Kitabı oku: «Papa werden»
Zum Buch
Papa werden – Die Entstehung des modernen Vaters überwindet die alten Stereotype der Vaterschaft in einer unterhaltenden und informativen Reise durch die historischen Rollen des Vaters und hilft Ihnen zu entscheiden, was für ein Vater Sie sein wollen.
Dies ist ein Buch für alle – für die, die gerade erst Vater werden, und für die, die es schon lange sind.
Die evolutionäre Anthropologin Anna Machin erzählt die Geschichte der Vaterschaft von ihren evolutionären Anfängen vor einer halben Million Jahren bis heute und erkundet anhand von neuesten Studien aus der Neurowissenschaft, Genetik, Biologie, Soziologie und Psychologie, was es bedeutet, Vater zu sein, und welche besondere Rolle Väter im Leben ihrer Kinder spielen. Welche Auswirkungen hat die Kenntnis, Vater zu werden, auf den Mann, wie beeinflussen unsere Gene und unsere Erziehung das Verhalten als Vater, wie unterschiedlich ist die Rolle des Vaters in den Gesellschaften der Welt definiert?
Dieses erkenntnisreiche und unterhaltsame Buch stellt den Vater in ein völlig neues Licht. Ein unverzichtbares Buch für Väter und Mütter, für die, die ihre Beziehung zu ihrem Vater reflektieren wollen, für angehende Anthropologen und Soziologen, die über diese wichtige Rolle nachdenken, für eine Gesellschaft, in der sich das Vaterbild rasant verändert. Väter sind essenziell und dieses Buch erzählt Ihnen, warum.
Über die Autorin
Dr. Anna Machin ist evolutionäre Anthropologin am Institut für experimentelle Psychologie der Universität Oxford, wo sie seit über zehn Jahren die Rolle von Vätern in unserer Gesellschaft untersucht. Sie lebt mit ihrem Mann, ihren zwei Töchtern, drei Hunden, zwei Hasen und zwei Meerschweinchen in Buckinghamshire, England.
Anna Machin
PAPA WERDEN
Die Entstehung des modernen Vaters
Aus dem Englischen von
Ursel Schäfer und Enrico Heinemann
Verlag Antje Kunstmann
Für Julian
INHALT
Vorwort
Ein Wort zu den Papas.
Teil eins. Der erste Vater
KAPITEL EINS. Papa 1.0. Die Entwicklung der menschlichen Vaterschaft
Teil zwei. Empfängnis und Schwangerschaft
KAPITEL ZWEI. Babys im Sinn. Schwangerschaft, Identität und den Mutterleib umarmen
KAPITEL DREI. Warum Vatersein so wichtig ist. Es geht nicht nur um Biologie
Teil drei. Die Geburt
KAPITEL VIER. Ein Vater wird geboren. Papas, Geburt, Gesundheit und Wohlergehen
KAPITEL FÜNF. Viele unterschiedliche Väter. Papas, Flexibilität und das Überleben des Kindes
KAPITEL SECHS. Wer ist der Papa? Gene, Psychologie und Hormone
Teil vier. Die ersten Wochen
KAPITEL SIEBEN. Ich lieb’ dich, Baby! Spielen, lachen und die Bindung aufbauen
KAPITEL ACHT. Und aus zwei werden drei (oder vier oder fünf …). Rollen und Beziehungen von Eltern
Teil fünf. Und jetzt fängt der Spaß an …
KAPITEL NEUN. Die Schule von Papa. Was Papas Kindern beibringen
KAPITEL ZEHN. Zum Kleinkindalter und darüber hinaus. Papas Rolle in der kindlichen Entwicklung
KAPITEL ELF. Papa 24345.0. Die Zukunft der Vaterschaft
Nachwort
Danksagung
Adressen für Hilfe und Unterstützung
VORWORT
Oft werde ich gefragt, warum eine Frau über Väter forschen und schreiben will. Nun, die kurze Antwort lautet, dass ich mit einem verheiratet bin. Vor zehn Jahren brachte ich mein erstes Kind zur Welt und drei Jahre später mein zweites. Es stellte sich heraus, dass Gebären nicht zu meinen Stärken zählte, und vor allem die erste Geburt wurde ein langwieriges Drama, an dessen Ende es eine sehr kranke Mutter und ein sehr krankes Baby gab. Nach dieser Geburtserfahrung bot man mir Beratung und Unterstützung bei der Verarbeitung des erlebten Traumas an, aber um meinen Ehemann – der alles miterlebt hatte, während ich besinnungslos in einem Meer aus Morphium schwamm – kümmerte sich niemand.
Nun, das muss ich hier klarstellen, weil ich sonst in ernste Schwierigkeiten geraten würde: Mein Mann erwartete gar keine Unterstützung, denn er fand, mein Baby und ich sollten zu Recht im Mittelpunkt stehen. Aber nach einem Jahr, als ich wieder arbeitete und mein Mann immer noch nicht über die Geburt unserer Tochter sprechen konnte, ohne deutliche Zeichen von seelischem Stress zu zeigen, wurde ich wütend. Wütend darüber, dass mein Mann, der andere Elternteil meines Kindes, ein Trauma erlebt hatte ähnlich dem, mitansehen zu müssen, wie ein geliebter Mensch in einen schrecklichen Autounfall verwickelt wird, und dass niemand ihn fragte, ob er in Ordnung sei oder Hilfe brauche. Da ich Wissenschaftlerin bin, tat ich, was Wissenschaftler am besten können: Ich schaute mir die Forschungsliteratur an, um herauszufinden, was meine Wissenschaftlerkollegen über Väter und ihr Erleben wussten.
Die Antwort lautet: sehr wenig. Es existierte zwar reichlich Literatur darüber, welche Auswirkungen es auf die Kinder hat, wenn der Vater nutzlos oder abwesend ist, aber zu hingebungsvollen, aktiv beteiligten Vätern, die die Windeln wechseln, beim Fußball an der Seitenlinie stehen, einen französischen Zopf flechten können und nächtliche Monster vertreiben, schwieg die Literatur. Ohne Zweifel gibt es eine kleine Minderheit von Vätern – genau wie von Müttern –, die sich durch ihre Abwesenheit definieren, und ihr negativer Einfluss auf die Entwicklung ihrer Kinder ist real und problematisch. Aber es gibt sehr viel mehr Väter, die da sind und ihr Bestes geben, und sie verdienen ebenfalls, dass man sie wahrnimmt und versteht. Und so habe ich es zu meiner Aufgabe gemacht, zu erforschen, was die Väter erleben, die im Leben ihrer Kinder präsent sind, und ihre Geschichte aus einem positiven und nicht aus einem negativen Blickwinkel zu erzählen.
Seit meinem reichlich bewegten Eintritt ins Elternleben vor zehn Jahren habe ich meine berufliche Tätigkeit der Aufgabe gewidmet, unmittelbar die Erfahrungen frischgebackener Väter zu untersuchen. Die Väter, mit denen ich mich befasst habe, kamen aus allen Schichten und sozialen Verhältnissen, es waren homosexuelle und heterosexuelle Männer darunter, Freiberufler und Handwerker, Schulabbrecher und Hochschulabsolventen, und sie hatten ganz unterschiedliche ethnische Hintergründe. Sie erlaubten mir, in einem der persönlichsten und privatesten Momente einen Blick auf ihr Leben zu werfen: in dem Moment, als sie zum ersten Mal Vater wurden. Ich sprach mit ihnen in den Wochen vor der Geburt, als sie aufgeregt und vielleicht ängstlich in eine weitgehend unbekannte Zukunft blickten. Und ich kehrte in den ersten wertvollen Wochen zurück, als die Aufregung von grenzenlosem Staunen über das winzige Wesen abgelöst wurde, das in ihr Leben getreten war und es auf den Kopf gestellt hatte. Ich habe ihre Hormone analysiert, ihre Verhaltensweisen beobachtet, mir ein Bild von ihrem psychischen und physischen Gesundheitszustand gemacht und ihre Gehirne untersucht, oft über viele Monate hinweg. Ich habe sie bei zahllosen Tassen Kaffee interviewt, und nicht selten war das Baby mit dabei. Die Stimmen, die in diesem Buch zu hören sind, sind ihre Stimmen, sie geben ihre Gedanken, Gefühle und Erfahrungen wieder. Ich hoffe, dass es allen Lesern, die diesen Vätern auf ihrem Weg vielleicht folgen werden, helfen wird, ihren eigenen Gefühlen und Erfahrungen zu trauen, und dass durch ihre Schilderungen die wissenschaftlichen Studien, die ich zitiere, für uns alle größere Bedeutung bekommen.
Weil mir diese Männer Einblicke in ihr Leben und das ihrer Familien gewährt haben, haben meine Kollegen und ich viele unerwartete Dinge über den Papa in der heutigen Zeit herausgefunden: dass seine Rolle einzigartig und anders ist als die Rolle der Mama und dass der Unterschied entscheidend wichtig für die gesunde Entwicklung des Kindes ist. Dass viele moderne Väter in westlichen Ländern ihre Aufgabe als Elternteil im vollen Umfang und gleichberechtigt wahrnehmen wollen, aber damit zu kämpfen haben, dass sie in einer Gesellschaft, die dafür noch nicht bereit ist, zu wenig Unterstützung und Informationen erhalten. Dass die Rolle des Vaters eine komplexe Mischung aus Geschichte, Kultur und Politik ist, dass aber die Biologie eines Mannes viel stärker als gedacht beeinflusst, was für eine Art von Vater er sein wird. Und dass Väter wunderbar flexible Wesen sind und ihre Rolle von einer Minute zur anderen verändern können, um das Überleben und Wohlergehen ihrer Familie zu sichern.
Ich habe dieses Buch aus drei Gründen geschrieben. Erstens wollte ich das Bild der Väter zurechtrücken. Ich wollte den unerbittlich negativen Berichten in der Presse über abwesende Väter eine positive Botschaft von Vermögen und Bedeutung des anwesenden Vaters gegenüberstellen. Zweitens wollte ich den Männern helfen, die vielleicht gerade ganz am Anfang ihres Weges als Väter stehen. Ich hoffe, die Informationen, die ich vermittle, und die Berichte echter Väter, die über das gesamte Buch verstreut sind, werden ihnen helfen, sich bei dem, was vor ihnen liegt, wohler und sicherer zu fühlen. Drittens und vielleicht am wichtigsten denke ich, dass alle Väter und darüber hinaus die ganze Welt ein Recht haben, zu erfahren – und erfahren sollten –, was biologisch, psychologisch und emotional in Vätern vorgeht. Nach Angaben des britischen Statistikamts waren in Großbritannien 2015, dem letzten Jahr, für das wir Zahlen haben, knapp über 6 Millionen Väter aktiv an der Erziehung beteiligt. Ist es nicht an der Zeit, dass wir mehr über sie erfahren?
Im ersten Kapitel blicken wir in die Welt vor 500.000 Jahren zurück, wir lernen den ersten menschlichen Vater kennen und erforschen, warum sein revolutionäres Auftauchen uns immer noch viel über die Rolle und Bedeutung der Väter in unserer Zeit zu sagen hat. In Kapitel zwei untersuchen wir das starke Band zwischen Vater und Kind, das entsteht, bevor das Kind geboren ist, und die hormonellen Veränderungen, die beide Eltern in der Schwangerschaft prägen. Wir schauen uns an, was das Vatersein für den werdenden Papa bedeutet und wie die neue Rolle einem Mann ermöglichen kann, Grundlegendes in seinem Leben zu verändern und eine willkommene neue Identität anzunehmen. In Kapitel drei betrachten wir Väter in anderen Ländern und beginnen zu verstehen, wie unterschiedlich und wunderbar die Rolle des Papas sein kann. Wir erfahren, dass in manchen Gesellschaften der soziale Vater wichtiger ist als der biologische, und verfolgen, wie die menschliche Familie sich gewandelt hat, seit die Liberalisierung des Adoptionsrechts und die Entwicklungen in der Reproduktionsmedizin dafür gesorgt haben, dass selbst im Westen die Kernfamilie nicht mehr unbedingt die Norm ist. Zuweilen mag der Eindruck entstehen, dass die Parforcetour rund um die Welt ein bisschen sehr weit weg von unserer Erfahrung führt, aber dadurch werden wir besser begreifen, dass es beim Vatersein um Präsenz und Handeln geht und nicht nur um die Gene.
In Kapitel vier konzentrieren wir uns auf die Geburtserlebnisse junger Väter und ihre Gesundheit und beziehen auch den besorgniserregenden Anstieg psychischer Probleme ein, der zum Wohl der Männer, ihrer Familien und der Gesellschaft insgesamt dringlich unserer Aufmerksamkeit bedarf. In Kapitel fünf betrachten wir die beiden Säulen der einzigartigen Verantwortung – schützen und unterrichten –, die seit einer halben Million Jahren im Zentrum der Vaterschaft stehen und bis heute wichtig sind. Wir werden sehen, dass es so viele Formen der Vaterschaft gibt, wie es Väter gibt, und dass die Rolle des Papas sich durch seine Flexibilität definiert, dass aber alle Väter primär bestrebt sind, erfolgreich alle Risiken abzuwehren, die die Überlebenschancen ihres Kindes beeinträchtigen könnten. In Kapitel sechs geht es um den Einfluss von Kultur, Geschichte, Politik und Ökologie, und wir konzentrieren uns darauf, wie sich die individuelle Biologie und Psychologie des Mannes auf sein Vatersein auswirkt; wie seine Gene, sein Hormonspiegel und seine Kindheitserfahrungen prägen, was für ein Vater er sein wird. Wir schauen uns an, wie seine Gene seine Sensibilität beeinflussen, wie dank seiner Persönlichkeit noch das schwierigste Kind traumhaft zu erziehen ist und wie das Verhalten seiner Eltern sich in seinem Verhalten als Vater widerspiegelt. In Kapitel sieben erforschen wir die grundlegende, lebenslange Bindung zwischen Vater und Kind und erfahren, warum wildes Spielen und Toben als Interaktion so wichtig sind, damit diese Bindung überhaupt entstehen kann. Aber wir erfahren auch, dass sie sich mitunter erst verspätet einstellt, weil Männern die Geburtserfahrung mit der entsprechenden hormonellen Umstellung fehlt und weil das sich entwickelnde Baby Zeit braucht, bis es auf den Papa reagiert. Die Botschaft lautet: keine Panik, das Band wird entstehen.
In Kapitel acht erweitern wir unseren Fokus und beziehen die Partnerin des Vaters ein. Der Blick ins Gehirn von Mutter und Vater zeigt uns, wie die Evolution dafür gesorgt hat, dass beide Eltern ohne überflüssige Überlappungen die Entwicklungsbedürfnisse ihres Kindes erfüllen. Und wir werden uns anschauen, wie sich die Ankunft eines Kindes (oder von zwei oder drei oder noch mehr Kindern) auf die Beziehung der Eltern auswirkt. Wir werden der Frage nachgehen, wie beide Eltern Zeit investieren können, um sicherzustellen, dass ihre Beziehung die Erweiterung der Familie unbeschadet übersteht und hoffentlich dadurch bereichert wird. In den Kapiteln neun und zehn betrachten wir, was ein Vater für die Entwicklung seines Kindes leistet: seine einzigartige Rolle, dem Kind etwas beizubringen, seine Unabhängigkeit und soziale Autonomie zu fördern, und seine Bedeutung für die künftige seelische Gesundheit des Kindes. In Kapitel elf schließen wir dann mit einer Bilanz, wo wir stehen. Wie will ein Papa heute, nach 500.000 Jahren Evolution, sein, und tut die Gesellschaft alles, was sie kann, um ihn zu unterstützen, damit er sein Ziel erreicht? Wie kann das »Papa-Team« – die Wissenschaftler, Aktivisten und politisch engagierten Väter, die für eine aktive Rolle von Vätern eintreten – die grundlegenden kulturellen Veränderungen voranbringen, die nötig sind, damit alle Väter, die das wollen, sich wirklich als gleichberechtigte Elternteile bezeichnen können?
Dieses Buch ist kein Ratgeber. Ich werde Ihnen nicht sagen, wie Sie Windeln wechseln oder eine Wiege bauen oder was ganz sicher bei Koliken hilft. Stattdessen hoffe ich, dass ich die aktuellste Antwort auf die Frage geben kann, was es heißt, Vater zu sein, und dass ich nebenbei ein paar Hinweise und Tipps habe, die den Schritt zum Vatersein für all jene, die dabei sind, ihn zu tun, so leicht und angenehm wie möglich machen. Für den Rest von uns, die wir uns irgendwo auf dem Familienweg befinden, wird es hoffentlich eine unterhaltsame Lektüre über eine Person sein, die wir – unabhängig von unserer jeweiligen Beziehung – alle in unserem Leben hatten oder haben, wie lange ihre Anwesenheit auch gedauert haben mag. Ich hoffe, das Buch spiegelt manche Ihrer Erfahrungen wider, rückt einige Ihrer Sorgen zurecht und erklärt einige Ihrer Gefühle und Verhaltensweisen. Den Müttern, so hoffe ich, vermittelt es faszinierende und hilfreiche Einsichten über ihre Partner. Und die stärker naturwissenschaftlich Interessierten kommen mit den allerneuesten Erkenntnissen aus den Gebieten der Neurowissenschaften, Genetik, Psychologie, Endokrinologie und Gesundheitsforschung hoffentlich auf ihre Kosten. Ein Großteil der Forschungen, über die ich berichte, konzentriert sich auf heterosexuelle Paare, weil das Forschungsfeld noch so neu ist, aber in vielen Fällen gelten die Erkenntnisse für alle Väter. Und während immer deutlicher wird, wie vielfältig die Väter sind, erweitern wir unser Blickfeld und beziehen schwule Väter und Familien mit mehreren Vätern ein. Ich kann Ihnen versichern: Wenn es Studien gibt, werde ich darüber berichten.
