Kitabı oku: «Das Erwachen der Raben»

Impressum
März 2016
© Helga Viets, Sonja Höstermann, Renate Bähring, Anke Schmidt
Kontakt: helgaviets@web.de
Umschlaggestaltung: Sonja Höstermann
Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

ISBN 978-3-7375-9382-3
Printed in Germany
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Helga Viets
Sonja Höstermann
Renate Bähring
Anke Schmidt
Das Erwachen
der Raben
Roman
1
Der Wind schüttelte die Bäume, die den Parkplatz vom Altenstift „Sonnensturm“ säumten. Als Maria aus ihrem Wagen stieg, rollte ihr eine Kastanie vor die Füße. Sie bückte sich und hob die braune Kugel auf, die sich glatt anfühlte. Ihre Finger begannen, die Oberfläche nach Unebenheiten abzusuchen. Bis auf die kleine Mulde, die noch kurz zuvor in ihrer stacheligen Umhüllung geborgen war, konnten sie nichts erfühlen. Eine perfekte Nuss, dachte Maria. Wenn sie genau hinsah, konnte sie eine Holzmaserung aus Brauntönen auf der Haut erkennen. Die feinen Linien schienen die Schönheit des zukünftigen Baumes bereits anzudeuten.
„Hallo, Maria!“, rief eine Stimme hinter ihr. „Wie geht es deinem Vater?“
Maria sah auf und erkannte Herma Mensen. Ihre Mutter hatte den Einkaufsladen in Eichenstövel betrieben, dem Dorf, aus dem sie stammten. Jeden Tag besuchte Herma ihre Mutter im Altenheim, eine alte Dame e mit ängstlichem Blick. Maria biss sich auf ihre Lippe, denn sie selbst schaffte es nicht jeden Tag zu ihrem Vater, nur vielleicht jeden zweiten. Das schlechte Gewissen plagte sie oft. Insbesondere, weil sie ihn extra hierher nach Rahmeln ins Altenstift geholt hatte, damit sie so oft wie möglich zu ihm konnte.
„Soweit ganz gut“, antwortete sie und hoffte, dass diese Begegnung nicht lange dauern würde. „Und deiner Mutter?“, fragte sie und wollte lediglich höflich sein, denn im Grunde wusste Maria, dass Hermas Mutter schwer demenzkrank war und nicht mehr viel gemein hatte mit der vitalen Frau, die früher die lebende Zeitung des Dorfes gewesen war.
„Sie hat heute ihren Kuchen allein gemümmelt und ich musste sie nicht füttern.“ Herma schloss die Tür ihres Autos auf und zuckte mit den Schultern. „Man freut sich schon über die kleinen Dinge, nicht wahr.“
„Da hast du recht.“ Maria nickte. Ihr Vater war ein starker Mann gewesen, der einen Apfel mit einer Hand zerquetschen und einen Acker von zweihundert Quadratmetern an einem Nachmittag mit dem Spaten umgraben konnte. Heute war er zu schwach, um ohne Gehwagen auf die Toilette zu gehen. Noch immer topfit im Kopf, empfand er den stetigen Abbau seines Körpers umso quälender. Maria fühlte sich verpflichtet, sich als einziges Kind um ihren Vater zu kümmern, sie wollte eine gute Tochter sein, sich niemals etwas vorwerfen müssen. Aber es fiel ihr schwer. Ihr Verhältnis war seit vielen Jahren nicht besonders herzlich. Sie schüttelte den Kopf und ballte ihre Hand so stark um die Kastanie, bis ihre Knöchel ganz weiß wurden und schmerzten. Doch die Gewissheit, ungeliebte Tochter zu sein, blieb hartnäckig. Herma winkte zum Abschied und fuhr auf die Straße. Auf dem Weg zum Foyer steckte Maria die Kastanie in ihre Hosentasche. Vielleicht würde sie die Nuss in ihrem Garten in die Erde stecken. Einen Baum zu pflanzen, war eines der Dinge, die sie irgendwann in ihrem Leben tun wollte. Irgendwann. Vielleicht.
Alberts Augen leuchteten kurz auf, als er Maria erkannte, aber dann bekamen sie wieder ihren trüben Ausdruck. Er saß in einem Lehnstuhl auf der Terrasse, den Gehwagen hatte er griffbereit daneben geparkt. Sie war froh, dass er trotz des relativ rauen Wetters noch draußen saß und sie so dem Mief im Haus entgehen konnte.
