nicht?«
»Ihr hört jetzt sofort auf!«, ging Tina dazwischen.
»Ach, lass nur Schatz! Deine überspannte Freundin denkt sich eben Verbrechen aus! Ihr ist eben ein bisschen langweilig ohne ihren Lover!«
»Stefan!«
»Nein, lass ihn. Das hat nichts mit unserer Freundschaft zu tun. Stefan ist überfordert. Keine Ermittlung, keine Aktenberge! So kommt man auch voran bei der Polizei.«
»Was meinst du eigentlich?«
»Die Frau kann nicht angeschwemmt worden sein, das hast du doch gesehen! Und was macht ihr? Nichts! Statt der Spurensicherung kommt ein greiser Inseldoktor. Und dieses Superhirn zählt eins und eins zusammen, anstatt sie zu untersuchen. Neoprenanzug, Ostsee, muss ja ertrunken sein, das arme Ding. Und plötzlich ist er sich nicht mehr sicher? Uppsala! Ihr wisst doch nicht mal, wer sie überhaupt ist!«
»Mach dir keine Sorgen!«, zischte Stefan. »Die Kollegen haben das mittlerweile bestimmt rausgefunden.«
»Ach, wer denn? Diese Sheriffs aus Burg vielleicht?«
»Hör mal zu, du oberschlaue Kuh. Polizeihauptkommissar Larrson macht seinen Job schon lange genug, auch ohne deine Hilfe. Und dein Mordopfer liegt in der Gerichtsmedizin, okay? Such dir ein Hobby, anstatt polizeiliche Ermittlungen zu behindern. In diesem Land entscheidet immer noch der Staatsanwalt, ob die Rechtsmediziner eine Leiche in die Hände kriegen. Überlass den Job den Profis und kümmere du dich um die Magersucht von Prinzessin X oder das Baby von Model Y! Such dir doch einen neuen Kerl, wenn du dich langweilst. Van Hagen war ja schlau genug, lieber bei seiner Frau zu bleiben!« Stefan knallte sein Glas auf den Tisch und sprang auf. Sofort war das leise Wimmern vom kleinen Finn zu hören. Tina erhob sich bleich und ging nach oben. Sophie ließ ihr Gesicht in die Hände sinken. In ihren Ohren rauschte es. Sie hörte noch, wie Stefan seinen Wagen startete, dann brach sie in Tränen aus. Eine feuchte Hundenase stupste sie an. Tina musste Pelle aus dem Kinderzimmer gelassen haben. Sie wusste nicht, wie lange sie geweint hatte. Der Labrador winselte leise. »Ich bin wieder in Ordnung«, beruhigte sie ihn. »Komm, wir gehen ein paar Schritte.« Alles lief viel schlimmer, als sie es sich in den bösesten Fantasien hätte ausmalen können. Stefan und sie würden niemals Freunde werden. Sie schafften es ja nicht einmal, eine gemeinsame Mahlzeit ohne Streit hinter sich zu bringen. Aber von ihm würde sie sich nicht einschüchtern lassen. Im Gegenteil! Sie würde ihm jetzt erst recht auf die Finger schauen und in jede kleine Ecke, die er in seiner Selbstgefälligkeit übersah! Die junge Frau lag namenlos in einem Kühlschrank. Die wahre Ursache ihres Todes schien die Polizei überhaupt nicht zu interessieren. Es ging doch nur darum, herauszufinden, wer sie war, damit jemand die Leiche auf seine Kosten beerdigen ließ. Ihre armen Eltern wussten noch nicht einmal, dass sie tot war. Sophie fröstelte. Und dabei lag die geliebte Tochter in der Gerichtsmedizin in Lübeck, mausetot und kalt. Lübeck! Rechtsmedizinisches Institut! »Lutz!« Sophie zischte den Namen durch die Mittagshitze. Ja, er musste ihr helfen, ob er nun wollte oder nicht. Lutz würde immer ein bisschen Angst vor ihr haben.
Lutz Franck saß in seinem Büro und versuchte, sich auf seinen Bericht zu konzentrieren. Er hatte am Morgen die Babyleiche obduziert. Eigentlich liebte er seinen Beruf. Sein Job war sinnvoll und wichtig. Er war der Mensch, der sich mit den letzen Stunden, Minuten und Sekunden seiner toten Patienten auseinandersetzte. Oft erfuhren sie durch ihn posthum Gerechtigkeit. Aber einen winzigen Körper aufzuschneiden und einen Schädel aufzuklappen, der nicht größer war als eine Pampelmuse, das machte ihm zu schaffen. Das Baby hatte nicht nur ein sehr kurzes, es hatte auch ein grauenvolles Leben gehabt. All diese Frakturen! Lutz raffte sich auf. Er hatte einen Neuzugang und der Staatsanwalt wollte, dass er sich die Leiche mal anschaute. Als sein Handy klingelte und er auf das Display sah, war er wirklich erstaunt. Sophie? Nichts Gutes ahnend, nahm er das Gespräch an. »Lange nichts von dir gehört, nur gelesen!«
»Du liest die ›Stars & Style‹? Hallo Lutz! Freut mich zu hören, dass auch Intellektuelle Klatschblätter lesen.«
»Was gibts?«, fragte er vorsichtig.