Am Ende des Buchs hoffe ich, dass ich zeigen konnte, was für eine komplexe, aber wichtige Bedeutung der Vater hat und wie grundlegend die Erfahrung des Vaterseins einen Mann verändert. Aber zunächst müssen wir, um die Rolle des modernen Vaters zu verstehen, zu den Anfängen zurückkehren: in die Welt vor einer halben Million Jahren und zum allerersten Vater.
EIN WORT ZU DEN PAPAS
Im ganzen Buch kommen immer wieder reale Väter zu Wort. In den letzten zehn Jahren haben sie alle mir das große Privileg gewährt, dass ich sie studieren durfte, während sie Väter wurden. Weil meine Arbeit sich auf die frühen Jahre im Leben eines Kindes konzentriert – die Zeit, in der ein Vater wohl die stärkste Veränderung erlebt und den größten Einfluss auf die Entwicklung seines Kindes hat –, sprechen die Väter hier über die ersten fünf Lebensjahre ihrer Kinder. Die Art meiner Studien bringt es mit sich, dass ich manche Väter nur kurz kennengelernt habe, während ich andere und ihre Familien über die gesamten fünf Jahre begleiten konnte. Deswegen nahmen manche mehr als einmal an Interviews teil. In diesen Fällen gebe ich jeweils an, wie alt das Kind oder die Kinder zum Zeitpunkt des zitierten Interviews waren, damit Sie als Leser verstehen, was in einem Mann in diesem Stadium seines Wegs als Vater vor sich geht. Alle Namen der Väter sowie die Namen ihrer Kinder und Partnerinnen oder Partner wurden zum Schutz ihrer Persönlichkeit verändert. Ich stehe in der Schuld der Väter, die sich für meine Untersuchungen zur Verfügung gestellt haben, und bin ihnen ewig dankbar.
TEIL EINS
DER ERSTE VATER
KAPITEL EINS
PAPA 1.0
Die Entwicklung der menschlichen Vaterschaft
Es ist eine wenig bekannte Tatsache, aber die Väter haben die Menschheit gerettet.
Vor 500.000 Jahren stand einer unserer Vorfahren, der Homo heidelbergensis, vor einem Dilemma. Eine Million Jahre zuvor hatten die Angehörigen dieser Art Afrika verlassen und sich über Europa und den Nahen Osten verbreitet. Sie hatten es sogar bis an die Südküste von England geschafft und sich am Rand einer wundervollen tropischen Lagune nahe dem heutigen Dorf Boxgrove in West Sussex niedergelassen. Wie andere Hominini der damaligen Zeit gingen sie aufrecht auf zwei Beinen, aber sie unterschieden sich von ihren Zeitgenossen durch ihr größeres Gehirn. Sie entwickelten rudimentäre Anfänge einer Sprache und schufen erste wunderschöne, symmetrische Steinwerkzeuge und perfekt ausbalancierte Jagdspeere. Aber sie hatten ein Problem. Unzweifelhaft besaßen sie das Potenzial, als Spezies erfolgreich zu sein. Doch der aufrechte Gang und das damit verbundene enge Becken, dem sie das Durchhaltevermögen verdankten, um Afrika zu verlassen, dazu die großen Köpfe mit dem komplexen Gehirn, das ihnen erlaubt hatte, neue Umgebungen zu besiedeln, bargen eine demografische Zeitbombe in sich. Damit die großen Köpfe durch den engeren Geburtskanal der Mütter passten, wurden die Babys von Homo heidelbergensis früh geboren, in einem sehr hilflosen und verletzlichen Zustand.
An wen sollten sich die Mütter wenden? Wer konnte ihnen mit ihren munteren Kleinkindern helfen, während sie der kräftezehrenden Aufgabe nachgingen, sich um ihre hilflosen Neugeborenen zu kümmern? Wie konnten sie ihre Kinder zu selbstständigen Wesen erziehen, aber sich immer noch oft genug fortpflanzen, um ihre Art zu erhalten und zu mehren? Rund eine Million Jahre waren Großmütter, Tanten und Schwestern eingesprungen. Aber vor 500.000 Jahren, bei unserem Freund Homo heidelbergensis, wurde das Gehirn noch einmal sprunghaft größer, und nun reichte die Kraft der Frauen nicht mehr aus. Und wer füllte die Lücke? Der Vater. Er setzte seine neu erworbene Fähigkeit ein, Feuer zu machen und schwer verdauliche Pflanzen zu kochen, und ermöglichte damit seinen Kindern, feste Nahrung zu essen, während seine Partnerin sich auf das Neugeborene konzentrierte, und er jagte das wertvolle Wild, das seiner Familie die nötige Energie lieferte. Er übernahm die Rolle des Lehrers und vermittelte seinen heranwachsenden Kindern die überlebenswichtigen Fertigkeiten wie Produktion von Werkzeugen, Verteidigung gegen Raubtiere und Jagd, und er entwickelte die komplexen sozialen Fähigkeiten, dank derer sie mit ihren Jagdgenossen kooperieren konnten. All das bewahrte unsere Vorfahren vor dem Aussterben, und heute, 500.000 Jahre später, sind wir eines der erfolgreichsten Tiere auf dem Planeten und sogar Angehörige des exklusiven Klubs der 5 Prozent der Säugetiere – und die einzige Affenart –, deren männliche Angehörige in ihren Nachwuchs investieren. Damit war die menschliche Vaterschaft geboren.
* * *
Evolutionsanthropologen treibt die Frage um, was uns zu Menschen macht. Was unterscheidet uns von anderen Tieren und vor allem von anderen Großaffen? Den Unterschied anatomisch zu definieren ist nicht sehr schwierig – kein Mann wird seinen aufrecht gehenden, unbehaarten Geschlechtsgenossen mit einem Gorilla verwechseln, höchstens in tiefschwarzer Nacht nach einem sehr langen Besuch in der Kneipe. Aber wenn wir das Verhalten betrachten, wird es schon deutlich schwieriger, zu sagen, wann aus dem Schimpansen ein Mensch wird. Lange dachte man, der Werkzeuggebrauch sei das unterscheidende Merkmal; die Steinwerkzeuge, die an zwei Millionen Jahre alten Ausgrabungsstätten in Ostafrika gefunden wurden, kündeten unzweifelhaft von einer erstaunlichen Veränderung bei Verhalten und Intelligenz. Aber wie sich gezeigt hat, nutzen wilde Schimpansen genauso versiert Steinwerkzeuge, um Nüsse zu knacken, und herabgefallene Blätter, um dringend benötigtes Wasser aufzunehmen. Selbst unsere sprachlichen Fähigkeiten, die einst als Beleg unserer einzigartigen Intelligenz galten, können im Labor trainierte Schimpansen nachahmen, die gelernt haben, mit einer Reihe von Zeichen ihre Bedürfnisse und Gefühle auszudrücken und sogar einfache Sätze zu produzieren. Zugegeben, diese Sätze beschränken sich meist auf Wünsche im Zusammenhang mit Nahrung, aber dennoch können sie kommunizieren. Oft übersehen wird hingegen ein Verhalten, ohne das es unsere Art schlichtweg nicht mehr geben würde: das Vatersein.
Unter Säugetieren sind Väter, die bei ihrem Nachwuchs bleiben und für ihn sorgen, eine seltene Ausnahme. Bei Vögeln ist der Vater, der unermüdlich jeden Tag viele Kilometer vom Nest weg- und wieder zurückfliegt, um seine Jungen mit Nahrung zu versorgen, eine geläufige Erscheinung: Bei über 90 Prozent der Vögel investieren Mutter und Vater Zeit und Energie in die Aufzucht ihrer Brut. Aber das häufigste Verhalten bei Säugetieren ist männliche Promiskuität – die Männchen paaren sich mit vielen Weibchen und machen sich nach der Kopulation aus dem Staub. Unsere nächsten Verwandten unter den Affen praktizieren zwei Arten von Promiskuität. Gorillas haben die Strategie »ein Männchen, viele Weibchen« – der Harem. Das bedeutet, dass das große Silberrücken-Männchen alle Weibchen für sich behält, sofern es nicht ein jüngeres, weniger dominantes Männchen schafft, sich schnell hinter einem Baum mit einem Weibchen zu paaren, wenn der Silberrücken gerade nicht hinschaut. Der Gorillavater blickt wohlwollend auf seine zahlreichen Nachkommen, weil er sich seiner Vaterschaft praktisch sicher sein kann, aber seine Beteiligung an der Aufzucht ist gleich null. Ein reichhaltiges Nahrungsangebot, die relativ schnelle Entwicklung von Gorillababys und lange Abstände zwischen den Geburten bedeuten, dass die Mütter ihre Babys mit allem versorgen können, was sie brauchen – die Väter können dazu nur noch ein bisschen beitragen. Bei Schimpansen geht es liberaler zu: Mehrere Männchen paaren sich mit mehreren Weibchen in einer großen Gruppe, obwohl das Alphamännchen immer Zugang zu den meisten und besten Weibchen bekommt. Kein Männchen weiß, welche von den vielen Jungtieren seine Nachkommen sind, und infolgedessen verwenden sie keine wertvolle Energie auf die Jungtiere. Stattdessen nutzen sie die Zeit lieber für die Fellpflege anderer Männchen; das dient dem Aufbau der so wichtigen Allianzen und ist Teil des komplexen politischen Spiels, das den Platz eines Männchens in der Hierarchie der Schimpansengruppe sichert.
Im Gegensatz dazu haben die Angehörigen der Gattung Homo ein ganz anderes Modell der Vaterschaft entwickelt: Der Papa bleibt lange bei seinem Nachwuchs und hilft der Mutter. Die konkrete Beteiligung der Väter variiert sehr stark von Kultur zu Kultur, wie wir weiter hinten in diesem Buch untersuchen werden, aber letztlich spielen sie alle eine entscheidende Rolle im Leben ihrer Kinder. Nötig wurde ihre Beteiligung durch die einzigartige Kombination der beiden bereits erwähnten anatomischen Merkmale – dem aufrechten Gang und den großen Gehirnen. Denn bei einem Vierbeiner sind die Beine wie bei einem Tisch angeordnet, an den vier Ecken des Körpers mit jeweils einem beträchtlichen Abstand dazwischen. Hingegen liegen die Beine eines Zweibeiners nahe beieinander, was bedeutet, dass wir ein viel tieferes und engeres Becken und in der Folge auch einen engeren Geburtskanal haben als unsere vierbeinigen Freunde. Für sich genommen ist der enge Geburtskanal kein Problem, das Problem entsteht erst durch das große Gehirn.
Entwicklungsmäßig betrachtet, fallen Tierbabys nach der Geburt in eine von zwei Kategorien: Entweder sind sie sehr weit entwickelt, Augen und Ohren sind offen, Fell oder Haare vorhanden, und sie können sich bald nach der Geburt allein fortbewegen. Oder sie sind hilflos, bewegungsunfähig, Augen und Ohren verschlossen. Tiere der ersten Kategorie heißen Nestflüchter, in der Regel trifft das für Affen zu. Es erstaunt mich immer wieder, wie geschickt ein Schimpansenbaby wenige Tage nach der Geburt ganz ohne Hilfe durch die Bäume klettert. Die zweite Kategorie sind die Nesthocker, dazu zählen Hundewelpen und kleine Kätzchen. Diese beiden Entwicklungswege existieren, weil bei der großen Mehrheit der Arten das Gehirnwachstum nach zwei Modellen vonstattengeht: entweder im Mutterleib – das Modell Schimpanse – oder nach der Geburt wie bei den Hunde- und Katzenwelpen. Ich spreche von der großen Mehrheit, weil es eine Ausnahme gibt: uns.
Das menschliche Gehirn ist erheblich größer, als bei einem Säugetier mit unserem Körpergewicht zu erwarten wäre – tatsächlich fast sechsmal so groß. Die Größe des Gehirns ist das anatomische Merkmal, dem wir unseren Erfolg verdanken. Wir haben die Sprache entwickelt, sind in einzigartiger Weise zu Innovationen fähig und konnten ein Ausmaß an Kontrolle über unsere Umwelt erlangen, das uns zu den Herrschern der Erde werden ließ. Aber weil unsere Gehirne im Verhältnis zu unserer Körpergröße so ungewöhnlich groß sind, brauchen sie länger, um zu reifen. Und da liegt das Problem. Unser enges Becken bedeutet, dass diese entscheidend wichtige Entwicklungsphase nicht im Mutterleib stattfinden kann, weil sonst das Baby den Geburtskanal nicht mehr passieren könnte – für Mutter und Kind bestünde ein erhebliches Risiko, bei der Geburt zu sterben. Um das Überleben der Art sicherzustellen, hat die Evolution die Menschen nach einer ungewöhnlich kurzen Schwangerschaftsdauer selektiert, was bedeutet, dass menschliche Babys geboren werden, bevor sie voll entwickelt sind. Das hat zwei Folgen: Erstens zeigen die Babys eine bestimmte Kombination von Merkmalen bei der Geburt – die Hilflosigkeit von Welpen, aber offene Augen und Ohren wie bei einem Schimpansen. Und zweitens sind Menschen die einzige Spezies, bei der das Gehirn vor und nach der Geburt wächst. Problem gelöst.
Aber ist es wirklich gelöst? Eine längere Phase des Gehirnwachstums nach der Geburt, in unserem Fall ein Jahr, ermöglicht dem Gehirn, sein volles Potenzial zu erlangen, aber bedeutet auch, dass die Mutter dadurch eine erhebliche Last zu tragen hat: ein sehr abhängiges, zur Fortbewegung unfähiges Baby, das nach Energie hungert. Sie muss nicht nur viel Energie aufwenden, um ihren Nachwuchs herumzutragen; theoretisch sollte sie das Baby auch länger stillen, als es nötig gewesen wäre, wenn das Gehirnwachstum nur vor der Geburt stattgefunden hätte, wie es bei Schimpansen der Fall ist. Aber die Realität ist anders. Während in manchen Gesellschaften Mütter länger als sechs Monate stillen, ist es durchaus möglich und in westlichen Ländern die Regel, das Baby in diesem Alter abzustillen und ihm feste Nahrung zu verabreichen. Warum ist die Laktationszeit bei Menschen so kurz?
Es hängt alles mit der Demografie und dem Überleben der Art zusammen. Die verkürzte Schwangerschaft und Stillzeit entstanden wohl zum gleichen Zeitpunkt in der Evolution, vor 1,8 Millionen Jahren mit dem Auftauchen des Homo ergaster. Nur das Stillen verhindert, dass eine Mutter wieder schwanger wird, so stellt die Evolution sicher, dass sie ihre gesamte Zeit und Energie für die Bedürfnisse ihres heranwachsenden Babys einsetzt. Aber hätten unsere Vorfahren dies tatsächlich in dem Maß getan, wie es die Entwicklung des menschlichen Gehirns – des Organs in unserem Körper, das am meisten Energie verbraucht, auch wenn es nicht wächst – nach der Geburt erfordert, hätte das die Abstände zwischen den Geburten so verlängert, dass es die Erhaltung der Art gefährdet hätte. Unsere Vorfahren wären ausgestorben, und vielleicht würde eine andere Art die Erde beherrschen. Durch die Verkürzung der Stillzeit konnten die Mütter ihre Kinder früher entwöhnen und wieder fruchtbar werden, und so war sichergestellt, dass sie genug Kinder bekamen, um die Population zu erhalten und sogar zu vergrößern.
Alle Eltern kennen die Erschöpfung, wenn sie versuchen, die Bedürfnisse eines Neugeborenen zu erfüllen, und gleichzeitig mit den unendlichen Wünschen eines Kleinkinds konfrontiert sind, das essen, schmusen, spielen und getröstet werden will. Ich erinnere mich noch, was für ein Stress es war, meine zweite Tochter zu stillen und gleichzeitig nach der richtigen Teletubbies-DVD für meine erstgeborene zu suchen und ihr etwas zu essen und zu trinken zu geben. Man entwickelt großes Geschick, Dinge mit einer Hand zu tun. Aber stellen wir uns einmal vor, all die Annehmlichkeiten des modernen Lebens wären auf einmal nicht mehr da – keine Geräte, die uns Arbeit abnehmen, keine Babyausstattung und keine Verhütungsmittel. Das war die Situation der weiblichen Angehörigen der prähistorischen Art Homo ergaster. Ohne die Möglichkeit, ihre Fortpflanzung ab dem Alter der Geschlechtsreife zwischen elf und 13 Jahren zu kontrollieren, waren sie entweder dauernd schwanger oder stillten und mussten sich nebenher noch um eine mehr oder weniger große Schar von abhängigen Kleinkindern kümmern. Für sie gab es die komfortablen fünfjährigen Abstände zwischen den Geburten wie bei den Schimpansen nicht.