Ohne Lächeln nickte Maria ihrem Vater kurz zu, nahm seine Decke und legte sie sorgfältig enger um seine Beine.
„Danke“, murmelte er.
„Möchtest du etwas trinken?“, fragte sie leise. Er schüttelte den Kopf und sah an ihr vorbei ins Blumenbeet. Die letzten Dahlien des Herbstes leuchteten vor dem grauen Himmel. Maria setzte sich neben ihn auf den Stuhl, nahm die Zeitung aus ihrer Tasche, schlug sie auf und begann zu lesen.
2
Zack! Die Hacke sauste in die Erde. Giersch, Claudias Todfeind im Garten. An ihm reagierte sie sich ab. Wenn sie wütend war, half es ihr, den Giersch zu bekämpfen, ihn von den Wurzeln zu trennen, ihn zu köpfen. Und sie war wütend! Diese unmögliche Kundin. Was bildete die sich ein? Wollte ihr, Claudia, erzählen, wie sie den Blumenstrauß zu binden hatte. Nee, da war sie an die Falsche geraten. Zack und zack und zack. Wenn sie sich mit etwas auskannte, dann waren es Pflanzen, Bäume, Blumen. Claudia wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß aus dem Gesicht. Keine hatte es bisher gewagt, die Zusammenstellung ihrer Sträuße oder die Art des Bindens zu kritisieren. Im Gegenteil. Die Sträuße wurden immer geschätzt und sie hatte einen großen Stamm von Kundinnen. Bis heute. Zack!
“Die Blumen passen aber nicht zusammen”, hatte die Kundin mit einem kurzen Blick auf die von Claudia herbeigebrachten Blumen geschnarrt und ihre kleine Steckdosennase gerümpft. “Ich möchte Nelken und Irisse. Und das Ganze peppen sie mal mit reichlich Schleierkraut auf.”
Claudias Nackenhaare hatten sich aufgerichtet und eine unsägliche Wut war bis in den Hals hoch geschäumt. Das hätte sie doch gleich sagen können. Aber nein, tat erst so, als wolle sie Claudia die Wahl überlassen. Claudia hätte ihr gerne die Meinung gesagt, beherrschte sich jedoch, drehte sich mit einem vernichtenden Blick auf die Kundin um und stampfte zum Kühlhaus, um die gewünschten Blumen zu holen. Als sie begann, den Strauß zu binden, quetschte sich die Frau neben sie und beobachtete jeden Handgriff.
“Mehr Schleierkraut“, wies sie an.
Claudia schluckte eine angemessene Antwort hinunter, obwohl es ihr sehr schwer fiel.
“Wie machen Sie das denn? Wissen Sie nicht, dass man die Stängel immer schräg aneinander legt, damit der Strauß nachher gut fällt?”
Mit hochrotem Kopf stellte Claudia sich mit dem Rücken zur Kundin, um ihr den Blick auf den entstehenden Strauß zu versperren.
“Lassen Sie mal sehen. Wie sieht es denn jetzt aus?” Die Kundin versuchte, Claudia mit ihrem ausladenden Hintern zur Seite zu schieben.
“Bitte, treten sie zurück und lassen Sie mich meine Arbeit machen“, zischte Claudia. Am liebsten hätte sie der Frau ans Schienbein getreten und aus dem Laden gejagt, oder noch lieber ins Kühlhaus gesperrt. Aber die Blumen hatten so eine Gesellschaft nicht verdient.
Die Frau hatte sie daraufhin tatsächlich in Ruhe gelassen bis der Strauß fertig war und Claudia ihn ihr zeigen konnte.
“Pa! Was ist das denn? Hatte ich nicht gesagt, dass ich viel Schleierkraut will? Und warum haben Sie ihn so kurz geschnitten? Na, Sie verstehen überhaupt nichts vom Binden und von geschmackvollen Sträußen. Das machen sie noch mal, junge Frau.”
Das war zu viel. Claudia hob den Strauß in die Höhe und schlug ihn mit voller Kraft auf den Hintern der verdutzen Kundin und schob sie brutal zur Tür.
“Machen Sie bloß, dass Sie rauskommen“, schrie sie, “und kommen Sie nie wieder!”
Nachdem die Ladentür zugefallen war, blickte Claudia auf den derangierten Strauß, der viele Blüten eingebüßt hatte und den sie noch immer fest umklammert hielt. Kurz entschlossen öffnete sie die Tür und warf ihn mit Schwung in den Rücken der Frau, die daraufhin so schnell wurde, wie es ihre Kilos und kleinen Füße erlaubten.