»Ich brauch deine Hilfe!«
Nein, nicht das! Lutz knurrte leise. Wenn er einen Prominenten in der Kühlkammer hatte, wusste er davon nichts und er hatte auch keine Lust auf Stress. Auf der anderen Seite war ihm natürlich bewusst, dass er ihr nichts abschlagen konnte. Sophie wusste von seinem Betrug, außer dem Ghostwriter natürlich. Es war eben viel bequemer, sich seine Doktorarbeit schreiben zu lassen. Durch einen dummen Zufall hatte sie damals Wind von der Sache bekommen. Nicht, dass sie es je wieder erwähnt hätte, aber vergessen würde sie die Geschichte niemals. Sie hatte die Möglichkeit, ihn gründlich in Schwierigkeiten zu bringen.
»Lutz? Bist du noch dran?«
»Nein!«, knurrte er. »Was soll ich für dich tun?«
»Mach die Kühltruhe auf!«
»Vergiss es! Wir haben keinen Promi, keinen Royal, oder was dich sonst so interessieren könnte!«
»Ihr habt eine Wasserleiche!«
»Wir haben sogar drei! Welche darf es denn sein?«, fragte er ironisch.
»Lutz, es ist wichtig! Eine junge Frau, die auf Fehmarn angeblich angeschwemmt wurde. Groß, blond …«
»Ja?«
»Irgendetwas stimmt da nicht!«
Sophie schien es ernst zu sein. »Geht es um eine Story?«
»Was? Nein! Ich habe sie gefunden, na ja, eigentlich mein Hund. Die Sache ist irgendwie merkwürdig und ich habe da so ein mulmiges Gefühl.«
»Und was soll ich da machen?«
Sophie seufzte. »Guck sie dir doch mal an. Bitte! Ich glaube einfach nicht, dass sie ertrunken ist. Die Polizei geht von einem Unfall aus, aber … Sie sah irgendwie hingelegt aus. Wahrscheinlich ist da wirklich nichts, aber könntest du trotzdem mal nachsehen?«
»Nachsehen?« Lutz fragte sich, ob er sie richtig verstanden hatte.
Sophie schwieg ein paar Sekunden. »Ja. Hinter manchem steckt doch eine Lüge, oder?«
Lutz biss sich auf die Backenzähne. Drohte sie ihm gerade? »Deine Tote ist sowieso die Nächste. Ich soll eine Leichenschau durchführen. Danach entscheide ich, ob ich dem Staatsanwalt eine Obduktion empfehle. Und nun lass mich in Ruhe! Mein Tag verläuft schon beschissen genug!«
»Kannst du mich zwischendurch anrufen und mir sagen, ob sie überhaupt ertrunken ist?«
Sie ließ nicht locker. »Noch einen schönen Tag!« Lutz drückte das Gespräch einfach weg und fluchte. Das konnte ihn in Teufels Küche bringen. Er durfte keine Informationen an Dritte weitergeben und Sophie war Journalistin. Auf der anderen Seite wollte der Staatsanwalt dasselbe. Er sollte sich die Frau mal ansehen. Sophie war der Meinung, irgendetwas stimme da nicht und sie war keine hysterische Kuh. Neugierig geworden machte Lutz sich auf den Weg zur Kühlkammer. Er las die Angaben auf der Tafel durch. Da war sie. Unbekannt, weiblich, Fehmarn. Sie lag in der Fünf. »Also gut, Baby.« Lutz öffnete die Schublade. »Dann wollen wir mal einen Blick riskieren.« Der Reißverschluss des Leichensacks knarrte. Er sah in das Gesicht der blonden Frau. »Na, was war denn los?« Lutz schnalzte mit der Zunge. »Du warst richtig hübsch, was?« Sie hatte keine offensichtlichen Verletzungen, nur ein paar leichte blaue Flecke. Nichts Ungewöhnliches bei einer Wassersportlerin. Aber was hatte sie da unter den Fingernägeln?