* * *
Uns Menschen zeichnet unsere außerordentlich intensive Kooperation aus. Denken wir nur daran, wie oft am Tag wir mit jemand anderem zusammenarbeiten, um ein Ziel zu erreichen. Wir kooperieren, um lebenswichtige Ressourcen wie Nahrung und Wasser zu finden oder zu produzieren, um die Fertigkeiten und das Wissen zu lehren und zu erlernen, um erfolgreich zu sein, um Handel zu treiben und unsere Kinder großzuziehen. Eine der wichtigsten Formen der Kooperation ist die zwischen genetisch Verwandten oder innerhalb der Sippe. Diese Verwandten- oder Sippenselektion bedeutet, dass wir für unser eigenes Überleben davon profitieren, wenn wir anderen helfen, mit denen wir blutsverwandt sind. Der entscheidende Punkt ist nicht, dass wir, wenn wir unseren Verwandten helfen, selbst Hilfe erwarten können, sobald wir in Not sind, obwohl das häufig zutrifft. Wichtig ist vielmehr, dass wir die Gene teilen, und wie jeder gute Evolutionsbiologe weiß, kommt es letztlich auf das Überleben der Gene an. Das ist mit dem Konzept des »egoistischen Gens« gemeint, das Richard Dawkins in seinem 1976 erschienenen Buch so bezeichnet und erforscht hat: Die Erbeinheit, auf die die Evolution einwirkt, ist nicht das Individuum, sondern das Gen. Indem wir Verwandten bei der Versorgung ihrer Kinder helfen, sichern wir das Überleben der Kinder und damit zugleich das Überleben von Versionen unserer eigenen Gene. Es versteht sich von selbst, dass es umso vorteilhafter für einen Menschen ist, anderen bei der Aufzucht ihrer Kinder zu helfen, je näher die Blutsverwandtschaft ist, weil auch die Zahl der gemeinsamen Gene umso größer ist. Deshalb ist es fast universell so, dass sich nach den Eltern die Großeltern am meisten um die Kinder kümmern.
Unsere weibliche Vertreterin von Homo ergaster hätte in ihrer schweren Stunde wohl Hilfe bei ihren Verwandten gesucht. Ob es ihre Mutter gewesen wäre, ist fraglich, weil wir nicht wissen, ob unsere Vorfahren lange genug lebten, um das Alter von Großeltern zu erreichen. Trotz vieler Jahrtausende der Evolution lag das Alter bei der Menopause immer bei rund 50 Jahren, und es gibt bemerkenswert wenige bis gar keine Skelettfunde (Anthropologen können stundenlang über diese Frage diskutieren – wir sind schon ein seltsames Volk), die dieses Alter aufweisen. Aber wir wissen, dass es irgendwelche weiblichen Verwandten gegeben haben wird. Und woher wissen wir das? Weil die Evolution sparsam ist, das heißt, sie erreicht ihr Ziel immer auf dem am wenigsten komplizierten und/oder am wenigsten kostspieligen Weg. Vom Energieaufwand her ist es weniger kostspielig, mit einer Person desselben Geschlechts zu kooperieren als mit einer Person des anderen Geschlechts. Ich denke, das können wir alle nachvollziehen. Wenn wir mit jemandem desselben Geschlechts kooperieren, nutzen wir die gleiche Tauschwährung, und deshalb sind Akte der Kooperation leicht zu verfolgen. Selbst unter Verwandten erwartet man, dass Kooperation mehr oder weniger wechselseitig erfolgt – du kratzt mir den Rücken, und ich werde dir den Rücken kratzen –, deshalb ist es wichtig, den Überblick zu behalten, damit nicht einer oder eine immer Hilfe leistet. Und je leichter es ist, den Überblick zu behalten, desto weniger Gehirnleistung ist nötig, und desto weniger kostbare Energie wird verbraucht. In der Frühzeit unserer Spezies haben im Zusammenhang mit Kindern die Frauen die gleiche Art von Handlungen getauscht: solche, die mit der Sorge für das Kind und seinem Schutz zusammenhingen. Männer kooperierten aus anderen Gründen – sie halfen vielleicht mit dem Kind, weil das ihre Chancen erhöhte, der nächste Partner der Mutter zu werden, eine deutliche andere Währung. Der Wechselkurs zwischen beiden Währungen war unglaublich schwer zu kalkulieren, und deshalb entschied die Evolution, dass wir solche Formen des Austauschs nur dann machten, wenn es unbedingt nötig war. In der Folge wandten sich Mütter in erster Linie an andere Frauen, wenn sie Hilfe brauchten.
Und so zog unsere Vertreterin von Homo ergaster ihre Kinder mit der Hilfe ihrer weiblichen Verwandten groß, ihrer Schwestern, Cousinen und sogar ihrer älteren Töchter. Wie wir wissen, reichte über eine Million Jahre diese Hilfe aus, aber etwa vor 500.000 Jahren vergrößerte sich das Gehirn zum zweiten Mal erheblich, und damit wurden die Energiekosten für die Aufzucht eines Kindes erneut zu groß. Dieser Sprung bei der Größe des Gehirns bis auf fast die 1300 Kubikzentimeter, die es heute hat, bedeutete, dass die Zeitspanne der kindlichen Abhängigkeit noch länger wurde und der Bedarf an sehr energiereicher Nahrung – in dem Fall Fleisch – noch drängender. Bis dahin waren unsere Vorfahren eher zufällig an Fleisch gelangt; manchmal hatten sie die Risse von Raubtieren geplündert, und manchmal (das klingt sehr viel aufregender) schnappten sie einem lauernden tierischen Räuber seine Beute vor der Nase weg. Diese Ad-hoc-Methode reichte eindeutig nicht mehr aus, und besser planbare, erheblich weniger gefährliche Methoden, an diese lebenswichtige Ressource zu gelangen, mussten entwickelt werden, um das enorm große Gehirn zu ernähren. Es ist kein Zufall, dass parallel zum Homo heidelbergensis mit dem größeren Gehirn auch erste archäologische Belege für die Verwendung von Jagdspeeren auftauchen. Und nicht irgendwelche Wurfgeräte, sondern 1,50 Meter lange, perfekt gearbeitete hölzerne Wurfspeere wie jene über 300.000 Jahre alten Exemplare, die im niedersächsischen Schöningen gefunden wurden. Homo heidelbergensis war nicht nur ein guter Jäger, sondern auch ein hervorragender Handwerker.
Es reichte nicht mehr aus, dass die weiblichen Verwandten, die wahrscheinlich alle ihre eigenen kleinen Kinder betreuten, sich zusammentaten und allein ihre Kinder aufzogen. Verlässliche Quellen für Fleisch mussten erschlossen werden, um die sich schnell entwickelnden Kleinkinder zu ernähren und die Mütter mit der richtigen Nahrung zu versorgen, die für das Austragen und Stillen ihrer Kinder mit den großen Gehirnen immer mehr Energie brauchten. Jemand anderer musste einspringen, um das Überleben der Art zu sichern, jemand, der die Zeit, die Energie und das Geschick besaß, auf die Jagd nach Fleisch zu gehen und effiziente Werkzeuge für die Jagd und die Verarbeitung der Beute zu produzieren. Jemand, der nicht durch die kräftezehrende Aufgabe der Fortpflanzung behindert wurde, aber trotzdem durch die genetische Verwandtschaft mit eingebunden war. Jemand, der eine Feuerstelle bauen – die archäologischen Zeugnisse zeigen einen sprunghaften Anstieg von Feuerstellen um diese Zeit – und das Feuer kontrollieren konnte, was es ermöglichte, das erbeutete Fleisch zu garen und damit für den kindlichen Magen besser verdaulich zu machen. Jemand, der die Aufgabe übernehmen konnte, die Fertigkeiten der Werkzeugproduktion und die Regeln der Jagd an die heranwachsenden Kinder weiterzugeben. Und jemand, der, als die Jagd immer komplexer wurde, die lebenswichtigen Kommunikations- und Kooperationsfähigkeiten vermitteln konnte, die für den Erfolg bei der Jagd und für den Erfolg des Kindes in der größeren sozialen Welt so entscheidend waren. Aus der Einleitung zu diesem Kapitel wissen wir, dass dieser Jemand der Papa war.
* * *
Anders als bei unseren Cousins, den Menschenaffen, ist bei uns der Größenunterschied zwischen den Geschlechtern relativ gering. Männer sind ungefähr 1,1-mal so groß wie Frauen, männliche Gorillas dagegen mit dem 1,75-Fachen fast doppelt so groß wie weibliche. Männliche Gorillas sind so viel größer, weil sie ihren Harem von Weibchen, die Junge haben, gegen andere Männchen verteidigen müssen. Wir Menschen haben hingegen die letzte halbe Million Jahre weitgehend in monogamen Paarbeziehungen gelebt, bei denen beide Geschlechter wählen, mit wem sie zusammen sein wollen; Männer müssen nicht mit physischer Kraft viele Frauen zusammenhalten, die wenig Mitsprache haben, wer ihr männlicher Partner sein wird. Der geringe Größenunterschied spielt bei der Entwicklung des menschlichen Vaterseins eine sehr wichtige Rolle. Die Evolutionsanthropologin Dr. Cathy Key vom University College London hat in einer sehr gründlichen Untersuchung diesen Größenunterschied zwischen den Geschlechtern herangezogen, um zu errechnen, wann die menschliche Vaterrolle entstand. Bei den meisten Arten sind die männlichen Tiere deutlich größer als die weiblichen und die Kosten der Reproduktion für ein männliches Tier deutlich höher als für ein weibliches, weil ein Männchen einen großen Körper ausbilden und erhalten muss, um erfolgreich Zugang zu Partnerinnen zu bekommen. Bei den Menschen hingegen sind die Reproduktionskosten für einen Mann sehr viel geringer als für eine Frau. Es ist nicht wesentlich aufwendiger, einen großen Körper auszubilden und zu erhalten, als es für die Frau ist, ein Baby auszutragen und zu stillen. Key kalkulierte, dass es sich unter diesen Umständen für einen Mann zunächst lohnte, Energie zu investieren und der Frau bei der Aufzucht ihrer Kinder zu helfen, selbst wenn es nicht seine waren, um damit die Chance zu erhöhen, dass sie ihn als Vater für ihr nächstes Kind auswählte. Doch da die Evolution die Verwandtenselektion bevorzugt – in erster Linie jenen helfen, mit denen wir genetisch verwandt sind –, entwickelte sich rasch ein zweites Stadium, in dem die Männer ihre Partnerin »bewachten« (»Mate-Guarding«). Das bedeutete, dass der Mann die ganze Zeit in der Nähe seiner Partnerin blieb, damit er zur Stelle war, wenn sie das nächste Mal fruchtbar wurde – was sich bei Menschenfrauen gar nicht leicht feststellen lässt –, und die Gelegenheit zur Paarung ergreifen konnte. Die Kehrseite für den Mann war, dass er sich nicht mehr nach anderen Partnerinnen umsehen und die promiskuitive, aber potenziell sehr produktive Paarungsstrategie aufgeben musste. Das reduzierte die Zahl seiner lebenslangen Nachkommen und machte es umso wichtiger, dass die Nachkommen, die er hatte, erwachsen wurden und seine Gene weitergeben konnten. In der Folge investierte er massiv in die Kinder seiner Partnerin, bei denen er sicher sein konnte, dass es seine Kinder waren, weil er praktisch nicht von ihrer Seite wich. Key hat errechnet, dass der Punkt in unserer Vorgeschichte, an dem das passierte – das heißt, an dem die Reproduktionskosten für die Frau sehr viel höher waren als die für den Mann –, mit dem Auftauchen des Homo heidelbergensis mit dem großen Gehirn, aber ähnlicher Körpergröße der Geschlechter vor einer halben Million Jahren zusammenfiel.
Und die Geschichte der Evolution über 500.000 Jahre hinweg ist hauptsächlich aus drei Gründen immer noch wichtig für die Väter von heute. Erstens tauchten mit den ersten Vätern zwei Schlüsselmerkmale auf, die bis heute die Rolle des Vaters definieren, unabhängig davon, wo er lebt. Nämlich zu schützen und zu unterrichten. Im Lauf dieses Buchs werde ich immer wieder darauf zurückkommen, wie stark bei allen Vätern der Drang ist, das Überleben ihrer Kinder zu sichern und ihr Lernen zu fördern, insbesondere im Umgang mit der komplexen sozialen Welt, in der unsere Spezies lebt. Zweitens erfahren wir, dass Vatersein bei Menschen nicht einfach nur ein Nebenprodukt des männlichen Wunsches ist, sich fortzupflanzen, sondern dass es durch die natürliche Selektion ausgewählt wurde. Die Evolution ist fixiert auf Effizienz und wird eine Art nur dann auf den Weg einer komplexen Veränderung bei Verhalten oder Anatomie schicken, wenn das wirklich der einzige Weg ist, ihr Überleben zu sichern. Man könnte sagen, dass das Vatersein bei Menschen der Inbegriff einer solchen Veränderung ist. Es war eine weltbewegende Verhaltensänderung mit weitreichenden Folgen für unsere Spezies, und es wäre nicht selektiert worden, wenn es uns nicht beträchtliche Vorteile gebracht hätte. Schließlich und vielleicht am wichtigsten erzählt uns die Geschichte der Evolution, dass Vatersein angeboren ist und nicht erlernt wird, wie man uns oft weismachen will. Natürlich muss ein Vater all die praktischen Dinge lernen, etwa wie man die Windeln wechselt, ein Baby badet und füttert, aber das gilt für die Mutter genauso. Wer jemals beobachtet hat, wie eine frischgebackene Mutter versucht, mit dem Stillen zurechtzukommen, begreift, dass wir alle Zeit brauchen, um zu lernen, ein Elternteil zu sein. Aber der Instinkt für das Elternsein ist vorhanden, das habe ich ganz am Anfang meiner universitären Laufbahn erfahren.
Ich habe zuerst Anthropologie bei einem wunderbaren Primatenforscher namens Simon Bearder studiert. Er hatte sich einen Namen mit der Erforschung der kleinen, nachtaktiven Galagos in Afrika gemacht. In der ersten Vorlesung erklärte er, wie nahe verwandt wir mit unseren Cousins bei den Affen und Menschenaffen sind, und tatsächlich sind wir einfach Primaten mit einem ungewöhnlich großen Gehirn und unersättlicher Neugier, die uns dazu drängt, zu lernen und Dinge zu erfinden. Er erläuterte, dass das in vielerlei Hinsicht eine wunderbare Sache war, dass wir aber manchmal bei dem Versuch, immer besser zu werden, unsere grundlegenden Instinkte und Fähigkeiten ignorierten. Ein Bereich, in dem wir uns damit schadeten, war die Elternschaft. Wie zwei Väter in meiner Studie feststellten, ist Elternsein mit einer steilen Lernkurve verbunden, und am Anfang kann es sein, dass man Fehler macht. Aber der Instinkt, Vater zu sein, ist stark und wird den Mann letztlich auf den richtigen Weg führen:
Noah: Man macht Sachen verkehrt, aber solange man nicht wirklich Schaden anrichtet, ist es einfach unvermeidlich […]
Adrian: Als sie zu uns gekommen ist, vielleicht vier Tage später, setzten wir sie zum ersten Mal in ihren Buggy und machten einen richtig langen Spaziergang. Alle sollten unser wundervolles Kind sehen […] [Irgendwann sagten wir:] »Sieht sie nicht ziemlich rot aus?!« Eineinhalb Stunden später fragten wir uns: Haben wir sie ausreichend mit Sonnencreme eingecremt? Sie war ziemlich rosa! Und dann gab es den Tag, als wir sie im Park hin und her schwenkten, und weil wir nicht wussten, wie stark wir waren, haben wir sie ziemlich rumgewirbelt und dachten schon, wir hätten ihr die Schulter ausgekugelt! Das haben wir nie wieder gemacht.
Noah und Adrian, Papas von Judy (sieben)
Die Botschaft lautet: Hören Sie auf Ihren Bauch. Lauschen Sie auf Ihren inneren Primaten, und dann wissen Sie, wie Sie Ihr Kind am besten aufziehen. Alle Eltern sind anders und erreichen ihre Ziele im Umgang mit ihren Kindern auf unterschiedliche Weise. Aber ihre Anatomie, ihr Gehirn, ihre Gene und ihre Hormone wurden alle von der Evolution für das Elternsein angelegt. Der Instinkt und die Fähigkeit zum Elternsein sind da, man muss nur darauf achten. Das gilt auch für Väter.
In den weiteren Kapiteln dieses Buchs bleiben wir fest in der Gegenwart. Wir schauen uns an, wie die Evolution massiv darin investiert hat, Männer zu Vätern zu machen – neurologisch, genetisch, physiologisch und psychologisch –, und wie heutige Väter, wenn sie bei ihren Kindern bleiben, Vorteile sammeln, die nicht nur für sie selbst und ihre Kinder wertvoll sind, sondern für unsere Gesellschaft insgesamt. Aber die Botschaft aus unserer evolutionären Vergangenheit lautet: Väter sind nicht nur Anhängsel der Mütter, gelegentliche Babysitter oder Taschenträger. Sie sind das Ergebnis von 500.000 Jahren Evolution, und sie bleiben ein entscheidender Teil der Geschichte der Menschheit.