Die Hacke zischte durch die Luft in den Boden. Ja, schöner Mist. Das dicke Ende war danach erst gekommen. Natürlich hatte sich diese Schnepfe bei ihrem Chef beschwert, der sie fristlos entlassen hatte. Zack. Wieder war ein Unkraut entwurzelt und begann sofort zu welken. Die Kundin ist Königin. Haha! Und? Durfte die sich deshalb alles erlauben? Nein. Jedenfalls nicht mit ihr. Was zu viel ist, ist zu viel. Sie hätte die Kuh gar nicht erst bedienen sollen. Nelken, Irisse und Schleierkraut! Viel Schleierkraut! Voller Wucht schlug sie die Hacke in die Erde. Ping.
“Au!” Claudia warf die Hacke weit von sich und rieb sich den Unterschenkel. Sie hatte einen Stein getroffen, der ihr ans Bein geflogen war.
“Mensch. Tut das weh.” Claudia stöhnte vor sich hin und beschloss, bevor sie sich noch selbst verstümmelte, zu duschen und auf einen Whiskey ins Klöntje zu fahren. Da fand sich immer jemand, an dem sie sich abreagieren konnte. Hauptsache, Maria war nicht dort. Ihr wollte sie nicht gerne begegnen.
3
Astrid klopfte das Lineal in die Hand, ohne es zu registrieren. Der alte Mann würde sterben. Seine Zeit lief ab, denn sonst hätte die Heimleitung sie nicht benachrichtigt. Eine Frage von Stunden oder Tagen? Höchstens zwei Tagen. Sie warf das Lineal auf den Schreibtisch, erhob sich vom Stuhl und blickte hinüber zum Bauplan, an dem sie die Arbeit immer wieder unterbrochen hatte.
Mr. Nervensäge war ein Kunde, der nicht wusste, was er wollte, genauer gesag,t immer wieder Neues wollte. Jetzt verlangte er ein Atrium für sein Stadthaus. Vielleicht wäre es ratsam, einem ihrer Mitarbeiter die weitere Änderung zu überlassen.
Astrid betrachtete den Stein, der vor ihr lag und den sie heute Morgen aus dem Karton genommen hatte. Nicht ein einziges Mal hatte Astrid, seit sie in New York lebte, nach ihm gesehen. Sie nahm den Stein, umschloss ihn, spürte seine Kälte. Ein Stein wie hundert anderer an irgendeinem Strand. Glatt und oval. Keine Auffälligkeiten. Sie hätte ihn damals wegwerfen können. Ein Souvenir. Jetzt könnte sie ihn in der alten Heimat zurücklassen, denn es war Zeit für einen Schlussstrich. Jetzt, wo der alte Mann um seine letzten Atemzüge rang. Den Flug hatte sie bereits gebucht, noch heute Abend würde sie aufbrechen. Astrids Gesicht hellte sich auf. Ein Gutes hatte die Sache. Sie würde einen Abstecher ins Dorf machen und Claudia treffen. Der einzige Mensch auf der Welt, den sie als Freund betrachtete.
Astrid sah wieder auf den Bauplan. Manche Menschen konnten sich einfach nicht entscheiden, konnten nicht zu den Entscheidungen stehen, die sie einmal getroffen hatten. Sie war dazu in der Lage und akzeptierte die Konsequenzen. Mit dem Tod des alten Mannes hatte sie nichts zu tun. Trug keine Verantwortung. Aber zu Lopez hatte sie eine Entscheidung getroffen. Ein Anflug von Bedauern streifte sie. Doch es half nichts.
4
Als Beatrice vor dem prall gefüllten Spirituosenregal im Supermarkt stand, wurde ihr zum ersten Mal seit langem bewusst, dass wenn sie nicht zugreifen würde, ihr heute Abend, nach dem Konzert, etwas fehlen würde. Sie war sich nicht im Klaren darüber, warum sie ausgerechnet heute Gedanken an ihren Alkoholkonsum verschwendete. Es gab keinen ersichtlichen Grund für diesen Gedankeneinschub, das machte sie stutzig. Für gewöhnlich spulte sie ihren Tag ab wie ein Uhrwerk. Morgens, mittags, abends, nachts, alles war wie immer. Tagsüber und später am Abend Alltag und Beruf, danach trinken, um zu vergessen. Sie hatte nicht vor, daran etwas zu ändern. Beatrice wusste, dass das nicht die Rolle war, die ihr das Leben schenken sollte. Doch sie gefiel sich darin. Oder machte die Sucht es, dass ihr keine andere Lösung einfiel?