Tina ging zurück auf die Terrasse. Keine Spur von ihrem Mann oder Sophie. Sie ging ums Haus, um nach den Autos zu sehen. Der Audi war weg. Stefan war wohl schon nach Lübeck aufgebrochen. Ohne sich zu verabschieden! Das hatte er noch nie gemacht. Sophies BMW war noch da. Abgereist war sie nicht. Was war das vorhin nur für ein furchtbarer Streit gewesen? Tina räumte die Schälchen mit den Antipasti und das inzwischen trockene Brot auf ein Tablett und brachte es in die Küche. Als das Telefon klingelte, griff sie schnell nach dem Hörer. »Sperber.«
»Ich bins. Schatz, tut mir leid, die Sache vorhin«, entschuldigte sich ihr Mann. »Ich weiß, ich hatte dir versprochen, mich nicht mehr mit ihr zu streiten, aber … Herrgott noch mal! Sophie tut so, als würden wir aus lauter Spaß Verbrechen vertuschen.«
»Weißt du, wo sie ist?«
»Ist sie denn nicht da?«
»Bevor du Hoffnung schöpfst, ihr Wagen steht noch hier.«
»Ich hab jedenfalls keine Ahnung! Ich bin auf dem Weg nach Lübeck, nur für den Fall, dass du dich auch um mein Verschwinden sorgst.«
»Ach! Willst du jetzt die beleidigte Leberwurst spielen? Du hast es ja nicht mal für nötig gehalten, dich zu verabschieden!«
»Liebling, lass uns bitte nicht streiten! Ich war stinksauer und ich wollte nicht reinplatzen, wenn du den Kleinen beruhigst. Außerdem habe ich einen Haufen Arbeit zu erledigen.«
»Kommst du heute noch zurück?«, fragte Tina versöhnlich.
»Ich versuche es. Ich ruf dich an und ich liebe dich.«
Er hatte aufgelegt. Armer Stefan! Er zerriss sich fast, um möglichst viel Zeit mit der Familie zu verbringen und sie hatte nichts Besseres zu tun, als ihn anzumaulen. Tina nahm sich fest vor, ihn mal wieder richtig zu verwöhnen. Ein schönes Abendessen bei Kerzenschein und eine gute Flasche Champagner im Bett waren längst überfällig. Damit sollte sie allerdings bis nach Sophies Abreise warten. Bei einem Candle-Light-Dinner zu dritt würde ihr Mann sicher nicht in Stimmung kommen. Sophie! Wo steckte sie nur? Stefan hatte ihr ganz schön zugesetzt. Sie musste schon genug unter der Trennung leiden. Wahrscheinlich war sie irgendwo am Wasser. Tina spazierte durch den alten Obstgarten und stieg den Deich hinauf. Keine 20 Meter weiter stand Sophie und warf für Pelle einen Ball ins Meer. Erleichtert lief Tina zu ihr hin. »Hier bist du!«
Sophies Augen waren rot und verweint. »Soll ich lieber nach Hause fahren?«
»Nein!«, Tina nahm ihre Hand. »Bitte bleib! Es ist wirklich schön, eine Freundin hier zu haben. Ich werde nur dafür sorgen müssen, dass du Stefan nicht mehr begegnest.«
Sophie lächelte ein bisschen. »Du musst mir glauben, dass ich fest vorhatte, nett und freundlich zu ihm zu sein. Ohne die Geschichte heute Morgen hätten wir vielleicht tatsächlich eine Chance gehabt.«
»Die habt ihr doch immer noch. Hör zu, Stefan hat in Lübeck zu tun und er weiß auch noch gar nicht, ob er es heute nach Hause schafft. Du solltest dich entspannen. Warum machst du mit Pelle nicht einen langen Spaziergang? Ihr seid doch hier, um Urlaub zu machen.«
Sophie seufzte. »Wahrscheinlich hast du recht. Wir könnten uns das Hünengrab ansehen oder den Kitern zuschauen. Oder noch besser, ich erkundige mich mal nach Kursen. Da ist doch diese Surfschule?«
Tina hatte plötzlich einen schlimmen Verdacht. »Sophie, wenn du da irgendwelche Fragen stellst oder die polizeilichen Ermittlungen behinderst, wirst du dir großen Ärger einhandeln. Das ist dir hoffentlich klar?«
Sophie sah sie erstaunt an. »Welche Ermittlungen denn? Sie ist ertrunken, sagt dein Mann. Und er ist der Profi. So, wie es aussieht, ist der Fall doch bereits abgeschlossen. Außerdem hat Stefan mich doch auf die Idee gebracht. Es war doch sein Vorschlag, dass ich mir einen Kerl oder ein Hobby suchen soll.«
Tinas Unbehagen wuchs. Sophie schien ihr neues Hobby bereits gefunden zu haben. Sie würde ein bisschen Detektiv spielen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.