TEIL ZWEI
EMPFÄNGNIS UND SCHWANGERSCHAFT
KAPITEL ZWEI
BABYS IM SINN
Schwangerschaft, Identität und den Mutterleib umarmen
Es gibt die oft zitierte, aber schlecht belegte Meinung, Muttersein sei etwas Instinktives – Frauen sind dafür geboren, Kinder zu wollen, und perfekt dafür ausgestattet, sich um Kinder zu kümmern. Als Mutter von zwei kleinen Töchtern kann ich versichern, dass es nichts Instinktives ist. Ich werde nie die steile Lernkurve nach der Geburt meiner ersten Tochter vergessen, als es eine so unüberwindliche Aufgabe schien, für ein Neugeborenes zu sorgen, dass ich es nicht einmal schaffte, mir die Zähne zu putzen oder die Spülmaschine auszuräumen. Und dabei hatte ich einen Vorsprung gegenüber meinem Ehemann. Schwangerschaft, Geburt und Stillen sind intensive emotionale und physische Erfahrungen; wir Frauen schwimmen dabei in einem Meer wundervoller Hormone, die dazu da sind, unseren Körper auf die Mutterschaft vorzubereiten, die Schmerzen und das Trauma der Geburt zu lindern, und die uns motivieren, schnell eine tiefe Bindung zu unseren Neugeborenen aufzubauen – lebenswichtig, damit wir uns trotz des Schlafmangels und der ständigen Forderung nach Nahrung weiter um sie kümmern. Väter hingegen haben keine derartigen Erfahrungen, die sie unterstützen, und zumindest oberflächlich betrachtet könnte es scheinen, dass die neun Monate der Schwangerschaft an dem werdenden Vater weitgehend spurlos vorbeigehen, abgesehen von ein paar anstrengenden Besuchen bei Ikea und Versuchen, ein Kinderbett zusammenzubauen. Scheinbar kann der Prozess, ein Elternteil zu werden und eine Bindung zum Kind zu entwickeln, für Väter erst richtig nach der Geburt beginnen.
Wann wird ein Mann zum Vater? Schauen wir uns die Möglichkeiten an. Es könnte an dem Tag sein, an dem er den Wunsch nach einem Kind ausdrückt. Oder im Augenblick der Zeugung. Vielleicht passiert es auch in der Schwangerschaft, wenn ihm dämmert, dass er eine neue Identität annehmen muss. Oder es beginnt erst mit der Geburt. In diesem Kapitel will ich untersuchen, was während der Schwangerschaft mit einem Vater passiert. Ich betrachte seine Biologie, seine Psychologie und sein Verhalten. So versuche ich zu verstehen, wie er das entscheidend wichtige Band zu seinem ungeborenen Kind aufbaut, wie er mit seiner Partnerin zusammenarbeitet, um ein Elternteam zu werden, und wie er seine neue Identität als »Papa« entwickelt. Lange Zeit meinte man, ein Mann würde erst zu einem Vater, wenn er sein neugeborenes Kind im Arm hält und die Beziehung zu dem Baby beginnt. Bis dahin war die Schwangerschaft etwas, das eindeutig einer anderen Person widerfuhr. Aber wäre es so überraschend zu hören, dass angesichts der folgenreichen Veränderungen in Anatomie und Verhalten, die Ursache und Folge des Entstehens der Vaterschaft waren, die Evolution auch dafür gesorgt hat, dass die Papas schon vor der Geburt fest in die Familie eingebunden wurden?
Das Hormon Oxytocin hat eine vielfältige Rolle. Gebildet wird es von einer kleinen Ausstülpung an der Unterseite des Gehirns, der sogenannten Hirnanhangdrüse, und im Körper erfüllt es mehrere wichtige Aufgaben. Es ist verantwortlich für den Beginn der Wehen, für die Milchproduktion und die Bildung und Beweglichkeit der Spermien – alles wichtige Etappen bei der Reproduktion. Aber seine wahre Macht entfaltet Oxytocin im Gehirn. Denn Oxytocin ist das Schmiermittel bei der Entstehung neuer Bindungen: zwischen Liebenden, zwischen Eltern und Kind, zwischen engen Freunden. Es wirkt ein bisschen wie Alkohol, baut Hemmungen ab, neue Partnerschaften einzugehen, und sorgt dafür, dass Sie quer durch einen Raum marschieren, um mit dem Objekt Ihrer Begierde ein Gespräch zu beginnen. Wir alle haben einen Grundspiegel des Hormons, und dass der von Individuum zu Individuum variiert je nach genetischer Ausstattung und Umgebung, bedeutet, dass wir alle unterschiedlich darin sind, wie wir mit unserer Schüchternheit umgehen und wie wir uns in neue Beziehungen stürzen. Das gilt auch für die Beziehung zwischen Vater und Kind. In späteren Kapiteln werden wir sehen, wie die jeweiligen Eigenschaften eines Mannes sich auf sein Verhalten als Vater auswirken und darauf, wie leicht er eine Bindung zu seinem Baby herstellt.
Oxytocin arbeitet außerdem eng mit einem weiteren wichtigen neurochemischen Botenstoff zusammen, dem Dopamin. Dopamin wird oft als Belohnungshormon bezeichnet und wirkt in einem Teil des Gehirns, das Belohnungszentrum heißt; die Freisetzung von Dopamin verursacht intensive Glücksgefühle und Euphorie. Der Genuss beim Essen von Schokolade oder dem liebsten Snack – das ist Dopamin. Dopamin und Oxytocin haben eine wunderbare Arbeitsbeziehung, besonders wenn sich eine neue Bindung bildet. Erstens machen sie in Kombination das Gehirn plastischer, das heißt, es wird leichter, seine neuronale Struktur zu verändern – entscheidend wichtig, wenn man neue Erinnerungen abspeichern oder neue Fakten über jemanden lernen will. Zweitens ergänzen sich Oxytocin und Dopamin richtig gut. Ich beschreibe ihre Beziehung gern als »guter Cop« und »begeisterter Cop«. Dopamin – der begeisterte Cop – verleiht uns den Elan und die Motivation, vom Sofa aufzustehen und eine neue Beziehung einzugehen. Aber Begeisterung kann manchmal bedeuten, dass die feineren Aspekte bei der Bildung einer Beziehung im Eifer des Gefechts untergehen. Das Oxytocin – das unsere Angstkreisläufe unterbricht und unsere Bindungskreisläufe verstärkt (die uns motivieren, Beziehungen zu knüpfen und zu erhalten) – dämpft die extremeren Auswirkungen von Dopamin auf unsere Konzentrationsfähigkeit und verschafft uns die nötige Ruhe im Kopf, damit die Beziehung funktioniert.
Viele Jahre lang galt Dopamin wegen seiner Verbindung mit Geburt und Stillen als das weibliche Liebeshormon, aber in letzter Zeit ist klar geworden, dass seine Rolle bei männlichen Beziehungen genauso wichtig ist wie bei weiblichen. Und es ist entscheidend für die Bildung des Elternpaars. Aktuelle Forschungen haben gezeigt, dass Väter und Mütter, die während der Schwangerschaft zusammenleben, ähnliche Oxytocinspiegel im Blut aufweisen. Leiterin des Teams, das das herausgefunden hat, ist Professor Ruth Feldman, Entwicklungspsychologin an der israelischen Bar-Ilan-Universität. Feldman und ihre Forschergruppe haben wohl die meisten und die wichtigsten Erkenntnisse zu unserem Wissen über die neurochemischen Seiten der Vaterschaft beigetragen. Sie sind eine herrlich vielfältige Gruppe, und ihre Studien zur Neurobiologie und Neurologie der Vaterschaft waren zusammen mit den Beiträgen der Psychologie und Verhaltenswissenschaft wegweisend für unser Verständnis, was Vatersein heißt. Aber für diese erstaunliche Synchronisierung der Oxytocinspiegel von werdenden Müttern und Vätern – ein schlichter Zufall war ausgeschlossen, weil die Übereinstimmung praktisch bei allen Paaren auftrat – hatten auch Ruth Feldman und ihr Team keine eindeutige Erklärung. Sie wussten nur, dass es etwas über die fundamentale Bedeutung des Elternpaars für das Kind aussagte. Ihre vielen Stunden Verhaltensbeobachtung brachten sie zu der Vermutung, dass dieses neurochemische Phänomen etwas mit den Parallelen im Verhalten zu tun haben könnte, die wir bei eng verbundenen Liebespaaren beobachten – die gleichen Sätze, Gesten und ihre spiegelbildliche Körpersprache. Sie stellten fest, wenn zwei Menschen in einer engen, unterstützenden Beziehung sind, schlägt sich das oft in einer gemeinsamen Sprache, spiegelbildlichen Bewegungen und einer Reihe von synchronisierten Messwerten nieder – den sogenannten physiologischen Markern – wie Herzfrequenz, Körpertemperatur und Blutdruck. Für dieses Phänomen prägten sie den Begriff verhaltensbiologische Synchronie. Das Team formulierte die Hypothese, die Übereinstimmung der Oxytocinspiegel bei werdenden Eltern lasse sich erklären, wenn man die Beobachtung der verhaltensmäßigen und physiologischen Synchronie noch einen Schritt weiter führe und annehme, dass diesem engen Zusammenhang ähnliche Muster der Gehirnaktivität und ähnliche Hormonniveaus zugrunde lägen einschließlich der Hormone, die für unsere langfristigen Beziehungen wichtig sind. Es scheint, als habe die Evolution dafür gesorgt, dass schon vor der Geburt Papa und Mama darauf vorbereitet werden, ihrem Baby mit der gleichen Einstellung gegenüberzutreten, indem sichergestellt wird, dass sie die gleiche neurochemische Belohnung erhalten. Diese Studie befindet sich wie viele andere Studien zum Vatersein noch in einem frühen Stadium, aber es sieht so aus, als könnte dieser Mechanismus den engen Zusammenhang der Oxytocinspiegel bei werdenden Eltern erklären. Und diese Tendenz zur Synchronie beschränkt sich nicht auf den neurobiologischen Bereich. Auch die psychische Verfassung angehender Eltern verändert sich grundlegend.
Bei der Persönlichkeit eines Menschen lassen sich fünf vorherrschende Merkmale unterscheiden, in der Psychologie bekannt als die »Big Five«. Das Konzept wurde in den 1970er-Jahren von zwei Forscherteams entwickelt, die unabhängig voneinander zu den gleichen Ergebnissen kamen. Es basiert auf der Analyse Hunderttausender Persönlichkeiten und postuliert, dass jede Persönlichkeit, unabhängig von Sprache und Kultur, auf fünf wesentliche Elemente reduziert werden kann: Extraversion (der Wunsch nach Beziehungen, Erlebnissen und Spaß – der klassische Partygänger), Offenheit (der Wunsch, neue Erfahrungen zu machen), Verträglichkeit (Einfühlungsvermögen in andere), Neurotizismus (Angst und ein gesteigertes Gefühl der Bedrohung) und Gewissenhaftigkeit (die Fähigkeit zu organisieren, zu planen und sich an Regeln zu halten). Alle Persönlichkeiten enthalten diese Elemente in unterschiedlichem Grad, und offensichtlich – allerdings wird darüber noch diskutiert – bleibt die Persönlichkeit das ganze Leben über weitgehend unverändert. Doch die praktischen und verhaltensmäßigen Veränderungen, die mit einer so umwälzenden Erfahrung wie dem Eintritt in die Elternrolle einhergehen, scheinen einen positiven Bruch zu bedeuten. Wie beim Oxytocinspiegel erfahren werdende Eltern, die während der Schwangerschaft zusammenleben, eine Veränderung ihrer Persönlichkeit, die sie auf eine gemeinsame Linie bringt.
Ich weiß aus meinen eigenen Untersuchungen, dass sich die Persönlichkeiten von Vätern verändern können – bisher geduldige Männer werden ziemlich ungeduldige Väter, und ein ehemals schüchterner Mann kann durch die Vaterrolle neues Selbstvertrauen gewinnen. Aber Sarah Galdiolo und Isabelle Roskam von der Katholischen Universität Leuven in Belgien haben klare Belege gefunden, dass diese Veränderungen bei Vätern ihre Widerspiegelung bei den Müttern haben. In einer Langzeitstudie mit 204 Elternpaaren, die sie von der Schwangerschaft bis ein Jahr nach der Geburt des Kindes begleiteten, stellten sie im Vergleich mit Nichteltern fest, dass sich Eltern bei den Persönlichkeitsmerkmalen Offenheit, Verträglichkeit und Neurotizismus einander anglichen. Diese drei Faktoren spielen eine Rolle dabei, dass ein Mensch auf das achtet, was bei einem anderen Menschen vorgeht, und bereit ist, sich auf den anderen einzustellen; sie sind von grundlegender Wichtigkeit für das Funktionieren einer Familie. Indem sich die Persönlichkeiten von Mama und Papa teilweise synchronisieren, werden sie darauf vorbereitet, wahrzunehmen, was im jeweils anderen vorgeht, offen für die Erfahrungen mit einem Baby zu sein und Gefahren für die Familie zu erkennen. Nehmen wir Nigels Bericht als Beispiel:
Es gab Zeiten, da sagten [meine Freunde]: »Wir gehen am Freitagabend aus, was trinken und so, du kannst gerne mitkommen, aber wahrscheinlich geht es nicht wegen Poppy.« Und ich habe mich dabei ertappt, wie ich gedacht habe, dass es gar nicht so sehr daran liegt. Ich will meine Freunde immer noch sehen, und es ist nicht so, dass das nicht mehr geht. Ich werde einfach älter, ich habe ein Kind und fühle mich verantwortlich für sie. Es ist nicht so, dass ich nicht gehen darf, ich möchte einfach nicht, dass Liz zu Hause ist und sich um Poppy kümmert, während ich mit meinen Freunden unterwegs bin, einfach nur in die Kneipe gehe, um was zu trinken. Es ist kein besonderer Anlass. Das kann ich jederzeit tun, und in der Zeit jetzt sollte ich zu Hause sein, weil Poppy sich jeden Tag verändert.
Nigel, Papa von Poppy (sechs Monate)
Galdiolo und Roskam haben noch mehr herausgefunden: Während Mama und Papa bei diesen auf die Familie ausgerichteten Persönlichkeitsmerkmalen auf einer Linie lagen, verhielt es sich bei dem Element, das sie dazu bringt, Spaß und Belohnung außerhalb der Paarbeziehung zu suchen – Extraversion –, anders. Bei Frauen veränderte sich mit der Mutterschaft dieser Persönlichkeitsaspekt nicht, aber bei Männern nahm die Bedeutung dieses Merkmals für die Persönlichkeit deutlich ab. Sobald Männer sich auf dem Weg zur Vaterrolle befinden, verändert sich ihre Persönlichkeit so, dass die nach außen gerichtete Dimension weniger wichtig wird und sie mehr nach innen schauen, auf das Vertraute und die Geborgenheit – die Familie. Das Zitat von Nigel illustriert diese Persönlichkeitsveränderung perfekt. Bei einem werdenden Vater sagen uns diese faszinierenden Beispiele der biologischen und psychischen Synchronie und Asynchronie nicht nur, dass die Evolution will, dass das Elternpaar gemeinsam das Kind aufzieht, sondern dass der Vater schon während der Schwangerschaft nicht nur ein interessierter Zuschauer ist, sondern biologisch und psychologisch darauf vorbereitet wird, ein vollwertiges Mitglied des Elternteams zu sein.
* * *
Ich habe die Wiege gebaut und das Kinderzimmer vorbereitet, ein paar Regale aufgestellt […] alles meine Arbeit. Es hat Spaß gemacht, es war mein Beitrag. Sie trägt das Baby aus, das kann ich nicht, aber ich kann mich um die ganzen praktischen Sachen kümmern […]
Tim, werdender Papa
Väter bauen das Nest. Wenn ich die Väter in meiner Studie wie Tim frage, was sie in der Schwangerschaft tun, um sich auf die Ankunft ihres Babys vorzubereiten, erzählen sie häufig Anekdoten, wie sie das Kinderzimmer streichen, Möbel aufbauen und aufwendig recherchieren, welcher Kinderwagen und welcher Kindersitz für das Auto die besten sind. Man könnte sogar sagen, dass der Kinderwagenkauf Väter ganz besonders begeistert, vor allem wenn die Anschaffung einer dreirädrigen Offroad-Version zur Debatte steht. Viele lachen vielleicht über diesen plötzlichen Anflug von Heimwerkergeist, doch dem werdenden Papa, der versucht, sich auf die Schwangerschaft einzustellen, kann diese Art, einen Beitrag zu leisten, helfen, sich beteiligt zu fühlen. Darüber hinaus sprechen viele Väter auch von ihrer wachsenden Beziehung zu dem Baby. Oft erzählen sie, wie sie dem Baby im Mutterleib etwas vorsingen oder mit ihm sprechen oder vorlesen und wie sie sich freuen, wenn das Baby mit Bewegungen darauf reagiert. Viele malen sich aus, wie ihr Kind aussehen wird und was sie gemeinsam unternehmen werden.