Als sie die drei Wodkaflaschen in ihren Einkaufskorb legte, verwischte sie ihre Gedanken und freute sich insgeheim auf das Öffnen ihrer Schätze. Schätze, dachte Beatrice abfällig, sich selber doch irgendwie verurteilend: ”Du kannst ihnen ja gleich Namen geben”.
In ihrer Wohnung angekommen, stellte sie den Alkohol in die hinterste Ecke unter die Spüle in der Küche, verstaute die weniger wichtigen Lebensmittel in den Kühlschrank und ging ins Wohnzimmer. Es war noch etwas Zeit bis zum Konzert. Der Blick auf den Rhein, den sie durch ihr Stubenfenster jedes Mal aufs neue genoss, animierte sie, sich auf den Cellohocker direkt vor dem Fenster zu setzen.
Die rastlose Stille des Flusses war es, die sie immer wieder an diesem Ausblick so faszinierte. Beatrice dachte noch mal darüber nach, während sie mit ihren Augen einen Punkt in der Ferne zu fixieren versuchte, warum sie beim Einkaufen über sich und ihr Verhältnis zum Alkohol kurz beratschlagt hatte. Meistens, wenn sie über diese Situation einen Gedanken verlor, trat irgendetwas Unvorhergesehenes in ihr Leben, wie ein ungeschriebenes Gesetz in einem Rhythmus, der nicht zu erklären war. Gleichwohl diese Lage immer misslich war, hatte sie es stets geschafft, nicht gänzlich zu glauben, sie wäre Alkoholikerin, sondern in erster Linie Musikerin. Beatrice wusste, dass es der einzige Traum ihres Lebens sein sollte, dass sie immer nur Cello spielen wollte, schon seit Kindesbeinen. Doch auch seit Kindesbeinen war sie gefangen in ihrem Ich, welches durch ein tiefes Ereignis in ihrer Kindheit aus dem Gleichgewicht geraten war. Sie war gespannt, wie sie die nächste Runde meistern würde.
5
Johanna wickelte die Zahnseide um die Finger und säuberte ihre Zähne mit geübter Hand. Immerhin machte sie das jeden Tag seit ihrer Jugendzeit. In diesem Alter hatte sie einen wiederkehrenden Traum gehabt, nicht häufig, aber doch über mehrere Jahre in leicht abgewandelten Versionen. Die Zähne verlor sie dabei stets. So wie bei einem Maiskolben, über den ein Daumen fährt und die Körner abreibt. Futter für die Hühner auf dem Hof ihres Großvaters. Im Traum fielen ihr die Zähne ohne Vorwarnung aus, fielen aus ihrem Mund in die Hände, als würde sie ungenießbare Bonbons ausspucken. Jedes Mal war das Entsetzen groß. Plötzlich war sie ohne Zähne in der Welt. Dass auch die Symbolik nichts Gutes verhieß, dazu brauchte es keine Fantasie. Seitdem reinigte sie ihre Zähne mit Zahnseide. Sie wollte kein Risiko eingehen.
Johannas Zähne waren gesund und stark. Nie musste sie sich vor dem Zahnarzt fürchten. Ihre Zähne, die gefielen ihr, was für den Rest ihres Körpers bedingt zutraf. Früher hatte sie unter ihrem Äußeren gelitten. Jetzt dachte sie nicht mehr darüber nach, es störte sie nicht. Aus dem Hadern war sie herausgewachsen. Wie aus zu kleinen Schuhen oder dem Aberglauben, dort oben im Himmel sähe einer alles, was sie hier unten auf der Welt täte.
Nur letzte Nacht hatte ein Zahntraum sie wieder überfallen. Diesmal hatte sie sich keine Sorgen gemacht, gedacht, dass sei nur ein Traum, den kenne sie, da müsse sie sich keine Gedanken machen. Aber dann überkam sie im Traum die Gewissheit, dass sie nicht träumte. Böses Spiel.
Johanna blickte ihr Spiegelbild an, strich mit der Zunge über die Schneidezähne. Alles gut. Plötzlich stieg ihr Übelkeit vom Magen in die Kehle. Sie drückte ihren Handballen gegen die Brust und schluckte. Morgen früh hatte sie ihre Sendung im Radio zu moderieren, da musste sie auf der Höhe sein, Profi sein, so wie sie es von sich gewohnt war, wie sie es auch diesmal wieder erwartete.
Johanna ging zum Lichtschalter, berührte ihn, doch sie zögerte einen Moment. Licht fiel vom Bad ins Schlafzimmer. Die Decke des Doppelbetts war nur auf einer Seite aufgeschlagen, die andere würde leer bleiben. War da ein Geräusch von unten, von Sammy? Sie schritt in den Flur, horchte, doch nichts regte sich. Ihr Blick ging weg von der Treppe, hin zum anderen Ende des Flurs. David hockte sicherlich vor seinem Computer. Sara schlief, sie hatte morgen eine Chemieklausur vor sich. Johanna seufzte auf. Alles zu seiner Zeit. Jetzt erst mal ins Bett. Schlaf finden. Und morgen eine gute Sendung. Sie würde schon alles in den Griff bekommen. Eins nach dem anderen.
6
Astrid stand an der Fensterfront ihres Penthouses und schaute über den Hudson River auf die Lichter der Stadt. Ihr gefiel die Aussicht. New York war ihre Stadt, in der ihr Art Déco Gebäude wie das Chrysler Building, aber auch der Beaux-Arts-Stil der Public Library gefielen. Als Architektin spielte sie häufig in Gedanken durch, wo und wie sie Gebäude nach ihren Entwürfen erbauen lassen würde, doch vorher musste abgerissen werden, damit Neues entstehen konnte.
Wenn mit der Kraft des Sprengstoffes Riesen einstürzten und nur ein Haufen Schutt übrig blieb, barg dies eine Schönheit in sich. Nicht weniger mochte sie die Abrissbirne. Wie die Stahlkugel gegen das Mauerwerk prallt, Glas zersplittert, Holz zerbirst und Ziegel hinab fallen; Stück für Stück fegt sie alles hinfort, was Architekt und Handwerker einst erschufen. Das Leben spielte nach uralten Regeln.
Ihre Vorliebe für Fenster hatte Astrid von ihrer Mutter mit auf den Weg bekommen. Schon in den Tagen bevor der Vater heimkommen sollte, war die Mutter aufgedreht, summte am Frühstückstisch Schlagerlieder und erzählte Astrid, was sie Drei unternehmen würden, von dem Picknick, das sie plante, bis hin zu dem Ausflug in den Vergnügungspark. Als kleines Mädchen hatte sie noch daran geglaubt.
Astrid spreizte ihre Finger und legte ihre Hand auf die Scheibe, so wie es ihre Mutter getan hatte. Stunde um Stunde hatte ihre Mutter ausgeharrt, als könne sie ihn herbeiwünschen. Und das kleine Mädchen zog am Rock der Mutter, zerrte an ihrer Hand, umklammerte ihr Bein, als alles Betteln, sie möge doch reden, nichts geholfen hatte.
Das Telefon klingelte. Es meldete sich der Portier, der Astrid darüber informierte, dass das Taxi wartete. Astrid nahm ihre Reisetasche. Sie packte nie viel ein, was fehlte, kaufte sie unterwegs.
Auf der Fahrt zum Flughafen ließ sie den Fahrer vor einem Chinaimbiss stoppen. Wang kochte die beste Nudelsuppe der Stadt. Astrid durchquerte den Laden und benutzte den Hinterausgang, der auf einen von Mülltonnen zugestellten Hof führte. Spider wartete auf der anderen Seite des Zauns. Mit seinem Klappergestell schien er keinem Windhauch standhalten zu können, aber wenn es um Heroin ging, hielt ihn nichts auf. Seine Skelettfinger reichten ihr durch den Maschendraht ein Stück Gold. Astrid nahm es in Augenschein, hielt es in das Licht der Laterne. Lopez’ Goldzahn, in der Tat.
Spider leckte über seine verkrusteten Lippen: „Shit.“ Er musste gut drauf sein, normalerweise redete er nicht.
Astrid gab ihm einen Beutel, worauf Spider verschwand, um sich einen Schuss zu setzten. Es war reiner, ungeschnittener Stoff, der selbst Zombies wie Spider den Rest geben würde. Sie würde keine Befürchtungen haben müssen, je wieder ein Wort aus seinem Mund zu hören.
Astrid strich wehmütig über das Gold. Lopez war ein Gauner gewesen, einer, der seinen letzten Dollar ins Casino brachte. Ein Mann, der immer für eine Überraschung gut war, ein fabelhafter Tänzer, trotz seines Hinkebeins. Ein Verrückter mit Talenten.