Bindung, ein Begriff, den Psychologen für das enge Band zwischen zwei Menschen geprägt haben, ist entscheidend für die Beziehung zwischen Eltern und Kleinkind. Der Vater der Bindungstheorie ist der englische Kinderpsychiater John Bowlby, der seine Forschungen in den 1950er-Jahren begann. Bowlby wies frühere Theorien zurück, die postulierten, Grundlage für das Band zwischen Eltern und Kind seien der Hunger des Kindes oder seine Abhängigkeit, etwas, das das Kind mit dem Erwachsenwerden überwinden sollte. Er sagte demgegenüber, es gehe um eine tiefe emotionale Verbindung zwischen Eltern und Kind, die für die gesunde Entwicklung des Kindes ausschlaggebend sei. Die Jungen von Säugetieren einschließlich uns Menschen kämen mit einem angeborenen Instinkt zur Welt, nach einer Bezugsperson zu suchen. In den frühen Arbeiten konzentrierte sich Bowlby fast ausschließlich auf die Bindung zwischen Mutter und Kind und konzipierte sie als ein Verhalten, das vom Kind ausgeht und sich auf die Mutter richtet, und nicht als Beziehung in beide Richtungen. Heute wissen wir, dass Letzteres richtig ist – auch Mütter entwickeln eine Bindung zu ihrem Kind – und dass das Phänomen ebenso in der Beziehung zwischen Vater und Kind eine Rolle spielt. Die häufigsten Bindungen sind die zwischen Eltern und Kind und zwischen Liebenden, aber es gibt auch Bindungen zwischen engen Freunden und, wie manche sagen, zwischen Haustieren und ihren Besitzern. Bindung ist schwer zu definieren – eines der Phänomene, die man schwer beschreiben kann, aber Psychologen wissen, wann sie es damit zu tun haben. Wenn wir eine Bindung beobachten – sei es eine romantische, eine zwischen Eltern und Kindern oder die Bindung in einer tiefen Freundschaft –, sehen wir zwei Menschen, die sich nach körperlicher Nähe sehnen, die ständig die emotionale Reaktion des anderen beobachten, um selbst die Umwelt besser einzuschätzen, und für die Getrenntsein eine Qual ist. Beispiele sind ein Welpe, der von seiner Mutter getrennt ist, oder ein kleines Kind, das von seinem Elternteil getrennt ist. In Kapitel sieben werden wir darauf zurückkommen, wenn wir uns die Entwicklung der Beziehung zwischen Vater und Baby nach der Geburt anschauen. An dieser Stelle möchte ich auf den relativ neuen Gedanken eingehen, dass sich dieses Band schon vor der Geburt bildet.
Es steht außer Frage, dass eine Mutter eine Bindung zu ihrem ungeborenen Kind entwickelt – dieser Prozess wird sehr dadurch gefördert, dass sie die Bewegungen ihres Kindes spürt und dass sie zusammen mit ihrem Kind eine intensive körperliche und emotionale Reise absolviert. Das bezeichnet man auch als das Privileg der Mutterschaft. Aber ist es wirklich ein Privileg, das nur der Mutter zugutekommt? Mittlerweile gibt es umfangreiche Belege, die dafür sprechen, dass dieses Privileg geteilt werden kann. Väter können genauso intensive Liebe zu ihrem ungeborenen Kind spüren, nicht wenig haben dazu die Ultraschalluntersuchungen beigetragen. Dank der neuen Technik konnten Väter erstmals über ihre Fantasievorstellungen hinaus ihr Baby wirklich sehen und hören. Tims Erinnerung an die erste Ultraschalluntersuchung zeigt, wie stark dieses Erlebnis sein kann:
Ich meine, bei der Untersuchung habe ich es zum ersten Mal richtig geglaubt. Davor habe ich es auch geglaubt, aber der Ultraschall gab mir die Gewissheit, dass es real war. Es zum ersten Mal zu wissen, auf dem Monitor den Beweis zu sehen, war großartig. Unvorstellbar. Ich staunte, war begeistert, konnte es kaum fassen.
Tim, werdender Papa
Die Technik wurde bereits in den 1950er-Jahren in Glasgow entwickelt, aber erst Anfang der 1970er-Jahre wurden Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft in Großbritannien üblich und erst Ende der 1970er-Jahre in den Vereinigten Staaten. Heutige Väter gehören damit zu einer der ersten Generationen, die routinemäßig die Gelegenheit haben, ihr ungeborenes Kind zu sehen, und alles in allem ist das eine gute Sache. Für die meisten Väter in meinen Studien war es selbstverständlich, dass sie zur Ultraschalluntersuchung mitgingen. Zwar gab es Ängste, dass bei dem Baby eine Unregelmäßigkeit entdeckt werden könnte, aber in der Mehrheit der Fälle berichteten sie von überwältigenden Emotionen wie Erleichterung, Stolz und Freude, wenn sie das Baby zum ersten Mal betrachten konnten. Infolge der raschen technischen Fortschritte können Eltern heute ihr Kind nicht nur hören und sehen, sondern bekommen ein Surround-Sound-Erlebnis mit einem 4D-Ultraschall. Diese Bilder zeigen das Baby dreidimensional und in Echtzeit – das ist die vierte Dimension. Es ergeben sich zahllose Gelegenheiten für frühe Diskussionen, wie er oder sie wohl aussehen wird. Für Väter, die von den körperlichen Bewegungen ihres ungeborenen Kindes wenig mitbekommen, ist das die große Chance, die Erfahrungen der Mutter zu teilen. Die Tage der grobkörnigen Schwarz-Weiß-Bilder sind vorbei, sie wurden abgelöst durch gestochen scharfe, bewegte Videos, die man auf DVD brennen, nach Hause mitnehmen und dort beliebig oft anschauen kann. Pier Righetti und seine Kollegen haben in den Abteilungen für Geburtshilfe und Gynäkologie zweier italienischer Krankenhäuser die Wirkung von 2D- und von 4D-Ultraschallbildern untersucht und dabei herausgefunden, dass die Väter, die Bilder in 4D-Technik sahen, einen viel größeren Sprung bei der Bindung zu ihren Kindern machten als Väter, die 2D-Bilder zu sehen bekamen, und dass sich die Intensität der Bindung auch zwei Wochen nach dem Untersuchungstermin noch unterschied. Möglicherweise versetzt die Chance, das eigene Kind dreidimensional zu sehen, verbunden mit der Möglichkeit, sich die Bilder immer wieder anzuschauen, Väter in die Lage, über die langen neun Monate der Schwangerschaft mit ihrem Kind verbunden zu bleiben.
Die Bindung zwischen Eltern und Kind ist die erste und vermutlich stärkste Bindung, die ein Mensch entwickelt, und ob es sich um eine gesunde oder eine ungesunde Bindung handelt, wird die Gesundheit und das Verhalten des Babys sein ganzes Leben lang bestimmen. Deshalb hat die Bindung zwischen Vater und Kind langfristige Implikationen für das Kind, die Familie und die Gesellschaft insgesamt. In den letzten Jahren sind wir zu der Ansicht gelangt, dass das Band zwischen Vater und Kind eine spezielle Verbindung ist, die eine einzigartige, wichtige Beziehung herstellt. Ben berichtet davon, wie sich dieses Band bei Vater und Kind schon lange vor der Geburt zu bilden beginnt:
Als meine Frau mit Rosie schwanger war, habe ich ihr immer »Der Mond ist aufgegangen« vorgesungen. Nach der Geburt, als sie auf dem Bauch ihrer Mutter lag, immer noch durch die Nabelschnur verbunden, habe ich wieder »Der Mond ist aufgegangen« gesungen, und sie erkannte es sofort. Das war einer der Momente, die ich nie vergessen werde.
Ben, Papa von Rosie (18 Monate)
Der australische Psychologe John Condon von der Flinders University hat die wichtigen Aspekte der Bindung vor und nach der Geburt untersucht und bahnbrechende Arbeiten dazu vorgelegt. Vor allem aber hat er die Unterschiede zwischen der Bindung von Vater und Kind und Mutter und Kind definiert. Bei einem werdenden Vater, dessen Beziehung zu seinem Kind hauptsächlich in seinem Kopf stattfindet, geben anscheinend drei Faktoren den Ausschlag, wie er eine Bindung zu seinem ungeborenen Kind entwickelt. Erstens kommt es darauf an, wie oft er sich in Tagträumen mit dem Kind beschäftigt und welche Gefühle das bei ihm auslöst. Ganz besonders wichtig ist, dass er sich das Baby als »kleine Person« vorstellt, und in welchem Ausmaß er positive im Gegensatz zu negativen Gefühlen ihm gegenüber empfindet. Denkt er in erster Linie darüber nach, wem er oder sie ähnlich sehen wird und wie er oder sie heißen soll, und wecken solche Gedanken Gefühle von Zärtlichkeit, Liebe und Glück? Oder denkt der werdende Vater selten an sein Kind, und wenn er es doch tut, ist seine Reaktion dann Ärger, Groll oder Frustration?
Der zweite Faktor ist, wie wohl sich jemand mit der gewählten Identität als Vater fühlt und, spezieller, inwieweit er sich vorstellen kann, ein »involvierter Vater« zu sein. Der Begriff »involvierter Vater« entstand in den 1980er-Jahren als Beschreibung für Väter, die ihre Elternrolle aktiv wahrnehmen und genauso viel zur Pflege des Kindes und seiner emotionalen und physischen Entwicklung beitragen wollen wie die Mutter – die »neuen Väter«, von denen in den Medien so viel die Rede ist. Die neuen Väter unterschieden sich sehr vom traditionellen Bild des Zuchtmeisters, der den Lebensunterhalt der Familie verdient, das in früheren Jahrzehnten vorgeherrscht hatte. Ein Vater in meiner Studie bezeichnete es als sein Ziel, ein Vater zu werden, der sich aktiv beteiligt:
Meine Rolle besteht darin, emotionale und finanzielle Unterstützung zu leisten. Ich denke, es ist ein bisschen von allem. Beim Elternsein geht alles gemeinsam – ich glaube nicht, dass ich allein das Geld verdienen und Julie allein die Erziehungsarbeit übernehmen sollte; ich denke, wir sollten das gleichmäßig aufteilen. Unsere Aufgabe ist es, unser Kind mit Geld, emotionaler Unterstützung, Schutz, Liebe und allem zu versorgen. Ich meine, es ist einfach großartig, Vater zu sein. Man hat so eine Verantwortung […] es gehört einfach alles dazu.
Colin, Papa von Freya (sechs Monate)
Die Entscheidung, welche Art Vater ein Mann sein will, hat entscheidende Auswirkung auf das Wesen der Bindung, die er zu seinem ungeborenen Kind ausbildet. Die australischen Psychologinnen Cherine Habib und Sandra Lancaster fanden in ihrer Untersuchung zu Bindung und Identität heraus, dass werdende Väter, die »Vater« als einen wichtigen Bestandteil – neben beispielsweise Ehemann und Geldverdiener – in ihre Identität integriert hatten und sich besonders stark mit der Rolle als Elternteil auf Augenhöhe identifizierten, eine intensivere Bindung an ihr ungeborenes Kind hatten als die Männer, die ihre Rolle primär darin sahen, das Geld zu verdienen. Viele Männer nehmen diese Identität bewusst an, so auch Mark:
Ich will nicht 60 Stunden in der Woche arbeiten und nicht da sein. Mein Vater war in meiner Kindheit ein Erfolgsmensch, er leitete ein Unternehmen. In meiner Erinnerung war er nur an Wochenenden da […] Ich gebe ihr zu essen, bade sie, bringe sie ins Bett […] jeden Abend, und das soll noch lange so gehen […] Ich will hier sein, [um] in Erinnerung [zu] bleiben.
Mark, Papa von Emily (sechs Monate)
Die Schwangerschaft gehört zu den wenigen Ereignissen im Leben, bei denen wir uns wirklich Zeit nehmen können, um uns auf eine größere Veränderung der Lebensumstände vorzubereiten. Die anderen wichtigen Übergänge – Pubertät, die erste Liebe, der erste Verlust – sind nicht so absehbar. Eltern haben die Chance, sich in den neun Monaten Schwangerschaft praktisch und emotional auf den Neuankömmling einzustellen. Wie aus den Berichten der Papas hervorgeht, die wir in diesem Kapitel gehört haben, ist es für viele Väter ein wichtiger Teil der Vorbereitung, sich zu überlegen, welche Art Vater sie sein wollen. Diese Gedanken über die Identität sind höchst wichtig für die Bindung, aber auch für das Selbstverständnis des Mannes und die Beziehung zu seiner Partnerin oder seinem Partner; alles wichtige Faktoren, wie gut ein Mann den Übergang zum Vatersein bewältigt. Hier spielt die Fantasiekraft eine ganz entscheidende Rolle:
Bevor ich ein Kind hatte, träumte ich davon, dass ich mit meiner Kleinen in ihrem Zimmer bin, weil sie ein bisschen unruhig ist, und ich wiege sie in einem Schaukelstuhl. Bevor also mein kleines Mädchen angekommen ist, habe ich den Schaukelstuhl meiner Mutter geholt und ins Kinderzimmer gestellt. Als er da stand, war es wie: »Endlich! Ich sitze in einem Schaukelstuhl! Und halte ein Baby in den Armen!« So wie Menschen von der Hochzeit ganz in Weiß träumen, war das mein Traum, wie es sein würde, wenn ich ein Baby habe.
Adrian, Papa von Judy (sieben)
Schließlich hat noch ein äußerer Faktor erheblichen Einfluss auf die Bindung zu dem ungeborenen Kind, und das ist die Beziehung zur Partnerin oder dem Partner. Wenn die Beziehung zwischen werdenden Eltern stark und gut ist, mit einem hohen Grad an Zufriedenheit und gegenseitiger Unterstützung für die Rolle des jeweils anderen, entwickeln Väter stärkere Bindungen an ihre ungeborenen Kinder als die Väter, die eher Distanz zur Partnerin spüren. Offensichtlich ist es für jedes Paar schwierig, ein Baby in eine bestehende Beziehung zu integrieren, aber je mehr Gemeinsamkeit man auf diesem Weg empfindet, desto besser für die Familie.
Bei der Mehrheit der Väter wird mit dem Fortschreiten der Schwangerschaft die Bindung an das ungeborene Kind intensiver. Doch bei manchen Vätern klappt es mit der Bindung nicht so reibungslos. Manchen Männern wie Jim fehlt ein geeignetes Rollenvorbild als Vater, andere haben mit seelischen Problemen zu kämpfen, wieder andere erleben eine Krise in der Beziehung zur Mutter des Kindes.
Bevor mein Sohn geboren wurde, habe ich viel darüber nachgedacht, was ich für ihn sein soll, was meine Rolle ist. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich noch ganz klein war, deswegen war es für mich sehr hart, denn ich hatte wirklich kein Rollenmodell im Kopf, wie ein guter Vater ist […] Mein Vater war der fremde, lustige Kerl, der an den Wochenenden auftauchte, aber ich möchte mich um meinen Sohn kümmern und Zeit mit ihm verbringen. Anders als mein Vater, der nicht die Gelegenheit dazu hatte.
Jim, Papa von Sean (sechs Monate)
In Fällen wie diesen kann die Stärke der Bindung des Vaters an das ungeborene Kind ein Indiz für künftige Probleme in dieser Beziehung sein, die wiederum Auswirkungen auf die Gesellschaft insgesamt haben. Wie wir in Kapitel zehn sehen werden, hat die Beziehung des Vaters zu seinem Kind das Potenzial, einen starken Einfluss auf seine verhaltensmäßige, emotionale und psychische Entwicklung auszuüben, der anders ist als jeder Einfluss, den die Mutter haben kann. Wenn die Bindung stark ist, fördern Väter die seelische Gesundheit, ermutigen zu Unabhängigkeit und unterstützen die Verhaltens- und Sprachentwicklung. Aber wenn diese Bindung unzulänglich ist, können die Folgen nicht nur für das Kind und seine Familie negativ sein, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt. Kinder mit unsicheren Bindungen an ihre Eltern haben ein erhöhtes Risiko, antisoziale Verhaltensweisen oder eine Sucht zu entwickeln oder an seelischen Problemen zu leiden. John Condon hat in seinen Untersuchungen über die Bindung vor der Geburt herausgefunden, dass neben der Qualität der Beziehung zwischen Mama und Papa die Bindung des Vaters an sein Kind der stärkste Prädikator dafür ist, ob er nach der Geburt eine gute Beziehung zu seinem Kind aufbauen wird. Das ist eine ungeheuer wichtige Erkenntnis, denn sie bedeutet, dass wir ein Instrument haben, das uns erlaubt, schon vor der Geburt Fälle zu identifizieren, die bei der Entwicklung der Beziehung Hilfe brauchen werden.
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Das vorgeburtliche Band zwischen Vater und Kind hängt wesentlich von der Vorstellungskraft des Vaters ab und ist harte Arbeit: sich das Kind und die künftige Beziehung ausmalen, Gelegenheiten suchen, um mit dem Kind im Mutterleib zu interagieren, und sich die Zeit nehmen, um zu überlegen, welche Art von Vater man sein will. Tim berichtet:
Ich hoffe, dass ich langsam beginne, eine Beziehung zu dem Baby aufzubauen […] Es ist schwer, es fühlt sich an, als ob du zu einem Ding sprichst, das keine Vorstellung hat, wer du bist und was du tust. Aber ich spreche ziemlich viel mit ihm, ich fasse es auch viel an. Es gefällt mir, einbezogen zu sein, wenn ich da bin. Vor ein paar Tagen haben wir High Five gemacht, ich habe es getätschelt, und es hat zurückgetätschelt […] Vielleicht hatte es auch bloß Schluckauf, aber es war toll, einfach großartig.