Astrid hatte ihn kennengelernt, als sie eine Jugendstilvilla besichtigt hatte, die unter den Hammer kommen sollte. Alte Häuser übten einen Reiz auf sie aus. Sie stand neben einem Piano, das noch nicht abtransportiert worden war, da trat Lopez an ihre Seite, spielte eine Suite von Shostakovich und fragte: „Wurden Sie schon einmal vergewaltigt?“
Astrid musste erst einmal überlegen, ob sie sich verhört hatte. So eine Dreistigkeit hatte sie noch nie erlebt. Lopez ließ seinen Goldzahn aufblitzen und erklärte, sein Grand-papa, ein Générale, habe ihn jeden Tag zum stundenlangen Klavierüben abkommandiert, wo er doch lieber Fußball spielen und einmal Torwart bei Real Madrid werden wollte. Da aus ihm kein tauglicher Soldat werden würde, er klopfte auf sein Bein, sollte er ein Chopin werden. Die mütterliche Linie sei in seiner Familie von Helden, Größenwahnsinnigen und Schurken bestückt. Aber von einem Erbstück, er strich über die Tasten, an das viele Familiengeschichten geknüpft seien, könne sich keiner leicht trennen, es sei denn, er sei in einer misslichen Lage. Lopez wollte ihr tatsächlich dieses Piano verkaufen, obwohl ihm weder Villa noch Mobiliar gehörten. Am Ende lud sie ihn zu einem Drink ein und so landete er in ihrem Bett und damit in ihrem Leben.
Später hatte sie ihm ein Klavier abgekauft, wer weiß, woher es stammte. Aber wenn er sich daran setzte, um zu spielen, wollte sie es auch gar nicht wissen. Mit seiner tiefen, rauchigen Stimme fing er sie ein, wenn er Lieder von Cole Porter sang. Sie hatte ihm einige Betrügereien nachgesehen, schließlich sprengte es nicht ihr Budget. Aber beim letzten Mal hatte er sich übernommen und sich mit Leuten eingelassen, die keine Nachsicht kannten und Astrid hatte er mit hineingezogen. Sie hatte ihn opfern müssen, aus Selbstschutz und um ihm ein qualvolles Ende zu ersparen.
Astrids Handy vibrierte; es war ein Anruf aus Deutschland, der über ihren Festanschluss umgeleitet wurde. Eine Nummer, die sie kannte. Das erste, was sie hörte, war Schluchzen.
Sie konnte das Gestammel gleich zuordnen. Leni rief jedes Jahr an und bedankte sich für ihr Geburtstagsgeschenk, was sicherlich Ärger mit ihrer Mutter gab, denn Katja war keine Freundin von Verschwendung. Doch ihr Geburtstag war erst am Nikolaustag.
Astrid beobachtete eine Ratte dabei, wie sie sich Hühnerfleisch aus einer der Mülltonnen angelte. Offensichtlich handelte es sich um einen Gourmet, denn sie nagte gezielt Stücke heraus, ohne sich dabei von Astrids Anwesenheit stören zu lassen.
„Mutti ist von uns gegangen.“ Endlich Worte, die sie verstehen konnte und somit hatte die Kleine wieder ihre Aufmerksamkeit.
Warum benutzten Menschen, die keine Kinder waren, Worte wie Mutti? Das gehörte verboten. Außerdem sagte kein Mensch mit Verstand über eine Tote, sie sei von ihnen gegangen. In der Regel bewegten Tote sich nicht, es sei denn sie waren wie Spider, vollgepumpt mit Gift. Sicherlich machte Spider gerade seine letzten Atemzüge. Nicht sie nahm ihm das Leben, das hatte er schon vor langer Zeit selbst übernommen. Astrid schaute in den Sternenhimmel. Offensichtlich war eine Zeit des Abschieds angebrochen.
„Das tut mir leid für dich“, sagte Astrid.
Eine weitere Flut von Schluchzern ergoss sich aus dem Hörer. Die Kleine hatte immer sehr an ihrer Mutter gehangen. Wie jemand so stark mit einer Frau wie Katja verbunden sein konnte, sich von ihr so dominieren lassen konnte, war ihr ein Rätsel. Aber die eigene Mutter war wohl etwas Besonderes. Dennoch hatte die Kleine sich im Fall von Tante Astrid gegen ihre Mutter durchgesetzt und den Kontakt gesucht. Astrid gefiel es, besonders weil es Katja missfiel. Dabei war die Kleine ansonsten die Verkörperung von Gehorsamkeit.
Nun würde Katja also bald im Familiengrab neben Karola liegen. Die Zwillinge wären wieder vereint. Der Katja von früher hätte das sicherlich nicht gefallen, aber von der war nichts übrig geblieben, stattdessen war eine Katja zum Vorschein gekommen, die zu einem Abbild ihrer Schwester geworden war. Karola, dachte Astrid, diese Scheinheilige hatte sich überlegen gefühlt.
Damals in Kindertagen hatte sich Katja wie die anderen aus der Mädchenclique häufig über ihre Schwester aufgeregt. So wie an dem Tag, als Claudia und Astrid sich die neuen Katzenbabys auf dem Hof der Zwillinge anschauen wollten. Katja kam ihnen entgegen und beschwerte sich bei den Freundinnen über Karolas Gute-Nacht-Gebete vom letzten Abend. Karola hatte die Angewohnheit, vor ihrem Bett zu knien und sich mit dem lieben Gott zu unterhalten, insbesondere über die Taten der Schwester und ihrer Freundinnen. Diese Spionin hatte ihre Ohren und Augen überall, daher wusste sie auch von den Langfingern ihrer Schwester. Dabei hatte Katja nur vor den Freundinnen ihre Geschicklichkeit beweisen wollen. Sie hatte in dem Krämerlädchen vom Verkaufstresen Kaugummis entwendet, in die Tasche gesteckt und sie dann wieder hingelegt. Von dem Zurückgeben hatte Karola dem lieben Gott nichts erzählt. Typisch Karola, diese Bazille.
Sicherlich hatte sie dem lieben Gott auch nie von dem Geld erzählt, welches sie der Lehrerin einige Monate darauf gestohlen hatte.
Karola war in der Schulpause zu Astrid in die Toilette gekommen. Sie wollte wieder in die Clique aufgenommen werden, nachdem sie wegen eines Beinbruchs eine Zeit im Krankenhaus hatte bleiben müssen. Astrid würde ihr das schulden. So ein Schwachsinn. Astrid hatte Karola, die auf einen Baum geklettert war und es mit der Angst bekommen hatte, helfen wollen. Doch Karola hatte sich blöde angestellt. Von dem Gezeter hatte Astrid schließlich genug gehabt und daher Karolas Fuß in ihren Händen einmal rumgedreht. Dann war Karola geflogen. Aus diesem Grund sollte sie dem Trampel etwas schulden?
Astrid sagte ihr, niemand auf der Welt würde sie, eine Null, als Freundin haben wollen. Daraufhin hatte Karola geheult. Was für eine Nervensäge. Kurz hatte Astrid überlegt, ob Karola ihren Heiligenschein aufgeben würde und ihr dann einen Namen genannt. Frau Baukötter, die Lehrerin. Wenn sie dem Köter unbemerkt einen Gegenstand aus der Tasche nehmen und wieder zurücklegen könnte, also genauso geschickt sei wie ihre Schwester, dann gebe es Hoffnung für sie.
Der Köter hatte Astrids Verachtung. Jeden Samstag ließ die Baukötter sich im Frisiersalon die Haare legen und quatschte Astrids Mutter die Ohren mit Geschichten über ihre Schüler und deren Eltern voll. Gern wiederholte sie bei dieser Gelegenheit auch, dass Astrid zwar eine ausgezeichnete Schülerin sei, aber mehr Disziplin vertragen könnte. Mieser Köter. All dieses Geschwafel über Anständigkeit und Respekt. So eine Heuchlerin. Die Baukötter gab Claudia nie schlechte Noten, denn sie war die Enkelin des Bürgermeisters, dagegen schikanierte sie Maria, deren Vater ein Gelegenheitsarbeiter war. Und so ein Köter war Karolas Lieblingslehrerin, das Objekt ihrer Bewunderung, was schon genug über Karola sagte, aber auch darüber, wie sehr sich Karola wünschte, wieder zu den Rabenkindern zu gehören, denn sie war auf Astrids Forderung eingegangen.
Nach Karolas Tod hatte sich Katja immer mehr diesem Zwilling angeglichen. Als wäre der Geist der Toten in den Körper der Schwester eingesickert.
Nun war Katja ebenfalls tot und ihre Tochter Leni trauerte um sie.
„Sie sieht aus, als würde sie schlafen. Ich kann es gar nicht glauben. Erst vor einer halben Stunde habe ich Mutti noch gefragt, ob sie Schmerzen hat“, schniefte die Kleine in den Hörer.
Es war sicherlich schwer, in der Nacht neben der Leiche der eigenen Mutter zu sitzen.