Tim, werdender Papa
Wir wissen, dass die neurochemischen Botenstoffe, die für Schwangerschaft und Geburt stehen – Oxytocin und Dopamin – auch der Vater hat, aber in viel geringerer Konzentration als die Mutter und nach viel mehr Zeit und Einsatz (ganz abgesehen von der Geburt!). Aber die Evolution speist die Väter nicht mit einer Schwangerschaft nur in der Fantasie ab – sie hat noch einen wunderbaren Trick im Ärmel, um Männern beim Übergang in die Vaterrolle zu helfen.
Viele sagen, Testosteron sei das Hormon, das einen Mann zum Mann macht. Wenn es zwischen der sechsten und zwölften Schwangerschaftswoche im Mutterleib freigesetzt wird, entwickeln sich bei einem männlichen Fötus Penis und Hoden, und überdies hat es Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns. Nach der Geburt, so heißt es, würden das Testosteron und sein Einfluss auf die Gehirnentwicklung und das Verhalten dafür sorgen, dass kleine Jungen sich männliche Spielzeuge aussuchen und jeder Stock für sie zu einem Schwert oder Gewehr wird. In der Pubertät ist Testosteron für die Verteilung von Fett und Muskelgewebe und die Entwicklung der Knochen zuständig; Kiefer, Schultern und Brustkorb werden breiter, auf der Brust, im Gesicht und im Genitalbereich wachsen Haare. Und Testosteron entscheidet, wie gut ein Mann als Liebhaber und Vater sein wird.
Lange galt, dass Männer mit einem höheren Testosteronspiegel als Partner erfolgreicher und attraktiver sind. Das könnte mit zwei Dingen zusammenhängen: einer durch Testosteron gesteuerten höheren Motivation, nach Frauen Ausschau zu halten, und einer Präferenz der Frauen für Partner mit breiten Kiefern und Brustkörben – die bessere Beschützer und Ernährer sind. Doch wenn ein Mann sich entscheidet, bei einer Frau zu bleiben und eine Familie zu gründen, wird der hohe Testosteronspiegel, der früher ein Vorteil war, hinderlich. Während er versucht, sich auf seine neue Rolle als hingebungsvoller Partner und Vater zu konzentrieren, drängen ihn seine Hormone, sich weiterhin nach anderen Partnerinnen umzusehen. Für Nachwuchs, der auf seine Fürsorge angewiesen ist, wäre das schädlich. Diese Konstellation ist als »Herausforderungshypothese« bekannt, und eine Herausforderung ist es in der Tat. Aufgestellt hat die Hypothese der britische Zoologe John Wingfield; dabei geht es um die schwierige Frage, wie ein Mann die Anforderung, ein erfolgreicher Liebhaber zu sein, bevor er Kinder hat, mit der Herausforderung, anschließend ein erfolgreicher Vater zu sein, ausbalancieren kann. Und wie lautet die Antwort? Das Testosteron muss weichen.
Und es weicht tatsächlich. In so unterschiedlichen kulturellen Umfeldern wie bei polygynen senegalesischen Ackerbauern, Israelis der Mittelschicht, sehr aktiven philippinischen Vätern, Kanadiern der Mittelschicht, jamaikanischen Vätern, die nicht mit den Müttern ihrer Kinder zusammenleben, und in meiner Gruppe englischer Papas haben Väter signifikant niedrigere Testosteronspiegel als Nichtväter, unabhängig davon, ob sie mit ihren Kindern zusammenleben oder nicht. Und wir wissen, dass Männer mit niedrigeren Testosteronspiegeln stärker auf das Weinen eines Kindes reagieren, eher aktiv an der Erziehung ihres Kindes mitwirken wollen und mehr Empathie und Zuneigung gegenüber ihren Kindern an den Tag legen als Männer mit höheren Testosteronspiegeln. Testosteron hat einen großen Anteil daran, dass Männer sich in ihrem Verhalten als Väter unterscheiden. In Kapitel sechs werden wir das genauer untersuchen. Aber die Frage taucht auf: Werden generell Männer mit niedrigerem Testosteronspiegel Väter, und haben deshalb weltweit Väter niedrigere Testosteronspiegel als Männer ohne Kinder, oder senkt die Vaterschaft irgendwie den Testosteronspiegel?
Lee Gettler von der Northwestern University in Illinois hat die Antwort auf diese Frage. In einer bahnbrechenden Studie über fünf Jahre hinweg beobachteten Gettler und sein Team eine Gruppe philippinischer Männer, wie sie Beziehungen eingingen und Väter wurden. Sie sahen die Männer zum ersten Mal, als sie noch alleinstehend waren, und maßen ihren Basistestosteronspiegel. Fünf Jahre später besuchten sie die Männer erneut. Von den 624 Männern, die sie ursprünglich getestet hatten, waren 162 in den fünf Jahren zum ersten Mal Vater geworden. Diese 162 Männer hatten zu Beginn der Untersuchung die höchsten Testosteronspiegel aufgewiesen, fünf Jahre später hatten sie nun die niedrigsten Werte. Die Männer, die allein geblieben waren, und die Männer, die eine Partnerin gefunden hatten, aber nicht Vater geworden waren, zeigten keine signifikante Veränderung des Testosteronspiegels. Gettler hatte seine Antwort. Männer mit höherem Testosteronspiegel sind tatsächlich erfolgreicher bei der Partnersuche, und sie erleben den stärksten Einbruch des Testosteronspiegels, wenn sie Vater werden. Durch die Vaterschaft sinkt der Testosteronspiegel, und wie es aussieht, steigt er zwar einige Wochen nach der Geburt des Kindes wieder an, erreicht aber nie mehr das Niveau wie in der Zeit, als der Mann noch nicht Vater war. Die Evolution hat einen Mechanismus selektiert, der Männer in die Lage versetzt, die widerstreitenden Anforderungen an alleinstehende Männer und hingebungsvolle Väter auszusöhnen.
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Hm, ich denke, ich habe mich verändert. Ich hoffe es. Ich habe gelernt, bei vielen Dingen ruhiger zu sein. Es gibt jetzt deutlicher ein Ziel in meinem Leben. Ich bin viel glücklicher. Ich meine, in der Theorie müssten wir eher die Einstellung haben: »Mein Gott, was haben wir nur gemacht?«, weil es mit drei von der Sorte schon ziemlich hart ist, aber wir hatten echt Glück.
Matt, Papa von Tom (sieben), Sam (drei) und James (sieben Monate)
Ich beginne meine Untersuchungen mit neuen Vätern immer in der Schwangerschaft, und eine meiner ersten Fragen lautet, wie es sich ihrer Meinung nach auf ihr Leben auswirken wird, ein Baby zu haben. Darüber haben sie sich im Allgemeinen schon einige Gedanken gemacht, und die Mehrheit schätzt durchaus ganz realistisch ein, dass die neue Situation größere Veränderungen mit sich bringen wird. Viele sehen die Folgen für ihr Leben zu Hause und ihre Kontakte; die Abläufe des Alltags werden sich ändern, weshalb sich auch die Beziehung zur Partnerin oder dem Partner ändert, und auf die Familie kommt eine zusätzliche finanzielle Belastung zu.
Aber für manche Männer wie Colin ist die Frage mit Angst verbunden, ob sie der Aufgabe gewachsen sein werden, ob sie überhaupt die notwendigen Voraussetzungen mitbringen.
Ich glaube, Vorbild zu sein ängstigt mich, weil ich immer erfolgreich sein wollte, und die Menschen um mich herum – Familie und Freunde – sollten mich als erfolgreich ansehen, und auch [meine Tochter] soll mich so sehen. Ich möchte nicht als Versager dastehen, und ich möchte kein Versager bei der Erziehung meiner Tochter sein. Ich möchte sicher sein können, dass ich meine Sache mit ihr gut mache, und die Menschen sollen sehen, dass ich es gut gemacht habe.
Colin, Papa von Freya (sechs Monate)
In einer der ersten Untersuchungen dieser Art begleitete die Soziologin Tina Miller von der Oxford Brookes University eine Gruppe junger Väter bei ihrem Übergang in die Vaterrolle. Eine ihrer Versuchspersonen machte sich Gedanken darüber, wie man feststellt, ob man als Papa geeignet ist: »Für einen Job wird man nach Fähigkeiten und Charakter ausgewählt […] Vater kann man ganz leicht werden, es macht Angst, wie leicht es ist […] Wie weiß ich, ob ich es kann? Werde ich der Aufgabe gewachsen sein? Ich habe keine Ahnung.« Aber nach meinen Erfahrungen mit frischgebackenen Vätern verschwinden solche Gedanken auch schnell wieder. Sie sind weniger ein Grund zu anhaltender Sorge, sondern eher eine Chance, sich neu zu definieren, eine neue Rolle, Identität oder Perspektive zu übernehmen. Viele Väter in meinen Untersuchungen sagten, die Vaterschaft motiviere sie, »sich ins Zeug zu legen«, sei ein Antrieb, besser zu werden, um ein gutes Vorbild für ihr Kind abzugeben, auch wenn sie mit ihrem Wunsch nach Perfektion manchmal hinter den hohen Standards zurückblieben, die sie sich selbst gesetzt hatten. Der selbst verordnete Druck hat zwar seine Schattenseiten, aber ihnen steht der Zuwachs an Selbstachtung und Selbstvertrauen gegenüber, den die Vaterschaft für einen Mann bedeuten kann. Ich kann mit Überzeugung sagen, dass es sich für die große Mehrheit der Väter so anfühlt, als hätten sie endlich ihre Berufung gefunden.
Selbst Männer, bei denen wir erwarten, dass der Eintritt in die Vaterrolle für sie schwierig sein könnte – zum Beispiel sehr junge Väter oder Väter ohne geeignetes Rollenvorbild –, stellen unter Umständen fest, dass die Vaterschaft ihnen ermöglicht, das Stereotyp des autoritären oder abwesenden Vaters zu überwinden, oder dem Beispiel, das ihr Vater für sie war oder nicht war, den Rücken zu kehren und sich stattdessen einem anderen Modell zuzuwenden, sich damit selbst neu zu erfinden und ihrer Vergangenheit zu entfliehen.
In den letzten Jahren haben Soziologen und Sozialanthropologen, die sich mit einzelnen Gesellschaften und Kulturen befassen, begonnen, die negativen Schlagzeilen zu hinterfragen, die behaupten, alle jungen Väter seien verantwortungslos und bequem. Die Forscher untersuchen, ob es auch positive Geschichten über junge Väter gibt, ein Vorhaben, das ich uneingeschränkt unterstütze. Dabei haben sie festgestellt, dass einige junge Väter tatsächlich das Narrativ des gleichgültigen oder abwesenden Teenager-Vaters auf den Kopf stellen und Rettung und Verwandlung in ihrer Vaterrolle finden. Väter, die früher geglaubt hatten, sie müssten dem Image des harten Kerls entsprechen, das in ihren Gesellschaften propagiert wurde, nutzen jetzt die Möglichkeiten des neuen Vaterbilds und wenden sich von dem alten ab. Zum Beispiel haben Bevölkerungswissenschaftler von der London School of Hygiene and Tropical Medicine und von der University Kwa-Zulu Natal beobachtet, dass in Südafrika, wo zum Bild des Mannes bei der schwarzen Bevölkerungsgruppe vor allem Dominanz, Unterdrückung und Abwesenheit gehören, junge schwarze Väter eine neue Idee von Vaterschaft vertreten, die Affären, Drogen und leichtsinnige Geldausgaben ablehnt und an ihre Stelle den Wunsch setzt, Geld für die Familie zu verdienen, sie zu beschützen und für sie zu sorgen. In Amerika hat die Geburtshelferin Dr. Jenny Foster von der University of Massachusetts herausgefunden, dass junge puertorikanische Väter sich gegen ein Leben in der Unterwelt der Gangs – mit dem Risiko, ins Gefängnis zu kommen oder früh zu sterben – aussprachen, weil sie sich vorstellten, was ihre Kinder dazu sagen würden. Sie wollten für ihre Kinder da sein, sich um sie kümmern und sie beschützen und das so wichtige Rollenmodell sein. Bei diesen jungen Vätern revolutionierte die Vaterschaft im wahrsten Sinn des Wortes ihr Leben und ihre Zukunft. Aus Bandenmitgliedern wurden involvierte Väter.
Aber vielleicht am stärksten ist die Veränderung der Identität bei schwulen Vätern wie Simon:
Für jemanden, der in der Zeit als Schwuler aufgewachsen ist, in der ich aufgewachsen bin, war [Vater werden] niemals eine Option, und es war wirklich hart, das zu realisieren. Ich würde nie Vater sein und nie Kinder haben. Und scheinbar fand ich mich damit ab. Bis in meine Zwanziger war das auch vollkommen in Ordnung. So war es nun einmal. Aber die Welt hat sich verändert […] Und dann lernten wir uns kennen und waren schnell ein Paar [und] alles fühlte sich richtig an. Wir haben in vielerlei Hinsicht Glück. Ein schönes Haus und Geld […] Deshalb passte es einfach, dass wir in der Lage sein würden, Väter zu sein.
Simon, Papa von Daisy (sechs) und Bill (fünf)
Bis vor sehr kurzer Zeit war es für die Mehrheit der schwulen Männer unerreichbar, Vater zu werden. Die Einstellung der Gesellschaft zur Adoption durch Schwule und der eingeschränkte Zugang zu künstlicher Befruchtung, dazu der Irrglaube, Kinder würden am besten in einer heterosexuellen Kleinfamilie aufwachsen, bedeuteten für viele Männer, dass sie sich damit abfinden mussten, niemals Vater zu werden, wenn sie ihre Sexualität lebten. Doch in manchen Ländern haben sich die Einstellungen inzwischen geändert, und Hürden wurden abgebaut, sodass Vatersein für schwule Männer mittlerweile eine echte Option ist. Nachdem sie sich von der väterlichen Identität bereits verabschiedet haben, müssen sie sie wieder hervorholen, abstauben und annehmen. Adrians Weg ist typisch:
Ich wollte immer Kinder. Ich erinnere mich, dass ich mit vierzehn oder fünfzehn meinem Freund erzählt habe, dass ich schwul bin [und dass] das größte Problem für mich dabei war: »Schwule Menschen bekommen keine Kinder.« Das hing immer wie eine große schwarze Wolke über mir. Und dann wurde ich älter und erkannte, dass es tatsächlich die Möglichkeit gibt. Ich hatte immer einen sehr starken Drang, Vater zu werden. Ich denke […] am Anfang war es ein bisschen der Gedanke: »Ich kann die Welt nicht verlassen, ohne dass ein Teil von mir bleibt! Ich kann nicht einfach aussterben!« Aber das spielt jetzt gar keine Rolle mehr.
Adrian, Papa von Judy (sieben)
Für die schwulen Väter, mit denen ich gearbeitet habe, war es manchmal schwierig, eine »Papa«-Identität anzunehmen, weil es so wenige Beispiele oder Rollenmodelle für schwule Väter gibt, denen sie hätten folgen können, und weil viele Probleme damit haben, ihre Identität mit der Figur des eindeutig heterosexuellen Vaters in Einklang zu bringen. Hinzu kommt noch, dass die Ankündigung eines schwulen Mannes, er werde Vater, nicht unbedingt Begeisterungsstürme auslöst, wie sie heterosexuelle Paare erwarten können.
Aber der schwule Vater hat im Vergleich zum heterosexuellen bei Identitätsfragen einen großen Vorteil: Seine Rolle wird weniger durch das Geschlecht bestimmt. In der heterosexuellen Beziehung ist gesellschaftlich festgelegt, dass es eine Mutter und einen Vater gibt und dass diese Rolle und alle damit verbundenen Aspekte durch das Geschlecht definiert werden. In einer schwulen Elternbeziehung sind die Grenzen zwischen den Rollen hingegen fließender, nicht das Geschlecht gibt den Ausschlag, sondern wer welche Rolle übernimmt, kann danach entschieden werden, wer was gut kann oder gern tut. In Großbritannien gibt es bislang nur sehr wenige schwule Väter, und diejenigen, mit denen ich Interviews geführt habe, nutzen diese Flexibilität, um ihre Rollen zu entwickeln. Für Simon und seinen Ehemann Calum hat das bedeutet, einem traditionellen heterosexuellen Modell zu folgen, bei dem Calum als Hauptverdiener in Vollzeit arbeitet und Simon mit Begeisterung die »Mutterrolle«, wie er sagt, übernommen hat:
Ich fühle mich – natürlich hat alles mit Kultur und Geschlechterrollen und so zu tun –, aber ich fühle mich wirklich als Mutter, weil ich zu Hause bin. Ich hole sie ab, und in der Nacht kommen sie zu mir. Ich bin normalerweise für Essen und Trösten und für all die kleinen Dinge zuständig. Ich fühle mich als Mama.
Simon, Papa von Daisy (sechs) und Bill (fünf)
Adrian und Noah hingegen schöpfen die Freiheit ihrer nicht durch Geschlechterrollen bestimmten Situation aus, um wirklich gleichberechtigte Elternteile zu sein, unabhängig von kulturellen Normen hinsichtlich der Arbeitsteilung oder der Propagierung der Mutter als wichtigste Bezugsperson.
Wie haben den ganzen Prozess gemeinsam durchlaufen. Wir haben sie zu uns geholt […] und wir haben uns als Familie eingerichtet. Wir haben gemeinsam das Baby kennengelernt. Es war nicht so: »Also, du hast schon neun Monate lang mit ihr im Bauch eine Verbindung zu ihr hergestellt, und ich fühle mich ein bisschen außen vor.«
Adrian, Papa von Judy (sieben)
Für den modernen schwulen Vater in der westlichen Kultur kann es die Flexibilität, die die neue schwule Elternrolle erfordert, sehr viel leichter machen, ein involvierter Papa zu sein. Ohne die Last von Jahrhunderten Kultur und Tradition können schwule Väter ihre Rolle ganz neu definieren.
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Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass die Vaterschaft einen Mann verändert. Aber diese Veränderungen beginnen, lange bevor er sein neugeborenes Kind im Arm hält. Die Evolution hat dafür gesorgt, dass sich mit fortschreitender Schwangerschaft der Hormonspiegel des werdenden Vaters dem der werdenden Mutter angleicht und auch ihre Persönlichkeiten sich ähnlicher werden. Wenn der werdende Vater den Bauch seiner Partnerin streichelt, mit dem Ungeborenen spricht und ihm etwas vorsingt, wirken die mächtigen Bindungshormone Oxytocin und Dopamin und bringen ihn dazu, eine Form der Bindung an sein ungeborenes Kind zu entwickeln – erleichtert wird das noch durch die Kraft seiner Fantasie. Kurz vor der Geburt sinkt sein Testosteronspiegel, und die Persönlichkeit verändert sich. Der Drang, extravertiert zu sein, außerhalb der Familie nach Reizen zu suchen, nimmt ab, und die Offenheit für neue Erfahrungen und enge soziale Interaktionen nimmt zu. Der Mann wird auf die Vaterschaft vorbereitet und bildet dazu ein Team mit dem anderen Elternteil. Das Team entwickelt gemeinsame Ziele und eine gemeinsame Vorstellung, wie sie als Familie sein wollen. Alles dient der Vorbereitung auf die Vaterrolle.
Für Sie als Leser bedeuten all diese wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Praxis: Statt die neun Monate Schwangerschaft abzusitzen, sollten Sie darin eine Chance sehen und sie ergreifen. Für die Arbeit, die Sie jetzt investieren, um eine Bindung zu Ihrem Baby aufzubauen, werden Sie tausendfach entschädigt, wenn das Baby auf der Welt ist. So merkwürdig es sich auch anfühlen mag, versuchen Sie, mit dem schwangeren Bauch zu sprechen, reden Sie, singen Sie, berühren Sie ihn. Lesen Sie ihm die gesammelten Werke von Chaucer vor, wenn Sie Chaucer lieben, einfach damit das Ungeborene Ihre Stimme hört. Versuchen Sie sich vorzustellen, wer da drinnen ist. Wie wird es sein, wem wird es ähnlich sehen? Was werden Sie gemeinsam unternehmen, und welche Art Vater werden Sie sein? Nehmen Sie sich die Zeit für ein Gespräch, das nicht von einem schreienden Neugeborenen unterbrochen wird, mit Ihrer Partnerin (oder Ihrem Partner), Ihrer Familie und Freunden, wie das Leben nach der Ankunft des Babys sein wird und wie Sie da hineinpassen. Es ist normal, dass Sie sich über die bevorstehenden Veränderungen Sorgen machen, aber wenn aus den Sorgen Angst wird, sollten Sie mit den Menschen in Ihrer engsten Umgebung darüber sprechen oder mit professionellen Experten, die dafür da sind, um Sie zu unterstützen, oder in einem Online-Forum anonym Hilfe suchen. Am Ende des Buchs finden Sie eine Liste mit hilfreichen Links. Denken Sie daran, dass Sie auf sich achten müssen, damit Sie sich, wenn das Baby da ist, ganz Ihrer neuen Rolle, Ihrer neuen Familie und Ihrem neuen Leben widmen können.
KAPITEL DREI
WARUM VATERSEIN SO WICHTIG IST
Es geht nicht nur um Biologie
Die Nāyar sind eine hohe Kaste im indischen Bundesstaat Kerala. Bei ihnen ist es üblich, dass ein Mädchen vor der Pubertät mit einem älteren Mann derselben oder einer höheren Kaste verheiratet wird, und dann wird die Ehe schnell wieder geschieden. Sobald das Mädchen das gebärfähige Alter erreicht hat, nimmt es sich eine Reihe von Liebhabern, alle könnten die biologischen Väter ihrer Kinder sein. Während das Mädchen diese Männer als »besuchende Ehemänner« bezeichnet, ist die Beziehung für die Männer in etwa so wie zwischen Konkubine und Kunde. Dementsprechend übernehmen sie keinerlei Verantwortung für ihren Nachwuchs. Damit die Kinder als legitim gelten, werden sie von der Familie als Kinder des Ex-Mannes angesehen. Doch da der sich schon lange aus dem Staub gemacht hat, springt ein männlicher Verwandter – in der Regel der Bruder der Mutter – als »sozialer Vater« ein und erfüllt die Rolle des Lehrers und Beschützers. Wie lässt sich dieses – für westliche Begriffe sehr ungewöhnliche – Arrangement erklären?
Die Nāyar sind matrilinear. Das heißt, Macht und Besitz werden über die mütterliche Linie weitergegeben, allerdings über die männlichen Angehörigen der mütterlichen Linie. Weil die Nāyar eine hohe Kaste sind, achten sie darauf, dass ihre Position nicht dadurch geschwächt wird, dass Reichtum und Macht über die Familie des biologischen Vaters zu einer anderen Linie abfließen. Deshalb hat ihre Gesellschaft dieses wunderbare System ersonnen, das dafür sorgt, dass der biologische Vater seine Gene beisteuert und dann wieder verschwindet, und dass alle Kinder – die für die Familie wegen künftiger Mitgiften und als Arbeitskräfte wertvoll sind – unter der Kontrolle der mütterlichen Linie bleiben, aber trotzdem einen starken Vater in ihrem Leben haben.
Väter haben in allen menschlichen Kulturen große Bedeutung. Damit meine ich nicht ihre Rolle bei der Fortpflanzung – man muss nicht erst ein Buch lesen, um zu erfahren, dass sie für die Schaffung menschlichen Lebens wichtig sind –, sondern ihre Rolle in der Familie und der Gesellschaft insgesamt. Wir Menschen im Westen messen dem biologischen Vater einen hohen Stellenwert zu und finden es schwer nachvollziehbar, wenn ein anderer diese Aufgabe ausfüllt. Doch im Gegensatz zu den Müttern, deren Rolle durch die Zwänge der Biologie weitgehend festgelegt ist – sie tragen das unreife Kind aus und stillen es vielleicht auch –, ist die Identität der Person, die am besten geeignet ist, in die Vaterrolle zu schlüpfen, sehr viel unbestimmter. Das bedeutet, dass in vielen Gesellschaften die Vaterrolle nicht automatisch mit biologischer Verwandtschaft verknüpft und auch nicht unbedingt auf einen Mann beschränkt ist. Vielfältige Einflüsse aus Geschichte, Ideologie, Kultur und Recht vermischen sich mit dem evolutionären Imperativ, das Überleben der eigenen Gene zu sichern, und das alles zusammen definiert, wer der Vater ist. Als Folge dieser ziemlich komplizierten Kombination von Faktoren ist die Vaterrolle rund um den Globus wunderbar vielfältig.
In diesem Kapitel unternehme ich eine Reise zu den Vätern der Welt, um herauszufinden, wer den begehrten Titel »Papa« bekommt. Man kann natürlich fragen, warum uns im Westen das Leben von Vätern irgendwo auf der Welt interessieren sollte. Sollten wir unsere Zeit nicht besser darauf verwenden, uns um die Hausarbeit zu kümmern, den Kühlschrank zu putzen oder Filme anzuschauen, statt uns mit den Erfahrungen von männlichen Mitgliedern eines Stammes in einer abgelegenen Ecke des Kongo zu beschäftigen? Ich kann allen Lesern versichern, dass es gut investierte Zeit ist. Die Väter aus anderen Weltgegenden sollten uns aus zwei Gründen interessieren. Erstens ist Vaterschaft im Westen nicht das monolithische Verhalten, für das wir sie ursprünglich hielten. Ja, wir haben die Botschaft von der Kernfamilie aufgesogen und betrachten sie mittlerweile als Norm, aber es hat schon immer bedeutsame Ausnahmen von der Norm gegeben – denken wir nur an Stief- und Adoptivfamilien. Je liberaler die Gesellschaften wurden und je ausgefeilter die Techniken der künstlichen Befruchtung, desto vielfältiger wurde die Schar derer, die auf die Bezeichnung »Papa« reagieren. Deshalb können uns Väter aus anderen Kulturen viel zu Einstellung und Verhalten lehren. Zweitens geht es um Bestätigung. In vielen Kulturen würde unsere Fixierung auf biologische Verwandtschaft erhebliche Verwirrung stiften. In diesen Gesellschaften ist Papa der Typ, der kommt und die Sache regelt, und ob er eine genetische Verbindung zu dem Kind hat, ist nicht wirklich wichtig. Wenn jemand die Rolle des Vaters ausfüllt, dann ist er der Vater und bekommt die Anerkennung der Gesellschaft. Ich hoffe, dass für die wachsende Zahl von Männern, die keine biologische Verbindung zu ihrem Kind haben, diese Lehren von anderen »sozialen« Vätern hilfreich sind.
In den Jahrtausenden, die vergangen sind, seit die ersten menschlichen Väter in Erscheinung traten, mussten unsere Vorfahren mit vielen Veränderungen in ihrer Umwelt und ihrem Schicksal fertigwerden, die ihr Überleben bedrohten. Sie kämpften mit Säbelzahntigern, ertrugen extreme Temperaturschwankungen, als Eiszeiten den Globus erstarren ließen, wanderten durch unerforschte und unwirtliche Regionen und rangen mit konkurrierenden Arten von Hominini um die Vorherrschaft. All das übte enormen Druck auf urzeitliche Eltern aus, die versuchten, ihre Kinder vor diesen neuen Bedrohungen durch Klima, Raubtiere und eine feindliche Umwelt zu beschützen. Unsere Vorfahren überlebten, und die menschliche Spezies hatte Erfolg, weil wir in der Lage waren, durch Anpassung unseres Verhaltens, unserer Kultur und, einzigartig für den Menschen, unserer Umwelt auf diese Bedrohungen zu reagieren. Tatsächlich machen wir das bis heute so, und weil die Mutter durch die kräftezehrenden Vorgänge von Schwangerschaft und Geburt eingeschränkt ist, muss sich das Verhalten des Vaters schnell verändern, um eine Antwort auf diese Herausforderungen zu geben und das Überleben seiner Familie zu sichern. Zeitweise kann das bedeuten, dass die beste Wahl als »Papa« nicht unbedingt der Mann ist, der das Kind gezeugt hat.
Nehmen wir einen westlichen Vater, der heute in Großbritannien, auf dem europäischen Kontinent oder in Nordamerika lebt. Typischerweise wird er sich so viel wie möglich mit seinen Kindern beschäftigen wollen und strebt nach der Rolle eines gleichberechtigten Elternteils. Er will da sein, um zusammen mit seiner Partnerin die Kinder zu unterstützen, ihnen etwas beizubringen, ihren Unterhalt zu sichern und praktisch für sie zu sorgen. Aber warum hat er diese Rolle gewählt? Vielleicht hat er sie aus persönlichen Gründen übernommen, weil er nicht so distanziert sein will, wie sein eigener Vater es war. Oder die permanente mediale Berichterstattung über Promi-Väter hat ihn beeinflusst – die David Beckhams und Brad Pitts dieser Welt scheinen in der Lage zu sein, großen beruflichen Erfolg, das Aussehen von Models und tadellose Vaterqualitäten miteinander zu verbinden. Man kann sicher sagen, dass diese Entwicklung hin zu einer gleichberechtigten Elternrolle teilweise mit einer Veränderung in der gesellschaftlichen Einstellung zur Vaterschaft zusammenhängt, herbeigeführt durch die wachsende Einsicht, dass Väter entscheidend für die Entwicklung ihrer Kinder sind. Aber das ist längst nicht alles. Colins Erfahrung gibt einen wichtigen Hinweis:
Ich hatte zwei Wochen Vaterschaftsurlaub, und ich denke, es sollte sehr viel mehr sein, denn nach zwei Wochen ist es nicht vorbei. Deine Partnerin braucht immer noch deine Hilfe, dein Baby braucht auch deine Hilfe, deshalb denke ich, Männer sollten länger Vaterschaftsurlaub haben. […] Weil Julie einen Liquorverlust hatte, erlebten wir eine schwierige Situation, und ich war zwei Wochen mittendrin, denn sie konnte nicht viel machen, also habe ich alles gemacht. Und dann musste ich zurück zur Arbeit, und sie musste alles machen und ich dachte die ganze Zeit: »Wo ist mein Kind?« Ich hatte mich so daran gewöhnt, alles zu machen, und jetzt war sie nicht da.
Colin, Papa von Freya (sechs Monate)
Als meine Mutter mich in den 1970er-Jahren zur Welt brachte, war es üblich, dass die Mutter nach der Geburt mindestens eine Woche im Krankenhaus blieb, auch wenn die Geburt ganz unkompliziert verlaufen war. Viele Hebammen im Verhältnis zur Zahl der Mütter bedeuteten, dass sie reichlich Unterstützung bekam, um zu lernen, wie sie stillte und das Neugeborene versorgte. Ihr Baby wurde jeden Abend auf die Säuglingsstation gebracht, sodass die Mutter schlafen und Kräfte sammeln konnte, bevor sie nach Hause zurückkehrte. Heute sieht es ganz anders aus. In Großbritannien werden nach einer unkomplizierten Geburt Mutter und Kind oft noch am selben Tag wieder entlassen. Es gibt keine sanfte Einführung in die Mutterschaft. Weil viele von uns wegen ihrer Arbeit umziehen müssen, leben wir nicht mehr in der Nähe unserer Eltern oder anderer Familienmitglieder, was bedeutet, dass sie die Lücke nicht füllen können, die ohne die Betreuung durch eine Hebamme entsteht. In der Folge bleibt nur eine Person, die einspringen und bei der Betreuung des Babys helfen kann, während die Mutter sich von der Geburt erholt: der Papa. Hören Sie da ein Echo aus der Vergangenheit vor 500.000 Jahren? Wieder muss der Vater auf das Potenzial für Flexibilität vertrauen, das zu seiner Rolle gehört, um die Bedürfnisse seiner neuen Familie zu erfüllen, in die Bresche zu springen und dafür zu sorgen, dass sein Kind überlebt und gedeiht.
Das Überleben zu sichern ist tatsächlich das oberste Ziel aller Väter; wir werden noch darüber sprechen, wie das später im Leben des Kindes erreicht wird. Aber auf einer ganz grundlegenden Ebene ist es die Aufgabe von Eltern, sich vom Augenblick der Empfängnis an auf das Überleben ihrer Gene zu konzentrieren, menschliche Väter machen da keine Ausnahme. In westlichen Ländern ist im Allgemeinen der biologische Vater zur Stelle, wenn das Überleben auf dem Spiel steht, aber in anderen Ländern hat das Dilemma, dass der biologische Vater möglicherweise nicht lange genug lebt, um seine Kinder heranwachsen zu sehen, zu ganz anderen Lösungen dieses Problems geführt.
Mit den Aché im südamerikanischen Paraguay verbinden die Anthropologen hauptsächlich zwei Eigenschaften: Erstens sind sie eine sehr gewalttägige Gesellschaft und liegen praktisch dauernd im Streit mit ihren Nachbarn. Zweitens pflegen sie eine recht ungewöhnliche Form der Vaterschaft, die dazu führt, dass Kinder mehr als einen Vater haben. Diese in Südamerika verbreitete, aber in anderen Regionen der Welt unbekannte Methode, die Elternrolle wahrzunehmen, bedeutet, dass ein Kind nicht nur einen einzigen biologischen Vater hat, sondern dazu noch eine Reihe »sozialer« Väter. Ein sozialer Vater ist jemand, der die Rolle des Vaters mit allem, was dazugehört, im Leben eines Kindes übernimmt, aber nichts mit dem Zeugungsakt zu tun hat. Er kann genetisch verwandt sein – zum Beispiel als Bruder oder Onkel von Mutter oder Vater –, aber er ist nicht der biologische Vater. In der Gesellschaft der Aché werden Männer und Frauen ermuntert, promiskuitiv zu leben, und es kommt oft vor, dass eine Frau mit allen Brüdern einer Familie schläft und dazu noch mit vielen anderen Männern. Wichtig ist, dass die Aché sich die Empfängnis nicht als einzelnes Ereignis vorstellen, sondern als etwas, das sich über einen längeren Zeitraum erstreckt, bevor ein Kind geboren wird. Der biologische Vater ist für sie der Mann, der als Letzter Sex mit der Mutter hatte, bevor ihre Regel ausblieb – oder um den Zeitpunkt, als »das Blut zu fließen aufgehört hat«. Doch jeder Mann, der in dem Jahr vor der Geburt des Kindes Sex mit der Mutter hatte, gilt ebenfalls als Vater. Erwachsene in der Aché-Gesellschaft unterscheiden zwischen all diesen Männern und wissen, was Sache ist – es ist ungefähr so, wie den Überblick bei einer ziemlich komplizierten Daily Soap zu behalten –, aber wichtig ist, dass das Kind für sie alle denselben Begriff verwendet. Die Bezeichnungen für die verschiedenen Männer verweisen auf ihre Rolle im Prozess der Empfängnis: Der miare ist »der, der es reingeschoben hat« (bei uns der biologische Vater), der peroare ist der, »der es gemischt hat«, der momboare ist der, »der es ausgegossen hat«, und der bykuare ist der, »der seinen Stoff dazugegeben hat«. Die Zeugung ist wahrhaftig ein kollektiver Akt. Von dem Mann, der als der biologische Vater identifiziert ist (der miare), wird zunächst erwartet, dass er die Rolle des Hauptvaters übernimmt, die sich allerdings sehr von der Vaterrolle im Westen unterscheidet. Bei ihm liegt der Fokus nicht auf Versorgung und emotionaler Zuwendung wie beim modernen westlichen Vater. Stattdessen ist es die alles beherrschende Aufgabe dieses Vaters, zu verhindern, dass seine Familie bei einem der häufigen Überfälle anderer Stämme, die sein Dorf zerstören, getötet wird. Infolge dieser Rollenwahl geht er ein erhebliches Risiko ein, sein Leben zu verlieren und seine Kinder vaterlos zurückzulassen.