„Hast du deinen Vater angerufen?“
„Nein, noch nicht, er arbeitet gerade in Dubai.“
„Ruf auch gleich den Arzt an. Du solltest nicht allein in dem Haus sein.“ Lenis Vater, ein stiller, fleißiger Mann, war meistens irgendwo in der Welt, nur nicht bei seiner Ehefrau. Von ihrem Verlobten hatte die Kleine ein Foto geschickt, ein Lackaffe, an den die Kleine in der Not offensichtlich noch gar nicht gedacht hatte.
„Tante Astrid, du kommst doch zur Beerdigung? Das hat Mutti sich gewünscht und ich wünsche es mir.“
Die Kleine hockte da neben einer Leiche und rief als erste Tante Astrid an. Wie konnte sie es ihr da abschlagen, zumal sie sowieso auf dem Weg nach Deutschland war.
„Keine Sorge, ich lass dich nicht allein.“
Bevor sie das Gespräch beendete, fiel ihr noch ein zu fragen, woran Katja gestorben war. Dann ging sie wieder zurück zum Taxi. Das Gold fühlte sich zwischen ihren Fingern glatt und kühl an.
In der Business Class waren alle Plätze besetzt. Ausgerechnet neben ihr saß ein Mann mit Flugangst. Bereits vor dem Start stand ihm der Schweiß auf der Stirn und seine Hände zupften an seinem Hemdkragen herum. Wenn er während des Starts in Panik geraten würde, müssten sie wieder landen und Astrid hätte Zeit verloren, Zeit die ihrem Vater nicht mehr blieb. Sie bot dem Mann ein Kaugummi an, damit er später den Druck auf den Ohren ausgleichen konnte. Sogleich stellte er sich vor und erzählte, wie sehr er sich vorm Fliegen fürchtete und mit wie viel Baldrian er versorgt war, einer Dosis für Elefanten. Er lachte nervös auf und erzählte ohne Punkt und Komma von seinem Job.
Astrid betrachtete den Mann genauer, während er sprach. Ein kleiner Dicker mit festem, prallem Fleisch, keiner von der Schwabbelsorte. Er hatte etwas von einem Flummi, sicherlich würde er genauso von einer Wand abprallen, wenn man ihn dagegen warf. Er besaß Niedlichkeitswert, war aber ein Idiot. Einer dieser dressierten Büroaffen. Trotz seiner Angst zu sterben, hatte er den Anweisungen seines Chefs Folge geleistet, statt ihm in den Hintern zu treten.
Ihr Vater hatte für solche Menschen nichts übrig. Menschen, die stolz auf ihr Gefangensein waren. Er hatte die Fabrikarbeit verabscheut und die Stechuhr geradezu gehasst. Büromenschen mit Krawatte waren für ihn ebenso Sklaven, nur Sklaven, die er noch weniger mochte. Vor seiner Heirat war er durchs Land gereist und hatte Gürtel und Schmuck hergestellt und verkauft. Er war geschickt mit den Händen, fast ein Künstler. Außerdem hatte er auf seinen Touren Antiquitäten aufgekauft, die er im Winter restaurierte und weiterverkaufte. Doch das Zentrum, worum das Leben ihres Vaters kreiste, das waren und blieben Frauen.
Ihr Vater hatte später auch Lexika verkauft, in denen, wie er ihr als kleines Mädchen gesagt hatte, das Wissen der Welt gesammelt sei. Er besaß wenige Bücher, die aber alle von ihm geschätzt wurden. Er hatte sie immer wieder gelesen, manche wie „Die Schatzinsel“ über zwanzig Mal. Daraus hatte er ihr vorgelesen, wenn er bei ihr und der Mutter war. Als kleines Mädchen hatte sie geglaubt, solange seine Bücher im Haus ihrer Mutter waren, würde er immer wieder zu ihnen zurückkommen. Denn sein Glück lag nicht bei ihnen im Haus, es bestand darin, in seinem VW-Bulli, in dem es eine Schlafpritsche, einen Gaskocher, Lexika und sonstige Sachen gab, übers Land zu ziehen und Frauen zu erobern. Er wurde nie ein Topverkäufer, aber das hatte auch nie zu seinen Zielen gehört. Einmal hatte Astrid ihn gefragt, warum er nicht bei ihnen bliebe. Da erzählte er ihr eine Geschichte, eine von den vielen, die er kannte und die sie von ihrer Frage ablenkte. Astrid hatte nie eine der Geschichten ihres Vaters vergessen.