Die Sterblichkeitsrate der männlichen Aché ist erstaunlich hoch, und Kinder ohne Vater sind schutzlos einem hohen Risiko ausgesetzt, von angreifenden Stämmen umgebracht zu werden. Männliche Eroberer wollen die Last nicht tragen, das Kind eines anderen Mannes aufzuziehen, deshalb ist die Tötung von Kindern häufig. Vor dem Hintergrund dieser sehr realen Gefahr, dass das Kind getötet wird, wird verständlich, warum es mehr als einen Vater braucht. Wenn der erste Vater stirbt, springt der zweite oder soziale Vater ein, übernimmt dessen Rolle und beschützt die Kinder. Die Sozialanthropologinnen Kim Hill und Magdalena Hurtado, die viele Jahre bei den Aché gelebt haben, fanden bei ihren Forschungen heraus, dass Kinder mit Zweitvätern eine 85-prozentige Überlebenschance hatten gegenüber einer 70-prozentigen Chance von Kindern mit nur einem Vater. Das ist ein erheblicher Unterschied. Im Durchschnitt haben Kinder zwei Väter, aber es kommt auch vor, dass ein einzelnes Kind zehn Väter hat. Die Aché sind nicht aus ideologischen Gründen Anhänger der freien Liebe, sondern praktizieren Promiskuität als pragmatische Überlebenstaktik. Durch die Vermischung der Vaterschaft werden die Männer ermuntert, die Kinder des Stammes zu schützen, weil jeder der biologische Vater sein könnte. Und der Mann, bei dem die Wahrscheinlichkeit am größten ist, dass er der wahre biologische Vater ist, akzeptiert, seine Partnerin mit vielen Männern zu teilen – ein Akt, der offensichtlich in direktem Gegensatz zu dem evolutionären Drang steht, die Vaterschaft sicherzustellen –, weil das in einer kriegerischen Welt die beste Überlebenschance für seine Gene darstellt.
Insofern ist der biologische Vater nur eine mögliche Lösung dafür, dass ein Kind einen Vater in seinem Leben braucht. Nicht viele Gesellschaften folgen dem Beispiel der Aché und preisen die Vorzüge vieler Väter, aber etliche gehen davon aus, dass der einzige Vater eines Kindes genauso gut ein sozialer wie der biologische Vater sein kann. In diesen Gesellschaften und in vielen ähnlichen wird der biologische Vater – freiwillig oder gezwungenermaßen – beiseitetreten, weil es dem Wohl seines Kindes und damit letztlich seiner Gene dient. Die biologischen Väter vom Stamm der Nāyar akzeptieren, dass ihre Rolle jemand anderem übertragen wird, weil sie wissen, dass ihre Kinder in dieser stark matrilinearen Gesellschaft in der mütterlichen Familie eine bessere Chance auf Überleben und Erfolg haben als in ihrer eigenen. Sie verzichten auf die Chance, am Leben ihrer Kinder Anteil zu nehmen, und überlassen diese Rolle den Onkeln der Kinder mütterlicherseits, weil sie wissen, dass die Kinder dadurch Zugang zu allen notwendigen finanziellen und politischen Ressourcen haben, die sie brauchen, um in der stark hierarchischen Welt einer Stammesgesellschaft Erfolg zu haben.
Zum Umgang der Nāyar und der Aché mit der Vaterrolle gehört auch der Gedanke, dass ein Vater für ein Kind im Lauf seines Lebens viele Dinge und viele Personen sein kann. Wichtig ist letztlich nicht die biologische Verwandtschaft, sondern das Vorhandensein einer Vaterfigur, die das Überleben des Kindes sicherstellt. Aber derartige Praktiken sind nicht das alleinige Vorrecht weit entfernt lebender Stämme.
Einen sozialen Vater finden wir mit genauso großer Wahrscheinlichkeit im Westen wie in den Wäldern von Paraguay oder den Weiten von Indien – wir nennen ihn nur anders. Wenn man ein südafrikanisches Kind bittet, etwas über seinen Vater zu sagen, wird schnell deutlich, dass es zwar davon spricht, dass der Vater da ist, sich kümmert, dass aber nicht unbedingt der biologische Vater gemeint ist. Kopano Ratele, Tamara Shefer und Lindsay Clowes von der University of the Western Cape schreiben in ihrer Untersuchung über schwarze Väter in Südafrika, erwachsene Kinder hätten ein klares Bild, wer ein Vater sei, aber dazu gehöre nicht unbedingt die biologische Verwandtschaft oder das westliche Konzept der Kernfamilie. Die erweiterte Familie ist der Schlüssel. Traditionell sind biologische Väter in der Mehrheit der Fälle über lange Zeiten abwesend, weil sie ihre Aufgabe als Hauptverdiener der Familie erfüllen; für Versorgung und Erziehung des Kindes und die Aufgabe, Vorbild und Lehrer zu sein, sind die Großväter, die Onkel und die männlichen Mitglieder der Gemeinschaft zuständig. Das ist nicht die kurzfristige Lösung für einen vorübergehenden Mangel an Arbeitsplätzen, sondern die Norm – wenn die heutigen Väter selbst Großväter werden, werden sie ihren Söhnen bei der Erziehung der Enkelkinder helfen. Für die Kinder gilt ein solches Arrangement oft als Idealzustand – sie haben die Unterstützung einer ganzen Schar von Beteiligten, deren Wichtigkeit je nach den sich wandelnden Bedürfnissen des Kindes zu- oder abnimmt. Für viele ist das ein Vorteil gegenüber der Abhängigkeit von einem einzigen biologischen Vater, weil unterschiedliche Väter unterschiedliche Fähigkeiten mitbringen. In letzter Zeit wurde viel über die Krise der Familie in Südafrika geschrieben, eine Krise, die nach verbreiteter Meinung durch die Abwesenheit der biologischen Väter mit verursacht wird. Aber Ratele und seine Kolleginnen zeigen, dass wir uns nur von unserer eingeengten Vorstellung von Vaterschaft und Familie verabschieden müssen, um zu erkennen, dass viele südafrikanische Kinder einen anwesenden Vater haben. Sie haben sogar ein ganzes Team von Vätern.
In vielen Fällen sind solche Arrangements, die sich von der Kernfamilie unterscheiden, wie wir sie in nichtwestlichen, erst kurz industrialisierten Gesellschaften finden, jahrhundertealt. Für uns sind sie interessant, gerade weil sie in deutlichem Kontrast zu unserer Konzentration auf die biologische Elternschaft in der westlichen Welt stehen. Heute kann ein Vater in Großbritannien aus mehreren Gründen nicht genetisch mit seinem Kind verwandt sein, unter anderem durch Unfruchtbarkeit, weshalb ein Samenspender nötig war, oder weil er sein Kind adoptiert hat oder weil er die Hälfte eines schwulen Paars ist, das sich ein Kind wünscht. Das Kind eines lesbischen Paars, das sich entschlossen hat, die Elternrolle gemeinsam mit einem schwulen Samenspender und seinem Partner zu übernehmen, hat vielleicht sowohl eine biologische Mutter und einen biologischen Vater als auch eine soziale Mutter und einen sozialen Vater. Es ist großartig, dass Fortschritte in Wissenschaft und Gesellschaft es Männern, die früher nicht daran denken konnten, Väter zu werden, ermöglicht haben, sich lang gehegte Träume von Elternschaft zu erfüllen. Aber während alle Väter den Übergang zur Vaterschaft als einen Weg erleben, der mit unzähligen Problemen und Freuden gepflastert ist, stellt sich für die sozialen Väter noch eine zusätzliche Herausforderung: Wie behaupten sie sich als Papas in einer Gesellschaft, die immer noch entschlossen ist, dem biologischen Vater den Vorrang vor allen anderen Formen der Vaterschaft zu geben?
Bis 2005 hatten Kinder in Großbritannien, die durch eine Samenspende gezeugt worden waren, kein Recht, etwas über die Identität ihres biologischen Vaters zu erfahren, alle Samenspenden an Samenbanken wurden anonymisiert. Die Behörden dachten sich diese Regel aus, weil sie es als oberste Priorität ansahen, während des Prozesses der künstlichen Befruchtung die Integrität der Kernfamilie und die Rolle des Mannes als Vater und Familienoberhaupt zu schützen. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass die Überzeugung herrschte, die Gesellschaft gründe auf dem Fundament der Kernfamilie, und würde die Identität des Samenspenders bekannt, würde das die Position des sozialen Vaters in der Familie untergraben. Wenn die Möglichkeit bestünde, dass der Samenspender auf einmal auftauchen und von einer abstrakten Größe zu einer realen Person werden könnte, wäre das Funktionieren der Familie durch die bedrohliche Präsenz dieses schattenhaften »dritten Elternteils« auf Dauer gestört. Die Väter von Kindern, die durch eine Samenspende entstanden waren, würden wissen, dass ihr Kind oder ihre Kinder biologisch nicht mit ihnen verwandt waren, aber mit dieser Realität konnten sie zurechtkommen in dem Bewusstsein, dass nur sie als Väter identifizierbar waren und entscheiden konnten, ob sie die Verhältnisse gegenüber ihren Kindern und ihrem Umfeld offenlegen wollten. Doch als man sich der Bedeutung des genetischen Erbes stärker bewusst wurde und anerkannte, dass durch eine Samenspende entstandene Kinder ein Recht haben, zu wissen, was sie durch ihre Gene mitbekommen haben, vor allem im Hinblick auf genetisch bedingte Krankheiten, wurde das Gesetz geändert. Jedes nach dem 1. April 2005 geborene Kind hat seither das Recht, mit 18 Jahren Informationen über seinen biologischen Vater zu bekommen.
Die Gesetzesänderung bedeutet, dass sich sowohl die Betroffenen wie auch die Gesellschaft mit der Tatsache auseinandersetzen müssen, dass nicht ein Mann die Vaterrolle ausfüllt, sondern dass sie zwischen dem abwesenden biologischen Vater und dem anwesenden sozialen Vater, der das Kind aufzieht, geteilt sein kann. Andere Gesellschaften haben diese Idee womöglich schon vor langer Zeit akzeptiert und ausgeweitet, aber wir im Westen mussten erst jahrhundertealte ideologische Ansichten über die Kernfamilie beiseiteräumen, deswegen war ein solcher Einstellungswandel nicht unbedingt leicht. Auf der Ebene der Familie haben die Väter von durch Samenspende gezeugten Kindern, die täglich mit dieser Herausforderung konfrontiert sind, sehr unterschiedlich darauf reagiert. Victoria Grace, ehemalige Professorin für Gender Studies an der Canterbury University, und ihr Team stellten bei einer Untersuchung zu Vätern von durch Samenspende gezeugten Kindern in Neuseeland erhebliche Ambivalenz im Hinblick auf den Samenspender fest. Einerseits waren die Väter dankbar für die altruistische Tat des Spenders, andererseits erlebten sie seine beständige Präsenz auch als Bedrohung. Viele Väter wählten den Ausweg, die Existenz des Spenders zu verleugnen, seinen Beitrag herunterzuspielen oder nur scherzhaft oder beiläufig von ihm zu sprechen. Grace zitiert einen Vater mit den Worten: »Er hat Sperma gespendet, Ende der Verbindung.« Ein anderer kommentierte: »Der Spender hat kein Gesicht, ist keine Persönlichkeit.«
Doch Probleme tauchen auf, wenn die unvermeidlichen Diskussionen beginnen, wem das Kind ähnlich sieht. Alle Eltern lieben Gespräche darüber, von wem ihre Kinder ihre beeindruckenden, skurrilen oder einfach lästigen Züge geerbt haben, und wenn bei zusammenlebenden Eltern ein Elternteil tatsächlich biologisch mit dem Kind verwandt ist, lassen sich solche Gespräche nicht vermeiden. Für die sozialen Väter in diesen Familien kann das eine unwillkommene Erinnerung sein, dass ihr Partner oder ihre Partnerin eine genetische Verbindung zu ihrem Kind hat und sie selbst nicht. Bei heterosexuellen Paaren teilt die Mutter die genetische Verbindung mit einem anderen Mann. Manche Familien gehen mit dem Problem in der Weise um, dass sie die Verhaltensweisen hervorheben, die das Kind von seinem sozialen Vater übernommen hat, etwa die Ausdrucksweise oder bestimmte Eigenheiten. Andere erkennen offen an, dass das Kind Fertigkeiten oder Eigenschaften von einem dritten, abwesenden Elternteil mitbekommen hat, häufig wenn das Kind ein besonderes Interesse an oder ein besonderes Geschick für etwas an den Tag legt, wofür keiner der beiden Eltern je eine Begabung gezeigt hat. Manche Paare halten die verbreitete Annahme, dass viele Samenspender Medizinstudenten sind, die Geld brauchen, für einen Vorteil, weil es in ihren Augen die Chance erhöht, ein kluges Kind zu bekommen. Viele Paare versuchen, einen Spender zu finden, der äußerlich dem sozialen Vater ähnlich ist, um auf diese Weise das Kind und den nichtbiologischen Vater so nahe zueinanderzubringen, wie es unter diesen Umständen möglich ist – damit es den Anschein hat, als bestünde doch eine genetische Beziehung zwischen Vater und Kind. Die Sozialwissenschaftlerin Lucy Frith hat in einer Untersuchung über nichtbiologische Väter in den Vereinigten Staaten herausgefunden, dass nichtbiologische lesbische Mütter neben Gesundheit die Interessen des Samenspenders als wichtigstes Auswahlkriterium nannten, während nichtbiologische Väter physische Merkmale wie Hautfarbe, Körperbau und Größe nannten. Dieser deutliche Unterschied zwischen den Geschlechtern wird vielleicht verständlich, wenn man bedenkt, dass die nichtbiologische soziale Mutter nicht verleugnen kann, dass sie mit ihrem Kind genetisch nicht verwandt ist, während der nichtbiologische Vater versuchen kann, die Grenzen durch möglichst große physische Ähnlichkeit mit dem Kind zu verwischen.
Die komplexen Überlegungen, die Väter mit Kindern von Samenspendern anstellen müssen, damit sie sich in ihrer Rolle als sozialer statt biologischer Vater wohlfühlen, hängen zum Teil damit zusammen, dass wir als Gesellschaft Probleme damit haben, diese Rolle zwischen zwei oder mehr Menschen aufzuteilen. Bei den Aché, den Nāyar und den heutigen Bewohnern Südafrikas unterstützt die Gesellschaft den Gedanken der verteilten Vaterschaft – viele Väter, sozialer und biologischer Vater oder beides – als vollkommen normal, aber bei uns im Westen erhalten soziale Väter keine derartige Bestätigung. Wahrscheinlich entscheiden die individuelle Persönlichkeit und die individuellen Erfahrungen in Verbindung mit den Wünschen und Ansichten der weiteren Familienmitglieder darüber, wie ein westlicher sozialer Vater seine Rolle ausfüllt. Am einen Ende des Spektrums erkennen die Väter freudig den Spender und seinen Beitrag zur Familie an, am anderen Ende finden es manche Väter schwierig zu akzeptieren, dass jemand anderer bei der Zeugung ihres Kindes beteiligt war. Das kann so weit gehen, dass ein Paar die Entscheidung trifft, seinem Kind nichts über die Umstände seiner Zeugung zu erzählen und ihm das volle Wissen über seine Ursprünge vorzuenthalten. In den letztgenannten Fällen machen sich Väter oft Sorgen, dass das Kind seinen sozialen Vater nicht mehr als Elternteil ansieht, wenn es die Geschichte seiner Zeugung kennt, oder dass eine Begegnung von biologischem und sozialem Vater die Sicherheit des sozialen Vaters in seiner Rolle beeinträchtigen könnte. Wie immer die Entscheidung ausgeht, die wahren Verhältnisse aufzudecken oder nicht, unbestreitbar ist, dass es eine emotional und psychisch komplexe Aufgabe ist, die oft dem Zeitgeist zuwiderläuft, im Westen die Rolle des sozialen Vaters zu erfüllen. Soziale Väter verdienen unsere Empathie, Anerkennung und Unterstützung.
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